VII. DAS MEER
Emil Bernhard translation
DER STURM
1
In Wolkenräumen Dort richtet er, Der Gnaden Säume Wallen aufs Meer. Der Mensch alleine, Wenn Gott ihm fehlt, Dient er dem Scheine Vom Trug beseelt. Aus Alltagsgrüften Steht froh er auf, Eilt übers Meer Den Heldenlauf. Doch ach, in Banden Der Schuld gefällt, Muß östlich landen, Wer westlich hält. Und er gesteht: Nicht seine Kraft Weist ihm den Weg Der Wanderschaft. Dann muß verzagen Das arme Herz Und klagen und fragen In Angst und Schmerz: Vor dir, dem Einen, Wo soll ich ziehn? Wohin vor deinem Geiste fliehn?
2
Wie donnernde Räder rasen die Wogen In mächtigem Sturz übers brausende Meer, Es finstert der Himmel, von Wolken umzogen, Es schäumen die Fluten dahin und daher. Da hebt sich der Abgrund und steigt in die Lüfte, Sein Brüllen bis hoch an die Wolken hallt, Es kochen die Tiefen, es schreien die Grüfte, Und keiner bändigt die tolle Gewalt. Es sinken die Helden! die Stürme zerjagen Zu Bergen und Tälern den donnernden Schlund: Turmhoch das Schiff in die Lüfte getragen Saust es hinab in den gähnenden Grund. Da suchen die Augen nach Schiffern und Knechten: – O schweige mir, Herz, und hoffe auf ihn, Der einst uns an Moses gewaltiger Rechten Durch Schlünde des Meeres ließ ruhevoll ziehn. So ruf’ ich ihn an, den Herrn aller Herren! Und fürchte nur eins: Meiner Sünden Gewalt. Ach, wenn sie nur jetzt nicht den Weg mir versperren, Nur jetzt nicht mein Jammern, mein Flehen verhallt!
3
Ha, das Meer! Wie rast es wieder! Ha, der Ost! Wie schmettert er nieder Mächtig den stolzen zedernen Mast! Schüttet herab den Sturm seiner Grimme, Daß sich der Nacken der Stolzen krümme, Und der Schiffsherr zitternd erblaßt. Kraftlos hängen dem Maste die Schwingen, Kann sie nicht heben, weiter zu dringen, Feuerlos siedet die Flut im Föhn. O wie verzweifeln die Herzen und stöhnen, Da sie die Ruderer hilflos frönen Und die Ruder sinken sehn. Armer Schiffsherr, Steuermann schlechter, Dumme Ruderer, blinde Wächter, Wo, wo ist nun euer Mut? Trunken tanzt das Schiff im Winde Und verschleudert an die Gründe Alle euch als feiles Gut. Seht, schon regt der Leviathan die Flossen, Kommt durchs tosende Meer geschossen, Ruft wie ein Bräut’gam die Gäste zum Schmaus; Und das Weltmeer mit gierigem Munde Schlingt seine Beute zum untersten Grunde: – Alles verloren, alles aus!
4
Nun schmachtet nach den Höhen Zu dir mein Augenpaar Und bringet dir mein Flehen Als ernste Gabe dar. Nun zittr’ ich meiner Zeiten Und bebe, wo ich bin, Wie Jona muß ich breiten Die Arme nach dir hin. Laß mich ans Schilfmeer denken Und träumen immerzu, Laß mich die Sehnsucht senken Im Liede nun zur Ruh! Der Jordanwunderzeiten Erfreu’ sich meine Brust, Das Herze mag sich weiten Als wie von Edens Lust; Bis es zu ihm getragen, Der Bitteres versüßt, Und der des Grimmes Tagen Als Tag der Hilfe grüßt. Ja, meine Augen hellen Zu ihm sich himmelan: Er legt durch Meer und Wellen Uns eine sichre Bahn. Und endlich auch sein Toben Uns Menschenkindern frommt, Da Winter uns und Sommer Aus seinem Odem kommt.
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So hat er seinen Zorn gewandt Vom niedern Sohne seiner Magd, Befreite aus dem Totenland Die arme Seele, die verzagt. Nun eilen schon die goldnen Höhn Hernieder auf den wilden Grund Und bringen den erregten Seen Hinab den schönsten Friedensbund. Da schweigt denn ganz der Schreckenslaut, Es ruht wie Oel das wilde Meer, Und keiner bebt und keinem graut, Und Freudenstimme rings umher. An die verzagten Herzen dringt Der Liebe Engelstimme schon, Ihr Schreiten aus den Höhen klingt, Ein tief geheimnisvoller Ton. So wird die Botschaft ausgesandt Dem Volk, das lang im Joche rang, Und das so hart des Drängers Hand, Des Leides Faust in Ketten zwang. Du wildbewegtes Volk der Wahl, Du gleichst dem Schiff in Sturmesnot, Doch naht gewiß auch dir einmal Das liederweckende Gebot: Heraus, heraus aus finstrer Nacht, O liebes Kind, zum Sonnenfirn, Sieh, Gottes himmelhohe Pracht Strahlt herrlich über deiner Stirn.
Holder Zephyr, deiner Lüfte Schwingen tragen Nardendüfte, Duft vom Apfelblütenstrauß! Wo des Krämers Würzen liegen, Dort begann dein frisches Fliegen, Nimmer in des Sturmes Haus. Schwalbenflügel schwingst du leise, Freiheit lautet deine Weise, Myrrhen streust du hin und her. Ach, wie freuen sich die Scharen, Die auf lockrer Planke fahren Mit dir übers weite Meer. Laß das Schiff nicht aus der Rechten, Nicht am Tage, nicht in Nächten, Brich durchs Meer ihm seine Bahn! Banne fest die tiefen Gründe, Bis, die Ruhstatt deiner Winde, Gottes heil’ge Berge nahn! Schilt den Ost, den Meeresstürmer, Flutenkocher, Wogentürmer: Hab’ ich denn noch freie Bahn? Ich Gefangner von Gewalten, Die noch jetzt im Zaum gehalten, Losgerissen schon mir nahn? Das Geheimnis meiner Flehen Bleibt bei Gottes Händen stehen, Der es mir verborgen hält: Er, der Höchste, schuf die Höhen, Er hat auch der Winde Wehen Heute gnädig mir bestellt.
Kommt die große Flut mit einem Mal? Läßt kein Land sich schauen in der Runde? Mensch und Tier und Vogel flohn die Stunde: Ist’s das Ende? Kommt die Todesqual? Säh’ ich einen Berg, ein Tal allein, Würde meine Seele ruhig werden, Und ein wüstes Fleckchen dieser Erden, Würde jetzt mir süße Labe sein. Ach, die Augen gehen um im Kreise: Nichts als Himmel, Flut, des Schiffes Knochen, Der Leviathan macht die Tiefe kochen, Und die Wellen schaun wie wilde Greise. Und das Meer verbirgt uns in den Wogen Wie der Räuber sein gestohlenes Gut: – – – Mag es rasen! Fröhlich ist mein Mut: Näher kommt die Heimat schon gezogen!