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Die Wacht am Rhein

Drittes Buch (continued 3)

Reading edition

Es hatten sich zahlreiche Zuschauer eingefunden, nicht wenige unter ihnen weinten. Ein armer Arbeiter zog plötzlich seine Stiefel aus und reichte sie einem der Franzosen, der nur Lappen um die Füße gewickelt hatte; dabei fluchte er. Und auch andre stießen Verwünschungen aus – nicht die Besiegten, die hatten nicht einmal Kraft mehr zu einer Verwünschung – sie, die Siegreichen, verwünschten den Krieg. Nur Friede, Friede! Was man an Geld in der Tasche hatte, gab man her.

Josefine war nach Haus gestürzt; auch sie mußte geben, den Armen geben, was sie besaß an Hemden, Strümpfen, Kleidern. Die Sachen ihres Peter hatte sie nie, nie hergeben wollen – diese teuren Kleidungsstücke, diese heiligen Andenken – nun gab sie sie doch. Ein häßlicher Schwarzer warf seine zerlumpten Hosen weg und kroch mit Zähnefletschen in die ihres Peter, und ein todblasser Tambourmajor hüllte sich in den großen Mantel, den ihr Ältester noch von seinem Vater geerbt. Alles gab sie hin. Nun hatte sie nichts mehr. Mit schmerzlichem Bedauern zeigte sie ihre leeren Hände.

Heute fühlte sie sich zum erstenmal erschöpft, heute fühlte sie zum erstenmal die Kälte des Winters und den schneidenden Wind, der ihr die Haare um die Schläfen peitschte. Heute mußte sie zum erstenmal einen Augenblick ruhn. Als sie heim kam, waren der Bruder und Fritz nicht da. Thüren und Schränke und Kommoden hatten sie offen gelassen – wohin? Aber schon kamen sie atemlos zurück; der Knabe führte den Invaliden, der auf dem Glatteis höchst mühselig ging. Doch Ferdinand lamentierte nicht.

»Finchen,« schrie er im Eintreten und wischte sich den Schweiß der Anstrengung ab, »die armen Teufel! Heiliges Kanonenrohr, wie is da unser einer gegen dran! Fina, schimpf’ nit, aber ich hab’ denen mein’ andre Bux’ un auch wat Unterzeug un ne Rock mitgegeben – ich hab’ ja so viel!«

Da nickte sie ihm zu.

*

In die ernsten Stunden trüber Wintertage brachte der Besuch von Bruder Friedrich ein freundliches Licht. Ruhig, aber doch von einem gewissen Selbstbewußtsein erfüllt, teilte der Schlosser der Familie mit, daß er demnächst die Aussicht habe, selbständig zu werden, das heißt so gut wie selbständig: ein Konsortium von Geldleuten hatte ihn, neben einem kaufmännischen Direktor, zum technischen Leiter eines neu zu gründenden großen Etablissements für Fabrikation von Eisenbahnschwellen und Schienen ausersehen. Mit Beendigung des Krieges sollte das Unternehmen in’s Leben treten, bedeutendes Kapital stand zur Verfügung; und sein Kontrakt war unterzeichnet.

»Ja,« schloß er mit aufquellender Freude, »dat wär’ früher nit e so leicht passiert, nur ene simple Schlosser, und so en Stell’! Aber heutzutag’ jeht dat. In der Industrie wird nur jefragt: ›Wat leist’ de Mann?‹ Hör’, du, meine Jung’« – er legte dem interessiert lauschenden Fritz die Hand auf den Kopf –, »du sollst ordentlich in de Lehr’! Direktor – dat is mir noch lang’ nit jenug für dich, selber dein ’hören muß sie, die Fabrick!«

Herr Schnakenberg war Feuer und Flamme, als er von des Stiefsohnes Aussichten hörte. Wenn der Junge Kaution stellen mußte, er kam dafür auf!

»Ne, danke,« hatte der Schlosser mit Stolz gesagt, »Kaution brauch’ ich nit. De Krupp sagt für mich jut, un dat is jenug!«

Krupp konnte schon gutsagen, dessen Kanonen spieen die französischen Festungen an – Thionville, Montmédy und wie sie alle hießen –, daß sie klein beigaben. Und gar das große Paris schien zu zittern vor dem Gebrüll der Geschütze von Friedrich Krupp.

Mit Ungeduld wartete man auf die Kapitulation von Paris. Wenn Paris fiel, das ›große Sündenbabel,‹ dann mußte es doch Friede werden!

Weihnachten war gekommen, jedoch Christkindleins sanfte Lieder wurden noch immer übertönt von rauher Kriegsmusik. Aber die unschuldigen Kinder sangen doch unverzagt:

›O du fröhliche, o du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit!‹

Wer hätte sie schweigen heißen mögen?!

