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Geflügelte Worte

XII. Geflügelte Worte aus der Geschichte.

Reading edition

Hellas.

Die Schiffe hinter sich verbrennen

pflegt man zu sagen, um damit auszudrücken: sich die Möglichkeit des Zurückweichens abschneiden. Plutarch "Über die Tugenden der Frauen" erzählt unter "Trojanerinnen" (vrgl. Polyaenus: "Strat." 8, 25, 2), wie nach Trojas Fall (12. Jahrh. v. Chr.) Flüchtlinge zu Schiff in die Tibergegend verschlagen und dort dadurch sesshaft wurden, dass ihre klugen Weiber die Schiffe verbrannten (κατέφλεξαν τὰ πλοῖα).

Schon Dionys von Halikarnass 1, 52 erwähnt diese That und Vergil ("Aen." 5, 605 u. 659 ff. u. 793-5) verlegt deren Schauplatz nach Sicilien und lässt die von Juno angestiftete Iris den ersten Brand schleudern und die Trojanerinnen zur Nachahmung aufreizen. Dass Ferdinand Cortez am 26. Juli 1519 in Mexiko bei Entdeckung einer Verschwörung die Schiffe zerstören liess, um jede Verbindung nach aussen abzuschneiden, ist erfunden. (Duro: "Las Joyas de Isabel la Católica, las Naves de Cortès y el Salto de Alvacado". Madrid 1882).—

Nemo ante mortem beatus (Niemand ist vor seinem Ende glücklich zu preisen)

ist die lateinische Abkürzung der Worte Solons († 559 V. Chr.): "πρὶν δ' ἂν τελευτήσῃ, ἐπισχεῖν, μηδὲ καλέειν κω ὄλβιον, ἀλλ' εὐτυχέα". (Herodot I, 32; Arrian, 7, 16, 7; s. auch Sophokles, Oedip. tyr. 1497-1500, Trach. 1-3 u. Ovid, Met. 3, 136-7 und Jesus Sirach 11, 29), die er zu dem lydischen Könige

Krösus

sprach, dessen Name uns nach Herodot I, 50 ff. und Ovid Trist. 3, 7, 42 zur Bezeichnung eines schwer Reichen dient.—

Aristoteles überliefert ("De partib. animal." I, 5), dass Heraklit (um 500 v. Chr.), als er sich in einem Backofen wärmte, seine Besucher getrost eintreten hiess (ἐκέλευσε αὐτοὺς εἰσιέναι θαῤῥοῦντας), denn auch hier seien Götter (εἶναι γὰρ ἐνταῦθα θεούς). Dies citieren wir in der lateinischen Form:

Introite, nam et hic Dii sunt! Tretet ein, denn auch hier sind Götter!

die man in der Vorrede zu Aulus Gellius unverbürgt las, bis Salmasius dafür den heraklitischen Spruch "Vielwisserei belehrt den Geist nicht" richtig setzte, und die uns als Motto von Lessings "Nathan" geläufig wurde.—

Plutarch ("Themistokles" 3, "Aussprüche von Königen und Feldherren", "Politische Aussprüche" 4, "Über den Forschritt in der Tugend", "Vom Nutzen, den man aus seinen Feinden schöpfen kann"), Cicero ("Tusculanae" 4, 19) und Valerius Maximus (8, 14, externa 1) überliefern die Worte des Themistokles (527-460):

Der Sieg des Miltiades (bei Marathon) lässt mich nicht schlafen.—

Xanthippe,

die Frau des Sokrates (um 469-399), ist die Bezeichnung einer ihren Ehemann durch Gezänk plagenden Frau und überhaupt eines zänkischen Weibes geworden. Das Volk macht daraus mit Betonung der ersten Silbe:

Zanktippe.

Diese Xanthippe hat nach Cicero ("Tusc." 3, 15, 31; vergl. "de off." 1, 26, 90) am Sokrates gerühmt, sein Gesichtsausdruck (vultus) sei beim Ausgehen und beim Wiederkommen

Semper idem, Immer derselbige,

gewesen, und der Erzähler fügt hinzu: "Jure erat semper idem vultus, cum mentis, a qua is fingitur, nulla fieret mutatio" ("Mit Recht war der Ausdruck immer derselbe, weil der Geist, durch den er entsteht, unverändert blieb"). Uns wurde das aus dem Satzgefüge gelöste "semper idem" zum Wahlspruch der Beständigkeit.—

Θάλαττα, θάλαττα! Die See! die See!

war nach Xenophons "Anabasis" 4, 7, 17 der Freudenruf der nach der Schlacht von Kunaxa (401 v. Chr.) übriggebliebenen zehntausend griechischen Söldner des jüngeren Cyrus, als sie unter Xenophons Führung heimziehend, das Meer wiedererblickten. Dies "Thalatta! Thalatta!" machte erst Heine durch sein Gedicht "Meergruss" (1826-6. "Nordsee" 2. Cyklus No. 1) weiteren Kreisen zum geläufigen Wort.—

Dionys der Ältere (Tyrann von Syrakus 405-367) kurierte den Schmeichler Damokles, der ihn wegen seines Wohllebens für den glücklichsten Sterblichen erklärt hatte, dadurch von seinem Wahn, dass er ihn die Freuden der Königstafel kosten, aber über seinen Sitz ein blinkendes Schwert an einem Pferdehaar von der Decke herab hängen liess und ihm also bald klar machte, wie wenig glücklich der sei, über dessen Haupt der Schrecken schwebe (vergl. Cicero "Tusc." 5, 21 u. Gellert "Fabeln" B. 1). Danach wurde uns das

Damoklesschwert

ein Sinnbild mitten im Genuss drohender Gefahr.—

Der Cyniker Diogenes (412-323), erzählt Diogenes Laërtius (VI, 2 n. 6, 41), zündete sich am Tage eine Laterne an, ging umher und sagte: "Ich suche einen Menschen". Obschon Phaedrus (B. 3, 19) das Wort dem Aesop beilegt, so ist der

Diogeneslaterne

doch ihr Recht verblieben.

Auch das choragische Monument des Lysikrates zu Athen pflegt so bezeichnet zu werden. Eine Nachbildung dieses Monuments stellte der Architekt Fontaine in den ersten Jahren des 1. Empire auf einen südlich vom Schlosse St. Cloud bis Mitte Jan. 1871 befindlichen Turm, der damals vom Mont Valérien aus zerstört wurde. Jeder Pariser kannte sie unter dem Namen "Diogeneslaterne".—

Dem Demosthenes (385-322 v. Chr.) wirft sein Feind Aeschines ("geg. Ktesiph." 52) eine Anzahl neugebildeter Wörter und Redensarten vor, worunter auch (für "Geld")

τὰ νεῦρα τῶν πραγμάτων, nervus rerum, Thatennerv.

Wenn also der Philosoph Bion (bl. um 270 v. Chr.) sagte, "τὸν πλοῦτον νεῦρα πραγμάτων", "Reichtum sei der Thatennerv" (s. Diog. Laërt. IV, 7 n. 3, 48), so ist er ebensowenig der Urheber des Wortes, wie es Krantor, der Schüler Platos, war, der (nach Sext. Empiricus "adv. Ethic." S. 557. Imm. Bekker) den "Reichtum" sagen lässt: "ἐν μὲν εἰρήνῃ παρέχω τὰ τερπνά, ἐν δὲ πολέμοις νεῦρα τῶν πράξεων γίνομαι", "im Frieden verschaffe ich Freuden, im Kriege werde ich zum Thatennerv". Doch wandte Krantor das Wort zuerst auf den Krieg an. Auch Cicero nannte ("Philipp." 5, 2) "nervos belli pecuniam", "Geld die Nerven des Krieges", und ("De imp. Cn. Pomp." 7, 17) "vectigalia nervos rei publicae", "Steuern die Nerven des Staates" und Vespasians Feldherr Mucianus (s. Tacitus "Hist." 2, 84) sagte oft, dass Gelder "belli civilis nervos", "die Nerven des Bürgerkrieges" seien. Plutarch ("Agis et Cleom.", 27) meint, dass der Mann wohl eine tiefe Einsicht ins Kriegswesen gehabt habe, der da zuerst sprach: "τὰ χρήματα νεῦρα πραγμάτων", "Geld ist der Thatennerv". Auch fand der Gedanke dauernden Anklang. Wir begegnen ihm wieder bei den Scholiasten zu Pindars "Olymp." 1, 4, bei Libanius, 4. Jahrh. n. Chr. (Orat. 46, Vol. II, p. 477 ed. Reiske. Altenb. u. Lpzg. 1791-7), bei Photius, um 250 n. Chr. ("Lexik." unter Μεγάνορος πλοῦτον), bei Suidas, um 1000 n. Chr. (II, 1, 173 n. 970) u. s. w.

Dann sagte der deutsche Kaiser Heinrich V. (1106-25) zum polnischen Gesandten, stolz auf das Gold und Silber seines Schatzes deutend: "Dieser

nervus rerum agendarum

soll euch (Polen) schon zu Paaren treiben" (vrgl. Arth. Kleinschmidt "Zur Gesch. des Adels, bes. in Deutschl." in "Uns. Zeit" 1874. I, 147), und der Marschall Trivulzio sprach zu Ludwig XII. (1498-1515):

Zum Kriegführen sind dreierlei Dinge nötig, Geld, Geld, Geld!

(vrgl. "Kurtzweil. Zeitvertreib." o. O. 1668. S. 49-50).

Macchiavelli hingegen bestreitet, dass Geld der Nerv des Krieges sei ("Discorsi" 1518 u. 1522, Überschr. d. 10. Kap. vom 2. B.) und führt das Wort auf Quintus Curtius zurück, der es auf den Krieg zwischen Antipater und Sparta bezogen habe, wovon sich jedoch in dem uns von Curtius noch Vorliegenden nichts findet. Ohne Angabe der Quelle citieren das Wort ferner Agricola (No. 281 s. Sprichw. 1529: "Nervi bellorram pecuniae") und Rabelais ("Garg. u. Pant." 1, 46. Ao. 1533: "Les nerfs des batailles sont les pécunes"), während Champollion (1576 "De repbl.") wiederum meint, "Geld sei der Staatsnerv" ("rei publicae nervos in pecunia consistere") u. s. w.—

Der Richtereid in Athen enthielt die Stelle (s. Demosthenes "in Timocr." 149-151 u. "de corona" z. A.): "ἀκροάσομαι τοῦ τε κατηγόρου καὶ τοῦ ἀπολογουμένου ὁμοίως ἀμφοῖν", "ich will anhören den Kläger und den Verklagten, Beide gleicherweise". Auch findet sich dieser Gedanke oft bei den Alten (s. Leutsch u. Schneidewin "Paroemiogr. graec." II, 759) in der Form:

"μήτε δίκην δικάσῃς, πρὶν ἀμφοῖν μῦθον ἀκούσῃς" "Richte nicht, ehe du nicht in Verhör nahmst beide Parteien!"

Im Euripides (Heraclid, 179-180) heisst es:

τίς ἂν δίκην κρίνειεν, ἢ γνοίη λόγον, πρὶν ἂν παρ' ἀμφοῖν μῦθον ἐκμάθῃ σαφῶς; Wer mag zur Einsicht kommen, wer erkennt zu Recht, Bevor er Beider Rede nicht genau erforscht?

Seneca ("Medea" 2, 2, 199-200) schöpfte hieraus wohl sein:

"Qui statuit aliquid, parte inaudita altera, Aequum licet statuerit, haud aequus fuit". "Wer etwas beschliesst, ohne die andere Partei gehört zu haben, handelt nicht billig, selbst wenn er Billiges beschlossen hat".

Dies scheint die Quelle des Wortes

Audiatur et altera pars

zu sein, was Pauli (1522, "Schimpf und Ernst" No. 259) mit dem Zusatz bringt: "Es steht nit umbsunst auf allen richthüssern" und mit der Übersetzung: "Man soll den andern Teil auch verhören".

In dem grossen Rathaussaale zu Nürnberg steht die Inschrift: "Eins manns red ist eine halbe red, Man soll die teyl verhören bed" (s. Agricola, 1529, "Sprichw." 43, 69), in der Vorhalle des Römers zu Frankfurt a. M. liest man: "Eyns mans redde ein halbe redde, Man sal sie billich verhören bede" und ebenfalls im Römer trägt Kaiser Lothars († 1137) Bild den Wahlspruch: "audi alteram partem" ("höre die andere Partei"), da er (nach dem "Kurtzweiligen Zeitvertreiber" 1666, S. 87) zu sagen pflegte: "Mit Urteil sprechen gar nicht eile, Bis du gehört hast beide Teile", vrgl. ferner die Stellen bei Graf und Diethen: "Rechtssprüchwörter" S. 433, No. 266-273 u. S. 435 besonders Note 9.—

Als der vertriebene Dionys der Jüngere (Tyrann von Syrakus 367-43) in Korinth Schullehrer war, erzählte er dem Philosophen Aristoxenus (s. das Bruchstück aus dessen "Leben des Pythagoras" in den gleichnamigen Werken des Porphyrius § 59-61 und des Jamblichus c. 33) sein Erlebnis mit den beiden befreundeten Pythagoreern Phintias und Damon. Phintias, von ihm zum Tode verurteilt, habe sich eine Frist erbeten, um seine und des Freundes Vermögensangelegenheiten zu ordnen, da sie in Gütergemeinschaft lebten, und ihm, dem Älteren, das zieme. Damon sei als Bürge zurückgeblieben. Niemand aber habe an des Phintias Wiederkehr geglaubt, und als er dennoch pünktlich erschien, um das Urteil an sich vollstrecken zu lassen, da habe er, Dionys, die beiden Getreuen umarmt und geküsst und sie gebeten, ihn für würdig zu halten, ihn in ihren Freundschaftsbund als Dritten aufzunehmen ("ἀξιῶσαι τρίτον αὑτὸν εἰς τὴν φιλίαν παραδέξασθαι"). Schiller behandelte diesen auch von Cicero ("Tusc." 5, 22; "de off." 3, 10; "de fin." 2, 24, 79), Diodor (B. 2, T. 2, S. 85. Dindorf), Hygin (Fab. 257), Valerius Maximus (4, 7, ext. 1), Polyaenus ("Strateg." 5, 22) und Lactantius ("Üb. d. Gerechtigk." 17) überlieferten Stoff in der Ballade "Die Bürgschaft" (s. Kap. III), und in seiner Fassung citieren wir den Wunsch des besänftigten Tyrannen:

Ich sei, gewährt mir die Bitte, In eurem Bunde der Dritte.

Der Bericht des Aristoxenus schliesst damit, dass die Freunde dem Dionys diese Bitte rund abschlagen. Schiller aber schöpfte aus Hygin, der dies übergeht, den Phintias "Möros" nennt und ihn zur Hochzeit der Schwester gehen lässt; doch lag ihm wohl noch eine andere der genannten Quellen vor, da bei Hygin allein das Wort "der Dritte" fehlt. Auch wird losgelöst citiert:

Der Dritte im Bunde und im Bunde der Dritte.—

Alexanders des Grossen (reg. 336-323) Ausspruch

Wenn ich nicht Alexander wäre, möchte ich wohl Diogenes sein

bringt Diogenes Laërtius VI, 2 n. 6, 32. Plutarch führt ihn an vielen Stellen (z. B. "Alexander", 14, und "Über das Glück Alexanders des Grossen") stets in der Form an: "Wenn ich nicht Alexander wäre, so würde ich Diogenes sein".—

Ein gewisser Medius (um 330 v. Chr.) tritt bei Plutarch ("Über den Schmeichler und den Freund" c. 24) als Chorführer der Schmeichler im Gefolge Alexanders des Grossen auf und erteilt den Rat: ("θαῤῥοῦντας ἅπτεσθαι καὶ δάκνειν ταῖς διαβολαῖς, διδάσκων ὅτι κἂν θεραπεύσῃ τὸ ἕλκος ὁ δεδηγμένος, ἡ οὐλὴ μένει τῆς διαβολῆς") "kühn mit Verleumdungen zu packen und zu beissen, damit, wenn auch des Gebissenen Wunde heilt, doch die Narbe der Verleumdung bleibe". Hieraus ist das Wort entlehnt, das schon bei F. Bacon (1605. "De dignit. et augment. scient". B. 8. c. 2. Parab. 34) als sprichwörtlich bezeichnet wird:

Audacter calumniare, semper aliquid haeret.

