← Table of contents
Die Wacht am Rhein

Zweites Buch (continued 2)

Reading edition

Nun lachte sie hell auf, wie belustigt von einer Erinnerung. »Och ene! Dat sollt’ Ihnen jetzt wohl schlecht passen, am Speeschen Jraben im Dreck zu krosen und Rejenwürm’ zu suchen! Wissen Sie noch, wie wir als jewettet haben, wer ne Rejenwurm auf die Zung’ lejen kann? Ne, Herr Leutnant,« – ihr Blick streifte ihn von oben bis unten, wie es ihm schien mit einer leisen Bewunderung – »Sie sind nit derselbe mehr!«

»O doch! Freilich, die Regenwürmer« – er schüttelte sich – »die wären nicht mehr mein Fall. Aber wissen Sie noch, Josefine, wie wir im Keller fuhren, in der Bütte?«

»Och, auf Sankt Nikola – ja, ja!« Sie klatschte in die Hände.

»Und wie ich Ihnen ’nen Kuß gab und Sie mir, auf Sankt Nikola, im dunklen Keller?« Er hatte sie um die Taille gefaßt und sich nahe zu ihr gebeugt.

»Dat weiß ich nit mehr,« flüsterte sie; aber er sah es ihr an, daß sie log. Sie stand wie gelähmt, willenlos in einem süßen Schreck.

»Und ich bin doch noch derselbe!« triumphierte er. Lachend, ehe sie sich wehrte, gab er ihr einen Kuß.

Da raffte sie sich auf und stürzte zur Küche hinaus. Er hörte die Stubenthür klappen.

Sehr guter Laune trat Viktor von Clermont auf den Kasernenhof – dumm, daß ihm gerade der Feldwebel begegnen mußte! Der Alte hatte so ein verdammt ehrliches Gesicht. Aber was war denn Unrechtes dabei? Er hatte eine hübsche Kindheitsgespielin geküßt, weiter nichts! Und wohlgemut schlenderte der junge Offizier zum Thor hinaus.

War eigentlich gar nicht so übel, das alte Nest, nun die Sonne so freundlich alles vergoldete. Als Knabe waren die Ferien, hier zugebracht, doch immer eine Wonnezeit für ihn gewesen. Unwillkürlich schwenkte Viktor in die Bastionstraße ein – zur Königsallee kam er noch immer zeitig genug. Er ging zum Speeschen Graben, da war er undenklich lange nicht gewesen.

Über die Mauer des früheren elterlichen Gartens, an dessen Rückseite er nun entlang schlenderte, nickten die Bäume. Das Birnenspalier beim Nachbar war mächtig in die Höhe geschossen. Wie würde Josefine lachen, wenn er sie daran erinnerte, mit welchem Genuß sie die harten Birnen am Steintisch in der Laube mürbe geklopft hatten! Auch er lachte so laut auf, daß ein ehrsamer Rentner, aus der Vesper von der Maxpfarre hier entlang wandelnd ganz erschrocken nach dem Offizier hinstarrte, der einsam unten am Grabenrand stand und sich die Stiefel schmutzig machte. Was wollte der hier in dieser entlegenen Gegend?!

Ein seltsamer Duft stieg von dem dunklen, stillen Wasser auf, und die Frösche quakten. So hatten sie auch damals gequakt und – platsch – Viktor trat derb zu, daß der Schlamm spritzte – so hatten sie sich auch damals eilig in die Tiefe gerettet. Es wurde ihm ordentlich schwer, sich loszureißen von dem stillen Graben mit den großen Teichrosenblättern und dem grünen Entengries.

Die Herbstsonne fing an, sich zu neigen, ein schönes, warmes Rot hing wie ein Purpurmantel den Pappeln der Bergerallee im Rücken; vom Rhein her kündete ein feuchtes Wehen den nicht mehr allzufernen Abend. Beschaulich-friedvolle Ruhe lag über den weißen Häusern und den blauen Schieferdächern. Ein paar Knaben schlugen Dopp mitten auf der Straße; hier fuhr kaum je ein Wagen.

Nun war Viktor am Schwanenmarkt. Das war freilich das alte Kacheloch nicht mehr. Rund um das Viereck des Platzes standen Häuserreihen, die kaum eine Lücke mehr wiesen; Rasenflächen und wohlgepflegte Lindenbäume erinnerten nicht mehr an die stachligen Hecken und mannshohen Hollunderbüsche von ehemals. Und doch – lag’s an der Luft, die ihn frei umwehte, an den Schwalben, die zwitschernd über ihn hinstrichen zum nahen Lopohl? – er hörte wieder Kinderjubel. – – ›Eins, zwei, drei, mein Herz ist frei!‹ – so schrie Josefine, sich freischlagend, atemlos vom raschen Nachlaufenspiel. – – Und an jener Ecke stand der Schinderhannes, der dicke, freche Bürgersjung’, die Hände in den Hosentaschen, die Beine gespreizt, und spuckte. – – Und hier an der Ecke der Löwenapotheke hatten Taubnesseln geblüht, wilder Thymian und gelbe Kettenblumen, Josefine hatte sie zum Strauß gepflückt.

Überall Josefine und überall.

Und sich selber sah er springen im verwaschenen Kittel, in ausgewachsenen Hosen.

Und eine gewisse Rührung überkam ihn.

Er dachte nicht mehr daran, auf der Königsallee zu promenieren; nachdenklich ging er die Bilkerstraße hinunter, am Elternhaus vorbei, über den Karlsplatz, immer weiter hinein in die alte Stadt. Von den Kirchen läutete es, aus den Bürgerhäusern roch es appetitlich; Kinder mit großen Blatzschnitten standen in den offenen Thüren, hinter ihnen im Dunkel des Flurs glimmte das ewige Lämpchen vor’m Muttergottesbild. Am Markt, beim alten Jan Willem, saß noch wie früher die Obstfrau unter’m Regenschirm; aber es war nicht mehr ›das Appel-Len’‹, bei der er einst geröstete Kastanien für Josefine gekauft.

Noch lag oben auf den Firsten Abendglanz, unten in der engen Zollstraße war es schon dämmerig. Er schritt durch’s Thor. Der Strom in seiner ganzen Breite grüßte ihn. Die Wellen kräuselten sich im Abendwind, milchiger Schaum schwuppte an der Ummauerung hinauf, – und nun hallte ein Böllerschuß, dumpfdröhnend, die ›Rotterdam‹, das große Schiff der Kölner Dampfschleppschifffahrtgesellschaft, heischte Durchlaß.

Schrill gellt die Signalpfeife des Brückenwärters, rasselnd fällt die Kette, alle Mann an die Winde – das Joch ist ausgefahren, stolz rauscht die Rotterdam gen Holland hinunter, als lange Schleppe Fruchtkahn auf Fruchtkahn nach sich ziehend. Ein lautes ›Hoihoh‹ hallt über den Rhein, die Schiffer rufen sich zu, und ›Hoihoh‹ klingt’s wie ein Echo, langgezogen aus nebliger Ferne.

Der feuchte Rheinwind legte kühle Finger an des jungen Mannes Wange. Hier hatte er einst mit Josefine gestanden und das Hochwasser angestaunt, und dann waren sie auf Umwegen zur Ratingerstraße geschlichen. Heute ging er auf dem nächsten Weg dorthin.

Aus den uralten Häusern, unter deren Ziegeldächern einst die Rittergeschlechter gehaust, guckten Krämer und Kleinbürgersleute dem Offizier verwundert nach. Fast mißtrauisch. Was hatte der hier zu suchen?! Der Leutnant bemerkte nicht die unfreundlichen Gesichter. Er freute sich über die roten Dächer, die noch schimmerten, obgleich der Abend längst dunkelte, freute sich über den Stern, der heimatlich traut über dem ›Bunten Vogel‹ aufzog.

Die Laternen wurden angesteckt. Da glaubte er plötzlich Josefine vor sich her schreiten zu sehen – das war ihr Gang, ihr Wuchs, ihr blondes Haar! Rasch hinterdrein! Der schwankende Schein der nächsten Laterne war hell genug, ihm zu zeigen, daß er sich getäuscht. Aber auch ein schönes Kind, dieses andre rheinische Mädel!

Ihm war so wohl, so wohl zu Mut, so glückselig jung. Vom Rhein traf ihn ein voller Hauch; die Brust weitete sich und dehnte sich tiefatmend, belebt lief das Blut durch die Adern.

Am Himmel tanzten die Sterne. Er ging wie im Traum. Liebespärchen wandelten an ihm vorüber unter den Bäumen der Alleestraße, Arm in Arm, dicht aneinander geschmiegt; er hörte ihr gedämpftes Lachen.

Wie fing doch das Lied an, das die Josefine immer sang? Er summte es vor sich hin, und dann lächelte er – ob sie wohl daheim nach ihm ausschaute? Natürlich! Sie stand am Fenster ihrer Küche – der simple Kattunrock kleidete sie gut –, die Arme auf die Fensterbrüstung gestemmt, beugte sie sich hinaus und sah ihn an, voll und warm.

Er summte wieder:

»Ein Märchen aus alten Zeiten, Das kommt mir nicht aus dem Sinn –«

Ganz nettes Liedchen! Weiter wußte er’s leider nicht, aber es lag ihm im Ohr, förmlich auf der Zunge.

Am Alleeplätzchen in der Schaubschen Buchhandlung waren die Ladenfenster noch nicht geschlossen. Viktor hielt inne auf seinem Schlendergang. Er hatte doch Josefine etwas schenken wollen – ja, ja, er wollte ihr heute etwas mitbringen! Dumm, nun waren alle Läden schon zu! Nur dieser nicht! Er betrachtete die Auslage.

Schulbücher: ›Daniels Leitfaden der Geographie‹ – ›Zahns biblische Geschichte‹ – ›Rechenfibeln und Lexika‹ – Gott sei Dank, daß man so was nicht mehr brauchte!

Ferner: ›Briefsteller für Liebende‹ – ›Der Struwelpeter‹ – ›Franz Hoffmanns Erzählungen für die Jugend‹ – ›Campes Robinson‹ – ›Coopers Lederstrumpf‹ – und so weiter.

Und im andern Fenster allerlei Broschüren: ›Der Kassettendiebstahl‹ – ›Ehegeheimnisse des gräflichen Hauses H.‹ – ›König und Tänzerin‹ – niederträchtig, solche Intima dem Pöbel preiszugeben! Das konnte auch nur am sogenannten ›freien‹ Rhein passieren!

›Vier Fragen eines Ostpreußen‹ – ›Pfizer: Gedanken über Recht, Staat und Kirche‹ – ›Steinacker: Über das Verhältnis Preußens zu Deutschland‹ – ah was, Politisches, das hatte ja gar kein Interesse!

Viktor wollte sich schon zum gehen wenden – da gab’s ja doch nichts für ein junges Mädchen –, als ihm noch ein paar Bücher in die Augen fielen, hübsch gebunden, mit Goldschnitt. Aha, Gedichte! Das wäre am Ende was! Junge Mädchen schwärmen für Gedichte, er wußte das von seiner Schwester; sie schreiben sich die schönsten Stellen aus, lesen abends heimlich im Bett und legen sich das Buch unter’s Kopfkissen.

›Herwegh: Gedichte eines Lebendigen‹ – ›Freiligrath: Glaubensbekenntnis‹ – ›Hoffmann von Fallersleben: Unpolitische Lieder‹ – und da, an der Seite, ein Bändchen, klein wie ein Gebetbuch, aber weit leuchtend, auffallend durch sein brennendes Rot. Goldene Passionsblumen rankten sich darüber, ein gelbseidenes Bändchen lag als Lesezeichen darin – riesig geschmackvoll! Es war weitaus das schönste der ausgestellten Bücher. O, sie würde sich gewiß darüber freuen!

Der blasse Ladenjüngling sah verwundert aus – was, ein Leutnant in der Buchhandlung?! Er riß die Augen weit auf.

»Ich möchte ein Gedichtbuch haben!«

»Ein Ge–dichtbuch?!« Maßloses Erstaunen lag nun auch im Ton.

Der Leutnant wurde ganz verlegen: »E – hm – ja, jawohl, ein Gedichtbuch!«

»Mit was dürfte ich dienen?«

Der Kauf kam nicht so leicht zu stande; der blasse Jüngling war bemüht, sich über den Geschmack des Käufers zu orientieren, und diesem wiederum waren die Namen, die der Verkäufer geläufig herzählte, Rauch und Schall.

Es war für beide eine Erlösung, als der Leutnant auf das kleine rote Buch wies: »Ganz scharmant!«

Im Nu war es vorgeholt. »Kann ich Ihnen sehr empfehlen, wunderbar schön,« rief enthusiastisch der Jüngling und schlug schwärmerischen Blicks die erste Seite auf: »Sehen Sie, schon sechste Auflage! Hochpoetisch! Sehr gefühlvoll!«

Gefühlvoll, ja, das war gerade das Richtige!

»Übrigens von einem geborenen Düsseldorfer!«

›Na, dann wird’s was Rechtes sein‹, wollte Viktor eigentlich sagen, aber er besann sich – das Buch sah doch wirklich sehr scharmant aus. Er bezahlte einen baren Thaler und fünfzehn Silbergroschen, obgleich er das im stillen für so ein kleines Ding ganz unerhört teuer fand. Da würde er eine Weile gehörig krumm liegen müssen, aber – na, wenn sie sich nur freute!

Diesen Abend brannte die Kerze in der Offiziersstube tief herunter, der Docht kohlte schon zolllang, niemand schnuppte ihn; eine wahre Traufe von Talgthränen floß auf den Tisch. Viktor lag auf dem Sofa, hatte die Beine über die Seitenlehne gehängt, den Rock auf der Brust offen, und las in dem Buch, das er morgen der blonden Josefine verehren wollte. Er las und las. Sein Gesicht glühte – Donnerwetter, der Kerl hatte das Dichten weg! Die Josefine würde sich nicht schlecht freuen, stand doch auch ihr Lied darin. Das war mal gut getroffen! Nun konnte sie es zu Ende singen.

»Hurra!« Ganz toll vor Vergnügen sprang er auf und rannte mit seinem Buche in der Stube umher.

Bis die Kerze erlosch, las der Leutnant in Heines ›Buch der Lieder‹. Nur das eine ärgerte ihn:

›Die Lieutnants und die Fähnerichs, Die lecken ab die Straße.‹

Das war unverschämt!

XII

Herbststürme zausten die Blätter von den Bäumen, der Westwind stieß gegen das Zollthor, der Rhein brandete ungestüm an die Werft, die Kähne, die die Schiffbrücke trugen, ächzten und rieben sich. Regentriefend, mit von der Nässe gedunkelten Mauern, schaute das alte Schloß finster in den Strom.

Die anwohnenden Bürger beklagten sich bitter, daß der alte Rumpelkasten ihnen Luft und Licht nähme und die freie Aussicht versperrte. Wozu stand der noch da?! Seine Zeit war vorbei. Die schöne Jakobe von Baden, die nächtens da oben spuken sollte, war weiter nichts wie ein Windzug, der durch die zerbrochenen Scheiben pfiff, und ihr Hilfeschrei, der über den Rhein gellte, war Eulenruf und Dohlengekrächz. Traditionen, Ammenmärchen, weg mit ihnen!