Und auch in der Kaserne erklangen Weihnachtslieder. Für mächtige Tannenbäume war gesorgt. Viele Abende hatte Josefine mit den Nonnen an dem Riesenbaum, der auf dem größten Krankensaal, dem Offizierskasino, stehen sollte, geschmückt. Die junge Schwester Daria mit den roten Wangen war unermüdlich im Schneiden bunter Papierketten und zierlicher Körbchen. Und sie war so voller Lust dabei, in ihrer schwarzen Tracht so heiter, als wäre sie eine glückliche Mutter, die ihren Kindern den Christbaum putzt. Josefine mußte sie oft erstaunt, fast bewundernd ansehen, diese still freundlichen Gestalten in den schwarzen Kutten; sie fühlte die alte Neigung wieder erwachen, die sie einst als Kind zu den lieben Nönnchen hingezogen – diese hier waren wahrhaft ehrwürdig!

›Gloria in excelsis deo‹ leuchtete in bunten Farben vom Spruchband des Engels auf dem Transparent im Weihnachtssaal. Ein ganzes Jahr hatte das Transparent versteckt gestanden in irgend einem verstaubten Winkel. Nun hatten geschäftige Hände es hervorgeholt und unter’m Tannenbaum aufgestellt. Josefine hatte nichts davon gewußt, nun sah sie es plötzlich bei der Bescherung im vollen Lichterglanz, und das Herz stand ihr still vor freudigem Schreck – das war ja das Werk ihres Sohnes! Das war von ihm übrig geblieben hier in der Kaserne: Gloria in excelsis deo!

Und in die Freude mischte sich der Schmerz. Aber der Schmerz übermannte sie nicht, ein heiliges Entzücken trug ihr Empfinden höher. Sie schlang die Finger ineinander und hörte still das uralte Weihnachtsevangelium an, das der Geistliche verlas: ›Ehre sei Gott in der Höhe, und Friede auf Erden, und den Menschen ein Wohlgefallen!‹

Ein Chor sang, Schwester Darias Sopran schwebte hoch und hell über den rauhen Männerstimmen. Alte, vertraute Weihnachtslieder und ein Duft vom Tannenbaum – da fiel auch Josefine ein mit voller, kräftiger Stimme.

Andächtig hörten die Franzosen zu, als die ›prussiens‹ sangen. Sie kannten nicht die deutsche Weihnachtsfeier, aber sie gefiel ihnen. Wie die Kinder streckten sie die Hände aus nach den Äpfeln und Nüssen und nach dem Korinthenplatz: »Ah, weiße Brot, oh, merci, merci, weiße Brot, très-bon!«

Dann baten sie, auch ihrerseits etwas vortragen zu dürfen. Zwei rotbehoste Kerle traten an – der eine trug noch den Arm verbunden, der andere den Kopf – und führten eine Scene auf mit Gesang und Tanz. Hei, wie die Fußspitzen flogen! Immer dem andern bis an die Nase. Die Verwundeten, die noch zu krank waren, ihre Betten längs der Saalwand zu verlassen, ließen sich stützen, um mit gereckten Hälsen auch etwas von der Aufführung zu ergattern. Urdrollige Kerls! Die Zuschauer verstanden nichts, aber sie wanden sich vor Lachen.

Eine harmlose Fröhlichkeit wurde allgemein. Manch deutscher Landwehrmann, der bangend gedacht, es an diesem Abend vor Heimweh nach seinen Kindern nicht aushalten zu können, amüsierte sich königlich. Und die Franzosen sprangen immer höher und tanzten immer feuriger; heute war alles ›malheur‹ vergessen, sie wiegten sich auf dem Beifall, sie genossen das bescheidene Glück, bewundert zu werden.

Leise stahl sich Josefine hinaus. Rauh war draußen die Winternacht, durch die sie schritt, die Erde, auf die ihr Fuß trat, hart gefroren. Kahl standen die Ahornbäume, erstarrt wie im Todesschlaf; aber ihr Herz schlug warm und lebensvoll und doch voll Ruhe.

Gloria in excelsis deo – in ihr war Friede.

*

Am 18. Januar ließ sich der greise König Wilhelm im Hauptquartier zu Versailles vom starken Bismarck die junge Krone des auferstandenen Deutschland auf die Stirn drücken.

Das war eine Erfüllung.

Der Rhein rauschte mächtig, und in sein Rauschen mischte sich der Jubelhall der Ufer. Nun waren Wünsche erfüllt, die man längst als hoffnungslos begraben.

Warum hatte man denn einst laut gemurrt und die rote Fahne gehißt auf den Barrikaden? Warum hatte man ein ununterdrückbares Sehnen getragen all die Jahre? Warum hatte man des Volkes Jugend hingegeben auf Schlachtfeldern? Alles nur darum.