Joh. Olorinus (1609. "Ethogr. Mundi" 9. Regel) citiert es so:

Calumniare audacter, semper aliquid haeret, Nur kühn verleumden! Etwas bleibt immer haften.

Auch wird (z. B. von Goethe "Dicht. u. Wahrh." B. 10) allein angeführt:

Immer bleibt etwas hängen!

und ebenso lateinisch:

Semper aliquid haeret.—

In des älteren Plinius "Natur. hist." (35, 36, § 10) lesen wir, dass Alexanders des Grossen Hofmaler Apelles († 308 v. Chr.) dem überpeinlichen Maler Protogenes vorwarf, dieser könne nicht so gut wie er "manum de tabula tollere", "die Hand vom Bilde thun". In der Form des warnenden Zurufs

Manum de tabula! Hand vom Bild!

wurde das Wort in allgemeinerer Bedeutung gang und gäbe.

Ebenda (§ 12) führt Plinius

Nulla dies sine linea! Kein Tag sei ohne einen Strich!

auch auf Apelles zurück, der sich täglich wenigstens etwas in seiner Kunst üben wollte. (Die Stelle bei Plinius lautet: "Apelli fuit alioqui perpetua consuetudo nunquam tam occupatum diem agendi, ut non lineam ducendo exerceret artem, quod ab eo in proverbium venit", "Apelles machte es sich zur stehenden Gewohnheit, keinen Tag vorübergehen zu lassen, ohne sich wenigstens durch einen Strich in seiner Kunst geübt zu haben, was durch ihn sprichwörtlich wurde".)—

Endlich bietet uns Plinius dort des Apelles Zornruf:

Schuster, bleib' bei deinem Leisten!

wie wir das lateinische

Ne sutor supra (nicht: ultra) crepidam!

frei übersetzen. Apelles nämlich pflegte die von ihm vollendeten Gemälde für die Vorübergehenden so auszustellen, dass er dahinter versteckt ihre Urteile zu hören vermochte. Ein Schuhmacher tadelte nun einmal, dass die Schuhe auf dem Bilde eine Öse zu wenig hätten, und Apelles brachte die fehlende an. Als dann aber der Tadler, stolz auf diesen Erfolg, auch den Schenkel zu bemängeln sich unterfing, rief der unwillige Maler hinter dem Bilde hervor: "Was über den Schuh hinausgeht, muss der Schuster nicht beurteilen", (vrgl. Valerius Maximus 8, 12, externa 3 u. Athenaeus "Deipnosophisten" 8.)—

Εὕρηκα! Ich hab's gefunden!

rief (nach Vitruvius IX, im Anfang) Archimedes aus, als er bei der Untersuchung des Goldgehaltes einer für König Hiero II. von Syrakus (reg. 269-215) angefertigten Krone das Gesetz des specifischen Gewichts entdeckte. Zwei andere Aussprüche des Archimedes sind:

δός μοι ποῦ στῶ καὶ κινῶ τὴν γῆν

(nach Pappos, ed. Hultsch, L. VIII, p. 1060), oder (nach Simplicius in Phys. ed. Brandis, S. 424 a):

δός μοι πᾶ βῶ καὶ κινῶ τὰν γᾶν gieb mir einen Punkt, wo ich hintreten kann, und ich bewege die Erde!

oder (nach Tzetzes, hrsg. v. J. Bekker):

δόμμυ πᾶ βῶ καὶ χαριστίωνι τὰν γᾶν κινάσω πᾶσαν gieb mir einen Punkt, wo ich hintreten kann, so will ich mit meinem Werkzeug die ganze Erde bewegen,

und:

Noli turbare circulos meos, Störe meine Kreise nicht,

womit er den auf ihn eindringenden Feind zurückwies, der ihn in mathematischen Betrachtungen störte.

Im Valerius Maximus (8, 7, ext. 7) lautet die alte Lesart: "noli, obsecro, istum circulum disturbare". In neueren Ausgaben ist nach den besseren Handschriften das Wort "circulum" weggelassen. Nach den Prolegomena eines ungenannten alten Autors zu dem Neuplatoniker Porphyrios (abgedr. in "Scholia in Aristotelem" von Brandis, Berl. 1836, S. 8) waren die Worte des Archimedes: "τὰν κεφαλὰν καὶ μὴ τὰν γραμμάν". "Nimm meinen Kopf, aber lass unberührt, was ich gezeichnet habe".—

Einen zu teuer erkauften Erfolg nennt man einen

Pyrrhussieg,

weil Pyrrhus, König von Epirus, nach der gewonnenen Schlacht bei Asculum 279 v. Chr., ausrief: "Noch einen solchen Sieg über die Römer und wir sind verloren!" (Plutarch, "Leben des Pyrrhus" c. 21 u. "Aussprüche von Königen und Feldherren" unter "Pyrrhus"; Cassius Dio, I, S. 40. Imm. Bekker.)—

Einem schmähsüchtigen Recensenten geben wir den Namen des griechischen Rhetors

Zoïlus

(um 270 v. Chr.), der sich durch hämische Kritiken Platos und Homers berüchtigt machte.—

Antigonus I. Gonatas, König von Macedonien († 240 v. Chr.), sagte nach Plutarch ("Apophth. reg. et imp." u. "Isis u. Osiris"; bei Didot. Paris 1868. S. 217, 47 und 445, 41): οὐ ταῦτά μοι σύνοιδεν ὁ λασανοφόρος, "davon weiss mein Kammerdiener nichts", als ihn ein gewisser Hermodotus in einem Gedichte "Sohn der Sonne" und "Gott" genannt hatte. Dieses Wort fand in Frankreich seinen Schliff. Wir lesen in Montaignes "Essais" L. 3, Ch. 2 (ersch. 1588): "Mancher galt der Welt als ein Wunder, an dem seine Frau und sein Bedienter nicht einmal etwas Bemerkenswertes sahen. Wenige Menschen sind von ihrem Gesinde bewundert worden", wozu sein Erklärer Coste anmerkt: "Man muss in hohem Grade Held sein, sagte der Marschall von Catinat († 1712), um es in den Augen seines Kammerdieners zu sein (il faut être bien héros pour l'être aux yeux de son valet de chambre)". Doch soll dieses Wort (nach den Briefen des Frl. Aïssé, S. 161 Ausg. v. J. Ravenel. Paris 1853) schon von der zu den Précieusen des 17. Jahrh. zählenden Mdme. Cornuel gesagt worden sein. Bei uns lautet es

für einen Kammerdiener giebt es keinen Helden

und wird von Hegel ("Phaenomenologie" Bamb. u. Würzb. 1807, S. 116 u. "Philos. d. Gesch." 3. Aufl. Berlin 1848, S. 40) und von Goethe ("Wahlverw." 1809, T. II, K. 5 u. "Sprüche in Prosa" Abt. 5) mit dem Zusatz beleuchtet, dass jeder nur von Seinesgleichen geschätzt werden könne. Kant aber fasste es anders auf, denn er schrieb (Ausg. v. Hartenstein VIII, S. 618 in "Frgm. aus d. Nachl." † 1804): "Dass ein Fürst vor seinem Kammerdiener viel verliert, kommt daher, weil kein Mensch gross ist", was Schopenhauer ("Welt als Wille u. Vorstellung" II, 439) breiter ausführt. Aus dieser Selbsterkenntnis entsprang des Antigonus Wort.—

Einem gelehrten und gestrengen Kunstrichter geben wir den Namen eines

Aristarch,

des berühmten Grammatikers um 150 v. Chr., der sich mit Kritik, namentlich Homers, beschäftigte.—

Rom.

Livius 5, 48, Florus 1, 13 und Festus S. 372 (Ausg. v. O. Müller) überliefern, dass der Gallierkönig Brennus (390 v. Chr.), als die besiegten Römer sich sträubten, die auferlegten 1000 Pfund Gold Kriegskontribution nach den zu schweren Gewichten der Feinde abzuwägen, höhnend auch noch sein Schwert in die Wagschale geworfen und dabei gerufen habe: "Wehe den Besiegten!" (Vae victis!) Danach sagen wir noch heute

Sein Schwert in die Wagschale werfen,

wenn von gewaltsamen Entscheidungen die Rede ist, und citieren das

Vae victis!

wie es bereits Plautus ("Pseudolus" 5, 2, 19) that.—

Der zweite punische Krieg wurde 218 v. Chr. in Karthago also eröffnet, dass der römische Abgesandte, die Toga zu einer Falte zusammenbauschend, sprach: "hierin tragen wir Krieg und Frieden für Euch: nehmet, was Ihr wollt"; (Liv. 21, 18: tum Romanus sinu ex toga facto "hic" inquit "vobis bellum et pacem portamus; utrum placet, sumite"; s. auch Dio Cassius, Frgm. 55, 10). Und als ihm zugerufen wurde, er möge geben, was er wolle, entfaltete er den Bausch des Gewandes und sagte: er gäbe den Krieg. Hierauf beruht das geflügelte Wort:

Krieg und Frieden in den Falten seiner Toga tragen.—

Im Jahre 217 v. Chr. sprach P. Scipio (nach Livius XXII, 22, 14) vor Sagunt zum Präfekten Bostar: "habita fides ipsam plerumque obligat fidem" ("gehegtes Vertrauen verpflichtet meistens das Vertrauen selbst", d. h. "die, denen man Vertrauen zeigt, fühlen sich dadurch auch zum Vertrauen verpflichtet"). Dieses Wort wurde in der Form

Vertrauen erweckt Vertrauen

folgendermassen zu einem "geflügelten". Lehmann schrieb in seinem "Florilegium politic. auct." (Frkf. 1662, I, 346 No. 38) "Fides facit fidem"; Krummacher übersetzte das in seiner 43. Parabel "Das Rotkehlchen" (Duisburg. 1805) mit "Freundliches Zutrauen erweckt Zutrauen"; Pastor Schmaltz sagte am 12. Sept. 1830 in der Kirche zu Neustadt-Dresden: "Vertrauen erweckt Vertrauen"; König Friedrich August II. v. Sachsen liess sich, als Prinzregent, das Manuskript der Schmaltzischen Predigt geben und sprach am 20. Sept. (laut der "Dankadresse an S. Kgl. H. d. Prinz. Friedr. Aug., Mitreg. d. Königr. Sachs." Dresd. 22. Sept. 1830) zu den Anführern der Dresdener Kommunalgarde: "Vertrauen erregt wieder Vertrauen, darum vertrauen Sie auch mir"; die Überbringer der Adresse sagten darauf: "Lassen Sie künftig das Wort 'Vertrauen erweckt wieder Vertrauen' als das Panier des sächsischen Volkes gelten". Endlich rief Friedrich Wilhelm IV. in der Thronrede am 11. April 1847 dem preussischen vereinigten Landtage zu: "Ich gedenke der Worte eines königlichen Freundes: 'Vertrauen erweckt Vertrauen'". Heute lebt das Wort auch in den unteren Volksschichten.—

Auch sagte Scipio (nach Cicero "de rep." 1, 17, 27 und "de off." 3, 1, 1): "nunquam se minus solum esse, quam cum solus esset"—"er sei nie weniger allein, als wenn er allein sei". Dies kernige Wort wandte Goethe ins Elegische, indem er seinen Harfner ("Wilhelm Meister" 2, 13) singen lässt:

"Ja! lasst mich meiner Qual! Und kann ich nur einmal Recht einsam sein, Dann bin ich nicht allein."

Und dies wurde als Citat geläufig durch Pius Alexander Wolffs "Preciosa" (1821), die aber liebebeseeligt singt (2, 2):

Einsam bin ich nicht alleine, Denn es schwebt ja, süss und mild, Um mich her im Mondenscheine Dein geliebtes teures Bild.—

Das eine hartnäckig verteidigte Ansicht bezeichnende

Ceterum censeo, Übrigens bin ich der Meinung,

ist eine Verkürzung des Ausspruches: "Ceterum censeo Carthaginem esse delendam" (übrigens bin ich der Meinung, dass Karthago zerstört werden müsse), den der ältere Cato (234-149) mit Bezug auf den 3. punischen Krieg so oft gethan haben soll.

(vrgl. Plutarch "Cato major", 27: δοκεῖ δέ μοι καὶ Καρχηδόνα μὴ εἶναι. Diodor B. 37 bei Constantin Porphyrogeneta "von Tugenden und Lastern"; Cicero "über das Greisenalter" K. 6; Livius, L. 49, Epitome; Florus 2, 15: delendam esse Carthaginem; Valerius Maximus 8, 15, 2; Velleius Paterculus 1, 13; Aurelius Victor "de viris illustribus", K. 47: Carthaginem delendam censuit; Plinius, N. H., 15, 20.—Englische und französische Schriftsteller sprechen nie von "Ceterum censeo", stets von "Carthago delenda").—

Catos:

Ein Haruspex muss das Lachen bezwingen, wenn er den andern sieht,

(strengwörtlich: "Er wundere sich, dass ein Haruspex[68] nicht lacht, wenn er einen Haruspex gesehen habe". "Mirari se, quod non rideret haruspex, haruspicem cum vidisset") hat Cicero ("de divinatione" 2, 24, 51) uns aufbewahrt, (vrgl. auch Cicero "de natura deorum" 1, 26, 71: "mirabile videtur, quod non rideat haruspex, cum haruspicem viderit.") Statt Haruspex wird oft Augur[69] citiert.—

Nach Lucullus († vermutlich 57 v. Chr.), der ungeheure Reichtümer erworben hatte und den Schluss seines Lebens in verschwenderischer Üppigkeit verbrachte, nennen wir ein ausgesucht feines Gastmahl

lucullisch.—

Tusculanum (sc. rus, Tusculanischer Landsitz) war der Name mehrerer Güter bei Tusculum, dem jetzigen Frascati, auf welche sich die Rommüden, Varro, Hortensius, Pompeius, Cicero, Caesar, L. Crassus, M. Crassus, Balbus, Metellus und Lucullus, zurückzuziehen pflegten. Wir nennen also den ruhigen Landsitz eines Grossstädters fälschlich sein

Tusculum

(s. die Belegstellen aus Cicero, Plinius und Martial in den Lexicis von Forcellini und Freund).—

Den Rubicon überschreiten

sagt man von einem folgenschweren Entscheidungsschritt, wie es der Übergang Caesars (Januar 49 v. Chr.) über den Rubicon war, weil dadurch der Bürgerkrieg entfesselt wurde (s. Kap. X bei Menander).—

Das Wort Cäsars an seinen auf stürmischer See verzagenden Bootsmann (48 v. Chr. an Illyriens Küste)

Du trägst den Cäsar und sein Glück, Καίσαρα φέρεις καὶ τὴν Καίσαρος τύχην (συμπλέουσαν)

teilt Plutarch "Cäsar", 38 mit (vrgl. Plutarch "Über das Glück der Römer", 6, und "Aussprüche von Königen und Feldherren". Ebenso Appian de bell. civ. II, 47, doch ohne συμπλέουσαν. Florus 4, 2 und Cassius Dio 41, 46 kennen nur: "Du trägst den Cäsar".)—

Plutarch ("Leben Cäsars", Kap. 11 und "Aussprüche von Königen und Feldherren") hat auch das Wort aufbewahrt, welches Cäsar beim Anblick eines elenden Alpenstädtchens seinen Begleitern zurief:

(Ich möchte) lieber der Erste hier, als der Zweite in Rom (sein).—

Den Ausspruch Cäsars:

Veni, vidi, vici, Ich kam, ich sah, ich siegte,

mit dem er seinen bei Zela (2. Aug. 47 v. Chr.) schnell errungenen Sieg brieflich dem Freunde Amintius in Rom anzeigte, überliefert Plutarch in seinen "Aussprüchen von Königen und Feldherren" (s. auch Plutarch "Cäsar", 50, Seneca "Suasoriae" II, § 22, Bursian, Cassius Dio 42, 48, Polyaenus "Strat." 1, 30). Nach Sueton ("Cäsar", 37) prangten diese Worte als Inschrift auf einer bei Cäsars pontischem Triumphzuge einhergetragenen Tafel.—