Ein häßliches, naßkaltes, wehmütiges Wetter! Josefine schauderte. Sie stand in einem engen Hof der Bolkerstraße und blickte an dem mit Kalk beworfenen kahlen Hinterhaus in die Höhe. Also da oben, hinter jenen Fenstern war er geboren, er, der die schönen Lieder gemacht?! Der für all das Worte gefunden, was hier im Wind über die Dächer flog und draußen vor’m Thor im Rhein rauschte!

Sie war wie verhext. Es hatte sie hergetrieben, sie wußte selber nicht warum.

Die Großmutter konnte sich seiner noch erinnern, die hatte den kleinen, blassen Jungen oft gesehen, wenn er in die Franziskanerklosterschule ging. Bei seinem Vater, dem ›Jud’ Heene‹, hatte sie in der Butike, die der auf dem Markt hielt, oft gekauft. Und die Madam Heene sollte eine zierliche, kluge Frau gewesen sein, eine Schwester von dem van Geldern aus der ›Arche Noae‹ in der Kützgesgass’. Aber daß der Heinrich Heine Gedichte gemacht, wollte Mutter Zillges durchaus nicht glauben.

»Du bis ja jeck,« hatte sie zur Enkelin gesagt »dat kleine Judenjüngesken, hie aus Düsseldorf?! De kann dat nit. Oder de hat se irjenswo anders jelesen un abjeschrieben, Papier is jeduldig. Ne, ne, de macht mich noch lang nix vor! ’ne freche Jung’ is de jewesen!«

Auch die Dauwenspeck, die, trotz ihres hohen Alters und obgleich sie, ein wenig kindisch geworden, tagaus tagein in ihrem Lehnstuhl hockte, für ihre Kunden ein treues Gedächtnis behalten hatte, wußte nicht viel. Zur Madam Heine war sie freilich auch geholt worden, in’s Haus auf der Bolkerstraße neben dem ›Roten Kreuz‹. Der Bäckermeister Cremer hatte gerade in der Thür gestanden und gerufen: »Et brennt, et brennt,« als sie mit Strohtasche und Spritze in’s Hinterhaus geeilt war. –

Heimlich war Josefine hergekommen – keiner durfte es wissen, alle hätten sie ja ausgelacht. Was sie eigentlich hier erwartet, war ihr nicht klar; aber sie war enttäuscht. Keine Rosen an den Mauern, keine Sonne in den Fenstern! Hinter dem hölzernen Gatter des engen Höfchens nur ein schwächlicher Akazienbaum, der seine letzten verkrumpelten Blättchen den Winden preisgab.

Sie fröstelte und seufzte – wie traurig, wie verlassen! Machte es die graue, kalte Nebelluft, die sich beklemmend auf die Brust legte, oder der scharfe Wind, der wie ein böses Tier gegen die Mauer des Hinterhauses fauchte und den Atem nahm? Es schnürte ihr etwas das Herz zusammen.

Ein altes Weib guckte aus dem Fenster und rief sie an: was sie denn hier wolle?

Zusammenschreckend stotterte das Mädchen etwas zur Entschuldigung.

»Kucken, wat? Hie is nix zu kucken! Heine – Heine?! De wohnt hie nit. Se meinen wohl Heimann, de mit wollene Strümp’ handelt? Jejenüber!« Krachend schlug die Alte das Fenster zu.

Traurig ging Josefine fort; aber sie wurde froh, als die Kaserne in Sicht kam. Wie ein warmes Wehen kam es von dort her durch die naßkalte Dämmerung und umschmeichelte sie. – –

Ob sie ihn heute noch sprechen würde?

Gestern hatte sie ihn nicht gesprochen, den ganzen Tag nicht! Eingeladen war er den Sonntag gewesen bei seiner Schwester; die vom Werths waren jetzt wieder in der Stadt.

Ach, da würde er nun oft seine freie Zeit zubringen! Das war natürlich, aber sie empfand einen Schmerz dabei.

Und Gesellschaften würde er mitmachen, viele Bälle! Sie würde abends nicht mehr das Flinzeln der Kerze in der Offiziersstube beobachten können.

Und ob er noch Zeit fand zu einem Flüstern im dunklen Gang?! Lieber Gott, weiter verlangte sie ja gar nichts, nur ab und zu ein Wort in abgestohlenen Minuten, ein rasches Sehen, ein heimliches Grüßen. Es war so schön gewesen.

Ein plötzlicher Schreck überfiel sie – wenn das nun alles ein Ende hätte?! Ach nein, kein Ende, es mußte ja immer schöner werden, immer schöner! Hatte er sie denn nicht lieb?

Sicherlich!

Sie dachte an das kleine rote Buch, das er ihr geschenkt! Da stand so viel von Liebe darin.

Könnte sie ihm nur einmal um den Hals fallen! Nur einmal ihm einen herzhaften Kuß geben!

Als Josefine an der Front der Kaserne vorbei ging, strich ihre Hand liebevoll längs der grauen Mauer hin. Die umschloß ja ein großes Glück. Eine heiße Zärtlichkeit wallte in ihr auf – wo gab es bessere, festere, schönere Mauern?! Sie liebte jeden Stein. Hier hatte sie einst mit Rötel einen mächtigen Strich gezogen – noch glaubte sie den Kratz zu sehen – und hier auf’s große Thor hatten die Jungens mit Kreide gekritzelt:

›Fina Rinke heiß’ ich, Schön bin ich, dat weiß ich‹

und eine furchtbare Fratze dazu gemalt.

Die liebe alte Kaserne! Mochten andre die Nase rümpfen über Mäuse und Ratten und Wanzen – pure Verleumdung! In der Kaserne war’s gut sein.

O Gott, wenn sie einmal wo anders wohnen müßte! Die Thränen schossen ihr plötzlich in die Augen, ein seltsames Angstgefühl erfaßte sie.

Als sie die knarrende Stiege hinaufkletterte, öffnete die Mutter oben die Stubenthür.

»No, Fina, endlich! Wo bleibste dann heut’ so lang?« Und leiser raunte sie: »Et is Besuch drin, de Conradi! De hat Urlaub bis morjen früh!«

»Jesus!« Mehr sagte Josefine nicht; sie war zu Tode erschrocken.

»Du brauchst ihn ja nit zu nehmen, wannste nit willst,« flüsterte die Mutter noch rasch. »De is ja reformiert, nit viel besser wie ene Jud’. Du kriegst noch lang ’ne andre!«

»Ich will jar keinen,« stieß Josefine heraus, und dann trat sie in die Stube.

Conradi saß beim Vater am Tisch, das flackernde Kerzenlicht fiel auf seine Gendarmerieuniform. Bei der Begrüßung lag Josefines Hand ohne Druck in der seinen, aber er merkte es nicht. Er war zu froh, denn gestern abend hatte er die Nachricht bekommen: eine feste Anstellung in Vohwinkel! Eigentlich sollte er gleich heute antreten, aber er hatte sich noch den einen Tag frei gemacht und war hierher geeilt.

»So pressiert es?« sagte der Feldwebel. »Na, Kamerad, ohne Ihn können die Vohwinkler wohl keine Nacht mehr ruhig schlafen? Ja, so’n strammer preußischer Sergeant – was?« Er lachte in sich hinein und hob sein Glas: »Na, Kamerad, zum Wohl!«

Josefine war erstaunt: der Vater machte Scherz, der Vater hatte Bier holen lassen, heute am hellen Werktag?! So vergnügt hatte sie ihn kaum je gesehen. Was er nur an dem Conradi fand?!

Sie selbst saß stumm und steif und zog ihre Hand, nach der der Sergeant immer wieder unter’m Tisch verstohlen faßte, ebenso oft wieder zurück. Als der Vater einmal an’s Fenster trat, nach den Wetteraussichten für die morgende Felddienstübung zu spähen, und Conradi ihr in’s Ohr flüsterte, ob sie seinen Ring und sein Gedicht noch hätte, da machte sie nur: »Hm!« Und stand auf, um nach der Thür zu gehen.

»Halt,« rief der Vater, »wohin?«

Da mußte sie bleiben und sich wieder niedersetzen. Es half ihr nichts, sie mußte sich von Conradi angaffen lassen, als hätte er was bei ihr verloren. Wie sehr sie auch den Kopf wegwendete und seinen Blick vermied, und wenn er auch mit dem Vater sprach, immer doch hingen seine Augen an ihr.

Als er mit strahlender Miene von Vohwinkel sprach, dem sauberen Örtchen, hoch oben auf den Hügeln gelegen, mit dem weiten Blick in’s bergische Land und auf all die Fabrikschornsteine, die Eisengießereien und Schleifereien, that er ihr jedoch fast leid. Selbst die Luft dort lobte er, die sei so stark, ganz anders, wie hier in der Stadt und in der Kaserne. Wenn dort auch wohl Fabrikruß flog, es gab doch noch viele Ackerfelder, und man konnte gegen billige Miete ein Häuschen für sich allein haben und ein Stück Garten, wo man Kartoffeln pflanzte und Gemüse zog. Er erzählte mit Behagen; solch eine Stelle hatte er sich immer gewünscht. Nun hatte er keinen Grund mehr, den ältesten Bruder, der in der fernen Heimat auf der ostpreußischen Hufe saß, zu beneiden; er hatte jetzt auch sein Glück gefunden. Mit aufglänzenden Augen strahlte er das Mädchen an.

Josefine hätte am liebsten geweint, sie wußte nicht aus noch ein. Blaß und verwirrt saß sie da.

Sehr interessiert ließ sich der Feldwebel von dem jüngeren Kameraden dessen Wirkungskreis und seine Pflichten beschreiben: Aufrechterhaltung der öffentlichen Ruhe, Kontrolle von Versammlungen, Schließung der Wirtshäuser, Aufschreiben der das Polizeiverbot Übertretenden, Arretierung von Landstreichern und Bettlern, Prüfung von Maß und Gewicht und so weiter.

Conradi berichtete mit Eifer. In Vohwinkel hatte er keinen über sich – der Vorgesetzte war in Mettmann – er mußte allein aufkommen für Ruhe und Ordnung; und das würde nicht immer leicht sein. Wenn es ihm nicht widerstrebt hätte, sich selber zu loben, so hätte er wohl gern erzählt, wie es ihm gelungen war, einem größeren Krawall, vielleicht sogar einem Blutvergießen vorzubeugen, als letzten Samstag die entlassenen Arbeiter der Färberei zu Sonnenberg bei Elberfeld dem Fabrikanten Thür und Fenster einwarfen.

»Na, Heldenthaten habt ihr ja wohl nicht auszufressen,« lachte der Feldwebel.

»Nein, das nicht,« sagte Conradi bescheiden und merkte gar nicht den leisen Ton gutmütigen Spottes im Lachen des andern.

Er hatte sich ein wenig zurückgerückt und den Arm auf Josefines Stuhllehne gelegt; so saß er und sah unverwandt auf das weiche, blonde Gekräusel, das sich da hinten in dem molligen Genick aus dem straff aufgekämmten, glatten Haar herausgestohlen hatte. Er konnte nicht widerstehen, spitzte die Lippen und pustete zart auf die Härchen.

»Au,« sie zuckte unwillig zusammen.

Es war gut, daß Frau Trina jetzt mit einer Bewirtung kam: geschabtes rohes Fleisch mit Zwiebel, Leberwurst und frischer Holländer Käse. Sie hatte sich ordentlich abrennen müssen, das Traktament, das ihr Mann angeordnet, so allein zu besorgen. Auch noch ein Krug Bier wurde aufgesetzt.

Die Männer stießen fleißig an. Josefine aber mundete nichts – wenn der Conradi doch nur erst wieder fort wäre! Ihr Kopf glühte. Dieses Suchen nach ihrem Blick, dieses Tasten nach ihrer Hand machte sie so ungeduldig, so unglücklich, ganz böse. Sie wollte nicht – nein, nein, – und doch saß sie wie gelähmt unter dem Griff dieser festen, warmen Männerhand und hatte nicht mehr die Kraft, ihre Hand fortzuziehen. Der Verliebte streichelte sacht darüber hin und spielte mit ihren Fingern.

Ob wohl das Licht drüben in der Offizierstube brannte?! O, könnte sie es doch aufglimmen sehen!

Ob sie ihn wohl noch sprechen würde heute abend?! Ach, heute den ganzen langen Tag und gestern den ganzen langen Tag kein Wort mit ihm gewechselt!

Wo war er, was that er, was dachte er?! Wo blieb er, kam er, war er schon da?!

Eine ungestüme Sehnsucht packte sie – sie hielt’s nicht mehr aus, nein, nein!

»Jeses, Fina,« sagte die Mutter plötzlich, »wat siehste schlecht aus! Is dich wat?«

»Ich – ich hab’ – schrecklich Kopfweh,« stammelte Josefine.

»Nanu?« Der Feldwebel zog die Brauen in die Höhe, es war ihm augenscheinlich fatal, daß die Tochter heute abend ausspannte. »Nimm dich zusammen! So’n bißchen Kopfweh! Macht nichts!«

»O doch!« Mit einem Aufseufzen stützte Josefine den Kopf in die Hand. Sie wurde ganz blaß.

»O!« Der Sergeant erhob sich. »Dann werd’ ich lieber gehen,« sagte er kleinlaut.

Frau Trina erhob nur schwache Einsprache, Josefine gar keine.

Bloß der Feldwebel nötigte zum bleiben:

»Ä was, das Kopfweh geht schon vorbei. Man nich so ängstlich! Man reist doch nicht her bloß für die halbe Stunde! Das nenne ich Zeit und Geld verplempern. Geh, gieß dir Wasser auf den Kopf, mach ’nen Umschlag, leg dich ’nen Augenblick nieder, und dann kommste wieder ’rein – frisch, Mädel, hörste?!«

Die Tochter stand stumm auf; es zuckte um ihren Mund, als ob sie weinen wollte.

»Aber nein – es ist doch besser – ich werd’ jetzt doch –« Der Sergeant zögerte, das Wort ›gehen‹ kam ihm so schwer über die Lippen. Erwartungsvoll sah er zu Josefine hin – würde sie ihn denn nicht zurückhalten?! Aber sie sagte kein Wort; so mußte er sich schon entschließen, sich zu verabschieden. Lange hielt er beim Adieu ihre Hand in der seinen. Nun würde es vielleicht Wochen und Wochen dauern, bis er wieder herkommen konnte; es wurde ihm sehr sauer, so von ihr zu gehen.

Der Feldwebel begleitete Conradi hinüber in’s Stammlokal, da trafen sie viele Kameraden. Josefine atmete auf, als die Männer die Stube verlassen hatten. Auch Frau Trina rüstete zum ausgehen, sie wußte, nun kam Rinke vor Zapfenstreich nicht wieder, da konnte sie gut währenddes ihren Wilhelm besuchen.

»Leg dich im Bett,« sagte sie zur Tochter, und dann lachte sie hell auf: »O du schlau Dingen! Dem haste’t jut zu verstehn jejeben: ›Mach dich ab!‹ Hahahaha! ’nacht, Fina!« Damit ging sie.

Allein –! Mit einem zitternden Seufzer sah sich Josefine um, und dann stürzte sie hinaus an’s Küchenfenster. Alles dunkel. O –! Sie stand und starrte und starrte. Hinten in der Kammer rauften noch die Brüder beim zubettegehen, dann wurde es auch dort still.

