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Gesammelte Werke in fünf Bänden — 1. Band

DAS FISCHERMÄDEL (continued 3)

Max Bamberger translation

Während Petra mit dem Matrosen schwatzte, saßen der Propst und Signe im Wohnzimmer und sprachen von Petra, an der sie beide ihre Herzensfreude hatten. Da kam der Großknecht herein, und nachdem er den Tagesbericht erstattet hatte, fragte er, ob die Herrschaft eigentlich wisse, daß die fremde Jungfer nachts an einer Strickleiter aus ihrem Fenster und wieder hinauf klettere. Er mußte es dreimal wiederholen, bis einer von den beiden begriff, was er da sagte; er hatte ebensogut erzählen können, sie klettere an den Mondstrahlen auf und ab. Es war dunkel im Zimmer, und jetzt wurde es ganz still; nicht einmal des Propstes Pfeife war zu hören. Endlich fragte der Propst mit einem gewissen dumpfen Klang in der Stimme: "Wer hat das gesehen?"—"Ich hab's gesehen. Ich war gerade auf und fütterte die Pferde; es mag wohl so um eins 'rum gewesen sein."—"An einer Strickleiter ist sie hinuntergeklettert?"—"Und wieder hinauf."—Abermals lange Pause. Petras Zimmer lag im Oberstock,—das Eckzimmer, das auf die Einfahrt hinausging. Sie war die einzige, die oben schlief; niemand außer ihr wohnte nach dieser Seite zu. Ein Mißverständnis konnte also nicht obwalten. "Sie wird's im Schlaf getan haben", sagte der Knecht und wollte sich davonmachen.—"Aber die Strickleiter—die kann sie doch nicht im Schlaf gemacht haben", sagte der Propst. "Das dacht' ich mir eben auch; und darum sagt' ich mir: es wird schon das beste sein, ich sag's dem Hausvater; sonst hab' ich keinem davon gesagt."—"Hat es außer Dir noch jemand gesehen?"—"Nein; aber wenn der Hausvater mir nicht glaubt, so muß die Strickleiter mein Zeuge sein; wenn sie die nicht oben liegen hat, dann werd' ich ja wohl falsch gesehen haben."—Der Propst stand sogleich auf. "Vater!" bat Signe. "Mach' Licht!" antwortete der Propst in einem Ton, der keinen Widerspruch zuließ. Signe zündete selbst das Licht an. "Vater!" bat sie noch einmal, als sie es ihm reichte. "Solange sie in meinem Hause ist, bin ich auch ihr Vater. Es ist meine Pflicht, die Sache zu untersuchen." Der Propst ging mit dem Licht voran. Signe und der Großknecht hinterdrein. In dem kleinen Zimmer war alles in Ordnung; nur auf dem Nachttisch lag ein ganzer Stapel von Büchern, das eine aufgeschlagen über dem andern. "Liest sie des Nachts?"—"Ich weiß nicht; aber vor eins macht sie nie das Licht aus." Der Propst und Signe sahen einander an. Um zehn, halb elf abends ging man im Pfarrhaus auseinander, und um sechs, sieben Uhr versammelte man sich morgens. "Weißt Du davon?" Signe antwortete nicht. Aber der Großknecht, der in einer Ecke kniete und kramte, sagte: "Sie ist doch nicht allein."—"Was sagst Du da?" "Freilich, es ist immer einer bei ihr, mit dem sie redet; manchmal machen sie einen Heidenlärm; ich hab' oft gehört, wie sie gebettelt und gedroht hat. Wahrscheinlich hat irgendein Kerl sie in seiner Gewalt, das arme Wurm!" Signe wandte sich ab; der Propst war totenblaß geworden.

"Und da ist auch die Leiter", fuhr der Großknecht fort. Er zog sie hervor und stand auf. Zwei Wäscheleinen, zusammengehalten durch eine dritte, die an die eine geknotet war, dann quer zur anderen hinüberlief, dort ebenfalls festgeknotet war und so, in der Breite von etwa einer halben Elle, stufenweise fort, bis die Leiter fertig war. Alle betrachteten sie aufmerksam. "War sie lange fort?" fragte der Propst. Der Großknecht sah ihn an. "Wie denn fort?"—"Ich meine, ob sie lange fortblieb, nachdem sie die Leiter hinuntergeklettert war?" Signe zitterte vor Angst und Kälte. "Sie ist doch gar nicht weggegangen; sie ist gleich wieder hinaufgeklettert."—"Wieder hinauf? Wer ist denn weggegangen?"—Signe machte eine Bewegung und brach in Tränen aus. "Den Abend war keiner da; das ist gestern gewesen."—"Also war sonst keiner auf der Strickleiter? Bloß sie?"—"Ja, sonst keiner."—"Und sie ist hinuntergeklettert und gleich wieder hinauf?"—"Ja."—

"Sie hat sie also nur probieren wollen", sagte der Propst und es war, als atme er ein bißchen erleichtert auf. "Jawohl, bis sie jemand anders dran 'raufklettern läßt", fügte der Knecht hinzu. Der Propst sah ihn an. "Du meinst, dies wäre nicht die erste, die sie gemacht hat?"—"Nein. Wie sollte denn sonst jemand zu ihr herauf kommen?"—"Hast Du schon lange gewußt, daß jemand zu ihr kommt?"—"Erst seit diesem Winter, als sie immer so spät in die Nacht hinein Licht hatte; vorher ist mir's nie eingefallen, nachzusehen." Der Propst fragte streng: "Also den ganzen Winter hast Du es schon gewußt? Weshalb hast Du mir's nicht schon eher gesagt?"—"Ich hab' geglaubt, es wär' jemand vom Haus, der bei ihr sei. Aber wie ich sie gestern Nacht auf der Leiter sah, da kam ich erst drauf, daß es jemand anders sein müsse."—"Ja, es ist leider kein Zweifel—sie hat uns alle getäuscht." Signe blickte flehend auf. "Sie müßte vielleicht nicht so weit weg von den andern schlafen", meinte der Großknecht, während er die Strickleiter zusammenwickelte. "Sie sollte eigentlich überhaupt nicht mehr in diesem Hause schlafen!" sagte der Propst und ging. Die anderen folgten ihm. Aber als sie wieder unten waren, und er das Licht hingestellt hatte, warf Signe sich an seine Brust. "Ja, mein Kind, das ist eine arge Enttäuschung!"

Eine Weile darauf saß Signe in der Sofaecke, ihr Taschentuch vor die Augen gepreßt; der Propst hatte seine Pfeife angesteckt und ging unruhig auf und ab. Da hörten sie aus der Küche ein Geschrei, ein hastiges Laufen auf der Treppe und Getrappel oben im Flur. Sie eilten beide hinaus. In Petras Zimmer brannte es. Von der Kerze war ein Funken in die Ecke gefallen—denn dort war das Feuer entstanden—hatte sich im Nu die Tapete entlang gefressen, das Holzwerk am Fenster erreicht, und dort hatte ein Vorübergehender es bemerkt und war sofort ins Waschhaus gerannt, wo die Mägde bei der Wäsche waren. Das Feuer war bald gelöscht. Aber auf dem Lande, wo alles jahraus, jahrein seinen gleichmäßigen Gang geht, bringt die geringste Störung die Gemüter in Aufruhr. Das Feuer ist ihr schlimmster und gefährlichster Feind, an den sie beständig denken, und wenn er wirklich eines Nachts kommt, sein Haupt aus dem Abgrund emporreckt und mit gierigen Zungen zischend nach Beute leckt, da erbebt alles und findet wochenlang keine Ruhe mehr, ja, manche ihr ganzes Leben lang nicht mehr.

Als der Propst und seine Tochter wieder im Wohnzimmer waren, wo jetzt die Lampen brannten, da war es beiden ganz unheimlich zumute, daß Petras Zimmer so rasch geräumt und jede Erinnerung an sie verbrannt war. Im selben Augenblick hörten sie Petras klare Stimme fragen und rufen; sie sprang die Treppe hinauf und wieder herunter, lief vom Boden in den Hausflur, vom Flur in die Küche und kam dann, noch in Hut und Mantel, in die Wohnstube gestürmt. "Gott, es hat ja in meinem Zimmer gebrannt!" Niemand antwortete; aber sie fuhr in einem Atem fort: "Wer ist oben gewesen? Wann ist es denn geschehen? Wie ist das Feuer ausgekommen?" Er selbst sei oben gewesen, antwortete jetzt der Propst, er habe etwas gesucht; dabei sah er sie scharf an. Aber Petra verriet nicht durch das mindeste Zeichen, daß sie dabei etwas Auffallendes finde, zeigte auch keinerlei Besorgnis, daß man irgend etwas gefunden haben könne. Sie schöpfte nicht einmal Verdacht, als Signe gar nicht von ihrer Sofaecke aufblicken wollte. Sie glaubte, es sei noch der Schreck vom Brande her, und fragte in einem fort, wie es entdeckt und gelöscht worden sei, wer es zuerst gesehen habe, und als ihr nicht rasch genug Bescheid wurde, stürzte sie wieder hinaus, wie sie hereingekommen war. Bald kam sie wieder dahergestürmt, diesmal ohne Hut und Mantel, und erzählte dem Propst und Signe, wie alles zugegangen und daß sie selber den Feuerschein gesehen und furchtbar schnell gelaufen sei; aber jetzt sei sie nur froh, daß es nicht schlimmer sei. Währenddem legte sie vollends ab, trug die Sachen hinaus, kam wieder herein und setzte sich auf ihren Platz am Tisch, ununterbrochen berichtend, was der gesagt und jener getan hatte; das ganze Haus stand ja auf dem Kopf, und das machte ihr den größten Spaß. Als die andern immer noch stumm blieben, klagte sie, daß ihnen nun der ganze Abend verdorben sei; sie hätte sich doch so schrecklich auf "Romeo und Julia" gefreut, was sie eben lasen; gerade heut abend habe sie Signe bitten wollen, die Szene, die ihr am besten gefiele vom ganzen Stück, nämlich Romeos Abschied von Julia auf dem Balkon, noch einmal zu lesen. Mitten in ihrem Redestrom erschien ein Mädchen aus der Waschküche, um zu sagen, es fehlten Wäscheleinen; ein ganzes Bund sei fortgekommen. Petra wurde puterrot und sprang auf: "Ich weiß, wo sie sind; ich hole sie." Sie machte ein paar Schritte auf die Tür zu; da fiel ihr der Brand ein; sie blieb stehen und errötete noch tiefer: "Ach Gott, die sind gewiß verbrannt! Sie lagen in meinem Zimmer!" Signe hatte sich nach ihr umgewandt; der Propst blickte sie von der Seite durchdringend an. "Wozu brauchst Du denn Wäscheleinen?" Sein Atem flog; er konnte kaum sprechen. Petra sah ihn an; sein furchtbarer Ernst machte ihr beinahe Angst; im nächsten Augenblick jedoch reizte er sie zum Lachen. Ein paar Sekunden kämpfte sie dagegen an, aber als sie ihn dann noch einmal ansah, brach sie in ein so herzhaftes Gelächter aus, daß sie überhaupt nicht mehr aufhören konnte; von bösem Gewissen war darin so wenig wie in einem rieselnden Bach. Signe hörte das am Klang und schnellte vom Sofa auf: "Was ist denn? Was ist denn?" Petra wandte sich ab, lachte, hüpfte, duckte sich und wollte zur Tür hinaus. Aber Signe vertrat ihr den Weg: "Was ist es, Petra? So rede doch!" Petra versteckte sich hinter ihr, als wolle sie sich ganz verkriechen, lachte aber immer weiter, ganz maßlos. Nein, so benimmt sich die Schuld nicht, das wurde doch auch jetzt dem Propst klar. Und er, der noch eben auf dem Sprung gewesen war, sich in ein Toben der Wut hineinzusteigern, stürzte sich statt dessen kopfüber ins Lachen; und Signe mit ihm. Nichts in der Welt ist so ansteckend, wie Lachen, und vor allem ein Lachen, das so ganz unfaßlich ist. Die vergeblichen Versuche, die bald der Propst, bald Signe machten, zu ergründen, worüber sie eigentlich lachten, steigerte die Heiterkeit bis ins Ausgelassene. Die Magd, die noch immer wartete, fing zuletzt ebenfalls an, mitzuwiehern; sie hatte das sonderbare Grubenlachen, das immer wie ein Aus-der-Tiefe-Emporwinden und -Keuchen klingt; und da sie selber fühlte, daß es nicht recht unter so feine Möbel und Menschen paßte, machte sie, daß sie zur Tür hinauskam, um in der Küche erst recht loszuplatzen. Natürlich steckte sie die draußen auch an; bald wälzte sich eine wahre Sturmflut von Gelächter auch zur Küche heraus, in der man noch weniger wußte, worüber man eigentlich lachte, und das entfachte wiederum das Gelächter im Zimmer aufs neue.

Schließlich, als alle schon ganz krank vor Lachen waren, machte Signe einen letzten Versuch, endlich hinter die Ursache dieser Heiterkeit zu kommen. "Jetzt aber mußt Du's mir sagen!" rief sie und hielt Petra bei den Händen fest. "Nicht um alles in der Welt!"—"Ach Du, ich weiß schon, was es ist!" rief Signe wieder. Petra sah sie an und schrie auf; aber Signe rief: "Und Vater weiß es auch!" Diesmal schrie Petra nicht mehr; sie brüllte und riß sich los, kam auch glücklich bis zur Tür; aber da erwischte Signe sie wieder. Petra drehte sich um, um mit ihr zu ringen; sie wollte fort, um jeden Preis. Sie lachte, während sie miteinander kämpften; aber an ihren Wimpern hingen Tränen. Da ließ Signe sie los. Petra stürzte hinaus, Signe hinter ihr drein, und beide verschwanden in Signes Zimmer. Dort fiel Signe Petra um den Hals, und die umschlang sie mit beiden Armen. "O Gott, so wißt Ihr es?" flüsterte sie. Und Signe flüsterte zurück: "Ja, wir waren oben mit dem Großknecht; er hat Dich gesehen. Und wir haben die Strickleiter gefunden!" Abermaliges Aufschreien und abermalige Flucht; aber diesmal bloß in die Sofaecke, wo sie sich versteckte; gleich war Signe bei ihr, und sich halb über sie neigend, berichtete sie Petra flüsternd von der ganzen Entdeckungsreise samt ihren brenzlichen Folgen. Was sie vor kurzem noch Tränen der Angst gekostet hatte, erschien ihr jetzt so komisch, daß sie es voller Humor erzählte. Petra hörte, hielt sich die Ohren zu, blickte auf und versteckte sich wieder. Als Signe fertig war und beide wieder im Dunkeln nebeneinandersaßen, flüsterte Petra: "Weißt Du, was ich gemacht hab'?… Ich kann unmöglich schon um zehn Uhr, wenn wir auf unser Zimmer gehen, schlafen; dazu hat das, was wir gelesen haben, noch viel zu viel Macht über mich. Und so lern' ich es auswendig; alles, was mir am besten gefällt. Ganze Szenen kann ich auswendig; und die sag' ich ganz für mich laut her. Als wir 'Romeo und Julia' lasen, da hatte ich das Gefühl, als gäb' es überhaupt auf der ganzen Welt nichts Schöneres; rein toll und verrückt war ich … ich mußte die Sache mit der Strickleiter probieren; nie ist mir vorher der Gedanke gekommen, daß man an einer Strickleiter auf- und abklettern kann. Ich erwischte ein paar Wäscheleinen… Und dabei steht der Spitzbub unten und guckt mir zu!… Ja, es ist gar nicht zum Lachen, Du! Schrecklich unweiblich ist es. Ich bleib' überhaupt mein Lebtag ein Junge! Und natürlich bin ich morgen das Gespött der ganzen Nachbarschaft!" Aber Signe, die aufs neue in einen Lachkrampf geraten war, fiel mit Küssen und Streicheln über sie her und stürzte dann davon: "Das muß ich Vater erzählen!"—"Bist Du verrückt, Signe?" Und so kamen sie, eine nach der andern, wieder ins Zimmer gestürmt, wie sie hinausgestürzt waren. Fast rannten sie den Propst über den Haufen, der gerade hinaus wollte, um zu sehen, was aus den beiden geworden war. Signe fing zu erzählen an, Petra schrie auf und stürzte wieder hinaus, wobei ihr dann einfiel, daß sie gerade hätte bleiben müssen, um Signe am Erzählen zu verhindern. Also wollte sie wieder hinein; aber der Propst hielt die Tür zu. Keine Möglichkeit, sie zu öffnen. Sie trommelte mit beiden Fäusten dagegen, sie sang, sie trampelte mit den Füßen, um Signe zu übertäuben, die nur umso lauter sprach; und als der Propst endlich alles gehört und ebenso herzlich und lustig wie Signe über diese neue Methode, Klassiker zu lesen, gelacht hatte, machte er die Tür auf; aber nun rannte Petra davon.

