I. GOTT
Emil Bernhard translation
Du Quell des wahren Lebens, Wie lauf’ ich nicht nach dir? Hab’ alles aufgegeben; Das irre, wirre Leben, Was ist es mir? Nur dich, nur dich zu schauen, Sehnt meine Seele sich: Vor dir nur will ich beben, Kenn’ keine Kraft im Leben Als deine, Herr, als dich. Könnt’ ich im Traum dich finden, Wie gerne schlief ich ein: Wollt nimmer auferstehen, Nein, schlafen, träumen, sehen – Und stille sein. Könnt’ dich im Herzen schauen Dein armes Erdenkind: – Hätt’ ich dich nur da drinnen, So jauchzte all mein Sinnen Und gerne wär’ ich blind!
Wenn die Sterne sich entzünden, Spür’ ich wieder Sommertage: Gartenpracht in Waldesgründen, Paukenschlag und Flötenklage. Wieder kehrt zum Arm die Spange, Goldener Ring, er kehrt zum Ohre, Gottes Haus, daß es empfange, Oeffnet meinem Haus die Tore. Alle meine Pforten münden Wieder ein in seine Pforte, Und aus tiefsten Herzensgründen Kehr’ ich heim zu meinem Horte. Ach, da läßt denn meine Seele Jubelnd seinen Namen klingen: – Und sein Ruhm in meiner Kehle, Und mein Mund beginnt zu singen!
AN DIE SEELE
Du, Seele, willst ins Vaterhaus, Im Traume schwingst du dich zur Höhe: Kein Traum nimmt dir dein tiefes Wehe, Dein Heimweh aus der Brust heraus. Der Traum vergeht, dir bleibt die Qual, Die Liebesqual, ihn zu erflehen Und dennoch fern ihm zu vergehen, Weil sich verhüllt sein heller Strahl. Und doch vergehst du nicht zum Tod, Allein zum freudigen Erheben, Denn nicht zum eitlen Wahn, – zum Streben Sandt’ in die Welt dich sein Gebot. Du gingst und brachst im Lebensgang Der Weisheit Siegel auf und Quellen, Und tief hinab in ihre Wellen Dein durstig heißes Auge sank. Und sank hinab und sog sich ein Die Weisheit, die du dir erkoren, Und der du hundertmal geschworen: – „Ich laß dich nicht! Ich bleibe dein!“
All meine Gebeine sprechen: Herr, wer ist wie du? Mein Leib und Leben Das stammt von dir, Durch dich sich regen Die Glieder mir; Mit Herzensgaben, Mit Lied und Sang Sie zu dir dringen Und opfernd bringen Sie meinen Dank. Es kam die Seele Aus deiner Hand, Der Wimper Leuchten Aus deinem Land; Aus deinem Rätsel Mein Sinnen quoll, Vor mir als Zeichen Stehst ohne Gleichen Du wundervoll. Wenn meine Liebe Dich ruft im Schmerz, Dich findet sicher Mein tiefstes Herz. Doch jedes Sinnen An dir sich bricht: Der Brust Gedanken, Der Träume Schwanken Ermißt dich nicht. Für uns bereitet Ein Banner steht, Dem, der dich sucht Ein Wimpel weht. Du bist den Treuen Nimmer versteckt, Nur, ach, die Sünde Mit dunkler Binde Das Auge deckt. Was ich erdichtet, Hast du erschaut Vom Tage, da du Meine Säulen erbaut; Du bist’s, der mir Das Herz bezwingt: Dunkelstes Achten, Geheimstes Trachten Nicht zu dir dringt.
Um sein Antlitz alle Frommen flehen, Alle wollen seine Gnade sehen, Seiner Liebe jungen Regenguß; Ist er selbst auch in den fernsten Weiten, Steht uns seine Liebe doch zur Seiten, Seiner großen Werke Ueberfluß. All sein Licht zu sehn, sind alle trunken; Aber finden sie den kleinsten Funken, Zittert schon ihr armes Herze ganz. Müssen seinem Reiche sich ergeben, Seinen Namen müssen sie erheben, Und in diesem Namen selig leben, – Selig preisen seinen Glanz.
