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Gesammelte Werke in fünf Bänden — 1. Band

DAS FISCHERMÄDEL (continued 2)

Max Bamberger translation

Sie hörte alles, und alles, was er sagte, war Wahrheit.—Er war nach einem Stuhl am Fenster geschwankt, um seinen Kopf auf den Tisch daneben stützen zu können. Dann stand er wieder auf; es schluchzte in ihm vor Schmerz, und wieder setzte er sich nieder, ganz still. "Und ich, der nicht einmal dazu gut ist, seinem alten Vater zu helfen!" flüsterte er vor sich hin. "Ich kann nicht, ich fühle in mir nicht den Beruf dazu! Darum soll auch mir niemand helfen. Alles soll mir unter den Händen zerbrechen, alles."—Er konnte nicht mehr; sein Haupt sank in seine rechte Hand; die linke hing schlaff herab; er sah aus, als könne er sich überhaupt nicht mehr rühren. Und so blieb er sitzen, ohne ein Wort zu sagen. Da fühlte er etwas Warmes auf seiner herabhängenden Hand. Erschrocken fuhr er zusammen; es war Petras Atem. Sie lag mit gesenktem Kopf neben ihm auf den Knien; jetzt faltete sie die Hände und sah mit einer unbeschreiblichen Gebärde, die um Barmherzigkeit flehte, zu ihm empor. Er blickte zu ihr nieder; keins wandte den Blick ab. Da hob er wie abwehrend die Hand gegen sie, als fühle er bei diesem Blick in seinem Innern eine Stimme der Überzeugung, der er nicht Gehör schenken wollte, und jäh, heftig bückte er sich nach seinem Hut, der zu Boden gefallen war, und eilte zur Tür. Aber noch schneller vertrat sie ihm den Weg, warf sich nieder, umklammerte seine Knie und bohrte ihre Augen in seine—alles ohne einen Laut; aber er sah und fühlte, sie kämpfe um ihr Leben. Da wurde die alte Liebe zu mächtig in ihm; noch einmal sah er sie an mit einem vollen, schmerzlichen Blick, noch einmal umfaßte er mit beiden Händen ihr Haupt. Aber in seiner Brust schluchzte und sang es wie in der Orgel nach dem letzten Zug der Register, wenn nur noch Luft, aber kein Ton mehr in ihr ist. Dann zog er seine Hände zurück und zwar in einer Weise, daß sie fühlen mußte, was er dabei dachte: es war für immer. "Nein, nein!—Du kannst Dich hingeben; aber Du kannst nicht lieben!" Es überwältigte ihn. "Unglückliches Kind, Deine Zukunft kann ich nicht schützen! Gott verzeih Dir, daß Du meine vernichtet hast!" Er ging an ihr vorbei, sie rührte sich nicht. Er öffnete die Tür und schloß sie; sie blieb stumm,—sie hörte ihn die Treppe hinuntergehen, sie hörte seine letzten Schritte auf der Haustreppe, auf dem Wege—da brach der Bann. Sie stieß einen Schrei aus, einen einzigen;—aber darauf eilte die Mutter herbei.

Als Petra wieder zu sich kam, fand sie sich in ihrem Bett, entkleidet und wohl verwahrt; und vor ihr saß die Mutter, die Arme auf die Knie gestemmt, den Kopf in beide Hände gestützt und die Glutaugen fest auf die Tochter gerichtet. "Hast Du jetzt genug bei ihm studiert?" fragte sie. "Hast Du jetzt was gelernt… Was soll denn nun aus Dir werden, he?"—Petras Antwort war ein Strom von Tränen. Lange, sehr lange saß die Mutter da und hörte das Weinen mit an; dann sagte sie—seltsam feierlich: "Gott der Herr verdamme ihn!"—Petra fuhr auf. "Mutter, Mutter! Nicht ihn, nicht ihn! Mich, mich—nicht ihn!"—"Oh, ich kenn' das Pack! Ich weiß schon, wer's verdient!"—"Nein, Mutter! er ist betrogen—betrogen durch mich—ich, ich hab' ihn betrogen!" Und hastig und schluchzend erzählte sie alles. Keinen Augenblick durfte ein Verdacht auf ihm ruhen! Sie erzählte von Gunnar, was sie von ihm verlangt hatte, ohne es zu verstehen, von Yngve Volds Unglückskette, in der sie sich verfangen hatte, zuletzt von Ödegaard, und wie sie bei seinem Anblick alles andere vergessen hatte. Sie begriff auch jetzt noch nicht, wie es zugegangen war; aber daß sie eine ungeheure Sünde begangen habe an allen dreien, und vor allem an ihm, der sie zu sich emporgezogen und ihr alles gegeben hatte, was ein Mensch dem andern geben kann, das begriff sie. Nachdem die Mutter lange schweigend dagesessen hatte, sagte sie: "Und an mir hast Du Dich nicht versündigt? Wo bin denn ich die ganze Zeit gewesen, daß Du mir kein Sterbenswort von alledem gesagt hast?"—"Oh, Mutter, hilf mir! Sei nicht hart gegen mich jetzt! Ich fühle ja, daß ich mein ganzes Leben lang dafür büßen muß; aber ich will Gott auch bitten, daß er mich bald sterben läßt!—Lieber, lieber Gott!" fing sie sofort an und hob die gefalteten Hände zum Himmel, "lieber, lieber Gott, erhöre mich! Ich hab' mein Leben zerstört; es hat für mich keinen Reiz mehr,—ich bin nicht fürs Leben geschaffen—ich versteh' das Leben nicht. Lieber Gott, darum laß mich sterben!" Es lag eine so ergreifende Innigkeit in diesem Gebet, daß Gunlaug die harten Worte, die ihr schon auf der Zunge lagen, hinunterschluckte. Sie legte ihre Hand auf den zum Gebet erhobenen Arm des Mädchens und drückte ihn hernieder. "Mäßige Dich, Kind! Man soll Gott nicht versuchen. Wir müssen leben, vielleicht gerade weil's uns hart ankommt!"—Dann stand sie auf, und von Stund an setzte sie ihren Fuß nicht mehr in die Giebelstube.

Ödegaard war schwer erkrankt, und die Krankheit drohte eine gefährliche Wendung zu nehmen. Während dieser Zeit zog der alte Vater zu seinem Sohn hinauf und richtete sich sein Studierzimmer unmittelbar neben dem Krankenzimmer ein. Wer ihn bat, sich zu schonen, erhielt immer dieselbe Antwort; er könne nicht; seine Pflicht sei, über seinen Sohn zu wachen, so oft dieser Sohn einen verloren habe, den er mehr geliebt habe als den Vater.

So standen die Dinge, als Gunnar zurückkehrte.

Seiner Mutter jagte er einen Todschrecken ein, als sie ihn plötzlich vor sich sah, lange eh das Schiff, auf dem er fuhr, angekommen war; sie glaubte, es sei sein Geist. Und nicht viel anders erging es seinen Bekannten. Auf alle verwunderten Fragen gab er nur kurzen Bescheid. Bald jedoch wußte man mehr als genug. Denn noch am selben Tag, an dem er zurückgekehrt war, wurde er bei Gunlaug zum Haus hinausgeworfen, und zwar von ihr eigenhändig. Von der Treppe aus schrie sie ihm nach, daß es durch den ganzen Hohlweg dröhnte: "Daß Du Dich hier nicht wieder blicken läßt! Von der Sorte haben wir genug!" Er war noch nicht weit gegangen, als ein Mädchen mit einem Paket hinter ihm drein gerannt kam. Das Mädchen hatte noch ein zweites Paket mit und gab ihm das falsche; und so kam es, daß Gunnar im Paket eine dicke goldene Kette fand. Er blieb stehen, wog die Kette in der Hand und betrachtete sie. War ihm Gunlaugs Wut schon vorhin rätselhaft erschienen—daß sie ihm jetzt eine goldene Kette nachschickte, das war ihm noch unbegreiflicher. Er rief das Mädchen zurück; sie müsse sich geirrt haben. Jetzt gab sie ihm das andere Paket und fragte, ob das vielleicht das richtige sei. Und wirklich—das Paket enthielt seine Geschenke für Petra.——Ja, das sei das richtige. Aber wem sie denn das andere, das mit der goldenen Kette, bringen solle? "Dem jungen Herrn Vold!" erwiderte das Mädchen und ging. Gunnar blieb zurück und dachte nach. "Der junge Vold? Macht der ihr Geschenke? Also der hat sie mir gestohlen,—Yngve Vold,—na, dem will ich—!" Seine Spannung, seine Erbitterung mußte sich Luft machen,—irgend etwas mußte er zerschlagen.—Also—Yngve Vold.

Und zum zweitenmal wurde der unglückselige Fischhändler höchst unerwartet attakiert, und zwar auf seiner eigenen Haustreppe. Er flüchtete vor dem Wahnwitzigen ins Kontor, aber Gunnar setzte ihm nach. Sämtliche Kontoristen fielen über den Ruhestörer her; der schlug und wehrte sich nach allen Seiten. Stühle, Tische, Pulte wurden über den Haufen geworfen; Briefe, Rechnungen, Zeitungen stoben nur so durch die Luft. Schließlich rückten—von Yngve Volds Warenschuppen her—Hilfstruppen an, und Gunnar wurde, nach heißem Kampf, auf die Straße befördert. Aber da ging es erst recht los. Im Hafen lagen gerade zwei Schiffe—ein ausländisches und ein einheimisches. Es war gerade Mittagspause, und die Matrosen nahmen diesen Jux nur zu gern mit. Sofort war die Rauferei in schönstem Gange, Mannschaft gegen Mannschaft, Ausländer gegen Einheimische. Neue Truppen wurden herbeibeordert und zogen in Sturmschritt heran; Arbeiter schlenderten herbei, alte Weiber, Gassenjugend; schließlich wußte kein Mensch mehr, weshalb oder mit wem man raufte. Vergebens fluchten die Schiffer, vergebens befahlen ehrsame Bürger, den einzigen Polizeidiener des Städtchens herbeizuholen; der lag just in aller Gemütsruhe draußen auf dem Fjord und fischte. Man lief zum Stadtschultheiß; aber der war zugleich Postmeister, hatte sich gerade mit der neuesten Briefpost in seinem Bureau eingeschlossen und rief zum Fenster heraus, er könne nicht fort, sein Gehilfe sei bei einem Begräbnis; sie müßten warten. Da man aber mit dem gegenseitigen Totschlagen unmöglich warten konnte, bis die Post sortiert war, so schrien einige, vor allem ein paar geängstigte Weiber, man solle den Grobschmied Arne holen. Dem stimmten die ehrsamen Bürger zu, und seine eigene Frau lief, ihn zu holen, "weil die Polizei nicht daheim sei." Er kam—zum Jubel der Schuljugend—, fuhr ein paarmal in den Knäuel hinein, langte sich einen gelenkigen Spanier heraus und hämmerte mit dem nach rechts und links auf die andern los.

Als alles vorbei war, kam der Stadtschultheiß mit seinem Spazierstock. Er fand noch ein paar alte Weiber und Kinder auf der Walstatt. Diesen gebot er mit gestrenger Miene, nach Hause zu gehen zum Mittagessen—was er selbst ebenfalls tat.

Am Tag darauf begann er ein Verhör anzustellen; das dauerte eine geraume Zeit, obwohl kein Mensch auch nur eine Ahnung davon hatte, wer eigentlich gerauft hatte. Bloß darin stimmten alle Aussagen überein—Arne, der Grobschmied, war dabei gewesen; alle hatten sie ihn mit dem Spanier auf die andern loshauen sehen. Also wurde über diesen Arne eine Strafe von einem Speziestaler verhängt, wofür seine Frau, die ihn in den Handel verwickelt hatte, die Prügel einheimste. Am elften Sonntag nach Trinitatis. Sie hatte Ursache, an den Tag zu denken! Das war die einzige gerichtliche Folge, die die Rauferei hatte.

Aber sie hatte andere. Die kleine Stadt war keine stille Stadt mehr; das Fischermädel hatte sie in Aufruhr versetzt. Die seltsamsten Gerüchte liefen um. Zunächst war es eifersüchtiger Groll, daß sie den klügsten Kopf der Stadt und die beiden besten Partien an sich gelockt und außerdem noch "mehrere" in petto hatte; denn aus Gunnar wurden im Handumdrehen "mehrere junge Männer". Bald aber erhob sich ein allgemeiner Sturm sittlicher Entrüstung. Die ganze Schande, an einer großen Straßenrauferei schuld zu sein und über drei der besten Familien der Stadt Kummer gebracht zu haben, lastete auf dem jungen Mädchen, das vor kaum einem halben Jahr eingesegnet worden war. Drei Verlobungen auf einmal,—und die eine obendrein mit ihrem Lehrer, ihrem Wohltäter, dem sie alles verdankte—nein! Das brachte die Empörung zum Überlaufen! War sie nicht von kindauf ein Ärgernis gewesen für die Stadt? Hatte man nicht trotzdem,—als Ödegaard sich ihrer angenommen hatte, die schönsten Erwartungen auf sie gesetzt? Und hatte sie nicht alle Leute zum Besten gehabt, ihn zugrunde gerichtet und sich, ihrer zügellosen Natur folgend, rückhaltlos einem Leben in die Arme geworfen, das sie zu einem Abschaum der Menschheit machen und am Ende ins Zuchthaus bringen mußte? Die Mutter war selbstverständlich mitschuldig—in ihrer Matrosenkneipe hatte das Kind den Leichtsinn gelernt! Aber man werde das Joch, das Gunlaug der Stadt aufbürdete, nicht länger tragen, man werde sie nicht länger unter sich dulden, weder Mutter, noch Tochter. Und so kam man überein—sie aus der Stadt zu jagen.

Eines schönen Abends versammelten sich Matrosen, die Gunlaug Geld schuldig waren, versoffene Arbeiter, denen sie keinen Dienst verschaffen wollte, junge Bursche, denen sie nichts borgen mochte, oben vor ihrem Hause—angeführt von Bürgern der "besseren" Stände. Sie pfiffen, sie heulten, sie brüllten nach dem "Fischermädel", nach der "Fischer-Gunlaug". Bald flog ein Stein gegen die Haustür; dann ein zweiter oben durchs Giebelfenster. Erst nach Mitternacht verlief sich die Rotte. Hinter den Fenstern war alles dunkel und still.

Am nächsten Tag ließ sich bei Gunlaug kein Mensch blicken. Nicht einmal ein Kind ging mehr am Berghang vorbei. Doch abends derselbe Auflauf; nur daß heute alle mittaten, ohne Unterschied. Sie trampelten alles nieder, sie zertrümmerten die Fenster, sie rissen den Gartenzaun um und knickten die jungen Obstbäume ab, und dabei sangen sie:

Mutter, ich hab' einen Seemann gefischt! "So, hast du das?" Mutter, ich hab' einen Kaufmann erwischt! "Ja, hast du das?" Mutter, ein Geistlicher sitzt an der Schnur. "Lang' ihn dir nur!"— O kling und klang, Die Nase wird lang! Die großen Fische beißen fruchtlos an, Wenn in das Boot man sie nicht ziehen kann.