Es wird bestritten, dass Julius Cäsar († 44 v. Chr.) bei seiner Ermordung mit dem Ausrufe:

Auch Du, mein Brutus!

zu Boden gesunken sei, mit dem Shakespeare ("Julius Cäsar" 3, 1) ihn sterben lässt, und der in Schillers "Räubern" (4, 5 im Römergesang, Strophe 4) benutzt ist. Sueton ("Julius Cäsar", K. 82) teilt mit, dass er bei der ersten Wunde ein einziges Mal aufgeseufzt, aber kein Wort geäussert habe. Freilich fügt er hinzu, dass Einige erzählen, er habe dem auf ihn eindringenden Brutus auf griechisch zugerufen: "Auch du gehörst zu Jenen? auch du, mein Kind?" (καὶ σύ τέκνον). Cassius Dio 44, 19, erzählt, Cäsar hätte wegen der Menge der auf ihn Eindringenden Nichts sagen noch thun können, sondern habe sich verhüllt und sei durch viele Wunden ermordet worden. Er fügt hinzu: "Das ist am verbürgtesten. Doch damals sagten schon Einige, dass er zum Brutus, der heftig auf ihn losstiess, sprach: Auch du, mein Kind?" Es wird auch kurzweg gesagt:

Tu quoque? Auch Du?—

Sueton ("Leben des Augustus", 87), erzählt, dass Kaiser Augustus (reg. 31 v.-14 n. Chr.) im täglichen Leben gewisse Worte oft wiederholt, z. B. von faulen Schuldnern häufig gesagt habe, sie würden

ad Calendas graecas, an den griechischen Kalenden,

d. h. am Nimmermehrstage, bezahlen. Denn "Calendae" hiess im römischen Kalender der erste Tag jedes Monats ein Zahlungstermin der Römer, während die Griechen keine solche "Kalenden" hatten.—

Σπεῦδε βραδέως, Festina lente. Eile mit Weile,

führte Augustus auch oft im Munde, (vrgl. Sueton "Leben d. Aug.", 25 u. Polyaenus "Strateg." 8, 24.) Sophokles ("Antigone", v. 231) bringt schon einen ähnlichen Gedanken.—

Nach dem jüngeren Seneca ("De clementia" 1, 9) schenkte Augustus auf den Rat der Gattin Livia dem Verschwörer L. C. Cinna das Leben und sprach dabei die edlen Worte: "Cinna . . . ex hodierno die inter nos amicitia incipiatur", "Cinna . . . vom heutigen Tage an möge unsere Freundschaft beginnen!" Wir citieren dies aus Corneilles "Cinna" (1693) 5, 3 in gedrängter Kürze also:

Soyons amis, Cinna! Seien wir Freunde, Cinna!—

Auch wird der Verzweiflungsruf des Augustus, den er bei der Nachricht von der Niederlage im Teutoburger Walde (Sept. d. J. 9 n. Chr.) ausstiess, also citiert:

Varus, gieb mir meine Legionen wieder!

während Sueton ("Leb. d. Aug.", 23) überliefert:

"Quinctili Vare, legiones redde".—

Sueton ("Leben des Claudius", 21) überliefert uns auch das Wort:

Ave, imperator, morituri te salutant. Heil, dir Kaiser! Die dem Tode Geweihten begrüssen dich.

Als nämlich Kaiser Claudius (reg. 41-54) zur Feier der Vollendung des Abzugskanals aus dem Fucinersee ein blutiges Seegefecht gab, begrüssten ihn mit obigen Worten die Fechter. Des Kaisers Gegengruss: "Seid gegrüsst" nahmen sie irrtümlich für die Erlaubnis, nicht zu kämpfen, so dass Claudius sie drohend zum Kampfe antreiben musste. (S. Cassius Dio, 60, 50.)—

Der Verschwörung gegen Kaiser Claudius verdächtigt, wurde Caecina Paetus (42 n. Chr.) zum Tode verurteilt. Da stiess sich seine Gattin Arria den Dolch in den Busen, zog ihn aus der Wunde und reichte ihn dem Gatten zum Selbstmorde mit dem heldenmütigen Ruf:

Paete, non dolet! Paetus, es schmerzt nicht!

Diesen Ausruf nennt bereits der jüngere Plinius († 79 n. Chr. "Epist." 3, 16) "unsterblich". Wir citieren ihn auch nach der Wortfolge bei Martial (1, 14) also:

Non dolet, Paete!—

Sueton ("Leben des Vespasian", 23) und Cassius Dio (66, 14) teilen die Entstehung eines in verschiedenen Fassungen, auch in der Form:

Non olet, Geld stinkt nicht,

bekannten Ausspruches des Vespasian (reg. 69-79) mit. Als ihn sein Sohn Titus wegen einer auf Bedürfnisanstalten (daher: Vespasiennes) gelegten Steuer getadelt hatte, hielt er ihm das erste aus dieser Steuer eingekommene Geld vor die Nase und fragte ihn, ob es röche. Und als dieser die Frage verneinte, sagte er: "Und dennoch ist es aus Harn". Auf Vespasians Wort bezieht sich Juvenal 14, 204:

Lucri bonus est odor ex re qualibet. Der Geruch des Gewinns ist gut, woher dieser auch stamme.—

Aus Sueton ("Leben des Titus", 8) kennen wir das, wie er sagt, "merkenswerte und mit Recht gelobte" Wort, das Kaiser Titus (reg. 79-81) einst bei Tafel ausrief, als ihm einfiel, dass er an jenem Tage noch Keinem etwas Gutes gethan habe:

(Amici,) diem perdidi. (Freunde,) ich habe einen Tag verloren.

Nach Zincgref ("Apophth." Strassb. 1626, S. 137) führte Herzog Friedrich der Weise, Kurfürst von Sachsen, das deutsche Wort im Munde.—

Als Kaiser Konstantin 312 n. Chr. wider Maxentius zog, erschien ihm am Mittagshimmel ein Kreuz und die Worte "τούτῳ νίκα", "damit siege!", wie Eusebius Pamphili (bl. um 320) im "Leben Konstantins" 1, 28 berichtet. Wir citieren dies Geheiss lateinisch in der Form der Verheissung:

(In) hoc signo vinces, In diesem Zeichen wirst du siegen.—

Kollation,

womit im gemeinen Leben ein einfaches Mahl bezeichnet wird, ist der Klostersprache entlehnt, wo es das Abendessen der Mönche an Fasttagen bedeutete, weil dann vor dem Essen je ein Kapitel aus des Kirchenlehrers Johannes Cassianus († 440 n. Chr.) "Collationes patrum Sceticorum" (d. h. geistliche Gespräche der Mönche in der sketischen Wüste) vorgelesen wurde. (Die "Collationes" erschienen erst 1559 in Basel).—

Italien.

Francesco da Buti, einer der ältesten Erklärer Dantes, erwähnt zu der Stelle des "Fegefeuers" XXIV, 23 und 24, dass Papst Martin IV. (1281-85), wenn er aus dem Konsistorium kam, zu sagen pflegte: "Wieviel haben wir für die heilige Kirche Gottes gelitten!

Ergo bibamus!" (Darum wollen wir einmal trinken!)

Das Wort ist besonders als Titel des Goetheschen im Kap. III erwähnten Liedes ("Hier sind wir versammelt . . .") bekannt, in welchem "Ergo bibamus" neunmal vorkommt. In den Bemerkungen "Zur Farbenlehre" (Polemischer Teil, No. 391, Tüb. 1810) sagt Goethe:

"Es fällt uns bei dieser Gelegenheit ein, dass Basedow, der ein starker Trinker war und in seinen besten Jahren in guter Gesellschaft einen sehr erfreulichen Humor zeigte, stets zu behaupten pflegte: die Conclusion 'Ergo bibamus' passe zu allen Prämissen. Es ist schön Wetter, ergo bibamus! Es ist ein hässlicher Tag, ergo bibamus! Wir sind unter Freunden, ergo bibamus! Es sind fatale Bursche in der Gesellschaft, ergo bibamus! So setzte auch Newton sein ergo zu den verschiedensten Prämissen".—

Ei des Columbus

ist die Umänderung der volkstümlichen spanischen Redensart

"Hänschens Ei".

In Calderons "La dama duende" ("Die Dame Kobold"), bald nach dem 4. Nov. 1629 aufgeführt, 2. Aufz., heisst es:

Ahora sabes lo del huevo de Iuanelo, que los ingenios mas grandes trabajaron en hacer que en un bufete de jaspe se tuviese en pié, y Iuanelo con solo llegar, y darle un golpecillo, le tuvo? Das andere (Geheimnis) Kennst du doch, mit Hänschens Ei? Womit viele hoch erhabne Geister sich umsonst bemühten, Um auf einen Tisch von Jaspis Solches aufrecht hinzustellen; Aber Hänschen kam und gab ihm Einen Knicks nur, und es stand.

Die Redensart "Hänschens Ei" ward von Vasari in seinen "Künstlerbiographien" (1. Aufl. 1550) umgestaltet auf den Baumeister Filippo Brunelleschi übertragen. Als dieser bei einer Versammlung von Architekten aus allen Ländern, welche (vor 1421) nach Florenz berufen worden waren, um zu beraten, wie man den unvollendeten Bau des Domes Santa Maria del fiore mit einer Kuppel abschliessen könnte, seinen kühnen Plan entwickelte, wurde er bitter verhöhnt, und nun nahm er im gerechten Zorn erst dann wieder an den Beratungen teil, nachdem an ihn eine ehrenvolle Einladung ergangen war. "Die anderen Baumeister", erzählt der Anekdotenliebhaber Vasari, "hätten gern gesehen, dass er seine Meinung eingehend entwickelt und sein Modell gezeigt hätte, wie sie die ihrigen. Das wollte er nicht; aber er machte den inländischen und ausländischen Meistern den Vorschlag, dass derjenige, welcher ein Ei der Länge nach fest auf eine Marmorplatte stellen könnte, die Kuppel bauen solle, da sich hierin ihr Talent zeigen würde. Nachdem man also ein Ei genommen hatte, versuchten sich alle diese Baumeister, es aufrecht stehen zu lassen; aber keinem gelang es. Als man nun den Filippo das Ei aufrecht hinzustellen aufforderte, nahm er es mit Grazie, stiess es mit dem schmalen Ende auf die Marmorplatte und brachte es so zum Stehen. Als die Künstler riefen, dass sie es so auch hätten machen können, antwortete ihnen Filippo lachend, sie würden es auch verstanden haben, die Kuppel zu wölben, wenn sie sein Modell oder seine Zeichnung gesehen hätten. Und so wurde beschlossen, dass er beauftragt werden sollte, den Bau zu leiten". Auf Brunelleschi passte das Beispiel vom Ei trefflich, weil die von ihm und Ghiberti vollendete Kuppel in der That die Form eines an der Spitze eingedrückten Eies hat. Benzoni ("Geschichte der neuen Welt" 1, 5, Venedig 1565) überträgt diese Erzählung auf Columbus, räumt jedoch ein, dass er den Vorgang, der sich nach der ersten Reise des Columbus auf einem ihm zu Ehren gegebenen Gastmahl des Kardinals Mendoza (1493) zugetragen haben soll, nur durch Hörensagen wisse (Voltaire, "Essai sur les moeurs", [1739], chap. 144; Humboldt, "Kritische Untersuchungen über die historische Entwickelung der geographischen Kenntnisse von der neuen Welt", II. Bd., S. 394).—

Qui mange du pape, en meurt Wer isst, was vom Papst kommt, stirbt daran

stammt aus der Zeit des Papstes Alexander VI. Borgia († 1503), weil er ihm unbequeme Personen dadurch bei Seite schaffte, dass er ihnen bei seinen Gastmählern mit Gift gemischten Wein vorsetzte. Warum wird das Wort nur französisch citiert? Wer meldet es zuerst?—

Aut Caesar aut nihil Entweder Cäsar oder Nichts

war die unter einem Kopfe des römischen Cäsar angebrachte Devise Cesare Borgias († 1507).—

Julius Meyer ("Correggio", Leipz. 1871, S. 23) spricht von einer bekannten Erzählung,

"die, soweit sich verfolgen lässt, zuerst der Pater Resta aufbrachte: bei einer Anwesenheit in Bologna habe Correggio (1494-1534) vor dem Bilde der heiligen Cäcilia von Rafael (früher in der Kirche S. Giovanni in Monte) ausgerufen:

Anch' io sono pittore! Auch ich bin Maler!

Zur Zeit, als der Meister allenfalls in Bologna gewesen sein könnte, d. h. im Jünglingsalter, war die Cäcilia noch gar nicht dort; überhaupt werden wir sehen, dass er höchst wahrscheinlich so wenig in Bologna wie in Rom gewesen ist. Möglich, dass die Fabel entstanden, indem man hinsichtlich der Komposition in einer Figur auf dem Bilde der heiligen Martha von Correggio eine Art von Wiederholung des Paulus aus der Cäcilia des Rafael zu finden meinte u. s. w."

Es wäre wünschenswert gewesen, wenn Julius Meyer angegeben hätte, wo Resta (ungefähr um 1700) die fragliche Äusserung gethan haben soll. Seine Kunstbriefe in den "Lettere pittoriche" des Bottari enthalten die Geschichte nicht.—

Ad maiorem Dei gloriam, Zum grösseren Ruhme Gottes

kommt sehr häufig in den "Canones et decreta oecumenici concilii Tridentini" (1545-1563) vor.—

In einer portugiesischen Sammlung von Kernsprüchen (Collecç. polit. d. apophth. memorav. p. D. Pedr. Jos. Suppico de Moraes, Lissab. 1733, T. 2, B. 2, S. 44) wird von Papst Julius III. (1550-55) erzählt, er habe einem portugiesischen Mönche, der ihn bemitleidete, weil er mit der Herrschaft über die ganze Welt belastet sei, geantwortet: "Wenn Ihr wüsstet, mit wie wenig Aufwand von Verstand die Welt regiert wird, so würdet Ihr Euch wundern". Dies mag der Ursprung des Wortes sein:

An nescis, mi fili, quantilla prudentia mundus regatur (oder: regatur orbis)? Weisst du denn nicht, mein Sohn, mit wie wenigem Verstande die Welt regiert wird?

womit (nach Lundblad: "Schwedischer Plutarch") Axel Oxenstjerna (1583-1654) seinen Sohn beschwichtigte, der sich dem Posten eines schwedischen Gesandtschaftschefs nicht gewachsen fühlte. Andere nennen Andere als Urheber des Wortes.—

Dass Galilei (1564-1642) die Abschwörung seiner Lehre von der Bewegung der Erde mit dem Worte:

Eppur si muove! Und sie bewegt sich doch!

begleitet habe, ist eine Erfindung, die das "Dictionnaire des portraits historiques anecdotes et traits remarquables des hommes illustres" (Paris, Lacombo, 1768-9, Bd. II) als eine Thatsache auftischt. (Wohlwill, "Der Inquisitionsprozess des Galileo Galilei", Berl. 1870. Karl von Gebier, "Galileo Galilei und die römische Kurie". Stuttg. 1876, I, S. 310).—

Teleskop (eigentlich Teleskopium)

für "Fernrohr" (erf. 1608) schlug zuerst der gelehrte Gräcist Demiscianus dem Fürsten Cesi vor (vrgl. K. v. Gebler "Galileo Galilei . . ." Stuttg. 1876. I, 24).—

Elle est grande dans son genre, mais son genre est petit, Sie ist gross in ihrem Gebiete, aber ihr Gebiet ist klein,

sagte die Sängerin Angelica Catalani (1782-1849) von der Sängerin Henriette Sontag an der Tafel des Beerschen Hauses in Berlin (Holtei: "Vierzig Jahre" IV, Berlin 1843-44, S. 33). Es scheint aber, als habe die Catalani das Wort einem Alexandriner entnommen: "Dans son genre il est grand, mais son genre est petit", dessen Quelle noch zu erforschen wäre.—

L'Italia farà da se, Italien wird ganz allein fertig werden,

gewöhnlich als Devise des italienischen Freiheitskampfes von 1849 hingestellt, wurde nach Reuchlin ("Geschichte Italiens", II, 1, S. 155) vom damaligen Minister des Auswärtigen in Piemont, Pareto, vielmehr den "Interventionsgelüsten der französischen Radikalen ins Gesicht geschleudert". v. Treitschke: "Bundesstaat und Einheitsstaat" nennt es den Wahlspruch Cesare Balbos (1789-1853); nach Theodor Mundt, "Italienische Zustände", 1, 58 war diese Devise vom König von Sardinien Karl Albert (1798-1849) und seinem Kaplan Vincenza Gioberti (1801-52) zuerst ausgegangen.

