DAS FISCHERMÄDEL
Max Bamberger translation
Erstes Kapitel
Wo der Hering längere Zeit regelmäßig Einkehr hält, da bildet sich so allmählich, wenn die Bedingungen im übrigen günstig sind, eine kleine Stadt. Von solchen Städten kann man nicht nur sagen, das Meer habe sie ausgespien; sondern sie sehen auch von weitem tatsächlich wie ans Land geschwemmte Balken und Wrackstücke aus, oder wie ein Häuflein umgekippter Boote, die die Fischer in einer Sturmnacht über sich gezogen haben. Kommt man näher, so sieht man, wie zufällig das Ganze sich aufgebaut hat; da liegt ein Block Klippen mitten im Ort, oder der ganze Flecken ist durch das Wasser in drei, vier Teile gespalten,—Straßen, die sich krümmen und winden. Nur eine Bedingung ist allen diesen Ansiedlungen gemeinsam: sie haben einen Hafen, der den größten Schiffen Schutz gewährt, indem es dort still ist wie in einer Blechbüchse. Und darum sind diese Schlupfwinkel den Schiffen, die mit zerfetzten Segeln und zertrümmertem Plankenwerk aus hoher See angetrieben kommen, um Atem zu schöpfen, auch gar viel wert.
In solch einem kleinen Städtchen ist es still. Alles, was etwa Lärm verursacht, ist auf die Landungsbrücken verwiesen, wo die Boote der Bauern sich festgebissen haben, und wo die Schiffe laden und löschen. Längs den Landungsbrücken läuft die einzige Straße unseres Städtchens; an ihrer andern Seite liegen die weiß- und rotgestrichenen, ein- und zweistöckigen Häuschen; aber nicht Wand an Wand, sondern getrennt durch schmucke Gärten; das gibt auf diese Weise eine lange und breite Straße, wo es übrigens bei Seewind nach allem zu duften pflegt, was auf den Brücken herumliegt. Still ist es hier—nicht etwa aus Furcht vor der Polizei: denn in der Regel ist gar keine da—sondern aus Angst vor dem Gerede der Leute; denn hier kennt sich alles untereinander. Geht man die Straße hinunter, so muß man in jedes Fenster hineingrüßen und hinter jedem sitzt auch meist ein altes Frauchen und grüßt wieder. Ferner muß man jeden grüßen, der einem auf der Straße begegnet. Denn all diese stillen Menschen denken an nichts anderes, als was sich im allgemeinen und im besonderen für sie selber schickt. Wer die Grenzlinie, die seinem Stande oder seiner Stellung gezogen ist, überschreitet, der büßt seinen guten Ruf ein. Denn man kennt nicht allein ihn, sondern auch seinen Vater und Großvater, und man stöbert flugs auf, wo sich schon früher in der Familie ein Hang zum "Ungehörigen" gezeigt hat.
In dieses stille Städtchen zog vor vielen Jahren ein gewisser wohlehrbarer Mann namens Per Olsen. Er kam vom Lande, wo er sich mit Hausieren und Fiedelspielen sein Brot verdient hatte. In der Stadt eröffnete er für seine alten Kunden einen Kramladen, in dem er außer allerhand Waren Brot und Schnaps verkaufte. Man hörte ihn hinten in der "Ladenstube" auf- und abgehen und Springtänze und Brautmärsche spielen; jedesmal, wenn er an der Tür vorbeikam, spähte er durch das Guckloch, und wenn ein Kunde erschien, schloß er sein Spiel mit einem Triller und kam in den Laden. Das Geschäft gedieh flott; er heiratete und bekam einen Sohn, den er nach sich benannte, jedoch nicht "Per", sondern Peter. Der kleine Peter sollte dereinst werden, was Vater Per, wie er sehr wohl fühlte, selber nicht war: nämlich ein Mann von Bildung. Also kam der Junge auf die Lateinschule. Wenn dann die andern, die seine Kameraden sein sollten, ihn von ihren Spielen weg heimprügelten, weil er Per Olsens Sohn war, so prügelte Per Olsen ihn wieder zu ihnen hinaus; denn auf andere Weise konnte ja der Junge nie Bildung erwerben. Infolgedessen fühlte der kleine Peter sich in der Schule sehr verlassen, wurde stumpf und faul und nach und nach so gleichgültig gegen alles, daß alle Hiebe des Vaters ihm weder Tränen noch Lachen mehr entlockten. Nun gab Per das Prügeln auf und steckte ihn hinter den Ladentisch. Wie groß war sein Erstaunen, als er sah, daß der Junge jedem Kunden genau verabreichte, was der forderte, nie auch nur ein Körnchen zu viel gab, nie auch nur eine Pflaume naschte, stets genau abwog, zählte und eintrug, ohne eine Miene zu verziehen, meist ohne ein Wort zu reden, äußerst langsam, aber mit unverbrüchlicher Genauigkeit. Der Vater schöpfte neue Hoffnung und schickte ihn mit einem Heringsboot nach Hamburg, wo er ein Handelsinstitut besuchen und feine Manieren lernen sollte. Acht Monate war er dort; das mußte doch wohl genügen! Als er heimkam, war er mit sechs neuen Anzügen ausgestattet, die er bei der Landung sämtlich übereinander trug; "denn was man auf dem Leib hat, braucht man nicht zu verzollen." Aber abgesehen von diesem Umfang machte er, als er sich am folgenden Tag auf der Straße zeigte, noch ungefähr dieselbe Figur wie früher. Er bewegte sich steif und langsam, mit grad herunterbaumelnden Armen; er grüßte mit einem plötzlichen Ruck, und verbeugte sich, als habe er keine Gelenke, um sofort wieder steif wie vorher zu werden. Er war die verkörperte Höflichkeit; aber er tat alles, ohne ein Wort zu sprechen, hastig, mit einer gewissen Scheu. Er schrieb sich jetzt nicht mehr Olsen, sondern Ohlsen, was den Witzbolden des Städtchens Anlaß zu folgender Scherzfrage gab: "Wie weit ist Peter Olsen in Hamburg gekommen?" Antwort: "Bis zum ersten Buchstaben!" Er trug sich sogar mit dem Gedanken, sich "Pedro" zu nennen. Weil er aber des verdammten "h's" wegen schon mehr als genug Ärger schlucken mußte, ließ er das und schrieb sich einfach: "P. Ohlsen." Er erweiterte das Geschäft des Vaters und heiratete mit knapp zweiundzwanzig eine rothändige Ladenmamsell, damit sie die Wirtschaft führe; denn der Vater war gerade Witwer geworden, und eine Frau war immerhin sicherer als eine Haushälterin. Pünktlich übers Jahr langte ein Sohn an, der acht Tage darauf den Namen Pedro trug. Nachdem der wackere Per Olsen Großvater geworden war, empfand er es als unabweisbare Pflicht, alt zu werden. Er überließ also seinen Handel dem Sohn, saß von Stund an auf der Bank vorm Haus und rauchte. Und als es eines Tags anfing, ihm da draußen langweilig zu werden, wünschte er sich, daß er bald sterben möge. Und wie alle seine Wünsche sänftiglich in Erfüllung gegangen waren, so erfüllte sich auch dieser.
Hatte Peter der Sohn ausschließlich die eine Seite der väterlichen Begabung, die kaufmännische Schlauheit, geerbt, so schien Pedro, der Enkel, ausschließlich die andere, die Lust an der Musik, geerbt zu haben. Er lernte sehr spät lesen, aber sehr früh singen; er blies die Flöte so hübsch, daß es jedem auffallen mußte. Er war fein von Aussehen und weich von Gemüt. Aber dem Vater kam das nur ungelegen; er wollte in dem Knaben seinen eigenen unermüdlichen Geschäftsgeist großziehen. Wenn Pedro etwas vergaß, so wurde er nicht gescholten oder geprügelt, wie seinerzeit der Vater, sondern er wurde gekniffen. Das geschah ganz in aller Stille, mit einer Freundlichkeit, die man fast höflich nennen konnte; aber es geschah bei der geringsten Veranlassung. Jeden Abend, wenn die Mutter ihn auskleidete, zählte sie die blauen und gelben Flecken und küßte sie; aber Widerstand leistete sie nicht; denn sie selber wurde ebenfalls gezwickt. Jeder Riß in seinen Kleidern, die aus des Vaters alten Hamburger Anzügen gemacht waren, jeder Fleck in seinen Schulbüchern wurde ihr angerechnet. Darum hieß es in einem fort: "Laß das, Pedro!—Nimm dich in acht, Pedro!—Vergiß nicht, Pedro!" Den Vater fürchtete er, die Mutter war ihm lästig. Seine Kameraden taten ihm nichts zuleide, weil er gleich zu heulen anfing und flehte, man möge seine Kleider schonen; aber sie nannten ihn bloß den Schmachtlappen und verachteten ihn ganz unverhohlen. Er war wie ein krankes, federloses Entlein, das überall hinterdrein hinkt, und mit jedem kleinen Bissen, den es erwischen kann, weit abseits watschelt. Keiner teilte mit ihm, deshalb teilte auch er mit keinem.
Aber bald machte er die Entdeckung, daß dies bei den ärmeren Kindern der Stadt anders sei; die hatten Nachsicht mit ihm, weil er etwas Feineres war als sie selber. Besonders ein großes, kräftiges Mädchen, das die ganze Schar kommandierte, nahm sich seiner an. Er wurde nicht müde, sie zu betrachten; sie hatte einen Kopf voll rabenschwarzer Locken, die nie anders als mit den Fingern gekämmt wurden, strahlende blaue Augen und eine niedere Stirn; das ganze Gesicht war wie in eins gesammelt und flog förmlich geradaus. Immer war sie in rastloser Bewegung und Tätigkeit; im Sommer barfuß, mit nackten Armen, braungebrannt; im Winter angezogen wie andere im Sommer. Ihr Vater war Lotse und Fischer; sie rannte bei den Leuten herum und verkaufte seine Fische; sie hielt sein Boot gegen Wind und Strömung, und wenn er lotste, trieb sie die Fischerei allein. Wer ihr begegnete, wandte sich um und sah ihr nach; sie war die verkörperte Selbstsicherheit. Sie hieß Gunlaug, aber man nannte sie "das Fischermädel"—ein Titel, den sie als den ihr zukommenden Rang hinnahm. Beim Spielen half sie stets den Schwächeren; sie hatte das Bedürfnis, sich anderer anzunehmen, und so nahm sie sich des zarten Jungen an.
In ihrem Boot durfte er Flöte blasen, was zu Hause untersagt war, weil man fürchtete, seine Gedanken möchten von den Schularbeiten abgelenkt werden. Sie ruderte ihn hinaus auf den Fjord, sie nahm ihn mit auf ihre ausgedehnteren Fischzüge; bald begleitete er sie auch auf ihren nächtlichen Ausflügen. Dann ruderten sie bei Sonnenuntergang hinaus in das lichte Sommerschweigen. Er blies die Flöte oder hörte zu, wie sie ihm von allem erzählte, was sie wußte; vom Meermann, von Gespenstern, von Schiffbrüchen, von fremden Ländern und schwarzen Völkern, von allem, was die Seeleute erzählt hatten. Sie teilte ihr Essen mit ihm, wie sie all ihr Wissen mit ihm teilte, und er nahm alles hin, ohne das Geringste wiederzugeben; denn er brachte von Hause kein Essen und aus der Schule keine Phantasie mit. Sie ruderten, bis die Sonne über den Schneebergen unterging; dann legten sie an einer Insel an und machten Feuer, das heißt, sie sammelte und schichtete Holz und Reisig auf, und er sah zu. Eine von ihres Vaters Schifferjacken und eine Decke hatte sie für ihn mitgebracht; in die wurde er hineingewickelt. Sie paßte aufs Feuer auf, und er schlief ein. Um sich wach zu halten, sang sie Verse aus Liedern und Chorälen; bis er eingeschlafen war, sang sie mit starker, heller Stimme; dann sang sie leiser. Wenn die Sonne auf der andern Seite wieder emporstieg und als Vorboten ein gelb-kaltes Licht über die Berggipfel vor sich herschoß, weckte sie ihn. Der Wald stand noch schwarz, und die Wiese dunkel; bald aber begannen sie sich braunrot zu färben, zu blinken, bis der ganze Gebirgskamm glühte und alle Farben darüber rauschten. Dann zogen sie das Boot wieder ins Wasser, ein Schaumstreifen lief durch die schwarze Morgenbrise, und bald lagen sie am Strand, neben den anderen Fischern.
Als der Winter kam und die Fahrten aufhörten, suchte er sie in ihrem Hause auf; er kam regelmäßig und sah ihr zu, während sie arbeitete; aber weder er noch sie redeten viel; es war, als säßen sie nur beisammen und warteten auf den Sommer. Doch als der Sommer kam, wurde dem Knaben leider auch diese neue Lebensaussicht genommen; Gunlaugs Vater starb, und sie verließ die Stadt, während Pedro auf den Rat seiner Lehrer in den Laden gesteckt wurde. Da stand er nun, neben der Mutter; denn der Vater, der nach und nach die Farbe all der Graupen und Grützen, die er abwog, angenommen hatte, mußte in der Ladenstube das Bett hüten. Aber auch von dort aus wollte er immer noch mit dabei sein, wollte genau wissen, was jedes von den Zweien verkauft hatte, tat, als höre er nicht, bis er sie glücklich so dicht neben sich hatte, daß er sie kneifen konnte. Und endlich als der Docht in dieser kleinen Lampe gänzlich ausgetrocknet war, erlosch er eines Nachts. Die Frau weinte, ohne daß sie recht wußte, warum; aber der Sohn vermochte nicht eine einzige Träne hervorzupressen. Da sie Geld genug hatten, um davon leben zu können, gaben sie das Geschäft auf, rotteten jegliche Erinnerung aus und wandelten den Laden zur Wohnstube um. Darin saß die Mutter am Fenster und strickte Strümpfe; Pedro saß im Zimmer auf der andern Seite des Flurs und blies die Flöte. Aber sobald der Sommer kam, kaufte er sich ein kleines, leichtes Segelboot, fuhr hinüber nach der Insel und suchte die Stelle, wo Gunlaug gelegen hatte.
Und eines Tags, als er dort im Heidekraut lag, sah er ein Boot gerade auf sich zusteuern und neben dem seinen anlegen,—Gunlaug stieg heraus.—Sie war noch ganz dieselbe, nur daß sie jetzt völlig erwachsen war und größer als andere Mädchen. Doch sobald sie seiner ansichtig wurde, wich sie langsam zurück; es war ihr gar nicht der Gedanke gekommen, daß auch er inzwischen ein erwachsener Mensch geworden war.