Es war ja die alte Märchenkrone, die so lange im Rhein geruht, tief unten. Nun sollte sie erstehen in neuem Glanz; sie blinkte golden wie die Sonne.

Und wie die Sonne würde sie glänzen, mit gleicher Fülle über alle, über ein einiges und über ein freies Volk.

Manch alter Achtundvierziger, manch roter Demokrat jubelte mit; alles Volk freute sich.

Zwar kamen noch immer Verwundete, zwar rückte noch immer neuer Landwehrersatz aus; aber man glaubte nicht mehr an Schlachten. Das große Paris kapitulierte, das so hartnäckige Belfort folgte – nun war das Eis gebrochen.

Und Tauwetter flutete über die so lange winterliche Natur. Das erste Starenpaar war in Josefines Gärtchen erschienen und bezog häuslich den Kasten im Birnbaum. Der Lenz brach also wirklich an.

Ach, nun war auch die weiße Taube des Friedens gewiß nicht mehr fern!

Bald kam sie geflogen und baute ihr Nest für ewige Zeiten unter’m Giebel des Hauses.

Am 28. Februar meldete eine Depesche für ganz Deutschland:

Friede!

XXVIII

Nicht so rasch als man gedacht, rückten die beliebten Neununddreißiger wieder in ihre Garnison ein. Sie wurden noch immer erwartet, obgleich der Frühling schon mit Macht über Deutschland gekommen und des Rheines sonnenbeglänzte Wellen ruhig zwischen blühenden Ufern dahinflossen.

Im Düsseldorfer Hofgarten waren die Veilchen bereits verblüht, reichere Blumen drängten zur Entfaltung. Schon ließen die Kastanien auf der Königsallee die weißen Blättchen ihrer Blütenkerzen niederwehen und zeigten die Ansätze erster Früchte, da hieß es erst: sie kommen, sie kommen! Anfang Juni sollen sie hier sein, vielleicht auch ein paar Tage später. Aber sie kommen doch endlich, sie kommen!

So war noch nie zu einem Empfang gerüstet worden: geliebte Kinder kehrten ja heim, die Heldensöhne der Stadt. Wie sollte man sie nur würdig genug begrüßen?! Kanonendonner und Glockengeläute waren selbstverständlich. Und Flaggen sollten wehen von jedem Haus und lustige Wimpel auf der Rheinbrücke winken, Ehrenpforten sich wölben, das alte Zollthor selbst sollte sein düsteres Grau unter grünen Gewinden verbergen. Sogar das Pflaster der Straßen wurde jetzt schleunigst ausgebessert. Die Buchbinder kleisterten Inschriftenschilder, die Maler pinselten darauf: ›Herzlich willkommen!‹ Die Wirte schafften Fässer in die Keller, die Hausbesitzer ließen ihre Fassaden neu abputzen, die Hausfrauen scheuerten vom Speicher bis zum Keller, die Schuster stellten gestickte Pantoffeln in die Fenster – das Eiserne Kreuz darauf mit Eichenzweigen – die Gärtner düngten rasch ihre Lorbeerbäume noch einmal – die konnten ja nicht üppiges Grün genug haben – und auf dem Grafenberg wurden die Eichbäume ausgeräubert. Die Schreiner hämmerten an den Ehrenpforten, die Schneiderinnen nähten die Nächte durch an festlichem Weiß für die jungen Mädchen und Kinder, die Violinisten spannten neue Saiten, die Posaunisten probierten den Jubelchor, die Trommler übten die schönsten Wirbel, und die Dichter dichteten. Alles in Emsigkeit, in rüstender Geschäftigkeit, in festlicher Erwartung.

In der Kaserne hatte das Lazarett nun ein Ende. Wieder wurde dort geweißt und getüncht, gekehrt und gescheuert. Bald haftete kein Hauch der Wunden, des Leidens den Wänden mehr an; der frühere Knaster- und Schimmelduft, der alte Kasernengeruch, würde wieder einziehen, zusammen mit den wackeren Füsilieren.

Das Scheiden aus der Kaserne wurde Josefine schwer. Die letzten Genesenen hatten ihr die Hand geschüttelt und waren in die Heimat abgereist; da hatte sie noch lange einsam in der ehemaligen Feldwebelwohnung gestanden und vom Platz am Fenster auf den sonnigen Exerzierplatz hinausgestarrt. So viele Soldaten, so viele Soldaten würden dort bald wieder exerzieren, aber von denen, die sie liebte, war keiner mehr darunter!

Sie hielt sich mit der Hand am Fensterbrett, für einen Augenblick wurde ihr schwach. Hier an dieser Stelle, hinter den roten Geranienstöcken, die einstmals die Scheiben geziert, hier hatte sie oft als Kind und oft als Mädchen Auslug gehalten, hier hatte ihr der Vater das Märchen von Anno dreizehn erzählt – ei, wie hatte er doch gesagt?

