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Germanische Mythologie

Die verschiedenen Schichten altgermanischer Religion.

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Einen germanischen Olymp, ein germanisches Göttersystem, wie es Snorri in seiner Edda darstellt, hat es nie gegeben. Solche Vorstellungen sind in der Stube reflektierender Forscher entstanden, aber nicht im lebendigen Glauben des Volkes. Der Glaube unserer Vorfahren ist nie etwas Abgeschlossenes, nie etwas Dauerndes, nie etwas Einheitliches der Gesamtheit gewesen. Dogmatisches Denken hat dabei, wie allen Naturvölkern, auch den Germanen vollständig fern gelegen. Alte Glaubensvorstellungen haben sich stetig mit neuen verbunden, haben sich diesen in Sitte und Aberglauben untergeordnet und sind dann in verblaßter Form durch Jahrtausende von Geschlecht auf Geschlecht vererbt worden. Die Lebensinteressen, wirtschaftliche und soziale Verhältnisse der einzelnen Stämme haben auch ihren Glauben an höhere Wesen, ihre Religion beeinflußt, ihn umgestaltet oder neue Gebilde entstehen lassen. Und daneben hat seit grauer Vorzeit das ewig wandernde Märchen sich bald hier bald da den Gestalten des Glaubens angeschmiegt. So finden wir in den Quellen altgermanischer Religion und Mythologie Schichten aus ganz verschiedenen Zeiten unseres Volkes über- und nebeneinander. Sie gleichen den Schichten der Erdrinde, und dasjenige, was unsere Mythologen nur zu oft als den Kern altgermanischen Glaubens ansehen, die Erzählungen von dem Tun und Treiben vermenschlichter Gottheiten, ist nur die jüngste Schicht, gewissermaßen dem Alluvialgebilde unserer Erde vergleichbar. Diese verschiedenen Schichten zu erkennen und voneinander zu sondern, gelingt nur durch das Studium der vergleichenden Religionsgeschichte, das uns einen Einblick in die Anfänge religiösen Denkens und des Kultes der Menschheit und in das allmähliche Wachsen der Glaubensvorstellungen unkultivierter Völker gewährt. Hier finden wir auch die Gesetze religiösen Denkens, und manches wird uns durch solche Vergleichung bei den Germanen erst verständlich. Denn vieles, was bei ihnen zur Sitte und zum Brauch im Alltagsleben erstarrt ist, hat sich bei anderen Völkern noch als wesentlicher Faktor religiösen Kultes erhalten.

Alle Religion hat ihre Wurzel in dem Gefühl des Menschen, daß er mehr oder weniger von der ihn umgebenden Natur abhängig ist. Alles, was die Natur in seiner Umgebung geschaffen, hat für den primitiven Menschen inneres Leben, wie er selbst. Er gleicht hierin dem Kinde, das mit seiner Puppe spricht oder den Tisch schlägt, an den es sich gestoßen hat. Er kann sich einen Fluß, einen Baum, einen Berg, ja selbst Dinge, die er geschaffen hat, nicht ohne Leben, ohne Seele denken, wie er sie selbst besitzt. In diesem Glauben wurzelt der Animismus, die Beseelung der Natur, die wir bei allen Völkern der Erde finden und die auch bei den Glaubensvorstellungen der Germanen eine tiefe Schicht bildet. Daneben hat das Seelenleben des Mikrokosmus tiefen Eindruck auf das Gemüt des natürlichen Menschen gemacht. Der Tod und der Traum während des Schlafes haben ihn zur Überzeugung eines zweiten Ich in dem Menschen gebracht, das im Schlafe den Körper verlassen kann, das nach dem Tode aus ihm weicht, aber in seiner Nähe noch fortlebt. So entstand der Glaube an die Sonderexistenz und an das Fortleben der menschlichen Seele, der Manismus, und die im engsten Zusammenhang hiermit stehende Verehrung der Toten, der Ahnenkult. Animismus und Manismus werden dann fast überall miteinander verquickt: in dem Leben, in den Elementen und den Erzeugnissen der Natur zeigt sich das Wirken der Geister, der Seelen der Abgeschiedenen. Oft läßt es sich gar nicht feststellen, ob Zeugnisse des Kultes und Glaubens auf animistische oder manistische Vorstellungen zurückgehen. Diese Verquickung bildet den Anfang zur Personifikation der Naturerscheinungen, der Elemente: die Phantasie ließ in der belebten Natur Wesen entstehen, denen man Eigenschaften gab und Lebensansprüche zuschrieb, wie sie der Mensch selbst hatte. So entstanden die Dämonen und die Götter. Jene bleiben meist auf ihr Ursprungsgebiet beschränkt und werden nicht selten Sammelpunkte von Märchen und Märchenmotiven, die Gottheiten dagegen treten in den Mittelpunkt religiösen Kultes, verändern und erweitern das Gebiet ihrer Herrschaft je nach den Lebensinteressen des Volkes oder Stammes, ziehen nicht selten andere Götter an sich, an die nur dieser oder jener Beiname noch schwach erinnert. Die Vorstellungen von den Gestalten all dieser Wesen sind meist unklar, fast schemenhaft. Bald wähnte man sie in Tiergestalt, bald in vergrößerter oder verkleinerter Menschengestalt. Bildnisse von ihnen, selbst von den Göttern, kannte man ursprünglich nicht. Erst unter dem Einflusse südeuropäischer Kultur kamen diese in der frühhistorischen Zeit unseres Volkes nach Mittel- und Nordeuropa, und mit dem Götterbild, das der menschlichen Gestalt nachgeahmt war, entstand zugleich der Raum, in dem dasselbe aufgestellt und verehrt wurde, das umschlossene Götterheiligtum. Nach solcher Vermenschlichung höherer Mächte stellte sich bald die mythologische Dichtung ein: man erzählte von den Göttern, was man als Mensch getan und erlebt hatte, bald romanhaft, bald novellistisch ausgebildet, und unwillkürlich knüpfte sich auch an sie das farbenreiche Märchen. Erst in der spätesten Zeit des Heidentums und nachweisbar nur bei Nordgermanen bemächtigte sich der spekulative Geist der Gegenstände des Glaubens, und so entsteht jene heidnisch germanische Theologie, wie sie uns zum Teil in der eddischen Dichtung vorliegt.

Der Glaube an das Wirken der menschlichen Umgebung, besonders der Natur, offenbart sich aber auch in der religiösen Handlung, dem Kulte. Er entspringt aus dem Bestreben, sich mit den Mächten der Außenwelt in Verbindung zu setzen, diese dem Menschen dienstbar zu machen. Das geschieht bei allen primitiven Völkern durch die Magie, durch Zauber. Dieser lebt auch bei den Völkern fort, als man bereits begonnen hatte, nach Personifikation die übernatürlichen Mächte durch Opfer oder Gebet dem Willen des Menschen dienstbar zu machen, und ist dann bald der neuen Form des Kultes angepaßt, bald zur abergläubischen Sitte verblaßt. Ebenso lebte in dieser Zeit auch der uralte Kult der Geister, der Ahnenkult fort, bald in reiner Form in Sitte und Brauch, bald in Vermischung mit der Verehrung der Elemente und Erzeugnisse der Natur.

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