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Gesammelte Werke in fünf Bänden — 1. Band

AN BERGEN

Max Bamberger translation

Wie du dasitzt stumm, Hochgebirg ringsum, Meer um deinen Fuß und vor dir deine Schären, Sinnest du wohl auf Saga, deren Lauf Noch einmal die Welt erstaunen soll!

Stadt, dir selber treu, Bergen, "niemals neu", Unverwüstlich, echt, wie deines Holberg Laune. Vormals Königswacht, Später Handelsmacht, Sitz sodann des ersten Freiheittings!

Wie die Sonne oft Hell und unverhofft Deinen Dunst durchbrach und deine Regenschleier, Kamst du uns mit Rat Oder rascher Tat, Wann uns Nacht am dunkelsten umfing.

Tief aus Volkesgrund, Witzig, kerngesund, Sproßten da Gedanken, stand uns eine Kunst auf, Trotzig, blaugeäugt, An der Brust gesäugt Deiner düstern, mächtigen Natur.

Deine Berge kahl Malte unser Dahl, Träumend wandelte an deinem Strand Welhaven, Und auf deiner Flut Kreuzte hochgemut Ole Bull vor Flaggen aller Welt.

Deine Nordsee wacht Treulich deiner Macht, Und durch deine blauen Fjorde, wie durch Adern, Strömst du Glück in dein Nordisch Land hinein,— Stadt durch Vorzeit reich, an Zukunft reich!

P.A. MUNCH [Symbol: gestorben]

(1863)

Viele Formen hat das Große. Er, der von uns ging, er trug es, Wie wir einen Zweifel tragen, Der den Schlaf uns raubt, doch endlich Offenbarung uns gewähret,— Wie ein höheres Sehvermögen Leidend über Unsichtbares,— Einen Flug durch schwere Arbeit Vom Gedachten zum Gewissen, Vom Gewissen zum Geahnten, Der in ruhelosem Drängen, Gotterfüllt und ewig wechselnd Unsre Welt im Sturm durchkreuzet, Ihrer Zweifel und Gedanken Last ihr von den Schultern nehmend, Und sie abwirft, und sie aufhebt, Nimmer matt—doch ewig rastlos.

Still! Nur ein einziger Zufluchtsort Wußte ihn sanft zu versöhnen: Seiner Familie lichtmilder Hort, Schmeichelnd in Farben und Tönen.

Spann ihn sein Weib mit dem Zauberspiel Unter der Birken Schleier Mitten in duftender Blumen Gewühl Ein in des Walddomes Feier,—

Kamen die Töchter dann lieblich und leis In ihrer Unschuld Klarheit, Fächelten Kühlung der Stirne heiß, Sprachen von kindlicher Wahrheit,—

War er bald mitten in Spiel und Lied Zärtlich von Tönen umfangen, Wolken zerrannen, und hoch im Zenit Jubelnd Millionen sangen.

Doch wie in des Herbstes stiller, Traumhaft schwerer Abenddämmrung Wetterleuchten die Gedanken Schreckhaft auf Gewitter lenket,— Oder wie ein Schlag im Boote, Das in stiller zarter Mainacht Schläfrig zwischen Felsen gleitet,— Nur ein einziges leises Plätschern,— Doch das Echo jagt es weiter, Jagt's von Fels zu Fels, die Drossel Flattert auf, es kreischt das Birkhuhn, Lauschend hebt das Reh sein Köpfchen, Steine rollen, wach wird alles: Hunde heulen, Glocken gellen, Weckend all des Tages Lärmen,— Also könnt' ihm ein Erinnern, Daunweich nur im Spiel gefallen, Wecken der Gedanken Heerschar.

Und dann jagte es durchs Weltall, Und dann flammt's in seiner Seele, Doch es ward zu Licht für andre.

Rassenursprung, Wortverzweigung, Namenquell, Gesetzverwandtschaft, Groß und Klein in gleichen Qualen, Gleichen Zweifeln jagt zum Ziele. Wo nur Steine andre sahen, Sah er's glitzern, sah er's funkeln, Sprengte er den Schacht zum Bergwerk. Und wo andre vor dem sichern Funde des Jahrhunderts standen, Griff ihn Zweifel, und er wühlte Tag und Nächte bis zum Grunde, Grub—und sah den Fund versinken.

Doch es ließ sein rastlos Wollen, Das so vielen Kraft gespendet, Oftmals übers Ziel ihn schießen. Klarheit, die er ändern schenkte, Trog ihn selbst als neue Ahnung.

