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Die Wacht am Rhein

Drittes Buch (continued 2)

Reading edition

Josefine trat leise ein. Die Kattungardinen waren dicht vorgezogen, die Luft war dumpf-kühl und eingeschlossen, wie in einem Mausoleum. Keine Lampe brannte; auf dem Tisch vor Frau Schnakenberg flackerte einzig eine dicke Kerze, in einen Behälter mit Sand gestellt: das war das Lebenslicht, geweihtes Wachs, aber es brannte trüb.

Frau Trina trug ein schwarzwollenes Kleid; das marokkanische Armband, die römische Kamee und jede goldene Kette fehlte. Sie konnte den Sohn ja nicht feiern an Allerseelen, wie ihre andern Geschiedenen, nicht an sein Grab wallen und es schmücken mit Kränzen – er war ja nicht tot. ›Er kömmt wieder, er kömmt sicher und jewiß wieder –‹ sie sagte das nicht oft, aber sie dachte es immer. Und manchmal ging sie heimlich hinauf in das Gastzimmerchen, legte die Betten in der Sonne aus und klopfte den Staub aus dem Sofa. Und heut an dem einzigen Tag, der ›dem armen Jüngesken‹ ganz gehörte, ließ sie ihre Thränen fließen, als hätte sie die das ganze Jahr aufgespeichert.

»Mutter, hör doch auf mit weinen,« bat Josefine und setzte sich neben Frau Schnakenberg. Sie rückte ihren Stuhl ganz dicht heran und legte den Arm um die Schultern der alten Frau. Heute fühlte sie sich der Mutter so um vieles näher als sonst im ganzen Jahr – sie wußte ja, wie man einen Sohn lieben kann.

So saßen sie ganz still nebeneinander in dem engen, vollgepfropften Stübchen, an demselben tannenen Tisch mit den, von unruhigen Kinderfüßen abgeschabten Beinen, um den sich einst die ganze Schar in der Feldwebelwohnung gereiht.

Ach, wo waren sie alle hin?! Josefine stützte den Kopf in die Hand. Der Wilhelm war verschollen. Der Friedrich, ja der Friedrich – ein froher Schein glitt über ihr Gesicht – der würde jetzt des Vaters Stolz sein, wenn er auch kein Soldat war. Dann der Ferdinand – ach du lieber Gott! Den ganzen Winter hatte der verschlafen in der Ecke beim Ofen; nur vormittags zum Frühschoppen und abends wieder hatte er sein Bein angeschnallt, um in’s Wirtshaus zu gehen. Sonst war ihm selbst das anzuthun lästig; einen ganz gemeinen Stelzfuß hatte er sich machen lassen, der wär ihm bequemer. Nicht einmal, daß er den Laden versah; wie angeleimt blieb er in dem alten Ohrenlehnstuhl sitzen, den ihm der Stiefvater neu mit Wachstuch hatte beziehen lassen, und räsonnierte auf sein miserables Schicksal.

Und dann der Jüngste, das Karlchen! Vor Jahr und Tag hatte er einmal geschrieben, er sei jetzt Oberbootsmannsmaat auf S. M. Aviso ›Grille‹. Im Seegefecht bei Rügen unter Kapitän Jachmann hatte er auch schon mitgethan. Sie hatten damals gar nichts davon gewußt, ganz zufällig erfuhren sie’s und hatten sich wohl gefreut, daß er heil aus dem Kampf mit der dänischen Flotte davongekommen; aber so einen rechten Begriff konnten sie sich von ihm und seinem Leben nicht mehr machen. Wie um Jesuswillen war das Karlchen nur dazu gekommen, zur See zu gehen? ›Die Flotte, die Flotte,‹ das mußte man ja wohl den Jungen zur Zeit in den Kopf gesetzt haben. Von der Militärerziehungsanstalt zu Annaburg war er auf die Matrosenschule gegangen.

Josefine seufzte. Daß man bei der Marine, wie es hieß, zehnmal schneller voran käme wie beim Landheer, das wollte sie ja gern glauben, aber es war doch traurig, daß man auch von dem Karlchen so gut wie gar nichts mehr zu sehen und zu hören kriegte!

Unwillkürlich sagte sie laut: »Ob de wohl ens wiederkömmt?«

»De kömmt wieder, de kömmt sicher und jewiß wieder,« murmelte die alte Frau, nickte eifrig und starrte schwimmenden Auges, mit gefalteten Händen, in das trüb brennende Lebenslicht.

Josefine wußte es wohl, die Rückkehr ihres Jüngsten kümmerte die Mutter wenig, die dachte nur an ihren Wilhelm. Da wurde es ihr eng; sie stand auf, es litt sie nicht mehr in der dumpfen Stube, deren verschlossenes Fenster keinen Luftzug einließ, deren Winkel alle vollgestopft waren mit Erinnerungen, die nur heute Erinnerungen waren, sonst vergessen standen und verstaubten. –

Aufatmend trat Josefine unter den freien, reichgestirnten Augustnachthimmel; wunderbar schön strahlten die Sterne über dem Exerzierplatz und warfen ihr leuchtendes Bild in den dunklen Spiegel des Stadtgrabens. Fernab, vom Friedrichsplatz her, rollte noch das Branden einer aufgeregten Volksmenge; es klang wie Brausen der Empörung, und doch war’s lauter Freude. Dort, beim Regierungspräsidenten, war der König abgestiegen, dort stand er nun gewiß am Fenster, und sie jubelten ihm zu. –

In dieser Nacht schlief Josefine unruhig. Sie träumte: Bald stand sie auf dem Prellstein und schrie Hurra, bald saß sie in der dunklen Stube bei der Mutter – ›Er kömmt wieder, sicher un jewiß, er kömmt wieder!‹ Aber eine andre Stimme sprach hart: ›Er kommt nie wieder!‹ – Und dann nickte ihr der freundliche König zu, und sie nickte wieder. Da streckte der König die Hand aus und sprach: ›Was giebst du mir?!‹ – Er griff nach ihrem Herzen – sie schrie laut auf – und wie sie schrie, erwachte sie, ganz in Angstschweiß gebadet.

Es war sonniger Frühmorgen, Musikfanfaren schmetterten den Tag wach, drüben rückten die Neununddreißiger aus zur Truppenbesichtigung auf der Golzheimer Heide. Da sollten sie vor’m König paradieren.

Die Trommeln wirbelten, die Piccoloflöten schrillten:

›Freut euch des Lebens, Solang das Lämpchen glüht.‹

Hastig eilte Josefine an’s Fenster; hinter dem Gardinchen spähte sie den Truppen nach – Soldaten, Soldaten, all die blauen Röcke und all die roten Kragen und die frischen, gebräunten Gesichter drüber. Und alles blank geputzt; auf tausend Helmspitzen schien sich die Sonne zu entzünden, es war ein Blitzen und Blinkern. Ei, war das lustig!

»Freut euch des Lebens,« summte sie mit und sah ihnen nach, ganz vergessend, daß sie sich in der Nachtjacke zum Fenster hinauslegte.

Heute war ein stiller Tag für das Lädchen, die Kaserne wie ausgekratzt, auch die halbe Stadt auf den Beinen nach der Golzheimer Heide. Den König sehn, den König! Heute gegen abend reiste er ja schon wieder ab.

Spät mittags war die Parade aus; totmüde, bis zur Unkenntlichkeit von Staub bedeckt, marschierten die Soldaten wieder ein.

Der König aber besah sich noch rasch die Kunstausstellung bei Schulte und das Atelier des Schlachtenmalers Camphausen. Er hatte bei Schulte sogar einen Ankauf befohlen – das Bildchen hieß:

›Die Rekruten.‹

XXIV

Es war für Düsseldorf jetzt an der Zeit, seiner großen Männer zu gedenken. Die Stadt hatte es ja dazu, sie stand auf blühender Höhe und war, wenn auch noch nicht in Handel und Gewerbe, so doch in Kunst und Gartenanlagen der Rivalin Köln weit überlegen. Die Väter des Rats brauchten sich der Gelder wegen keine Sorgen zu machen; man saß im Wohlstand. Es war nicht mehr wie billig, jetzt auch äußerlich die dankbar zu ehren, deren Namen der Düsselstadt ewigen Glanz verliehen.

Ganz einig war man sich freilich nicht, wer diese eigentlich waren.

War es zum Beispiel nötig, an Immermanns Sterbehaus eine Gedenktafel anzubringen? Der war doch nur Theaterdirektor gewesen und hatte genug Ärgernis erregt mit seiner Ahlefeld in Jacobis Garten hinter’m Malkasten!

Ohne Widerspruch dagegen wurde die Errichtung eines Denkmals beschlossen für Peter Cornelius, ›den größten Sohn der Stadt, den Heros der deutschen Kunst, den Goethe unter den Malern, der die Kunst aus der Abhängigkeit undeutschen Wesens befreit.‹

Doch als einige wenige, etwas schüchtern freilich, vorzubringen wagten, da sei auch noch der Heinrich Heine, der sei doch auch ein Sohn der Stadt und eigentlich auch ein Genie und auch tot, da ging man einfach zur Tagesordnung über.

Aber in dem Beschluß, die neue Eisenbahnbrücke bei Neuß ›König Wilhelms-Brücke‹ zu taufen, ferner zur Jubelfeier der Kunstakademie und zur Liebesgabe anläßlich des Priesterjubiläums Pius IX. sich mit einer würdigen Summe zu beteiligen, war man einig.

Professor Caspar Scheuren hatte eben jetzt mit seiner frommen Aquarellkunst ein Gedenkblatt dieses fünfzigjährigen Priesterjubiläums entworfen, es hing in jedem besseren Bürgerhaus unter Glas und Rahmen. Der Dezember 1869 brachte, als passendstes Weihnachtsgeschenk, ein Pendant dazu: das Gedenkblatt zum ökumenischen Konzil.

Das neue Jahr war in Sicht. So freundlich ging 1869 zu Ende, wie 1870 begann. –

Wie ein Stein in einen stillen Weiher fiel plötzlich in den ruhigen Jahresbeginn die Kunde, das Konzil habe die Unfehlbarkeit des Papstes beschlossen. Immer größere und größere Kreise, glucksende Blasen und unruhige Wellchen bildeten sich auf der eben noch so glatten Fläche. Etwas war hineingeschleudert, was nicht still zum Grund sank, sondern wühlte und wühlte. Würde das Dogma von der Unfehlbarkeit durchgehen oder nicht? Mochte der Jesuitensuperior Rivé zu Köln auch predigen: ›das Dogma von der Unfehlbarkeit sei ein Glaubenssatz, einfach hinzunehmen,‹ mochte der Pater Roh seine ganze Beredsamkeit entfalten, – zweihundert Bischöfe stritten dagegen. Das war ein Hin und Her, ein Für und Wider. Die besten Freunde zankten sich, zwischen Vater und Sohn klaffte jäh ein Riß; Mägde, die belauscht, worüber die Herrschaft drinnen im Zimmer disputierte, kündigten. Manche Seele, die gern glauben wollte, was sie glauben sollte und doch nicht glauben konnte, ängstigte sich. Und die Andersgläubigen machten ihre Glossen.

Selbst in die Kaserne, in der sonst der Kommiß des Tages einförmigen Inhalt bildete, war ein Tropfen Ärgernis gefallen. Die Bauernsöhne erhielten Briefe von Haus, darin die Väter sie ermahnten, und die Mütter ein Gedenkblättchen vom Heiligen Vater mitschickten.

Auch in der Witwe Conradi Lädchen wurde viel über dies weltbewegende Ereignis verhandelt. Mit offenem Mund und weit aufgerissenen Augen hörte Josefine zu – war’s möglich: der Papst unfehlbar, ein Mensch unfehlbar?! Als zur Vesper die Glocken von der Jesuiterkirche, von Lambertus und St. Andreas so schön und sonor läuteten, fühlte sie sich nicht, wie sonst, bewegt von den frommen Klängen. ›Unfehlbar, unfehlbar,‹ summte es ihr immer in den Ohren. Im ersten, hastigen Impuls nahm sie die Heiligenbildchen, die über ihres Kleinen Bett hingen, herunter und schloß sie in eine Schublade. Jetzt fühlte sie’s: sie war doch nicht katholisch getauft. Wenn ihre Wiege auch geschaukelt hatte beim Klang dieser Glocken, einen guten Schuß Blut hatte sie auch von Vaters Seite her in den Adern; und der war ein Ketzer gewesen. Der arme Vater! Ihr Blick umflorte sich. Ach, der hatte hier nicht glücklich sein und auch nicht glücklich machen können! Der hatte die hier nicht verstanden, und sie hatten ihn nicht verstanden! Ihr war’s, als würde sie ihn jetzt verstehen. Daß sie doch so viel an ihn denken mußte!

Starren Auges blickte sie hinüber zur Kaserne – da ging sein Geist noch um. – – – –

Seit Oktober steckte der Peter auch drüben in der Kaserne. Seine Lehrzeit war um gewesen, der Meister Cremer hatte ihm ein halbes Jahr geschenkt. Was hätte er denn Klügeres machen können, als gleich seine Zeit abdienen? Dann war er’s los, und dann würde er die Mutter schon herumkriegen, ihn nach Paris zu lassen – und da würde er ein Künstler werden! Ja, das wußte er jetzt. Denn wenn sie ihm auch sagten: ›Hier streich’ diese Wände an,‹ es würden doch Bilder unter seinem Pinsel entstehen, Bilder, wie er sie in seiner Seele trug, wie er sie mit geschlossenen Augen sah, wie er sie nachts träumte. Er glaubte an seine Zukunft. Und in diesem Glauben erschien ihm das Leben so wunderschön, so strahlend hell, so voll von Farbe.

Der Kommißdienst machte ihm allerdings wenig Spaß, und die Drillerei fand er höchst überflüssig; aber da er einen schlanken Rücken und gerade Beine hatte und keinen so dicken Kopf, wie die westfälischen Jungen, kam er gut durch. Er war wohl anschrieben. Darüber lachte er sich freilich eins; er wußte ganz genau Bescheid über die Verehrer seiner Mutter.

»En janz schneidiger!« sagte Unteroffizier Schmidt oft und klopfte ihm freundschaftlich auf die Schulter.

