8. Kapitel. Beim Klausner
Theodor Zenner translation

Doch wer mochte die holde Dame sein, die Ermesinde mit ihrer Erscheinung beehrt und ihr mit gütigem Lächeln unerwartet süßen Trost ins müde Herz gegossen hatte? Wer war das liebe Kindlein, dessen freundlicher Blick endlich wieder einen Schimmer des längst vermißten Friedens in ihrer wunden Seele geweckt hatte? Und die weißen, schwarzbebänderten Schäflein, die so freudig an den himmlischen Gestalten vorbeizogen und von ihnen geherzt worden waren, hatten doch sicher ebenfalls ihre besondere Bedeutung! —
Diese und ähnliche Fragen traten an jenem Abend immer wieder vor den grübelnden Geist der Gräfin und ließen ihr keine Ruhe. Sie suchten und suchten nach einer Antwort, aber diese Antwort ließ sich nicht finden.
In der Frühe des folgenden Morgens wanderte sie zurück ins Tal. Sinnend durchschritt sie die Pfade, die sie tagszuvor gegangen war. Nachdenklich stand sie an der klaren Quelle. Bald blickte sie ins murmelnde Wasser, bald nach der alten Eiche, bald nach der Anhöhe, von der die Schäflein niedergestiegen waren ... Aber alles Spähen blieb umsonst. Kein Lüftlein störte die eindrucksvolle Stille. Nur der gewöhnliche Frühlingsmorgen webte geräuschlos um Baum und Strauch, und die hellen Sonnenstrahlen glitten wie weiße Fäden lautlos durch das junge Grün.
Da tönte mit einem Male von der nahen Kapelle her der sanfte, feierlich getragene Klang des Klausnerglöckchens.
„Grüße die Mutter, Die himmlische Frau! Ihr deine Leiden Sorglos vertrau!“
Die Menschen hörten den Klang. In der Nähe und Ferne falteten sie die Hände und beteten, wie man sie gelehrt hatte:
„Gruß dir, o Mutter, Du himmlische Frau! All meine Sorgen Dir ich vertrau!“
Auch die Fürstin hatte das Gebetchen gesprochen. Aber ihre Gedanken waren augenblicklich von demselben abgebogen. Der Ton des Glöckleins hatte sie an jemanden erinnert, der ihr auf ihre Fragen Antwort geben konnte, der fromme Einsiedler Rhabanus. — Wie sie bloß seiner so lange vergessen konnte ...! —
Seit Jahr und Tag wohnte er an der klaren Quelle. Von Ginster und Farn umstanden, hockte sein Hüttlein am Fuße eines hohen Felsens.
Die ganze Gegend kannte ihn.
Und doch kannte man ihn wiederum nicht. Niemand wußte um seine Familie und sein Vaterland. Von weither war er gekommen. Vielleicht aus fürstlichem oder königlichem Hause. Das verrieten seine vollendete Höflichkeit, mit der er allen, auch den Ärmsten begegnete und die tiefe

Der Klausner in Betrachtung.
Nun aber lebte er in gänzlicher Zurückgezogenheit. Eines nur beschäftigte ihn, die Ehre Gottes und das Wohl seines Nächsten. Zu verschiedenen Stunden des Tages läutete er das Glöcklein seiner Kapelle und mahnte damit die Gegendbewohner zum Gebet. Hatte er selbst seine langen Betrachtungen vollendet, so wandelte er durch den Wald. Dort sammelte er Kräuter und Heilblumen,
An regnerischen Tagen schreinerte er. Damit ihn der Teufel niemals müßig fände.
In der Ecke seines Hüttleins stand sein Sarg. Der sollte ihn zu Lebzeiten an den Tod erinnern und ihm die Kostbarkeit des schnell verrinnenden irdischen Daseins ins Gedächtnis rufen. Deshalb grüßte er ihn immer wieder mit den wohlbedachten Worten: „Memento mori! Gedenke deines Sterbens!“
Bruder Rhabanus hatte eben sein Glöcklein zu Ende geläutet und wollte nun auf seinem Betschemel niederknien, um die Tagzeiten der Muttergottes zu verrichten, wie es die Priester zu tun pflegten. Da trat die Fürstin ehrerbietigst an ihn heran.
„Bruder Rhabanus,“ flüsterte sie, „dürfte ich auf einen Augenblick Eure tröstliche Hilfe in Anspruch nehmen?“
Schweigend schloß der Mann Gottes das eben geöffnete Buch. Demütig folgte er der Gräfin auf die Schwelle des Kapellchens.
