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Germanische Mythologie

Seelenglaube, Toten- und Ahnenkult (Manismus).

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Über die ganze Erde verbreitet ist der Glaube an die Sonderexistenz der Seele und der damit verbundene Kult der Seele, wenn sie nach dem Tode den Körper verlassen hat. Zwei Erscheinungen im menschlichen Leben haben diesen Glauben veranlaßt: der Traum und der Tod. Schlaf und Tod gelten in der Vorstellung der meisten Völker als gleiche Vorgänge und werden daher poetisch als Brüder aufgefaßt: hier wie dort liegt der Körper unbeweglich, keine Handlung, kein Wille, keine Tätigkeit menschlicher Organe. Während aber nach dem Schlafe die Lebenskraft gleichsam zurückkehrt, nimmt der Mensch von dieser Rückkehr nach dem Tode nichts wahr. Daher muß die stete Begleiterin des Körpers, die fylgja („Folgerin“), wie sie der Nordgermane nennt, sich irgendwo anders aufhalten, und so entstand die Vorstellung von den Geistern in der Natur, von den Geisterreichen. Zu dieser Erkenntnis seines Doppelwesens kann der Mensch nur durch den Traum gelangt sein: in ihm erfährt er die Existenz des zweiten Ich, denn was der Mensch träumt, sind ihm reale Erlebnisse; erst vom Traumleben sind die Erfahrungen auf den Todesschlaf übertragen worden. Aus dem Traumleben erklären sich auch am einfachsten die Kräfte, die man der freien Seele zuschreibt: die Gabe, fremde Orte und ferne Zeiten zu schauen und allerlei Gestalt anzunehmen.

Durch Träume erfährt der Mensch nach allgemein germanischem Volksglauben die Zukunft. Mancherlei sieht der Träumende im Schlafe: dann hat seine Seele den Körper verlassen, weilt an verborgenen und fernen Orten, verkehrt mit Abgeschiedenen, nimmt bald diese, bald jene Tiergestalt an. In den nordischen Sagas werden ähnlich wie im Nibelungenliede bedeutende Ereignisse durch Träume vorausverkündet; nach allgemein verbreitetem Aberglauben können zu gewissen Zeiten die Mädchen ihren zukünftigen Geliebten im Traume schauen. Feuer im Traum bedeutet Geld oder Freude, Wasser Unglück, Festlichkeiten Todesfälle und dgl. Die Seele des Toten, mit der der Träumende verkehrt, ist das Gespenst (ahd. gitrôc, alts. gidrôg, altn. draugr). In Gestalt kleiner Tiere, besonders der Schlange, des Wiesels, der Maus, entschlüpft die Seele dem Munde des Schläfers. Als einst der Frankenkönig Guntram auf der Jagd eingeschlafen war, träumte er, wie er im Schlafe in der Höhle eines Berges den großen Schatz seiner Vorfahren gesehen habe. Sein Begleiter erzählte ihm darauf, wie aus seinem Munde während des Schlafes ein Tierlein in Schlangengestalt gekommen und in den nahen Berg gekrochen sei. Dort fand man das im Traume gesehene Gold. Mit der Überzeugung, daß dies Doppelwesen des Menschen im Traum den Körper verläßt, hängt es zusammen, daß man unruhig Schlafende nicht stören darf, am allerwenigsten, wenn man das Tierlein aus ihrem Munde hat entweichen sehen. Eine thüringische Magd brachte einst den Körper ihrer schlafenden Genossin, aus deren Munde ein rotes Mäuslein fortgelaufen war, in andere Stellung. Als das Tierlein wiederkehrte, suchte es vergeblich nach dem Munde; die Magd war infolgedessen tot. Zu derselben Stunde aber, da die Magd so totenähnlich dagelegen hatte, berichtet dieselbe Sage, hatte ihren Geliebten der Alp gedrückt. Denn mit dem Glauben an die Traumseele hängt aufs engste der Glaube an die Druckgeister zusammen, jene mythischen Wesen, die den Menschen während des Schlafes quälen, beunruhigen. Der Volksmund nennt sie bald Mahre (engl. nightmare, nord. mara, mare), bald Alp (Deutschland), Trude, Schratl, (Oberdeutschland). „Mich drückt der Alp“ oder „mich reitet die Mahre“ sind weitverbreitete Ausdrücke des Volkes. Meist sind es Frauenseelen, die während des Schlafes ihre Mitmenschen belästigen. Auch Tiere können von der Mahre gedrückt werden. Zuweilen drücken sie den Menschen tot. So wurde z. B. ein schwedischer König — die Sage spielt noch in heidnischer Zeit — von solcher Mahre tot gedrückt.

