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Ein Diwan

JEHUDA HALEVI, seine Zeit, sein Leben und sein Schaffen

Emil Bernhard translation

von Emil Bernhard

I

Das Land Spanien breitet nach Süden seine Arme aus. Durch die Geradlinigkeit des Pyrenäenrückens von Europa getrennt, vermag es keinen regeren Verkehr mit den Völkern nördlich des Gebirges zu erzeugen, zumal die Stämme, welche am Fuße der bergigen Mauer wohnen, jenseits und diesseits einander zu ähnlich sind, um durch gegenseitige Bekanntschaft angeregt und bereichert zu werden. Darum wendet Spanien dem übrigen Europa den Rücken zu. Wie es aber im Norden verriegelt ist, so hält es im Süden die Tore offen. Während bis zum Guadalquivir hinab sich jenes weite zusammenhängende Hochland der iberischen Meseta erstreckt, das ein echt kontinentales Klima extremer Sommer- und Wintertemperaturen aufweist, beginnt nach Osten, Süden und Südwesten hin ein ganz anderes und wundervolles Bild. Ein Armausbreiten in der Tat: Als wenn das ganze Land in Liebe sich ergösse, treibt es die volle Herrlichkeit des Südens hervor. Es ist die Sonne der Mittelmeerländer, die hier scheint, ihre Blume ist es, die hier blüht, ihr Regen, der hier rauscht. Hier haben wir die wilden Gewitter, die im Nu kommen, und im Nu vergehen, den feinen Sonnenregen zurücklassend über der perlenbesäten Flur. Hier wandeln wir durch die lichten Wälder, die Maquidickichte, die Huertas und Vegas, jene herrlichen Gartenoasen, von Bächen durchrauscht hierhin und dorthin, wo die Granate flammt, und der Apfelbaum schimmert in der lichten Pracht seiner Blüten. Hier rauschen die Morgen- und Abendwinde über taubedeckte Täler und künden die Nacht an, die nirgends emporsteigt wie hier, so träumerisch erhaben, so schlummernd wach, so einsam und so beredt. Das ist das Land Andalusien, von dem der alte arabische Dichter einst sang: „Da es emportauchte aus des Meeres Flut, ward es wie eine Perle aus der Muschel gehoben. Da erbebten die Wogen vor Entzücken, als sie sich legten wie eine Kette um seinen Hals. Darum lächeln noch immer in ihm wonneerbebende Blüten, darum schmettern in ihm die Nachtigallen auf lauschenden Zweigen. Hier ist die Heimat meiner Lust. Weh mir, wenn ich je sie verlassen müßte! Hier nur ist ein Garten, die ganze Welt eine Wüste.“ Und als der unglückliche Emir von Sevilla, Al Motamid, im fernen Marokko eingekerkert saß und seine wundervollen Elegien sang, da bebte die Schönheit Andalusiens durch sein Lied: „O wie gerne möchte ich wissen, ob ich meinen Garten und meinen See wiedersehen werde in jenem stolzen Lande, wo die Oliven grünen, wo die Tauben girren, wo die Vögel ihr liebliches Gezwitscher ertönen lassen.“

II

Das Land Spanien breitet seine Arme nach Süden aus. Und der Süden stürzte in seine Arme. Nachdem die Halbinsel manche ethnische Revolution erlebt hatte, nachdem Kelten, Karthager, Phönizier, Römer, Vandalen schwere Erschütterungen über sie gebracht hatten, erhob sich im Anfang des achten Jahrhunderts die ganze, junge, unberührte Gewalt der Atlasländer und ergoß den heißen Strom ihrer Stämme übers Meer in die herrlich blühenden Fluren Andalusiens und weiter bis in den Norden hinein. Der Orient vermählte sich dem Okzident und brachte ihm als Morgengabe eine neue, kaum hundertjährige Kultur mit, die, eingepflanzt in die bunten Gärten Südspaniens, eine herrliche Blütezeit erlebte.

Nach der machtvollen Regierung der Ommajaden, vor allem der fünfzigjährigen des glänzenden Abderrahmân III. (912-961), der in der Millionenstadt Cordova, ein zweiter Salomo, alle Pracht und Bildung der Welt um sich sammelte, ward die arabische Herrschaft zwar bald durch lange Bürgerkriege in viele kleine Staaten zerschlagen, die Kultur aber erhielt sich in ihrer vollen, zauberhaften Schönheit. Im Gegenteil: Die Kleinstaaterei diente noch ihrer Förderung. All die Emire von Sevilla, Cordova, Granada, Malaga, Murcia waren zu schwach, als daß sie ihren Ehrgeiz in großen kriegerischen Unternehmungen befriedigen konnten. So suchten sie sich den Ruhm ihrer Vorgänger als Förderer und Pfleger der Künste und Wissenschaften zu erhalten und zu mehren. Und nie hat in einem Lande die Dichtkunst so geblüht wie in Andalusien.

Es war, als hätte diese gesegnete Erde nur darauf gewartet, von den Sohlen der freien, sangesfrohen Wüstensöhne, den Hütern der lauteren Sprache, den Schatzmeistern des reinen Arabisch berührt zu werden, um zu ewigen Jubeltönen zu erwachen. Da begann die Laute zu klingen vor den Balkonen in der Nacht zu feinen arabischen Sequidillas zum Lobe der Schönen: – „Zum Monde blickte ich, o Geliebte, und seinen Strahlen. Da nahm er einen Schleier und verhüllte sich: Er schämte sich, o Geliebte, als er dein holdes Antlitz sah. Deine Schönheit überwand ihn, er mußte sich verbergen.“ – Da tanzte und sang das Volk auf der Silberwiese von Sevilla, am grünen Ufer des Guadalquivir; sie warfen sich freundliche Worte in gereimter Rede zu, und hin und wider scholl das Lachen; und verkleidet unter ihnen wandelten die Fürsten und Prinzen und verlustierten sich im süßen Nichtstun. In der wundervollen Landschaft Silves hatte jeder Bauer das Talent, zu improvisieren. Wie sollte er auch nicht: Silves war die Perle in der silbernen Muschel Andalusiens. Als der genannte Al Motamid seinen Freund Ibn Ammâr als Statthalter nach Silves sandte, da brach er in Erinnerung an seine dort verlebten Jugendtage aus dem Stegreif in die Verse aus: – „Ach, wie oft haben dort die jungen, weißen und braunen Mädchen mir das Herz mit ihren süßen Blicken durchbohrt, als ob ihre Augen Dolche wären oder Lanzen! Und welche Nächte habe ich in jenem Tale am Ufer des Flusses mit der schönen Sängerin zugebracht, deren Armband dem zunehmenden Monde glich! Sie machte mich trunken durch Blicke, trunken durch Wein, trunken durch ihre Küsse!“

Wer singen und dichten konnte, war im schönen Andalusien nimmer verloren. Der Verbrecher, der zum Tode geführt wurde, konnte sich noch am Fuße seines Galgens befreien, wenn er einige anmutige Schmeichelworte in gereimter Rede zu sprechen vermochte. Der Bettler, der heute am Straßenrande lag, konnte morgen Wesir sein, wenn er, vom Emir in Versen angesprochen, in Versen antworten konnte. So wurde Ibn Ammâr von Al Motamid aus dem Staube erhoben, so hat derselbe Fürst auf der Gasse von Sevilla seine süße I’timâd, die Sklavin Romaikija, gefunden, das reizende Spielzeug seines Lebens bis zum Tage, da er nach Agmât wandern mußte in den Kerker seines Feindes.

Hand in Hand mit dieser tiefen Liebe zur Dichtung, dem höchsten Stolz des feingesitteten Andalusiers, ging die Pflege der Wissenschaften. Ueberall im Lande, in Cordova, Sevilla, Toledo, Valenzia, Almeriga, Malaga, Jaen, wuchsen islamische Akademien empor, denen umfangreiche Bibliotheken angegliedert waren, aufgesucht von den lernbegierigen Jünglingen der ganzen arabischen Welt. Hier wurde Philosophie, Grammatik, Lexikographie, Medizin gelehrt, und wie die andalusischen Jünglinge hinauszogen bis nach Bagdad, um die großen Lehrer des Islams zu hören, so kamen sie auch aus Syrien und dem Irak nach Cordova, um Schüler berühmter Meister genannt zu werden.