Gottes Hand wird dich beschatten, Wird dir Decke sein und Hülle, Wenn in Redlichkeit und Stille Du dich birgst in seinem Schatten. Nimmer wird dein Fuß ermatten, Deine Hand bleibt stark hinieden: Suche, Seele, nur den Frieden, Frieden wird er dir erstatten.
Zu dir steht all mein Sehnen, Wenn auch die Lippe schweigt: Nur einmal möcht’ ich werben Um deine Gunst und sterben, Wenn sie sich mir geneigt. Nimm meinen Geist zu Händen: Ich schliefe fröhlich ein! Ach, ohne dich mein Leben Ist Tod, doch du kannst geben: Mein Tod wird Leben sein! Nur weiß ich nicht zu beten, Wie ich wohl beten soll: Lehr’ mich, wie man dich findet! Wenn mich die Torheit bindet, Erlös’ mich gnadenvoll! Lehr’ mich, das Haupt zu beugen, Solang mein Herz es faßt: Verwirf mich nicht auf Erden, Damit ich nicht muß werden Mir selber eine Last! Damit der Tag nicht komme, Wo alles auf mich drückt, Und gegen alles Trutzen Mein Herz sich ohne Nutzen Nun bücken muß und bückt! Daß mein Gebein dann welkte Und trüg’ mich nimmer fort, Und ich dann wandern müßte Zu einer andern Küste, Zu meiner Väter Ort. – Ein armer Wandrer wall’ ich Hin übers Erdenrund. Bin fremd auf allen Steigen, Mein ganzes Erb’ und Eigen Liegt drunten in dem Grund. Bis jetzt sorgt meine Jugend Noch für ihr Erdenteil: Wann endlich kommt der Morgen, Da meine Seele sorgen Wird für ihr Seelenheil? Die irdische Beschwerde, Die Gott ins Herz mir gab, Mich so in Ketten brachte, Daß nie ans Ende dachte Mein Herz und übers Grab. Wie kann sein Knecht ich heißen, Ich, aller Lüste Knecht? Wie kann ich höher streben? Schon morgen muß ich leben Mit Bruder Wurms Geschlecht. Kann ich denn Festtags lachen? Weiß ich, was morgen ist? Der Tag, die Nacht, die Stunde Verfolgen mich wie Hunde Und fällen mich mit List. Mein Geist verweht im Winde, Mein Leib fällt in den Sand: Ich muß es schweigend tragen, Die Triebe selber jagen Mich ja ins Totenland! – Was bleibt mir noch im Leben Als deine Gunst allein? Willst du mein Teil nicht bleiben, Was soll ich hier noch treiben? Wo wird mein Teil dann sein? Ich hab’ nicht gute Werke, Ganz nackt und bloß ich bin: Nur dein gerechter Willen Kann wie ein Mantel hüllen Den makelvollen Sinn. Was soll ich noch erbitten Von dir, mein einz’ger Hort? – Was soll ich noch erwähnen? Zu dir steht all mein Sehnen: Das ist mein letztes Wort.
Hin nach meines Lebens Quelle Immer mich mein Sehnen trage, Bis mich an des Grabes Schwelle Niederlegen meine Tage. Möcht’ die Seele weise werden! Heut noch hascht sie nach dem Winde: Und ist doch mein All auf Erden, Priesterteil und Angebinde. Möcht’ mein Herz sich wach erweisen, Fröhlich auf das Ende sehen: Jener Tag mag Schlummer heißen, Doch er ist ein Auferstehen; Jener Tag nach meinen Toden, Wo er richtet meine Fehle, Wo er meinen Geist und Odem Zieht in seine ew’ge Seele.