›Und die keine goldenen Broschen und Armbänder hatten, ließen sich ihr schönes Haar abschneiden und opferten das für’s Vaterland.‹

Das hatte so herrlich geklungen, und – sie erinnerte sich dessen wohl – da hatte sie sich auch gern ihr Haar abschneiden lassen wollen für’s Vaterland.

»Ach –!«

Es war ein zitternder Seufzer, der jetzt ihrer Brust entfloh, beide Hände drückte sie gegen das hämmernde Herz – sie hatte mehr geopfert.

»Vater!« Sie wußte nicht, ob sie laut gerufen, sie wußte auch nicht, ob ihr Antwort ward, aber es hallte etwas durch die leeren Räume – horch! Ein Schauer überlief sie, kein Schauer der Furcht, ein Schauer heiliger Scheu.

Leise, auf den Zehenspitzen war sie hinabgeschlichen.

Nun rüstete auch sie zum Empfang. Kamen die Neununddreißiger wirklich jetzt bald, so sollten die guten Jungen auch alles finden, wie sie es liebten. Und wie sie’s liebten, das wußte sie ganz genau: kurze Pfeifen mit Porzellanköpfen und dem bunten Kaiser Wilhelm darauf; Knotenstöcke, recht derb in der Faust, stark, um’s Bündel dranzuhängen beim Wandern in die Heimat; und Taschentücher, Taschentücher, rot und gelb, groß wie Windeln, mit Schlachtenbildern und Pulverdampf und Kanonen und Franzosen und Preußen. Sie schaffte emsig in der Frühsommerwärme, ihre Wangen glühten dabei; sie dekorierte ihr Fensterchen, kroch auf einen Stuhl und ließ sich vom Bruder den Hammer reichen, um die Nägel einzuschlagen, dran die Guirlande hängen sollte. Grün, Grün in Menge wollte der Fritz aus dem Busch holen. Auch über die Thür sollte ein Kranz kommen, darin die Inschrift: ›Herzlich willkommen!‹ – O Gott, wie schön hätte der Peter das gemacht! Bitterliche Thränen schütteten ihr plötzlich über die heißen Wangen – ihr Peter, der kam nicht mit zurück!

Am letzten Sonntag, bevor die Truppen eintrafen erschien auf einmal Bruder Friedrich früh am Morgen. Mit Beginn des Friedens hatte er seine neue Stellung angetreten; er hatte es der Schwester geschrieben, aber Zeit zum Besuch hatte er bisher noch nicht gefunden. Nun kam er, in feierliches Schwarz gekleidet, einen Cylinder hatte er auf und feine Glacés an. Sie war erstaunt, wie stattlich er aussah; das war er nun wohl seiner neuen Stellung schuldig? Er trug einen Kranz aus Lorbeer gewunden, die ersten roten Rosen des Jahres darin.

»Finchen,« sagte er, zog den Handschuh ab und wischte sich mit der schwieligen Rechten gleichsam verlegen über die ernste Stirn, »nu is’t Friede, un ich hab’ en Stellung, wie ich se in meinem frechsten Traum mir nie hätt’ träumen können! Was unser Vater wohl dazu jesagt hätt’?! Heut’ is mein erster Feiertag. Komm, mach dich fertig, lassen wir all’ zusammen nach’m Kirchhof jehen!«

Sie machten sich auf den Weg. Schon war in vielen Straßen geflaggt. Die Bürger konnten es nicht mehr erwarten – bald, bald kamen sie ja! Es war heute milde, sanfte Luft, ein lichtgrau verhangener Himmel; noch schien die Sonne nicht, aber sie würde scheinen, man merkte es an der heller und heller sich färbenden Wolkenschicht. Grüner schimmerte das Grün der Bäume, erfrischt von einem köstlichen Getröpfel in der Frühe; die Kastanienbäume warfen schon breite Schatten, die Lindenbäume der Alleestraße strömten leisen Duft aus, ihre goldigen Blüten fingen an, sich zu öffnen.

In der Schaubschen Buchhandlung am Alleeplätzchen lauter Kriegsbilder und -Bücher: ›Dreißig schöne alte Lieder wider den Franzman‹ – ›Va banque Louis Napoléon‹ – ›Enthüllungen aus den Tuilerien‹ – ›Welche sollen des Deutschen Reiches Farben sein?‹ – ›Alldeutschland in Frankreich hinein! von Adolf Strodtmann‹ – ›Wachenhusens Tagebuch vom Kriegsschauplatz‹. – Hier ein kleines, rotes Büchlein in leuchtender Farbe mit dem Eisernen Kreuz: ›Kriegsdepeschen‹ – und dort: ›Kriegsgefangen. Erlebtes 1870 von Th. Fontane‹.