Auf dem Hof kein Tritt. Keiner der Soldaten pfiff vor der Thür bei dem häßlichen Wetter. Der Himmel so dunkel, kein Stern, doch jetzt, jetzt – sie unterdrückte einen Freudenschrei – jetzt schimmerte einer da drüben: sein Licht!

Er war zu Hause! Wie mit Gewalt zog sie’s hinüber. Sie mußte ihn sprechen, heute noch sprechen! Wenn er doch käme, wie damals, zu ihr in die Küche träte! Ach, er wußte ja nicht, daß sie hier stand, ganz allein, und sich nach ihm sehnte!

Sie öffnete das Fenster, daß die feuchte Nachtluft sie durchschauerte, und fing an zu singen; der Wind nahm ihr den Ton vom Munde, aber sie strengte sich an, stark kämpfte ihre Stimme gegen das Sausen und Heulen:

»Ich weiß nicht, was soll es bedeuten –«

Sie sang das ganze Lied, siegreich drang es durch den Sturm der Herbstnacht, aber kein Fenster drüben klirrte – hörte er sie denn nicht?!

Wenn sie nun rasch hinliefe und an seine Thür pochte? Was war denn dabei? Gewiß nichts Unrechtes – sie hatte ihn ja so lieb!

Sie überlegte nicht mehr, schon war sie draußen und huschte den dunklen Gang entlang. Rasch, rasch! Ihre Sehnsucht trieb sie schneller, als ihre Füße laufen konnten; sie strauchelte, sie stolperte – da – ein rascher, elastischer Tritt kam auf sie zu.

»Viktor!« Mit einem jauchzenden Ruf streckte sie die Hände aus.

Da faßte er sie um den Leib, wie damals im Keller in der schwankenden Bütte, und zog sie hinein in sein warmes, erleuchtetes Zimmer.

Und wie damals küßten sie sich. Sie war ihm um den Hals gefallen, ohne daß sie wußte, wie das gekommen; sie folgte einem tiefinneren, stürmischen Drang.

Er preßte sie an sich, in fast knabenhafter, durch die Heimlichkeit noch gesteigerter Verliebtheit. Auch er glühte.

Wie sie ihn liebte!

Aber – – noblesse oblige! Eine gute und ehrliche Regung ließ sein hübsches, junges Gesicht männlicher erscheinen: Sie war seines Feldwebels Tochter, und er war ein Edelmann und trug des Königs Rock!

XIII

Die Leiendecker in Düsseldorf hatten heuer mehr zu thun als sonst – der Februar achtundvierzig ging stürmisch zu Ende. Die Wetterfahnen quietschten, die Dachrinnen spuckten, jede Nacht klapperten die losen Ziegel und Schieferplatten, und der wilde Wind packte sie und schleuderte sie krachend hinunter auf die Gasse. Kopfschüttelnd stand der Hauswirt am nächsten Morgen vor seiner Thür: o weh, eine Reparatur dringend nötig! Alle paar Schritt baumelte das Seilchen mit dem Schieferstückchen unten daran vom Dachfirst nieder: Bürger, hüte dich, daß du nichts auf den Kopf kriegst!

Am Stammtisch wurde geklagt: was man doch nicht immer alles für Unkosten hatte! Überall krachte es. Auch im Hofgarten; und das entrüstete die Bürger am meisten. War es nicht ein Skandal, die schönen alten Bäume so massenhaft zu fällen? Den Hofgarten, die Hauptzierde der Gartenstadt, ratzekahl zu scheren?! Man wollte im Sommer doch mit Weib und Kind im Schatten spazieren gehen! Dem Friedlichsten lief die Galle über. Fulminante Artikel füllten die Spalten der Düsseldorfer Zeitung und des Kreisblattes und drückten durch ihre Länge und Breite das Politische ganz in ein Eckchen; was ging es einen am Ende auch an, ob sie sich mal wieder in Paris massakrierten?! Man bekreuzigte sich und dankte Gott, daß man im soliden Düsseldorf wohnte. Man druselte noch halb im Winterschlaf, und wären die fliegenden Dachziegel nicht gewesen, man hätte noch gar nicht an den Frühling gedacht.

Und doch zog er schon durch die Welt und stieß in sein Horn.

Auch über die Kaserne wehten Frühlingsstürme und tosten aufrührerisch um Dach und Wand. Aber die dicken Mauern dämpften den Schall, und kein lauschendes Ohr war drinnen, das ihn aufgefangen hätte. Drill Tag für Tag, von Reveilleblasen bis Zapfenstreich. Die Offiziere langweilten sich, die Unteroffiziere schimpften, die Gemeinen dachten sehnsüchtig an die Fleischtöpfe der Mutter und an die Küsse des Schatzes.

Josefine lebte den schönsten Traum. Alle Tage den Liebsten sehen, alle Tage ihn sprechen. Rasche Küsse auf dem dunklen Flur, innige Umarmungen in der stillen Offiziersstube.

Sie lebte ein Doppelleben. In dem einen flickte und strickte sie, kochte und scheuerte, und hastete sich ab, um im andern desto länger bei ihm sein zu können, mit seinem Kuß ein gesteigertes Gefühl zu empfangen, ein Gefühl, das sie so überglücklich machte, wie den Vogel, der mit jauchzendem Ruf in die Lüfte steigt, hoch, hoch, hinein in den sonnigen, blauen Himmel.

Enger als je hielt die Kaserne sie umschlossen: ihre Welt die kleine Feldwebelwohnung, die Küche, der Gang, die Offiziersstube, der Exerzierplatz, über den die Stimme des Geliebten schmetterte, der Hof, auf dem seine Tritte hallten.

Auch Viktor war benommen. Die jungen Damen der Bälle und Gesellschaften langweilten ihn sterblich. So viel er konnte, zog er sich von der Geselligkeit zurück, oder wenn ein Vorgesetzter eben ›befahl‹, stöhnte er den ganzen Tag und verwünschte Fest und Festgeber. Das einzig Gute war, daß Josefine ihn dann wenigstens hinbegleitete. Heimlich erwartete sie ihn unten auf der Straße, in einem nahen Thorweg versteckt; ein Tüchelchen, tief in die Stirn gezogen, dünkte ihr hinreichend als Vermummung. Sie fürchteten keine Entdeckung, sie dachten gar nicht an eine solche. Arm in Arm, dicht aneinander geschmiegt, machten sie Umweg auf Umweg. Herren, den Mantelkragen hoch geschlagen, und Damen in Schleiern und Galoschen, zu Gesellschaften trippelnd, Bürger, zur Karnevalssitzung eilend, kreuzten ihren Weg. Aber niemand achtete ihrer im Dunkel.

Und sie führten sich oft an der Hand und plauderten und lachten, und ehe er endlich hinaufstieg in den kerzenhellen Saal, drückte er sie noch einmal an sich, zärtlich süßschmerzlich, wie zu ewigem Lebewohl. Und während er im Tanz die feinen Taillen junger Damen umschlang, fühlte er im Geist die kräftigeren Formen Josefines – sie lag in seinem Arm, sie wiegte sich lustig auf den Klängen der Musik. Die jungen Damen tuschelten untereinander darüber, daß der Leutnant von Clermont beim tanzen so fest halte, die ganzen Blumen am Ausschnitt hatte er ihnen zerdrückt; sie beklagten sich darüber, aber sie hatten es doch gern.

Zu seiner Schwester, in deren elegantes neues Haus am Hofgarten, kam Viktor selten. Wenn sie sich darüber beklagte, konnte er mit Recht sagen: ich habe keine Zeit. Er hatte wirklich keine, sie ging hin mit auflauern, beobachten, verstohlenen Begegnungen, verliebten Träumen und Wünschen. Der Schwester hatte er nie von Josefine gesprochen, dazu war er längst nicht mehr unbefangen genug. Cäcilie fragte auch nicht, sie gab es nach und nach auf, dem Bruder über sein Seltenkommen Vorwürfe zu machen; ihr Leben war ganz ausgefüllt, es gehörte ihrem Mann, der sie auf Händen trug, es gehörte ihrem Glück, es gehörte vor allem dem Kind, das sie erwartete. Der zukünftige Vater strahlte schon: ein Sohn, ein Stammhalter! Der zukünftige Großpapa hatte den kostbaren Schmuck, den er seiner verstorbenen Frau einst aus einer besonders reichen Jahreseinnahme gekauft, dem berühmtesten Juwelier von Paris zu noch kostbarerer Neufassung geschickt; die Schwiegertochter sollte ihn am Tauftag, als einen von Generation auf Generation zu vererbenden Familienschmuck, tragen. Der alte Herr hatte jetzt nur die eine Sorge, daß bei den fortdauernden Krawallen in Paris seinem neukreierten Familienschmuck ein Ungemach passieren könne.

Josefine war seltsam bewegt, als Viktor ihr von Cäcilies Hoffnung erzählte. Sie sagte kein Wort, aber sie wurde glühend rot, und in ihre Augen kam ein Leuchten, ein feuchtes Flimmern. Still blieb sie den ganzen Tag, wie sonst nie.

Hätte der Feldwebel nicht so viel zu thun gehabt, ihm wäre wohl manches an seiner Tochter aufgefallen. Aber plötzlich waren von Berlin Befehle gekommen, die Reservisten einzuziehen, die Kompagnien zu verstärken, Proviantamt und Montierungsdepot neu zu versehen – was, sollte mobil gemacht werden?! Krieg gegen Frankreich?!

Mit Windeseile verbreitete sich das Gerücht. Jetzt sprach auch die Bürgerschaft nicht allein mehr vom Hofgarten, sondern von der drohenden französischen Kriegsgefahr; hatte doch jeder einen Sohn, einen Bruder, einen Verwandten, einen Freund, der im Kriegsfalle mit mußte.

Einige Überkluge in der Düsseldorfer Zeitung suchten freilich den Krieg ganz wo anders: sie redeten von einer ›Gärung im deutschen Volk,‹ von seinem ›Schrei nach Einheit und Freiheit,‹ sie wiesen auf Baden, Württemberg, Nassau, Bayern und Hessen hin, wo die Fürsten dem Volk stürmisch geforderte Freiheiten bereits bewilligten.

Ach was, in Düsseldorf wurde nicht gegärt! Und was sollte man denn fordern? Hatte nicht jeder sein behagliches Haus, sein gut Essen und Trinken, abends seine Pfeife beim Glase Bier? Schwarzkieker die! Erst wollte man einmal ordentlich Fastnacht feiern. Schon hielt der Präsident von der ›Dotzmühl‹ alle Abend Sitzung ab, die Gecken planten einen großartigen Umzug.

Daß die Fabrikarbeiter im Bergischen Skandal machten und Lohnerhöhung forderten, war weiter nichts Beunruhigendes. Da gab’s noch andrer Orten viel notleidendere Bevölkerung, die armen schlesischen Weber zum Beispiel, auf die das ergreifende Gemälde von Karl Hübner die allgemeine Aufmerksamkeit gelenkt. Als nun der junge Verein ›Malkasten‹ die hungernden Gestalten im lebenden Bilde, gegen einen Reichsthaler Entree, vorführte, öffneten sich alle Herzen und alle Geldbeutel.

Auch die kleineren Bürgersleute machten sich über die Unruhen in der Nachbarschaft keine Sorgen. Sie hatten ihre Bälle im ›Breidenbacher Hof,‹ bei ›Geisler,‹ bei ›Cürten‹, im ›Luftballon‹, in sämtlichen größeren Sälen der Stadt; überall Karnevalssitzung mit Tanzvergnügen.

Die Mädchen kürzten ihre bunten Röcke, die Burschen suchten sich die greulichste Larve aus, manch ›komplette‹ Bürgersfrau zwängte sich in ein Schäferinnengewand oder setzte sich Kranz und Schleier der Düsselnixe auf’s Haupt. Bis tief in die Nacht brannten jetzt die Lämpchen der Näherinnen, Goldband und Flitter wurden rar, alle Läden waren übervoll von Larven und Pritschen und Brillen und Perrücken, Dreispitzen und Dormeusen. Selbst die Kinder verlangten ihre Mäskchen. Die Stadt war im Rausch, ein Duft von Naunzen und von Muzenmändelchen zog mit dem Wind.

Das Gerücht, in Elberfeld hätte sich eine Bürgerwehr gebildet, die mit weißen Binden um den Arm herumlaufe, war ein Hauptspaß. Helau, die Wupperthaler waren Fastnachtsgecken geworden! Am Rosenmontag trugen die Düsseldorfer ein großes Papierschild durch die Straßen: ›Wupperthaler Bürgerwehr‹; Lahme, Krüppel und Uralte folgten wankend, die weiße Binde mit: ›Schutz der Bürger‹ um den Arm.

Helau, helau!

Die Jungen schlagen Rad, die Mädchen kreischen, Hoppeditz packt die Maritzebill und rast mit ihr zwischen die Zuschauer; alles lacht, jauchzt, jubelt, schreit, selbst die gesetztesten Leute werden vom Torkel erfaßt.

»Helau, helau,« heult es die Straßen entlang. Pritschenschläge knallen, Männer stolpern in Frauenkleidern, Kinder führen Haube und Brille der Großmutter aus; die ›Ferken‹ in den Sackleinenanzügen, mit der Dummejungensfrisur und der bammelnden Schiefertafel um den Hals, tanzen einen Ringelreihen um den alten Jan Willem – weh dem Mädchen, das sie greifen! Abgeküßt wird es, da hilft kein Sträuben.

Nicht Stand noch Obrigkeit wird respektiert, jeder Rücken muß Pritsche kosten, jeder Cylinder wird eingetrieben.

»Verrücktes Volk,« schimpfte der Feldwebel.

Sonst hatte er sich an Karnevalstagen so viel als möglich in der Kaserne gehalten, auch seinen Weibsleuten verboten, die Wohnung zu verlassen, dort hörte man wenigstens nicht das verdammte ›Helau‹, das Rasseln der Knarren, das Schrillen der Pfeifen, das Knallen der Pritschen, das Tuten, das Parpen, das Trommeln, das Quietschen; von weitem nur sah man, jenseits des breiten Exerzierplatzes, das bunte Gewimmel in der Königsallee.

Heute mußte Rinke einen Zug Reservisten von der Köln-Mindener Bahn abholen. Und auch Frau Trina war, kaum daß er die Kaserne verlassen, entschlüpft, um spornstreichs auf die Straße zu eilen; galt es doch, ihren schönen Wilhelm zu bewundern, der zur Ehre auserwählt war in der Mitte des Fastnachtzuges als Prinz Karneval auf rosenbekränztem, goldenem Thron, im vierspännigen Schimmelwagen zu fahren.

Als Rinke an der Spitze seiner Reservisten vom Bahnhof zurückkehrte, stieß er, unweit des Lattenthores auf den Karnevalszug. Schon war er verdrießlich: Kerle hatten ja gar keine Haltung mehr, trotteten, ihre Bündel am Stecken, der eine so, der andre so, nicht mal Schritt am Leibe! Und nun kamen noch die Gecken! Nahmen die ganze Breite der Straße ein – Donnerwetter, die würden doch passieren lassen?! I wo, Bande! Mit Musik und Gejohle zogen sie ungeniert ihres Wegs.

Der Feldwebel mußte seinen Zug halten lassen. Er wendete seine Augen ab – wer mochte wohl solchen Unsinn ansehen? Aber die Reservisten grinsten; jetzt brachen sie in ein wieherndes Gelächter aus.