Nach dem Abendessen, zu dem Petra sich wieder eingestellt hatte, und bei dem sie vom Propst reichlich geneckt worden war, sollte sie zur Strafe alles aufsagen, was sie auswendig konnte. Und da zeigte es sich, daß sie wirklich alle die berühmtesten Szenen kannte; nicht bloß eine Rolle darin, sondern alle. Sie sagte sie her, als ob sie sie abläse; manchmal war es, als wolle sie Feuer fangen; aber sofort dämpfte sie es wieder. Kaum merkte das der Propst, als er auch schon mehr Ausdruck verlangte; aber sie wurde nur immer scheuer. Stundenlang ging das so weiter; sie konnte alle komischen Szenen und alle tragischen, neckische und ernsthafte. Ihr Gedächtnis war zum Bewundern und zum Lachen; sie selber lachte mit und verlangte, man solle sie nur weiter examinieren.

"Man könnte wirklich wünschen, die armen Schauspieler hätten bloß den zehnten Teil Deines Gedächtnisses!" sagte Signe.—"Gott verhüte, daß sie je Schauspielerin wird!" versetzte der Propst und wurde plötzlich ernst. "Aber, Vater! Wie kannst Du glauben, daß Petra an so was denkt!" erwiderte Signe lachend. "Ich kam bloß zufällig darauf, weil ich immer wieder gefunden habe, daß ein Mensch, der von Jugend auf sozusagen aufwächst mit der Poesie seiner Sprache, nie das Verlangen hat, zur Bühne zu gehen. Während einer, der nie viel gewußt hat von Poesie, bis er erwachsen ist, dafür schwärmt. Die so ganz plötzlich erwachte Sehnsucht ist es, die ihn verführt."—"Gewiß ist das wahr", versetzte der Propst. "Ein wirklich gebildeter Mensch geht wohl selten zur Bühne."—"Und noch seltener ein poetisch Gebildeter."—"Freilich. Und wenn es geschieht, so spielt irgendein Mangel an Charakter mit, der Eitelkeit und Leichtsinn die Oberhand gewinnen läßt. Ich habe viele Schauspieler gekannt, in meiner Studienzeit und auf Reisen; aber einen Schauspieler, der ein echt christliches Leben geführt hätte, den hat wohl noch kein Mensch gesehen. Zur Religion hingezogen können sie sich fühlen; das hab' ich selbst erlebt. Aber es ist in ihrem Beruf zu viel Unruhiges, Aufreibendes; sie können sich nicht konzentrieren, auch wenn sie schon längst die Bühne verlassen haben. So oft ich auch mit einem darüber gesprochen habe—jeder hat es zugegeben und es beklagt; aber gleich darauf hieß es: Wir müssen uns eben damit trösten, daß wir auch nicht schlimmer sind als wer weiß wie viele andere! Bloß, daß man das einen schlechten Trost nennen muß. Ein Leben, das sich nach keiner Richtung hin auf den Christen in uns aufbaut, das ist ein sündiges Leben.—Der Herr helfe ihnen und bewahre jedes reine Herz vor ihnen!"

* * * * *

Am Tag darauf, es war Sonnabend, war der Propst wie gewöhnlich schon vor sieben Uhr auf, machte seine Morgenrunde zu seinen Arbeitern und noch ein bißchen weiter hinaus und kam heim, als es eben hell werden wollte. Da sah er, gerade als er am Hause vorbei in den Hof einbiegen wollte, an der Erde etwas wie ein aufgeschlagenes Schreibheft, das man wahrscheinlich gestern aus Petras Fenster geworfen und nicht wieder gefunden hatte, weil es dieselbe Farbe hatte wie der Schnee. Er hob das Heft auf und ging damit in sein Studierzimmer. Als er es auseinanderklappte, um es zu trocknen, sah er, daß es ein verabschiedetes französisches Aufsatzheft war, in das jetzt Verse geschrieben waren. Es fiel ihm gar nicht ein, die Verse zu lesen; da fiel sein Blick auf das Wort "Schauspielerin", das an allen Ecken und Enden, kreuz und quer geschrieben stand,—auch in den Versen stand es da. Er setzte sich ordentlich hin, um sich die Sache genauer anzusehen. Nach allerhand Ansätzen und durchstrichenen Zeilen fand er folgende Reimerei, die trotz vieler Verbesserungen zu entziffern war:

Eines, du Trauter, bekenn' ich dir still, Und das ist, was ich werden will. Schauspielerin, das möcht' ich werden, Zeigen der Welt in Wort und Gebärden Möcht' ich die Frau, wie sie lacht vor Spott, Leidet und liebt und betet zu Gott, Wie sie ist, wenn sie reizend blickt, Wie sie ist, wenn in Sünde verstrickt. Vater im Himmel, ach, hilf mir zu werden, Was mein einziger Wunsch auf Erden!

Und ein bißchen weiter unten:

Darf ich denn, o Gott, nicht sein dein eigen? Willst du nicht Erhörung mir bezeigen?

Dann, wahrscheinlich als Randglosse zu einer Dichtung, die sie vor ein paar Monaten gelesen hatten:

O, zu gehn nach Elfenweise, Elfenweise, Mondenschein und Nebelkreise, Nebelkreise, Vorwärts huschen, rückwärts rauschen, Rückwärts rauschen, Töten den, der sucht zu lauschen, Sucht zu lauschen— Nein, 's war' sündhaft, lirum, larum, la!

Und nach unzähligen Änderungen, Streichungen, Kritzeleien und Noten:

Hopsasa,—hopsasa, Tanzen mit allen, doch niemals gefangen! Tralala,—tralala, Stets Nummer eins, doch an niemandem hangen.

Dann, deutlich und sauber, folgender Brief:

Mein Herzens-Heinrich!

Deucht Dich nicht, daß Du und ich die Weisesten sind in der ganzen Comoedia? Wohl tuet man uns großen Verdruß an, hat aber nichts zu sagen. Ich engrassiere Dich, mich morgen abend auf die mascarade zu führen; denn ich war noch niemals auf solcher, und mich verlangt nach einer rechten Narretei; hier im Hause ist es gar still und trübselig!

Du bist ein rechter Schelm, Heinrich—wo schwärmst Du wieder umher? Ach, hier sitzt einsam

Deine Pernille.

Endlich stand da, mit großen Buchstaben, deutlich und mehrmals wiederholt, folgende Strophe, die sie irgendwo aufgestöbert haben mußte und hatte auswendig lernen wollen:

Ach, dem Großen gilt mein Drängen; Schier die Brust will mir's zersprengen. Höchstes Denken kühn zu wagen, Kraft, um's kraftvoll vorzutragen, Die verborgnen Quellen finden, Balder lösen, Loke binden— Dies in deiner Gnade gib Du, der mir verlieh den Trieb!

Noch vieles andere stand da; aber der Propst las nicht weiter.

Also um Schauspielerin zu werden, war sie in sein Haus gekommen und hatte sich von seiner Tochter unterrichten lassen. Um dieses heimlichen Zieles willen hatte sie Abend für Abend so begierig gelauscht und nachher selber auswendig gelernt. Zum besten gehabt hatte Petra sie die ganze Zeit. Noch gestern, da sie ihnen alles zu offenbaren schien, hatte sie etwas verheimlicht; während sie am herzlichsten lachte, hatte sie gelogen.

Und dieses heimliche Ziel! Was der Propst so oft in ihrer Gegenwart verdammt hatte, schmückte sie zu einem göttlichen Beruf aus und wagte, Gott um seinen Segen dazu zu bitten! Ein Leben voller Äußerlichkeit und Eitelkeit, voll Eifersucht und Leidenschaft, voll Trägheit und Sinnlichkeit, voll Lüge und zunehmender Charakterlosigkeit, das alle Geier umkreisten wie ein Aas,—einem solchen Leben sich zu weihen, das war ihr Sehnen, das ihr Gebet zu Gott! Und dazu sollten er und sein Kind ihr verholfen haben, hier, in ihrem stillen Pfarrhause, unter der strengen Obhut einer erweckten Gemeinde.

Als Signe eintrat, klar, leicht wie der Wintermorgen, um dem Vater guten Tag zu sagen, fand sie das Studierzimmer ganz voll Rauch. War dies schon immer ein Zeichen von Gemütsverstimmung, so war es das doppelt so früh am Morgen. Er sagte auch kein Wort, sondern gab ihr nur das Heft. Sie sah sogleich, daß es Petra gehörte. Die Erinnerung an den Verdacht und den Kummer von gestern abend durchzuckte sie; sie mochte gar nicht hineinsehen; ihr Herz klopfte so heftig, daß sie sich setzen mußte. Doch dasselbe Wort, das der Propst zuerst wahrgenommen hatte, fiel auch ihr auf, sprang auch ihr in die Augen; sie mußte näher hinsehen; und dann las sie. Ihr erstes Gefühl war Scham, nicht für Petra, sondern weil der Vater das auch gelesen hatte.

Bald aber empfand sie die tiefe Demütigung, die darin liegt, sich von jemand, den man lieb hat, getäuscht zu sehen. Einen Augenblick will uns der Mensch, der das fertig gebracht hat, größer, klüger, erfinderischer als wir erscheinen, ja, er streift geradezu ans Geheimnisvolle. Bald aber sammelt sich die Seele wieder in Empörung; die Ehrlichkeit gewinnt Macht durch Kräfte, die, wenn auch unsichtbar, doch nicht geheimnisvoll sind; man fühlt in sich die Stärke, mit einem Schlag hundert kleinliche Ausflüchte zu zermalmen; man verachtet das, wodurch man sich eben, noch gedemütigt fühlte. Drin im Wohnzimmer hatte Petra sich ans Klavier gesetzt, und eben hörte man sie singen:

Auf ist der Tag und die Freude entbrannt, Und des Mißmuts Wolkenburg stürmisch berannt, Über den glühenden Bergen im Klaren Lagern in Zelten des Lichtkönigs Scharen. "Auf nun! Auf nun!" Vogel im Hag, "Auf!" was singen und jubeln mag, Auf zum Licht, meine Hoffnung!

Dann jagte es wie ein Sturm übers Klavier, und mitten heraus brauste ein zweites Lied:

Gut ist dein Rat! Doch auf lockendem Pfad Treib' ich mein Boot hinaus In der Brandung Gebraus. Und führt auch die Fahrt durch des Todes Tor— Laßt mich kosten, was nie ich gekostet zuvor.

Nicht bloß zum Spiel Such' ich mein Ziel,— Will mit Sturmwogen ringen— Will das Weltmeer bezwingen— Will sehn, wie der Kiel sich zur Seite legt— Muß versuchen, wie weit und wie lang er mich trägt!

Nein! Jetzt wurde es dem Propst zu bunt! Er riß im Vorbeigehen Signe das Heft aus der Hand; er stürmte nach der Tür; und diesmal hielt sie ihn nicht zurück. Er fuhr wie ein Pfeil auf Petra los, schleuderte das Heft vor sie hin aufs Klavier, machte Kehrt und rannte durchs ganze Zimmer auf und ab. Als er wieder umdrehte, war sie aufgestanden. Sie hielt das Heft an die Brust gepreßt und sah sich mit verstörten Blicken nach allen Seiten um. Er blieb vor ihr stehen, um ihr klaren Wein einzuschenken; aber sein Zorn, die Erbitterung, daß er über zwei Jahre lang sich von diesem verschlagenen jungen Ding hatte mißbrauchen lassen, und vor allem darüber, daß sie sein eigenes, warmherziges, hingebendes Kind zum besten gehabt hatte, empörte ihn so, daß er nicht gleich Worte fand. Und als er sie endlich fand, da fühlte er selber, daß sie zu hart waren. Als er noch einmal durchs Zimmer gestürmt war und ihr wieder gegenüber stand, mit blutrotem Gesicht, da wandte er ihr einfach den Rücken und ging ohne eine Silbe zu sagen in sein Studierzimmer zurück. Als er hinkam, war Signe fort.

Den ganzen Tag blieb jedes auf seinem Zimmer. Der Propst aß allein zu Mittag; keins der Mädchen erschien. Petra hielt sich im Zimmer der Wirtschafterin auf, das man ihr nach dem Brand vorläufig angewiesen hatte. Vergebens hatte sie Signe überall gesucht, um ihr alles zu erklären; Signe schien überhaupt gar nicht im Hause zu sein.

Petra fühlte—sie stand vor einer Entscheidung. Ihres Lebens heimlichster Gedanke war ihr entrissen, und man wollte sich einen Einfluß erzwingen, den sie nicht dulden konnte. Sie fühlte selbst am besten—wenn sie dies ihr Lebensziel aufgab, so war sie allen Winden des Zufalls preisgegeben. Sie konnte froh sein mit den Fröhlichen, vertrauensvoll mit den Vertrauenden; immer und überall sicher,—aber alles nur kraft jenes geheimen Ziels: einmal all das zu erreichen, dem ihre Fähigkeiten in heißem Sehnen entgegenwuchsen. Sich noch einmal jemand anvertrauen, nach jenem ersten, mißglückten Versuch in Bergen—nein, das konnte sie nicht, nicht einmal Ödegaard; sie mußte es allein in sich tragen, bis es so stark geworden war, daß es jedem Zweifel standzuhalten vermochte.