Dieses heiße Streben nach Bildung und Gesittung erhielt aber seinen höchsten Glanz durch die unerhörte Pracht, den maßlosen Reichtum, der sich in Städten wie Cordova, Sevilla, Toledo entfaltete. Bis in die dunkle Klause sächsischer Klöster drang die Kunde von diesem Reichtum: – „O Cordova, die helle Zierde der Welt, die junge, herrliche Stadt, stolz auf ihre Wehrkraft, berühmt durch ihre Wonnen, strahlend im Vollbesitz aller Dinge!“ sang die Nonne Hroswitha von Gondersheim. In der Tat, man kann sich heute kaum eine Vorstellung von dem Zauber machen, der damals diese Stadt erfüllte. Wer sie besuchte, mußte erst einen dichten Kranz marmorner Sommerpaläste durchwandern, die aus dem von Tausenden von Olivenbäumen bekränzten Ufer des in goldgrünen Wellen hinströmenden Guadalquivir emporragten und schon um das Jahr 950 achtundzwanzig Vorstädte bildeten. Kam er dann in die Stadt selbst mit ihren 113000 Häusern, 300 Bädern und 3000 Moscheen und betrat gar die große Moschee mit ihren „1300 Riesensäulen unter der gewaltigen Kuppel“, so mochte er sich schon dem Eindruck dieser stolzen Größe beugen, wenn ihm nicht schon vorher die Herrlichkeit dieser Welt überkommen war, da er die berühmte Brücke Abderrahmâns über den Guadalquivir, das Werk seines Lebens, zagend überschritten hatte. Aehnlich wirkte das lachende Sevilla mit seinen belebten Gassen inmitten der fruchtbaren Ebene, in der es lag, ähnlich das nördliche Toledo, das auf der natürlichen Feste eines hochragenden Felsens am Ufer des gelben Tajo gegründet war, Toledo, in dem Orient und Okzident am frühesten in innige Verbindung traten. Hier strömte das bildungsfähige Abendland zusammen, um in die Geheimnisse arabischer Weisheit einzudringen, hier bildeten sich schon im zwölften Jahrhundert förmliche Uebersetzungsschulen, welche die aristotelische Philosophie im arabischen Gewande der lernbegierigen Christenheit vermittelten.

Der Orient war es, der hier den blühenden Baum in den Garten des Okzidents gepflanzt hat. Er hat die Schönheit Andalusiens erst geschaffen. Die Schönheit der natürlichen ebenso wie der geistigen Kultur. Die Hände der Wüstensöhne hatten das ganze Land mit Kanälen und Wasserwerken durchzogen und dem Boden seine Fruchtbarkeit abgerungen, ihr Lied und Sang, ihr Denken und Forschen war es, was auch die Menschen des Landes eroberte. Es war eine starke Besitzergreifung. So stark, daß durch die Vermählung von Land und Menschen bald ein neues Volk geboren war, eine jungfräuliche Nation mit neuem, bald im ganzen Orient berühmtem Namen: – El Andalus.

III

An der Wende dieses glücklichen und reichen Zeitalters, in den letzten Strahlen seiner untergehenden Sonne, wurde zu Toledo um das Jahr 1083 Jehuda ben Samuel ben Samuel Halevi, oder, wie er arabisch hieß, Abul Hasan Allâwi, geboren. Die Familie, der er entstammte, war unbekannt, aber nicht arm. Wenn er auch im zartesten Alter die Belagerung Toledos (1085) und die Judenverfolgung in derselben Stadt (1090) erlebt hat, scheint doch seine Jugend glücklich gewesen zu sein, um so glücklicher, als er aller Wahrscheinlichkeit nach das einzige Kind seiner Eltern war. Bald aber entwöhnte ihn das rauhe Schicksal dieser „Milch der Jugendtage“. Der Vater muß frühzeitig gestorben sein. Er ließ den Knaben mit der Mutter zurück, welche seine ersten bitteren Enttäuschungen noch miterleben mußte.

Nach der Sitte der Zeit wurde der Knabe mit den schwarzen Locken und den dunklen feurigen Augen, die über braunen, gesunden Wangen leuchteten, früh in die Sprache und Lehre seiner Väter eingeweiht. Mit dreizehn Jahren sprach und schrieb er ein vollendetes Hebräisch und war gleichzeitig tief in die Kenntnis der arabischen Literatur wie der ganzen Zeitkultur eingedrungen. Er hat also seine erste Jugend, obgleich im christlichen Spanien, doch an der Grenze der mohammedanischen Kultur zugebracht. Dort hat er die arabische Kasside singen gelernt, das Preisgedicht, die poetische Epistel, sowie die kunstvollen Gürtel- und Kettenlieder, die damals in Spanien aufkamen.

Um jene Zeit erfüllte der Name Abû Harûn Mose ibn Esras, des religiösen Dichters, die jüdische Welt Spaniens. Dieser kaum mehr als fünfundzwanzig Jahre alte Dichter lebte wie die meisten Ibn Esras in Granada, jener Stadt im Süden Spaniens, die damals so viel Juden hatte, daß man sie schlechthin die „Stadt der Juden“ nannte. Da erhielt er eines Tages aus dem fernen Norden eine poetische Epistel. Von der Hand eines Kindes. Und las. Und war erschüttert. Dann setzte er sich nieder und schrieb die Antwort:

Ein Kind noch jung, ein Knabe zart, Will Geistesfelsen rücken? Stößt Helden in den Staub hinab Und läßt als rot und weißer Knab’ Schon volle Blüten blicken? So ist’s: Vom Norden strahlt er auf Und füllt mit Licht die Auen. Die ganze Weite ist erhellt, Noch höher als das Sternenzelt Könnt seine Hand ihr schauen.

Mose ibn Esra hat das Verdienst, Jehuda Halevi „entdeckt“ zu haben. Er tat es im guten Sinne des Wortes. Er gewann eine vollständige Herrschaft über den jungen Dichter, der sich ihm mit ganzer überschwenglicher Seele hingab. Der junge Jehuda war eine zarte, deutlich feminine Natur. Bei einem ausgesprochen genialen Selbstbewußtsein war er die Demut selbst vor seinen Freunden, die er fast immer überschätzte. Er vergötterte sie. Er dichtete ihnen die Eigenschaften an, die ihm selber fehlten. Oft erzürnte er sich mit ihnen, immer aber war er derjenige, der um Verzeihung bat. Es ist rührend zu sehen, wie häufig er in seinen Episteln an die erzürnten Freunde nach einer Schuld sucht, die nicht vorhanden ist. Von keinem aber ließ er sich so beherrschen, wie von Mose ibn Esra. Als er sich schon dem Gipfel seines Ruhmes nähert, fühlt er sich noch als sein Jünger. Wenn er dem Meister seine Verse schickt, ist es ihm, als schickte er Boten an den Gesalbten Gottes, den König. Und er läßt sie zum Könige sprechen:

Herr, o trage unsre Last, Laß uns selbst nicht Sünde tragen, Wenn in unbeholfner Hast Wir dein Lob zu singen wagen. Was wir bringen, ist ja noch Keine Blüte, Knospe eben, Aber einstmals soll es doch Hier auch Frucht und Blüte geben.

Mose ibn Esra war ihm der, welcher berufen war, ihn zu läutern, „das Gold zu scheiden von seiner Schlacke“. Er war ihm dichterisches und menschliches Ideal, das Urbild der Demut und Selbstbeherrschung. Welch trauriger Irrtum: Mose ibn Esra führte ein wilderes, zerfahreneres Leben als Jehuda Halevi, dem aller Jammer, dessen sein Leben voll war, von einem herrlichen Frohgemüt übersonnt war, während der andere an seinen eigenen Launen zerschellte.

Am Ende des Lebens entfremdeten sich die Freunde, wofür die Schuld wohl eher in Mose ibn Esra zu suchen sein wird, den der strahlende Ruhm des Jüngeren seinem Charakter nach kränken mußte. Als er 1138 starb, sang ihm Halevi dennoch das Grablied: – „Mose, Mose, mein Bruder, Licht meines Mondes, meine Sonne, meine Leuchte, meines Glanzes Quell von alten Tagen her!“ –

