Zweites Buch (continued 3)
Reading edition
Der Feldwebel fühlte jedesmal ein Jucken in der Hand, wenn er solchen Rangen auf dem Schulweg begegnete. Seine eignen Buben hatten sich auch Kokarden gekleistert aus buntem Glanzpapier, aber als er die an ihren Mützen entdeckte, hatte er die Bengels verwichst, daß sie drei Tage nicht sitzen konnten. – –
Der Frühling war mit Macht gekommen, schöner denn je blühten die Kastanien drüben in der Allee. Sonst hatte sich Rinke gefreut, wenn die erste Lerche am grünen Kanalrand aufstieg und hoch über’m Exerzierplatz schmetterte – heuer nicht. Und er hätte doch froh sein können, seine Josefine war ja Conradis verlobte Braut; im Sommer sollte die Hochzeit sein. Seiner Tochter glanzlose Augen kümmerten ihn wenig. Ach was! Die würde sich schon schicken; das machte ihm keine Sorge. Aber etwas andres lastete auf ihm, quälte ihn: es war der stete Ärger über das, was er in den Zeitungen las. Und doch konnte er es nicht lassen, sie durchzustöbern. Ja, er hielt sich sogar, was er sonst als unerhörteste Verschwendung weit von sich gewiesen, auch noch das Düsseldorfer Kreisblatt, obgleich ihm die Gedichte, die ein gewisser Ferdinand Freiligrath, der am Windschlag wohnte, darin veröffentlichte, zu anstößig waren. Außerdem bat er, beim Leutnant von Clermont ab und zu einen Blick in die Kreuzzeitung werfen zu dürfen.
Viktor von Clermont hatte jetzt keine Langweile mehr. Er lag nicht mehr auf dem Sofa und ließ die Beine über die Lehne hängen, er lauerte auch nicht mehr im Gang auf die Schritte Josefines, beobachtete nicht mehr ihr Fenster – weit, weit, wie ein Frühlingstraum in rauhen Tagen, lag jene goldene Zeit. All sein Denken gehörte der Politik.
Mit seinem Schwager hatte er ein paarmal schon heftige Auseinandersetzungen gehabt; Herr vom Werth war ein blinder Bewunderer des Königs. Er nannte dessen Nachgiebigkeit Seelengröße, die der nicht nur erst jetzt, sondern auch früher schon gegen Andersgläubige bewiesen habe. Viktor ärgerte sich – aha, da merkte man den Rheinländer! Und ein Rheinländer – immer ein verkappter Katholik!
Viktor betrat kaum mehr das Haus seiner Schwester; wenn Cäcilie ihn sehen wollte, mußte sie sich schon mit ihm im Hofgarten treffen, oder einen Spaziergang auf der Allee verabreden. Dann machte es ihm wohl Spaß, neben der eleganten Frau, die nach der Geburt eines prächtigen Sohnes sich erst zu vollster Schönheit entfaltet hatte, herzugehen und die bewundernden Blicke aufzufangen, die ihr galten. Aber eigentlich langweilte er sich mit ihr; Weiber haben eben absolut kein Verständnis für Politik. Selbst Josefine hatte keine Ahnung gehabt. Und doch, wenn er in freien Momenten an die dachte, verlangte ihn nach ihr.
Das arme Ding! Wie mochte sie geweint haben, als sie ihm auf Befehl des Vaters geschrieben: ›Aus muß es sein!‹ Sie hatte so unbeholfen geschrieben und doch so rührend; Thränen waren auf’s Papier geflossen, man sah die Spuren. Auch seine wenigen Geschenke hatte sie zurückgeschickt: ein Armband von Rosenholzperlen, ein Muschelkästchen, ein kleines Bild von ›Paul et Virginie‹. Nur das rote Büchelchen mit den goldenen Passionsblumen bat sie, behalten zu dürfen: ›sie würde darin lesen und seiner gedenken.‹
Fatal, daß der Alte dahinter gekommen war, höchst fatal! Selbstverständlich mußte nun alles aus sein! Aber daß er, als Vater, sich nicht persönlich in die Sache gemischt hatte, war einfach riesig schneidig; der Kerl, der Feldwebel, hatte wahrhaftig Takt, wußte, was ihm, einem Vorgesetzten gegenüber, zukam. Mit keinem Blick ließ er ahnen, daß er um die Sache wußte, in respektvollster Haltung wie immer stand er da.
Viktor begann eine Art dankbarer Zuneigung für den Untergebenen zu empfinden, der ihm eine Beschämung erspart. Früher, mit dem Vater der Geliebten, hatte er sich nie in eine Unterhaltung eingelassen, jetzt sah man ihn öfter, nach dem Vorbild des Herrn Hauptmanns, mit dem Feldwebel über den Kasernenhof pendeln. Da war so vieles, was sie ähnlich empfanden; wenn sie auch nicht darüber sprachen, sie fühlten es sich an. ›Noch einer vom alten Schrot und Korn,‹ dachte der Leutnant, und in des Feldwebels trübes Auge kam ein Hoffnungsstrahl: In dem würde Preußen auferstehn! –
Keine Melodie mehr wehte aus dem offenen Küchenfenster in die neu grünenden Ahornbäume.
Der Frühling war geboren, aber das Lied war tot.
Jetzt klapperte Frau Trina in der Küche mit den Töpfen, nun, da die Tochter sich die Aussteuer nähte.
Drinnen in der Stube saß Josefine auf dem Fenstertritt hinter den Geraniumstöcken, tief über die Arbeit gebückt. Selten, daß sie den Blick erhob und die Augen hinausschweifen ließ über den Platz, auf dem die Mannschaften für die Frühjahrsbesichtigung übten. Wohl hatte das Exerzieren seinen Reiz für sie noch nicht ganz verloren, aber sie fürchtete, ihn vor der Front stehen zu sehen in seiner ganzen Schlankheit; mit Scheu wendete sie rasch den Blick ab. Blaß wurde sie, denn ihr Fleiß bannte sie immer in die Stube; die Mutter hatte ihr gern eine Hilfe nehmen wollen – das bucklige Stinchen, die Näherin, die so schöne Hemdenfältchen kratzte und die Priesen auf den Faden aufsteppte, half allen Bürgerbräuten – aber Josefine wollte keine Hilfe. Alles allein sticheln, das bringt Glück.
Ach, Glück –?! Sie hoffte doch darauf. Der Conradi war ja so gut, das sagte sie sich alle Tage vor. Wenn sie nur erst fort wäre, weit weg!
Und sie, die nie für einen ganzen Tag die Kaserne verlassen, die noch nie ihr Haupt wo anders zur Ruhe gelegt, als im Schutz dieser Mauern, begann zu träumen von einer neuen Heimat, unbestimmte Träume, von denen sie nicht wußte, ob sie angenehm waren oder traurig.
Fernab vom Leben des Tages lebte sie so in ihren Träumen; sie hörte nicht die Glocken hallen, die die Totenfeier für die letzt im März zu Berlin Gefallenen einläuteten.
In der Maxpfarre war ein Katafalk errichtet mit schwarzem Flor und Lorbeeren. Frau Trina lief auch hin, und sie kam wieder mit geröteten Augen – alle Welt hatte geschluchzt – und sie erzählte von Trauerfahnen und Immortellenkränzen, vom Requiem, das der Hiller, der Musikdirektor, aufgeführt, und von der ergreifenden Rede des Herren Pfarrer Schmitz.
Bis in die Kaserne hatten sich die Klänge des Trauermarsches verirrt, den die Musik dem Bürgerzug aufspielte, der nach der Kirche wallte, die für die Freiheit gefallenen Helden nachträglich noch einmal zu ehren. Josefine hatte keinen Ton vernommen – was ging sie das alles an?! Sie kümmerte nur das eigne Geschick.
Alle paar Wochen kam jetzt Conradi zu Besuch, oft einen ganzen Sonntag; er hatte nun wieder freie Zeit. Aber er war kein lästiger Bräutigam; ein Mensch von vielen Worten war er so wie so nicht. In seiner Heimat, dem fernen Ostpreußen, waren ja die Leute an Kargheit gewöhnt – kümmerliche Frühjahre, wie er sagte, und lange, schneevergrabene Winter. Er war zufrieden, wenn Josefine ihn freundlich ansah und ihm beim jedesmaligen Abschied einen Kuß schenkte; und das konnte sie doch nicht anders, er hatte ihr ja nichts Böses gethan.
Selbst Frau Trina, die anfangs viel Lust bezeigt hatte, gegen den Schwiegersohn zu rebellieren, – war er doch ein Reformierter, und die sind noch ärgere Ketzer wie die Lutherschen, – wurde durch seine ruhige Treuherzigkeit entwaffnet. Keine Uzerei verfing. Darin war er ganz anders wie Rinke, er brauste nie auf.
»Dumm is de,« behauptete die Mutter, aber die Tochter schüttelte den Kopf: nein, dumm war der nicht, hatte einen ganz nüchternen, praktischen Verstand; freilich, so wie der Viktor – ach, wie der Viktor! – so war er nicht!
Der Sommer war gekommen. Die Hochzeit rückte immer näher. Am letzten heißen Julisonntag hielt der Garnisonprediger das erste Aufgebot.
Der Leutnant von Clermont hörte es, er war gerade zur Kirche kommandiert. Von der Predigt hatte er nicht viel vernommen, seine Gedanken waren abgeschweift; nun aber, da der bekannte, oft genannte Name fiel – Josefine! – zuckte er zusammen. So bald schon heiratete sie?!
Und sie stieg vor ihm auf in ihrer ganzen blonden Frische. Er hörte wieder ihre volle Stimme, ihr heiteres Lachen. Am Fenster stand sie und sang und schaute nach ihm aus, Liebe im Blick. Ja, sie hatte ihm den Rhein lieb gemacht, vertraut die rheinische Stadt, – warm quoll es wieder in ihm auf – er würde sie doch nie vergessen! Unlöslich verknüpft blieb sie ihm mit Kindheitsfreuden, mit Jugendlust, sie war eins mit dem Rhein, mit dem Rhein! –
*
Großmutter Zillges hatte es sich ausgebeten, im ›Bunten Vogel‹ sollte die Hochzeit sein anstatt in der engen Kaserne. Der Feldwebel hatte zwar erst heftig dagegen protestiert, aber es half ihm nichts, die Weiber waren ihm über. Er ließ ihnen jetzt viel freie Hand, denn, war es nicht kleinlich, daheim zu zanken, während außen so viel auf dem Spiele stand?!
In Schleswig-Holstein wurden die Dänen besiegt; mit Neid und Hohn zugleich waren Rinkes Blicke zur Zeit der kleinen Freischar Düsseldorfer gefolgt, die, ihren Karnevalspräsidenten an der Spitze, mit glühendem Enthusiasmus den ›Deutschen Brüdern‹ zu Hilfe geeilt war. Haha, viel schlimmer als die Dänen waren andre Feinde, aber gegen die zog niemand aus!
Wo war der Prinz von Preußen?! Weit in England – ›geflohen‹ sagten welche. Verleumdung, elende! Nein, der wartete nur, bis seine Zeit kam. Aber wann kam die, wann?!
Eine fieberhafte Sehnsucht glühte dem Soldaten im Blut; noch war er nicht alt, und doch fühlte er sich schon so: müde und alt. Sollte er denn in’s Grab steigen, ohne jemals gekämpft zu haben?! Liegen und verwesen, ohne einmal gesiegt zu haben?! Wenn’s dem König, der jetzt in Düsseldorf erwartet wurde auf seiner Reise zum Kölner Dombaufest, doch nur einer sagen wollte, daß mit der Langmut nichts ausgerichtet ist!
Die Stadt rüstete zum Empfang des königlichen Besuches. Aber längst nicht alle Bürgergardisten wollten sich einreihen lassen in das Spalier, das sich vom Köln-Mindner Bahnhof die Königsallee hinauf und noch weiter ziehen sollte. Mochten sich da servile Fürstenknechte drängen, sie waren freie Bürger! Und doch war die Neugier groß.