Aber jetzt war alles anders geworden. Unablässig stand das feuerrote Gesicht des Propstes vor ihrem aufgeschreckten Gewissen. Jetzt galt es, sich zu retten! Sie suchte Signe, immer hastiger, immer aufgeregter; aber schon war es Nachmittag, und immer noch war Signe nicht da. Je weiter ein Mensch, den wir suchen, sich uns entzieht, desto mehr vergrößern wir uns selbst die Ursache der Trennung; und so kam es, daß ihr endlich klar wurde: es war ein Verrat gewesen an Signe, ihre Freundschaft heimlich zu etwas zu mißbrauchen, was Signe für eine große Sünde hielt. Gott, der Allwissende, war ihr Zeuge, daß eine solche Auffassung der Dinge ihr bisher überhaupt nicht in den Sinn gekommen war. Wie eine große Sünderin kam sie sich vor.

Genau wie damals zu Hause fühlte sie sich wie zerschmettert und hatte doch noch kurz vorher überhaupt keine Ahnung davon gehabt! Daß dies Entsetzliche sich wiederholen konnte, daß sie noch keinen Schritt weitergekommen war, das steigerte ihre unsichere Angst bis zum Grausen. Aber in dem Maß, wie ihre eigene Schuld wuchs, wuchs das Bild Signes an Seelenreinheit und großherziger Hingebung. Ja, Signe hatte in Wahrheit glühende Kohlen auf ihr Haupt gesammelt. Am liebsten hätte sie sich ihr zu Füßen geworfen, sie angerufen, sie angebettelt, hätte nicht abgelassen mit Flehen, bis Signe ihr wieder einen einzigen guten Blick geschenkt!

Es war dunkel geworden. Jetzt mußte Signe doch endlich wieder da sein, wo sie auch sonst gewesen war! Petra lief hinunter, durch den Gang im Flügel, wo Signes Zimmer lag; die Tür war verriegelt. Also mußte sie drin sein! Ihr Herz klopfte, während sie nochmals die Klinke niederdrückte und bettelte: "Signe! Ich muß mit Dir reden! Ich halt' es nicht aus, Signe!"—Im Zimmer kein Laut. Petra bückte sich, horchte, klopfte. "Signe, Signe! Wenn Du wüßtest, wie unglücklich ich bin!"—Keine Antwort. Langes Horchen. Nichts. Wenn man lang gar keine Antwort erhält, so fängt man zuletzt zu zweifeln an, ob überhaupt jemand da ist, selbst wenn man es weiß; und wenn es dazu noch dunkel ist, so wird man noch ängstlich dabei. "Signe! Signe! Bist Du da? So hab' doch Erbarmen! Antworte doch!—Signe!" Es war und blieb still. Sie begann zu zittern und zu frösteln. Da ging die Küchentür auf mit einem breiten Lichtstreifen; leichte lustige Schritte liefen über den Hof. Das gab ihr einen Plan ein. Sie wollte ebenfalls auf den Hof, wollte auf den Vorsprung an der Steinmauer klettern, wo der Seitenflügel lag, und dann auf diesem Sims entlang um das ganze Gebäude gehen bis auf die andere Seite, wo es sehr hoch war. Und dann wollte sie in Signes Zimmer hineingucken!

Es war ein klarer Sternenabend; Berge und Häuser standen in scharfen Umrissen; sonst war nichts zu sehen; nur diese Umrisse. Der Schnee schimmerte; die dunkeln Pfade zwischendurch hoben seine Helle nur noch schärfer hervor. Von der Landstraße klang Schlittengeläut; das eilige Sausen, der Glanz wirkten ermunternd; Petra sprang auf den Sims. Sie wollte sich an den vorstehenden Balken der Holzverkleidung festhalten; aber sie verlor das Gleichgewicht und fiel wieder herunter. Jetzt holte sie eine leere Tonne und rollte sie an die Mauer, stieg hinauf und von der Tonne auf den Sims. Dort kroch sie auf Händen und Füßen ruckweise weiter, jedesmal etwa ein Viertelmeter. Es gehörten die starken Finger einer starken Hand dazu, um sich festzuhalten; denn die Balken sprangen kaum einen Zoll vor. Auch hatte sie Angst, man könne sie entdecken; denn natürlich würde man das gleich wieder mit der Strickleiter in Verbindung bringen. Wenn sie bloß erst von der Seite, die auf den Hof hinausging, weg und auf der Querwand war! Aber als sie endlich dort anlangte, drohte neue Gefahr: die Fenster waren nicht verhangen, und sie mußte sich ducken, während sie, in steter Angst zu fallen, vor den Fenstern vorüberkroch. An der Längswand wurde es immer höher; darunter, die ganze Mauer entlang, stand eine Stachelbeerhecke, die sie jedenfalls aufnehmen würde, wenn sie fiel. Aber sie hatte keine Angst mehr. Ihre Finger brannten, ihre Sehnen zitterten, der ganze Körper bebte; aber sie kletterte weiter. Jetzt nur noch ein paar Schritte und das Fenster war erreicht. Bei Signe brannte kein Licht, und der Vorhang war nicht herabgelassen. Der Mond schien voll ins Zimmer—sie mußte bis in den äußersten Winkel sehen können! Auch das gab ihr neuen Mut. Sie erreichte den Fenstersims, konnte sich endlich mit der Hand fest anklammern und ausruhen; denn nun, da sie am Ziel war, fing ihr Herz so heftig zu klopfen an, daß es ihr fast den Atem benahm. Aber je länger sie zauderte, desto schlimmer wurde es; also hieß es kurzen Prozeß machen… Und so beugte sie sich rasch entschlossen in voller Höhe gegen das Fenster. Ein gellender Schrei aus dem Zimmer war die Antwort. Signe hatte in der Sofaecke gesessen; jetzt stand sie mit einem Satz mitten im Zimmer, wehrte die grauenhafte Erscheinung in wildem Entsetzen ab und flüchtete. Diese Gestalt vor dem Fenster im Schein des Monds, diese rücksichtslose, widerwärtige Derbheit, das Gesicht, scharf vom Mond umrissen, erhitzt, funkelnd,—Petra begriff selbst mit Blitzesschnelle, daß ihr unglückseliger Einfall Signe nichts als Abscheu hatte einjagen können, ja, daß fortan ihr Bild vielleicht immer ein Schreckgespenst bleiben würde für Signe. Sie verlor das Bewußtsein und fiel mit einem durchdringenden Schrei hinunter. Die Leute im Hause waren auf Signes Ruf herbeigestürzt, hatten jedoch niemand gefunden. Da hörten sie wieder einen solchen Schrei; der ganze Hof lief zusammen, man suchte, man rief, ohne etwas zu finden; es war ein bloßer Zufall, daß der Propst aus Signes Fenster hinausblickte und im Mondschein Petra in den Büschen liegen sah. Eine große Angst überkam alle. Es kostete Mühe, sie von den Dornen loszumachen und hinaufzutragen. Man brachte sie in Signes Zimmer, weil die Stube der Wirtschafterin nicht geheizt war; man zog sie aus und brachte sie zu Bett, man wusch ihr Hals und Hände, die tüchtig zerkratzt waren, während wieder andere es recht warm und hell und behaglich im Zimmer machten. Als sie wieder zu sich gekommen war und sich umsah, bat sie, man möge sie allein lassen. Die ruhige Behaglichkeit des Zimmers, das feine Weiß, womit Fenster, Toilettentisch, Bett und Stühle behängt waren, mahnten unendlich wehtuend an Signe. Petra dachte an ihre reine Lieblichkeit, ihre stille Stimme, die einen so milchweißen Klang hatte, ihr feines Gefühl für die Denkart anderer, ihre weiche Güte. Und all das hatte sie selbst jetzt verscherzt. Bald mußte sie wieder aus diesem Zimmer, wie wohl überhaupt aus dem Hause. Und dann—wohin? Zum drittenmal wird man mich nicht von der Landstraße auflesen, und selbst wenn es geschähe—sie selber wollte nicht mehr. Es würde ja doch nur wieder dasselbe Ende nehmen. Kein Mensch konnte Zutrauen zu ihr fassen; was auch der Grund sein mochte … sie fühlte, es war so. Sie war ja auch noch keinen Schritt weiter gekommen; nie würde sie überhaupt einen Schritt weiter kommen. Denn ohne das Vertrauen der Menschen ging es nicht. Oh, wie sie betete, wie sie weinte! Sie wälzte und wand sich in ihrer Seelenqual, bis sie ganz erschöpft war und einschlief.

Und im Schlaf wurde sofort alles schneeweiß und allmählich auch seltsam hoch. Nie in ihrem Leben hatte sie eine solche Höhe und ein so lichtes Funkeln von Millionen Sternen gesehen.

Zehntes Kapitel

Noch als sie aufwachte, war sie dort oben; die Gedanken des Tages, die sofort auf sie einstürmten, wollten nach, wurden aber eingefangen und fortgetragen von etwas, das die ganze Luft erfüllte—von dem Glockengeläut des Sonntagmorgens. Sie sprang auf und zog sich an, holte sich aus der Speisekammer etwas Frühstück, packte sich warm ein und machte sich eilig auf den Weg,—so gedürstet nach Gottes Wort hatte sie noch nie! Als sie hinkam, hatte der Gottesdienst gerade angefangen, und die Tür war verschlossen; es war ein kalter Tag, und die Finger erstarrten ihr, als sie den Schlüssel anfaßte und umdrehte. Der Pfarrer stand gerade am Altar, sie blieb an der Tür stehen, bis er fertig war und der Küster ihm das Meßgewand abgenommen hatte; dann ging sie hinüber nach dem sogenannten Bischofsstuhl, der im Chor stand und mit Vorhängen versehen war. Der eigentliche Pfarrstuhl lag auf der Empore; wollte man aber aus irgendeinem Grunde lieber versteckt und allein sitzen, so nahm man seine Zuflucht zu dem Bischofsstuhl. Als sie gerade hineinschlüpfen wollte, sah sie Signe schon darin sitzen, in der äußersten Ecke. Sie trat einen Schritt zurück, aber gerade da drehte der Propst sich um, um vom Altar an ihr vorbei in die Sakristei zu gehen; sie ging eilig wieder in den Stuhl hinein und setzte sich ganz hinten in eine Ecke; Signe hatte ihren Schleier heruntergelassen. Das tat Petra weh. Sie schaute über die Gemeinde hin: in hohem Holzgestühl saßen rechts die Männer, links die Frauen eng nebeneinander; ihr Atem lag wie zitternder Nebel über ihnen, an den Fenstern war das Eis zolldick; die plump geschnitzten Holzstatuen, der schleppende, eintönige Gesang, die vermummten Menschen—das alles harmonierte miteinander; es war hart und unnahbar; ihr fiel der Eindruck ein, den die Natur an jenem Nachmittage, als sie Bergen verließ, auf sie gemacht hatte; sie war auch hier nur ein furchtsamer Wanderer.

Der Propst bestieg die Kanzel; auch er machte ein strenges Gesicht. Er betete: Führe uns nicht in Versuchung! Wir wissen, daß alle Gaben, die Gott uns verliehen hat, eine Versuchung bergen; er möge gnädig sein und uns nicht über unsere Kraft versuchen; wir sollen nie vergessen, ihn darum zu bitten; denn nur, wenn wir unsere Fähigkeiten ihm unterordnen, gereichen sie uns zum Heil. Die Predigt behandelte dieses Thema weiter, indem sie von unserer doppelten Lebensaufgabe ausging, daß erstens ein jeder seinen Lebensberuf da ausfüllen müsse, wohin ihn seine Fähigkeiten und seine Verhältnisse gestellt hätten,—und zweitens, daß man Christentum heranbilden müsse in sich selbst und in denen, die unserer Obhut anvertraut seien. Man müsse vorsichtig sein in der Wahl seines Lebensberufs, denn es gebe leider Berufe, die in sich selbst sündig seien, es gebe auch welche, die uns zur Sünde werden könnten, weil sie entweder nicht für uns paßten, oder doch unseren bösen Gelüsten allzusehr entgegenkämen. Weiter: so gewiß ein jeder versuchen müsse, nach seinen Fähigkeiten zu wählen, so gewiß könne eine solche Wahl, auch wenn sie richtig und gut sei, uns doch zur Versuchung werden, wenn wir, weil der Beruf uns zusage, unsere ganze Zeit und unsere ganzen Gedanken in seinen Dienst stellten. Das Christentum in uns dürfe nicht vernachlässigt werden, so wenig wie unsere Elternpflichten gegen unsere Kinder. Wir müßten uns in uns selbst konzentrieren können, damit der Heilige Geist ständig in uns wirke. Wir müßten die gute Saat des Christentums in unsere Kinder pflanzen und sie pflegen können. Es gebe keine Pflicht, keinen Vorwand, der uns hiervon zu befreien vermöchte, auch wenn die Gelegenheit abgewartet werden müsse.

Und dann ging er weiter,—ging auf die Berufe derer ein, die da saßen, ging in ihre Häuser, behandelte ihre Verhältnisse, ihre Ansichten. Dann führte er Beispiele aus anderen Lebensbedingungen an, aus höheren Wirkungskreisen, die ihre Streiflichter hierherwarfen. Der Propst war allen, die ihn im täglichen Leben kannten, ganz fremd von dem Augenblick an, da er auf der Kanzel auftauchte. Auch in seinem Äußern war er anders; sein verschlossenes, energisches Gesicht hatte sich geöffnet und ließ die Flut der Gedanken durchscheinen; sein Auge war lebhaft, es schaute fest und zielbewußt und brachte erhabene Kunde; all das Zottige, das wie zusammengerollt in seiner Natur lag, trat jetzt hervor gleich der Mähne eines Löwen; seine Stimme rollte wie ein langgezogener Donner dahin oder in kurzen, heftigen Wendungen, sank zuweilen auch einmal zu sanften Tönen herab, aber nur, um gleich wieder die Höhe zu erklimmen. Er konnte im Grunde nur in einem großen Räume reden, und wenn er für seine Gedanken die Unendlichkeit hatte; denn seine Stimme hatte keinen Wohllaut, bis sie laut sprach, sein Gesicht keine Klarheit, seine Gedanken keine treffende Deutlichkeit, bis sie in Feuer gerieten. Nicht als ob er das Thema dann erst gefunden hätte; nein, so gewiß wie der Schmerz große Schätze in diese Seele zusammengetragen hatte, so gewiß hatten das auch die Gedanken getan; er war ein strenger, verschlossener Arbeiter. Aber er war nicht immer gerüstet, er konnte im Gespräch keine Gedanken prägen; er mußte allein das Wort haben, mußte wenigstens auf und ab laufen können. Ein Wortgefecht mit ihm anzufangen, kam fast einem Überfall auf einen Wehrlosen gleich, war aber doch gefährlich; denn seine Überzeugung stand sofort und mit solcher Heftigkeit fest, daß er keine Zeit hatte, sie zu begründen; zwang man ihn doch dazu, so konnte zweierlei geschehen: entweder er übersprühte seinen Gegner so, daß dem Gegner ganz bange werden konnte, oder er schwieg eigensinnig, weil er sich selbst nicht traute. Keiner war leichter zum Schweigen zu bringen als dieser energische, beredte Mann.