Wenn du allein des Herren harrst, Was ängsten dich die Zeiten? Lebt er in deiner heißen Brust, All irdisch Leid, all irdisch Lust, Was kann es dir bedeuten? ... Doch nein, du liegst im dunklen Grab Und willst es nicht erkennen, Du liegst in deiner Sinne Nacht Und kannst – kein Licht im finstern Schacht – Nicht Gut und Böse trennen. Es kommt der Tod: So wähle doch Des wahren Weges Breite! Ach, Seele, geh doch geradezu, Was irrst und läufst und taumelst du Zur recht’ und linken Seite? Die Wahrheit wähle! Tu es, tu’s! Denk, wie die Zeiten lügen! Laß dich nicht irren dort und hie, Betrüge sie, betrüge sie, Bevor sie dich betrügen. Ach, gute Seele, siehe zu, Ein Künft’ges zu erwerben: Gib alles hin mit leichtem Mut, Gib hin den Erben all dein Gut, Und werde selbst zum Erben!
Halt, o Herz! Wer darf sich wagen In des Herzenwägers Haus? Hüte dich, den Blick zu tragen In sein dunkles Reich hinaus. Wagtest du das frevle Abenteuer, Griffe dich ein flammenwildes Feuer. Lasse ab, dir zu erzwingen Seiner Rätsel dunkle Welt, Denn du hast kein Recht, zu dringen In die Tiefe, die ihn hält: Fort mit dir aus seinen ew’gen Hallen, Denn du darfst nicht unter Engeln wallen! Ihm befiehl du deine Wege, Daß er dir zur Seite bleibt, Ihm vertraue deine Stege, Wenn es dich ins Irre treibt! Mag dich Lust betören, Leid berühren: Er wird dich im rechten Gleise führen. Walle nicht die ird’schen Ziele, Gottes Zielen walle zu! Fürsten sind auf Erden viele, Doch nur einem diene du! Alle andern sind nur Knechtesknechte, Ihre Launen bleiben ihre Mächte. Einer nur, ein Ruhmesreicher, Nimmt dich an die ew’ge Brust, Trägt dich, ach, in wunderweicher Vaterhand zur höchsten Lust: Lerne eitlem Freundesrat entsagen, Lasse dich in seinem Lichte tragen! Er sei: deiner ersten Ernte Erste Frucht, dein höchstes Fest! Wenn die letzte sich entfernte, Dann sei er der letzte Rest: Deine Reue werde zum Altare, Werde deiner Sinne Flammenbahre! Jedem ist er ein Berater, Der in seiner Nähe wacht, Aber dem auch bleibt er Vater, Der die letzte Reise macht. Frage nicht und lass dich nicht verführen, Lausche still an seinen letzten Türen! Was er spricht, muß sich erfüllen, Sei’s zum Leben oder Tod, So wie einst auf seinen Willen Kam das erste Morgenrot: Und er sprach: – und alle Schatten scheuchten! Und er sah: – es war ein herrlich Leuchten!
Knechte der Zeit: – Knechte der Knechte! Aber der Freie, der einzig rechte, – Auch ein Knecht – dienet dem Herrn. Wähle sich jeder sein Teil! Mein Teil aber und Heil – Spricht mein Herz – bleibet der Herr.
Tag und Nacht will ich den Herren loben! Seiner Gnade Antlitz ließ er leuchten, Fenster brach er aus an Himmelswänden, Sonnen gab er, die uns Strahlen spenden, Strahlen, die die Finsternisse scheuchten. Doch er gab mir mehr: Von seinem Glanze Gab er mir, ich hab es froh genommen; Durfte seines Geistes Regen spüren, Ließ mich gern auf lichten Wegen führen, Wegen, die vom Sinaï gekommen. So war sein Gesetz in meinem Munde, Daß mich Honig seine Worte deuchten; Und in seiner Lehre lichten Flammen Jauchzte ich die ganze Welt zusammen: – – Brüder, seht, wie meine Augen leuchten!
Jugend ist wie leichte Flocken, Bald verweht vom ersten Wind; Sieh auf deine schwarzen Locken! Hast du es noch nicht vernommen? Weiße Boten angekommen: Und du schläfst, mein Weltenkind? Vöglein schüttelt sich am Morgen Von dem nächt’gen Silbertau; Also schüttle ird’sche Sorgen, Liebe Seele, dir vom Flügel, Steige über Strom und Hügel Lerchengleich ins Himmelblau. Freiheit wirst du droben finden Von dem Brausestrom der Tage: Liebe Seele, darum jage Hinter Gottes Spuren dicht, Und im stillen Kreis von allen Seelen, die zum Herren wallen, Walle hin zum ew’gen Licht.