»Helau, die Dotzmühl! Vivat die Dotzmühl! Helau, helau!« rief das Volk.

Der Wagen des Karnevalvereins ›Dotzmühl‹ passierte. Er stellte eine ungeheure Kaffeemühle vor: oben wurden die Weiber hineingestopft, weißhaarig und bucklig, unten kamen sie wieder heraus, blondhaarig und schlank, schlugen Purzelbäume und warfen Kußhände in’s Publikum.

Aber nun – ein grelles Aufjohlen, ein furchtbarer Knall – Hanswurst hatte eine Riesenbombe oben in die Mühle geworfen, unten flatterte ein ellenlanger Zettel heraus und blähte sich im Winde:

›Zwischen Mir und Mein Volk soll sich kein Blatt Papier drängen!‹

»Helau, helau!«

Das war ein ohrenbetäubendes Freudengeschrei, ein unaufhörliches Gelächter; es pflanzte sich fort von vorn nach hinten, von links nach rechts, von groß zu klein.

Der Feldwebel rollte die Augen, der Atem verging ihm fast – ha, die Proklamation Seiner Majestät!! Die Proklamation, die Proklamation –!

Verfluchte Rasselbande! Mit Mühe hielt er an sich, blaß bis in die Lippen. Er kommandierte:

»Ohne Tritt – marrrsch!«

Auf was warteten die Kerle denn noch?! Er wollte sie lehren, zu grinsen! Noch einmal: »Marrrsch!«

Langsam setzte sich der Reservistenzug in Bewegung, aber er traf auf Widerstand. Die Gecken machten nicht willig Platz. Was wollte der Preuß’, der Störenfried?! Konnte der nicht warten, bis Seine Hoheit, Prinz Karneval passiert war?!

»Helau, helau!«

Es klang drohend; scheußliche Fratzen fletschten den Feldwebel an.

»De Preuß’, de Preuß’!«

Ein Geraune war’s nur, aber es wurde zum Murren, Vergebens zeterte Hanswurst, knallten neue Bomben, aller Aufmerksamkeit war auf den Preußen gerichtet, aller Blicke bohrten sich in die Uniform. Freche Bengels legten zwei Hände an die Nase: »Helau!«

Des Feldwebels Hand fuhr an’s Seitengewehr. Eine dunkle Blutwelle schoß ihm zu Kopf, die Stirnader schwoll ihm, rot tanzte es ihm vor den Augen, mit einem gewaltsamen Griff packte er den nächsten: »Platz!« Wütend drehte der sich um; doch Hanswurst legte die Hand auf’s Herz, wie ein Verliebter, warf dem Preußen eine schmatzende Kußhand zu, und dann sich abkehrend, schüttelte er sich mit einer Gebärde des Abscheus: »Brrr!« – Da löste sich der Zorn der Menge in schallendes Gelächter.

»Helau, helau, hahahaha!«

Die Lacher bildeten willig eine Gasse. Bebend vor verhaltener Wut, knirschend vor Empörung, führte der Feldwebel seinen Zug durch. Man ließ ihm freie Bahn, aber hinter ihm gellte das Gelächter.

Jauchzen und Vivatruf begrüßten jubelnd Prinz Karneval. –

Das war ein schlimmer Tag für Rinke. Als er, im Innersten empört, kaum die äußerliche dienstliche Haltung bewahrend, dem Hauptmann Meldung von dem Vorgefallenen machte, zuckte dieser nur die Achseln:

»Ja, in solchen Tagen! Überhaupt hier am Rhein! Wir sind auf exponiertem Posten. Ruhe, Vorsicht, Mäßigung! Ich werde aber mit dem Herrn Major sprechen.«

Der Feldwebel war zum erstenmal mit seinem Vorgesetzten nicht einverstanden – was, diese Frechheit gegen des Königs Rock sollte vielleicht gar ungeahndet bleiben?! Kam das nicht fast einem Treubruch gegen den König gleich?! Und sich selber fühlte er ungeheuer blamiert. Das Knallen, Schreien, Kreischen, Juchzen, Lachen – das unverschämte Lachen – lag ihm unausgesetzt noch in den Ohren. Die Pflastersteine der Kasernenstraße, über die er marschiert, waren spitz wie Nadeln gewesen, sie stachen ihn noch jetzt; auch der Boden des Kasernenhofs prickelte ihm unter den Füßen. ›Ruhe, Vorsicht, Mäßigung‹ – ah, nun würde der Herr Hauptmann dem Herrn Major Meldung machen, der Herr Major dem Herrn Obersten, der Herr Oberst dem Herrn General. Und dieser würde die Herren zu einer vertraulichen Besprechung in die Mitte des Exerzierplatzes bitten, wo er, die Hände auf dem Rücken, reden, und die Herren Offiziere, im Halbkreis ihn umgebend, zuhören würden: »Ruhe, Vorsicht, Mäßigung!«

Am folgenden Mittag beim Appell sprach der Hauptmann zur Kompagnie, ganz besonders wendete er sich dabei an die neu Eingezogenen, die stramm, die Hände an der Hosennaht, die Augen starr auf den Vorgesetzten gerichtet, standen.

»Wir leben in einer ernsten Zeit,« sagte er, »ihr werdet es wohl auch schon bemerkt haben. Ihr seid wieder einberufen und habt auf’s neue die Ehre, Seiner Majestät, eurem König, zu dienen. Zeigt euch dieser Ehre würdig. Betrachtet euch nicht als solidarisch mit der Bürgerschaft, ihr seid jetzt nur Soldaten. Aber euer König wünscht ein gutes Verhältnis zwischen euch und der Bürgerschaft. Geht also Rempeleien aus dem Wege, mischt euch nicht unter das Volk. Seid immer eingedenk, daß ihr die Ehre habt, des Königs Rock zu tragen! – Ich mache also hiermit bekannt, daß von heute ab, gegen Androhung von drei Tagen Mittelarrest, jedem Mann hiesiger Garnison verboten ist, öffentliche Wirtshäuser zu besuchen, in denen Bürger verkehren; auch der eventuelle Besuch in Bürgerhäusern ist einzustellen. Es bleibe jeder Stand für sich. Wir leben in einer ernsten Zeit. Ruhe, Vorsicht, Mäßigung! – Und nun laßt uns nach guter alter Soldatensitte rufen: Seine Majestät, unser allergnädigster Herr und König, Friedrich Wilhelm IV. – hurra!«

Die Kerle rissen das Maul auf, dreimal schallte es über den Kasernenhof, kurz und scharf, wie aus der Pistole geschossen:

»Hurra! Hurra! Hurra!«

Der Hauptmann legte die Hand an die Mütze und ging.

»Weggetreten,« kommandierte der Feldwebel; auseinander stoben die Kerle. Lässig, mit müden Beinen stolperten sie dann zur Reissuppe mit Kohl. –

In der Feldwebelwohnung war schlecht Wetter, echte Aschermittwochstimmung.

Frau Trina trug ein, noch immer nicht ganz verwischtes, Aschenkreuz auf der Stirn, das sie sich heute morgen, nüchternen Magens, noch vor der Frühsuppe, in Lambertus geholt, gerade als die letzten Gecken am Calvarienberg hinter der Kirche vorbei durch’s Morgengrau nach Haus taumelten. Der Feldwebel sah’s mit Zorn.

»Kannste dich nich waschen?! Muß der Dreck den ganzen Tag kleben?!« fuhr er sie an.

Sie wischte zum Schein. »Et jeht nit ab!«

Da nahm er sein Sacktuch, spuckte drauf und rieb ihr damit unsanft über die Stirn. »So.«

Das Essen schmeckte ihm nicht – warum gab’s denn heute überhaupt so ein labbriges Fastengericht, nach dem einem der Magen schon um zwei Uhr wieder lang hing?! Was ging ihn der Aschermittwoch an?! Und noch dazu waren die Nudeln nicht einmal gar! Als er um zwölf Uhr hungrig heraufgekommen war und nach alter Gewohnheit zuerst in die Küche geguckt, hatte er Josefine nicht darin gefunden; das Wasser strudelte zwar aus dem Herd und floß zischend über, aber die Nudeln lagen noch trocken auf dem Tisch. Und als er nach ihr gerufen, war sie hastig den Gang heruntergekommen, hochrot, mit verwirrtem Haar. Sie entschuldigte sich: der Leutnant sei erkältet und habe um einen Thee bitten lassen, den habe sie ihm eben rasch selber hingebracht.

Warum war sie so verlegen gewesen, hatte so unnütz viel Worte gemacht, hatte ihm nicht in die Augen gesehen, wie sich’s gehörte, sondern scheu zur Seite geblickt?! Donnerwetter, was hatte sie bei dem Leutnant zu suchen?!

Jetzt beim Mittagessen nahm der Vater die Tochter scharf auf’s Korn. Sie aß nicht; er sah es wohl, wie sie heimlich dem jüngsten Bruder noch ihr Teil zuschob. Ganz benommen guckte sie vor sich hin mit einem verträumten Lächeln. An was, an wen dachte sie?! Rinke empfand es plötzlich wie einen Schmerz – da war was zwischen ihm und seiner Josefine.

»Na!« Früher hatte sie immer gleich seinen Blick bemerkt, jetzt mußte er erst die Faust vor sie hinlegen. »He, Josefine!«

Erschrocken zuckte sie zusammen.

»Nanu?!«

Die Brüder fingen an, verstohlen zu kichern.

»Nanu, an wen denkst du denn?« Es sollte vielleicht neckend klingen, aber er verstand nicht zu scherzen, seine Stimme war scharf. »Wohl an Conradi’n?!«

Sie gab keine Antwort, schüttelte nur, energisch verneinend, den Kopf.

»Na, na, das wäre doch nich unmöglich! Der wird nu wohl bald mal wieder einpassieren. Soll ich ihm schreiben?«

»Nein!« Kurz klang das ›Nein‹, wie angstvoll herausgestoßen.

»Warum denn nich, wenn ich fragen darf? Na?!« Argwöhnisch sah er sie an: das war nicht bloß mädchenhafte Thuerei! Blaß war sie geworden und preßte die Lippen aufeinander und senkte den Kopf.

Die Jungen fingen wieder an zu kichern.

»’raus,« schrie der Vater und zeigte auf die Thür, und sie flohen in die Küche. Dort stopften sie die Fäuste in den Mund und tanzten einen Indianertanz. Hau, nun kriegte die Fina es! Daß die Fina den Sergeanten nicht mochte, das wußten sie ja alle längst, nur der Vater nicht. Das war dem recht, warum war der immer so streng?!

Drinnen in der Stube fing die Mutter an, das Geschirr abzuräumen; sie that sehr geschäftig und wollte es nach der Küche tragen, aber: »Bleib!« rief ihr Mann.

»Was ist los mit dir?« sagte der Feldwebel zur Tochter. Seine Stimme war ruhig, scheinbar gemütlich, aber doch vibrierte etwas in ihr. Sie kannten den Ton, der verhieß Sturm. »Was hast du gegen Conradi’n?«

»Nix!«

»Er ist dir sehr gut!«

»Och –?!«

»Thu nicht so, als ob du das nicht wüßtest! Und en braver Kerl ist er – wenn auch en bißchen mau, – anständig ist er durch und durch! Warum bist du so obstinat? ’nen besseren Mann kriegst du nicht!«

»Ich will jar keinen!«

»Sie hat ja noch Zeit,« wagte Frau Trina einzulenken. Die Tochter that ihr leid; die saß da, wie verdonnert, hielt die Hände im Schoß und rang die Finger ineinander. »Un ich mein’, Rinke, du könnst et als auch noch abwarten, bis de dat Fina los wirst!«

Er brauste nicht auf, wie sonst wohl; ruhig klang es, fast müde: »Zeit – abwarten?! Zeit – jawohl, das ist jetzt ’ne tolle, kein Respekt mehr, kein Parieren! Man paßt nich mehr in den Kram.« Schwermütig stützte er den Kopf in die Hand und sah vor sich hin, versunken in seine Gedanken. »Zeit –?! Wer weiß, wieviel man noch hat!« Die Lippen spitzend, fing er leise an zu pfeifen. Es war das alte Soldatenlied: ›Morgenrot, Morgenrot.‹

Plötzlich fuhr er nervös aus: »Ich hab’ ’ne Unruhe! Ich hab’ sie nu mal! Eh’s los geht, möcht’ ich die Josefine versorgt sehen!«

»Jesus, Rinke, wat haste for Ideen,« sagte Frau Trina, »mer könnt ja wirklich meinen, et jäb Krieg, un du –«

Ein jäher Laut unterbrach sie. Mit weit aufgerissenen Augen hatte Josefine den Vater angesehen, nun sprang sie auf, nun hing sie ihm am Halse. Sie legte das Gesicht auf seine Schulter und schluchzte so in ihn hinein:

»Bis still, Vater, still! Du sollst so wat nit sagen, du darfst so wat nit sagen! Och, Vater, du mußt ewig bei mir bleiben! Vater, jelt, du läßt mich noch hier, ich brauch’ noch nit weg? Och, jelt ja, Vater?! Mein lieber Vater!«

Das war doch noch sein altes Mädel, seine Tochter, die kindlich an ihm hing! Ach, das that wohl! Ein Glücksstrahl flog über sein Gesicht. Er hob ihren Kopf von seiner Schulter und strich ihr die wirren Haare zurück, seine Hand ruhte für Augenblicke schwer und kühl auf ihrer glühenden Stirn.

»Treue, Tapferkeit und Gehorsam, Pflichtgefühl und Ehre!« – Warum er das jetzt sagte? Er wußte es selber nicht, die Worte drängten sich ihm gewaltsam auf die Lippen. »Aber die Ehre ist die größte unter ihnen. Mein Kind, über alles die Ehre!«

XIV

Feldwebel Rinke war erstaunt, daß er auf seinen Brief an Conradi, der eine sehr freundliche Aufforderung zu recht baldigem Besuch enthielt, heute aus Vohwinkel die Antwort bekam: ›Leider jetzt unabkömmlich.‹

Was sollte das heißen? Sollte der die Josefine schon vergessen haben? Denn daß der Conradi nicht mal einen Tag Urlaub bekommen könnte, wie er schrieb, war doch kaum anzunehmen. So schlimm würden die Arbeiterkrawalle dort wohl nicht sein!

Mit einem etwas geringschätzigen Lächeln las Rinke den Brief noch einmal durch. Conradi sprach von einem Arbeiteraufstand in und um Solingen, von Bedrohung benachbarter Eisengießereien, von einem Aufgebot der ganzen Gendarmerie im Bezirk. Dienst Tag und Nacht – gar nicht aus den Kleidern kommen – Fabrikgebäude bewachen – Chausseen abpatroullieren und so weiter. Hastig war’s hingekritzelt, als wäre es im stehen geschrieben. Kaum ein Gruß darunter.

Ausreden! Als ob nicht der Anblick allein eines preußisch gedrillten Gendarmen mit blanker Waffe schon genügt haben würde, einen ganzen Haufen solchen Gesindels in die Flucht zu jagen! Der Conradi hatte nur keine Lust zu kommen.

Verärgert ging der Feldwebel heute seinen Pflichten nach. Er erboste sich in Gedanken gegen sich selber – wer hatte ihn geheißen, dem jüngeren Kameraden so die Avancen zu machen? Und böse war er auch auf Josefine – das kam von ihrem bockigen Wesen, nun schnappte der ab.