Petra war erzittert, als der Propst sein Gebet begonnen, denn sie fühlte, woher er es genommen hatte. Je weiter er im Text kam, desto näher rückte er ihr; sie kroch in sich zusammen, und sie sah, wie Signe dasselbe tat. Aber unbarmherzig legte der Gewaltige los; der Löwe war auf Beute aus; sie kam sich wie von allen Seiten verfolgt, wie umzingelt und eingefangen vor,—aber was in Strenge angepackt wurde, hielt die Hand des Erbarmens milde fest. Es war, als werde sie—ohne ein Wort der Verdammung—von der allgütigen Liebe in den Arm genommen. Und da betete sie und weinte, und sie hörte Signe dasselbe tun und hatte sie lieb deswegen!

Als der Propst von seinem Thron der Wahrheit herunterkam, um sich in die Sakristei zu begeben, lag noch der Glanz der Begegnung mit dem Höchsten auf seinem Gesicht. Seine Augen fielen forschend gerade auf Petra, aber als sie ihn groß ansah, da glitt ein Strahl von Milde zu ihr hin; im Weitergehen blickte er rasch nach der Ecke, wo seine Tochter saß.

Signe erhob sich gleich darauf; den Schleier hatte sie vorm Gesicht, so daß Petra nicht zu folgen wagte. Deshalb ging sie später. Aber heute saßen sie wieder alle drei bei Tisch; der Propst sprach ab und zu, Signe aber war scheu. Sobald der Propst, der augenscheinlich die Rede auf das Vorgefallene bringen wollte, die leiseste Andeutung machte, wich Signe so schüchtern und zart aus, daß der Propst an ihre Mutter erinnert wurde,—er verstummte und wurde allmählich schwermütig. Dazu gehörte sehr wenig.

Nun gibt es nichts Peinlicheres als einen mißglückten Versöhnungsversuch. Man stand auf, ohne sich in die Augen blicken und sich gesegnete Mahlzeit wünschen zu können. Im Wohnzimmer wurde die Stimmung schließlich so gedrückt, daß sie alle drei gern hinausgegangen wären,—aber niemand mochte zuerst gehen;—Petra für ihr Teil hatte das Gefühl: wenn sie jetzt gehe, so gehe sie für immer. Sie konnte Signe nicht wiedersehen, wenn sie sie nicht liebhaben durfte; sie konnte es nicht ertragen, den Propst traurig zu sehen um ihretwillen. Aber mußte sie fort, dann ohne Abschied; denn wie hätte sie von diesen Menschen Abschied nehmen können? Schon der Gedanke peitschte sie in eine Erregung hinein, die sie nur mit äußerster Anstrengung zurückzuhalten vermochte.

Jede Minute, die eine solche drückende Stille verlängert, in der wir aufeinander warten, macht sie unerträglicher. Man kann sich nicht rühren, weil man fühlt, es wird bemerkt; jeder Seufzer ist zu hören; man hört sogar, wenn einer ganz ruhig ist; denn das hört sich an wie Härte. Man kommt in Spannung, weil nichts gesagt wird, und man zittert davor, daß etwas gesagt werden wird.

Jeder fühlte, dieser Augenblick komme nie wieder. Die Mauern, die man zwischen sich aufbaut, wachsen, unsere eigene Schuld wächst, die der andern wächst auch, wächst mit jedem Atemzuge; bald sind wir verzweifelt, bald empört; denn wer sich so gegen uns benimmt, ist unbarmherzig, ist schlecht; wir ertragen es nicht, wir können es ihm nicht verzeihen,—Petra hielt es nicht länger aus, entweder mußte sie aufschreien oder davonlaufen!

Da klang Schlittengeläut auf der Straße; bald sah man einen Mann im Wolfspelz auf einem Rennschlitten, auf dem hinten der Postillon saß, am Garten vorbei und in den Hof hineinsausen.—Alle atmeten erleichtert auf und lauschten der Erlösung entgegen! Sie hörten den Ankömmling auf dem Flur, wo er die Reisestiefel und den Pelz ablegte und mit dem Mädchen sprach, das ihm behilflich war; der Propst stand auf, um ihm entgegenzugehen,—kehrte aber wieder um, weil er die beiden Mädchen nicht allein lassen wollte;—wieder sprach der Fremde auf dem Flur, jetzt schon mehr in der Nähe, so daß beim Klang dieser Stimme alle drei aufsahen, Petra aber sich erhob und die Augen auf die Tür heftete.—Es klopfte;—"herein!" sagte der Propst aufgeregt,—ein Mann mit einem lichten Gesicht und einer Brille stand in der Tür, Petra stieß einen Schrei aus und sank wieder auf ihren Stuhl:—das war ja Ödegaard.

Er kam dem Propst und Signe nicht unerwartet; man hatte auf sein Kommen zu Weihnachten gerechnet, obwohl niemand Petra etwas davon gesagt hatte; aber daß er gerade jetzt kam, war eine Fügung des Schicksals,—das empfanden sie alle.

Petra sah und hörte nichts, bis er vor ihr stand und ihre Hand gefaßt hatte. Er hielt sie lange in seiner, sagte aber kein Wort, auch sie nicht; sie konnte nicht einmal aufstehen. Aber während sie ihn anschaute, liefen ihr zwei Tränen die Backen herunter. Er war sehr blaß, sonst aber ganz ruhig und gütig; er zog seine Hand wieder zurück und ging dann durch das Zimmer auf Signe zu, die sich zwischen den Blumen ihrer Mutter in der äußersten Fensterecke verkrochen hatte.

Petra sehnte sich, allein zu sein; deshalb zog sie sich zurück. Signe hatte im Hause zu tun, so daß sich der Propst mit Ödegaard in sein Arbeitszimmer zu einem Glase Wein setzen konnte, das dem Reisenden not tat. Hier erfuhr er in Kürze, was die letzten Tage gebracht hatten; er wurde sehr nachdenklich, äußerte sich aber nicht darüber. Sie wurden übrigens auf seltsame Weise unterbrochen.

* * * * *

Am Fenster kamen zwei Frauen und drei Männer vorbei, je einer hinter dem andern, und kaum sah der Propst sie, als er aufsprang: "Da sind sie wieder!—Jetzt heißt's Geduld haben."—Herein kamen zuerst die Frauen, dann die Männer, langsam und schweigend. Sie stellten sich an der Wand unter dem Bücherregal auf, gerade gegenüber dem Sofa, auf dem Ödegaard saß. Der Propst setzte ihnen Stühle hin und holte noch ein paar aus dem andern Zimmer; sie setzten sich auch alle mit Ausnahme eines städtisch gekleideten jungen Menschen, der dankte und sich mit einem etwas trotzigen Gesicht, beide Hände in den Hosentaschen, an die Tür lehnte. Nach einer langen Pause, während der Propst seine Pfeife stopfte und Ödegaard, der nicht rauchte, die Leute sich näher betrachtete, begann schließlich eine blasse, blonde Frau von vielleicht vierzig Jahren das Gespräch. Ihre Stirn war sehr schmal, ihre Augen groß, aber scheu; sie wußten nicht recht, wo sie hinsehen sollten. Sie sagte: "Der Herr Pfarrer hat heute solch schöne Predigt gehalten; sie paßte so gut zu unsern Gedanken;—denn wir auf dem Hof haben letzthin viel von der Versuchung geredet."—Sie seufzte; ein Mann mit einem etwas kurz geratenen Untergesicht und einem großen, breiten Oberkopf seufzte auch: "Herr, bewache unsere Wege! Wende meine Augen ab, daß sie nicht auf eitle Dinge schauen!"—Und Else, dieselbe, die zuerst gesprochen hatte, seufzte wieder und sagte: "Herr, wie soll ein junges Menschenkind seinen Pfad rein halten, daß es wandelt nach Deinem Worte?"—Das klang in ihrem Munde etwas seltsam, denn sie war nicht mehr jung. Ein Mann in mittleren Jahren aber, der den Kopf schief hielt und sich in einem fort hin und her wiegte, wobei er seine Augenlider nie ganz aufschlug, sagte wie im Halbschlaf:

"Jedwedem, dem der Name Christ Durch Jesu Tod gegeben, Dem folget Satans Trug und List Wohl durch sein ganzes Leben."

Der Propst kannte sie zu gut, um nicht zu wissen, daß dies bloß die Einleitung war; deshalb wartete er, als sei nichts gesagt worden, obwohl wieder eine lange Pause eintrat, die nur von Seufzern unterbrochen wurde.

Eine kleine Frau, die noch kleiner dadurch wurde, daß sie gebückt dasaß, und die in so unglaublich viele Tücher eingemummt war, daß sie wie ein Bündel aussah—ihr Gesicht war völlig verdeckt—fing jetzt an, auf ihrem Stuhl hin und herzurutschen, und gab schließlich ein paar "Hm, hm!" von sich. Sofort schrak die blonde Frau auf und sagte: "Auf dem Öyhof ist jetzt Schluß mit allem Spiel und Tanz;—aber——" sie hielt wieder inne, Lars dagegen, der Mann mit dem großen Oberkopf und der kurzen unteren Gesichtshälfte, fuhr fort: "—aber einer, der Spielmann Hans, der will nicht Schluß machen."—Als auch Lars über das weitere nachgrübelte, kam der junge Mensch ihm zu Hilfe: "Denn er weiß, daß auch der Herr Propst ein Instrument hat, nach dem hier im Pfarrhaus getanzt und gesungen wird."—"Das kann für ihn wohl keine größere Sünde sein als für den Herrn Propst", sagte Lars.—"Es liegt so, daß das Spielen beim Herrn Propst die andern in Versuchung führt", sagte Else behutsam, wie um ihnen vorwärts zu helfen. Der junge Mensch aber fügte kräftiger hinzu: "Es ärgert die Unmündigen, wie geschrieben steht: Wer aber ärgert dieser Geringsten einen, die an mich glauben, dem wäre besser, daß ein Mühlstein an seinen Hals gehängt, und er ersäufet würde im Meer, da es am tiefsten ist." Und Lars löste ihn ab: "Unser Anliegen an Dich ist also, daß Du Dein Instrument forttust oder es verbrennst, damit es nicht zum Ärgernis wird—"—"Für Deine Pfarrkinder", fügte der junge Mensch hinzu.

Der Propst dampfte und paffte und sagte schließlich in dem sichtbaren Bemühen, seine Ruhe zu bewahren: "Mir ist dies Spiel keine Versuchung, mir ist es eine Erquickung und eine Befreiung.—Nun wißt Ihr aber, daß alles, was unsern Geist frei machen kann, uns empfänglicher und verständnisvoller macht; deshalb glaube ich ganz gewiß, daß diese Musik mir eine Hilfe ist."—"Und ich weiß, es gibt Pfarrer, die nach Pauli Wort trotzdem darauf verzichten würden, wenn ihre Pfarrkinder sie darum bäten", sagte der junge Mensch.—"Vielleicht habe ich früher seine Worte auch in diesem Sinne aufgefaßt," antwortete der Propst, "aber jetzt nicht mehr. Man kann wohl auf eine Gewohnheit oder auf einen Genuß verzichten; aber man soll sich hüten, einseitig und beschränkt zu werden mit den Einseitigen und Beschränkten. Ich handle dadurch nicht allein unrecht an mir selbst, sondern auch an den Menschen, denen ich ein Beispiel geben soll; denn ich gebe ihnen ja ein falsches Beispiel, ein Beispiel gegen meine Überzeugung." Der Propst brachte selten außerhalb seiner Kanzel eine so lange Auseinandersetzung zustande. Er fügte hinzu: "Ich werde mein Instrument nicht weggeben und nicht verbrennen; ich will es noch oft hören, weil ich oft das Bedürfnis danach habe, und ich möchte wünschen, daß auch Ihr bisweilen in aller Unschuld Euren Geist freimachtet durch Gesang, durch Spiel und Tanz; denn ich halte das für gut und richtig."

Der junge Mensch beugte den Kopf zur Seite, "Pfui!" er spuckte aus.

Der Propst wurde blutrot im Gesicht, und es entstand eine Pause. Da setzte der Hin- und Herwiegende mit lauter Stimme ein:

"O Herr, wie schwach ist dieser Leib, Denn nur mit Angst und Zagen Kann arm und reich, kann Mann und Weib Sein Kreuz geduldig tragen. Denn Fleisch und Blut gebrechlich sind, Das müssen wir alle sagen."—

Und dann Lars mit sanfter Stimme: "Also Du sagst, Spiel und Tanz sei richtig,—na!——Also es ist richtig, den Satan durch die Sinne aufzuwecken, na!—Also das sagt unser Herr Pfarrer,—na, dann wissen wir es ja!——Na, also er sagt, alles, was in Müßiggang und Sinnlichkeit geschieht, ist zur Erlösung und zur Hilfe da,——alles, was einen in Versuchung führt, ist richtig!"—Jetzt mischte sich aber Ödegaard ein, denn er sah dem Propst an, daß die Sache schief gehen würde: "Sag' mal, guter Mann, was führt uns denn nicht in Versuchung?"