Schmetterlinge, bis hierher verflogen, streiften mit ihren zarten Flügeln das Schaufenster. Bienen summten, angelockt von den Blumendüften der Häuser; alle Leute hatten ihre Gärten geplündert, jetzt mußte man Sträuße im Fenster haben: Rotdorn und Goldregen, Iris und Pfingstblumen, letzten Flieder und erste Rosen, schöner blühte es doch nie mehr im Jahr. Heitere Mädchengesichter blickten darüber weg; manch einer Jungen klopften die Pulse: er kam wieder, nun war er bald da! Ob er sie noch kannte? Den Chignon hatte sie abgeschafft – wer mochte den wohl noch tragen? Einen Strauß wollte sie dem Geliebten werfen, einen Rosenstrauß, und einen Kranz, einen Kranz von lauter Lorbeer. Sie konnte es nicht erwarten.

Und die Kinder spielten vor den Thüren: der Vater kommt. Je, wie die Mutter vor Freuden aufschrie, wenn der Vater in die Thür trat! Und ob er was mitbrachte? Eine Puppe im Tornister oder ein kleines Chassepot? Sie konnten es nicht erwarten.

Und Eltern fragten sich: wie wird er aussehen, der Junge? Er hat gewiß einen Bart! Sie konnten es nicht erwarten.

Die ganze Stadt konnte es nicht erwarten. Man fühlte es ihr an, es lag in der Luft, es vibrierte im unruhigen Gebimmel der Sonntagsglocken, die über dem Gewirr der alten Gassen von der Bolkerstraße und Ratingerstraße her ertönten. Auch sie konnten es nicht erwarten, sich auszuhallen im Freudengeläut. –

Die Geschwister gingen still, Josefine zwischen den Brüdern. Der Invalide war in voller Uniform, und den Fritz hatte er neben sich, dann brauchte er kaum seinen Stock.

Im Hofgarten tirilierten die Vögel, stark duftete der Jasmin und all die andern blühenden Büsche; jedes Unkraut am Wegrand blühte, jedes Ding, noch so bescheiden, trug heute sein bestes Kleid.

Der Rhein rauschte hinter’m Napoleonsberg, und das Rauschen der Wellen mischte sich mit dem Wind, der die Wasser kräuselte, zur Melodie.

Selbst hier draußen am fernen Kirchhof merkte man die Erwartung der Stadt. Die Wege waren geharkt, das Unkraut ausgejätet, die Gräber geschmückt. Manch einer der Heimkehrenden würde doch herkommen, einen guten Kameraden zu besuchen.

Die Geschwister wandelten erst den breiten Mittelweg bis zum großen Kreuz. Das war eine Pracht von Rosen rechts und links, ein berauschender Duft! Man ging wie zwischen lauter Gartenbeeten.

Josefine war lange nicht hier gewesen, nun blickte sie erstaunt – was war das dort für ein herrliches Monument? Auf dunklem Sockel, ganz aus weißem Marmor, leuchtete es hinter schmiedeeisernem Gitter und hob sich blendend aus einem Flor von Blumen. Unwillkürlich hemmte sie den Schritt – dort waren Leidtragende.

Vor dem weißen Monument kniete eine ganz mit langen Trauerschleiern verhüllte Frauengestalt. Jetzt erhob sie sich; den Kopf tief gesenkt, ganz gebrochen, kam sie langsam daher am Arm eines Offiziers.

Der Invalide machte Front; ernst aber freundlich dankte der Offizier. Ei, das war mal ein jugendlicher Oberst! Noch ein schlanker, schöner Mann mit blitzenden Augen!

»Habt ihr dat Kreuz auf seiner Brust jesehn? Dat war ’t Eiserne Kreuz erster Klass’,« tuschelte ganz aufgeregt der Invalide.

Josefine hatte es nicht gesehen; auch nicht den eleganten Herrn in Civil, der dem Paar folgte, zwei schwarzgekleidete junge Mädchen neben sich. Sie hatte auch die Dame unter all den Schleiern nicht erkannt; wohl aber hatte ihr Blick, seltsam angezogen, während der kurzen Begegnung auf dem Gesicht des Obersten geruht.

Wer war das?! Den mußte sie doch kennen? Und da – plötzlich durchfuhr es sie – die Erinnerung kam rasch wie ein Pfeil – jetzt wußte sie’s: das war der Viktor gewesen!

Sie trat auf das Monument zu. Unter dem jungen sterbenden Helden, den ein Engel zum Himmel weist, stand mit goldenen Buchstaben eingraviert:

Eugen Ernst August vom Werth

Sek.-Lt. im Niederrh. Füsilier-Regt. Nr. 39.