Der Berliner erschien dem Peter als ein ganz umgänglicher Mensch. Mochte der Hucklenbruch auch auf ihn schimpfen, na, der war eben eifersüchtig! Peter war stolz auf die Triumphe seiner Mutter. Ja, so frisch wie die, war auch keine! All ihre weißen Zähne hatte sie noch, kein graues Fädchen im blonden Haar! Und freuen konnte sie sich, ja, freuen! Als er zum erstenmal in Uniform vor ihr gestanden, da hatte sie mit einem Jubelruf die Hände zusammengeschlagen, und dann war sie ihm um den Hals gefallen und hatte ihn geherzt und geküßt wie einen Schatz.

Josefine empfand eine Freude in ihrem Herzen, wie solche das kaum je bewegt – ihr Junge drüben in der alten Kaserne! Und so beliebt! Sogar der Hauptmann hatte ihn belobt, als er für die Weihnachtsfeier der Mannschaft ein Transparent gemalt, einen nackten Engel mit blauem Lendentüchlein und fliegendem Spruchband:

Gloria in excelsis Deo!

Gab es eine glücklichere Mutter? Morgens belauschte sie das Ausrücken ihres Sohnes, mittags seine Heimkehr von der Heide oder von den Schießständen im Bilker Busch.

*

Der Winter war nun vorbei, heller Frühlingssonnenschein beglänzte die schon gebräunten Gesichter der Füsiliere, der erste grüne Zweig steckte dem Peter am Helm. Hell trällerte Josefines Stimme der Marschmusik nach – Frühling, Frühling! Auch für sie war’s noch einmal Frühling mit ihrem, durch ihren jungen Sohn.

Ganz Düsseldorf feierte Frühling. Alltäglich wallfahrteten jetzt Scharen von Bürgern durch die schön bestellten Felder, über die frischer Dung durchdringenden Lenzduft breitete, nach Dorf Hamm zu Heckers Wirtschaft, wo der fortscheitende Bau der neuen festen Rheinbrücke die Augen, und der berühmte Spargel nebst Maiwein die Gaumen angenehm beschäftigte. Auch im Malkasten rührte sich’s; aufgeweckt durch das maigrüne Rauschen der Bäume im alten Jacobischen Garten, quakten die Frösche im Venusteich, und lustige Malerkehlen machten ihnen Konkurrenz.

Der Rhein rollte seine frühlingsgeschwellten Wogen wieder einmal am alten Schloß vorbei und begrüßte in übermütigem Umfangen die kleine Düssel, die ihm unter der verwitterten Schloßmauer her im jungen Liebesrausch in die Arme sprang. Im Hofgarten sangen sich die Nachtigallen müde; am Kanal, am Schwanenspiegel, in den vielen, vielen Gärten der Stadt klang ihr schmelzendes Locken.

Auch in Josefines Gärtchen schluchzte eine im hängenden Rosenstrauch am Plankenzaun. Josefine hörte ihr oft zu – was klagte die?! Lind und sanft und dunkel lag doch die stille Frühlingsnacht über den Dächern, jedes Windchen ruhte, ein großer Friede träumte am Himmel und sank nieder in den Schoß der empfangenden Erde.

Was wollte der Mann, der in allen Zeitungen unermüdlich annoncierte unter dem geheimnisvollen Namen: ›Maran atha‹ und seine Mitchristen zu einem Vortrag in der Bockhalle einlud?! Er kündigte an:

›Die baldige persönliche Wiederkunft unsers HERRN in Herrlichkeit.‹

Das war doch sicher ein Verrückter! Aber da der Eintritt unentgeltlich, und man sich gern einen Spaß machte, gingen viele hin. Es war ja sonst nichts los in der Stadt, aber auch rein gar nichts. Nur ein Bild machte noch von sich reden, das ein junger Kunstschüler, Michael Munkacsy, dessen Namen man bisher nicht gekannt, ausgestellt hatte: ›Letzter Tag eines Verurteilten.‹ Das Publikum stand davor, halb ergriffen, halb erstaunt; und die Maler gingen hin in hellen Haufen und besahen sich, die Augenbrauen hochgezogen, manche mit leisem Kopfschütteln, dieses ganz Neue.

Auch Peter sah das Bild. Brennende Thränen traten ihm in die Augen – der, der das geschaffen, war kaum älter als er! Aufgeregt kam er zu seiner Mutter. Mit fliegendem Atem sprach er:

»Mutter, dat is en Bild, ich sag’ dir, en Bild! Du sollst nur sehen, wie de Mann da sitzt, de Verbrecher, die Fäust’ im Jesicht – dat Jebetbuch liegt auf’m Boden, un se stieren ihn all an, de Leut’, die ihn kucken jekommen sind – un dat junge Weib weint an der Mauer – un dat Kind läuft zwischen Vater un Mutter un weiß von nix. Mutter, dat is en Bild, so eins hat noch keiner hier jemalt! Mutter, de kann wat! Mutter, nu weiß ich wat Kunst is! Mutter, un siehste, Mutter, so will ich auch malen!«

Er raffte die Mütze vom Tisch und rannte stürmisch davon. – – –

Die Julitage kamen mit drückender Glut, schwere Gewitter zogen schon am Morgen auf und gingen gegen mittag nieder, aber sie brachten keine Kühlung. Ebenso glühend kam der Abend wie der Morgen, die Nacht wie der Tag. Allerorten gab’s Gewitterschaden. Besorgt schauten die Landleute von ihren Feldern zum funkensprühenden Himmel. Eine eherne Hitze brütete in den Straßen der Stadt.

›Maran atha – prüfet die Zeichen der Zeit!‹ predigte der seltsame Mann in der Bockhalle. Er hatte jetzt viel Zuspruch – es kamen nicht bloß solche, die ihn auslachten – nervösen Seelen wurde so merkwürdig angst bei der Gewitterschwüle; sie drückte alle Gemüter. Und plötzlich fingen an, undefinierbare Gerüchte umzugehen. Man hörte es und glaubte es nicht, aber erzählte es doch weiter: Frankreich suche mit Preußen Händel. Kühle Köpfe freilich beruhigten: man sah’s ja, in der Kaserne rührte sich noch keine Hand, und dort mußte man doch zuerst etwas merken. Es war ja auch absolut kein Grund zum Krieg vorhanden; die Erregung der Franzosen über die Kandidatur des hohenzollernschen Prinzen für den spanischen Thron war wirklich nicht so tragisch zu nehmen. Man konnte sich getrost anschicken, alle Vorbereitungen zum Düsseldorfer Schützenfest zu treffen; und das sollte in diesem Jahr ganz besonders glänzend werden.

Aber – merkwürdig – es ereignete sich wieder etwas, was die Bürger stutzig machte. Abend für Abend ließ sich eine junge, schöne Stimme im Hofgarten vernehmen, die, schmetternd und langgezogen, bis in die fernsten Büsche drang: ›Sie sollen ihn nicht haben, den freien, deutschen Rhein!‹

Alle Spaziergänger blieben stehen und lauschten, es sammelte sich rasch viel Publikum; aber so sehr auch die Zuhörer Beifall klatschten, der Sänger ließ sich nicht sehen, er blieb verborgen. Was war das – von wo kam das – was sollte das bedeuten?!

›Prüfet die Zeichen der Zeit‹ – eine Ahnung beschlich die Seelen, man hielt den Atem an.

Da – hui, ein Blitz am schweren, wolkenverhangenen Himmel: der französische Gesandte Benedetti hatte den greisen König, der in Ems zur Kur weilte, mit den frechen Forderungen Napoleons brüskiert!

Und nun ein krachender Donner, der den Himmel mit Getöse erfüllte und die Erde erbeben machte: die Kriegserklärung!

Am 15. Juli nachmittags stand die Depesche an allen Ecken Düsseldorfs angeschlagen.

Krieg, Krieg!

»Nu wird mobil jemacht, aber ’n bißchen plötzlich,« schrie Unteroffizier Schmidt, in Josefines Laden stürmend. Sie stand hinter der Theke und griff sich mit beiden Händen an den Kopf – Krieg, Krieg?! Sie hatte es schon gehört und konnte es doch nicht fassen. Krieg, Krieg! – Das kam zu rasch.

»Das is en schöne Bescherung,« rief Hucklenbruch, der auch gerannt kam, »oha, nu chiebt’s Krieg, Madam, un Ihr Peter –«

Das Wort erstarb ihm im Munde, er sah den Rivalen am Ladentisch stehen und machte sofort Kehrt. Er hatte der Mutter sagen wollen: ›Nur keine Angst, ich paß auf ihn auf, wie auf meinen Augapfel,‹ aber nun schnürte ihm der Grimm, daß der Berliner ihm schon wieder zuvorgekommen, die Kehle zu.

Und andre kamen, Soldaten, Nachbarsleute. Die Bürger glaubten, von den Füsilieren etwas Näheres erfahren zu können; aber die aus der Kaserne standen ebenso verdutzt vor dieser Kriegserklärung, wie vor einem großen, gewaltigen, erschütternden Naturereignis. Man war erst still, aber dann brach sich die Erregung Bahn; man schimpfte und lamentierte, man zog bedenklich die Augenbrauen und sprach auch wieder recht hochtrabend, man ballte zornig die Fäuste und faltete die Hände angstvoll zum Gebet, man lachte und weinte, man schrie ›Hurra‹ und flüsterte ›Gott erbarm dich‹ – dieser so, jener so. Aber des einen waren sich alle klar bewußt: das ließ man sich nicht gefallen! Zu frech war dem greisen König begegnet worden, zu frech hatte der Franzose den Fehdehandschuh hingeworfen! Neidisch war der, den Rhein wollte der haben! ›Unsern Rhein – kriegt er nicht! Hurra, mit Gott für König und Vaterland!‹

Eine jähe Begeisterung hatte sich plötzlich aller bemächtigt; Soldat oder Bürger, da war jetzt kein Unterschied, jeder fühlte sich gekränkt, angegriffen in dem, was ihm teuer war: König, Vaterland, Rhein.

Alle Arbeit wurde im Stich gelassen; die Handwerker liefen auf die Straßen, Meister und Gesellen. Die Wirtschaften waren gestopft voll, es wurde gelärmt und getrunken und auf den Tisch geschlagen: laß sie nur kommen, die Halunken, die Franzosen!

Aber auch ernste Gesichter sahen sich an – mit Frankreich wurde es heiß, das war kein Kinderspiel! Manch einem zitterte das Herz im Leib, wenn er draußen seinen Unmündigen, Stock auf der Schulter, im hellen Haufen der Knaben, trommelnd und pfeifend vorbeimarschieren sah. Die Jugend, die war schon mit ihrer Mobilmachung fertig, derentwegen konnte es gleich losgehen.

Bis in die Nacht hinein wogte es in der Kasernenstraße unruhig auf und ab, Bürgertracht und Uniform einträchtig bei einander. Wer zuerst angestimmt, wußte man nicht, helle Knabenstimmen mochten es wohl gewesen sein, aber kräftige Männerbässe fielen unverweilt ein – durch die dunkelschwüle, gewitterbange Julinacht zog laut und klangvoll das Lied von der ›Wacht am Rhein‹.

Josefine stand unter ihrer Thür und lauschte den Tönen, die stark zum Himmel stiegen. Ihre Mutter war am Nachmittag dagewesen in ratloser Verwirrung – das Kriegsgerücht hatte sie aus dem Mittagsschläfchen geschreckt – Herr Schnakenberg war in Karlsbad zur Kur! Josefine hatte ihr geraten, an ihn zu depeschieren. Frau Trina war außer sich, hatte sie ihm doch schon geschrieben: es sei nicht sicher, er solle nach Haus kommen. Aber er hatte es nicht geglaubt. ›Die Franzosen seien viel zu höflich, es gäbe keinen Krieg, Unsinn!‹ Was sollte sie nun machen, so allein, wenn die Franzosen nach Düsseldorf kamen? Die Tochter hatte sie beruhigt, und der Invalide war mit der Mutter zum Telegraphenbureau gehumpelt. Natürlich kam Ferdinand jetzt nicht wieder, sondern saß in irgend einem Wirtshaus fest.

Josefine war allein, ihren Kleinen hatte sie zu Bett geschickt; der hatte sich an ihre Seite geschmiegt, bis ihm die Augen zufielen. Nun wartete sie auf ihren Peter. Warum kam er nicht, wie sonst alle Abend, zu ihr herüber? Drängte es ihn denn nicht zu ihr? Sie fühlte ihr Herz heftig pochen ohne Unterlaß.

Drüben lag die Kaserne, mehr erhellt wie sonst je am Abend; in den Bureaux wurde noch gearbeitet, in fieberhafter Thätigkeit rührte es sich da. Krieg, Krieg mit Frankreich – o, wenn der Vater das erlebt hätte! Wie oft hatte er ihr erzählt von den Freiheitskriegen, in denen sich Preußen freigemacht von seiner Schmach. Es war das Märchen ihrer Kindertage gewesen. Und jetzt? Ihr war, als sei sie wieder ein Kind, als müsse sie dem lauschen, begierig lauschen, was wie ein Schwur zum finsteren Nachthimmel aufstieg:

›Lieb’ Vaterland, magst ruhig sein, Fest steht und treu die Wacht am Rhein!‹

Warum der Peter noch immer nicht kam?! Zum erstenmal hatte es schon Zapfenstreich geblasen. Sie strengte umsonst die Augen an. Endlich hörte sie seinen Schritt.

»Mutter,« sprach er durch das Dunkel, und seine Stimme klang matt, »’n Abend.«

Sie fuhr auf ihn zu, sie hatte ja so nach ihm verlangt. »Krieg – wat sagste derzu? Krieg!«

»Un ich muß mit,« sagte er dumpf.

»Och Jott, ja!«

Das hatte sie ja noch gar nicht recht bedacht. Ein plötzlicher Schreck durchfuhr ihr die Glieder, die Kniee wollten ihr brechen, taumelnd lehnte sie sich gegen die Hauswand.

Er sagte kein Wort, er stand nur immer da im trüben Laternenschein und starrte vor sich hin.

»Jesus, ja, och mein Jung’!«

Mit einem unterdrückten Schrei warf sie sich ihm plötzlich an die Brust, ihre Arme umwanden seinen Hals – da – ›trötrö‹ – der Zapfenstreich!