Dieses blasse, magere Gesicht—das kannte sie nicht; das war nicht mehr kränklich und zart—es war schlaff. Aber in die Augen kam, als er sie sah, ein stilles Leuchten wie von entschwundenen Träumen. Sie trat wieder näher; und mit jedem Schritt, den sie auf ihn zukam, war es, als fiele ein Jahr von ihm ab, und als sie vor ihm stand, da war er aufgesprungen, da lachte er wie ein Kind, da redete er wie ein Kind; das alte Gesicht lag nur über einem heimlich versteckten Kindesantlitz; älter war er geworden—gewachsen war er nicht.
Und doch—gerade dies Kind hatte sie gesucht. Und nun, da sie es wiedergefunden hatte, wußte sie nicht, was weiter… Sie lachte und wurde rot. Unwillkürlich fühlte er in sich etwas wie eine Macht; und zum erstenmal in seinem Leben wurde er plötzlich schön; es währte vielleicht bloß einen Augenblick; aber mit diesem Augenblick wurde sie sein.
Sie war eine von den Naturen, die nur lieben können, was schwach ist, was sie auf Händen getragen haben. Sie hatte zwei Tage bleiben wollen in der kleinen Stadt; sie blieb zwei Monate. In diesen zwei Monaten wuchs er mehr als in seiner ganzen übrigen Jugend; er schwang sich so weit empor aus Traum und Schlaffheit, daß er sogar Pläne entwarf; er wollte fort—er wollte Musiker werden. Aber als er das eines Tages wiederum aussprach, wurde sie blaß und sagte: "Ja—aber dann müssen wir doch erst heiraten!" Er sah sie an, sie sah ihn an, fest und klar, beide wurden sie feuerrot; dann sagte er: "Was würden die Leute dazu sagen?"
Gunlaug war nie der Gedanke gekommen, daß er etwas anderes wollen könne als sie, weil sie selber nie etwas anderes wollen konnte, als was er wollte. Aber jetzt las sie es in seiner Seele—unverhüllt: keinen Augenblick hatte er daran gedacht, etwas anderes mit ihr zu teilen, als was sie gab. In einer Sekunde sah sie es vor sich: ihr ganzes Leben lang war das so gewesen. Zum Anfang ihr Mitleid—zum Schluß ihre Liebe—für das, was sie aus Güte umfaßt hatte. Hätte sie bloß noch einen Moment lang Besonnenheit gehabt! Denn er sah ihren auflodernden Zorn—er erschrak und rief: "Ich will ja!" Sie hörte es; aber der Zorn über ihre eigene Dummheit und seine Erbärmlichkeit, über die eigene Scham und seine Feigheit kochte in so glühender Hast in ihr auf bis zum Sprengen aller Bande, daß wohl nie eine Liebe, begonnen in Kindheit und Abendsonne, gewiegt von Wellen und Mondlicht, begleitet von Flöte und leisem Gesang, ein traurigeres Ende genommen hat! Sie packte ihn mit ihren beiden Händen, hob ihn hoch, verprügelte ihn recht nach Herzenslust, ruderte dann zur Stadt zurück und ging noch in derselbigen Stunde über die Berge—auf und davon.
Er war ausgesegelt als ein verliebter Jüngling, der im Begriff ist, sich sein Mannestum zu erobern; er ruderte heim als ein Greis, der nie ein Mannestum gehabt hat. Nur eine Erinnerung besaß sein Leben; und die hatte er töricht aufs Spiel gesetzt; nur einen Fleck Erde hatte er, wo er sich hinflüchten konnte; und nun durfte er nimmermehr dorthin zurück. Vor lauter Grübelei ob seiner eigenen Jämmerlichkeit und wie das eigentlich alles so gekommen war, versank sein bißchen Unternehmungsgeist wie in einen Sumpf, um nie wieder emporzutauchen. Die Gassenjungen der Stadt, die schon früher auf sein wunderliches Wesen aufmerksam geworden waren, fingen an, ihn zu necken und zu foppen, und weil er überhaupt für die Stadt eine etwas unklare Persönlichkeit war, da niemand so recht wußte, wovon er lebte und was er trieb, so fiel es auch keinem ein, ihn zu verteidigen. Bald traute er sich überhaupt nicht mehr aus dem Hause, wenigstens nicht auf die Straße. Sein ganzes Dasein wurde ein Kampf mit den Straßenjungens; mag sein, daß sie immerhin doch zu etwas gut waren, wie etwa Mücken an einem heißen Sommertag: denn ohne sie wäre er in unaufhaltsamen Stumpfsinn versunken.
Neun Jahre später kam Gunlaug wieder in die Stadt, ebenso unerwartet, wie sie verschwunden war. Sie hatte ein kleines Mädchen von acht Jahren bei sich, ganz ihr Ebenbild aus früherer Zeit, nur daß alles an dem Kind feiner und wie von einem Traum überschleiert war. Es hieß, Gunlaug sei verheiratet gewesen, habe jetzt eine kleine Erbschaft gemacht, und nun kam sie zurück, um eine Matrosenkneipe zu eröffnen. Diese betrieb sie auf eine Art, daß bald Kaufleute und Schiffer zu ihr kamen, um bei ihr ihre Leute zu dingen, und die Matrosen bei ihr einkehrten, um sich zu verheuern. Für diesen Zwischenhandel nahm sie nie einen Pfennig, aber sie machte einen despotischen Gebrauch von der Macht, die er ihr verlieh. Sie war ganz ohne Zweifel der mächtigste Mann in der ganzen Stadt, trotzdem sie ein Weib war und nie einen Fuß aus dem Haus setzte. "Fischer-Gunlaug" nannten die Leute sie, oder "Gunlaug vom Berge"; der Titel "das Fischermädel" ging auf die Tochter über, die die Rädelsführerin der gesamten städtischen Bubenschar war.
Und ihre Geschichte berichtet diese Erzählung; sie hatte etwas von der Elementarkraft der Mutter, und ihr wurde die Gelegenheit, sie zu gebrauchen.
Zweites Kapitel
Die vielen anmutigen Gärten der Stadt dufteten nach dem Regen in ihrer zweiten und dritten Blüte. Die Sonne ging über den ewigen Schneefeldern zur Rüste; der ganze Himmel war Feuer und Flamme, und die Schneefirne warfen den gedämpften Widerschein zurück. Die näher gelegenen Berge standen im Schatten, aber sie leuchteten doch von vielfarbigem Herbstwald; auf den Holmen, die in der Mitte des Fjords in Reih und Glied dem Lande zustrebten, als kämen sie geradenwegs dahergerudert, stand—weil sie dem Lande näher lagen—der dichte Wald in noch stärkerem Farbenspiel als auf den Bergen. Die See war spiegelblank; ein großes Schiff wurde langsam herangewerpt. Die Leute saßen vor ihren Häusern auf der Holztreppe, die zu beiden Seiten halb verdeckt war von Rosengebüsch; von Treppe zu Treppe plauderte man miteinander, stattete sich auch wohl einen kurzen Besuch ab, oder man tauschte einen Gruß mit den Spaziergängern aus, die den langen Alleen draußen vor der Stadt zueilten. Aus einem offenen Fenster tönte hier und dort Klavierspiel; sonst unterbrach kaum ein Laut das Geplauder; der letzte Sonnenschimmer auf dem Wasser erhöhte noch das Gefühl der Stille.
Da plötzlich erhob sich mitten in der Stadt ein Getöse, als werde die ganze Stadt gestürmt. Jungens schrien, Mädchen kreischten, alte Weiber schimpften und kommandierten, der große Hund des Polizeidieners bellte und sämtliche Köter der Stadt stimmten ein. Alles, was drin war, drängte hinaus—hinaus. Der Spektakel wurde so ungeheuerlich, daß sogar der Amtmann sich auf seiner Treppe umdrehte und die Worte fallen ließ: "Da muß was los sein."
"Was ist los?" fielen die von den Alleen Herbeistürzenden über die auf den Treppen Sitzenden her.—"Ja, was ist los?" antworteten die auf den Treppen.—"Herrgott, was ist los?" fragten alle, wenn einer aus der Mitte der Stadt kam. Aber da die Stadt sich so recht gemütlich in Halbmondform um die Bucht schmiegt, so dauerte es recht lange, bis sämtliche Bewohner an beiden Enden die Antwort vernommen hatten: "Bloß das Fischermädel!"
Dies unternehmende Wesen, das von einer höchst gefürchteten Mutter beschirmt und des Schutzes sämtlicher Matrosen sicher war (denn für so was gab's immer einen Freischnaps bei der Mutter!) hatte an der Spitze ihrer Gassenjungenarmee einen großen Apfelbaum in Pedro Ohlsens Obstgarten überfallen. Der Schlachtplan war folgender: ein paar Jungens sollten Pedro nach der Vorderseite des Hauses locken, indem sie seine Rosenbüsche gegen die Fenster klatschten; gleichzeitig sollte ein anderer den Baum schütteln, der mitten im Garten stand, und die übrigen sollten die Äpfel nach allen Himmelsrichtungen über den Zaun werfen; nicht etwa, um sie zu stehlen—Gott bewahre!—einfach zum Spaß! Dieser sinnige Plan war gerade an diesem Abend hinter Pedros Garten ausgeheckt worden. Aber das Unglück wollte, daß Pedro hinter seinem Zaun saß und Wort für Wort mit anhörte. Kurz vor der festgesetzten Stunde holte er sich daher den versoffenen Polizeidiener des Orts samt seinem großen Hund in die Hinterstube, woselbst die beiden reichlich bewirtet wurden. Als der Lockenwirbel des Fischermädels über den Planken auftauchte und gleichzeitig von allen Seiten eine Unmenge kleiner Spitzbubenfratzen hereinguckten, ließ Pedro die jungen Strolche vorn am Haus mit den Rosenbüschen klatschen—aus Leibeskräften; er selber wartete ruhig im Hinterzimmer. Und als die ganze Gesellschaft in tiefster Stille sich um den Baum geschart hatte, und das Fischermädel, barfuß und zerkratzt, im Wipfel saß, um zu schütteln, sprang die Hintertür auf und Pedro und der Polizeidiener, hinter sich den großen Hund, stürzten hervor. Ein Schrei des Entsetzens erhob sich unter den Buben; ein Haufen kleiner Mädchen, die in aller Unschuld draußen vor dem Zaun "Haschen" gespielt hatten, glaubten, da drin werde jemand umgebracht, und fingen ganz fürchterlich zu kreischen an; die Jungens, die entwischt waren, schrien hurrah; die, die noch über dem Zaun hingen, heulten unterm Tanz des Stocks, und um den Tumult vollständig zu machen, tauchten, wie überall, wo Bubengeschrei ist, noch ein paar alte Weiber auf und zeterten mit. Pedro und der Polizeidiener waren selbst ganz erschrocken und sahen sich genötigt, mit den alten Weibern zu unterhandeln; mittlerweile aber nahmen die Buben Reißaus. Der Hund, vor dem sich die Jungens am meisten fürchteten, setzte über den Zaun—ihnen nach—das war so recht was für ihn!—und jetzt jagte es wie Wildentenschwärme durch die ganze Stadt—Buben, Mädchen, Hund und Geschrei!
Mittlerweile saß das Fischermädel mäuschenstill im Apfelbaum und dachte, niemand habe sie bemerkt. Im obersten Wipfel zusammengekauert, verfolgte sie durch das Laub den Verlauf des Kampfes. Als aber der Polizeidiener in heller Wut zu den alten Weibern hinaus gestürzt war, und nur Pedro Ohlsen noch im Garten war, stellte er sich dicht unter den Apfelbaum, guckte hinauf und rief: "Na, 'runter mit Dir, Du infames Frauenzimmer, und zwar auf der Stelle!"—Aus dem Baum kam kein Laut.—"'runter mit Dir, sag' ich! Ich weiß, daß Du dort oben bist!"—Tiefstes Schweigen.—"So hol' ich meine Büchse und schieß Dich 'runter—wahrhaftigen Gott!" Und er machte Miene zu gehen.—"Hu-hu-hu!" tönte es jetzt droben im Baum.—"Ja wohl, heul' Du nur wie ein Schloßhund! Eine volle Ladung Schrot schick' ich Dir hinauf, gib nur acht!"—"Uhu-hu-hu!" tönte es wieder, als ob ein Käuzchen droben säße. "Ich fürcht' mich so!"—"Teufelsfratz, der Du bist! Du bist der ärgste Galgenstrick von der ganzen Bande; aber wart' nur, jetzt hab' ich Dich!"—"Ach liebster, bester, goldigster Herr Ohlsen! Ich will's auch nie und nie und nie wieder tun!" Und im selben Augenblick schleuderte sie ihm einen faulen Apfel mitten auf die Nase und ein helles Jubelgelächter trillerte hinterher. Der Apfel klatschte ihm ins Gesicht wie weicher Teig, und während er sich abwischte, sprang sie herunter; noch eh er sie einholen konnte, hing sie schon überm Zaun und wäre auch glücklich hinübergekommen, wenn sie nicht aus plötzlicher Angst, daß er ihr auf den Fersen war, statt ruhig weiter zu klettern, losgelassen hätte. Aber als er sie nun packte, kreischte sie laut auf—ein so gellendes, wildes, schmetterndes Gekreisch, daß er sie entsetzt fahren ließ. Auf ihr Schreckenssignal lief draußen vor dem Zaun eine Volksmenge zusammen; sie hörte es; sogleich kehrte ihr Mut zurück. "Laß mich los oder ich sag's meiner Mutter!" drohte sie, plötzlich wieder ganz Feuer und Flamme! Da kam ihm dies Gesicht auf einmal bekannt vor: "Deine Mutter?" rief er laut. "Wer ist denn Deine Mutter?"—"Die Gunlaug am Berg—die Fischer-Gunlaug!" wiederholte triumphierend die Range; sie merkte, daß er Angst bekam. Er hatte bei seiner Kurzsichtigkeit das Mädchen bisher noch gar nicht gesehen; er war der einzige in der Stadt, der nicht wußte, wer sie war; er wußte nicht einmal, daß Gunlaug in der Stadt war. Wie besessen schrie er: "Wie heißt Du?"—"Petra!" schrie sie noch lauter. "Petra!" wimmerte Pedro, drehte sich um und rannte ins Haus, als habe er mit dem leibhaftigen Satan geredet. Aber weil der bleichste Schreck und der bleichste Zorn sich ähnlich sehen, so dachte sie, er sei davongelaufen, um sein Gewehr zu holen; die Angst packte sie, sie fühlte bereits das Schrot im Rücken, und da in demselben Augenblick die Gartenpforte von außen aufgebrochen wurde, fuhr sie hinaus wie der Blitz; ihr schwarzes Haar flatterte hinter ihr her wie das Entsetzen selbst, die Augen sprühten Feuer, der Hund, der ihr gerade in den Weg lief, machte Kehrt und setzte bellend hinter ihr drein und so fiel sie ins Haus und über die Mutter, die just mit der Suppenschüssel aus der Küche kam; das Mädchen mitten in die Suppe hinein, die Suppe auf den Boden, und ein "hol' Euch der Teufel!" hinter beiden drein. Aber während sie noch mitten in der Suppe lag, kreischte sie: "Er will mich totschießen, Mutter! Er will mich totschießen!"—"Wer will Dich totschießen, Du Kobold?"—"Der Pedro Ohlsen!"—"Wer?" schrie die Mutter.—"Der Pedro Ohlsen. Wir haben Äpfel bei ihm gestohlen"—sie wagte nie etwas anderes als die Wahrheit zu sagen.—"Von wem sprichst Du, Mädchen?"—"Von Pedro Ohlsen. Er ist hinter mir her mit einem großen Gewehr—er will mich totschießen!"—"Pedro Ohlsen!" tobte die Mutter und dann fing sie zu lachen an. Sie schien plötzlich seltsam gewachsen. Dem Kinde kamen die Tränen, und es wollte davonlaufen. Aber die Mutter sprang auf sie zu, die weißen Raubtierzähne funkelten; sie packte das Mädchen bei den Schultern und zerrte es in die Höhe. "Hast Du ihm gesagt, wer Du bist?"—"Ja, ja, ja, ja!" Und das Kind streckte flehend die Hände in die Luft. Da reckte sich die Mutter zu ihrer vollen Höhe auf: "So! Also weiß er's jetzt! Was hat er gesagt?"—"Ins Haus ist er gelaufen, nach seinem Gewehr; er wollt' mich totschießen."—"Der Dich totschießen!" lachte sie in schneidendem Hohn. Petra hatte sich, erschrocken und über und über mit Suppe bespritzt, in eine Ecke geschlichen, wischte sich ab und weinte, als die Mutter wieder auf sie zukam. "Wenn Du Dich je wieder unterstehst, zu dem hinzugehen," sagte Gunlaug, indem sie das Kind bei den Schultern packte und schüttelte, "oder mit ihm zu reden, oder auf ihn zu hören, dann gnade Gott euch beiden!—Das sag' ihm von mir!" fügte sie mit drohender Stimme hinzu, als das Kind nicht gleich antwortete.—"Ja, ja, ja, ja!"—"Sag' ihm das von mir!" wiederholte sie noch einmal, aber leiser und bei jedem Wort mit dem Kopf nickend, indem sie hinausging.
