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Die Wacht am Rhein

Drittes Buch

Reading edition

XIX

Auf den Düsseldorfer Gemüsemarkt schien prall und stechend die Herbstsonne. Wenn auch die Bauern über Mangel an Arbeitskräften beim Gemüsebau schwer gestöhnt hatten, diese letzten feuchten, treibhauswarmen Septemberwochen hatten dem Kappes noch gut gethan, ganze Karren voll herrlicher Kohlköpfe waren heute von Dorf Hamm her in die Stadt gerumpelt; schon am frühen Morgen weckte das unablässige Rollen der Räder die Bürger aus dem Schlaf: aha, Markttag!

Um den alten Jan Willem drängten sich die Marktleute; in der Mitte, am Standbild, waren die begehrtesten Plätze, da hatten die reichsten Bauern eine Leinenbedachung über ihre Körbe aufgeschlagen, oder unter großen, von Wind und Wetter mißfarben gewordenen Schirmen leuchteten die hellen Kopftücher der Weiber. Ein ganzes, fast unübersehbares Feldlager von Körben und Kiepen; einzelne Vorposten weit hinausgeschoben bis in die auf den Markt einmündenden Straßen. Am Burgplatz eine mehrreihige Auffahrt von Wagen und Karren.

Zwischen Körben und Kiepen durch schlängeln sich die Käufer: einfachere Bürgersfrauen, Kinder an Hand und Rock, Dienstmädchen in Gedruckskleidern und Siamosenschürzen, feine Damen, die sich von der Magd den Korb tragen lassen, behagliche Rentner, die gern das neueste vom Jahr essen und sich über die Preise orientieren, Handwerker, die ihre heute zu Hause in Anspruch genommene Ehehälfte vertreten, junge Leute, Maler augenscheinlich, die das Marktbild studieren, und Offiziersburschen in blau-weiß gestreiftem Drillich. Ein lebhaftes Gewimmel, ein anpreisendes Rufen und stetes Gesumm. Viele Farben: frisches Grün der Gemüse, leuchtendes Weiß der Eier und der sauberen Buttertücher, köstliche Reife herbstlicher Früchte, rot, gelb und blau; ein tiefgefärbter Himmel und goldener Sonnenglanz. Aber auch viel Schwarz – Trauerkleider – ein düsterer Unterton in der reichen Skala der Farben.

Die ersten Hasen waren heut zu Markt gebracht worden, und in den Körben lagen hochaufgeschüttet mit zart-duftigem Anhauch die ersten Zwetschgen. »Wie pure Honig,« versicherten die Marktweiber, »probiert ens, Madam, dat es jett Leckers!«

Aber doch lockten sie wenig Käufer. Manches Auge blickte zwar begehrlich, manche Kinderhand zupfte an der Mutter Rock, aber nur die Rheinkadetten, die vom Strom herangebummelt kamen, ließen sich von den Pflaumen in die Mütze messen. So billig wie dies Jahr, kamen sie sonst nicht zu Obst, es galt heuer rein gar nichts, denn niemand wollte es kaufen. Aber sie aßen mit Behagen: nur nicht bang, eine ›Bangbüx‹ kriegt sie am allerersten! Nur dreist sie auf’s Korn genommen, – piff, paff, trara – da hat sie keine Courage, einen anzupacken!

Arm in Arm dahinstapfend, sangen die kräftigen Kerle:

»Eins, zwei, drei Wir sechsundsechziger Musketiere Schießen mit Blei!«

Sie waren fast alle diesen Sommer mit im Krieg gewesen. Da am Rathaus baumelten noch die Guirlanden: ›Den Siegern von 66!‹ Noch prangten unter welken Kränzen die Tafeln mit den Schlachtennamen: Langensalza, Kissingen, Hammelburg, Gitschin, Nachod, Königgrätz. Und Sieger über hunderttausend Österreicher sollten sich vor ein bißchen Cholera fürchten?!

Die Zwetschgenkerne im Bogen auf’s Pflaster spuckend, nahmen die Rheinarbeiter ihren Weg zu irgend einer Schifferkneipe, um, nebst einem Cholerabittern, noch eine neue Gurke oder einen grünen Hering zu verzehren.

Fast ängstlich schauten die Bürger ihnen nach: O je! Morgen früh würde man im Blättchen wieder von neuen Erkrankungen lesen; in der Ritterstraße, in der Liefergasse und auch hinter der Ratinger Mauer, da hatte die Cholera so recht ihr Nest. Daß das Volk auch nicht klug wurde, sich Choleraleibbinden anschaffte und mit Suppen und ordentlicher Fleischkost nährte! Freilich, das Fleisch war jetzt unverschämt teuer, für Arme schier unerschwinglich. Nette Zustände das! Nicht allein, daß die Cholera einem das Behagen störte, nun munkelte man auch noch von Rinderpest; allenthalben hatte die Polizei die Viehställe geschlossen.

Ach ja – mancher Bürger schüttelte ärgerlich den Kopf, – all das Malheur kam von dem Krieg, dem unseligen Bruderkrieg! Wie konnte der König Wilhelm auch dem Premierminister, dem von Bismarck, so ganz und gar sein Ohr schenken?! Waren die Österreicher denn nicht deutsche Brüder, und die Hannoveraner, die Hessen, die Nassauer, die Sachsen, die Bayern erst recht? Aber dem von Bismarck war eben alles egal; ›Blut und Eisen!‹ hieß dessen ganze Politik – wär’ der nur, wo der Pfeffer wächst!

Ach, keine Hoffnung, der von Bismarck stand fest, den traf selbst eine Kugel nicht; der war gepanzert.

Und was hatte es genutzt, daß die Bürgerschaft von Köln und Düsseldorf und Krefeld, Dortmund, Duisburg, Iserlohn, Elberfeld-Barmen und noch vieler andrer Städte seinerzeit dem König Adresse auf Adresse geschickt:

›Wir fühlen uns gedrungen, als unabhängige Männer, es offen auszusprechen, daß bei aller Opferwilligkeit des Volkes, für die höchsten Güter des Vaterlandes einzustehen, ihm die Begeisterung fehlt, deren ein Kampf für die wahren deutschen Interessen schwerlich entbehren kann.‹

All diese Rufe, die Bitten und Klagen waren ungehört verhallt. Die widerwillige Haltung der einberufenen Landwehrmänner und der, schon wieder aus ihrer Familie und ihrem Erwerb herausgerissenen Reservisten wurde nicht beachtet. Der von Bismarck hatte gesprochen, und seine mächtige Stimme übertönte alles: ein preußisches Deutschland! Jawohl, so war’s, so stand’s im Blättchen: Deutschland sollte mittels des Zündnadelgewehrs zu Großpreußen gemacht werden! So, dafür also hatte man seine Söhne in den Kampf schicken müssen? War’s nicht genug, daß jetzt jährlich weit über sechzigtausend Rekruten ausgehoben wurden? Daß man die Reservedienstpflicht von fünf auf sieben Jahre erhöht, die Stärke der Regimenter verdoppelt und sogar noch zehn neue kostspielige Kavallerieregimenter eingestellt hatte? Mußte denn auch gleich die neue Heeresmacht ausgenutzt werden? Blut und Eisen, jawohl, aber Handel und Wandel mußten darunter leiden. Was verschlang solch ein Heer, solch ein Krieg für schönes Geld! Dafür hatte man wahrhaftig nicht seine paar Sparpfennige auf die hohe Kante gelegt. Aber der von Bismarck sagte, wenn man ihm kein Geld gäbe, würde er schon sehen, wo er sich’s nähme.

Was hatten denn nun die kolossalen Ausdehnungen der Eisenbahnlinien, die man zu Beginn des Jahres so freudig begrüßt, die direkte Verbindung von Rheinland und Westfalen mit Berlin, Holland, Belgien, Frankreich, der Anschluß der rheinischen Industrie an den Welthandel, für Wert? Der von Bismarck machte Krieg, und aller Verkehr stockte; die Ausfuhr von Produkten, im Wert vielleicht von Millionen, war wie abgeschnitten. Die Rheinschifffahrt, die gerade so herrlich florierte, wurde lahm gelegt mit einem einzigen Federstrich; nur bis Koblenz durften die Schiffe aufwärts fahren, Bingen schon war Feindesland.

Und wenn es nun auch noch einmal ›jut jejangen hatte,‹ was die Düsseldorfer als einen schwachen Trost empfanden, Preußen gesiegt und seine Grenzen erweitert hatte, was lag an solch ein paar Schnippelchen Land?! Wenn die Zeitungen auch posaunten vom Jubel beim Einzug der rückkehrenden Truppen, – wo jubelte man? In Berlin vielleicht – hier nicht. Und was auch geschrieben wurde von der großen Armee, ›furchtbar im Krieg, edel nach dem Sieg,‹ von der Volksarmee – das Volk hatte gar nichts damit zu thun! –

Mancher Bürger blieb in solche Gedanken versunken stehen, mitten im lebhaften Marktgetriebe, und schaute mürrisch zu den dürren, rasselnden Kränzen am Rathaus hinauf. Wär’ auch Zeit, daß die heruntergenommen würden, verschimpfierten ja die ganze Fassade!

Die Marktpolizei schritt durch die Reihen und schnüffelte in die Körbe; einer zeternden Bauernfrau wurde ein Korb konfisciert – hier noch einer, dort noch einer – fort mit dem unreifen Zeug, den Cholerapflaumen! Gleich fünf, sechs Körbe auf einmal wurden hinunter zum Rhein geschleppt und in die Flut geschüttet.

Das Publikum blickte unwillig: die armen Weiber! Cholerapflaumen?! Ach was, die Cholera kam von was ganz anderm, die paar Pflaumen verschlimmerten nicht mehr viel daran. Eingeschleppt war die aus dem schlechtbeköstigten Heerlager, aus den schmutzigen böhmischen Dörfern, vom wüsten Schlachtplan, dem von Gewittergüssen durchweichten Acker und aus den überfüllten Lazaretten. Die Cholera schlich dem Krieg nach als sein Schatten.

Das Wegschütten des Obstes hatte alle Gemüter erregt. Das unheimliche Gespenst der Seuche machte sich plötzlich auf dem Markt breit, mitten im hellsten Sonnenschein, und ließ sein düsteres Gewand zwischen den Körben und Kiepen schleppen.

Überall fanden sich Bekannte zusammen, die einen neuen schrecklichen Fall besprachen: in der Liefergasse, in einem der alten Häuser mit den engen Höfchen, hatte die Cholera sämtliche Bewohner ergriffen.

Eine dicke Dame, die den Longshawl nachschleppte, schlug die Hände zusammen:

»Och Jott, och Jott, ne, et is heutzutag ja jar kein Pläsier mehr zu leben!«

Das Dienstmädchen, das mit dem Korb hinter ihr ging, zupfte sie.

»Frau Schnakenberg, Se schleppen Ihr Duch!«

»Och Jott, och Jott!«

Die dicke Dame arrangierte sich und zog umständlich ihr kostbares Tuch herauf, das Mädchen mußte ihr dabei behilflich sein.

Viele Bürger sahen ihr nach. Da war manch einer unter ihnen, der die behäbige Dame schon gekannt, als sie noch, jung und ledig, bei den Eltern im ›Bunten Vogel‹ war und noch nicht den Feldwebel Rinke geheiratet und sich in der Kaserne hatte plagen müssen. Das sah man der wahrhaftig nicht an, daß die so viel durchgemacht: Damals, neunundvierzig, der Mann sich erschossen, und der Sohn, der Wilhelm, ausgewiesen und verschollen! Ja, ja, Zillges’ Trina hatte einen guten Docht, aber freilich, – wenn man schon an die sechzehn Jahre Madam Schnakenberg heißt, das konserviert – keine Sorgen und ein neues Haus in der Königsallee!

Wen Frau Trina traf, pflegte sie einzuladen:

›Besuchen Se uns doch ens auf en Tass’ Kaffee. Da besehen Se sich mal unser neu’ Haus, jradüber vom Exerzierplatz. Jott sei Dank, mer sieht de nit vor lauter Bäum’. Wer haben in der Küch’ en Wasserleitung, et Mädchen braucht jar nit nach der Pump’ zu laufen. Wer haben auch nur eine Stock aufjesetzt, da braucht mer nit so viel Treppen zu rennen. Sieben Zimmeren, dat is ja lang Platz jenug für mich un den Hendrich!‹

Ja, die hatte ihr Glück gemacht! Der Schnakenbergs Hendrich war ein guter Mann; schon als sie noch Mädchen war, hatte der sie poussiert, und als er nun bald nach des Feldwebels Tod Witwer wurde, da paßten der Witwer und die Witwe ganz schön zusammen. Und was der Schnakenberg immer noch für Geld verdiente! Das Geschäft hatte er freilich längst nicht mehr, aber rheinische Industriepapiere, Bergwerksaktien und Köln-Mindener Eisenbahnprioritäten, die warfen von Jahr zu Jahr mehr ab. –

Frau Trina war mit ihrem Los zufrieden. Wenn nur der ›Verdruß‹ mit den Kindern nicht gewesen wäre! Auf die Wiederkehr ihres Wilhelm hoffte sie immer noch vergebens. Und mit der Josefine, das war doch auch ein ›Angang‹, daß die nun schon Witwe war und mit den Kindern dasaß! Und nun gar der Ferdinand, dem sie im Krieg das eine Bein abgeschossen!

»Och Jott, och Jott!«

Ein Schatten flog über Frau Schnakenbergs rundes Gesicht, und ihr freundlicher Blick trübte sich. Da zupfte das Mädchen sie wieder von hinten:

»Madam, se verkaufen als bald de letzte Has – wer haben kein Aussuche meh.«

»O jemmich! ’schwind, Drückche, ’schwind!«

Ganz entsetzt fuhr Frau Schnakenberg auf, alles andre vergessend. Wenn sie nun keinen leckeren Hasen mehr bekam?! Der Ferdinand, der morgen aus dem Mainzer Lazarett wiederkommen sollte, würde freilich nicht bei ihr wohnen, sondern bei der Josefine, aber zu einem guten Mittagessen wollte sie ihn doch gleich einladen. Und was Extras sollte er kriegen, hatte er doch lange Jahre nur ›Kasernenfraß‹ gehabt! Die Mehlsuppen auf der Militärschule zu Annaburg, der ewige Reis in der Unteroffiziersmesse zu Mainz, und nun erst gar das verschimmelte Brot im Krieg und zuletzt die magere Lazarettkost! Dem sollte es jetzt bei der Mutter gut schmecken!

Und mit Schaudern dachte sie plötzlich an die knappen Mahlzeiten in der Feldwebelwohnung zurück, und wie sie sich nur im ›Bunten Vogel‹ dann und wann regaliert. Ein Jammer, daß der ›Bunte Vogel‹ nicht in der Familie geblieben, daß die alte Frau ihn gleich damals, in dem Unglücksjahr, verkauft hatte! Mit Verlust natürlich, gerad’ daß die Enkel eine Kleinigkeit gekriegt; die Hauptsumme war dem Klösterchen zugefallen, wo sich Mutter Zillges hatte verpflegen lassen bis an ihr seliges Ende.