Er riß sich los ohne weiteres Wort, er mußte ja fort; wie ein Schatten verschwand er jenseits im Kasernenthor.

Heute nacht schloß Josefine kein Auge; nicht das Lärmen der spät aus den Wirtshäusern Heimkehrenden, nicht das Rumoren des Invaliden, der lange nach Mitternacht stürmisch Einlaß begehrte, raubten ihr die Ruhe. Etwas andres vertrieb ihr den Schlaf und ließ ihre Thränen auf’s Kissen fließen: der Peter mußte mit! Endlich, spät gegen morgen, als die Sonne das Dach der Kaserne längst mit Gold überschüttete, schlummerte sie ein.

Ein kurzes Stündchen Schlaf war ihr nur vergönnt, aber sie erwachte wunderbar gestärkt – ihr Vater hatte an ihrem Bett gesessen. –

Der Lärm des ersten Rausches hatte sich gelegt, stiller war’s geworden in den Bürgerhäusern, in den Wirtschaften, auf den Straßen. Aber emsig schaffte es in der Stille, denn heute war mobil gemacht. Scharen junger Leute strömten in die Kaserne, die sonst nichts drin zu suchen gehabt hätten: Knaben fast noch, blutjunge Abiturienten und Jünglinge, deren Fähigkeit, die Waffe zu tragen, mindestens sehr zweifelhaft. Aber alle, sie alle stellten sich als Freiwillige.

Eine ungeheure Rührung bemächtigte sich Josefines, als sie die Burschen vorüberziehen sah. Wie sie eilten, wie sie eilten! Wie überschlank, wie engbrüstig waren viele, und manche noch viel jünger als ihr Sohn. Etwas kam über sie – ähnliches hatte sie noch nicht empfunden, nein, nie! – es war wie ein Glück, und doch ein Schmerz zugleich. Sie schämte sich der Thränen, die sie geweint.

Die ganze Stadt war in Thätigkeit. Hier kündigten Schuhmacher ›schnellste Anfertigung von zweckentsprechenden Feldstiefeln‹ an, dort die Militärschneider ›Uniformen aller Waffengattungen binnen vierundzwanzig Stunden‹. Hunderte von Händen rührten sich Tag und Nacht. Fässer und Kisten kollerten am Proviantamt, Komitees gründeten sich in aller Eile, zu Liebesgaben wurde aufgerufen; wollene Unterkleider wurden trotz der Hitze in Masse gekauft, wollte doch ein jeder seine Liebsten ausrüsten und schützen so gut es ging.

Die Kreuzschwestern, allen voran, stellten hundert Betten für verwundete Krieger zur Verfügung und sechs Krankenpflegerinnen für’s Feld. In der Kaserne wurde nicht viel Unterschied mehr gemacht zwischen Tag und Nacht, die Vorgesetzten hatten keine Mußestunden mehr, jetzt hatten sie strammeren Dienst als je die Mannschaft. Und überall, im ersten Haus und im letzten, vom größten Schulmädchen bis herab zum kleinsten, fingen gewaschene und ungewaschene Finger an, Charpie zu zupfen.

›Gebt, gebt! Gebt für die ausrückenden Krieger, gebt für die zurückbleibenden Hilfsbedürftigen! Gebt ohne Rücksicht auf Religion! Alle geben für alle!‹

Josefine kam nicht zur Besinnung. Sie hatte ja nicht bloß ihren eignen Sohn auszurüsten, da waren noch so viele gute Jungen, die ihr Lädchen stürmten: Putzkreide! Wichse! Schreibpapier! Notizbuch! Bleistift! Portemonnaie! Schnupftabak! Mancher forderte eine kleine Bibel.

Bruder Friedrich konnte nicht herüberkommen, um ihr beizustehen. Krupp arbeitete auch Tag und Nacht – Aufträge aus Nord und Ost, Süd und West – Kanonen, Kanonen und wieder Kanonen, Geschütze schweren Kalibers. Nicht nur Frankreich und Deutschland, die ganze Welt schien sich rüsten zu wollen.

Und Gewitter brauten und brauten und zogen von Sonnenaufgang bis Niedergang, standen und dräuten und konnten sich nicht entladen in erlösenden Fluten.

›Betet, betet!‹

Ein allgemeiner Bettag war angeordnet. Die protestantischen Kirchen ließen ihre Glocken rufen, und in allen katholischen war Hochamt und nachmittags Betstunde vor dem ausgesetzten hochwürdigsten Gut.

»Mit Gott für König und Vaterland!« rief der Geistliche im schlichten Talar von der schmucklosen Kanzel herab und machte das Zeichen des Kreuzes über seine Gemeinde. »Der Herr segne euch und behüte euch, der Herr erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch seinen Frieden, Amen!«

Und auch der Priester in der weihrauchduftenden, bildergeschmückten Kirche rief: »Mit Gott für König und Vaterland!« Und schlug das Kreuz: »Die Gnade Gottes und die Fürbitte aller lieben Heiligen sei mit euch, Amen!« –

Es hatte Josefine immer leid gethan, daß Hucklenbruch und Schmidt so spinnefeind waren; jetzt that es ihr doppelt leid, nun war es doch wahrhaftig an der Zeit, solche Dummheiten zu lassen. Sie redete Hucklenbruch, als dem jüngsten, energisch in’s Gewissen; er hörte sie auch ruhig an, und als sie zu Ende war, reichte er ihr treuherzig die Hand: »Chute Madam, Sie sind sehr chut!« Aber es blieb doch beim alten; kam der eine in’s Lädchen, ging der andre schleunigst hinaus, und sie sahen sich an, als ob sie sich vergiften wollten.

Josefine hatte sich noch alles mögliche eingethan zur Feldausrüstung, was sie sonst nicht geführt. Sie begriff selbst nicht, daß sie noch an’s Geschäft denken konnte; sie besorgte es auch eigentlich nur ganz mechanisch, alle ihre Gedanken waren bei Peter. Der war so stumm, so blaß! Sie sah ihn wenig; drüben in der Kaserne hielten sie ihn fest, da er eine schöne Handschrift hatte, mußte er beim Feldwebel schreiben die halbe Nacht. Ein eigentliches Bangen um den Sohn stieg nicht mehr in Josefines Seele auf, da waren ja so viele, so viele, die in’s Feld zogen. Das Gemeinsame gab Kraft, und das Singen auf den Straßen, und die erhöhte Arbeitsleistung, diese erregte Thätigkeit, die nie erlahmen zu können schien; und der Drang nach Freiheit, der allerorten, in allen Herzen verborgen ruht, und der hier neu wieder emporloderte, in Flammen, die niemand künstlich geschürt.

›Frei werden, frei werden,‹ das war wieder einmal die Losung. Von wem denn – von was denn?! Ei, vom Napoleon, dem Erbfeind, und von – von – recht klar hätte keiner darauf antworten können. Aber die Studenten sangen es zu Bonn vom alten Zoll hinüber zu den sieben Bergen – grüßend blitzten ihre erhobenen Schläger – und das ganze Volk sang es nach, das ganze Vaterland, das ganze Deutschland:

›O Rhein! O Rhein! Nicht Deutschlands Grenze, Du bist und bleibst ein deutscher Strom! Ich schaue dich im Freiheitslenze, Nicht Frankreich unterthan, nicht Rom!‹

XXV

Es war ein Sonntagmorgen, so schön, wie noch keiner in diesem Sommer gewesen. Noch war es nicht heiß, das Windchen, das den Aufgang der Sonne umschauert, kühlte noch sanft die Straßen. Verschlafen zirpten noch die Vögel in den Gärten, alles Grün war noch taubedeckt, aber die Stadt schlief nicht mehr; sie war hell wach im ersten Frühlicht – ihre Söhne zogen heut in’s Feld.

Im Gärtchen der Witwe Conradi hing der weiße Rosenstrauch am Plankenzaun wie von tausend Thränen beschwert. Josefine hatte die Nacht nicht geschlafen, sie war gar nicht zu Bett gegangen. Als besondere Vergünstigung hatte der Feldwebel erlaubt, daß der Peter die letzte Nacht unter’m Dach seiner Mutter schlafen durfte; und er hatte geschlafen, totmüde, erschöpft, und sie hatte an seinem Bett gesessen, die Stunden von Mitternacht bis zum Morgengrauen, und seine Hand gehalten, wie sie es dem Knaben gethan in Krankheitszeiten oder wenn böse Träume ihn gequält. Sie hatte kein Auge von ihm gewandt, und Thränen, von denen sie nichts wußte, waren über ihre Wangen geflossen.

Jetzt stand sie im Gärtchen, blaß und durchschauert, und wartete auf ihren Sohn. Drinnen mühten sich der Onkel und der kleine Bruder noch geschäftig um den Ausrückenden – hier draußen, hier ganz allein, wollte sie Abschied von ihm nehmen.

Jetzt kam er, schon fix und fertig, den Helm hatte er auf, nur den Tornister noch nicht auf dem Rücken. Sie hing sich an seinen Arm.

»Wie is dich?« fragte sie zärtlich.

Er gab keine Antwort. Sein Auge vermied das ihre und blieb zu Boden gesenkt.

Wie blaß er war, blaß bis in die Lippen! Und an ihrem Arm fühlte sie jetzt das Zittern des seinen. Da durchfuhr sie’s plötzlich wie eine Erkenntnis, wie ein Schrecken – daß sie das nicht längst gesehen, nicht längst gemerkt!

»Bis du bang, Peter?« stieß sie heraus, ließ seinen Arm fahren und hob ihm mit bebender Hand das Kinn in die Höhe. »Du bis ja bang!«

»Ja, ja!« Er schrie es jäh heraus mit erstickter Stimme, und, an ihr niedergleitend, warf er sich auf die Kniee, schlang beide Arme um ihren Leib und drückte den behelmten Kopf an ihre Brust.

Sie stand ganz still, wie gelähmt, und auch er blieb still.

Ein Vogel tirilierte im Rosenbusch; über’s Hausdach herüber, jenseits von der Kaserne, kam jetzt ein Ton, ein Trompetenstoß. Da murmelte er und drückte seinen Kopf fester an:

»O wie jräßlich, wie jräßlich! Ich seh’ immer den Onkel vor mir mit seinem einen Bein – huh!« Ein Grausen rüttelte ihn. »Oder sterben müssen, so jung – einundzwanzig Jahr! Och, und ich hab’ mich doch e so jefreut – all meine Plän’ – all, wat ich jewollt hab’ – nix wird nu draus!« Er hob den Kopf und sah sich mit einem verzweifelten Blick um. »Wie blau is der Himmel – wie lacht die Sonn’! Hörst du den Vogel, Mutter? De is verjnügt! Un ich – warum muß ich in den Krieg? Wat hab’ ich dann verbrochen?«

»Verbrochen? Du? Nix,« sagte sie laut. »Et is ja auch kein Straf’, in den Krieg zu ziehn, ne, en Ehr’, en Ehr’!« Eine brennende Röte stieg ihr in das blasse Gesicht. »Steh auf,« sagte sie fast heftig und zerrte ihn empor. »Schäm dich! Wat fällt dich ein? Wo tausend junge Leut’ sich auf freuen, da willst du dich vor fürchten?!«

»Sie freuen sich ja jar nit,« murmelte er, »sie schreien ja nur hurra!«

»O doch! Diesmal doch! Diesmal freuen sie sich. Sie sind stolz drauf. Jung« – sie faßte ihn bei beiden Schultern und rüttelte ihn – »wat is dich? Besinn dich doch! Och, wenn dein Jroßvater noch am Leben wär’, de würd’ dir wohl sagen, wat Ehr’ is! Un diesmal kämpft ihr ja nit bloß allein für den König, ne, für jeden Bürjersmann, für jede Bürjersfrau – wir wollen nit französisch werden! Ich müßt’ dich ja verachten, wenn de dich fürchten thätst. Ich sag’ dir, kriechste im Jraben, wenn die Kugeln pfeifen, dann« – sie reckte sich hoch auf, ihre Stimme wurde hart – »dann kannste ruhig en Haus weiter jehn!«

Er sah sie starr an, seine Augen füllten sich mit Thränen.

»Du bis hart, Mutter,« sagte er. Und dann weinte er laut heraus: »Un wenn se mich totschießen, wat dann? Aber du has mich ja nit lieb – laß se mich nur totschießen« – in Trotz und Angst brach seine Stimme – »totschießen, mir is’t ejal!«

»Dummer Jung’!« Ihr Ton war nicht mehr hart; so hatte sie oft zu ihm gesprochen in besseren Stunden: »Dummer Jung’!«

Er hörte es und faßte krampfhaft nach ihren beiden Händen – sie hatte ihn ja doch lieb!

»Mutter, Mutter!«

»Bis still, Peterken, bis still! Die Angst jeht vorbei, dat is nur heut morjen so, du has zu wenig Schlaf jekriegt, und du bis noch nit dran jewohnt. Lieber Sohn,« – sie faltete ihre Hände um die seinen und drückte sie so an ihr Herz – »sie schießen dich ja nit tot, jlaub’ mir, sie schießen dich nit tot. Ich bin en Witfrau, un du bis mein Ältester, mein« – es kam ihr etwas in die Kehle, aber sie schluckte es herunter – »sie schießen dich nit tot! Du kömmst wieder!«

War sie des so sicher oder that sie nur so? Er sah sie an und wurde aus ihrem Gesicht nicht klug, es trug einen Ausdruck, den er bisher nicht an ihr gekannt. In ihren Augen standen Thränen, aber sie lächelte, wirklich, sie konnte lächeln! Und sie fand Worte, wie sie bisher nie gefunden. Wenn er sein ganzes Leben zurückdachte, so hatte sie noch nie zu ihm gesprochen. Das war ein Beschwören und ein Bitten zugleich.

Ihre Augen leuchteten tief in die seinen, als wollten sie ihm bis in’s Herz dringen. Was der Vater sie einst gelehrt, das gab sie jetzt dem Sohn mit auf den Weg:

›Treue, Tapferkeit, Gehorsam, Pflichtgefühl und Ehre!‹

Sie gingen um die kleine Bleiche herum, immer rund herum und Hand in Hand, und er klagte ihr ohne Rückhalt, ja, er schämte sich jetzt selber, daß er sich fürchtete; aber wenn er’s bedachte, er fürchtete sich ja nicht seiner selbst wegen.

