Zweites Buch
Reading edition
VII
Es rührte sich allerorten, als wollte es lenzen. Ein Gären steckte tief innen im Schoß aller Dinge, ein geheimnisvolles Sichregen, ein Pochen und Drängen. Was will das werden?!
Ein Wehen geht durch die Lande, leis noch, kaum fühlbar, aber ein Wehen so eigner Art, daß die einen begeistert rufen: »Frühling, Frühling!« und die andern erschreckt: »Sturm, Sturm!«
Frühling –?! Noch war es nicht an der Zeit. Schnee flockte noch vom Himmel und begrub die grünen Hoffnungen.
Es war das Jahr 1847.
Der weite Düsseldorfer Exerzierplatz lag noch einmal, nachdem die Februarsonne schon schmelzend geschienen, in tiefem Winter; am Kanalrand waren die vorwitzig knospenden Veilchen erfroren.
An dem Fensterchen der Feldwebelwohnung stand Josefine Rinke am Sonntag nachmittag und hauchte ihren warmen Atem gegen die bereifte Scheibe. Ihre Wangen waren heiß, ihre volle Brust hob und senkte sich rasch. Nun zeigte ein verstohlenes Lächeln ihre gesundweißen Zähne; ihr Blick wurde glänzend – was hatten die Offiziere auf dem Kasernenhof heut doch hinter ihr drein geflüstert? ›Schönes Mädchen‹ – ah, schönes Mädchen! War sie denn schön?! Sie schloß halb die Augen und legte den Kopf in den Nacken; mit einer unwillkürlichen Bewegung hob sie beide Arme und drückte sie an ihre Brust. Da innen klopfte es so stark, so voll. Das war ihr Herz. Poch, poch, wie ein Hammer. Und jeder Hammerschlag trieb ihr das Blut rascher durch die Adern.
»Nanu,« sagte der Vater vom Tisch her und schlug so kräftig auf seine Zeitung, daß die Tochter sich nach ihm umwendete. »Was wollen sie nu schon wieder? Immerzu stänkern!«
Der Feldwebel ärgerte sich stets, wenn er die Zeitung las. Mit ein paar Kameraden zusammen hielt er sich das Düsseldorfer Kreisblatt. Man erfuhr ja sonst gar nichts von der Welt, und das that doch jetzt not; es verlangte einen zu wissen, wo’s zuerst losgehen würde, ob in Frankreich oder Spanien, ob in Bayern oder Baden, in Nassau, Württemberg oder Hessen, ob in Portugal oder Dänemark und wie die Länder alle heißen. Überall war’s nicht recht geheuer.
»Was« – er regte sich ordentlich auf – »Verfassungsreform?! Was wollen die Schreier denn? Unser Herr und König regiert, wie seine Vorfahren regiert haben, und die haben Preußen groß gemacht. Bande! Verfassungsreform – was heißt das?!«
»Vater,« sagte Josefine, trat an den Tisch und guckte ihm über die Schulter in’s Zeitungsblatt, »kuckste, da steht et ja: ›Ausgleichung, Versöhnung zwischen Thron und Volk! Die Krone muß freiwillig eine wirkliche, den Zeitforderungen entsprechende Verfassung verleihen.‹ Die Krone, damit is der König jemeint, jelt, Vater! Aber dat andre versteh’ ich nit!«
»Na, das ist so, wenn – hm – als ob« – der Feldwebel kratzte sich hinter dem Ohr – »ä, hol’ sie alle der Teufel! ’reinquatschen wollen sie eben, wenn unser König was befiehlt. Er ist unser Herr, er allein hat zu kommandieren, und wir zu gehorchen – was, was sagst du?«
Josefine hatte etwas in sich hinein gemurmelt; nun kreuzte sie die Arme über der Brust und warf den Kopf in den Nacken. »Beim Metzger in der Bastionsstraß’ haben sie heut jesagt: dat Volk hätt’ auch sein’ Forderungen. Da haben se doch janz recht in, Vater, man will doch auch en Wort sagen dürfen.«
»Dumme Gans!« So heftig hatte sie der Vater fast noch nie angeschrieen. »Was verstehst du davon? Von morgen ab holst du’s Fleisch wo anders – nicht bei dem Kerl, verstanden?!« Mit gerunzelter Stirn vertiefte er sich wieder in die Zeitung.
Stumm war Josefine an’s Fenster zurückgetreten, aber sie konnte es nicht unterlassen, die Achseln zu zucken: Der Vater hörte eben nicht alles, was die Leute sagten – was die schimpften! – beim Bäcker, beim Metzger, auf dem Gemüsemarkt. Es müsse anders werden! Was anders werden müsse, sagten sie freilich nicht.
Auch der Großvater schimpfte. Der mochte gar nicht mehr ausgehen, saß immer auf der Ofenbank oder in seinem Lehnstuhl im Comptörchen und drehte die Daumen umeinander. Auch durch’s Fenster guckte er nicht, denn die Leute, mit denen er alt geworden, gingen nicht mehr vorüber, und die jungen interessierten ihn nicht.
Der arme Großvater! Tief atmend drückte Josefine die Hand auf’s Herz – nur nicht alt sein! Immer jung, immer frisch, sich freuen! Die Welt war ja so schön, und brachte mal ein Tag Verdruß, gleich machte es der andre doppelt gut. Wie die Offiziere sie angelächelt hatten! Sie war das gewohnt, aber es machte ihr doch jedesmal wieder Spaß. Und die Sergeanten, die Unteroffiziere und Gefreiten waren doch auch nette Leute! Manch einer unter ihnen fast ebenso schneidig, mit ebenso schlanker Taille, wie ein Herr Leutnant. Alle Soldaten waren nett. Nur keinen Bürger heiraten! Einer müßte es sein, mit roten Streifen längs der Hosennaht, mit blanken Knöpfen am Rock, mit einem gebräunten Soldatengesicht, dessen Stirn einzig da, wo der Helm geschützt, einen Streifen helleres Weiß zeigte.
Der Feldwebel wußte gar nicht, warum seine Tochter plötzlich zu ihm an den Tisch gesprungen kam, den Arm um seinen Hals schlang und die weiche Wange auf seinen Scheitel drückte.
»Na, na,« machte er unwirsch und rührte sich doch nicht; die weiche Wange that ihm wohl, wie ein warmer Strom floß es von ihr durch seinen Körper. Und in der Stube war’s kalt, man konnte im Februar nicht mehr stark heizen, so reichlich waren die drei Klafter geliefertes Holz nicht.
»Na,« sagte er noch einmal und lächelte, »was ’s denn los?«
Aber sie antwortete nur mit einem festeren Druck und einem leichten Lachen und hüpfte dann auf ihren früheren Platz zurück. Die Stirn gegen die Scheibe gelehnt, starrte sie hinaus auf den weißen Schnee des Exerzierplatzes. Es wollte schon dämmern, jenseits über’m Kanal versanken die schönen neuen Häuser der Königsallee allmählich hinter einem feinen Schleier.
So wie heute hatte Josefine, während die Mutter noch in der Kammer ihr Mittagsschläfchen hielt, in mancher Sonntagsdämmerstunde hier gestanden; wochentags hatte sie keine Zeit zum Träumen, da gab’s zu waschen und zu kochen, zu kehren und zu scheuern, den Brüdern die Kittel und Strümpfe zu flicken. Die Mutter schonte sich jetzt, da sie eine erwachsene Tochter hatte; es that ihr auch not, nach den vielen Wochenbetten. Und eine Kleinigkeit war’s auch gerade nicht, mit zwölf Thalern siebzehn Silbergroschen sechs Pfennigen monatlicher Löhnung, alle Zulagen eingerechnet, auszukommen; wenn auch die Großeltern heimlich wacker zusteckten und, war der Feldwebel nicht zu Hause, Mettwurst, Schinken, Blatz, Schmierchen, Kappes, Bier, alles mögliche Eß- und Trinkbare vom ›Bunten Vogel‹ her in die Küche wanderte, es blieb eine Kunst, so viele Mäuler zu stopfen.
Seit Fina mit vierzehn Jahren aus der Schule gekommen war, besuchte Frau Trina ihre alten Eltern tagtäglich. Der Feldwebel hatte nichts dagegen; wenn er auch selber nicht in den ›Bunten Vogel‹ ging, seine Frau hatte die Verpflichtung – ›ehre Vater und Mutter!‹ Freilich, daß sie stets den Umweg über die Maxpfarre oder die Lambertuskirche machte, auch bei so und so viel Bekannten in der Altestadt vorsprach, das wußte er nicht.
Auch die Kinder besuchten die Großeltern. Seitdem Josefine von den Ursulinerinnen fort, und seitdem gar der Wilhelm in der Lehre war, sah Rinke keinen Grund mehr, den Alten die Enkelkinder zu entziehen. Er war der Stärkere – was sollte er den schwachen Greisen zuwider sein? Hoffte er, sich doch auch dermaleinst an Josefines Kindern zu erlaben.
Der Feldwebel betrachtete seine Tochter oft mit demselben Blick, mit dem er die Neueingezogenen musterte. Er hatte ja auch über sie Bericht zu erstatten; wenn auch nicht bei dem Herrn Hauptmann, so doch bei dem Herrgott da oben. Gesund, wohlgemut und ehrlich, so stand die Siebzehnjährige vor des Vaters Augen. Das Herz pochte ihm vor Freuden, wenn er sie schaffen sah mit starken Armen. Oft schlich er heimlich hinter die Küchenthür und belauschte sie am Waschfaß. Hochgeschürzt stand sie, ihre Kleidertaille hatte sie ausgezogen und wusch in Hemdärmeln. Unermüdlich tauchten ihre runden Arme in die Lauge, die Seifenflocken spritzten ihr bis auf’s blonde Haar; und immer sang sie mit schallender Stimme, so voll, so lustig – kein Wunder, daß die ganze Kompagnie in sie verschossen war.
Wenn er nur erst den rechten Mann für sie wüßte! Mit scharfem Blick ließ der Feldwebel alle Revue passieren; da war nur einer, der ihm gut genug dünkte, der Conradi. Der stammte auch aus Preußen, wenn auch nicht aus der Mark; bei Königsberg war er zu Hause, ein Bauernsohn, dessen älterer Bruder den Hof geerbt, ihm aber ein hübsches Sümmchen ausgezahlt hatte. Und sparsam war der und nüchtern. Für sich selbst hatte der Feldwebel nie des Geldes geachtet, aber nun er an der Zukunft seiner Tochter baute, war ihm das doch ein angenehmer Gedanke. Zwölf Jahre diente der Conradi nun schon als Unteroffizier, ein wackerer Kerl, der sich nie etwas hatte zu schulden kommen lassen. Und groß war er, noch einen starken Kopf größer, wie die Josefine, und breit in den Hüften – das gab was für’s erste Garderegiment zu Fuß! Freilich, abgehen wollte jetzt der Conradi, schon bereitete er sich zum Gendarmerie-Examen vor; sechs Monate Urlaub wurden ihm demnächst bewilligt zur Probedienstleistung. Aber war die Gendarmerie denn nicht dem Militär nahe verwandt? So wollte sich Rinke nicht daran stoßen.
Daß er selber einmal abgehen könne, war ihm bisher nie in den Sinn gekommen; vor kurzem hatte ihn erst sein Hauptmann darauf gebracht.
»Ich begreife nicht, Rinke,« hatte der vertraulich gesagt, als sie zusammen auf dem Kasernenhof hin und her pendelten, »warum Sie sich noch im Kommiß schinden? Sie dienen doch wohl schon an die zwanzig Jahr’?«
»Zu Befehl, Herr Hauptmann, fast vierundzwanzig!«
»Um Gottes willen!«
Der Feldwebel hatte sich bei diesem Ausruf seines Hauptmanns auf die Lippen gebissen – warum echauffierte sich der Hauptmann denn so? Vierundzwanzig – war das etwa zu lang? War er nun schon abständig, knackschälig, konnte er seiner Pflicht nicht mehr genügen?! Mit unsicherem Blick hatte er nach der vergoldeten, mit dem Namenszug des Königs verzierten Schnalle auf seiner Brust gesehn, die hatte er doch bekommen als Dienstauszeichnung.
Als erriete der Hauptmann seine Gedanken, sagte er: »Es sei ferne von mir, Ihre Dienste unterschätzen zu wollen, Rinke! Mir persönlich würde es höchst fatal sein, mich an einen andern Feldwebel gewöhnen zu müssen; aber ich meine, wenn man so lange im gleichen Trott gestrampelt hat wie Sie, möchte man auch einmal seinen eignen Gang gehen. Eine gute Civilversorgung ist Ihnen doch sicher: ein Plätzchen bei der Steuer, ein Zollaufseherposten oder dergleichen!«
Dem Feldwebel war’s trocken im Munde geworden, stumm hatte er den Kopf gesenkt.
»Also nicht Ihr Fall? Na, dann melden Sie sich doch mal bei der Lazarettverwaltung – Lazarettinspektor, gar nicht übel!«
Ja, das wäre schon eher etwas, da hörte man doch noch den rauhen Fall der Kommandos heraufschallen, das Klirren der Waffen, das Stampfen der Mannschaft – altgewohnte Klänge, einem in Fleisch und Blut übergegangen. Eine begehrte Versorgung und doch –! Der Feldwebel verstand sich selber nicht: da hatte er sich oft herausgesehnt aus dem täglichen Einerlei des Dienstes, er hatte gelechzt nach einem Sturmwind, der alle Riegel aufstößt, und jetzt, wo sich ihm vielleicht eine Thür aufthun wollte, konnte er nicht herausfinden. So nicht, so nicht! Wenn er heraustrat aus den Mauern der Kaserne, aus des Dienstes ewigem Einerlei, so mußte es zu einem andern Dienst sein, einem noch höheren, heiligeren: dem auf dem Feld der Ehre. Mochte ihm seine Frau nun auch in den Ohren liegen: ›dank doch ab, mach, dat du ’rauskömmst, meine Eltern sind alt, wir könnten dat Jeschäft übernehmen‹ – er hörte gar nicht, was sie schwatzte. Er wollte Soldat bleiben.
Und trotz dieses Entschlusses lag er oft Nächte lang und zergrübelte sich; einen Argwohn hatte die Frage des Hauptmanns in ihm erweckt, den Argwohn, nicht mehr zu genügen. Wenn er einmal mit seinem alten Hauptmann, dem Herrn Major von Clermont, darüber spräche?! Der war kein so Neugebackener, hatte, gleich ihm, lange gedient, der würde wissen, wie man’s halten soll: ob gehen, ob bleiben.
Rinke zog sich die zweite Garnitur an, zwängte die frischgewaschenen Wildlederhandschuhe über die Finger, stülpte den Helm erster Garnitur auf und wanderte nach der Bilkerstraße; der Major wohnte noch im selben Haus. Schon unten sagte der Bursche, der Herr Major seien unpäßlich. Er wurde aber doch vorgelassen.