Du liebe Zeit, was war das alles schon lange her! –

Und doch war es eigentlich, als sei alles erst gestern gewesen. Die Jahre waren einförmig über Düsseldorf hingerollt. Siebzehn lange Jahre – man schrieb heut achtzehnhundertsechsundsechzig – aber das Bild der Stadt war dasselbe geblieben. Ein paar neue Straßen vielleicht waren dazugekommen, aber auch sie harrten noch, ungepflastert, der letzten vollendenden Hand. Große Pläne ruhten zwar im Rathaus: der Stadtrat überlegte den Bau einer festen Rheinbrücke, auch von einem neuen Theater war schon einmal die Rede gewesen. Doch vor der Hand schob man solche Projekte noch hinaus, erst mußte man den Krieg verdauen, der einem so über den Kopf gekommen war, unerwünscht wie ein Schneesturm im Mai.

Noch guckte der alte Jan Willem am Markt auf das alte Theater, das selbst die eingefleischtesten Düsseldorfer eine Rumpelbude nannten. Noch hatten die Maler ihre Akademie im linken Flügel des alten Schlosses. Noch behalf sich die evangelische Gemeinde mit den zwei in engen Höfen versteckten Gotteshäusern, und längs der Kasernenstraße dehnte sich noch immer der schmucklose, einförmige Bau der Kaserne, von deren Mauern schon Putz abfiel.

In denselben sauberen, behäbigen Häusern saß noch dieselbe saubere, behäbige Bürgerschaft wie damals; über den Klingeln standen noch dieselben Namen wie früher. Mit geschlossenen Augen hätte sich einer zurechtfinden können, und wäre er auch noch so lange nicht durch die Stadt gewandert. Dieselben Hörtchen innen an den Fenstern, dieselben Spiönchen außen an den Fenstern, dieselben Kaufläden, dieselben Wirtschaften in Gassen und Gäßchen, fast dieselben Menschen auf dem Bürgersteig.

Dieselben mächtigen Glocken riefen von St. Lambertus, St. Andreas, von der Jesuiterkirche und der Maxpfarre; aber da mengten sich jetzt noch neue, dünnere Stimmchen ein: die Schwestern vom armen Kinde, die Kreuzschwestern in Christi Hilf, die Clarissen, die Franziskanessen, die Franziskaner und Dominikaner, die Mägde Christi und andre mehr verstärkten den Chor. Es bimmelte von Klöstern und Klösterchen. Deren Zahl war gewachsen.

Auch die Bäume waren gewachsen; die Kastanien der Königs-Allee breiteten gewaltige, schattende Kronen, die Linden am Schwanenmarkt sandten ihren süßen Duft weit über die stillen Wasser des Lopohl und des Schwanenspiegels und mischten ihr sommerliches Rauschen mit den Klängen des Waldhorns, das ein Künstler der Militärkapelle drüben in dem kleinen Konzertgarten blies. Wanderte man über die Alleestraße zum Hofgarten, so blieb man unausgesetzt unter einem grünen Dach; und der Hofgarten selber war ein dichter, dunkler, heimlicher Wald, dem kein Bäumewegschlagen mehr anzumerken war. – –

›Ach, was die Bäume gewachsen sind!‹ Das war Josefines einziger Gedanke gewesen, als sie nach Jahren zum ersten Male wieder altbekannte Wege wandelte. Sie war wie betäubt; sie hatte gar nichts andres denken können, als immer nur: ›Ach, die Bäume, die Bäume!‹ Die waren wie die Menschen. Die sie jung gekannt hatte, standen nun in der Vollkraft des Lebens, Bäumchen waren emporgeschossen zu Bäumen, und wiederum schlanke Bäume hatten sich in knorrige Stämme gewandelt. Nicht jeder Baum war mehr da, sie vermißte hier einen und dort einen; sie hatte gar nicht gewußt, daß ihr eines jeden Standort so eingeprägt war.

Josefine war als Witwe zurückgekehrt. Im März des vergangenen Jahres hatte sie ihren Mann verloren. Bei stürmischem Wetter hatte Conradi sich im Dienst erkältet; abgemattet, fiebernd schon, kam er nach Hause, ein Stechen in der Brust plagte ihn. An einer Lungenentzündung war er gestorben. Nun hatte Josefine neben den Kindergräbern ihrer beiden kleinen Mädchen, die ihr die Diphtheritis genommen, draußen auf dem Vohwinkler Kirchhof noch ein drittes, ein großes Grab.

Es war ein trauriges Jahr, das die Witwe noch in dem Vohwinkler Häuschen verbrachte. Sie wußte nicht, sollte sie fortgehen, sollte sie hier bleiben. Die Mutter schrieb freundlich: ›Komm doch hiehin!‹ Bruder Friedrich, der in Essen bei Krupp angestellt war, meinte auch gleich: ›Du wirst doch nach Düsseldorf ziehn?‹

Gewiß, das wäre natürlich gewesen! Auch regte sich eine leise Sehnsucht in ihr; aber sie konnte sich doch nicht dazu entschließen. Der Vater tot, die Mutter an einen andern Mann verheiratet und ihr dadurch fremd geworden, – auch dort nichts wie Erinnerungen! War es nicht besser, hierzubleiben, wo alles sie an siebzehn friedliche, ruhige Jahre gemahnte? Wo der Apfelbaum im Gärtchen, in dessen Schatten sie all ihre Kinder gewiegt, reiche Blütenknospen zeigte und so viele der rotbackigen Früchte verhieß, an denen Conradi sich immer von Herzen delektiert?!

Und sie blickte zurück in ihre Ehe.

Anfangs hatte sie oft und viel Heimweh gehabt, manchen Abend vor der Thür gestanden und sehnsüchtig weggeschaut über die Felder. Dort, zwischen den ragenden Fabrikschornsteinen, die sich wie hohe Maste in’s Himmelsmeer reckten, dort, in abendsonnenverklärter Ferne, lag Düsseldorf. Und sie hatte geseufzt.

Aber dann wurden die Kinder geboren, – erst der Peter, dann das Gretchen, dann das Mariechen und zuletzt, als die beiden blonden Mädchen schon wieder Engel geworden, noch der Fritz, des Onkel Friedrich Patenkind. Ihre Tage waren ausgefüllt gewesen.

Doch nun, da sie einsam im Ehebett lag, da der Frühlingssturm mit Sausen durch die Nacht fuhr und schaurig gegen die Fenster der Schlafkammer heulte, mußte sie so sehr an die Vaterstadt denken. Wenn sie wieder altbekannte Straßen gehen, die Kaserne wiedersehen, mit der Hand an diesen Mauern entlang streichen könnte, die ihr einst ein großes Glück umschlossen! Ja, heim, heim – der Rhein rauschte, Glockenstimmen riefen. Nun wußte sie’s, hier im Bergischen Land hatten ihr immer die großen Glocken gefehlt; es war doch etwas Eignes um deren Klang, um die weihrauchduftenden, dämmrigen Kirchen mit den farbenglühenden, legendenbedeckten Fenstern, mit den segnenden Heiligen, mit den rosenumkränzten Märtyrern, mit dem lächelnden Jesuskind und mit Maria, der Gottesmutter, die so jung und schön!

Eine wahre Begier überkam Josefine, ihre Fingerspitzen in das Weihwasserbecken an der Thür von St. Lambertus zu tauchen, wie sie’s als Kind oft gethan. Ob endlose Prozessionen noch ebenso wie früher durch die Straßen wallten und um den Kalvarienberg bei der großen Kirche zogen?! Berückende Musikklänge – betäubende Weihrauchnebel – betendes Murmeln, sich fortpflanzend von Mund zu Mund – alt-köstliche Kirchengewänder – feuriges Rot der Chorknaben, unschuldvolles Weiß der Mädchenengel, strahlendes Gold der Stolas – wie würden der Peter und der Fritz da gucken! Besonders der Peter, der sah so gern was Schönes. Die armen Jungen, die kannten ja nur die nüchterne Sonntagspredigt in der kahlen, getünchten Vohwinkler Kirche, zu der sie regelmäßig mit dem Vater gegangen waren.

So reifte allmählich der Entschluß zur Übersiedlung in ihr. Mit fast freudiger Unruhe betrieb sie dann die Vorbereitungen. Bruder Friedrich stand ihr bei, er kam die letzten Tage sogar ganz herüber, und was sie nicht mitnehmen konnte oder wollte, verkaufte er ihr.

Er war ein rechter Praktikus. Das hatte wohl keiner gedacht, wie er damals als Junge zum Schlosser in die Lehre kam, daß der’s mit seinen krummen Beinen noch einmal so weit bringen würde. Nun war er schon mehr, als ein gewöhnlicher Arbeiter, und der Krupp bezahlte ihm guten Lohn. Sogar gespart hatte er sich schon etwas, und er wollte es gern der Schwester vorstrecken, wenn sie, auf seinen Rat, einen Laden in Düsseldorf aufmachte. Josefine fiel bei diesem Anerbieten eine Last vom Herzen: Gott sei Dank, dann brauchte sie von der reichen Madam Schnakenberg nichts anzunehmen! Nicht, daß die Kinder der Mutter böse waren, aber etwas Fremdes war da.

Im Mai bezog Josefine das Lädchen an der Bastionstraßenecke, gerade der Kaserne gegenüber – wo konnte es denn auch anders sein? – und der Friedrich half es ihr einrichten mit allerlei Utensilien zum Soldatengebrauch: mit Pfeifen und Tabak, mit Cigarren und Streichhölzern, mit Taschentüchern und Reservistenstöcken, mit Seife und Wichse und jeglichem Putzzeug, auch mit Knopfgabeln und mit Tinte und Briefpapier. Und er machte ihr auch Mut.

»Wer heutzutag auf’ dem Posten is früh un spät, de kömmt auch voran,« sagte der Bruder.

Auf dem Posten sein, ja das wollte sie; hatte sie sich doch schon Gedanken gemacht, ob sie mit der geringen Pension und den bescheidenen Zinsen, die das kleine Vermögen ihres Mannes und ihre eignen paar hundert Thaler großmütterliches Erbteil abwarfen, in der teuren Stadt bestehen könne.

Von Dank für alle seine Mühe und Arbeit wollte der Friedrich nichts wissen, auch nicht einmal für das der Schwester vorgestreckte Kapital.

»Du jiebst et mir ja wieder, Fina, paß ens auf, eine paar Jahr! Zinsen kannste mir ja zahlen, Jeschäft is Jeschäft! Ich rechen’ so: Krieg kriejen wir diesen Sommer sicher un jewiß, dann sollste ens sehn, dann jeht et dir im Kleinen, wie dem Krupp im Jroßen. Rückt die Armee in’t Feld, braucht se auch Ausrüstung, un ob et nu Stiefelschmier’ is oder en Kanon, dat bleibt sich janz jleich.« –

Friedrich hatte recht gehabt. Als Josefine heut am dunklen Herbstabend ihr kleines Lädchen schloß und die Kasse nachzählte, konnte sie zufrieden sein. Man hatte ihr fast den Laden gestürmt. Die letzten Reserven waren entlassen worden, keiner unter ihnen hielt den Ausmarsch aus der Garnison und den Einmarsch in die Heimat für möglich, ohne Stock in der Hand. Und bunte Sacktücher – gelb mit roten Rändern, die Schlacht von Königgrätz schwarz draufgedruckt, – war sie eine Menge losgeworden; denn das waren schöne Andenken für die Mitdabeigewesenen und interessante Anblicke für die Zuhausgebliebenen.

Die müde Frau gähnte und pustete dann die Lampe aus, die über der kleinen Theke von der Decke herabhing. Es war schon so spät, aber noch bis vor kurzem hatte die Thürglocke gebimmelt; jetzt endlich war Zapfenstreich geblasen und alles still geworden. Die Kaserne drüben streckte sich dunkel, nur in der Wachtstube flinzelte noch Lichtschein.

Es war Josefine eine Freude, daß die Hauptwache nicht mehr wie früher am Burgplatz, sondern hier gerade gegenüber war. So genoß sie täglich das militärische Schauspiel, und nachts auch weckte sie das ›Heraus‹ beim Nahen der Ronde. Dann lag sie lauschend mit gefalteten Händen, hörte, wie die Wache in’s Gewehr trat, und fühlte sich nicht mehr verlassen.

Mit heißen Wangen stieg Josefine die Treppe hinauf zu ihrer Wohnung. Im ganzen Haus war’s schon dunkel, nur in der Kammer, die ihre Knaben innehatten, brannte noch Licht.

Sie guckte hinein. Der Kleine schlief, aber Peter saß noch über den Tisch gebeugt und hörte die Mutter gar nicht. Ärgerlich trat sie näher.

Gewiß pinselte der wieder! Ob er denn seine Schulaufgaben auch fertig hatte? Dafür ließ sie ihn wahrhaftig nicht noch auf die teure Realschule gehen, daß er jedes freie Blättchen in seinen Heften verschmierte!

Sie sah ihm über die Schulter.

Herrjeh, das war ja der Kalvarienberg an der Lambertuskirch’! Genau so guckte der Gekreuzigte, wie hier auf dem Blatt! Nun konnte sie doch nicht mehr böse sein, er hatte das zu schön gemacht.

Leise legte sie ihm die Hand auf. Da schrak er zusammen und ließ den Tuschpinsel fallen. Rotwerdend, streckte er beide Hände über seine Malerei.

»Jleich, jleich, Mutter, jleich mach’ ich ja schon meine Aufjab’, schimpf nit!«

Was? Noch nicht die Schularbeiten gemacht?! Das war ihr doch außer’m Spaß. Zornig hob sie die Hand zum Schlag, aber Peter fing die auf und hielt sie fest.

Bittend sah er ihr in’s Gesicht.

»Ärjer dich nit,« schmeichelte er, »dann siehste jarstig aus. Ich kann doch nix dafor! In Vohwinkel war nit viel zu besehen, aber hier so viel, och, schrecklich viel! Bilder in allen Schaufensteren!« Seine Augen leuchteten auf. »Kuck emal, is dat nit fein?« Er hielt ihr vergnügt lachend sein Blatt hin. »Un nu mal’ ich noch dat alte Schloß, un den Rhein – dicke schwarze Wolken drüber un en Stücksken Blitzblau derzwischen – ich hab’ et so jesehen! Hau, dat war schön! Kauf mir doch noch ene Tuschkasten, aber ’ne bessere, Mutter, bitte, so ’ne richtige Farbkasten von Schönfeld! Bitte, Mutter, bitte!«

»Ne,« sagte sie, »da denk’ ich ja jar nit an, dann thuste für die Schul’ rein nix mehr.«

»Och, die Schul’,« stieß er heraus und hob mit einem Ruck den Kopf. »Wat soll ich dann noch da? Nimm mich doch eraus, Mutter, da lern’ ich ja doch nix. Kauf mir lieber ene Farbkasten, ich will Maler werden!«

»Unsinn,« sagte sie. »Leg’ dich hin un schlaf’! Morjen weck’ ich dich janz früh, dann lernste noch.«

»Aber ene Farbkasten schenkste mir,« bettelte er, »’ne Farbkasten, Mutter, thu et doch! Bitte, bitte!«

»Ne,« sagte sie wieder und ging aus der Thür. Aber ihr Herz klopfte.