»Mutter, Mutter, all mein’ Hoffnungen!«

Sie wunderte sich, daß er nicht zärtlicher war.

»Ich kann nit,« seufzte er, »wahrhaftijens Jott, ich kann nit. Weißte, dat Bild, von dem ich dir erzählt hab’, ›Der letzte Tag eines Verurteilten‹? De kümmert sich auch nit mehr um Weib und Kind. So is et mir. Ich muß sterben, ich komm’ nie wieder!«

Sie sagte jetzt nicht mehr: ›du kömmst wieder‹, aber sie reckte sich noch straffer auf in ihrer ganzen stattlichen Größe, und ihr Blick richtete sich zum strahlenden Morgenhimmel.

Es war wie ein stummes Beten.

»Un nu jeh,« sagte sie.

Von der Straße her tönte Lärm in den stillen Garten und erschreckte den tirilierenden Vogel; die ganze Kaserne schien in Alarm geraten, es trommelte und pfiff und blies. Der Hornist lockte zum Sammeln.

»Jeh, jeh,« drängte sie, »’t is Zeit, jeh, jeh!«

Der betaute Rosenbusch streifte schwer und kühl ihren Ärmel, da riß sie hastig die schönste Rose ab.

»Komm her, Peterken! Mein Jung’, laß dich noch ens schmücken!«

Und er beugte das Knie und ließ sich die Rose an den Helm stecken. – – –

Drüben auf der andern Seite, auf Bahnhof Oberkassel, sollten die ausrückenden Truppen in Extrazüge verladen werden; ganz Düsseldorf gab ihnen das Geleit.

Peter marschierte am Haus der Mutter vorbei, den gerollten Mantel über der Brust, den Tornister hinten auf, mit Stiefeln und Kochgeschirr; Gewehr über, Brotbeutel und Feldflasche und Faschinenmesser an der Seite. Da stand sie unter der Thür. Und ehe er sich’s versah war sie auf ihn zugesprungen und hatte ihm einen Zettel in die Hand gedrückt: »Nimm dat! Adjüs, Peter, adjüs!«

Und alle Nachbarn winkten:

»Adjüs, Peter, adjüs!« –

An der festlich beflaggten Rheinbrücke hatten sich der Ferdinand und der Fritz aufgestellt. Das Stelzbein des Invaliden verschaffte ihnen überall einen Platz ganz vorne an. So konnten sie nachher der Mutter genau berichten. Alle Behörden waren zugegen, der Oberbürgermeister an der Spitze; jenseits der Brücke hielt der Divisionskommandeur, Generalleutnant von Kameke; Böller knallten zu beiden Ufern des Rheins, und brausendes Hurrageschrei übertönte jeden klagenden Abschiedsruf. Die Regimentsmusik spielte, und tausende von wehenden Taschentüchern winkten den scheidenden Helden Lebewohl.

Der Invalide war ganz außer sich vor Aufregung: ja die, die wurden gefeiert, als hätten sie schon hundert Siege erfochten! Wer dachte noch derer von Sechsundsechzig?! Und wenn die hier wiederkamen, blessiert aus der Schlacht, dann brauchten sie sich nicht zu grämen, für sie würde der Staat Geld genug haben und die Bürgerschaft auch. Die brauchten sich nicht in den Ecken herumzudrücken und zu Tisch zu sitzen um Gottes willen. Der Neid fraß ihm am Herzen. Ä, dies lumpige Sechsundsechzig! Kein Hahn krähte mehr danach, und wenn man dran dachte, geschah’s fast wie mit Beschämung; Bayern und Hessen und Hannoveraner, die waren jetzt gute Freunde. Ach, daß er seine gesunden Glieder noch hätte, ach, daß er jetzt mitziehen könnte in diesen Kampf, den Deutschland ausfocht, ja, das ganze Deutschland! Er hätte weinen mögen.

Unweit des Bahnhofs, im nächsten Wirtshaus, setzte er sich fest und betäubte seinen Schmerz und Groll. Den Kleinen ließ er allein nach Hause laufen.

Josefine wußte nicht, wie ihr der Vormittag hingegangen, auch nicht, wie der Nachmittag; alle Vorräte im Lädchen waren durcheinandergewühlt, sie mußte nachsehen und aufräumen.

Aber am Abend, am Abend da kam ihr das Leid. Weinend warf sie sich vor ihres Peter Bett auf die Kniee und küßte das Kissen, darauf sein Kopf geruht. So lag sie lange, und dann stand sie am Fenster und starrte hinüber zur Kaserne. Wie verödet die war! Kein Licht hinter den Fenstern, nur die Sterne standen über’m Dach und funkelten darauf nieder mit grausamer Klarheit. Leer, leer – all die guten Jungen fort! Ob sie je wiederkamen?! ›Se schießen dich nit tot,‹ hatte sie dem zagenden Sohn gesagt, ›du kömmst wieder!‹ O, mein Gott! Jetzt rang sie die Hände empor zum nächtlichen Himmel in tödlicher Ungewißheit.

*

War die Garnison auch ausgerückt, die Stadt kam darum doch nicht zur Ruhe, und das war auch gut. Noch strömte es immer mit frischen Kräften zur Grenze; es schien, als zöge Deutschlands ganze Waffenmacht an Düsseldorf vorbei. Draußen auf der Wasserstation, weit vor der Stadt, passierten Truppenzüge Tag und Nacht. Patriotische Lieder aus vollem Halse singend, hingen die jungen Burschen mit halbem Leib zu den Waggonfenstern heraus; sie schmetterten mit allem Jugendeifer: Hurra, Hurra! Wie lange noch, und statt des munteren Singens würde man Stöhnen hören, und statt der lachenden Gesichter, der winkenden Arme, die nach Biergläsern und Butterbroten zappelten, Wunden sehen, bleiche Gestalten auf Bahren heben, die nichts mehr verlangten, als einen stillen Unterschlupf, ein Bett zum Ruhen, vielleicht auch zum Sterben.

Jetzt galt es, Lazarette zu rüsten.

Herr Schnakenberg war ungemein thätig. Er war zwar erst in der letzten Nacht vor’m Ausrücken der Garnison, in einen Militärtransport eingepfercht, verschmutzt und verschmachtet, von Karlsbad angekommen – zwei Tage und zwei Nächte hatte die Reise gedauert –, jetzt aber holte er nach, was er bislang versäumt. Diese strapaziöseste Tour seines Lebens kam auch noch auf Conto der Franzosen, die wollte er ihnen eingedenk bleiben. Er that alles, um sich an ihnen zu rächen. Tagelang konnte man ihn auf der Wasserstation geschäftig hin und her rennen und den durchpassierenden Vaterlandsverteidigern Cigarren in die ausgestreckten Hände stecken sehen – feine Marke, keine Liebescigarren! – und kleine Heftchen: ›Vorwärts! Auf nach Paris! Drei Krieglieder für deutsche Soldaten von Emil Rittershaus,‹ und Flaschen mit Cognac und Magenbitter und wollene Leibbinden gegen die Diarrhöe. Nichts war ihm zu teuer. Auch bei so und so viel Komitees war er im Vorstand, unter keinem Aufruf fehlte sein Name. Er hatte ja keine Kinder, wozu sollte er sparen? Die da auszogen für’s Vaterland waren alle, alle seine lieben Söhne.

So wie Herr Schnakenberg thaten viele in Düsseldorf; man war dort nie knauserig gewesen, jetzt wurde man fast verschwenderisch. War es doch auch, als ob alles Geld sich verdoppele, zwei Thaler hatten sonst nicht weiter gelangt, als jetzt einer; es ruhte ein Segen darauf.

Und es war auch, als ob die Häuser weiter würden, die Räume größer. Wie hätte man sonst so viel Betten aufschlagen können?

Die Nönnchen krochen in die engsten Winkel zusammen und überließen ihr Refektorium und ihren Betsaal. Die Schwestern vom heiligen Franziskus, die von Mariahilf, die Kreuzschwestern, die Karmeliterinnen, selbst die armen Dienstmägde Christi im Klösterchen zu Bilk stellten ihre Kräfte und alles, was sie sonst noch besaßen, zur Verfügung. Das neue Marienhospital wurde rasch eingeweiht. Im evangelischen Krankenhaus wußten die Diakonissen nicht, wo ihnen der Kopf stand, so viel hatten sie herzurichten; aber zwei Hände wurden zu zwanzig.

Und die Kaserne, die alte Kaserne mit ihren engen Blocks, dem niedrigen Offizierskasino und den verräucherten Kantinen wurde zum größten Lazarett. Da wurde gekehrt und gescheuert, frisch gekalkt und gestrichen, geräuchert und mit Karbol gespritzt. Auf dem Exerzierplatz wurden Baracken gebaut.

Josefine sah stündlich hinüber: wie sie sich da beeilten und schafften! Bald würden die ersten Verwundeten kommen. Das Herz krampfte sich ihr jetzt oft zusammen in einem jähen Schmerz, und doch hatte sie gute Nachricht von ihrem Peter. Dreimal hatte er ihr schon geschrieben, freilich nur Feldpostkarten mit Bleistift, aber sie sah doch seine schöne, deutliche Handschrift, und sie fühlte es aus jeder Zeile heraus, aus jedem Wort: er war ruhig. Sein Bataillon marschierte jetzt durch die Eifel auf Trier; er schrieb kaum was vom Krieg, die blühende Heide oben auf dem hohen Venn, die wunderbaren Sonnen-Auf- und Niedergänge entzückten ihn. Auch daß er nicht marode geworden sei beim glühenden Brand des Tages, wie so manch andrer, schrieb er, und daß er sich nicht die Füße durchgelaufen habe, sondern daß er gut marschiere in den wollenen Strümpfen, die sie ihm gestrickt, und in den neuen Stiefeln, die sie ihm beim Schuster Einbrodt hatte machen lassen. Ja, er war ganz ruhig – Gott sei Dank! Aber sie, sie war es nicht mehr.

Im Lädchen war kaum etwas zu thun; ruhelos irrte sie umher, hierhin, dorthin, vom Gärtchen bis zum Speicher – da oben stand noch ihr Bild, versteckt in der Bodenkammer. Sie zog es aus der Kiste und kauerte sich davor nieder. Es lachte sie an – aber da, da der Zug zwischen den Augenbrauen – ›der deut’t an, dat se mal Leid kriegt‹ –, nein, sie konnte es nicht mehr ansehen! Mit bebenden Händen, zitternd warf sie das Bild in die Kiste zurück. Nein, so konnte sie’s nicht mehr aushalten! Sie schrieb Briefe auf Briefe an ihr Kind – wann und wo würden die ihn erreichen?! Es genügte ihr nicht; wie nur konnte er fühlen, daß sie ihn umgab mit ihrer Liebe, mit ihren Wünschen, mit ihren Gebeten zu jeder Stunde, zu jeder Minute?

Nur was thun, was thun!

Wie eine Erlösung kam ihr der Gedanke, daß sie sich anbieten könne, wie so viele Frauen und Mädchen thaten, Kranke und Verwundete zu pflegen. Der Ferdinand hatte ihr ja gesagt, um’s Geschäft brauche sie sich keine Sorge zu machen, er wolle schon für den Rummel einstehen; und dann war doch auch noch der Fritz da und der sagte: »Mutter, du kannst ruhig jehn, ich pass’ schon auf!«

So lief sie hinüber in die Kaserne. Der alte Oberstleutnant, der, längst zur Disposition gestellt, nun noch einmal in Aktion getreten war, freudig die Lazarettverwaltung übernommen und schneidig, wie ein Junger, kommandierte, sah sie unter seinen weißen Brauen hervor freundlich an. Ja, die hier taugte ihm, die war besser, als die enthusiasmierten Damen, die ihm beinahe das Bureau einliefen!

Josefine nannte ihm ihren Mädchennamen. Rinke – Rinke – ja, ja, da entsann er sich. Soldatenblut, das war hier am Platz! Und er teilte ihr das größte Revier zu: Hof I mit all seinen Blocks und der früheren Feldwebelwohnung, und das Offizierskasino noch dazu.

Als er ihr dann die Hand gab, sah er ihr forschend in’s Gesicht:

»Sie haben einen Sohn dabei, Frau Conradi?«

»Jawohl, Herr Oberstleutnant.«

»Und ich ihrer drei,« sagte er, und es zuckte um seinen buschigen Schnurrbart. –

Kranke waren schon eingetroffen, Schwache, die auf den Eilmärschen zusammengebrochen; Mariahilf hatte sie aufgenommen. Aber noch harrte man der Verwundeten.

Wie ein dunkler Vorhang hing’s der Stadt vor den Augen – wer lüftete ihn?! Man hörte nichts von denen da draußen. Von einem Geplänkel an der Grenze, von einem Treffen bei Saarbrücken wurde gemunkelt. Aber wer war dabei gewesen, und war’s glücklich oder unglücklich ausgefallen?! Vermutungen sprachen sich von Mund zu Mund; kein Gerücht schien so unmöglich, daß es nicht kolportiert worden wäre. In einer qualvollen Ungewißheit verstrichen so die ersten Augusttage.

Da plötzlich ein Extrablatt, in Riesenlettern war’s angeschlagen – daß die Mauern nicht einfielen, die Bäume nicht umstürzten, die es trugen, dies:

›Glänzender aber blutiger Sieg der kronprinzlichen Armee bei Weißenburg.‹

Und kaum hatte man sich von dem Donnerschlag, der herrlich und furchtbar zugleich die Spannung löste, in etwas erholt, ein zweiter Donner:

›Siegreiche Schlacht bei Wörth.‹

Ein gellender Schrei stieg gen Himmel: Sieg, Sieg! Wer fragte vorerst nach Verlusten? Man las nichts von ›blutig‹, nur Sieg, Sieg! In hellem Jubel stürmte das Volk durch die Straßen; stolze Freudenfeuer, in jedem Herzen, in jedem Auge entzündet, lohten empor: Sieg, Sieg!

Die Zeitungsexpeditionen wurden gestürmt; sie mußten ihre Thüren und Fenster verrammeln. Man wollte mehr wissen, man forderte gierig sein Teil am Geschehenen: Wieviel Franzosen tot? Wieviel gefangen? Wieviel Kanonen erbeutet? Hat der Feind nun genug gekriegt?!