IV

Vom Norden her sandte Jehuda Halevi seine ersten Verse nach dem schönen Granada. Dann aber kam er selbst nach dem Süden. Warum? – Wir wissen es nicht. So klar uns der Lebens- und Stimmungsgehalt der nun folgenden Epoche ist, so dunkel und tatsachenarm ist sie. Um 1100, also mit ungefähr siebzehn Jahren, befand sich der Dichter schon im Süden Spaniens, und zwar zunächst im Südwesten. Die allgemein verbreitete Annahme, daß er die Hochschule des berühmtesten jüdischen Gesetzlehrers jener Zeit, Isak Alfasi, in Lucena besucht habe, ist nichts als eine leere Vermutung, die sich auf die Tatsache stützt, daß er beim Tode Alfasis (1103) sechs Zeilen schrieb und die Einsetzung des jungen, ihm befreundeten Josef ibn Migasch in den erledigten Lehrstuhl dieses Meisters in einem Hymnus feierte. Jehuda Halevi zeigt in allen seinen Werken keineswegs mehr, eher weniger als die talmudische Durchschnittsbildung seiner Zeit. Vielmehr ist anzunehmen, daß dem herangewachsenen Jüngling die einfache materielle Sorge nach dem an Existenzmöglichkeiten reicheren Süden trieb. Mit seiner Ankunft in Andalusien beginnt eine Zeit der Kämpfe und Irrfahrten für ihn. Von Stadt zu Stadt wanderte er, ohne einen festen Halt zu gewinnen. Der Kampf um den Bissen Brot jagte ihn durchs Land. Sevilla, Granada, Guadix, Malaga, Lucena waren die Städte, in denen er sich aufhielt, doch immer nur kurze Zeit. Den Arztberuf, dem er später oblag, scheint er hier noch nicht ausgeübt zu haben. Vielmehr lebte er allem Anschein nach von seiner Feder. Er dichtete Hochzeitslieder und erhielt Honorare dafür. Er besang die Koryphäen seiner Zeit, die ihm ihrerseits Ehrensolde übersandten, oder ihn, wie es Sitte war, in ihrem Hause wohnen, an ihrem Tische essen ließen. Zeitweise ging es ihm so erbärmlich, daß er an reiche Leute Bettelgedichte richten mußte, um sein Leben zu fristen. Es war nur zu verständlich, daß sich in dieser Zeit seiner im tiefsten Grunde heiteren und lebensfrohen Seele recht oft die verzweifeltsten Stimmungen bemächtigten. Er fühlte sich von allen verlassen und es war ihm, als hätte sich die ganze Welt gegen ihn verschworen. Einsam und verwaist nannte er sich. Dabei wuchs natürlich sein Bedürfnis nach Freundschaft, noch mehr aber seine Empfindlichkeit. So geriet er immer tiefer in eine Stimmung hinein, welche der Kulturstimmung jener Zeit ähnlich war: Weltschmerz und Lebensverachtung.

V

Auf die Epoche des Glanzes war in Andalusien eine Epoche der tiefsten Erniedrigung gefolgt. Der Stern des Islam war im Verblassen. Vom Norden her bohrte das Königreich Kastilien seinen Stachel den Mauren immer tiefer ins Fleisch. Nachdem Ferdinand (1037-1067) gestorben war, bestieg sein Sohn Alfons VI. den Thron von Kastilien. Dieser übernahm den Kampf gegen den Islam als heiliges Vermächtnis von seinem Vater, und es gelang ihm infolge der Zersplitterung des mohammedanischen Spaniens, die kleinen Territorialfürsten Andalusiens zum Tribut zu zwingen. 1085 wagte er den ersten großen Vorstoß, dem der wichtigste Verteidigungspunkt der Mauren, der Turm am Tore Andalusiens, Toledo, zum Opfer fiel. Ganz Südspanien erbebte unter diesem Schlage. Die Verwirrung und Angst wuchs von Tag zu Tag. Da tat der Emir von Sevilla, der schon mehrfach genannte Al Motamid, den verhängnisvollsten Schritt, den er überhaupt tun konnte. Er rief den in Nordafrika regierenden Almoraviden Jussuf ibn Taschfîn mit seinen Berberscharen zu Hilfe. Dieser kam und erfocht gegen die Christen in der furchtbaren Schlacht von Sallaka (1086) einen vollen Sieg. Der Süden schien gerettet. Nach der Schlacht ließ Jussuf aus den gefallenen Christenleibern einen Riesenturm aufschichten, von dessen Spitze der Muezzin nach allen vier Winden ausrufen mußte, daß es keinen Gott gebe außer Allah: lâ allâh ill’ allâh. Trotzdem blieb der Sieg unausgenutzt, und als Jussuf nach Nordafrika zurückgekehrt war, stand alles wie vorher. Wieder stieg die Not aufs Höchste. Da erschien Motamid selbst in Nordafrika, um Jussuf persönlich zu veranlassen, noch einmal der Retter zu sein. Jussuf kam. Aber er ging nicht wieder, ohne sich seinen Lohn genommen zu haben. Er machte dem Zaunkönigtum in Andalusien mit einem Schlage ein Ende, Granada und Malaga fielen, dann Cordova und Carmona. Al Motamid mit seinen Söhnen wehrte sich tapfer. Aber es half ihm nichts. Er mußte den schrecklichen Tod seiner Söhne erleben, um schließlich in den Kerker zu Adschmât zu wandern, wo er nach vier Jahren schwerer innerer Leiden, gebrochen an Leib und Herzen, seine königliche Dichterseele aushauchte. Das war im Jahre 1095.

Jussuf ibn Taschfîn hatte Andalusien unterworfen. Geholfen aber hatten ihm dabei nicht nur seine wilden Berbern, sondern auch als unversöhnlichste Truppe die orthodoxen Gelehrten des Islam, die Fakîhs. Sie begannen jetzt das Regiment zu führen. An Stelle der früheren Schönheit und Leichtigkeit des Lebens machte sich der bigotte Geist dieser orthodoxen Emporkömmlinge breit. Frömmelei und Beterei vernichteten alle Blüten der früheren Freiheit. Die graziöse Geste der Lebensfreude wurde erstickt in dem Buchstabenknäuel des koranischen Gesetzes. Ketzerriecherei und Angebertum schlossen den fröhlich leichtsinnigen Mund des gebildeten Volkes. Als gar Jussuf das Zeitliche gesegnet hatte (1106), und sein bigotter, unbedeutender Sohn Alî an seine Stelle trat, stieg die innere Not Andalusiens auf den Gipfel. Niemand fühlte sich im Lande wohl außer den Fakîhs und dem Pöbel. Die Philosophen schwiegen, denn Philosophie war verpönt. Die Freigeisterei wurde verfolgt. In den Städten spielten die brutalen, unsauberen Berbern die Hauptrolle. Die Dichter, noch vor zwanzig Jahren die Lieblinge des Volkes, gerieten in tiefste Armut. Sie hatten keine Beschützer mehr. Wer von ihnen nichts auf sich hielt, lief den Fakîhs nach und sang ihr Lob, um von ihnen Geld zu erhalten. Die Spekulation auf die Eitelkeit dieser frommen Leute war auch richtig, aber sie bezahlten schlecht, und wer seine Kunst in Ehren hielt, mochte sie nicht besingen. Ibn Bakî, einer der begabtesten Dichter, welche Andalusien überhaupt hatte, irrte wie ein Landstreicher von Stadt zu Stadt.

Es ist kein Wunder, daß unter diesen Umständen der bessere Teil der andalusischen Bevölkerung in dumpfe Verzweiflung geriet. Die meisten von ihnen hatten die schönen Tage der Freiheit noch gesehen. Um so tiefer deuchte ihnen jetzt ihr Fall. Es war alles so schnell gekommen. Was früher unten war, war jetzt oben, die Verachtetsten waren die Mächtigsten geworden. So wurde dem Volke damals mehr denn je das Wechselspiel des Lebens klar. Und da der Druck immer unleidlicher wurde, so kam es, daß im Lande die alten Lebenswerte entwertet wurden, und die Sehnsucht nach etwas Neuem, Höherem erwachte.

VI

So war in Andalusien der Boden beackert für die Saat eines neuen Wissens, das gerade damals in Spanien seinen Einzug hielt. Es war die Inbrunst des Persers Al Gazzâlî, welche den Samen auswarf. Dieser wundersame Mann, der im Jahre 1059 in dem kleinen zu Tus gehörigen Städtchen Gazzâlah geboren ward, war nach mannigfachem Suchen und Forschen an allem irre geworden, was seine Zeit ihm bot. Die islamische Theologie, die an der Schale haftend ihre ganze Kraft an kalten Rechtsfragen halb und ganz ritueller Natur vergeudete, ekelte ihn an. Die Philosophie, die im Geiste die vollkommenste Macht gefunden zu haben glaubte, befriedigte ihn nicht, sondern brachte ihn nach langem Studium zu verzweifelter Skepsis. Hier wie dort erfror ihm die Seele. Die Spekulation war ebenso kalt wie die Dogmatik. Dies wird ihm zum schwersten Kampfe seines Lebens. Tiefe religiöse Erschütterungen machen ihn an Leib und Seele siech. So erfolgt im Jahre 1095 sein aufsehenerregender Abgang von der Bagdader Akademie, an der er ein bedeutendes Lehramt innehatte. Er ging, um sich ganz dem beschaulich einsamen Leben eines Sûfî[1] hinzugeben. Aus dieser Einsamkeit heraus, die im Jahre 1111 mit seinem Tode endete, predigte er der Welt seine neue Lehre.