Ernesto Masi sagt in seinem Buche "Il segreto del re Carlo Alberto" (Bologna. 1891), dass der König die Worte in einem Ministerrat 1845 ausgesprochen habe. Leopardi aber, 1848 ausserordentlicher Gesandter des Königs beider Sizilien am Hofe von Sardinien, erzählt, dass in einem Gespräche mit dem Könige am 12. Juni dieser zu ihm sagte: "Man hat mir die Worte "L'Italia farà da se" zugesprochen; ich habe sie nicht erfunden, mir aber angeeignet, und ich glaube, dass man nichts Geeigneteres sagen könnte" (Narrazioni storiche, Turin 1856, cap. 49, pag. 230). vrgl. Fumagalli.—

Nach Massari "La vita ed il regno di Vittorio-Emanuele II. di Savoia", Mailand 1878, sagte Minister d'Azeglio zu Vittorio Emanuele II. (reg. 1849-1878) im Anfange seiner Regierung: "Die Geschichte zählt so wenig Könige, die Ehrenmänner sind, dass es eine schöne Aufgabe wäre, jetzt die Reihe zu beginnen." "Soll ich also dieser König-Ehrenmann sein?" fragte der König ihn lächelnd. Beim Jahresschlusse wurde der König aufgefordert, seinen Namen in die Volkszählliste der Stadt Turin einzuzeichnen. Er schrieb in die Rubrik "Stand und Stellung":

"Rè galantuomo". (König und Ehrenmann.)

Cavours (1810-61) Grundsatz, den er noch an seinem Todestage, am 6. Juni 1861, dem Pater Giacomo aussprach, lautete:

Libera chiesa in libero stato Freie Kirche im freien Staat.

(s. v. Treitschke: "Cavour", Heidelb. 1869 und in "Hist. u. polit. Aufs." 4. Aufl., 2. Bd. Lpz. 1871, S. 244; ferner Fumagalli.)

Montalembert äussert dasselbe in der Vorrede zu seinen Werken (Paris 1860, I, S. XI) also: "mit einem Worte, die freie Kirche in einer freien Nation ist das Programm gewesen, das mich zu meinen ersten Anstrengungen angefeuert hat u. s. w."—

Cri de douleur Schmerzensschrei

ist ein geflügeltes Wort durch Cavour geworden, der es 1856 auf dem Friedenskongress in Paris anwendete, als er daselbst Beschwerde über den Druck erhob, den Österreich auf Italien ausübte. Auch sagte Victor Emanuel in der Thronrede von 1859:

"Den Verträgen treu, bin ich doch nicht taub gegen den Schmerzensschrei, der aus allen Teilen Italiens zu mir dringt".—

Spanien.

König Ferdinand V. (1479-1516) von Spanien verlieh (nach Bandini: "Leb. d. Amerigo Vespucci". III. Abschn.) dem Columbus i. J. 1493 den Wappenspruch:

"Por Castilla y por Leon Nuebo mundo alló Colon".

(Für Castilien und Leon fand Columbus eine neue Welt.) Es scheint, als tauche hier zum ersten Male das Wort

Neue Welt

auf, welches dann (vrgl. Kap. III: "Amerika") namenhafte Bedeutung erlangte.—

Krieg bis aufs Messer

antwortete der spanische Feldherr Don José de Palafox (1780-1847) bei der Belagerung von Saragossa 1808 auf die Aufforderung der Franzosen zur Übergabe.—

Polen.

Der König herrscht, aber er regiert nicht

ist in der lateinischen Form:

Rex regnat, sed non gubernat

von Jan Zamoiski († 1605) im polnischen Reichstage gesagt worden. Später schrieb Hénault ("Mémoires", S. 161) von Madame des Ursins: "Elle gouvernait, mais elle ne régnait pas"; aber am bekanntesten wurde das Wort durch Thiers, der in den ersten Nummern der von ihm mit Armand Carrel und dem Buchhändler Sautelet gegründeten, zum ersten Male 1. Juli 1830 erschienenen Zeitung "Le National" den Satz verfocht:

Le roi règne et ne gouverne pas.—

Finis Poloniae! Das Ende Polens!

wurde dem polnischen Feldherrn Thaddäus Kosciuszko (1746-1817) in No. 24 der amtlichen "Südpreussischen Zeitung" vom 25. Oktober 1794 in den Mund gelegt. Kosciuszko sei in der Schlacht bei Maciejowice am 10. Okt. 1794 auf der Flucht in einem Sandhügel stecken geblieben; dort hätten ihm die Kosaken das Pferd unter dem Leibe erschossen und ihn, als er herabsprang, am Hinterkopf verwundet. Auf vier Stangen sei er darauf in das Lager gebracht worden, wo er seinen Säbel abgeliefert und dabei gerufen hätte: "Finis regni Poloniae". In einem vom 12. Nov. 1803 datierten Briefe an Louis Philippe Ségur, der diesen Ruf in sein "Tableau historique et politique de l'Europe de 1786-96, contenant l'histoire de Frédéric Guillaume II, Paris 1800" aufgenommen hatte, leugnet Kosciuszko ihn ab.

Dieser Brief, der sich in der Urkundensammlung der Familie Ségur befindet, ist in Amédée Renées Übersetzung von Cesare Cantùs "Historia de cento anni" (B. 1, S. 419) abgedruckt und von Karl Blind in der "Gartenlaube" von 1868, No. 27 und später in der "Gegenwart" vom 11. Aug. 1877 nach einer von Ch. Ed. Chojezki mitgeteilten französischen Urschrift übersetzt.

Die Polen antworteten auf den untergeschobenen Weheruf mit dem Dombrowski-Marsche eines unbekannten Verfassers:

Jeszcze Polska nie zginęla etc.

dessen Übersetzung:

Noch ist Polen nicht verloren

selbst für uns Deutsche ein Alltagswort geworden ist. Dieser Marsch wurde zuerst von der polnischen Legion gesungen, welche Dombrowski 1796 unter Bonaparte in Italien sammelte. ("Vorlesungen über slawische Litteratur und Zustände" von Adam Mickiewiecz. Deutsche Ausgabe Leipzig 1843, T. II, S. 258, 269, 324.)—

Frankreich.

Da nach Prosper Mérimée ("Chronique du règne de Charles IX", 1829, Vorr. S. 7) Ludwig XI. (1461-83) "Diviser pour régner" sagte, so mag auf diesen zurückzuführen sein:

Divide et impera! Entzweie und gebiete!

Heinrich Heine freilich führte es weiter zurück, indem er aus Paris am 12. Jan. 1842 schrieb: "König Philipp hat die Maxime seines macedonischen Namensgenossen, das 'Trenne und Herrsche!' bis zum schädlichsten Übermass ausgeübt" (Ges. W. X, 38).—

Tel est notre bon plaisir Dies ist unser gnädiger Wille

steht zuerst in der Form: "Tel est notre plaisir", in einer Ordonnanz König Karls VIII. (1470-98) von Frankreich vom 12. März 1497. (Collection des Ordonnances des Rois.) Das "bon" findet sich in keiner Verfügung der Könige Frankreichs, und der Satz bedeutet nichts Anderes, als "Placet".—

Chevalier sans peur et sans reproche Ritter ohne Furcht und Tadel

ist der Beiname des heldenmütigen Bayard († 1524). So wird er genannt im Titel des sehr seltenen, auf der Bibliothèque nationale zu Paris unter "I. n27 1200 Réserve" in den Katalog eingetragenen Buches: "La tresioyeuse plaisante et recreative hystoire composée par le loyal serviteur des faiz gestes triumphes et prouesses du bon chevalier sans paour et sans reprouche, le gentil seigneur de Bayart" etc. 1527. (Es giebt auch eine Ausgabe von 1525.) Das Beiwort kommt unverändert unzählige Male in dem Buche vor. Nach La Croix du Maine schrieb Bouchet: "Panégyrique du Chevalier sans reproche, messire Louys de la Trimouille" (Poitiers, chez Jaques Bouchet, 1527). De la Trimouille fiel in der Schlacht bei Pavia (1525).—

Franz I. (1494-1547) lassen die meisten historischen Darstellungen nach seiner Besiegung und Gefangennahme in der Schlacht bei Pavia (1525) mit einem Briefe an seine Mutter auftreten, dessen Kürze sie gewöhnlich ausdrücklich hervorheben.

Tout est perdu, fors (modern: hors) l'honneur! Alles ist verloren, nur die Ehre nicht!

soll Alles gewesen sein, was in diesem Muster von Lakonismus gestanden habe. Jedoch ist dieser von Dulaure aufgefundene und in dessen "Geschichte von Paris" (1837, B. 3, S. 209) abgedruckte Brief länger und lautet:

"Madam! Sie zu benachrichtigen, welches der Ausgang meines Unglücks ist, so ist mir vor allen Dingen nur die Ehre und das gerettete Leben geblieben (de toutes choses ne m'est demouré que l'honneur et la vie qui est sauve), und weil diese Nachricht Ihnen in unserem Missgeschick einigen Trost bereiten wird, habe ich gebeten, dass man mich diesen Brief schreiben lasse, was man mir gefällig bewilligt hat" u. s. w.—

Le quart d'heure de Rabelais,

"die Viertelstunde des Rabelais" (das heisst: "die letzte Viertelstunde im Wirtshause, in welcher man seine Zeche zu bezahlen hat") ist auf eine Anekdote aus dem Leben des Rabelais zurückzuführen, die sich in einer 50 oder 60 Jahre nach dessen Tode von dem Priester und Rechtslicentiaten Antoine le Roy in Meudon zusammengestellten Foliohandschrift "Elogio Rabelaesina"[70] findet. Aus Rom zurückberufen, war Rabelais im Gasthause zu Lyon in Geldverlegenheit. Da lässt er die Ärzte der Stadt benachrichtigen, dass ein ausgezeichneter Doktor von weiten Reisen heimgekehrt sei und ihnen seine Beobachtungen mitzuteilen wünsche. Sie erscheinen. Er behandelt, verkleidet und mit verstellter Stimme, die schwierigsten Fragen der Heilkunst. Plötzlich nimmt er eine geheimnisvolle Miene an, schliesst die Thüren und spricht: "Hier habe ich ein feines Gift aus Italien mitgebracht, um Euch vom König und seinen Kindern zu befreien". (Dies wäre denn die Viertelstunde gewesen, welche Rabelais benutzte, um sich aus Geldverlegenheit zu retten.) Sofort verlassen ihn Alle; nach wenigen Augenblicken wird er festgenommen, mit Bedeckung nach Paris gebracht und vor den König geführt. Rabelais erscheint, ohne noch länger Geberde und Stimme zu verstellen. Franz I. lächelt, entlässt huldvoll die bestürzten Lyonnaiser und behält Rabelais zum Abendessen bei sich.—

Heinrich IV. von Frankreich (reg. 1589-1610) hat (nach den der "Geschichte Heinrichs des Grossen", 1681, von Hardouin de Péréfixe angehängten "Denkwürdigen Worten") einst zum Herzog von Savoyen gesagt: "—wenn Gott mir noch Leben schenkt, so will ich es so weit bringen, dass es keinen Bauer in meinem Königreiche giebt, der nicht im Stande sei, ein Huhn in seinem Topfe zu haben". Das wurde dann erweitert zu:

Je veux que le dimanche chaque paysan ait sa poula au pot. Ich wünsche, dass Sonntags jeder Bauer sein Huhn im Topfe hat.

Als Heinrich IV., so wird erzählt[71], von seinem Beichtvater wegen seiner vielen Liebschaften getadelt ward, liess er ihm Tage lang Rebhühner auftragen, bis er sich beschwerte, dass er

toujours perdrix

essen müsse. Der König erwiderte, dass er ihm die Notwendigkeit der Abwechselung habe einleuchtend machen wollen. Doch erwähnt kein französisches Wörterbuch diesen Ausspruch. Dass er, obgleich in keinem spanischen Wörterbuche befindlich, auch in Spanien bekannt ist, ergiebt sich aus dem Bänkelsängerliede "Curiosa Relacion Poetica, En Coplas Castellanas del verdadero aspecto del mundo y estado de las mujeres" (Barcelona 1837), worin es heisst:

como dice el adagio Que cansa de comer perdices

(d. h. wie das Sprichwort sagt, dass man es müde wird, Rebhühner zu essen).—

Petit-maîtres Herrchen

nannte man während der Zeit der Fronde (1648-53) eine politische Partei, an deren Spitze der grosse Condé, dessen Bruder Conti und der Herzog von Longueville standen, weil sie die Herren (les maîtres) des Staats sein wollten. Voltaire, der dies ("Louis XIV" ch. 3) berichtet, fügt hinzu: "Man giebt jenen Namen heutzutage anmassenden und schlechterzogenen jungen Leuten". Heute versteht man darunter so viel wie "Stutzer".

Nach den Mémoiren der Mdme de Motteville (Amst. 1739: I p. 407) nannte man die jungen vornehmen Waffengefährten und Günstlinge des Condé, mit denen er in dem Salon der Königin Anne d'Autriche zu erscheinen liebte, deswegen "petits-Maîtres", weil er selbst der Herr des Staates zu sein schien.—

Das Wort Ludwigs XIV. (reg. 1643-1715):

L'État c'est moi, Der Staat bin ich,

ist unverbürgt und jedenfalls nicht im April 1655 vor dem Parlamente gesagt worden, wie erzählt wird. Chéruel (1855, "Administration monarchique en France", B. II, S. 32-34) sagt:

"Hierher versetzt man nach einer verdächtigen Tradition die Erzählung von der Erscheinung Louis' XIV. im Parlament, im Jagdrock, eine Peitsche in der Hand, und hierhin verlegt man die berüchtigte Antwort auf die Bemerkung des ersten Präsidenten, der das Interesse des Staates hervorhob: 'Ich bin der Staat'. Statt dieser dramatischen Scene zeigen uns die zuverlässigsten Dokumente den König, wie er allerdings dem Parlament Schweigen gebietet, aber ohne einen unverschämten Hochmut zur Schau zu tragen".

Ein handschriftliches Journal, das Chéruel erwähnt, schliesst die Erzählung der Scene im Parlament also:

"Nachdem Seine Majestät sich schnell erhoben hatten, ohne dass irgend Jemand in der Versammlung ein einziges Wort gesagt, kehrten Sie nach dem Louvre und von da nach dem Walde von Vincennes zurück, woher Sie am Morgen gekommen waren und wo Sie vom Herrn Kardinal erwartet wurden".

Hierzu fügt Edouard Fournier ("l'Esprit dans l'histoire", 3. Auflage, S. 271):

"Also Mazarin erwartet den König, um von ihm zu erfahren, wie Alles abgelaufen ist, und namentlich um zu hören, wie der junge Fürst seine gewiss vom Kardinal selbst angefertigte Lektion aufgesagt hat; und in diese vom Kardinal eingegebene Lektion, von der der Schüler nicht mit einem Worte abweichen durfte, sollte sich eine für die Macht des alten Ministers wenigstens ebenso beunruhigende, wie für das Ansehen des Parlaments drohende Phrase, wie 'Ich bin der Staat' plötzlich eingeschlichen haben? Das ist unmöglich. Der Staat war noch nicht Ludwig XIV.; er war noch immer Mazarin".

