Aufenthaltsorte der Seelen.
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Seit alter Zeit herrschten bei den Germanen auch bestimmte Vorstellungen von einem besonderen Totenreiche oder richtiger von mehreren Totenreichen. Diese befanden sich natürlich in der Erde, dort, wo man die Leiber der Verstorbenen barg. Doch hielt man auch bestimmte Gegenden, vor allem den rauhen Norden, für Seelengebiete. Die im Mittelalter weitverbreitete Mythe, daß die Seelen nach Britannien (England) kämen, und das fabelhafte Volk der Etiones des Tacitus scheinen dafür zu sprechen, daß auch in Deutschland einst der Glaube an das Totenreich im Norden bestand. Bestimmtere Nachrichten darüber gibt nur die nordische Dichtung. Nach ihr lag das Totenreich Jǫtunheimar oder Útgarðr im äußersten Norden am Rand des Himmels, getrennt durch die eisigen Elivágar (Hagelfluten) vom Reiche der Menschen. Hier hausten die leichenfressenden Dämonen, jǫtnar d. h. Fresser, die den Körpern der Toten das Fleisch abnagten. Hier wohnt der dunkle Drache Níðhǫggr, der nach der Vǫluspá an den Leichen nagt, hier haust Fenrir, der sich von den Leichen toter Männer sättigt, hier lebt das alte Riesenweib, das den Mond- und die Sonnenwölfe aufzieht, hier herrscht Loki, der unter dem Namen Útgarðaloki als Herr des Totenreiches begegnet. Letzterer hat in der nordischen Dichtung eine besondere Rolle gespielt. Seinem Namen nach ist er der „Tod“, ganz ähnlich wie Urðr. Spätere Dichtung hat ihn mit Herrschern anderer Totenreiche zusammengebracht und läßt seine Tochter die Hel, seinen Blutsbruder Óðin sein. Als Genosse Óðins ist er dann zu den Asen gekommen und spielt deshalb in der späteren mythologischen Dichtung eine wichtige Rolle. Sein Weib ist Angrboða (die Elendbereiterin), die Mutter der leichenfressenden Ungetüme, an deren Spitze er einst beim Götteruntergange aus Jǫtunheim kommt. In ihm und seinem Weibe begegnen wir einem gleichen Paare, wie in der mittelalterlichen Mythe im Teufel und seiner Großmutter.
Als Parallelmythe zu dem Totenreiche unter der Erde ist an den meerumflossenen Ländern die Mythe vom Totenreich im Meer entstanden, in dem die männerraubende Rán herrscht (vgl. S. 23). Zu ihrem Gefolge scheint seinem Namen nach Fenrir, scheint Grendel im Beowulf gehört zu haben. Ihr gehört das Totenschiff Naglfar, das aus den Nägeln toter Männer hergestellt ist und einst beim Götteruntergange flott wird.
Ein anderes Totenreich aller germanischen Stämme ist das dunkle Reich Hel, das man sich im Innern der Erde unter den Gräbern der Verstorbenen dachte. Hel hat wie got. halja, ahd. hella zunächst rein lokale Bedeutung; erst spätere Dichtung läßt über das Reich eine Hel walten, macht diese zur Tochter Lokis, läßt sie halb schwarz, halb weiß sein und stattet ihre Wohnung schreckenerregend aus: Eljuðnir („Plagebereiter“) heißt ihr Saal, Hunger ihre Schüssel, ihr Messer, Träggang ihr Knecht, ihre Magd, fallendes Unheil führt in ihr Gemach, Geduldermüder, Krankheit heißt ihr Lager, bleiches Unheil ihr Bettuch. Das alte Reich Hel ist ein Schattenreich (Niflhel, Niflheimr), getrennt durch den Fluß Gjǫll vom Menschenreich, von dem der Helweg hinabführt. Hierher kommen alle Menschen und setzen gleichsam ihr irdisches Leben fort.
