5. Kapitel. Zerstörte Glücksträume
Theodor Zenner translation

Wie mancher herrliche Tag hat in ungetrübter Sonne begonnen, und ehe sich seine Abendschatten auf die Dächer senken konnten, fand er in furchtbaren Gewitterstürmen ein jähes, unheilvolles Ende!
Wie waren die Ritter und Grafen des Luxemburger Landes so freudig und zahlreich zu den Hochzeitsfeierlichkeiten ihrer Fürstin gekommen! Aus tiefstem Herzen heraus hatten sie ihr und ihrem Gemahl die besten Glückwünsche für ein langes, friederfülltes Leben entgegengebracht.
Und doch sollte diese Vermählung nicht die Morgenröte einer wolkenlosen Zukunft, sondern der Auftakt zu einer an Schicksalsschlägen reichen Zeit werden.
Die Ursache ihrer ersten Tränen lag für Ermesinde in dem heftigen, kriegerischen Sinn ihres Mannes. Seine Gedanken standen auf den Kampf. Nur dann schien es ihm eigentlich wohl zu sein, wenn er an der Spitze seiner Söldlinge ins Feld ziehen und sich mit gebeugtem Nacken rücksichtslos in die größten Gefahren stürzen konnte.
Wohl suchte ihn die Gräfin nach und nach zu friedlicheren Gesinnungen umzuwandeln, aber ihr Bemühen war umsonst. Ein Rechtshandel drängte den anderen; und kaum war dieser geschlichtet, so hatte der Ränkesüchtige schon wieder Gelegenheit zu einem anderen gefunden, wobei ihm jeder, auch der fadenscheinigste Anlaß willkommene Handhabe bot.
Von Kampfes– und Abenteuerlust entbrannt, fiel er schließlich, trotz der Bitten und Tränen seiner Gattin, mit bewaffneter Hand in die Besitzungen des Bistums Metz ein und holte sich für dieses gottesräuberische Unterfangen die schwerste der kirchlichen Strafen, die Exkommunikation. In feierlicher Weise wurde sie über ihn ausgesprochen.
So war er denn ausgeschlossen vom erhebenden Besuch des Gottesdienstes und der tröstlichen Teilnahme an den Festen und Zeremonien der heiligen Kirche. Lebend war er gleichsam gestorben.
In rascher Folge verließen seine Diener das Schloß. Sie wollten nicht eingeschlossen werden in den furchtbaren Fluch, der auf ihrem Meister lastete.
Trauernd zog auch seine Gattin fort. Auf der Bardenburg wollte sie bessere Zeiten abwarten und den Himmel bestürmen, in Gebet und Almosen, daß er das Herz des Verstockten zur Einsicht und Umkehr wende.
Lange wollte sich sein stolzer Sinn nicht beugen. Lange wollte er sich nicht entschließen, das begangene Unrecht rückgängig zu machen und damit Verzeihung und Aufhebung seiner Strafe nachzusuchen.
Einsam und zürnend irrte er durch die öden, menschenleeren Hallen seiner grauen Burg.
War es nun diese drückende, unerträgliche Einsamkeit, waren es die Gebete und Tränen seiner Gattin, die sein hartes Herz erweichten; endlich gab er nach. Er versprach Besserung und Buße und bat um Nachlassung des Bannes.
Sie wurde ihm gewährt. Aber der Größe seines Vergehens entsprechend, sollte auch die Sühne sein, die er dafür übernehmen mußte. Im Frühjahr verließ er die Heimat, um in Südfrankreich an einem Kreuzzug gegen die Albigenser teilzunehmen, deren Irrlehre dort eine weite Verbreitung gefunden hatte.
Erleichtert atmete Ermesinde auf. Mochte auch der Kriegszug in so weite Ferne Gefahren mit sich bringen, Theobald war doch wieder mit seinem Gewissen und der Kirche ausgesöhnt und konnte sich auf die opferwillige Unterstützung und den Schutz seiner Mannen verlassen.

Theobald nimmt Abschied von Ermesinde.
Nach der Abreise ihres Gemahles nahm auch Ermesinde den Weg nach Frankreich. Während der Verstocktheit Theobalds hatte sie gelobt, eine Wallfahrt zum Grabe
Zahlreich waren die Boten, die ihr in der ersten Zeit Kunde vom Wohlbefinden ihres Mannes und seiner Kampfgenossen heimbrachten. Nur einige wenige waren bisher gefallen. Zugleich teilte der Graf mit, daß wenn keine besonderen Schwierigkeiten einträten, er mit dem kommenden Frühling nach Hause zurückzukehren hoffe, um von da ab ein kriegsfeindliches, friedliebendes Leben zu führen.