Ja, Viktor von Clermont hatte hier mit seiner Schwester das Grab des gefallenen Neffen besucht.

Arme Cilly, hatte sie noch immer keinen Trost gefunden? Wie sie dahinwankte!

Noch einmal sah sich Josefine um, aber von den Trauernden war nichts mehr zu erblicken; es war ihr nur, als sähe sie noch ein letztes Blinken der Epauletten zwischen den Büschen.

Der Viktor –! Ein zartes Lächeln spielte um ihre Lippen: wie stattlich noch – und schon Oberst! Aber sein liebes Gesicht hatte er noch wie früher, nur nicht mehr so strahlend heiter und so vergnügt! Ach, so viele Jahre lagen dazwischen! Sie seufzte leicht: ach ja, da war sie eben an ihrer Jugend vorbeigegangen!

Sie stand in Gedanken verloren – ja, ja, heute morgen, als sie vor’m Spiegel ihr Haar gekämmt, hatte sie die ersten grauen Fäden im noch vollen Blond gefunden.

Fritz zupfte sie am Ärmel und drängte voran, die Onkels waren schon weiter gegangen. Da raffte sie sich auf und machte große Schritte.

Das Grab von Feldwebel Rinke lag jetzt nicht mehr abseits und allein, mit wenigen ungepflegten Hügeln in der Nähe. Jetzt waren hier rund herum auch Blumen gepflanzt und die Hecke erweitert; es grünte Hügel bei Hügel, es ragte Kreuz bei Kreuz. Franzosen und Deutsche reihten sich dicht um des alten Preußen Grab.

Friedrich legte seinen Lorbeerkranz darauf nieder. Josefine bückte sich, um hier und da zu ordnen und ein Unkräutchen auszurupfen; sie kniete dabei hin und blieb so knieend, eine lange Weile.

Um sie die große Stille. Kein Laut zwischen Himmel und Erde. Regungslos stehen die Büsche. Kein Säuseln in den Bäumen, die Wolken dicht. Doch jetzt ein starker Luftzug vom Rhein her, man hört die Wellen rauschen, der Wind ist umgesprungen. Und jetzt kommt er plötzlich daher und beugt die stolzen Kronen und bläst in die grauen, verhängenden Wolken, daß sie auseinanderfahren wie eilends geschobene Kulissen. Das geht mit Zauberschnelle – Hülle fällt auf Hülle – der letzte Vorhang weg – da steht sie, die Sonntagssonne, voll im Mittag, ohne Schleier, groß, blendend, leuchtend, und lacht hinunter auf die strahlende Erde.

›Jetzt scheint die Sonn’, Vater, siehst du?!‹ Es war Josefine fast, als müsse sie ihm das laut hinunterrufen in seine dunkle Kammer. Eine kindliche Liebe ergriff sie heiß zu dem Toten. Sie murmelte:

»Treue, Tapferkeit, Gehorsam, Pflichtgefühl und Ehre – lieber Vater, ich dank’ dir!«

Langsam richtete sie sich auf. Aber dann stand sie doch fest auf ihren Füßen und nahm ihren Knaben an die Hand. Der war nun ihr einziger, ihr letztes Glück – nein, noch ein Glück hatte sie, ein schmerzliches freilich, dem sie auch noch Thränen schenken würde in stillen Stunden, aber es war ein Glück. Sie hatte einmal etwas empfunden, eine Begeisterung, die sie über sich selbst erhoben. Ihr Bestes hatte sie hingegeben für’s Vaterland, so wie der Vater sie gelehrt.

Und wenn jetzt der König kam, wie damals in ihrem Traum, und seine Hand ausstreckte: ›Was giebst du mir?‹ Dann konnte sie auch ihre Hand ausstrecken und, über das Grab ihres Sohnes weg, weg über Gräber von Tausenden von Söhnen, ihm weite, schöne Länder zeigen: das ganze, große, geeinigte Deutschland im höchsten Mittagssonnenglanz, – und stolz zu ihm sagen:

»Das gab ich dir!«

Verlag von Egon Fleischel & Co., Berlin W 35.

