Keiner Seele darf ich Antwort geben
Reading edition
(Dem lieben, guten Fritz Grieger)
Ihr im Sommer leeren Dächer, Dielen, Höfe, und ihr weißen Villen, deren schöne Fraun und Herrn an fernen Seen mit der Lässigkeit des Freiseins gehen; Bühnenhäuser, ausgebrannt wie Gruben; und ihr grün verstummten Vorstadtstuben, wo jetzt Stieglitze Verstecken spielen; Schulen, die in Ferien verwildern, Staub auf Bänken, Tafeln, Kaiserbildern, o wie lehnt ihr arm in eurer Leere, jede stöhnt: „Wie ich Getrieb entbehre! Wo sind meiner flinken Schwärme Füllen, daß sie mich in lauter Wärme hüllen, daß sie mich mit ihrem immer wachen Atemwind zu einer Harfe machen?“ Ach, den Glocken auf den Korridoren ist die strenge Stimme wie erfroren, und die Geige hat Gefühl und Jung-Sein und die Uhr ihr Augenlicht verloren, und der Treppen frühes Auf-dem-Sprung-sein hängt wie umgebracht und ungeboren!
O wie fühl ich eure arme Leere tief im Herzen mit und dieser bangen langen Weile laue Sonntags-Schwere!
Und der Barren und die Kletterstangen und der lustige Rundlauf sind Gespenster wie die Furcht der lautlos starren Fenster, die zuvor wie Morgenwälder sangen, wenn das Lineal verstohlen Takt schlug und das Pfeifen auf dem Federkasten einen Träumer zur beglänzten Schlacht trug . . .
Wie vergeh ich im erzwungnen Fasten der Buffets und ungedeckten Tische, wo die hellen Frauen rastend saßen und mit schmalen Gesten tastend aßen, und im Garten sterben eure Fische, denen Fremde gutzutun vergaßen!
Wie vergeh ich mit den leeren Stühlen der Parkette und der Logen-Lücken, und im Staub, wie eingestürzte Brücken, Trümmern so geblieben von Kulissen und Maschinen jäh gehemmt wie Mühlen, deren Rad mit Eins auf Halt gerissen!
Wie vergeh ich mit den Sofakissen und den Vasen und dem Aschenbecher hinter den geschlossnen Jalousien — wann wird wieder heimlich an gewissen Sonntagnachmittagen Schal und Fächer bei euch sein und jemand auf euch knien, wann Beschwörung immer schwüler, wilder und verwirrter Zärtlichkeit Geraun rinnen über Spiegel, Buch und Bilder und euch wieder in das Leben baun?
Wie vergeh ich grau in eurem Graun!
Aber ihr seid nur für kurze Zeit leichthin weggelegt und fast vergessen, nur für Wochen sachte eingeschneit, ihr habt Pflicht und Werk besessen, und es wird euch immer wieder werden, wenn mit weichen Wiederkehr-Geberden sich Willkommenkränze wehend winden und die ausgeruhten, muntern Füße euren Fliesen flinkre Tänze finden, und die alten guten Morgengrüße und die alten guten Schluß-Choräle wieder Glied an Glied zur Kette binden.
Wie beneid’ ich eure lauten Säle!
Denn ich bin ein ganzes banges Leben hilflos leergelassen und verschüttet, keiner Seele darf ich Antwort geben, keinem Lied im gleichen Echo schweben, keine müde Schwester betten, keiner Dürstenden den Krug zum Munde heben; niemand, wär’ er noch so wüst zerrüttet, der vor meinem Haus um Obdach bittet, niemand, der mich „lieben Lehrer“ nennt! Ungenützt verkümmern meine Gaben, weder Sommer darf, noch Herbst ich haben, und wie junges, grünes Gras verbrennt, geh’ ich ungeerntet aus als einer, der die eignen Kinder nicht erkennt.