Die Nacht vom sechsten auf den siebenten August wurde ein vielstündiges Freudenfest; wer hätte an schlafen gedacht? Sieg, Sieg – das prickelte wie Champagner. Wer konnte noch bange sein, wenn Freudenschüsse es dröhnten, wenn alle Glocken es sangen: Sieg, Sieg!

›Deutschland, dein Sonnentag erscheint!‹ rief der begeisterte Dichter Rittershaus. Fürwahr, ein Sonnentag schien angebrochen, schon schimmerte der Rhein golden, die Krone, die versunkene, hob sich von seinem Grund strahlend zum Tageslicht.

Zwei große Schlachten gewonnen! Wahrhaftig, der seltsame Mann, der noch immer predigte: ›Maran atha – kommt, der Herr ist nahe! Hört ihr den Donner, er kündet die nahe Wiederkunft des Herrn Herrn!‹ hatte recht – das jüngste Gericht brach an über die Franzosen.

Sieg, Sieg! Josefine wurde mit fortgerissen vom allgemeinen Jubel; auch sie war im Rausch. Ein unbeschreiblicher Enthusiasmus hatte auch sie ergriffen. Mit flatternden Röcken lief sie über die Straße, mit hochgeröteten Wangen und blitzenden Augen; sie konnte es nicht genug hören, es nicht genug selber künden:

»Sieg!«

Sie konnte nicht stillsitzen, wie ein flüssiges Feuer lief es ihr durch die Adern – Sieg! Wie würde der alte König sich freuen! Der würde jetzt noch mehr von Herzen lächeln wie damals! Er grüßte das Vaterland mit segnender Hand, und das Vaterland grüßte ihn wieder mit erhobenem Schwert: Sieg, Sieg!

Josefine war stolz, auch ihr Sohn trug ein Schwert. Nur nachts in stiller Stunde wollte ihr Herz bangen: wo war er? Zuletzt hatte sie aus dem Biwak an der Saar einen Brief bekommen – sie trug ihn stets mit sich herum – so einen lieben, verständigen, zärtlichen Brief:

›Es geht mir sehr gut. Viele Küsse an Dich und meinen Bruder, auch an Onkel Friedrich und Onkel Ferdinand‹

›aber wohin wir marschieren wissen wir nicht,‹ das stand auch darin. Wenn er’s nicht wußte, wie sollte sie’s dann wissen?! Wo war er, wo war er?! Eine unbezwingliche Angst ergriff sie plötzlich, eine Pein, keiner gleich, die sie je empfunden. Mitten in den Freudentaumel hinein, der gar nicht enden zu wollen schien, hätte sie schreien mögen: ›Peter, wo bist du, Peter, Peter?!‹

War er am Ende bei dem Gefecht gewesen, das in diesen Tagen bei Spicheren stattgefunden? Es war eine Depesche gekommen, nach der am sechsten August dort ein Treffen gewesen sein sollte, aber näheres war noch nicht bekannt; die siegreiche Schlacht am selben Tage bei Wörth verschlang vorderhand alles andre. Spicheren – Spicheren – ein komischer Name, ein häßlicher Name! Wo lag Spicheren? Josefine fragte ihren Jüngsten, der wußte es auch nicht, aber er brachte seinen Schulatlas, und da saßen sie, Wange an Wange gedrückt, die Köpfe gebeugt, und suchten Spicheren und fanden es nicht.

»Weißte,« sagte Fritz zuletzt ganz enttäuscht, – er hatte gehofft, der Mutter mit seiner Weisheit dienen zu können, – »ich jeh’ nach de Expedition vom Blättchen, da hängt en Spezialkart’ vom Kriegsschauplatz, da will ich ens kucken!« Und er lief eilfertig.

Als er wiederkam, wartete die Mutter schon vor der Hausthür. Aber als er außer Atem schrie: »Spicheren, dat is nur en Dorf, – Spicherer Berg steht auf der Kart’ mit enem Sternchen derbei, – nit weit von Saarbrücken,« wankten ihr die Kniee. Von der Saar, von der Saar hatte der Peter ja zuletzt geschrieben, und nahe bei Saarbrücken war nun die Schlacht gewesen! Lieber Gott, nur eine Nachricht von ihm, einen Satz, eine Zeile, ein einziges Wort!

Es war ein Glück, daß jetzt die ersten Verwundeten kamen. Die Eisenbahn hatte welche gebracht, und auch auf dem Rhein waren vier Schiffe angekommen, vollgepfropft, Mann bei Mann; die ersten Franzosen, Offiziere, Zuaven, Turkos darunter. Halb Düsseldorf drängte sich an der Landungsbrücke und am Zollthor.

Ha, da waren sie ja, die Franzosen, die Spitzbuben, die Erzkujone!

Ein erregtes Gemurr summte, ein unterdrücktes Räsonnieren und Schimpfen. Knaben, die auf die Laternenpfähle geklettert waren und an den Simsen der Häuser hingen, streckten lang die Zunge heraus: ›Franzos’, Franzos’, rote Hos’!‹ Aber als nun die Schwarzen passierten, Kerle, wie mit Stiefelwichse beschmiert, die langen Leiber in schmutzig-weiße Burnusse gewickelt, mit den Zähnen klappernd unter dem heute trübverhangenen Himmel, da wurde die Empörung ganz laut.

»Wie se de Zähn’ fletschen! Un so en Biester hat de Napoleon auf unsre Junges jehetzt?!«

Ja, nun glaubte man’s, was man wie ein Märchen angehört: daß diese braunen Teufel schreckliche Schandthaten an Verwundeten und Toten verübt, ihnen die Augen ausgestochen, die Finger abgehackt hatten, um so manchem treuen Landwehrmann den Ehering von der im Todeskampf zusammengekrallten Hand zu ziehen.

»Schlagt se tot, die Schweinhund’!«

Es war gut, daß Polizei aufgeboten war, und daß die den Transport geleitenden Unteroffiziere die Waffe blank trugen.

Und gar per Droschke wurden noch die meisten transportiert, konnten die Kerle nicht bis zur Kaserne laufen?! Die Erbitterung wuchs und wuchs, um plötzlich einem langgezogenen, zitternden ›Ah –!‹ Platz zu machen. Man wich zurück und stellte sich doch auf die Zehen: »St, st! Ein Toter!«

Von vier Männern getragen, schwankte die Bahre, von einer Pferdedecke überspreitet.

O, der Arme war auf dem Transport, eben vor der Ankunft, gestorben! War’s ein Deutscher, ein Franzose?! Man wußte es nicht. Man sah nichts von ihm, nur eine kräftige junge Hand hing schlapp an der Seite unter der Decke vor. Der jähe Tod hatte dieser jungen, kräftigen Hand nichts anhaben können, sie war noch mannhaft und muskulös; nur gebleicht war sie, wie weißes Wachs.

Eine plötzliche Beklemmung war über die Zuschauer gekommen, und als ein Gassenjunge noch kreischte: ›Franzos’, Franzos’,‹ da zog ihn ein ehrsamer Bürger am Schlaffitchen vom Laternenpfahl herunter und gab ihm einen tüchtigen hinten vor.

Im tiefsten Schweigen setzte der Zug seinen Weg fort. Still, still! Immer neue kamen vom Rhein herauf, Wagen, Bahren und mühsam Daherschreitende. Der, mit dem umwickelten Kopf, sich taumelnd auf den stützend, der den Arm in der Binde trägt. Alles durcheinander, preußische, bayrische und französische Uniformen – Arme, Elende, Beladene. Leichtverwundete, Schwerverwundete, aber alle todesmatt, seufzend, in Schmerzen ächzend. –

Die Kasernenbetten waren rasch belegt, die pflegenden Nonnen huschten auf leisen Sohlen hin und her, die gehetzten Ärzte reinigten ihre Sonden und griffen nach neuem Verbandzeug. Und auch Josefine lief der Schweiß vom Gesicht. Mit ihren starken Armen hatte sie manchen helfen in’s Bett heben, manch bleicher Kopf hatte an ihrer Brust geruht, während Arzt und Nonne den wunden Leib verbanden.

Helfen, helfen – an etwas andres hatte sie gar nicht denken können den ganzen Tag. Und die Nacht schlief sie zum erstenmal, seitdem der Peter ausgerückt, wieder ganz ruhig, so recht sanft, wie ein müder, von seinem Tagewerk befriedigter Mensch. Keiner jener wirren Träume, die sie so oft gequält, kam ihr; ihr Jüngster mußte sie am Morgen rütteln, sonst wäre sie gar nicht aufgewacht.

Das pausbäckige Knabengesicht war heute etwas blaß, es sah ängstlich und neugierig zugleich aus; auch der Invalide ging um die Schwester herum mit einem merkwürdig betroffenen Gesicht und einem etwas verlegenen Lächeln, er bemühte sich, besonders forsch zu sein, aber es mißlang. Doch Josefine merkte von alledem nichts, sie eilte nur, daß sie hinüberkam in ihre Kaserne. Dort fand sie gleich alle Hände voll zu thun; so hörte sie nichts von dem, was beängstigend durch alle Straßen lief, was bald wie ein hellloderndes Schadenfeuer den Leuten über den Köpfen zusammenschlug.

Endlich nähere Nachricht über Spicheren!

›Furchtbarer Kampf, von größeren Dimensionen als nur geahnt. Starke Verluste, neununddreißiger Füsiliere im Feuer.‹

»Unsre Neununddreißiger, unsre braven Füsiliere!« Ein plötzlicher Schreck lähmte die Herzen, die noch eben in Siegesfreude hoch geschlagen. Das bei Spicheren war auch ein Sieg gewesen, aber niemand jubelte darüber. Wie eine Ahnung schweren Leides zog es durch die Stadt. Ach, wer hatte nicht einen Vater, einen Sohn, einen Bruder, einen Freund, einen Liebsten dabei?! Spicheren, Spicheren, – dies Wort bohrte sich ein, mitten in’s Herz, spitz wie eine Nadel.

Wer war verwundet?

Viele.

Wer war tot?

Viele.

Blasse Gesichter sahen sich an. Auf den Straßen, an allen Ecken standen Leute in Trüppchen bei einander und flüsterten bang:

»Haben Sie ene Sohn derbei?«

»Och Jeses, ja!«

»Un Sie?«

»Ich auch!«

»Un Sie?«

»Meine Bruder steht bei de Neununddreißiger!«

»Och Jott, och Jott, meine Mann, meine Mann!« Eine weinende junge Frau kam herzugestürzt, ihr Kindchen auf dem Arm. »Is et wahr? Is et dann wirklich wahr, sind se all’ tot? O, meine Mann, meine Mann!«

Überall Angst, tödliche Bangigkeit, herzklopfende Erwartung. Was würde die nächste Stunde bringen?!

Noch waren keine Verlustlisten veröffentlicht, man erfuhr ja auch das Schlimme noch früh genug – hoffe noch, wer hoffen kann! Scheu sah einer den andern an: wer würde zuerst in Schwarz gehen?

Das angstvolle Geraune der Stadt war endlich auch bis in die Kaserne gedrungen. ›Spicheren, mörderische Schlacht, Neununddreißiger fast aufgerieben!‹ Die Verwundeten rührten sich ächzend und spitzten die Ohren. Spicheren – da gab’s wieder neue Leidensgefährten.

Spicheren – die Wärter flüsterten es auf den Korridoren, die Nonnen bewegten betend die Lippen, die Ärzte zogen die Brauen erwartungsvoll hoch und sahen nach ihren Instrumenten.

Achtzehn Schiffe mit Verwundeten waren signalisiert, heut abend noch sollten sie eintreffen.

Josefine hatte noch nichts von den Gerüchten gehört. Sie saß am Bett eines Schwerkranken. Das war ein junger, französischer Fahnenträger; vielleicht daß er gerade die Fahne geschwenkt und schreien wollte: ›vive la France!‹ als die Granate krepierte, die ihm beide Arme zerschmetterte, und die Kugel geflogen kam, die ihm zur rechten Wange hineinfuhr und zur linken wieder hinaus. Vor wenig Tagen erst war er angekommen, und es hatte Josefine gegraust, als sie zum erstenmal sein nur notdürftig verbundenes, von Blut und Eiter bedecktes Gesicht gesehen. Und ganz seltsam war es ihr geworden, als sie ihn in ihres Vaters Stube fand, fast an derselben Stelle, wo einst dessen Bett gestanden. Auch der hatte hier gelitten.

Sie hatte die Zähne zusammengebissen und war dem Arzt zur Hand gegangen, so flink und so geschickt, daß Schwester Daria, die am Nebenbett Beschäftigte, ihr unter dem schwarzen Nonnenkopftuch hervor, zu dem die roten jungen Wangen und die blanken Augen seltsam standen, zugelächelt.

Auch jetzt lächelte Schwester Daria, als sie zum Bett des Fahnenträgers trat und Josefine die Tasse mit Milch, aus dem diese dem Dürstenden mit Mühe einige Löffelchen einflößte, aus der Hand nahm.

»Gehen Sie nach Haus,« sagte sie sanft. »Sie müssen Mittag essen und auch ein bißchen ruhen.«

»Und Sie, Schwester?«

Die Nonne sah heiter drein:

»O, ich! Ich bin das ja gewöhnt. Und da ist auch ein Jung’ draußen, der fragt nach Ihnen. Ich glaub’, es ist Ihr Sohn.«

»De Fritz? Wat will de?!« Josefine fuhr so hastig empor, daß der Fahnenträger die Augen nach ihr rollte.

»St!« Die Nonne legte ihr die Hand auf die Schulter. »St! Haben Sie schon von Spicheren gehört?«

»Spicheren?« Josefine blickte sie erschreckt an.

»Bei Spicheren ist eine mörderische Schlacht gewesen,« sagte die junge Nonne so sanft, daß ihre Stimme wie ein Hauch das Ohr umschmeichelte. »Aber so einer fällt im Krieg, wird sein Tod ein christlicher Tod sein und die Thür zum ewigen Leben.«

XXVI

Wenn nur die Ungewißheit nicht gewesen wäre! Aber nein, keine Ungewißheit mehr, es war schreckliche Gewißheit. Josefine fühlte es an dem stummen Händedruck, mit dem der Oberstleutnant sie begrüßte, als er ihr auf dem Hof begegnete: er hatte Mitleid mit ihr.