Die stumme Mühle

Roman von

Otto von Leitgeb

Preis geh. M. 5.–; geb. M. 6.50

Aus den Besprechungen:

Münchener Neueste Nachrichten. Dieser Roman ist eine durchaus eigenartige, literarische Erscheinung, ein Werk voll großer Schönheiten, voll tiefen Ernstes und erfüllt von idealer künstlerischer Lebensauffassung. Vielleicht wird mancher sich nur zögernd entschließen, ein Buch zur Hand zu nehmen, das ihm für einen Roman etwas zu umfangreich erscheinen möchte. Es ist auch kein Buch für jene Kategorie von Lesern, denen es nur darum zu tun ist, mit möglichst aufregender Lektüre eine müßige Stunde auszufüllen. Der Verfasser, ein treuer Freund unseres unvergeßlichen Leibl, hat etwas von dessen Eigenart in sein Werk übertragen, und so wenig wir an Leibl Haß und Unvollkommenheiten kennen, so wenig werden wir auch hier Flüchtigkeiten entdecken; manchmal will es uns sogar erscheinen, als hätte sich der Verfasser hie und da allzu sorgfältige Ausmalung mancher Details schenken können. Über dem ganzen Werk aber liegt, was wir an Leibl schätzen: Naturtreue und Wahrhaftigkeit und innige Klarheit.

Neue Preußische (Kreuz) Zeitung. Der Roman, den wir mit Interesse gelesen haben, verdankt seinen ziemlich großen Umfang nicht der Mannigfaltigkeit der Figuren und häufigem Wechsel der Szenerieen, sondern dem auf die wenigen Gestalten verwendeten Fleiß und der Freude an stimmungsvollen Schilderungen. Die Handlung kann wohl menschlich ergreifen, und die Entwicklung vermag psychologische Vorgänge in anziehender und anschaulicher Weise nahe zu bringen. Immerhin ist der im Vordergrund stehende Charakter, ein Mann von Bildung, der jedoch seines Lebens ernste Aufgabe in der Jugend nicht streng genug erkannte und mit seinem verwundeten Herzen überhaupt nicht mehr in die scharfen Forderungen absoluter Sittlichkeit hineinzudringen versteht, eine etwas seltsame Natur, der auch in der Dichtung ein feiner Schleier umgehängt ist. Wir glauben, die Figur wäre wirkungsvoller, wenn seine Liebe zu Marie ganz ideal geblieben wäre. Es wäre etwas für die Menschheit gewonnen. So kommt eine doppelte Schwäche in die Sache hinein. Die Gestalt der Schwester ist tadellos gezeichnet, während das Ehepaar doch zuletzt aus der Skizzierung nicht herauskommt, auch Marie, die Frau, nicht, welche sich doch von Wolf, jenem erstgenannten Charakter, so sehr entwickeln und zum Schluß verwickeln läßt. Dem Dichter steht aber bei alledem Wahrheit und Sittlichkeit so hoch als wünschenswert; er ist infolgedessen auch gerecht und beschönigt nichts. Die beiden, welche schließlich den Rest des Lebensweges miteinander machen, sind die kernigen, wenig angefochtenen Naturen. Eine originelle Nebenfigur, sowie eine episodenartige Szenerie, die jedoch nicht ohne Verbindung mit der gesamten Entwicklung ist, kommt dem Eindruck zugute. Die Schreibweise ist einfach und entbehrt doch nicht großer Züge und poetischen Reichtums.

New-Yorker Staatszeitung. ... Auch in »Die stumme Mühle« von Otto von Leitgeb sendet dieses Motiv (– die Ehe –) seinen beängstigend fragenden Ruf. Tief unten im Flußtal, wohin die rings aufsteigenden Bergwände keinen Sonnenstrahl dringen lassen, liegt die Mühle, die noch keinem ihrer Besitzer Glück gebracht und oft lange Jahre hindurch stumm geruht, nur von Daniel, dem alten Müllerknecht, behütet, dem Hausgeist, der hin und wieder an die Mühlsteine klopft und die Schaufelräder streichelt und laut mit den Schlüsseln klirrt, die in den rostigen Schlössern knirschen, nur um doch einmal einen Laut zu hören in der Stille und dem Schweigen ringsum. Denn einsam war der Alte; sein Weib war ihm gestorben, sein Kind verdorben; und wie ein Unglücksrabe kreist er um die stumme Mühle und kündet denen, die sie an sich bringen, kein Glück. Auch Robert Willmut nicht, dem neuen Herrn, der einst als Kind mit dem Töchterlein des benachbarten Auhofs Mann und Frau gespielt, aber um das kräftig erwachsene, reiche Mädchen nicht zu werben wagt und eine zarte, feine Treibhausblume aus der Stadt als Weib heimführt: Marie. Aber die Kinderfreundschaft war nicht vergessen, und zwischen der stummen Mühle, wo die junge Frau neben dem nüchternen, rastlos tätigen Gatten sich in eine Traumwelt einspinnt und in die Vergangenheit versenkt, und dem einsamen Auhof, den die praktische, verständige Klara für den Bruder verwaltet, den Träumer Wolf, der eine Jugendschuld büßend die Welt flieht, entwickelt sich ein reger Verkehr. Denn diese Menschen sind aufeinander angewiesen; sie bedürfen einander. Eine Reihe entzückender Stilleben, wunderbar stimmungsvoller Naturbilder entrollt der Verfasser, aber fest und klar schlingt sich mitten durch der Faden der Tragödie, des Schicksals. Wird auch Marie, diese ideale Verkörperung des passiv Lust und Leid auf sich nehmenden Weibes sich dessen, was ihrer Ehe zum Glück fehlt, nicht bewußt; gesteht auch Klara, dieses arbeitstüchtige, mutige Mädchen, sich nicht ein, daß die schwesterliche Hingebung ihr Leben trotz seines Pflichtenreichtums nicht ausfüllt – tief unter der ruhigen Oberfläche dieser tragischen Idylle lauert das Schicksal auf den Augenblick, da es allgewaltig in das Leben dieser vier Menschen einschreitet und sie aufrüttelt aus ihrem stummen Dahindämmern und Dahinträumen.