Herr von Clermont saß in einem Lehnstuhl beim Ofen; das verfluchte Reißen hatte er sich, wie er stöhnend sagte, vom letzten Manöver aus den nassen Wiesen an der holländischen Grenze mitgebracht. Uff, er konnte auf kein Pferd! Das hatte man nun davon! Er war überhaupt auf den ganzen Krempel nicht gut zu sprechen. Als ihm der Feldwebel seine Zweifel wegen Abschiednehmens vortrug, nickte er zustimmend: »Ja, man avanciert nicht, es ist zum Rabiatwerden! Man ist eingerostet. Schlechte Zeiten für uns, schlechte Zeiten für alle!«
Rinke sah den Vorgesetzten mit großen Augen an: ein preußischer Major und unzufrieden?! Ganz verdutzt stand er. Ein neuer Geist, ein Geist, den er nicht verstand, wehte durch die Stube des Herrn Major.
Da öffnete sich die Thür, eine junge Dame in weißem Kleid, mit einem rosenfarbenen Band um die langen, dunklen Locken kam herein. »Papa,« sagte sie, nahm seine Hand und küßte sie, »wie geht es dir heut?«
Er strich ihr über die Locken: »Gleich, Cäcilie, gleich! Habe nur mit dem Rinke noch ein paar Worte zu reden.«
Die junge Dame sah flüchtig nach Rinke hin. »Rinke?« fragte sie lächelnd. »Feldwebel Rinke?«
»Zu Befehl, gnädiges Fräulein.«
»Was macht denn Ihre Tochter, die Josefine? Geht’s ihr gut?«
»Zu Befehl, gnädiges Fräulein, sehr gut!«
»So, das freut mich!«
Das war wahrhaftig nett von dem ›Fräulein Major‹, daß sie sich der Schulgefährtin noch erinnerte! Der Feldwebel fand es ganz begreiflich, daß man das Fräulein von Clermont die erste Schönheit der Stadt nannte – so was Vornehmes und doch so was Freundliches!
»Grüßen Sie Ihre Tochter von mir!« Sie neigte leicht den Kopf mit einer großen Anmut und schwebte wieder zur Thür.
Donnerwetter war die hübsch geworden! Aber seine Josefine war auch nicht zu verachten! Im Geist hielt der Feldwebel deren blonde Flechten neben jene dunklen Locken, die frischroten Backen neben das zartweiße Gesicht.
Der Major sprach in seine Betrachtungen hinein – das Herz mußte ihm übervoll sein, er vergaß ganz den Untergebenen –: »Ja, wenn ich die Tochter nicht hätte, keine Stunde bliebe ich mehr! Nichts los, gar nichts mehr los! Aber so viel weiß ich, sowie meine Tochter ’ne Partie gemacht hat, nehme ich den Abschied; so lange muß ich schon noch aushalten.« Er seufzte. »Na, und dann ziehen meine Frau und ich uns in irgend einen netten Winkel zurück, ich halte mir Hühner und okuliere Rosen. Mein Sohn muß schon alleine sehen, wie er fertig wird. Ich bin’s müde. Aber daß Sie, Rinke, nicht längst um eine Civilversorgung eingekommen sind, begreife ich nicht. Meiner besonderen Fürsprache sind Sie sicher!«
Also auch der redete ihm zu, zu gehen?! Nein, nein! Rinke konnte sich doch nicht entschließen, wie mit Klammern hielt es ihn am Dienst fest. Wenn’s nun Krieg wurde und er kam nicht mit?! So lange er aktiv war, konnten sie ihn nicht daheim lassen. Und er mußte mit, er mußte mit, solange er noch einen Fuß rühren konnte! – –
Frau Trina hatte kein Glück mit ihren Anbohrungen, fest wie Eisen blieb ihr Mann. Da gab sie die fruchtlosen Bemühungen auf; was sollte sie auch ihren Rinke und sich selber ärgern?! Vielleicht, daß der Wilhelm mal den ›Bunten Vogel‹ übernehmen konnte! Der Großvater war schon sehr alt, und allein würde die Großmutter nie und nimmer fertig werden. Das war doch etwas andres für den Wilhelm, als das ›Schneider lernen‹!
Gegen das Handwerk an sich hatte Frau Trina nichts einzuwenden, wohl aber, daß es gerade ein Militärschneider war, zu dem Rinke den Jungen in die Lehre gebracht. Wenn’s noch ein richtiger däftiger Bürgersleutschneider wäre!
Sonst ließ sich der Wilhelm ganz gut in der Lehre an; besonders hatte er es verstanden, sich der Meisterin angenehm zu machen. Er war eben kein solches Rauhbein, wie die meisten Düsseldorfer Rabauen; die sanfte Hand der Großmutter merkte man ihm noch immer an. Und daß er ein wenig versteckt war – versteckt konnte man eigentlich nicht sagen, ein bißchen ›für sich‹ – dafür machte Frau Trina ihren Mann verantwortlich, der hatte den Jungen eingeschüchtert.
Der junge Mensch zeigte nach wie vor eine große Abneigung gegen die Kaserne, darum ging die Feldwebelin öfters zu ihm hin – eine gesprächige Freundschaft verband sie mit seiner Meisterin – oder sie führte ihn auch Feierabends spazieren und kehrte mit ihm im ›Bunten Vogel‹ ein.
Aber alle Sonntag nachmittag mußte der Sohn in der Kaserne antreten – unwiderruflich – der Vater verlangte es.
Auch heute erwarteten sie ihn. Der Feldwebel hatte schon zum zweitenmal seine Zeitung von A bis Z durchstudiert, nun horchte er auf das Schlagen der Uhr. Konnte der Bursche denn nie pünktlich sein? Auf seiner Stirn zog sich die Falte zusammen.
Josefine schlüpfte aus dem Zimmer in die Küche, um von dort auf den Hof zu spähen. Sie kannte dies Gesicht des Vaters. Wo blieb der Wilhelm denn nur? Statt pünktlich zu kommen, war er eine Stunde später noch nicht da! Wie dumm! Nun war der Vater gleich von vornherein schlechter Stimmung.
Die Mutter lag noch in der Schlafkammer auf dem Bett mit gelöstem Mieder und aufgeknüpften Rockbändern in friedlichem, lang andauerndem Mittagsschlaf, ohne Ahnung, daß sich ein Ungewitter zusammenzog.
Endlich knarrte die Stiege. Gott sei Dank! Wie der Wind flog Josefine an die Treppe und zog den Bruder erst noch einen Augenblick in die Küche. Hier sah sie ihm besorgt in das blasse Gesicht: »Is dich jett?«
Ihre Nasenflügel hoben sich, sie beschnupperte seinen Rock: »Willem, wie riechste dann? Du has ja jeraucht!«
Rasch zog sie ihm den Rock herunter und schlenkerte ihn vom Küchenfenster aus in die scharfkalte Luft. »Dat der Vater et nur nit zu riechen kriegt, du – Jeses – Willem, wat siehste schlecht aus?!«
Der blasse, junge Mensch vermied ihren Blick; mit gesenkten Lidern stand er und nestelte an seinen Hemdärmeln, schaudernd in der frisch hereinwehenden Kühle. »Bis still,« sagte er dann, »schrei doch nit eso! Ich hab’ jeraucht – wat is da weiter bei?!«
»Aber du sollst doch nit!«
Er zuckte die Achseln. »Ich kann nix dafor, se lachen einem ja aus, wenn mer nit raucht. Der Jesell hat mich en Piep Toback jejeben, ein einzije, wahrhaftijens Jott! Aber da is et mich e so kotzjämmerlich nach jeworden – ba!« Er schüttelte sich noch in der Erinnerung und spuckte aus.
»Un jetrunken haste auch,« sagte Josefine vorwurfsvoll.
»Et war mich zu schlecht, da hat mich de Jroßmutter ’ne Bittre jejeben un de Jroßvater auch eine. Un in der Wirtsstub’ saß de Schnakenbergs Hendrich, un dem seine Schwiejervatter, un ich mußt’ mich bei se setzen, un se traktierten mich mit Bier – da würd’ et mich jleich wieder jut – och Jott, och Jott, Finken!« Er hielt sich den Leib.
»Josefine!« rief von drinnen des Vaters Stimme.
Wilhelm schreckte zusammen.
»Josefine! Ist der Bengel noch nicht da? Josefine!«
Man hörte im Zimmer das Rücken eines Stuhls und einen schweren Tritt.
»’schwind!« Josefine half dem Bruder in den Rock und drängte: »’schwind, mach dat de erein kömmst! Halt dich jerad’, Willem! ’schwind, ’schwind!«
»Na,« sagte der Vater, als sie in die Stube traten, und richtete seinen scharfen Blick auf sie. Einen bösen Blick, so erschien es wenigstens Wilhelm; er suchte sich hinter der Schwester zu verbergen.
»Du kommst spät! Warum?« Es klang wie ein Verhör.
»Er war erst noch in der Ratingerstraß’,« beeilte sich Josefine zu sagen. »Bei den Jroßeltern kömmt mer immer eso rasch nit fort!«
»So – hm!« brummte der Feldwebel. »Na,« – er streckte Wilhelm die Hand hin – »na, dann setz dich, Junge!«
Scheu ergriff der Sohn die Hand des Vaters; seine schlanken Finger verschwanden ganz in der sehnigen Faust. Das war ein eiserner Griff! Wilhelm unterdrückte ein Zusammenzucken.
»Pimpliger, pampliger Schlingel!« Mit einem halb gutmütigen, halb ärgerlichen Lachen gab der Feldwebel die schmächtige Hand frei. Würde der Junge denn nie Mark kriegen? Den nähmen sie nicht beim Militär! Es gab ihm einen Stich: ein Sohn von ihm nicht wenigstens seine paar Jahre dienen?! Verstimmt setzte er sich nieder, nahm wieder die Zeitung vor und sagte kein Wort mehr.
Auch Wilhelm wagte nicht zu sprechen; schlapp vornüber gebeugt, hing er auf einer Ecke seines Stuhls, mit trüben Augen in’s Licht blinzelnd. Josefine hatte die Talgkerze auf dem Messingleuchter angezündet; in dem fahlen Flackerlicht sah das Knabengesicht noch fahler aus, die Schatten unter den Augen erschienen noch tiefer. Wilhelm kämpfte mit dem Übelsein; aber als ihm die Schwester jetzt einen Kaffee und eine Kommißbrotschnitte, zur Feier des Sonntags mit Apfelkraut bestrichen, vorsetzte, wagte er nicht, dies auszuschlagen. Zögernd nahm er Schluck für Schluck. Der Kaffee würgte ihn förmlich im Halse, verzweifelt stierte er auf das Brot – wie sollte er das herunterkriegen? Schon der Gedanke an essen trieb ihm den Schweiß auf die Stirn; schwindlig wurde ihm auch, und gähnen mußte er, gähnen, als wäre er drei Nächte in kein Bett gekommen. Josefine blinkerte ihm warnend zu – ja, er wußte es auch, der Vater konnte das Gähnen für den Tod nicht ausstehen, aber was sollte er machen?! So sehr er auch die Lippen aufeinanderpreßte und die Luft durch die Nase zog, es zwang ihm gewaltsam den Mund auf, er mußte gähnen, gähnen aus den Tiefen seiner Seele.
Ein verwunderter Blick des Vaters traf ihn. »Hast wohl die ganze Nacht gewacht? Gearbeitet, he?«
Etwas undeutlich Gestottertes war die Antwort; eine glühende Röte stieg dem Jungen dabei in die bleichen Wangen.
Argwöhnisch betrachtete der Feldwebel ihn – was, trieb sich der Bengel etwa gar herum?! Haltung und Gesichtsfarbe gefielen ihm gar nicht. Immer finsterer wurde die Falte auf des Vaters Stirn. Er that, als ob er lese, stützte den Kopf in die Hand, aber von unten herauf betrachtete er unausgesetzt den Sohn. Dieser merkte das, und, unter’m Tisch die Hände zusammenpressend, mühte er sich gewaltsam, das krampfhafte Gähnen zu unterdrücken und sich ein möglichst harmloses Aussehen zu geben. Er versuchte sogar ein leises Pfeifen; der Vater untersagte ihm das sofort.
Wenn doch Josefine wenigstens drin geblieben wäre! Aber die war gegangen, die Mutter zu wecken, der Mond schien ja schon bleich. Und der Schnee leuchtete in gespenstischer Helle. Ein Schweigen lastete draußen auf dem Platz, ein Schweigen auch in der Stube, so drückend, daß des Jungen Herz pochte.
Gott sei Dank, endlich kam die Mutter! Mit Herzlichkeit begrüßte sie den Sohn. Josefine mußte ihr von Wilhelms Übelbefinden berichtet haben, denn sie fragte mehrmals in einem Atem: »Wie jeht et dich, wie is dich jetzt, is et dich jett besser?«
»Wickel ihn doch lieber in Watte,« sagte der Feldwebel plötzlich und stieß ein kurzes Lachen aus.
Aber Frau Trina ließ sich jetzt so leicht nicht mehr einschüchtern, war sie doch die Besitzende in der Ehe, guter Bürgersleute Kind. »Laß doch,« sagte sie. »Meine arme Jung’! De hat et auch schwer jenug. Morjens als eso früh eraus, de Baas,[8] de läßt sich de Stieweln von ihm wichsen, un sie, de Meisterin, all dat Wasser un Holz schleppen! Un dat Rennen der janze Tag – de Preußen machen ja en Wirtschaft um eine armselige Knopp! Un dann nit emal sechs Penning Trinkjeld!«
»Ist auch kein Unglück,« brummte der Feldwebel. »Geld – wozu braucht der Bengel Geld? Daß er’s verraucht –« er hob rasch den Kopf, ein voller Blick traf den Sohn, der unter diesem Blick zusammenknickte – »oder mit Frauenzimmern verposamentiert!«
»Rinke!« Frau Trina sprach es vorwurfsvoll und legte den Arm um die Schultern ihres Sohnes. »Ne, de thut doch so jett nit! Dat Jüngesken!«
»Na,« – eine unheilverkündende Röte stieg langsam dem Feldwebel in die Stirn – »der Jüngste, der Beste! Da sollte man doch hierzulande die Frauenzimmer nicht kennen! Machen sich hier immer so groß mit ihren rheinischen Mädels – haha! Die Weibsbilder, die halbnackt den Malern Modell stehn, die sind auch rheinische Mädels – nette Sorte – na, ich danke!«
»Et Fina is doch auch en rheinisch Mädchen,« platzte Frau Trina heraus; sie ärgerte sich mächtig über den geringschätzigen Ton ihres Mannes.