Mutter, der Seemann, der hat sich gedrückt! "Ja, hat er das?" Mutter, der Kaufmann ist ausgerückt! "So, ist er das?" Mutter, nun will auch der Geistliche fliehn! "Lange dir ihn!" O kling und klang, Die Nase wird lang! Die großen Fische beißen fruchtlos an, Wenn in das Boot man sie nicht ziehen kann.

Besonders laut schrien sie nach Gunlaug. Gar zu sehr hätte man sich gefreut, sie toben zu hören in ihrer ohnmächtigen Wut.

Gunlaug saß drinnen und hörte jedes Wort; aber sie blieb stumm. Man muß schon etwas dulden können für sein Kind.

Sechstes Kapitel

Den ersten Abend, als das Schreien, Pfeifen und Johlen anfing, war Petra auf ihrem Zimmer. Sie flog auf, als stände das Haus in Flammen, oder als wolle alles über ihr zusammenbrechen. Wie von glühenden Ruten gepeitscht, lief sie in ihrem Zimmer umher. In ihrer Seele schmerzte und brannte es, ihre Gedanken jagten nach einem Ausweg. Aber zur Mutter hinunter traute sie sich nicht, und draußen, vor ihrem Fenster, standen sie! Ein Stein kam durchs Fenster gesaust und fiel auf ihr Bett. Sie stieß einen Schrei aus, lief in den Winkel hinter die Gardine und verkroch sich zwischen ihren alten Kleidern. Da hockte sie, zusammengekauert, flammend vor Scham, zitternd vor Furcht. Bilder voll unerhörten Entsetzens jagten an ihr vorüber, die Luft war voll wimmelnder Gesichter—gaffender, grinsender Gesichter! Ganz nah kamen sie;—Feuer regnete es rings um sie—Hu! es war gar kein Feuer, Augen waren es—überall regnete es Augen, große glühende, kleine sprühende Augen, die reglos glotzten, Augen, die unablässig rollten,—Herr Jesus, Herr Jesus, erbarme Dich!—

Oh, welch ein Aufatmen, als die letzten Schreie in der Nacht erstarben und alles ganz still wurde und ganz dunkel. Sie wagte sich hervor; sie warf sich auf ihr Bett und vergrub den Kopf in die Kissen; doch die Gedanken wollten nicht weichen. Sie sah die Mutter drohend, ungeheuerlich, wie ein Sturmgewölk, das sich über den Bergen zusammenballt;—denn, was mußte die Mutter nicht erdulden—um ihretwillen! Kein Schlaf kam in ihre Augen, kein Friede in ihre Seele. Der Tag dämmerte herauf. Linderung brachte er ihr nicht. Auf und ab wanderte sie, auf und ab, und dachte bloß daran, wie sie fliehen könne. Aber sie traute sich der Mutter nicht unter die Augen; hinaus traute sie sich auch nicht, solang es Tag war, und mit dem Abend kamen sie jedenfalls wieder! Trotzdem mußte sie warten; denn vor Mitternacht zu fliehen, war noch gefährlicher. Und überhaupt—wohin? Sie hatte kein Geld, sie wußte keinen Weg.—Aber irgendwo mußte es doch barmherzige Menschen geben, wie es einen barmherzigen Gott gab! Er wußte—was sie auch verbrochen hatte—Schlechtigkeit war es nicht gewesen. Er kannte ihre Reue, er kannte auch ihre Hilflosigkeit! Sie horchte auf den Schritt der Mutter drunten; aber sie hörte nichts; sie zitterte, daß sie die Treppe heraufkommen könne; aber sie kam nicht. Das Dienstmädchen mußte wohl davongelaufen sein; denn niemand brachte ihr das Essen herauf. Sie selbst wagte sich nicht hinunter, nicht einmal ans Fenster; draußen konnte ja einer stehen und ihr auflauern. Durch das zertrümmerte Fenster zog es kalt herein, besonders als es wieder Abend wurde. Sie hatte sich ein kleines Bündel mit Kleidungsstücken zusammengeschnürt und sich warm angezogen, um bereit zu sein. Aber erst mußte sie den wütenden Haufen abwarten und über sich ergehen lassen, was kommen mochte.

Richtig, da waren sie wieder! Pfeifen, Gejohle, Steinewerfen—schlimmer, viel schlimmer als am Abend vorher! Sie verkroch sich in ihren Winkel, faltete die Hände und betete, betete! Wenn bloß die Mutter nicht zu ihnen hinausginge! Wenn sie bloß nicht das Haus stürmten! Jetzt fingen sie zu singen an; es war ein Schmählied; und obwohl jedes Wort ihr wie ein Messer ins Herz schnitt, mußte sie doch zuhören, lauschen! Aber als sie hörte, daß sie die schamlose Ungerechtigkeit hatten, auch die Mutter mit zu beschimpfen, da sprang sie auf, da stürzte sie hervor; sie wollte zu dem feigen Gesindel reden, wollte sich auf sie herabstürzen; aber da kam ein Stein und noch einer und dann ein ganzer Hagel von Steinen durchs Fenster geflogen; die Glassplitter stoben, die Steine sausten im Zimmer herum, und sie kroch wieder in ihren Winkel. Der Schweiß brach ihr aus, als säße sie in der glühendsten Sonne; aber sie weinte nicht, sie fürchtete sich auch nicht mehr.

Allmählich legte sich der Lärm. Sie wagte sich hervor, und als sie nichts mehr hörte, wollte sie ans Fenster und nachsehen. Aber sie trat überall auf Glasscherben, und ging deshalb wieder zurück. Dabei trat sie wieder auf Steine; so blieb sie stehen, um nicht gehört zu werden; denn nun galt es, sich fortzuschleichen. Nachdem sie noch eine gute halbe Stunde gewartet hatte, zog sie ihre Schuhe aus, ergriff ihr Bündel und öffnete leise die Tür. Wieder wartete sie etwa fünf Minuten und schlich dann still die Treppe hinunter. Es tat ihr weh, die Mutter, der sie solchen Kummer bereitet hatte, nun auch noch ohne Abschied verlassen zu müssen; aber das Entsetzen peitschte sie vorwärts. "Leb' wohl, Mutter! Leb' wohl, Mutter!" flüsterte sie bei jedem Schritt, den sie auf der Treppe machte, vor sich hin. "Leb' wohl, Mutter!" Jetzt war sie unten. Sie holte ein paarmal schwer Atem und nun—zur Haustür! Da packte jemand sie von hinten am Arm. Sie stieß einen leichten Schrei aus und drehte sich um. Es war die Mutter. Gunlaug hatte oben die Tür gehen hören; augenblicklich begriff sie, was Petra vorhatte, und erwartete sie nun hier unten. Petra fühlte, sie werde ohne Kampf nicht an ihr vorüberkommen. Erklärungen nützten hier nichts; was für Worte sie auch finden werde, die Mutter würde ihr doch nicht glauben. Nun, so hieß es eben kämpfen! Schlimmer als das Schlimmste konnte ja in der Welt nichts sein, und das Schlimmste hatte sie hinter sich. "Wo willst Du hin?" fragte leise die Mutter. "Fort!" antwortete sie ebenso leise, mit klopfendem Herzen.—"Und wohin?"—"Ich weiß nicht—nur fort von hier!" Und sie drückte ihr Bündel fest an sich und tat einen Schritt vorwärts. "Komm mit!" versetzte die Mutter, die ihren Arm nicht losgelassen hatte; "ich habe schon für alles gesorgt."—Augenblicklich gab Petra nach, wie ein Mensch, der eine allzu schwere Last fallen läßt, und überließ sich der Mutter. Diese ging voran in ein kleines, fensterloses Kämmerchen hinter der Küche, wo Licht brannte; hier hatte sie versteckt gesessen, während die draußen lärmten. Der Verschlag war so eng, daß sie sich kaum darin umdrehen konnten. Die Mutter zog ein Bündel hervor, etwas kleiner als Petras, öffnete es und zog einen Matrosenanzug heraus. "Zieh das an!" flüsterte sie. Petra wußte sofort, weshalb sie das sollte; aber daß die Mutter es nicht in Worten aussprach, das rührte sie. Sie zog sich aus und legte den Matrosenanzug an, die Mutter half ihr, und als sie dabei dem Lichtkreis nahe genug kam, um ihr Gesicht deutlich sehen zu können, da sah Petra, daß Gunlaug alt war. War sie's in diesen letzten Tagen geworden, oder hatte Petra es nur vorher nicht gesehen? Die Tränen des Kindes flossen auf die Mutter hernieder, aber die Mutter blickte nicht auf, so daß sie kein Wort herausbrachte. Als letztes reichte die Mutter ihr einen Südwester, und als Petra ihn aufgesetzt hatte, nahm ihr die Mutter ihr Bündel ab, blies das Licht aus und flüsterte: "Jetzt komm!"

Wieder gingen sie durch den Flur, aber nicht zur Haustür; Gunlaug riegelte die Hoftür auf und schloß sie nachher wieder ab. Sie gingen durch den zerstampften Garten, über die ausgerissenen Bäume, den zertrümmerten Zaun. "Sieh Dich noch einmal um!" sagte die Mutter, "Du wirst schwerlich jemals wieder hierherkommen!"—Petra zuckte zusammen; sie sah sich nicht um. Sie gingen den oberen Weg, am Walde hin, da, wo sich ihr halbes Leben abgespielt, wo sie jenen Abend mit Gunnar, die Abende mit Yngve Vold und jenen letzten Abend mit Ödegaard verlebt hatte. Sie gingen durch fahles Laub, das der Herbst von den Bäumen gefegt hatte; die Nacht war kalt, und Petra fror in ihrer ungewohnten Kleidung. Jetzt bog die Mutter ab, auf einen Garten zu; Petra erkannte ihn augenblicklich, obwohl sie hier an seiner oberen Seite nicht wieder gewesen war seit jenem Tage, da sie ihn als Kind gestürmt hatte; es war Pedro Ohlsens Garten. Die Mutter hatte den Schlüssel dazu und schloß auf.

Es war Gunlaug nicht leicht gefallen, Ohlsen am Vormittag aufzusuchen; es fiel ihr auch jetzt nicht leicht, mit der unglücklichen Tochter zu ihm zu kommen, der sie selbst keine Heimat mehr zu bieten vermochte. Aber es mußte sein, und was sein mußte, das konnte Gunlaug. Sie klopfte an die Verandatür, und fast im selben Augenblick hörten sie Tritte und sahen Licht. Gleich darauf wurde geöffnet, und Pedro, blaß und angstvoll, stand im Reiseanzug und hohen Stiefeln vor ihnen. Er hielt ein Talglicht in der Hand; und als er Petras vom Weinen geschwollenes Gesicht erblickte, seufzte er. Sie sah zu ihm auf; aber da er sie nicht zu kennen wagte, so wagte auch sie nicht ihn zu kennen. "Der Mann da hat versprochen, Dir von hier fortzuhelfen", sagte die Mutter, wobei sie weder Petra noch Ohlsen ansah, sondern den beiden voran durch den Flur und in Pedros Zimmer auf der andern Seite des Hauses ging. Das Zimmer war klein und niedrig; eine eigentümlich dumpfe Luft schlug ihnen entgegen, die Petra ganz übel machte—seit mehr als vierundzwanzig Stunden hatte sie weder geschlafen noch gegessen. Von der Mitte der Decke hing ein Bauer mit einem Kanarienvogel. Man mußte im Bogen drum herumgehen, wollte man nicht daran stoßen. Die alten schweren Stühle, ein mächtiger Tisch, ein paar große Bauernschränke, die bis an die Decke reichten, drückten so auf das Zimmer, daß es noch niedriger erschien. Auf dem Tisch lagen Noten und eine Flöte. Pedro Ohlsen schlurfte in seinen großen Stiefeln geschäftig hin und her. Aus dem Hinterzimmer erklang eine schwache Stimme: "Wer ist da? Wer ist in der Stube?" worauf er noch eiliger umhertrappte und dabei murmelte: "Oh, es ist—hm, hm—es ist nur … hm, hm…" Darauf verschwand er in der Stube, aus der die Stimme gekommen war.

Gunlaug saß am Fenster, die Ellbogen auf die Knie gestemmt, den Kopf in die Hände gestützt, und starrte vor sich hin auf den Sand, mit dem der Fußboden bestreut war. Sie sprach kein Wort; aber von Zeit zu Zeit entrang sich ihrer Brust ein schwerer Seufzer. Petra lehnte an der Tür, die Beine dicht zusammengepreßt, beide Hände auf die Brust gedrückt; sie fühlte sich ganz krank. Eine alte Wanduhr hackte die Zeit in Stücke; das Talglicht auf dem Tisch tropfte mit langer Schnuppe. Die Mutter fühlte, sie müsse einen Grund für ihre Anwesenheit in diesem Haus angeben, und sagte: "Ich hab' diesen Mann mal früher gekannt."

Kein Wort weiter. Es kam auch keine Antwort. Pedro blieb noch immer fort. Das Talglicht tropfte, und die Uhr hackte. Die Übelkeit übermannte Petra mehr und mehr—und dazwischendurch summten unablässig die Worte der Mutter: "Ich hab' diesen Mann früher mal gekannt." Die Uhr griff es auf und fing an zu ticken: "Ich hab'—diesen Mann—mal früher—gekannt." So oft ihr später in ihrem Leben einmal eingeschlossene Luft entgegenschlug, stand ihr die Stube und ihre eigene Übelkeit und die Uhr mit ihrem: "Ich hab'—diesen Mann—mal früher—gekannt—" vor Augen. So oft ihr an Bord eines Dampfers der Ölgeruch, der Gestank des fauligen Meerwassers unter der Kajüte, der Dunst des Essens entgegendrang,—augenblicklich wurde sie seekrank, und durch die Seekrankheit hindurch hörte sie bei Tag und bei Nacht ticken: "Ich hab'—diesen Mann—mal früher—gekannt."