Das Kind wusch sich, zog seine Sonntagskleider an und setzte sich vors Haus auf die Treppe. Aber bei dem Gedanken an den ausgestandenen Schrecken stieg ihr immer wieder das Schluchzen in die Kehle.—"Warum weinst Du, Kind?" fragte eine Stimme, so freundlich, wie noch nie jemand zu ihr gesprochen hatte. Petra blickte auf. Vor ihr stand ein schlanker Mann mit einem edlen Gesicht und einer Brille. Sie stand sofort auf; denn sie erkannte Hans Ödegaard, einen jungen Menschen aus dem Ort, vor dem alles sich ehrerbietig erhob. "Warum weinst Du, Kind?" Sie sah ihn an und erzählte ihm, sie habe "mit ein paar andern Jungens" in Pedro Ohlsens Garten Äpfel stehlen wollen; aber Pedro und der Polizeidiener seien gekommen und da—, ihr fiel ein, daß die Mutter ihr die Sache mit dem Totschießen doch ein bißchen zweifelhaft gemacht hatte, und so wagte sie davon nichts zu erzählen; statt dessen stieß sie nur einen tiefen Seufzer aus. "Ist es möglich," sagte er, "daß ein Kind in Deinem Alter eine so große Sünde begehen kann!" Petra sah ihn an. Wohl hatte sie gewußt, daß es eine Sünde war; aber bisher war ihr das immer etwa folgenderweise vorgepredigt worden: "Satansrange, Du! Du schwarzhaarige Teufelsbrut!" Jetzt auf einmal schämte sie sich.—"Warum gehst Du nicht in die Schule und lernst Gottes Gebot von dem, was gut und böse ist?" Sie strich sich über den Rock und antwortete, Mutter wolle nicht, daß sie zur Schule gehe.—"Da kannst Du am Ende nicht einmal lesen?" Doch, lesen könne sie. Er zog ein kleines Buch aus der Tasche und gab es ihr. Sie guckte hinein, drehte es um und besah es sich von außen. "Solche feine Schrift kann ich nicht lesen!" sagte sie. Aber sie mußte heran, und nun kam sie sich auf einmal fürchterlich dumm vor. Mund und Augen wurden ihr schlaff, und alle ihre Glieder lösten sich. "G-o-t—Gott—d-e-r H-e-r-r—Herr, Gott der Herr—s-a-g-t-e Gott der Herr sagte zu M-M—"—"Mein Gott, Du kannst also wirklich noch nicht einmal lesen! Ein Kind von zehn oder zwölf Jahren! Möchtest Du nicht gern lesen lernen?" Langsam kam es aus ihr heraus: ja, sie möchte schon gern. "Dann komm mit, wir fangen gleich an!" Jetzt rührte sie sich, aber nur, um ins Haus zu sehen. "Ja, sag' es nur Deiner Mutter!" meinte er. Die Mutter ging eben vorbei, und als sie das Kind mit einem fremden Herrn sprechen sah, trat sie auf die Schwelle. "Er will mich lesen lehren!" sagte das Kind zweifelnd, die Augen auf die Mutter gerichtet. Sie antwortete nicht, stemmte nur beide Hände in die Hüften und sah Ödegaard an. "Ihr Kind ist ja total unwissend!" sagte er. "Sie können es vor Gott und Menschen nicht verantworten, wenn Sie es so heranwachsen lassen!"—"Wer bist denn Du?" fragte Gunlaug scharf.—"Hans Ödegaard, der Sohn des Pastors." Ihr Gesicht klärte sich leicht auf; von dem hatte sie immer nur Gutes gehört. "Wenn ich dann und wann einmal im Lande war", begann er wieder, "ist mir das Kind hier immer aufgefallen. Heute bin ich von neuem an sie erinnert worden. Sie darf sich nicht länger nur mit Dingen abgeben, die böse sind." Auf dem Gesicht der Mutter stand deutlich zu lesen: Was geht das Dich an? Aber ruhig fragte er: "Das Kind soll doch etwas lernen, nicht wahr?"—"Nein!"—Eine leichte Röte flog über sein Gesicht. "Weshalb nicht?"—"Sind die Menschen, die was gelernt haben, etwa besser?"—Sie hatte nur eine einzige Erfahrung gemacht in ihrem Leben; aber an die klammerte sie sich.—"Es wundert mich, daß ein Mensch das fragen kann!"—"Kann sein! Ich weiß, daß sie nicht besser sind!" Und sie kam die Stufen herunter, um dem Gerede ein Ende zu machen. Aber er vertrat ihr den Weg. "Es handelt sich hier um eine Pflicht, der Sie sich einfach nicht entziehen dürfen. Sie sind eine unvernünftige Mutter!" Gunlaug maß ihn vom Kopf bis zu den Füßen. "Wer sagt Dir denn, was ich bin?" versetzte sie, an ihm vorübergehend.—"Sie selber, und zwar in diesem Augenblick; denn sonst müßten Sie doch gesehen haben, daß das Kind zugrunde geht!" Gunlaug wandte sich um. Auge ruhte in Auge. Sie sah, daß ihm das, was er gesagt hatte, wirklich Ernst war, und ihr wurde bange. Sie hatte immer nur mit Matrosen und Geschäftsleuten verkehrt; eine solche Sprache hatte sie noch nie vernommen. "Was willst Du denn mit meinem Kind?" fragte sie. "Sie lehren, was ihrem Seelenheile dient, und dann abwarten, was aus ihr wird!"—"Mein Kind soll nichts anderes werden, als was ich will!"—"Doch—es soll aus ihr werden, was Gott will!" Gunlaug war wie vor den Kopf geschlagen. "Was soll das heißen?" fragte sie und trat näher. "Das soll heißen, daß sie das lernen muß, wozu Gott ihr die Gaben geschenkt hat; denn deswegen hat er ihr sie gegeben." Jetzt trat Gunlaug ganz nahe an ihn heran: "Und ich, ihre Mutter—soll ich nicht etwa bestimmen dürfen über sie?" fragte sie, als möchte sie sich wirklich belehren lassen. "Doch! Gewiß!" erwiderte er. "Aber Sie müssen auch auf den Rat anderer hören, die das besser verstehen. Sie müssen auf den Willen des Herrn hören!"——Gunlaug war eine Weile still. "Und wenn sie zu viel lernt?" sagte sie. "Armer Leute Kind", setzte sie hinzu und blickte zärtlich auf die Tochter.—"Wenn sie für ihren Stand zu viel lernt, so hat sie eben dadurch einen anderen Stand erreicht."—Sie erfaßte sofort den Sinn seiner Worte, doch, indem sie mit immer schwermütigeren Augen das Kind ansah, sagte sie leise, wie zu sich selber: "Das ist gefährlich!"—"Darum handelt es sich nicht", versetzte er sanft, "sondern um das, was recht ist." In ihre kraftvollen Augen kam ein seltsamer Ausdruck; wieder blickte sie ihn durchdringend an; aber es lag so viel Wahrheit in seiner Stimme, seinen Worten, seinen Mienen, daß Gunlaug sich besiegt fühlte. Sie ging auf Petra zu, nahm ihren Kopf zwischen beide Hände; zu reden vermochte sie nicht mehr.
"Ich werde die Kleine von heut an bis zur Einsegnung unterrichten," sagte er, wie um ihr zu Hilfe zu kommen. "Ich habe immer den Wunsch gehabt, mich dieses Kindes anzunehmen!"—"Und darum willst Du es mir wegnehmen?" Er stutzte und sah sie fragend an. "Freilich, Du verstehst das ja besser als ich," stieß sie mühsam heraus, "aber es ist nur, weil Du den Namen unseres Herrgotts genannt hast,"—sie verstummte. Sie hatte währenddessen das Haar des Kindes glattgestrichen; jetzt nahm sie ihr eigenes Tuch ab und band es ihm um den Hals. Auf andere Weise sprach sie es nicht aus, daß Petra mitgehen dürfe; aber sie lief hastig davon, und verschwand hinter dem Haus, als wolle sie es nicht mit ansehen.
Bei diesem Gebaren der Mutter ergriff ihn eine plötzliche Angst vor der Aufgabe, die er da in jugendlichem Eifer auf sich genommen hatte. Das Kind aber empfand Angst vor ihm, der zum erstenmal die Mutter besiegt hatte; und mit dieser wechselseitigen Angst gingen sie an ihre erste Unterrichtsstunde.
Von Tag zu Tag indessen fand er, daß sie an Klugheit und Wissen wuchs, und seine Gespräche mit ihr nahmen zuweilen eine ganz eigentümliche Richtung. Oft führte er ihr Persönlichkeiten aus der biblischen Historie und der Weltgeschichte in der Weise vor, daß er auf den Beruf hinwies, den Gott ihnen zuerteilt hatte. Er verweilte bei dem Manne Saul, der in zügellosem Irren umherschweifte, und bei dem Knaben David, der seines Vaters Herde weidete, bis Samuel kam und auf beide die Hand des Herrn legte. Doch am herrlichsten offenbarte sich solches Berufensein, als der Herr selbst auf Erden wandelte und unter den Fischern seine Stimme erhob. Und der arme Fischer stand auf und folgte ihm nach—zu Not und Tod—immer aber voll Freudigkeit; denn das Gefühl des Berufenseins trägt uns über alle Widerwärtigkeiten hinweg.
Dieser Gedanke verfolgte sie, bis sie schließlich nicht mehr an sich halten konnte,—sie mußte ihn fragen, wozu sie berufen sei. Er sah sie an, bis sie über und über rot wurde; dann antwortete er, zu seinem Beruf gelange ein Mensch nur durch Arbeit. Bescheiden und klein könne dieser Beruf sein—da sei er für jeden. Und jetzt kam ein mächtiger Eifer über sie; er trieb ihr Arbeiten an mit der Kraft eines Erwachsenen, er glühte in ihren Kinderspielen und machte sie mager und dünn. Allerlei abenteuerliches Sehnen stieg in ihr auf: sie wollte sich das Haar abschneiden, sich als Knabe verkleiden, in die Welt hinausziehen und kämpfen! Aber als ihr Lehrer eines Tages sagte, ihr Haar sei so hübsch, wenn sie es nur ordentlich flechten wolle—da wurde das Haar ihr lieb, und um ihres langen Haares willen opferte sie den Heldenruhm.
Seitdem war es ihr mehr wert, ein Mädchen zu sein, als früher, und ruhiger schritt ihre Arbeit weiter, umschwebt von wechselnden Träumen.
Drittes Kapitel
Hans Ödegaards Vater war als junger Mensch aus dem Kirchdorf Ödegaard in Stift Bergen ausgewandert; die Menschen hatten sich seiner angenommen, und er war jetzt ein Gelehrter und sehr gestrenger Prediger. Auch ein äußerst herrischer Mann war er, weniger in Worten als in Taten. Er hatte ein "gutes Gedächtnis", wie man zu sagen pflegt. Dieser Mann, der mit seiner Zähigkeit stets durchgesetzt hatte, was er wollte, sollte jedoch an einem Punkte scheitern, wo er es am wenigsten erwartete, und wo es ihn am schmerzlichsten traf.
Er hatte drei Töchter und einen Sohn. Dieser Sohn Hans war die Leuchte der Schule; der Vater selbst leitete seine Studien und hatte seine helle Freude an ihm. Hans hatte einen Freund; er setzte alles dran, ihn zu seinem Nebenmann zu machen, und dieser Freund liebte ihn deshalb, nächst seiner Mutter, über alles in der Welt. Zusammen gingen sie zur Schule; zusammen kamen sie auf die Universität; zusammen machten sie die ersten zwei Examina, und zusammen sollten sie nun dasselbe Amtsstudium beginnen. Eines Tages, als sie nach einem just entworfenen Kollegienplan übermütig die Treppe hinunterstürmten, wollte Hans im Gefühl fröhlichen Jugendübermuts dem Freund auf den Rücken springen; der Freund fiel, und zwar so unglücklich, daß er wenige Tage darauf starb. Der Sterbende bat seine Mutter, die Witwe war und in ihm ihr einziges Kind verlor, ihm zuliebe Hans an Sohnesstatt anzunehmen. Die Mutter starb fast gleichzeitig mit dem Sohn; und kraft ihres Testaments fiel ihr sehr beträchtliches Vermögen Hans Ödegaard zu.