»Die Josefine – meine Tochter?! Du bist ja verrückt!«
»No, wat dann?« Jetzt fing Frau Trina an, hell zu lachen. »Et Fina is doch in Düsseldorf jeboren, un hie is doch de Rhein! Un et is so, wie die Mädches hie all sind, akkurat so, un nun soll et auf einmal kein rheinisch Mädche sein?!«
»Halts Maul!« Der Feldwebel schrie sie grob an, und dann faßte er den Jungen vorn an den Rockklappen, beroch ihn, schüttelte ihn hin und her und schob ihn mit einem unsanften Stoß der Mutter zu. »Da – wie stinkt der Bengel?! Nach Knaster und Kneipe! Ich will dich lehren, wo hast du dich ’rumgetrieben, he?«
Keine Antwort. Schreckensbleich starrte Wilhelm drein; in einem nervösen Zucken bewegten sich seine Lippen, aber keinen Laut brachte er heraus.
»Wo hast du dich ’rumgedreht, wie siehst du aus? Antwort! Wird’s bald?«
Josefine mengte sich ein. »Vater, wat is dann, sei doch nit bös!«
Er stieß sie von sich. »Kümmer dich um deine Sachen! – Wo hast du dich ’rumgetrieben, Bengel?!« Er stampfte auf. »Lüge nicht! Du weißt, vormachen lass’ ich mir nichts – na?!«
Der Knabe erstarrte förmlich unter des Vaters Blick.
»Vater,« rief Josefine, »er hat sich nit erumjetrieben! Willem, nu sag et doch, sei doch kein Bangbüx! Der Jesell hat ihm en –«
»Er hat ja jar nix jethan,« schrie die Mutter dazwischen, »de arme Jung’! Rinke, wat fällt dich ein?!«
»’raus! Frauenzimmer ’raus!« Mit unwiderstehlicher Gewalt schob Rinke die beiden Frauen in’s Nebenzimmer. Nun verriegelte er die Thür. Mit starken Schritten kam er dann zurück, direkt auf Wilhelm zu. Der war ganz in eine Ecke gewichen.
»So,« – unheimlich ruhig klang’s – »so, mein Sohn, nu sage mir mal, wo du dich ’rumgetrieben hast, ich möcht’ das gerne wissen.« Und dann aufbrausend: »Ich muß es wissen!«
»Ich hab’ – mich nit – erum–je–trieben!«
Ein Schlucken stieß den Knaben.
»Lüge nicht!«
»Ich lü–lüg’ – ja – nit!«
»Jawohl, du lügst!« Immer drohender wurde das Auge des Vaters, es blitzte unter den düsteren Brauen.
»Wahrhaftijens Jott –«
»Junge!« – Des Feldwebels Stimme verlor plötzlich an Rauheit, sie wurde fast bittend – »Junge, sag mir die Wahrheit, thu’s mir nicht an, daß du lügst!«
»Ich – hab’ mich nit – erumjetrieben! De Jesell jab mich ene Pfeif’ – et wurd’ mich so schlecht – de Jroßmutter jab mich ene Bittre, de Jroßvater auch – se jaben mich Bier – ich kann nix dafor – Vater, Vater!« Aufschreiend hielt er sich schützend beide Arme über den Kopf; der Feldwebel hatte die Hand gehoben.
Feig?! Ein verächtliches Zucken ging über des Feldwebels Gesicht, und dann kam ein Ausdruck von Scham. Feig – sein Sohn war feig! Wer feig ist, lügt auch.
»Ich glaube dir nicht,« sagte er hart. »Sieh mich an!« Und als Wilhelm den Blick nicht hob, noch einmal: »Ansehen!«
Die gesenkten Lider öffneten sich zwinkernd, das matte Auge des Sohnes versuchte, dem Blick des Vaters standzuhalten, aber es füllte sich jäh mit Thränen. Geblendet, verwirrt senkte es sich wieder zu Boden.
»Laß mich eraus,« stöhnte Wilhelm. Alles drehte sich mit ihm, eine peinvolle Übelkeit kam ihn an.
»Gleich kannst du gehen – aber vorerst – vorerst wer’ ich dich lehren – du Bengel – wie man’s Lügen austreibt!« In Schmerz und Empörung sah der Feldwebel um sich: da lag hinter’m Ofen der Stecken zum ausklopfen der Montur.
»Vater, Vater!«
»Schockschwerenot – willst du die Wahrheit sagen?!«
»Ich sag’ se ja – ich sag’ se ja!«
Draußen raschelte es vor der Thür, Mutter und Schwester horchten am Schlüsselloch.
»Jesses, Rinke!« Das war Frau Trinas Stimme. »Mach ens auf, Rinke!«
»Wirst du’s jetzt sagen?« Rinke streckte den Arm nach dem immer mehr und mehr Zurückweichenden aus. »Wo warst du?«
Wilhelm wimmerte: »Vater, Vater!«
»Vater, thu ihm doch nix! Vater, hör doch!« Josefine warf sich mit der ganzen Wucht ihrer jungen Kraft gegen die Thür und rüttelte am Schloß. »Mach ens auf, Vater!«
Er ließ sie rufen und klopfen. »Rumtreiber, Lügner!« stöhnte er zwischen den zusammengebissenen Zähnen. Und dann machte er einen großen Schritt und langte den Stecken hinter dem Ofen vor und stand wieder vor dem ganz in eine Ecke Gedrückten.
»Komm ’raus!« Eine unbarmherzige Strenge lag um des Feldwebels Mund, nichts regte sich in seinem Gesicht. »Hose ’runter! Eins, zwei –«
Der junge Bursche starrte ihn an, als verstände er nicht. Seine Augen waren schreckhaft weit geöffnet, er wurde totenblaß, und dann schoß ihm auf einmal eine glühende Röte bis unter die Haarwurzeln.
»Hörst du nicht? Hose ’runter – eins – zwei – drei!«
»Laß mich!« Das war ein Schrei der Empörung. Beide Hände vorgestreckt, stierte der junge Mensch den Vater an. »Ich laß mich nit hauen – ich laß mich nit mehr hauen! Ich will mich nit mehr –«
»Du – du läßt dich nicht mehr hauen? Du willst nicht mehr?! Was?!« Schon hatte der starke Arm des Feldwebels den sich verzweifelt Sträubenden aus der Ecke gezerrt. Kein Widerstand half. Wie ein unmündiges Kind wurde der Sohn über’s Knie gezogen – Hose herunter – eins, zwei, drei – sausend fiel die Gerte nieder. Und wieder und wieder.
Weiter kein Laut hörbar. Auch die draußen Lauschenden waren verstummt.
»So,« sagte jetzt der Vater kurz und schleuderte die Gerte weg. »So. Nu kannst du gehen!«
Der Sohn richtete sich auf. Mit zitternden Händen seinen Anzug ordnend, stand er einen Augenblick, dann wankte er zur Thür. Als er den Riegel fortschob, warf er einen Blick in die Stube zurück, einen einzigen kurzen Blick, scheu und von unten herauf; aber neben der Furcht, und stärker als diese, glimmte noch etwas andres in seinen Augen.
»Adjüs!« sagte er heiser. Dann riß er die Thür auf.
An Mutter und Schwester vorbei stürzend, flüchtete er die Treppe hinunter. Vergebens riefen sie ihm nach.
Als die Frauen bestürzt in die Stube traten, saß der Feldwebel wieder vor seiner Zeitung, anscheinend ganz vertieft. Aber Josefine fand, der Vater hatte eine seltsam gramvolle Miene.
VIII
Schnee, Schnee, überall Schnee. An die Mauern war er angeweht worden und klebte in allen Ritzen; in den Fensterecken hatte er Polster aufgeschichtet, vor die Hausthüren hatte er sich gelagert, über die abschüssigen Dächer war er heruntergerutscht und hing nun drohend in den Rinnen.
Die Bäume der Königsallee, die schon dicke, zum aufplatzen geschwellte Knospen gezeigt, hatten alle Frühlingsträume vergessen; sie standen in Sterbehemden. Der weite Exerzierplatz war von einem Leichentuch überdeckt, kein Tritt schallte, kein Kommando ertönte.
Frau Trina seufzte fröstelnd, als sie am sonnenlosen Spätnachmittag beim Fenster saß. Auf ihrem Schoß lag eine alte Hose ihres Mannes – wie mit Pechdraht genäht! Das war eine mühselige Arbeit, den roten Vorstoß herauszutrennen; aber man konnte doch die Jungen nicht herumlaufen lassen wie gezeichnet. Immer wieder ließ sie die Hände sinken, zuletzt lehnte sie den Rücken an und schloß die Augen.
Aber sie nickte nicht ein, wie sonst wohl gern, eine bange Unruhe hatte sie heut zu keinem Schläfchen kommen lassen. Den ganzen Tag schon lag es ihr in den Gliedern, ein garstiger Rabe hatte heut morgen unter dem Fenster gekrächzt – was wohl der Wilhelm machen mochte? Der arme Junge, hatte der gestern einen Sonntag gehabt! Es würde wohl kein Unglück sein, wenn der sich mal ein kleines Pläsier gemacht hatte, statt den ganzen Sonntagnachmittag in der muffigen Kaserne zu sitzen! Prügel hatte er dafür bekommen – Prügel!
Ein wahrer Zorn erhob sich in Frau Trinas Seele: mußte denn gleich zugehauen werden? Und immer geschnauzt?! Ach, was war sie doch so dumm gewesen! Hätte sie lieber dazumal den Schnakenbergs Hendrich aus der Windmühl’ geheiratet, wie gut hätte sie’s jetzt! Ein Kanapee, und Hörtchens vor’m Fenster und keine Sorgen. Dem seine Frau ließ es sich wohl sein. Ach, und es war doch auch etwas ganz andres, in einer Straße zu wohnen – sie warf einen mißbilligenden Blick hinaus auf den Platz – mal Menschen zu sehen, nicht bloß Soldaten!
Seufzend stand sie auf und ging nebenan in die Schlafkammer. Da holte sie aus der Lade ihr Gebetbuch vor; wahrhaftig, ein Trost that ihr not!
Sie schlug es auf. Wie das paßte:
›Ich muß leiden und durch geduldige Ertragung der Leiden mich für den Himmel befähigen.‹
»Ach ja!« Sie sank in die Kniee vor der alten tannenen Lade und las, die Hände gefaltet, das Gebet an Maria um Geduld.
›Ich bedarf in meinen Leiden des Trostes zur Erleichterung, der Stärke zur geduldigen Ertragung derselben – beide suche ich bei dir, o schmerzvolle Mutter!‹
Schmerzvolle Mutter! Die Thränen, die schon lange lose gesessen, fingen Frau Trina an zu rinnen, sie dachte an ihren Wilhelm.
Aber sie las weiter:
›Du tröstest mich in den Bedrängnissen mit der lebendigen Hoffnung auf den herrlichen Lohn, der auf die Leiden dieser Zeit folgt.‹
Und eine große Erleichterung kam über sie. Sie las noch viele Gebete, auch solche, die nicht auf ihre jetzige Kümmernis paßten; aber alle verschafften ihr Ruhe. –
Draußen, jenseits des Flurs, trällerte Josefine in der Küche. Sie schrubbte die Dielen, daß Holzsplitterchen und schmutziges Wasser spritzten.
»Als de Jroßvatter die Jroßmutter nahm, Da war de Jroßvatter ’ne Bräutijam –«
sang sie mit schallender Stimme, gerade als die Mutter ihr Büchlein wieder in der Lade verschloß.
Frau Trina horchte auf – die war ja so lustig?! Nun ging sie auch nach der Küche.
»Mit dir, mit dir in’t Federbett, Mit dir, mit dir in’t Stroh –«
klang es übermütig weiter. Den Schrubber wie einen Tänzer vor sich haltend, drehte sich Josefine in der Küche; ihre Holzklumpen klappten, aber geschickt galoppierte sie auf dem feuchtglitschigen Boden.
»Dann sticht mich auch kein Federchen, Dann beißt mich auch kein Floh! Mit dir, mit dir –«
Schon fing sie wieder von vorne an, aber der ungeschlachte Tänzer kam ihr zwischen die Füße – er polterte hin – lachend flog das Mädchen auf die Mutter zu und faßte die um die Taille.
Und dann sangen Mutter und Tochter, beide sich umeinander wirbelnd, das alte Tanzlied und lachten dabei, daß sie weinten.
»Mit dir, mit dir in’t –«
»Pst!« Josefine legte plötzlich den Finger an die Lippen – der Vater kam die Treppe herauf!
Frau Trina errötete. Wenn ihr Mann sie jetzt gesehen hätte! Der würde schön schimpfen! Der Thür abgewandt, machte sie sich am Herd zu schaffen, um ihr erhitztes Gesicht zu verbergen.
Aber der Feldwebel schaute heute nicht wie sonst zuerst zur Tochter herein, er ging gleich in die Stube. Krachend flog die Thür hinter ihm zu.
»Och Jott, och Jott,« seufzte Frau Trina. All ihre Kümmernisse fielen ihr auf einmal wieder ein. –
Rinke hatte die vergangene Nacht schlecht zugebracht; seine Frau atmete schon seit Stunden tief und gleichmäßig, da saß er noch wach im Bett. Die Nacht war finster, schweres Gewölk hielt den Mond verdeckt, nur als ein, um weniges hellerer, Fleck hob sich das Kammerfenster aus der Schwärze. Graute der Morgen denn noch nicht?!
Es war ihm eine Erlösung gewesen, als der erste Frühschein über’m Platz dämmerte. Längst ehe die Reveille ertönte, stand er auf, schlich aus der Kammer und wanderte mit großen Schritten rastlos in der eiskalten Stube auf und ab, bis Josefine erschien und noch ganz verschlafen fragte, ob es denn schon so spät sei? Der Hornist lockte gerade.
Die Mehlsuppe schmeckte nicht, mit einem förmlichen Widerwillen hatte der Feldwebel den Napf von sich geschoben – der Junge, der Junge, der lag ihm auf dem Magen! War er nicht doch zu streng gegen den gewesen? Ah was, Strenge muß sein! Wer sein Kind lieb hat, der züchtigt es.
Feldwebel Rinke war heut unwirsch im Dienst gewesen, die Kerle wurden angeschnauzt; als er die zehntägige Löhnungsberechnung in’s Löhnungsbuch eintrug, verschrieb er sich. Beim Mittagessen wußte er nicht, was er aß; gleich danach ging er wieder fort, es litt ihn nicht in der Stube.
Als er mit dem Hauptmann auf dem Kasernenhof hin und her pendelte und den täglichen Rapport abstattete, hatte er sich auf sonderbaren Zerstreutheiten ertappt; seine Gedanken waren immer abgeschweift, hin zu dem schweren Thor, das auf die Straße führte, hin zur Kapuzinergasse, hin zum Haus, wo Wilhelms Meister wohnte. Er hatte sich geärgert, daß er das Denken an den Jungen nicht lassen konnte. –
Nun war der Dienst soweit zu Ende, nur das Rapportbuch brauchte er am Abend noch dem Bataillonsadjutanten zu überbringen. Er hätte sich ruhig hinsetzen können zu seiner Zeitung, aber sie hatte heut kein Interesse für ihn. Aus der Küche hörte er das unterdrückte Kichern Josefines und seiner Frau – warum lachten die nicht laut heraus? Warum war plötzlich das Singen verstummt, als er die Treppe heraufgekommen? War er denn so fürchterlich, daß alle ihn scheuten?!