Woher der Peter nur die Lust am malen hatte? Von Conradi nicht; von ihrem Vater sicher auch nicht. Von ihr selber auch nicht, sie konnte ja keinen geraden Strich machen. Aber verstehen konnte sie ihn. Und doch würde sie ihm keinen Farbkasten schenken. ›Erzieh’ die Kinder zu was Ordentlichem‹, hatte Conradi noch in letzter Stunde mit verlöschender Stimme gesagt, – – ach Gott, der Junge hatte zu früh seinen Vater verloren!

Heute schlief Josefine lange nicht ein, trotz aller Müdigkeit. Sie wußte, nebenan in der Kammer lag ihr großer Junge im Bett und weinte wie ein kleines Kind. Er fühlte so lebhaft, den Schmerz ebenso wie die Freude. Er war ja ganz ihr Sohn.

XX

Herr und Frau Schnakenberg wanderten am Vormittag über die Kasernenstraße. Die Hitze der letzten Septemberwochen war vorüber, die matte Oktobersonne spielte auf dem Pflaster und färbte die grauen Kasernenwände bleich.

Das Ehepaar wurde viel gegrüßt. Frau Trina war im schönsten Staat; sie trug ein Seidenkleid von einer ganz infam-gelbbraunen Farbe, doch war es das modernste vom Jahr, Sternefeld vom Alleeplätzchen hatte diese elegante Couleur als Herbstnouveauté eben mit aus Paris gebracht. Auch die Beduine von feinem Kaschmir mit Fransenabschluß war aus Paris, der Hut auch; das beste kam doch eben nur daher! Das Ehepaar Schnakenberg plante auch zum nächsten Jahr einen Besuch der Pariser Weltausstellung.

Jetzt gingen sie, um den aus dem Mainzer Lazarett endlich entlassenen Sohn, den sie im September schon zweimal vergeblich mit einem festlichen Mahl erwartet, zu begrüßen. Zu heut mittag hatten sie ihn auch gleich wieder eingeladen, aber er hatte sagen lassen: den ersten Tag wolle er bei der Fina bleiben, und der Weg nach der Königsallee wär’ ihm auch zu weit.

Ob er den wirklich nicht gehen konnte – dann hätte man ja einen Wagen schicken können – oder ob er bloß nicht wollte?! Diese Ungewißheit regte Frau Trina etwas auf; wahrhaftig, das war doch häßlich von den Kindern, daß sie ihr immer noch ihre Heirat mit dem Schnakenberg nachtrugen! Und der war doch so ein guter Stiefvater!

Den Ferdinand und ihren Jüngsten – das Karlchen – der bei der Marine kapituliert hatte und von dem man eigentlich nie wußte, wo er mit seinem Schiff war, hatte sie beide gleich lange nicht gesehen; an die sechs oder sieben Jahre mochte es her sein, daß die mal einen Tag in Düsseldorf gewesen.

Nun kam der Ferdinand wenigstens für dauernd her und würde bei der Josefine bleiben – wo sollte er denn als Junggeselle auch sonst hin? Ein Gedanke peinigte Frau Trina unablässig, als sie jetzt an der Kaserne entlang schritt: ›Ach, wenn der Rinke das erlebt hätte!‹ Der hätte sich am Ende noch darüber gefreut, daß seinem Sohn im Krieg ein Bein abgeschossen worden. So lebhaft hatte sie noch nie ihres ersten Mannes gedacht, wie heute auf dem Weg zum invaliden Sohn. Sie erregte sich mehr und mehr. Diese ganze Soldatenwirtschaft, dieses Knallen mit Pulver und Blei, was hatte ihr das alles schon für Leid gebracht!

Sie rief Schnakenberg, der ihr ein paar Schritt voraus war, und hing sich an seinen Arm. –

Vor der Thür, unter dem Schild:

Josefine Conradi geb. Rinke,

Stöcke, Pfeifen, Putzzeug, alle Arten

Militär-Bedarfsartikel

stand der kleine Fritz. Sein rotbackiges Kindergesicht sah heute ganz betroffen drein.

»De Onkel is da,« sagte er ernsthaft, »aber de Mutter is traurig.«

Sie traten aus der Mittagshelle in’s Lädchen ein, es war etwas dunkel darin, das Auge mußte sich erst gewöhnen. Josefine stand hinter der Theke und ordnete einen Kasten, aus dem sie eben verkauft; beim Anschlagen der Ladenschelle hob sie die Augen.

»Wo is de Ferdnand?« fragte Frau Trina hastig.

Die Tochter wies mit einem stummen Blick nach der Ecke. Dort erhob sich jetzt schwerfällig eine Gestalt aus dem Sessel und humpelte an zwei Krücken den Eintretenden entgegen. Leer hing das eine Hosenbein, und –

»Jesus Maria, meine arme Jung’!« schrie die Mutter auf und fiel dem Sohn um den Hals. Der konnte sie nicht umarmen, er mußte sich auf seine Krücken stützen.

Josefine liefen die Thränen über’s Gesicht; auch Schnakenberg schneuzte sich mehrmals, dabei drehte er sich ein bißchen weg, das leere Hosenbein war ihm gar zu jämmerlich.

Frau Trina schluchzte noch immer:

»Meine Jung’, meine arme Jung’!« Und küßte ihn und tätschelte ihm die Backen, wie sie es vielleicht einst dem kleinen Knaben gethan.

Der Sohn war nicht sehr zärtlich, er nahm’s nur gnädig hin.

»Jammert doch nich,« sagte er fast ungeduldig. Und dann richtete er sich so stramm auf, als er nur irgend konnte, und wies auf das Militärehrenzeichen, das die Brust seines verschabten Uniformrocks zierte: »Das kriegt man nich umsonst! Im Lazarett machten se ’ne richtige Feier, als se mir’s überreichten. Ja, was denkt ihr wohl, das is en besondere Ehr’! Die meisten kriegen nur das Erinnerungskreuz von Bronze – ihr könnt mir gratulieren!«

Aber Mutter und Schwester gratulierten ihm nicht. Frau Trina war, ihr Taschentuch vor’s Gesicht haltend, auf einen Stuhl gesunken, Josefine sah den Bruder mit zuckenden Lippen an. Nur Schnakenberg schüttelte ihm die Hand und schlug ihm dann auf die Schulter:

»Jratuliere! No, ich sag’ et ja, da wolle mer mal tüchtig eins auf trinken – hoch de tapfre Vaterlandsverteidiger, hoch, hoch!«

Ferdinands Augen glänzten auf, und er schmunzelte. Heute morgen schon waren Nachbarn gekommen, um ihn zu sehen; die ganze Kasernenstraße erinnerte sich ja noch an den ›Rinkes Jung’‹, und jetzt natürlich war er erst recht der Mann des Tages. Ein paar Knaben hatten ihn flehentlich um ein Andenken vom Schlachtfeld gebeten. Ja, wenn nur erst seine Kiste nachkam, dann wollte er ihnen schon blutgefärbte Uniformläppchen und ein paar Granatsplitter austeilen. Er versprach dem Stiefvater, heute abend mit in dessen Stammkneipe zu kommen; da wollte ihn dieser den Herren vorstellen, und er sollte von seinen Erlebnissen zum besten geben.

»Wird der dat nit zuviel sein, Ferdnand?« fragte Josefine besorgt. »Du sagst doch, dat Jehen macht dich e so müd.«

Das wollte er jetzt nicht mehr Wort haben.

»Wer können ja auch ene Wage nehmen,« sagte Schnakenberg. »Och, wat dann, Fina,« – er kniff die Stieftochter in die Wange – »nur kein ängstlich Jesicht! So ne Krieger is nit von Zucker. Jelt, Herr Sergeant? Heut jehn wer nach Ahmer und morjen nach Löhmer un übermorjen nach Hintze, un im Römischen Kaiser un im Verein. Wer machen de Rund’, bis dat wer durch sind. De Jung’ soll nit sagen, dat wer em nit ordentlich befeiert haben!«

Als der Stiefvater mit der Mutter gegangen war, äußerte Ferdinand sein Wohlgefallen: Der Schnakenberg war doch ein sehr netter Kerl, ein sehr anständiger Mann!

Josefine wollte nicht widersprechen. Gewiß, der Schnakenberg war ein guter Mensch – sie war ihm dankbar für manche Freundlichkeit – aber seit sie in Düsseldorf war, mußte sie wieder so viel an ihren Vater denken. Es drängte sie plötzlich, von ihm zu sprechen.

»Ferdnand, wat würd’ der Vater sagen,« flüsterte sie in einem weichen Ton und blickte hinüber zur Kaserne.

»Ja, so was hätt’ der auch wohl haben mögen,« sagte Ferdinand und schielte nach der Auszeichnung auf seiner Brust. »Hab’ ich der denn schon erzählt, warum ich das gekriegt hab’?«

Und nun begann er in einer Weise zu erzählen, daß sie merkte, er hatte das schon so und so oft gethan. Es klang wie auswendig gelernt:

»Wir hatten die fränkische Saale überschritten, am 10. Juli war’s, wir machten den Übergang auf einem Balken, die Brücke hatten die Hundsfötter, die Bayern, gesprengt; in Kissingen steckten sie drin, die verfluchten Kerle, und die Höhen hielten sie besetzt. Aber wir – hurra! – steil ging’s den Berg herauf, und –«

Er wurde unterbrochen. Die Ladenschelle klingelte, zwei bärtige Männer in Civil traten ein; man sah ihnen den ›entlassenen Landwehrmann‹ an. Sofort trafen sich ihre Blicke mit denen des Invaliden.

»Was jefällig?« fragte Josefine.

Aber sie wurde gar nicht gehört, die beiden hatten sich gleich mit Ferdinand in ein Gespräch vertieft.

»Division Göben, 53. westfälisches Infanterie-Regiment, 10. Juli bei Kissingen,« sagte der Invalide und wies auf seinen Beinstumpf.

»Niederrheinisches Füsilierregiment, Ersatzbataillon, 10. Juli bei Hammelburg!«

Das war ein Händeschütteln, waren sie doch am selben Tag, nicht weit von einander, im Feuer gewesen! Mit Bewunderung sahen die beiden Landwehrmänner das Ehrenzeichen auf der Brust des Kriegskameraden.

Der Invalide strahlte.

»Ja,« sagte er, »wir hatten die fränkische Saale überschritten, am 10. Juli war’s, wir machten den Übergang auf einem Balken, die Brücke hatten die Hundsfötter gesprengt, in Kissingen steckten sie drin, die verfluchten Bayern –«

Josefine mochte die Erzählung nicht mehr mit anhören, sie ging hastig hinaus. Der Vater hatte ihr einstmals auch vom Krieg erzählt – aber wie anders! Und doch mußte sie froh sein, daß der Stolz dem Bruder über den Verlust seines Beines weghalf.

Als sie wieder hineinkam, hatte er eben geendet, mit hochrotem Kopf saß er in seinem Stuhl. Die Landwehrleute machten ein großes Hallo; sie ließen nicht nach, er mußte mit ihnen nebenan in die Wirtschaft gehen und ein kameradschaftliches Glas mit ihnen leeren.

Als sie Stöcke gekauft, schleppten sie ihn ab, und er ließ sich nur zu gern schleppen. Josefine sah ihnen nach: die zwei von der Landwehr mußten heute schon ordentlich was getrunken haben, sie wirbelten ihre Stöcke; jetzt huben alle drei ein lautes Singen an.

Lange nach mittag kam Ferdinand erst zurück, er war glückselig. So viele Freunde hatte er gefunden, und sie hatten ihn hoch geehrt, wie einen Helden gefeiert und ihn zuletzt im Triumph durch’s Lokal getragen. Wenn die neunundreißiger Füsiliere, die anfangs Winter als ständige Garnison in Düsseldorf einrücken sollten, ebenso nette Kerle waren, wie die vom Ersatzbataillon, ließ es sich hier schon leben. Er war freudig erregt, neckte sich mit den Neffen und schwatzte in einem fort. Mit Mühe überzeugte Josefine ihn, daß es dringend nötig für ihn sei, sich zu ruhen. Es kostete sie unsägliche Anstrengung, ihn die Stiege hinaufzubringen, denn die war eng und die Stufen hoch. Er stöhnte und fluchte, stützte sich mit der einen Hand auf’s Treppengeländer und legte den andern Arm so fest um ihren Nacken, daß er sie fast niederdrückte. Der kleine Fritz schleppte die Krücken nach. Sie dankte Gott, als sie dem Bruder oben auf’s Bett geholfen; noch sprach sie zu ihm, da schlief er auch schon.

Es dunkelte längst, als Josefine erst wieder etwas von ihm merkte. Fritz kam gelaufen und holte sie: der Onkel wolle sich nun fein machen und könne nicht allein damit zu stande kommen.

Der Invalide nahm es als ganz selbstverständlich an, daß ihm geholfen wurde; die Schwester that es ja auch gern, war sie doch froh, daß er sie aus heiteren Augen anlachte. Aber ein eigentümliches Grausen überlief sie, als er nur einen Fuß hinstreckte, um sich den Stiefel anziehen zu lassen. Ihre Hände zitterten und hatten keine Kraft, aber er merkte es nicht; lustig pfiff er den Königgrätzer Siegesmarsch und beorderte Fritz, ihm die beste Montur herauszusuchen. Er mußte doch eine Figur abgeben, wenn der Stiefvater ihn präsentierte.

Josefine war es weh um’s Herz, als der Bruder nun soweit fertig war, – im besten Rock mit dem Ehrenzeichen, die Haare pomadisiert, – und sich zuletzt noch sorgfältig den krausen Backenbart kämmte, nachdem er sich vorher das Kinn sauber ausrasiert. Sie betrachtete ihn: wahrhaftig, ein schöner Mann, fast dem Kronprinzen ähnlich – aber ach, nur ein Bein! Das andre war hoch am Oberschenkel amputiert.

»Ferdnand,« sagte sie aus einem Herzensdrang heraus, »wie fühlste dich dann?«

»Gut, sehr gut, ganz famos! Kuck doch mal nach,« schrie er dem Kleinen zu, »ob der Schnakenberg bald antritt!« Er schien es gar nicht abwarten zu können. Als eine Kutsche vorrasselte und der Stiefvater unten im Flur rief, humpelte er so eilig die Treppe hinunter, daß er fast gestürzt wäre und Josefine mit sich gerissen hätte.

»Immer langsam voran, immer langsam voran, Daß die österreich’sche Landwehr nachkommen kann,«

begann er da zu singen. Das ganze Haus schien von seiner lauten Stimme angefüllt.

