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Ermesinde

9. Kapitel. Sich weitender Weg

Theodor Zenner translation

Illustration from Ermesinde: Historische Erzählung aus dem 12. und 13. Jahrhundert

Das Gewitter verzieht. In seine letzten sich lichtenden Regenfäden fallen schon wieder die glitzernden Sonnenstrahlen und wecken auf dem in der Ferne verdämmernden Gewölk das liebliche Bunt des Regenbogens. Allmählich steigt es höher und höher, wird schärfer und heller, und schließlich steht es da in siebenfacher Pracht als das ewige Bild des Friedens über der vom Regen neu belebten Erde.

So hatte auch in Ermesindens Seele der Sturm nachgelassen. Die dunkeln Wolken der Trauer hatten sich gelichtet; das beklemmende Düster ihrer früheren Niedergeschlagenheit war geschwunden. Die himmlische Erscheinung hatte mit einem Schlage ungeahnte Stille und beglückenden Trost in ihre nach Ruhe dürstende Seele gegossen.

Nur noch eine Frage zitterte von Zeit zu Zeit wie verziehendes Wetterleuchten in ihrem Herzen nach: — Ob wohl der Allerhöchste nichts weiter von ihr verlangte als den Bau des Klosters? Ob er nicht auch sie selbst als weißes Schäfchen im Tale von Clairefontaine sehen möchte in stiller Einsamkeit menschenferne und gottesnahe Wege gehen?

In der Frühe des folgenden Morgens kehrte sie zu Rhabanus zurück. Er sollte ihr ein zweites Mal Aufschluß geben und den Willen Gottes künden.

Geduldig hörte er sie an. Nach kurzem Gebet gab er die Entscheidung:

„Gnädige Frau, Euer Platz ist nicht im Kloster! Ihr sollt auf dem Throne bleiben und die herrlichen Geistes– und Herzensgaben, mit denen Gott Euch ausgezeichnet hat, zu seiner Ehre im Dienste Eures Hauses und des ganzen Luxemburger Volkes verwenden. Das ist Euer Beruf, das ist das Einzige, was er außer dem Bau des Klosters von Euch verlangt.“

Enttäuscht sah ihn die Gräfin an. Tausend Gedanken drangen auf sie ein, und wie der Sturmwind Spreu und Blätter durcheinanderwirbelt und ganze Straßenzüge in undurchsichtigem Staub verwischt, schwand ihr der eben gefundene Frieden plötzlich wieder fort.

„Aber, Bruder Rhabanus,“ hastete sie, „dann werde ich weiter unglücklich, weiter ruhelos und elend bleiben! Die Welt hat mich so sehr enttäuscht; nein, ich will ins Kloster eintreten; nur in der Einsamkeit wächst das zarte Blümlein des Friedens!“

„Es sproßt auch in der Welt,“ lächelte der Einsiedler, „wenn man es zu pflegen weiß! Seht, gnädige Frau, die Königin des Friedens, die allerseligste Jungfrau, die Euch im Tal erschienen ist! Sie lebte nicht im Kloster! Im Getümmel der Welt vielmehr, in Bethlehem, am dichtbelebten Nil, in der Großstadt Jerusalem verflossen ihre aufgeregtesten Tage. Und dennoch war ihre Seele still. Seht unsern ewigen Meister selbst! Vom Volk umlagert, Tag und Nacht in Anspruch genommen, wirkte er in breitester Öffentlichkeit die Jahre seiner Wunder– und Lehrtätigkeit. Und doch lag auf seinen Zügen der bezaubernde Widerschein ungetrübtester innerer Freude und lauterster Glückseligkeit. Gnädige Frau, reden wir nicht weiter! Ihr werdet auf dem Throne bleiben und Großes wirken zur Ehre Gottes und zum Wohle Eures Volkes!“

Die entschiedene Antwort des Eremiten legte sich wie kühlender Sommerregen auf das schon wieder aufgeregte Gemüt der Fürstin und brachte es zur Ruhe.

„Wohlan denn,“ sprach sie ergeben, „vom Geiste Gottes erleuchtet, habt Ihr mir die Erscheinung gedeutet. Auch in Eurer heutigen Antwort will ich eine Weisung des Himmels sehen und ihr getreulich nachzukommen suchen, wenn sie auch ganz anders lautet, als ich sie erwartet hatte.“

Und wie man auf einen Wegweiser schaut und dann, ohne weiter umzublicken, in der angegebenen Richtung rüstig fürbaß schreitet, kehrte sie ohne weiteres Grübeln nach ihrer Burg zurück. Endgültig hatte sie das Programm ihres künftigen Lebens erkannt und großmütig den Entschluß gefaßt, ihm von nun ab rückhaltlos zu folgen.

Mit Zukunftsplänen beschäftigt, ging sie dahin. „Auch im Getriebe der Welt blüht das Blümlein des Friedens,“ wiederholte sie, „und Wohltaten spenden heißt sein eigenes Herz erfreuen.

Willst du glücklich sein im Leben,

Trage bei zu anderer Glück,

Denn die Freude, die wir geben,

Kehrt ins eigene Herz zurück.“

So waren die verworrenen Pfade ihres Lebens schließlich doch in einen einzigen, weiten Weg gemündet, der sich, von hellster Sonne erleuchtet, offen und ohne Krümmung, in die Zukunft dehnte.

Illustration from Ermesinde: Historische Erzählung aus dem 12. und 13. Jahrhundert
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