Verdrießlich lief er auf und ab wie am Morgen, unruhig, mit knarrenden Stiefeln.
»Au weh,« sagte Frau Trina draußen, »er is noch schlechter Laun’!« Die Knaben, die lärmend nach Hause kamen, wurden rasch beschwichtigt; keiner traute sich in die Stube.
Der Feldwebel blieb allein. Und wie das Licht des Tages immer mehr und mehr erlosch, fing er an, sich einsam zu fühlen. Gähnend stand er am Fenster und trommelte einen Marsch auf die Scheibe. Vom Bataillonsadjutanten, der unten in der Kasernenstraße wohnte, war’s nicht weit zur Kapuzinergasse – ob er mal hinging und nach dem Jungen fragte? Er nahm seine Mütze vom Nagel und gürtete das Seitengewehr um.
Josefine, die den Vater fortgehen hörte, wollte ihm nacheilen, aber die Mutter hielt sie zurück: »Fina, bleib, du kriegst nur Brummes!«
Der Mond stand über’m Hof, ein rundes, bleiches Riesengesicht, als der Feldwebel aus der Thür trat. Die Straße war von Mondschein überzittert, die Lämpchen der Laternen glimmten dunkelrötlich gegen dies blauweiße Licht. Die Luft so klar; der über Tag geschmolzene Schnee glitzerte wie ein eisiger Spiegel. Wenig Menschen unterwegs, nur ein paar Dienstmädchen trippelten vorsichtig vor den Hausthüren und streuten Sand und Asche. Bei Kühling im ersten Stock, wo der Herr Bataillonsadjutant wohnte, waren die Fenster dunkel; Rinke guckte hinauf: der war noch nicht zu Hause – desto besser, so ging er auf dem Rückweg vor. Erst zur Kapuzinergasse!
Bei Meister Pickardt hatten die Gesellen bereits Feierabend gemacht, nur er selber saß noch auf dem Tisch unter der qualmenden Öllampe und stülpte einen Waffenrockkragen. »Eja, dat is en Leid mit de Jesellen,« klagte er, »heutzutag’ will keiner meh en Stund überarbeiten. Dat lernen se von Pariß, dat kömmt mit der neuen Mod’! Eja, en schlimme Zeit!«
»Thu dich nit so,« rief die Meisterin aus der offenen Küchenthür, »als ob du selber nit jenug schimpfen thätst, wenn de Offiziers e so pressieren: die verdammte Kuranzerei! Die Junges haben wohl recht: wenn mer sei janz Leben arbeit’, muß mer auch uf de Minut Feierabend machen. Hör uf, mach dich ens parat, wir wollen auch noch e bißche erausjehen!«
»Meister,« sagte der Feldwebel, »ist mein Junge da?«
»Ene.« Der Schneider packte schon die Arbeit zusammen.
»Wo ist er denn? Können Sie mir’s sagen?«
»Wer – de Willem? No, de is ja bei Ihnen!«
»Bei – mir?!«
Meister Pickardt hatte fertig zusammengepackt, nun hob er den Kopf: der Feldwebel hatte so etwas Eignes im Ton, etwas Ängstliches. Über die Brille weg sah er den an: »No, wat is dann?! Diese Morje früh kam de Jung mit sei’m Bündel un sagt, er thät’ sich krank fühlen, er wollt’ en paar Tag no Huus jehn.«
»Krank – nach Haus?! – Warum in drei Teufels Namen hat Er den Bengel laufen lassen?« Wütend brüllte der Feldwebel. »Hab’ ich Ihm nicht den Bengel in die Lehre gegeben?! Wie kommt Er dazu, ihn wegzulassen?«
»No, no!« Der Meister fing an, sich zu ärgern; seine Soldatenzeit lag längst hinter ihm, er brauchte sich doch nicht mehr von dem Preußen anschnauzen zu lassen.
»Warum hat Er mir nicht sofort Meldung gemacht?«
»Wat jeht mich dat an?! Wenn de Jung’ nit in der Lehr’ bleiben will, laß hän laufen. Heutzutag’ hält mer keinen meh.« Der Meister pfiff durch die Zähne. »Krank« – er kratzte sich – »freilich, dat sagen se immer, dat is so en Stücksken, eja! ›Adjüs,‹ sagt hä for mich un jab mich de Hand, ›adjüs so lang!‹«
Adjüs –! In des Vaters Ohren begann es zu sausen, und dazwischen hörte er eine heisere Stimme. An der Thür – auf der Schwelle hatte der Bengel gestanden: ›Adjüs!‹ – Durchgebrannt war der!
»Marijosef!« rief die Meisterin, die aus der Küche nähergekommen war, und bekreuzte sich, »wat schimpft Ihr! De arme junge Mensch, wat sah de schlecht aus! Wie en Leich’! ›Willem, wat is Ihnen?‹ sagt’ ich jestern abend. ›Nix,‹ sät hä, aber ich hört ein schlucksen, als hän de Trepp’ eruf jing nach Bett.«
»Er ist nicht nach Hause gekommen,« murmelte der Feldwebel und starrte vor sich hin. Das kam ihm alles so rasch, das stürzte über ihn her – der Junge fort! – Und die da, der Meister und seine Frau, die schienen noch seine Partei zu nehmen, heimlich Front zu machen gegen ihn, den Vater!
»Also de es nit no Huus jekommen?« sagte die Meisterin wieder. »O Jemmich! Wundern thut mich dat weiter nit. Dat war immer ’ne Anjang für em, nach der Kasern’ zu jehn. Wat hat Ihr dann mit em vorjehatt? Weiß Jott, wo de jetzt erumläuft, de arme Jung’! Un die Kält’ noch bei der Nacht!« Mit großem Behagen malte sie ein Umherirren bei Nacht und Schnee aus. »Letzte Winter haben se auch ’ne junge Mensch jefunden, de auf en Bank in der Hofjarten einjeschlafen war – erfroren!« Sie schlug die Hände über’m Kopf zusammen: »Wat wird Euer Frau sagen?! Lauft ’schwind nach der Polizei, dat se’m suchen!«
»Unsinn!« Der Feldwebel nahm sich zusammen, das geschwätzige Weib sollte ihm nicht seine Unruhe anmerken. »Wird sich schon wieder anfinden. Wird bei seiner Großmutter hocken!« Und wie sich selbst beruhigend, wiederholte er noch einmal: »Bei seiner Großmutter – ich wer’ ihn lehren! Morgen tritt er hier wieder an. ’n Abend!« Damit ging er.
Die Meisterin schimpfte hinter ihm drein: »De Preuß’! De hochmütige Kerl! Wat de wohl de arme Jung’ kuranzt hat! De Eisenfresser, de –«
»Bis still,« flüsterte ihr Mann und legte ihr rasch die Hand auf den Mund, »mach nit, dat ich Verdruß drum krieg’!«
»Ä wat, Verdruß oder nit, ich werd’ mich doch wejen dem Preuß nit scheniere! Wann et ihnen nit jefällt, laß se machen, dat se aus Düsseldorf erauskommen, wir sind se als lang leid!« –
Rinke eilte durch die Gassen. Gleich neckenden Fingern streckte der Mond seine Strahlen nach ihm aus; als langer, fliehender Schatten zeichnete sich seine dunkle Gestalt von den weißen Hauswänden ab. Er lief, daß ihm der Atem ausging und die zum Wirtshaus wandelnden friedlichen Bürger verwundert mit ihren langen Pfeifen nach ihm zeigten: »Wat hätt’ de?!« Warum lief der Preuße so? Sie brachten eine aufregende Frage mit an ihren Stammtisch.
Im ›Bunten Vogel‹ saßen die beiden Alten still beim Ofen, als der Feldwebel hereinstürmte. Es dauerte eine ganze Weile, bis sie seine hastigen Fragen begriffen – das Erstaunen, den Schwiegersohn bei sich zu sehen, hatte sie ganz übermannt – aber dann brachen der Großmutter fast die Kniee vor Schrecken: der Wilhelm vom Meister fort, nicht in der Kaserne, davongelaufen?! Nein, hier war er nicht! Mit zitternden Händen hakte sie ihren altmodischen Spenzer zu und knüpfte die Haubenbänder fester, sie wollte durchaus hinaus auf die Straße, den Wilhelm suchen. Wo war er hin? Ein angstvolles Zittern überlief sie, wenn sie an ihren armen Jungen dachte.
»Jesus Maria, dat Jüngesken!« Bitterlich weinend umschlang sie ihren Alten und barg das Gesicht an seiner Schulter.
Unwirsch, verstört enteilte der Feldwebel, diese Thränen jagten ihn fort, sie waren lauter Anklagen, brennende Anklagen – war er nicht doch zu streng gegen den Wilhelm gewesen?!
Die hochgegiebelten Häuser der Ratingerstraße reckten sich wie drohend vor seinen Blicken, von ihren Dächern flutete das Mondlicht und schoß blinkende Pfeile nach ihm. Er war wie in’s Herz getroffen. Stöhnend faßte er sich nach der Brust – ha, das Rapportbuch, gerade hatte er’s gefaßt! Und horch, acht schlug’s von der Rathausuhr, höchste Zeit, es abzuliefern! Der Herr Adjutant wartete wohl schon!
Er biß sich auf die Lippen – war’s so weit mit ihm gekommen, daß er der Pflicht vergaß?! Seine Gestalt richtete sich energisch, seine erregten Züge glätteten sich. Rasch, aber doch mit gemessen soldatischem Schritt, marschierte er zu Kühling zurück.
Der Bataillonsadjutant war, wie immer, angenehm berührt von der famosen Haltung des Mannes und verwickelte ihn in ein längeres Verhör über Gesundheitszustand und Urlaubsbewilligungen der Mannschaft.
Von der nahen Kaserne tutete der Zapfenstreich, als Rinke wieder auf der Straße stand. Es gellte ihm durchdringend in die Ohren:
›Zu Bett, zu Bett, ihr Lumpenhund’, Es schlägt die letzte Viertelstund’ – Zu Bett – zu Bett – zu Bett!‹
Der Hornist schloß mit einem verunglückten Trötrö. Der Feldwebel war an diesen Mißton gewöhnt, aber heut zuckte er zusammen. Sonst pflegte er um diese Zeit auch stets in der Kaserne zu sein, aber heut, was sollte er im Bett?! Er konnte ja doch nicht schlafen. Der Junge, der Junge! Suchend, mit Unruhe glitt sein Blick umher. Und dann – was sollte er der Mutter sagen?!
Ein paar verfrühte Fastnachtsgecken, die in spitzen Papiermützen zu einer Vor-Karnevalssitzung eilten, streiften an ihm vorbei. »Wat sühste schläch uhs!« gröhlte der eine und streckte ihm seine lange Nase von Papiermaché in’s Gesicht.
Erschrocken fuhr der Versunkene zusammen, unwillkürlich legte er die Hand an’s Seitengewehr. Mit lautem »Helau!« entsprangen die fröhlichen Gesellen. Er fluchte hinter ihnen drein – verdammte Zucht!
Jetzt war die Straße nächtlich still. Wie ausgeschnittene Silhouetten, scharf umrissen, hoben sich die Häuser in langer Reihe vom mondhellen Himmel. Und Sterne glitzerten und flimmerten, wie in einer bitter kalten Winternacht, und auf dem Pflaster blinkte es von lauter Diamanten.
Donnerwetter, wie kalt! Der Einsame rüttelte sich in einem Frostschauer; und dann machte er plötzlich Kehrt, war mit wenigen Sätzen um die Kasernenstraßenecke und eilte weit ausholenden Schrittes die Mittelallee zum Hofgarten hinauf. Zum Hofgarten!
Wie hatte doch das geschwätzige Weib gesagt? – ›Da haben sie ’nen jungen Menschen gefunden, auf ’ner Bank eingeschlafen – erfroren!‹ Unsinn! Der Junge saß irgendwo warm; der wußte ja Bescheid, der war kein fremd zugewanderter Handwerksbursche! Und doch mußte der Vater immerfort an diese Worte denken; sie peinigten ihn.
Der Atem ging ihm wie Rauch aus dem Mund; es war kalt, und doch stand ihm der Schweiß auf der Stirn, als er den Hofgarten erreichte. An dessen Rand, in der Nähe des Eiskellerberges, stöberte er noch ein paar Rheinkadetten mit ihren Frauenzimmern auf; am Napoleonsberg traf er schon keinen Menschen mehr.
Ganz allein stand er auf dem Hügel und starrte hinunter zum Rhein; ein eisiger Hauch stieg von dort empor. Die Wellen im Sicherheitshafen rührten sich nicht, sie glänzten wie starres Metall. Doch jetzt, ein Knirschen, ein Plätschern, ein Glucksen – horch, klang da nicht ein dumpfer Ruf?!
»Wilhelm! Wilhelm!«
Es preßte dem Vater einen Schrei aus; laut hallte der Angstruf weit über den Rhein.
Noch einmal: »Wilhelm, Wilhelm!«
Und dann lief er hinein, quer über die verlassenen Schießstände weg, hinein in den großen Park, der stumm und geheimnisvoll seine Waldbäume in’s kalte Mondlicht reckte.
Hier knackte noch der Schnee. Es war nicht geschüppt; der Suchende irrte bald vom Pfad, auf’s Geratewohl tappte er zwischen Stämmen und Gebüsch. Endlich erreichte er die einsamen, durch keinen Lampenschein mehr erhellten Häuser der Kaiserstraße. Im Nonnenklösterchen wimmerte ein Glöckchen, feindselig richtete sich sein Blick dorthin. Was, steckten da noch immer welche drin, waren die noch nicht ausgestorben? Er ballte die Faust – all das Leid kam von denen, von den Nonnen, von den Pfaffen, von den Römischen! Die hatten einen Graben gezogen zwischen ihm und seinem Weib, über den sich keine Brücke schlagen ließ. Die hatten ihm seine Kinder abwendig machen wollen. Viktoria! Bei der Josefine war’s ihnen nicht gelungen, die hatte er ihnen abgejagt – aber beim Wilhelm, beim Wilhelm! Der hatte immer bei den Großeltern gehockt, heimlich katholisch mochte der wohl sein. Mochten sie nun auch die Verantwortung für ihn tragen! Was ging ihn der Bengel noch an?!
Und doch rannte er weiter; er schrie nicht mehr, aber seine Augen suchten und suchten.
Hinter jeden Busch spähte er. Am Hofgartenhaus, um die Landskrone, in den Anlagen längs der Jägerhofstraße standen viele Bänke, er suchte sie alle ab – auf keiner einzigen Bank saß der Ausreißer!