Aus den Dörfern und Fabrikorten der Umgegend, von diesseits und jenseits des Rheins zogen Scharen schon am frühen Morgen des 14. August in die Stadt. Die Schulen waren geschlossen, die Comptoire und Kanzleien auch. Alles feierte. Der Männergesangverein allein plagte sich noch mit üben; er sollte, während der König beim Prinzen im Jägerhof das Diner einnahm, im Vorgemach singen.
Auch Frau Cordula im ›Bunten Vogel‹ stellte heute für ein paar Stunden die Arbeit ein; sie war tüchtig am schaffen für die morgende Hochzeit der Enkelin. Der Feldwebel hatte kurzerhand den 15. August dafür festgesetzt, da der Bräutigam die Wohnung längst hergerichtet; viel Wahl war für den Zeitpunkt auch weiter nicht, Conradi hatte wieder strammen Dienst und konnte knapp für diesen einen Tag abkommen. Josefine hatte keine Einwendungen gegen die Bestimmung des Vaters gemacht, auch sie dachte: ›Wozu noch zaudern? Ob heute, ob morgen, nur bald!‹
Es war der Großmutter gar nicht recht, daß die Hochzeitsfeier nur so kurz sein würde – am selben Abend noch sollte das junge Paar nach Vohwinkel fahren –, daran war niemand wie der Rinke, der knappe Preuße schuld! Eine richtige rheinische Hochzeit dauerte doch mindestens ein paar Tage: Wer sollte denn all das Leckers aufessen?! Unermüdlich war die alte Frau hin und her getrippelt. Die Kuchen für die Nachbarn standen schon parat; Wilhelm hatte bereits den lieben Nönnchen, für ihre Kranken in der Gemeinde, ein paar extra gute Flaschen Wein hingetragen. Die Kochfrau hatte schon die Braten gespickt, in dem Keller schwamm im Zuber pläsierlich ein großer Fisch.
Wenn nur der Großvater frischer gewesen wäre! Der hatte eigentlich für nichts mehr auf der Welt Sinn. Stunden und Stunden verschlief er. Ungern ließ ihn sonst Frau Cordula selbst für ein Stündchen allein. Aber heute, wo alles schon seit dem frühen Vormittag nach dem Bahnhof und der Königsallee rannte, mußte sie doch auch gucken gehen. Nur ein paar Augenblicke. Sie hatte noch nie einen leibhaftigen preußischen König gesehen.
»Mutter, wohin jehste?« fragte Peter Zillges, der im Lehnstuhl im Comptörchen döste und die Daumen umeinander drehte.
Als sie es ihm sagte, rief er ärgerlich, so laut er nur noch konnte: »Wat will de Mann hie?! Mir sin Düsseldorfer Börjer!« Aber dann vermischte sich in seinen Gedanken plötzlich dieser königliche Besuch mit dem des großen Napoleon, und er fragte interessierter: »Dazumal bauten se Ehrepooze, han se jetzt auch en Pooz jebaut?«
»Ich jonn ens kucke,« sagte Frau Josefine Cordula und lief eilig fort.
Sie sah nicht mehr, wie ihr alter Mann mit ungeahnter Kraft im Lehnstuhl auffuhr und zornig die zitternde Faust ballte: »De soll uns jewährde lasse!« Unruhig rollte Peter Zillges seine Augen umher, als suche er wo einen Schlupfwinkel: »Ich – ich jonn em ja auch aus der Weg!«
*
Am festlich geschmückten Bahnhof standen die Deputationen des Gemeinderates, der Militär- und Civilbehörden. Soldaten waren aufgepflanzt; auch Feldwebel Rinke stand dort in Paradeuniform. Ehern erschien sein Gesicht wie immer, aber in dem etwas vorgestreckten Hals, in dem krampfhaften Spiel der Finger an der Degenkoppel zeigte sich seine große Erregung.
Mit glühendem Blick suchte er seinen König.
Als die Equipage des Prinzen Friedrich vorüberfuhr, zuckte er zusammen, stier wurde sein Blick – das, das war der König?! In seinen Mantel gehüllt, lehnte der hohe Gast in einer Ecke des Wagens.
Dem Feldwebel wollte das Herz brechen. Wo war der Glanz des jugendlich schlanken Kronprinzen, dessen Augen von Geist und Leben gestrahlt hatten?! Er konnte die Züge, denen er einst in der eignen Jugendzeit zugejubelt, nicht wiederfinden; er wollte ›Hurra‹ schreien und brachte es nicht heraus.
Das Hurra um ihn her war auch matt – oder deuchte es ihn nur so? Viel Volks schwieg. Und die Sonne trübte ihren Schein, ein Wind machte sich auf und jagte den Staub in die Augen.
Als Rinke die Lider wieder frei öffnen konnte, waren die schnellen Räder längst verrollt. Aber eine unruhige Bewegung unter der Menge erschreckte ihn. Das war ein scheues Raunen, ein Flüstern – hier – dort – überall! Man wollte pfeifen gehört haben, man wollte wissen, daß plötzlich, von ruchloser Hand geschleudert, Pferdekot in den Wagen geflogen war und den Mantel des Königs gestreift hatte.
Verblüffte, betroffene Gesichter sahen sich an. –
Als Frau Josefine Cordula nach fünf Uhr durch die Ratingerstraße wieder zurückkam, war sie ganz außer Atem; sie hatte sich sehr geeilt und war doch fast an zwei Stunden fortgeblieben. Nun fiel es ihr plötzlich ein, daß der Peter ja ganz allein zu Haus war. Denn die Kochfrau hatte ihre Vorbereitungen unterbrochen und war mit ihr zugleich gegangen, und der Wilhelm war schon am Vormittag fortgelaufen. No, sie gönnte es dem Jungen ja! Der hatte jetzt so viele Freunde; und waren auch mal ein paar Rauhbeine darunter, zu streng durfte man nicht urteilen, Jugend ist noch kein Alter, und jung Bier muß ausgären. Bei ein paar Rempeleien war der Wilhelm wohl dabei gewesen, aber er hatte sich nicht selber an der Hauerei beteiligt – bewahre! Nur zugeguckt; die Polizei hatte denn auch ein Einsehen gehabt und ihn nicht mit in’s Speckkämmerchen gesperrt, als er sagte, er wäre der Enkel vom Bürger Zillges in der Ratingerstraße.
Ja, ihr Peter, der war wohl angesehen! Noch so ein echter Düsseldorfer Bürger aus der alten guten Zeit!
Ob er schon ungeduldig auf sie wartete? Ach, der schlief ja – hoffentlich! Verlohnt hatte sich’s nicht einmal, daß sie gucken gelaufen war – so sah ein König aus?! No ja, die Preußen – kein bißchen vergnügt!
Je näher sie ihrem Hause kam, desto eiliger trippelte sie; nun hörte sie einen Salutschuß, der galt dem Preußenkönig. Ob der Zillges den auch hörte?! Dann würde er sich ärgern.
Sieh mal, da saß er noch immer im Lehnstuhl hinter’m Spiönchen! Sie winkte und nickte. Er sah sie nicht.
»Zillges,« rief sie, als sie in den Flur trat, und: »Peter, Peterken, ich bin als widder hie,« als sie in die große Wirtsstube kam.
»Zillges!«
Keine Antwort.
Plötzlich von einem Gefühl der Beklemmung befallen, sah sich die alte Frau um: war jemand hier gewesen – ein Gast? – – Nein, kein Mensch!
Es war sehr still.
Die Eichenblätter und Dalien, die sie in einem Korb in die Ecke gestellt, um nachher eine Guirlande für das morgende Fest zu winden, dufteten stark und herb, wie fallendes Laub im Herbst.
Ein Frösteln lief der alten Frau über den Rücken, in der Kühle des leeren Zimmers.
Schlief er so fest?! Den Atem anhaltend, drückte sie leise auf die Thürklinke zum kleinen Comptörchen; die Thür knarrte und sang in den Angeln. »Zillges! Peter –!«
Er hörte nichts.
Der alte Mann saß in seinem Lehnstuhl am Fenster, den Kopf auf die Brust gesenkt, die Hände gefaltet.
*
Während der Königliche Gast in die Stadt eingezogen, war ein anderer Gast in den ›Bunten Vogel‹ getreten. Auch ein König – der Tod. Peter Zillges hatte ihn empfangen, als Freund.
Es gab kein lautes Wehklagen. Als Josefine, atemlos, als erste, in den ›Bunten Vogel‹ gerannt kam – Wilhelm hatte weinend die Trauerkunde in die Kaserne getragen – fand sie die Großmutter oben in der Schlafkammer neben dem Ehebett sitzen, darauf der tote Großvater lag. Ganz friedlich ruhte dessen Gesicht im Flackerschein geweihter Kerzen; die sauberen weißen Haare umgaben in einem noch vollen Kranz die Stirn, die ganz glatt war, alle Falten und Schrumpeln wie weggewischt. Die Großmutter hatte ihm ein Kruzifix auf die Brust gelegt und um die gefalteten starren Hände den Rosenkranz geschlungen. Wie eine Wolke schwebte Weihrauchduft im engen Stübchen.
Die alte Frau wand aus den Eichenblättern und Dalien eine Guirlande, ihre Lippen murmelten Gebete. Als die Enkelin eintrat, sah sie auf und nickte wehmütig:
»Die sollt’ für dich sein, Finken! Nu muß Zillges die kriegen!«
Und sie flocht emsig weiter.
Josefine kauerte sich ihr zu Füßen nieder; ein Schauer nach dem andern überlief sie, sie hatte noch nie einen Toten gesehen. Eine Scheu packte sie vor dem stillen, kalten Großvater, und ihr Herz klopfte heftig. Sie begriff nicht, daß die Großmutter so gelassen war.
»Nu kann er nit mehr bei deiner Hochzeit sein,« flüsterte Frau Josefine Cordula, »oh, un was hätt’ er sich doch jefreut! Jelt, Zillges?!«
Sie wandte sich ganz ihrem Toten zu, sanft faßte sie dessen Hand. »Weißte noch, wie mir Hochzeit machten? Da flocht ich der Abend vorher auch en Jirland, aber nur eine aus Palm, die Blümkes un de Myrtestock hatt’ die fremde Einquartierung all ausjeruppt. Un de Hochzeitsabend fingen de Franzosen an, auf de Stadt zu schießen, von de Kirchen wurd’ Sturm jeläut’, dat Kloster brannt’ un de Türm’ vom Schloß auch. Mit Kanonen schossen se von der anner Seit’, aber mir krochen im Keller un du hielt’st mer de Ohren zu. Un wir sind doch eso jlücklich jeworden, jelt, Peter? Peterken!«
Josefines Herz krampfte sich zusammen – ach, die Großmutter, ja, die Großmutter, die hatte ihren Hochzeiter geliebt! Brennende, unendliche Thränen stürzten ihr aus den Augen; beide Hände vor’s Gesicht schlagend, schluchzte sie krampfhaft.
»Wein’ nit eso, Kind,« flüsterte die Großmutter. »Finken, mußt nit e so weinen – er schläft ja nur!« Und sich über den Gatten beugend, strich sie ihm zärtlich links über die Wange und rechts über die Wange.
Und dann machte sie das Zeichen des Kreuzes über ihn und sich: »Jesus! Maria! Josef! Euch schenk’ ich seine Seele! – Bis wir uns wiedersehn in der ewigen Jlorie, Peterken, schlaf’ jut!«
*
Josefines Hochzeit fand statt am festgesetzten Termin, trotz des Großvaters Tod. »Es ist jetzt ohnehin nicht an der Zeit, Freudenfeste zu feiern,« hatte der Feldwebel finster gesagt.
Auch die Großmutter wollte keinen Aufschub, sie schickte die Hochzeitskuchen in die Kaserne.
Nur eine stille Trauung fand statt, dann blieb die engste Familie noch unter sich ein paar Stunden zusammen. Gegen abend aber kam doch noch die Großmutter; seit langer, langer Zeit betrat sie zum erstenmal wieder die Feldwebelwohnung, sehen wollte sie die Enkelin wenigstens an ihrem Ehrentag.
Josefine hatte sich den Abschied leichter gedacht; nun konnte sie sich auf einmal nicht trennen. Laut weinend küßte sie die Geschwister, die Mutter, die Großmutter; am längsten hielt sie den Vater umklammert.