Es lag ein eigenartiger Gegensatz zwischen den noch unruhigen Zügen der Gräfin und dem abgeklärten, von himmlischer Ruhe und überirdischem Frieden versonntem Wesen des Einsiedlers.
„Ehrwürdiger Bruder, ich brauche Euern Rat!“
„Gnädige Fürstin, wenn es in meiner Macht steht, will ich Euch mit größter Freude helfen. Redet!“
Da griff Ermesinde weiter aus. Sie schilderte mit bewegter Seele all das Ungemach, das sie seit Kindheittagen unablässig
Mit gespanntester Aufmerksamkeit hörte Rhabanus zu. Punkt um Punkt prägte er sich die Einzelheiten der Erscheinung ein. Als die Gräfin geendet hatte, gab er freundlichst zurück: „Wie ich bereits hervorgehoben habe, gnädige Frau, will ich gerne alles tun, was ich zu Euerm Trost und Euerm fürstlichen Wohlergehen vermag. Aber einstweilen muß ich von einer sicheren Deutung Eures Gesichtes absehen. Erst will ich beten und den Allwissenden, von dem alle Erkenntnis kommt, um Erleuchtung anflehen. Stammt die Erscheinung von ihm, so wird er uns in seiner Güte restlose, eindeutige Erklärung finden lassen. Die gnädige Frau wollen ebenfalls in eifrigem Gebet zum Himmel rufen, mein schwaches Flehen bei Gott unterstützen und morgen wiederkommen!“
Ermesinde versprach es.
In stiller Stunde der Nacht betete Rhabanus eindringlicher noch als sonst. Am Himmel standen die Sterne. Sie leuchteten in ungetrübter Klarheit und sahen zur Erde nieder wie eine in der Ferne grasende, friedliche Herde.
Anderntags, lange vor der festgesetzten Stunde, war die Fürstin auf der Schwelle des Kapellchens. Rhabanus weilte noch im Gebet.
Als er schließlich aus dem Heiligtum hervortrat, lag ein frohes Leuchten auf seinem friedlichen Antlitz.
„Heil Euch, gnädige Frau!“ jubelte er, „die Lösung ist gefunden. Es war kein Spiel trügerischer Einbildungskraft oder teuflicher Bosheit, das Euch an der klaren Quelle blendete. Was Ihr geschaut habt, war himmlischen Ursprungs. Ihr sahet die allerseligste Jungfrau; Ihr sahet das Kindlein Jesu. Die Königin des Friedens, die Mutter der Barmherzigkeit, hat Euch gnädig zugelächelt. Wohl Euch! Wer sie findet, findet das Leben und schöpfet Heil vom Herrn!“
„Aber was bedeuten die weißen, schwarzbebänderten Schäflein, Bruder Rhabanus!“
„Auch dieses kann ich Euch deuten, gnädige Frau. Die allerseligste Jungfrau hat eine Bitte an Euch!“
„Eine Bitte? Was könnte ich für die Königin des Friedens tun?“
„Gnädige Frau, dieses Tälchen gehört Euch. Hier möchte die Mutter der Erbarmung ein Heiligtum haben; hier an der klaren Quelle möchte sie verehrt werden von frommen, gottgeweihten Jungfrauen, Zisterzienserinnen, die hier ein Kloster gründen und ihr das Ave singen sollen von früh bis spät.“
„Ein Kloster Zisterzienserinnen?“ wiederholte die Gräfin mit wachsendem Staunen. „Bruder Rhabanus, das verstehe ich nicht. Woher entnehmt Ihr denn, daß Maria gerade Mitglieder dieses Ordens an der klaren Quelle wünscht?“
„Ich sehe es an der Farbe der Lämmchen, gnädige Frau. Ein Irrtum ist ausgeschlossen. Weiß sind nur die Zisterzienserinnen gekleidet, und ihr Skapulier ist schwarz.“
Die Gräfin nickte. Schon sah sie im Geiste den Wald gelichtet, die klare Quelle umbaut mit hohen, friedlichen Mauern, in ihrer Mitte ein schmuckes Kirchlein mit niedrigem
„Übrigens,“ fügte der Bruder hinzu, „kein Wunder, daß die Himmelskönigin gerade Zisterzienserinnen in diese Gegend ruft! Ist doch dieser Orden gestiftet zu Ehren Unserer Lieben Frau und hat die allerseligste Jungfrau stets eine besondere Vorliebe für die Stiftungen von Citeaux bekundet. Und ist nicht der berühmte Zisterzienser, St. Bernhard, selbst an dieser Stätte vorübergekommen und hat auf seiner Durchfahrt die klare Quelle gesegnet?“
Die Gräfin lauschte auf. Wohl hatte man ihr früher von dieser Durchreise des Dieners Gottes erzählt, aber sie hatte damals der flüchtig erwähnten Begebenheit keine besondere Bedeutung beigelegt. Nun aber fragte sie mit steigender Neugierde, ob Rhabanus vielleicht nähere Einzelheiten darüber wisse.