„Gott sei Dank!“ jubelte die Gräfin, „so wird am Ende doch noch alles gut werden!“
Während des Winters wurden die Nachrichten spärlicher.
„Kein Wunder!“ tröstete sich Ermesinde, „Südfrankreich ist weit entfernt, allenthalben herrscht eine grimmige Kälte, und die wenigen gangbaren Wege liegen tief verschneit.“
Mit der Weihnachtszeit setzte alle weitere Kunde aus.
Die Gräfin war darüber nicht übermäßig beunruhigt. Sie redete sich sogar ein, daß das eher als ein erfreuliches Zeichen der baldigen Heimkehr ihres Gatten gelten könnte. Als der Frühling vom Süden her immer näher kam, erwartete sie den Heimkehrenden von Tag zu Tag.
Doch Woche um Woche verstrich. Alle Nachmittage saß die Fürstin mit ihrer Hofdame droben auf der lorbeerumstandenen Terrasse des Schlosses und sehnsüchtig schaute sie nach Süden. Aber weder Ritter noch Reisiger zeigte sich auf der bestaubten Straße.
Immer mehr fühlte sich ihre Seele geängstigt und niedergedrückt. „Ach, Kunigunde,“ seufzte sie, „wie fühle
Als sie eines Tages mit Tränen in den Augen ihre Klage wiederholte, antwortete Kunigunde nicht. Ihr Auge war ganz lebhaft geworden und hing mit gespanntester Aufmerksamkeit an der von der Itzigerhöhe herabsteigenden Straße. Näherte sich doch von dort ein eigenartiger Zug!
Nun merkte auch die Fürstin die außergewöhnliche Erscheinung.
„Endlich!“ jauchzte sie, „endlich! Mein Hoffen war nicht umsonst! Siehst du, Kunigunde, um die Freude des Wiedersehens zu vergrößern, hat Theobald so lange nicht mehr geschrieben.“
Und sie erhob die Hand und winkte hastig und zitternd ein frohes Willkomm in die Ferne.
— Ob man nicht besser täte, den Herankommenden ins Tal entgegenzuziehen? —
Kunigunde riet davon ab. Allerdings sei auch sie überzeugt, daß es sich nur um Theobald und seine Krieger handeln könnte, doch sollte man sich vielleicht gedulden, bis man der Sache völlig sicher wäre.
„Kunigunde, kannst du denn die gräflichen Farben, blau und weiß, nicht unterscheiden?“
„Noch nicht, gnädige Frau! Wenn ich recht sehe, scheinen mir die Schilde und Lanzenwimpel eher von dunkler Farbe zu sein.“
„Der Staub der Straßen hat sie verdüstert, Kunigunde. Vielleicht handelt es sich auch um Trophäen, Waffenstücke, die man dem Feinde abgenommen und nun als Zeichen des Sieges freudig heimführt.“
„Frau Gräfin, die Schilde sind nach unten gekehrt. Wehe! das bedeutet keine frohe Heimkehr!“
“Man trauert um die Toten, die nicht wiederkehren. Du weißt doch, Dietrich von Bondorf und Arthur von Machern sind gefallen.“
Doch, wo sollte nur der Graf reiten? Weder an der Spitze des Zuges, noch am Schluß desselben sah man sein weißes Pferd ...
„Frau Gräfin, seh’ ich recht? Seht, im Zuge schreiten Mönche ... Und dort, seht dort, weitausgespannt die weißen Arme eines großen silbernen Kreuzes ... Und dort eine schwarzverhangene Bahre ...“
Entsetzt schrie die Gräfin auf. Unter dem Flor der Bahre sah sie die Farben ihres Hauses, blau und weiß, hervorleuchten. Nach Atem ringend, sank sie zurück und fiel bewußtlos in die Arme ihrer Hofdame.
Theobald war im Kriege gefallen. Trauernd brachten ihn die Seinen heim, um ihn in Luxemburger Erde zur letzten Ruhe zu betten.
Erst als der Sarg in dem mit Wappen reich gezierten Prunksaal des Schlosses Aufstellung gefunden hatte, kam Ermesinde zu sich; erst da erkannte sie die ganze Schwere des Schlages, der sie getroffen und die volle Wucht des Leides, das nun auf ihren Witwenschultern ruhte.