Es ist eine tiefe, inbrünstige und leidenschaftliche Religion, die er vom Menschen verlangt. Eine Religion, in deren Mittelpunkt die Seele steht. Sie ist die Macht aller Mächte. Aber diese Macht ist gebunden, gebunden in des Leibes irdischer Leidenschaft. Zwei Welten gibt es, el mulk und el malkût, die Welt des Sichtbaren und des Unsichtbaren. Zwei Tore hat die Seele den Welten entsprechend: Das Tor nach außen und das Tor nach innen. Glaube aber nicht, daß du das Tor nach innen wirst öffnen können, wenn du den Riegel des Leibes nicht zu sprengen vermagst. Befreie dich vom Leibe, vom irdischen Hang, so wird dein inneres Auge schauen, was nie dein äußeres sah. So wird der Aufstieg nach el malkût gelingen, und Auge in Auge wirst du schauen den Herrn. Ewig aber wird er dir verborgen sein, wenn du nicht zur Reue dringen kannst, wenn dein Herz des Irdischen sich nicht zu entschlagen vermag. Ein Kelch ist dein Herz: Solange der noch voll Wasser ist, hat er für den Wein keinen Platz. Laß das Wasser auslaufen, o Herz! Die Liebe wird es vollbringen, deine Liebe zu Gott. Die Welt ist ein Kerker, der dich hindert, den ewig Geliebten zu schaun. In der Stunde des Todes springt der Kerker auf, die Fesseln fallen, du bist bei deinem Geliebten. Und vorher nicht? Erst der Tod ist das Erwachen? Ruhig, Seele! Du kannst das Erwachen vorwegnehmen. Läutere dich durch die gute Tat. Sie ist die Brücke, die hinüberführt zu el malkût. Reue und Zerknirschung, Andacht und Inbrunst, Versenkung und Kasteiung tragen dich zu ihm, dem Einzigen, den du suchst. Mit Schleiern bedeckt ist heute deine Seele, so du aber Gott deine Inbrunst gibst, so wird er einen Schleier nach dem anderen von dir nehmen, bis du ihm nahe bist, ihn im klarsten Lichte zu schaun wie einst die Propheten. Dann hast du den Frieden. –

Es war die Religion seines Lebens, die Gazzâlî lehrte. Es war nur natürlich, daß sie wirkte wie das Leben. Als das berühmte Buch des Philosophen über „die Belebung der Religionswissenschaften“ nach Andalusien kam, rief es eine ungeheure Aufregung hervor. Während die ernsteren Geister, die unter dem Drucke der almoravidischen Fakîhs seelisch zugrunde gingen, das Erlösende der Lehre nur zu tief verspürt haben mögen, entfesselte sie bei den Theologen helle Wut. Obwohl das Buch keineswegs heterodox war, fühlten diese doch, daß der Geist ihnen im innersten fremd war. So verketzerten sie das Buch und setzten durch, daß es nicht bloß in Cordova und allen anderen Städten des Reiches verbrannt, sondern sogar der Besitz eines Exemplars bei Todesstrafe verboten wurde.

VII

Damals lernte auch Jehuda Halevi die Schriften Gazzâlîs kennen. Das wurde ihm Ereignis. Was alle damals bewegte, mußte auch ihn bewegen. Ja, mußte ihn tiefer bewegen als alle, weil er Jude war und doppeltes Leid trug. Mit dem Eindringen der Almoraviden in Spanien hatte für die Juden eine schlimme Zeit begonnen. Während ihre Edlen früher an den heiteren Höfen von Malaga, Sevilla und Cordova hohe Stellungen einnahmen, und das Volk unter ihrem Schutze ein freies Leben führen durfte, so daß auch in seiner Mitte Kunst und Wissenschaft blühten, lösten jetzt Verfolgungen, Erpressungen und fanatische Bekehrungsversuche einander ab. Jehuda Halevi litt entsetzlich. Der von König Jussuf an den Juden Lucenas geübte Gewaltstreich (1107), der vielfache Frauenraub berberischer Horden, die Ermordung seines Freundes Salomo ibn Farusal (1108), warfen dunkle Schatten in sein Gemüt. Dazu kam sein damals auf den Gipfel gestiegenes persönliches Elend: Hunger, vielfach erfahrener Undank, das Bewußtsein, andere minder Befähigte erfolgreich, sich selbst aber immer „in des Lebens letzter Reihe“ zu sehen, all das wirkte zusammen, seine Lebensanschauung bestimmend zu gestalten. Was war ihm das Leben? – Ewige Versagung. Was war ihm die Welt? – Eitel Schaum.

So kam er zu Stunden tiefster Verzweiflung, die ihn an sein Leben mit der letzten Frage herantreten ließen. Ein ergreifendes Zeugnis solcher Stunden blieb uns in jenem herrlichen Gedicht aufbewahrt, in dem er im Traume die tröstenden Freunde zu sich kommen sieht. Was soll ihm ihr Trost? Muß er nicht bei ihnen volle Garben und bei sich die ewig dürren Halme sehen?

Ich von allen meinen Lieben Bin allein in meiner Kammer Heimgesucht von allem Jammer, Aller Nöte Kind geblieben. Was noch kann die Zeit mir geben? Such’ ich, was ich nie erworben? – Ach, ich bin schon längst gestorben, Und ich hab’ kein Recht zu leben!

Daß der junge Dichter solchen Stimmungen anheimfallen konnte, zeugt von der tiefen seelischen Not, die ihn oftmals gedrückt haben muß. Diese Not muß um so tiefer vorgestellt werden, als er von Natur eine glückhelle Seele war. Der geringste Sonnenstrahl, der in sein Elend fiel, half ihm über ewige Nächte hinweg. Wie leicht wäre er zufrieden gewesen! Er war kein Weltfeind, und nichts war ihm fremder als Menschenmäkelei. Gern hätte er mit der Welt in Frieden gelebt. Aber immer wieder mußte er ihr Dirnentum erkennen:

Wenn ein Mann schon mit ihr leben will, Sie zur Gattin sich erheben will, Muß er sich mit einer Dirne plagen.

So kam er schließlich dahin, daß er sich vollständig zu verlieren drohte und an das Glück nicht einmal zu glauben vermochte, wenn es an seinem Halse lag. Es kamen frohe Stunden, Stunden der Liebe, der Freundschaft, der Anerkennung, der materiellen Sicherheit. Da wußte er sie nicht zu genießen: „Nur wenn es mir schlecht geht, bin ich stark,“ so klagt er, „und zittere, wenn mir das Glück lächelt; denn morgen wird es nicht mehr sein.“ Oft war er nahe daran, seinen Jammer zu vergessen und sich des Heute zu freuen, das so schön war und so voll Trostes, da traf es ihn plötzlich wie ein Stich in die Brust: Alles Lüge, alles Lüge! „Die Welt will mich einlullen, ihr Elend zu vergessen. Fast gelingt es ihr. Aber ich kenne ihr schlimmes Tun, ich kenne es.“ Sein ursprünglich heiteres Gemüt war verdunkelt. Seine Seele war müde geworden.

Und doch sollte die Verzweiflung ihn nicht haben. In seiner schlimmsten Zeit scheint es gewesen zu sein, als ihm die Persönlichkeit Gazzâlîs entgegentrat und ihm den Rückweg zu sich selber zeigte. Hier war einer, der all das für verachtenswert erklärte, was ihm selbst, Jehuda Halevi, versagt war, all das für ewigen Reichtum, was er bei sich trug. Einer, der die Eitelkeit alles Irdischen, die Hohlheit des Lebens, die Nichtigkeit des Denkens an sich selber erlebt hatte. Und dem aus dem Chaos der Triebe, Wünsche, Sehnsuchten, aus den Trümmern, die er, selbst geschlagen, nur ein einziges Wertvolles sich gesondert hatte, ein Diamant unter den Scherben seines Lebens: Die Seele. Die Seele, die aus Gott kam, zu Gott will, in Gott ist. Jehuda Halevi fand sich in Gazzâlî wieder. Der brachte ihm den Sieg über sich selbst, die Begründung seiner Religion fürs ganze Leben. Der Einfluß ist unverkennbar. Jene geheimnisvollen Lieder Jehuda Halevis an die Seele sind ein tiefgehender Beweis. Es ist dieselbe vibrierende Stimme, die aus ihnen und dem religiösen Bekenntnis des arabischen Meisters spricht. Das Leben ein Traum, ein Erwachen der Tod, aber die hingegebene Seele findet den Weg zu ihm schon vor dem Tode, vermag sich selbst die Pforten aufzubrechen, den Kelch sich zu füllen aus dem Brunnen der Ewigkeiten. O Seele, du liegst im Sarge deiner Sinne, du moderst bei Lebzeiten, wenn du die Welt nicht zu verachten vermagst. Wirf hin, was du hast, so hast du ewigen Reichtum. Laß hinter dir die Erde, steig empor zu ihm, zu seinem Throne, siehe, er kommt dir entgegen, sein Geheimstes vermagst du zu schauen:

Wer kündet uns das Weben, Das alle Wolken treibt, Das tief verhüllte Leben, Das ewig droben bleibt? Und doch will er sich neigen Dem Kinde dieser Welt Und läßt sein Leuchten steigen Hinab aufs Erdenzelt. Und läßt vor Seheraugen Sein ganzes Bild erstehn; Sonst mochte nie ihm taugen Daß Menschen ihn ersehn. Was nie sich wollt’ gestalten, Sein Bildnis oder Maß, – In königlichem Walten Prophetenauge sah’s.