Als Pedro wieder eintrat, hatte er eine wollene Mütze auf und einen altmodischen steifen Mantel um, der ihm bis über die Ohren reichte. "Ja, also ich wär' fertig," sagte er und streifte sich Fäustlinge über, als solle er in den dicksten Winter hinaus. "Jetzt dürfen wir nicht vergessen, den Mantel für—für—" er wandte sich um—"den Mantel für—" Er blickte zu Petra hinüber und von ihr zu Gunlaug, die jetzt nach einem blauen Umhang griff, der über einem Stuhl hing, und ihn Petra umlegte. Petra jedoch—als sie ihn von nahem roch, empfand den eigentümlichen Dunst der Stube so heftig, daß sie bat, man möge sie an die frische Luft lassen. Die Mutter sah, daß ihr schlecht wurde, machte schnell die Tür auf und führte sie in den Garten hinaus. Hier sog sie in der kühlen Nacht die klare Herbstluft in langen, vollen Zügen ein.—"Wo soll ich hin?" fragte sie, als sie sich wieder etwas erholt hatte. "Nach Bergen!" erwiderte die Mutter und half ihr den Mantel zuknöpfen. "Das ist eine große Stadt, wo keiner Dich kennt." Als sie fertig war, stellte sie sich vor die Haustür. "Du kriegst hundert Taler mit," fuhr die Mutter fort; "so hast Du, wenn es irgendwie schief geht, einen Notpfennig. Der—der hier—borgt Dir das Geld," "—schenkt—schenkt—" flüsterte Pedro, der eben an ihnen vorbei auf die Straße heraustrat. "Borgt Dir das Geld," wiederholte die Mutter, als habe er nichts gesagt; "ich werd' es ihm zurückzahlen." Sie nahm ihr Halstuch ab, band es Petra um und sagte: "Sobald es Dir gut geht, schreibst Du. Eher nicht."—"Mutter!"—"Und jetzt bringt er Dich an Bord; das Schiff liegt draußen vor Anker."—"O Gott, Mutter!"—"So, das wäre wohl alles. Weiter gehe ich nicht mit."—"Mutter! Mutter!"—"Gott behüte Dich! Leb' wohl!"—"Mutter! Verzeih mir, Mutter!"—"Und erkälte Dich nicht auf dem Wasser!" Damit hatte sie Petra behutsam zur Gartenpforte hinausgeschoben und schloß jetzt hinter ihr zu.

Petra stand draußen und blickte auf die verschlossene Pforte. Sie fühlte sich so elend, so ausgestoßen, wie nur je ein Menschenkind sich fühlen kann. Und doch—gerade aus diesem Gefühl des Verstoßenseins, aus all dem Unrecht, den Tränen stieg eine Ahnung auf, ein Glaube; wie ein Flammenschein war es—, der aufglüht und wieder erlischt, hochaufsprühend in alle Lüfte und wieder in Asche gesunken; und doch—einen Augenblick lang alles sieghaft überstrahlend—. Sie hob die Augen. Und stand wieder im tiefen Dunkel.

Still—langsam—durch die öden Gassen der kleinen Stadt, vorbei an den ungastlichen, entblätterten Gärten, vorbei an den verschlossenen, erloschenen Häusern glitt sie dahin, hinter dem Mann, der in seinen großen Stiefeln und dem Mantel, vornübergeneigt, gewissermaßen ohne Kopf, voranstapfte. Sie kamen in die Allee, wieder schritten sie durch raschelndes Laub und sahen gespenstisch emporgereckte und verlangende Äste, die nach ihnen haschten. Sie krochen den Berg hinunter, zum gelben Schuppen, wo das Boot lag; er machte sich sofort daran, es auszuschöpfen; dann ruderte er sie hinaus, am Land entlang, das jetzt dalag zu einem schwarzen Klumpen geballt, auf den sich schwer der Himmel niedergesenkt hatte. Feld und Wald, Häuser und Hügel, alles war ausgelöscht. Nichts mehr erblickte sie von alledem, was sie von Kindheit an bis gestern Tag für Tag vor Augen gehabt hatte; alles hatte sich verschlossen—wie die Stadt; wie die Menschen sich vor ihr verschlossen, in der Nacht, da sie hinausgestoßen wurde; und kein Lebwohl begleitete sie.

Auf dem Schiff, das dicht am Strand vor Anker lag und auf die Morgenbrise wartete, ging ein Mann auf und ab. Sobald er die zwei unter den Dillen sah, ließ er die Schiffstreppe hinab, half ihnen an Bord und benachrichtigte den Kapitän, der sofort auf Deck kam. Petra kannte beide, und beide kannten sie; aber ohne eine Frage, ohne Mitleid, nur wie eine ganz alltägliche Sache wurde ihr gesagt, was gesagt werden mußte—wo ihre Koje sei, und was sie zu tun habe, wenn sie irgendetwas wünsche oder seekrank würde. Letzteres wurde sie auch fast augenblicklich, als sie in ihre Kabine trat, und sie ging darum, sobald sie sich umgekleidet hatte, wieder auf Deck. Da oben roch es—jawohl—nach Schokolade! Sie verspürte einen entsetzlichen Hunger; es bohrte, es zerrte geradezu in ihrem Magen, und da kam auch schon der Mann, der ihr an Bord geholfen hatte, mit einer großen Kanne aus der Schiffsküche; und dazu Kuchen! Ihre Mutter schicke ihr das, sagte er. Während sie aß und trank, berichtete er, die Mutter habe auch eine Kiste mit ihren besten Kleidern und mit leinenem und wollenem Unterzeug an Bord geschickt, auch Eßwaren und allerhand Leckereien. Und in diesem Augenblick stieg plötzlich die Erinnerung an die Mutter gewaltig in ihr auf—ein Bild, großzügig, wie sie es bisher noch nie empfunden hatte, das ihr aber von Stund an ihr Leben lang blieb. Und vor dem Bild, sicher und doch wehmutsvoll, eine Verheißung, ein Gebet, daß sie dereinst der Mutter all das Leid, das sie über sie gebracht hatte, mit ein klein bißchen Freude vergelten dürfe.

Pedro Ohlsen saß neben ihr, wo sie saß, und ging neben ihr, wo sie ging—stets eifrig darauf bedacht, ihr nie und nirgends im Weg zu sein, und darum fortwährend und überall im Weg auf dem mit Frachtstücken überfüllten Deck. Sie sah nichts von seinem Gesicht als die große Nase und die Augen, und nicht einmal diese deutlich; doch immer merkte man ihm an, daß er bedrückt wurde von etwas, das er gern sagen wollte, und doch nicht sagen konnte. Er seufzte, er setzte sich, stand auf, ging um sie herum und setzte sich wieder; aber kein Wort kam aus seinem Munde, und auch sie blieb stumm. Zuletzt konnte er es nicht länger aushaken; linkisch zog er ein Ungeheuer von einer ledernen Brieftasche hervor und flüsterte ihr zu: da seien die hundert Taler—und noch ein bißchen drüber. Sie streckte die Hand aus und bedankte sich; und dabei kam sie seinem Gesicht so nahe, daß sie bemerkte, wie seine Augen in feuchtem Glanz an den ihren hingen. Denn mit ihr schwand ja der letzte Rest von Leben, der seinem dahinsiechenden Dasein noch geblieben war. Er hätte ihr so gern noch etwas gesagt, das ihm eine freundliche Erinnerung gesichert hätte, wenn er nun bald nicht mehr da sei; aber das war ihm verboten; und obwohl er es trotzdem gern getan hätte, wagte er es doch nicht; sie kam ihm so gar nicht zu Hilfe! Petra war müde, so müde. Und der Gedanke, er sei der Anlaß gewesen, daß sie damals die erste Sünde an ihrer Mutter begangen habe, wollte gerade jetzt nicht von ihr weichen. Sie konnte ihn nicht mehr gern haben; und je länger er da saß, desto schlimmer wurde es; denn wenn man müde ist, wird man leicht ungeduldig. Der Ärmste fühlte das; es blieb ihm also nichts anderes übrig, als sich zu verabschieden; und während er seine dürre Hand aus dem Fausthandschuh zog, brachte er schließlich ein geflüstertes Lebewohl heraus. Sie legte ihre warme Hand in die seine, und beide standen auf. "Vielen Dank,—und grüß' Mutter!" sagte sie. Er stieß einen Seufzer aus oder eine Art Glucksen—einmal und noch ein paarmal; dann ließ er ihre Hand los, wandte sich ab und kletterte rücklings, still, die Schiffstreppe hinunter. Sie trat an die Reling; er sah noch immer herauf, grüßte, setzte sich und ruderte langsam davon. Sie blieb stehen, bis er im Dunkel verschwunden war. Dann aber ging auch sie gleich nach unten; sie war so müde, daß sie sich kaum mehr auf den Füßen halten konnte; und obwohl sie sofort seekrank wurde, so hatte sie doch kaum den Kopf aufs Kissen gelegt und die zwei oder drei ersten Bitten des Vaterunsers gebetet, als sie auch schon schlief.

* * * * *

Droben neben dem gelben Bootschuppen saß zu derselben Stunde die Mutter. Sie war ihnen langsam den ganzen Weg gefolgt, und hatte sich, gerade als die beiden vom Lande stießen, hinter den Schuppen gesetzt. Von derselben Stelle aus war Pedro Ohlsen in alten Zeiten oft mit ihr hinausgerudert; es war lange, lange her; aber als er jetzt mit ihrem Kinde davonruderte, mußte sie daran denken.

Sobald sie ihn allein zurückkehren sah, stand sie auf und ging; sie wußte jetzt, daß die Tochter wohlbehalten an Bord war. Sie ging nicht nach Hause, sondern ins Land hinaus. Dort fand sie im Dunkeln den Pfad, der in die Berge führte; den schlug sie ein. Über einen Monat blieb ihr Haus in der Stadt leer und halb zertrümmert stehen; sie wollte nicht eher wieder heim, als bis sie gute Nachricht von der Tochter hatte.

Aber inzwischen hatte sich auch die feindliche Stimmung geklärt. Alle niedrigen Naturen finden eine aufreizende Freude darin, sich zur Verfolgung eines Stärkeren zusammenzutun; aber nur, solange dieser Widerstand leistet. Sobald sie sehen, daß er sich ruhig mißhandeln läßt, beschleicht sie ein Gefühl der Scham, und ihre ganze Wut wendet sich nun gegen den, der es wagt, noch einen Stein zu werfen. Man hatte sich darauf gefreut, Gunlaugs mächtige Stimme durch den Hohlweg dröhnen zu hören; man hatte gedacht, sie werde ihre Matrosen zu Hilfe rufen und zum Straßenkampf aufbieten. Als der dritte Abend kam, und sie sich noch immer nicht sehen ließ, war der Haufen kaum zu bändigen; man wollte hinein, wollte die beiden Weibsbilder herauszerren, sie auf die Straße werfen, sie zur Stadt hinausjagen! Die Scheiben waren seit dem vorigen Abend noch nicht wieder eingesetzt; unter dem Halloh der Menge krochen zwei Männer durchs Fenster, um die Tür zu öffnen, und hinein stürmte die ganze Bande! Sie durchsuchten alle Räume, oben und unten; sie sprengten Türen, sie zerschlugen alles, was im Wege stand; sie durchstöberten jeden Winkel, bis hinab zum Keller, nach Mutter und Tochter; keine Menschenseele war zu finden! Die Verfolger wurden plötzlich ganz mäuschenstill, als ihnen diese Entdeckung zum Bewußtsein kam. Einer nach dem andern kamen sie alle, die drinnen waren, wieder heraus und versteckten sich hinter den übrigen. Nicht lange, und der Platz vor dem Hause war leer.

Bald wurden in der Stadt Stimmen laut, die erklärten, ein derartiges Vorgehen zwei wehrlosen Frauen gegenüber sei einfach unwürdig gewesen.

Man besprach das Ereignis, den Vorfall so lange, bis man zu dem Schluß kam—was auch das Fischermädel verbrochen hatte—Gunlaug hatte keine Schuld, und ihr war also schweres Unrecht geschehen. Die Stadt vermißte sie schmerzlich. Schlägereien und Straßenhändel zwischen Betrunkenen waren bald an der Tagesordnung: die Stadt hatte ihre Polizei verloren. Auch ihre mächtige Gestalt unter der Tür vermißte man, wenn man am Hause vorüberging. Besonders aber vermißten die Matrosen sie. Nirgends sei es so wie bei ihr, behaupteten sie. Bei ihr war jeder nach Verdienst behandelt worden, jeder hatte seine bestimmte Rangordnung in ihrem Vertrauen inne gehabt und bei ihr Hilfe gefunden in allen Lebenslagen. Weder Matrosen noch Schiffer, weder Arbeitsherren noch Hausmütter hatten gewußt, was sie allen war, bis sie auf einmal nicht mehr da war.

Darum lief es wie eine einzige Freudenbotschaft durch die ganze Stadt, als jemand sie wieder in ihrem Hause sitzen und kochen und braten gesehen wie zuvor. Jeder einzelne mußte hinauf und sich selbst davon überzeugen, daß die Tür wieder ganz war und neue Scheiben hatte, und der Rauch aus dem Schornstein stieg. Ja, wirklich, es war so! Da war sie wieder! Man kletterte an der andern Seite des Hohlwegs hinauf, um besser sehen zu können. Da saß sie—vor dem Backofen; sie blickte weder auf noch hinaus—die Augen folgten der Hand, und die Hand arbeitete. Denn sie war zurückgekehrt, um wieder zu verdienen, was sie verloren hatte, vor allem die hundert Taler, die sie Pedro Ohlsen schuldete. Anfangs begnügte man sich damit, zu ihr hineinzugucken; man getraute sich nicht ins Haus—des bösen Gewissens wegen! Aber so nach und nach kamen sie doch wieder; zuerst die Hausmütter, die lieben, guten! Aber sie fanden keinerlei Gelegenheit, von anderem zu reden als von Geschäften; Gunlaug hörte einfach auf nichts anderes. Dann kamen die Fischer, dann die Kaufleute und Schiffer, die Leute dingen und sich bei ihr Auskunft holen wollten, und endlich, am nächsten Sonntag, auch die Matrosen. Die mußten sich verabredet haben; denn gegen Abend war das Haus mit einem Male so überfüllt, daß nicht nur die beiden Stuben besetzt waren, sondern daß man auch noch die Tische und Stühle, die im Sommer im Garten standen, hervorholen und im Flur, in der Küche, im Hinterzimmer aufstellen mußte. Niemand, der diese Versammlung gesehen, hätte ahnen können, mit welchen Gefühlen diese Leute hier saßen; denn mit dem Augenblick, da sie Gunlaugs Schwelle wieder überschritten, hatte diese Frau stillschweigend wieder das Kommando übernommen, und die breite Sicherheit, mit der sie jedem das seine verabfolgte, unterdrückte jeden Willkommgruß, jede Frage. Sie war ganz wie sonst, nur daß ihr Haar nicht mehr schwarz und ihr Wesen ein bißchen stiller war. Aber als die Matrosen anfingen, lustig zu werden, konnten sie sich nicht länger halten; so oft Gunlaug und das Mädchen draußen waren, schrien sie dem Bootsmann Knud zu, der immer ihr Liebling gewesen war: er möge doch ein Hoch auf sie ausbringen, wenn sie wieder hereinkomme. Doch selbst er fand nicht eher den Mut dazu, als bis ihm die Hitze ein bißchen zu Kopf gestiegen war. Da endlich, als sie hereinkam, um leere Gläser und Flaschen abzuräumen, stand er auf und sagte: "Es sei man schön, daß sie wieder da sei. Denn—wahrhaft'gen Gott—es—es sei man schön, daß sie wieder da sei!" und alle fanden das gut gesprochen und erhoben sich und riefen: "Ja, das is man schön! Das is man schön!" Und die im Flur und in der Küche und in den andern Stuben standen ebenfalls auf, und drängten herein und stimmten mit ein, und der Bootsmann gab Gunlaug ein Glas in die Hand und schrie Hurra! Und nun ließen sie alle ein paar Hurras los, als ob das Dach auffliegen und in die Wolken fahren sollte. Bald hörte man einen laut verkünden: sie hätten ihr schmählich unrecht getan, dann schwur ein anderer dasselbe, und schließlich schwur und fluchte die ganze Gesellschaft: ihr sei das schmählichste Unrecht widerfahren. Als endlich Stille eintrat, weil es alle nach einem Wort Gunlaugs verlangte, dankte sie ihnen: "aber", fügte sie hinzu und sammelte ihre Gläser und Flaschen ruhig weiter ein, "solange ich nicht davon rede, braucht Ihr's auch nicht. Verstanden?" Dann, nachdem sie so viele Gläser und Flaschen beisammen hatte, als sie tragen konnte, ging sie hinaus, um gleich darauf die übrigen zu holen. Von diesem Augenblick an war ihre Macht unerschütterlich.