Es dauerte Jahr und Tag, bis Hans sich von diesem Schlag erholte. Eine lange Reise im Ausland tat ihm wenigstens soweit gut, daß er sein theologisches Studium zu Ende zu führen vermochte; aber ein Amt anzunehmen—dazu konnte niemand ihn bewegen.
Seines Vaters sehnlichster Wunsch war gewesen, ihn neben sich als Vikar zu haben; aber Hans war nicht zu bereden, auch nur die Kanzel zu betreten. Immer hatte er dieselbe Erwiderung: er fühle nicht den Beruf in sich. Für den Vater war das eine bittere Enttäuschung, die ihn um Jahre älter machte. Er selber hatte erst spät angefangen zu studieren, war schon ein alter Mann, und hatte sich hart—und immer dieses Ziel vor Augen—durchgearbeitet. Jetzt saß sein Sohn über ihm—im selben Haus—bewohnte eine Reihe eleganter Zimmer; und unten, in der kleinen Studierstube, bei seiner Lampe, die ihm hinüberleuchtete in die Nacht des Alters, saß in nie ermüdender Arbeit der alte Pastor. Er hatte—nach jener Enttäuschung—fremde Hilfe weder annehmen können noch wollen; darum gab es für ihn—Sommer oder Winter—keine Ruhe. Der Sohn aber machte alljährlich eine längere Reise ins Ausland. Wenn er zu Hause war, verkehrte er mit niemand; nur daß er—mehr oder weniger schweigsam—mittags an des Vaters Tisch aß. Wer sich in ein Gespräch mit ihm einließ, stieß auf solch überlegene Klarheit, auf solchen Wahrheitseifer, daß die Unterhaltung meist bald gefährdet wurde. In der Kirche sah man ihn nie; aber er gab mehr als die Hälfte seiner Einnahmen zu wohltätigen Zwecken hin, wobei er stets die genauesten Vorschriften über die Verwendung machte.
Diese Wohltätigkeit war in ihrer Großartigkeit so verschieden von den beschränkten Gewohnheiten der kleinen Stadt, daß sie alle Herzen gewann. Wenn man dazu seine ganze zurückgezogene Lebensführung, seine häufigen langen Reisen und die Scheu nimmt, die irgendwie alle vor ihm hatten, so wird man wohl begreifen, daß er in den Augen der Leute zu einer Art Original wurde, dem man allerhand geheimnisvolle Dinge zutraute, hinter dem man alles mögliche suchte, und dem man fast übernatürliche Eigenschaften beilegte. Als dieser Mann sich herabließ, das Fischermädel in seine tägliche Fürsorge zu nehmen, war sie von Stund an geadelt.
Plötzlich wollte jeder sich ihrer annehmen; besonders die Frauen. Eines Tages erschien sie, in alle Farben des Regenbogens gekleidet; sie hatte einfach alles angezogen, was man ihr geschenkt hatte, im Glauben, so müsse sie ihm gefallen; denn er wollte sie gern immer nett und zierlich haben. Aber kaum hatte er sie erblickt, so schalt er sie schon aus: sie dürfe sich nichts schenken lassen; eitel sei sie und albern; sie stecke in lauter Tand und Narretei! Als sie dann am nächsten Morgen mit verweinten Augen anrückte, nahm er sie auf einen Spaziergang mit—zur Stadt hinaus. Da erzählte er ihr von David, so wie er ihr überhaupt immer eine oder die andere Persönlichkeit darstellte—indem er ihr alles Wohlbekannte in immer neuem Licht vorführte. Erst schilderte er David als Jüngling, wie er schön und kraftvoll in sorglosem Glauben dahinlebte. Darum durfte er, noch ehe er Mann geworden war, am Triumphzug teilnehmen. Als Hirte wurde er zum König berufen; in Höhlen hatte er gewohnt—und erbaute zuletzt Jerusalem! In schönen Gewändern saß er vor dem kranken Saul und spielte die Harfe; aber als er selber König war—und krank—da schlug er die Harfe für sich allein—, in Lumpen der Reue gehüllt. Nachdem er sein Lebenswerk vollendet hatte, ergab er sich der Ruhe—in Sünde. Und der Prophet kam, und die Strafe Gottes; und er wurde wieder zum Kinde. David, er, der das ganze Volk des Herrn zu erheben vermochte zu Lobgesang, lag selber, zerknirscht, zu den Füßen des Herrn. Wann war er schöner? Als er siegesgekrönt—nach eigenen Sängen—einhertanzte vor der Bundeslade—oder wenn er im verschwiegenen Kämmerlein um Gnade flehte vor Gottes strafender Hand?
In der Nacht nach diesem Gespräch hatte sie einen Traum, den sie ihr ganzes Leben lang nicht vergessen konnte. Sie saß auf einem weißen Zelter—in einem Siegeszug—und zugleich tanzte sie in Lumpen vor dem Pferde her.
Eine gute Weile darauf kam eines Abends, als sie am Waldessaum oberhalb der Stadt saß und ihre Aufgaben lernte, Pedro Ohlsen ganz dicht an ihr vorüber und flüsterte mit einem sonderbaren Lächeln: "Guten Abend!" Obgleich Jahre vergangen, war der Mutter Verbot, mit ihm zu reden, noch so mächtig in ihr, daß sie seinen Gruß nicht erwiderte. Aber Tag für Tag kam er jetzt auf dieselbe Weise und stets mit demselben Gruß an ihr vorüber; zuletzt wartete sie auf ihn, wenn er nicht kam. Bald richtete er im Vorbeigehen eine kurze Frage an sie, nach einer kleinen Weile wurden daraus zwei, und schließlich wurden es ganze Gespräche. Eines Tages ließ er nach einer solchen Unterhaltung einen Silbertaler in ihren Schoß gleiten, worauf er seelenvergnügt und eiligst davonlief. Nun war es gegen den Befehl der Mutter, nicht mit ihm zu reden, und gegen das Verbot Ödegaards, Geschenke von irgend jemand anzunehmen. Das erste Verbot hatte sie ganz allmählich übertreten—jetzt, da auch die Übertretung des zweiten Tatsache war, fiel es ihr wieder ein. Um das Geld los zu werden, nahm sie den ersten besten, der ihr begegnete, mit und traktierte ihn; aber beim besten Willen war es ihnen nicht möglich, für mehr als zehn Groschen zu verzehren. Und hinterher bereute sie auch, daß sie den Taler vernascht hatte, statt ihn zurückzugeben. Das letzte Zweigroschenstück brannte ihr in der Tasche, als müsse es ein Loch durchs Kleid sengen. Sie zog es heraus und warf es ins Meer. Aber damit war sie doch den Taler nicht los—auch ihre Gedanken hatte er angesengt. Wenn sie es gestand, so würde es vorübergehen, das fühlte sie; aber der schreckliche Zorn der Mutter damals und Ödegaards festes Zutrauen zu ihr standen, jedes in seiner Art, als Schrecknisse im Wege. Während die Mutter nichts merkte, entdeckte Ödegaard bald, daß sie etwas mit sich herumschleppe, das sie unglücklich mache. Liebevoll fragte er sie eines Tages, was es sei, und als sie statt aller Antwort in Tränen ausbrach, dachte er, zu Hause bei ihr sei vielleicht Not, und gab ihr zehn Speziestaler. Daß sie—trotz ihrer Sünde gegen ihn—noch Geld von ihm bekam, machte einen tiefen Eindruck auf sie; und da sie nun obendrein noch Geld hatte—ehrliches Geld, das sie der Mutter ganz offen geben konnte,—empfand sie das als eine Freisprechung von ihrem Verbrechen und gab sich der ausgelassensten Freude hin. Sie nahm seine Hand zwischen ihre beiden Hände und bedankte sich, sie lachte und tanzte in der Stube herum, sie strahlte vor Entzücken durch ihre Tränen hindurch, während sie ihn ansah mit dem Blick eines Hundes, der seinen Herrn begleiten darf. Er kannte sie gar nicht wieder. Sie, die er sonst ganz in der Gewalt seiner Worte hatte, nahm ihm heute die Herrschaft aus den Händen. Zum erstenmal fühlte er eine starke und wilde Natur sich entladen, zum erstenmal überflutete ihn des Lebens Quelle mit ihrem roten Strom, und er wich purpurheiß zurück. Petra aber stürzte zur Tür hinaus und den Berg hinauf, nach Hause. Dort legte sie das Geld vor die Mutter auf die Herdplatte und fiel ihr selber um den Hals. "Wer hat Dir das Geld gegeben?" fragte die Mutter, in der schon der Zorn aufstieg.—"Ödegaard, Mutter! Er ist der herrlichste Mensch auf Erden!"—"Was soll ich damit?"—"Ich weiß nicht! O Gott, Mutter, wenn Du wüßtest—" sie fiel ihr wieder um den Hals—jetzt konnte und wollte sie ihr alles sagen. Aber die Mutter machte sich ungeduldig los. "Soll ich vielleicht Almosen annehmen? Augenblicklich gibst Du ihm das Geld zurück! Wenn Du ihm vorgeschwatzt hast, ich hätt's nötig, so hast Du gelogen!"—"Aber Mutter!"—"Sofort bringst Du ihm das Geld zurück, sag' ich Dir, oder ich gehe selber hin und werf es ihm ins Gesicht, dem—dem…, der mir mein Kind genommen hat!" Die Lippen der Mutter zitterten bei den letzten Worten; Petra war immer blasser geworden, sie wich zurück, langsam öffnete sie die Tür, langsam ging sie aus dem Hause. Eh sie wußte, was sie tat, war der Zehntalerschein zwischen ihren Finger in Fetzen zerrissen. Die Entdeckung dieser Tatsache löste sich in einem Ausbruch der Empörung gegen die Mutter. Aber Ödegaard durfte nichts davon erfahren—doch, alles sollte er erfahren… Ihm durfte sie nichts vorlügen!—Und einen Augenblick darauf stand sie in seinem Zimmer und erzählte ihm, die Mutter habe das Geld nicht nehmen wollen und vor Ärger, daß sie es ihm zurückbringen mußte, habe sie den Schein zerrissen. Sie wollte noch mehr sagen, aber er hörte sie merkwürdig kalt an, hieß sie nach Hause gehen und gab ihr die Ermahnung mit auf den Weg, der Mutter stets gehorsam zu sein, auch wenn es ihr sauer fiele. Das kam ihr doch recht sonderbar vor; denn so viel wußte sie auch—er selber tat nicht, was sein Vater von ihm wollte. Auf dem Heimweg brach es in ihr los, und gerade da begegnete ihr Pedro Ohlsen. Sie hatte ihn die ganze Zeit über gemieden und wollte das auch jetzt tun; denn er war ja an dem ganzen Unglück schuld. "Wo bist Du gewesen?" fragte er, neben ihr hergehend. "Ist Dir etwas geschehen?" Die Wogen in ihr gingen so hoch, daß sie sich einfach von ihnen schleudern ließ, einerlei wohin. Und überhaupt begriff sie auch gar nicht, weshalb ihr die Mutter verboten hatte, mit ihm umzugehen; es war natürlich nur eine von ihren Launen. "Weißt Du, was ich getan habe?" sagte er fast demütig, als sie stehen blieb. "Ich habe Dir ein Segelboot gekauft;—ich dachte, Du habest vielleicht Lust, ein bißchen zu segeln!" Und er lachte. Seine Güte, die etwas von der Bitte eines Bettlers hatte, rührte sie gerade jetzt; sie nickte, und nun wurde er lebendig, er flüsterte hastig, sie solle durch die Allee rechts draußen vor der Stadt bis an das große gelbe Bootshaus gehen; dort wolle er sie abholen: kein Mensch könne sie dort sehen. Sie ging hin und er kam, strahlend, aber ehrerbietig wie ein altes Kind, und nahm sie zu sich ins Boot. Sie segelten eine Weile in der leichten Brise und legten dann an einer Insel an, machten das Boot fest und stiegen ans Land. Er hatte allerlei Leckereien für sie mitgebracht, die er ihr mit ängstlicher Freude anbot; dann zog er seine Flöte heraus und spielte. Seine Seligkeit ließ sie eine Zeitlang ihren eigenen Kummer vergessen; und weil die Fröhlichkeit schwacher Wesen wehmütig stimmt, gewann sie ihn plötzlich lieb.
Fortan hatte sie ein neues und dauerndes Geheimnis vor der Mutter, und bald war es dahin gekommen, daß sie der Mutter überhaupt nichts mehr sagte. Und Gunlaug fragte nicht; sie vertraute ganz, bis zu dem Augenblick, da sie ganz mißtraute.
Aber auch vor Ödegaard hatte Petra fortan Geheimnisse; denn sie nahm allerhand Geschenke von Pedro Ohlsen an. Auch Ödegaard fragte nicht; der ganze Unterricht führte von Tag zu Tag mehr auf ein unpersönliches Gebiet.
Petra war jetzt also zwischen Dreien geteilt. Bei keinem sprach sie von den andern, und vor jedem hatte sie etwas Besonderes zu verheimlichen.
Doch unterdessen war sie, ohne es selbst zu wissen, ein erwachsenes Mädchen geworden, und eines Tages teilte Ödegaard ihr mit, daß sie eingesegnet werden solle.
Diese Nachricht erfüllte sie mit großer Unruhe; denn sie wußte, mit der Einsegnung hatte der Unterricht ein Ende, und was sollte dann werden? Die Mutter ließ ein Giebelstübchen ans Haus anbauen; Petra sollte nach ihrer Einsegnung ein eigenes Zimmer haben. Das unablässige Hämmern und Klopfen war ihr eine schmerzliche Mahnung. Ödegaard sah, wie sie immer stiller und stiller wurde; zuweilen merkte er sogar, daß sie geweint hatte. Der Religionsunterricht machte in dieser Stimmung einen starken Eindruck auf sie, obgleich Ödegaard mit großer Sorgfalt alles vermied, was sie hätte aufregen können. Aus eben diesem Grunde schloß er auch vierzehn Tage vor der Einsegnung den Unterricht mit der kurzen Mitteilung ab, heute sei die letzte Stunde gewesen. Er meinte damit die letzte Stunde bei ihm; denn er wollte natürlich noch weiter für sie sorgen, wenn auch durch andere. Aber wie festgenagelt blieb sie sitzen; alles Blut wich ihr aus dem Gesicht, die Augen hingen starr an ihm, so daß er, unwillkürlich gerührt, sich beeilte, einen Grund anzugeben: "Nicht alle jungen Mädchen sind ja bei ihrer Einsegnung schon erwachsen;—aber bei Dir ist es so. Das fühlst Du wohl selbst." Hätte sie im Schein eines flammenden Feuers gestanden—sie hätte nicht glühender rot werden können, als sie bei diesen Worten wurde. Ihr Busen wogte, die Augen flackerten unruhig und füllten sich mit Tränen, und wie gehetzt fügte er hinzu: "Oder wollen wir vielleicht doch noch weitermachen?" Erst hinterher wurde ihm klar, was er ihr da vorgeschlagen hatte; es war unrecht von ihm—er wollte es wieder zurücknehmen, aber schon erhob sie ihre Augen zu ihm; sie sagte nicht mit den Lippen "ja"; aber besser hätte sie es nicht sagen können. Um sich vor seinem eigenen Gewissen zu entschuldigen, suchte er nach einem Vorwand und fragte: "Du möchtest jedenfalls jetzt gern irgend etwas Bestimmtes ergreifen … etwas, wozu Du"—er beugte sich zu ihr herüber—"den Beruf in Dir fühlst?" "Nein!" erwiderte sie so rasch, daß er errötete und, abgekühlt, in die eigenen, jahrelangen Grübeleien zurücksank, die ihre unerwartete Antwort wieder wachgerufen hatte.