»Na, na,« tröstete der Feldwebel und klopfte ihr den blonden, zuckenden Kopf, »gehst ja nu in dein Glück – Mädel, Kopf hoch!« Er bezwang den eignen Trennungsschmerz – war seinem Kinde so das Loos nicht auf’s lieblichste gefallen? »Na, na, wir sehen uns ja bald wieder!« Aber als sie ihn nicht losließ, machte er sich frei; jetzt klang etwas wie Strenge durch: »Mach nu ’n Ende! Wisch’ die Thränen ab – ’s ist an der Zeit! Man los – voran, marsch!«
»Ja, komm, Finchen, komm,« drängte der junge Ehemann, »wir kriegen sonst den Zug nicht mehr!« Und als sie noch immer ihr Gesicht weinend verhüllte, nahm er ihre Hand in die seine und drückte die fest. »Du sollst es auch in Vohwinkel gut haben, verlaß dich drauf! Komm, Finchen, komm!«
Noch einen letzten schweren Blick ließ sie langsam über alles gleiten; ihre Nasenflügel hoben sich zitternd, als müsse sie noch einmal voll den Duft einziehn, den scharfen, eigentümlichen Kasernenduft. –
Die Sonne ging zur Rüste, als Conradi seine junge Frau über den Hof führte. Die Wipfel der Ahornbäume rührten sich im Abendwind, um die Stämme wob sich bereits leichter Dämmer. Rotgolden allein strahlte noch drüben das Fenster der Offiziersstube; da weilte die Sonne am längsten.
Ganz langsam ging Josefine, Schritt für Schritt. Aber so sehr sie auch zögerte, das Thor kam doch. Es that sich auf – sie schritt hindurch – schwer fiel es wieder in’s Schloß.
Sie hatte die Kaserne verlassen.
XVII
Rinke hätte nie geglaubt, daß er über die Trennung von der Tochter so verhältnismäßig leicht fortkommen würde. Die Not der Zeit half ihm über eignes hinweg.
Er glühte vor Unwillen. Täglich mehrten sich die Klagen über Rempeleien zwischen Civil und Militär. Nicht genug, daß ein Infanterist durch einen Schuß, der eines Abends an der Markt-Ecke fiel, meuchlings getötet worden, auch noch einen von den Jägern hatten die ›verfluchten Halunken‹ verwundet. Was half’s, daß der neue Kommandeur, General von Drygalski, dem Militär im Besuch der Wirtshäuser strengste Beschränkung auferlegte, ganz einsperren konnte man die Mannschaft doch nicht; und wo sich ein Soldat sehen ließ, überall wurde er molestiert. Schüsse, von unbekannter Hand abgefeuert, fielen zur Nachtzeit auf den Straßen, und, richteten sie auch kein sofortiges Unheil an, sie alarmierten doch und narrten Polizei und Militär.
Der Feldwebel machte es sich zur Aufgabe, in freien Stunden die Stadt abzupatrouillieren. Im Abenddunkel suchte er die berüchtigten Wirtschaften auf, um vor ihren Thüren beobachtend Posto zu fassen.
Leider gehörte der ›Bunte Vogel‹ auch zu den nicht gut angeschriebenen. Die alte Frau hauste jetzt dort allein mit dem Wilhelm: wie sollte das schwache Weib und der dumme Junge es am Ende hindern, daß sich da ebenfalls allerhand Gesindel zusammenfand?! Rinke hatte sich den Sohn schon gelangt und ihn wie einen Verbrecher in’s Verhör genommen, aber weiter nichts herausgebracht, als daß der Freiligrath zuweilen dort ein Maß trinke. Na, der Kerl, der rote Republikaner, war ja nun unschädlich gemacht, wegen eines ganz unverschämten, aufhetzenden, königsverräterischen Gedichtes hinter Schloß und Riegel gesperrt! Aber andre liefen noch frei herum. Ja, man hatte schon seinen Ärger!
Ingrimmig, mit geheimem Knurren, wie ein Hund, der Haus und Hof bewacht, schlich der Feldwebel durch die Straßen.
Aber auch die Bürgerwehr hatte ihren Verdruß. Wenn man sich auch nicht einig war, ob man für oder wider die Opposition stimmen sollte, jedenfalls war es allen höchst unangenehm, daß der König auf seiner Rückreise vom Dombaufest schlankweg an Düsseldorf vorbei gefahren. Die freundliche Gartenstadt schien in Berlin als gefährliches Rebellennest verzeichnet – daran war niemand schuld, als die verdammten Preußen selber, die verwünschten Militärs! Mußten die nicht durch ihre prahlerische Haltung, durch ihr herausforderndes Umherrennen mit blanker Waffe am Ende auch die gutmütigste Bevölkerung reizen?! Es half nichts, daß der Chef der Bürgerwehr eine Verordnung erließ, nach der ein Zusammenstehen von mehr als fünf Personen, das Umherziehen mit Fahnen, das Schießen in den Straßen verboten, Eltern und Meister gehalten waren, Kindern und Lehrlingen mit Eintritt der Dunkelheit das Ausgehen zu untersagen. Alle Maßregeln konnten nichts nützen, wenn die Soldatenkohorte sich abends auf dem Markt sammelte, aus voller Kehle das: ›Ich bin ein Preuße‹ schrie und dazu die Säbel am Pflaster schliff. – –
Der Sommer war zu Ende gegangen, der Spätherbst machte seine Rechte geltend. Im Hofgarten lagen die falben Blätter fußhoch, die Tage wurden kurz, die Reifnächte lang. Es wurde über allgemeine Arbeitslosigkeit geklagt; Bettler durchzogen die Stadt und forderten so ungestüm, daß Frauen und Kinder, waren sie allein, ängstlich die Thüren verschlossen. Im Hofgarten war’s nicht geheuer, selbst die verliebtesten Paare getrauten sich nicht mehr in seine Einsamkeit.
Der Magistrat hatte, um Bedürftigen Arbeit zu verschaffen, rheinabwärts an der Goltzheimer Insel Ausbesserungen vornehmen, auch den großen Teich im Hofgarten und die Kanäle ausmutten lassen, aber der erste frühe Frost setzte diesen Arbeiten ein Ende. So zogen ein paar hundert entlassene Arbeiter mit einer roten Fahne vor’s Rathaus: »Brot! Brot! Geld! Geld!« Und die herbeieilende Polizei wurde mit Steinwürfen empfangen: »Buh, macht euch ab, no Huus, buh!«
Es gab blutige Köpfe, die Brotlosen kannten keine Scheu, zumal alles Volk ihre Partei nahm; die hartbedrängte Polizei mußte retirieren.
Von jetzt ab machte sich der ›Volksklub‹ breit, ungeniert beraumte er Versammlung über Versammlung an; am helllichten Mittag setzten sich Arbeiterzüge in Bewegung und zogen unter dem Schwenken roter Fahnen, unter dem Singen demokratischer Lieder auf die Nachbardörfer. Der ›Barrikadenverein‹ feierte den inzwischen freigesprochenen Dichter Freiligrath mit schallendem Jubel und Illumination.
Das Schwarz-rot-gold war verdrängt – alles rot, rot, rot. Rot flammte die winterliche Sonne über’m Rhein, rot stieg sie auf im Osten, rot sank sie im Abend – blutig-rot. Und ein schneidend scharfer Wind fauchte durch die Straßen und fegte auf, was nicht ganz niet- und nagelfest war.
Die Düsseldorfer fingen an stolz zu werden auf ihren thatkräftigen Mut. Der Nationalversammlung zu Berlin, die trotz verschiedentlicher Auflösung sich immer wieder sammelte und Steuerverweigerung votierte, ließ man eine beistimmende Adresse zugehen. Steuerverweigerung, ja, das war das richtige! Riesenversammlungen fanden statt; mit unverhohlener Geringschätzung sah Düsseldorf auf seine Nachbarin Köln, die langjährige Nebenbuhlerin. Ei, hatten sich die Kölner mit ihrem Revolutiönchen blamiert! Die ganzen Rheinlande, nein, die ganze Welt lachte die ja aus! Unendliche Karikaturen auf die ›Preußenfresser in Köln‹ wurden in Düsseldorf gezeichnet.
Aber es kam ein Tag, an dem die beiden Nebenbuhlerinnen die Köpfe zusammensteckten und einig waren in Schreck und Empörung: Robert Blum zu Wien erschossen! Die Stadt Köln erinnerte sich plötzlich ihres ›Köllsche Jong‹, und die Nachbarin Düsseldorf fühlte sich mit in die Seele getroffen. Ein rheinischer Landsmann ruchlos ermordet!
Von Hand zu Hand wanderte das Zeitungsblatt mit Blums letzten Worten:
›Ich sterbe für die Freiheit, möge das Vaterland meiner eingedenk sein.‹
Heiße Thränen flossen, als der Abschiedsbrief an seine Gattin bekannt gemacht wurde:
›Mein teures, gutes, liebes Weib, leb wohl!‹
Tausend Fäuste ballten sich im Grimm.
Eine Riesenparade der ganzen Bürgerwehrlegion fand statt, vom Balkon des Rathauses herab sprach der Chef begeisterte und begeisternde Worte. Mit erhobenem Schwurfinger und mit Waffengeklirr gelobte man heilig:
›Gut und Blut für die Freiheit!‹
Wie ein Fieber ergriff es die Bürgerschaft. ›Genug des Druckes! Weg mit den Steuern!‹ gellte es in Fanfaren durch die Stadt.
Scheelen Auges sah man Scharen eingezogener Rekruten in die Kaserne marschieren – noch mehr unnütze Brotfresser! Es verbesserte die Gereiztheit nicht, daß die neuen Soldaten großspurig lärmten und sangen.
Das wurde eine wilde Nacht. Katzenmusiken wurden gebracht, höhnende Ständchen vor den Fenstern verhaßter Persönlichkeiten, Scheiben eingeworfen, Hausthüren besudelt, greuliche Schreie ausgestoßen, Schüsse abgegeben, Polizisten geprügelt.
Am Morgen des 22. November erklärte der Divisionskommandeur den Belagerungszustand.
Lange hatte Feldwebel Rinke sich nicht so gefreut, als da die Infanterie ausrückte, die öffentlichen Plätze zu besetzen. Artillerie bepflanzte den Hofgarten mit Piketts und Geschützen, Kavallerie schwenkte auf den Straßen hin und her und spornte die Pferde in die aufkreischende Menge.
Das Herz wurde Rinke ordentlich leicht, als er den Leutnant von Clermont einer Rotte Ruhe gebieten sah, die durch ungebürliches Betragen die Verlesung der ›Proklamation über eingetretenen Belagerungszustand‹ störte. Wie dem jungen Offizier die Augen blitzten! Den Degen hatte er blank gezogen, der Zorn grub eine Falte in seine weiße Stirn. Ha, wenn so einer Preußen schützte, dann konnte das nicht verloren gehen! –
Seit Josefine fort und in Sicherheit war, fühlte sich Rinke mehr denn je zum Sohn seines alten Hauptmanns hingezogen. Ihn deuchte, sie waren die beiden einzigen in der Kaserne, die die Schmach der Zeit so ganz empfanden; wenn die andern auch schimpften – grob am runden Stammtisch, formvoller im Offizierskasino – wurmte die’s denn so tief innen?! Ach, nur ihnen beiden zehrte es am Mark! Der Feldwebel fand die Sehnsucht seines Lebens wieder in dem jungen Offizier.
Auch Viktor von Clermont sehnte sich nach Bethätigung. Er meldete sich freiwillig zur öfteren Anführung der Patrouillen, die Tag und Nacht die Stadt durchstreiften. Seine Jugend entbehrte jetzt gern des Schlafs. Es machte ihm einen Hauptspaß, mit seinen scharfbewaffneten Leuten nächtlicherweile durch die dunklen Straßen zu tappen und nach Verbotenem zu spüren. War’s denn erlaubt, nach zehn Uhr noch das Wirtshaus offen zu halten?! Die Thür war zwar verschlossen, aber daß innen noch Gäste saßen, merkte man an dem Lichtschein, der durch die Spalten der Läden fiel, und an dem dumpfen Stimmengemurmel, das zu erlauschen war.