Aus dem Glauben an die Traumseele ist die Überzeugung erwachsen, daß gewisse Menschen die Macht besitzen, ihre Seele von dem Körper sich trennen und andere Gestalt annehmen zu lassen. Hamhleypa („Gestaltenvertauscherin“) nennen die nordischen Quellen Menschen mit dieser Gabe, hamfar („Gestaltenfahrt“) ihre Tätigkeit. In Gestalt schädlicher Tiere (Wolf, Bär, Drache) bringen solche Menschen ihren Mitmenschen Unheil; daher werden sie nach den Gesetzen streng bestraft. Hierher gehören die bereits erwähnten Hexen und Völven, die nicht nur schlechtes Wetter erzeugen, sondern die auch Krankheiten über Menschen und Tiere bringen, die den Menschen auf eine Stelle bannen, daß er sich nicht bewegen kann, die Ungeziefer in die Lande führen und dgl. Alle möglichen Tiergestalten (Pferd, Katze, Hund, Kröten, Eulen usw.) können sie annehmen, doch richten sie auch in diesen stets Schaden an.

Im Glauben an die Wandelbarkeit der menschlichen Seele fußt ferner der weit über germanisches Gebiet verbreitete Werwolf („Mannwolf“) d. i. ein Mensch, der Wolfsgestalt annehmen kann, oder Böxenwolf, wie er im westlichen Mitteldeutschland heißt. Der Werwolf ist in mancher Beziehung ein männliches Gegenstück zur Hexe, wie auch Werwolfprozesse lange Zeit im deutschen Rechtsleben eine Rolle gespielt haben. In dem Märchen sind solche Werwölfe zuweilen verwunschene Menschen, die nur zu bestimmten Zeiten ihre Wolfsfelle ablegen können. Nach der Vǫlsungasaga haben Sigmundr und Sinfjǫtli eine Zeitlang in Werwolfsgestalt unter den Menschen gehaust. — In Bärengestalt begegnen die nordischen Berserker (d. h. Bärenhäuter); noch heute kennt der norwegische Volksglaube Männer, die sich in Bären verwandeln können. Aus solchem Seelenglauben hervorgegangen ist auch der in Mittel- und Süddeutschland weitverbreitete Bilwis- oder Bilmisschneider, die verwandelte Seele eines bösen Menschen, die nächtlicher Weile mit Sicheln am Fuße durch die Getreideäcker fährt und hier großen Schaden anrichtet; das ist der sogen. Bilmisschnitt.

Auf den Glauben an das Doppelwesen im Menschen geht endlich auch die nordische fylgja d. h. Folgerin zurück. Sie erscheint bald in Tier-, bald in Frauengestalt und ist so persönlich gedacht, daß der Mensch über seine eigene Fylgja stolpern kann. Die Tierfylgja ist die Menschenseele, die Begleiterin des Mannes während seines Lebens, das Fylgjenweib dagegen ist mehr ein schützendes, helfendes Wesen. In letzter Auffassung haben auch ganze Geschlechter ihre Fylgjen, die von Generation auf Generation übergehen.