Daß etwas Eigenartiges sich in ihr regte, daran hatte er nie gezweifelt, seit er sie als Kind singend an der Spitze der Straßenjugend des Städtchens hatte marschieren sehen. Aber je länger er sie unterrichtet hatte, desto weniger vermochte er aus ihrer Begabung klug zu werden. Vorhanden war sie in jeder Bewegung; alles, was sie dachte, was sie wünschte, verkündeten Geist und Körper zu gleicher Zeit, aus einer Fülle von Kraft heraus, umzittert von einen Glanz der Schönheit. Aber in Worte gefaßt oder gar zu Papier gebracht, waren es einfach lauter Kindereien. Sie sah aus wie die verkörperte Phantasie—er freilich empfand es vor allem als Unruhe. Sie war sehr fleißig; aber ihr Fleiß hatte weniger den Zweck, etwas zu lernen, als weiterzukommen; was auf der nächsten Seite stand, beschäftigte sie immer am meisten. Sie hatte Sinn für Religion, doch, wie der Propst sich ausdrückte, "keine Anlage zu einem religiösen Leben"; und Ödegaard machte sich oft schwere Sorgen um sie. Jetzt stand er an einem Wendepunkt; unwillkürlich fühlte er sich im Geist zurückversetzt vor die steinerne Treppe, wo er sie in sein Leben aufgenommen hatte; er hörte die scharfe Stimme der Mutter, die ihm die Verantwortung aufbürdete, weil er den Namen des Herrn genannt hatte.
Nachdem er mehrmals im Zimmer auf und ab gegangen war, raffte er sich zusammen. "Ich mache jetzt eine Reise ins Ausland", sagte er mit einer gewissen Scheu. "Ich habe meine Schwestern gebeten, sich inzwischen Deiner anzunehmen, und wenn ich wiederkomme, wollen wir weiter sehen. Leb' wohl… Wir sehen uns wohl noch, bis ich reise!" Damit ging er ins Nebenzimmer, so rasch, daß sie ihm nicht einmal mehr die Hand geben konnte.
Sie sah ihn wieder, wo sie es am wenigsten erwartet hatte—im Pfarrstuhl neben dem Chor, ihr gerade gegenüber, als sie in der Schar der Mädchen vor dem Altar stand, um eingesegnet zu werden. Das regte sie so auf, daß ihre Gedanken lange von der heiligen Handlung, auf die sie sich in Demut und Gebet vorbereitet hatte, abgelenkt wurden. Ja, sogar Ödegaards alter Vater stutzte und blickte lange auf den Sohn, als er vor den Altar trat, um zu beginnen. Gleich darauf sollte Petra noch einen zweiten Schrecken erleben in der Kirche; denn etwas weiter hinten saß Pedro Ohlsen in einem neuen, steifen Anzug. Er reckte gerade den Hals, um über die Köpfe der Jungens hinweg zu der Mädchenschar, zu ihr herüberzusehen! Er tauchte sogleich wieder unter; aber immer wieder sah sie seinen dünn behaarten Kopf sich emporstrecken, um gleich darauf wieder unterzutauchen. Das zog ihre Gedanken ab; sie wollte nicht hinsehen, und sah doch hin, und da—gerade als alle die andern tief ergriffen waren, manche in Tränen aufgelöst—sah Petra zu ihrem Entsetzen, wie Pedro sich erhob, starr, mit offenem Mund und stieren Augen, versteinert, unfähig, sich wieder zu setzen oder sich zu rühren; denn ihm gegenüber stand Gunlaug, hoch aufgerichtet, in ihrer vollen Größe. Ein Schauder durchrann Petra beim Anblick der Mutter; denn sie war so weiß wie das Altartuch. Ihr schwarzes krauses Haar schien sich zu sträuben, während in ihre Augen plötzlich eine Kraft der Abwehr kam, als wollten sie sagen: "Laß sie in Ruh'! Was hast Du mit ihr zu schaffen?" Wirklich sank er auch unter dem Eindruck dieses Blickes auf der Bank zusammen und eine Weile darauf schlich er zur Kirche hinaus.
Nun legte sich Petras Unruhe, und je weiter die heilige Handlung fortschritt, desto mächtiger fühlte sie sich mitgerissen. Und als sie ihr Gelübde abgelegt hatte und wieder zurücktrat und, durch Tränen, hinüber blickte zu Ödegaard als zu dem Manne, der allen ihren guten Vorsätzen am nächsten stand, da gelobte sie in ihrem Herzen, daß sie seinen Glauben nicht zu schanden machen wolle. Sein treues Auge, das so leuchtend zu ihr herüberschaute, schien dasselbe zu erbitten; aber als sie wieder auf ihrem Platz stand und ihn noch einmal mit dem Blick suchte, war er verschwunden. Bald darauf ging sie heim mit der Mutter, die unterwegs nur sagte: "Jetzt hab' ich das meinige getan;—nun mag unser Herrgott das seine tun!"
Als sie dann, allein, miteinander zu Mittag gegessen hatten, sagte sie wieder, indem sie vom Tisch aufstand: "Dann werden wir jetzt wohl zu ihm hinübergehen müssen—zu dem Pfarrerssohn. Wenn ich auch nicht weiß, wozu das taugen soll, was er treibt,—gut gemeint hat er's jedenfalls. Mach' Dich fertig, Kind!"
Der Weg zur Kirche, den die beiden so oft miteinander gegangen waren, führte oben über der Stadt herum; auf der Straße hatten sie sich bis jetzt noch nie zusammen sehen lassen; die Mutter war seit ihrer Rückkehr überhaupt kaum in der Stadt gewesen. Heute jedoch bog sie nach der Straße zu ab; heute wollte sie die ganze Straße hinuntergehen, die ganze Straße, an der Seite ihrer erwachsenen Tochter!
Am Nachmittag des Einsegnungstages ist so eine kleine Stadt auf der Wanderung, entweder von Haus zu Haus, zum Gratulieren, oder Straßen auf und ab, um zu gucken und sich begucken zu lassen. Auf Schritt und Tritt bleibt man stehen und grüßt, tauscht Händedrücke aus und sagt einander ein paar freundliche Worte. Die Kinder der Armen präsentieren sich in den abgelegten Kleidern der Reichen und werden vorgeführt, um sich zu bedanken. Die Seeleute in fremdländischem Staat, die Mütze schief auf dem Ohr, die Stutzer des Städtchens, die Handlungsgehilfen, zogen, nach allen Seiten grüßend, in Scharen vorüber; die halbwüchsigen Lateinschüler, jeder seinen Busenfreund am Arm, schlenderten voll altkluger Kritik hinterdrein; aber alle fühlten sie sich heute im stillen ausgestochen von dem Löwen der Stadt, dem reichsten Mann der Stadt, dem jungen Kaufherrn Yngve Vold, der soeben aus Spanien heimgekehrt war, fix und fertig, von morgen ab das große Fischgeschäft seiner Mutter zu übernehmen. Mit seinem hellen Hut auf dem hellen Haar, glänzte er in allen Gassen, so daß die jungen Konfirmanden fast in Vergessenheit gerieten; alle hießen ihn willkommen, mit allen unterhielt er sich, allen lachte er zu—an allen Ecken und Enden sah man den hellen Hut auf dem hellen Haar und hörte das helle Lachen. Als Petra und ihre Mutter die Straße herabkamen, war er der erste, auf den sie stießen; und wie wenn sie tatsächlich "auf ihn gestoßen" hätten, so fuhr er zurück, als er Petra sah. Er erkannte sie nicht wieder.
Sie war groß, nicht so groß wie die Mutter, aber doch größer als die meisten andern Mädchen—anmutig, fein und keck, die Mutter und doch auch wieder nicht die Mutter, in ständigem Farbenspiel. Selbst der junge Kaufmann, der ihnen folgte, vermochte die Blicke der Vorübergehenden nicht mehr auf sich zu ziehen; die beiden, Mutter und Tochter zusammen, waren doch noch ein fremdartigerer Anblick. Sie gingen rasch, ohne zu grüßen, da sie selbst kaum von andern als von Seeleuten gegrüßt wurden. Aber noch eiliger kamen sie die Straße wieder zurück; denn sie hatten gehört, Ödegaard habe soeben das Haus verlassen und sei zum Dampfer hinuntergegangen, der in wenigen Minuten abgehen sollte. Besonders Petra drängte mehr und mehr; sie mußte—mußte ihn noch einmal sehen, mußte ihm danken, eh er aufbrach. Unrecht war es von ihm, so von ihr zu gehen! Sie sah niemand von all denen, die sie ansahen—sie sah nichts als den Dampferrauch über den Dächern,—ihr war, als entferne der Rauch sich. Als sie zur Landungsbrücke kamen, stieß der Dampfer gerade vom Lande ab, und—die Kehle zugeschnürt von Tränen—eilte sie weiter, hinaus in die Allee; sie sprang mehr als daß sie ging, und die Mutter stapfte hinter ihr her. Da der Dampfer Zeit gebraucht hatte, um im Hafen zu wenden, kam sie noch eben zurecht, um hinunter zu springen auf den Strand, auf einen Stein zu klettern und mit dem Taschentuch zu winken. Die Mutter blieb oben in der Allee stehen. Petra winkte—immer höher und höher schwenkte sie ihr Tuch; aber—keiner winkte zurück.
Da konnte sie sich nicht mehr halten; vor lauter Tränen mußte sie den oberen Weg nach Hause gehen. Die Mutter folgte stumm.—Ihr Giebelstübchen, das die Mutter ihr geschenkt hatte, in dem sie diese Nacht zum erstenmal geschlafen und heut morgen so voller Freude ihr neues Kleid angezogen hatte, betrat sie jetzt, am Abend, aufgelöst in Tränen, ohne einen Blick um sich zu werfen. Hinunter wollte sie nicht—da saßen Matrosen und andere Gäste; sie zog ihr Konfirmationskleid aus und saß auf ihrem Bett bis tief in die Nacht hinein. Erwachsensein—das schien ihr das Unglückseligste auf der ganzen Welt!
Viertes Kapitel
Eines schönen Tages, bald nach der Konfirmation, ging Petra zu Ödegaards Schwestern hinüber; aber sie merkte gleich, daß das ein Fehlgriff von ihm gewesen war. Der Propst tat, als sei sie Luft, und die Töchter, beide älter als Ödegaard, waren mehr als steif. Sie begnügten sich damit, ihr kurz und knapp mitzuteilen, was der Bruder über sie bestimmt habe. Sie solle den ganzen Vormittag in einem Haus außerhalb der Stadt die Haushaltung erlernen, und nachmittags in die Nähschule gehen; schlafen, frühstücken und Abendbrot essen solle sie zu Hause. Sie tat, wie ihr befohlen war, und schickte sich ganz gut darein, solang ihr die Sache neu war, aber nach und nach, und besonders als es Sommer wurde, fing das Ding sie zu langweilen an. Sonst um diese Zeit hatte sie ganze Tage lang droben im Walde gesessen und in ihren Büchern gelesen, den Büchern, die sie jetzt schmerzlich vermißte, wie sie Ödegaard selbst und den Verkehr mit ihm vermißte. Die Folge war, daß sie sich ihren Verkehr suchte, wo sie ihn eben fand. Um diese Zeit nämlich trat in die Nähschule ein junges Mädchen ein, das Lise Let hieß; das heißt Lise hieß sie—aber nicht Let; Let hieß ein junger Seekadett, der in den Weihnachtsferien zu Hause gewesen war und sich beim Schlittschuhlaufen mit ihr verlobt hatte, als sie noch ein Schulmädel war. Lise wollte Gift drauf nehmen, daß das nicht wahr sei, und fing zu weinen an, sobald man überhaupt darauf anspielte; aber trotzdem blieb der Name an ihr hängen: Lise Let. Die kleine zierliche Lise Let weinte oft und lachte oft; doch ob sie weinte oder lachte—immer ging ihr Liebe im Kopf herum. Ein Bienenschwarm von Gedanken, neuen, seltsamen Gedanken, füllte bald die Nähschule. Streckte eine Hand sich nach der Zwirnrolle aus—gleich war es ein Heiratsantrag und die Rolle sagte entweder ja oder gab einen Korb; die Nadel verlobte sich mit dem Faden, und der Faden opferte sich, Stich um Stich, für die Grausame; wer sich stach, vergoß sein Herzblut; wer die Nadel wechselte, war treulos. Flüsterten zwei Mädchen miteinander, so hatten sie sich immer etwas ganz Besonderes zu sagen; bald flüsterten noch zwei und noch zwei; jede hatte ihre Vertraute,—tausend Heimlichkeiten schwebten in der Luft; es war nicht auszuhalten.