Hei, dann mit dem Gewehrkolben gegen die Thür gerannt und gegen die Läden gedonnert, daß sie sich aus den Angeln lösten! Eine grimme Lust überkam den Leutnant beim aufstöbern der Rebellen; konnte er es seinen Soldaten verdenken, die jetzt für so viele erlittene Verhöhnung Revanche nahmen?! Mancher Bürger, der bei der herrschenden Unsicherheit nur wagte über die Straße zu gehen mit einer Pistole in der Brusttasche, wurde aufgegriffen und, trotz Ausweis und Beglaubigung, auf die Wache verschleppt; mochte er die Nacht auf der Pritsche sitzen!
Die Bürgerwehr wurde aufgelöst.
In eiserner Strenge neigte sich das Jahr 1848 seinem Ende. Selbst der alte St. Nikola-Markt, der Naschmarkt für die Kinder, war verboten; nur vor dem Polizeigebäude durften ein paar Lebkuchenbuden stehen.
Aber Düsseldorf revoltierte nicht mehr. Es war ruhig geworden.
*
Feldwebel Rinke war wenigstens befriedigt, wenn er seiner Tochter gedachte. Er hatte letzthin von ihr einen Neujahrswunsch bekommen und die erfreuliche Nachricht, daß sie ein gutes Weihnachtsfest verlebt. Auch Conradi hatte geschrieben; ob der sehr vergnügt war, konnte man freilich nicht wissen, er ließ sich nie so recht aus, aber fast in jeder Zeile kam ›meine Frau‹ vor.
›Meine Frau hat mir drei bunte Taschentücher gesäumt. Meine Frau hat mir zu Christabend ein Hemd selbst genäht. Meine Frau hat mir einen Korb Äpfel geschenkt von dem jungen Baum in unserm Gärtchen, sie hat sie sich heimlich am Mund abgespart. Meine Frau hat auch Blatz gebacken.‹
Rinke stieß einen erleichterten Seufzer aus – ja, die waren glücklich! Aber daß sie einmal über Sonntag kommen wollten, sich den Eltern in ihrem Glück zu präsentieren, davon schrieben sie noch immer nichts. Na, man durfte nicht egoistisch sein, die waren sich eben vor der Hand noch genug!
Frau Trina konnte freilich ihre Neugier kaum bezähmen. »Wenn’t mer nit eso ekelig wär’, mit der Eisenbahn zu fahren, dann thät ich als janz jern emal hinreisen,« sagte sie zu ihrem Mann. »Et Fina kann am End’ jetzt nit jut kommen, denn« – sie zwinkerte ihm zu.
Er verstand sie nicht. »Wieso denn?« fragte er.
»No, Rinke!« Jetzt stieß sie ihn ordentlich vorwurfsvoll an. »Haste dann alles verjessen? Wie war et dann bei uns? Keine zwei Monat waren mir verheirat’!«
»So, so,« sagte er, und es flog wie eine Ahnung seltener Freude über sein Gesicht. »Meinste wirklich?«
»Mer denkt doch,« sagte sie. Er nickte dazu: ja, das hatte er immer gedacht, die Josefine würde Preußen wackere Soldaten schenken! Tüchtiges Mädel!
Seine eignen beiden Jüngsten sollten nun auch bald zum Militär, waren ja derbe, rotbackige Bengels. Er hatte schon eine Eingabe gemacht für ihre Aufnahme zum 1. April in die Militärerziehungsanstalt zu Annaburg.
»So weit weg,« klagte die Mutter, »och Jott, och Jott, die armen Jüngeskes!« Aber sie sah es doch ein, die Jungens waren zu wild zu Haus, tanzten ihr, war der Vater nicht in Sicht, auf der Nase herum, und sie hatte eigentlich, seit Josefine fort war, keine ruhige Stunde mehr. Nun würde das besser werden. Der Friedrich, der krumme Beine hatte und somit nicht zum Militär taugte, war seit Michaeli bei einem Schlosser in der Lehre, das dauerte noch lange, bis der auf die Wanderschaft ging; und dann blieb ihr ja doch immer der Wilhelm!
Der Mutter Gesicht verklärte sich, wenn sie an den dachte.
Wie flott war er geworden! Rotseidene Tuchzipfel ließ er unter’m umgeschlagenen Hemdkragen flattern, sobald er sich staats machte. Und schlau war er! Frau Trina lachte von Herzen darüber, wie er dem Verbot ein Schnippchen zu schlagen wußte: bis weit über die Polizeistunde hinaus saßen die Gäste im ›Bunten Vogel‹ zusammen. Hinter die geschlossenen Läden hatte der Pfiffikus dicke Matten gestopft, kein Lichtstrahl kam so durch, kein Stimmenlaut drang so hinaus auf die Gasse; dunkel und still lag der ›Bunte Vogel‹, wie in harmlos ruhigem Schlaf.
Ende Januar war zwar der Belagerungszustand der Stadt aufgehoben worden, gewisse Beschränkungen existierten aber immer noch, und die würden auch nicht aufhören, solange der Polizei-Inspektor von Faldern seine Spürnase überall hinstecken durfte. Der war tüchtig verhaßt; nicht allein, daß er Verhaftungen vornehmen ließ und die Ausweisung von mancherlei Personen veranlaßte, er hielt es auch für nötig, alle paar Tage Militär zu requirieren. Jeder Bürger war empört darüber.
Kein Wunder, daß so, als der von Freund und Feind geachtete General von Drygalski – ›Bürger‹ von Drygalski, wie er sich selbst genannt – abberufen wurde und schon wieder ein neuer Divisionär aufzog, auch wieder neue Unruhen anhuben. –
Der Frühling kam, es dehnte sich, was im Winterschlaf gelegen; es reckte sich und streckte sich, und wo es an hemmende Schranken stieß, klopfte es an mit Macht. Erste Knospen sprengten ihre Hüllen über nacht.
Regenschauer des April wechselten mit warmem Sonnenschein, auf und nieder auch schwankten Gerüchte.
Im Bergischen Land stöberte der Frühlingswind ganz besonders stark. Fabrikschornsteine hörten auf zu rauchen, Arbeiter revoltierten und drohten die neuen Maschinen zu zerstören, die ihnen, ihrer Meinung nach, das Brot verkürzten. Die Fabrikanten brachten ihre Familien in Sicherheit in die großen Städte.
Die erste Nachtigall schluchzte im feuchtwarmen Hofgarten, als auch Conradi seine junge Frau nach der Stadt schickte; in der Kaserne, bei den Eltern, war sie sicher. Seine Pflichten als Gendarm hielten ihn jetzt oft Tage und Nächte von Hause fern. Sein Häuschen lag außerhalb des Ortes an der freien Landstraße; mehr als einmal schon hatten Strolche der einsamen Frau einen Schreck eingejagt; und das mußte jetzt vermieden werden.
Josefine hatte anfangs nichts von der Reise wissen wollen, mit angstvoller Heftigkeit sich dagegen gesträubt – nein, nein, sie konnte jetzt nicht fort, jetzt, wo die Hühner so brav Eier legten, wer sollte die denn füttern? Wer sollte das schöne Ferkel versorgen, das er ihr Weihnachten zum fettmachen geschenkt? Und wer sollte denn für ihn selber kochen?!
Aber dann ergriff sie doch plötzlich eine Sehnsucht. Wenn sie die Augen schloß, hörte sie die Ahornbäume rauschen, sah die Sonne rotgolden auf den blinkenden Scheiben im Hof verglühen. Heim, heim!
Sie reiste. Sie konnte nicht still sitzen während der Stunde der Eisenbahnfahrt; immer stand sie am Fenster. Ihr Herz klopfte erwartungsvoll. Und wild schlug es, in einer unbezwinglichen Erregung, als sie das schwere Kasernenthor öffnete, das sich ihr förmlich entgegenstemmte. Sollte sie denn nicht hinein?! Sie stieß mit dem Fuß gegen und half so der bebenden Hand.
Nun trat sie das spitze Pflaster des Steiges. Ah, hinter den kleinen Fenstern der Blocks neugierige Gesichter! Sie kannte noch viele von ihnen. Und Kartoffelsuppe mit Zwiebel hatte es heute mittag gegeben! Sie atmete tief und zog den wohlbekannten Geruch ein. Ach, und das war der Kasernenduft, der eigentümliche Duft nach Schimmel und Knaster, der diesen Wänden so untilgbar anhaftete und den sie so lange, so ewig lange entbehrt!
Die Spatzen schirpten, die Ahornbäume zeigten zarte Blätter, das Küchenfenster der elterlichen Wohnung stand offen, wie eine Melodie schwebte es von dort herunter zu ihr: ›Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, daß ich so traurig bin‹ – sie war wie berauscht vor Glück. Nein, nicht Monate waren vergangen, nicht einmal Tage, sie war da, sie war nie fortgewesen! Josefine – horch, rief da nicht jemand?! Mit einem Zittern scheuer Wonne stürmte sie die Stiege hinan.
Sie hatte sich bei den Ihren nicht angemeldet; nun trat sie ein. Die Eltern saßen beim Essen, ganz allein. Mit einem: »Nanu?« sprang der Vater auf und schloß sie in die Arme.
Aber er freute sich doch nicht so, wie sie wohl erwartet hatte, er schien sich gar nicht mehr so recht freuen zu können. Als sie sagte, daß ihr Mann, für ihre Sicherheit besorgt, sie hierher geschickt, preßte er ihr die Hand mit einem seltsam krampfhaften Druck. »Recht, daß er dich geschickt hat. Nu kann’s losgehen!«
Frau Trina lachte: »Natürlich, der Rinke red’t von nix, als von losjehen!« Aber dann seufzte sie: »Och Jott, och Jott, dat is als janz schreckelich!«
Sie umhalste die Tochter mit großer Freude, es war ihr doch ein wenig bang gewesen so allein; die beiden Jüngsten waren vor vier Wochen nach Annaburg abgedampft. »Nu hab’ ich Ruh’,« klagte sie, »aber et is mich doch eso unjewohnt, et is mich als janz einsam! Un der Rinke is immer so verdrießlich!«
Josefine blickte den Vater an – ja, der sah grimmig aus, so recht in sich verbissen. Mager war er geworden, hager sprang die Nase vor zwischen den unruhig spähenden Augen.
»Jeht et dir nit jut, Vater?« fragte sie und legte die Hand auf seinen Ärmel.
Er schüttelte sie unwirsch ab. »Dumme Fragerei! Wie soll’s einem gut gehen, wenn die Kanaille frecher wird mit jedem Tag und man ihr keinen Tritt geben darf! – Siehst auch nicht zum besten aus,« setzte er nach einem prüfenden Blick hinzu.
»Mir jeht et sehr jut,« sagte die junge Frau leise und wurde brennend rot dabei.
Die Mutter deutete sich das Erröten auf ihre Weise – no, die Tochter würde sich ihr ja schon anvertrauen!– –
Wieder lag Josefine in ihrer Kammer, in ihrem schmalen Mädchenbett. Fast zärtlich glätteten ihre Hände das Kissen – ach, das war heut so verwühlt, sie konnte gar nicht schlafen.
Der Mond schien silberhell. Das Thürchen nach der Küche hatte sie aufgelassen, der ganze Boden drinnen war wie beschüttet mit Glanz. Sie konnte nicht widerstehen; rasch einen Rock überwerfend, schlüpfte sie aus der dumpfen Kammer an’s offene Küchenfenster. Wie still lag der Hof! Die Ahornbäume rührten sich nicht, jedes Ästchen stand silberumwebt. In den Blocks waren alle Lämpchen erloschen, nur drüben in der Offiziersstube brannte noch Licht.
Ob er noch da wohnte?!
Sie spähte lange hinüber – da – endlich – jetzt bewegte sich ein Schatten hinter’m Fenster! Sie glaubte seine schlanke Gestalt zu erkennen, und ein Schreck durchfuhr sie und zugleich eine Sehnsucht. Er wohnte noch da! Ach, wenn sie ihn nur einmal noch sehen könnte! Ihre Hände krampften sich ineinander – bloß einmal sehen!
Drüben erlosch das Licht.
Ihr wurde so heiß, so heiß, die schweren Zöpfe brannten sie im Nacken, sie schüttelte sie lang herunter; weit beugte sie sich zum Fenster heraus – ach, nur einmal sehen! Erinnerungen stürzten über sie her in der schmeichelnden Frühlingsluft, Träume –
Es tappte unten; eine Patrouille schritt über den Hof, hinterher ein schlanker Offizier. Das war er!