Da waren einige Glückliche, die Nachricht von den Ihren bekommen hatten – sie hatte keine Nachricht von ihrem Sohn.

Nun war der zwölfte August schon herangekommen; wenn Peter noch lebte, hätte er ihr Kunde gethan, das wußte sie ganz genau. So suchte sie ein schwarzes Kleid hervor, sie mochte kein andres tragen. Stumm und starr that sie ihre Pflicht; die Verwundeten folgten ihr mitleidig mit den Blicken, aber wagten nicht, sie zu fragen.

So rastlos war Josefine noch nie umhergegangen, von Block zu Block, treppauf treppab, von Bett zu Bett; ihre Füße waren dick geschwollen durch die Anstrengung, sie merkte es nicht. Die Nonnen baten: »Ruhen Sie doch!« Aber sie schüttelte stumm verneinend den Kopf. Wie konnte sie ruhen?! Wieder von Block zu Block, treppauf treppab, von Bett zu Bett.

Es ging auf den Abend des dreizehnten August, die warme Dämmerung senkte sich bereits auf die Ahornbäume im Kasernenhof; der lag ganz still, nur ein paar Wärter huschten in die Küchen.

Doch jetzt eine laute, klagende Frauenstimme, die bis hinauf zu Josefine drang. Und dann des Oberstleutnants dringendes Zureden:

»Gnädige Frau, hier ist er nicht, ich versichere Sie! Gnädige Frau, beruhigen Sie sich doch! Sie regen sich unnütz auf, er ist nicht hier!«

Zwei ängstliche Mädchenstimmen baten:

»Liebe Mama, hier ist er nicht, du hörst es ja! Mama, komm doch nach Haus, bitte, bitte! Papa wird ja Nachricht schicken! Komm doch, Mama, bitte!«

»Gnädige Frau, wie können Sie nur zweifeln? Wäre er hier, ich müßte es doch wissen!«

»Aber Leute sind doch hier, die mit ihm in der Schlacht waren, Verwundete! Die haben ihn gekannt. Ach, sie müssen ihn ja kennen!« Der laute Klageton wurde noch lauter: »Die will ich fragen!«

»Gnädige Frau, so sehr ich bedaure, der Eintritt ist nicht gestattet – besonders so spät – ich – gnädige Frau bemühen sich vielleicht morgen früh noch einmal –«

»Ich muß sie fragen! Gleich, jetzt!«

Josefine zuckte zusammen – das war Verzweiflung! Jetzt hörte sie auch schon eilende Schritte auf der Treppe – da gab’s kein Zurückhalten – die Thür zum ersten Zimmer wurde aufgerissen, fast stürmte eine schlanke Dame herein. Sie schlug den Schleier zurück, und ihre großen, dunklen, wie Irrlichter flackernden Augen fuhren über die Betten hin. Sie sah Josefine.

»Ist hier mein Sohn, mein Eugen?«

»Die gnädige Frau sucht ihren Sohn. Der Leutnant vom Werth war mit bei Spicheren,« sagte der Oberstleutnant erklärend und blinzelte der Pflegerin zu. »Er ist nicht hier, gnädige Frau – darf ich bitten?« Er bot der Dame den Arm, um sie wegzuführen.

Aber sie beachtete es nicht. Wie auf Flügeln eilte sie immer weiter, die Betten entlang, über jedes Lager beugte sie sich; mit einem Laut jammernder Enttäuschung fuhr sie jedesmal zurück, aber sie eilte weiter, weiter, durch alle Stuben, durch den Krankensaal im Offizierskasino, von Block zu Block, treppauf treppab, von Bett zu Bett.

Den weinenden Töchtern und dem zugleich verwirrt und ärgerlich dreinblickenden Oberstleutnant blieb nichts übrig, als ihr zu folgen.

Auch Josefine folgte, mechanisch, wie hingezogen – die Frau suchte ja ihren Sohn!

Am letzten Bett drehte sich Frau vom Werth um.

»Er ist nicht hier!« schrie sie in einem herzzerreißenden Ton, und dann fiel ihr flackernder Blick auf Josefines schwarzes Kleid.

Auge in Auge sahen sich die beiden Mütter.

»Sie sind in – Trauer?« sagte Frau vom Werth stockend, und im Ausdruck des Entsetzens krampften sich ihre Züge zusammen. »Um – wen?«

»Um meinen Sohn!«

»Um Ihren Sohn?!«

Mit einem Wehlaut fiel die elegante Dame Josefine in die Arme; sie schluchzte herzbrechend:

»Mein Eugen war mit bei Spicheren, wir haben keine Nachricht, mein Mann ist hingereist, er sucht ihn – o, mein Gott, mein Sohn!«

Josefine blieb stumm, aber sie zitterte am ganzen Leib – das war die schöne Frau vom Werth, die reiche Frau vom Werth? Jetzt so arm wie sie! Das war die Cäcilie von Clermont, die einst mit ihr auf der Schulbank gesessen?! Sie suchte und fand keine Ähnlichkeit mehr, alle Schönheit war weggeweint.

»Kennen Sie mich noch?« flüsterte sie traurig. »Ich bin die Josefine Rinke.«

»Rinke – Josefine – Rinke – ah, Fina, Finchen!« Die unglückliche Frau rang die Hände. »Ach Fina, was ist uns geschehen!«

Sie löste sich auf in Thränen. Aber Josefine konnte nicht weinen.

Vergebens hingen sich die Töchter – schöne, schlanke Mädchen – an ihre Mutter. Sie stieß sie von sich: »Mein Eugen, mein Sohn!«

Endlich ließ sich Frau vom Werth von Josefine fortführen; diese leitete sie die Treppe hinunter. Unten im Hof, unter den wispernden Ahornbäumen, unter den Sternen, die blaß heraufzogen, standen sie kummervoll noch wenige Augenblicke zusammen.

»Mein Sohn, mein Eugen!« ächzte Frau vom Werth, als sie, halb ohnmächtig, von ihren Töchtern gestützt, an die wartende Equipage wankte.

Der Oberstleutnant schlug den Schlag zu und wischte sich den Schweiß ab: Gott sei Dank, daß das vorüber! –

Am nächsten Morgen veröffentlichte die Zeitung die, freilich noch längst nicht abgeschlossene, erste offizielle Verlustliste des neununddreißigsten Regiments:

›Tot .... Verwundet .... Vermißt .... Summa ....‹

Die Summa war groß.

Unter den Toten war Füsilier Peter Conradi verzeichnet; unter den Vermißten Sekondeleutnant Eugen vom Werth.

Aber auch der war tot; kurze Zeit darauf stand folgende Anzeige in allen Blättern:

›Den Heldentod für’s Vaterland starb, infolge einer am 6. August im Gefecht bei Spicheren erhaltenen schweren Verwundung, unser einziger, inniggeliebter Sohn Eugen Ernst August vom Werth, Sekondeleutnant im Niederrheinischen Füsilierregiment Nr. 39.

Die tieftrauernden Hinterbliebenen.‹

Herr vom Werth hatte den Sohn gefunden. In einem Lazarett war der gestorben. Der gebeugte Vater hatte seinen Stammhalter unter unsäglichen Mühen mit in die Heimat geschleppt. Ob es wirklich Eugen war? Man hatte den Sarg nicht mehr öffnen dürfen. Aber so hatte die unglückliche Mutter wenigstens nun den schwachen Trost, auf dem Grabe Blumen pflegen und sie mit ihren Thränen begießen zu können.

Wo der Peter begraben lag, das konnte der Mutter niemand sagen. Und wenn sie hingeeilt wäre und hätte mit ihren Nägeln die blutgedüngte Scholle des großen Totenackers aufgerissen – sie hätte ihn nicht gefunden.

»Er ist im ewigen Leben,« sprachen Schwester Eustachia und Schwester Daria, die Mägde Christi, und ihre Oberin, Mutter Clara, die mit Josefine zusammen pflegten.

»Wär’ et dir so lieber, Fina?« tröstete der Invalide und wies auf sein fehlendes Bein.

»Finken, ich reis’ hin,« versicherte Schnakenberg, »so wie et irjend anjeht. Wat de vom Werth kann, kann ich auch. Un wenn ich ihm auch nit mitschlepp’, de Peter, ene schöne Stein laß ich ihm da setzen.«

»Du has noch einen Sohn,« sagte Bruder Friedrich, »verjiß dat nit! Un de wird jroß wachsen in der neuen Zeit – wer mit Thränen sät, wird mit Freud’ ernten!«

Und der Kleine schmiegte sich an sie:

»Mutter, ich bleib’ bei dir!«

Trost, so viel Trost! So viel mitleidsvolle Blicke, so viel teilnehmende Händedrücke – so viel schwarze Kleider, wie sie selbst eins trug, rings umher! Und doch kam in ihr Herz kein Friede. Ihr Sohn tot, von den Franzosen erschossen – gemordet! Ihr schöner, blonder Junge von diesen Bestien! Eine Wut überkam sie gegen die rotbehosten Horden, gegen den Napoleon, der all dies Unglück verschuldet. Auf der Straße sangen die Knaben Spottlieder:

›Was kraucht denn da im Busch herum? Das ist der Herr Napolium –‹

Das that ihr wohl. Und als ein paar französische Offiziere, die, den Arm in der Binde, spazierten, von der Straßenjugend belästigt und beschimpft wurden, hätte sie sich auch bücken und einen Stein aufraffen mögen. ›Was wollt ihr hier, ihr Räuber, ihr Mörder – Brot, Obdach, Pflege?! Krepiert! Gebt mir meinen Sohn wieder, meinen Peter!‹ Sie fühlte einen wilden Haß in sich, eine brennende Wut. Alles in ihr empörte sich, wenn sie sah, daß es Leute gab, die verwundete Franzosen, besonders Offiziere, in ihre spezielle Obhut und Privatpflege nahmen. Sie stimmte lebhaft denen bei, die darüber murrten; mußten nicht die Franzosen warten, zurückstehen, bis erst alle, alle Deutsche versorgt waren?!

Und es kamen deren so viele: Preußen, Bayern, Sachsen, Hessen, Württemberger, Hannoveraner, und so manch’ rheinischer Jung’! Man hatte geglaubt, unendlich viele Betten zur Verfügung zu haben, aber immer waren es deren noch nicht genug; aus dem Arresthaus wurden Arrestanten zum Exerzierplatz geführt, um dort schnell Matratzen fertigen zu helfen. Allerorten sammelte man Geld, Kleidungsstücke, Lebensmittel. Die reichen Hammer Bauern fuhren ganze Wagen voll Gemüse und Kartoffeln bei der Kaserne vor, und auch vom Wochenmarkt kam ein hochbepackter Karren an, zu dem selbst das ärmste Bäuerchen von den Eiern seiner wenigen Hühner, von der Butter seiner einzigen Kuh beigesteuert. Es galt alle die langsam der Genesung Entgegengehenden zu kräftigen, und alle die rasch dem Tod Verfallenden noch zu erquicken.

Täglich ging Josefine zur Mutter Brenzen, der Apfelkönigin, die das schönste Obst der Stadt vor Konditor Geislers Thür feil bot. Da thronte die Alte, die Füße auf dem Stovechen, Winter und Sommer in’s gleiche graue Umschlagetuch gehüllt, den mit schwarzen Bartstoppeln reichlich umsetzten Mund brummig geschlossen. Sie war berüchtigt grob. Aber jetzt lächelte sie und zeigte ihren einzigen Stockzahn: »Für Euer’ Kranken? Da!« Und sie legte noch drei extragroße, herrliche Trauben auf das Pfund obenauf und steckte ein paar Handvoll der erlesensten Spalierbirnen in Josefines Ledertasche. »Nehmt et nur, freut mich, wann ’t de Junges schmeckt – bis morjen!«

Manchem im Wundfieber Durstenden that so die alte Brenzen wohl. Die Augen der Kranken leuchteten auf, wenn Josefine mit den Früchten kam; besonders die Augen der Franzosen glänzten: Ah, Früchte, Früchte! Fast so schön wie zu Hause in Frankreich! Aber Josefine ging an den Feinden vorbei; für alle hatte sie nicht genug.

Mit dem französischen Fahnenträger in der Feldwebelstube ging es schlecht; beide zerschmetterten Arme hatte man ihm amputiert, und seine Schußwunde durch die Backe drohte brandig zu werden. Grausam entstellt, lag er regungslos; er klagte nicht, er konnte ja nichts sagen, nur seine Augen sprachen aus dem verschwollenen Gesicht und folgten sehnsüchtig der Traube, die Josefine täglich seinem Nebenmann reichte. Sie hatte sich wenig mehr um ihn gekümmert und seine Pflege fast ganz den Nonnen überlassen – wozu sollte sie ihr längst vergessenes Französisch wieder hervorholen?!

Heut kam die Nonne gelaufen: »Ach, Frau Conradi, haben Sie keine Traube mehr? Ich glaube, der Franzos’ möchte gern eine; er sah Ihnen so nach, die Thränen kamen ihm in die Augen.«

Josefine hatte nur noch eine Traube, und diese letzte war für einen andern bestimmt.

»Er wird bald sterben,« setzte die Nonne hinzu.

Da ging Josefine und holte die Traube, zögernd, fast widerwillig. Mit einem unbeschreiblichen Ausdruck von Gier sah ihr der Franzose entgegen und bewegte die trockenen Lippen:

»Des rai – des rai –!«

Das war nur ein unartikuliertes Stammeln, mehr ein Wunsch als ein Wort. Eine große, saftige Beere drückte Josefine ihm in den mühsam ein wenig geöffneten Mund; und so fort, alle Beeren, bis die Traube nur noch ein leeres Gerippe war. Mit einem Seufzer und einem gehauchten ›merci!‹ schloß er die Augen.

»Der arme Junge,« sagte Schwester Daria, »wer weiß, zu Haus hat er vielleicht einen Weingarten gehabt!«

Arm, ja, aber es gab doch noch mehr arme Jungen! Josefine hätte ihm am liebsten kein Mitleid gegönnt, und doch ging sie nun morgens und abends zu ihm und erquickte ihn mit dem Saft einer Traube. Das war fast das einzige, was er zu sich nahm. Er wartete schon immer, er lauerte darauf, das merkte sie wohl. Aber sie sprach nie zu ihm, das konnte sie nicht über sich gewinnen. Ihr Peter, ihr Peter! – Sein blutiger Schatten reckte sich auf zwischen ihr und diesem da.