Siebentes Kapitel

Es war Abend und dunkel, als das Schiff im Hafen von Bergen Anker warf. Noch halb taumelnd von der Seekrankheit wurde Petra im Kapitänsboot durch das Gewimmel von großen und kleinen Schiffen und dann weiter durch das Lärmen und Toben der Bootsleute auf den Brücken und der Bauern und Straßenjungen in den engen Winkelgassen geführt, durch die der Weg ging. Vor einem kleinen hübschen Haus machten sie Halt, und dort nahm auf die Bitte des Kapitäns eine ältere Dame sich Petras liebevoll an. Sie fühlte Hunger und Müdigkeit, und beide Bedürfnisse konnte sie hier befriedigen. Gegen Mittag des folgenden Tages wachte sie frisch und munter auf, zu neuen Lauten, neuem Sprachklang und—als sie die Gardine aufzog, zu einer neuen Natur, zu einer neuen Stadt mit neuen Menschen. Ja, sie selbst war wie neugeboren, fand sie, als sie vor den Spiegel trat. Dies Gesicht war nicht das alte mehr; worin die Veränderung bestand, darüber konnte sie sich freilich selbst nicht Rechenschaft geben; sie wußte nicht, daß in ihrem Alter Leid und Gemütsbewegung die Züge verfeinern und vergeistigen; aber sie mußte doch, als sie sich im Spiegel sah, wieder an die letzten Nächte denken, und sie bebte noch bei diesem Nachhall. Darum beeilte sie sich, fertig zu werden, damit sie hinunter konnte zu all dem Neuen, das ihrer wartete. Unten traf sie ihre Wirtin und einige Damen, die sie zunächst einmal gründlich von allen Seiten betrachteten und ihr dann versprachen, sich ihrer anzunehmen. Als erstes wollten sie ihr die Stadt zeigen. Da sie allerlei einzukaufen hatte, lief sie hinauf zu ihrer Brieftasche. Weil sie sich jedoch schämte, das plumpe dicke Ding mit hinunterzunehmen, öffnete sie es, um Geld herauszunehmen. Sie fand nicht hundert, sondern dreihundert Taler darin! Also wieder Pedro Ohlsen, der gegen der Mutter Wissen und Willen Geld schenken wollte! So wenig verstand sie vom Wert des Geldes, daß sie sich über die Größe der Summe nicht einmal wunderte; es kam ihr darum auch gar nicht in den Sinn, über den Grund dieser großen Freigebigkeit weiter nachzudenken. Statt eines freudestrahlenden Dankbriefes voll ahnungsvoller Fragen überbrachte Gunlaug Pedro Ohlsen ein Schreiben von Petra an sie selbst, worin die Tochter mit schlecht verhehltem Ärger ihren Wohltäter verriet und fragte, was sie mit dem eingeschmuggelten Geschenk anfangen solle.

Der erste Eindruck, den Petra von der Stadt empfing, war ein starker Natureindruck. Sie konnte das Gefühl nicht los werden, als umdrängten die Berge sie so dicht, daß sie sich vor ihnen in acht nehmen müsse. So oft sie das Auge erhob, fühlte sie sich bedrückt, und dann wieder trieb es sie, die Hand auszustrecken und an den Stein zu pochen. Bisweilen war ihr, als gebe es hier keinen Ausgang mehr. Sonnenverlassen und finster standen die Berge, die Wolken hingen schwer darauf nieder oder jagten darüber weg; Wind und Regen in unaufhörlichem Wechsel; von den Bergen kam es, die Berge sandten es hernieder auf die Stadt. Aber die Menge Menschen rings um sie her hatte gar nichts Bedrücktes. Sie wurde bald froh unter ihnen; denn in ihrer Geschäftigkeit lag eine Freiheit, eine Leichtigkeit, eine Heiterkeit, wie sie sie gar nicht kannte, und die ihr nach allem, was sie erlebt hatte, wie ein Lächeln, ein Willkommgruß erschien.

Als sie am nächsten Tag beim Mittagessen äußerte, sie möchte am liebsten irgendwohin, wo recht viele Leute seien, schlug man ihr vor, ins Theater zu gehen; da könne sie Hunderte von Menschen in einem einzigen Haus beieinander sehen.—Jawohl, da wollte sie hin! Man besorgte ihr ein Billet, das Theater lag ganz in der Nähe, und zur bestimmten Zeit begleitete man sie hin und wies ihr einen Platz in der ersten Reihe des Balkons an. Da saß sie, in strahlender Beleuchtung, unter Hunderten fröhlicher Menschen, ringsum leuchtende Farben und Geplauder, das von allen Seiten über sie hereinbrauste wie das Rauschen des offenen Meeres.

Was es hier eigentlich zu sehen gab, davon hatte Petra keine Ahnung. Ihr Wissen beschränkte sich auf das, was Ödegaard ihr gesagt, und was ihr zufälliger Verkehr sie gelehrt hatte. Aber das Theater hatte Ödegaard mit keinem Worte je erwähnt.

Die Matrosen hatten von einem Theater gesprochen, wo es wilde Tiere gab und Kunstreiter; und die jungen Burschen der Stadt kamen gar nicht auf den Gedanken, vom Schauspiel zu reden, wenn sie auch von der Schule her ein bißchen davon wußten; denn das Städtchen selbst hatte kein Theater, nicht einmal ein Gebäude, das den Namen führte. Reisende Tierbändiger, Seiltänzer und Clowns trieben ihre Künste entweder in einer Strandbude oder auf freiem Feld. Ihre Unwissenheit war so groß, daß sie nicht einmal imstande war, zu fragen; sie saß da und erwartete naiv irgend etwas Merkwürdiges, etwa Kamele oder Affen. Allmählich beherrschte diese Vorstellung sie so, daß sie anfing, in jedem Gesicht um sich her ein Tier zu sehen—Pferde, Hunde, Füchse, Katzen, Mäuse; das machte ihr Spaß. Und so kam es, daß sich das Orchester versammelte, ohne daß sie es merkte. Erschrocken schnellte sie auf; denn mit einem kurzen, scharfen Gedröhne von Pauken, Trommeln, Posaunen und Hörnern setzte die Ouvertüre ein. Sie hatte ihrer Lebtag noch niemals mehr als ein paar Geigen und vielleicht eine Flöte zusammen gehört. Vor dieser brausenden Herrlichkeit erbleichte sie; die hatte etwas von einer kalten, schwarzen Sturzwelle; sie zitterte vor der nächsten; vielleicht würde die noch schlimmer werden—und doch, sie wünschte sich, daß es nicht aufhören möge. Bald strömten sanftere Harmonien Licht aus, bald öffneten sich Ausblicke, wie sie sie nie geträumt hatte. Melodien wiegten sie hinaus, empor, Spiel und Leben schwirrten rings durch die Luft, mit langem Flügelschlag schwang sich der ganze Zug aufwärts, senkte sich leise, sammelte sich wuchtig, teilte sich voll Übermut, in sprühendem Gewimmel, bis ein großes Dunkel sich niedersenkte und alles deckte; es war, als ob alles hinwegwirbele im Braus eines tosenden Sturzbachs. Dann wieder ein vereinzelter Ton, wie ein Vogel auf nassem Zweig über der Tiefe: wehmutvoll, furchtsam stimmte er an, aber während seines Sangs klärte sich über ihm die Luft, ein Sonnenschimmer brach hervor, und wieder lagen die weiten, blauenden Fernen voll jenes seltsamen Wogens und Flatterns hinter den Sonnenstrahlen. Eine Weile währte das fort—dann—o Wunder! verklang es in mildem Frieden. Die jubelnden Scharen zogen ferner und immer ferner, nichts mehr war da als die Strahlen, die durch die Luft sickerten und schmolzen; über der ganzen unendlichen Fläche nichts als Sonne, still, lichtdurchwoben alles—und in dieser Seligkeit träumte das Ganze aus. Sie erhob sich unwillkürlich, als es zu Ende war; denn sie selbst war auch am Ende. O Wunder—da ging die schöne gemalte Wand gerade vor ihr in die Höhe, bis an die Decke. Sie war in einer Kirche, einer Kirche mit Bogen und Pfeilern, einer Kirche voll Orgelbraus und Festesglanz, und Menschen in Gewändern, wie sie sie nie gesehen hatte, schritten herein, auf sie zu und redeten,—ja, wirklich, sie redeten in der Kirche! Und in einer Sprache, die sie nicht verstand. Wie? Hinter ihr redeten sie auch? "Setzen!" sagte jemand. Aber da war doch gar nichts zum Hinsitzen; und die beiden in der Kirche blieben auch ganz ruhig stehen; und je länger sie hinsah, desto klarer wurde es ihr, daß diese Trachten dieselben waren, die sie auf einem Bild von Olaf dem Heiligen gesehen hatte. Und da,—da nannten sie ja auch den Namen des heiligen Olaf!—"Setzen!" tönte es wieder hinter ihr. "Setzen!" riefen jetzt mehrere Stimmen. Vielleicht ist dahinten auch irgend etwas, dachte Petra und drehte sich hastig um. Ein Haufen zorniger Gesichter, manche darunter geradezu drohend, starrte ihr entgegen. Alles das geht nicht mit rechten Dingen zu! dachte sie und wollte gehen. Da zupfte eine alte Dame, die neben ihr saß, sie sachte am Rock. "So setzen Sie sich doch, Kindchen!" flüsterte sie. "Die hinter Ihnen können ja nichts sehen." Im Nu war sie wieder auf ihrem Platz. Natürlich—das da vorn ist das Theater, und wir sind die Zuschauer,—natürlich, das Theater! Und sie wiederholte das Wort, wie um es sich selbst ins Gedächtnis zurückzurufen. Und wieder blickte sie in die Kirche. Aber so viel Mühe sie sich auch gab, sie konnte den Menschen, der da redete, nicht verstehen. Erst als sie so nach und nach dahinter kam, daß es ein Mann war, jung und hübsch, fing sie ab und zu ein Wort auf. Und als sie begriff, daß er von Liebe redete, daß er verliebt war, da verstand sie so ziemlich alles. Jetzt kam ein Dritter hinzu, der sofort ihre ganze Aufmerksamkeit auf sich lenkte; denn von Abbildungen her wußte sie, daß das ein Mönch sein mußte; und einen Mönch zu sehen, das war schon immer ihr sehnlichster Wunsch gewesen. Der Mönch ging auf so leisen Sohlen, bewegte sich so still, zeigte ein so frommes Gebaren; er redete so treuherzig, sprach so langsam, daß sie jedem seiner Worte folgen konnte. Da auf einmal drehte er sich um und sagte just das Gegenteil von dem, was er vorher gesagt hatte.—Herrgott! Das ist ja ein Bösewicht! Hört Ihr nicht? Ein Bösewicht ist er! Man sieht es ihm ja auch an! Daß der junge hübsche Mann das nicht merkt! Aber hören könnt' er's doch wenigstens! "Er hintergeht Sie!" flüsterte sie halblaut. "Psst!" sagte die alte Dame. Aber nein, der junge Mann hört nichts. Er geht fort, ganz vertrauensvoll; alle gehen sie fort. Ein alter Mann kommt jetzt herein. Ja, was ist denn das? Wenn der Alte spricht, so ist es, als spräche der Jüngling. Und dabei ist es doch ein alter Mann. Und plötzlich,—o Gott, o Gott! Ein leuchtender Zug von weißgekleideten Jungfrauen, die zwei und zwei langsam durch die Kirche ziehen. Noch lange, nachdem sie verschwunden waren, blickte sie ihnen nach, und in ihrer Erinnerung stieg eine ähnliche Erscheinung aus ihrer Kindheit auf. An einem Wintertag war sie mit ihrer Mutter übers Gebirge gegangen; und wie sie durch den frischgefallenen Schnee gewatet waren, hatten sie unversehens einen Schwarm junger Schneehühner aufgescheucht, die mit einem Schlag die Luft vor ihnen gefüllt hatten; weiß waren sie gewesen, und weiß der Schnee, weiß der Wald,—noch lange nachher streiften alle Gedanken weiß an ihr vorüber… Und in diesem Augenblick hatte sie dasselbe Gefühl.

Aber eine der weißgekleideten Jungfrauen tritt allein vor, mit einem Kranz in der Hand, und kniet nieder. Der Alte ist ebenfalls auf die Knie gesunken; und sie redet mit ihm; er hat Botschaft für sie und einen Brief,—aus fremden Landen. Er zieht den Brief heraus,—ha, man sieht es ihr an, der Brief ist von einem, den sie lieb hat. Wie himmlisch! Alle lieben sie einander hier! Sie macht den Brief auf,—aber es ist gar kein Brief—es ist alles lauter Musik,—und sieh doch, sieh! Der Brief ist ja er selber! Der Greis ist der Jüngling, der Jüngling, den sie liebt! Sie sinken einander in die Arme,—Himmel! Sie küssen sich! Petra fühlte, wie sie feuerrot wurde; sie barg ihr Gesicht in den Händen, während sie weiter zuhörte. Horch',—da erzählt er ihr, daß sie auf der Stelle Hochzeit halten wollen, und sie zupft ihn lächelnd am Bart und sagt, er sei ein Barbar geworden; und er sagt, sie sei ganz wunderschön geworden, und gibt ihr einen Ring und verspricht ihr Scharlach und Sammet, goldene Schuhe und einen goldenen Gürtel. Dann nimmt er fröhlich Abschied und geht zum König, um die Hochzeit auszurichten. Die Braut sieht ihm nach, leuchtend, strahlend; doch wie sie sich wieder umwendet, da ist es leer—leer.