Zurückfahrend stieß sie an den Fensterriegel, daß es laut klirrte. Nun hatte er sie doch gesehen!
Sie konnte sich nicht rühren, starr stand sie mit weitgeöffneten Augen. Taghell war die Mondnacht.
Hatte er sie erkannt –?! Ja, ja!
Verstohlen sah er einmal zu ihr hinauf – und nun noch einmal! Und eh’ er das schwere Thor schloß, wandte er nicht noch einmal den Kopf?!
Viktor! Sie hatte es nicht gerufen, aber verlangend, bittend, beschwörend streckte sie die Hände aus. Den da hatte sie ja so lieb gehabt, den da liebte sie noch – jetzt wußte sie’s.
In leidenschaftlicher Wallung stürzten ihr Tränen aus den Augen.
Um ihr glühendes Gesicht strich der Nachtwind wie mit abkühlender Mahnung; er raunte etwas, sie verstand es nicht. Sie wollte es nicht verstehen.
Treue, Tapferkeit, Gehorsam, Pflichtgefühl und Ehre – nein, an gar nichts mehr denken!
In einer heißen Freude glühte sie und schauerte doch – sie würde ihn wiedersehen!
Und dann –?!
Mit einem Seufzer warf sie den Kopf in den Nacken und schloß schwindelnd die Augen.
XVIII
Sie hatten sich bis jetzt nur flüchtig gesehen; sie waren sich begegnet im Hof, vor der Thür, auf der Straße, so oft, wie früher nie. Josefine war diesen Begegnungen nicht ausgewichen, nein, sie suchte sie sogar.
Wie war er schön, wie war er ritterlich! Er verblendete sie ganz. O Gott, ihn nur einmal noch sprechen, seine Stimme hören, diese Stimme, die so lustig necken konnte: ›Fina, blonde Fina, meine Fina!‹
Kein Gedanke ging zu ihrem Mann. Ihr war zu Mut, als wäre sie wieder die Josefine von einst – nein, doch nicht ganz dieselbe! Früher war sie schon beglückt gewesen, wenn sie Viktor nur von weitem gesehen – ein verstohlenes Grüßen von Fenster zu Fenster, ein flüchtiges Wort, ein heimlicher Händedruck – das war schön, das war schön gewesen, doch jetzt –?!
Ihre Augen begegneten den seinen mit stumm leidenschaftlicher Frage. In einer gesteigerten, rauschähnlichen, erwartungsvollen Spannung verbrachte sie friedlose Tage und schlaflose Nächte. –
Leutnant von Clermont hatte auch schon seit Nächten nicht viel geschlafen, eigentlich gar nicht, sein Blut war erregt. Wochen hatte er verbracht in stumpfem Groll – alle Tage Drill, für was denn? Immer von der Ehre, von der Offiziersehre hören und sich doch auf der Nase tanzen lassen müssen – äh was, Ehre, pfeif’ auf den ganzen Rummel! Er war wütend. Ein paarmal hatte er sich schon betrunken. Das war ihm sonst nie passiert; aber jetzt konnte er eben gar nichts vertragen, ein paar Gläser schon stießen ihn um. Gleich prickelndem Champagner stieg ihm der Säuerling, den sie im Kasino verzapften, zu Kopf.
Seine Nerven waren angespannt, all seine Sinne erregt. O, dieses müßige Warten, dieses ungeduldige Lauern in der muffigen Kaserne! Zum umkommen! Nur nach etwas greifen, sich zu zerstreuen, zu vergessen, den Lauf der Tage zu beschleunigen – ha, und nun kam diese blonde Frau! Er erwiderte ihre großen, stummen und doch so beredten Blicke.
Heut abend sprachen sie sich zum ersten Mal. Auf dem dunklen Gang trafen sie einander wie einst. Warum sollten sie sich länger meiden?! Auf halbem Weg waren sie sich entgegengekommen. Er unter dem Vorwand, den Feldwebel sprechen zu müssen; sie ganz ohne Vorwand, einfach gezwungen, schier ohne eigenes Wollen, wie eine Traumwandelnde, Schritt für Schritt gelassen auf den schwindelndsten Pfad setzend.
Sie hatten nicht Zeit zu vielem Reden. Jeden Augenblick konnte sie jemand überraschen, rumorte es doch heute überall in der Kaserne. Der dunkelste Gang war nicht sicher. Gerüchte gingen um, unheimlich schwirrend wie Fledermäuse in nächtlichem Dunkel; man hört nicht ihren lautlosen Flatterflug und spürt ihn doch am kalten, unheimlichen Wehen.
»Josefine,« flüsterte Viktor und faßte sie an beiden Händen, »Fina!«
Sie sagte kein Wort, aber sie neigte sich gegen ihn.
Ehe sie bedachten, was sie thaten, küßten sie sich heiß.
»St – still, kommt da jemand?« Er raunte es, erschrocken und unwillig zugleich.
»Nein – ja, ja!« Und doch huschte sie nicht fort.
Sie umschlangen sich; hastig küßten sie sich wieder, heiß und heißer.
Fatal, wieder Tritte!
»Komm zu mir,« flüsterte er im Kuß.
»Ja, ja, ich ko–«
Sie sprach das Wort nicht aus. Ein schriller Mißton gellte durch die Kaserne.
Horch, ein Trompetenstoß!
Und nun Trommelwirbel vom Platz, Trommelwirbel vom Hof herauf.
»He–rrraus!« Ein einziger, langgezogener Ruf in der Mainacht.
»Donnerwetter, Alarm!« Viktor riß sich los, fort stürzte er; Josefine stand wie betäubt.
Alarm, Alarm! Alle Mann heraus!
Und nun fingen die Glocken der Stadt an zu rufen, von allen Türmen bimmelte es. Ängstlich hilfesuchend wimmerte es: ›Feuer!‹ Mächtig dröhnte es: ›Sturm!‹ Und jetzt – huh – mit beiden Händen fuhr Josefine an die Ohren: das Lärmhorn der Bürger! Schrecklich tutete es; dazwischen das Blasen der Trompete, das Wirbeln der Trommel.
Generalmarsch wird geschlagen – die Infanterie rückt aus.
Feuer, Sturm, Aufstand, offene Rebellion! Grollend dröhnt ein Kanonenschuß. –
Es war wenig Militär in der Stadt, gestern erst eine große Zahl Truppen nach Elberfeld abgegangen, wo die Landwehrmänner sich ihrer Einberufung widersetzten; und heute in der Frühe war ein Nachschub gefolgt. Das ganze Bergische Land schien in Aufruhr.
Die Nacht war lebendig geworden. In den Lüften schien es zu klagen. Über den Exerzierplatz weg fuhr ein Geschrei – dann wurde alles still.
Oben in der Feldwebelwohnung hielt Frau Trina jammernd die Tochter umklammert: »Och Jott, och Jott, de Willem! So mitten in der Stadt, allein mit der alten Frau! Wenn de nur kein Dummheiten macht! Och Jott, och Jott, de Willem!«
»Ich will hinjehn,« sagte Josefine rasch. »Ich hol’ se her! Laß mich doch! Da is ja nix bei, ich hab’ kein Angst. Laß mich,« wehrte sie die Mutter ungeduldig von sich, die sie zurückhalten wollte.
Nach kurzem Kampf ließ Frau Trina ab. Am Ende war es ihr doch eine Beruhigung, wenn die Josefine nach dem Wilhelm sah. Das Gesicht verhüllend, sank sie auf den Stuhl im Winkel.
Ohne Besinnen lief Josefine die Stiege hinunter. Noch konnte sie zum Thor hinaus, es stand offen, ab und zu eilten Soldaten; in der Ferne verklang der Trommelwirbel einer ausrückenden Kompagnie.
Da zog er hin! Mit raschem Schritt lief sie hinterdrein.
Flüchtig berührte ihr Fuß kaum das Pflaster, eine Todesangst riß sie fort – wenn ihm ein Leid geschah! Wenn sie ihn in die Kaserne zurückbrachten, das Haupt vom Beilhieb zerschlagen, aus Stichen blutend, die ihm ein Strolch versetzt!
Eine heftige Wut ergriff Josefine gegen das Volk, das sich so vergaß. Sie ballte die Fäuste in ohnmächtigem Zorn: Drauf, wackere Soldaten, drauf!
Mehrere Bürger stürzten an ihr vorüber, die zu flüchten schienen. Aha, jetzt rannte schon das feige Gesindel!
Einer schrie: »Barrikaden, se bauen Barrikaden, se reißen dat Pflaster auf!«
»Wo, wo?«
»Da – da!« Er hob den Arm und zeigte im laufen zurück, von wo er gekommen. »Am Stadtbrückchen – an der Allee – ich weiß nit – da – da! Jesus Maria, se schießen, se schießen!«
Grell pfeift ein Signal – eine Gewehrsalve knattert – wo schießt es, wer schießt?!
Hurra, die Soldaten! Josefine glühte, ihre Blicke flammten begeistert auf. Die Soldatentochter war jäh in ihr erwacht.
Horch, Pelotonfeuer! Von weitem antwortet Kanonendonner. Und jetzt Pferdegetrappel – hei, die Ulanen rücken auch schon zur Stelle! Hurra, die Soldaten, die tapferen Soldaten, die schaffen Ruh’!
Links ab schwenkte Josefine; über die Allee, beim Stadtbrückchen konnte sie nicht durch, das sah sie wohl ein. Rasch hier hinein! Durch die kleinen, engen Gäßchen der Altestadt kam man noch leicht zur Ratingerstraße. Immer rascher lief sie.
Nun war sie am Hunsrück. Ach, wo mochte Viktor jetzt sein?! Viktor, Viktor –?! Verwirrt glitt ihr Blick umher – hier war es ja so dunkel, die Laternen sämtlich erloschen, die Häuser schwarz! Sie tappte, sie stolperte, unwillkürlich stieß sie einen leisen Schrei aus.
»Zurück!« Es klirrte im Dunkeln. Und nun noch einmal der Ruf: »Zurück!« Und jetzt ein laut hallendes Kommando: »Lichter heraus!«
Rechts, links, wie mit Zauberschlag erhellen sich die Fenster, sie sieht entsetzte, neugierige Gesichter hinter den Scheiben auftauchen, nur für einen Moment, dann ducken sie unter, denn: »Zurück!« brüllt es wieder. Blinkende Uniformen, drohende Flintenläufe. Sie will rufen, aber schon geht voreilig ein Schuß los. Dicht pfeift ihr die Kugel über den Kopf.
Taumelnd fällt sie gegen eine Hausthür; diese giebt nach, ein Arm streckt sich heraus und zieht die Wankende herein.
»Jesus Maria, is Euch wat passiert?!« Weinend leuchtete ihr eine Bürgerfrau in’s Gesicht. »Ne, Jott sei Dank, et hat noch jut jejangen! Och, meine Mann, meine Mann, wo is de?! Se werden ein wat duhn, se werden em dotschießen! Se hören ja jar nit, wat mer ihnen sagt. Vorhin jing einen hie langs, ich kenn’ em jut, auch so ene ruhije Börjer, wollt no Huus jonn – knall, schießen se ein kapores. O Maria, Materdeies, wat is dat for en Nacht!«
Josefine zitterte vor Aufregung. »Machen Sie die Thür auf, ich muß wieder eraus!«
»Ne, ne, Ihr könnt jetzt nit eraus – seid Ihr jeck? Se schießen Euch dot!« Die Frau umklammerte sie mit beiden Armen.
»Ich muß!« Josefine riß sich los. Das Weib war wohl toll vor Angst, Soldaten sollten auf ruhige Bürger schießen?! Unsinn! Schon hatte sie die Hausthür aufgezerrt, schon stand sie wieder draußen auf der Gasse.
Jetzt war alles still. Unsicher huschenden Schein warfen die Lichter aus den Fenstern, von den Soldaten war nichts mehr zu sehen. Doch dort – dort in jener Thürnische kauert einer, das Gewehr im Anschlag, und da, hinter den Fässern, die mitten auf’s Pflaster gekollert sind, reckt eben einer spähend den Kopf empor. Ein Flintenlauf hebt sich vorsichtig.
