IV. FREUNDSCHAFT
Emil Bernhard translation
Fein sänftlich, Freund, bin nicht von Erz; Zürnst du noch lang, so bricht mein Herz. Bist du nicht Arzt? Was willst du noch? Unheilbar Weh, du heilst es doch! Trink Milch und Wein von meinem Mund, Um Wein und Milch mach’ mich gesund. Mein ganzes Herz ist dir bestimmt: Greif zu, eh es ein andrer nimmt!
„Sehnt sich deine Seele noch Nach der Jugend Borden, Da die dunkle Locke doch Lang schon weiß geworden? Soll das Leben für den Rest Dich noch lachen lehren, Da es reichlich dir entpreßt Bitterste der Zähren? Täglich gibst den Scheidebrief Du der Welt im Schmerze, Aber täglich widerrief Ihn dein schwaches Herze. Ob sie dir ins Antlitz spie Und verwarf dein Minnen, Stets durch neue Gaben sie Willst du dir gewinnen. Schon die weiße Taube küßt Dir den müden Scheitel; Fort der Rabe, und noch ist Jugend dir nicht eitel? Sag’, wer soll die arme Brust Wieder dir verjüngen, Wird die lang verwehte Lust Noch einmal gelingen? Wer soll wieder deinem Fuß Güldne Kettlein geben, Deine Hand zum Freudengruß Auf die Zimbel heben?“ – – – So fragt mancher, aber bloß, Wer das Aug’ nie kannte, Das vom Westen, sonnengroß, Mir sein Leuchten sandte. Diese Sonne wird mich nicht, Nimmermehr versengen, Wird als Schmuck ihr Strahlenlicht Um den Hals mir hängen, Auge, auch dem Vollmond nicht Gleichst du, fühlt der Dichter: Der verliert sein mattes Licht, Du wirst immer lichter. Hast mir auch zurückgebracht Helle Jugendträume, Die ich weit und fern gedacht Längst in alle Räume. Und weil so dein heller Strahl Sprach ein neues „Werde!“ Kann ich lieben noch einmal Diese schöne Erde.
Viele schon in meinem Herzen schufen Sich ein Heim: – Du sollst der Beste sein; Wird mein Herz dereinst die Freunde rufen, Sein Berufener bist du allein. Wenn ich über aller Sterne Schimmer Dann das Herz erhebe zu dem Firn, Find’ ich überm hohen Himmel immer Höher noch und stolzer deine Stirn. Dehnend dann, um deine Kraft zu fassen, Dieses Herze weit und weiter dringt, Bis es grenzenlos dahingelassen Rauschend aus der Erdensphäre springt. Staune nicht, ob meines Herzens Schoße, Daß du ihn so tief, so groß empfandst: Mich laß staunen, daß du dieses große, Dieses Herze so erfüllen kannst.
ABSCHIED
1
Wir kennen Abschied, dich von alten Tagen: Kein Strom so alt als wie der Strom der Tränen, Und Unrecht ist’s, die Zeiten anzuklagen: – Weh denen, die sie schlimm und schuldig wähnen! Kein Falsch ist droben bei dem höchsten Wesen, Die Sphären laufen nach gerechten Plänen. Auch ist schon alles einmal dagewesen, Die Hand des Herrn hat einmal nur geschrieben, Und neues ist hienieden nicht zu lesen; Wo seines Siegelringes Spur geblieben, Da blieb es, wie es war, und alles Neue Ist alt aus alter Zeit heraufgetrieben; Man küßt sich nur, daß man sich wieder scheue; Daß Völker sich aus einem Volk gebären, Brach man in alten Zeiten sich die Treue; Und wenn nicht jene alten Zeiten wären, Da sich die Menschen trennten ohne Reue, Die Welt wär’ menschenleer und öd’ geblieben.
2
Und andre Dinge gibt’s in diesem Leben, Der eine nennt sie gut, der andre schlecht, Fülle ist hier, doch Dürre liegt daneben; Der eine hat dem Leben abgeschworen Und wird zum Fluche gleich die Arme heben, Dem Tage fluchen, der ihn einst geboren. Demselben Tag, den andre wieder preisen, Und dessen Stunden ewig unverloren Hinrinnen ihm in lieblich frohen Gleisen. Den jungen Lippen und den lebensroten, Zu Honig werden ihnen alle Speisen, Den Kranken wird im Honig Gift geboten; Dem Kummervollen leuchten keine Sonnen, Sein Aug’ schaut nie des Lichtes Wunderboten, Und alle Helligkeit ist ihm verronnen; – Mein Auge auch versank in dunklen Nächten, Aus seinem Grunde brachen heiße Bronnen, Als heute schied der Freund von meiner Rechten.
3
Ihm rann der Weisheit Quell vom roten Munde, Es ruhte Gold in seiner Seele Schächten Und Edelstein im allertiefsten Grunde. Als ungezäumt noch seine Rosse standen, Saßen wir Herz an Herz im trauten Bunde Und froh in friedevollen Menschenlanden. Zwei Mütter haben uns dem Licht gegeben, Und doch wie Brüder uns die Menschen fanden, Denn Liebe einte uns zum Zwillingsleben. Auf grünem Hügel hat sie uns geboren, Wir lagen an den Brüsten süßer Reben, Als Wiege ward uns holder Duft erkoren. – Nun denk’ ich dein auf ödem Hügelland, Das gestern, da es dich noch nicht verloren, In Blumenbeeten und in Düften stand; Nun hängen heiße Tränentropfen nieder Von meiner Wimper schwer benetztem Rand, Und jede Träne hängt im Blute wieder: Du bist dahin! – Nun stehn auf deinen Wegen Wohl andre, singen auch wohl Friedenslieder, Doch weiß ich, wie sie Krieg im Herzen hegen. O fort mit ihnen! Ihre Zähne nagen An ekler Speise, während Mannaregen Und Süße einst auf deinen Lippen lagen.