Alle sahen dahin, woher diese sicheren, schneidigen Worte kamen. Die Frage an sich war so unerwartet, daß Lars im Handumdrehen nicht wußte, was er antworten sollte, auch die andern nicht. Da klang es wie aus einem Brunnen oder aus einem Keller heraus: "Das ist die Arbeit."—Die Stimme kam von den vielen Tüchern her; es war Randi, die zum erstenmal auch ein Wort sagte. Ein triumphierendes Schmunzeln zog über Lars' kurzes Untergesicht, die blonde Frau blickte zuversichtlich zu ihr hin, selbst der junge Mensch an der Tür verlor für einen Augenblick die spöttische Wölbung der Lippen. Ödegaard war es klar, daß dies das Haupt sein mußte, trotzdem es nicht zu sehen war. Er wandte sich deshalb an sie: "Wie muß denn die Arbeit beschaffen sein, damit sie uns nicht in Versuchung führt?" Sie wollte hierauf nicht antworten; der junge Mensch aber entgegnete: "Der Fluch lautet: im Schweiße Deines Angesichts sollst Du Dein Brot essen; sie soll aber Schweiß und Mühe bringen."—"Und außer Schweiß und Mühe nichts? Zum Beispiel keinen Vorteil?"—Hierauf wollte auch er nicht antworten; aber nun fühlte sich das kurze Untergesicht berufen: "Doch, soviel Vorteil wie möglich."—"Aber dann muß doch auch in der Arbeit eine Versuchung liegen, nämlich die Lockspeise eines zu großen Vorteils." Bei dieser Umzingelung kam Entsatz aus der Tiefe: "So ist es der Vorteil, der uns versucht, und nicht die Arbeit."—-"Ja, aber was will das sagen, wenn die Arbeit um des Vorteils willen übertrieben wird?" Sie verkroch sich wieder; Lars aber wagte sich heraus: "Was heißt die Arbeit übertreiben?"—"Na, wenn sie Dich zu einem Tier macht, wenn sie Dich in Sklaverei bringt."—"Sklaverei muß sein", sagte der, der den Schweiß des Angesichts haben wollte.—"Aber kann Sklaverei zu Gott führen?"—"Arbeit ist Gottesdienst!" rief Lars.—"Kannst Du das von Deiner ganzen Arbeit sagen?" Lars schwieg.—"Nein, sei vernünftig und gib mir zu, daß um des Vorteils willen die Arbeit so übertrieben werden kann, als ob wir nur dafür lebten. Also liegt auch in der Arbeit eine Versuchung."—"Ja, eine Versuchung liegt in allem, Kinder,—eine Versuchung liegt in allem!" entschied jetzt der Propst, indem er aufstand und, als wolle er der Sache ein Ende machen, seine Pfeife ausklopfte. In den vielen Umschlagtüchern seufzte es, aber eine Antwort kam nicht.

"Seht," begann Ödegaard wieder,—und der Propst stopfte sich eine neue Pfeife,—"wenn nun die Arbeit einen Vorteil, das heißt Frucht bringt, so haben wir doch wohl das Recht, diese Frucht zu genießen? Wenn sie uns Reichtum bringt, haben wir doch wohl das Recht, diesen Reichtum zu genießen?"—Das erregte großes Bedenken; einer blickte den andern an. "Ich will antworten, während Ihr darüber nachdenkt", sagte er. "Gott hat uns die Möglichkeit gelassen, seinen Fluch in Segen zu verwandeln; denn er selbst leitete die Patriarchen und sein ganzes Volk zum Genuß des Reichtums an."—"Die Apostel durften nichts besitzen", warf der junge Mensch siegessicher ein.—"Ja, das stimmt; denn die wollte er über alle menschlichen Lebensbedingungen stellen, damit sie nur Gott schauen sollten;—sie waren berufen!"—"Wir sind alle berufen!"—"Aber nicht im gleichen Sinne; bist Du zum Apostel berufen?"—Der junge Mensch wurde leichenblaß, seine Augen unter der Stirnmauer verdüsterten sich; er mußte seinen Grund haben, sich das zu Herzen zu nehmen.

"Aber der Reiche soll auch arbeiten", meinte Lars; "denn Arbeit ist ein Gebot."—"Gewiß soll er das, wenn er auch andere Mittel und andere Aufgaben hat; jeder hat seine. Aber sag', soll der Mensch unaufhörlich arbeiten?"—"Er soll auch beten", fiel die blonde Frau ein und faltete die Hände, als komme ihr jetzt zum Bewußtsein, daß sie es zu lange versäumt habe.—"Also: immer wenn ein Mensch nicht arbeitet, soll er beten?—Kann ein Mensch das?—Was wäre das für ein Beten, und was wäre das für ein Arbeiten?—Soll er nicht auch ausruhen?"—"Wir sollen erst ausruhen, wenn wir nicht mehr können; dann werden wir nicht von bösen Gedanken versucht,—ja, dann werden wir nicht in Versuchung geführt!" sagte Eise wieder, und der Psalmist fiel ein:

"So gehet ein, ihr Müden, In Jesu süßen Frieden, Die Arbeit war so groß. Die Zeit ist nicht mehr weit, Da man für euch bereit't Ein Bettlein in der Erde Schoß!"——

"Still, Erik, und hör' zu," sagte der Propst. Ödegaard aber zog jetzt die Schlinge zusammen: "Seht Ihr, die Arbeit trägt ihre Frucht und braucht ihre Rast. Nun aber ist meine Ansicht von Geselligkeit, von Sang und Spiel und dergleichen, daß sie nicht nur eine süße Frucht der Arbeit sind, sondern daß sie zugleich auch dem Geist eine erquickende Muße bieten."

Hier entstand eine Bewegung im Lager; alle sahen zu Randi hin, denn jetzt mußten die Haupttruppen heranrücken; sie wackelte und wackelte und schließlich kam es langsam und still heraus: "Weltlicher Sang und Spiel und Tanz sind keine Muße, denn das entfacht das Fleisch zu sündiger Begierde. Eine Frucht der Arbeit kann auch wohl so etwas nicht sein, das die Arbeit vergeudet und das verweichlicht."—"Ja, in so etwas liegt eine große Versuchung!" sagte die blonde Frau seufzend. Dabei fiel Erik der Vers ein:

"Mit Schmerz erkennen wir, Daß ständig wachsen hier Die Laster und Begierden, Geschmückt gleich Tugendzierden, Die leise uns umringen Und sich zum Himmel schwingen—"

"Sei still, Erik!" sagte der Propst; "Du verwirrst uns nur."—"Ach ja, das mag wohl sein", sagte Erik und fing wieder an:

"Wenn euch mit heuchlerischem Sinn Ein anderer will führen hin Zum breiten, glatten Sündenpfad, Den wählt euch nicht als Kamerad——"

"Nun hör' aber auf, Erik!—Das Lied ist ja recht schön, aber alles zu seiner Zeit und am rechten Ort."—"Ja, ja, Herr Pfarrer, das stimmt,—alles zu seiner Zeit und am rechten Ort:

"Schenk' jede Stunde heute Dem Höchsten früh und spät Ein jeder Herzschlag läute Wie Glocken zum Gebet—"

"Nein, nein, Erik, dann würde ja auch das Gebet zur Versuchung; Du müßtest Katholik werden und ins Kloster gehen!"—"Gott behüte!" sagte Erik und riß die Augen weit auf, machte sie dann wieder zu und fing an:

"Wie Staub und Schlacken zu echtem Gold Ist kathol'sch—"

"Hör' mal, Erik, wenn Du nicht ruhig sein kannst, so geh gefälligst mit dem Rest hinaus.—Wo waren wir denn stehen geblieben?" Ödegaard aber hatte mit großem Behagen Erik angehört und wußte es nicht mehr. Da kam es friedlich aus den vielen Tüchern heraus: "Ich sagte, es könne doch keine Muße und keine Frucht der Arbeit in etwas sein, das—"—"Jetzt erinnere ich mich: das eine Versuchung in sich trägt,—und dann kam Erik und bewies uns, daß auch im Gebet eine Versuchung liegen kann.—Wir wollen also überlegen, was jene Dinge sonst für Folgen haben können. Ist Euch aufgefallen, daß fröhliche Menschen besser arbeiten als schwermütige? Woher kommt das?"

Lars merkte, worauf das hinausging, und sagte deshalb: "Fröhlich macht der Glaube."—"Ja, wenn es ein heller Glaube ist; aber weißt Du nicht, daß der Glaube so finster machen kann, daß die Welt um uns her zu einem Zuchthause wird?"

Die blonde Frau seufzte unaufhörlich, so daß die vielen Tücher dadurch in Bewegung kamen; Lars blickte sie auch scharf an, und da schwieg sie.—Ödegaard fuhr fort: "Ein ewiges Einerlei, sei es Arbeit, Gebet oder Vergnügen, macht dumm und finster. Du kannst den Acker umgraben, daß Du zu einem Tier wirst, beten, bis Du ein Gewohnheitsmönch bist, spielen, bis Du eine schlappe Spielpuppe bist. Aber mische es einmal! Der Wechsel stärkt Sinn und Gedanken; dabei gedeiht Deine Arbeit, und Dein Glaube wird licht."—"Wir wollen uns also jetzt aufs Fröhlichsein verlegen!" sagte der junge Mensch und lachte.—"Ja, dann würdest Du für Dein Teil eine Gemeinschaft mit andern Menschen finden; denn erst in der Freude sieht man das Gute bei andern und liebt es. Man kann aber Gott nur lieben, wenn man seinen Nächsten liebt."

Da nicht sogleich ein Widerspruch erfolgte, versuchte Ödegaard zum zweitenmal die Schlinge zusammenzuziehen und sagte: "Die Dinge, die freimachen, also daß der Heilige Geist in uns wirken kann,—denn in den Gefesselten kann er nicht wirken,—die Dinge, die uns helfen, müssen einen Segen in sich tragen,—und das tun diese Dinge." Der Propst stand auf, er hatte seine Pfeife schon wieder auszuklopfen.

In der Pause, die jetzt folgte, und in der kein Seufzer zu hören war, merkte man, wie die vielen Tücher sich abmühten, und schließlich hörte man ein zaghaftes: "Es steht geschrieben: Was Du aber tust, das tu zu Gottes Ehre;—sind aber weltlicher Gesang, Spiel und Tanz zu Gottes Ehre?"

"Ohne weiteres nicht;—aber können wir dieselbe Frage nicht beim Essen, beim Schlafen, beim Anziehen stellen? Und doch müssen wir das alles tun. Es kann also nur gemeint sein, daß man nichts tun soll, was Sünde ist."—"Ja, ist das denn aber keine Sünde?"

Zum erstenmal wurde Ödegaard ein bißchen ungeduldig. Er beschränkte sich deshalb darauf, zu sagen: "Wir lesen in der Bibel, daß Gesang, Spiel und Tanz Brauch waren."—"Ja, zu Gottes Ehre."—"Nun ja, zu Gottes Ehre. Aber daß die Juden immer und in allem den Namen Gottes im Munde führten, geschah aus dem Grunde, weil sie wie Kinder die Dinge noch nicht eingeteilt hatten. Den Kindern ist jeder fremde Mensch, der Mann",—auf die Frage des Kindes: "Woher kommt dies, woher kommt das?' antworten wir immer dasselbe: 'von Gott'; aber als Erwachsene Erwachsenen gegenüber nennen wir zugleich das Zwischenglied, wir nennen nicht bloß den Geber, Gott. So kann zum Beispiel ein schönes Lied von Gott handeln oder zu Gott führen, auch wenn Gottes Name nicht genannt ist; denn gar vieles führt zu ihm hin, wenn auch nicht auf dem direkten Wege. Unser Tanz, wenn in Wahrheit gesunde, unschuldige Menschen ihre Freude an ihm haben, preist—wenn auch nicht direkt—ihn, der uns die Gesundheit schenkte, und der das Kind in uns liebt."

"Merkt Euch das, merkt Euch das!" sagte der Propst; er war sich klar, daß er lange Zeit diese Dinge mißverstanden und sie andern falsch ausgelegt hatte.

Lars aber hatte lange nachdenklich dagesessen. Jetzt war er fertig. Das Samenkorn hatte sich von der hohen Stirn zu dem kurzen, knorrigen Untergesicht herabgesenkt; hier war es ausgedroschen und gemahlen worden und kam jetzt heraus: "All die Märchen und Erzählungen und Geschichten, all die Gedichte und das erfundene Zeug, wie es heutzutage die Bücher füllt,—ist das auch erlaubt? Steht nicht geschrieben: Jedes Wort, das aus Deinem Munde gehet, sei Wahrheit?"

"Es freut mich, daß Du darauf kommst.—Siehst Du, mit den Gedanken ist es genau wie mit dem Hause, in dem Du wohnst. Wäre es so eng, daß Du kaum mit dem Kopf hineinkönntest und nur eben die Beine ausstrecken, so müßtest Du es auch wohl ausbauen. Und die Dichtung erhebt die Gedanken und baut sie aus. Wäre das Maß der Gedanken, das über das Allernotwendigste hinausgeht, Lüge, so würden bald auch die allernotwendigsten Gedanken Lüge werden. Sie würden Dich so einklemmen in Dein Erdenhaus, daß Du nie die Ewigkeit erreichtest, und doch geht Dein Weg dahin, und die Gedanken sollten Dich im Glauben dahin führen."—"Aber etwas Erdichtetes ist doch etwas, was nicht gewesen ist, und dann ist es doch Lüge?" sagte Randi nachdenklich.—"Nein, es zeigt uns oft eine größere Wahrheit, als die Dinge, die wir sehen", antwortete Ödegaard. Jetzt blickten ihn alle zweifelnd an, und der junge Mensch warf ein: "Ich habe bis jetzt nicht gewußt, daß in den Sagen von Askelad mehr Wahrheit ist, als in dem, was ich mit meinen Augen sehe!"—Alle lachten leise.—"So sage mir, ob Du immer den Zusammenhang dessen begreifst, was Du vor Augen siehst?"—"Ich bin wohl nicht gelehrt genug?"—"Oh, ein Gelehrter begreift ihn gewiß noch viel weniger! Ich meine nämlich solche Dinge des täglichen Lebens, die uns Kummer und Herzeleid machen, und über die wir grübeln, bis wir schwarz werden, wie man so sagt. Kommt so etwas nicht vor?"—Er antwortete nicht; aus den vielen Tüchern heraus aber ertönte es in tiefem Ernst: "Doch, sehr oft."—"Wenn Du nun aber eine erfundene Geschichte hörtest, die Deiner eigenen so gliche, daß Du Deine Geschichte verständest, wenn Du die andere hörtest? Würdest Du von der Geschichte, die Dir Deine eigene klar macht, die Dir den Trost und die Festigung gibt, die im Verständnis liegen,—nicht sagen, die Geschichte habe für Dich größere Wahrheit als Deine eigene?" Die blonde Frau sagte: "Ich habe einmal eine Geschichte gelesen, die mir über einen großen Kummer so hinweggeholfen hat, daß das, was mich bisher so bedrückt hatte, mir fast eine Freude wurde." Aus den Tüchern heraus erscholl ein Räuspern;—"ja, es ist doch wahr", fügte sie ängstlich hinzu.