Das ist echt Gazzâlîsche Inbrunst. Es verkennen, hieße blind sein. Daraus folgt aber gleichzeitig, daß all diese zahlreichen Lieder aus der Zeit nach 1108 stammen, in welchem Jahre ungefähr die Werke Gazzâlîs in Spanien bekannt wurden. Wahrscheinlich sogar wurden sie erst nach 1120 gedichtet. Die religiöse Reife, die aus ihnen spricht, beweist, daß unser Dichter die Jahre seines Irrens hinter sich hat, daß er mit sich selbst im Reinen ist, daß er weiß, wo die Wurzeln seiner Kraft liegen. Gazzâlî war Jehuda Halevis Wegführer geworden und blieb es bis an sein Lebensende. Al Chazârî, das philosophische Werk Halevis, mit dem er sein Leben beschloß, zeigt denselben Haß gegen die Spekulation, dieselbe Verachtung plappernder Gottesverehrung, denselben Glauben an die prophetische Schau des „inneren Auges“, wie Gazzâlî ihn gelehrt hatte. –

Aber noch eines war es, was Jehuda Halevi über Wasser hielt: Das war das naive Selbstbewußtsein, die köstliche Gabe des Genies. Er fühlte sich als „Siegelring seiner Zeit“ berufen, ihr den Stempel aufzudrücken. Zwar hatte sie ihn fortgeworfen, aber er blieb doch das Siegel. Er war „der Riese, der sich unter Zwerge beugen muß“, aber doch Riese blieb. Er war „der Löwe unter den Dichtern“, den es ekelt zu dichten, weil im Weinberg der Poesie „sich die Füchse breit machen“.

Und was war ihm sein Dichten? Nicht ein Beruf, aber eine Berufung. Er dichtete nicht, wie der Schuster schustert. Er glaubte an die Intuition alles dichterischen Schaffens. Ihm war das Höchste „der Tropfen, der vom Eimer rann“. Der Schaum über dem Meere. Das Meer der Weisheit krönt sich mit dem Schaum der Poesie. Es spricht durch den Schaum, und ihm war es prophetische Sprache. Oft klagt er, „daß er keine Vision erfassen könne“, ein anderes Mal überwältigen ihn die Verse, „ohne daß der Gedanke sie rief“. Dann wieder redet er sie an: „Wie seid ihr müde, ihr Verse, ihr meiner Gedanken Flügel wie so lahm? Zur falschen Stunde seid ihr immer gekommen, jetzt zur rechten schweiget ihr.“ Als er einst mit den Freunden beim Gastmahle saß, forderten sie ihn auf, zu improvisieren. Er aber weigerte sich. Da wurden die Freunde immer fröhlicher, tranken und jauchzten ihm zu, bis er, vom Weine bezwungen, begeistert aufsprang und zu deklamieren begann: – ein echt orientalisches Bild: Hafis in der Schenke. Jehuda Halevi dichtete, wenn er nicht anders konnte. Die Verse waren ihm unbändige Füllen, die sich oft „in seinen Zaum nicht schicken wollten“, manchmal aber plötzlich in seinem Zügel waren und den Taumelnden mit sich rissen. Er war ein echter Prophet der Dichterwelt. Und als Prophet fühlte er sich. In seinem Werke Al Chazârî spottet er derer, welche der Dialektik bedürfen, um ins Innere der Natur zu dringen. Sie sind ihm wie Dichter, die Silben zählen. „Der Schwachkopf braucht Dialektik, dem von der Natur zur Gottesschau Begnadeten fällt eines frommen Wortes Funken ins Herz, und schon steht seine Seele im Licht.“

Wenn Jehuda Halevi so sprach, sprach er von sich selbst. Dieses Selbstbewußtsein aber lehrte ihn schätzen, was er hatte, und verachten, was ihm versagt war. Sein war der bessere Teil: –

Und sie fragen: Kannst du leben Ohne Bruder freudevoll? – Ja, ich kann’s: aus eigner Seele Stets mir meine Freude quoll!

Und ebenso lernte er den Pöbel hassen, den gebildeten Pöbel vor allem, lernte es, „seine Perlen zu vergraben“, zu sorgen, daß „seines Goldes kein Ring in den Rüssel eines Schweines komme“. Dieser Haß gegen die Welt blieb ihm bis an sein Lebensende. Er hat seiner Zeit nie ganz vergeben können, was sie an ihm gesündigt hat. Noch in seinen letzten Tagen klagte er über die Menschen, die gerade die Besten immer leiden lassen, über die Fürsten, die mit ihrem Golde sein Gottesgnadentum anzutasten wagten.

Trotzdem entwand er sich von Jahr zu Jahr mehr der Verbitterung, die seine jungen Tage vergällt hatte. Seine frohe Religiosität blieb Siegerin. Er hörte auf, zu hoffen auf das, was die Menschen Glück nannten, und nichts blieb als der triumphierende Stolz des Dichters auf sein gnadenreiches Leben. Was waren alle Schätze der Erde neben seinem Reichtum, alle Pfeile des Neides und Hasses gegenüber seiner göttlich gefeiten Brust:

Sprechet nur zur Welt, zur schlimmen: Mag sie tun, was ihr gefällt, Härter doch als ihre Dornen, Stärker ist mein starkes Herz. Darf ich ihre Weine kosten, Will ich auch die Hefen nippen, Besseres verlang’ ich nicht; Denn erprobt ist meine Seele: Alle gift’gen Bitternisse Werden. Honig meinen Lippen.

Das ist der ganze Jehuda Halevi. Was konnten Hunger, Verkennung, Neid, Haß, Erniedrigung ihm anhaben?

Immer an der Morgenröte Laß ich meine Wimper hängen: Seelen, die sich selbst erheben, Seelen, die in Hoffnung leben, Gott wird ihre Tore sprengen! –

So endete sein Selbstbewußtsein dennoch wieder dort, wo seine Demut endete: – In Gott.

VIII

Jehuda Halevi war zum Manne gereift. Die Zeit der Irrfahrten war vorüber. Die Kämpfe freilich noch nicht. Noch manchen Sturm mußte seine Seele ertragen. Um das Jahr 1120 finden wir ihn in Sevilla wieder, wo er zum erstenmal eine Art Heimat gefunden zu haben scheint. Hier wird es wohl auch gewesen sein, daß er jene Frau heiratete, von der wir nichts wissen, als daß sie ihm eine einzige Tochter schenkte und daß sie vor ihm starb. Selbst ihr Name ist uns unbekannt. Hier schloß er auch die Freundschaft mit dem erheblich jüngeren Abul Hasan Meîr ibn Kammiâl, der – wahrscheinlich 1121 – an den Hof des Almoraviden Alî als Leibarzt berufen wurde. Er scheint Jehuda Halevi materiell unterstützt zu haben. Die Freundschaft zu ihm aber hat dem Dichter auch einen inneren Halt gewährt. Er fühlte sich nämlich in Sevilla durchaus nicht wohl. Er scheint damals aus sich herausgegangen zu sein, um für seine religiöse Ueberzeugung, die ja dem Judentum seiner Zeit ebenso fremd war wie Gazzâlîs Lehre der islamischen Theologie, Anhänger zu gewinnen. Es gelang ihm nicht, seine Stammesgenossen zu der Tiefe und Innigkeit seines Glaubens zu bekehren. Sie plapperten weiter ihre Gebete an der Wand stehend „wie die Ochsen an der Krippe“. Man nahm ihm sogar übel, daß er ein anderes Judentum wollte als die anderen, und sprach ihm die Berechtigung ab, mitzureden, indem man ihn auf seine materielle Notlage hinwies. Was unterstand der arme Teufel sich, die reichen Juden aus den Palästen Sevillas zu meistern? – So entlud sich sein ganzer Zorn über das dickfellige Protzentum dieser Menschen, die nur „den Baum mit den Aepfeln aus Gold als Baum der Erkenntnis anerkennen wollten“. Damals gewährte ihm der Umgang mit dem jungen, hochbegabten Kamniâl eine große Beruhigung. Es war eine innige Freundschaft, welche die beiden verband, in der allerdings Jehuda Halevi, obgleich erheblich älter als Ibn Kamniâl, wie immer der beherrschte Teil war.

Viel mehr können wir aus den Tagen von Sevilla freilich nicht erzählen. Auch dauerten sie nicht allzulange. Wir schätzen die Zeit seines dortigen Aufenthalts auf ungefähr fünf Jahre. Danach weist uns eine verwischte Spur auf ein kurzes Verweilen in Cordova hin, wo er den Tod des Rabbi Baruch ben Isak Albalia (st. 1125) erlebt zu haben scheint. Dann finden wir den bereits grau werdenden Dichter in Granada. Aber auch dort hielt er es nicht aus, sondern verließ schließlich Andalusien ganz und zog nach dem Norden in die Heimat zurück, von der er ausgezogen: Toledo.