Eines Nachmittags in der Dämmerung, in einem ganz feinen Regen,—Rieselregen nennt man ihn—war Petra mit einem großen Umschlagtuch überm Kopf vor der Tür ihres Hauses und lugte in den Flur hinein, wo ein junger Matrose stand und einen Walzer pfiff. "Du—Gunnar—wollen wir einen Spaziergang machen?"—"Es regnet doch!"—"Bah, das bißchen Regen!"—Sie gingen bis zu einem kleinen Haus oben am Berge. "Kauf' mir ein paar Kuchen—von denen mit Schlagsahne drauf—ja?"—"Immer willst Du auch Kuchen!"—"Mit Schlagsahne drauf!"—Er ging und holte ihr ein paar. Sie streckte die eine Hand unter dem Tuch hervor, nahm die Kuchen und ging schmausend weiter. Als sie hoch oben über der Stadt standen, bot sie ihm ein Stück Kuchen an und sagte: "Du, Gunnar, wir zwei haben uns doch immer so gern leiden mögen; immer hab' ich Dich am liebsten mögen von all den Jungens. Glaubst es nicht? Doch, ganz sicher, Gunnar! Und jetzt bist Du zweiter Steuermann und führst vielleicht schon bald ein eigenes Schiff. Ich finde, Du müßtest Dich jetzt verloben… Nanu? Magst Du keinen Kuchen?"—"Danke! Ich kaue lieber Tabak."—"Also—was sagst Du dazu?"—"Oh, das hat keine Eile!"—"Keine Eile? Übermorgen gehst Du doch wieder fort!"—"Na ja … ich komm' doch wieder!"—"Aber ob ich dann Zeit hab', ist ziemlich zweifelhaft; wer weiß, wo ich dann bin!"—"Also mit Dir soll ich mich verloben?"—"Aber natürlich, Gunnar. Mit wem denn sonst? Du bist wirklich zu dumm, darum bist Du auch nichts als ein Matrose!"—"Tut mir gar nicht leid! Matrose sein, das ist famos!"—"Freilich—Deine Mutter hat ja ein Schiff. Na, was sagst Du also? Schrecklich, wie schwerfällig Du bist!"—"Was soll ich denn sagen?"—"Was Du sagen sollst? Hahaha!… Willst mich am Ende gar nicht? Was?"—"Ach, Petra! das weißt Du ja nur zu gut! Aber ich glaube—man kann sich nicht auf Dich verlassen!"—"Doch, doch, Gunnar! Ich bin Dir ganz, ganz gewiß treu!"—Er blieb einen Augenblick stehen: "Laß Dich mal ansehen, Petra!"—"Warum?"—"Ich will sehen, ob Du es auch wirklich meinst."—"Denkst Du etwa, ich mache Unsinn?" Sie schlug erzürnt ihr Tuch zurück.—"Ja, Petra—wenn es also ganz im vollen Ernst gelten soll, dann gib mir einen Kuß drauf. Da weiß man doch, was man hat."—"Bist Du verrückt?" sie schlug das Tuch wieder zusammen und ging weiter.—"So warte doch, Petra! Das verstehst Du nur nicht. Wenn wir wirklich Liebesleute sind—"—"Ach, Blödsinn!"—"Na, hör' mal, da muß ich doch wohl wissen, was der Brauch ist, scheint mir; denn was Lebenserfahrung anbelangt—da bin ich Dir zwanzigmal über. Wenn Du bloß bedenkst, was ich alles gesehen habe—"—"Bah, Du hast gesehen wie ein Schafskopf sieht, und schwatzt, wie Du gesehen hast!"—"So? Und was verstehst denn Du unter Liebesleuten, wenn man fragen darf? Was? Bergauf und bergab hintereinander herrennen, darin besteht's doch wahrhaftig nicht!"—"Nein, das stimmt!" lachte sie und blieb stehen. "Also hör' mal zu, Du! Während wir uns ein bißchen verschnaufen—puh!—will ich Dir sagen, wie Liebesleute sich benehmen. Solang Du hier bist in der Stadt, mußt Du jeden Abend vor der Nähschule auf mich warten und mich heimbegleiten bis zur Haustür, und wenn ich sonst irgendwo bin, mußt Du auf der Straße warten, bis ich komme. Wenn Du wieder fort bist, mußt Du mir schreiben und mir hübsche Sachen kaufen und schicken. Und—ja, richtig: ein paar Ringe, der eine mit meinem und der andere mit Deinem Namen und mit Jahreszahl und Datum müssen wir uns schenken; aber ich habe kein Geld, also mußt Du sie alle beide kaufen."—"Das will ich schon, aber—"—"Was gibt's denn nun wieder für ein Aber?"—"Herrgott, ich meine ja nur—dazu muß ich doch das Maß von Deinen Fingern haben."—"Schön! Das sollst Du gleich haben." Sie riß einen Grashalm ab, maß und biß ab. "Da! wirf ihn aber nicht weg!"—Er legte den Halm in ein Stückchen Papier und das Papier in sein Notizbuch; sie sah zu, bis das Buch wieder sicher eingesteckt war.—"So, jetzt wollen wir gehen; das Herumgestehe hier hab' ich satt!"—"Hör' mal, Petra, ich finde wirklich, die Geschichte ist ein bißchen—dürftig!"—"Gut, wenn Du nicht willst, mein Junge, mir soll's egal sein!"—"Natürlich will ich! So hab' ich's nicht gemeint;—aber darf ich denn nicht einmal wenigstens Deine Hand nehmen?"—"Wozu denn?"—"Damit es gewiß ist, daß wir nun wirklich verlobt sind."—"Solch ein Blödsinn! Ist es denn darum gewisser, wenn man einander bei der Hand faßt?—Übrigens—Du kannst meine Hand schon haben! Da ist sie! Nein, mein Junge—nicht drücken—das bitt' ich mir aus!"—Sie versteckte ihre Hand wieder unter dem Tuch; aber dann hob sie plötzlich das Tuch mit beiden Händen, so daß das Gesicht ganz zum Vorschein kam: "Wenn Du's einer Menschenseele erzählst, Gunnar, so sag' ich, es ist nicht wahr! Daß Du's nur weißt!" Und sie lachte und lief den Berg hinunter. Nach einer Weile blieb sie stehen und sagte: "Morgen ist die Nähstunde erst um neun Uhr aus. Dann kannst Du mich hinterm Garten erwarten, hörst Du?"—"Schön."—"So, und jetzt mußt Du gehen."—"Willst Du mir nicht einmal zum Abschied die Hand geben?"—"Ich weiß gar nicht, was Du nur immer mit der dummen Hand willst! Nein, jetzt kriegst Du sie erst recht nicht.—Adieu!" und sie lief davon.
Am nächsten Abend wußte sie es so einzurichten, daß sie als die letzte die Schule verließ. Es war fast zehn Uhr, als sie ging; wie sie jedoch vor den Garten kam,——kein Gunnar! Auf alles mögliche Pech hatte sie sich gefaßt gemacht; nur nicht darauf. Sie war so beleidigt, daß sie jetzt selber wartete, bloß damit sie's ihm ordentlich "geben" konnte, wenn er endlich kam. Übrigens hatte sie Unterhaltung genug, während sie hinter dem Garten auf und ab spazierte. Der kaufmännische Gesangverein hatte nämlich soeben in einem benachbarten Haus bei offenen Fenstern seine Probe begonnen. Die Klänge eines spanischen Liedes lockten in der milden Abendluft ihre Gedanken so lange, bis sie selbst in Spanien war und von offenem Altan herab ihr Lob singen hörte. Spanien war ihre ganze Sehnsucht; Sommer für Sommer lagen im Hafen die dunklen spanischen Schiffe, klangen auf den Gassen spanische Lieder, und in Ödegaards Zimmer hingen an der Wand viele schöne Bilder von Spanien. Wer weiß—vielleicht war er jetzt gerade dort, und sie war bei ihm! Aber sie wurde sehr plötzlich wieder heimgerufen; denn dort hinter dem Apfelbaum kam endlich Gunnar hervorgestürzt; sie eilte auf ihn zu—und da war es gar nicht Gunnar, sondern der von Spanien zurückgekehrte helle Hut auf dem hellen Haar. "Hahaha!" lachte das helle Lachen. "Sie haben mich wohl für jemand anders gehalten?" Sie leugnete hastig, voll Eifer, und rannte wütend davon. Aber er lief ihr nach, wobei er während des Laufens unausgesetzt auf sie einredete, und zwar ungemein schnell und mit der halb verwischten Aussprache, wie sie Leuten, die gewöhnt sind, mehrere Sprachen zu sprechen, eigen ist. "Oh, ich komme schon mit! Ich bin ein ausgezeichneter Läufer! Es hilft Ihnen gar nichts,—ich muß mit Ihnen reden. Heut ist's der achte Abend, daß ich hier auf Sie warte!"—"Der achte Abend!"—"Ja, der achte Abend… Hahaha!… Und ich würde mit Freuden noch acht Abende hier warten: denn wir beide sind wie für einander geschaffen, nicht wahr? Es hilft Ihnen nichts. Ich lasse Sie nicht fort, denn jetzt sind Sie müde, das sehe ich!"—"Nein, ich bin nicht müde!"—"O doch!"—"Nein!"—"Doch!"— … "So sagen Sie doch was, wenn Sie nicht müde sind!"—"Hahaha!"—"Hahaha! Das nenn' ich nicht: etwas sagen!"—Und dann blieben sie stehen. Ein paar rasche Worte flogen hin und her—halb im Scherz, halb im Ernst; darauf stimmte er ein Loblied auf Spanien an, ein Bild jagte das andere. Zuletzt schimpfte er auf das elende Nest hier. Dem ersten folgte Petra mit leuchtenden Augen, das zweite sauste an ihren Ohren vorüber, während ihre Blicke an einer goldenen Kette auf- und abglitten, die er doppelt um den Hals geschlungen trug. "Ja, die," sagte er rasch und zog das Ende der Kette, an dem ein Kreuz befestigt war, hervor. "Sehen Sie, die hab' ich heut Abend umgetan, um sie im Gesangverein zu zeigen; die ist aus Spanien. Ich muß Ihnen ihre Geschichte erzählen." Und er erzählte: "Als ich in Südspanien war, besuchte ich einmal ein Schützenfest und gewann die Kette als Preis. Überreicht wurde sie mir mit folgenden Worten: Nehmen Sie diese Kette mit nach Norwegen und übergeben Sie sie als ehrerbietige Huldigung spanischer Kavaliere der schönsten Frau ihrer Heimat! Beifallsrufe und Fanfaren, Fahnen schwenken—, die Kavaliere klatschen und ich empfange den Preis!"—"Gott, wie entzückend!" rief Petra. Vor ihren Augen erstrahlte sofort das spanische Fest mit seinen spanischen Farben und Liedern; braun standen die Spanier in der Abendsonne unter den Weinlauben und sandten ihre Gedanken aus zur schönsten Frau der Schneelande. Trotz seiner Einbildung und wunderlichen Wichtigtuerei war er ein gutmütiger junger Kerl; er blieb neben ihr stehen und fuhr fort, zu erzählen. Jedes neue Bild steigerte ihre Sehnsucht; ganz entrückt in jenes Land der Wunder, begann sie, das spanische Lied zu summen, das sie vorhin gehört hatte, und ganz allmählich die Füße im Takt dazu zu bewegen. "Wie! Sie können spanische Tänze tanzen?" rief er aus. "Ja!" summte sie im Rhythmus des Tanzes und knipste mit den Fingern, um die Kastagnetten nachzuahmen; so hatte sie die spanischen Matrosen tanzen sehen. "Ihnen gebührt der Preis der spanischen Kavaliere!" rief er, wie von einem lichten Gedanken entflammt. "Sie sind das schönste Weib, das ich je gesehen habe!" Und eh sie noch begriff, was er meinte, hatte er die goldene Kette vom Hals genommen und sie leichthändig mehrere Male um den ihren gewunden. Als sie dann zur Besinnung kam, war ihr Gesicht von tiefer Schamröte übergossen und die Tränen wollten hervorstürzen, so daß jetzt ihn, der von einem Staunen ins andere gefallen war, die größte Beschämung ergriff über das, was er getan hatte. Er wußte nicht, was er eigentlich wollte, er fühlte nur, daß er gehen mußte, und er ging.
Noch um Mitternacht stand sie am offenen Fenster ihres Dachstübchens, die Kette in der Hand. Weich lag die Spätsommernacht über Stadt und Fjord und den fernen Bergen. Von der Straße herauf tönte wieder das spanische Lied; der Verein hatte Yngve Vold nach Hause begleitet. Wort für Wort war zu hören; es handelte von einem schönen Kranz. Nur zwei Stimmen sangen die Worte, die andern summten mit dem Mund die Guitarrebegleitung dazu:
Nimm hin den Kranz, er ist für dich, Nimm hin den Kranz und denk an mich! Hier ist das innigste Grün für die Minnigste, Knospe, die zärteste, Für die Begehrteste, Blüte, die prächtigste, Hier für die Mächtigste, Seltene Stengelein Hier für das Engelein. Nimm hin den Kranz, er ist für dich, Nimm hin den Kranz und denk an mich!
Als sie am andern Morgen die Augen aufschlug, kam sie aus einem über und über von Sonne durchleuchteten Wald, alle Bäume waren ein Goldregen, und überall hingen die langen, lichten Dolden herab, und berührten sie fast, wenn sie vorüberstrich. Sofort fiel ihr die Kette ein; sie nahm die Kette und hing sie sich übers Hemd. Dann legte sie ein schwarzes Tuch über das Hemd und die Kette darüber; denn von Schwarz hob sie sich besser ab. Aufrecht im Bett sitzend, spiegelte sie sich in einem kleinen Handspiegel: ob sie wirklich so schön war? Sie stand auf, um ihr Haar zu flechten und dann wieder in den Spiegel zu sehen, aber da fiel ihr die Mutter ein, die von allem noch nichts wußte, und sie beeilte sich, fertig zu werden; sie mußte doch schnell hinunter und erzählen. Doch als sie fertig war und sich eben die Kette um den Hals hängen wollte, fuhr ihr der Gedanke durch den Kopf, was wohl die Mutter sagen würde, was überhaupt die Leute sagen würden, und was sie antworten solle, wenn man sie frage, woher sie die kostbare Kette habe. Die Frage war das natürlichste Ding von der Welt, und sie fiel ihr darum schwer und immer schwerer aufs Herz, schließlich holte sie eine kleine Schachtel hervor, legte die Kette hinein, steckte die Schachtel in die Tasche—und fühlte sich zum erstenmal in ihrem Leben arm.
An diesem Vormittag ging sie nicht in die Nähstunde. Oberhalb der Stadt, an der Stelle, wo sie die Kette bekommen hatte, setzte sie sich hin, die Kette in der Hand und mit einem Gefühl, als habe sie die Kette gestohlen.
Am Abend wartete sie hinterm Garten noch länger auf Yngve Vold, als sie am Abend vorher auf Gunnar gewartet hatte; sie wollte ihm die Kette zurückgeben. Aber wie das Schiff, mit dem Gunnar fuhr, am Tage vorher unerwartet die Anker gelichtet hatte, weil ihm in der Nachbarstadt eine besonders gute Fracht angeboten war, so hatte auch Yngve Vold, dem das Schiff gehörte, in derselben Angelegenheit heute verreisen müssen. Da er gleichzeitig noch ein paar andere Geschäfte abzuwickeln hatte, blieb er drei Wochen fort.