Am dritten Abend gab sie dem Fahnenträger wieder seine Traube, da sah er sie an, so bittend, so herzbeweglich, so über alle Maßen traurig, daß sie sich über ihn neigte. Zum ersten Male erwiderte sie seinen Blick.

Und sein Auge schweifte von ihrem schmerzversteinerten Gesicht hinunter über ihr schwarzes Trauerkleid; mit großer Willensanstrengung hob er ein wenig den Kopf und nickte:

»Pau–vre mère!«

Was, was hatte er gesagt?! Sie saß wie erstarrt, ganz erschrocken. Meinte er sie, oder dachte er an seine Mutter?! Sie wußte es nicht, es war auch gleich. Arme Mutter – arme Mutter – da sprang ihr plötzlich etwas wie ein Reifen vom Herzen, und lang entbehrte, heftige Thränen stürzten ihr jäh aus den Augen und blendeten ihren Blick.

Das war nicht mehr der feindliche Fahnenträger, ein verhaßtes, französisches Gesicht – das war nur ein Sohn, auch einer Mutter lieber Sohn! Pauvre mère – das hatte sie getroffen in innerster Seele.

Mühsam ihr Schluchzen bezwingend, blieb sie an seinem Bett sitzen noch bis gegen Mitternacht. Sie sah, es ging zu Ende. Die Stunden schlichen, das Lämpchen an der Wand brannte trübselig, als wollte es erlöschen, matte Fliegen kreisten langsam oben an der getünchten Decke. Sie hatte ihr Taschentuch gezogen und wischte ihm ab und zu den Schweiß von der Stirn; dann öffnete er jedesmal die Augen und sah sie an.

»Ma–man!«

Es war nur ein Hauch. Sie fröstelte und zitterte und weinte.

Endlich mußte sie doch gehen, die Nonne, die die Nachtwache hatte, kam und trieb sie fort. Langsam schritt sie über den Kasernenhof heim; kaum konnte sie voran, so schwer trug sie – aller Mütter Leid lag ja auf ihr.

Die Ahornbäume rauschten einen Trauerchor. Als sie das schwere Kasernenthor öffnete, gähnte die Straße dunkel wie ein Grab. Verstummt die Vaterlands- und Siegeslieder, nur der Nachtwind wimmerte um die Ecken eine klägliche Melodie. Es klang wie weinen.

Als sie am nächsten Morgen mit dem frühesten ihre Traube in die Kaserne brachte, war der junge französische Fahnenträger tot. Er war einer der ersten, der draußen an der Duisburger Chaussee auf dem erweiterten Kirchhof begraben wurde.

Und andre folgten ihm nach.

*

Der große Sieg bei Mars la Tour war errungen. Wieder hatten die Glocken geläutet, Raketen geknattert, der Oberbürgermeister vom Balkon des Rathauses herab ein dreimaliges Hurra auf König und Heer ausgebracht, und wieder hatte Platz für Verwundete not gethan, und die Tonhalle mit ihren Festsälen war zum neuen Lazarett eingerichtet worden, und auch die Maler hatten ihren Malkasten geöffnet.

Und wiederum ein glänzender Sieg: bei Gravelotte! Jubelruf und Klageschrei erklangen zugleich – die braven Neununddreißiger hatten bei Gravelotte wieder heran gemußt, und wenn der Tod auch ihre Reihen nicht niedergemäht wie bei Spicheren, manch einer hatte dran glauben müssen. Der zweiundzwanzigste August brachte sieben Schiffe mit Verwundeten, zwei darunter ganz voll Turkos und Zuaven. Aber die Bürger rannten nicht mehr hin, die Schwarzen anzugaffen; nun hatte man deren genug gesehen, arme Kreaturen, die dankbar waren für einen Trunk und einen Bissen Brot.

In der Kaserne war schon manches Bett leer geworden; manch einer, der darin gelegen, war wieder in’s Feld gerückt, manch andrer auch als kriegsuntüchtig in die Heimat entlassen und mancher an einen ganz stillen Ort verzogen. Nun waren die siebenhundert Betten wieder frisch gefüllt, abgerechnet all die Passanten, die nur einen Tag ausruhten, um dann, frisch verbunden und gelabt, weitergeschafft zu werden.

Wer hatte noch Kraft zum Pflegen?! Alle. Keiner war müde.

Auch Josefine nicht; noch war kein Tag, an dem ihre Füße sie nicht getragen, ihre Arme versagt hätten. Ihr Saal im Kasino lag voll, ihre Blocks auch; und unter allen hatte sie nun zwei alte gute Bekannte zu pflegen: Unteroffizier Schmidt und den jungen Hucklenbruch, den bei Gravelotte die Kugel in die Brust getroffen hatte.

Bett an Bett lagen jetzt die beiden Rivalen, die sich einst gemieden; aber es war nicht der Zufall, der das so gefügt, Schmidt hatte flehentlich darum gebeten. Waren sie doch beide am selben Tag verwundet worden. Beide hatten sie unsäglich lange Stunden, unweit von einander, auf dem Schlachtfeld geschmachtet, bis es Schmidt gelungen war, auf allen Vieren zu dem schon bewußtlosen Kameraden hinzukriechen und ihm aus der Feldflasche, die er einem toten Tambourmajor aus der starren Hand gewunden, ein paar Tropfen einzuflößen. Dann hatte auch ihn das Bewußtsein verlassen; Seite an Seite waren sie beide hinübergeschlummert in die starre Unendlichkeit, bis sie, doch wieder erwachend, sich im gleichen fliegenden Feldlazarett fanden. Beide wurden sie mit dem gleichen Transport heimwärts geschafft. Und die ganze furchtbare Reise hindurch hatte Schmidt, dem ein kleiner Granatsplitter am Kopf noch lange nicht alle Schneid genommen, den nach Luft ringenden Hucklenbruch, dem der Atem durch ’s Kugelloch in der Lunge pfiff, in halbsitzender Stellung gehalten. Die wenigen Stunden Schlaf hatte der arme Junge an seiner Brust gefunden.

»’ne faule Sache,« flüsterte Schmidt bekümmert Josefine zu, die in halb schmerzlicher, halb freudiger Erregung des Wiedersehens an sein Bett geeilt war, und wies mit dem Blick hinüber nach dem Nebenmann. Der lag, wächsern und still, in seinen Kissen, bis auf’s letzte erschöpft vom Transport, vom Betten, Untersuchen und Verbinden.

Das Herz im Leibe drehte sich Josefine um. Wie oft hatte der Hucklenbruch seelenvergnügt in ihrem Lädchen gesessen, und nun mußte er so daliegen!

»Ja, denn man lieber jleich weg,« flüsterte Schmidt. Und dann sah er Josefine ganz seltsam an; seine sonst so kecken Augen wurden feucht und nachdenklich.

»Ich hab’ Ihnen auch noch was zu bestellen, Frau Conradi, ’nen –« er zögerte und strich sich verlegen den Schnurrbart – »’nen Jruß!«

»Von wem?« Warum fragte sie noch? Ach, sie wußte ja von wem! Es konnte nicht anders sein, sie empfand es am wilden, rasenden Schlagen ihres Herzens, jetzt kam etwas, ein Gruß, ein Gruß von – von –! Ihre Kniee brachen, unwillkürlich sank sie am Bett nieder und faltete die Hände krampfhaft: »Och Jott, vom Peter!«

Der Verwundete nickte. Die Botschaft wurde ihm nicht leicht, seine Stimme klang aufgeregt:

»Da – aus meinem Rock, jeben Se mal her – aus der Brusttasche – so, mein Notizbuch. Ich habe nämlich – was Jeschriebenes für Sie – ’nen Zettel – ich habe immer höllisch drauf ufjepaßt.«

Sie konnte das Notizbuch nicht gleich finden, ihre Hände zitterten zu sehr.

Nun kniete sie wieder am Bett, und Schmidt machte umständlich das Büchelchen auf, suchte umständlich darin. Sie hielt den Atem an und riß die Augen auf: was würde sie lesen?! Daß er tot war, daß wußte sie ja – aber wie war er gestorben, wie?!

Dauerte das Suchen denn Stunden lang?! Eine Ohnmacht wollte sie ankommen, ihre Lippen bebten, ihre ganze Gestalt; kein Wörtchen konnte sie lallen. Aber jetzt – jetzt, gleichsam aus weiter Ferne schlug Schmidts Stimme an ihr Ohr:

»Er starb wie ein Held!«

Da seufzte sie tief auf, als sollte der Atem ihre befreite Brust sprengen, und riß gierig den Zettel an sich. Laut schrie sie auf: das war ihr Zettel, ihres Vaters Zettel, den sie dem Sohn in letzter Stunde zugesteckt beim Ausmarsch!

Und er hatte das Vermächtnis angetreten.

Da stand: ›Über alles die Ehre!‹ und darunter gekritzelt, mit Blut:

›Liebe Mutter, adjüs.‹ – – –

»Ehre, wem Ehre jebührt,« sagte Schmidt. »Der Junge war ’n janzer Kerl, bis zum Tode!«

Josefine drückte dankbar die Hand, die ihr den Zettel überbracht, dies Teuerste, was sie von nun an in ihrem Leben hatte.

Viele Tage trug sie das verknitterte, vergilbte, blutbefleckte Papier auf ihrer Brust. Da lag es und gab ihr ungeahnte Kraft; aber dann schloß sie es doch in die Truhe, in ihr Nähkästchen, zu den Andenken ihrer Jugend und Ehe. Jetzt hatte sie den Talisman nicht mehr nötig, sie war ruhig geworden in sich. Nicht mehr von der steinernen Ruhe jener ersten Zeit, nein, Gott sei Dank, sie konnte weinen! Aber in ihre Thränen mischte sich das Gefühl des Stolzes: mein braver Sohn! –

Von ihren Kranken empfing Josefine besondere Zeichen des Vertrauens.

»Schreiben Sie an meine Mutter,« bat mancher Soldat.

Und so saß sie denn an den Betten und ließ sich in die Feder diktieren von schwachen Stimmen, aber von Herzen, die jetzt doppelt stark empfanden für die Mutter daheim.

Und wunderliche Antworten liefen ein aus Nord und Ost und Süd und West des weiten Deutschen Reiches. Aber immer, trotz der lächerlichsten Orthographie, trotz aller Verquickung, las man’s heraus, das in Angst und Liebe und Sehnsucht gestammelte: ›Mein lieber Sohn!‹

»Werte Frau,« sagte Unteroffizier Schmidt eines Tages – er war schon in der Besserung und schluffte bereits in Filzpantoffeln bis zum Bett des Westfalen –, »werte Frau Conradi, würden Sie für mir nich auch mal ’n kleenes Briefchen schreiben?«

»Jern.«

»Na, nämlich« – er zupfte schon wieder an seinem Schnurrbart und versuchte ihm den früheren kühnen Aufwärtsstrich zu geben – »na, da ich nu doch mal kein Glück bei Sie habe« – er sah ihren ernsten Blick und nickte – »nehm’ ich ja nich übel, is ja jetzt janz natürlich, und denn auch schon von wejen Hucklenbruchen – wär’ mir wirklich penibel! Na, nämlich, ich habe mir’s jeschworen, als mir die Kugeln man so um die Ohren pfiffen, und die Kameraden um mich ’rum fielen, in Schwaden, wie jemäht: ›Junge, Junge, wenn de ’rauskommst, wirste ’ne alte Schuld wieder jutmachen!‹ Denn die Schramme da am Schädel rechnet nich, die is balde heil, und ich mache noch mal los. Also: ich habe da nämlich en Mächen zu sitzen, an de Panke wohnt se, jroßer Staat ist jerade nich mit se zu machen, arm is se man, und auch lange nicht so hübsch wie Sie, werte Frau! Na – aber se hat nu mal ’nen Jungen von mir! Also, haben Se die Jüte, werte Frau, schreiben Se schon man los: ich wer’ ihr heiraten. Es drückt mir’s Herz ab, ich kann nich warten, bis ich alleene schreiben darf. Die Aujuste wird jeheirat’t stantepe, sowie der Krieg ’rum is. Denn, wissen Se, so in ’n Krieg wird einen janz schnurrig zu Mute. ’s is lange nich so, als wie die Leute sich denken. Un mit die Bejeisterung is det allens Mumpitz. Un mit den Haß auf den Feind auch. Davon weiß man jarnischt in der Schlacht, man weiß von sich selber so jut wie jarnischt; was befohlen wird, wird jemacht: einfach rin! Muß ’t nu mal sind, denn man los! Das können Sie mir jlauben. Aber an die Juste schreiben Se man, bitte!«

*

Die Firma S. Sternefeld am Alleeplätzchen hatte annonciert, fettgedruckt, die halbe letzte Seite im Blättchen allein für sich in Anspruch nehmend:

›Fahnen, Fahnen!

Fahnen in allen Größen, Fahnennessel, Flaggentuch und so weiter.‹

Wer noch keine Fahne im Besitz hatte, rannte heute eilig hin und kaufte; die große Eingangsthür klappte den ganzen Tag – ’raus – ’rein, ’rein – ’raus.

»Sie wünschen?«

»Fahnen, Fahnen!«

»Schwarz-weiß?«

»Nein, schwarz-weiß-rot!«

Ein Meer von Schwarz-weiß-rot hatte sich über die Stadt ergossen. Zu jeder Bodenluke, zu jedem Mansardenfenster heraus steckte bald eine lange Stange; und lustig flatternd und sich freudig blähend im frischen Herbstlüftchen, klatschte das schwarz-weiß-rote Tuch gegen das untere Stockwerk. Das klang wie Wellenrauschen, wie Musik einer stürmischen Brandung: Sedan, Sedan!

Überall flaggte und wimpelte es. Der Jägerhof, das Rathaus, die Kaserne, das Theater, die Kirchen, die Schulen, die Thore, die Rheinbrücke, selbst der alte Jan Willem hatten geschmückt. Um alle Dächer rauschte es, durch alle Lüfte sauste es: Sedan, Sedan!