Josefine wurde diesen Klang nicht los, auch als die Räder des Wagens längst verrollt waren. Zwischenhinein bimmelte die Ladenschelle; es kamen eine Menge alter Bekannter, die den Heimgekehrten besuchen wollten. Ein paar kleine Mädchen aus der Nachbarschaft erschienen, hübsch angeputzt, mit einem Kranz und wollten ihm ein Gedicht aufsagen.

Josefine war’s zufrieden, daß das Gelaufe ein Ende nahm, als der Zapfenstreich ertönte.

›Zu Bett, zu Bett, Wer en Liebsten hätt’, Wer keinen hätt’, Muß auch zu Bett. Zu Bett, zu Bett, zu Bett.‹

Wie oft hatte sie das als Kind ahnungslos der Trompete nachgeschmettert!

›Wer keinen hätt’, Muß auch zu Bett –‹

Von einer schwermütigen Regung befallen, sah sie sich jetzt um. Da stand ihr einsames Bett. Und sechsunddreißig Jahre – nein, das war noch nicht alt! Unwillkürlich breitete sie ihre Arme, in denen das warme Blut voll an die Pulse klopfte, und dann streifte ihr Blick den Spiegel. Sie trat davor und hielt das Lämpchen hoch. Hellbeleuchtet schaute ihr Bild sie an: blank die Augen, frisch das Gesicht und das Haar blond, nicht mehr so licht wie in der Mädchenzeit, ein wenig nachgedunkelt, aber blond doch, ganz blond, kein einziges, graues Fädchen an den Schläfen.

Seltsam genug stand das schwarze Kleid gegen das helle Gesicht. Sie hatte sich noch immer nicht entschließen können, die Trauer abzulegen, nur ein schmales, weißes Krägelchen gönnte sie sich am Halse. Aber nun sie sich selbst so sah, dünkte sie es auf einmal an der Zeit, ein andres Gewand hervorzusuchen.

Er würde es ihr nicht verdenken!

Nachdenklich ging sie zu der Truhe, dahinein sie all ihre bunten Kleider verschlossen. Hier das kornblumenblaue, das hatte er ihr den letzten Weihnachten geschenkt und sie so gern darin gesehen – ob’s ihr noch paßte? Sie hatte ein wenig an Fülle verloren seitdem – ob sie’s einmal anprobierte?

Es war etwas wie Scham in dem Gefühl, mit dem sie das blaue Kleid hin und her wendete, und zugleich war doch ein ganz eigentümliches, hastiges Zucken in den Fingern, mit denen sie ihr schwarzes Gewand herunterstreifte. Da lag es am Boden, wie eine tote Hülle, und sie warf das leuchtende Blau über und konnte sich wieder daran freuen. Was würden die Jungen dazu sagen?! Die würden sich auch freuen. Der Peter hatte schon oft gequält:

›Mutter, thu doch jetzt dat Schwarz aus, et steht dir nit.‹

Gedankenvoll nickte sie vor sich hin: ja, der Peter hatte recht, und vergessen würde sie ihn darum doch nicht!

Langsam kniete sie vor der Lade nieder und kramte darin weiter. Auch allerhand Kleidungsstücke von ihm kamen noch zum Vorschein; die würde sie für die Jungen zurechtmachen lassen. Wenn die nur auch so brav wurden, wie ihr Vater gewesen!

Ein hölzernes Kästchen mit eingelegtem Deckel fiel ihr in die Hände. Ach, das alte Ding! Das war in der Mädchenzeit ihr Staatsnähkasten gewesen, den sie nie für gewöhnlich gebraucht, in dem sie nur all ihre kleinen Heiligtümer verwahrt: Bandrestchen, Seidenfleckchen, Heiligenbildchen, ein Nadelbüchschen – und nun kam auch noch anderes daraus zum Vorschein. Ein kleines Buch mit zierlich gerankten goldenen Passionsblumen auf dem Einband. Es durchzuckte sie, als sie es ergriff: das hatte ihr einmal einer geschenkt, der sie geliebt hatte – und sie ihn! Rot, wie frisches Blut, glänzte noch das kleine Buch, es hatte nichts von seiner warmen Farbe eingebüßt, – so leuchtend wie am Tage, da der’s ihr gegeben.

Sie schlug es auf; ein gelbseidenes Bändchen lag als Zeichen, und runde, vergilbte Tropfen markierten sich auf dem Blatt – Thränentropfen. Sie mußte wohl einstmals darüber geweint haben.

›Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, Daß ich so traurig bin, Ein Märchen aus alten Zeiten –‹

Leise begann sie zu summen. Das schöne Lied! Nun sangen es auch längst ihre Kinder. Es war unvergessen und würde unvergessen bleiben.

Lächelnd schlug sie das Büchlein zu. – – – ›Viktor – –!‹

Wie ein Gruß stieg es von dem roten Buch zu ihr auf; sie hielt das im Schoß und fühlte sich auf einmal wieder ganz jung.

Und zwei Papiere ruhten im Kästchen, neugierig griff sie auch nach diesen. Erst hier dies zusammengekniffte, goldgeränderte Kärtchen!

›Mädchen, wenn ich einmal sterbe Und der Tod mein Auge bricht, So pflanz’ du auf meinem Grabe Eine Blum’: Vergißmeinnicht!‹

las sie.

Ach Gott, das hatte ja Conradi geschrieben, damals, als er um sie freite! Und sie hatte darüber gelacht. Jetzt schossen ihr Thränen in den Blick, so ungeahnt rasch und heftig, daß sie kaum die schöngeschnörkelte Schrift mehr entziffern konnte.

›So pflanz du auf meinem Grabe eine Blum’: Vergißmeinnicht!‹ – Die erhobene Hand sank ihr nieder – nein, er brauchte keine Angst zu haben, sie pflanzte auf seinem Grabe mehr als eine Blume!

Ihr Blick irrte flüchtig zu dem roten Büchlein, aber nur einen Moment, um dann fest und lange auf dem goldgeränderten Papier zu ruhn. Ihre Thränen flossen; so hatte sie noch nie um ihren Mann geweint. Heiß fielen die Tropfen auf seine Schrift und auf die beiden Eheringe an ihrer Hand.

Ihre Gedanken flogen zurück Jahr um Jahr. – – Ihr guter Mann! Was wäre aus ihr geworden ohne ihn?! Er hatte sie an die Hand genommen und sie fortgeführt in das stille Häuschen nach Vohwinkel; er hatte für sie gesorgt und ihr nie ein böses Wort gesagt. Und wenn es sie auch manchmal gedeucht hatte, als könne man jauchzender glücklich sein – er war nüchternen Sinnes, und das Blut sprang ihm nicht so lebendig durch die Adern wie ihr – er hatte sie doch immer verstanden. Hundert Dinge, die ihr jetzt plötzlich einfielen, bewiesen ihr das. So verschieden sie auch waren, er hatte sie verstanden, weil er sie innig lieb gehabt.

Lange blieb Josefine vor der Truhe knieen. Die Kinder nebenan schliefen sanft, man hörte nicht einmal ihre Atemzüge. Auch die Stadt war still. Auf der Straße kein Tritt, in der Kaserne kein Ruf. Kein militärisches Signal mehr gellte weit hinaus und stöberte die schlummernden Gassen auf.

Die Witwe träumte. –

Plötzlich schreckte sie auf.

»Herrraus!« Rauh tönte es durch die Stille. Was, schon die Ronde? So spät war es schon? Und der Ferdinand noch immer nicht da? Es würde ihm doch nichts passiert sein?!

Sie öffnete das Fenster und spähte hinaus – kein Wagen, auch keine Gestalten! Nirgendwo mehr Licht, nur der Herbsthimmel, klar gestirnt, voll unzähliger, funkelnder Kerzen. Massig streckte sich der Bau der Kaserne, mit seinen endlosen Mauern die Straße begrenzend, in einer festen, einförmigen Linie. Jetzt fiel’s ihr auf, vielleicht zum erstenmal, wie häßlich eigentlich der Bau war. Aber sie wehrte sich gegen den Gedanken; denn den hatte ihr ja nur der Peter eingeblasen, der schimpfte immer über die langweilige Kaserne und fand sie so garstig, wie gar nichts anderes auf der Welt. Nun, mochte er – sie nickte vertraulich hinüber – ihr war sie trotzdem lieb. Eine plötzliche Sehnsucht überkam sie, einmal hinein zu dürfen, einmal sich wieder gegen das schwere Thor zu stemmen, das den Hof – ihren Hof – verschloß. Ob jemand oben in der Feldwebelwohnung wohnte?! Sie hatte schon einmal die Mutter danach gefragt, aber ein Schatten war über deren Gesicht geflogen: ›Ich weiß et nit.‹

Die Mutter hatte eine gewisse Scheu vor den Erinnerungen an jene Zeit. Und die Tochter begriff das wohl. –

Jesus, der Ferdinand kam doch gar nicht wieder, der schien sich zu gut am Stammtisch zu behagen! Noch einmal spähte sie die Straße hinauf und hinab, und dann zog sie sich mit einem Seufzer vom Fenster zurück. Es würde ihr wohl nichts helfen, sie mußte schon die ganze Nacht aufsitzen, denn wie sollte der Einbeinige sonst in’s Bett kommen? Ach Gott, das war doch zu traurig mit dem armen Kerl! Hätten die Preußen doch keinen Krieg angefangen!

Da fiel ihr Blick auf den andern Zettel, der ihr vorhin aus dem Kästchen entfallen war. Sie hob ihn auf. Wie eine Vorschrift, groß und fest und deutlich, stand auf dem liniierten Schulheftblatt:

›Über alles die Ehre!‹

Das hatte ihr Vater geschrieben in letzter Stunde! Sie setzte sich nieder und dachte und starrte und starrte und dachte, bis ihr die Augen zufielen.

Ein Wagengerassel erweckte sie, ein recht langsames, müdes Räderrattern. Ah, da kamen sie endlich!

Verschlafen taumelte sie die Treppe hinunter. Von St. Anna schlug’s drei.

»Och Jott, och Jott, bis du’t, Ferdnand?«

Noch ganz verwirrt schaute sie in den Wagen, aber sie wurde gleich hell wach: da lehnten der Ferdinand und der Schnakenberg im Fond, nebeneinander, Arm in Arm, und schnarchten.

»He, Sie, Schnakenberg! Ferdnand!« Jetzt die wach kriegen!

Schmunzelnd stieg der Kutscher vom Bock. »Wollen Se nit jefälligst aussteijen, Herr Schnakenberg?« sagte er.

Mit vereinter Mühe weckten sie Herrn Schnakenberg. Verdutzt kroch der aus dem Wagen und wackelte hin und her auf seinen einknickenden Beinen, aber er lachte vergnügt und kniff die ärgerliche Josefine in die Backe.

»Finken, mei lieb Dier, sei ens nit unjemütlich! De Jung’ kriegt auch en Bein, beim Brandt in Oberbilk, kost’ et wat et kost’! Et war des Juten en bißken viel, aber dat thut ja nix. Faß ens an, Kink, wer wollen dat Jüngesken ’erauftragen!«

Es war wiederum eine schwierige Sache, den Invaliden die Treppe heraufzubringen. Er war schwer wie ein Klotz. Als er auf dem Bett lag, schlug er für einen Moment die Augen auf und stierte verwundert der Schwester blaues Kleid an.

»Siehste, wie de biste,« lallte er, »auch blau – blau – blau – blau – der Schnakenberg is mein Freund – Bruderherz – ich krieg en Bein – dat andre is futsch – blau – blau – blau – Fina – ich geh’ noch tanzen mit dir – hurra!«

XXI

Ein glücklicher Stern schien über dem kleinen Laden aufgezogen zu sein und freundlich das schwarze Schild mit den weißen Ölfarbenbuchstaben zu beglänzen. Josefine konnte nicht in das allgemeine Lamento über schlechte Geschäfte einstimmen, obgleich auch sie die Teuerung der Lebensmittel, besonders den unerhörten Preis des Fleisches, empfand.

Der November hatte Düsseldorf eine neue Besatzung gebracht: das 39. Regiment, statt der alten Sechzehner, war vollzählig eingerückt. Die lustigen Füsiliere füllten die Höfe und Blocks der Kaserne wie summende Bienen und schwärmten aus, um sich in der neuen Garnison heimisch zu machen. Und: Rinke – Rinke – das war ein Name, der den Sechzehnern sehr geläufig gewesen, nun ging der wie ein Vermächtnis auf die Neununddreißiger über. Rinke, einstmaliger Feldwebel, – Josefine Rinke, Feldwebelstochter, hübsche Frau, bei der mußte man kaufen!

Und Josefine lächelte hinter ihrem Ladentisch und wußte ganz genau, was dem Soldaten not that. Der kleine Fritz half ihr schon getreulich, der Peter hatte desto weniger Sinn für’s Geschäft; und der Ferdinand, ach, du lieber Gott! Dem wurde gleich alles leid. War es Faulheit, oder that ihm sein weggeschossenes Bein wirklich noch weh? Er jammerte immer: ›Autsch, mein großer Zeh’!‹ Seine Stimmung war erbärmlich, und als die grauen Wintertage kamen, wurde sie noch grauer.

Der Jammer um’s verlorene Bein war nun doch nachgekommen und zwar gründlich. So ein Krüppel zu sein, so ein hilfloser Schächer in den besten Mannesjahren! Er verwünschte Gott und die Welt.

Solange der Herbst noch Sonne gegeben, hatte er vor der Thür gesessen und sich den Rücken bescheinen lassen; da hatten die Kinder sich um ihn gesammelt, und die Frauen der Nachbarschaft hatten ihn förmlich poussiert. Jetzt fehlte ihm jede Zerstreuung; das Interesse der Leute an ihm hatte nachgelassen.

»Natürlich,« sagte er bitter, »jetzt vergessen sie, daß man seine Haut zu Markt getragen hat! Un dreizehn Thaler Invalidenpension, was is denn das? Gar nix. So viel wie mein Bein gewogen hat, müßten se mir in Gold geben, un dann wär’ es auch noch nich genug. Mein Bein, ach, mein Bein!«

In solcher Stimmung schmiß er mit seinem einzigen Stiefel.

Josefine hoffte auf das künstliche Bein, das der Mechaniker Brandt in Oberbilk für Ferdinand in Arbeit hatte. Der war ein geschickter Mann; sie setzten nun alle ihre Zuversicht auf ihn. Schnakenberg machte sich ein Gewerbe daraus, fast alle Nachmittag nach dem Schläfchen hinauszuspazieren nach Oberbilk, um zu sehen, was ›sein‹ Bein machte.

Endlich kam es. Sie waren alle versammelt; Herr und Frau Schnakenberg waren extra dazu erschienen. Sie glaubten, der Ferdinand würde nun stracks laufen können, aber hilflos wie ein Kind stand er da und klammerte sich an den Tischrand.

»Jesus, is das schwer! Schwer wie Blei,« stöhnte er, und der Angstschweiß brach ihm aus. Er vergaß ganz, sich beim Stiefvater zu bedanken; er war wie geschlagen.