Dulaure ("Histoire de Paris", 1853, S. 387) behauptet freilich:

"Er unterbrach einen Richter, der in einer Rede die Worte 'der König und der Staat' gebrauchte, indem er mit Hoheit ausrief: 'L'État c'est moi'".

Ludwig XIV. hätte damit allerdings nur ausgesprochen, was seine Höflinge empfanden. Sein Bewunderer und Günstling, der Bischof Bossuet, schrieb (Oeuvres XXIII, p. 643; Par. 1864) vom Fürsten: "tout l'état est en lui" und verglich ihn mit Gott. Nach der "Revue britannique" (Mai 1851, S. 254) wäre aber Königin Elisabeth von England Urheberin des Wortes.—

Tant de bruit pour une omelette (au lard)! So viel Lärm um einen Eierkuchen (mit Speck)!

führen französische Schriftsteller auf den Dichter Desbarreaux († 1675) zurück. Dieser bestellte während eines Ungewitters an einem Freitag, also einem Fasttage, im Wirtshause einen Eierkuchen mit Speck. Als der fromme Wirt dies Gericht widerstrebend auftrug, erfolgte ein heftiger Donnerschlag, so dass der Ärmste vor Entsetzen in die Kniee sank. Da ergriff Desbarreaux seinen Eierkuchen und warf ihn zur Beruhigung des Mannes mit jenen Worten aus dem Fenster ("Oeuvres de Voltaire", édit. Beuchot, tom. 43, p. 511).—

Der Herzog von Montausier (1610-90) von Ludwig XIV. 1668 zum Gouverneur des Dauphin ernannt, lies durch Bossuet und Huet Ausgaben der alten Klassiker

in usum delphini zum Gebrauch für den Dauphin

besorgen, worin die anstössigen Stellen aus dem Texte weggelassen und erst am Schlusse zusammengestellt sind. Seitdem wendet man diesen Ausdruck auf alle aus Sittlichkeitsgründen verstümmelte Schriften an.—

Aus der Zeit seiner Regentschaft (1715-23) stammt des Herzogs Philipp von Orléans Wort

Roué Geräderter, Galgenschwengel,

womit dieser Fürst die lichtscheuen Genossen seiner Gelage zu bezeichnen liebte (s. "Mémoir. compl. et authent. du duc de Saint-Simon". Nouv. édit. 40 voll. Par. 1843. Tome XXIII, p. 20, Tome XXV, 61). Heute wird es gebraucht wie "vornehmer Wüstling".—

Der Grosskaufmann und Handelsintendant Jean Claude Marie Vincent, Seigneur de Gournay (1712-59) sprach in einer Versammlung von Physiokraten, vermutlich im September d. J. 1758, das zur Parole der Freihandelsschule gewordene Wort:

Laissez faire, laissez passer! Gewerbefreiheit! Handelsfreiheit!

"Laissez-nous faire!" hatte aber schon ein Grosskaufmann Legendre, wahrscheinlich François Legendre, der Verfasser eines damals verbreiteten Rechenbuches, in einer von Colbert vermutlich im Jahre 1680 berufenen Versammlung von Kaufleuten gesagt.—

Aus Vincent de Gournays Munde stammt auch (nach Baron Grimms "Correspondance", Juli 1764) das Wort:

Bureaukratie.

(vrgl. A. Oncken in "Berners Beiträgen zur Geschichte der Nationalökonomie" No. 2. S. 1-131: "Die Maxime 'Laissez faire et laissez passer', ihr Ursprung, ihr Werden. Ein Beitrag zur Geschichte der Freihandelslehre." Bern, 1886).—

Il n'y a que le premier pas qui coûte, Es kommt nur auf den ersten Schritt an,

erklärt uns Gibbon ("History of the decline" u. s. w. 1776-88, VII, cap. 39, Anm. 100) mit den Worten:

"Der katholische Märtyrer hatte sein Haupt eine beträchtliche Strecke entlang in seinen Händen getragen; doch machte einmal bei einer ähnlichen Erzählung eine Dame meiner Bekanntschaft die Bemerkung: la distance n'y fait rien, il n'y a que le premier pas qui coûte". Schon Condillac bringt ("Cours d'études", "Art d'écrire" II, 10, Parma 1775) diese Geschichte, spricht aber ganz allgemein von einer "femme d'esprit", und auch Louvet de Couvrays "Faublas" (1787) giebt in der Vorrede an: "Une femme d'esprit dit: il n'y a que le premier pas qui coûte". Littré teilt unter "pas" die Condillacsche Geschichte mit. Quitard hingegen berichtet im "Dictionnaire des proverbes", Frau du Deffand (1697-1780) habe es zum Kardinal Polignac gesagt, als dieser die Länge des Weges betonte, den der auf dem Montmartre enthauptete heilige Dionysius bis nach Saint-Denis mit seinem Haupte in den Händen zurücklegte; und allerdings rührt es von ihr her, denn sie selbst nennt sich in einem Briefe vom 7. Juli 1763 an d'Alembert als Verfasserin des Wortes.

vrgl. "Trois Mois à la Cour de Frédéric." Lettres inédites de d'Alembert publiées et annotées par Gaston Maugras. Paris, 1886. p. 28.—

Der Zeit Ludwigs XV. (reg. 1723-74) gehört (nach Hénault "Mémoires", S. 4) ein Wort des damals mit der Bewachung des Buchhandels betrauten Grafen d'Argental an. Er hatte den Litteraten Abbé Desfontaines vor sich laden lassen, um ihm einen Verweis wegen des Missbrauchs seiner Feder zu erteilen. Als Desfontaines sich folgendermassen entschuldigte: "Aber ich muss doch leben, Excellenz", antwortete d'Argental:

Je n'en vois pas la nécessité. Ich sehe nicht ein, dass das nötig ist.

Voltaire erzählt dasselbe in einem Briefe vom 23. Dez. 1760 an den Marchese Albergati Capacelli in Bologna; doch nennt er nicht d'Argental, sondern spricht nur von einem Staatsminister.—L. F. Huber begann eine Recension in der Jenaer allgemeinen Litteraturzeitung: "Monseigneur, ich muss ja doch leben, sagte ein Pasquillant zum Polizeilieutenant Sartine, der ihm sehr aristokratisch antwortete, dass er die Notwendigkeit dessen nicht einsähe". (L. F. Hubers sämtliche Werke seit dem Jahre 1802. 2. T. S. 151.) Jean Jacques Rousseau ("Emile", Buch 3, 1761) lässt "einen Minister" das Wort zu "einem unglücklichen satirischen Schriftsteller" sagen. Nach dem "Commentaire historique sur les oeuvres de lauteur de la Henriade" (1776, in Voltaires "Oeuvres complètes", Gothaer Ausg., Bd. 48, S. 99) hörte Desfontaines (1685-1745) dies Wort von d'Argenson (1652-1721), dem Chef der Pariser Polizei. Schiller notierte im Entwurfe zu einem Trauerspiele "Die Polizei": 'Die bekannte Replik: Ich muss aber ja doch leben, sagt der Schriftsteller—Das seh' ich nicht ein, antwortet Argenson'. (Schillers Werke, Historisch-kritische Ausg. von Karl Goedeke, 1. Bd. S. 262.)—

Die Inschrift des Berliner Invalidenhauses v. J. 1748

Laeso et invicto militi Dem verwundeten, doch unbesiegten Krieger

soll vom Marquis d'Argens (1704-71) herrühren (s. König: "Vers. ein. hist. Schild. der Residenz Berlin", T. 5, Bd. 1, S. 100, Berlin 1798; und Gallus: "Gesch. d. Mark Brandenb." B. 6, S. 130. Züllich. u. Freyst. 1805). Camille Paganet ("Hist. de Fréd, le Gr.", Vol. 1, Livr. 2, p. 416. Par. 1830) giebt jedoch Maupertuis (1698-1759) als Verfasser an.—

Après nous le déluge! Nach uns die Sündflut!

(d. h. "wir leben frech und flott darauf los, nach uns geschehe, was da will!") soll die Marquise von Pompadour (1720-64) gesagt haben (s. "Mém. de Mdme. du Hausset". 1824: "Essai sur la marq. de Pomp." S. 19 u. Mlle. Fel in "Le Reliquaire de M. Q. de la Tour" par Ch. Desmaze. Par. 1874, S. 62). Benutzt ist wohl das Wort eines unbekannten griechischen Dichters

ἐμοῦ θανόντος γαῖα μιχθήτω πυρί Nach meinem Tode geh' die Welt in Flammen auf,

welches Cicero ("de fin." 3, 19, 64), Seneca ("de clem." 2, 2, 2) und Stobaeus ("Ecl." 2, 6, 7) citieren. Tiberius soll es (nach Cassius Dio, 48, 23) mit Vorliebe gebraucht haben und Nero sprach, als es einst in seiner Gegenwart angeführt wurde: "Vielmehr schon während ich lebe" und steckte Rom in Brand (s. Sueton "Nero" 38 u. Zonaras 11, 3).—

Nach Fournier ("Paris démoli", Einleit. p. 39) entstand das Wort

Restaurant

für Speisehaus 1765 in Paris dadurch, dass ein gewisser Boulanger über die Thür seines Speisehauses, mit Verhunzung der Stelle, Matth. 11, 28 setzte: "Venite ad me omnes, qui stomacho laboratis, et ego vos restaurabo". (Kommt her zu mir Alle, die ihr am Magen leidet, und ich will euch erquicken.)—

Mystificieren, Mystification

stammt von dem im 18. Jahrhundert entstandenen

mystifier,

wovon:

mystification und mystificateur

abgeleitet worden sind, Worte, die erst 1835 in das Wörterbuch der französischen Akademie aufgenommen wurden. "Mystifier" wurde für den bis zur Narrheit eitlen und leichtgläubigen Dichter Poinsinet († 1769) von seinen Bekannten erfunden, die sich die wunderlichsten Scherze mit ihm erlaubten, ihm z. B. vorschlugen, sich das Amt des Ofenschirms beim Könige zu kaufen, und ihn bewogen, sich zu diesem Zwecke wochenlang die Schenkel zu rösten, um sich an die Kaminhitze zu gewöhnen (s. Littré; Grimms Korrespondenz, 15. Sept. 1764; Jean Monets Memoiren, Bd. 2).—

Le silence du peuple est la leçon des rois Das Schweigen des Volkes ist eine Lehre für die Könige

ist aus der am 27. Juli 1774 zu St. Denis für Ludwig XV. gehaltenen Leichenrede des Abbé de Beauvais, Bischofs von Senez († 1790), hergestellt, in welcher es heisst: "Le peuple n'a pas sans doute le droit de murmurer, mais sans doute aussi il a le droit de se taire, et son silence est la leçon des rois". (Sermons panégyriques et oraisons funèbres de l'abbé de Beauvais, Paris 1807, 1 vol., p. 243.)

Mirabeau wendete das Wort am 15. Juli 1789, dem Tage nach dem Falle der Bastille, in der Nationalversammlung also an: "Le silence des peuples est la leçon des rois".—

Die erste Sammelausgabe der Werke Chamforts (1746-94) ist von Ginguéné im Jahre 3 besorgt. Der 1. Bd. enthält eine "Notiz über das Leben Chamforts", in welcher es (S. 58) von ihm heisst: "Der Mann, der unseren in feindliche Länder ziehenden Soldaten als Devise vorgeschlagen hatte:

Guerre aux châteaux! Paix aux chaumières!" Krieg den Palästen! Friede den Hütten!

Im Protokoll der Konventsitzung vom 2. Pluviôse im Jahre 2 wird über die Feier des Jahrestags des 21. Januar berichtet: "Die Jakobiner begaben sich darauf nach dem Platz der Revolution an den Fuss der Bildsäule der Freiheit, um dort den Schwur zu leisten: Tod den Tyrannen, Friede den Hütten!"—

Chamfort "Caractères et Anecdotes" (Oeuvres choisies, éd. A. Houssaye, p. 80) giebt unbestimmt einen geistreichen Mann als den Erfinder des Wortes an:

La France est une monarchie abosolue, tempérée par des chansons. Frankreich ist eine absolute, durch Gassenhauer gemässigte Monarchie.

Nach der Ermordung Pauls, Kaisers von Russland, im Jahre 1801 sagte ein russischer Grosser zu Graf Münster, dem hannöverschen Gesandten:

Le despotisme, tempéré par l'assassinat, c'est notre Magna charta. Der durch Meuchelmord gemässigte Despotismus ist unsere Verfassung.

Von Lanfrey ("Histoire de Napoléon I.", Tom. 2, Kap. 6 gegen Ende) wird als geistreiches Wort Talleyrands bei dieser Gelegenheit angeführt: "L'assassinat est le mode de déstitution usité en Russie". "Der Meuchelmord ist der in Russland übliche Modus der Thronentsetzung."—

Nach Barrau ("Histoire de la révolution", 2. Ausg., S. 134) hätte Abbé Maury (Mitgl. d. Constit. 1789-91) in der Constituante, unterbrochen von lärmenden Kerlen auf der Tribüne, mit dem Ausrufe: "Monsieur le Président, faites taire ces sansculottes" den Ausdruck:

sans-culottes

geschaffen, der sich so erklärt, dass die Republikaner die sonst übliche Kniehose (culotte) mit der bis zu den Füssen reichenden (pantalon) vertauscht hatten. Nach Bourloton et Robert ("La commune", Paris 1872, S. 169) hätte er es lärmenden Frauen auf der Tribüne zugerufen. Will man aber Peter Duponceau glauben, so citierte Maury nur ein schon bekanntes Wort, das zuerst Baron Steuben in Washingtons Winterlager von 1777-78 den abgerissenen "tapferen Offizieren der Revolutionsarmee beigelegt" habe. (vrgl. Friedr. Kapp: "Leb. d. amerik. Generals Fr. W. v. Steuben" S. 97. Berlin 1858.)—

Il est peu de distance de la roche Tarpéienne au Capitole,

sagte Mirabeau (1749-91) in seiner Rede vom 22. Mai 1790; d. h. "selbst ein Senator kann als Hochverräter zum Tode verurteilt werden". Jouy wiederholte das Wort in dem Text zu Spontinis zuerst am 15. Dez. 1807 aufgeführten Oper "la Vestale" (3, 3) in der Form: "La roche Tarpéienne est près du Capitole" "Nicht weit vom Capitol da steht Tarpejens Klippe".—

Vandalismus

ist zum ersten Male von Grégoire, Bischof von Blois, in einem Berichte an den Konvent gebraucht worden. "Ich schuf dies Wort, um die Sache zu töten", sagt er in seinen "Memoires" (t. 1, p. 346, Ausg. von 1837).—

Sans phrase(s) Ohne Redensarten

ist verkürzt aus: "La mort sans phrases", was bei der Abstimmung über die Art der Behandlung Ludwigs XVI. in der Konventsitzung vom 17. Januar 1793 Sieyès (1748-1836) gesagt haben soll, aber nicht gesagt hat, wie aus "Le Moniteur", 20. Jan. 1793, hervorgeht. Sieyès stimmte mit: "La mort". Auch sagte er:

Ils veulent être libres et ne savent pas être justes. Sie wollen frei sein und verstehen nicht gerecht zu sein.

Ebenfalls soll er zuerst im Jahre 1793 das später von Napoléon III. aufgenommene Wort:

Natürliche Grenzen

auf den Rhein angewendet haben. (Ludwig Häusser, "Deutsche Geschichte", 3. Aufl., Bd. 2, S. 19.) Der Gedanke kommt schon 1444 in einem Manifeste des Dauphin, später Ludwig XI., vor, und wurde Gegenstand einer lebhaften litterarischen Fehde am Ende des 15. und Anfange des 16. Jahrhunderts.—

Bertrand Barère (1755-1841) sagte am 26. Mai 1794 im Konvent (s. "Moniteur" vom 29. Mai): "Wenn voriges Jahr die von Houchard befehligten Truppen alle Engländer vertilgt hätten, anstatt durch ihre Anwesenheit unsere Festungen zu vergiften, so wäre England in diesem Jahr nicht wieder gekommen, um unsere Grenzen anzugreifen.