Mein Gott, ich will dich ehren Und dein gerechtes Tun: Nur einmal braucht’ ich hören Und glaube alles nun. Nicht fragen und erproben Will dich dein Erdensohn: Du großer Bildner droben, Darf meistern dich der Ton? Ich hab’ dich manche Stunden Gesucht an manchem Ort, Ich habe dich gefunden Als Burg und Felsenhort. Du, der in klarem Feuer Dies Erdentum erhellt Und unverhüllt vom Schleier Durchstrahlt die schöne Welt. Sieh, alle Himmel preisen Dein Licht und deine Pracht, Da sie in ihren Kreisen Sich beugen deiner Macht; Die Engel, die da schweben Durch Feuer und durch Flut, Sie jauchzen und erheben Zu dir die heil’ge Glut. Zu dir, der alles führet, All diese Welten trägt, Und keinen Arm doch rühret Und keine Hand bewegt! Du, dessen Wunderwalten Die Höh’ und Tiefe hält Und heiliger Gestalten Geheimnisvolle Welt. Wer kündet uns das Weben, Das alle Wolken treibt? Das tiefverhüllte Leben, Das ewig droben bleibt? Und doch will er sich neigen Dem Kinde dieser Welt Und läßt sein Leuchten steigen Hinab aufs Erdenzelt. Und läßt vor Seheraugen Sein ganzes Bild erstehn; Sonst mochte nie ihm taugen, Daß Menschen ihn ersehn. Was nie sich wollt’ gestalten, Sein Bildnis oder Maß, – In königlichem Walten Prophetenauge sah’s. Die ungezählten Werke, Wer zählt sie alle vor? Heil dem, der seine Stärke Zu gründen sich erkor! Heil dem, der all sein Hoffen Auf ihn allein gelegt, Ihn, der die Welt so offen In seinen Armen trägt! Heil, wer mit heil’gem Bangen Ihn fürchtet und bekennt Und dankbar im Empfangen Sein Recht auch Recht benennt! Wirkt er für seines Knechtes Glück und Gedeihen doch: Es kommt ein Tag des Rechtes Dem großen Gotte noch! O zittre du und denke Und lerne wachsam sein: In dein Geheimnis senke Dein ganzes Sinnen ein! Woher bist du gekommen? Wo ist dein Grund gelegt! Wer hat dich einst genommen? Wer hegt dich und bewegt? – Schau hin auf Gott und sende Die wache Seele aus, Doch strecke deine Hände Du nimmer nach ihm aus! Du kannst doch nimmer finden Sein Ende und Beginn, Und nie wirst du ergründen Den rätselhaften Sinn.
Bevor du mich geschaffen, Hast du mich schon gekannt, Ich weiß, du wirst mich halten, Solang dein Geist wird walten In meiner Seele Land. Kann gehn ich, wenn dein Winken Mich an die Stelle zwängt? Kann ich denn bleiben stille, Wenn mich dein heil’ger Wille Mit Mächten vorwärts drängt? Was kann ich denn noch sagen? Mein Denken ist bei dir: Was ist denn all mein Wandeln, Was ist mein Tun und Handeln, Bist du nicht über mir? Ich kann dich ja nur suchen; Und du: – Zur Gnadenzeit Erhöre mich in Milde, Und mach zu einem Schilde Mir deine Huld bereit! Erwecke mich am Morgen Und mache mich recht wach, Daß ich in frohen Weisen Hinwalle, hochzupreisen Dich unter deinem Dach!
Ruhig, ruhig, liebe Seele! Wende dich zu Gottes Throne: Ird’sche Throne lasse liegen; Bist du erst emporgestiegen, Stiegest du zu ew’gem Lohne. Seele, gib dem Herrn die Ehre, Beuge dich ihm froh und gern: Droben unter Göttersöhnen Singe mit in Jubeltönen Deinem hochgelobten Herrn!