»Nu jeh doch, probier’ doch ens, mein Jüngesken,« redete ihm die Mutter zu.

»Ich kann nich!«

»De Brandt hat dat schlecht jemacht,« eiferte der Stiefvater. »Wahrhaftijens Jott, de Kerl verklag’ ich!«

Josefine bot dem Bruder ihren Arm zur Stütze, aber er stieß sie mit einem Fluch zurück und schloß die Augen. »Ach, wär’ ich lieber tot!« Er konnte ja doch nicht gehen.

Erschrocken schmiegte sich Fritz an die Mutter und lispelte ihr etwas in’s Ohr; aber man verstand es doch in der betroffenen Stille:

»Mer kann doch jehn, mer muß et nur erst lernen!«

Freilich, freilich, das hatte der Brandt auch gesagt! Nun fiel es ihnen ein. Schnakenberg tätschelte den Kleinen:

»Wat de Jung’ schlau is! Wart ens, klein Männeken, wann de zur Kommuni–, wollt’ sagen: zur Konfirmation jehst, dann kriegste auch en jolden Uhr von mir!«

Der Invalide rief den Knaben heran und küßte ihn in aufwallender Hoffnung. Ja, lernen! Dann ließ er sich helfen, das Bein abschnallen; für heute hatte er erst mal genug davon.

Josefine sah gerührt auf ihren Jüngsten; der hatte so viel von seinem Vater: die Ruhe, die Bedächtigkeit. Und auch von seinem Patenonkel was: den praktischen Blick. Dann schaute sie auf ihren Großen, es deuchte sie, der war totenblaß geworden; nun verließ Peter plötzlich die Stube. Ein komischer Jung’, der konnte gar nicht so etwas mit ansehen. Dem war sicher wieder schlecht!

Sie ging ihm nach und suchte ihn. Oben in seiner Kammer fand sie ihn, da hatte er sich über’s Bett geworfen und das Gesicht in’s Kissen gedrückt. Als sie ihn rief, richtete er sich auf und sah sie verstört an.

»Aber, Jung’,« sagte sie, »wat haste nu als wieder?«

»Huh, so häßlich! Ba, dat Bein, so eklig!« Er schüttelte sich.

»Wat is dann da eklig an? Et is doch en Jlück, dat der Onkel dat Bein kriegt.«

»Ja, ja, – aber red’ nur nit mehr dervon, et wird mir sonst übel. Huh, wie scheußlich, wie jreulich!«

Er kam gar nicht mehr davon los; seine Augen hatten sich schreckhaft erweitert und starrten geradeaus, als ob sie das Grausen vor sich sähen.

»Du bis ja en Bangbüx, schäm’ dich,« sagte die Mutter.

Er hörte sie gar nicht, immer mit demselben starren Blick murmelte er: »So schießen se sich auch de Arm’ ab, die Augen aus, in den Bauch, in de Brust, in den Kopf, wo’t trifft – Mutter,« sagte er dann plötzlich, wie sich besinnend, »komm du her, jieb mir en Bützken! Dat is ja all dumm Zeug, lassen wer nit mehr dran denken!«

Er lachte, und sie küßte ihn und strich ihm die Haare aus der Stirn, die ihm immer wieder in einer vollen weichen Locke hineinfielen. Die Thränen traten ihm in die Augen, als er jetzt sagte: »Der arme Onkel!«

Der gute Junge! Wie hübsch er war und wie weichherzig! Was nur aus ihm werden sollte? Sie beschloß, bei nächster Gelegenheit mit ihrem Bruder Friedrich Rücksprache zu nehmen, der würde ihr schon raten; denn daß der Peter zum Januar von der Schule mußte, stand bei ihr fest. Er kam da doch nicht weiter, hatte nur Lust am zeichnen und malen. – ›Maler, Mutter, Maler!‹

Ach, nun hatte sie’s so klug zu machen gedacht, als sie nach Düsseldorf gezogen. Wäre es ihrem Peter nicht besser, sie säßen noch in Vohwinkel? Oder hätte er dort auch am Ende denselben Wunsch gehabt: Maler, nur Maler! Jetzt entsann sie sich, schon als kleiner Junge hatte er Männchen und Häuschen auf die Tafel gekritzelt, so kraklig wie andere Kinder auch und doch wieder ganz anders. Und wie konnte er sich freuen über eine schöne Blume, ein grünes Feld, über den Mond am Himmel und die roten Abendwolken!

Und ihr eignes Kinderentzücken fiel ihr ein über die blühenden Wiesen am Rhein, über die grünen Wellen, die vorbeizogen am alten Schloß, über die roten Dächer der Ratingerstraße, über den dunklen Kalvarienberg, an dem bunte Prozessionen vorbeiwallten – ja, der Junge hatte so unrecht nicht, hier konnte einer wohl Bilder malen! Man hörte ja auch so viel davon reden – Bilder, Bilder – der Bendemann und der Keller, der Deger und der Müller, die Achenbachs, und wie sie alle hießen, waren in aller Leute Mund. Man konnte sogar im Blättchen von ihnen lesen. Und die Grablegung Christi von dem Roeting war sie selber gucken gegangen mit ihren beiden Jungen. Das war mal ein großes Bild, zwölf Fuß hoch und elf Fuß breit! In der Akademie war’s ausgestellt gewesen zum Besten der im Krieg Verwundeten; aber man hatte immer nur von dem Bild geredet, gar nicht von den Verwundeten. Das mit dem ›malen‹, das lag hier in der Luft. Der arme Jung’, wie sollte das noch werden?!

Ihr Herz bangte um ihn. – – –

Es war zu Beginn des neuen Jahres, als Onkel Friedrich aus Essen herüberkam. Josefine hatte ihn schon eher erwartet, aber er hatte nicht gut abkommen können; bei Krupp arbeitete man eifrig an einer Riesen-Gußstahlkanone für die Ausstellung in Paris. Alle großen Etablissements und Fabriken rüsteten jetzt Ausstellungsobjekte. Die Weltausstellung in Paris war ein Gedanke, der alle geschäftlichen Unternehmungen beseelte.

Auch Friedrich Rinke trug große Pläne. Er hoffte darauf, sich selbständig zu machen; freilich nicht heute und morgen, aber in Jahr und Tag vielleicht. Wenn ihm nur einer Kapital vorschießen wollte! Dann wollte er wohl zeigen, was man heutzutage in der Industrie vor sich bringen kann. Seine Zeit hatte er gut genutzt, und von allerlei Erfindungen, die er gemacht, war ihm schon eine patentiert worden. Er dachte ja auch nicht gleich an eine Maschinenfabrik, an ein Walzwerk oder einen Eisenhammer; mit einer bescheidenen Schmiede anzufangen, wäre auch keine Schande.

»De Krupp hat et auch nit anders jemacht,« sagte er und betrachtete seine verarbeiteten Hände. »Werkführer bin ich ja schon, Jott sei Dank! Un ich bin ja auch noch nit e so alt; ich fühl’ mich jung jenug, in zwanzig Jahren mit dem Krupp zu konkurrieren. Wenn nit mit Kanonen, dann mit Eisenbahnschienen. Eisenbahnschienen, Eisenbahnschienen, die jehen noch emal um die janze Welt. Die tragen noch weiter wie Kanonen. Un, paßt auf, sollten wer noch ne Krieg kriegen, dann aber! Wann wer dann wieder siegen, dann rauchen unsre Fabricken aus sechs Schornsteinen anstatt jetzt aus einem, un unsre Hochöfen sind noch sechsmal so heiß wie jetzt. Paris, Paris – wat brauchen wer dann noch französ’sche War’? Un englische auch nit. Wat denkt ihr wohl, 66, auf dat mer e so schimpft, hat dem Krupp mehr einjebracht als drei Friedensjahr’. De schickt jetzt auf die Weltausstellung, janz frech, und de kriegt auch der erste Preis, die jroße joldene Medaill’ – wetten?!«

Es fiel ihnen gar nicht ein, dagegen zu wetten; sowohl der Invalide als Josefine, die mit dem Bruder im Familienrat saßen, glaubten ihm.

»Och ja, der Friederich,« sagte Ferdinand mit einem Seufzer. »Krumme Bein’ sind immer noch besser wie ein Bein.«

»Lassen wer doch jetzt mal de Peter ’ereinrufen,« bat Josefine. Es wäre ihr lieb gewesen, der hätte den Onkel so sprechen gehört, dann würde er vielleicht nicht mehr so viel Anstoß an dessen Beinen nehmen. Sie rief, aber nur der kleine Fritz, der unten auf den Laden paßte, antwortete. Peter war nicht da; weggelaufen, obgleich er wußte, um was es sich heute handelte! Oder vielleicht gerade darum?!

»Er is nit da,« sagte Josefine kleinlaut, als sie in die Stube zurückkam, und stützte den Kopf in die Hand.

»No, also Fahnenflucht!« schrie der Invalide und paukte auf den Tisch. »Der feige Lümmel! Der muß jung bei ’s Militär! Fina, ich sag’ dir, der soll mal in die Schlacht – Kugel rechts, Kugel links – die pfeifen nur so um die Ohren. Aber da giebt es kein Auskneifen – Courage muß der Mensch haben! Immer drauf los, marsch, marsch – man patscht im Blut, macht nix, immer voran! Ich sag’ euch, als wir die fränkische Saale überschritten, am 10. Juli war’s, wir machten den Ubergang auf einem Balken – autsch, Donnerwetter!« Er unterbrach sich und faßte nach seinem Beinstumpf. Ein plötzlicher Schmerz, wie er ihn so oft durchfuhr, riß ihn an der großen Zeh’. »Ach, ich sage euch,« wimmerte er in einem jetzt gänzlich veränderten Ton, »verfluchte Zucht!«

Friedrich lachte laut auf über des Bruders Gebahren; er machte sich immer einen Spaß daraus, wenn der andre mit seinen Kriegsgeschichten zu renommieren anfing. Aber Josefine lachte nicht mit; sie dachte an ihren Peter. Warum war er fortgerannt? Diesen Morgen noch, als sie ihm sagte, der Onkel würde heute kommen, um mit ihr über seine Zukunft zu reden, hatte er ihr versprochen, frei und offen mit seinen Wünschen und Plänen hervor zu treten. Und nun war er doch fortgerannt! Wo mochte er sein, gewiß wieder vor einem Bilderladen stehen?! Sie ärgerte sich über den Sohn, aber da er nun einmal nicht hier war, mußte sie wohl für ihn reden. Und sie legte fest die Hand auf den Tisch und sagte schnell:

»De Peter will Maler werden.«

Friedrich lachte sein kräftiges Lachen:

»Hoho, no ja, dat is so en Dummejungesidee!«

»Ne, ne,« ereiferte sie sich, »wahrhaftijens Jott! Er hat et sich in der Kopf jesetzt.«

Der Schlosser sah sie mit seinen klugen Augen an:

»Un du bis auch schon halb dafor, ich seh’ et dir ja an. Fina, biste dann jeck?«

Sie wurde rot und wußte nichts darauf zu entgegnen, denn jetzt, wo der Bruder ein Gesicht machte, wie: ›Maler, puh, Verrücktheit‹, fühlte sie, wie sehr sie dem Jungen die Erfüllung seines Wunsches gegönnt hätte.

»So en Tollheit ist dat doch nit,« sagte sie endlich, ein wenig gereizt. »Er hat Talent.«

»Talent« – Friedrich ereiferte sich gar nicht – »ich will dir wat sagen, Fina, wenn de mich frägst, dann sag’ ich der, laß de Jung’ en Handwerk lernen. Handwerk hat ene joldene Bodem. Un im Handwerk liegt unsre Zukunft. Nit, daß de denkst, er müßt’ nu immer mit de Fingeren knüddelen, wie sie’t früher jemacht haben; von früh bis spät, bei en Talgkerz oder en Öllamp’ – ne, Jott bewahr’! Handwerk, damit mein’ ich jetzt: Industrie! Wer haben jetzt Maschinen, Jott sei Dank! Wenn de Jung’ Talent hat, wie de sagst, dann laß ’n doch Mechaniker werden, Techniker meinswejen, dat klingt nobler, da kann er auch bei zeichnen.«

»Aber dat is doch nit Kunst,« sagte sie betroffen. »Er möcht’ doch Künstler werden.«

»Künstler, so!« Nun stieg Friedrich doch eine Röte in das, von der ewigen Fabrikluft ein wenig bleiche Gesicht. »Ich sag’ dir, et is ebenso en jroße Kunst, en Maschin’ richtig im Jang zu bringen, en Jeschütz zu montieren, ne Schienenstrang zu legen, ne Stollen zu bauen, als so Bildches zusammenzuklecksen. Un wat fingen dann die Maler mit ihre Bilder an, den Ofen könnten se dermit heizen, wann de Industriellen nit wären, die sie ihnen abkauften?! Un sag ens an, weißte dann, ob de Jung’ wirklich en jroß’ Talent hat, en Talent, wo mer auch wat mit verdient, oder ob er so ene kleine Schmierer bleibt, de hungren muß, so lang er lebt?«

Josefine schwieg – ja, ja, wer konnte das wissen?!

Nun mischte sich Ferdinand ein. Talent hätte der Junge keins, nicht die Bohne! Und damit zog er aus der Tasche seines alten Militärrockes ein Papier, faltete es auseinander und legte es vor die andern hin. »Hab’ ich gefunden – verflixter Rabau!«

Und nun raisonnierte er: War das eine Art, daß der Bube ihm gleich auflauerte, wenn er einmal nebenan in die Wirtschaft ging, mit ein paar Kameraden ein harmloses Spielchen zu machen? War ihm die kleine Abwechslung nicht zu gönnen in seinem Jammerdasein? Nur Fratzen konnte der Bengel kritzeln! Keine Spur von Talent!

Auf dem Blatt, mit ein paar Pinselstrichen hingeschmiert, aber doch deutlich erkennbar, saß der Invalide bei Kartenspiel und Schnapsflasche. Rechts und links ein Kumpan. Die Nase, die dem Ferdinand in Wirklichkeit leicht rosig schimmerte, war hier zu einer Riesengurke angeschwollen und mit einem feuerroten Farbklecks verunziert. Ein übergroßes Maul hatte er aufgerissen, er erzählte wohl eben eine Heldenthat. Darunter stand:

›Laß ab vom Kartenspiel, mein Sohn, Denn wisse, jede Sünde rächt sich, Verlor sogar ja Kron’ und Thron So mancher Fürst in – Sechsundsechzig!‹

Der Invalide schäumte vor Wut: woher wußte der respektlose Bengel, daß sie ihm kürzlich die ganze Barschaft abgenommen hatten?!

Eine unbezwingliche Lachlust kam über Josefine. Wahrhaftig, der Ferdinand war nicht gut weggekommen – der Peter, der freche Jung! – aber das Bild war zu komisch. Sie hielt sich beide Hände vor’s Gesicht und platzte laut heraus. Da humpelte der Invalide beleidigt aus dem Zimmer.