In einer nervösen Unruhe lief Rinke hin und her. Seit ein paar Tagen verließ ihn die Angst nicht mehr – in einer schlaflosen Nacht hatte sich’s in ihn eingebohrt wie eine fixe Idee –: hatte der Leutnant von Clermont mit der Josefine etwas vor?

Ein Wunder wäre das nicht, er war jung, sie war jung, sie war hübsch und er wahrhaftig ein glänzender Herr, in den sich ein Mädel wohl verschießen konnte. Und die Josefine war jetzt in den Jahren.

»Himmelkreuzsakrament!« fluchte der Feldwebel in sich hinein, und dann rannte er plötzlich, von einer heftigen Unruhe erfaßt, an die Stiege, die zu seiner Wohnung hinaufführte, und lauschte. Ob der Leutnant schon wieder nach der Küche kam und um heißes Wasser bat? Über den Gang waren es ja nur ein paar Schritt – und der Gang war einsam und dunkel!

Das Blut stieg dem Vater zu Kopf, er kletterte eilends hinauf. Vorsichtig lugte er durch die Thürspalte. Josefine war in der Küche – allein!

Sie saß auf dem Schemel am Fenster, das Messer, mit dem sie Kartoffeln schälen sollte, war ihrer Hand entfallen, die Kartoffeln waren aus ihrer Schürze bis mitten in die Küche gekollert, sie merkte es nicht. Sie merkte nicht einmal, daß der Zipfel ihres Rockes in die Wasserschüssel am Boden stippte. Mit einem glücklichen Gesicht träumte sie in den blauen Himmel hinein – oder starrte sie nach dem Fenster der Offiziersstube drüben?!

Behutsam schlich Rinke wieder hinunter, er schämte sich, den Spion gespielt zu haben; und doch war er erst beruhigt, als er den Leutnant von Clermont zum Thor schreiten sah.

Der ging nun aus. Schlank und elastisch schritt er über das holprige Pflaster längs der Blocks; geschickt balancierte sein Fuß im blitzblanken, schmalen Stiefel über schmutzige Stellen. Ein Stäubchen lag ihm wohl auf dem Waffenrockärmel, er schnippte es weg, und dann pfiff er in die laue Luft und machte mit einem: ›ksch, ksch – puff!‹ die hungrigen Spatzen bange, die unter den knospenden Ahornbäumen schirpend des Frühlings warteten. In einem Schwurr flogen sie auf; über’s ganze Gesicht lachend, sah er ihnen nach.

So heiter, so wohlgemut, was kostet die Welt?!

Der Feldwebel sah dem schlanken Offizier nach, bis das schwere Thor hinter ihm in’s Schloß gefallen war. Nein, da war kein Zweifel, den mußte ja ein Mädel lieben! Und konnte man ihr darum böse sein? Nein, nicht einmal! Lachte einem doch selber das Herz im Leib, wenn man dem nachsah. Der Junge hatte doch noch mehr los, wie sein Vater! Man merkte es, daß der im Korps erzogen war, von Grund auf militärisch. Forsch war er, ein Sappermenter. Vor der Front stand er wie ’ne Tanne, seine helle Stimme schmetterte über den Platz. Die Kerle hatten Dampf vor ihm; er sah jeden Mann, sein Auge, das sonst so lustig herumfackelte, bekam dann einen ganz niederträchtig scharfen Blick. Sein Kinn straffte sich, und wenn er zwischen den zusammengebissenen Zähnen herausstieß: ›Krummer Hund!‹ dann zitterten sie alle! Der Feldwebel schmunzelte. Und bei den Vorgesetzten war der Leutnant auch gut angeschrieben – ja, der kriegte noch mal die Generalsepauletten! Ach, wie stolz konnte der Major auf seinen Sohn sein!

Das Schmunzeln verschwand jäh, ein Zug von Gram vertiefte die Furchen, die Rinke von der Nase herab nach den Mundwinkeln liefen. Ach ja, der Junge konnte ’nem Vater schon Freude machen!

Er stand noch lange und starrte auf einen der schmalen Abdrücke, die der leichte Tritt des Leutnants, kaum sichtbar, im weichen Grund hinterlassen.

Wenn er nur die Josefine in Sicherheit wüßte! Ihm wurde heiß und kalt. Aber vielleicht täuschte er sich? Nun, desto besser. Doch gefährlich war die Nähe jedenfalls. Zu fatal, daß der Conradi dienstliche Abhaltung vorschützte! Der Esel! War es denn die Josefine nicht wert, daß man sich ein bißchen um sie mühte? Solch ein Mädel zu gewinnen, ist ebenso schwer, wie Major werden.

Der Feldwebel grollte dem Kameraden. Arbeiterunruhen – Unsinn! Grollend ging er zum Mittagessen.

Droben fand er große Aufregung. Die Knaben waren soeben aus der Schule gekommen, vor Eifer schrieen sie durcheinander: daß der Wehrwolf bei Hammersphar brennen sollte; daß die Gießereien zu Rinkenberg und Höchscheid und Burgthal demoliert würden; daß die Aufständischen auf Solingen selber los marschierten.

»Alle Maschinen, sagen se, sind ausenanderjerissen – hau – un auf de Eisenstangen han se de Fabricksherren aufjespießt!«

Frau Trina schrie laut auf: »Materdeies, wann die hiehin kommen!« Sie war gar nicht zu halten, wollte durchaus auf die Straße und Erkundigungen einziehen.

Der Vater wetterte noch über den Unsinn – die Jungen schwiegen, aber in ihren herausgedrückten Augen las man weitere Schreckensnachrichten – da wurde auch schon Alarm geblasen.

Grell tutete es von den Höfen herauf, die Trommel wirbelte. Aufgescheucht aus ihrer kurzen Mittagsrast, rannte die Mannschaft umher. Stiegen knarrten, Thüren klappten, Kommandos erschallten. In einer halben Stunde schon rückten zwei Kompagnien Sechzehner aus, sie waren für Solingen designiert.

Also Conradi hatte doch keine Ausflüchte gemacht?! Mit einer gewissen Befriedigung stand der Feldwebel im Kasernenthor und sah den Abmarschierenden nach, sah den letzten Tornister, das letzte Paar der nägelbeschlagenen Kommißstiefel um die Ecke verschwinden. Ihm war’s lieb, daß seine Kompagnie nicht Befehl zum ausrücken erhalten hatte – die Waffen gegen solches Pack zu gebrauchen, war keine Ehre. Das war keinen Schuß Pulver wert wie ein ehrlicher Feind. Stockprügel, Stockprügel! Gewehr umgedreht und mit dem Kolben ihnen den Hintern versohlt! Er spuckte aus:

»Bande!«

Die Aufregung seiner Frau war ihm lächerlich. Was, Angst?! Nur die Bajonettspitzen brauchte der Pöbel von weitem blitzen zu sehen und den gleichmäßigen Tritt der Kolonne zu hören, da gab er schon Fersengeld. Es giebt nichts auf der Welt, was so einschüchternd wirkt, wie die Geschlossenheit der Truppe und das militärische Kommando.

Frau Trina aber gab sich nicht zufrieden. Sie war im ›Bunten Vogel‹ gewesen; da hatte die Wirtsstube gestopft voll gesessen. Die Leute erzählten von einer Deputation, die von Köln nach Berlin gereist war. Alle waren sich darüber einig, daß der König mehr Freiheiten geben mußte. Etliche hatten gar gewußt, daß in Berlin selber auch Unruhen ausgebrochen seien – mit Pflastersteinen war nach den Soldaten vor’m Schloß geworfen worden!

Der Feldwebel höhnte: »I wohl, Soldaten mit Pflastersteinen schmeißen! Hat sich was! Daß du dir solchen Blödsinn vorreden läßt!«

Rinke glaubte an diese Gerüchte nicht. Ja, hier am Rhein, da mochte es wohl schon eher möglich sein, daß es einmal rebellisch spukte – Volk ohne Haltung, ohne Disziplin! – aber in Preußen, in der Hauptstadt, gleichsam unter den Fenstern Seiner Majestät?! Unmöglich!

Der Feldwebel hielt sich heute noch strammer als gewöhnlich. Als er auf die Straße trat, um hinüber in’s Stammlokal zu gehen, reckte er sich kerzengerade; wie Falken, zum niederstoßen bereit, lauerten seine Blicke. Die Mütze hatte er etwas schief auf das, an den Schläfen schon stark ergraute Haar gerückt und den Schnauzbart aufgestrichen; er sah unternehmend aus.

Die Kameraden am runden Tisch fanden, daß heute nicht gut mit Rinke auskommen war. In der That, die ewigen Erzählungen von den Pöbelrevolten reizten ihn – war es der Rede wert, nur ein Wort über so etwas zu verlieren?! Als gar einer im Flüsterton, mit bedenklicher Miene, die Geschichte zum besten zu geben wagte, die auch Frau Trina heute berichtet, riß ihm die Geduld. Was, der Pöbel sollte die Schloßwachen insultiert haben –?! Ein solcher Gedanke schon war eine Beleidigung des ganzen preußischen Militärs!

Mit Mühe nur ließ der Feldwebel sich beruhigen. Mißmutig, früher als sonst, ging er heim.

Auf der Straße war noch reges Leben. Vor den Hausthüren standen Gruppen, Menschenmassen wogten hin und her. Neugierige liefen hinter schreienden Knaben drein, die ausposaunten, daß man hinter Bilk und vom Hammer Damm aus die ganze Stadt Neuß brennen sehen könne.

Viele rannten hinaus auf die Felder. Jenseits Dorf Hamm, über’m Rhein, mußte ein mächtiger Brand wüten. Rauchmassen wälzten sich dem Strom zu, und Feuersäulen lohten auf; Funkenregen, ganze Funkengarben schossen durch’s nächtliche Dunkel.

Bleiche Gesichter sahen sich an. Bis auf die Kasernenstraße glaubten ängstliche Gemüter den Brandgeruch zu spüren. Viele Bürger stiegen zur Bodenluke heraus auf’s Dach und observierten den Himmel.

Am Morgen wurde es bekannt: eine große Fabrik zu Neuß war niedergebrannt, von ruchlosen Händen angesteckt. Und aus Mülheim an der Ruhr, aus Lübbecke, aus Gütersloh, aus Elberfeld, aus vielen andern Orten in geringerer und weiterer Entfernung liefen beunruhigende Gerüchte ein. Die Wirtshäuser der Stadt waren heute überfüllt, dicht gedrängt saßen die Bürger auf der Bierbank; so viel hatten sie lange nicht am Stammtisch zu bereden gehabt. Es war ein Sonntag, aber auch wenn es Wochentag gewesen, wäre keiner seinen Geschäften nachgegangen, denn der St. Sebastian-Schützenverein hielt heute Generalversammlung auf dem Hunsrück. Da strömte alles hin. –

In der Kaserne war es still, totenstill. Im Morgengrauen war noch Militär nach Lennep ausgerückt, dabei hatte es für kurze Zeit Leben gegeben. Jetzt lag der weite Platz leer, in den Pfützen spiegelte sich eine bleiche Sonne, und der scharfe Märzwind schnaufte darüber hin.

Die Sonntage waren immer langweilig, der heutige kam Rinke endlos vor. Zeitung mochte er nicht lesen, wozu sollte er sich ärgern? Mit großen Schritten lief er in der Stube auf und ab, und dann stand er wieder am Fenster und trommelte unruhig auf die Scheiben. Stirnrunzelnd betrachtete er den Himmel – so zerrissen war der, bedeckt von gejagten Wolken, die in fratzenhaften Umrissen Gestalt von Ungeheuern gewannen. Jetzt trieb ein Untier von der Allee heran, mit ausgebreiteten Schwingen segelte es über den Kanal, über den Exerzierplatz, gerade auf’s Fenster zu. Unwillkürlich trat der Feldwebel zurück, ihm war, als senke sich das schwarze Wolkengebild schwer herab.

»Josefine!«

Keine Antwort. Noch einmal:

»Josefine!«

Wo steckte sie nun wieder?! Er ging in die Küche, in die Schlafkammer, durch die ganze Wohnung. Er rief auch auf dem Gang. In der Leere hallte seine Stimme. Fröstelnd rieb er sich die Hände. Ganz allein! Die Käthe war mit den Jungen zu den Großeltern gegangen; vielleicht die Josefine auch? Sie hatte ihm aber nicht Adieu gesagt.

Er entschloß sich, auch auszugehen. Das Seitengewehr umschnallend, verließ er die Wohnung; auf einmal hatte er’s eilig.

War sie mit der Mutter gegangen – oder wo war sie? Einen scheuen Blick warf er hinauf zur Offiziersstube; der Leutnant schien nicht da zu sein, denn der Bursche fläzte sich am Fenster.

Seine Unruhe trieb ihn nach dem ›Bunten Vogel‹.

Als er so, weit ausholenden Trittes, durch die Straßen schritt, fiel ihm plötzlich ein, wie er schon mehr als einmal dorthin geeilt in Hast und Unruhe, einen Flüchtling zu suchen. Das erste Mal: die junge Mutter und das junge Kind – ach, was war die Josefine für ein süßes Kindchen gewesen!

Mit Blitzesschnelle entrollten sich ihm siebzehn Jahre. Immer Josefine! In der Wiege – in den ersten Schuhchen – pfeilschnell dahinschießend im wilden Lauf – beim exerzieren – mit dem Schulranzen – am Einsegnungstag im ersten langen Kleid – eine Mutter unter den Geschwistern – fleißig am Waschzuber – trillernd wie eine Lerche – immer und immer Josefine! Allezeit war sie seines Herzens Freude und Wonne gewesen.

Ihn dünkte heute die unbestimmte Angst um sie fast größer, als jene, die er empfunden in schneeiger Winternacht, da er hier entlang gestürzt, den verlorenen Sohn zu suchen.

Immer und immer der gleiche Weg, das Pochen an die gleiche Thür! Mußten sie denn alle dahin laufen, immer nach dem ›Bunten Vogel.‹ Weib, Sohn, Tochter?! Und er wie ein Narr hinterdrein?!

Ein jähes Gefühl stieg in ihm auf, das sein Blut wallen machte und sein Auge verdunkelte. O, dieses behäbige Bürgerhaus mit seiner allezeit offenen Thür, mit seiner ewigen Lampe unterem Marienbild, mit seinem Duft nach Rheinland und Rheinwasser! Es stahl ihm das, was sein war.

Des Feldwebels Gesicht wurde sehr finster, mit einem bösen Blick sah er umher – o, diese Stadt! Nein, er hatte sie nie lieben gelernt, verhaßt war ihm ihr Pflaster! Nie würde er hier eine Heimat finden, fremd blieb ihm ewig dieser Boden!

Diese nie versagende Fröhlichkeit widerte ihn an – horch, wahrhaftig, da gröhlten sie schon wieder!

Er war auf dem Hunsrück angelangt. In der Wirtschaft bei Prehl standen Fenster und Thüren offen, die Räume schienen zu eng, um die noch immer zuströmenden Männer und Burschen zu fassen. Drinnen redete einer mit mächtiger Stimme. Aha, jetzt erschallten brausende Hochrufe! Was war denn los?