Immer weiter suchte Rinke in steigender Hast; es trieb, es jagte ihn etwas, sein Herz schlug gegen die Rippen, so hart, daß er das Pochen durch die Stille zu hören vermeinte. Einzelne Statuen tauchten auf zwischen bereiften Büschen, er entsetzte sich jedesmal bei’m Anblick der bleichen Gestalten. Eine Maus schlüpfte durch’s dürre Laub, ein Nachtvogel schlug die Flügel; kaum Geräusche, und doch fing sein geschärftes Ohr sie auf – wo irrte sein Sohn?!
Der Mond ging allmählich nieder auf seiner Bahn; längst war es nicht mehr recht hell gewesen, nun wurde es dunkel. Der Vater machte sich nicht die Unmöglichkeit klar, jetzt, in der Nacht, in dem weiten Hofgarten den Knaben zu finden; der Gedanke, wie unwahrscheinlich es sei, daß dieser sich gerade hierher geflüchtet, kam ihm gar nicht – er suchte, suchte. Suchte mit angstbeflügelten Schritten, alle Sinne fieberhaft erregt.
»Halt, wer da?!«
Ein militärischer Ruf belebte plötzlich die einsame Finsternis, Gewehrläufe blinkten auf, harte Tritte hallten auf gefrorenem Boden. – »Wer da?!«
Ah –! Der Doppelposten vor dem Jägerhof!
Rinke stand, die Hand am leis klirrenden Seitengewehr: »Feldwebel Rinke, sechzehntes Infanterieregiment, neunte Kompagnie!«
Die Wachen sahen ihn; jetzt machten sie Kehrt und nahmen, Gewehr über, ihr unterbrochenes Hin- und Herwandeln wieder auf.
Ah, sehr gut, Kerle hatten nicht geschlafen!
Rinke war wieder ganz bei sich. Blödsinn, hier herumzulaufen bei nacht! Da war ja das Schloß; dunkel lag es auch schon, nur oben im breiten Mittelfenster des ersten Stockwerks war noch Licht. Man sah den Kristalllüster blitzen. Ihre Königlichen Hoheiten, der Prinz Friedrich und seine erlauchte Gemahlin, waren noch auf!
Unwillkürlich stand der Feldwebel stramm; wie ein großes, strahlendes Auge grüßte ihn das hell erleuchtete Fenster, wie Sterne funkelten die Kerzen des Schlosses durch die Nacht.
Ruhiger ging er fort. Gleich einer sanften Tröstung nahm er noch einen Lichtschimmer von da oben mit auf den Weg.
Treue, Tapferkeit und Gehorsam – diese drei – Pflichtgefühl und Ehre – aber die Ehre ist die größte unter ihnen!
Und war sein Wilhelm auch kein Soldat, als Soldatensohn mußte er wissen, was ›Ehre haben‹ heißt; er mußte es lernen. Nein – der Feldwebel schüttelte den Kopf – zu streng war er nicht gewesen!
Er hatte nur seine Pflicht erfüllt gegen sein Kind.
Nun hatte er Frieden mit sich selber gemacht, wie er wähnte. Er ging heim, sehr müde; ruhig zu schlafen gedachte er, aber jäh fuhr er auf nach kurzem, wildem Träumen, mit dem Schlafen war’s nichts. Er beneidete seiner Frau den friedlichen Schlummer. Die lag mit gefalteten Händen, ein behagliches Lächeln um den Mund.
Noch vor dem Reveilleblasen weckte er sie. Länger konnte er’s nicht mehr verschweigen, er mußte ihr Mitteilung machen von Wilhelms Verschwinden. Seine Stimme klang gepreßt, von neuem fühlte er sein Herz pochen in peinvoller Unruhe. Und sie, was würde sie erst sagen?!
Aber gelassener, als er gedacht, nahm sie es auf; nur daß sie aufstand und sich zum ausgehen anschickte. In den ›Bunten Vogel‹ wollte sie, da würde der Wilhelm schon sein.
Nein, nein, da war er ja nicht!
Aber sie blieb dabei: jetzt würde er schon da sein.
Frau Trina war ihrer Sache sicher; hatte sie nicht am gestrigen Nachmittag all ihre Sorgen und Kümmernisse im Gebet an die schmerzvolle Mutter niedergelegt und dann noch am Abend vor’m Einschlafen ihren Sohn den Schutzengeln empfohlen? Auch jetzt nahm sie sich noch die Zeit, bei der zur Frühmesse geöffneten Lambertuskirche vorzugehen und vor’m uralten Gnadenbild auf dem Pfarraltar den englischen Gruß zu flüstern.
Den Feldwebel litt es nicht zu Hause. Die qualvolle Ungewißheit ertrug er kaum mehr. Hatte die Käthe recht, war der Junge inzwischen bei den Großeltern angekommen? Und wenn er nun nicht da war, was dann?! Er fühlte, wie ihm das Blut vom Herzen wich.
Noch war kaum eine Stunde seit dem Fortgehen Frau Trinas verstrichen, so machte er sich auch auf. Über die morgendlich stillen Gassen eilte er, wie gestern durch die abendlich stillen. Hin zum ›Bunten Vogel‹, rasch, rasch! Und wenn der Junge nun nicht da war?! Verdammt, wie weit der Weg war!
Endlich klingelte er an, leise, fast zaghaft. Die Großmutter öffnete ihm. Ihre Haube war zerdrückt, ihr weißes Haar, noch nicht sauber geglättet, erschien weißer im Morgengrau. Ihr Gesicht so runzelig, so überwacht – und doch sah er auf den ersten Blick: der Junge war da! Gott sei Dank! Mit einem tiefen Aufatmen trat er ein.
Als wäre die alte Frau dem Schwiegersohn nie böse gewesen, so faßte sie jetzt seine Hand und leitete ihn zur Treppe, die dunkel und steil in’s Obergeschoß führte. Flüsternd berichtete sie: Mitternacht war’s gewesen, sie und ihr Peter hatten in aller Angst noch wach in der Wirtsstube gesessen, da hatte es leise an’s Fenster gepocht. Da hatte er draußen gestanden, furchtsam, totenblaß und ganz verfroren. Die Zähne hatten ihm geklappert; und verhungert war er gewesen, halb ohnmächtig vor Leere im Magen. Er hatte ja keinen Pfennig Geld gehabt, und zu jemand Bekanntem hatte er sich nicht hingetraut. Umhergeirrt war er, wie ein gescheuchtes Tier.
»De arme Jung’!« sagte die Großmutter mit einem gerührten Lächeln und wischte sich die Thränen aus den Augen. »Un dann hab’ ich hän in unser Bett jelegt, in sei’m kleine Kinderbettche kann de lange Mensch doch nit meh schlafen, un da« – ganz behutsam öffnete sie die Kammerthür – »da schläft hä noch!«
Den Atem anhaltend, trat der Feldwebel ein. Da war das alte Ehebett mit dem Kattunhimmel und der Muttergottes darüber; durch das ausgebaute Fensterchen schaute das fahle Morgenlicht und fiel gerade auf den Schläfer. Dieser hatte eine hohe Röte auf den Wangen und einen unruhigen, pfeifenden Atem. Seine eine Hand lag geballt an der Wange, die andre wurde von der Mutter gehalten.
Frau Trina saß am Bett mit glücklichem Gesicht; jetzt winkte sie lächelnd ihrem Mann zu – hatte sie nicht recht gehabt, hier war der Ausreißer?!
Hinter dem Kopfende döste der Großvater; er sah ganz verwittert aus, zum verlöschen müde, er und Frau Cordula hatten ja kein Bett gehabt. Hier hatten sie gesessen die ganze Nacht und den Schlaf des Enkels bewacht.
Auf den Zehen, sein Seitengewehr behutsam an sich drückend, schlich der Feldwebel näher. Hatte er doch Lärm gemacht?!
Der Schläfer rührte sich, seine Lippen murmelten Unverständliches; wie Angst huschte es über das hübsche Gesicht, die Brauen schoben sich zusammen, eine tiefe Falte bildete sich an der Nasenwurzel. Er riß seine Hand aus der der Mutter und tastete voller Unrast auf der Decke umher.
»Er is am träumen,« flüsterte die Großmutter.
»Bis still, mein Jüngesken,« liebkoste die Mutter und strich dem Unruhigen ein Locke aus der Stirn.
Der Junge schlug die Augen auf.
»Er is wach!« rief die Großmutter erfreut.
»Er is wach!« wiederholte die Mutter.
Auch der Großvater rappelte sich auf.
Aber keinen von diesen sah der Erwachende. Da, wo der Vater stand, dahin richtete sich stier sein Blick. Seine Augen wurden überweit – nur einen Moment, dann preßte er sie schaudernd zu. Mit einem unartikulierten Laut, die Decke ganz über den Kopf ziehend, kehrte er sich stracks ab gegen die Wand.
IX
Frühling war’s geworden, junger, schöner Frühling.
Singend that Josefine ihre Arbeit. Gestern hatten die beiden Jüngsten drüben am Kanalrand Veilchen gesammelt, ein volles Sträußchen davon trug sie an der Brust. Sie wünschte sich tausend Nasen, sie konnte gar nicht genug von dem Duft bekommen. Und Glocken läuteten den weißen Sonntag ein: morgen würden die Kommunion-Kinder in ihren schlohweißen Kleidern und Schleiern, weiße Kränze auf den Locken, weiße Sträußchen auf den in’s Taschentuch geschlagenen Gebetbüchern, wie weiße Blütenwolken über die Straßen ziehen.
Durch die geöffneten Fenster wehte eine linde Luft, wahrhaft verführerisch gaukelte sie vom Exerzierplatz herauf. Die Kastanien der Königsallee hatten lappige Blättchen aus den braunen Knospen gesteckt, bis hierherauf sah man den grünen Schimmer. Es roch nach Erde, nach Saft, nach verborgen treibendem Leben, nach Lenz, Lenz!
Josefine schaffte mit hochgeröteten Wangen – die Mutter war in der Beichte – sie war allein, ohne Hilfe, und noch waren die Fenster zu putzen; auch die frischgewaschenen Gardinchen sollten sich morgen im Sonntagswind blähen. Wie ein Junge schwang sie sich in’s Fenster und rieb mit nicht erlahmender Kraft die blasigen Scheiben blank. Das morsche Fensterbrett ächzte unter ihrem Gewicht. Wer von Soldaten unten über den Platz ging, guckte hinauf und bewunderte die drallen Waden und den blonden Zopf, der sich aus dem Nest gestohlen und der Emsigen lang über den Rücken hing.
Ein schönes Mädel!
Sergeant Conradi wußte das auch, er brauchte gar nicht erst durch die verstohlenen Blicke seiner Leute aufmerksam gemacht zu werden. Er ließ Wendungen üben.
»Rechts – um!«
Wenn sie doch nur heute im Schummern ein wenig herunter käme!
»Links – um!«
Dann wollte er ihr über den Hof nachsteigen und draußen auf der Straße eine Anrede riskieren!
»Ganzes Bataillon – Kehrt!«
Vielleicht spazierte sie ein bißchen mit ihm auf der Königsallee!
»Ganzes Bataillon – Front!«
Der Karlsplatz war auch nicht zu verachten, da schlugen sie die Buden auf für den Jahrmarkt, vielleicht, daß das Kölner Hänneschen schon spielte!
»Bataillon – Marsch!«
Er war ja ein Mann, der an’s heiraten dachte, sie konnte ruhig mit ihm in die dunkle Bude gehen!
»Links schließt – euch!«
Und einen Nähkasten wollte er ihr auf dem Jahrmarkt kaufen mit Nadeln und Zwirn, und ein Zuckerei, darauf mit bunten Farben geschrieben stand: ›Dein ist mein Herz!‹
»Bataillon – halt!«
So gut war er noch nie bei Stimme gewesen, das fühlte Conradi; weit hallte sein Ruf über den Platz, die Leute drehten sich wie die Puppen. Wenn sie doch nur auch Augen für ihn gehabt hätte! Aber nein – mit Betrübnis war er es schon oft inne geworden – einen jeden sah sie an, nur ihn nicht. Wenn sie über den Kasernenhof schwänzelte, ihr Körbchen am Arm, und die Leutnants das Augenglas einklemmten, lachte sie über das ganze Gesicht; er hätte vor Eifersucht platzen mögen. Und doch konnte man ihr nicht das geringste nachsagen. Mit einer gewissen Rührung dachte Conradi daran, wie fleißig sie arbeitete, morgens, mittags, abends, immer. Aus der Mannschaftsstube im Seitenflügel konnte er ihr Küchenfenster beobachten: sie wusch und kehrte und scheuerte und schälte Kartoffeln und rührte in den Töpfen. Und immer sang sie. Was sie für weiße, runde Arme hatte!
Er blinzelte hinauf und gab das Kommando mit schmetternder Stimme.
Aber Josefine beachtete ihn gar nicht, sie war ganz bei der Arbeit, und was ihr von Gedanken übrig blieb, war auf etwas andres gerichtet: heute feierte Cäcilie von Clermont ihre Hochzeit. Um sechs Uhr war die Trauung in der Kirche auf der Bolkerstraße. Wenn die Mutter bald nach Hause kam, konnte es noch geraten, daß sie hinlief und guckte – rasch, rasch, daß sie fertig wurde! Im ›Breidenbacher Hof‹ sollte das Hochzeitsmahl sein, im Blättchen hatte alles gestanden, haarklein. Man nannte das Fräulein von Clermont nicht umsonst die größte Schönheit der Stadt; nicht umsonst hatten die Maler sie auf so und so viel Bildern verewigt, nicht umsonst war die Frau Majorin mit der Tochter in der Mittagstunde die Alleestraße und am Nachmittag die Königsallee auf und ab promeniert – das allgemeine Interesse war rege.
Auf einem Bazar ›zum Besten der Notleidenden in Irland‹ hatte Fräulein von Clermont den reichen Freier kennen gelernt, den Sohn des großen Fabrikanten aus dem Wupperthal, den Herrn vom Werth, der von seinen Renten lebte, Weinberge an der Mosel und ein Schloß am Rhein besaß. Der junge Herr vom Werth war nach Düsseldorf gekommen, um die Bälle der Gesellschaft mitzumachen; er kutschierte selbst ein feines Gespann – Groom hintenauf – und gab kleine, feine Herrendiners. Er baute sich ein schönes Haus am Hofgarten.
Auf dem Bazar hatte er der reizenden Cilli alle Sträußchen, die sie feilbot, abgekauft; sie hatte die größte Einnahme des Tages erzielt. Und auf dem Wohlthätigkeitsfest, daß die Künstler gegeben, hatte er sich ihr erklärt. Kein Wunder! War doch die Tochter des Majors in dem lebenden Bild, das ›Die beiden Leonoren‹ des berühmten Karl Sohn verkörperte, die schönste Prinzessin von Este gewesen, die je eine Künstlerphantasie in verzückten Träumen geschaut.