4
Grimm und Glut den übermüt’gen Narren, Die sich selbst für zehnmal weise halten All in ihres Geistes dürren Sparren; Ihre Götzen sind in ihren Hirnen Reinster Glaube, doch als Zauber galten Immer meines Glaubens klare Stirnen. Wie sie sä’n und ernten ihre Gaben! Wie sie jauchzen zu des Himmels Firnen, Wenn sie leeres Stroh gedroschen haben! Hört mich, Freunde, Neues will ich künden: Meine Perlen will ich tief vergraben, Lichter hab ich, die sie wiederfinden. Aber wenn die Narren zu mir kommen: „Zeig’uns doch den Schatz in deinen Gründen!“ – Eine Antwort soll allein mir frommen: – Vor die Säue nimmer kommt mein Gold, In die Wüste – habt ihr wohl vernommen? – Niemals meiner Wolke Regen rollt! Fort mit euch! Ich brauche nicht die Zeiten! Ach, als wenn die Seele brauchen sollt’ Ihres Leibes eitle Nichtigkeiten! Ihr braucht mich, der Leib die Seele immer: Halte er sie fest! Zum Sternenschimmer Wird sie sonst, er selbst zur Tiefe gleiten!
Ist’s der Myrrhe zartes Düften? Oder Duft vom süßen Moste? Oder ist es in den Lüften Myrtenduft auf leisem Oste? Sind es Tränen, die ich schaue, Tränen auf verliebten Wangen? Oder ist’s im Morgentaue Rosenkelches Silberprangen? Ist’s die Laute im Verstecke, Die ich leise spielen höre? Oder hinter jener Hecke Sind’s die Nachtigallenchöre? – Oder ist das alles nur, All die Töne, all die Lichter, Des Erinnerns süße Spur An den weitberühmten Dichter? – – – – – – – – –
AN AARON BEN ZION ALAMANI
Dieser Schlummer möge währen, Diese Träume mögen glücken: Zu dem Fürsten will ich wallen, Dem sich meine Garben bücken. Dessen Gaben hochzupreisen, Mund und Herz und Seele singen, Und aus dessen Liederquellen Meine eignen Lieder springen. Denn von seinen Lieblichkeiten Sind die meinen nur entwendet: Zürn’ er nicht, daß all mein Sinnen Sich in ihm erschöpft und endet.
Trank die Erde wie ein Kindlein Gestern noch an Wolkenbrüsten Winternaß auf allen Hügeln; Eingeschlossen manches Stündlein Träumte sie von Liebeslüsten Wie ein Bräutchen hinter Riegeln. * Kühle Riegel keuschen Eises; Doch die Träume alle flogen Zu dem nächtlich süßen Spiele; Aber als mit eins ein leises Frühlingswehen kam gezogen, War ihr Träumen schon am Ziele. * Güldner Beete zarten Schimmer Legt sie an und Blütendecken, Buntgewirkt und buntgerändert – Wie ein hübsches Frauenzimmer Täglich unter Scherz und Necken Neu sich kleidet und bebändert. * Täglich andre Farben, Blüten: Wie ein Mädchen, ein geküßtes, Blaß und rot im Liebeswallen. Farben, wie sie niemals glühten: Wie gestohlner Schimmer ist es Aus den ew’gen Sternenhallen. * Kommt zum Garten mit dem Weine, Laßt uns seine Gluten nippen, Die entflammt am Liebesglühen: Schneekühl in des Kelches Scheine Läßt er hinter roten Lippen Erst die große Flamme sprühen. * Aus der Nächte dunkler Halle Steigt empor die goldne Sonne: So der Wein aus seinen Krügen. – Her die blitzenden Kristalle! Schenkt ihn ein, den Saft der Wonne! Trinken wir in vollen Zügen! – * Wandelnd nun im kühlen Schatten Sehen wir im Sommerregen Tränen auf der Erde Wangen; Doch es freuen sich die Matten Dieser Perlen allerwegen, Die vom goldnen Halsband sprangen; * Freuen sich am Duft des Weines, An der Schwalbe, an der Taube, Die im Busche gurrt und flattert, Wie ein Mägdelein, ein feines, Hinterm Vorhang in der Laube Heimlich kichert, leise schnattert. * Aber meine Seele wittert, Ob vielleicht in Morgenlüften Duft vom fernen Freunde schwebe; Und im Wind die Myrte zittert, Gibt dem Wind ihr zartes Düften, Daß dem Freund er’s weitergebe. * Und die Vögel singen tausend Lieder, und die Palmen mächtig Rauschend ihre Zweige schwingen: Hört mein Trauter, wie das brausend Anhebt, und sich alles prächtig Müht, ihm meinen Gruß zu bringen? – – – – – – – – –