Eine schwarz-rot-goldene Fahne entfaltete sich plötzlich aus einem Fenster des Obergeschosses, flatterte im Winde und blähte sich. Und innen im Lokal und außen auf der Gasse huben plötzlich hunderte wie aus einer Kehle an:

»Freiheit, die ich meine, Die mein Herz erfüllt!«

Weithin dröhnten die kräftigen Stimmen der St. Sebastian-Schützenbrüder.

Der Feldwebel blieb an der jenseitigen Häuserreihe stehen – was, waren sie jetzt schon alle betrunken?! Es schien so. Sie jubelten laut, sie schlugen sich auf die Schultern, sie schüttelten sich die Hände, sie sanken sich in die Arme, sie küßten sich – Männer küßten sich! Buben, kaum drei Käse hoch, wurden in die Höhe gehoben, jubelnd haschten sie nach dem schwarz-rot-goldenen Zipfel. Klatschend trieb der Wind die Fahne gegen Mauer und Fenster; jetzt breitete sie sich aus und spannte sich über die Gasse wie ein straffes Tuch in leuchtenden Farben.

Schwarz-rot-gold – hm! Kopfschüttelnd ging Rinke weiter; aber erneuter Gesang schallte hinter ihm drein und verfolgte ihn bis zum Ende der Gasse, noch weiter:

»Deutschland, Deutschland über alles!«

Trotzig stieg es in ihm auf – schwarz-rot-gold, was sollte das?! Es gab nur eine Fahne:

›Ich bin ein Preuße, kennt ihr meine Farben? Die Fahne weht mir schwarz und weiß voran!‹

Schwarz-weiß! Ein ungeheurer Stolz schwoll in ihm. Aufgereckt, kerzengerade stieg der Preuße über die Straße; ein paar Knaben lachten hinter ihm her. So kam er im ›Bunten Vogel‹ an.

Seine Frau und seine Söhne fand er dort. Josefine nicht.

»Och Jott, Rinke, du has auch immer jett,« sagte Frau Trina auf sein hastiges Fragen nach der Tochter. Ordentlich mitleidig sah sie ihren Mann an. »Wat du der immer für Sorg’ machst, rein um jar nix! Wenn mer so is, kann mer ja sein Leben nit froh werden. Wo soll dat Fina dann hin sein? Et is doch kein klein Stümpken meh, dat verloren jeht!«

Rinkes erstes Gefühl war gewesen, wieder nach Hause zu eilen und dort auf die Tochter zu warten; nun blieb er doch hier. Wenn er nun allein zu Hause blieb mit seinen Gedanken?! Ihm grauste davor. Mechanisch streifte er die Handschuhe herunter und schnallte das Seitengewehr ab.

Frau Trina hatte ihn neben sich auf die Bank gezogen, sie freute sich, daß er endlich wieder einmal mit ihr hier saß. Nun zwinkerte sie vergnügt ihrem Ältesten zu:

»Du, Willem, bring dem Pappa jett zu drinken!« Der Sohn that’s, aber dann drückte er sich zur Thür hinaus, die Großmutter mußte selber aufstehen und dem Schwiegersohn das Bierglas neu füllen.

Heute waren keine Gäste im ›Bunten Vogel‹, alles hockte beim Prehl auf dem Hunsrück. Eine große Behaglichkeit lag über der halbdunklen, altmodischen Wirtsstube. Das ewige Lämpchen unter’m Marienbild glimmte mild mit rötlichem Schein; friedlich still war’s draußen auf der Straße, kein Hund bellte, kein Fußtritt hallte.

Stiller wurde es auch in des Feldwebels Seele.

Frau Trina hatte ihre Hand in die seine geschoben; das war lange nicht geschehen. Auch das freundliche Gesicht der alten Frau, gegenüber am Tisch, that ihm wohl. Nachtragend war die nicht, das mußte man ihr lassen, und der alte Peter Zillges auch nicht, der lächelte in einem fort, kindisch zufrieden.

Ein Gespräch wollte aber trotzdem nicht in Fluß kommen; man begnügte sich, nur einander freundlich anzusehen. Langsam sank die Dunkelheit.

Da krachte auf einmal ein Schuß auf der Straße, die Frauen stießen ein erschrockenes: ›Jesus Maria!‹ aus. Die Knaben wollten neugierig zur Thür stürzen, ein barsches: ›Halt!‹ des Vaters rief sie zurück. Der Feldwebel war auch aufgesprungen und horchte, den Kopf vorgeneigt.

Noch mehr Schüsse.

Und nun plötzlich Fackelglanz draußen im Dunklen: ein ganzer Trupp Menschen zog vorüber, Männer, Jünglinge, Knaben.

Und nun Freudengeschrei: »Illuminieren! Bürjer, Lichtches eraus! Hoch de König! Vivat, de soll leben! Lichtches eraus, Bürjer, illuminieren!« Die Stimmen gellten durcheinander.

Das war ein Trappeln und Rennen, ein Pflasterdröhnen; die stille Ratingerstraße belebte sich wie durch Zauberschlag.

Hunderte von Menschen. Nun trabte ein Rudel Jungen heran:

»Hä küt, hä küt! Hoch de San Sebastian-Schützeverein! Hoch de König! Hoch, hoch, hoch!«

Ein paar Stadtmusikanten fiedelten und bliesen aus vollen Backen. Jetzt brausende Jubelrufe – der Chef von St. Sebastian erschien, fast wankend unter der Wucht der schwarz-rot-goldnen Fahne. Jubelnd, jauchzend, singend umringten ihn die Schützen. Heute marschierten sie nicht in Reih’ und Glied, heute lief jeder wie er wollte und schwamm auf Freudenwogen.

»Düsseldorfer Bürger, Stadt illuminieren!« Von allen Seiten tönte das Verlangen, der Rheinwind trug den Ruf weiter.

Und Menschen, Menschen, froh erregte Menschenscharen.

Und Freudenschüsse vom Mühlenplätzchen, vom Burgplatz, vom Markt her; nach dem Rathaus drängte die Menge.

Das knatterte und knallte und blies und fiedelte und juchzte und frohlockte. Die Träger schwangen ausgelassen ihre Fackeln, greller Schein überglänzte alles, flüssiges Feuer tropfte auf’s Pflaster; wie bespritzt mit Blut standen die weißen Mauern der Häuser.

Frau Trina war mit der Mutter und den Kindern an die Hausthür gelaufen, in größter Neugier faßte sie einen der Vorüberstürzenden am Ärmel: »Wat es dann passiert? Sagt doch!«

»Ich weiß et nit – Vivat hoch, hoch, hoch!«

Sie mußte sich an einen andern wenden: »He, wo lauft ihr dann hin?«

»Nao’m Rathuus! Mir bringen de Fahn’ derhin!«

»Warum dann? Warum schreit ihr dann eso?!«

»Ich weiß et nit!«

»Wat? Och, sagt doch!«

»Ich weiß et nit! Ho–ch!«

Keiner hielt ihr stand. Eine genügende Antwort bekam sie nicht. »Mir feiern,« das brachte sie endlich heraus.

Schnakenbergs Hendrich kam jetzt die Straße entlang. Der war auch bei den Schützen, eine Preismedaille trug er auf der Brust. Es gab Frau Trina einen leichten Stich durch’s Herz – ach, wie schön müßte es sein, am Arm eines solchen Preisschützen alles gucken zu gehen!

»Pst – Sie – ’n Abend, Herr Schnakenberg!«

Der Hendrich war doch immer noch galant; trotzdem alles vorwärts drängte, blieb er einen Augenblick bei ihr stehen. »Kuck ens an, dat Tring!«

»Och, sagen Se doch, wat wird dann jefeiert?«

»Och, de König in Berlin – no, wissen Se – de König, de hat en Amnestie erlassen. Freiheiten soll de jejeben haben. Vor en Stund’ is de Nachricht jekommen. ’schwind, Madam Rinke, ’schwind, nu jiebt et wat zu kucken! Mir bringen ene Fackelzug nao’m ›Jägerhof‹ – adjüs! De Prinz Friedrich, de Protektor vom Verein, de soll leben! Hoch de Prinz Friedrich! Hoch de San Sebastian-Schützenverein! Hoch de König! Hoch die Freiheit! Hoch dat janze königliche Haus – hoch!«

Und ›hoch‹ schrie’s nach, hundertfach. ›Nao’m Jägerhof, nao’m Jägerhof!‹

Das Durcheinander entwirrte sich schnell; zu zweien und dreien reihten sich die Schützen – Fackelträger rechts und links – voran die schwarz-rot-goldne Fahne. Wohlgeordnet, mit Musik und Gesang, setzte sich ein Zug in Bewegung. Und immer noch schlossen sich Bürger an, auch Frauen und Mädchen und Kinder liefen nebenher, immer mit im Schritt, und mischten ihre hellen Stimmen in den Chor der Männer:

›Was ist des Deutschen Vaterland?!‹ –

Mächtig dröhnte es durch die Nacht.

Nun hielt es Frau Trina nicht mehr aus – ihre Söhne waren schon längst auf und davon – sie stürzte in die Stube zurück: »Rinke, ich jeh’ ens kucken!«

Der Feldwebel stand am Fenster, beide Hände auf’s Fensterbrett gestützt, und starrte hinaus. Als seine Frau rief, sah er sich nicht um. Das mächtige ›O nein, o nein, o nein, o nein – sein Vaterland muß größer sein,‹ das draußen noch immer anschwoll, verschlang jeden andern Laut.

»Rinke, Rinke!« Trina stieß ihn an.

Da fuhr er herum. »Was willste?«

»Kucken jehn! Komm doch auch mit! ’schwind, lassen mir jehn!«

»Ja,« sagte er hart, nahm sein Seitengewehr vom Haken an der Wand und zog den Gurt mit einem Ruck straff zu.

»Mutter,« rief der alte Zillges von der Ofenbank her. Der Fackelschein, das Knallen, das Laufen draußen hatte ihn anscheinend gar nicht berührt, still hatte er dagesessen und die Daumen umeinander gedreht; nun hörte er den brausenden Chor. Aushorchend legte er die Hand hinter’s Ohr: »Mutter, wat singen se da?«

Seine Alte trat zu ihm; den Arm um seine Schultern legend, schrie sie ihm in’s Ohr: »Dat Lied von Deutschland!«

»Von Deutschland – Deutschland –?!«

»Eja. Wat es des Deutschen Vaterland?! Dat neue Lied!«

»Deutschland – Vaterland?!« grämelte der Greis. »Mir sin Düsseldorf Börjer!«

Der Feldwebel hatte es gehört; kurz sah er nach Bürger Zillges hin, seine Mundwinkel zogen sich dabei in einem verächtlichen Lächeln herab: der alte, eingefleischte, rheinische Dickkopf!

Dann folgte er seiner Frau zur Thür, strammen Schrittes. Seine Stiefel knarrten, sein Rock warf keine Falte – Brust heraus, jeder Zoll ein Preuße.

Die Straßen waren hell, in allen Fenstern brannten Lichter; wer nicht genug Leuchter hatte, stellte seine Kerzchen in ausgehöhlte Kartoffeln. Auch Öllampen halfen aus. Alle Hausthüren waren geöffnet, alle Gesichter glänzten froh. Der scharfe Märzwind hatte sich mit dem Abend gelegt, leichte Lüfte nur wehten vom Rhein und spielten um die schwarz-rot-goldene Fahne.

Im Hofgarten reckten die Bäume ihre Knospen in’s Fackellicht, und der stille Weiher spiegelte den Glanz wider. Feuchtwarmer Hauch strich säuselnd um erstes junges Gras. Der Winter war vorbei, Träume wachten auf, die noch geschlafen; hoch in den Wipfeln rauschte es von: Frühling, Frühling!

XV

Wie ein wüster Traum erschien dem Feldwebel die vergangene Nacht. War’s denn Wahrheit, die schwarz-rot-goldene Fahne wehte wirklich vom Rathaus, auch im hellen Licht des neuen Tages?! Die Verrückten!

Aber einen stillen Triumph hatte er: Der königliche Prinz im Jägerhof hatte ihren Fackelzug abgelehnt. Er war nicht auf dem Balkon erschienen trotz all der Rufe: ›Es lebe Prinz Friedrich.‹ ›Es lebe der König!‹ Trotz aller Gesänge waren die Fenster dunkel geblieben, das Schloß schien ausgestorben, einzig ein paar Lakaiengesichter hatten sich scheu hinter den Scheiben des Parterregeschosses gezeigt. Das enttäuschte Volk hatte lange geharrt, zuerst geduldig; aber dann, frech wie sie waren, hatten einige geknurrt, andere sogar gepfiffen. Das Blut war Rinke heiß zu Kopf gestiegen.

Da war ihm eiskalt geworden.

Ein Mädchen war vorübergegangen, ein blondes Mädchen, am Arm eines schlanken Herrn. War das nicht Josefine –?! Ja, und das war der Leutnant, trotz des Civils! Ja, sie waren es, und wenn sie sich auch noch so vorsichtig im Schatten hielten! Auf den Prellstein an der Jägerhofstraßenecke war Josefine neugierig geklettert, lachend hatte sie sich auf ihres Begleiters Schulter gestützt; dann hatte der sie herabgehoben, und in zärtlichem Aneinanderschmiegen waren sie wieder untergetaucht zwischen einsamen Büschen des Hofgartens. – – –

Nun sollte sie ihm aber her heute morgen!

Mit einem Fluch fuhr der Feldwebel aus dem zerwühlten Bett, aber der Fluch wurde zum Stöhnen. Sein Mädel, seine Josefine! Sie liebte den Leutnant, – wie unglücklich würde sie sein! Aber – laß sie weinen! – jetzt fest sein wie Eisen, kalt Blut! Er setzte die strengste Miene auf.

Als er nach ihr rief, kam sie ahnungslos gelaufen rosig angehaucht vom Morgentraum und einem inneren Glück.

»Willste wat, Vater?«

Er sah sie nicht an, machte sich mit seinem Anzug zu schaffen. Es klang nur so nebenbei: »Wo warst du gestern?«

»Jestern? – Och – de Illumination kucken!«

»So, hm« – er machte eine Pause und sah sie scharf an, sie war plötzlich dunkelrot geworden – »allein?! – Allein, he?!«

»Ich – och – Vater, wat biste so komisch! Ich – wat is dann, wat haste dann?«

Wie verlegen sie war! Gott sei Dank, das Lügen und Verstellen hatte sie doch noch nicht ganz gelernt! Sie war sehr ängstlich.

»Ob du allein gegangen bist, frag’ ich dich! Antwort!«

»Ich – ja – ne –« sie zögerte, sie wand sich, und dann sagte sie hastig: »Ja, ja, allein!«

»Du lügst!«

Zwei Worte nur waren es, aber sie fielen wie zwei Hammerschläge. Josefine knickte förmlich zusammen, ihre Röte verwandelte sich in Blässe, ihre Lippen zitterten. Nun war sie wie damals der Wilhelm – keine Silbe, kein Laut – sie wich nur zurück, langsam, Schritt für Schritt.

Der Vater folgte ihr. Jetzt faßte er ihren Arm und zog sie zu sich heran. Dicht waren seine Augen den ihren; ob sie die Lider auch niederschlug, sie fühlte doch seinen scharfen Blick. Der wühlte sich förmlich in sie hinein, der durchfuhr ihr Herz – so viel Strenge, so viel Zorn in diesem Blick, ach, und so viel Gram!