Während dieser drei Wochen war die Kette nach und nach aus der Tasche in die Kommodenschieblade, von dort in einen Briefumschlag und der Briefumschlag in ein geheimes Fach gewandert. Und Petra selbst war von einer demütigenden Entdeckung zur andern gelangt. Zum ersten Male war sie sich in vollem Umfang des Abstandes bewußt, der sie von den vornehmen Damen der Stadt trennte. Die hätten die Kette tragen können, ohne daß irgendeiner sie nach dem Warum und Woher gefragt hätte. Aber einer solchen Dame hätte Yngve Vold die Kette gar nicht anzubieten gewagt, ohne ihr zugleich seine Hand anzubieten; so etwas wagte er eben nur dem Fischermädel gegenüber. Wenn er ihr etwas schenken wollte, warum da nicht etwas, das sie gebrauchen konnte? Aber er hatte sie nur um so bitterer verhöhnen wollen, indem er ihr etwas gab, das sie überhaupt nicht tragen konnte. Die Geschichte mit der "Schönsten" war natürlich erdichtet; denn hätte er ihr die Kette aus diesem Grunde zuerkannt, so wäre er nicht heimlich, bei Nacht und Nebel, gekommen.—Zorn und Scham bohrten sich um so tiefer in ihr fest, als sie es sich längst abgewöhnt hatte, sich einem Menschen anzuvertrauen. Kein Wunder daher, daß sie beim erstenmal, als sie den Menschen wieder traf, diesen Menschen, um den diese empörten und beschämenden Gedanken kreisten, so heftig errötete, daß er es mißdeuten mußte, und dann—eben weil sie das fühlte—noch tiefer errötete. Sie lief eiligst wieder nach Hause, riß die Kette aus dem Versteck und setzte sich, obgleich es noch helllichter Tag war, oben über der Stadt hin, um ihn zu erwarten. Jawohl, jetzt sollte er sie wiederhaben!
Sie war ganz sicher, daß er kommen werde; denn auch er war, als er sie sah, rot geworden, und dabei war er die ganze Zeit über fort gewesen. Aber bald begannen gerade diese Gedanken zu seinen Gunsten zu reden. Wenn sie ihm gleichgültig gewesen wäre, wäre er nicht so rot geworden. Wenn er früher nach Hause gekommen wäre, so wäre er auch schon eher dagewesen.
Es begann sachte zu dämmern; in diesen letzten drei Wochen waren die Tage schnell kürzer geworden. Mit der Dunkelheit aber wandeln sich oft unsere Gedanken. Sie saß dicht überm Weg, zwischen den Bäumen; sie konnte sehen, ohne daß man sie sah. Als das eine Weile so fortgegangen war, und er immer noch nicht kam, wollten widerstreitende Empfindungen in ihr auflodern; bald zornig, bald angstvoll lauschte sie. Sie hörte jeden, der vorüberging, hörte ihn lang, eh sie ihn sah. Er war es nie. Jeder Vogel, der im Halbschlummer zwischen den Blättern hin- und herschlüpfte, erschreckte sie—so voll Spannung lauschte sie. Jeder Laut von der Stadt her, jeder Ruf lockte sie. Ein großes Schiff lichtete, beim Klang eines Matrosenliedes, die Anker; noch zur Nacht sollte es hinausbugsiert werden, um die erste Morgenbrise zu benützen. Oh, wenn sie hätte mit hinaus können, aufs weite Meer, wohin ihr Sehnen stand! Das Matrosenlied wurde ihr eigenes Lied—die klingenden Rucke am Spill hoben sie empor—wozu? wohin?—Da stand der helle Hut mitten im Weg, gerade vor ihr! Sie sprang auf und lief ohne weiteres davon, und während sie lief, fiel ihr ein, sie hätte nicht davonlaufen sollen. Fehler auf Fehler! Sie blieb stehen. Als er zwischen den Bäumen, wo sie stand, auf sie zukam, atmete sie heftig, so daß er jeden Atemzug hören konnte, und durch dieselbe Macht, die sie das erstemal in ihrer Ausgelassenheit über ihn gehabt hatte, beherrschte sie ihn jetzt in ihrer Furcht. Er sah sehr verlegen, ja verwirrt aus und flüsterte: "Haben Sie keine Angst!"
Aber er sah, wie sie zitterte. Da wollte er sie zutraulich machen, indem er sie fest bei der Hand ergriff; aber bei der ersten Berührung seiner Hand sprang sie auf wie von einer Flamme verbrannt,—und wieder war sie fort, während er stehen blieb.
Weit lief sie nicht; die Luft ging ihr aus. In ihren Schläfen hämmerte und brannte es, die Brust wollte ihr zerspringen—sie preßte die Hände dagegen und lauschte. Sie hörte Tritte im Gras, ein Rascheln im Laub,—er kam, kam gerade auf sie zu—er sah sie—nein, er sah sie nicht!—Doch, er sah sie!… Nein, er ging vorüber! Sie hatte keine Angst,—das war es nicht; aber alles an ihr war in Aufruhr, und als sie sich in Sicherheit fühlte, verlor sie mit der Spannung auch ihre Kraft und sank erschöpft und todesmatt um.
Erst nach geraumer Zeit erhob sie sich wieder und schritt langsam den Berg hinab, bald stehenbleibend, bald weiter gehend, als habe sie kein Ziel. Als sie den Weg wieder erreicht hatte, saß er da und wartete geduldig. Jetzt stand er auf, sie hatte ihn nicht gesehen; sie ging wie im Nebel, nicht ein Wort entschlüpfte ihr, sie regte sich auch nicht; sie tat bloß die Hände vor die Augen und weinte. Das überwältigte Yngve Vold derart, daß seine sonst so rührige Zunge stillstand. Und dann sagte er mit eigentümlicher Bestimmtheit: "Heut noch spreche ich mit meiner Mutter; morgen muß alles in Ordnung sein. In ein paar Tagen gehst Du ins Ausland, und nachher wirst Du meine Frau." Er wartete auf eine Antwort, er wartete wenigstens, sie werde aufblicken; aber sie blickte nicht auf. Er deutete das auf seine Weise: "Du antwortest nicht? Kannst nicht? Gut! Verlaß Dich auf mich; denn fortan bist Du mein! Gute Nacht!" Und er ging.
Sie blieb zurück, wie in einem Nebel; eine leise Angst wollte sich dazwischen drängen und den Nebel zerteilen; aber wieder schloß er sich.
So stark Yngve Vold diese drei Wochen hindurch ihre Gedanken beschäftigt hatte, so bereit war sie jetzt, in plötzlicher Wandlung dieses neue Wunder in eine neue Phantasiekette einzureihen. Er war der reichste Mann der Stadt, aus der ältesten Familie, und er wollte sie über alle Rücksichten hinweg zu sich emporheben! Das war etwas, so überraschend verschieden von dem, was sie sich in einer langen Zeit des Leidens und der Empörung gedacht hatte, daß schon allein das sie glückselig machen mußte! Aber immer strahlender wurde ihr Glück, je mehr sie sich die neuen, in jeder Beziehung fabelhaften Verhältnisse klar machte. Sie sah sich allen andern gleichgestellt und am Ziel ihres unklaren Sehnens. Und als Höchstes sah sie Yngve Volds größtes Schiff an ihrem Hochzeitstage als Flaggschiff im Hafen liegen; sie sah, wie es unter Ehrensalven und Feuerwerk das junge Paar an Bord nahm und es nach Spanien trug, wo die Hochzeitssonne glühte.
* * * * *
Als sie am andern Morgen erwachte, kam das Mädchen herein und sagte, es sei halb Zwölf. Petra empfand einen gewaltigen Hunger; sie aß, aß immer noch mehr, der Kopf tat ihr weh, sie war todmüde und schlief wieder ein. Als sie gegen drei Uhr nachmittags aufs neue erwachte, fühlte sie sich wohler. Die Mutter kam herauf und meinte, sie habe sich wahrscheinlich eine Krankheit weggeschlafen; so sei auch sie selbst immer gewesen. Aber jetzt müsse sie aufstehen, es sei Zeit für die Nähstunde. Petra setzte sich im Bett auf und stützte den Kopf auf den Arm; ohne aufzublicken, antwortete sie, sie gehe nicht mehr in die Nähstunde. Sie wird noch ein bißchen fiebrig sein! dachte die Mutter und ging hinunter, um ein Paket und einen Brief heraufzuholen, die ein Schiffsjunge soeben gebracht hatte. Also schon Geschenke! Petra, die sich wieder hingelegt hatte, fuhr hastig in die Höhe und öffnete, sobald sie allein war, mit einer gewissen Feierlichkeit zuerst das Paket. Es enthielt—ein Paar Pariser Damenstiefelchen! Ein bißchen enttäuscht wollte sie die Dinger gerade wegstellen, als sie merkte, daß sie sich vorn an den Zehen schwer anfühlten. Sie fuhr mit der Hand hinein und zog aus dem einen ein kleines, in Seidenpapier gewickeltes Päckchen:—ein goldenes Armband!—aus dem andern ebenfalls ein sorgfältig umhülltes Päckchen—ein Paar Pariser Handschuhe! Und aus dem rechten Handschuh zog sie wiederum ein Papierknäuel, das zwei glatte goldene Ringe barg. "Schon!" dachte Petra. Ihr Herz klopfte; sie sah nach der Inschrift der Ringe und las auch wirklich in dem einen: "Petra", samt Jahreszahl und Datum, und in dem andern—"Gunnar". Sie erbleichte, warf die Ringe und das ganze Paket zu Boden, als habe sie sich daran verbrannt, und riß den Brief auf. Er war aus Calais datiert und lautete:
"Liebe Petra!
Nachdem wir hier angekommen sind, vom 51. bis zum 54. Breitegrad mit günstigem Wind, und später die ganze Fahrt über bis hierher in den Hafen mit heftigem Beißwind, was ungewöhnlich ist sogar für bessere Schiffe als das unsere, das ein stolzer Segler ist. Aber jetzt sollst Du hören, daß ich den ganzen Weg über an Dich gedacht habe und an das, was zwischen uns beiden vorgefallen ist, und ist recht ärgerlich, daß ich nicht ordentlich Abschied nehmen konnte von Dir, weshalb ich vor Ärger an Bord ging, habe Dich aber seitdem nie vergessen, außer ab und zu einmal; denn ein Seemann hat es schwer. Aber jetzt sind wir hier und ich habe meine ganze Heuer für Geschenke für Dich ausgegeben, wie Du mir gesagt hast, und auch das Geld, das Mutter mir gegeben hat; jetzt habe ich also nichts mehr. Aber wenn ich Urlaub bekomme, bin ich ebenso schnell bei Dir wie die Geschenke; denn so lang es heimlich ist, ist man nie sicher vor anderen, besonders vor den jungen Burschen, von denen sich viele rumtreiben. Aber ich will meiner Sache sicher sein, daß keiner eine Entschuldigung hat, sondern weiß, daß er sich vor mir in acht nehmen muß. Du könntest freilich was Besseres kriegen als mich; denn Du kannst jeden kriegen, den Du willst; aber einen treueren kriegst Du nie; und das bin ich. Jetzt will ich schließen, denn ich habe schon zwei Bogen voll geschrieben, und meine Buchstaben werden so groß; Briefschreiben ist mir das Schrecklichste, was ich weiß, aber ich schreibe trotzdem, wenn Du es willst. Und nun will ich Dir zum Schluß nur sagen, daß es mir Ernst war; denn wenn es nicht Ernst ist, so war es eine große Sünde, und kann viele Menschen ins Unglück stürzen.
Gunnar Ask,
Untersteuermann auf der Brigg 'Die norwegische Verfassung.'"