Auch Friedrich schmunzelte, aber er wurde gleich wieder ernsthaft. »Säuft de Ferdnand?« forschte er. »Spielt er Karten?«

Sie mußte es bejahen. Die Fröhlichkeit verging ihr. Noch Lachthränen in den Augen, sah sie den Bruder angstvoll an, und dann, von einem plötzlichen Impuls getrieben, ergriff sie seine Hand:

»Och, du, Friedrich, sei so jut, dat de Peter wat Ordentlichet lernt!«

Er zog sie zu sich – von Zärtlichkeiten war sonst zwischen ihnen nicht die Rede – aber nun gab er ihr einen Kuß. Es durchschauerte sie seltsam, als wieder einmal bärtige Männerlippen ihre Wange berührten.

Sie blieben eine Weile ganz still, ohne ein Wort zu sprechen. Die frühe Winterdämmerung war schon da und hüllte das Stübchen ein; im Grau verschwammen Kanapee und Tisch, Schrank und Stuhl, Fenster und Spiegelglas. Einzig die beiden kräftigen Gestalten waren noch scharf umrissen.

Jetzt klappte unten eine Thür, ein vorsichtiger Tritt kam die Treppe heraufgeschlichen; sich aufraffend stürzt Josefine hinaus – das war der Peter! Sie kam noch gerade zurecht, um ihn abzufangen, da er leise wieder hinabschleichen wollte.

»Du kömmst jetz ’erein,« sagte sie ungewöhnlich streng und zog ihn hinter sich her in die Stube. Hier zündete sie die Lampe an, und nun sah sie, wie rasch er die Farbe wechselte; bald rot, bald blaß wurde er, je nach dem, was der Onkel sagte.

Wenn der Junge doch nur was darauf erwidern wollte! Sie nickte ihm ermutigend zu, ging sogar zu ihm hin und gab ihm einen kleinen Schubs: »So sag’ doch ens wat!«

Aber er sagte kein Wort; den Kopf hielt er gesenkt, daß ihm die lockigen Haare in die Stirn fielen, und hörte alles still an.

Der Schlosser war ganz zufrieden: man merkte es ja, der Junge sah bereits ein, daß es mit dem Malerwerden Dummheit war, daß er etwas ergreifen mußte, was seinen Mann nährt! Er blinzelte der Schwester zu und drückte ihr, als er nach dem Abendessen Abschied nahm, bedeutungsvoll die Hand. »Pst, nu nit mehr viel drüber jered’t, laß ihm jetzt jewährden! De kriegt Hammer und Feil’ noch ebenso lieb wie Farb’ und Pinsel. Ich schreib’ der, sowie ich wat in Aussicht für ihn hab’!« Und als er ihr bekümmertes Gesicht sah, fügte er hinzu: »Vielleicht find’t sich auch hier wat in der Stadt! Bis ruhig, laß mich nur machen!«

Josefine seufzte. Der gute Friedrich, wie ein Vater sorgte er – aber ach, sie kannte ihren Jungen doch besser! Der sah es noch lange nicht ein, der würde es vielleicht nie einsehen, daß es mit dem Malerwerden Thorheit war. Immer wieder hatte sie ihren Peter ansehen müssen beim Nachtessen; es schmeckte ihm gar nicht recht, obgleich sie dem Gast zu Ehren ›Schnüßkes und Oehrkes‹ gekocht hatte und von ihrem selbsteingelegten Kappes dazu aufgetragen. Immer hatte der Junge auf seinen Teller gestiert, und das schöne Rot auf seinen Backen war ganz weg. Der arme Jung’!

Als sie jetzt, spät am Abend, im Begriff, sich zur Ruhe zu legen, ein Knacken der Bettstatt und ein Rascheln des Strohsacks in der Nebenkammer hörte, schlich sie auf Strümpfen hinüber. Vielleicht, daß er sich zu fest zugedeckt hatte und sich nun in einem bösen Traum warf! Den Atem anhaltend, stand sie lauschend vor seinem Bett – schlief er? Licht anzuzünden wagte sie nicht; durch den Ladenspalt fiel nur ein spärlicher Mondschimmer, vergebens suchte ihr Blick sein Gesicht.

Horch, jetzt murmelte er!

»Die Fabrick, die eklige Fabrick!« Er stieß mit den Füßen. »Nit in die Fabrick!« Und jetzt stöhnte er laut auf, und es klang wie ein Schrei: »Mutter!«

Da hielt sie’s nicht länger aus, sie tastete mit der Hand, bis sie sein Gesicht fand, und strich über seine Wange. Und er war gleich wach.

»Mutter, bist du ’t?«

»Hm!«

»Mutter, mach doch Licht an, et is ja stichdunkel hier! Och, ich hab’ jeträumt, so eklig, so jräßlich« – er seufzte schwer – »Mutter, Mutter!« In einer großen Aufregung warf er sich hin und her, seine Stirn und seine Hände glühten. »Mutter,« sagte er plötzlich und packte sie fest an, »soll ich dann wirklich nit Maler werden?«

Sein Ton schnürte ihr das Herz zusammen. Seine unruhigen Hände in die ihren fassend, setzte sie sich zu ihm auf den Bettrand. Durch die Dunkelheit glitt ihre Stimme, weich wie Sammet. Sie wiederholte ihm, was der Onkel gesagt, sie setzte ihm alles auseinander, sie redete ihm zu – es half nichts, er blieb dabei: ›Maler!‹ Ja, jetzt konnte er reden. Warum hatte er denn all das dem Onkel nicht gesagt?!

»Du dumme Jung’, hättste doch wat riskiert!« Sie hatte eigentlich über sein Fortlaufen tüchtig mit ihm schelten wollen, aber jetzt wurde nur ein liebevoller Vorwurf daraus. »Warum haste dann nix jesagt?«

»Ne!« Er zog sich ordentlich in sich zusammen. »Och, de! De versteht da ja doch nix von. De denkt nur an Jeldverdienen. Mutter, Mutter, un ich möcht’ dich doch malen in deinem blauen Kleid, mit deinem blonden Haar, auf en Altarbild, so wie du bist, un wie du mich anlachst! Verhungeren werd’ ich schon nit, wenn ich Maler werd’, davor bist du ja da, jelt, Mutter, jelt?« Er warf sich in ihre Arme und küßte sie stürmisch.

Josefine fühlte ihr Herz aufwallen. Ihr lieber Junge! Unwillkürlich schloß sie die Arme fester um ihn. Worte der Zärtlichkeit drängten sich ihr auf die Lippen – aber da, halt, ein rauher Ton unterbrach das Geflüster.

›Herrraus!‹ schallte es von der Wache herüber. Wer auch im weichsten Bett lag, mußte es hören; knapp und klar, scharf und energisch drang das militärische Kommando durch die Nacht.

›Herrraus –‹ wie aus einem Traum erwachend, aufgeschreckt, mit starren Augen sah Josefine in’s Dunkel. Das war ihr durch Mark und Bein gegangen. Auf einmal sah sie das Kasernenthor und den Hof und die Feldwebelwohnung und den Vater und die Mutter. Lang und stramm der Vater, fest eingeknöpft in seine preußische Montur: ›Maulhalten, parieren, wird nicht gemuckt!‹ Aber die Mutter legte sich auf’s parlamentieren, auf’s bitten und betteln: ›Die armen Jüngeskes, die wollten doch auch ihr Pläsier haben!‹

Unwillkürlich lockerten sich Josefines Arme, mit denen sie ihren Sohn so zärtlich an’s Herz gedrückt. Ach, wer das doch könnte, nicht zu streng und nicht zu schwach sein! Sie stand vom Bettrand auf und reckte sich gerade.

»Peterken,« sagte sie – ihre Stimme wankte noch, aber sie wurde nach und nach fest – »ich kann dir nit helfen, du mußt jehorchen. Hör’ auf den Onkel Friederich! Siehste, de kömmt voran. Werd’ kein Maler! Et is ja schön, aber« – sie zögerte und seufzte – »aber ich bin doch e so bang, da wirste bummelig. Un wenn du nit so ’n jroß Talent hast, wie de Achenbachs oder wie de Knaus, dann sitzte da. Un du sollst doch deinem Bruder bald en Stütz’ sein, un wenn ich alt bin –«

»Och, Mutter,« nun lachte der Peter hell heraus, »sag doch jleich: ›Wenn ich mit’m Kopp wackel‹!« Er hatte schnell seinen Kummer vergessen und war jetzt wie außer Rand und Band. Sich in die Höhe schnellend, faßte er ihr heißes Gesicht zwischen seine Hände und lachte: »Mutter, du un alt?! Och, Mutter, ne, wenn mer sich dat vorstellt – zum Kobolzschießen! Ha, ha, du wirst nie alt, du bleibst immer jung!«

»Och Jott,« seufzte sie, seltsam durchschauert, und reckte die vollen Arme empor. »Früher, da hat et mich immer jejruselt vor’m altwerden, jetz nit mehr e so arg. Aber Freud’ möcht’ ich vorher noch haben, so lang’ ich se recht jenießen kann, viel Freud’ – an dir, mein Jung’!« Sie lächelte. »Peter, thu et mir doch zulieb, hör’ auf den Onkel Friederich un –«

»Hör’ auf, Mutter,« sagte er, plötzlich zusammenzuckend, unangenehm berührt, und vergrub den Kopf in sein Kissen. »So – so hör’ ich nix, ich hör’ jar nix mehr. Aber dat sag’ ich dir, wann ich dann durchaus nit Maler werden soll, in de Fabrick jeh’ ich nit. Denkt euch meinswejen wat anderes aus. Ich jeh’ nit in de Fabrick – ich kann nit!« Die letzten Worte kamen nur noch stoßweise heraus. Er weinte.

Tief betrübt schlich Josefine fort. Da fühlte sie sich am Rock gezupft. Am Bett ihres Jüngsten war sie vorübergestreift. Nun hielten die kräftigen Kinderarme sie fest.

»Ich schlaf’ nit,« flüsterte die noch zarte Knabenstimme. »Mutter, thu ens deinen Kopf ’erunter, dat ich dir wat im Öhrken sagen kann. So – du wirst doch alt, wenn de Peter auch sagt, du bleibst immer jung; dat denkt de sich nur all so aus. Alle Leut’ werden alt.« Er stand im Bett auf, steckte den Kopf unter ihrer Achsel durch und zog sich ihren Arm über die Schultern. So ruhte sie auf ihm mit ihrer ganzen Schwere. »Fühlst de’t nu, ich bin stark,« sagte er. »Un wann de mit dem Kopf wackelst, un en janz alt Mütterken bist, dann führ’ ich dich immer so – jelt?«

Sie nickte stumm, und dann strich sie dem Kind über den Kopf.

»Ja, du, du klein Stümpken! Nu leg’ dich!«

Er duckte sofort nieder. »Jut’ Nacht, Mutter!«

Und als sie noch einen Augenblick stand, hörte sie schon seine ruhigen, gleichmäßigen Atemzüge.

Ihr Großer weinte noch immer dumpf in sein Kissen, aber sie ging nicht mehr hin zu ihm.

Das ›Herrraus!‹ der Wache dröhnte ihr noch immer in den Ohren.

XXII

Der Halbfastenmarkt auf dem Karlsplatz war im Gang. Eigentlich hätte es schon Frühling werden müssen, aber die Zelttücher der Buden wehten noch wild im Sturm. Der Madame Lefèbre, die wie alljährlich ihren Stand aufgeschlagen, war die Bedachung über’m Kopf weggeflogen, und der kalte Regen goß auf ihre berühmten Lebkuchen. Am Hammerdeich, auf dessen Rasenhang sich sonst längst die ersten Veilchen sonnten, stand das Rheinwasser hoch, und im Hofgarten duckten sich Bäume und Büsche noch scheu vor’m rasenden Märzwind.

In der Kaserne feierten die neununddreißiger Füsiliere mit Kling und Klang den siebzigsten Geburtstag König Wilhelms. Rinkes Fina, wie die Bewohner der Kasernenstraße die Witwe Conradi noch immer nannten, hatte unzählige weiße Wildlederhandschuhe dafür zu waschen gehabt. Bruder Friedrich hatte sie auf diesen Nebenerwerb gebracht. Jede Parade, jede Besichtigung gaben ihr nun zu thun; selbst die Herren Offiziere wandten ihr ihre Kundschaft zu.

Der Zahlmeister, eine wichtige, stattliche Persönlichkeit und Witwer, hatte die hübsche Frau unter seine ganz besondere Protektion genommen. Er brachte seine Handschuhe immer selber, und dann zögerte er länger im Lädchen, als nötig gewesen wäre. Er war sehr entgegenkommend. Josefine ging schon mit dem Gedanken um, ob sie ihn einmal bitten sollte, ihr den Eintritt in die Kaserne zu ermöglichen. Bis jetzt hatte sie nur immer durch’s Thor einen Blick erhascht auf die Ahornbäume. Die waren noch da, nur größer geworden. Aber daß die Feldwebelwohnung in Hof I nicht mehr als solche diente, das hatten ihr der Gefreite Hucklenbruch von der vierten Kompagnie und der Unteroffizier Schmidt erzählt.

Sie begriff gar nicht, was die immer über die alte Kaserne zu schimpfen hatten! Die Stuben wären zu klein und zu niedrig, die Thüren Nasenquetschen, in den Blocks seien keine Gänge, die Räume zu ebener Erde feucht! Ach, und ihr war doch alles so groß und weit und schön in der Erinnerung! Daß Düsseldorf freilich eine ganz nette Garnison wäre, das mußten Schmidt und Hucklenbruch zugeben.

Ja, es war besser geworden zwischen Militär und Bürgerschaft. Königs Geburtstag feierte die Stadt freundschaftlichst mit. Der Kartätschenprinz war ja nun König, ein alter schon und ein siegreicher dazu! Alle Ohren hatten sich gespitzt beim Klang der großen Reveille, der Paradeplatz war von Tausenden umdrängt, die Schulen hatten frei; man sah Offiziere in höchster Gala mit Helmbüschen und befrackte Herren in Cylinder und weißer Binde zum gemeinschaftlichen Festessen in der Tonhalle gehen.

Aus den Mannschaftsküchen wehten Schweinsbratendüfte Josefine in die Nase, als sie aus ihrem Fenster zur Kaserne hinüberblinzelte. Ach, sie erinnerte sich solcher Festtagsgerüche gar wohl!

Als gestern abend der große Zapfenstreich durch die Straßen quinkelierte und Bürger in Scharen gefolgt waren, da hatte auch sie ihre Jungen untergefaßt, und war mitgezogen im gleichen Schritt und Tritt.

»Mutter, kannst du aber marschieren!« sagten die Kinder und lachten. Ja, das konnte sie auch noch – eins, zwei – eins, zwei – hatte sie es denn nicht gelernt?

»Mutter, du hälst ja Tritt wie einer – äh, – bei Seiner Majestät Jarde – äh!« neckte der Peter und äffte den Berliner Gardeton nach.