»Du lügst?!« wiederholte er. Es klang wie ein Schmerzensruf, wie eine bange Frage. »Hab’ ich dich lügen gelehrt? Sag, hab’ ich?« Er preßte ihren Arm mit eisernem Griff. »Hab’ ich dich nicht Ehre gelehrt?!«

Sie gab keine Antwort.

Da übermannte ihn der Zorn, er rüttelte sie, daß ihr die Haarnadeln herausflogen und die lose aufgedeckten Zöpfe herunterfielen. »Ich habe dich gestern gesehen!«

Die Tritte der Mutter näherten sich außen der Thür.

»Bleib draußen,« brüllte der Feldwebel und drehte den Schlüssel um; und dann packte er wieder den Arm der Tochter und flüsterte heiser: »Du lügst ja – pfui Teufel!« Mit einer Gebärde der Verachtung stieß er sie von sich.

Da raffte sie sich auf. Trotzig den Kopf aufreckend, trat sie vor ihn; entschlossene Energie ließ ihre weichen Züge fester erscheinen, den seinen ähnlich. Die Thränen herunterschluckend, sah sie ihm gerade in’s Gesicht.

Sein Ton wurde unbewußt milder, wie der einer Klage: »Du – du – warum belügst du mich?!«

Es kämpfte in ihrem Gesicht, und dann kamen die Thränen, schluchzend stieß sie heraus: »Wir – fürchten – dich – alle –! Weil wir dich fürchten!«

Er starrte sie entsetzt an: »Du – auch?!«

Sie gab keine Antwort.

Er stand gegen den Tisch gelehnt, als müsse er sich stützen. Jetzt fuhr er sich langsam mit der Hand über die Stirn, über das ganze erblaßte Gesicht.

»Also du – fürchtest mich auch,« sagte er tonlos. »Mein Gott, mein Gott!« – Dieses flüsterte er nur noch in sich hinein, wie ein heimliches Stoßgebet. – »Sie fürchten mich alle. Alle. Herrgott, nur diese eine hier laß mir – die Josefine! Sie soll mich nicht fürchten!«

Sein Blick verdunkelte sich, brennend schoß ihm etwas Heißes in’s Auge.

Josefine sah es.

»Vater!« schrie sie, lief auf ihn zu und zog ihm die Hand herunter. »Ich sag’ et ja, ich sag’ et! Nein, ich fürcht’ dich nit! Vater, mach kein so traurig Jesicht! Ja, ich bin mit dem Viktor jejangen – wir haben uns lieb« – ein Ausdruck des Entzückens verklärte ihr Gesicht – »ach, janz schrecklich lieb! – Ne, lügen will ich nit mehr, dadrum sollste dich nit jrämen! Meinswejen schlag mich – ich kann nix dafor, ich hab’ ihn so lieb!«

»Hm, ja – so sehr lieb?«

»Och ja, och ja!«

»Er dich auch?«

»Ja, och ja!«

Rinke holte tief Atem, es lag ihm allerlei auf der Seele – eine große Angst – aber er fragte nur noch: »Hat er dich oft bestellt?«

Sie nickte. Einen Augenblick zögerte sie, aber dann setzte sie ganz von selbst hinzu: »Spazieren jejangen sind wir abends, und dann –« hier wurde ihre Stimme leiser, sie flüsterte, alle Furcht vergessend, in einer glückseligen Erinnerung – »ich bin auch als mal auf seiner Stub’ jewesen.« Sie seufzte tief auf und strich sich mit beiden Händen das Haar aus dem Gesicht. »Nu weißte alles!«

Alles? – War das auch wirklich alles – alles?! Des Feldwebels Blick blieb auf der Tochter haften, als wolle er in ihrer Seele lesen. Sie hielt den Blick aus.

Halb kühn, halb bang, wartete sie, – was würde er sagen, was thun?! Jetzt hob er die Hand – unwillkürlich kniff sie die Augen zu – jetzt – jetzt würde der Schlag fallen –

»Setz dich,« sagte der Vater.

Erstaunt öffnete sie die Augen weit, seine Stimme klang ja weich.

Ein flüchtiger Sonnenschein war über Rinkes Gesicht geglitten, ruhiger nahm er am Tisch Platz. Gottlob, noch war nichts verloren, es konnte noch alles gut werden! Und rasch flogen seine Gedanken zu Conradi hin. Er atmete tief auf, wie von einer Last befreit, aber dann trommelte er energisch auf die Tischplatte.

»Nu machste aber ’n Ende! So weit, aber nich weiter, hörst du?! Ich mache dir keinen Vorwurf, wirst dir das Nötige wohl alleine sagen können, alt genug biste dazu. Jetzt heißt es: ›Ganzes Bataillon – kehrt!‹«

Sie ließ den Kopf hängen.

Er sprach weiter, scheinbar ohne die Thränen zu bemerken, die über ihre Wangen strömten. Lange redete er auf sie ein, ohne Zorn, ohne Härte – Donnerwetter, konnte er es dem Mädel denn verdenken, daß es in den Clermont verschossen war?! Schneidiger Junge! Und ein Mann von Ehre war’s nebenbei auch noch. Ja, ein echter Offizier, nicht nur adlig von Geburt! Rinke fühlte sich ganz beruhigt – nein, da war nichts passiert!

»Heule man nich, Josefine,« sagte er zuletzt und strich der Tochter leicht über das Haar. »Danke Gott, bei ’nem andern hättste böse ankommen können. Und nu, Kopf oben! So was vergißt sich, wenn man Mumm hat, und den haste ja. Heirate ’nen braven Mann. Der Conradi wird dich schon glücklich machen!«

Sie zuckte zusammen. Immer tiefer hatte sie den Kopf gesenkt, nun warf sie sich vornüber auf den Tisch und brach in fassungsloses Schluchzen aus.

»Na, na!« Rinke stand auf und sah ziemlich bestürzt auf sie nieder; dann aber lief er mit kurzen Schritten vor ihr auf und ab, diese ungebärdige Heulerei fing an ihn zu ärgern. Was hatte sie sich denn eigentlich eingebildet, sollte diese Liebelei immer los so weiter gehen?!

»Hör auf,« sagte er streng und zwang ihr den Kopf in die Höhe. »Nimm dich zusammen! Was fällt dir denn ein, du bist ’ne Feldwebelstochter, er ein Offizier. Was soll noch die Flennerei?! – Hör auf!« schrie er und stampfte mit dem Fuß, als ihr Weinen von neuem losbrach. »Wenn der Conradi will, könnt ihr bald Hochzeit machen – nur keine lange Zerrerei – dann hat die liebe Seele Ruh’. Na, dem Conradi wird’s schon recht sein!«

Ein verwirrter, banger Ausdruck kam in Josefines Gesicht, sie öffnete den Mund, aber ehe sie noch irgend etwas gesagt, schnitt ihr der Vater schon das Wort ab. Sie brachte es nur zu einem einzigen angstvollen Laut.

»Maul halten,« sagte er hart, und seine Züge wurden eisern. »Geantwortet wird nicht, aber pariert. Und daß du mit dem Leutnant nicht mehr weiter scharmutzierst, darauf giebst du mir dein Wort – dein Ehrenwort.« Er hielt ihr die Hand hin: »So!«

»Vater, ich kann nit – wat soll der Viktor wohl sagen – och, Vater!« Sie wand sich und schluchzte.

»Was der sagen soll?! Na, – sprich noch mal mit ihm, besser noch, schreib ihm – schreib ihm, was dir dein Vater gesagt hat. Und: ›Adieu,‹ wird er sagen, ›Adieu, Josefine!‹ Der hat Ehre.«

»Vater, ich kann et nit, wahrhaftijens Jott, ich kann’t nit – sag du et ihm! Ich sterb’!«

Nun that sie ihm doch wieder bitter leid, ihre Augen waren rot vom weinen, ihre Lippen schmerzlich verzogen; sie faßte ihn bittend am Rock: »Sag du et ihm!«

»Mädel, red’ keinen Unsinn, überleg’ dir’s doch, wie kann ich wohl mit dem Leutnant von so was reden – ich, als Feldwebel?! Du mußt dich alleine ’rausfinden. Zeig mal, daß du bist, für was ich dich immer estimiert habe, und daß du –« Es kam ihm etwas in die Kehle, er räusperte sich stark, und dann fiel er in seinen gewohnten Ton: »Donnerwetter, da schlägt’s ja schon sechse! Die Suppe, die Suppe, ich muß ’runter! Die Kerle werden täglich schlapper!«

Sie sprang auf, ihre Kniee zitterten, – die Suppe, die Suppe, es war höchste Zeit! Ob auch blind vor Thränen, tappte sie doch rasch zur Thür.

Die Morgensuppe schmeckte heute dem Feldwebel nicht. »Na, hast ihr wohl mit Thränen gesalzen,« sagte er mit einem Versuch zum scherzen, als er, an der Küche vorbei, zur Treppe ging.

Sonst hätte die Tochter gelacht, heute hörte sie nicht. Sie stand am Herd und starrte in die verlodernden Flammen. – –

Als Rinke im Bureau sich den Gänsekiel zurecht schnitt, beschloß er, nachher, in der ersten freien Minute, gleich dem Conradi zu schreiben – jetzt nur nicht lange gefackelt!

Er dachte gar nicht daran, wie schwer es ihm sein würde, die Tochter zu missen – nur fort mußte sie, bald Hochzeit machen! Und er wußte, sie würde nicht mehr widerstreben; jetzt ging sie lieber fort, als daß sie dem Leutnant täglich begegnete.

Eben legte er sich einen Briefbogen zurecht, als der Hauptmann ihn rufen ließ, der in großer Erregung draußen auf und ab ging.

Heute war alles in der Kaserne, überall sah man Offiziere. Auf dem Exerzierplatz stand der General von der Gröben inmitten der höchsten Chargen. Aber die Mannschaft hielt man auf den Stuben. Es wurden Gewehre geputzt, Munition verteilt – zwanzig Patronen pro Mann – der Pioniersektion das große Schanzzeug beordert, auch Brotbeutel gefüllt.

Ging’s wieder zu einem Tumult? Eine gewisse Neugier: wohin diesmal? bewegte die stumpfen Gemüter der Mannschaft.

Mit beunruhigten, gereizten Blicken sahen sich die Vorgesetzten an. Wer aus der Stadt kam, wußte von sich zusammenfindenden Volksmassen zu berichten. Eine aufgeregte Menge wogte durch die Straßen.

Was gestern einige nur besonders Eingeweihte gewußt, was als grauenvoll-geheime Kunde spät abends von Berlin eingetroffen war und den königlichen Prinzen im Jägerhof sein Ohr verschließen ließ vor den Hochrufen des fackeltragenden, fröhlichen Volkes, das war jetzt stadtbekannt – die Kämpfe des 18. März.

In der Hauptstadt Revolution!

Glocken heulten dort Aufruhr. Barrikaden auf den Straßen, Tote auf dem Pflaster, Blut und Hirn verspritzt. Vierzehntausend Mann Soldaten hatten von zwei Uhr nachmittags bis in die fünfte Morgenstunde des 19. März mit dem Volk gekämpft!

Was würde nun werden?! Würde es jetzt auch hier am Rhein losgehen?! Eine bange Schwüle lag in der Luft, eine erregende Spannung auf den Gemütern.

Die abgelöste Wache, die gegen mittag vom Burgplatz her ein gutes Stück durch die Stadt zu marschieren hatte, berichtete, in der Kaserne angekommen, von beleidigenden Zurufen, von pfeifen, johlen und Schimpfworten. Ein paar Mädchen in einem Fenster hatten sogar die Zunge herausgestreckt.

Die Sechzehner waren empört. Die Gereiztheit der Offiziere teilte sich nun auch der Mannschaft mit, man wäre am liebsten ausgerückt.

Der Feldwebel rannte umher wie ein Tier im Käfig. Niemand durfte die Kaserne verlassen. Hei, wenn er nur hervorspringen dürfte hinter dem schweren Thor, hinaus auf die Straße und den Pöbel, der schon seit Stunden Plätze und Gassen füllte, Achtung lehren! Die wollten sich wohl auch zusammenrotten, wie die Horden in Berlin, die erst die einzelnen Posten vor der Bank niedergeknallt und dann, berauscht von vergossenem Blut, es gewagt hatten, die Truppen vor dem Schloß anzugreifen, sozusagen dem König in’s Gesicht zu schlagen?!

Rinke hätte seine Frau prügeln können, die die armen Berliner Bürger bejammerte. Heftig gebot er ihr Schweigen. Die Frauenzimmer verleideten ihm die Wohnung; auch. Josefine hatte verheulte Augen, – war es denn jetzt an der Zeit, unnützen Liebesgedanken nachzuhängen?! Er hielt sich kaum oben auf, stieg wieder eilends hinab auf den Hof, machte die Runde und strich umher wie ein ruheloser Geist.

Mit Kartätschen und Bomben müßte Seine Majestät dreinfeuern lassen, dann würde es schon Respekt kriegen, das übermütige Bürgerpack, dem der Buckel juckte vor lauter Wohlleben! Gut, daß der Prinz Wilhelm dem König zur Seite stand und General von Prittwitz die Truppen befehligte; das waren zwei Schneidige! Wenn nur erst der Prinz Wilhelm seinen Posten als Gouverneur der Rheinlande anträte, dann sollten sie hier schon Augen machen: strammes Regiment, altpreußischer Geist, ein echter Soldatenprinz! –

Der Feldwebel zitterte darauf, etwas Genaueres über die Ereignisse in Berlin zu erfahren, waren es doch nur Bruchstücke, die in die Kaserne drangen. Die verzehrende Ungeduld zu stillen, schickte er einen seiner Jungen nach der Expedition der Düsseldorfer Zeitung. Unendlich lange blieb der aus und kam zuletzt wieder, ohne Zeitung. Kein einziges Blatt war zu haben gewesen, die Leute hatten sich darum geschlagen.

In Scharen standen die Düsseldorfer vor den Zeitungsausgaben und begehrten stürmisch zu erfahren, ob das teure Bürgerblut umsonst vergossen sei, ob der König in Berlin nun nicht schleunigst gut machen werde, was ›der heillose Kartätschenprinz‹ mit seinen ›Bluthunden‹, den Soldaten, am Volk verbrochen.

Auf einmal waren die Berliner Bürger den Düsseldorfer Bürgern wie Brüder. Man trug Leid um jeden der Helden, der auf den Barrikaden gefallen im Kampf um bürgerliches Recht. In jedem Wirtshaus wurde für die Hinterbliebenen der toten Brüder gesammelt, manch einer gab in der ersten Aufwallung weit mehr, als er vermochte. Viele schwarze Kleider zeigten sich, verweinte Gesichter und zornige Mienen. Hunderte waren ja hingemordet, von Bomben zerrissen, auf Bajonette gespießt, mit Kolben zerschmettert!

Wie ein Schneeball, der in’s rollen geraten, zur Lawine wird, so vergrößerte sich die Zahl der Opfer im Volksmund von Stunde zu Stunde. Die Straßen der Hauptstadt trieften von Blut, nicht Greise hatte man geschont noch Knaben, wehrlose Frauen hatte man gemißhandelt, wie die Bestien hatten die Soldaten gehaust!

Weg mit dem Militär! Wozu diese Tagediebe, diese unnützen Brotfresser?! Das Volk war Mannes genug, sich selber zu schützen, wenn Gefahr drohte – gebt ihm nur Waffen!