Ach ja, diese Malerfeste! Josefine dachte mit einem leisen Seufzer daran. Sie hatte auch diesmal die spalten- und spaltenlangen Berichte über die lebenden Bilder im Täglichen Anzeiger gelesen – aber beinahe wäre sie diesmal selber einmal dazu gekommen! Als sie eines Tages auf dem Weg zu den Großeltern die kleine Schleife über den Burgplatz nicht scheute, um ein Blickchen auf die Hauptwache zu werfen, waren ihr von der Akademie her drei entgegengeschlendert, lustig, laut, Arm in Arm, Maler natürlich. Zwei blutjung; aber forsch alle drei. Sie hatten sie scharf angesehen, dann angelacht und dann angeredet. Ob sie Lust hätte, ›mitzuthun‹?
»Wat meinste, Andreas, wär’ dat nit jett für den Jordan? So en Heljoländer Fischerweib,« rief der eine von den jungen.
»Ne, Oswald,« – der ältere schüttelte den Kopf – »wat denkste! Dat hat ja jar nit dat Salzige für die Nordsee – viel zu lecker!« Und damit hatte er ihr die Wangen gestrichen. »Aber vielleicht en jut Seitenstück für dat schöne Cillchen. Wat meinst du dazu, Ludwig?«
»Um Gotteswillen,« hatte da der allerjüngste gerufen, »bleibt mir mit den großen Posen vom Leib – brrr – Genre, Genre!«
Sie hatten ihr noch viel Komplimente gemacht, und dann waren sie lachend davongestürmt: »Addio bellissima!« Eine Kußhand hatte der eine zurückgeworfen. Aber sie hatte sich doch geärgert, denn untergefaßt hatten sie sich alle drei und zu singen angefangen:
»Wie mich das Ding verdrießt, Daß ’s Mädel bucklig ist!«
Die ekligen Jungen, nur zum besten hatten die sie gehabt! Andre Bürgermädchen waren doch dabei gewesen; bei so was wurde kein Unterschied gemacht, wer hübsch, wurde eben begehrt, und wer garstig, konnte zu Haus bleiben!
Ob die Cäcilie von Clermont sie wiedererkannt hätte? Oder ob die stolz geworden war? Nein, nein, die hatte ihr ja auf der Schulbank Freundschaft geschworen; und daß die Freundschaft nicht stand gehalten, daran war niemand schuld – nein, auch nicht die eingebildete ›Vons‹, die ›Madam Habenix‹, wie die Mutter immer sagte. Es paßte nun einmal nicht mehr zusammen, eine Majors- und eine Feldwebelstochter. Ein Unterschied muß sein, hatte sie der Vater belehrt. Und so war sie immer ausgewichen, wenn es der Zufall wollte, daß die schlanke Gestalt der ehemaligen Freundin vor ihr auftauchte; nur mit einem stummen Nicken, wie eine Fremde, an der vorübergehen zu müssen, das wäre ihr doch zu schwer gefallen.
Aber heute wollte sie die Cilli gucken gehen, mußte sie die gucken gehen, die glückliche Braut! So bald Frau!
Schon heiraten – ach!
Josefine schoß das Blut zu Kopf, sie dachte daran, daß das ganz schön sein müßte, wenn man einen recht lieb hätte. Den Conradi?! Ach ne, den nicht! Daß der’s auf sie abgesehen hatte, merkte sie ganz genau, und ebenso, daß der Vater es begünstigte. Am Ostersonntag hatte dieser sie und die Mutter zum Konzert in Geislers Garten geführt – das spendierte er sonst nicht –, und mit Kaffee und Törtchen hatte er sie traktiert. Und als sie im besten Schmausen waren, fand sich der Conradi ein, mit frischgewaschenen Handschuhen, die Koppel eng gezogen; und der Vater hatte ihn aufgefordert, am Tisch Platz zu nehmen.
Es war noch etwas frostig gewesen, ein rechter Frühlingstag war’s noch nicht.
Ein ganz hübscher Mensch, ein bescheidener Mensch und gewiß auch ein guter Mensch! Er machte so treuherzige Augen, wenn er sie ansah. Aber es mußte einem doch wohl mehr pressieren, mit einem zusammen zu kommen. Sie war ja auch noch so jung. Jung? Die Cilla war nicht älter wie sie!
Wie der wohl heute zu Mut sein mochte?
Ach so – so –, daß man die Zähne zusammenbeißen muß, um nicht laut zu schreien vor Wonne, an sich halten muß, um den Liebsten nicht in den Arm zu nehmen – Kuß links, Kuß rechts, und dann einen mitten auf den Mund, fest, fest, heiß, aus aller Kraft, daß es fast schmerzt. Ach, solch einen Kuß hatte sie noch nie empfangen!
*
Als Frau Trina um halb sechs aus der Beichte kam, fand sie die Wohnung sonntäglich sauber und die Tochter ungeduldig ihrer wartend.
»Och, wat hetzt de dich dann wejen der Hochzeit so ab,« sagte sie, »dat Cilla hat sich ja auch nit meh um dich jekümmert!« Aber im Grunde wäre die Feldwebelin auch ganz gern noch einmal mitgegangen. –
Die Bolkerkirche war dicht umdrängt; auch wo die Leute nichts sehen konnten, standen sie. Allzuviele fanden ohnehin in dem engen Hofraum, in dem, versteckt, die Kirche zurücklag, nicht Platz. Die meisten hatten sich draußen vor dem Thor postiert – hier mußten die Kutschen halten. Ein langer Teppich war von da über die Steinfliesen des Durchgangs bis zur Kirchthür gelegt.
Es war Josefine geglückt, die Zuschauermauer zu durchbrechen, bis an die Kirchstufen hatte sie sich gedrängt; nun stand sie und harrte.
Eine gewisse Unruhe überkam sie, die Glocke schlug so unaufhörlich an. Sie hob die Augen – wie blau war der Himmel über dem alten Kirchdach! Und jetzt flirrte ein Schwarm Tauben auf mit sonnbeglänzten Flügeln; nur zwei blieben sitzen auf dem First der Küsterwohnung und gurrten und schnäbelten sich.
Der Küster stand im schwarzen Leibrock am Eingang.
Wie lang das dauerte! Ah, jetzt, draußen ein Rollen! Und jetzt kam das erste Paar vom Straßenthor her über den Läufer. Ein Herr im hohen Cylinder, mit Orden auf dem Frack; und die Dame, mit langgedrehten Schmachtlocken an den Schläfen, im ausgeschnittenen Seidenkleid, über die Spitzenberte einen pfirsichblütfarbenen Umhang mit Schwanen gelegt.
Und ähnliche Paare folgten, nur daß bei den Herren das Bunt der Uniformen mit dem Schwarz der Fräcke wechselte. Die sämtlichen Herren des Regiments waren eingeladen und der ganze niederrheinische Adel, der den Winter in Düsseldorf mitgemacht.
Das war ein Rauschen von starrer Seide, ein Blitzen von Familiendiamanten, eine lange Reihe von stattlichen Männern und blonden, blühenden Frauen.
Der alte Herr vom Werth, vornehm wie ein Fürst, dem man’s nicht ansah, daß er in seinen jungen Jahren selber das Weberschiffchen geworfen, führte die Frau des Kommandierenden. Hinter ihnen kam, als erster Brautführer, ein junger, schlanker Leutnant, der eine der Brautjungfern am Arm hatte. Sechs andre Fräulein mit ihren Kavalieren folgten, aber keiner der Herren, fand Josefine, war nur halb so nett wie der vorderste. O, der schöne, schlanke Offizier! Der gefiel ihr.
Die Glocken hallten und hallten. Und nun flog ein Raunen durch die zuschauende Menge, man reckte den Hals, man stellte sich auf die Zehen – da war die Braut! Josefine hätte beinahe laut aufgeschrieen: wie schön!
Am Arm ihres Vaters kam sie langsam geschritten; weißgekleidete, kleine Mädchen streuten Blumen vor ihr her, Knaben in Sammetkitteln trugen ihr die Schleppe. Spitzenschleier fielen vom Kranz herunter, eine lange Perlenschnur hing ihr um den Hals. Gerade, wie eine schlanke Tanne, hielt sich die stolze Gestalt, von ihrer wolkenlosen Stirn leuchtete das Glück; es ging ein Strahlen von ihr aus. Und hinter ihr kam der Bräutigam, am Arm die Schwiegermutter – auch ein schöner, heiterer Mann!
Das Düsseldorfer Volk, das sich drängte, hätte am liebsten laut zugejubelt: das waren einmal Kinder des Glücks!
Die Kirchthür schloß sich, die Glocken schwiegen. –
Josefine kam in großer Aufregung nach Hause, nicht genug konnte sie der Mutter erzählen; sie hatte auch noch die Braut wieder aus der Kirche kommen sehen, aber diesmal hatten sich die Zuschauer nicht zurückgehalten, Rufe der Bewunderung waren hörbar geworden, ein laut begrüßendes: »Ah!« Mädchen hatten sich herzugedrängt, von den Myrtenzweiglein aufzulesen, die sich von der Schleppe der Braut gelöst. Auf allen Gesichtern Freude an der Schönheit, Befriedigung über den Glanz.
Frau Trina beschloß, wenigstens am Abend noch mit der Tochter vor den ›Breidenbacher Hof‹ gucken zu gehen.
Der Feldwebel schüttelte zwar den Kopf über die Neugier seiner Weibsbilder, aber in diesem Falle hielt er sie nicht zurück. Er selber legte sich zeitig zu Bett – morgen gab’s noch viel zu thun für die Besichtigung. Das würde dem Major auch sauer ankommen, Montag in aller Frühe auf den Gaul! Na, bald hatte es ja für den ein Ende, der hatte seinen Abschied eingereicht. Nach Godesberg oder Mehlem oder Honnef wollte er ziehen, in eines dieser kleinen Nester am Rhein, und von da das Schloß des Herrn Schwiegersohn beaufsichtigen.
»Verdammt!« Der Feldwebel spuckte aus – nur nicht so einen Posten, so ein Schlenderleben! Ein Grausen kam ihn plötzlich an. Er stemmte die Beine unten gegen das Fußende des Bettes und reckte sich so in seiner ganzen sehnigen Länge. Er hatte noch Kräfte, noch Zeit, konnte noch lange im Dienst bleiben! Konnte noch lange des Königs Rock tragen – nein, niemand sollte ihm den herunterziehen! Hinter seinem Sarg sollte dermaleinst der Leutnant mit den dreißig Mann marschieren – vor’m Wagen her ein Kamerad seine Ehrenzeichen auf dem Kissen tragen – die Hoboisten sollten den Totenmarsch blasen, die Tambours gedämpft die Trommel schlagen, drei Salven über’s Grab dröhnen – – – Jesus, meine Zuversicht – – bis an’s Ende in des Königs Rock, in Ehren!
Glücklich lächelte er, der Gedanke war so schön. So wohl hatte er sich lange nicht gefühlt, sanft schlief er ein.
Währenddessen lauerten Mutter und Tochter vor’m ›Breidenbacher Hof‹ auf die Braut; sie hatten’s gehört, heut abend würde die noch abfahren auf die Hochzeitsreise. Sie hatten sich untergefaßt und trippelten ungeduldig hin und her. Verleugnen konnten sie einander nicht: das war derselbe weiche Gesichtsschnitt, dieselbe weißmollige Haut, dasselbe blondwellige Haar; nur daß die Mutter etwas aus der Façon geraten war.
Auch andre Neugierige hatten sich eingefunden: alte Weiber, junge Mädchen. Vor’m Hotelportal stand schon die Equipage, die das Hochzeitspaar zum Bahnhof bringen sollte. Es war ein dunkler, linder Abend, die Luft wie Sammet. Aus den Lindenbäumen der Alleestraße quoll ein zarter Duft auf nach jungem, sprossendem Grün; ab und zu sank leise ein Tropfen vom weichgrauen, von Sternen matt durchflinzelten Wolkenhimmel. Ein süßer Geruch verbreitete sich nach Primeln und Hyazinthen; eins der Mädchen hatte wohl ein Sträußchen vom Schatz bekommen und trug es an der Brust.
Das war so recht ein Abend zum flüstern, zum Wang’-an-Wange-lehnen, zum zärtlichen Ausschau-halten da droben nach dem blauen Stern der Liebe. Josefine war ganz still, aber ihr Herz pochte; sie lockerte sich das Tuch, das sie um die Brust geschlungen hatte, ihr war so voll, so heiß.
Oben im großen Saal hatte man die Fenster geöffnet, Gläserklirren und heitere Stimmen schallten heraus – jetzt wieder Musik – und jetzt kamen ein paar Gestalten die teppichbelegte Treppe herunter. Das waren sie!
Alles reckte die Hälse; aber dunkle Reisemäntel verhüllten den Staat, der Wagenschlag flog zu, die Pferde zogen an, fort waren die Neuvermählten. Nur ein Herr in Uniform, der das Paar geleitet, blieb noch einen Augenblick auf der Schwelle stehen. Hinter ihm strahlte die Ampel des Vestibüls und warf einen hellen Flimmer um seinen Kopf.
»Dat is de Bruder von der Braut,« sagte jemand hinter Josefine.
Was?! Der schöne, schlanke Offizier: Viktor?! Josefine lachte in sich hinein – wahrhaftig, das war der Viktor! Daß sie den nicht gleich erkannt hatte in dem ersten Brautführer heute vor der Kirche! Das war er ja, das war er ja! Wo hatte sie denn nur ihre Augen gehabt? Da stand er leibhaftig!
Erhitzt war er und vergnügt – jetzt trällerte er und drehte sich am Bärtchen – lieb sah er aus – auch ein bißchen hochmütig – riesig forsch! Ne, der Viktor!
Sie hätte in die Hände klatschen mögen vor Vergnügen, stellte sich auf die Zehen und reckte sich; es war ihr, als müßte sie ihn anrufen: Du, pst, Viktor! Ich bin hier!
X
Sergeant Conradi machte in diesem Frühjahr entschieden Fortschritte in Josefines Gunst. Er hatte sie auf den Karlstädter Markt führen und ihr etwas kaufen dürfen. Für einen Nähkasten und zwei Siamosenküchenschürzen hatte sie sich sehr erfreut bedankt, auch lachend in ein Zuckerei gebissen, aber ein vergoldetes Ringelchen mit einem blauen Stein wollte sie durchaus nicht annehmen. Er mußte es, etwas betreten, in der Brusttasche seiner Uniform bergen.
In’s Kölner Hänneschen hatte er sie auch geführt und sich schmählich dabei gelangweilt, denn er verstand das Hänneschen mit seiner Pritsche und Fistelstimme nicht; den Witz ebensowenig wie den Dialekt. Das einzige Vergnügen war für ihn, Josefine zu beobachten; sie lachte, daß ihr die dicken Thränen über die Backen kollerten. Karussell war er auch mit ihr gefahren, und immer hatte er noch die zwei jüngsten Brüder mitgeschleppt, die sich an die Schwester hingen wie Kletten.