Eine weitere allgemein germanische Vorstellung ist, daß die Schar der Geister in den Lüften hause. Seele und Wind sind identische Begriffe, da sich der Wind mit dem Hauch deckt, mit diesem aber die Seele den Körper verläßt. So ist der Wind wie bei fast allen Völkern auch bei den Germanen das Seelenheer. Allein dies zeigt sich in der Luft nur in seiner Tätigkeit, hat aber hier keine Ruhe, kein Heim. Da nun der Wind meist aus den Bergen kommt, so sind diese zu einem weiteren Aufenthaltsort der Toten geworden. So entstand die nordische Valhǫll d. h. die Totenhalle. Berge in Schweden führen diesen Namen und lassen den natürlichen Hintergrund der poetisch ausgeschmückten eddischen Valhǫll erkennen.
Wenn der Sturm heult, so zieht nach allgemein verbreitetem Glauben das Geisterheer durch die Lüfte. Das ist das wütende Heer oder Wuetesheer, die wilde Jagd, das wilde Gjaid, die norwegische Aasgaardsreia. Diese manistische Vorstellung geht im Volksglauben neben der animistischen von den Sturmdämonen einher. Dachte man sich aber den Wind als Geisterheer, so mußte dies auch seinen Führer haben. So entstand denn aus dem „wütenden Heere“ Wôdan als sein Führer, der im Laufe der Zeit Toten- und Windgott wurde und als solcher schließlich zum höchsten Gotte vieler germanischer Stämme emporstieg. Als er dann der Liebling der mythologischen Dichtung nordischer Skalden geworden war, bekam das Totenreich einen mehr aristokratischen Charakter: es wurde zum Kriegerparadies, in dem nur diejenigen Aufnahme fanden, die im Kampfe gestorben waren. Eine Parallelvorstellung vom wütenden Heer ist auch die von der Schar der Holden oder Hollen, dem nord. Hulderfolk d. h. den Unterirdischen. Auch sie erhielten im Volksglauben eine Führerin, die noch als Frau Holle oder Holda in unseren Märchen fortlebt. Auch diese Geister weilen zur Zeit der Ruhe in den Bergen, den sogen. Hollenbergen, und genießen hier Kult und Verehrung.
Aus dem Glauben an den Aufenthalt der Toten in den Bergen erklärt sich der Kult, der an diesen in heidnischer Zeit stattzufinden pflegte. Aus zahlreichen Zeugnissen erfährt man, daß die Menschen nach ihrem Tode in nahe Berge zu kommen glaubten. Helden und Könige, wie Karl der Große, Siegfried, Friedrich Barbarossa, der dänische Nationalheld Holger u. a., lebten im Glauben des Volkes in Bergen fort. Am bekanntesten ist die Sage von Kaiser Friedrich II. im Kyffhäuser. Von hier, glaubte man, würden sie einst zum Beistand ihres Volkes wiederkommen. Aus solchem Glauben erklären sich die Totenopfer an Bergen, gegen welche die frühchristlichen Konzilien und Gesetze so sehr eiferten. Wo aber die Berge fehlten, da wohnten die Geister zur Zeit der Ruhe in der Erde, und man brachte Gewässern, die aus dieser kamen und in ihr Inneres führten, die nötigen Seelenopfer dar.
An den Stätten, wo man sich die Seelen der Abgeschiedenen dachte, fanden zu bestimmten Zeiten allgemeine Totenkulte statt, und zwar galt dieser sakrale Brauch bald einzelnen Verstorbenen, bald der Gesamtheit. Das bekannteste dieser Totenfeste fällt um die Zeit der winterlichen Sonnenwende. Wenn die Natur abgestorben ist und die Stürme mehr toben denn sonst, da ist die Zeit der Geister. In diesen Tagen treiben die chthonischen Scharen besonders ihr Wesen. Zu ihren Ehren finden in der Familie oder der Gemeinde größere Gelage statt, bei denen den Abgeschiedenen ein besonderer Platz bereitet und gedeckt wird. Bis heute hat sich im Volksglauben die Ansicht erhalten, daß dies Fest den Geistern gelte. Das ist das nordische Julfest, das nicht erst unter christlichem Einflusse, sondern schon in heidnischer Zeit allgemein gefeiert wurde. Um die Geister persönlich darzustellen, fanden die Vermummungen statt, ganz besonders in Tiergestalt, gegen die die Konzilien ebenfalls eifern. In dieser Zeit der Seelenfeste ist auch der Verkehr mit den Geistern größer als sonst: zu keiner Zeit spielt die Prophetie eine solche Rolle wie in diesen Tagen.