Darum: wo er schon gewesen, Kehrte er nur ungern wieder. Stoff so oft wie Arbeit wechselnd, Floh er vor dem eignen Denken. Das Gedachte aber hielt ihn, Folgte, wuchs gleich einem Brande, In Brasiliens Wald geschleudert, Prasselnd vor der Windsbraut fliehend. Wo kein Menschenfuß gegangen, Fraß sich's Weg für Millionen.

Nordens Reich streckt seinen Busen In des Eismeers frostige Nebel, Finsternis der Wintermonde Lastet schwer auf Meer und Bergen. Und den Landen gleich, erstreckt sich Auch des Volkes tiefste Wurzel Weit hinein in Nacht und Nebel. Doch wie durch die Nacht ein Leuchtturm, Doch wie Nordlicht durch Polarnacht Blinkte leuchtend sein Gedanke. Zärtlich wie nach seines Vaters Angedenken frug er eifrig, Forschend nach des Volkes Wegen. Namen, Gräber, rostige Waffen, Steine brachten ihm die Antwort. Über Asiens Urwaldberge, Wüstensand und öde Steppen Sah er Karawanenspuren Unterm Moder von Äonen Heimatsuchend nordwärts deuten. Wie einst sie den Flüssen folgten, Folgte ihnen all sein Denken, Das so reich ins Weltall strömte.—

Sieh, es war ja nur Versöhnung, Was sein rastlos Schaffen wollte, Doch die fand er nicht;—statt dessen Fand er neue Wunderdinge, —Ganz wie jene Alchymisten, Die im Suchen nach dem Golde Zwar nicht Gold, doch Kräfte fanden, Die noch heut die Welt bewegen.

Tief im Grunde barg sein Wesen Eine Kraft des Gegensatzes, So daß Töne, angeschlagen Von des Nordens hehrer Saga, Mild harmonisch weiterklangen In der Sehnsucht nach dem Süden. Und es war des Auges Flamme, Des Gedankens Blitz verwandt dem Feuer des Improvisators In dem heißen Land der Trauben. Und sein leichter Stimmungswechsel Und der Feuergeist, der Frondienst Tat den lieben langen Winter, Doch die Frucht oft spielend wegwarf,— Jener unermessene Reichtum, Drin Gedanken, Launen, Töne, Leid und Wonne, Ernst und Frohsinn Unaufhörlich glitzernd spielten,— Das war wie ein Tag im Süden.

Eine Reise war sein Leben Unaufhaltsam drum gen Süden, Durch das Nebelland des Ahnens, Aus dem Dunkeln in das Klare, Aus dem Kalten in das Warme,— Und sein Wirken war die Brücke Über Berg und Meeresströmung.

——O, und dann des Glückes Stunde, Da mit Weib und Spielgefährten, Seinen kindlich frischen Töchtern, Er dort stand, wo Abendsonne Kapitol und Forum grüßte,— Wo aus tiefem Grund der Weltstadt Weisheit und Erkenntnis sprudeln;—- Wo jetzt Klarheit, ätherreine, Die Jahrtausende erleuchtet, Die zur Ruhe hier gegangen;— Wo dem Forscher aus dem Norden War, als sei er allzulange Irr im Nebel nur gerudert Auf den tiefen, breiten Fjorden;— Stand, wo Tote ihre Gräber Sprengen und als Zeugen schreiten In der schweren Marmortoga; Wo die Göttinnen von Delos In die Freskensäle tanzen Wie einst vor zweitausend Jahren;— Wo der Erde wachsend Werden Pantheon und Kolosseum Stolz in ihrem Schoße bargen;— Wo ein Hermes dort am Eckstein Cato würdig schreiten sah als Pontifex im Priesterzuge,— Nero als Apollon schaute, Opferrauchumhüllten Wahnes,— Gregor schaute, zornig reitend Als der Geisterscharen Herrscher Über alle Erdenreiche,— Cola di Rienzi schaute, Huldigend der Freiheitsgöttin Bei des Römervolkes Jauchzen,— Sah der Kirche Geistesfürsten, Leo, sich statt Christus wählen Aristoteles und Plato;— Sah dann die katholische Kirche Stärkre Zeiten neu errichten, Bis der Franzmann sie zertrümmert, Und Natur zur Gottheit wurde,— Sah aufs neu' die alten Frommen Dann in Prozessionen wallen Mit dem Lamm als Weltbeherrscher!— All das sah der kleine Hermes Dort am Eckstein hinterm Tempel, Und es sah der nordische Weise Ihn und seine Visionen.—

—Ja, als er in der Geschichte Hehrer Klarheit Rom erblickte, Und sein Auge sinnend streifte Abendsonnumflammte Höhen,— Flossen seiner Sehnsucht Strahlen Über in entzückte Ahnung. Und—er sah in eine Kirche, Größer als der Dom des Weltalls, Und ein Friede sank hernieder, Über alles Jetzt erhaben.—

Und als er zum zweiten Male Dorthin kam, durch langer Tage Müh' und Fleiß—als gält's Erlösung,— Da ging Gott ihm selbst entgegen, Führte ihn hinauf und sagte: "Friede mit dir, du bist Sieger!"