IX

Was ihn zu diesem Schritte veranlaßte, ist zweifelhaft. Möglich, daß ihn der 1126 erfolgte Regierungsantritt des Königs Alfonso VII. Raimundez von Kastilien dazu bewog. Dieser war den Juden freundlich gesonnen. Seitdem er gar den edlen Jehuda Hanassi ibn Esra mit einem hohen Staatsamte betraut hatte (1129), wurde Kastilien für die Juden geradezu ein Asyl. Die Zeit, in der Jehuda Halevi nach Toledo kam, würde nach dieser Auffassung um 1130 anzusetzen sein, was mit seinen übrigen Lebensverhältnissen in Einklang stehen würde. Jehuda Halevi ließ sich in Toledo als Arzt nieder und entfaltete bald eine große Tätigkeit. Zu groß für ihn. Er fühlte sich nach kurzer Zeit als ein Knecht seines Berufes. Zudem empfand er die Nichtigkeit seines Wissens und Könnens, klagte über die Wertlosigkeit seiner Kunst und über die Dummheit der Leute, die zu jeder möglichen und unmöglichen Stunde zu ihm gelaufen kamen, um Heilung zu verlangen, und brutal wurden, wenn er nicht heilen konnte. Trotzdem war er ein besserer Arzt, als er selber glaubte. Die natürliche Behandlung, die er anwandte, indem er das Hauptgewicht auf die Hygiene, auf Luft und Licht, Essen und Trinken, Bewegung und Ruhe, Schlafen und Wachen legte, verschaffte ihm viel Vertrauen. Und wenn ihm die angestrengte Tätigkeit auch lästig war, so hat sie ihm doch aller Wahrscheinlichkeit nach das gebracht, was ihm immer gefehlt hatte, die materielle Sorglosigkeit. Als er einige Jahre später nach dem Süden zurückkehrt, ist er ein unabhängiger Mann.

X

Um 1135 wird es gewesen sein, daß Jehuda Halevi über die Brücke von Cordova schritt, um nie wieder diese Stadt zu verlassen bis zu dem Augenblicke, wo er seine Wallfahrt nach Palästina antrat.

Cordova! Dieser Name bedeutet die letzte und reichste Epoche im Leben Jehuda Halevis. Eine glückliche Epoche. Wohl war er äußerlich ein alternder Mann geworden, als er seinen Einzug in die herrliche Stadt Andalusiens hielt. Aber er selber wollte es nicht wahr haben. Denn er fühlte sich jung wie am ersten Tag. Die schwarze Locke war ergraut, aber darunter blühten frische, jugendliche Züge, und es war seine Eitelkeit, auf den anmutigen Gegensatz zwischen dem weißen Haar und den braunen vom Barte umrahmten Wangen hinzuweisen. Die Unstetheit seines Lebens hatte ihn nicht beugen können. Spät war die Ruhe gekommen, aber nun war sie da und trug herrliche Blüten und Früchte.

Cordova! Hier lernte er kennen, was Ruhm heißt. „Ganz Israel bekennt sich zu dir,“ rief ein Freund ihm zu. Und selbst konnte er von sich sprechen: „Jehuda Sohn Samuels! Enkel Samuels! Sein Zelt ist bekannt von den Enden Edoms bis zum Flachlande, von Kastilien bis Andalusien.“ Man hörte auf ihn. Es sammelten sich Schüler um ihn, die er „als seines Gartens Blumen“ liebte und pflegte, und die mit Andacht am Munde des Meisters hingen, der ihnen seine Religion predigte und den Glauben seines Lebens.

Von vielen umworben, gewährte er doch nur wenigen das Glück seiner Freundschaft. 1138 wurde Joseph ibn Zadîk Dajan[2] von Cordova. Er war es, der unserem Dichter am nächsten stand, in seinem Hause weilte er am liebsten, ihm Ehrenlieder weihend, die auf den Gastereien Ibn Zadîks vorgetragen wurden. Aber auch ein spätes Familienglück erblühte ihm noch. Er konnte seine Tochter verheiraten und wiegte noch ein Enkelsöhnlein auf den Knien, das denselben Namen trug wie er.

Im Scheine dieses abendlichen Glückes setzte sich Jehuda Halevi noch einmal nieder, um in einem umfangreichen Werke die letzten Schlüsse seines Lebens zu ziehen. Das ist die philosophische Schrift Al Chazârî, „das Buch des Argumentes und Beweises zur Verteidigung des verachteten Glaubens“. Als er im Jahre 1140 dieses Werk begann, da sollte es eine Streitschrift werden, eine Streitschrift gegen die Feinde von außen und die Feinde von innen. Seine weithin hallende Stimme sollte vom Ruhme Israels zeugen. Als er es beschloß, war es viel mehr geworden: Das persönlichste Bekenntnis seines Lebens. Und schreibend war er selbst ein anderer geworden.

Al Chazârî ist ein philosophisches Werk, geschrieben von einem Verächter der Philosophie, das sagt alles. Ein Werk des Verstandes, in Leidenschaft begonnen und vollendet, ein Werk des Beweises, dessen Argumente allein in seinem Pathos liegen. Dem kritischen Geiste hält es nicht stand, aber dennoch ist es stärker als er; um so viel stärker, wie Jeremia stärker ist als Aristoteles. Al Chazârî ist das Werk eines Dichters. Schon die Form ist eine dichterische: Der Dialog. Der König der Chazaren ringt um die Wahrheit. Eine Stimme war im Traume über ihn gekommen: „Dein Wille gefällt mir, doch nicht die Tat!“ Da geht er, die Tat zu suchen. Aber er findet sie nicht. Der Philosoph, der Christ, der Muslim lassen ihn im Dunkel. Schließlich kommt er zum Juden, den er verachtet. Der lehrt ihn die Tat. Lehrt ihn die realste aller Religionen, das unmittelbarste Wissen von Gott: Offenbarung. Offenbarung ist das A und das O dieses Werkes. Und seine verschwiegene Predigt ist, daß Offenbarung gesucht und erkämpft werden muß und – kann. Wohl hat die arme Zeit nichts als Ueberlieferung, die Tradition von Mund zu Mund, die ihr die Wahrheit aller göttlichen Offenbarungen verbürgt. Aber diese Ueberlieferung ist selbst Offenbarung, weil es die Ueberlieferung der Adelsmenschen dieser Welt ist, die Ueberlieferung derer, die am Fuß der Himmelsleiter stehen. Es ist das Kleinod Gottes, Israel, das die Gottesschau der Sechsmalhunderttausend kündet. Wer redet da? Wer wagt es zu zweifeln? Weh dem, der die Kette zerreißt, die uns mit den Jahrtausenden rückwärts verknüpft! –

Werden wir noch einmal Gott schauen? Ist es möglich, zu ihm zu dringen? Wer trägt uns zu seinem Throne? – Der denkende Geist? Nimmermehr. Tausendmal heiler als das Auge der Spekulation ist das Auge der Prophetie. Wer beweisen will, geht in die Irre. – Die Selbstkasteiung? Allein wird sie uns niemals Gott näher bringen. Eines muß hinzukommen: Die gute Tat. Sie ist die Kraft, die uns helfen wird. Nur durch Gottes Wort kommt man zu Gott. Sein Gebot ist die Brücke, die zu ihm führt. – –

XI

Das Werk Jehuda Halevis näherte sich seinem Ende. Der Dichter fühlte, daß er seine Seele ausgeblutet hatte in dieses Werk. Es war die Predigt seines Lebens, die er der Mitwelt bot. Der Adelsmantel, den er Israel umhängt, trägt das Wappen seines eigenen Adels, des eigenen Wertes Bewußtsein ließ ihn das Kleinodentum Jakobs künden. Und das Gefühl des eigenen Prophetentums war es, was ihn als höchste Stufe die Stufe der Prophetie predigen ließ. Er wußte, was Offenbarung war. So konnte er von Offenbarung sprechen und sprach vom eigenen Leben. Und doch, obgleich er sich so für einen von Gott mit der tiefsten Schau Begnadigten hielt, doch wuchs sein Werk über ihn hinaus. Er hatte seinem Geschlecht den Weg zu Gott zeigen wollen. Am Ende fühlte er, wie fern er selbst noch von ihm war, wie unvollkommen sein Tun. Ein kleines Geschlecht war es, dem seine Rede gegolten hatte, aber er selbst war dieses Geschlechtes Knecht gewesen ein Leben lang. Um ihre Gnade hatte er geworben, ihr Lob war ihm Lebensbedürfnis gewesen, wie süß war der sauer erkämpfte Ruhm. So erwuchs ihm die erschütternde Gewißheit, daß seine Lehre mit seinem Leben nicht stimmte. Und die Unruhe, die sein ganzes Leben erfüllt hatte, kam wieder über ihn. Ein Suchen entzündete sich in seiner Seele. Eine Zeit schwerer Kämpfe folgte, aus denen heraus sich ein Entschluß läuterte, der alle seine Freunde in Schrecken setzte und sie fast an seinem Verstande zweifeln ließ: Jehuda Halevi wollte Spanien für immer verlassen und nach Palästina wandern. Er wollte sterben für seine Welt, sterben für seine Familie, sterben für seine Freunde, um das wahre Leben zu gewinnen. Der Gedanke, daß nur die vollkommene Tat zu Gott führe, brannte ihm die Seele. Er mußte dorthin, wo allein die Taten vollkommen werden konnten, ins heilige Land der Väter. Dort allein war die letzte Erfüllung des göttlichen Wortes möglich. Dort war das Tor, „das von der Erde in den Himmel führt“, dort die Jakobsleiter zur höchsten Schar. Dort würde er Gott schauen Auge in Auge, dessen war er sicher.