Josefines Augen werden schreckhaft starr – hat die Frau recht: wie ein Wild, wie ein Tier dem Jäger vor’m Schuß?! Sie macht einen Satz gleich dem scheuenden Reh; sich wendend, stürzt sie blindlings zurück.
Herr im Himmel, auch kein Zurück mehr! Lautes Gebrüll schlägt ihr entgegen.
»Zaruck-Buh! Zaruck-Buh!« Das ist der Hohnruf der Aufrührer!
An der nächsten Ecke hat sich ein Haufe postiert. Umgestürzte Karren, Bretter, Säcke, Stühle, Tische, alles was man in der Eile ergriffen, ist aufgestapelt.
»Zaruck-Buh! Preußen! Schweinhunde! Menschenschinder! Zaruck-Buh!« Steine fliegen, Ziegelsteine, Pflastersteine, Sand, Kot, Pferdemist.
Aber jetzt Trommelschlag und jetzt ein Kommando:
»Zur Attacke! Das Gewehr – rechts! Fällt das Gewehr! – Marsch, Marsch!«
»Hurra!« Mit vorgehaltenem Bajonett stürmt das Militär. Eine Bresche entsteht, ein höllisches Geheul, eine wilde Flucht.
»Feuer!«
»De Preußen, de Preußen, se schießen auf uns!«
Auf der rasch genommenen Barrikade stehen die Soldaten und feuern in die enge Gasse.
»Hochhalten!« tönt ein vereinzeltes Kommando, aber niemand hört es. Die Kugeln pfeffern in den Hunsrück – klatsch, in’s Pflaster – klatsch, gegen Thüren und Läden – zeigt jemand sich am Fenster, wird auch dahin geschossen.
Rette sich, wer kann! Josefine wird mit fortgerissen; in die Bolkerstraße hinein geht die Flucht, rechts und links durch eins der Seitengäßchen kann man vielleicht entschlüpfen. Aber dort aus der Kapuzinergasse tönt es: »Zurück!«
Huh, die ›Zaruck-Buh!‹ Die Mündung der Kapuzinergasse ist verstopft von Uniformen, das Eckhaus zur Bolkerstraße von Soldaten besetzt. Auch da kein Ausweg!
Auch da, gegenüber aus der Mertensgasse, gellt ein Hilferuf – das ist ein Verwundeter! Wie ein Tier kriecht er auf allen Vieren die Häuser entlang.
»Hilf’, Maria Josef, zu Hilf’!« Schwach wimmert der Unglückliche nur noch. Eine Thür öffnet sich, ein Mann stürzt heraus, schon hat er den Verwundeten unter die Schultern gefaßt, um ihn in’s Haus zu ziehn – ächzend drückt der die Hand auf die Leibseite – da, wieder der Ruf: »Zurück!«
»Gut Freund!«
Was nutzt’s? »Zurück!« Hähne knacken. Erschrocken läßt der Mann den Verwundeten fallen und springt, sich rettend, in’s Haus zurück; knatternd fährt der Schuß über die Stelle, wo er noch eben gestanden.
Weiter, weiter! Die Bolkerstraße weiter hinunter! Das Kleid ist Josefine abgetreten, zerfetzt hängt es ihr von den Hüften; die Haare, gelöst vom rasenden Lauf, züngeln ihr gleich Schlangen um den Kopf.
Weiter, immer weiter!
Hier unten, dem Markt zu, ist die Straße still, die Fenster sind nicht erleuchtet. Man tappt im Dunkeln, man gleitet, man strauchelt. Nun kommt aufgerissenes Pflaster, Josefine fällt.
Wie lange sie gelegen, weiß sie nicht; endlich rafft sie sich auf mit zerschundenen Händen, mit betäubtem Kopf. Nun ist sie ganz allein. Die Flüchtigen sind sämtlich verschwunden, wohin –?! Sie weiß es nicht. Sie sucht die nächste Thür, sie pocht, pocht wieder, niemand giebt Antwort, niemand öffnet; laut um Einlaß zu rufen, traut sie sich nicht.
Zitternd kauert sie sich auf eine Treppenstufe. Kein Kampf tobt mehr hier, kein Mensch geht, und doch dröhnt es ihr in den Ohren: die Glocken schlagen ununterbrochen an. Dumpfes Hallen von der Rathausuhr; mechanisch zählt sie – Gott im Himmel, schon elf!
Über die Dächer kommt’s wie ein Geheul. Aus der Richtung der Allee Kartätschenfeuer – nein, nicht allein daher, von allen Seiten Geknatter.
Es ist nicht mehr zu ertragen, sie kann es nicht mehr anhören, schaudernd hält sie sich die Ohren zu. Aber sie hört doch den Trommelschlag – ›Fällt das Gewehr!‹ – Die Bajonette blitzen, hinein geht’s in die flüchtende Menge – ›Feuer!‹ – Ein Verwundeter kriecht am Boden, niemand hilft ihm, verschmachten muß er, zertreten wird er – horch, das Pferdegetrappel! Entsetzt fährt Josefine auf.
Täuschung! Nur der Tritt einer nägelbeschlagenen Sohle klappt auf dem Pflaster. Vom Markt her nähert sich ein einzelner Mann. Er kommt auf sie zu, an dem großen Bollerwagen vorbei, der, umgestürzt, die Straßenmündung nach dem Markt sperrt.
Gott sei Dank, da ist jemand! Der wird ihr sagen, wo sie gehen soll. Er scheint sich nicht zu fürchten. So ruhig kommt er daher.
Sie springt auf ihn zu. Nun sieht sie’s im matten Sternenlicht, er ist schon alt, hat weiße Haare, trägt eine Kriegsdenkmünze auf der Brust und unter jedem Arm ein großes Brot.
»Is et sicher langs dem Markt? Kann mer da jehn?!«
»Ja, eja, jeht nur als janz ruhig da langs!« Und als er ihr angstvolles Gesicht sieht, schüttelt er, beruhigend lächelnd den Kopf: »Och ene, so leicht lasse mir uns nit bang mache! Ich komm’ von der Rhing, von mingem Kahn, ich muß noch nach der Pfannschoppenstraß’, mein’ Frau und mein’ Enkel lauern als auf dat Brot. Ich han kein’ Angst. Ne, ene, wenn mer ihne nix duht, duhn ei’m de Preußen auch nix; ich bin ene alte Soldat, ich –«
Ein leichter Knall, ein leichter Pulvergeruch – kurz springt der alte Mann in die Höhe. Zu Boden stürzt er, mit dem Kopf zuvorderst. Er fällt auf’s Gesicht; links fliegt ein Brot, rechts eins.
Jesus Maria, sie schießen aus dem Rathaus! Da, über dem dunklen Markt, – da, – hinter den dunklen Fenstern, da sind sie drin! Josefines Blut erstarrt: Die Preußen, die Preußen, die schießen auf wehrlose Bürger –?! Pfui!
Wie in’s Herz getroffen, sinkt sie bei dem alten Mann nieder. Ihre Hände tasten über sein weißes Haar, über seinen altersgekrümmten Rücken. Klebrig rinnt es ihr da über die Finger – Blut! Er ist tot!
Der Atem stockt ihr, sie will schreien und kann nicht; mit beiden Händen nach dem sich krampfenden Herzen fahrend, stürzt sie auf und fort.
Die Glocken wimmern und wimmern. Aus den Rathausfenstern fallen noch mehr Schüsse. Mit wehenden Haaren und flatternden Fetzen, wie ein Schatten, fliegt sie dort vorbei. –
*
Die Glocken hatten zu läuten aufgehört beim grauen des kommenden Morgens. Das Pelotonfeuer war verstummt, die Barrikaden in der Kommunikation und Flingerstraße waren genommen, Kanonen aus der Allee angefahren, am Stadtbrückchen hielt ein Pikett Ulanen die Wacht; auch über den Friedrichsplatz schwenkten Berittene. Auf die Gartenmauer des Präsidialgebäudes waren Schützen postiert, Rathaus, Theater und manch andre Gebäude vom Militär besetzt. Und doch fielen noch Schüsse in der Altestadt.
Sie fielen vereinzelt; aber schauerlicher tönten sie, wie eine ganze wildknatternde Salve, Ohren und Herzen der Bürger mit Grausen füllend: das waren bedächtige, wohlgezielte Schüsse!
Die Ein- und Ausmündungen der Gäßchen waren besetzt; an den Ecken lauerten die Soldaten, hinter irgend einer Deckung auf den Knieen liegend, Gesicht und Hände von Pulver geschwärzt. Jetzt gab’s kein Pardon. Lange genug hatte man Beleidigungen einstecken müssen, doch waren sie unvergessen; lange genug hatte zurückgedrängter Groll geschwelt, wie eine glimmende Kohle unter der Asche – jetzt war sie aufgeloht, vom Sturmwind der Nacht entfacht. Jetzt gab’s kein Löschen mehr.
Flammendes Blut war den Soldaten zu Kopf gestiegen und hatte ihre Herzen kalt zurückgelassen, kalt wie Eis.
›Zurück – halt, wer da?!‹ Die Hand war rascher als die Antwort, los ging schon der Schuß.
Die Rheinnebel wälzten sich über die Ratingerstraße und brauten um die Barrikade, drauf hoch eine rote Fahne wehte; noch war die nicht gestürzt, noch flaggte sie im Frühwind.
Still war’s in der alten Straße; die ziegelgedeckten Giebelhäuser hielten ihre Läden geschlossen, nur hier und dort öffnete sich behutsam ein Ritzchen, kaum groß genug, um einen angstvollen Blick hinaus spähen zu lassen.
Langsam kam jetzt eine Patrouille vom Ratinger Thor her, die Straße herunter. Vorsichtig gingen die Soldaten; sie schlichen. Auf der benachbarten Ritterstraße hallten Schüsse, aus dem Mühlengäßchen gellte plötzlich ein Schrei. Die Soldaten packten ihre Gewehre fester, rechts, links flogen spähend die Augen des vordersten; Feldwebel Rinke war’s, er führte die Patrouille an.
Eben hatte er sich von Leutnant von Clermont getrennt, dem die Meldung geworden, daß, nachdem man kaum die Barrikade aus der Mühlenstraße zerstört, in der benachbarten Ratingerstraße mit Zauberschnelle eine neue entstanden sei. Dahin, dahin! Nicht umsonst hatten sie beide zur Zeit die Stadt abpatroulliert, sie kannten das Gewirr der Gassen und Gäßchen.
»Führen Sie Ihre Leute von oben heran, Feldwebel,« hatte hastig der Offizier geraunt, »ich packe die Bande vom Montierungsdepot her im Rücken! Keiner entwischt uns!«
Mit Augen, die fast aus den Höhlen dringen, späht der Feldwebel jetzt in die Dämmrung. Verdammt, daß man nicht besser sehen kann! Wo, wo stecken die Schufte?! Sein Herz schlägt hart; seine lange Gestalt duckend wie zum Sprung, tappt er voran.
Dunkel ragt etwas vor ihm auf, ist’s ein Bollwerk, eine Verschanzung?! Hei, der Feind dahinter! Ein gellendes Pfeifen empfängt die Soldaten.
Hurra, da ist die Festung! Auf zum Sturm! Ein lautes Kommando schreit er heraus und dann ein jauchzendes Hurra; mit gewaltigem Anlauf stürmt er.
Fässer sind aufgetürmt, Bierfässer, Weinfässer, Bretter darüber gelegt und umgestürzte Karren; Stroh, Sand, Steine zwischengestopft.
Keuchend schafft sich Rinke Bahn. Die Pistole hat er in den Gurt gesteckt, mit mächtigen Griffen reißt er das Bollwerk auseinander. Wie ein Wütender, achtlos des Hagels von Steinen und Glasscherben, der auf ihn nieder saust, tollkühn, dringt er vorwärts. Wie in der Schlacht, hei, wie in der Schlacht!
Hier ein Stoß, da ein Tritt – er strebt nach der Fahne, die frech dort oben flattert.
Schwarze Gestalten – es sind ihrer nicht viele – geben Fersengeld.