Zu einer Tragödie der Selbsttäuschung spitzt sich die Handlung zu, als Marie, die sich in der sonnenlosen Mühle an der Seite des poesielosen Robert glücklich wähnt, allmählich verkümmert und dahinsiecht, bis die Ahnung eines echten Glücks ihr den Todesstoß versetzt. Seelenkundig hat Leitgeb die Wahlverwandtschaft angedeutet, die zwischen Marie und Wolf besteht, dieser fein gezeichneten, unruhigen Künstlernatur, und zwischen Robert und Klara, diesen beiden für das Alltagsleben geschaffenen Menschen. Es sind Gestalten von packender Lebendigkeit. Goldene Worte hat er Schmidt in den Mund gelegt, dem Fünften im Bunde; einem Lebensphilosophen von fesselnder Originalität und herzgewinnender Liebenswürdigkeit. Sympathisch berührt auch die Gestalt des Landarztes mit seiner aus der Kenntnis menschlicher Schwächen und Gebrechen gesogenen, viel verstehenden und verzeihenden, milden Lebensweisheit. Das welsche Wanderblut der schönen Hannah, der verbissene Proletariergroll Daniels, die prickelnde, lebensvolle und schaffensfreudige Atmosphäre des Münchener Künstlerkreises vollenden das wechselreiche Lebensbild. Sieghaft wie ein Sonnenblick durchbricht manchmal ein schalkhafter Humor die Wolken und die Schatten der stummen Mühle. Der Dichter versteht sich auf die Verteilung der Kontraste. Die Szene in der Künstlerrunde, wo in Gegenwart Wolfs von dem Bilde die Rede ist, dessen Modell Hannah gewesen, ist eine Prachtleistung. Leitgebs Kunst ist eine feinnervige. Schon in seinen Novellen offenbarte er sich als Meister im Erahnen und Erfassen der flüchtigsten und verborgensten Seelenregungen, im Empfinden und Wiederspiegeln der zartesten Naturstimmungen. Er schwelgt ordentlich in dieser seiner eigensten Kunst. Aber er ist zu sehr Künstler, um den Gang der Handlung dadurch aufhalten zu lassen; sie schreitet langsam vorwärts, steigert sich ganz allmählich zum tragischen Konflikt und bricht in dem Augenblick ab, da die alte Schuld gesühnt wird und ein neues Leben beginnen soll für die drei Überlebenden in der Tragödie der Wahlverwandtschaft, die sich uneingestanden in der stummen Mühle abspielt.

Berliner Morgenpost. Einen Band von nahezu vierhundert Seiten durchzulesen, dazu gehört heutzutage in der Zeit der short story schon ein Entschluß. Man traut sich kaum, mit der Lektüre anzufangen, und in den seltensten Fällen bringt man sie zu Ende. Hat man aber sich selbst überwunden, so kommt man sich wie ein Triumphator vor und hat beinahe die Empfindung, als schulde einem der Autor Dank. Nun, bei Leitgebs Roman bleibt man von solcher Überhebung weit entfernt. Trotzdem die Handlung durchaus nicht sensationell ist, also keinen stofflichen Reiz bietet, folgt man ihr mit sich stets steigernder Spannung. Dabei hat man immer wieder Gelegenheit, den großen Gesichtskreis des Dichters zu bewundern, der alle Verhältnisse des menschlichen Lebens, die Beziehungen des einzelnen zur Natur und zur Allgemeinheit behandelt und in einer Fülle von gedankenreichen Bemerkungen seine Menschen- und Weltkenntnis zeigt. Unter dem Nachdenklichen des Buches leidet aber die Plastik der Figuren durchaus nicht. In vollem blühenden Leben stehen sie vor uns, und die »unwahrscheinlichste« von allen, der Schwärmer Schmidt, am meisten. Mit einem Worte ein gutes Buch, das aber ernste Leser verlangt.

Buchdruckerei Roitzsch vorm. Otto Noack & Co.

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