Nur die Toten kehren nicht zurück, Il n'y a que les morts qui ne reviennent pas,

aber die Könige und ihre Sklaven sind unverbesserlich; sie müssen verschwinden, wenn Sie wollen, dass der Friede Bestand habe, wenn Sie wollen, dass die Freiheit gedeihe". Einige Tage später wiederholte er das blutige Wort (Macaulay: "Bertrand Barère") und Napoléon I. citierte es auf St. Helena mit Bezug auf sich am 17. Juli und am 12. Dez. 1816. (O'Meara, "Napoléon in exile".)—

Die männliche Jugend von Paris, die nach dem 9. Thermidor 1794 sich zum Vorkämpfer der Contrerevolution aufwarf, soll den Namen

Jeunesse dorée Goldjugend (reiche junge Leute)

als Spitznamen geführt haben. Adolf Schmidt ("Pariser Zustände während der Revolutionszeit von 1789-1800", Jena 1874, T. I, No. 12: "Die Mythe von der Jeunesse dorée") weist aber nach, dass der Ausdruck nur einmal von dem Romanschreiber Pagès im zweiten, anfangs 1797 erschienenen Teile seiner "Geheimen Geschichte der französischen Revolution" in der Form: "die Pariser Jugend, welche man auch la jeunesse dorée nannte" gebraucht wurde, ohne je weiter vorzukommen, bis im Jahre 1824, gleichsam mit einem Schlage, die Taufe der Pariser Jugend der Revolutionszeit als "Jeunesse dorée" durch Mignet, Thiers, Thibaudeau und Prudhomme vollzogen ward. Wir bezeichnen heute damit die üppige Jugend der Hauptstädte.—

Ils n'ont rien appris ni rien oublié Sie haben nichts gelernt und nichts vergessen

schrieb 1796 de Panat an Mallet du Pan ("Mém. et Corresp. de Mall. du Pan." rec. p. Sayous. II, 197).—

La grande nation Die grosse Nation

nannte General Bonaparte die Franzosen in der Proklamation, die er 1797 beim Verlassen Italiens an die Italiener richtete (s. Lanfrey: "Nap. I." 1, 10 Anf.). Er wiederholte es oft[72] und hat noch am 31. Okt. 1816 auf St. Helena vor Las Cases (s. dess. "Mémorial de Sainte Hélène") behauptet, er sei der Erfinder des Wortes. Ob er es wirklich war, lässt sich bezweifeln; denn (nach Glaser: "Graf Joseph Maistre" Berl. 1865. S. 17) schrieb J. Maistre schon 1794 an Vignet des Etoles: "Was ihren Hochmut betrifft, so bedenken Sie nur, dass es unmöglich ist, Glied einer grossen Nation zu sein, ohne es zu fühlen" . . . und auch Goethe brauchte den Ausdruck "die grosse Nation" von den Franzosen bereits in den 1793 und 1795 geschriebenen "Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten". Napoléon III. aber hob die Autorschaft seines Oheims ausdrücklich in dem Schreiben hervor, das er u. d. 12. Apr. 1869 zur Verherrlichung von dessen 100. Geburtstage durch eine Pensionserhöhung der Veteranen an den Minister Rouher richtete.—

C'est plus qu'un crime, c'est une faute, Das ist mehr als ein Verbrechen, das ist ein Fehler,

soll Polizeiminister Fouché (1763-1820), andere nennen Talleyrand, über die Hinrichtung (20. 3. 1803) des Herzogs d'Enghien durch Konsul Bonaparte gesagt haben.—

Barère ("Mémoires", Par. 1842, T. 4, p. 447) erzählt, dass Talleyrand (1754-1838) 1807 in einer Unterredung mit dem spanischen Gesandten Jzquierdo, der ihn an seine zu Gunsten Karls IV. von Spanien gemachten Versprechungen erinnerte, gesagt habe:

La parole a été donnée à l'homme pour déguiser sa pensée. Die Sprache ist dem Menschen gegeben, um seine Gedanken zu verbergen,

was als eine witzige Umdrehung des Satzes von Molière ("Le mariage forcé" Sc. 6. Pancrace) erscheint:

"La parole a été donnée à l'homme pour expliquer sa pensée."

Heinrich Heine hingegen schreibt ("Ideen. Das Buch Le Grand" 1826. Kap. XV; Ges. W. I, 296) ersteres Wort Fouché in der Form zu:

Les paroles sont faites pour cacher nos pensées.

Vor Talleyrand und Fouché jedoch liess Voltaire (Dialog 14 "Der Kapaun und das Masthuhn") den Kapaun sagen: "Die Menschen bedienen sich des Gedankens nur, um ihre Ungerechtigkeiten zu begründen, und sie wenden die Worte nur an, um ihre Gedanken zu verbergen"; und vor Voltaire sagte Young († 1765) in der Satire "Universal passion, the love of fame", II, v. 207:

Where nature's end of language is declined, And men talk only to conceal the mind. Wo man den Zweck der Sprachnatur verneint Und man nur spricht, zu hehlen, was man meint.

Der Gedanke ist den Alten entlehnt; denn schon in der Spruchsammlung des sogenannten Dionysius Cato lautet das 26. Distichon des 4. Buches:

Perspicito tecum tacitus quid quisque loquatur; Sermo hominum mores et celat et indicat idem; Ganz im Stillen bedenk' es mit dir, was Einer gesprochen; Menschliche Rede verhüllt die Gesinnung so, wie sie sie anzeigt;

nachdem längst zuvor Plutarch ("de recta ratione audiendi" c. 7, p. 41 D.) bemerkte: αἱ δὲ τῶν πολλῶν διαλέξεις καὶ μελέται σοφιστῶν ... τοῖς ὀνόμασι παραπετάσμασι χρῶνται τῶν διανοημάτων ... (Die meisten Sophisten brauchen in ihren Streitübungen und Kunstreden die Worte als dichten Schleier für die Gedanken.)—

Der Kaffee muss heiss wie die Hölle, schwarz wie der Teufel, rein wie ein Engel, süss wie die Liebe sein

und:

Surtout pas de zêle! Vor allen Dingen keinen Eifer!

oder:

Pas trop de zêle! Nur nicht zu viel Eifer!

oder:

Trop de zêle! Zu viel Eifer!

sind Worte, die auch auf Talleyrand zurückgeführt zu werden pflegen; und für dessen Abneigung gegen grosse Dienstbeflissenheit giebt Mdme de Rémusat (Mémoires, 1880, Bd. 3, S. 174) allerdings die Quelle mit Talleyrands Worten an seinen Nachfolger Champagny, als er ihm die Ministerialbeamten vorstellte: "Vous les trouverez fidèles, habiles, exacts, mais, gràce à mes soins, nullement zélés". Sie fügt hinzu, dass Talleyrand dies dann dem Kaiser erzählte, der darüber lachte.—

Légitimité, Legitimität

für: "Recht der angestammten Fürsten" ist nach Thiers ("Consulat et Empire", t. XVIII, p. 445) eine von Talleyrand erfundene Bezeichnung.—

Als am 7. Sept. 1812 an der Moskwa die Sonne aufging, rief Napoléon I. seinen Offizieren mit den Worten

Voilà le soleil d'Austerlitz! Das ist die Sonne von Austerlitz!

die siegreiche Schlacht vom 2. Dez. 1805 ins Gedächtnis zurück, (vrgl. Ségur "Hist. de Napol. et de la grande armée pend. l'année 1812", VII, 9.)—

Du sublime au ridicule il n'y a qu'un pas Vom Erhabnen zum Lächerlichen ist nur ein Schritt

sagte Napoléon I. auf seiner Flucht aus Russland mehrmals zu seinem Gesandten de Pradt in Warschau (Dez. 1812)[73]. Er gab damit nur einem oft dagewesenen Gedanken seine bleibende Form. Marmontel († 1799) sagte bereits: "En général, le ridicule touche au sublime" (Oeuvr., t. V, p. 188). Wieland ("Die Abderiten", Bd. 3, Kap. 8; 1774): "Die Dummheit hat ihr Sublimes so gut als der Verstand, und wer darin bis zum Absurden gehen kann, hat das Erhabne in dieser Art erreicht, was für gescheute Leute immer eine Quelle von Vergnügen ist", und Thomas Paine ("The age of reason", 1794, T. II. g. E. Anm.): "Wenn Schriftsteller und Kritiker vom Erhabnen sprechen, so sehen sie nicht, wie nahe es an das Lächerliche grenzt".—

Das Napoléon I. zugeschriebene Wort

Tout soldat français porte dans sa giberne le bâton de maréchal de France Jeder französische Soldat trägt den Marschallstab in seiner Patronentasche

steht in "La vie militaire sous l'Empire" par E. Blaze, (Par. 1837) 1, S. 5 und wird S. 394 in der Form wiederholt: "Nous avons tous un brevet de maréchal de France dans notre giberne". Nach den "Mémoires de Madame de Rémusat 1802-1808" (T. III., Paris 1880, p. 86 u. 87) wurden die Nachrichten aus Deutschland 1806 nach der Schlacht bei Jena aus einer Stadt Braunschweigs vom Briefe eines vermeintlichen Soldaten begleitet, in dem es heisst: "Nichtsdestoweniger ist es wahr, sagte man, dass ein Soldat, welcher zu sich sagen kann: Es ist nicht unmöglich, dass ich Marschall, Fürst oder Herzog wie jeder Andre werde, durch diesen Gedanken ermutigt werden muss".—

Die soziale Frage

ist, wie von Treitschke in einer Vorlesung "Über den Sozialismus" am 5. März 1879 lehrte eine von Napoléon I. erfundene und später auch von Napoléon III. angewendete Phrase, die zum Klappern der demokratischen Tyrannei gehörte.—

Man liess den Grafen von Artois, später Karl X., in der "Restauration" im Moniteur mit einem Programme debütieren, das gewöhnlich umgestaltet wird zu:

Il n'y a rien de changé en France, il n'y a qu'un Français de plus, Es ist Nichts in Frankreich geändert, es ist nur ein Franzose mehr vorhanden.

Es ist dies aber dem Grafen von Artois untergeschoben nach der "Revue contemporaine" vom 15. Febr. 1854 (S. 53), wo Beugnot, der zeitweilige, mit der Leitung der Regierungspresse beauftragte Minister des Innern, folgende Entstehungsgeschichte des Wortes giebt. Er hatte den Grafen von Artois am Tage seines Einzuges, 12. April 1814, gegen 11 Uhr abends verlassen, um sich zu Herrn von Talleyrand zu begeben.

"Ich fand ihn", erzählt er, "mit den Herren Pasquier, Dupont de Nemours und Angles im Gespräch über den Verlauf des Tages, den man einstimmig als vortrefflich anerkannte. Talleyrand erinnerte daran, dass nun auch ein Artikel im Moniteur notwendig wäre, und Dupont bot sich an, ihn zu verfassen. 'Nein', erwiderte Talleyrand, 'er würde zu poetisch ausfallen. Ich kenne Sie. Beugnot ist der Mann dazu. Er kann gleich ins Bibliothekzimmer gehen und schnell einen Artikel schreiben, den wir dann an Sauvo schicken'.—Ich mache mich an die Arbeit, die erst nicht schwierig war. Als ich aber an die Antwort des Prinzen auf Talleyrands Anrede komme, stocke ich. Einige einem tiefen Gefühle entsprungene Worte machen durch den Ton, in dem sie gesagt werden, durch die Gegenwart der Dinge, durch die sie veranlasst worden sind, Eindruck; handelt es sich aber darum, sie ohne diese Umgebung aufs Papier zu bringen, so sind sie kalt, zum Unglück vielleicht lächerlich. Ich gehe also zu Talleyrand zurück und teile ihm meine Verlegenheit mit. 'Nun', antwortete er, 'was hat denn der Prinz gesagt?'—'Nichts Erhebliches; er schien mir sehr bewegt und vor allen Dingen bestrebt, seinen Zug fortzusetzen'.—'Nun, wenn Ihnen das, was er gesagt, nicht passt, so machen Sie ihm eine Antwort'.—'Eine Rede, die er nicht gehalten hat?'—'Da ist doch keine Schwierigkeit. Machen Sie eine gute, zu der Person und zu dem Augenblick passende Rede, und ich bürge dafür, der Prinz heisst sie gut und wird nach zwei Tagen glauben, er hat sie gehalten. Er wird sie gehalten haben, und von Ihnen wird nicht weiter die Rede sein'.—Gut.—Ich gehe, versuche eine zweite Fassung und bringe sie zur Censur zurück.—'Das geht nicht', sagt Talleyrand, 'der Prinz macht keine Antithesen und erlaubt sich nicht die geringste Redefloskel. Seien Sie kurz, einfach und sagen Sie etwas, was für die Redenden und Zuhörenden mehr passt, weiter nichts'.—'Mir scheint', fiel Pasquier ein, 'dass viele Gemüter von der Furcht vor den Veränderungen bewegt sind, welche die Rückkehr der bourbonischen Prinzen veranlassen muss; vielleicht müsste man diesen Punkt zart berühren'.—'Sehr gut', sagte Talleyrand, 'das empfehle ich Ihnen auch'. Ich versuche eine andere Redaktion und werde zum zweiten Male abgewiesen, weil ich mich nicht kurz gefasst habe und der Stil gekünstelt sei.—Endlich gelingt mir folgende, die im Moniteur abgedruckt ist, und wo ich den Prinzen sagen lasse: 'Kein Zwist mehr, Friede und Frankreich. Endlich sehe ich es wieder! und nichts ist darin geändert, ausser dass ein Franzose mehr vorhanden ist' (et rien n'y est changé, si ce n'est qu'il s'y trouve un Français de plus). 'Dies Mal ergebe ich mich', sagte endlich der grosse Tadler. 'Dies ist die Rede des Prinzen. Ich sage gut dafür, dass er sie gehalten hat. Sie können jetzt ruhig sein'."

In der "Revue rétrospective", 2. série, t. IX., p. 459 heisst es: "Der Graf von Artois, der am folgenden Tage die Erzählung seines Einzuges las, rief aus: 'Das habe ich ja nicht gesagt'. Man machte ihn darauf aufmerksam, dass er es notwendigerweise gesagt haben müsse, und die Redensart blieb historisch".—

Das Wort, welches General Cambronne in der Schlacht bei Waterloo (18. Juni 1815) gesagt haben soll:

La garde meurt et ne se rend pas, Die (alte) Garde stirbt und ergiebt sich nicht,

hat er selbst, der sich bei Waterloo ergab und nicht blieb, stets auf das Entschiedenste in Abrede gestellt. Trotzdem hat man die Statue, welche ihm in seiner Geburtsstadt Nantes errichtet wurde, mit dem Ausspruche geziert. Nach Fournier ( "l'Esprit dans l'histoire", 2. Ausg., Paris 1860, S. 361) ist der Journalist Rougemont der Erfinder dieses Wortes, das er am 19. Juni 1815 im "L'Indépendant" abdrucken liess[74]. Übrigens erhoben die Söhne des Generals Michel gegen die Inschrift an Cambronnes Statue Protest und beanspruchten die Worte für ihren Vater.—

Man nennt das Zwischenreich von 1815:

Les Centjours, Die Hunderttage,

obgleich es über diese Zeit hinausging. Die Schuld trägt der Seinepräfekt, der Ludwig XVIII. (reg. 1814-24), der am 19. März aus Paris entschwunden war, bei seinem Wiedereinzuge am 8. Juli als schlechter Rechner in seiner Anrede "hundert Tage" aus Paris abwesend sein liess.—

Derselbe Monarch nannte bald nach dem Einzuge dankbar die gefügige zweite Kammer

Chambre introuvable eine Kammer, wie sie sich so leicht nicht wiederfindet.