»Hurra!« Jetzt stehen schon einige Soldaten oben, sie feuern hinter den Fliehenden drein. Und »Hurra!« tönt es von hinten, vom Depot her. Gleich angstvollen Bestien rennen die Umstellten hin und her.
Mit einem wilden Lachen langt Rinke nach der Fahne – halt, wer duckt sich da?! Er schwingt sich vollends hinauf; einer will entwischen. »Steh! Halunke, steh!«
Pardon wird nicht gegeben. Mit eiserner Faust packt der Feldwebel zu. Blitzschnell entwindet sich ihm eine schlanke Gestalt, will fliehen, sieht keinen Ausweg, rafft einen Stein auf und setzt sich verzweifelt zur Wehr.
Ohne Besinnen reißt der Soldat die Pistole heraus und schlägt an – Mann gegen Mann – da zeigt ihm ein Feuerstrom, der vorüberfährt, ein pulvergeschwärztes, angstverzerrtes Jungengesicht – Wilhelm!
»Verfluchter Bengel!« knirscht er zwischen den Zähnen; er hat ihn gesehen, er hat ihn erkannt. Und der Sohn hebt mit beiden Händen, zum niederschmettern bereit, den Pflasterstein.
Knall, wieder ein Feuerstrom. Der Feldwebel zuckt zusammen – können die Kerls denn nicht das Kommando zum schießen abwarten?! Dicht nebenan stürzt ein Aufrührer, fällt hintenüber, reckt im jähen Tod die Fäuste empor. Grausenvoll stiert sein Auge. Und er ist auch noch so jung!
In Rinkes Hand beginnt die Pistole zu schwanken; jetzt hat er keine Festigkeit zum zielen mehr, er läßt die Waffe sinken. Vater und Sohn starren sich an; nur Sekunden und doch Ewigkeiten.
»Halunke,« zischelt der Vater endlich und hebt wieder langsam, zögernd die Pistole.
»Vater!« schreit entsetzt der Sohn auf, läßt den Stein fallen und verbirgt das Gesicht.
»Halunke!« Die bebende Hand will nicht gehorchen.
Da – ein Stein kommt angeschwirrt, von unsichtbarer Hand geschleudert – gut gezielt. Der Feldwebel taumelt; vor die Stirn getroffen kollert er hinterrücks von der Barrikade.
Und der Sohn steht mit stierem Blick. Hat er geworfen, den Vater getroffen –?! Nein – ja – nein! Er weiß es selber nicht, er ist ganz betäubt.
»Halt, der da, der hat geschossen! Packt die Kanaille!«
Ein Offizier mit blankem Degen springt auf Wilhelm zu. Da rafft der Junge sich auf, die Betäubung weicht – rette sich, wer kann – in Lebensgier, in Freiheitsgier setzt er herab auf’s Pflaster. Dort, dort ist der ›Bunte Vogel‹ und Hilfe, Rettung!
Die Thür giebt nach – er hinein – Riegel zu – Treppe hinauf, in den Taubenschlag, auf’s Dach. –
Gewehrkolben donnern gegen die Thür des ›Bunten Vogel‹. Leutnant von Clermont verschafft sich mit Gewalt Einlaß; halb eingerannt, halb zerschossen, hängt die Thür nur noch lose in den Angeln. Die Soldaten stürmen in den dunklen Flur.
Wo ist der Kerl, der geschossen hat? Hier drin muß er sein! Man schickt sich zum suchen an. Ihrer zwei, drei stolpern in den Keller, ein paar andre die Stiege hinauf. Der Leutnant fährt das alte Weib an, das ihm aus der Wirtsstube entgegentritt:
»Wo ist der Kerl? Wir haben ihn hier herein fliehen sehen. Ihr habt ihn versteckt?!«
»Ne, och ene, ich weiß von nix, och Jott, och Jott!«
»Doch, er muß hier sein – keine Ausflüchte!«
»Och Jott, och Jott! Jesus Maria Josef!«
»Sucht, sucht!« Der Leutnant feuert die Soldaten an, und dann stößt er in ausbrechender Wut die jammernde Alte beiseite: »Gesindel, steckt alles unter einer Decke! Gebt ihn heraus!«
»Jetzt werd’t Ihr füsiliert,« sagt ein Soldat mit breitem Grinsen und schlägt das Gewehr auf die Alte an. Halbtot vor Angst sinkt das Mütterchen in die Kniee, sein schwacher Aufschrei zetert durch’s Haus.
Ein andrer Schrei folgt: »Viktor!«
Aus dem dunkelsten Winkel der Wirtsstube ist eine Gestalt hervorgestürzt, eine junge Frauensperson mit flatternden Haaren und zerfetztem Rock; ihre Augen sind überweit aufgerissen, wie irr stieren sie aus dem todblassen Gesicht. Die Arme abwehrend vorgestreckt, wirft sie sich zum Schutz vor die Alte.
Und wieder gellt ihr Schrei, halb wahnsinnig vor Zorn, Empörung und zitterndem Schmerz: »Viktor!«
*
Bis zum lichten Morgen hielten Soldaten die verlassene Barrikade in der Ratingerstraße besetzt, mit ihren Schüssen die Bewohner der verräterischen Straße in Schrecken erhaltend. Haus bei Haus war durchsucht, der Flüchtling nicht gefunden worden. –
Die warme Frühsonne des 10. Mai schien auf das Düsseldorfer Rathaus; übernächtig, fröstelnd, niederschlagen und ratlos, saß drinnen der Gemeinderat: zwanzig Bürger waren tot, viele sistiert, unter den Toten auch ein Mädchen! Man hatte die Leiche der unglücklichen Dienstmagd samt den Scherben des Topfes, darinnen sie Milch geholt, den Herren vor’s Rathaus gebracht. Viele weinten in nervösem Schreck. Auch Soldaten sollten gefallen fein.
Überall traurige Spuren des Kampfes; zerstampfte Erde, aufgewühltes Pflaster, Reste von Barrikaden. In der Kommunikation ein von Kartätschenkugeln demoliertes Haus, auf dem Friedrichsplatz ein Pferdekadaver. Überall bleiche Gesichter, verstörte Blicke. Auch die hell aufgegangene Sonne hatte sich bald verfinstert, wie eine Wolke von Unglück hing’s über der Stadt.
Gegen zehn Uhr vormittags war es, als Rinke in die Kaserne zurückkehrte, die Uniform zerrissen und besudelt, den Kopf mit einem blutgetränkten Sacktuch umwunden. Er taumelte und hielt sich kaum auf den Füßen; aber er war so lange bei den Kameraden geblieben trotz des starken Blutverlustes und der tiefen, stundenlangen Ohnmacht, die ihn nach dem Sturz von der Barrikade überkommen. Nur nicht nach Hause, nur nicht allein sein! Er klammerte sich förmlich an die Kameraden an. Er hatte treu bei seiner Kompagnie ausgehalten bis an’s Ende.
Ja, bis an’s Ende! Finster vor sich hinnickend, saß er jetzt auf seinem Platz am Fenster. Der Exerzierplatz war leer, die Wohnung auch – natürlich, die Käthe und die Josefine waren gleich am Morgen in den ›Bunten Vogel‹ gelaufen.
Da kamen sie noch lange nicht zurück!
Er zürnte heute nicht mehr darüber, wie früher wohl; ein wehmütig resignierter Zug glitt über sein Gesicht. Dann stand er auf und ging schwankend, sich längs der Wand weitertastend, zum Tisch.
Alles weg – was sollte er noch hier?! Das Höchste weg – er hatte es verloren. Verloren! Stöhnend lehnte er sich gegen den Tisch. Wie hatte er einst geschworen zu Gott dem Allwissenden und Allmächtigen?! – – – – ›Daß ich Seiner Majestät dem König von Preußen, meinem allergnädigsten Landesherrn, zu Land und zu Wasser, in Kriegs- und Friedenszeiten, an welchen Orten es immer sei, getreu und redlich dienen, Allerhöchstdero Nutzen und Bestes befördern, Schaden und Nachteil aber abwenden, die mir erteilten Vorschriften und Befehle genau befolgen, mich so verhalten will, wie es einem rechtschaffnen, unverzagten, pflicht- und ehrliebenden Soldaten eignet und gebührt – – –‹
Die Lippen zitternd bewegend, hatte er’s gemurmelt. Bei dem Wort ›ehrliebend‹ zuckte er, ein Ausdruck tiefsten Schmerzes krampfte sein Gesicht zusammen. Mit einem unartikulierten Laut die Hand zum Kopf hebend, riß er die Binde ab – mochte sein Blut hinfließen, was lag daran?! Er hatte die Ehre verloren, seine Ehre! Wo war sie? Ganz am Boden, unter der Barrikade, da lag sie, zertreten.
Was hatte er gethan?!
Er war ausgezogen gegen die verfluchten Rebellen – hatte er nicht geschworen, die zu vernichten, die seinem König Schaden und Nachteil brachten? Erbarmen war ihm dabei nicht aufgedämmert, für keiner Mutter Sohn, und nun, da der Bengel vor seiner Pistole stand, der Halunke, das räudige Schaf, war ihm eine Angst angekommen um dessen elendes Leben. Wie der Schuß knallte, der den andern Rebellen, jenen jungen Burschen nebenan traf! Dieser mörderische Schuß hätte auch seinen Sohn treffen können! ›Vater‹ –! hatte der gerufen. Da hatte seine Hand die Pistole sinken lassen.
Und nachher, war ihm nicht eine tödliche Furcht durch die Seele geschlichen, als die Kameraden die Ratingerstraße absuchten, Haus für Haus? Gott sei Dank, sie hatten ihn nicht gefunden! Er war entflohen.
Aber wenn der Sohn auch geflohen war, wurde der Vater das Bild darum los? Der Sohn auf den Barrikaden, unter der blutroten Fahne, die Hand frech erhoben gegen die von Gott gesetzte Obrigkeit! Und wenn es auch niemand wüßte – mit einem dumpfen Stöhnen griff der Feldwebel an die Stirn, über die schwer ein Blutstropfen nach dem andern aus der noch frischen Wunde sickerte – du selbst weißt es doch! Du wirst es sehen bis an’s Ende deiner Tage! Du bist der Vater eines Rebellen, eines Königsverräters! Du hast nicht Ehre mehr, des Königs Rock zu tragen – leg ihn ab, leg ihn ab! Geh’ und schäm’ dich bis an das Ende deiner Tage!
Das war ein Kampf, der in ihm wühlte, hart und schwer. Sein Sohn auf den Barrikaden, der Sohn eines altgedienten preußischen Soldaten – war das nicht eine Schande für’s ganze Heer, eine Schande für Preußen?! Er stöhnte auf: »Preußen, mein Preußen!« Der Junge ein Verbrecher, gemeiner als ein Dieb, und er, er selber, der Mitschuldige! Mit Fingern würden sie auf ihn weisen: ›Seht, da schleicht der Vater von dem Schuft, von dem Halunken, muß seinen Sohn gut erzogen haben, daß der so feine Wege geht! Wird am Alten selber auch nichts sein! Reißt ihm das Ehrenzeichen ab – was hat das auf seiner Brust zu suchen? Zieht ihm den Rock herunter, er ist des nicht wert – schnell, schnell, was zögert ihr noch?!‹
»Nein!« Er schrie es laut heraus und packte mit beiden Händen den Rock über der Brust, eine flammende Röte schlug ihm in’s Gesicht. »Meinen Rock, den trag’ ich – bis an’s Ende! So wahr mir Gott helfe durch Jesum Christum zur Seligkeit!«
Tief neigte er den Kopf. Schweiß trat ihm auf die Stirn und rann ihm reichlich an den mageren Wangen herunter. So stand er lange, wie zusammengeknickt, die Hände in den Rock gekrampft, und rührte sich nicht. Still war’s um ihn, kein Mäuschen knusperte, kein Holzwurm schrabte, kein Vogel schirpte vor dem Fenster, keine Stimme des Lebens rief.
Da – horch! Jetzt ein Signal! Hell lockte es durch die Stille. Das rief zum Appell!