Vergebens waren die Warnungen der Freunde, die eine schwere Enttäuschung für den Dichter voraussahen. Oft gelang es ihnen fast, ihn wankend zu machen. Es kamen Augenblicke der Angst und des Zweifels für ihn. Immer aber gewann der eine süße Gedanke in ihm die Uebermacht: „Zion, Zion, du Krone der Zeit!“ Lächelnd sah er das Ziel vor Augen. Es war ihm unentrinnbare Selbstverständlichkeit geworden.

Der Entschluß war gefaßt. Der Tag der Abreise kam. Da sammelten sich die wenigen Freunde in Cordova zum letzten Male. Es bildete sich eine kleine Gefolgschaft um ihn, die bereit war, mit ihm zu ziehen. Josef ibn Zadîk sandte ihm eine reiche Abschiedsgabe, die er mit folgenden, die Größe und den Charakter Jehuda Halevis tief kennzeichnenden Worten begleitete:

Armut schließt uns unsre Rechte; Darum, was die Seele möchte, Reicht sie leider dir nicht dar: Wie belohnen wir dein Künden, Juda, der uns armen Blinden Ein so großer Künder war? Liedesvater, sag’ mir, zeugte Dich der Dichterkönig? Säugte Selig einst Deborah dich? Seelen jagst du, nicht mit Schlingen, Nein, in deiner Liebe fingen All die frohen Herzen sich. Deine Lippen sind so süße, Deine Reden Heldengrüße, Klar dein Wort und mannazart; Löwe und Gazelle scheinen Herrlich sich in dir zu einen: Kraft und Schwäche hold gepaart.

Dankerfüllt sang Jehuda Halevi noch einmal den Ruhm des Freundes. Dann umarmte er zum letzten Male die geliebten Schüler, die Tochter, den kleinen Jehuda, um sich plötzlich loszureißen und die Tore Cordovas durchschreitend dem Süden zuzueilen, wo das Schiff ihn erwartete, das ihn zu den Bergen der Heimat tragen sollte. Schon zu lange hatte er gezaudert. Deshalb konnte es ihm jetzt nicht schnell genug gehen. Wohl wußte er, daß in Granada ihn Freunde erwarteten, die ihn das letzte Mal sehen wollten. Aber die Angst, aufgehalten zu werden, veranlaßte ihn, die schöne Granatenstadt gar nicht zu berühren.

Es steht der Libanon vor mir, Da darf ich nicht „Granaten“ pflücken: So will es meiner Sünden Zahl, Die Frevel so, die allzumal Auf meine Seele drücken.

XII

So kam er zum Meere, das ihm nicht unbekannt war. Oft hatte er an seinem Strande gesessen und mit den Kieseln gespielt oder den Wellen gelauscht, die kamen und gingen wie ein unterwürfiges Heer, die Hand des Königs zu küssen. Jetzt sollte er sich diesem Heere anvertrauen. Zagend betrat er die Planke des Schiffes und sah sich bald von brutalem Schiffsvolk umgeben, das prahlend die Klugen verachtet und nur den Schwimmer schätzt.

Die Reise war zunächst von günstigen Winden begleitet. Dann aber kamen stürmische Tage, an denen der Dichter unter der Seekrankheit litt. Gleichzeitig verfolgte ihn die Angst vor Piraten, und auch die Schiffsleute flößten ihm Mißtrauen ein. Trotz alledem aber brachten ihm die Tage auf dem Meere Augenblicke der höchsten dichterischen Offenbarungen. Ob der Sturm ihn umbrauste oder der Sternenhimmel der Mitternacht in die spiegelnden Fluten sank, seine Augen waren weit geöffnet, aus dem Brunnen der ewigen Erhabenheiten zu trinken. Er hat die Natur des Weltmeeres ausgeschöpft, wie sie sich nur ausschöpfen läßt. Die Woge sprach zu ihm, aber was sie sprach, war wieder nur und konnte nur eines sein: – Gott.

Das Schiff war seinem Ziele nahe. Da brach – es war im September des Jahres 1141 – eines Tages ein stürmischer Ostwind los, der das Schiff nicht vorwärts ließ, vielmehr es zwang, rückwärts segelnd im Hafen Alexandrias vor Anker zu gehen. Bitterer Unmut erfaßte Jehuda Halevi. Aber es half ihm nichts, er mußte an Land. Doch nahm er sich vor, sobald als die Stürme nachließen, wieder in See zu gehen.

Kaum jedoch hatte sich unter den Juden Alexandrias die Kunde verbreitet, daß der gefeierte Dichter des Abendlandes in der Stadt sei, als sie herbeiströmten, ihn zu sehen und mit den ausgesuchtesten Ehren zu überhäufen. Der reichste Jude der Stadt, der Arzt und Rabbi Aaron ben Zion ibn Alamânî, zog ihn in seinen Palast. Dieser Palast allein schon wirkte auf den überraschten Dichter überwältigend. Da ging man über goldbedeckte Quadern, stieg in die Gärten hinab und wandelte zwischen blühenden Narden und Cyprusblumen an duftenden Springbrunnen vorüber zu den Myrtenlauben, in deren Zweigen die Nachtigallen sangen, während gurrende Tauben die Wege bedeckten. Alamânî veranstaltete für den Dichter rauschende Festlichkeiten, auf denen ihm die Edelsten Alexandrias in ausgelassenem Jubel huldigten, trinkend und singend und ihm selbst zum Singen begeisternd. Jehuda Halevi war bezwungen. So viel Liebe hatte er sich nicht träumen lassen. Er konnte nicht anders: er mußte diese Stunde genießen und blieb. So hatte ihn das Erdentum wieder umfangen, da er sich ihm längst enthoben wähnte. Ein später Liebesfrühling wird dem fast Sechzigjährigen beschert. Mit anakreontischer Freude singt er von reizenden Abenteuern unter den Fenstern der Schönen.

Dann aber kommt wieder die Wirrnis über ihn, und die Sehnsucht nach Zion erwacht von neuem. Die Sabbathe verhüllen ihm ihre Weihe, er kann nicht wahrhaft froh werden, er fühlt, daß er sich selber untreu geworden ist. So sehnt er sich, aus Alexandria fortzukommen. Eines Tages trifft aus Damiette ein Bote des Abû Sa’îd Chalfon Halevi ein, der ihm einen Brief von dem Fürsten der ägyptischen Juden, dem Nagid Abû Mansûr Samuel ibn Chananjah, überbringt. Jehuda Halevi wird eingeladen, nach Kairo zu kommen, um sich im Palaste des Fürsten seiner Gastfreundschaft zu erfreuen. Sofort sagt er zu und meldet gleichzeitig seinen Besuch in Damiette für später an. Er hofft, der Fürst wird ihm helfen, bald zum Ziele seiner Sehnsucht zu gelangen. Nachdem er in Alexandria noch einige Einkäufe erledigt hat, fährt er nach Kairo. Der Eindruck, den der glänzende Hofstaat des Nagid auf ihn macht, ist noch größer als der, den er in Alexandria gehabt hat, und übertrifft alle seine Erwartungen. Wenn er den Fürsten in seiner Staatskarosse unter den Klängen rauschender Musik und von Soldaten begleitet ausfahren sieht, muß er an Josef in Aegypten denken. Solche Macht eines Juden hatte er in Spanien nie gesehen. Samuel spielte in der Tat am Hofe des fatimidischen Sultans Al Hafis eine bedeutsame Rolle und konnte dadurch seinen jüdischen Brüdern eine starke Stütze sein.