Statt der Antwort entschuldigte er sich auf einige Augenblicke und verschwand in seiner Hütte. Mit einem Stoß sorgsam verpackter Schreiben kam er zurück. Eine der Urkunden rollte er auseinander und reichte sie der Fürstin mit untertäniger Verbeugung hin. „Wollen gnädige Frau selbst lesen, was Bruder Wolfram, einer meiner Vorgänger in dieser Klause, darüber schreibt!“
Die Gräfin las:
„Im Jahre des Heils tausendeinhundertvierzigundsieben war unser heiliger Vater, Papst Eugen, der dritte dieses Namens, nach Frankreich gekommen, um einer Kirchenversammlung in der Stadt Reims vorzustehen. Zugegen war auch Adalbero, Erzbischof von Trier. Der lud den Papst und die ganze erlauchte Versammlung nach seiner Stadt Trier ein, wo sie die Weihe der St. Matthiaskirche

Chorschwester in Haustracht
Dieselbe in Chortracht
Ordenstracht der ehemaligen Zisterzienserinnen (Bernhardinerinnen) von Clairefontaine. (Nach einem alten Holzschnitt).
Donnerstags vor dem ersten Adventssonntag kam der päpstliche Zug in Arlon an, wo man übernachten sollte. Aber Kuno, der Verwalter der Bardenburg, erschien vor dem Papste und bat ihn untertänigst, seinen Weg bis zum besagten Schlosse fortzusetzen, wo man sich auf die Ankunft eines hohen Gastes gerichtet hätte. Der Papst sagte zu, und vom heiligen Bernhard begleitet, kam er zur Bardenburg.
Auf diesem Schlosse lag eines der Kinder des Verwalters krank. Es litt an einem schrecklichen Übel, und kein Arzt hatte ihm zu helfen vermocht. Bernhard, ganz ergriffen von den Seufzern, die das unglückliche Wesen ausstieß, neigte sich über dessen Lager, um dem Kleinen Mut zuzusprechen und ihn zu segnen. Und plötzlich einer göttlichen Eingebung folgend, nahm er das Kind, hüllte es in seinen Mönchsmantel und stieg mit ihm zur klaren Quelle. Er segnete das Wasser, gab dem Kinde zu trinken, und augenblicklich war es geheilt.
Anderntags zog der Papst mit Bernhard fort, aber die Erinnerung an ihr Vorüberkommen ist nicht mehr geschwunden.
Von da ab wurde die klare Quelle noch berühmter als zuvor, und in der Folge gab man ihr den Namen „Quelle des heiligen Bernhard“. Durch eine besondere Gunst der göttlichen Vorsehung hat sich die wunderbare Kraft, die der Segen des Dieners Gottes dieser Quelle vermittelt hat, ständig erhalten, und bis in unsere Tage fährt sie fort, Wunder zu wirken für die, welche sie mit Glauben und Vertrauen benützen.
So wollte dieser von Gott und seiner heiligen Mutter geliebte Mann, der zu Lebzeiten wohltätig und heilbringend für alle Leidenden sein mußte, durch das Wasser dieser heiligen Quelle auch nach seinem Tode die gleichen Wohltaten auf jene gießen, die sich an ihn wenden würden ...“
Über dem Lesen hatte sich das Gesicht der Gräfin mehr und mehr zu offenkundiger Freude erschlossen, und als sie die Rolle in die Hände des Eremiten zurückgab, jubelte sie mit tränenerfülltem Auge: „Ja, nun ist alles klar! Ich zweifle nicht mehr, daß es auch St. Bernhard war, der mir durch sein Gebet die unschätzbare Gnade

Der hl. Bernhard nach einem alten Porträt des Heiligen im Schlosse von Fontaine bei Dijon.
In Gedanken versunken, kehrte die Gräfin freudig heim.
Am Himmel zogen weiße Wolken langsam gegen Westen. „Schäflein der Höhe,“ flüsterte sie, „wandert friedlich weiter! Wandert über Land und tragt mit euerm Regen Wachstum und Gedeihen auf die Felder der Menschen! Und wenn ihr nach Jahren wiederkehrt, so schauet nieder ins stille Tal der Eisch! In ungestörter Einsamkeit werdet ihr dort andere Schäflein sehen, die in Gebet und Buße Gottes Segen, Gottes Frieden tragen in mein Volk und auch in meine Seele!“