Jetzt gleitet ganz schnell die Wand wieder herab. Wie? Schon zu Ende? Nachdem es eben erst angefangen hat? Glühend wendet sie sich der alten Dame zu: "Ist es aus?"—"Nein, nein, Kindchen! Das war ja nur der erste Akt. Fünf sind es.—Fünf Akte", wiederholte sie seufzend, "fünf Akte!"—"Immer das Gleiche?" fragte Petra.—"Wie denn?"—"Ich meine, kommen immer die gleichen Leute wieder, und geht es immer weiter?"—"Sie sind wohl noch nie im Theater gewesen, was?"—"Nein."—"Freilich; ein Theater gibt's nicht überall; es ist ja auch so teuer."—"Aber was ist denn das eigentlich alles?" fragte Petra erregt, atemlos, als könne sie die Antwort kaum erwarten. "Was sind denn das für Menschen?"—"Das ist die Truppe des Direktor Naso, eine ganz ausgezeichnete Truppe; er ist wirklich ein tüchtiger Kerl."—"Hat er denn das alles erfunden? Ja? Ach Gott! So sagen Sie mir's doch!"—"Aber Kindchen, wissen Sie denn gar nicht, was ein Schauspiel ist? Wo kommen Sie denn her?"—-Doch als Petra an ihre Vaterstadt dachte, fiel ihr auch gleich ihre ganze Schande, ihre Flucht wieder ein; sie schwieg und getraute sich nicht, weiter zu fragen.

Der zweite Akt kam, und mit ihm der König. Wirklich, der König! Jetzt sah sie endlich einmal den König! Sie hörte nicht, was er sagte, sie sah nicht, mit wem er sprach, sie sah nur des Königs Kleider, des Königs Gebaren, des Königs Mienen. Sie wachte erst wieder auf, als der Jüngling auftrat. Und jetzt zogen sie alle davon, um die Braut einzuholen.—Also hieß es wieder warten.

In der Pause beugte die alte Dame sich zu ihr hinüber. "Sie spielen doch wundervoll, nicht?" sagte sie. Petra blickte sie voll Erstaunen an. "Spielen? Wie denn?" Sie merkte gar nicht, daß alle, die in ihrer Nähe saßen, sie beobachteten; daß die alte Dame sie nur ausfragen wollte. Sie merkte nicht, daß man sich über sie lustig machte.—"Aber sie reden ja ganz anders wie wir?" fragte sie, als sie keine Antwort erhielt.—"Es sind doch Dänen!" antwortete die Dame und fing zu lachen an. Jetzt begriff sie, daß die Gute über ihr vieles Fragen lachte, und fortan schwieg sie; sie sah nur unverwandt nach dem Vorhang hin.

Als der wieder aufging, wurde ihr die große Freude zuteil, einen Erzbischof zu sehen. Wieder erging es ihr wie vorhin: sie verlor sich so gänzlich in seinen Anblick, daß sie von dem, was er sagte, überhaupt kein Wort hörte. Aber jetzt erklang Musik—leise, leise—aus weiter Ferne. Sie kam näher—Gesang von Frauenstimmen—ein Spiel von Flöten und Geigen und einem Instrument, das nicht Guitarre war und doch wie viele Guitarren, bloß weicher, voller, mit schwingenden Tönen—die ganze Harmonie flutete zu langen, schwebenden Wellen zusammen. Und als alles zu wogenden Farben geworden war, da kam der Zug,—Soldaten mit Hellebarden, Chorknaben mit Weihrauchfässern, Mönche mit brennenden Kerzen, der König mit der Krone auf dem Haupt und an seiner Seite der Bräutigam, im weißen Gewand—hinter ihnen wieder die weißen Jungfrauen; singend streuten sie Rosen vor der Braut, die in weißer Seide, mit einem roten Rosenkranz im Haar, einherschritt. An ihrer Seite ging eine hohe Frauengestalt in golddurchwirktem, langschleppendem Purpurgewand, auf dem Haupt eine schmale, funkelnde Krone; das mußte die Königin sein. Die ganze Kirche war voll Musik und Farben, und alles, was nun geschah, vom Augenblick an, da der Bräutigam die Braut zum Brautschemel führte, auf dem sie niederkniete, während das ganze Brautgefolge im Kreis um sie kniete, bis der Erzbischof an der Spitze der Klosterbrüder erschien,—das alles waren bloß Verschlingungen in der bunten Harmonienkette.

Aber als nun die Trauung vor sich gehen sollte, da erhob der Erzbischof plötzlich seinen Stab und gebot Einhalt. Ihre Vermählung sei wider die heiligen Vorschriften, nie und nimmer dürften sie einander angehören. O himmlischer Vater, erbarme dich! Die Braut sank in Ohnmacht; und Petra fiel mit einem durchdringenden Schrei auf ihren Platz zurück; denn sie hatte zuletzt wieder gestanden.

"Wasser! Wasser!" rief es um sie her. "Nicht nötig!" erwiderte die alte Dame. "Sie ist ja gar nicht bewußtlos." "Still!" rief es vom Parkett herauf. "Ruhe da oben!" "Ruhe da unten!" tönte es vom Balkon zurück.—"Sie müssen sich's nicht so zu Herzen nehmen", flüsterte die alte Dame. "Es ist doch alles bloß erdichtet und erfunden! Aber Frau Naso spielt wirklich brillant!"

"Still!" rief nun auch Petra. Sie war schon wieder ganz in der Handlung. Der diabolische Mönch war wieder da, mit einem Schwert in der Hand. Die beiden Liebenden mußten ein Tuch zwischen sich halten, und er schnitt es in der Mitte durch, wie die Kirche schneidet, wie der Schmerz schneidet, wie das Schwert über der Pforte des Paradieses schnitt an jenem ersten Tag. Weinende Frauen nahmen der Braut den roten Kranz vom Haar und setzten ihr einen weißen auf; damit war sie fürs Leben dem Kloster geweiht. Und er, dem sie angehörte für Zeit und Ewigkeit, er sollte sie am Leben wissen und sie dennoch nimmermehr sein eigen nennen, sollte sie hinter Klostermauern wissen und sie nimmer wiedersehen. Wie herzzerreißend war dies letzte Lebewohl! Keine größere Not gab es auf Erden als ihre!—

"Du lieber Gott!" flüsterte die alte Dame, als der Vorhang fiel, "so seien Sie doch nicht so närrisch! Es ist doch bloß Frau Naso, dem Direktor seine Frau!" Petra riß die Augen auf und starrte die brave Frau an. Die muß verrückt sein! dachte sie. Und da die alte Dame von Petra schon längst dasselbe gedacht hatte, redeten sie nun überhaupt nicht mehr miteinander, sondern warfen sich nur von Zeit zu Zeit scheue Blicke zu.

Als der Vorhang wieder aufging, kam Petra nicht mehr so recht mit. Sie sah nur noch die Braut hinter den Klostermauern und den Bräutigam, der Tag und Nacht voller Verzweiflung draußen umherirrte; sie litt ihre Qualen mit, sie betete mit ihnen ihre Gebete; das, was sich vor ihren Augen abspielte, glitt farblos an ihr vorüber. Da plötzlich wurde sie durch eine mahnende Stille in die Gegenwart zurückgerufen. Der leere Kirchenraum wird weit und groß, die zwölf Schläge der Mitternachtsstunde hallen durch den Raum. Das Gewölbe erdröhnt, die Mauern erbeben; der heilige Olaf, im Totengewand, erhebt sich aus seinem Sarge, hoch und dräuend; den Speer in der Hand, kommt er geschritten; die Wache flieht,—ein Donnerschlag—und der Mönch sinkt, vom Speer durchbohrt, nieder. Dann wird alles dunkel, die Erscheinung ist verschwunden. Nur der Mönch liegt noch da wie ein Haufen Asche auf der Stelle, wo der Blitz niederfuhr.

Petra hatte sich unwillkürlich an die alte Dame angeklammert, der es unter diesem krampfhaften Griff höchst unbehaglich zumute war, und die nun, als sie das Mädchen immer blasser werden sah, rasch sagte: "Du meine Güte, Kind, es ist doch nur Knutsen; es ist die einzige Rolle, die er spielen kann, mit seiner heiseren Stimme!"—"Nein, nein, nein, nein! Ich hab' Flammen rings um ihn gesehen!" sagte Petra, "und die Kirche hat gezittert unter seinen Tritten!"—"Ruhe!" ertönte es von verschiedenen Seiten. "Wer nicht still sitzen kann,—'raus!"—"Heda! Ruhe da oben!" klang es vom Parkett. "Ruhe!" klang es vom Balkon zurück. Petra war ganz in sich zusammengekrochen, als wolle sie sich verstecken; aber gleich darauf hatte sie alles um sich her vergessen. Denn plötzlich waren die beiden Liebenden wieder da,—der Blitz hat ihnen den Weg gebahnt,—sie wollen fliehen. Sie haben sich wieder,—sie sinken sich in die Arme,—o Gott im Himmel, beschütze sie!

Da erhebt sich ein Lärm—Geschrei und Hörnerklang—der Bräutigam wird von ihrer Seite gerissen,—es gilt den Kampf—den Kampf fürs Vaterland. Er wird verwundet, und sterbend sendet er der Geliebten seinen letzten Gruß!——Petra faßt erst, was geschehen ist, als die Braut still hereintritt und—seine Leiche erblickt. Und da ist es, als sammelten alle Wolken des Schmerzes sich über einem einzigen Punkt; aber ein Blick zerteilt sie: die Braut blickt auf von des Toten Brust und fleht zum Himmel, daß er auch sie sterben lasse. Und der Himmel öffnet sich diesem Blick, ein Leuchten senkt sich nieder, droben wartet der Hochzeitssaal—lasset die Braut ein! Schon sieht sie den Himmel offen; von ihren Augen strahlt ein Friede gleich dem Frieden hoher Gipfel. Ihre Augenlider schließen sich, dem Kampf erblüht eine erhaben-edlere Lösung, ihrer Treue eine herrlichere Krone; sie sind vereint.

Lange saß Petra regungslos da; ihr Herz war im Glauben erhoben, die Macht des Großen erfüllte sie. Sie schwang sich empor über alles Kleine; sie schwang sich empor über Furcht und Schmerz; sie schwang sich empor, mit einem Lächeln für alle: denn alle waren Brüder und Schwestern. Das Böse, das da trennt, war nicht mehr,—es war zerschmettert vom Donner. Die Leute lachten sie an,—das war ja das Mädel, das sich während der Vorstellung so verrückt benommen hatte. Sie aber sah in ihrem Lächeln nichts anderes als den Wiederschein des Sieges Jubels, der in ihr selber war. Und in dem Glauben, daß die anderen mit ihr lächelten, lächelte sie so strahlend zur Antwort, daß die anderen alle lächeln mußten mit ihrem Lächeln. Sie schritt die breite Treppe hinab zwischen zwei auseinanderweichenden Reihen von Menschen, die ihr Freude von ihrer Freude, Schönheit von der Schönheit zurückgaben, die über ihr leuchtete. Der Glanz unseres Innern kann oft so mächtig werden, daß wir alles um uns her in Klarheit tauchen, ob wir es selbst auch nicht sehen. Das ist der größte Triumphzug der Welt, angekündigt, getragen und geleitet zu werden von unseren eigenen leuchtenden Gedanken.

Als sie, ohne zu wissen wie, zu Hause angelangt war, fragte sie, was das alles denn eigentlich gewesen sei. Einige der Anwesenden verstanden sie auch und gaben ihr hilfreich Auskunft. Und als sie nun genau Bescheid wußte, was ein Schauspiel ist, und was große Schauspieler vermögen, da stand sie auf und sagte: "Das ist das Größte auf Erden; das will ich werden."

Zur Verwunderung aller zog sie ihren Mantel wieder an und ging noch einmal aus; sie mußte allein sein und im Freien. Sie ließ die Stadt hinter sich und wanderte im heftigen Wind hinaus auf die nächste Landzunge. Unter ihr brauste das Meer; die Stadt aber lag zu beiden Seiten der Bucht, in einem Lichtnebel, hinter dem die zahllosen einzelnen Flammen mit vereinigten Kräften arbeiteten, ohne doch mehr zu erreichen, als den Flor zu durchleuchten, den sie nicht heben konnten. Das wurde ihr zum Bild ihrer eigenen Seele. Das große Dunkel zu ihren Füßen gab mit seinem dumpfen Tosen Kunde von einer undurchdringlichen Tiefe; es galt, entweder hinabzusinken oder sich emporzuheben und zu versuchen, mitzuleuchten. Sie fragte sich, warum ihr früher nie solche Gedanken gekommen waren, und sie antwortete sich selbst: weil immer nur der Augenblick über sie Macht gehabt hatte. Jetzt aber fühlte sie: auch sie hatte Macht über den Augenblick. Jetzt sah sie es: so viele Lichter dort drüben funkelten, so viele Augenblicke würden ihr gegeben werden, und sie bat Gott um die Kraft, sie alle voll auszunützen, damit er keinen vergebens entzündet hätte. Sie stand auf; denn es wehte ein eisiger Wind. Sie war nicht lange draußen gewesen; aber als sie wieder nach Hause ging, da wußte sie, wohin sie ging.