Ein Murren grollte durch die Stadt. – – – –

Es war abend, als Rinke den außergewöhnlichen Befehl erhielt, als Wachhabender die Hauptwache am Burgplatz zu beziehen. Das war sonst nicht seines Amtes, er fühlte es wohl, es war eine besondere Auszeichnung. Nicht umsonst hatte der Hauptmann heute ein Lied zum Preis der altgedienten Unteroffiziere angestimmt: ›Sie sind der Mörtel, der die Mauern des preußischen Heeres zusammenhält, sie sind gleich jonischen Säulen‹ – ja, so hatte er gesagt: jonische Säulen – ›die das ganze Gebäude tragen.‹

Ein hoher Stolz schwellte die Brust des Feldwebels, als er mit seinen Leuten im Dunkeln auszog.

Trüb’ nur flackerten die Laternen, der Märzwind wollte sie löschen. In den Häusern rechts und links brannte nur wenig Licht, früh waren auch die Läden geschlossen; kaum jemand schien daheim, alles auf der Gasse. Aber still waren trotzdem die Straßen; stumm gingen die Bürger hin und her, und wo ihrer mehrerer zusammen standen, flüsterten sie. Es war wie in einem Trauerhaus. Selten nur, daß das Lied: ›Was ist des Deutschen Vaterland‹, von einem Rudel halbwüchsiger Jungen gesungen, die heilige Stille unterbrach.

Rinke ließ seine Augen scharf umgehen: nichts Verdächtiges! Die Mannschaft war scharf bewaffnet. Der Erlaß dazu war heute nachmittag gekommen. General von der Gröben hatte auch das Militär, das drüben über’m Rhein lag, sämtlich in die Stadt zurückgezogen.

Wie immer marschierte die Wache ihres Weges, doppelt laut trappten die schweren Kommißstiefel durch die Stille. Von den Insulten des Mittags keine Spur. Um den alten Jan Willem und auf den Treppen des Rathauses standen zwar viele Menschen, aber sie verhielten sich schweigend.

Einen bösen Blick sandte Rinke zum Rathausgiebel hinauf – da flatterte die schwarz-rot-goldene Fahne; doch kein Pfiff ertönte. Mit einem Gefühl der Befriedigung reckte der Feldwebel seine lange Gestalt noch gerader – Bande! Angst hatten sie.

Finster lag das alte Schloß, und auch in dem Flügel, der der Akademie diente, flimmerte kein Lichtchen. Auch kein Licht vom Himmel. Vom Rhein her wehte es scharf. Das Knarren der Wetterfahnen auf den alten Häusern am Burgplatz und das Sausen des Windes waren die einzigen Geräusche, die die Mannschaft vernahm, als sie im Gewehr stand.

Da plötzlich ein schriller Pfiff! Dann alles wieder still.

Aus der Ratingerstraße schiebt sich stumm ein schwarzer Menschenknäuel gegen den Burgplatz; vom Markt her ein zweiter, und von ›Hinter der Akademie‹ noch ein dritter. Von allen Seiten drängt es zu. Im Moment ist der Platz von Menschen besetzt. In langen Reihen nehmen sie Aufstellung, der Hauptwache in geringer Entfernung gegenüber. Noch verhalten sie sich still, aber schon ruft eine spottende Knabenstimme:

»Helau, Preuß’! Preuß’!«

Meist sind es junge Bursche, kaum dem Knabenalter Entwachsene, die sich zusammengefunden haben; Lungerer sind auch dazwischen, Eckensteher und Betrunkene, die sich taumelnd kaum aufrecht halten.

Mit spöttischem Zucken des Mundes musterte Rinke die Gegner – das waren Helden!

Unbeweglich stand seine Mannschaft, Gewehr bei Fuß.

»Stillgestanden – das Gewehrr – üb’r!«

Die Läufe blitzen.

Da – wieder der gellende Knabenruf: »Se han jeladen!«

Hohngelächter. Und nun nachäffendes Geschrei:

»Stillgestanden – das Gewehrr über!«

Wiederum wieherndes Lachen aus hundert Kehlen. Aber auch andre Rufe mischen sich ein; ein Trunkener flucht, ein Aufgeregter heult: »Se schießen auf et Volk!«

»Wie in Berlin,« schreit ein andrer. Und: »Preußen weg, Platz for den Bürjer!« tönt es vielstimmig.

Des Feldwebels Augen funkelten. Er hatte blank gezogen; eine grimmige Lust kam ihn an, dem vordersten Schreier die flache Klinge auf dem Buckel tanzen zu lassen. Sein braunes Gesicht war fahl geworden, die Ader auf seiner Stirn dick geschwollen; er biß die Zähne zusammen, krampfhaft umklammerte seine Rechte die Waffe.

Das dauerte so eine Ewigkeit.

»Preuß’, Preuß’, kß, kß, kß! Ach–tung! Präsentiert das – Gewährrr! Bataillon marrrsch!«

Sie machten die Kommandos ganz gut nach, sie hatten sie oft genug vom Exerzierplatz schallen gehört.

Rinke fühlte die Blicke seiner Mannschaft; die brannten vor gereizter Ungeduld. Ein Wort, ein Kommando – es wäre eine Erlösung gewesen! Aber fest preßte er die Lippen zusammen – Ruhe, Vorsicht, Mäßigung! Er hatte keinen andern Befehl.

Regungslos stand er, wie aus Erz, keine Muskel zuckte, und doch lag Verachtung in seiner Haltung; sie reizte.

Ein paar Fackeln waren aufgetaucht, nun zeigte sich der Platz in hin und wieder huschendem Schein.

»Preußenkerl! Bluthund!«

Aus der hintersten Ecke kommt ein Stein geflogen, aus derselben Richtung schwirrt drohendes Gemurr. Immer drohender wird es. Die hintersten drängen die vordersten – immer näher rückt der Haufen, immer näher.

Jetzt stehen sich die Parteien dicht gegenüber, Auge in Auge.

Schon wieder fliegt ein Stein – gut gezielt – polternd fällt er zwischen die Gewehrstände.

Unwillkürlich packen die Soldaten ihre Waffe fester; des Feldwebels Hand, die die blanke Klinge hält, zuckt.

Wütende Augenpaare glitzern sich an.

»Nicht mit Steinen schmeißen! Um Jottes willen, nicht schmeißen!«

Vom Rathaus her kommen ein paar Männer angestürzt, barhaupt, mit flatternden Rockschößen. Angesehene Bürger sind es, ältere Leute. Sie verteilen sich unter der Menge, und man hört ihre beschwichtigenden Stimmen; sie ermahnen, sie bitten:

»Ruhe, um Jottes willen Ruhe!«

»De Preußen sollen sich scheren! Preußen, Schweinhunde, macht euch ab!«

Steine prasseln. Grell johlt der Pöbel auf.

Die Ruhestifter drängen sich durch; mit erhobenen Armen, wie zum Schutz, schieben sie sich zwischen die Parteien: »Ruhe, Ruhe, sie jehn ja schon! Der Befehl ist unterwegs – sie sollen abziehn – wartet nur! Wartet!«

Langsam weicht die Menge zurück; aber sie bleibt noch, auf der andern Seite des Platzes faßt sie Posto und wartet.

Wenig später erhält die Wache den Befehl: ›Abziehen! Zurück in die Kaserne!‹ –

Das war ein schmachvoller Rückzug! Feldwebel Rinke glaubte nie eine gleiche Demütigung erfahren zu haben; er wagte nicht aufzusehen, finster bohrte sich sein Blick in’s Straßenpflaster. Wenn auch der Pöbel, plötzlich vollständig zufriedengestellt durch den Abzug der Soldaten, lautlos, ohne höhnenden Zuruf, die Truppe passieren ließ, er glaubte doch den Spott zu fühlen. Aller Augen wähnte er auf sich gerichtet. Er hatte es nicht Acht, daß die Ruhestörer andre Wege einschlugen; die drängten in die Wirtshäuser, durchzogen Arm in Arm die Gassen, ›des Deutschen Vaterland‹ singend. Viele Häuser zeigten schwarz-rot-goldene Fähnchen, Bürger eilten nach dem Rathaus, um ihre nur durch das Nachtessen unterbrochene Beratung über die dringend notwendige Gründung einer Bürgerwehr fortzusetzen.

Als der Feldwebel die Mannschaft hatte abtreten lassen, torkelte er einsam über den nächtlichen Kasernenhof. Alles drehte sich mit ihm, er fühlte sich wie betrunken und hatte doch keinen Tropfen über die Lippen gebracht. Gleich einem Fieberkranken flog ihm der Atem. Nur einen Augenblick Rast – seine Füße wollten ihn nicht mehr tragen – und dann noch einmal fort, zum Hauptmann! Er mußte den sprechen, und würde es Mitternacht. Warum eigentlich? Das wußte er selber nicht, aber so hielt er’s nicht aus; er mußte jemand ausschütten, was ihm das Herz abdrückte, was ihn erfüllte ganz und gar mit Schmerz, Zorn, Empörung. Ach, wäre nur erst der Prinz Wilhelm im Rheinland!

Einen sehnsüchtigen Seufzer stieß er aus. Sein Auge irrte zum Himmel empor und suchte verlangend einen hellen Stern – er fand keinen.

Jetzt stürmte jemand durch die Finsternis an ihm vorbei, er kannte den raschen, elastischen Tritt – der Leutnant!

»Feldwebel, sind Sie’s?« klang’s ihm durch die Nacht entgegen.

»Zu Befehl, Herr Leutnant!«

Viktor von Clermont blieb stehen. »Ist es wahr, die Wache ist zurückgezogen worden?« stieß er heraus.

»Zu Befehl, Herr Leutnant!«

»Donner und Doria!« Weiter sagte der junge Offizier nichts, aber Rinke, der in der Dunkelheit sein Gesicht nicht erkennen konnte, glaubte durch den Ton zu sehen – dem da schlug auch die Röte der Scham, des Unwillens in’s Gesicht!

»Haben Sie schon die neueste Post gehört?« fragte der Leutnant hastig. Man merkte es ihm an, er konnte es nicht mehr bei sich behalten. »Majestät hat die Truppen zurückziehen lassen – alle Truppen – da!« Er riß ein Zeitungsblatt aus der Tasche. »Das Allerneueste aus Berlin! Und die Proklamation Seiner Majestät! Hier, lesen Sie!«

Gierig griff Rinke nach der Zeitung; ehe er danken konnte, war Clermont fort, hineingeschossen in’s Dunkel, wie eine Rakete. Der Feldwebel nahm sich nicht erst Zeit, in seine Wohnung hinaufzuklettern; unten, vor’m Treppenaufstieg, schwankte eine Laterne und gab ein spärliches Licht, hier blieb er stehen.

Hastig entfaltete er das Blatt, – es war zerknittert und eingerissen, als hätte einer mit der Faust dreingeschlagen und es dann wütend zerknüllt – kaum konnte er es noch lesen.

Da stand’s! Die Hundsfötter hatten den König herausgeschrieen, auf den Balkon des Schlosses war er getreten, sie hatten ihm Leichen entgegengehalten – Rebellenleichen! Gebrüllt: ›Hut ab!‹ Und er – der König – er hatte sich verneigt!

Vor des Feldwebels Augen flimmerte es, die Buchstaben tanzten. Mit einem Fluch suchte er weiter.

Hier die Proklamation!

›An meine lieben Berliner!‹

Lieben Berliner! »Haha!« Rinke wußte nicht, daß er mißtönend auflachte. Ganz betäubt, ganz entsetzt, mit Blicken, vor denen alles verschwamm und die doch grausam deutlich sahen, verschlang er das folgende. Jetzt buchstabierte er wie ein Kind:

›Ich gebe euch Mein königliches Wort, daß alle Straßen und Plätze sogleich von den Truppen geräumt werden sollen –‹

Er konnte, er wollte nicht weiter lesen, nein, nein! Und doch noch dies, hier noch dies:

›Vergesset das Geschehene, wie Ich es vergessen will –‹

War es möglich?! Das Zeitungsblatt in seiner Hand zitterte. Ungestraft sollten die frechen Empörer ausgehen, ungeahndet Soldatenblut vergossen, mit Mörderhänden an Preußens Thron gerüttelt haben?! Wo blieb die Tapferkeit, wo blieb die Ehre – wo der Prinz Wilhelm?! Was sagte der?!

Brennend überflog sein Auge die Zeilen, suchte und suchte – Prinz Wilhelm, Prinz Wilhelm – da stand nichts von ihm!

Ein Windstoß löschte die schwankende Laterne, schwarz war der Hof, schwarz der Flur.

Der Feldwebel hatte sich schwer gegen die Wand gelehnt. Das in zwei Stücke zerfetzte Zeitungsblatt hielt er in beiden Fäusten und schluchzte in Zorn und Schmerz.

XVI

Im Düsseldorfer Kreisblatt spukte die Freiheit:

›Sie sind längst dahingegangen, die vom deutschen Frühling sangen, Und der Lenz der deutschen Freiheit, endlich hat er angefangen! Seht, es knospet eine Rose aus der blutgetränkten Erde! Eine Rose, nicht ein Veilchen, zeiget, daß es Frühling werde.‹

In schwarzer Umrahmung stand fettgedruckt:

Berlins großen Toten!

›Selig, die in Gott sterben! –

Opfernd euer rotes Blut, gingt ihr in den schwarzen Tod für die goldene Freiheit!‹

Dem Theaterdirektor am Markt wurde öffentlich von vielen deutschen Brüdern gedankt, daß er Schillers Wilhelm Tell zur Aufführung gebracht.

Die Bürgerwehr bezog fleißig ihre Standquartiere in den besten Wirtschaften der Stadt.

Auch der ›Bunte Vogel‹ war von einer Kompagnie zum Sammelplatz ausersehen; ihr Hauptmann war ein Maler.

Die Bürgerwehr hielt sich tüchtig dran, das mußte man ihr nachrühmen. Der Chef des St. Sebastian-Schützenvereins war zum obersten Befehlshaber gewählt, und der ließ marschieren und exerzieren, drüben auf der andern Rheinseite in der Scheibenbahn schießen, hielt Paraden ab und veranstaltete Sammlungen, um ärmere Mitglieder ordentlich auszurüsten. Der Hofkappenmacher auf dem Stadtbrückchen lieferte die Kappen, die Offiziere stolzierten mit Säbel und Schärpe. Die Stadt war in guter Hut.

Daß die Bürgergarde nicht anwesend war, als eine Rotte Pöbel vor’m Hotel zum ›Prinz von Preußen‹ schimpfte und johlte und die Fenster einwarf, war eben nur ein unglücklicher Zufall.

Die resolute Hotelbesitzerin hatte sich aber auch ohne Bürgerwehr zu helfen gewußt: sie hieß den Hausknecht eine Leiter anlegen, und unter Beifallsjubel wurde das Schild, das den Namen des verhaßten ›Kartätschenprinzen‹ zeigte, heruntergeholt.

Alles trug die schwarz-rot-goldene Kokarde. Schwarz-rot-goldenes Band war rar geworden; die Damen trugen es auf den Hüten, als Schleifen am Busen, und die jungen Mädchen knüpften es um die Taille und ließen die Enden flattern. Selbst die Kinder trugen etwas Schwarz-rot-goldenes.

Explore with AITake your curiosity a little further.

Reading settings