Später jedoch, als sich die Gefügigkeit bis zu unbequemem Fanatismus steigerte, eignete sich der Hohn den Ausdruck für jede Kammer an, die monarchischer sein will als der Monarch.—

L'exactitude est la politesse des rois Pünktlichkeit ist die Höflichkeit der Könige

ist auch ein Wort Ludwigs XVIII. (vrgl. Oelsners Brief aus Paris v. 8. Juli 1817 im "Briefw. zw. Varnhagen v. Ense und Oelsner" I, 119 und "Souvenirs de J. Laffite" Par. 1844. I, 150).—

Las Cases teilt im "Mémorial de Sainte Hélène" (Paris 1823-24) unter dem 8. April 1816 folgendes Wort mit, das Napoléon I. ihm gegenüber aussprach:

Bei dem gegenwärtigen Zustande der Dinge kann ganz Europa binnen zehn Jahren kosakisch sein oder ganz republikanisch (toute en républiques).—

Über das Wort

doctrinaire

sagt Duvergier de Hauranne ("Histoire du gouvernement parlamentaire", t. III, p. 534): "Guizot . . . gehörte einer Kammerfraktion (im Jahre 1816) an, die, obwohl sie das Ministerium unterstützte, sich mehr als einmal von ihm getrennt hatte, und deren anerkannter Führer, Herr Royer-Collard, bereits von dem "Nain jaune réfugié" (einer französischen, in Brüssel entstandenen Zeitung) einen später berühmt gewordenen Namen, den Namen 'doctrinaire' erhielt". Andere erzählen, dass Royer-Collard in einer Lehranstalt der "Prêtres de la doctrine chrétienne", auch kurz "doctrinaires" genannt, erzogen wurde. Als er nun 1816 in der Kammer eine Rede hielt, habe ein Mitglied der Rechten ausgerufen: "Voilà bien les doctrinaires!" (Da haben wir die Doktrinäre!) und so sei die politische Bedeutung des Wortes "doctrinaire" für unpraktische Verfechter wissenschaftlicher Theorien entstanden. Sonst kommt das Wort schon in Balzacs († 1654) "Le Socrate chrétien", Disc. 10, vor.—

Den Sturz der bourbonischen Herrschaft kündigte ein prophetisches Wort Salvandys (1795-1856) an. Dieser, damals französischer Gesandter in Neapel, nahm an einem Balle Teil, den der Herzog von Orléans (Ludwig Philipp) am 5. Juni 1830 im Palais Royal zu Ehren seines Schwagers, des Königs von Neapel, gab. Salvandy hat diesen Ball im "Livre des Cent-et-un", Bd. 1, beschrieben. "Als ich", erzählt er, "am Herzog von Orléans vorbeiging, dem man von allen Seiten Komplimente über die Pracht seines Festes machte, sagte ich jenes Wort zu ihm, welches die Zeitungen am folgenden Tage wiederholten: 'Das ist ein ganz neapolitanisches Fest, mein Prinz,

nous dansons sur un volcan. wir tanzen auf einem Vulcan'."

"Nous marchons sur des volcans" wurde schon 1794 von Robespierre citiert (s. H. Taine: "Les origines de la France contemporaire", II "La revolution", T. III, p. 193, Paris 1885).—

Als einige Tage vor der Einsetzung des Juli-Königtums (1830) die Frage erhoben wurde, ob der neue König den Namen "Philipp der Siebente" annehmen sollte, erklärte Dupin der Ältere (1783-1865): "Der Herzog von Orleans sei auf den Thron berufen worden,

nicht weil, sondern obgleich non parce que, mais quoique

er ein Bourbon sei".—

Der Herzog von Orléans, der spätere König Ludwig Philipp (reg. 1830-1848), endigte am 31. Juli 1831 seine erste Proklamation als General-Statthalter des Königreichs mit der Phrase:

La charte sera désormais une verité. Die Verfassung wird künftighin eine Wahrheit sein.

Dupin der Ältere (s. dessen Mémoiren II, p. 151) schrieb diese Proklamation nach den Ideen des Herzogs. S. Näheres in Roger Alexandres "Musée de la Conversation" 1892, S. 58.—

Am 16. Sept. 1831 meldete der "Moniteur" (p. 1594), der "Courrier" erzähle nach dem "Preussischen Staatsanzeiger", was sich am 15. und 16. August (nach der blutigen Einnahme Warschaus) zugetragen habe, und füge hinzu . . . . "L'ordre et la tranquillité sont entièrement rétablis dans la capitale" ("Ordnung und Ruhe sind in der Hauptstadt völlig wieder hergestellt"). Selbigen Tages zeigte der Minister Graf Sebastiani den Abgeordneten in Paris das Ereignis an und citierte dabei: "au moment où l'on écrivait, la tranquillité régnait à Varsovie." Darauf erschien im Journal "La Caricature" eine Zeichnung von Grandville et Eugène Torest, die einen russischen Soldaten unter Leichen darstellte und die Unterschrift trug:

"L'ordre règne à Varsovie."

S. R. Alexandre: "Musée de la conversation" 1892, p. 262. Nach der Abendausgabe der Nationalzeitung vom 29. Nov. 1880 hätte der russische Feldherr Paskiewitsch diese Worte am 8. Sept. 1831 dem Kaiser Nikolaus geschrieben, doch weiss J. Tolstoy "Essai sur le feldmaréchal Paskewitch", Paris 1835, nichts davon.—

Victor Cousin (1792-1867) soll (nach Joh. Jacoby "Heinr. Simon" 2. Aufl. S. 110) gesagt haben:

Preussen, das klassische Land der Schulen und Kasernen.

Aber wann und wo? In seinem "Rapport sur l'état de l'instruct. publ. dans quelq. pays de l'Allem. et particul. en Prusse (Par. 1832)" steht es nicht.—

Entente cordiale, Herzliches Einverständnis,

ein Ausdruck zur Bezeichnung des Verhältnisses zwischen England und Frankreich, datiert nach Littré aus der Adresse der französischen Deputirtenkammer von 1840 bis 1841. Metternich ("Nachgel. Papiere" Wien 1883. VII, p. 27) führte das Wort auf Guizot (1787-1874) zurück.—

La France marche à la tête de la civilisation Frankreich marschiert an der Spitze der Civilisation

entsprang Guizots Vorlesungen über "Geschichte der Civilisation in Europa" (Paris 1845, 1. Vorlesung). Erst sagte er nur:

"Es hiesse zu weit gehen, wollte man behaupten, dass Frankreich immer und in allen Richtungen an der Spitze der Völker geschritten sei" (qu'elle est marché toujours dans toutes les directions à la tête des nations),

dann aber weiterhin:

"Geisteshelle, Geselligkeit und sympathisches Wesen sind Frankreichs Grundzüge und die seiner Civilisation; und diese Eigenschaften machten es ganz besonders geeignet, an der Spitze der europäischen Civilisation zu marschieren (à marcher à la tête de la civilisation européenne)".—

Prinz Louis Napoléon hielt als Präsident auf seiner Rundreise durch Frankreich bei einem Banquet, das ihm die Handelskammer von Bordeaux am 9. Oktober 1852 gab, eine Rede, in welcher

L'empire, c'est la paix Das Kaiserreich ist der Friede

vorkam. Der "Kladderadatsch" vom 7. Nov. 1852 formte es prophetisch um in: "L'empire c'est l'épée".—

Mac Mahon (1808-92) schrieb am 9. Sept. 1855 im Krimkriege auf dem erstürmten Malakoff, als ihm vom Oberbefehlshaber durch einen Adjutanten mitgeteilt wurde, die Russen hätten Vorbereitungen getroffen, um das Werk in die Luft zu sprengen, mit Bleistift auf ein Stückchen Papier an den Oberbefehlshaber:

J'y suis, et j'y reste. Ich bin da und ich bleibe da.

(vrgl. "Die französischen Marschälle der Gegenwart" von Hauptmann Zernin in der "Gegenwart", 1881, No. 24, S. 371).—

Im Kriegsmanifeste vom 3. Mai 1859 verhiess Napoléon III. (reg. 1852-70) "ein freies Italien bis zum Adriatischen Meere", eine Verheissung, die in der Form

Frei bis zur Adria

ein geflügeltes Wort geworden ist. In der Vorrede zu "Frei bis zur Adria. Österreichische Regierungsgeschichte in Italien" von Gustav Rasch (Berlin 1860) wird das Wort als Wahlspruch Italiens angeführt.—

Auf eine Interpellation von Thiers am 14. April 1867 im gesetzgebenden Körper über die auswärtigen Beziehungen antwortete Eugène Rouher (1814-84) am 16. unter anderm:

"Der Tag vom 3. Juli (Schlacht bei Sadowa) war ein schwerer für die Männer, welche die Geschicke dieses Landes leiten. Sowohl das Militär wie die öffentliche Meinung hatte geglaubt, Preussen werde seinen kühnen Versuch teuer bezahlen müssen; man hielt es für gewiss, dass es eine Schlappe erleiden werde. Seinem Erfolge, diesem unvorhergesehenen Ereignisse gegenüber, fühlten wir

patriotische Beklemmungen" "angoisses patriotiques".

Das Wort wiederholte er weiterhin in seiner Antwort noch einmal.—

Im Sept. 1867 sagte Napoléon III. in Lille: "Seit den letzten vierzehn Jahren, als ich zum ersten Male die Norddépartements besuchte, sind sehr viele meiner Hoffnungen in Erfüllung gegangen und grosse Fortschritte gemacht worden; allein auch

schwarze Punkte

oder:

dunkle Punkte points noirs

haben unsern Horizont umwölkt". Rouher sagte dann im Juli 1870 im Corps Législatif: "Die Expedition nach Mexiko ist der einzige dunkle Punkt in dem glänzenden Bilde".—

Interpelliert, ob Alles in Kriegsbereitschaft sei, antwortete der Kriegsminister Marschall Leboeuf (1809-88) 1870:

(Nous sommes) archiprêts, Wir sind erzbereit.—

Amerika.

Lynchjustiz (Lynch law),

d. i. "Volksjustiz", schreibt sich von John Lynch her, welcher gegen Ende des 16. Jahrhunderts, als die Kolonialgesetze in den Vereinigten Staaten keinen zuverlässigen Schutz gewährten, von den Bewohnern in Nordcarolina mit unumschränkter gesetzgeberischer, richterlicher und vollziehender Gewalt und Macht bekleidet wurde. Man sagt auch für "Lynchjustiz ausüben" kurzweg

lynchen.—

Benjamin Franklin (1706-90) antwortete, wenn man sich in Paris bei ihm nach den Fortschritten der Revolution in Amerika erkundigte:

Ça ira! 's wird schon gehen!

Die französische Revolution ergriff das Wort und machte es zu ihrem Hymnus. In den "Briefen von Friedrich Matthisson" (Zürich 1802, S. 146) meldet der 15. Brief (Nismes, 22. März 1792): "Der allgemeine Nationalgruss ist jetzt: 'Ça ira!', worauf 'Cela va!' (es geht schon) erwidert wird".—

Holland.

Peter Meffert,

ein Name, den man gebraucht, um einen spürnasigen, ausplaudernden, eitlen Hans in allen Gassen zu bezeichnen, ist nach Dr. Gustav Schwetschkes "Geschichte des L'Hombre" (Halle 1863, S. 26) der Name des im 17. Jahrh. renommierten Spielkartenfabrikanten Pieter Mefferdt in Amsterdam. In Johann Laurembergs 4. Scherzgedicht "Von altmodischer Poesie und Reimen" (V. 348, Hafn. 1648) wird die Spielkarte daher scherzweise "Peter Mefferts Boek" genannt.

In den wertvollen Sammlungen des Herrn von Berlepsch in Gross-Stöckheim bei Wolfenbüttel befand sich ein gedruckter Spielkarten-Umschlag, auf welchem der Nachfolger Peter Mefferts den Ruhm seines Vorgängers verkündet. So hat auch Boiteau in den "Cartes à jouer", S. 114 die Abbildung eines Treffbuben (Carte des Flandres, 17. siécle) mit der Zettelschrift PIETER MEFFERDS. Lappenberg in seiner Ausg. Johann Laurembergs, Stuttgart 1861, bemerkt: "Peter Meffert heft Waaren feil, ist eine scherzhafte Redensart zu Lübeck". Bald wurde Peter Meffert eine allgemeine Bezeichnung. In Christian Weises 1680 am 6. März in Zittau aufgeführtem "Lustspiel von einer zweifachen Poetenzunft" wird Peter Meffert als Primus einer Schule genannt. Im "Leipziger Musenalmanach aufs Jahr 1777", S. 45, heisst es in dem J. W. G. (Goethe?) unterzeichneten Epigramm "Auf einem gewissen Horcher im Parterr." 1769:

"Schreib! um der Welt nichts zu verschweigen, Darfst du nur Mefferts Jünger seyn, Von allen seinen Schmierereyn, Ist auch das Schlechtste nur sein eigen."

Das 39. Gedicht in dem seltenen Buche Gleims "Sinngedichte" (auf der Gleim-Bibliothek in Halberstadt) trägt den Titel: "Peter Meffert. Nach dem Italiänischen des Paolo Rolli" und beginnt: "Was will nicht alles Peter Meffert seyn?" (Rollis "Rime" erschienen 1717.) Dasselbe Gedicht steht auch bei Klotz ("Deutsche Bibliothek der schönen Wissenschaften" Bd. 4, Str. 13, Halle 1770) in einer Kritik des obengenannten Gleimschen Buches. Wieland beklagte sich in einem Briefe an Gleim vom 9. Mai 1770 ("Ausgew. Briefe von Wieland" II, S. 365), dieser habe sein Amadis-Manuscript einem "Peter Meffert" gezeigt, einem "homunculus", der "poetisches Almosen" zu Musenalmanachen zusammenbettele und aus dem Zusammenhang gerissene Stellen "allenthalben wieder vorweise". J. G. Jakobi schrieb an Gleim (s. dessen Nachlass zu Halberstadt) am 20. Okt. 1775: "die Peter Mefferts haben, wie der leidige Teufel, überall ihr Spiel. Wir aber singen fort und lieben uns".—

Klassiker-Ausgaben, welche durch wörtliche Übersetzung des Textes der Denkträgheit des Lernenden frönen, werden als Ausgaben

ad modum Minellii in Minellis Art

bezeichnet nach dem Rektor der Erasmus-Schule in Rotterdam Jan Minelli († 1683), der sich zuerst darin hervorthat.—

Blue-stocking, Bas bleu, Blaustrumpf,

d. h. eine Dame, die sich unter Vernachlässigung ihrer Häuslichkeit in unerfreulicher Weise wissenschaftlich hervorthut, hatte ursprünglich keineswegs die missbilligende Nebenbedeutung, die wir dem Ausdrucke jetzt beilegen, und bezeichnete in der Mehrheit nur Gesellschaften, in denen Kartenspiel verpönt und deren Hauptzweck geistvolle Unterhaltung war. Die Bildung solcher Gesellschaften schreibt man gewöhnlich den drei Damen: Lady Montague, Frau Vesey und Frau Ord zu. In diesen Gesellschaften zeichnete sich durch Anmut in der Unterhaltung der Gelehrte Stillingfleet († 1771) aus, der im Anzuge vernachlässigt, in blauen Kniestrümpfen erschien. Das soll den holländischen Admiral Boscawen veranlasst haben, diese Versammlungen "Blaustrumpfgesellschaften" zu nennen, um damit zu bezeichnen, dass in ihnen nur geistige Begabung, nicht der glänzende Anzug den Ausschlag gab.

vrgl. Boswall "Leben Johnsons", 72. Lebensjahr und das Vorwort zu Miss Hannah Mores Gedicht "Der Bas bleu oder Konversation". Nach Doran ("Eine Dame des vorigen Jahrhunderts", Kap. 11, London 1873) werden Herrn Stillingfleets blaue Strümpfe zum ersten Mal in einem Briefe der Lady Montague vom Jahre 1757 erwähnt.—

England.