Faßte man die Seele als Doppelwesen neben dem Körper auf, so lag es nur zu nahe, ihr im Körper auch einen besonderen Sitz anzuweisen. Wie die meisten Völker glaubten auch die Germanen, daß das Blut der Sitz der Seele sei. Das Blut führt neues Leben zu. Daher spielt noch heute das Blut, namentlich das der Hingerichteten und Selbstmörder, im Volksglauben eine so wichtige Rolle: es hilft gegen alle möglichen Krankheiten und bringt verlorene Lebenskräfte wieder. Gegenseitiger Genuß von Blut kettet Menschen unlösbar aneinander (Blutsbrüderschaft; bei Liebenden). Durch das Blut der geopferten Tiere oder Menschen führte man den göttlich verehrten Mächten gleichsam neues Leben zu, wenn ihre Kraft zu versagen schien. Weit verbreitet war auch die Annahme, daß das Haupt der Sitz der Seele sei. Menschenköpfe wurden deshalb einbalsamiert und aufbewahrt, denn sie kündeten die Zukunft. Aus dieser Vorstellung ist der nordische Mythus von Mimirs Haupt erwachsen, das Óðinn gesalbt und aufbewahrt, nachdem die Vanen den weisen Mimir getötet hatten: zu ihm ging der Gott, wenn sein Wissen versagte, denn in diesem Haupte war der Sitz aller Runenweisheit.

In innigster Verbindung mit der Seele steht bei den Germanen auch der Hauch, der Atem. Atem und Hauch, Seele und Geist sind bei ihnen, wie bei den meisten Völkern, identische Begriffe. Mit dem letzten Atemzuge des Menschen weicht seine Seele aus dem Körper. Der egoistische Zug, der sich bei so vielen Naturvölkern in diesen Augenblicken findet, läßt sich auch bei den Germanen beobachten. Die geschiedene Seele weilt zunächst noch in der Nähe ihres Körpers. Man glaubt, daß sie nur Unheil und Verderben über die Lebenden bringe, daß sie Hab und Gut mit fortnehme. Daher bietet man alles auf, um sie aus dem Sterbegemach zu vertreiben und ihre Rückkehr zu verhindern. Fenster und Türen werden geöffnet, mit Tüchern treibt man sie hinaus, alle spitzigen Gegenstände werden umgestürzt oder verhängt, damit sie nicht hängen bleibe. Unter feierlichen Zeremonien wird den Tieren des Hauses, besonders den Bienen, den Bäumen, dem Getreide der Tod des Herrn mitgeteilt, und man bittet sie, zum neuen Herrn zu halten. Um die Seele des Toten günstig zu stimmen, finden ihr zu Ehren auch die Leichenschmäuse statt, an denen der Tote selbst teilnimmt. Je zahlreicher die Teilnehmer, desto mehr Ehre für den Toten. Geschieht dies nicht, so rächt er sich an den Überlebenden, und nicht selten zieht er Menschen und Tiere im Tode nach sich. Auch wenn sich der Verstorbene zu seinen Lebzeiten größerer Frevel schuldig gemacht, treibt er als Gespenst oder Wiedergänger sein Wesen in der Nähe des Ortes, wo er gelebt hat. Die Seele erscheint dann in den mannigfachsten Gestalten, bald in menschlicher, bald in tierischer: als Hund, Fuchs, Wolf, Pferd oder auch als Vogel, besonders als Käuzchen, Nachtrabe. Auch als feurige Männer, als Flammen erscheinen diese Geister und sitzen an den Orten, da ihre Körper begraben sind. — Zu der Totenpflege gehören auch Beigaben, die man dem Toten mit ins Grab gibt. Schon in den ältesten Gräbern, die auf germanischem Boden gefunden worden sind, hat man Dinge gefunden, die der Mensch im Leben gebraucht hat. Die Sitte der Totengaben hat sich durch die ganze heidnische Zeit bis weit in die christliche gehalten; sie wurzelt in dem Glauben, daß der Mensch nach dem Tode seine Tätigkeit auf Erden fortsetze.

Hat die Seele den Körper verlassen, so kann sie wie die Traumseele natürlich auch in ferne Gegenden und vergangene oder zukünftige Zeiten schweifen und kann den Menschen ihr Schicksal mitteilen. Daher finden Totenbeschwörungen und Geisterbannen besonders in der Nähe frischer Gräber statt, wo man die Seele noch wähnt. Gegen solche Geisterbefragung eifern die frühchristlichen Bußordnungen und Kapitularien. Durch Zaubersprüche (dâdsisâs oder siswâ) pflegte man die Geister zu rufen und sie zu zwingen, Rede und Antwort zu stehen. In der eddischen Dichtung begegnen wir mehrfach Völven, die durch solche Zaubersprüche aus ihrem Totenschlaf geweckt worden sind.

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