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Ermesinde

4. Kapitel. Tage der Sonne

Theodor Zenner translation

Illustration from Ermesinde: Historische Erzählung aus dem 12. und 13. Jahrhundert

Kindertränen trocknen rasch. Auch am Grabe der Eltern. Und doppelt schnell schreitet das Vergessen, wenn ein jahrelanges, schweres Leiden den Vater oder die Mutter schon zu ihren Lebzeiten mehr und mehr am wirksamen Eingreifen in die Familienangelegenheiten gehindert hatte.

Gemäß der Anordnung eines Vormundes sollte Kunigunde von Schockweiler, Hofdame der verstorbenen Gräfin Agnes, die Erziehung des fürstlichen Kindes leiten. Sie war eine Frau von hervorragender Bildung und herzgewinnender Güte. Ihr ganzes Sinnen und Trachten sollte darauf gerichtet sein, Licht und Sonne in das Herz ihres Schützlings hineinzugießen. Die kleine Ermesinde hatte doch lange genug, wie ein im Keller vergessenes Blümchen am Krankenlager der Mutter oder am Sorgenstuhl des blinden Vaters trauern und welken müssen!

Mit peinlicher Sorgfalt sollten ihr deshalb alle Nachrichten vorbehalten werden, die sie irgendwie betrüben konnten. Später, wenn sie einmal erwachsen wäre und mit eigener Hand die Zügel der Regierung zu lenken hätte, bliebe ihr noch Zeit und Gelegenheit genug, des Lebens Härten und Bitternisse aus eigener Erfahrung kennen zu lernen.

So wuchs sie in dem Wahne auf, die Schwierigkeiten, die früher so oft Sorge und Betrübnis in die Lützelburg getragen hatten, seien mit dem Tode des Vaters wie durch einen glücklichen Zauber spurlos verschwunden; es mußte

Als die Trauerzeit vorüber war, setzte am Hofe ein lustiges, frohes Treiben ein. Ein Fest jagte das andere. Sorglos schwanden des heranwachsenden Töchterleins sonnerfüllte Tage. Mit durstigen Lippen schlürfte sie am Strome der Freuden. In nächtlichen Träumen erschien ihr die Zukunft im rosigsten Lichte.

Wohl dachte sie auch da noch hie und da an ihre frühverstorbenen Eltern, und in liebender Erinnerung stiegen ihr heiße Tränen in die blauen Augen. Aber sie schwanden wieder. „Warum sich mit Vergangenem nutzlos härmen?“ lispelte sie, „Unabänderliches soll man vergessen, dem Kommenden zuversichtlich entgegensehen und sich fröhlich des gegenwärtigen, heiteren Tages freuen!“

Und doch wollte ihr nimmer die Erinnerung an das letzte Wort der scheidenden Mutter aus dem Gedächtnis schwinden, das Wort vom Frieden und die Aufforderung, um dieses höchste aller Güter, den Frieden der Seele, unaufhörlich zu beten. Dann saß sie sinnend, und zu den Wolken blickend, flüsterte sie: „Ich kann es nicht begreifen! Oder doch, ich verstehe dich, tote Mutter! Unter den Schlägen des Schicksals warst du zusammengebrochen. Deshalb hast du geseufzt und gebetet um den Frieden. Ich aber, ich habe ein solches Gebet, Gott sei Dank, nicht nötig. Mir leuchtet das Glück, und dieses steht höher, als der Friede!“

Mit besonderer Festlichkeit sollte der 7. Mai des

Ermesinde, Gräfin von Luxemburg
Ermesinde, Gräfin von Luxemburg

Ermesinde, Gräfin von Luxemburg

Das einzige uns erhaltene Bildnis Ermesindens. Die Umschrift des Siegels lautet:

Sigillum Hermessendis comitisse de Lucemburg et de Rupe.

Schon tagelang zuvor regte und bewegte es sich auf allen Wegen und Stegen des Landes. Ritter und Grafen, Vasallen und Waffenleute eilten in hellen Scharen herbei, hoch zu Roß, in goldbesäten Rüstungen, mit wappengeschmückten, bunten Helmen, Schilden und Lanzenwimpeln. Sie wollten es sich nicht nehmen lassen, den Ehrentag der neuen Herrscherin gebührend auszuzeichnen und ihr mit den besten Glückwünschen auch die Versicherung ihrer unverbrüchlichen Ergebenheit und Treue zu Füße zu legen.

Aber nicht alle erschienen mit diesen uneigennützigen, rein patriotischen Gedanken. Ermesinde war reich und schön; ein stolzes Schloß, ein herrliches Land nannte sie ihr eigen, und, war nicht mit ihrer Großjährigkeit die Zeit gegeben, wo sie, dem Gebrauche der Zeit entsprechend, ans Heiraten denken mußte? Ihr erster Verlobter, Heinrich von Champagne hatte sein Wort zurückgenommen und war auf sein väterliches Erbe nach Frankreich zurückgekehrt. Somit war sie wieder frei geworden, und diesmal konnte sie sich, ohne Bevormundung, der Neigung ihres Herzens gemäß, selbst entscheiden.

Auf wen sollte die Wahl fallen?

Unter all den Anwärtern tat sich einer besonders hervor. Der schien Ermesinde all die Eigenschaften aufzuweisen, die sie von ihrem künftigen Gatten forderte. Sein Name war Graf Theobald von Bar. Seine Familie gehörte zu den angesehensten von ganz Lothringen; seine Besitzungen stießen an die Grafschaft Luxemburg, so daß eine Verbindung zwischen den beiden Häusern Ausdehnung und Macht der Grafschaft Luxemburg merklich steigern mußte.

Von der Herrschaft Vianden abgesehen, stimmten die Adelsgeschlechter des ganzen Landes begeistert in die Kunde von der bevorstehenden Vermählung ein. Am Tage der Hochzeit ergötzte sich die Ritterschaft in glänzenden Turnieren,

So schien denn der letzte Stein in den hochragenden Glücksstempel der Fürstin eingereiht; sie wähnte sich vor einer wolkenlosen, heiteren Zukunft, denn Theobald war reich und mächtig, ein Freund von Jagd und Festen. Sein Hofstaat war glänzend. Überall leuchteten Freuden und Sonne.

Und doch lauerten an der Schwelle neue, bittere Schicksalsschläge, hinterlistig und falsch, wie wilde, blutgierige Tiere, die plötzlich aus einem unerwarteten Hinterhalt hervorbrechen und ein armes, wehrloses Opfer mit hartem, rohem Zahn zerfleischen.

Illustration from Ermesinde: Historische Erzählung aus dem 12. und 13. Jahrhundert
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