Der junge Mensch aber wollte es nicht zugeben: "Können die Sagen von Askelad einem Menschen zum Trost gereichen?"—"Nun, je nachdem. Der Humor hat große Macht, und jene Sagen zeigen lustig, daß einer, von dem die Welt am wenigsten hält, oft am weitesten kommt,—daß alles dem beisteht, der selbst guten Muts ist, und daß der Mann vorwärts kommt, der es von ganzem Herzen will. Meinst Du nicht, es ist für viele Kinder gut, wenn sie daran erinnert werden, und für viele Erwachsene auch?"—"Aber es ist doch Aberglauben, wenn man an den Teufel und an Hexerei glaubt."—"Wer hat gesagt, daß Du daran glauben sollst? Das ist Bilderschrift."—"Aber es ist uns verboten, Bilder und Zeichen zu gebrauchen, weil jeglicher Schein dem Teufel zugehört."—"So; wo steht das?"—"In der Bibel."—Hier fiel der Propst ein: "Nein, das ist ein Mißverständnis; denn die Bibel gebraucht selbst Bilder."—Alle blickten zu ihm auf. "Sie gebraucht auf jeder Seite Bilder, wie das überhaupt den morgenländischen Völkern eigen ist. Wir haben selbst auch Bilder in unserer Kirche, wir haben Bilder in unserer Sprache, in Holz, auf Leinwand, in Stein, und wir können uns die Gottheit nur durch Bilder vorstellen. Nicht genug damit: Jesus wendet Bilder an; hat Gott der Herr selbst nicht mancherlei Gestalt angenommen, wenn er sich den Propheten offenbarte? Kam er nicht in Gestalt eines Wanderers zu Abraham nach Mamre und aß mit ihm an seinem Tisch? Kann aber die Gottheit mancherlei Gestalten annehmen und Bilder gebrauchen, so können die Menschen es auch."—Man mußte ihm beipflichten. Ödegaard aber stand auf und schlug den Propst leicht auf die Schulter: "Schönen Dank, da haben Sie eben ganz prächtig aus der Bibel bewiesen, daß das Schauspiel zulässig ist!"—Der Propst blieb erschrocken stehen: der Rauch, den er im Munde hatte, quoll ganz von selbst langsam heraus.

Ödegaard ging dann durch die Stube auf die Frau mit den vielen Umschlagtüchern zu und bückte sich, um eine Spur ihres Gesichts zu entdecken, allein vergeblich. "Möchtest Du noch mehr wissen?" fragte er; "denn Du scheinst über dies und jenes nachgedacht zu haben."—"O Gott sei mir gnädig, ich denke wohl nicht immer das richtige."—"Ja,—in der ersten Zeit nach der Gnade der Bekehrung ist man so erfüllt von diesem Wunder, daß einem alles andere zwecklos und unrichtig erscheint. Man ist wie ein Liebhaber, der nur nach seiner Geliebten Sehnsucht hat."—"Ja, aber sieh die ersten Christen an, die sollen uns doch ein Beispiel sein."—"Nein, ihre strengen Lebensbedingungen mitten unter den Heiden sind nicht mehr die unseren; wir haben andere Aufgaben, wir müssen das Christentum in unserem heutigen Leben unterbringen."—"Aber im Alten Testament stehen so viele Worte, die dem, was Du sagst, widersprechen", sagte der junge Mensch zum erstenmal ohne Bitterkeit.—"Ja, denn jene Worte sind jetzt tot, sie sind abgeschafft', wie der Apostel Paulus sagt: Welcher auch uns tüchtig gemacht hat, das Amt zu führen des Neuen Testaments; nicht des Buchstabens, sondern des Geistes,—und weiter: Wo aber der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit. Und: Ich habe es alles Macht, sagt Paulus weiter, doch er fügt hinzu: Es frommt aber nicht alles.—Nun sind wir so glücklich, das Leben eines Mannes vor Augen zu haben, das uns zeigt, was Paulus gemeint hat. Luthers Leben. Von Luther glaubt Ihr doch, daß er ein guter, aufgeklärter Christ war?" Ja, das glauben sie.—"Luthers Glaube war ein lichter Glaube, es war der Glaube des Neuen Testamentes! Er hatte von dem finsteren Glauben die Ansicht, dahinter liege der Teufel am liebsten auf der Lauer. Er hatte von der Furcht vor der Versuchung die Ansicht, daß der am wenigsten versucht wird, der sich am wenigsten fürchtet. Er nutzte alle Gaben, die Gott ihm gegeben hatte, auch die Fähigkeit, sich zu freuen, er nahm das Leben als Ganzes. Wollt Ihr Beispiele? Der fromme Melanchthon schrieb einmal so eifrig an einer Verteidigung der reinen Lehre, daß er sich die Zeit zu den Mahlzeiten nicht gönnte. Da nahm Luther ihm die Feder aus der Hand. 'Man dient Gott nicht allein durch Arbeit,' sagte er, 'sondern auch durch Ruhe und Erholung; deshalb hat Gott das dritte Gebot gegeben und den Sabbat eingesetzt,' Und weiter: Luther wandte in seiner Rede viele Bilder an, scherzhafte und ernste durcheinander, und er steckte voll von guten, oft sehr lustigen Einfallen. Er übersetzte auch alte, schöne Volkssagen in seine Muttersprache und sagt in der Vorrede, daß er nächst der Bibel kaum bessere Ermahnungen kenne als diese. Er spielte, wie Ihr vielleicht wißt, die Laute, und sang mit seinen Kindern und seinen Freunden,—nicht bloß Choräle, nein, auch alte, fröhliche Lieder; er liebte Gesellschaftsspiele, spielte Schach und ließ die Jugend in seinem Hause tanzen; er verlangte nur, daß alles in Zucht und Ehren geschehe. Dies hat ein alter, treuherziger Schüler Luthers, nämlich der Pfarrer Johann Mathesius, aufgezeichnet und seinen Pfarrkindern von der Kanzel herab erzählt. Er betete, er möge ihnen die Wege weisen,—und wir wollen nun das gleiche beten!"

Der Propst stand auf: "Liebe Freunde, jetzt wollen wir es für heute genug sein lassen!" Alle erhoben sich. "Hier ist manches Wort zur Aufklärung gesprochen worden; möge Gott seinen Segen zu dieser Aussaat geben!—Liebe Freunde, Ihr wohnt an abgelegenen Stätten; Ihr wohnt hoch oben auf den Höhen, wo der Frost das Korn häufiger mäht als die Sichel. Solche Einöden sollte man wieder den Sagen und dem weidenden Vieh überlassen. Das geistige Leben gedeiht spärlich da oben und wird kümmerlich wie die Kräuter. Das Vorurteil drückt auf das Leben wie die Berge, unter denen es heranwächst; sie werfen ihre Schatten darauf und treten trennend dazwischen. Der Herr sammle, der Herr erleuchte Euch!—Ich danke Euch für heute, meine Freunde! Auch mir hat dieser Tag zu größerer Klarheit verhelfen." Er gab jedem von ihnen die Hand, und selbst der junge Mensch streckte ihm seine Hand freundlich hin, ohne jedoch aufzublicken.

"Ihr müßt über die Berge;—wann kommt Ihr denn nach Hause?" fragte der Propst, als sie gehen wollten.—"Ach, in der Nacht wohl," antwortete Lars; "es hat sich jetzt viel Schnee angesammelt, und wo der fortgeweht ist, liegt Höckereis."—"Ja, liebe Freunde, es ist aller Ehren wert, unter solchen Umständen zur Kirche zu kommen. Möget Ihr jetzt auf dem Wege nicht zu Schaden kommen!"—Erik antwortete leise:

"Ist Gott für mich, so trete Gleich alles wider mich, So oft ich ruf und bete, Weicht alles hinter sich!"

"Das stimmt, Erik,—diesmal hast Du's getroffen!" "Ja, wartet mal", sagte Ödegaard, als sie sich zum Gehen wandten; "es ist nicht zu verwundern, daß Ihr mich nicht kennt; aber ich dürfte auf den Ödhöfen doch wohl Verwandte haben." Alle wandten sich nach ihm um, selbst der Propst, der es wohl gewußt, aber völlig vergessen hatte. "Ich heiße Hans Ödegaard, der Sohn von Knut Hansen Ödegaard, dem Propst, der damals mit dem Ränzel auf dem Rücken von Euch fortzog."—Da klang es aus den vielen Tüchern heraus: "Herr Gott,—das ist ja mein Bruder."—Sie waren alle stehen geblieben, aber keiner wußte, was er sagen sollte. Schließlich fragte Ödegaard: "Also bin ich damals, wo ich als kleiner Bursch Vater hinaufbegleitete, bei Dir gewesen?"—"Ja, bei mir."—"Und eine Zeitlang auch bei mir", sagte Lars; "Dein Vater ist mein Schwesterkind."—Randi aber sagte wehmütig: "Also Du bist der kleine Hans;—ja, ja, die Zeit vergeht."—"Wie geht es Eise?" fragte Ödegaard.—"Dies ist Eise", sagte Randi und zeigte auf die blonde Frau.—"Du bist Eise!" rief er. "Du hattest damals einen Liebeskummer; Du wolltest den Dorfspielmann haben; hast Du ihn gekriegt?" Niemand antwortete. Obwohl es schon dämmerig war, sah er, wie Eise sehr rot wurde, und wie die Männer zur Seite oder zu Boden blickten,—ausgenommen der junge Mensch, der Eise fest ansah. Ödegaard merkte, daß er etwas Törichtes gefragt hatte; der Propst kam ihm zu Hilfe: "Nein, der Spielmann Hans ist unverheiratet geblieben; Eise hat Lars' Sohn bekommen; aber jetzt ist sie wieder frei, sie ist Witwe."—Wieder wurde sie glühend rot, der junge Mensch sah es und lächelte spöttisch.

Randi aber sagte: "Ja, Du hast wohl weite Reisen gemacht? Du hast viel gelernt, wie ich gehört habe."—"Ja, bis jetzt habe ich studiert oder bin gereist, aber nun will ich im Lande bleiben und mich nützlich machen."—"Ach ja, so geht's—manche reisen weit und kommen zum Licht und zur Gelehrsamkeit; andere kleben an der Scholle." Und Lars fügte hinzu: "Die heimische Erde ist oft schwer zu brechen. Bringt sie aber einen Mann hervor, der Hilfe leisten kann, so zieht er von dannen."—"Der Beruf ist verschieden; jeder muß dem seinen folgen", sagte der Propst.—"Mit unsers Herrgotts Hilfe wird schon Arbeit mehrend zu Arbeit kommen", sagte Ödegaard; "meines Vaters Wirksamkeit wird Euch vielleicht auch noch einmal zugute kommen, so Gott will."—"Ach ja, das mag wohl sein", sagte Randi sanft; "aber das Warten fällt oft schwer; denn es dauert so lange."

Sie schieden; der Propst stellte sich an das eine, Ödegaard an das andere Fenster, um ihnen nachzuschauen; denn jetzt mußten sie über die Berge; der junge Mensch ging hinterher. Ödegaard erfuhr, er stamme aus der Stadt, wo er alles mögliche getrieben habe, doch immer mit den Leuten in Streit geraten sei. Er glaubte sich zu etwas Großem berufen, vielleicht zum Apostel, war aber seltsamerweise auf den Ödhöfen hängen geblieben,—manche meinten aus Liebe zu Eise. Er war ein Feuerkopf, der viele Enttäuschungen erlebt hatte und dessen noch mehr harrten.

Sie kamen jetzt auf dem Berge zum Vorschein; das Dach des Kuhstalls verdeckte sie nicht mehr. Sie arbeiteten sich mühselig empor, verschwanden hinter Bäumen und kamen wieder heraus, immer höher und höher. Es führte kein Weg durch den tiefen Schnee, die Bäume waren die Wegweiser in der Wüste, und zur Seite zeigten die Firnen ihnen die Richtung nach ihrer Wohnstätte.

Drinnen aus der Stube aber kamen ein paar trillernde Akkorde und dann:

Mein Lied ist dem Frühling ergeben, Bevor er erwachte zum Leben. Mein Lied ist dem Frühling ergeben, Wie Sehnsucht ihn sehnet herbei, Da schließen ein Bündnis die zwei, Zu locken die Sonne zum Siege, Damit ihr der Winter erliege, Das Murmeln der Bäche zu wecken, Damit sie im Chor ihn erschrecken Zu bannen ihn flugs aus den Lüften Mit stetigen Blumen duften.— Mein Lied ist dem Frühling ergeben!

Elftes Kapitel

Seit diesem Tage war der Propst sehr wenig mit den andern zusammen; teils nahm ihn das Weihnachtsfest in Anspruch, teils konnte er nicht zur Klarheit kommen, ob das Schauspiel den Christen erlaubt sei oder nicht; sowie sich Petra nur sehen ließ, wurde er unruhig.

Während der Propst so in seinem Arbeitszimmer saß, seine Predigten oder eine christliche Ethik vor sich, saß Ödegaard bei den jungen Mädchen, zwischen denen er ständig Vergleiche ziehen mußte. Petra sprühte und war, sich nie gleich; wer ihr folgen wollte, wurde wie bei einem Buch in steter Spannung gehalten. Signe dagegen war so wohltuend in ihrer gleichmäßigen Innigkeit; ihre Bewegungen waren nie überraschend; denn sie spiegelten ihr Wesen wieder. Petras Stimme konnte jede Färbung annehmen, grelle und weiche, und jeden Stärkegrad. Signes Stimme hatte einen eigenen Wohllaut, war aber nicht wechselnd,—außer für den Vater, der meisterlich die Nuancen unterscheiden konnte. Petra blieb bei einer Sache; war sie bei mehr Dingen, so geschah's, um zu beobachten, nicht um zu helfen. Signe hatte auf alles und auf alle ein Auge und verteilte sich, ohne daß man es merkte. Sprach Ödegaard mit Petra über Signe, so hörte er eine hoffnungslos Liebende klagen, sprach er aber mit Signe über Petra, so wurde sie ziemlich einsilbig. Miteinander plauderten die Mädchen häufig und ungezwungen; aber immer nur über Gleichgültiges.

Er hatte gegen Signe große Verpflichtungen; denn ihr verdankte er das, was er "seinen neuen Menschen" nannte. Der erste Brief, den er in seinem großen Schmerz von Signe bekam, hatte ihm wie eine weiche Hand über die Stirn gestrichen. So schonend erzählte sie, Petra sei zu ihnen gekommen, mißverstanden und mißhandelt. So fein war ihre Auslegung, daß dies zufällige Kommen wie eine Fügung Gottes erschien, "weil nichts zerbrechen soll", ihm klang es wie fernes Locken aus einem Walde, wenn man noch steht und über den Weg nachsinnt, den man gehen soll.

Signes Briefe folgten ihm überall, wohin er reiste; sie waren der Faden, der ihn hielt. Jede ihrer Zeilen hatte den Zweck, Petra direkt in seine Arme zu führen, und doch erreichte sie gerade das Gegenteil; denn Petras Künstlernatur trat ihm durch diese Briefe klar vor Augen; den Mittelpunkt ihrer Begabung, den er selbst vergebens gesucht, hatte Signe unbewußt stets vor Augen, und sowie er das einsah, sah er auch ihren und seinen Irrtum ein und wurde gewissermaßen ein neuer Mensch dadurch.

Er hütete sich wohl, Signe von dem zu schreiben, was ihre Briefe ihn gelehrt hatten. Das erste Wort durfte nicht von Petras Umgebung kommen, sondern von ihr selbst, damit nichts überstürzt werde. Aber von dem Augenblick an, da ihm dies klar geworden war, hatte er auch Petra in einem neuen Licht gesehen. Natürlich: diese ewig sich jagenden Impulse, von denen jeder einzelne voll empfunden war, alle aber in einem großen Widerspruch zueinander standen, das mußte ja der Anfang eines Künstlertums sein. Es hieß also, dies alles zu einer starken Wesenseinheit zu sammeln; sonst würde alles Stückwerk und ihr Leben selbst nur Kunst. Also: nicht zu früh hinein in die Bahn! Solange wie möglich schweigen, ja Widerstand.