* * * * *

Am nächsten Tage stand sie vor der Tür des Direktors. Heftiges Schelten tönte ihr von drinnen entgegen. Die eine Stimme schien ihr Ähnlichkeit mit der Stimme der Liebhaberin von gestern Abend zu haben. Freilich ging sie jetzt aus einer andern Tonart, aber Petra erbebte doch bei ihrem Klang. Sie wartete lange; als es immer noch kein Ende nehmen wollte, klopfte sie an. "Herein!" schrie eine wütende Männerstimme. "Oh!" kreischte eine Frauenstimme, und als Petra öffnete, sah sie das fliehende Entsetzen eines Nachtgewandes und aufgelösten Haares durch eine Seitentür verschwinden. Der Direktor, ein langer Mensch mit unfreundlichen Augen, die er eiligst hinter einer goldenen Brille versteckte, lief aufgeregt im Zimmer hin und her. Seine lange Nase beherrschte das Gesicht so gänzlich, daß alles übrige nur ihretwegen da zu sein schien; die Augen guckten wie zwei Gewehrläufe hinter diesem Wall hervor, der Mund war der Graben und die Stirn eine leichte Brücke vom Wall hinüber zu dem Wald oder dem "Verhau".—"Was wünschen Sie?" Er blieb mit einem Ruck stehen. "Sind Sie die Dame, die gern Choristin werden möchte?" setzte er eilfertig hinzu.—"Choristin? Was ist das?"—"Nanu—das wissen Sie gar nicht? So, so! Na, was wollen Sie denn sonst?"—"Ich will Schauspielerin werden."—"So, Schauspielerin wollen Sie werden—und wissen nicht, was eine Choristin ist. Hm, hm. Aber Sie reden ja Dialekt!"—"Dialekt? Was ist das?"—"So, also das wissen Sie auch nicht. Und dabei wollen Sie Schauspielerin werden. Hm, hm. Ja, das ist wieder mal echt Norwegisch. Dialekt—das will sagen, daß Sie nicht so sprechen wie wir."—"Ja, aber ich hab' mich den ganzen Morgen darin geübt."—"So, wirklich? Schau', schau'! Also schießen Sie mal los!"—Und Petra stellte sich auf und deklamierte wie die Liebhaberin gestern Abend: "Un so wist Deine Valborg Du verlaten!"[2] "Na, aber,—Himmelkreuzdonnerwetter! Sind Sie etwa hergekommen, um sich über meine Frau lustig zu machen?" Aus dem Nebenzimmer ertönte schallendes Gelächter. Der Direktor öffnete die Tür und rief, augenscheinlich ohne die leiseste Erinnerung daran, daß sie sich den Augenblick vorher noch auf Leben und Tod gezankt hatten: "Da ist eine kleine Norwegerin, die Dich karikieren will! Komm doch mal und sieh sie Dir an!" Ein Damenkopf mit ungekämmtem, trotzig schwarzem Haar, dunkeln Augen und einem großen Mund schaute herein und lachte. Petra aber eilte augenblicklich auf sie zu; das mußte die Heldin sein von gestern Abend—oder nein, ihre Mutter, dachte sie, als die Dame näher kam. Petra sah sie an und sagte: "Ich weiß nicht—sind Sie's … oder sind Sie ihre Mutter?" Jetzt lachte auch der Direktor. Der Frauenkopf hatte sich wieder zurückgezogen, aber aus dem Nebenzimmer tönte noch immer das Lachen. Petras Verlegenheit malte sich so lebhaft in Stellung, Gesicht, Mienenspiel, daß der Direktor aufmerksam wurde. Er betrachtete sie eine Weile; dann griff er nach einem Buch und sagte so ganz beiläufig: "Kommen Sie mal her, Kind, und lesen Sie. Aber lesen Sie einfach so, wie Sie für gewöhnlich sprechen." Petra las.—"Nein, nein—das ist ja Unsinn! Hören Sie zu!" Und er las ihr vor, und sie las ihm nach, genau so, wie er gelesen hatte. "Nein doch, nein! So lesen Sie doch norwegisch—den Teufel noch mal—norwegisch!" Und Petra las wieder wie vorhin. "Nein doch, sag' ich! Das ist ja der helle Blödsinn! Begreifen Sie denn nicht, was ich meine? Sind Sie dumm!"—Er versuchte es wieder und wieder; dann gab er ihr ein anderes Buch. "Da,—hier haben Sie was anderes: etwas Komisches. Also los!" Und Petra las. Aber wieder war es dieselbe Geschichte, bis er endlich gelangweilt ausrief: "Ach was, nein doch, nein! So hören Sie endlich einmal auf! Was, Teufel, wollen Sie denn eigentlich beim Theater? Was wollen Sie denn spielen zum Kuckuck?"—"Das, was ich gestern gesehen hab', will ich spielen."—"Aha! Na ja, selbstverständlich! natürlich! Na—und…?"—"Ja," sagte sie ein bißchen verlegen, "es war ja auch wirklich so wunderschön gestern; aber ich hab' mir heut doch gedacht,—noch viel schöner wäre es, wenn es gut ausginge. Das möcht' ich gern machen."—"So, also das möchten Sie.—Hm, na ja, genieren Sie sich nur nicht! Der Dichter ist tot. Der steht natürlich heutzutage nicht mehr auf der Höhe; und darum wollen Sie, die weder lesen noch schreiben kann, ihn umdichten;—echt Norwegisch!"—Petra begriff kein Wort; nur das begriff sie—ihre Sache stand schlecht. Und ihr wurde ängstlich zumute. "Also ich darf nicht?" fragte sie leise. "I, aber natürlich! Durchaus nichts im Wege! Bitte! Hören Sie!" sagte er in ganz verändertem Ton, während er dicht an sie herantrat, "vom Komödienspielen verstehen Sie so wenig wie eine Katze. Und Talent haben Sie keins, weder fürs Komische, noch fürs Tragische; ich hab' Sie jetzt in beidem geprüft. Weil Sie ein hübsches Frätzchen haben und eine hübsche Figur, haben die Leute Ihnen in den Kopf gesetzt, Sie seien die geborene Schauspielerin, natürlich eine viel bessere als meine Frau! Und dazu suchen Sie sich auch gleich die größte Rolle im ganzen Repertoir aus und dichten sie noch obendrein um. Jawohl! Echt Norwegisch! Die können ja alles!"—Petras Atem ging schneller und schneller; sie schluckte und schluckte und endlich wagte sie zu flüstern: "Also ich darf wirklich nicht?"—Der Direktor stand am Fenster und sah hinaus. Er hatte gedacht, sie sei schon längst fort. Erstaunt wandte er sich um. Aber als er ihre Erregung sah und die wunderbare Kraft, die sich dadurch ihrem ganzen Wesen aufprägte, stand er einen Augenblick still, griff dann plötzlich aufs neue nach dem Buch und sagte mit einer Stimme und einem Gesichtsausdruck, in denen alles Vorhergegangene wie weggeblasen war: "Da, lesen Sie mal das da, ganz langsam,—damit ich einmal Ihr Organ höre. Na, los!" Aber sie konnte nicht lesen. Die Buchstaben tanzten ihr vor den Augen. "Na, nur nicht so verzagt!" Endlich fing sie an, aber kalt, farblos. Er ließ sie die Stelle wiederholen—"mit mehr Gefühl". Es wurde nur noch schlechter. Da nahm er ihr das Buch ruhig aus der Hand und sagte: "Ich habe Sie jetzt nach jeder Richtung hin geprüft; mehr kann ich nicht tun. Ich versichere Ihnen, mein bestes Fräulein, ob ich meinen Stiefel auf die Bühne schicke oder Sie—es würde genau denselben Eindruck machen, nämlich einen höchst sonderbaren. Und damit wollen wir's genug sein lassen!" Mit letzter Aufbietung ihrer Kräfte stotterte Petra flehend: "Ich glaube, ich versteh' es doch, wenn ich bloß—" "Natürlich! Selbstredend! Jedes lumpige Fischernest versteht ja mehr davon als wir. Das norwegische Publikum ist das gebildetste der ganzen Welt. Na, wenn Sie nicht gehen wollen, so geh' ich!" Sie wandte sich zur Tür und brach in Tränen aus. "Sagen Sie mal—" rief er; denn bei ihrer heftigen Erregung ging ihm plötzlich ein Licht auf. "Sie sind doch nicht etwa die Person, die gestern abend solchen Skandal im Theater gemacht hat?"—Sie wandte sich feuerrot um und sah ihn an. "Natürlich sind Sie's! Jetzt weiß ich, wer Sie sind! Das 'Fischermädel'! Ich war nach dem Theater mit einem Herrn aus Ihrem Heimatort zusammen; mit einem, der Sie 'gut kannte!' So, also darum möchten Sie so gern zum Theater! Sie möchten Ihre Künste dort probieren—aha! Wissen Sie was: mein Theater ist ein anständiges Institut, und ich verbitte mir jeglichen Versuch, es zu reformieren. Machen Sie, daß Sie fortkommen! Aber etwas plötzlich, wenn ich bitten darf!"—Und laut aufschluchzend rannte Petra zur Tür hinaus, die Treppe hinunter und auf die Straße. Schluchzend, weinend lief sie so, mitten unter allen Menschen. Eine Dame, die am hellichten Tag weinend durch die Straßen läuft, mußte, wie man sich denken kann, großes Aufsehen erregen. Leute blieben stehen, Gassenjungen rannten hinter ihr drein, erst einige, dann mehrere. Und in diesem Lärm hinter sich her hörte Petra wieder das Toben und Branden jener Nächte in ihrem Giebelstübchen—sah wieder all die Gesichter in der Luft—und rannte, rannte! Aber wie hinter ihr der Lärm, so wuchs mit jedem Schritt auch die Erinnerung, und als sie das Haus erreicht, die Haustür hinter sich zugeschlagen, sich auf ihr Zimmer geflüchtet und den Schlüssel umgedreht hatte, da mußte sie sich niederwerfen in einen Winkel und die Gesichter abwehren; mit den Händen schlug sie danach—stieß Drohungen aus.—Schließlich sank sie erschöpft zusammen,—ihre Tränen flossen ruhiger,—sie war gerettet.

[2] Aus Adam Oehlenschlägers Schauspiel "Axel und Valborg."

* * * * *

Noch am Abend desselben Tages verließ sie Bergen und fuhr landeinwärts. Sie wußte selbst nicht wohin. Sie wollte nur irgendwohin, wo man sie nicht kannte. Sie saß im Karriol, ihr Koffer war hinten aufgeschnallt, und obendrauf saß der Postbub. Es regnete in Strömen; sie saß zusammengekauert unter einem großen Regendach und blickte voll Bangen bald an der Bergwand empor, bald in den Abgrund auf der andern Seite hinab. Der Wald vor ihr war eine einzige brütende Nebelmasse, voll Gespenster. Im nächsten Augenblick mußte sie mitten drin sein. Aber immer wieder wich der Nebel zurück, mit jedem Schritt, den sie in den Wald hineintat. Ein mächtiges Dröhnen, das immer gewaltiger wurde, verstärkte in ihr das Gefühl, als bewege sie sich in einem geheimnisvollen Kreis, in dem alles seine eigene Bedeutung, seinen dunkeln Zusammenhang hatte und in dem der Mensch nichts war als ein furchtsamer Wandersmann, der eben sehen mußte, wie er weiter kam. Das Dröhnen rührte von den Sturzbächen her, die durch die Regengüsse zu Riesen angeschwollen waren und nun unter Brüllen und Tosen stoßweise von Fels zu Fels in die Tiefe sprangen. Wo der Weg ging, führten schmale Brücken hinüber; sie sah es unter sich brodeln in den hohlen Kesseln. Bald ging es in Krümmungen und Windungen abwärts; da und dort ein vereinzeltes Stück Ackerland, ein paar torfbedeckte Hütten auf einem Klumpen. Dann wieder aufwärts, dem Wald und dem Rauschen entgegen. Sie war durchnäßt, sie fror. Aber sie wollte weiter, solang es Tag war, weiter auch am nächsten Tag,—immer tiefer ins Land hinein, bis sie eine Stätte fand, wo sie geborgen war. Und dazu würde er ihr helfen, er, der Allmächtige, der sie jetzt leitete durch Dunkel und Sturm.

Achtes Kapitel

Ein mildes Spätjähr kann manchmal gerade in den fruchtbaren und geschützten Gebirgstälern des Stiftes Bergen noch tief im Herbst die reinsten Sommertage bringen. Da läßt man über Mittag das Vieh wieder auf die Weide, auch wenn es schon zur Winterfütterung eingebracht ist. Und die Tiere sind wohlgenährt und übermütig um diese Zeit und bringen, wenn sie am Abend heimgetrieben werden, Leben genug auf den Hof.

So kamen sie gerade den Viehsteig herunter, auf ein großes Gehöft zu—Kühe, Schafe und Ziegen, brüllend, blökend und tanzend … als Petra vorüberfuhr. Der Tag war hell; das lange weiße Gutshaus leuchtete mit seinen Fenstern in der Sonne, und über dem Haus stieg das Gebirge auf, so vollgepackt von Föhren, Birken, Faulbäumen und Ebereschen, von Heckenrosen und allen Ausläufern, daß die Gebäude darunter wie eingebettet lagen. Vor dem Hauptgebäude, am Weg, war ein Garten; darin standen üppige Äpfel-, Kirsch- und Morellenbäume; und an den Wegen und am Zaun wuchsen Stachelbeer-, Johannisbeer- und Himbeerbüsche. Über alles hin ragten ein paar große alte Eschen mit breiten Kronen. Das Haus sah wie ein verstecktes Nest zwischen den Ästen hervor, ein Nest, in das niemand drang, als die Sonne. Aber gerade dieses Versteckte erregte Petras Sehnsucht. Und weil die Sonne aus den Scheiben funkelte, und die Herdenglocken so fröhlich lockten, und sie hörte, daß das ein Pfarrhof sei, griff sie hurtig in die Zügel: "Halt! Hier muß ich hinein!" Und bog seitwärts ab, am Garten entlang.

Ein paar Wolfshunde stürzten ihr wütend entgegen, als sie in den Hof fuhr. Der Hof war ein großes, eingebautes Viereck. Dem Wohnhaus gegenüber der Kuhstall, rechts ein Flügel des Wohnhauses, links Waschhaus und Gesindewohnung. Der ganze Hof war gerade voll von Vieh. Mitten unter den Tieren stand eine Dame, ziemlich groß und sehr schlank. Sie trug ein eng anschließendes Kleid und über dem Kopf ein kleines seidenes Tuch. Rings um sie herum und an ihr hinauf sprangen Ziegen, weiße, braune, scheckige, schwarze, alle mit kleinen Glocken, die im Dreiklang abgestimmt waren. Und für jede Ziege hatte sie einen Kosenamen und einen Leckerbissen in einer Schüssel, die die Milchmagd immer wieder füllte. Auf der niedrigen Treppe, die vom Wohnhaus auf den Hof führte, stand der Propst mit einer Schüssel Salz, und vor der Staffel standen die Kühe und leckten ihm das Salz aus der Hand und von den Steinfließen, auf die er es streute, Der Propst war kein großer, aber gedrungener Mann, mit kurzem Hals und niederer Stirn. Die buschigen Brauen beschatteten ein Paar Augen, die nicht gern geradeaus, sondern nur ab und zu seltsam funkelnd von der Seite blickten. Das kurzgeschnittene dichte Haar war grau und sträubte sich nach allen Seiten; es wuchs den Nacken hinab fast ebenso stark wie auf dem Kopf; er trug keine Krawatte, das Hemd war mit mit einem Knopf zusammengehalten und stand vorn offen, so daß die behaarte Brust sichtbar war; auch die Hemdärmel waren nicht zugeknöpft und hingen lose über den kleinen kräftigen, augenblicklich klebrigen Händen, mit denen er das Salz austeilte. Hände und Arme waren dicht behaart. Er warf von der Seite her einen scharfen Blick auf die fremde Dame, die da ausgestiegen war und sich durch die Ziegen den Weg zu seiner Tochter gebahnt hatte. Was die beiden miteinander redeten, konnte er vor dem Lärm, den Kühe, Hunde und Schellen machten, nicht hören; aber jetzt blickten die beiden zu ihm herüber und kamen, umringt von den Ziegen, auf die Treppe zu. Ein Hirtenjunge trieb auf einen Wink des Propstes die Kühe fort. Und Signe, die Tochter, rief jetzt… Petra empfand voll Behagen den Wohllaut der Stimme: "Vater, da ist eine fremde Dame, die gern einen Tag bei uns ausruhen möchte!"—"Sie ist mir herzlich willkommen!" rief der Propst zurück; dann gab er das Salzfaß einer Magd und ging in sein Studierzimmer rechts vom Hausflur, um sich zu waschen und zurechtzumachen. Petra folgte dem Fräulein in den Hausflur, der eigentlich ein Vorzimmer war, so hell und so geräumig war er. Der Postjunge wurde abgelohnt, ihr Gepäck wurde ins Haus geschafft, in einem der Studierstube gegenüberliegenden Nebenzimmer machte sie sich ein bißchen zurecht und trat dann wieder hinaus in den Flur, um sich von dort ins Wohnzimmer führen zu lassen.