Eine heftige Angst packte sie; im Handumdrehen war sie aus dem Bett und angezogen. Es trieb sie ins Freie, als ließe sich draußen irgendwo Rat finden; alles war plötzlich unklar, ungewiß, gefahrdrohend geworden. Je mehr sie grübelte, desto mehr verwirrten sich ihre Gedanken; irgend jemand mußte sie entwirren, sonst wurde sie nicht damit fertig. Aber wem sollte sie sich anvertrauen? Da gab es nur einen Menschen—die Mutter. Als sie nach langem inneren Kampf vor ihr in der Küche stand, angstvoll, dem Weinen nah, aber fest in ihrem Entschluß, volles Vertrauen zu zeigen, um volle Hilfe zu empfangen, sagte die Mutter, ohne sich umzudrehen und daher auch ohne Petras Gesichtsausdruck zu bemerken: "Eben ist er hier gewesen;—er ist wieder da."—"Wer?"—flüsterte Petra und griff nach einer Stütze; war Gunnar wirklich schon wieder da, so war es mit aller Hoffnung vorbei. Sie kannte Gunnar; er war schwerfällig und gutmütig; wenn er aber einmal in Wut geriet, war er wie rasend. "Du sollst gleich hinkommen, hat er gesagt."—"Hinkommen?" wiederholte Petra zitternd; sie dachte sich sofort, daß er seiner Mutter alles gesagt habe; und was sollte nun werden?—"Ja, ins Pfarrhaus!" sagte die Mutter.—"Ins Pfarrhaus? Ödegaard ist wieder da?"—Jetzt drehte sich die Mutter um. "Freilich—wer denn sonst?"—"Ödegaard!" jubelte Petra, und ein Sturm der Freude blies in einem Nu die Luft rein. "Ödegaard ist wieder da, Ödegaard! O Gott im Himmel, er ist wieder da!" Und schon war sie zur Tür hinaus und über alle Berge. Sie stürmte davon, sie lachte, sie schrie. Er war es, er allein, der ihr not tat! Wäre er daheim gewesen, das ganze Unheil wäre nicht geschehen! Bei ihm war sie geborgen. Beim bloßen Gedanken an seine edlen, klaren Züge, seine milde Stimme, oder auch nur an die stillen, bilderreichen Zimmer, Räume, die er bewohnte, kam sie in friedlicheren Takt und fühlte sich wieder sicher. Sie ließ sich Zeit und sammelte sich. Stadt und Land erstrahlten im sinkenden Herbstabend; zumal der Fjord lag in wunderbarem Glanz; draußen im Sund wirbelte der letzte ferne Rauch des Dampfers, der Ödegaard gebracht hatte. Ach, nur die Gewißheit, daß er wieder da sei, machte sie gut, gesund, stark! Sie betete zu Gott, ihr zu helfen, daß Ödegaard sie nie mehr verlassen möge! Und gerade als sie sich in dieser Hoffnung gehoben fühlte, sieht sie ihn lächelnd auf sich zukommen. Er hatte gewußt, welchen Weg sie kommen würde, und war ihr entgegengegangen! Das rührte sie; sie sprang auf ihn zu, faßte seine beiden Hände und küßte sie. Er wurde verlegen. Als er weiter hinten jemand schreiten sah, zog er sie vom Weg hinauf unter die Bäume. Er hielt ihre Hände zwischen den seinen, und sie sagte nur immerzu: "Wie herrlich, daß Sie wieder da sind! Ich kann's gar nicht glauben, daß Sie's wirklich sind! Oh, Sie dürfen nie, nie wieder fort! Verlassen Sie mich nicht wieder, ach bitte, verlassen Sie mich nicht!" Dabei stürzten ihr die Tränen aus den Augen. Er zog sanft ihren Kopf an sich, wie um ihre Tränen zu verdecken und sie zu beruhigen; ihm selber war es eine Notwendigkeit, daß sie ruhiger wurde. Sie aber schmiegte sich an ihn wie der Vogel unter den Flügel, der sich über ihn breitet, und wollte gar nicht wieder heraus. Überwältigt von diesem Vertrauen, legte er den Arm um sie, wie um ihr den Schutz, den sie suchte, zu gewähren; kaum jedoch fühlte sie das, so hob sie ihr verweintes Gesicht zu ihm empor, ihre Augen begegneten den seinen, und was in einem Blick wechseln kann, wenn Reue begegnet der Liebe, Dankbarkeit begegnet der Freude des Gebers und das Ja dem Ja,—das blitzte in rascher Reihenfolge auf. Er nahm ihren Kopf zwischen seine beiden Hände und drückte seine Lippen auf die ihren. Er hatte früh seine Mutter verloren; er küßte zum erstenmal in seinem Leben, und auch bei ihr war es so. Keins vermochte sich vom andern zu lösen, und als es dennoch geschah, war es nur, um wieder einander entgegenzusinken. Er bebte, sie aber strahlte und glühte, sie warf die Arme um seinen Hals und hing sich an ihn wie ein Kind. Und als sie sich setzten, und sie seine Hände, sein Haar, seine Brustnadel, sein Halstuch, alles was sie sonst nur ehrfurchtsvoll aus der Ferne betrachtet hatte, anrühren durfte, und als er sie bat, "Du" zu sagen und nicht "Sie", und sie das nicht konnte, und als er ihr erzählen wollte, wie reich sie sein armes Leben vom ersten Augenblick an gemacht habe, wie lange er dagegen angekämpft habe, um sie nicht zu hemmen, um sich nicht auf diese Weise bezahlt zu machen, und als er entdeckte, daß sie nicht imstande sei, auch nur ein Wort von dem, was er sagte, zu fassen oder zu begreifen, und er selbst auch keinen Sinn und Verstand mehr darin fand; als sie dann auf der Stelle mit ihm gehen wollte, und er sie lachend bitten mußte, noch ein paar Tage zu warten, dann wollten sie zusammen weit fort ziehen, weg von allem hier—da fühlten sie, wie sie so zwischen den Bäumen saßen, vor sich Fjord und Berg im Abendsonnenglanz, während fern ein Waldhorn sang und klang—da fühlten sie, da sprachen sie es aus: das ist das Glück.
Der ersten Begegnung Süßigkeit, Sie ist wie ein Sang auf den Fluten, Sie ist wie ein Sang auf grüner Heid', Wie der Sonne letztes Gluten,— Sie sind wie ein Waldhorn auf öder Flur, Die tönenden Augenblicke, In denen ein Wunder die Natur Verschmelzt mit unserm Geschicke.
Fünftes Kapitel
Am nächsten Morgen saß Petra halb angekleidet in ihrem Stübchen; weiter kam sie den ganzen Tag über nicht. So oft sie auch den Versuch machte, immer wieder sanken ihr die Arme in den Schoß. Wie vollreife Ähren, wie schwere Glockenblumen auf dem Feld beugten sich ihre Gedanken. Stille, Sicherheit und wogende Luftgebilde schwebten über den lichten Schlössern, in denen sie hauste. Wieder durchlebte sie die gestrige Begegnung, jedes Wort, jeden Blick, jeden Händedruck, jeden Kuß. Sie wollte sich den ganzen Verlauf, von der ersten Begegnung bis zum Abschied, wieder vergegenwärtigen, aber sie kam nie damit zu Ende. Denn jede einzelne Erinnerung verdämmerte in blauen Traum, und alle Träume kamen mit neuer Verheißung zurück. Und so süß diese Verheißung auch war, Petra mußte sie zurückdrängen, um den Faden der Erinnerung da wieder aufzunehmen, wo er ihr entglitten war; aber kaum hatte sie ihn, verlor sie sich wieder ins Wunderbare.
Da sie nicht herunterkam, dachte die Mutter, sie habe, nun Ödegaard zurückgekehrt war, ihre Studien wieder aufgenommen. Sie schickte ihr das Essen hinauf, damit sie den ganzen Tag in Ruhe oben bleiben konnte. Erst gegen Abend stand Petra auf, um sich fertig zu machen. Jetzt ging es ihrer Liebe entgegen! Sie schmückte sich mit dem Besten, was sie hatte, ihrem ganzen Konfirmationsstaat. Glänzend war er nicht; aber das empfand sie erst heute; das eine Stück machte das andere häßlich, bis sie die passenden Stücke zusammengefunden hatte; und dann war das Ganze trotzdem nicht hübsch! Was hätte sie heute nicht darum gegeben, die schönste zu sein. Mit diesem Wort stieg eine Erinnerung in ihr auf, die sie mit einer Handbewegung von sich wies; nichts, nichts durfte ihr heute nahen, was sie beunruhigen konnte! Sie selbst bewegte sich ganz still; leise ordnete sie dies und jenes in ihrem Stübchen; denn noch war die Stunde nicht da. Sie öffnete das Fenster und sah hinaus; rote, warme Wolken lagerten auf den Bergen, aber ein kühlender Luftstrom zog herein und brachte Botschaft vom nahen Wald. "Ich komme, ich komme!" Noch einmal trat sie vor den Spiegel, um ihr bräutliches Glück zu grüßen.
Da hörte sie drunten bei der Mutter Ödegaards Stimme, hörte, wie man ihn nach ihrem Zimmer wies. Er kam, sie zu holen! Eine schamhafte Freude umglühte sie; sie sah sich um, ob auch alles in Ordnung sei, für ihn! Dann ging sie auf die Tür zu.
"Herein!" antwortete sie leise auf das leise Klopfen und trat ein paar Schritte zurück.
Am selben Morgen hatte man Ödegaard, als er um den Kaffee klingelte, gemeldet, der Kaufmann Yngve Vold habe heute früh schon zweimal nach ihm gefragt. Daß seine Gedanken sich gerade jetzt mit den Ansprüchen eines Fremden befassen sollten, verstimmte ihn; aber ein Mensch, der ihn so früh aufsuchte, mußte wohl ein wichtiges Anliegen haben. Er war auch wirklich kaum angekleidet, als Yngve Vold eintrat. "Sie werden sich wohl wundern, was? Tu' ich selber. Guten Morgen!" Die beiden begrüßten sich, und er legte seinen hellen Hut hin. "Schlafen Sie aber lang! Zweimal bin ich schon hier gewesen. Ich habe etwas Wichtiges auf dem Herzen; ich muß mit Ihnen reden."—"Bitte, nehmen Sie Platz!" Und Ödegaard setzte sich selbst in einen Lehnstuhl. "Danke, danke! Ich gehe lieber auf und ab. Ich kann nicht sitzen—bin zu aufgeregt. Seit vorgestern bin ich rein wie von Sinnen—rein verrückt, nicht mehr und nicht weniger! Und daran sind Sie schuld!"—"Ich?"—"Ja, Sie! Sie haben das Mädchen ausgegraben. Kein Mensch hätte an das Mädel gedacht, kein Mensch hätte es beachtet, wenn Sie nicht gewesen wären. Aber so—in meinem ganzen Leben hab? ich so was—so was Unvergleichliches nicht gesehen,—nie, so wahr ich hier stehe—so was—Sie wissen schon! So was verflixt Kraushaariges, Wunderbares—was? Keine Ruhe hat's mir gelassen! Ich war rein verhext! Wo ich ging und stand—immer war sie da. Ich bin auf Reisen gegangen und bin wiedergekommen—es war mir unmöglich—was? Wußte erst überhaupt nicht, wer sie war—'das Fischermädel', hieß sie. Spanierin, Zigeunerin,—Hexe wäre richtiger gewesen—! Einfach Feuer—Augen, Busen, Haar—was? Funkelt, sprüht, tanzt, lacht, trällert, errötet—Teufelsweib!… Renne ihr nach, verstehen Sie, oben im Wald zwischen den Bäumen—stiller Abend—sie steht da, ich steh' da—dann ein paar Worte, Gesang, Tanz—und da, na ja, da gab ich ihr meine Kette. Hatte, so wahr ich lebe, eine Minute vorher noch mit keinem Gedanken daran gedacht! Das nächste Mal wieder an derselben Stelle, wieder dasselbe Gerenne; sie hatte Angst, und ich,—ja, wollen Sie's glauben?… ich brachte kein Sterbenswörtchen heraus, traute mich nicht, sie anzurühren! Aber als sie dann wiederkam—können Sie sich denken, Mensch?—da macht' ich ihr einen Heiratsantrag! Und eine Sekunde vorher hatt' ich mit keinem Gedanken daran gedacht! Gestern hab' ich mich dann selbst geprüft,—wollte von ihr wegbleiben—aber auf Ehr' und Seligkeit, ich bin verrückt! Ich kann einfach nicht, ich muß bei ihr sein! Wenn ich das Mädel nicht krieg', so schieß' ich mir ohne weiteres eine Kugel vor den Kopf! Sehen Sie, so steht's mit mir. Um meine Mutter scher' ich mich den Teufel, um die Stadt auch—ein Lumpennest, ein elendes Krähwinkel! Sie muß heraus, sehen Sie, heraus, hoch über dies Nest hinaus! Comme il faut soll sie werden, ins Ausland soll sie—Frankreich—Paris—! Ich bezahl's und Sie arrangieren die Sache. Ich könnte ja auch selber mit fort, mich irgendwo draußen festsetzen, weg aus diesem Loch. Aber—der Fisch! Ich möchte was machen aus der Stadt,—das liegt ja und schläft, denkt nicht, spekuliert nicht; aber—der Fisch! Man versteht den Fisch nicht zu behandeln; Spanien, das ganze Ausland beklagt sich; die Sache muß anders angefaßt werden—andere Trocknung, andere Verpackung, alles anders,—das Nest soll in die Höhe—Zug muß ins Geschäft kommen—Millionen soll der Fisch schaffen!—Wo bin ich stehen geblieben? Richtig—Fisch—Fischermädel—das paßt zusammen: Fisch—Fischermädel—hahaha! Also ich zahle,—Sie arrangieren's! Sie wird meine Frau, und dann——"
Weiter kam er nicht. Er hatte während seiner langen Rede gar nicht auf Ödegaard geachtet, der jetzt totenblaß aufsprang und sich mit einem biegsamen spanischen Rohr in der Hand über ihn warf. Das Erstaunen des andern war nicht zu beschreiben; den ersten Schlägen wich er aus. "Nehmen Sie sich in acht! Sie könnten mich treffen!" sagte er.—"Jawohl! Ich treffe! Sehen Sie: spanisch, spanisches Rohr—das paßt auch zusammen!" und die Hiebe regneten auf Schultern, Arme, Hände, das Gesicht herab, wo sie gerade hintrafen. Der andere schoß umher: "Sind Sie verrückt? Mensch, sind Sie toll?" rief er. "Ich will sie ja heiraten! Hören Sie? heiraten!"—"Hinaus!" schrie Ödegaard, als sei er mit seiner Kraft am Rande. Und der Blondkopf stürzte zur Tür hinaus, die Treppe hinunter, fort von diesem Wahnsinnigen;—gleich darauf stand er unten auf der Straße und brüllte hinauf nach seinem hellen Hut. Der wurde ihm durchs Fenster nachgeworfen. Dann war alles still.
"Herein!" antwortete Petra am Abend auf das leise Klopfen und trat ein paar Schritte zurück, um den Geliebten besser sehen zu können, während er eintrat. Wie wenn ein eisiger Wasserstrahl sich über sie ergösse, wie wenn die Erde unter ihren Füßen wiche, so wirkte auf sie das Gesicht, das da in der Tür erschien. Sie taumelte zurück und tastete nach dem Bettpfosten; aber ihr Denken, von Abgrund zu Abgrund gestürzt, versagte; in weniger als einer Sekunde war sie von der Höhe der glückseligsten Braut zur Tiefe der größten Sünderin auf Erden herabgestürzt. Sie hörte es donnern aus diesem Antlitz: in alle Ewigkeit konnte er ihr nicht vergeben!—
"Ich seh' es—Du bist schuldig!" flüsterte er kaum hörbar. Er lehnte sich gegen die Tür und hielt sich an der Klinke fest, als müsse er sonst umsinken. Seine Stimme bebte, und die Tränen rannen ihm übers Gesicht, obwohl sein Antlitz ganz ruhig war.
"Weißt Du auch, was Du getan hast?" Und seine Augen schmetterten sie zu Boden. Sie antwortete nicht—nicht einmal mit Tränen, Ohnmacht—völlige, hoffnungslose Ohnmacht lähmte sie. "Einmal in meinem Leben habe ich meine Seele hingegeben, und er, dem ich sie gab, starb durch meine Schuld. Aus diesem Schmerz konnte nichts mich wieder aufrichten als ein Menschenkind, das mir ganz gehörte und mir eine ganze Seele zurückgab. Das hast Du getan,—und hast es zum Schein getan!" Er hielt inne. Ein paarmal versuchte er vergebens wieder anzusetzen; dann fuhr er mit plötzlichem Ausdruck des Schmerzes fort: "Und Du konntest es übers Herz bringen, alles, was ich in diesen langen Jahren, Gedanken für Gedanken, aufgebaut habe, niederzureißen, als sei es ein Bild von Ton! Kind, Kind! konntest Du nicht verstehen, daß ich in Dir mich selbst wieder aufrichtete? Jetzt ist es vorbei!" Er versuchte seinen Schmerz zu beherrschen.
"Nein, Du bist zu jung, um es zu fassen," begann er wieder. "Du weißt nicht, was Du getan hast.—Aber daß Du mich betrogen hast, das mußt Du doch verstehen.—Sag' mir, was hab' ich Dir getan, daß Du etwas so Grausames fertig bringen konntest? Kind, Kind! Hättest Du es mir wenigstens gestern gesagt! Warum—warum hast Du mich so fürchterlich belogen?"