Von all dem ganz erfüllt, merkte er selbst nicht, daß Petra wieder unausgesetzt seine Seele beschäftigte,—diesmal jedoch mit einem fremden Ziel. Er nahm die Kunst um sich herum aufs Korn, besonders aber die Künstler und unter ihnen vor allem die Schauspieler. Er sah vieles, was einen Christenmenschen abschrecken mußte. Er sah die ungeheuren Mißstände. Aber sah er dasselbe nicht überall, sah er es nicht auch in der Kirche? Weil da hohle Pfaffen standen, nannte man ganz dasselbe groß und ewig. Wenn das Streben nach Wahrheit, das überall sich regte, im Leben und in der Dichtung Macht bekam,—konnte es dann nicht auch bis zum Theater vordringen?

Er war allmählich seiner Sache sicher geworden. Mit großer Freude sah er aus Signes Briefen, daß Petra sich sehr heranbildete und daß Signe die rechte war, ihr dabei zu helfen. Jetzt war er gekommen, um diesen Schutzgeist, der selbst nicht wußte, was er ihm gewesen war, zu sehen und ihm zu danken.

Aber er war auch gekommen, um Petra wiederzusehen. Wie weit war sie vorgeschritten? Das Wort war ausgesprochen, er konnte also offen mit ihr darüber reden; das war ihnen auch beiden willkommen; dann brauchten sie ja doch nicht von der Vergangenheit zu sprechen.

Indessen, sie wurden bald durch Gäste aus der Stadt gestört, gebetene und ungebetene! Die Dinge standen da aber schon so, daß ein einziger, wohlgenutzter Zufall Klarheit bringen konnte,—und dazu verhalfen die Gäste. Es wurde nämlich eine große Gesellschaft veranstaltet, und auf dieser Gesellschaft, gleich nach Tisch, als die Herren im Arbeitszimmer saßen, kam das Gespräch auf die Schauspielkunst; denn ein Stiftskaplan hatte auf dem Schreibtisch eine christliche Ethik aufgeschlagen gesehen und war auf das entsetzliche Wort "Schauspiel" gestoßen. Es entspann sich ein heftiges Wortgefecht, und mitten hinein kam der Propst, der nicht mit bei Tisch hatte sein können, weil er zu einem Kranken gerufen worden; er war sehr ernst gestimmt, er aß nicht, er nahm auch nicht an dem Gespräch teil, aber er stopfte seine Pfeife und hörte zu. Sowie Ödegaard merkte, daß der Propst still da saß und dem Gespräch folgte, mischte er sich hinein, versuchte aber lange vergeblich, Zusammenhang in die Sache zu bringen; denn der Stiftskaplan hatte die Angewohnheit, so oft ein Glied in der Beweiskette geknüpft werden sollte, zu rufen: "Ich leugne!" (er wollte nicht sagen: verleugne), und dann mußte das, was beweisen sollte, erst selbst bewiesen werden; es ging infolgedessen rückwärts; man war vom Schauspiel schon auf die Schiffahrt gekommen und wollte, um in der Schiffahrt einen Beweis führen zu können, eben zum Ackerbau übergehen.

Nun, da ernannte Ödegaard den Propst zum Wortführer. Außer ihm waren noch einige Pfarrer anwesend, sowie der Kapitän, ein kleiner schwarzhaariger Mann mit einem riesigen Bauch und ein paar kleinen Beinen darunter, die wie Trommelschlägel wirbelten. Ödegaard erteilte dem Stiftskaplan das Wort, damit er alles vorbringen könne, was er gegen das Schauspiel einzuwenden habe. Der Stiftskaplan nahm das Wort:

"Schon rechtschaffene Heiden waren gegen das Schauspiel wie Plato und Aristoteles, weil es die Sitten verderbe. Sokrates sah sich freilich ab und zu ein Schauspiel an, will aber jemand daraus den Schluß ziehen, daß er es billigte, so leugne ich das, denn man muß vieles sehen, was einem nicht gefällt. Die ersten Christen wurden eindringlich vor dem Schauspiel gewarnt, siehe Tertullian! Seitdem das Schauspiel in neuerer Zeit wieder aufgelebt ist, haben ernste Christen dagegen gesprochen und geschrieben. Ich nenne Namen wie Spener und Francke; ich nenne einen christlichen Ethiker wie Schwarz, ich nenne Schleiermacher. ('Hört, hört!' rief der Kapitän, denn diesen Namen kannte er.) Die letzten beiden räumen die Zulässigkeit dramatischer Dichtung ein, Schleiermacher ist sogar der Ansicht, in Privatgesellschaften dürfe von Dilettanten eine gute Dichtung aufgeführt werden; er verurteilt aber den Schauspielerberuf. Der Stand der Schauspieler hat für einen Christen so mannigfaltige Versuchungen, daß er ihn meiden soll.—-Aber ist es nicht auch für die Zuschauer eine Versuchung? Von erdichtetem Leiden gerührt, von erdichtetem Tugendheldentum erhoben zu werden, dessen man sich beim Lesen leichter erwehren kann, verlockt zu dem Glauben, man selbst sei das, was man sieht; das schwächt den Willen, die Arbeit an sich selbst, das zieht uns herab zu Hörlust, Schaulust und Phantasterei. Habe ich nicht recht? Wer ist hauptsächlich in der Komödie zu finden? Müßiggänger, die sich unterhalten wollen, Wollüstige, die aufgereizt, Eitle, die selbst gesehen werden wollen, Phantasten, die aus dem wirklichen Leben, mit dem sie's nicht aufzunehmen wagen, hierherflüchten. Sünde hinter dem Vorhang, Sünde vor dem Vorhang! Ich habe nie einen ernsthaften Christen anders reden hören!"

Der Kapitän: "Da kann einem ja angst und bange vor einem selbst werden. Bin ich immer, wenn ich in der Komödie war, in so einer Wolfshöhle gewesen, dann soll der Teufel—"—"Pfui, Herr Kapitän", sagte ein kleines Mädchen, das mit ins Zimmer geschlüpft war; "Du darfst nicht fluchen, denn sonst kommst Du in die Hölle!"—"Ja, mein Kind, natürlich, natürlich."—Ödegaard aber nahm das Wort:

"Plato hatte gegen die Dichtung dieselben Einwendungen wie gegen das Schauspiel, und die Ansicht des Aristoteles steht nicht fest. Ich lasse diese beiden also aus dem Spiel. Die ersten Christen aber taten gut daran, sich den heidnischen Schauspielen fernzuhalten,—sie übergeh' ich ebenfalls. Daß ernsthafte Christen in neuerer Zeit ihre Bedenken auch gegen die Schauspiele gehabt haben, die christliche Stoffe behandeln, kann ich verstehen; ich habe selbst Bedenken gehabt. Aber wenn man zugibt, daß dem Dichter erlaubt sein soll, ein Drama zu schreiben, dann muß dem Schauspieler auch erlaubt sein, es zu spielen. Denn was tut der Dichter beim Schreiben anders, als daß er es spielt,—in seinen Gedanken, feurig, mit Lust, und 'wer ein Weib ansieht ihrer zu begehren' usw.—Ihr kennt Christi eigene Worte. Wenn Schleiermacher sagt, das Drama dürfe nur privatim und von Ungeübten gespielt werden, dann sagt er, daß die Gaben, die wir von Gott bekommen haben, vernachlässigt werden sollen, während es doch Gottes Wille ist, daß sie zur größtmöglichen Vollkommenheit gebracht werden; denn dazu haben wir sie erhalten. Wir alle schauspielern tagtäglich, indem wir andere nachmachen oder im Scherz oder Ernst eine fremde Meinung annehmen. Die Sache überwiegt bei einzelnen Menschen alle andern, und da möchte ich doch sehen, wenn man es unterließe, dies Talent zu pflegen, ob sich nicht bald von selbst herausstellen würde, daß gerade in der Unterlassung die Sünde liegt. Denn wer seinem Beruf nicht nachgeht, wird untauglich zu andern Dingen, wird unredlich, wankelmütig,—kurz, fällt allen Versuchungen viel leichter zur Beute, als wenn er seinem Berufe folgt. Wo die Arbeit und die Freude daran zusammenfallen, wird manche Versuchung ausgeschaltet.—Aber, mag man sagen, der Beruf ist an sich voller Versuchungen. Ja, darüber läßt sich streiten. Für mich liegt in dem Beruf die größte Versuchung, der einem den Glauben vorspiegelt, man sei selbst gerecht, weil man Kunde bringt von dem Allgerechten,—den Glauben, man selbst sei gläubig, weil man zu dem Glauben anderer redet, oder deutlicher: für mich liegt in dem Priesterberuf die größte Versuchung." (Großer Lärm: Ich leugne! Richtig! Ich leugne! Stimmt! Ruhe!) Der Kapitän: "Das habe ich noch nie gehört, daß die Pfarrer schlimmer sind als die Schauspieler!" Gelächter und Rufe von allen Seiten: "Nein, das hat er nicht gesagt." Der Kapitän: "Doch, zum Teufel—"—"Aber, Herr Kapitän, jetzt kommt der Teufel gleich!"—"Gut, mein Kind, schon gut!" Ödegaard nahm den Faden wieder auf: "All die Versuchung, sich vom Augenblick hinreißen zu lassen, in Hörlust und Phantasterei herabzusinken, ohne Arbeit an sich das Leben von Tugendhelden zu seinem eigenen zu machen, all das ist wahrhaftig auch in der Kirche zu finden!" (Derselbe fürchterliche Lärm.)

Die Damen aber konnten diesen wiederholten Lärm nicht hören, ohne dabei sein zu wollen. Jetzt wurde die Tür geöffnet. Ödegaard sah Petra zwischen den andern stehen und sagte mit lauterer Stimme: "Freilich gibt es Schauspieler, die sich auf der Bühne rühren lassen und von dort in die Kirche rennen und sich da auch rühren lassen,—und doch schlecht bleiben. Freilich gibt es Schauspieler, die hohle Sprachrohre sind, die sonst im Leben zu nichts zu gebrauchen gewesen wären, in diesem Beruf sich aber doch wenigstens als Sprachrohr nützlich machen. Aber meist ist es so, daß die Schauspieler gleich den Seeleuten oft in den bittersten Nöten stecken,—denn die Augenblicke vor dem Auftreten können entsetzlich sein!—und daß sie oft zu einem Werkzeug Gottes berufen sind, so oft dem Unerwarteten, dem Großen gegenüberstehen, daß sie in ihrem Herzen eine Furcht und eine Sehnsucht tragen, ein großes Gefühl des eigenen Unwertes, und wir wissen, daß Christus zu den Zöllnern und zu den reuigen Sünderinnen am liebsten kam. Ich gebe ihnen keinen Freibrief; wirklich, je größer die Aufgabe ist, die sie meines Erachtens im Lande haben,—was auch daraus erhellt, daß in einem Volke nicht viele große Schauspieler auf einmal leben!—desto größere Schuld laden sie auf sich, wenn ihr Wirken sie zur Gehässigkeit hinreißt oder sie in einen schlappen Leichtsinn hineinschleudert. Aber gleichwie es keinen Schauspieler gibt, der nicht aus einer Reihe von Enttäuschungen gelernt hat, wie nichtssagend Beifall und Schmeichelei sind, obwohl die meisten sich den Anschein geben, als glaubten sie daran,—so sehen wir wohl ihre Fehltritte und ihre Schwächen, aber wir kennen nicht ihr Verhältnis zu ihnen, und darauf kommt es doch an."

Viele meldeten sich zum Wort, sie fingen auch alle zugleich zu reden an, aber:

"Ich mag wohl vierzehn Jahre gewesen sein—" klang es vom Klavier her, und alles strömte ins andere Zimmer; denn Signe sang, und Signes schwedische Volkslieder waren das entzückendste, was man sich denken konnte. Ein Lied folgte dem andern, und als nun diese schönsten Volkslieder der Welt, die treulich Kunde bringen von der Seele eines großen Volkes, alle in erwartungsvolle Weihestimmung versetzt hatten, da stand Ödegaard auf und bat Petra, ein Gedicht vorzutragen. Sie mußte darauf vorbereitet sein, denn sie wurde feuerrot. Aber sie trat sogleich vor, obwohl sie so zitterte, daß sie sich an einer Stuhllehne festhalten mußte, dann wurde sie leichenblaß und fing an:

Ihm ward nicht verstattet, zu fahren hinaus; Sein Vater war alt, seine Mutter war schwach, Und die Wirtschaft ward größer allgemach:— "Was brauchen ihn Wikingerfahrten zu scheren? Hier hat er, was immer sein Herz kann begehren."

Doch der Bursch sah sehnend die Wolken fliehn, Sah reisige Recken zur Walstatt ziehn; Und sehnend gewahrt' er im Sonnenstrahl Den König in seinem prangenden Saal. Er stand, er vergaß der täglichen Pflichten, Er stand und gedachte der alten Geschichten.

Ein Morgen kam, wo die Flucht er ergriff Zur äußersten Klippe, zum offenen Meer, Zu schaun auf das Spiel um Strand und Riff, Zu lauschen dem Dröhnen der Brandung umher. Es war ein Tag in des Lenzes Beginn, Wo der Sturmwind ruft übers Land dahin: Du sollst nicht mehr schlafend im Eise stocken!— Da mußt' ihn ein Bild zum Wagnis verlocken.

Da lag ein Langschiff in stahlgrauer Bucht, Ausruhend von feindlicher Stürme Wucht. Die Segel gerefft vor Anker lag's, Schien aber sich wenig zu freuen des Tags; Denn die Segel zuckten, der Mast war gebogen, Und den schaukelnden Bug umschäumten die Wogen.

Man gönnte sich kurze Rast an Bord; Wer grade nicht schmauste, der schlummerte dort. Da hörten sie rufen herab von den Klippen— Fast klang's wie ein Wort von des Wahnsinns Lippen—: "Ist keinem auf haushohen Wogen geheuer, Mich drängt es danach;—drum gebt mir das Steuer!"

Empor zu dem Berghang blickten ein paar; Sonst wandte sich keiner herum von der Schar, Und keiner ließ sich die Eßlust rauben. Da fiel ein Stein; zwei mußten dran glauben.

Auf sprang man von Deck; die Schüsseln waren Im Nu verschwunden, die Waffen erhoben; Es schwirrten die Pfeile;—jedoch der droben Stand ruhig und sagte mit festem Gebaren: "Hauptmann, magst willig dein Schiff du mir geben Oder drum kämpfen auf Tod und Leben?"