Über die um 1680 politische Bedeutung gewinnenden Wörter

Whig und Tory

sagt Macaulay, "Geschichte von England", B. 1, K. 2 (S. 253 Ausg. Tauchnitz):

"In Schottland hatten einige der verfolgten Kirchenabtrünnigen, durch Bedrückung zur Verzweiflung getrieben, den Primas ermordet, gegen die Regierung die Waffen ergriffen, einige Vorteile über die königlichen Truppen errungen, und sie waren erst zur Ruhe gebracht worden, als Monmouth sie bei Bothwell Bridge geschlagen hatte. Diese Eiferer waren sehr zahlreich unter den Bauern des westlichen Nieder-Schottlands, die gewöhnlich "Whigs", genannt wurden. So wurde der Name Whig den presbyterianischen Eiferern Schottlands beigelegt und auf diejenigen englischen Politiker übertragen, welche Neigung zeigten, dem Hofe gegenüberzutreten und protestantische Dissidenten mit Nachsicht zu behandeln. Zur selben Zeit gewährten die Sümpfe Irlands geächteten Papisten eine Zuflucht. Diese Leute hiessen damals "Tories". Daher wurde der Name Tory Engländern gegeben, die nicht dazu beitragen wollten, einen katholischen Prinzen vom Thron auszuschliessen".

"Whig" bedeutet ursprünglich saure Molken; das irische Wort "Tory" ist angeblich soviel wie Räuber.—

Es war auf der englischen Flotte Sitte gewesen, den Mannschaften ihre Portion Rum ungemischt zu liefern, was manchen Rausch hervorbrachte und die Mannszucht störte. Deswegen verfügte 1740 Admiral Vernon, dass der Rum mit Wasser vermischt verabfolgt werden solle. Schon früher hatte der Admiral, der gewöhnlich einen Rock von kameelhärenem Zeug (grogram) trug, von seinen Leuten deshalb den Beinamen "Old Grog" erhalten. Der Name

Grog

ging nun auf das von ihm erfundene Getränk über.—

Das Sir Robert Walpole (1676-1745) zugeschriebene Wort

Ein jeder Mensch hat seinen Preis

ist in dieser Schroffheit nicht von ihm gesagt worden. In Coxes "Memoirs of the life and administration of Sir Robert Walpole" (IV, S. 369) heisst es von ihm: "Redefloskeln verachtete er. Die Auslassungen vorgeblicher Patrioten schrieb er ihren oder ihrer Angehörigen eigennützigen Absichten zu und sagte von ihnen: 'Alle diese Leute haben ihren Preis'!"—

Nelsons (1758-1805) Tagesbefehl in der Schlacht bei Trafalgar am 21. Okt. 1805 lautete:

England expects that every man will do his duty. England erwartet, dass jeder Mann seine Pflicht thun wird.

(vrgl. "The dispatches and lettres of Vice-Admiral Lord Viscount Nelson", Bd. 7, S. 150, London 1845-46.)—

Dr. Johann Jakoby bemerkte am 5. Juni 1848 in einer Rede vor Berliner Wahlmännern, dass O'Conell (1775-1874) sich einst den

bestverleumdeten Mann

der drei Königreiche genannt habe. Das Wort ist vielfach auf Andere übertragen und variiert worden. So sagte Fürst Bismarck im preussischen Landtage am 16. Jan. 1874: "Gehen Sie von der Garonne, um mit der Gascogne anzufangen, bis zur Weichsel, von dem Belt bis zur Tiber, suchen Sie an den heimischen Strömen der Oder und des Rheins umher, so werden Sie finden, dass ich in diesem Augenblicke wohl die am stärksten und—ich behaupte stolz!—die am besten gehasste Persönlichkeit in diesem Lande bin". Seitdem hört man häufiger:

bestgehasster Mann.—

Am 6. April 1852 schrieb das "Albany Evening Journal": "Ein Freund wünscht, dass wir ankündigen, er werde sich zu geeigneter Zeit erlauben, ein neues Wort in das Wörterbuch einzuführen. Der Zweck der beabsichtigten Neuerung ist, die jetzt vorhandene Nötigung zu vermeiden, zwei Wörter, die oft vorkommen, zu gebrauchen, wo eins genügen würde. Das Wort ist

Telegram (Telegramm)

statt 'telegraphische Depesche'" u. s. w. Der Erfinder war der Amerikaner E. P. Smith aus Rochester.—

Der rechte Mann an der rechten Stelle The right man in the right place

ist aus einer Rede A. H. Layards entwickelt, die er am 15. Januar 1855 im Unterhause hielt, und worin er sagte: "Ich habe immer geglaubt, dass Erfolg das unvermeidliche Ergebnis sein werde, wenn man sowohl dem Landheere wie der Flotte freie Bewegung gönnte, und wenn wir den rechten Mann abordneten, um die rechte Stelle zu füllen".—

Der Güterverwalter des Grafen Erne in der irischen Grafschaft Mayo, der englische Kapitän James Boycott († 1897), drückte die Pächter seines Herrn derart, dass ihm das empörte Volk Arbeit und Kauf versagte. Unter starkem militärischen Schutz brachten im November 1880 orangistisch gesinnte Arbeiter aus Ulster seine Ernte ein, seine Vorräte in Sicherheit und geleiteten ihn selbst nach einem anderen Ort. Seitdem reden wir in Fällen, wo das Volk zu ähnlicher Selbsthilfe gegen einen Arbeitgeber greift, von

boycotten

und nennen ein solches Verfahren auch kurzweg einen

Boycott.

Der Ausdruck "boycotting" (boykottieren) soll zum ersten Male in einer Dubliner Zeitung vom 13. November 1880 gestanden haben.—

Deutschland und Österreich.

Bischof Chrodegang von Metz stellte um 760 zur Besserung der verwilderten Geistlichkeit eine Lebensregel, einen Kanon auf. Dieser Kanon verpflichtete sie, sich nach der Morgenandacht vor dem Bischof oder dessen Stellvertreter zu versammeln, der ihnen ein Kapitel der Bibel, besonders aus dem 3. Buche Mose, Leviticus genannt, vorlas, das religiöse Gesetze, namentlich für Priester und Leviten enthält, woran er dann die nötigen Rügen und Ermahnungen knüpfte. Hiervon wurde nachmals ein Saal, wo dies geschah, "Kapitelstube", eine solche Gemeinschaft "Domkapitel" genannt, und es erklären sich so die üblichen Worte:

Die Leviten lesen, das Kapitel lesen oder abkapiteln, den Text lesen.—

Von Lothar I. (795-855), der vom Kaiser zum Mönch wurde, stammt nach Matthias Borbonius ("Delitiae Poetarum Germanorum" 1, 685; Frkf. 1612), das Wort her: "Omnia mutantur, nos et mutamur in illis" ("Alles ändert sich und wir ändern uns mit"), was uns in der Form geläufig ist:

Tempora mutantur, nos et mutamur in illis. Die Zeiten ändern sich und wir uns in ihnen.—

Dass der Parteiruf:

Hie Welf, hie Waiblingen!

zuerst 1140 in der Schlacht bei Weinsberg vernommen worden sei, gehört nach Jaffé ("Gesch. d. Deutsch. Reich. unt. Conrad III." Hann. 1845, S. 35) ins Reich der Fabel. Dr. Souchay ("Deutsche Geschichte"), kennt den Ruf in der Form: "Hie Weif, hie Waiblinger!"; in G. Webers "Weltgeschichte", S. 229 heisst es: "Hie Welf, hie Waibling!" Waiblingen war der Name einer hohenstaufischen Burg, anderthalb Meilen von Stuttgart.—

Nach der Übergabe von Weinsberg (S. 36 bei Jaffé) wurde, so wird erzählt, den Frauen erlaubt, mit dem, was sie auf den Schultern tragen können, frei abzuziehen. Da kamen sie heraus, eine Jede ihren Mann auf dem Rücken tragend. Man drang in Konrad III. diese Arglist zu ahnden. Er aber entgegnete: "Ein Königswort darf nicht geändert werden" (Zincgref, "Apophthegmata", Strassb. 1626, S. 29 und 30), woraus Bürger in der Ballade "Die Weiber von Weinsberg", Strophe 11, Vers 3 und 4 gemacht hat:

Ein Kaiserwort soll man nicht dreh'n, noch deuteln.

Die Erzählung ist unhistorisch. Zum "Hohenlied", 1, 4 bringt schon der Midrasch eine ähnliche Anekdote; s. Tendlau "Das Buch der Sagen und Legenden jüdischer Vorzeit", S. 54; Bernheim in den "Forschungen zur deutschen Geschichte", XV. S. 239 ff.—

Von Ludwig dem Eisernen, zweitem Landgraf von Thüringen (1140-72), erzählt die "Düringische Chronik" von Joh. Rothe (hrsg. von R. von Liliencron, Jena 1859, S. 292), er wäre im Anfang seiner Regierung so milde und gut gewesen, dass der Übermut der Mächtigen zunahm und das Volk hart bedrückt wurde. Da habe er sich einst im Thüringer Walde auf der Jagd verirrt und habe beim Schmied von Ruhla, der ihn nicht kannte, nächtliche Unterkunft gefunden. Die Nacht durch habe der Schmied emsig gearbeitet, und wenn er mit dem Hammer auf das Eisen schlug, so habe er dabei auf den Landgrafen und seine Lässigkeit fluchend und scheltend gerufen: "Nun werde hart", was einen so tiefen Eindruck auf den Fürsten machte, dass er von Stunde an nach dem Rechten sah und wieder Zucht und Ordnung im Lande herstellte (Otho Melander "Joco-Seria" 1603, No. 328). Diese Sage bearbeitete Wilh. Gerhard (Gedichte, B. 2, S. 24, Leipz. 1826) im Gedichte: "Der Edelacker", aus dem die Worte des Schmieds in der Form:

Landgraf! werde hart!

zum Citate geworden sind.—

Das Wort:

Caesar non supra grammaticos, Der Kaiser hat über Grammatiker nicht zu gebieten,

welches durch das von Burchard Waldis in der Fabel "Wie ein Sauhirt zum Abt wird" mitgeteilte Sprichwort: "Die Schreibfeder muss Kaiserin bleiben" wiedergegeben und von Molière "Les Femmes savantes" 2, 6 zu:

La grammaire qui sait régenter jusqu'aux rois Die Grammatik, welche sogar die Könige zu beherrschen weiss,

verarbeitet wird, bezieht sich auf Kaiser Sigismund, der nach des Cuspinianus Kaiserchronik (unter "Sigismund") auf dem Kostnitzer Konzil (1414-18) "Schisma" als männliches Hauptwort brauchte und, deswegen vom Erzbischof Placentinus gerügt, lateinisch ausrief: "Placentinus, Placentinus, wenn du auch Allen gefallen solltest, gefällst Du uns keineswegs, da Du meinst, dass wir weniger Autorität besitzen als der Grammatiker Priscianus, den, wie Du behauptest, ich verletzt habe"; vrgl. Zincgref "Apophth.", Strassb. 1626, S. 60.[75]—Menzel "Geschichte der Deutschen", 3. Aufl., Kap. 325: "Konzilium zu Konstanz", lässt ohne Angabe der Quelle den Kaiser sagen: "Ego sum rex Romanus et supra grammaticam" (Ich bin Römischer König und über der Grammatik).—

O sancta simplicitas! O heilige Einfalt!

soll Huss 1415 (nach Zincgref-Weidner, Amsterdam 1653, 3. T., S. 383) auf dem Scheiterhaufen ausgerufen haben, als er sah, wie ein Bauer (nach von Loeper: "Faust", sowie von Karl von Gebler: "Nachklänge", 1880, 1. Bd., S. 182: "ein altes Mütterchen") in blindem Glaubenseifer sein Stück Holz zu den Flammen herbeitrug. Doch wird schon in der lateinischen Fortsetzung der Kirchengeschichte des Eusebius († 340) durch Rufinus († 395) B. 10, K. 3 die "sancta simplicitas" erwähnt, mit der ein Bekenner auf dem ersten Konzil zu Nicaea (325) einen bis dahin unüberwindlichen Philosophen zum Schweigen brachte und bekehrte. "Johann Huss und das Konzil zu Costnitz" nach E. de Bonnechose (Leipz. 1848, S. 254) enthält nichts von einem solchen Ausrufe des Huss.—

Bei jeder Kaiserkrönung in Deutschland rief der kaiserliche Herold:

Ist kein Dalberg da?

worauf der anwesende Dalberg vom neugekrönten Kaiser den Ritterschlag als erster Reichsritter empfing. Zum ersten Male wird dieser einem Dalberg gewährte Ritterschlag bei der römischen Kaiserkrönung Friedrichs III. im Jahre 1452 erwähnt. ("Zeitschrift für deutsche Kulturgeschichte". Neue Folge I, S. 101.)—

Den gestrigen Tag suchen

erklärt sich aus Wolf Büttners "627 Histoiren von Claus Narren" (Eisleb. 1572. 21, 51), wonach der Hofnarr Claus († 1515) den Kurfürsten Johann Friedrich, welcher klagt: "Den Tag haben wir übel verloren" also tröstet: "Morgen wollen wir alle fleissig suchen und den Tag, den du verloren hast, wohl wieder finden."—

Ein 1833 erschienener Roman von Ludwig Bechstein führte den Titel:

Das tolle Jahr.

Der Roman behandelt die Geschichte der Stadt Erfurt im Jahre 1509, das wegen städtischer Wirren also benannt wurde. Heute pflegen wir das Jahr 1848 so zu nennen.—

In Zincgref-Weidners "Apophthegmata" (Lpzg. 1693, S. 10) heisst es: "Als er (Maximilian I., † 1519) auf eine Zeit gar vertraulich Gespräch hielte mit etlich seiner Leuten von einem und andern Land und Königreich, fället er unter andern auch dieses Urteil: 'Wenn es möglich wäre, dass ich Gott sein könnte und zween Söhne hätte, so müsste mir der älteste Gott nach mir und der andre König in Frankreich sein'". Die Redensart

leben wie Gott in Frankreich,

die allein in Deutschland gebräuchlich ist, lässt sich nur aus dieser Anekdote erklären. Man muss annehmen, dass Maximilian in den Mund gelegt wurde, sein erster Sohn müsse Gott, sein zweiter Gott in Frankreich sein.—

Der Ablasskrämer Johann Tetzel (1455-1519) pflegte zu sagen: "sobalde der pfennige ins becken geworffen und clünge sobalde vere die sele, dafür er geleget, ym Himmel" (s. "Görlitzer Annalen" 1509-1542 von Bürgermeister Joh. Hass; abgedr. in d. "Zeitschr. f. histor. Theolog." 4. Heft, Jahrg. 1842, S. 173). Hans Sachs in seinem Sang "Die Wittenbergisch Nachtigall, Die man yetz höret vberall" (1523) legte dann den Ablasskrämern die Verse in den Mund:

"Legt ein gebt euwer hilff und stewr Und lösst die seel auss dem Fegfewr Bald der guldin im Kasten klinget Die Seel sich auff gen hymel schwinget".

Dies hat sich zu dem geflügelten Wort umgeformt:

Sobald das Geld im Kasten klingt, Die Seele aus dem Fegfeuer springt.

Freilich hat Tetzel in seiner Antithese gegen Luthers 27. These ("Statim ut iactus numus in cistam tinnierit evolare dicunt animam") gesagt, dass eine geläuterte Seele sich auch ohnedem zu Gott aufschwinge, aber er hat damit nicht ganz die reinigende Kraft solcher Spende abgeleugnet. (vrgl. Kayser: "Geschichtsquellen über Tezel" Annal. 1877. S. 13).—

Luther soll am 18. April 1521 vor dem Reichstage zu Worms seine Antwort auf die Frage, ob er widerrufen wolle, mit den Worten geschlossen haben:

Hier stehe ich! Ich kann nicht anders. Gott helfe mir! Amen.

Diese Worte stehen an dem Lutherdenkmale, welches 1868 in Worms enthüllt wurde. Nach der ältesten Darstellung hat er aber nur die im Sprachgebrauche der Zeit gewöhnlichen Worte: "Gott helfe mir, Amen!" gesprochen. ("Theologische Studien und Kritiken" von Hundeshagen und Riehm, 1869, 3. Heft, S. 517; Ranke: "Deutsche Geschichte im Zeitalter der Reformation", 6. Aufl., Bd. 1, S. 336.)—

Mit dem die Richtigkeit einer Rechnung bekräftigenden Worte:

nach Adam Riese

erwecken wir das Andenken des Vaters der modernen Rechenkunst, des Bergbeamten Adam Ryse in Annaberg (1482-1559), dessen Rechenbuch 1523 zu Erfurt erschien.—

Notes in this chapter

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