Doch zu uns, die klagen wollten, Wandte Gott sich um und sagte: "Wenn ich rufe, wer darf sagen, Der Berufne sei nicht fertig?"

Er, der stirbt, er war hier fertig! Sieh, das glauben wir im Schmerze. Und daß Er, der allen Forschern Jene Ruhelosigkeit gegeben (Die Kolumbus trieb und Newton), Weiß, wann Ruhe kommen soll.

Aber jenen Geistesscharen, Die verklärt zur Heimat wallen, Blicken starr wir nach und fragen: Wer soll abermals sie sammeln?

Denn, wenn er den Kriegspfeil schnitzte, Strömten sie von allen Ländern: Schweden, Dänemark und England Und von Frankreich her zusammen; Übers Meer die Schiffe flogen Seinem Banner rasch entgegen.

Die gewaltige Königsflotte Lag vor Anker hier am Strande, Und es ward uns zur Gewohnheit, Sie zu sehn und zu befragen Nach Eroberung und Fahrten.

Was sie uns gewann, bleibt ewig. Doch sie selbst darf nun zur Heimat. Fest vereint, sehn wir entschwinden Überm Meer das letzte Segel, Wenden uns und fragen leise: Wer wird abermals sie sammeln?

KOENIG FRIEDRICH DER SIEBENTE [Symbol: gestorben]

(1863)

Nun schied unserm König ein wahrer Freund! Und es senkt bei dem Schlag Sein Banner der Norden und folgt vereint Am Begräbnistag. Doch, Dänemark! dein sind die tiefsten Schmerzen: Nun brach dir das wärmste, das größte der Herzen, Nun brach deine beste Landesfeste, Nun dehnt sich ein Schrei ob des Königs Tod Wie aus tiefster Not!

Ihn, der geboren zu Dänemarks Glück, Traf des Todes Los. Jung stießen sie ihn vom Hofe zurück— In des Volkes Schoß. Da gedieh er gut und ward eins mit den Scharen Der Bauern, Matrosen in Lust und Gefahren. Selbst hat ihm das Leben Die Schule gegeben—: Als fertig die Schlinge für Dänemark,— War er lebensstark.

Schnell zeigte sein Geist sich bauerndumm, Wo ein Kniff sich fand; Der Verräter feinste List schlug um Vor dem schlichten Verstand. Er kannte ja nur des Volkes Gedanken, Drum gab er ihm Freiheit sonder Schranken; Dem Ganzen war hold er— Nicht teilen wollt' er, Und hielt eine Rede, nur kurz, die hieß: "Nicht geschehn wird dies!"

Ein Matrose am Steuer beim Ansturm vom Meer Standfest und klar! Größeres Lob war nicht sein Begehr. Wir bringen's ihm dar! Stracks dreht' er das Schiff gen Nordensrunde, Dem wahren, sicheren Ankergrunde;— Rings sprach im Reiche Bald jeder das gleiche: "So dumm ist der wohl nimmer; seht, Wie trefflich es geht."

Auf Deck rief er eben die Männer all: Sturmsegel gesetzt! "Land", klang es vom Mast beim Wogenprall Jetzt, eben jetzt,— Da entglitt das Steuer den treuen Händen, Tot sank er hin—das Schiff will wenden… Wenden? Nimmer! Sein Kurs bleibt immer; Ihr kennt ihn, Dänen, Mann für Mann,— Sein Kurs heißt: Voran!

In Reih' und Glied allzeit bereit, Als Wahlspruch er kor. Wie ragt' er in ehrlicher Tatkraft weit Den andern vor. Sie ernten die Frucht: geübte Soldaten, Stehn alle, so treu, so erprobt in Taten! Das Schiff kann nicht schlingern: In vielen Fingern Liegt fest das Steuer geborgen an Bord; Hurra gen Nord!

Nichts andres bleibt jetzt in der Zeiten Drang: Ausharren voll Pflicht, Wachthalten im Dunkel, nicht blaß, nicht bang,— Gott ist unser Licht! Hier ist's dumpf, ist es still, drückt die Sehnsucht nieder, Lauscht jeder halb atemlos wieder und wieder,— Hier sind Wartezeiten,—— Bis die Himmelsweiten Rosig erhellt uns künden: es naht Der Tag zur Tat!

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