Was für ein helles großes Zimmer! Fast die ganze Wand nach dem Garten zu bestand aus Fenstern; das mittlere war zugleich eine Gartentür. Die Fenster waren breit und hoch und reichten beinah bis auf den Fußboden; aber sie standen ganz voll Blumen. Blumen auf Ständern bis tief ins Zimmer herein, Blumen auf den Fensterbrettern, und statt der Gardinen schlangen sich Efeuranken aus zwei kleinen Blumenhecken hoch oben am Fensterrahmen bis auf die Erde. Und da auch draußen Sträucher und Blumen standen, unter dem Fenster, an beiden Seiten, um die Scheiben herumgerankt und auf dem Rasenplatz davor, so glaubte man in ein Treibhaus zu treten, das mitten in einem Garten lag. Und doch,—kaum war man einige Augenblicke im Zimmer, so sah man die Blumen gar nicht mehr; man sah nur noch die Kirche, die frei auf einer Anhöhe zur Rechten lag, und das blauschimmernde Wasser, das ihr Bild aufnahm und flimmernd dahinströmte, bis tief in die Berge hinein, so tief, daß man nicht wußte, war es ein Binnensee oder ein Meeresarm, der sich hereinschlängelte. Und dann die Berge selbst! Kein einzelner Berg, nein, ganze Ketten von Bergen, ein Bergrücken immer gewaltiger hinter dem andern emporragend, als sei hier die Grenze der bewohnten Welt!

Als Petras Blicke sich endlich von diesem Bilde lösten, war alles im Zimmer wie geweiht durch den Anblick da draußen; rein und anmutig schlang es sich als ein Blumenrahmen um das großzügige Gemälde. Ihr war, als umgebe sie ein Unsichtbares, das auf ihr Tun, auf ihr Denken Acht hatte; ohne sich dessen bewußt zu sein, ging sie prüfend im Zimmer umher und berührte die einzelnen Gegenstände. Da sah sie über dem Sofa an der langen Wand dem Licht gegenüber das lebensgroße Bild einer Frau, die auf sie herablächelte. Sie saß mit leicht geneigtem Haupt und gefalteten Händen da; der rechte Arm ruhte auf einem Buch, dessen Rücken in deutlichen Lettern die Inschrift: "Sonntagsbuch", trug. Blond von Haar und licht von Farbe, strahlte sie hernieder und verlieh Sonntagsruhe allem, was sie bestrahlte. Ihr Lächeln war Ernst, aber der Ernst war Hingebung; es war, als ziehe sie alles und alle in Liebe an sich; denn es war, als verstehe sie alles, weil sie in allem nur das Gute sah. Ihr Antlitz trug das Gepräge krankhafter Zartheit; aber diese Schwäche mußte ihre Stärke sein; denn den Menschen, der dieser Schwäche hatte wehtun können, den gab es sicherlich nicht. Um den Rahmen hing ein Immortellenkranz; sie war also tot.

"Das war meine Mutter!"—hörte Petra hinter sich eine sanfte Stimme sagen; sie wandte sich um und sah die Tochter des Hauses vor sich stehen, die vorhin hinausgegangen und jetzt wieder eingetreten war. Aber das ganze Zimmer war fortan ausgefüllt von dem Bilde; alles leitete zu ihm hinan, alles erhielt von ihm sein Licht, alles war nur des Bildes wegen da, und die Tochter war sein stiller Abglanz. Ein bißchen schweigsamer erschien die Tochter, ein bißchen zurückhaltender. Die Mutter zog den Blick auf sich und gab ihn voll zurück; die Tochter hielt den ihren gesenkt. Aber dabei dieselbe Klarheit, dieselbe Milde. Auch die Gestalt der Mutter hatte sie; doch ohne eine Spur von Kränklichkeit. Die lebhaften Farben ihres festanliegenden Kleides, ihrer Schürze, der kleinen Krawatte, die von einer römischen Nadel zusammengehalten war, gaben im Gegenteil ihrem Gesicht etwas Frisches und ließen eine Anmut und einen Sinn für Anmut ahnen, die sie zur Tochter des Bildes dort oben und zum guten Genius des Hauses stempelten. Und wie sie das Mädchen so zwischen den Blumen der Mutter umhergehen sah, stieg eine große Sehnsucht nach ihr in Petra auf. Im Umgang mit dieser Frau, in diesem Hause mußte alles Gute gedeihen. Wenn sie nur Einlaß fände! Sie empfand ihre Verlassenheit doppelt. Unverwandt folgten ihre Blicke Signe, wo diese ging und stand; Signe fühlte es und suchte auszuweichen; vergebens. Zuletzt wurde sie ganz verlegen und beugte sich über ihre Blumen. Endlich wurde Petra sich ihrer Aufdringlichkeit bewußt; sie schämte sich und hätte gern um Verzeihung gebeten. Aber etwas an diesem sorgfältig geordneten Haar, der feinen Stirn, dem eng anliegenden Kleid mahnte sie zur Vorsicht. Sie blickte auf zur Mutter; oh, die hätte sie auf der Stelle umarmen können! War es nicht, als ob sie sie willkommen hieße? Durfte sie wirklich hoffen? So hatte noch kein Mensch sie angesehen! In diesem Blick stand geschrieben: alles weiß ich; ich kenne dich, du Verirrte,—und ich verzeihe dir! Und sie brauchte diese Nachsicht,—sie konnte den Blick nicht abwenden von diesen gütigen Augen. Sie neigte das Haupt, wie die Frau auf dem Bilde, sie faltete die Hände,—und fast ohne es selber zu wissen, wandte sie sich um: "Lassen Sie mich hier bleiben!" Signe richtete sich auf und sah sie an; sie war so erstaunt, daß sie gar nicht antworten konnte. "Lassen Sie mich hier bleiben!" bat Petra wieder und ging auf sie zu. "Hier ist es schön!" Und ihre Augen füllten sich mit Tränen.

"Ich will meinen Vater holen!" sagte das junge Mädchen. Petra folgte ihr mit den Augen, bis sie hinter der Tür des Studierzimmers verschwunden war. Aber sobald sie wieder allein war, überfiel sie eine Angst vor dem, was sie getan hatte; und als sie in der Tür das erstaunte Gesicht des Propstes sah, zitterte sie. Er trat ein, etwas sorgfältiger gekleidet als vorhin, im Munde die Pfeife, die er mit festem Griff umklammert hielt. So oft er den Rauch einsog, ließ er sie aus den Lippen gleiten, und stieß dann den Rauch in drei Absätzen wieder heraus, wobei er jedesmal leise paffte. Das wiederholte er einige Male, während er mitten im Zimmer gerade vor Petra stehen blieb, ohne sie anzusehen, aber als erwarte er, daß sie etwas sagen solle. Sie getraute sich nicht, diesem Mann gegenüber ihre Bitte zu wiederholen; er sah so streng aus. "Sie möchten hier bleiben?" fragte er und streifte sie mit einem langen, leuchtenden Seitenblick. Die Angst verlieh ihrer Stimme etwas Bebendes. "Ich weiß nicht, wo ich sonst hin soll." "Wo sind Sie her?" Petra nannte leise ihren Geburtsort und ihren Namen. "Wie kommen Sie denn hierher?"

"Ich weiß nicht—ich möchte—ich will gern bezahlen—ich—ich weiß nicht—" Sie wandte sich ab; eine Weile konnte sie überhaupt nicht mehr sprechen, dann faßte sie wieder Mut und sagte: "Ich will ja alles tun, was Sie von mir verlangen,—wenn ich bloß hier bleiben darf und nicht weiter muß,—und nicht noch einmal ein zweites Mal bitten—" Die Tochter war mit dem Vater wieder hereingekommen, war aber beim Kamin stehen geblieben und fingerte dort, ohne aufzublicken, in den gedörrten Rosenblättern herum. Der Propst erwiderte nichts. Man hörte nur sein Pfeifenpaffen, während er abwechselnd bald Petra, bald die Tochter, bald das Bild ansah. Nun kann ein und derselbe Gegenstand einen ganz verschiedenen Eindruck hervorrufen. Während Petra innerlich flehte, das Bild möge ihn günstig stimmen, schien es dem Propst, als flüstere es ihm zu: "Schütze unser Kind! Nimm niemand Fremdes zu ihr ins Haus!" Mit einem scharfen Seitenblick wandte er sich zu Petra und sagte: "Nein! Sie können nicht bleiben."

Petra erblaßte, seufzte tief auf, blickte sich unsicher um und stürzte ins Nebenzimmer, dessen Tür halb offen stand. Dort warf sie sich kopfüber auf einen Tisch und überließ sich haltlos ihrem Schmerz und ihrer Enttäuschung!—Vater und Tochter sahen einander an.

Solch ein Mangel an Lebensart—ohne weiteres in ein fremdes Zimmer zu stürmen und sich einfach gehen zu lassen—das hatte wirklich nur seinesgleichen in der Art, wie sie von der Landstraße hereingeschneit war, gebeten hatte, hier bleiben zu dürfen, und dann, als man ihr das abschlug, laut zu heulen anfing. Der Propst ging ihr nach, nicht um mit ihr zu reden, sondern um die Tür hinter ihr zuzumachen. Mit feuerrotem Gesicht kam er zurück und sagte leise zur Tochter, die noch am Ofen stand: "Hast Du jemals so was von Frauenzimmer gesehen? Wer ist sie denn? Was will sie?" Die Tochter antwortete nicht gleich; aber als sie endlich antwortete, sprach sie noch leiser als der Vater: "Sie führt sich ja freilich verdreht auf. Aber etwas Besonderes hat sie doch an sich." Der Propst ging im Zimmer auf und ab und blickte immer wieder zur Tür. Zuletzt blieb er stehen und flüsterte: "Sie muß nicht ganz richtig im Kopf sein!" Und als Signe nichts erwiderte, trat er näher auf sie zu und wiederholte bestimmter: "Sie ist verrückt, Signe. Einfach verrückt. Das ist das Besondere an ihr!" Wieder fing er an, auf und ab zu gehen; schließlich kam er auf andere Gedanken; und fast hatte er schon vergessen, was er eben gesagt hatte, als die Tochter flüsternd antwortete: "Das glaub' ich nicht. Aber sehr unglücklich muß sie sein!" Und sie beugte sich über die welken Rosenblätter, mit denen ihre Finger noch immer spielten. Der Klang der Stimme sowie dies Spielen hätte für einen Fremden nichts Auffallendes gehabt; aber der Vater wurde sofort aufmerksam. Er ging, das Bild an der Wand betrachtend, ein paarmal durchs Zimmer und sagte endlich sehr leise: "Meinst Du, weil sie unglücklich aussieht—würde—Mutter ihr erlaubt haben, zu bleiben?"—"Mutter hätte mit ihrer Antwort überhaupt ein paar Tage gewartet!" flüsterte die Tochter und beugte sich noch tiefer über die Rosen. Die leiseste Erinnerung an sie da droben konnte, wenn die Tochter sie ihm zu Gemüte führte, den buschigen Löwenkopf zahm machen wie ein Lamm. Er fühlte sogleich die Wahrheit ihrer Worte und stand da wie ein Schuljunge, der beim Lügen ertappt wird; er vergaß seine Pfeife, er dachte nicht mehr ans Gehen, und erst nach einer langen Weile flüsterte er: "Soll ich sie bitten, ein paar Tage bei uns zu bleiben?" "Du hast ihr ja schon geantwortet."

"Nun ja,—aber sie ganz bei uns aufnehmen oder sie ein paar Tage behalten,—das ist zweierlei." Auch Signe schien zu überlegen. Endlich sagte sie: "Tu, was Du für das Beste hältst!"

Der Propst schien sich diesen Vorschlag doch noch näher zu überlegen. Er ging wieder verschiedene Male im Zimmer auf und ab und stieß dicke Rauchwolken aus. Endlich blieb er stehen. "Willst Du zu ihr hinein—oder soll ich—?" "Es wird schon das beste sein, Du gehst zu ihr!" sagte die Tochter mit einem weichen Blick.

Der Propst hatte schon die Hand an der Türklinke, als von drinnen ein schallendes Gelächter ertönte. Dann wieder Stille—und aufs neue eine wahre Lachsalve. Der Propst war zurückgeprallt; jetzt ging er wieder auf die Tür los; die Tochter hinter ihm her. Das Mädchen da drin mußte krank geworden sein.

Als die Tür aufging, sahen sie Petra noch an derselben Stelle sitzen, wo sie sich vorhin hingeworfen hatte. Vor ihr lag ein aufgeschlagenes Buch, über das sie sich, ohne zu wissen, was sie tat, hergemacht hatte. Ihre Tränen waren auf die Blätter des Buchs gefallen und sie hatte sie abwischen wollen. Da war ihr Blick auf einen der saftigen Ausdrücke gefallen, deren sie sich aus den Tagen ihres Straßenjungenlebens her noch so gut erinnerte, und die sie nie im Leben für druckfähig gehalten hatte. Vor lauter Entsetzen vergaß sie zu weinen; saß nur und starrte in das Buch! Um Gotteswillen … was war denn das? Sie las weiter, mit offenem Mund. Es wurde immer ärger, furchtbar derb, aber so unwiderstehlich komisch, daß sie gar nicht anders konnte: sie mußte immer weiter lesen. Und sie las, bis sie überhaupt nichts mehr wußte, las über Kummer und Tränen, über Zeit und Raum hinweg—mit dem alten Vater Holberg. Denn kein anderer war es als er! Sie lachte, sie schüttelte sich vor Lachen. Und noch als der Propst und seine Tochter schon vor ihr standen, merkte sie gar nicht, wie ernst sie waren, dachte gar nicht mehr an ihr eigenes Anliegen, sondern lachte nur und lachte und fragte: "Was ist denn das? Was in aller Welt ist denn das?" Und dabei schlug sie das Titelblatt auf…

Plötzlich wurde sie blaß; sie sah zu den beiden auf, sah wieder in das Buch, auf die wohlbekannten Schriftzüge. Es gibt Dinge, die einen ins Herz treffen, wie eine Kugel, Dinge, von denen man sich hunderte von Meilen entflohen wähnt, und die man auf einmal dicht vor sich sieht. Da—auf dem ersten Blatt—stand geschrieben: "Hans Ödegaard." Flammendrot rief sie: "Gehört ihm das Buch?—Kommt er hierher?" Und sie stand auf. "Ja, versprochen hat er's", erwiderte Signe. Und Petra entsann sich, daß er im Ausland mit einer Pastorenfamilie aus dem Stift Bergen zusammengewesen war. Sie selbst war nur im Ring herumgefahren, sie war geradenwegs auf ihn zugereist. "Kommt er bald? Ist er etwa gar hier?" Sie schickte sich auf der Stelle an, davonzulaufen.—"Nein, er ist ja doch krank", sagte Signe.—"Ach, richtig, er ist ja krank!" wiederholte Petra schmerzlich und sank zusammen.