Da richtete er sich auf. Er stand kerzengerade, stramm: das hörte er nun zum letzten Mal und in Ehren! – –
Er war ruhig geworden. Gelassen zog er die Schublade des Tisches auf und suchte darin. Allerlei Kram war da zu finden: Lichtstümpfchen und Brotkrumen, Zeitungsblätter und Frau Trinas Strickzeug, Flicken und Wollreste, eine Griffelbüchse, eine zerbrochene Schiefertafel und ein Schulheft der Kinder. Ein altes Schönschreibeheft. Der Lehrer hatte vorgeschrieben: ›Was ein Häkchen werden will, krümmt sich bei Zeiten‹ – ›Wer sein Kind lieb hat, der züchtigt es‹ – ›Ehrlich währt am längsten‹ und dergleichen Weisheit mehr. Und die ungeübte Kinderhand hatte sich gemüht, die schön geschwungenen Buchstaben nachzumalen.
Ehrlich – ehrlich! Der Feldwebel blätterte langsam das ganze Heft durch. Da war noch eine leere Seite. Sorgfältig löste er sie heraus, und dann suchte er nach einem Bleistift. Alles übrige wieder ordentlich zurechtlegend, schob er die Schublade zu.
Mit fester Hand, gleichsam die Kalligraphie des Lehrers nachahmend, schrieb er etwas auf das weiße Blatt. Nur wenige Worte, einen einzigen kurzen Satz; aber klar und deutlich stand da, schön wie eine Vorschrift:
Über alles die Ehre!
So. Das konnten sie gut lesen!
Mitten auf den Tisch legte er den Zettel und den Bleistift zum beschweren quer darüber.
Keine Muskel zuckte in seinem Gesicht, ehern war’s wie vor der Front, als er seine Pistole aus dem Lederfutteral nahm. Die Pistole war beschmutzt. Er ging und wusch sie und rieb sie mit dem Putzlappen glänzend; blank sollte sie sein. Sorgfältig prüfte er sie – seine Hand zitterte nicht – und dann lud er.
Noch einen Blick warf er hinaus auf den weiten Exerzierplatz, den keine Sonne erhellte. Einen Blick auch nach dem Sitz am Fenster, wo er die kleine Josefine die ersten Kommandos gelehrt, dann ging er ruhigen Schrittes nebenan in die Schlafkammer. Die Thür klinkte er hinter sich zu.
*
Ein scheues Flüstern ging durch die Kaserne, ein zittrig-banges Atmen: Feldwebel Rinke war tot! Er hatte sich erschossen – mit seiner Pistole in die Schläfe. Wenn auch der Hauptmann zu entschuldigen versuchte: die unglückselige That sei wohl infolge der Kopfwunde, in einem Fieberanfall, in einer Anwandlung von Geistesumnachtung geschehen – das glaubte doch keiner. Ein Gerücht ging von Mund zu Mund: Auf den Barrikaden hatte der Feldwebel den eignen Sohn getroffen unter der roten Fahne, und der hatte die Hand erhoben wider den Vater, ihn niedergeschmettert mit einem Stein. Ja, ja, der Rinke war immer zu streng gegen seinen Jungen gewesen! Er war überhaupt zu streng gewesen, aber – Friede seiner Asche – ein armer Kerl war er doch, der Feldwebel!
Das volle Mitleid gehörte den Weibern, der Frau und der schönen Fina. Bis weit auf den Platz hinaus hatte man den Schrei gehört, den die beiden ausgestoßen, als sie, um Mittag nach Haus kommend, den Toten fanden. Auf dem Bett hatte er gelegen, als ob er schliefe, noch in der Uniform.
Da lag er auch jetzt noch. Frau Trina durfte ihn nicht rühren, so hatte sie ihm nur ein Taschentuch über den Kopf gedeckt; und die Großmutter, die vom ›Bunten Vogel‹ herbeigewankt war, hatte drei Lichter angesteckt, die flackerten zu Häupten des Bettes: – ›Jesus, Maria, Josef, euch schenk ich seine Seele!‹
Es ging auf den Abend. Bald würde Conradi hier sein. Ach, wenn nur auch der Wilhelm käme! Wo war der?!
Das Herz der Mutter klopfte ängstlich. Ach, ihr hatte ja Unheil geschwant, gestern abend schon und die ganze letzte Nacht, die sie allein unter Seufzen und Thränen verbracht, während die Stadt in Aufruhr. Was war nur mit dem Wilhelm passiert?! Niemand gab ihr Bescheid; man zuckte verlegen die Achseln, man sah sie so scheu an, man flüsterte verlegen hinter ihrem Rücken. Was war geschehen?! War’s nicht genug, daß der Rinke ihr das angethan?! Sollte noch mehr Unglück kommen?!
Weinend warf sich Frau Trina vor ihrem Weihwasserkesselchen nieder, hinter dem noch geweihter Palm steckte vom letzten Osterfest her. Sie betete für die in Sünden abgefahrene Seele des Gatten, und sie betete in ungewisser Angst für den Sohn. Die Großmutter kniete neben ihr; so beteten sie miteinander, Stunde um Stunde:
›Herr, erbarme dich seiner! Christus, erbarme dich seiner! Heilige Maria, bitte für uns!‹
Im Nebenzimmer, allein, war Josefine. Sie kauerte auf dem Schemel in der Fensternische, die Arme um die hochgezogenen Kniee geschlungen, den Kopf tief gebeugt.
Sie mochte nicht hineingehen dort in die Kammer – da lag er, tot, tot! Ihr grauste vor dem Vater. Sie konnte ihn nicht ansehen in seiner Uniform, die von Blut befleckt war – war es sein eignes Blut, war es das Blut wehrloser Bürger?!
Schaudernd schüttelte sie sich in einem Entsetzen, das sie nicht mehr verließ seit der vergangenen Nacht. Ach, das war ja nicht ihr lieber Vater, der da drinnen lag; das war ein fremder Soldat! Der hatte gewütet wie die andern – ein Preuße, ein Preuße!
Mit einem Angstschrei sprang sie auf und streckte abwehrend die Hände von sich in einem wilden Grauen: der alte Mann mit den Broten – zu schrecklich, zu schrecklich – nein, den vergaß sie nie!
Die Großmutter öffnete spaltbreit die Kammerthür und streckte den Kopf in die Stube. »Komm, Finchen,« flüsterte sie fast vorwurfsvoll, »komm doch ens bei dein Vater!«
»Ich kann nit!« Wimmernd sank Josefine auf ihren Sitz zurück und verbarg das Gesicht in den Händen. Nein, sie wollte ihn nicht sehen! Und doch stieß es sie vorwärts – es war ja doch ihr Vater, der sie geliebt ihr ganzes Leben! »Vater, Vater, verzeih mir, ich kann nit, ich kann nit!«
Ein beständiges Zittern befiel sie. Heiß brannte es in ihrer Brust – ungeweinte Thränen – wo war Trost?! Wie sie die beiden da innen beneidete, denn die konnten beten und weinen! Kein Tropfen löste sich aus ihren Augen, trocken glühten sie in den Höhlen und schmerzten, und das Herz lag in der Brust wie ein Stein.
Wenn nur erst Conradi da wäre! Eine leise Sehnsucht begann sich in ihr zu regen. Der war so ruhig; der würde ihr die Hände streicheln und über’s Haar: ›Armes Finchen!‹ Ach ja, der war gut! Nur weinen! Wenn sie nur wenigstens weinen könnte!
Sie schreckte zusammen – hatte es nicht leise geklopft?! Behutsam wurde jetzt die Thür geöffnet. Scheu duckte sie sich in ihrer Ecke zusammen, ohne Laut, ganz entsetzt – da kam der – der –!
Leutnant von Clermont war eingetreten. Er bemerkte Josefine nicht. Blaß, die Augen auf den Boden geheftet, schritt er durch die Stube zur Kammerthür. Er trug einen kleinen Kranz.
Mit weiten Augen starrte sie ihm nach – nun war er hineingegangen!
Endlose Minuten verstrichen. Sie hörte die Mutter sprechen und dann schluchzen, und dann ward alles still. Seine Stimme hörte sie nicht. Warum blieb er so lang, was hatte er da drinnen zu suchen?!
Wider Willen stand sie auf und näherte sich der nur angelehnten Thür. Sie drückte sich durch den Spalt. Niemand gewahrte sie, Mutter und Großmutter beteten still. Am Bett stand er. Seinen Kranz – waren’s Lorbeern? – hatte er über den Pfosten gehängt; ohne sich zu rühren verharrte er und blickte starr auf den Toten.
Ob er ihr Auge fühlte? Jetzt schaute er verstört auf. Noch einen stummen Gruß dem Kameraden, dann wendete er sich zur Thür. Im Vorüberschreiten hielt er ihr wortlos die Hand hin, aber heftig stieß sie die von sich. Mit einer wilden Gebärde des Abscheus drehte sie ihm den Rücken. Da ging er.
In einer wahnsinnigen Verzweiflung rang sie die Hände. Nur beten! Wenn sie jetzt nur beten könnte! Ihr wirrer Blick fiel auf Mutter und Großmutter – o, die fanden Trost! Trost – Trost – Trost!
Und Josefine stürzte auf die Kniee und bekreuzte sich wie jene und hob die Hände und stammelte nach in inbrünstigem Flehen:
»Herr, erbarme dich unser! Christus erbarme dich unser! Heilige Maria, bitte für uns! Du Trost der Elenden, Du Stärke der Schwachen In unsern Trübsalen, In unsern Anfechtungen, In unsern Kämpfen, – bitte für mich!«
*
Die Trauerparade marschierte nicht vor dem Leichenwagen, die Hoboisten bliesen nicht den Totenmarsch, die Tambours schlugen nicht gedämpfte Trommel, keiner trug’s Ehrenzeichen auf dem Kissen voran – Feldwebel Rinke wurde in aller Stille zur letzten Stätte geführt, im frühesten Morgengrauen, eh’ noch die Stadt erwachte.
Düsseldorf lag wie in Grabesruh’; alle Fensteraugen fest geschlossen, alle Hausthüren verriegelt, niemand zeigte sich neugierig beim Rumpeln des Karrens. Ein trauriges, trübes Licht glomm über den Dächern.
Lang hing das schwarze Bahrtuch und versteckte ganz den schlichten, tannenen Sarg und die paar schüchternen Kränze.
Conradi hatte sich neben den Kutscher gesetzt; am Hofgarten schwangen sich noch ein paar, von der Kompagnie zum Begräbnis Kommandierte hinten auf. In rascher Fahrt erreichte man den Kirchhof, weit draußen am Rhein.
Es ging alles rasch, mit militärischer Schnelle. Die Soldaten halfen dem Totengräber zuschaufeln. Nebel brauten noch dick über’m Rhein, Tau fiel noch reichlich, im Rosengebüsch piepten noch verschlafene Vögel im ersten Erwachen, da war schon alles vorüber. Fröstelnd verließen die Soldaten den Kirchhof.
Nur Conradi stand noch allein am Grab. Das lag an einsamer Stelle, weit rechts ab von dem großen Mittelkreuz und allen reichen Monumenten des Friedhofs – nur wenige ungepflegte Hügel in der Nähe.
Der Sergeant war in bester Montur, das konnte ihm niemand wehren; sehr blaß leuchtete sein betrübtes Gesicht über dem Uniformkragen. Seine Lider waren schwer vom entbehrten Schlaf; hatte er es sich doch nicht nehmen lassen, dem toten Kameraden die Wacht zu halten die ganze letzte Nacht.
Traurig sah er sich um – niemand da zur letzten Ehre!
›Helm ab zum Gebet!‹ – niemand kommandiert es, und doch ruft es laut durch die große Stille, vom sich rötenden Himmel herab auf die graue Erde. Vom breitflutenden Rhein kommt’s wie Posaunenstoß, majestätisch befehlend: ›Helm ab zum Gebet!‹ Mit Orgelton braust der Morgenwind den Choral in den Wipfeln der Bäume.
Conradi nahm den Helm ab, seine weißbehandschuhten Hände falteten sich über der blanken Spitze. Langsam und feierlich, den Blick geradeaus gerichtet, daß die Thränen nicht rollten, sprach er laut gen Sonnenaufgang:
»Jesus meine Zuversicht Und mein Heiland ist im Leben; Dieses weiß ich, sollt’ ich nicht Darum mich zufrieden geben? Was die lange Todesnacht Mir auch für Gedanken macht!«