Es verdroß sie fast ein wenig, daß der Junge so spottete. Vertraulich nickte sie zur alten Kaserne hinüber, deren Umrisse eben wieder im ungewissen Schein der im Wind flackernden Laternen auftauchten.

Zu Hause beim Ferdinand, der unterdes das Lädchen bewacht – dazu ließ er sich wenigstens herbei – hatte sie dann den Gefreiten Hucklenbruch gefunden.

»Och, Herr Hucklenbruch, wat sind Sie verdrießlich!«

Sie that verwundert darüber, aber eine Röte stieg ihr verräterisch in’s Gesicht. Wußte sie doch ganz genau, der junge Mensch kränkte sich, daß sie ihm schon neulich rundweg abgeschlagen, morgen mit bei dem Königs-Geburtstagsball zu sein. Nicht, daß sie nicht noch einmal in ihrem Leben gern getanzt hätte – o, sie wollte den Walzer wohl schleifen und den Rheinländer schon wiegen! Als er ihr die Einladung so dringend gemacht, da war ihr wohl für ein paar Augenblicke die Lust angekommen, aber nein, der junge Mensch, was würde sich der dann einbilden?!

Er sah sie so wie so immer so glühend wie möglich an mit seinen wasserhellen Augen und drehte dabei verlegen an seinem schüchternen, flachsblonden Schnurrbärtchen.

Nun wollte er noch einmal sein Heil versuchen. Nicht umsonst war er an der Porta Westfalica zu Hause – die von der roten Erde haben alle eine gewisse stille Zähigkeit.

»Sie wollen also sicher und chewiß nich, Madam Conradi, und es wird so schön.« Er sah sie an, als hinge seine ganze Seligkeit von ihrer Antwort ab.

»No, so geh doch als, Finken,« sagte der Invalide; der junge Westfale mußte ihn wohl gespickt haben, denn er redete sehr eifrig zu. »Wenn mer so lang Trübsal geblasen hat, wie du, kann mer sich wahrhaftig emal en klein Pläsier gönnen.«

»Ich hab’ nit Trübsal jeblasen,« entgegnete sie rasch und zeigte mit einem vollen Lachen ihre weißen Zähne.

»No, ich mein’ – no, du bis ja doch nu als zwei Jahr Witwe!«

»Och so, du meinst wejen dem Conradi?! Ne!« Sie schüttelte den Kopf, ihr Lachen wurde zu einem wehmütigen Lächeln. »Ne, wejen dem könnt’ ich ruhig auf der Ball jehn, de würd’ sich nur drüber freuen.«

»Och, dann kommen Sie doch hin,« bat der junge Westfale, und sein helles Gesicht, mit dem Sattel von Sommersprossen über der Nase, strahlte. »Chewiß und wahrhaftig, Sie riskieren nix!« Er hob ernsthaft die Hände. »Bei mir sind Sie wie in Abrahams S-chößchen. Chehn Sie doch mit, chehn Sie doch mit! Es wird chanz wunderschön!« Im Eifer that er, was er sich noch nie getraut hatte, und legte kühn den Arm um ihre Taille.

Da machte sie sich lachend frei; dem nahm sie das nicht übel, der war ja noch so jung und – er hatte ihr oft von Haus erzählt – guter Leute Kind. Der war nicht frech. So lächelte sie ihn freundlich an, aber sie blieb bei ihrer Absage.

»Danke sehr, Hucklenbruch, aber ne, dat wär’ ja wohl lächerlich, wann ich mit Ihnen wollt’ auf der Ball jehn. Ich hab’ ja so ene jroße Jung’!«

Der junge Mensch wurde dunkelrot: das verletzte ihn doch gar zu sehr. Nicht zum erstenmal ließ sie es ihn fühlen, daß sie ihn nicht recht für voll erachtete, daß er ihr zu jung war. Nein, er wollte auch gar nicht mehr an sie denken, es gab hübsche Mädchen genug, die gern mit ihm auf den Ball gingen. Er pfiff auf ihre Freundlichkeit! Sie brauchte ihn auch gar nicht mehr zu fragen, was denn seine Mutter geschrieben, und ob es beim Exerzieren ›gut gegangen hatte.‹ Und doch fuhr es ihm wie ein Stich durch die Seele, als jetzt die Ladenschelle bimmelte und der Unteroffizier Schmidt schnellen Schrittes über die Schwelle trat.

»’n Abend,« sagte Schmidt recht forsch und legte, die Hacken zusammenklappend, den Finger an die Mütze. »Wie steht das Befinden? Alles wohl? Freut mir unjemein!«

Wie der den militärischen Gruß und das Schwadronieren weg hatte, der Kerl! Natürlich, ein Berliner! Die lagen ja schon neunmal klug in den Windeln! Der kleine Hucklenbruch warf einen bitterbösen Blick nach dem, für einen neununddreißiger Füsilier auffallend großen Menschen.

Schmidt lehnte jetzt über den Ladentisch, den rechten Ellbogen aufgestützt, und redete auf Frau Fina ein. Was er sagte, konnte der Eifersüchtige nicht verstehen, wie sehr er auch die Ohren spitzte. Aber er sah, wie die blonde Frau mit gesenktem Blick zuhörte. Das Blut sauste ihm in den Ohren: ob sie am Ende mit dem hinging? Der sah natürlich älter aus, hatte dunkles Haar und ein entschlossenes Gesicht – ein freches Gesicht! Der war ihr nicht zu jung.

Aber nun durchrieselte ihn ein freudiger Schreck, denn sie sagte:

»Ne, danke, Herr Unteroffizier, wat Sie da auch all’ sagen, ich jeh’ nit mit.«

»Nanu, da brat’ mir doch eener ’n Storch!«

Der Westfale triumphierte. Das war recht, das war recht, daß der Berliner einen Korb kriegte!

»Un dann,« sagte Josefine und sah sich lächelnd nach Hucklenbruch um, »un dann hab’ ich et ja auch als dem da abjeschlagen!«

»So, – na denn!« Ein rascher Blick des Unteroffiziers streifte den flachsblonden Gefreiten. Dieser empfand es deutlich: das war lauter Geringschätzung, mit der der unverschämte Berliner ihn maß. Er hätte sich auf ihn stürzen mögen, ihn mit den Bauernfäusten zerbläuen.

Aber Schmidt drehte schon seine schlanke Figur mit einer gewandten Schwenkung zur Thür. »Na, denn nich schöne Frau! Adjö Sie!«

Noch einen schnellen Blick tauschten die beiden Rivalen, dann klappte die Thür; man hörte Schmidts Pfeifen draußen auf dem Trottoir.

Der freche Kerl! Was sollte das heißen, dieses verächtliche: ›Na, denn nich!‹?! Hucklenbruch grübelte; eigentlich hätte er dem Verhaßten nachgehen müssen, und ihn zur Rede stellen – ›na, denn nich! na, denn nich!‹ – aber es hielt ihn hier im Lädchen wie mit Banden. Er war sehr glücklich darüber, daß sie den Schmidt hatte ablaufen lassen; sein Herz puckerte, nun war er auf einmal gar nicht mehr so unglücklich, daß sie morgen nicht mitkam. Sie ging eben überhaupt nicht zu dem Ball; und wär’ sie gegangen, wäre er, er der Bevorzugte gewesen! Das machte ihn stolz. Er konnte die Thür nicht finden und merkte nicht Josefines verstohlenes Gähnen; er saß und saß.

Es war ein seliger Abend. Wäre nur nicht noch kurz vor Zapfenstreich der Herr Zahlmeister erschienen. Der brachte ein Paar Handschuhe, die er schnellstens gewaschen wünschte.

Achtung, der kam doch nicht bloß wegen der Handschuhe! Der Dicke mußte deftig viel getrunken haben; denn er kollerte wie ein Truthahn vor der Henne.

Auch er fragte, ob Frau Conradi nicht dem Fest morgen in der Kaserne beiwohnen wolle, ›unter seiner speziellen Führung,‹ wie er galant versicherte.

»In unsern Jahren liebt man zwar das Tanzen nicht mehr,« meinte er und beugte sich über den Ladentisch, »desto mehr aber die Gemütlichkeit. Leider Gottes hat man die ja im verwitweten Stande nicht immer –« er seufzte – »aber man sucht sie doch!«

Hucklenbruch wurde es bang. Die Witwe hörte das alles so still an und sah nachdenklich drein. Sie würde doch am Ende nicht mit dem Zahlmeister auf den Ball gehen?! Ungestüm fuhr er von seinem Sitz auf, da sah ihn des Zahlmeisters rotes Gesicht von oben herab an. »Was machen Sie denn noch hier, Gefreiter? Es wird gleich blasen!«

Hucklenbruch stand stramm und sagte: »Jawohl, Herr Zahlmeister!« Aber Wut kochte in ihm.

Draußen erklang das verwünschte: ›Zu Bett, zu Bett!‹ Da schlich er zur Thür und schluckte an den Thränen, die ihm brennend in der Kehle quollen.

*

Wenn die Witwe Conradi gewollt hätte, den Zahlmeister hätte sie kriegen können; nur einmal hätte sie die fleischige Hand mit dem breiten Daumen fester zu drücken brauchen. Aber sie drückte nicht. Die Spatzen pfiffen’s von den Dächern der Kasernenstraße, in den Blocks wurde es bespöttelt: der dicke Zahlmeister stieg Rinkes Fina nach. Nicht bloß Hucklenbruch und Schmidt, nein, manch andrer noch, der in’s Lädchen kam, schnüffelte neugierig, wie weit wohl die Sache gediehen sei.

Der kleine Hucklenbruch, der wacker von Hause geschickt bekam – sein Vater hatte einen schönen Hof unweit Bielefeld – machte sich an den Invaliden. Dieser war nie abgeneigt, sich nebenan in der Wirtschaft traktieren zu lassen; wenn er erst zwei, drei Gläser getrunken hatte, wurde er sehr gesprächig. Einige Schwierigkeiten machte es freilich immer, ihn von der Erzählung seiner Kriegsgeschichten abzubringen, aber Hucklenbruch hatte nun schon einige Geschicklichkeit, beim vierten Glas die Unterhaltung auf die Witwe hinüberzuspielen. Dann schimpfte der Invalide: ›Die Fina passe ihm gar zu sehr auf! Den Schlüssel kriege er nie; nie, daß er mal abends heimlich in’s Haus konnte! Auch daß sie den Zahlmeister nicht nehmen wolle – dummes Weibsbild! Was war über den zu lachen? Geld hatte der Mann – und dann die Stellung! Zahlmeister – Offiziersrang! Vielleicht ging’s einem auf die alten Tage dann noch mal ebenso gut, wie der Mutter, der reichen Frau Schnakenberg von der Königsallee!‹

Seit Ferdinand gelernt hatte, mit dem Bein des Stiefvaters zu gehen, sang er dessen Lob. Ein spendabler Mann! Ein- für allemal, Sonn- und Feiertags, konnte er sich da mit zu Tisch setzen und lecker essen. Und nach dem Essen verteilten sie drei sich auf drei bequeme Kanapees, und abends steckte ihm der Schnakenberg alle Taschen voll Cigarren.

Jedoch beim fünften Glase wurde der Invalide weich; dann beklagte er seine Schwester: ›So ein hübsches, kreuzbraves Weib! War’s nicht ein Jammer, daß die schon Witwe war und sich so plagen mußte?! Abends als letzte zu Bett, morgens als erste auf.‹

»Bekucken Se sich mal dem Fina seine Fingeren, junger Mann, wie die verarbeit’t sind,« sagte er dann wohl und sah so gerührt aus, daß auch der blonde Westfale weichmütig wurde. »Un alles für den Jung’, den Faulenzer, den Peter, der nix thun möcht’, als dem lieben Gott den Tag abstehlen un der Mutter auf der Tasch’ liegen!«

Insofern hatte das Humpelbein nicht ganz unrecht: Josefine hatte Sorgen um ihren Peter gehabt. Mit Händen und Füßen hatte der sich gesträubt, den Platz als Lehrling einzunehmen, den ihm Onkel Friedrich mit vieler Mühe in der Fabrik auf der Grafenberger Chaussee, wo man die schönen schmiedeeisernen Gitter machte, besorgt hatte. Der Junge war krank geworden. O, die Fabrik, die Fabrik! Er schlich umher und war blaß wie Wachs, richtig wie ein bleichsüchtiges Mädchen, sagte der Doktor, den die besorgte Mutter rief.

So waren sie nun übereingekommen – ganz den Willen konnten und wollten sie dem Jungen nicht thun – ihn zu einem Anstreicher in die Lehre zu geben. Die Werkstatt des Malermeisters Cremer war einem Atelier doch zum Verwechseln ähnlich. Das Anstreichen war der Peter denn auch leidlich zufrieden. Vorderhand durfte er freilich nur erst ›Pliesterer‹ sein und Hauswände und Hofmauern weißen, aber bald sollte er zur Ölfarbe avancieren.–

Der Sommer stand auf der Höhe, die riesige Fronleichnamsprozession war längst vorbei, auch die Jubelfeier des Martyriums der Apostelfürsten Petrus und Paulus; die Neununddreißiger hatten ihr Erinnerungsfest an die Schlacht bei Hammelburg begangen – da drückte sich schon der junge Peter einen Kalabreser auf den Lockenkopf, wie ein echter Kunstbeflissener.

Von dem Thaler, den ihm Onkel Friedrich einst gutgelaunt in die Hand gesteckt, hatte er sich sofort in der permanenten Ausstellung bei Schulte abonniert; sehen wenigstens wollte er Bilder. Aber er malte auch endlich selber eins – seine Mutter.

Mit einer seltsamen Bewegung saß Josefine dem Sohn an den Sonntagsstunden, an denen das Lädchen geschlossen war. Heimlich that sie’s, wie eine Sünde; sie schämte sich vor den Nachbarn, vor den Brüdern, vor der Mutter. Die würden sagen, sie sei närrisch mit dem Jungen.

Draußen brütete die Hochsommersonne auf dem Pflaster, oben in der versteckten Bodenkammer war der Nachmittag auch nicht kühl. Eine hohe Röte lag auf Josefines Wangen und verlieh ihren Augen gesteigerten Glanz. Sie saß auf einer alten Kiste und lächelte voll geheimen Entzückens den Sohn an, der ernsthaft und eifrig den Pinsel über die Leinwand führte. Eine stolze Freude überkam sie: das sollte sie sein, sie? Wahrhaftigens Gott, der Jung’ konnte malen!

Aber ein geheimes Grauen überlief sie, und sie wollte es ihm ausreden, daß dies ein Muttergottesbild werden sollte. Wie konnte das ihre Züge tragen?! Sie hatte ja nicht Krone, noch Mantel, noch ein sternbesticktes Gewand; auch Lilien ließ er nicht neben ihr sprießen.