Von dem Mann mit der ›Morithat‹ hatte er die Jungen gar nicht fortbringen können, obgleich er sich selbst nicht behaglich fühlte, zwischen der Menge eingekeilt. Allerlei Burschen – rechte Lotterbuben – mit roten Halstuchzipfeln, die Mützen schief auf dem Ohr, die Ellbogen herausgestreckt, standen breitbeinig umher.
»Lustige Rabauen,« sagte Josefine.
Conradi wußte es besser, sein militärisch geschultes Ohr hatte allerlei Bemerkungen aufgefangen:
»Wat will de Preuß hie?«
»Haal dei Muhl, de Kähl hat en Zäbel.«
»En Zäbel? Ene, en Kiesmetz!«[9]
»Helau, en Kiesmetz!« Ein unterdrücktes Gelächter flog durch die Menge. Conradi fühlte es, diese staute sich gegen ihn, öffnete nur widerwillig eine Gasse, um ihn herauszulassen. –
Es war gegen Pfingsten, als der Sergeant Befehl erhielt, in Elberfeld zur Probedienstleistung bei der Gendarmerie anzutreten. Der Abschied wurde ihm sauer. War auch Elberfeld nicht aus der Welt, so würde es doch schwierig werden, des Sonntags nach Düsseldorf herüberzufahren: es rauchen viel Fabrikschornsteine im bergischen Land, und der Sonnabend, der Auszahlungstag, und der folgende Sonntag noch, erforderten strammen Dienst.
So schlich der Schüchterne denn umher und suchte die Nähe des Mädchens, das er liebte. Mit dem Feldwebel hatte er gesprochen, der hatte nichts dawider; aber wenn sie ihm nur treu blieb! Da hatte er Bedenken. Wenigstens wollte er bestimmt wissen, woran er war. Das Ringelchen, das sie damals, neckisch lachend, verschmäht, trug er noch immer bei sich und paßte auf die Gelegenheit. In seinen Mußestunden hatte er schön kalligraphisch auf ein goldgerändertes Blättchen Papier hingemalt:
›Mädchen, wenn ich einmal sterbe Und der Tod mein Auge bricht, So pflanz’ du auf meinem Grabe Eine Blum’: Vergißmeinnicht!‹
Viele Male hatte er das abgeschrieben; immer waren ihm die Buchstaben nicht zierlich genug, die Schnörkel nicht mächtig genug erschienen. Dies Gedicht wollte er ihr mit dem Ringelchen geben.
Am letzten Abend erwischte er sie. Unten auf dem Hof war’s, im Dunkeln. Sie stand am Brunnen und ließ Wasser in einen Krug laufen. Der Zapfenstreich hatte eben ausgetutet, einzelne Kerle wutschten noch geschwind hinein in ihre Blocks, letzter müder Lichtschein glomm in den Mannschaftsstuben. Die Ahornbäume auf dem Hof rauschten sacht, und der Pumpenschwengel quietschte leis. Am Himmel blinzelten die Sterne.
Da schob er sich zu ihr heran. »Finchen – liebes Finchen – morgen muß ich weg!« Seine Stimme klang betrübt.
»Dat ’s schad’ – ja, dat weiß ich!«
»Es fällt mir sehr schwer!«
»Och eja, dat jlaub’ ich wohl!«
»Sehr schwer, von – Ihnen zu scheiden!«
»Was jefällig?« Sie hatte nicht recht verstanden, was er sagte, er flüsterte immer leiser.
Nun tuschelte er es ihr in’s Ohr: »Von Ihnen zu scheiden!«
»Och, wat Sie nit sagen! Hihihi!« Sie kicherte gedämpft.
»St–, Finchen, st–!« Zärtlich faßte er ihre Hand; das Ringelchen hatte er schon in der seinen verborgen gehalten, nun versuchte er, ihr es an den Finger zu schieben. »Und da möcht’ ich – ich bitte Sie – wenn ich so weit weg bin« – nun hatte er den Reif glücklich auf ihrem Finger – »damals wollten Sie nich, dann tragen Sie’s jetzt, zur Erinnerung – teures Finchen – zum Gedenken an mich! Und sowie ich ’ne gute Stellung kriege, dann –«
Jetzt lachte sie verlegen auf und machte sich von seiner Hand frei.
Das Herz schlug ihm – wenn sie davon lief? Er fürchtete es schon, aber sie blieb stehen. Gerade über dem Baum, der den Brunnen beschattete, blinkte ein Stern, durch’s Gezweig warf er schimmerndes Licht auf das liebe Gesicht. Der Verliebte konnte das jetzt deutlich sehen, und ein eifersüchtiger Schmerz durchfuhr ihn – wenn das andren lächelte?!
»Darf ich Sie als meine Braut betrachten?« sagte er hastig und griff wieder nach ihrer Hand.
Sie ließ die ihm wohl, auch daß er einen Kuß auf ihre Wange drückte, litt sie, aber sie küßte nicht wieder. Er hätte sie gern umhalst, aber da war kein Ankommen.
»Oho, noch lang nit,« neckte sie und wich geschickt seinen Armen aus.
»Finchen, ’nen Kuß! Einen einzigen Kuß,« bettelte er.
»Ich mag Sie wohl jern leiden, Herr Sergeant,« sagte sie plötzlich ganz ernsthaft, »aber – aber –!« Und nun reichte sie ihm ihre Hand und schüttelte die seine herzhaft: »Adjüs! Lassen Se sich ’t immer jut jehen! Ich – ich will an Sie denken – oft denken – ich –« mehr sagte sie nicht, aber sie sah ihn treuherzig an. Und dann drehte sie sich um – gerade noch, daß er ihr sein goldgerändertes Papierchen zustecken konnte – und flüchtete, ihren Krug im Stich lassend, dem Hause zu.
Etwas verdutzt stand er – war sie nun seine Braut?! Aber dann faßte er sich: sie hatte ja seinen Ring und sein Gedicht. Und leise pfeifend schritt er von dannen, zärtliche Hoffnungen im Herzen. –
Sergeant Conradi war abgereist; Josefine hatte ihrer Mutter das Gedicht gezeigt, ehe sie es in den neuen Nähkasten verschloß. ›Mädchen, wenn ich einmal sterbe‹ – ach, das war doch sehr zum lachen! Auch das Ringelchen legte sie dazu, in Seidenpapier gewickelt, und vergaß dann bald, wo sie es hingethan.
Sie war sehr vergnügt; die Tage gingen hin, einer wie der andre, aber gerade darum schnell wie ein Traum. Der Vater war jetzt meist guter Laune, er war verjüngt, als sei ihm eine Hoffnung aufgeblüht: es sah kriegerisch aus. In Frankreich ging es toll her. Diesmal war es keine Täuschung, nein, diesmal gab es Krieg! Und mit den Franzosen ging es zuerst los.
Der Feldwebel saß, was er sonst höchst selten gethan, jetzt öfter mit den Kameraden zusammen. Der Kaserne gegenüber, an der Ecke der Bastionstraße, hielt ein Invalide eine Kneipe; da hatten sie ihr Standquartier aufgeschlagen, saßen in der gänzlich verräucherten Stube um den runden Tisch, tranken ihr dünnes Bier, disputierten gleich heftig wie die zankenden, französischen Parteien und amüsierten sich höhnend über den König, den Louis Philipp, der in dem allgemeinen Wirrwarr in Frankreich herumtrieb, wie ein Schiff ohne Steuer.
Krieg, Krieg war die allgemeine Losung.
Frau Trina glaubte nicht daran, sie ließ sich jetzt nicht mehr bange machen. Ihr Interesse gehörte dem ›Bunten Vogel‹, da schaffte der Wilhelm jetzt wirklich Wunder. Merkwürdig, was der Junge ein Geschick für die Wirtschaft zeigte! Die blühte ordentlich auf; in die verödete Wirtsstube war Leben gekommen.
»Kuckste, Rinke,« sagte Frau Trina oft triumphierend, »kuckste, wie jut et is, dat wir de Jung nit wieder beim Pickardt jethan haben! Für ene Schneider is de ja auch viel zu schad’!«
Rinke hatte anfangs nichts vom wirtschaften im ›Bunten Vogel‹ wissen wollen, der Junge sollte durchaus wieder in die Lehre. Die Großeltern hatten sich hinter den Doktor stecken müssen, und dieser konstatierte denn, daß dem jungen Menschen von der schweren Erkältung, die er sich beim umherirren in der Schneenacht geholt, eine Schwäche auf der Brust zurückgeblieben sei, und verordnete: keine sitzende Lebensweise, keine allzu anstrengende Arbeit!
Der Wilhelm schwach auf der Brust! Wie einen Vorwurf hatte es der Vater empfunden. Er hatte nicht mehr das Herz, drein zu reden – ja, ja, der Junge sollte den Großeltern in der Wirtschaft helfen! Wenn er sich wenigstens da bewährte!
Frau Trina fand sich oft im ›Bunten Vogel‹ ein, um den Sohn zu sehen; der kam Sonntags nicht mehr in die Kaserne, der Feldwebel hatte es nicht verlangt. Die Mutter hatte ihre Freude daran, wie geschäftig ihr Wilhelm umherlief, die große Küferschürze stand ihm gut; die Bürgersleute riefen ihn an ihren Tisch, auch die Rheinschiffer, die Hafenarbeiter und Verlader vom Kohlenthor tranken ihm zu.
Nach und nach zogen sich auch junge Maler von der nahen Akademie nach dem ›Bunten Vogel‹. Tische und Wände und Thüren waren bald mit ihren Studien bedeckt; da prangten erstaunliche Malereien und Zeichnungen mit Kohle. Gut, daß die gemütliche Polizei ein Auge zudrückte!
Über ihrem Bett und im Komptörchen hatten die Großeltern schon ein paar schöne Porträts von ihrem Wilhelm hängen: das eine Mal war er als Ganymed gemalt, das andere Mal in der Lederschürze mit dem Küferhammer. Zwei junge Maler hatten so die rückständige Zeche gezahlt und noch für eine Weile das Recht auf Freibier erworben.
Das war oft ein Gelächter, ein Spaßmachen im ›Bunten Vogel‹, den biederen Bürgern wackelte der Bauch. Die Jungen hielten Reden, und die Alten horchten darauf. Oft sprang einer auf den Tisch, die Wangen gerötet, die Augen blitzend, wild schüttelte er die Mähne, in freiem Schwung floß ihm die Rede. »Allotria,« sagten die Bürger kopfschüttelnd, aber sie freuten sich doch darüber. Ja, anders mußte es werden, das fanden sie auch!
Es wurde viel geredet, viel gesungen, viel geschrieen – Einheit! Freiheit! – und: »Gleichheit!« brüllten die Rheinkadetten und knallten die schwieligen Fäuste auf den Tisch. – – –
Der Sommer war da mit seinem heißen Sonnenbrand und den schwülen Nächten.
Die Ernte war gut, aber doch saßen die Bauern verdrossen auf dem Gemüsemarkt. Die von Stoffeln und Flehe, von Bilk und Derendorf, von Himmelgeist und Flingern, von Niederkassel und Heerdt, selbst die fetten Hammer klagten: es würde doch alles teuer sein, die kleinen Leute und der Bauersmann würden nichts von den Segnungen des Zollvereins spüren, die genoß nur der Reiche. Und wenn man in der Zeitung las, dann war’s wo anders noch viel schlimmer, als am gesegneten Rhein. Wie bewucherte man zum Beispiel die schlesischen Weber! Und in Frankreich machten die Arbeiter Aufstände. Über die holländische Grenze kamen die Brotlosen aus Flandern und klopften an die Fabriken im bergischen Land; aber die hatten selber kaum regen Betrieb genug, Arbeiter wurden entlassen. Wie sollte das erst im Winter werden?!
Die Düsseldorfer Bürger, die so behäbig in ihren sauberen Häusern wohnten, fragten sich das auch wohl einmal; aber Sorgen machten sie sich nicht weiter darum, es war ja so pläsierlich im schönen Sommer am schönen Rhein. Landpartien wurden arrangiert, man benutzte die Eisenbahn zu Vergnügungsfahrten; der St. Sebastianschützenverein veranstaltete sonntägliche Preisschießen mit Tanz, Gesangvereine zogen nach dem Grafenberg, lagerten sich dort im Wald und stimmten an aus voller Kehle:
›Lebe, liebe, trinke, schwärme Und bekränze dich mit mir.‹
Rege Geister unter der Künstlerschaft planten die Gründung des ›Malkasten‹, eines Sammelpunktes für jene, die, müde des alten Zopfs, einer jungen, freieren Kunst stürmisch entgegenjauchzten. –
Schon mischten sich unter das tiefgrüne Laub der Hofgartenbäume gelbe Blätter, die Morgen waren bereits duftig, die Abende verklärt von träumerisch verhüllten Sonnenuntergängen, aber die Mittage waren noch strahlend, vollerglüht, brennender denn je. »Dat jiebt ene jute Wein oben am Rhein,« sagten die Kenner und schnalzten mit der Zunge, »de kocht!«
Auch die Nächte waren schwül voll verhangener Glut; die Milchstraße schlängelte sich wie ein helles Band, Sternschnuppen fielen.
›Was soll ich mir wünschen?‹ dachte Josefine, wenn sie an dem Fensterchen ihrer Kammer neben der Küche lehnte. Sie konnte jetzt oft nicht schlafen, in der beklommenen Nacht wallte ihr das Blut. Tiefatmend beugte sie sich hinaus und sah über den Hof; der lag so still, ganz im Schlaf. Kein Fußtritt, kein wandelnder Schatten. Aber in den Ahornbäumen rührte es sich und wisperte und zitterte mit den Blättern in heimlicher, beständiger Unruhe. Auch ihr Herz klopfte. Sollte sie wünschen, daß der Conradi mal von Elberfeld zu Besuch käme?
»Och ene!« Sie sagte es ganz laut, und dann erschrak sie über den eignen Ton. Den Kopf in den Nacken legend, sah sie starr hinauf zum nächtlichen Himmel – was wünschen, was doch?! Ihre Nasenflügel zitterten, ein feuchter Glanz stieg in ihr Auge, wie eine heiße Welle übergoß sie’s.
Ha – da fiel eine Sternschnuppe! Blitzschnell schoß ihr blinkender Schweif durch die Nacht – nun lag sie unten im dunklen Ahorn. Wieder nichts gewünscht! Josefine hätte weinen mögen.
›Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, Daß ich so traurig bin –‹
Ach ja, das schöne Lied! Das hatte sie neulich gehört, als sie, vom baden kommend, am Rhein entlang gegangen war. Ein neues Lied! Sie hatte es noch nicht gekannt, aber ihr Ohr hatte es gleich aufgefangen, aufgenommen, wie einen lieben, längst vertrauten Ton. Es sang sich von selber.