Für Scherz nur nahm es der wilde Hauf, Ein Pfeilschuß war die Antwort darauf. Der traf ihn nicht. Er sagte gelassen: "Noch will mich des Todes Haus nicht fassen. Du, der die sämtlichen Meere durchpflügte, Kannst dorthin gehn oder heim dich trollen. Was immer sich deiner Herrschaft fügte, Muß mein sein; denn jetzt begann mein Wollen. Du sammeltest mir zu Nutz und Frommen! Man wartet auf mich; meine Zeit ist gekommen."

Stolz lachte der andre in klirrenden Waffen: "Ernennt dich dein Sehnsuchtstraum zum Sieger, Sollst Frieden du haben. Komm, sei mein Krieger!"— "Ich kann nicht; ich bin zum Hauptmann geschaffen. Mich weist mein Weg, als Herrscher zu schalten; Das Neue kann nimmer gehorchen dem Alten."

Vergeblich nach Antwort sein Ohr sich spannte. Da sprang er hinunter die Felsenkante: "Ihr Helden, am Hauptmann ist es, zu zeigen, Wem Walvater siegverleihend erschienen. Dem Sieger sollen die Mannen sich neigen. Schmach denen, die nicht dem Größten dienen!"

Der Hauptmann erglühte vor Zorn; vom Schiff Ins Wasser sprang er und schwamm zum Lande: Der andere lief hinab zum Strande Und zog ihn herauf mit markigem Griff.

Der Hauptmann sah ihm ins Aug', und klar Erkannt' er, wie hohen Sinnes er war. "Werft schnell ihm herüber die fehlenden Waffen," So rief er zum Schiff. "Wirst Sieg du erraffen, Dir reichte das Schwert, kannst du dann sagen, Er selber, den du damit erschlagen." Und am Bergfuß strafften im Kampf sich die Glieder; Auf jeglichen Streich folgt' ächzendes Dröhnen. Vom Meer scholl zornig des Drachen Stöhnen; Bald sank sein Hauptmann getroffen darnieder.

Ein Schrei zum eisgrauen Felsen klang, Von Steven zu Steven hinab in die Fluten Stürmten die Mannen in Rachegluten Und standen bald oben am Klippenhang. Da hob der Gefallene, schon am Rand Des Todes, gebietend noch einmal die Hand: "Ein Mann muß fallen vorm Lebensreste! Denn groß soll enden ein Heldengesang. Nehmt ihn zum Hauptmann; er ist der Beste!"

Da ward ihm für immer Schweigen geboten; Die Recken umringten einen Toten. An Odins Tisch war bereitet sein Platz; Vorm Scheiden wies er den rechten Ersatz.

Der neue Hauptmann säumte mit nichten. Er trat auf den Stein und sprach mit Bedacht: "Erst sollt ihr dem Helden ein Grabmal errichten, Des Großen gedenkend, das er vollbracht. Doch gilt's noch vor Abend die Ruder zu stemmen: Der Tod darf die Reise des Lebens nicht hemmen."

Und das Mal ward gebaut und die Segel gezogen, Bald schwankte der Drache auf zackigen Wogen. Zu ihm auf der Toteninsel zieht Zurück übers Meer ein Weihelied, Ein Willkommgruß für den jungen Streiter; Kühn steuernd führt er das Fahrzeug weiter.

Doch als er die Heimatküste berührt, Wo alle sich hastig am Strande scharen, Um staunenden Blicks den Mann zu gewahren, Der Oegers seestarkes Schiff nun führt,— Fällt rötlich der Abendsonne Strahl Auf Segel und Schiff und den Helden zumal.

Er steuert so mutig, daß rings im Rund Sie angstvoll rufen: "Er geht zu Grund!" Er lenkt das Schiff in den wildesten Braus, Hinlächelnd zu ihnen: "Darf jetzt ich hinaus?"

Das Gedicht wurde mit bebender Stimme, feierlich und ohne eine Spur von Ziererei vorgetragen. Alle standen da, als sei zwischen ihnen ein hoher, hoher Lichtstrahl aus der Erde hervorgebrochen im Regenbogenglanz. Keiner sprach, keiner rührte sich;—der Kapitän aber konnte es nicht lange aushaken, er sprang auf, schnaufte, reckte sich und sagte: "Ja, ich weiß nicht, wie es Euch andern ergeht; aber wenn ich auf die Art angefaßt werde, dann muß ich, der Teufel hol's—"—"Herr Kapitän, nun hast Du wieder geflucht", sagte das kleine Mädchen und drohte ihm mit dem Finger; "nun kommt der Teufel gleich und holt Dich!"—"Ja, das ist mir ganz egal, Kind, laß ihn nur kommen, denn jetzt muß ich, hol's der Teufel, ein patriotisch Lied hören!" Ohne weiteres setzte sich Signe ans Klavier, und die frohe Gesellschaft sang:

Ich will schützen mein Land, Ich will bauen mein Land, Will es lieben in meinem Gebet, meinem Kind, Will ihm mehren die Macht, Will es wissen bewacht Bis hinaus zu dem Fischer in Wellen und Wind.

Hier ist Sonne genug, Hier ist Saatgrund genug, Wenn nur uns es, nur uns es an Liebe nicht fehlt. Hier ist schöpfrischer Drang, Der des Werkeltags Gang, Wenn wir einig ihm folgen, beschwingt und beseelt.

Wir befuhren das Meer Und die Ströme umher, In den Landen rings ragt manch normannischer Turm. Doch noch weiter fliegt heut Unser Banner und beut Seine purpurne Brust immer stärkerem Sturm.

Und noch vor uns liegt viel; Denn wir haben ein Ziel, Und dies Ziel ist der Tag, der drei Stämme verschweißt. Was du tust, sei ein Zoll An ein heiliges Soll, Sei ein Quell in den Strom, der die Dämme zerreißt.

Diese Scholle ist mein Und wird teuer mir sein, Wie sie's ist, wie sie's war, so in Drangsal wie Glück. Und wie sie uns geliebt, Diese Heimat, so gibt Unser dankbares Herz ihr nun Liebe zurück.

Signe stand vom Klavier auf, trat auf Petra zu, legte den Arm um sie und zog sie in das Arbeitszimmer, wo weiter niemand war.—"Petra, wir wollen wieder Freunde sein!"——"O Signe, endlich verzeihst Du mir!"—"Jetzt kann ich alles tun, was ich soll! Petra, liebst Du Ödegaard nicht?"——"O Gott, Signe!"—"Petra, das habe ich vom ersten Tage an geglaubt,—und ich habe gedacht, er sei jetzt endlich gekommen, um———bei allem, was ich seit zweieinhalb Jahren für Euch gedacht und getan habe, habe ich dies vor Augen gehabt, und Vater hat es auch geglaubt; er hat jetzt sicher auch mit Ödegaard darüber gesprochen."—"Aber, Signe—!"—"Schscht!" sie legte die Hand auf den Mund und lief aus dem Zimmer; man hatte sie gerufen; man wollte zu Tisch gehen.

Bei der Abendtafel gab es Wein, weil der Propst beim Mittagessen nicht zugegen gewesen war. Aber der Propst, der die ganze Zeit über sehr ernst und sehr still gewesen war, saß auch jetzt da, als sei außer ihm kein Mensch im Zimmer, bis man von Tisch aufstehen wollte. Da schlug er an sein Glas und sagte: "Ich habe eine Verlobung zu verkünden!"—Alle blickten zu den jungen Mädchen hin, die nebeneinander saßen, und die beiden wären vor Schreck fast vom Stuhl gefallen.

"Ich habe eine Verlobung zu verkünden", fing der Propst wieder an, als werde es ihm schwer, in Fluß zu kommen. "Ich will zugeben, daß sie mir im Anfang nicht nach dem Herzen gewesen ist";—alle Gäste blickten Ödegaard in großer Verblüffung an; diese Verblüffung wuchs ins Grenzenlose, als er ganz ruhig dasaß und den Propst ansah. "Ich dachte, offen gestanden, er sei ihrer nicht würdig."—Jetzt wurden die Gäste so verlegen, daß niemand mehr aufzusehen wagte, und da die jungen Mädchen das schon lange nicht mehr gewagt hatten, so konnte der Propst nur noch zu einem einzigen Gesicht sprechen, zu Ödegaards, der freilich mit der größten Seelenruhe zuhörte. "Aber jetzt," fuhr der Propst fort, "jetzt, da ich ihn näher kennen gelernt habe, ist es so gekommen, daß ich nicht weiß, ob sie seiner würdig ist, so groß erscheint er mir jetzt; denn es ist der Künstlerberuf, die erhabene Schauspielkunst, und die Braut ist meine Pflegetochter Petra, mein geliebtes Kind; möge es Euch gut ergehen miteinander! Ich zittere um Euch, aber was Gott zusammengefügt, das soll der Mensch nicht scheiden. Gott sei mit Dir, meine Tochter!" Sie war im Nu bei ihm und lag an seiner Brust.

Da keiner sich wieder hinsetzte, so verließ die ganze Gesellschaft natürlich die Tafel. Petra aber ging auf Ödegaard zu, der gleich mit ihr in die äußerste Fensternische trat; er hatte ihr etwas zu sagen, aber sie kam ihm zuvor: "Ihnen verdanke ich alles!"—"Nein, Petra; ich bin Dir ein treuer Bruder gewesen; es war eine große Sünde von mir, daß ich Dir mehr sein wollte; denn wäre es geschehen, dann wäre Deine ganze Laufbahn vernichtet worden."—"Ödegaard!"—Sie hatten sich die Hände gereicht, sahen sich aber nicht an; nach einer Weile ließ er sie los und ging. Sie aber sank auf einen Stuhl und weinte.

Am Tage darauf reiste Ödegaard ab.

* * * * *

Gegen den Frühling erhielt Petra einen großen Brief mit einem mächtigen Amtssiegel; sie bekam ordentlich Furcht und brachte ihn dem Propst, der ihn öffnete und las. Er war von dem Amtsvorsteher ihrer Heimatstadt und lautete:

"Pedro Ohlsen, der gestern mit Tode abgegangen ist, hat ein Testament folgenden Wortlauts hinterlassen:

'Alles, was sich nach meinem Tode vorfindet und genau aufgezeichnet ist in dem Kontobuch, das in der blauen Truhe liegt, die in meinem Zimmer im Hause von Gunlaug, der Tochter Aamunds am Berge, steht, und zu der eben diese Gunlaug den Schlüssel hat, wie sie allein auch über alles Bescheid weiß,—hinterlasse ich hiermit, sofern Gunlaug, Tochter Aamunds, ihre Zustimmung dazu gibt, die sie nicht geben kann, wenn sie nicht zuläßt, daß eine Bedingung, die ich daran geknüpft habe und welche sie allein, die die einzige ist, die sie kennt, erfüllen kann, erfüllt wird—der Jungfrau Petra, der Tochter der erwähnten Gunlaug, der Tochter Aamunds, das heißt, wenn Jungfer Petra es nicht für unter ihrer Würde hält, sich eines alten, kranken Mannes zu erinnern, dem sie viel Gutes erwiesen hat, obwohl sie nichts davon wußte, was sie ja auch nicht konnte, und dessen einzige Freude in seinen letzten Lebensjahren sie gewesen ist, wofür er ihr auch einmal eine kleine Freude hat machen wollen, die sie nicht verschmähen möge. Gott sei mir armen Sünder gnädig!

Pedro Ohlsen'

und ich erlaube mir die Anfrage, ob Sie selbst sich deswegen an Ihre Mutter wenden wollen, oder ob ich es tun soll."

Die nächste Post brachte einen Brief von der Mutter, den Propst Ödegaard geschrieben hatte, der einzige, dem sie sich anzuvertrauen gewagt hatte; darin stand, daß sie ihre Zustimmung gebe und die Bedingung erfülle, Petra mitzuteilen, wer Pedro war.

Die Nachricht und das Geld versetzten sie in eine eigene Stimmung; es schien, als komme jetzt alles ins Gleichgewicht; es war eine Mahnung mehr, abzureisen.

Also für ihr Künstlertum hatte der alte Per Ohlsen sich auf Hochzeiten und bei Tanzereien sein erstes Geld zusammengefiedelt, dafür hatten er, sein Sohn und sein Enkel sich auf alle Art gemüht und geplagt. Die Summe war nicht groß, aber sie reichte aus, Petra ein Stück weiter in die Welt hineinzutragen und damit auch schneller vorwärts.

Hell wie die Sonne aber stieg der Gedanke in ihr auf, jetzt könne ihre Mutter zu ihr kommen, jetzt könne sie tagtäglich ihrer Mutter Freude bereiten,—sie könne ihr alles vergelten! Sie schrieb an jedem Posttag einen langen Brief an sie und konnte kaum die Antwort erwarten. Als sie kam, brachte sie eine große Enttäuschung; denn Gunlaug dankte ihr, meinte aber, "jeder bleibe am besten für sich". Da versprach der Propst zu schreiben, und als Gunlaug dessen Brief bekam, da konnte sie es nicht länger bei sich behalten, sie mußte ihren Matrosen und ihren andern Bekannten erzählen, aus ihrer Tochter werde etwas Großes, und sie wolle sie zu sich nehmen. Dadurch wurde die Angelegenheit zu einer ziemlich brennenden Frage; sie wurde am Hafen und auf den Schiffen und in allen Küchen erörtert. Gunlaug, die bis dahin ihre Tochter nie erwähnt hatte, sprach jetzt von nichts anderem als von "meiner Tochter Petra", wie auch die andern fortan über nichts anderes mehr mit ihr sprachen.

Aber als Petras Abreise schon bevorstand, hatte Gunlaug noch immer keine Nachricht gegeben, worüber ihre Tochter sehr betrübt war. Dagegen versprachen ihr der Propst und Signe feierlich, beide hinzukommen, wenn sie zum erstenmal auftreten würde.

* * * * *

Der Schnee auf den Bergen begann zu schmelzen, auf den Feldern schimmerte es grün. Das Leben, das zu Beginn des Frühlings in den Bergtälern erwacht, ist mächtig, wie die Sehnsucht mächtig war; die Menschen werden flinker, die Arbeit geht leichter von der Hand, die Wanderlust schaut über die Berge hinweg. Aber obwohl Petra sich hinaussehnte, hatte sie doch nie diese Stätte und alle Dinge so lieb gehabt wie jetzt, da sie von ihnen Abschied nehmen mußte; ja, es war ihr, als habe sie alles bis dahin gering geschätzt, weil sie es erst jetzt verstand. Nur noch wenige Tage blieben ihr; sie ging mit Signe überall herum und sagte allen und allem Lebewohl,—zumal den Stätten, die ihnen zusammen lieb geworden waren. Da erzählte ihnen ein Bauer, Ödegaard sei oben auf den Öyhöfen und beabsichtige, sie aufzusuchen. Die Mädchen wurden beide ganz verlegen und stellten ihre Ausgänge ein.

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