»Dat thut auch nit nötig,« sagte er. »Ich denk’ mir dich hier als die Maria, wie sie noch jlücklich war. Aber kuck ens – hier dat Fältchen zwischen den Augenbrauen – siehste, dat deut’t schon drauf hin, dat se Leid kriegt. – Mutter, du brauchst doch nit als jetzt bang zu werden!«

Unwillkürlich hatte sich ihr Gesicht verfinstert; sie sah ihn an mit einem unruhigen Blick. Er lachte hell auf, und da lachte auch sie wieder.

Sie malten weiter. Ferdinand war mit dem Jüngsten nach Stockkämpchen marschiert – mit dem Fritz konnte man den Invaliden ruhig ziehen lassen, der paßte schon auf, daß der Onkel nicht des Guten zuviel that – niemand störte die Sitzung. Stunden vergingen, sie merkten es nicht; er nicht in seinem Eifer, sie nicht in ihrem Glück.

Sie sprachen nicht. Josefine hielt den Atem an und wagte nicht, sich zu rühren. Unverwandt hing ihr Blick an Peter: wie seine Augen leuchteten! Und auf der hellen Stirn, unter den dichten Haarringeln, perlte ihm der Schweiß vor. Und wenn er dann und wann zurücktrat, um mit prüfendem Blick sein Werk zu betrachten, strahlte sein ganzes Gesicht. Tausend Sonnenfünkchen spielten auf seinem weißen Malerkittel; über die verstaubten Dachsparren tanzten goldene Lichter. Auf den grauen Wänden, auf all dem alten Gerümpel eine Flut von warmem, lebensvollem Sommerglanz.

Als endlich die Dämmerung kam, schlichen sie leise herab von ihrer Bodenkammer. Noch waren sie allein. Sie gingen über das enge Höfchen in das kleine Gärtchen. Beide atmeten tief. Und sie schritten um die kleine Bleiche in der Mitte des Gärtchens, auf die schon der Tau fiel, immer rund herum und Hand in Hand, bis daß es ganz dunkel war und nur am verwitterten Plankenzaun der alte Rosenstrauch mit seinen mattduftenden, hängenden Blüten noch gespenstisch schimmerte.

XXIII

Herr und Frau Schnakenberg waren in Paris gewesen. Sie hatten sich alles mögliche von dort mitgebracht; es war eine förmliche Ausstellung in ihrem Haus auf der Königsallee.

Gleich der Läufer im Flur kam von der Weltausstellung. »Persianisch,« sagte Herr Schnakenberg. Und der Teppich im Salon war aus ›Ka–iro‹. Und in jeder Ecke stand ein Spucknapf, der war aus Kokusnußschalen von der Südsee; das war doch was andres, als die gewöhnlichen ›Quispeldörchen‹!

Den Garten zierten allerlei Gnömchen und Hasen und Rehe aus Porzellan. Der Transport hatte freilich mächtig gekostet, Herr Schnakenberg verriet nicht wieviel.

Frau Trina hatte mehrere seidene Kleider eingekauft: schwarze Seide aus Lyon, rohe Seide aus China, von leibhaftigen Würmern gesponnen. Auch Stickereien aus der Schweiz und Valencienner Spitzen, schöne Sofakissen und eingelegte Perlmuttertischchen und Vasen mit unverwelklichen Blumen. Ihr Hendrich hatte ihr zum Andenken an die Reise ein Armband aus Marokko um’s Handgelenk gelegt und eine Brosche mit römischer Kamee an den Busen gesteckt.

Das Reizendste aber war die Nuß mit einem winzigen Schachspiel darin, die sie dem Ferdinand mitgebracht hatten, und der kleine Regenschirm aus Elfenbein für Josefine. Wenn man durch ein Löchelchen oben an dessen Griff guckte, sah man die ganze Pariser Weltausstellung und die Porträts von Napoleon und Eugenie und Lulu. Jeder der Angehörigen, auch Peter und der Kleine, bekamen ein Stück Veilchenseife aus Parma und ein Flacon Rosenöl aus den Gärten von Schiras.

Ja, in Paris konnte man noch kaufen, da gab es was andres, als hier in den lumpigen Läden! Herr Schnakenberg bedauerte nur, daß er nicht auch von den Früchten aus der Bourgogne und dem prachtvoll schönen Gemüse aus Algier hatte mitschleppen können; das ging doch noch über den Hammer Kappes.

Man mußte gestehen, der Napoleon war ein kluger Kopf. Hatte er sich nicht durch seine prächtige Weltausstellung sämtliche Potentaten in’s Land gelockt, daß sie ihm sozusagen den Hof machten? Herr Schnakenberg hatte sich nicht entschließen können, zu Hause zu bleiben, wenn der Zar von Rußland, der König von Preußen, der Kronprinz und die Kronprinzessin nach Paris reisten. Besonders von der französischen Kaiserin war er sehr hingerissen. Die Königin Augusta sollte ja auch mal eine recht ansehnliche Dame gewesen sein, aber so schön wie die Eugenie war sie gewiß nie! Die trug eine Krinoline und einen Chignon. Herr Schnakenberg geriet noch in Ekstase, wenn er schilderte, wie er sie in der Avenue des Champs Elysées hatte fahren sehen, in malvenfarbener Seidenrobe, den Sonnenschein auf ihren rotgoldenen Haaren, und den Prinzen Lulu an ihrer Seite, in kurzen Hosen, roten Strümpfen, mit dem Kreuz der Ehrenlegion auf der Sammetjacke.

Paris, Paris – das war die Hauptstadt der Welt!

Viele Düsseldorfer Bürger hatten es wie Schnakenberg gemacht; es gehörte eigentlich zum guten Ton, diesen Sommer in Paris gewesen zu sein. S. Sternefeld & Co. konnten nun sehen, wo sie ihre Waren losschlugen, man hatte sich die Novitäten selber von Paris mitgebracht. Und nur was von dort kam, hatte jetzt Wert.

»Kümmel,« sagte zwar Peter und rümpfte die Nase, als er die Schätze der Großmutter besehen. Aber die hatte nur keinen Geschmack. Die Pariser waren schon voran, besonders in der Kunst! Waren nicht schon viele junge Künstler dorthin gewallfahrtet und als große Meister heimgekehrt? Warum fiel’s denn keinem Menschen ein, nach der preußischen Hauptstadt zu gehen, da gab’s doch auch eine Akademie? Bah, die Berliner hatten ja gar keine Kunst!

Er fabelte immer von Paris. Wenn seine Lehre bei Meister Cremer um war, wollte er auch nach Paris wandern, in die Stadt der Freude, der Schönheit, der Kunst. Wenn man dort nur auf’s Pflaster trat, flog es einem schon an. Da wurde auch noch ein Maler aus ihm, so ein richtiger, kein lumpiger Anstreicher!

Und doch fühlte er sich jetzt leidlich zufrieden; Farben, Farben – er roch sie wenigstens. Der Meister war erstaunt über die Fortschritte des Lehrlings; dem konnte man schon getrost ein Stück Arbeit überlassen, wie einem Gesellen. Freilich mit der Schablone klexte er noch oft über, aber so was aus freier Hand, so eine Verzierung: ›da hat er Idee von,‹ sagte Meister Cremer, ›un auch Talent for!‹

Josefine pries sich jetzt glücklich, wenn sie von der abscheulichen Roheit und den Messerstechereien hörte, die in erschreckender Weise in den Industriedistrikten zunahmen, daß ihr Peter nicht in einer Fabrik steckte. Denn von immer neuen Greuelthaten las man im Blättchen und sonst nur Klagen über die Bedrängnis des Heiligen Vaters und Adressen der katholischen Bürgerschaft mit der dringenden Bitte an den König, den Heiligen Vater zu schützen. Josefine zerbrach sich den Kopf: warum bedrängten sie denn den armen Papst, der that doch keinem was zuleide?! Nun, bald kam ja der König in’s Rheinland, und da würden die Rheinländer schon den Weg zu seinem Ohre finden! Recht leutselig sollte der ja sein und anders wie sein Bruder, Friedrich Wilhelm IV.! Es gab noch viele Bürger, die sich an dessen Besuch in der tollen Zeit erinnerten. – –

Am 20. August wurde König Wilhelm, auf der Reise zum Kölner Florafest, in Düsseldorf erwartet.

Ein patriotischer Lokalpoet begrüßte ihn:

›O König, Führer du der Künste und Gewalten, Mag Gott in Frieden dich noch lange uns erhalten!‹

Die gesamte Bürgerschaft jubelte Willkommen.

Als der Zug mit dem königlichen Gast in den Bahnhof einlief, flammte vom Turm der evangelischen Kirche ein riesiges, feuriges W; die Kaserne, das Präsidialgebäude, der Jägerhof, das Rathaus strahlten. Überall Illumination. Besonders das Hotel ›Zum Prinzen von Preußen‹ that sich hervor; das einst verbannte Schild thronte zwar längst wieder oben, heut aber war es wie ein Transparent durchglüht und zeigte in stolzem Freudenschein den prinzlichen Namen. Pechpfannen loderten, ein mächtiger Feueradler reckte seine Krallen.

Ein endloser Fackelzug – vierhundert Sebastian-Schützen voran – bildete Spalier. In der Königsallee quetschte sich die Volksmenge, einen Blick auf den Gefeierten zu erhaschen; die Hand mußte ihm ganz lahm werden vom vielen Grüßen. Kinder hingen auf Bäumen und Laternenpfählen; und auch Josefine stand auf einem Prellstein an der Benrather Brücke.

Eigentlich war es gar nicht ihre Absicht gewesen, gucken zu gehen. Nur auf dem Weg zu ihrer Mutter war sie in den Trubel geraten. Sie wunderte sich, daß die Bürger so laut jubelten, – hatten sie, vor nicht zu langer Zeit, nicht noch ebenso laut geschimpft?! Ganz verdutzt stand sie auf ihrem Prellstein; auch wenn sie gewollt, sie hätte nicht wieder herunter und weiter gekonnt, um sie breitete sich ein Meer von Köpfen, von winkenden Armen, von wehenden Taschentüchern.

Ein aufgeregtes Flüstern, ein Raunen und Tuscheln ging durch die Menge:

»Kömmt he?«

»Wo, wo, wo?«

»He küt, he küt!«

»Hurrah!«

»Hoch, hoch, hoch!«

Immer mehr schwoll der Ruf an:

»Es lebe König Wilhelm! König Wilhelm! König Wilhelm!«

Und nun klang majestätisch:

›Heil dir im Siegerkranz!‹

Die Musik spielte es, brausend fiel die Menge ein, das Volk warf sich fast vor die Räder.

›Herrscher des Vaterlands – Heil König dir!‹

Der Wagen mußte halten.

Schlicht, im dunklen Soldatenmantel, blitzend nur die Helmspitze – der Jäger auf dem Bock war feiner wie er – saß der König da.

Also das war er?!

In erwachter Neugier reckte sich Josefine. Der hübsche, alte Herr mit den weißen Bartkoteletten – hm – also das war der Herrscher des Vaterlands?!

Er lächelte über’s ganze Gesicht, er grüßte unablässig.

›Fühl in des Thrones Glanz Die hohe Wonne ganz –‹

O, wie er lächelte! So gut, so von Herzen! Josefine wurde es warm. Das war kein Herrscher, das war der Mann, auf den ihr Vater gehofft! Es gab ihr inwendig einen starken Ruck.

›Liebling des Volks zu sein!‹

brauste der Chor.

»Heil König dir!« Sie hatte ihre Stimme mit erhoben, ohne es zu wissen. Hell übertönte ihr starker Ruf den Gesang umher. Hoch hatte sie sich auf dem Prellstein aufgerichtet in ihrer ganzen Stattlichkeit, ihr Tuch sich vom Hals gerissen und schwenkte es nun heftig:

»Heil König dir!«

Nun sah er sie – sie ganz besonders! Ja, sie fühlte seinen Blick. Und dann lächelte er gütig und nickte. Ach, er nickte, er winkte! Ihr, hatte er ihr nicht ganz besonders zugenickt?!

Ihre Arme streckten sich aus, ihr Herz schlug ihm entgegen, hingerissen von so viel Freundlichkeit.

Sie stand noch verträumt, mit heißgeröteten Wangen, als eine bekannte Stimme sie aufschreckte.

»No, Finken, als auch kucken jejangen?«

Es war Schnakenberg. Er trug seinen feinsten Rock und den Stock – die Weinrebe mit dem goldenen Knopf –, den er sich aus Paris mitgebracht hatte.

»Haben Se ihn auch jesehn?« fragte Josefine noch zitternd vor Erregung, »den König, den König?!«

»Och, eja, en janz nette Mann,« sagte Schnakenberg. »Ene janz artige Mann. Et is ens jut, dat de von Bismarck nit mit derbei war, da wär’ et unjemütlich jeworden, denn de –«

Er unterbrach sich. »Lauf’ ens bei de Mutter, Fina, du weißt doch, heut is dem selige Willem sein Jeburtstag, da is se janz aus ’m Häuschen. Och, jemmich! Ich sag’ et ja immer, laß en Mess’ für ihn lesen oder auch zwei, de is längst tot un bejraben. Aber dat darf mer beileib nit sagen, dann wird se falsch. Se weint der janze Tag; et is wahrhaftijens Jott unjemütlich! Ich jeh’ nach der Uehl, da wolle mer ens de König lebe lassen. Aber dat muß mer sagen, alles wat wahr is, de Napoleon hat en noblere Kutsch’. De hat mehr savoir-vivre – aber kann ei’m dat wunderen von so ene Preuß’?! Na, adjüs, Fina, viel Pläsier!« Er blinzelte ihr zu und schlug dann den Weg ein, der zum Wirtshaus, die Uehl, in der Ratingerstraße führte.

Die Volksmenge war dem königlichen Wagen, der zum Präsidialgebäude fuhr, nachgeströmt; einsam lag die Königsallee, stiller noch wie sonst am Abend, wenn unzählige Liebespärchen leise im Dunkel der schattenden Kastanien wandelten.

Da war schon Schnakenbergs Haus. Josefine war erstaunt: von den Mansarden bis herab zum Parterre prangte es in einer glänzenden Illumination. Der Stiefvater war doch ein besserer Patriot, als er zu sein schien!

Die Magd öffnete ihr, auf Strümpfen gehend.

»St,« flüsterte Drückchen, »jeht e bißke leis, Frau Conradi, de Frau Schnakenberg is im Hinterzimmerken.« Damit deutete das brave Drückchen alles an, was diesen Tag bewegte.

Frau Trina hatte überall neue Möbel: Kirschbaum im Salon, Eiche im Eß-, und Nußbaum im Schlafzimmer; nur ein ganz kleines Hinterstübchen war noch da, in das sie alle Möbel ihres einstigen Haushaltes zusammengepfercht hatte. Da standen sie in ihrer tannenen Armseligkeit, als ob sie sich genierten; keine Sonne beschien sie, fast nie wurden die geschlossenen Läden des Fensters geöffnet, das auf die dunkelste Ecke des Hofes hinaussah. In dieses Hinterzimmerchen zog sich Frau Trina zurück am Geburtstag ihres Wilhelm.

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