›Ein Märchen aus alten Zeiten, Das kommt mir nicht aus dem Sinn.‹
Der Sänger war ein Schiffer gewesen, ›Sankt Goar‹ stand am Stern seines Schleppkahns. Schwarz war der Bursche wie ein Teufel – er hatte Kohlen geladen – aber seine Zähne blitzten desto weißer, und seine Augen blitzten auch. Am Bugspriet saß er, ließ die Beine über Bord hängen und sang sein Lied, unbekümmert, mit schmetternder Kraft, als wäre er allein auf der Welt.
Weit, weit über die spiegelnden Wasser war es hingeflogen, auf glatter Bahn. An der Brücke mußte man es hören können, am alten Schloß, in den Giebelhäusern bis hinauf unter die roten Dächer, jenseits zwischen den Weiden, auf den grünen Wiesen, und weit, weit bis dahinten am Horizont, wo die Sonne, rotgolden, umhängt von Duftschleiern, in Rhein und Himmel versank.
Lange hatte Josefine gelauscht, der Sänger schien nimmer zu ermüden.
›Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, Daß ich so traurig bin; Ein Märchen aus alten Zeiten, Das kommt mir nicht aus dem Sinn. Die Luft ist kühl und es dunkelt, Und ruhig fließt der Rhein –‹
Das hatte sie mit nach Haus gebracht. Ach, wenn sie’s doch nur noch weiter könnte! Der Mutter hatte sie es vorgesungen, und die lernte es auch rasch, eben weil’s ihr gefiel; und die Brüder lernten es auch, sie sangen es um die Wette. Und die Soldaten unten auf dem Hof summten nach, was die Feldwebelstochter oben schmetterte.
Josefine seufzte und lehnte den Kopf an’s Fensterkreuz – ach ja, drei Wochen stand der Leutnant von Clermont nun schon bei des Vaters Kompagnie! Mitte August war er hergekommen. Der Vater hatte eine rechte Freude darüber gehabt und war beflissen gewesen, dem Sohn seines alten Hauptmanns zur Hand zu gehen. Bald im Anfang war’s, da hatte er in die Küche gerufen: »Josefine, koch’ Kaffee, ’nen guten, der Leutnant is ganz alle von der Felddienstübung!«
Der Bursche, der den Kaffee für seinen Herrn hatte holen sollen, kam und kam nicht, so war sie rasch selber gegangen und hatte die Tasse gebracht – nur das Endchen dunklen Gang, vorbei an den Kleiderkammern, ein paar verstaubte Stufen hinunter, ein paar hinauf, wieder ein Gang, und dann gleich die erste Thür war die der Offiziersstube!
Genäht hatte sie ihm auch schon was. Er trug unter seiner Uniform schöne, feinleinene, gesteifte Wäsche, da bügelte ihm die Wäscherin immer die Knöpfchen ab oder zerriß die Bändel. Er hatte ja niemand, der für ihn sorgte, seine Eltern wohnten nicht mehr in der Stadt, und auch die vom Werths waren auf ihrem Schloß am Siebengebirge, und – du lieber Gott, da war ja auch weiter gar nix bei, sie hatten doch schon als Kinder miteinander gespielt!
Das war aber doch merkwürdig, daß er sie sogleich wiedererkannt hatte! Auf dem Kasernenhof hatte er sie nicht angesprochen, nur gegrüßt, aber gleich den ersten Tag, oben auf dem Gang, hatte er ihr die Hand geschüttelt und eine ganze Weile bei ihr gestanden.
Sie hatte gewagt, ihm zu sagen, daß sie ihn im Frühjahr bei der Hochzeit seiner Schwester gesehen, vor der Kirche, und abends am ›Breidenbacher Hof‹.
Warum sie denn nicht ›Pst‹ gemacht hätte?
»Ich hab’ ja – ne, ich wollt’ ja,« verbesserte sie sich, rot werdend.
Da hatte er sie so strahlend angelacht, daß sie die Augen niederschlagen mußte.
Ein schöner Mensch – der Vater sagte es auch – kein andrer kam dem gleich! Und ein lieber Mensch! – – –
Das Mädchen am Fenster schauerte in der einsamen Nacht. Ach, daß sie doch schlafen könnte, wie die andern alle!
Ah, da fiel wieder eine Sternschnuppe! Mitten in den Hof sank sie.
Josefine beugte sich spähend hinaus, als wolle sie ihr Glück suchen. Drüben im linken Seitenflügel, gar nicht fern – da – da – da flinzelte noch ein Licht in der Offiziersstube! Auch ein Stern.
Der Atem der Nacht strich ihr über das heiße Gesicht – wachte der Leutnant auch noch?
Der Ahorn unter dem Fenster rührte beständig die Blätter, wisperte und raunte und zitterte, unausgesetzt, voll heimlicher Unruhe. Als ob er auf etwas wartete – auf was denn?!
XI
Viktor von Clermont war gar nicht entzückt über sein Kommando nach Düsseldorf, obgleich der Major es als eine besondere Artigkeit vermerkte, daß man den Sohn zum alten Regiment des Vaters versetzt, und so wieder in seine Nähe.
Traurig genug, daß es mit der Garde nichts geworden war – dazu fehlten die Gelder –, aber beim Regiment in Neu-Ruppin war’s doch auch ganz nett gewesen: Berlin so nah, man konnte des Sonntags immer und in der Woche abends öfter hinüberflitzen, unter den Linden flanieren und, als seiner Majestät Leutnant, gegen bedeutende Ermäßigung die Balletts im Königlichen Opernhaus genießen.
Jedoch hier, in dem kleinen Provinznest, was sollte man hier anfangen?! Das Theater am Markt war die reine Bude, man sah es ihm schon von außen an, daß innen nichts los war. Ein ruppiger Schusterjunge in Berlin hatte mehr Witz, als die ganzen Düsseldorfer zusammen aufbringen konnten. Es war nirgends etwas los, der Hofgarten zum sterben langweilig, die ziemlich breiten Straßen und Alleen förmlich ausgestorben.
Ach, so ein Abend unter den Linden und auf der Friedrichstraße! Nur das war Leben! Da brannten die Laternen hell, man schwamm mit in der Menge, die auf und nieder wogte, man betrachtete die Schaufenster, man ging zu Kranzler hinein, um ein Schälchen Eis oder eine Limonade zu schlürfen und die Hofequipagen vorübersausen zu sehen.
Und wie estimiert der Berliner seinen ersten Stand! Kam man zu Josty oder zum ›schweren Wagner‹, gleich stürzte der Kellner herbei, nahm den Mantel ab und fragte nach den Befehlen; er bediente so geschmeidig, als hätte man mindestens Sekt und Austern beordert. Hier zu Lande mußte man erst dreimal rufen, hier galt nur der Protz!
Viktor begriff nicht, wie sein Vater es so lange hier hatte aushalten können. Freilich, der mußte eben, der Knüppel lag beim Hund. Um Gottes willen, nur nicht hier sitzen bleiben! Man versumpfte ja ganz!
Der junge Offizier beschloß, sich fleißig vorzubereiten, und sich dann schleunigst zur wissenschaftlichen Prüfung auf Kriegsakademie zu melden. Dann mußte man doch hier wegkommen.
Mißmutig lag der Leutnant auf dem eingesessenen, zu kurzen Sofa der Offiziersstube. Alle Tage das Trampeln der Mannschaft, das stereotype Pfeifen, und wenn alles schwieg, das Wispern der Ahornbäume. Ein Tag wie der andre. Er gähnte und reckte die Arme über den Kopf. O, die Langeweile! Wenn jetzt nicht bald ein Krieg kam, dann war’s zum totschießen!
Er richtete sich halb auf und sah verzweifelt um sich. Den Fettfleck hier über dem Sofa an der Wand hatte wohl sein unglücklicher Vorgänger zurückgelassen; gleich ihm mochte der oft dagesessen haben, das Haupt angelehnt, in’s öde Nichts stierend. Und hier die Kopflehne wies auch solchen Fleck auf, und dort, wo die Füße ruhten, war der Überzug zerscheuert und das Heu der sogenannten Polsterung schimmerte durch. Elendes Dasein!
›Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, Daß ich so traurig bin –‹
Horch, da sang wieder die Josefine! Die hübsche Josefine!
Viktor lächelte und schloß lauschend die Augen halb. Die war wahrhaftig der einzige Lichtpunkt hier! Wie sie sang! Hell wie ’ne Lerche, und doch hatte sie auch Töne, tief und warm.
Von der reinen Herbstluft getragen, veredelt, geklärt, schwebten die Klänge des Liedes zu ihm herein.
Nettes Mädel, liebes Mädel! Wahrhaftig, er mußte ihr doch mal eine Freude machen, sie erwies ihm so oft allerlei Gefälligkeiten. Der Alte war ein Rauhbein, die Mutter eine Null, aber die Tochter – alle Achtung! Was sollte er ihr wohl schenken: ein Band, einen Kamm, eine Brosche, Konfekt, Blumen, einen Almanach?!
Den seidengehäkelten Geldbeutel mit Stahlperlen, ein Geschenk seiner Schwester Cäcilie, herausziehend, zählte er nach. O weh, zwar erst gestern Gage bekommen, aber da waren die fünf Thaler für die Kleiderkasse, die Tischgelder, die andern Abzüge – was blieb noch übrig?! Wahrhaftig, er mußte sich beizeiten nach einer reichen Frau umsehen – was soll ein armer Leutnant in Friedenszeiten sonst wohl machen?!
Sein lächelndes Gesicht trübte sich – dem Mädel eine kleine Freude zu machen, selbst dazu fehlte es ihm! Plötzlich mußte er daran denken, wie er einst auf der Kasernenstraße gestanden und sehnsüchtig nach den Weckmännern im Bäckerladen geschaut. Jahre her, aus dem Kadetten ein Leutnant geworden, aber damals schon wie heute, immer dieselbe Misère! Und doch – er mußte wieder lächeln – ob er ihr damals eigentlich den Weckmann gekauft hatte? Er wußte sich nicht recht zu erinnern. Aber das wußte er noch genau, ihre Arme hatte sie um seinen Hals geschlungen im dunklen Keller, und ihre warmen Lippen hatten ihn geküßt.
Er strich sich den Schnurrbart. Horch, sie sang noch immer! Die hatte eine gute Lunge. Und nun sah er ihre schöne Gestalt vor sich, die kräftige Brust, die runden Arme, den federnden Gang. Was hatte sie eigentlich für Augen? ›Blaue Augen schön, aber sehr gemön‹ – nein, die ihren waren nicht gewöhnlich! Er mußte doch einmal tiefer hineinschauen. Sapperlot, unter welchem Vorwand ging er denn gleich hinüber in die Feldwebelwohnung?!
Plötzlich aus seiner Langenweile aufgerüttelt, sprang er auf und fing an, Toilette zu machen; er konnte ja dann gleich auf die Königsallee gehen, nachmittags pflegten sich die Schönen Düsseldorfs zu zeigen, und Kameraden waren immer dort.
Umständlich begann er sich zu pomadisieren und zu frisieren: Scheitel über den Hinterkopf gezogen, Haare rechts und links über den Ohren aufgebürstet. Den Schnurrbart gewichst, Mütze eine Ahnung schief gerückt, Taille eng gezogen, daß die wattierte Brust heraustrat. Nun noch die Nägel poliert, diese schönen, rosigen Nägel, mit den weißen Halbmonden und den langen, spitz zugeschnittenen Schuppen.
Als er den Gang zur Feldwebelwohnung entlang schritt – was brauchte er erst offiziell über den Hof zu gehn, hier war’s viel bequemer –, hatte er noch immer keinen Vorwand. Na, der Alte würde ja nicht gerade da sein! Vorsichtig schob er die nur angelehnte Küchenthür auf, enttäuscht wollte er den Kopf zurückziehen – niemand drin! – da trat Josefine aus ihrer niedrigen Kammerthür.
»Wer da?«
Sie hatte sich eben das Haar frisch aufstecken wollen, noch hing es ihr in schweren Zöpfen in den Nacken. Rot wurde sie bis unter das weiße Busentuch und dann blaß; sie war erschrocken, eben hatte sie an ihn gedacht.
Das Kommen und Gehen des Blutes unter der weißen Haut entzückte ihn. Und wie frisch ihre Lippen waren! Nun fiel ihm plötzlich etwas ein: er mußte sich bedanken für die gestopften Socken, die sie ihm gestern durch Bruder Karlchen geschickt.
»Sie haben so viel Freundlichkeiten für mich,« sagte er gedämpft und drückte ihre verarbeiteten Finger.
»Ich –? Och ene!« Sie wollte ihm ihre Hand entziehen, aber er hielt sie fest.
»Diese fleißigen Finger« – zart streichelte er darüber hin – »haben sich so für mich gequält!«
»Jequält!?« Sie hob auf einmal die gesenkten Lider und sah ihn so groß und voll an, daß er erschrak; dann drehte sie sich hastig um und lief an’s Fenster.
»Wat Sie für dumm’ Zeug reden, Herr Leutnant – jequält, haha, da war doch jar nit viel an zu machen! Un dat hab’ ich ja so jern jethan! So jern – ach, ich jlaub’, da kommt der Vater!«
Das war ihr offenbar eine Erleichterung, oder schien sie ihm nur so verlegen?
Jetzt winkte sie: »Vater, Vater!«
»Nanu? Ich komme noch nicht,« tönte des Feldwebels Stimme herauf.
Das war ja recht angenehm, daß der Alte noch nicht erschien! Als sich Josefine vom Fenster zurückwandte, begegnete sie dem feurigen Blick des jungen Mannes.
»Wollen Sie nit in’t Zimmer eintreten?« fragte sie beklommen, »die Mutter is drin!«
»Nein, ich danke!« Er lachte.
Da mußte sie auch lachen. Ein Bann war gebrochen, unbefangen schwatzte sie wieder, und dazwischen rief sie: »Jemmich, mein Haar!« und lief in die Kammer. Aber sie ließ die Thür offen, und er sah, wie sie die runden Arme hob und die schweren Zöpfe zur Krone aufsteckte.
Er wendete den Blick nicht. In Berlin gab’s auch hübsche Mädchen, aber schnippische, blaßwangige, hier von dieser ging ein Strom von Gesundheit aus, eine Fülle von Jugend. Eine Sehnsucht stieg in ihm auf, sie zu küssen, ein Verlangen, das seinen Blick starr machte. Er fühlte, es war besser, daß er ging, ehe er Dummheiten machte.
»Adieu, Josefine,« sagte er gepreßt.
»O, jehn Sie schon?« Sie kam auf ihn zugelaufen, Bedauern lag in ihrem Ton. »Adieu, Herr Leutnant!«
»Herr Leutnant –?!« Er konnte nicht dafür, ganz wie von selbst hob seine Hand ihr gesenktes Kinn in die Höhe; fragend sah er ihr in das offene Gesicht. »Herr Leutnant?! Warum nicht ›Viktor‹? – Nein, Sie wollen nicht?« Sie hatte heftig verneinend den Kopf geschüttelt. »Warum denn nicht, Sie haben’s doch früher gesagt, sind wir nicht dieselben geblieben?!«