"Sagen Sie mal," rief Signe, "Sie sind doch nicht etwa—?" "Das Fischermädel?" vollendete der Propst. Petra sah flehend zu ihnen auf. "Ja, ich bin das Fischermädel", sagte sie.

Die war ihnen gar wohl bekannt; Ödegaard hatte ja von nichts anderem gesprochen. "Das ändert freilich die Sache!" sagte der Propst; er fühlte, hier war etwas Zerbrochenes—hier tat die Hilfe von Freunden not. "Bleiben Sie einstweilen hier!" sagte er.

Petra sah auf; sie bemerkte den Blick, mit dem Signe ihm dankte, und das tat ihr so wohl, daß sie zu Signe hinging, ihre beiden Hände faßte—mehr getraute sie sich nicht—und, allerdings in Verlegenheit, sagte: "Ich will Ihnen alles erzählen, sobald wir allein sind."

Eine Stunde später kannte Signe Petras ganze Geschichte, die sie sofort ihrem Vater mitteilte. Auf seinen Rat schrieb sie noch am selben Tag an Ödegaard, und damit fuhr sie fort, solange Petra bei ihnen im Hause war.

Petra aber, als sie sich an diesem Abend in den mächtigen Daunenkissen zur Ruhe legte, in einem gemütlichen Zimmer, wo im Ofen die Birkenscheiter knisterten und wo auf dem weißen Nachttisch zwischen den zwei Kerzen das Neue Testament lag, griff nach dem Buch und dankte ihrem Gott für alles, Gutes und auch Böses…

* * * * *

Der Propst hatte als junger Mann von feuriger Seele und großer Rednergabe den Wunsch gehabt, Geistlicher zu werden. Seine wohlhabenden Eltern waren dagegen gewesen; sie hätten es lieber gesehen, wenn er das gewählt hätte, was sie eine "unabhängige Lebensstellung" nannten. Aber ihr Widerstand spornte seinen Eifer noch mehr an, und als er fertig war, ging er ins Ausland, um dort weiter zu studieren. Auf der Durchreise lernte er in Dänemark eine Dame kennen; sie gehörte einer Glaubensrichtung an, die ihm nicht streng genug und darum verwerflich erschien. Er suchte ununterbrochen auf sie einzuwirken; aber die Art, wie sie ihn dabei ansah und ihn zum Schweigen brachte, konnte er später während seines ganzen Aufenthaltes im Ausland nicht vergessen. Als er zurückkam, suchte er sie sogleich auf. Sie verkehrten viel zusammen und gewannen einander immer mehr lieb, bis sie sich schließlich verlobten und gleich darauf heirateten. Nun aber stellte es sich heraus, daß jedes von ihnen dabei einen Nebengedanken gehabt hatte. Er hatte sich vorgenommen, sie mit all ihrer Lieblichkeit zu sich hinüberzuziehen in seine düstere Lehre, und sie hatte sich wie ein Kind in der Sicherheit gewiegt, seine Kraft und Beredsamkeit für den Dienst ihrer Glaubensgemeinschaft gewinnen zu können. Sein erster, ganz leiser Versuch stieß auf ihren ersten, ganz leisen. Enttäuscht, mißtrauisch zog er sich zurück. Sie war klug genug, das sofort zu merken, und von diesem Tag an lauerte er nun immer auf einen weiteren Versuch ihrerseits und sie auf einen zweiten Versuch seinerseits. Aber keins von ihnen machte einen zweiten; denn beiden war angst geworden. Er hatte Angst vor seiner eigenen leidenschaftlichen Natur, und sie hatte Furcht, sie würde sich durch einen verfehlten Versuch jede Aussicht verscherzen, ihn zu sich herüberzuziehen. Denn diese Hoffnung gab sie nie auf; die war ihr zur Lebensaufgabe geworden. Nie aber kam es zum Kampf; denn wo sie war, da gab es keinen Kampf. Irgendwie jedoch mußte er seinem arbeitenden Willen, seiner zurückgedrängten Leidenschaft Luft machen; und das geschah jedesmal, wenn er auf der Kanzel stand und sie unter sich sitzen sah. Wie in einem Wirbel riß er dann die Gemeinde mit sich fort; bald erhitzte er seine Zuhörer, bald erhitzten sie ihn. Sie sah es mit an und ließ ihr geängstigtes Herz ausruhen in Wohltätigkeit, und später, als sie Mutter wurde, bei ihrem Kinde, das sie in körperlichem und geistigem innigsten Umfangen an ihren stillen Stunden teilnehmen ließ. Da gab sie, da empfing sie, da wiegte sie ihr eigenes großes Kind in der Unschuld des Kindes, da feierte sie ein Fest der Liebe, von dem sie zu ihm, dem Strengen, zurückkehrte mit aller vereinten Milde des Weibes und des Christentums; und ihm war es dann natürlich nicht möglich,—etwas zu sagen, was nicht liebreich gewesen wäre. Er mußte sie ja lieben, über alles auf der Welt, aber um so schmerzlicher war es ihm, um so heftiger blutete ihm das Herz, daß er ihr nicht helfen konnte bei ihrer Seele Seligkeit. Mit dem stillschweigenden Recht der Mutter entzog sie auch das Kind seiner religiösen Unterweisung. Die Liedchen des Kindes, die Fragen des Kindes wurden ihm bald eine neue und tiefe Quelle des Schmerzes. Und hatte ihn dann auf der Kanzel seine leidenschaftliche Gemütsbewegung bis zur Härte aufgestachelt, so begegnete ihm, wenn sie miteinander heimgingen, sein Weib nur mit um so größerer Milde; die Augen redeten; der Mund redete nie ein Wort. Und die Tochter nahm seine Hand und sah zu ihm auf mit Augen, die die Augen der Mutter waren.

Über alles wurde gesprochen in diesem Hause, nur über das eine nicht, das die Wurzel ihres ganzen Denkens war. Aber eine so aufreibende Spannung war auf die Dauer nicht zu ertragen. Wohl lächelte die Frau noch; aber nur, weil sie nicht wagte, zu weinen. Als die Zeit herannahte, wo die Tochter zur Einsegnung vorbereitet werden sollte, und er sie also kraft seines Amtes jetzt ebenso stillschweigend in seine Richtung hätte hinüberziehen können, wie die Mutter sie seither in der ihren gehalten hatte, da stieg die Spannung bis aufs äußerste. Und nach dem Sonntag, an dem die Namen der Konfirmanden von der Kanzel verlesen waren, wurde die Mutter krank; etwa so, wie man sonst müde wird. Lächelnd sagte sie, sie könne nicht mehr gehen; und ein paar Tage darauf—noch immer lächelnd—sie könne nicht mehr sitzen. Die Tochter wollte sie immer um sich haben, obgleich sie nicht mehr mit ihr reden konnte; sehen konnte sie ihr Kind doch wenigstens. Und die Tochter wußte, was die Mutter am liebsten mochte. Sie las ihr vor aus dem Buch des Lebens, sie sang ihr die Choräle ihrer Kinderzeit, die neuen, lebenswarmen ihrer eigenen Glaubensgemeinschaft vor. Der Propst konnte lange nicht fassen, was sich hier vorbereitete; aber als er es endlich begriff, da verlor er jede Richtschnur; nur ein Wunsch beherrschte ihn noch: sie noch einmal zu sich reden, sie nur ein paar Worte noch sagen zu hören. Aber sie hatte nicht mehr die Kraft; sprechen konnte sie nicht mehr. Er stand am Fußende des Bettes und sah sie an und flehte. Und sie lächelte ihm zu, bis er auf die Knie fiel und die Hand der Tochter nahm und sie in die Hand der Mutter legte, als wollte er sagen: "Da, behalte sie! Bei Dir soll sie bleiben in alle Ewigkeit!" Und da lächelte sie, wie sie noch nie gelächelt hatte; und in diesem Lächeln verschied sie.

Lange Zeit schloß sich der Propst von allem Umgang ab. Ein anderer übernahm die Sorge für die Gemeinde; er selber wanderte von Zimmer zu Zimmer, von Ort zu Ort, als suche er etwas. Er trat leise auf; wenn er sprach, sprach er mit gedämpfter Stimme; und nur dadurch, daß sie ganz auf diese stille Art einging, vermochte die Tochter allmählich wieder einen Verkehr mit ihm herzustellen. Jetzt half sie ihm suchen. Jedes Wort der Mutter wurde wieder hervorgeholt; alles, was sie gewollt hatte, wurde zur Richtschnur, nach der sie fortan lebten. Das Zusammenleben der Mutter mit der Tochter, bei dem der Vater bisher außen gestanden hatte, wurde jetzt erst so recht durchlebt. Vom ersten Augenblick an, dessen sie sich als Kind entsinnen konnte, wurde alles wieder vorgenommen; ihre Lieder wurden gesungen, ihre Gebete gebetet; die Predigten, die sie am liebsten gehört hatte, wurden eine nach der anderen vorgelesen, und alle ihre Worte und Auflegungen treulich ins Gedächtnis zurückgerufen. Also in Wirksamkeit gesetzt, empfand er bald das Verlangen, das Land wiederzusehen, wo er sie gefunden hatte, um auch dort auf dieselbe Weise ihren Spuren nachzugehen. Sie gingen auf Reisen. Und dadurch, daß er so ihr ganzes Leben ungeteilt in sich aufnahm, gesundete er wieder. Ihm, der selbst wieder Anfänger wurde, ging der Sinn auf für alles um ihn her, was da in seinen Anfängen lag,—für die großen nationalen, für die kleineren politischen Ideen: und das gab ihm ein Stück seiner eigenen Jugend wieder. Seine Kräfte kamen zurückgeströmt, und mit ihnen all die heißen Hoffnungen von ehedem. Jetzt wollte er das Wort Gottes verkünden, und zwar so, daß es zum Leben vorbereitete und nicht nur zum Tode!

Doch bis er sich wieder mit dieser seiner neuen geliebten Tätigkeit in seiner Bergheimat einschloß, wünschte er noch einen weiteren, tieferen Blick in das zu tun, was draußen sich regte. So waren sie also noch weiter in der Welt herumgefahren, und lebten jetzt ihren großen Erinnerungen.

Unter diesen Menschen lebte Petra.

Neuntes Kapitel

Drei Jahre später, an einem Freitag kurz vor Weihnachten, saßen die beiden jungen Mädchen in der Dämmerstunde beisammen. Eben war der Propst mit seiner Pfeife eingetreten. Der Tag war verflossen, wie so ziemlich jeder Tag dieser letzten zwei Jahre—morgens ein Spaziergang, nach dem Frühstück eine Stunde Musizieren, Klavierspiel und Gesang, darauf Sprach- und anderer Unterricht und zuletzt ein bißchen Haushaltungsarbeit. Nachmittags beschäftigte jeder sich auf seinem Zimmer; Signe heute gerade wieder mit einem Brief an Ödegaard, nach dem Petra übrigens niemals fragte, wie sie überhaupt niemals von der Vergangenheit hören mochte. In der Dämmerung waren sie Schlitten gefahren, und jetzt saß man zusammen, um zu plaudern oder zu singen oder später vorzulesen. Dazu fand sich der Propst stets ein. Er las ausgezeichnet, und ebenso Signe. Petra lauschte beiden ihre Art und Weise und besonders ihre Aussprache ab. Signes Aussprache und Tonfall hatten für ihr Ohr einen solchen Wohllaut, daß es noch, wenn sie allein war, in ihr nachklang. Überhaupt schwärmte Petra so für Signe, daß ein Mann schon den vierten Teil für die glühendste Liebe gehalten hätte; Signe wurde auch oft ganz rot dabei. Bei diesen abendlichen Vorlesungen—Petra selbst war nie zum Lesen zu bewegen—hatte man die Hauptdichter der norwegischen Literatur durchgenommen und war nach und nach weiter in die große Weltliteratur geraten. Am liebsten lasen sie dramatische Werke. Eben als man die Lampen anzünden und anfangen wollte, kam die Köchin herein und sagte, draußen sei jemand, der Petra einen Gruß ausrichten wolle. Es stellte sich heraus, daß es ein Matrose aus ihrer Vaterstadt war, den ihre Mutter beauftragt hatte, Petra aufzusuchen, da er zufällig in die Gegend kam. Er war über eine Meile zu Fuß gewandert und mußte schleunigst wieder umkehren, weil sein Schiff gleich darauf unter Segel ging. Petra begleitete ihn ein Stück, um ein bißchen länger mit ihm zu plaudern; er war ein ehrlicher Mensch, den sie von früher her kannte. Der Abend war ziemlich finster; auch auf dem Pfarrhof waren alle Fenster dunkel, außer im Waschhaus, wo große Wäsche war. Auf der Landstraße war kein einziges Licht zu sehen, kaum daß man den Weg selbst sah; denn der Mond hatte sich noch nicht über die Berge emporgeschlängelt. Trotzdem ging Petra tapfer mit, sogar bis in den Wald hinein, obwohl es zwischen den Bäumen unheimlich düster war. Besonders eine Nachricht hatte sie interessiert. Der Matrose hatte ihr nämlich erzählt, Pedro Ohlsens Mutter sei gestorben, und er habe sein Haus verkauft und sei hinaufgezogen zu Gunlaug, wo er in Petras Giebelstube hause. Das war nun schon fast zwei Jahre her, und dabei hatte die Mutter dies mit keinem Wort erwähnt. Jetzt endlich ging Petra ein Licht auf, wer die Briefe für die Mutter schrieb; vergebens hatte sie sie immer wieder danach gefragt; denn in jedem Brief stand am Schluß: "Auch einen Gruß von dem, der den Brief geschrieben hat." Der Matrose war von der Mutter beauftragt, zu fragen, wie lange Petra noch im Pfarrhause bleiben wolle und was für Absichten sie für später habe. Auf die erste Frage antwortete Petra, das wisse sie nicht, und als Erwiderung auf die zweite Frage ließ sie der Mutter sagen, es gäbe in der Welt nur eins, was sie gern möchte, und wenn sie das nicht werden könne, so sei sie unglücklich fürs ganze Leben; sie könne aber vorläufig noch nicht sagen, was es sei.

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