Er empfängt unseren Dichter mit den höchsten Ehren, und als Jehuda seinen Palast betritt, fühlt er, daß er in ein Haus der Liebe und Freude getreten ist. Hier wird das ruhebedürftige Herz zur Ruhe kommen. Ein Fest folgt nun wieder dem anderen. Es ist, als wenn Aegypten ihn entschädigen will für die vielen Jahre der Entbehrung und Verkennung. Aber wieder kommen die Gedanken an das letzte Ziel und trüben die Freude. Wieder ergreift ihn die Unrast und treibt ihn weiter. Wenige Tage vor dem Chanukafest verläßt er plötzlich Kairo, um nach der Hafenstadt Damiette zu fahren, von wo aus er mit Hilfe des bereits genannten Abû Sa’îd Chalfon Halevi endlich ans Ziel zu gelangen hofft. In Damiette verweilt er genau vierzehn Tage bis zum elften des Monats Tebet. Hier wird er tief von der paradiesischen Natur Aegyptens ergriffen, die dem Dichter ihre ganze Blütenpracht enthüllt. Noch einmal tritt die Jugend vor seine Augen, alte Träume steigen empor, Träume der Liebe und Freundschaft. Abû Sa’îd versucht ihn zurückzuhalten, wie es jeder in Aegypten versucht hat. Man hatte ihn durch rauschende Feste von dem Ziele seiner Sehnsucht ablenken wollen, das so schön war und doch mit Enttäuschung enden mußte. Schließlich aber muß der Freund doch nachgeben, und am Tage nach dem Fasten des Tebet besteigt Abul Hasan Jehuda Halevi die Barke auf dem Nil, um weiter zu fahren: stromaufwärts oder stromabwärts? Wir wissen es nicht. Mit diesem Tage schließt für uns das Leben Jehuda Halevis. Schließt mit einer Frage: Hat er das Ziel seiner Sehnsucht erreicht? Ist er, wie die Sage erzählt, im Tore Jerusalems von dem Rosse eines daherjagenden Sarazenen zerstampft worden? Oder hat man ihn irgendwo im ägyptischen Sande verscharrt? –

Wir wissen nichts von seinem Ende. Wissen nur, daß er mitten im Jubel der ägyptischen Tage vom Tode redete, vom Grabe, das vor ihm liege, und vom Greisentum, das nun nicht mehr zu verheimlichen sei. Und wenn es wahr ist, daß Todesahnen des Sterbens Anfang ist, so trug er den Keim des Todes schon damals in sich, da er mit zitternder Hand dem Fürsten Samuel die flehenden, von geheimer Angst erfüllten Worte schrieb, mit denen wir sein Leben beschließen wollen:

Wollt ihr Liebes mir vergelten, Sendet meinem Herrn mich zu: Eh’ ich unter seinem Zelte Glücklich nicht das meine stellte, Find’ ich keine Ruh’. Haltet mich nicht auf zu eilen, Da mich schon die Angst erfaßt: Unter seinem Flügel weilen Und der Väter Ruhe teilen Bleibt doch meine einz’ge Rast.

XIII

Es bleibt noch übrig, ein kurzes Wort über die Dichtungen Jehuda Halevis zu sagen. Wer sie genießen will, muß es lernen, sich auf die kurze Zeit seines Genießens aller abendländischen Traditionen zu entschlagen. Dieser Dichter ist ein Orientale. Der Orientale dichtet nicht wie der Abendländer. Er weiß nicht, was das heißt: Kunstwerk. Er fängt an zu singen, sorglos, wie er enden wird. Die orientalische Dichtung hat etwas Sprudelndes, geheimnisvoll Bewegliches. Hier fehlt alle Konzeption und Komposition. Nirgends spürt man die bauende Hand, nirgends die Energie zügelhaltenden Künstlertums. Das singt und musiziert wie die Vögel im Walde, endlos jubilierend. Daher die erstaunliche Fruchtbarkeit dieser Poeten aus dem Lande der Morgensonne. Ihre Lieder zählen immer nach Tausenden.

Es ist der tiefe Unterschied zwischen Morgen- und Abendland, der sich hier kundtut. Der Abendländer ist induktiver, der Morgenländer intuitiver veranlagt. Dieser schaut, jener sinnt. Hier Prophet, dort Denker. Der Orientale hängt am Einzelnen, springt über zum Anderen, flüchtet zum Dritten, eines aber bleibt ihm ewig verhüllt: Das Ganze. Die Dinge sind beieinander, nicht ineinander. Das ist kein Vorteil, aber auch nicht immer ein Nachteil. Wo es so liegt, wird die Historie zwar leicht anekdotisch, die Dichtung geistreich. Aber es bleibt dafür alles ursprünglich, nichts erstarrt in der Form, nichts erfriert in der Methode.

Man kann den orientalischen Geist am besten an der Sprache studieren. Im Semitischen wird koordiniert, nicht subordiniert. Es gibt kaum eine Syntax. Die feinen Nüancen unserer Rede sind unmöglich, oder besser gesagt: sie sind teils verborgener, teils umständlicher als bei uns. Woraus die unendliche Schwierigkeit für den Uebersetzer entspringt. Der Uebersetzer muß in den Geist der semitischen Sprachen soweit eingedrungen sein, daß er die verborgenen Nüancen des Beieinander zu spüren vermag. Denn seine Aufgabe ist es, das Koordinierte zu subordinieren, ohne die zartesten Töne zu verwischen. Ist dies gelungen, so wird der Okzidentale den Orientalen begreifen. –

Jehuda Halevi ist ein Kind zweier Kulturen, der arabisch-andalusischen und der jüdischen. Obgleich all seine Dichtungen in klassischem Hebräisch geschrieben sind, ist er doch in seinen profanen Gesängen der echte arabische Rhapsode. So sehr, daß er als Repräsentant der arabischen Dichtung gelten kann: Dieselbe Glut der Farben, derselbe Strom wechselnder Bilder, dieselbe Ungebundenheit der Sprache, dieselbe Gewagtheit sinnlichen Schauens und dieselbe Grazie hinfließender, ewig wandelbarer Stimmungen. Man spürt das Pathos und die Deklamation. Die Lieder der Liebe und die Episteln der Freundschaft sind es vor allem, die Form und Inhalt nach bei Jehuda Halevi echt arabisch sind. Das Kommen und Gehen im Traume, das geheime Wandeln der Seele auf den Pfaden der Liebe, das Suchen nach den verwehten Spuren auf der Freundschaft Trümmern, die Klage um Scheiden und Meiden, die in tausend Tränen zerrinnt, der Ueberschwang der Sehnsucht, die Uebertreibung des Lobes, alles so leicht, so bunt, so redselig ausfließend bis auf den letzten Tropfen, so echt – arabisch.

Am größten aber ist Jehuda Halevi zweifellos in seiner religiösen Dichtung. Dort treffen sich die beiden Welten in ihm. Die Ungebundenheit des Arabers findet hier einen Zügel: Den jüdischen Geist. Dieser Geist, obgleich ebenfalls orientalisch, hat es doch zu einer Aesthetik gebracht. Palästina war der einzige Punkt im Morgenlande, wo echtes Künstlertum wuchs: ein Künstlertum des Lebens. Die Harmonie des Einheitsgedankens im All, die Akkorde der Völker in der Weltgeschichte, die Zentralität Israels, des Kleinods, das waren mächtig ordnende und bauende Gedanken. Und vor allem: Für Jehuda Halevi war es lebendiges Leben. Darum offenbart sich nirgends so wie in seiner religiösen Poesie sein Künstlertum. Hier ist er auch der Moderne am verwandtesten: Ueberall geschlossene Reihen, abgetönte Stimmungen, harmonische Steigerungen und Lösungen. Die Poesie der Andeutung, die ohne höchste Einheit des künstlerischen Bewußtseins nicht zu erreichen ist, finden wir hier in wunderbar zarter Vollendung. Die geheimsten Wirkungen moderner Stimmungen werden hier ausgelöst. Bedenken wir, daß der Dichter dem Zeitalter der deutschen Minnesänger angehört, so müssen wir geradezu erstaunen über die Differenziertheit seiner Empfindungen. Sie wird verständlich, wenn wir erwägen, daß er in seinem Lande das Kind einer blühenden Hochkultur gewesen ist.

So bewundern und verehren wir in ihm zweierlei zu gleicher Zeit: Die ursprünglichste Natur einer verschwendenden Dichterseele und die höchste Geisteszucht eines zwei Kulturen in sich vereinenden Genies. Damit hat die Dichtergröße Jehuda Halevis ihren Namen erhalten.

Nun aber möge er selbst zu euch sprechen, in all seiner Schwere und all seiner Grazie. Vielleicht daß er Seelen findet, die mit seiner Seele klingen. Dem, der ihn übersetzt hat, ist er Offenbarung geworden. Wer ihn aber immer lesen mag, er stehe still vor ihm. Hier ist heiliger Boden: Ecce poeta.

Notes in this chapter

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