Große Flaggen, kleine Flaggen, schmale Wimpel, breite Wimpel, kostbares Tuch, dünner Nessel, verwaschener Kattun, Papierfähnchen – aber strahlender Sonnenschein lachend über alle, und übermütig dreinharfender Wind: Sedan, Sedan!

Wer freute sich nicht?! Die Verwundeten setzten sich auf in ihren Betten und horchten mit gespanntem Ohr. Der Rhein brauste es, Kanonen donnerten es – wer hätte gedacht, daß die je solchen Jubel künden könnten –: Sedan, Sedan!

›Gefangennahme des Kaisers Napoleon.

Kapitulation der Armee Mac Mahons bei Sedan!‹

Was wollten die Franzosen nun noch?! Ihr Kaiser gefangen, ihre größte Armee gefangen! Nun mußte es Friede, Friede werden!

Gegen Mitternacht war die erste Kunde nach Düsseldorf gekommen, atemlos hatte ein Depeschenbote sie in die schon schlummernde Stadt getragen. Vorbei war der Schlaf, vorbei die Ermüdung; die Leute stürzten aus ihren Häusern, auf den Straßen und Plätzen fanden sie sich zusammen, sie schüttelten sich die Hände, sie küßten und umarmten sich, sie lachten mit weinenden Augen: nun kam der Friede!

Leuchtend stand ein Stern am Himmel, und plötzlich fingen alle Glocken der Stadt an zu läuten – fromme Stimmen in heiliger Nacht.

Am kommenden Morgen zogen unzählige Schulkinder durch die Straßen; Maler Camphausen mit seinem weißen Bart hatte sich an die Spitze der rosigen Jugend gestellt und marschierte voran mit dem Trommlerchor. Und die bekränzten Knaben und Mädchen schmetterten aus hellen Kehlen:

›Es braust ein Ruf wie Donnerhall –‹

In allen Kirchen Gottesdienst, von allen Orgeln Dankeshymnen. In’s Beten klang Jubel hinein: ›Der Kaiser, der Kaiser gefangen!‹

In der Kaserne war ein Faß Bier aufgelegt – die Liebesspende eines begeisterten Bierbrauers – es trank davon, wer trinken durfte; und andre stießen mit Wein an.

Herr Schnakenberg kam auch gerannt mit ein paar ganz besonderen Bouteillen unter’m Arm: alter Rheinwein, firn und golden wie Harz. »Wat Extras, Finken, für dein’ Kranken,« flüsterte er der Stieftochter zu und steckte ihr die Flaschen unter die Schürze. »Hurra, wir haben ihn, den Napolium!«

Sie freuten sich alle. Als Josefine zum Mittagessen nach Hause kam, hatte der Invalide das ganze Schaufenster beflaggt und zugleich einen merkwürdigen Geschäftssinn dabei entwickelt. Zu Fähnchen hatten die bunten Kriegstaschentücher gedient: Weißenburg, Wörth, Spicheren, Mars la Tour, Gravelotte – sogar König Wilhelm und der Kronprinz, Moltke und Roon, selbst der von Bismarck hatte dran glauben müssen. Nicht allein die Straßenjugend stand vor so viel Pracht, auch Leichtverwundete, die draußen schon umherspazieren durften, kamen herein und kauften.

»No, wenn alle wat thun, können wir doch nit ganz müßig sitzen,« brummte Ferdinand, als die Schwester ihn belobte. Und dann fing er wieder an, auf sein Bein zu fluchen: wenn das nicht schon weggeschossen wäre, wäre er ja überhaupt mit ausmarschiert. Aber er begann nicht mehr seine alte Geschichte: ›Wir hatten die fränkische Saale überschritten –‹, die bekam man seit einiger Zeit nicht mehr zu hören; er war klein geworden im großen Krieg, und der Geruch des Lazaretts, der Hauch der vielen Leiden, den die Schwester aus der Kaserne mit herüberbrachte, ließen sein eignes, mißvergnügtes Gejammer ganz verstummen. Er war begierig darauf, zuweilen mit ihr herüberzugehen und ihr bei kleinen Diensten für die Kranken hilfreiche Hand zu leisten.

Auch der Junge durfte ab und zu mit der Mutter kommen. Er lernte jetzt Französisch und war ein guter Schüler; so konnte er als Dolmetscher dienen, wo ihre paar Brocken nicht ausreichten. Mancher Franzose streichelte ihm über den Kopf: »Ah, merci, mon petit, Dieu vous bénisse!« Fritz hatte viel Freunde unter den Feinden.

Aber waren denn diese armen Kranken wirklich Feinde? Was konnten sie für den Krieg? Die – gar nichts! Waren sie nicht weggerissen aus ihrer Familie, vom Pflug, vom Webstuhl, vom Maschinenrad, von all dem, was sonst ihr Leben ausgemacht, nur gehorchend dem Befehl? Es wollte Josefine nicht aus dem Sinn, was ihr der ›helle Berliner‹, wie die andern den Schmidt neckend nannten, gesagt hatte: ›Mit der Begeisterung ist das Mumpitz und mit dem Haß auf den Feind auch.‹ Und liebten die Franzosen ihr Vaterland nicht auch? Es sollte sehr schön in Frankreich sein. Mußte es ihnen nicht weh thun, wenn die Kanonen Sieg donnerten und die Glocken Freude läuteten und alles Volk jubelte?!

Unten auf dem Kasernenhof, unter den Ahornbäumen spielte heut nachmittag die Musik. Da stand, was Beine hatte, und schrie Hurra. Selbst die Nonnen waren an die Fenster geeilt. Das erste Eiserne Kreuz war nach Düsseldorf gekommen, hierher in die Kaserne!

Und der Glückliche, dem es verliehen wurde für besondere Bravour, war Unteroffizier Schmidt. Ja, das war einer! Der hatte gesagt, als sie die vom Feind besetzte Waldhöhe stürmten und der Zugführer zusammenbrach: ›Nu, Kinder, druf wie Blücher! Aber erst wer’ ik mir noch eene in’s Jesicht pflanzen!‹ Und er hatte seine Stummelpfeife angesteckt, und dann war’s losgegangen wie ein Donnerwetter, daß der Feind wich.

Der Oberstleutnant hatte es sich hübsch ausgedacht, diesen allgemeinen Freudentag dem Tapferen zu einem besonders festlichen zu gestalten.

Im Kreise standen das Wachtkommando und die Blessierten – Franzosen waren auch darunter – und in der Mitte stand Schmidt.

Josefine lugte hinunter – wie schneidig der Schmidt bereits wieder war, trotz des verbundenen Kopfes in voller Uniform! Und der Oberstleutnant umarmte ihn und heftete ihm selber das Eiserne Kreuz auf die Brust. Eine Nonne trat in den Kreis und kredenzte dem Helden Wein. Der Oberstleutnant stieß mit ihm an, hob dann sein Glas und hielt eine Ansprache. Die Rede schloß:

»Ein Hoch dem Braven, der hier unter uns steht! Ein Hoch unsrer Armee, die Frankreich in den Staub gezwungen! Ein Hoch Seiner Majestät, unserm Heldenkönig!«

Man verstand jedes Wort oben in den Krankensälen, deren Fenster geöffnet waren. Das war ein jubelndes Rufen und Schreien, ein Hoch und Hurra, und die Musik stimmte an: ›Heil dir im Siegerkranz!‹

Josefine schloß das Fenster. Es lagen hier so viel Schwerkranke, fast lauter Franzosen. Aber auch durch die geschlossenen Scheiben drang deutlich die markige Musik. Dort im Bett, nahe dem Fenster, hatte sich der junge Juwelier aus Paris ganz nach der Wand gekehrt und das Kissen mit beiden Händen gegen die Ohren gedrückt. Was hatte er nur? Erschrocken sah Josefine nach ihm hin, sein Körper zuckte unter der Decke wie im Krampf. Jetzt schlug ein unterdrückter Laut an ihr Ohr – er schluchzte: »Oh ma patrie, ma pauvre patrie!«

Da schlich sie hinaus, sie mochte ihn nicht ansprechen, sich gar nicht bemerklich machen – oh ma patrie! – nicht seine schmerzliche Scham belauschen.

Draußen auf der Treppe begegnete ihr Schwester Daria, die atemlos vom andern Block herüberkam:

»Frau Conradi, ach, da sind Sie ja! Mit dem Hucklenbruch geht es wieder so schlimm.«

»Wieder ein Blutsturz?« fragte Josefine erschrocken.

Die Nonne nickte: »Es ist als nach Ihrem Herrn Pastor geschickt. Derweilen betet unsre Mutter Clara mit ihm.«

Auf den Fußspitzen schlich Josefine zu Hucklenbruch herein. Man hatte den Armen schon seit ein paar Tagen ganz allein gebettet, in dem Raum, der einst der Feldwebelwohnung als Küche zugehört. Jedes Geräusch hatte dem Leidenden Pein gemacht. Aber jetzt standen die Fenster nach dem Hof weit offen, die schöne Nachmittagssonne flutete voll herein und die Musik und das Singen – der Sterbende wurde all dessen nicht mehr gewahr.

»Höher – höher!« hauchte er nur noch mit verlöschender Kraft.

Kissen auf Kissen stopften sie ihm hinter den Rücken; noch immer nicht hoch genug, noch immer keine Luft.

»Höher – höher!«

Da setzte sich Josefine auf den Bettrand und nahm den nach Atem Ringenden stützend in ihren Arm.

Hucklenbruch war ein guter, evangelischer Christ. Ob er seine letzte Stunde nahen fühlte, wer weiß? Aber er hatte plötzlich Verlangen geäußert nach dem Abendmahl. Es waren ja noch nicht allzuviele Jahre, seit er’s mit seinen Eltern zum erstenmal genommen, zu Bielefeld in der Kirche, im langen Konfirmandenrock, das Myrtensträußchen im Knopfloch.

Nun kam der Geistliche.

»Nehmet hin und esset – das ist mein Leib – der für euch gegeben wird –«

Feierlich klangen die Einsetzungsworte, getragen von der heraufschallenden, festlichen Musik. Aber der danach Begehrende konnte den Leib des Herrn nicht mehr empfangen, das Schlucken versagte.

»Nehmet hin – und trinket alle daraus –«

Wohl neigte der Geistliche sich über das Bett und hielt dem Sterbenden den Kelch an die Lippen, aber der Wein verschüttete; der bleiche Mund streifte nur des Kelches Rand. Hucklenbruch merkte das nicht; ein verklärter Ausdruck lag auf seinem blutleeren Gesicht, mit dem jetzt verblaßten Sommersprossensattel über der scharf gewordenen Nase. Seine Augen waren ganz nach oben gekehrt.

Vor seinen Ohren spielte leise die Orgel der Bielefelder Kirche: ›Christe, du Lamm Gottes, der du trägst die Sünd’ der Welt.‹ Da war eine große, andächtige Gemeinde – immer neue wallten zum Altar, immer neue – aber er hatte schon genossen, er war nun wohl vorbereitet. Und Vater und Mutter führten ihn fort – heim.

Unten auf dem Hof setzte die Musik einen Augenblick aus. Der Geistliche breitete die Hände zum Segen und sprach das Amen. Neben der würdigen Oberin lag die junge Daria auf den Knieen. Auch die Nonnenhände hoben sich empor: »Amen, Amen!«

Strahlender und strahlender vergoldete der warme Sonnenschein Stube und Bett und den Sterbenden.

Rauschend hub die Musik von neuem an, höchster Jubel stieg zu höchsten Höhen:

›Heil dir im Siegerkranz, Heil König dir!‹

*

Bis in die sinkende Nacht Jubel. Musik, Transparente, Illumination, bengalische Flammen. An den Rheinufern loderten Feuertonnen, und Menschen, Menschen, froh erregte Menschenscharen wallten. Das knatterte und knallte, blies und fiedelte, jauchzte und frohlockte. Fünfzehnhundert Träger schwangen ihre Fackeln; greller Schein überglänzte alles, flüssiges Feuer tropfte auf’s Pflaster, wie bespritzt mit Blut standen die weißen Mauern der Häuser. Hin zum Jägerhof wallte der endlose Zug, und Fürst und Fürstin von Hohenzollern traten auf den Balkon. Das Volk grüßte hinauf, und sie grüßten hinab. Der Fürst brachte dem König und der Armee ein donnerndes Hoch, ein dreifach donnerndes Hurra antwortete.

Im Hofgarten reckten die Bäume ihre schon herbstlichen Blätter in’s Fackellicht, und der stille Weiher spiegelte den Glanz wider. Ein letzter, sommerlicher Hauch strich säuselnd durch’s hohe Gras. Der Herbst war vor der Thür, der Winter würde kommen, Schnee und Eis bringen, aber was machte das?! Träume standen auf, frühlingsfrische, hoffnungsgrüne Träume. In den Wipfeln rauschte es von: ›Friede, Friede!‹

XXVII

Es waren rauhe Herbsttage, die nun folgten. Selten hatte der Wind so geblasen und den schäumenden Gischt des Rheins so hoch an die Ufermauer hinaufgespritzt. Selten hatte die große Prozession, die sich, wie alljährlich um diese Zeit, auf die Wallfahrt zur Mutter Gottes nach Kevelaar begab, so ungünstiges Wetter gehabt. Aber nicht Regen, nicht Sturm hielt die frommen Pilger ab; nie war der endlose Zug endloser gewesen, der Düsseldorf betend passierte und dem sich hier noch endlose Beter anschlossen. Es waren der bekümmerten Seelen heuer mehr denn je, die in der Kapelle, darin schon so viele geopferte Wachsgebilde an den Wänden hängen, vor’m wunderwirkenden Gnadenbild neue wächserne Füße und Hände niederlegten.

Schwarz hing das Kartoffelkraut auf dem Acker, modrig roch es auf den Feldern, die Störche sammelten sich auf den Hammer Wiesen, die Schwalben zogen fort, und frostig waren die Nächte.

Vorsichtige Leute bestellten Kohlen und suchten die warmen Sachen aus der Mottenkiste, bald war der Winter da – aber, ob auch der Friede?

Es gab eine bittere Enttäuschung. Hatten doch selbst die Soldaten aus dem Felde an die Ihren von baldiger Heimkehr geschrieben; aber Sedan hatte den Frieden nicht gebracht. Wohl saß Napoleon auf Wilhelmshöhe, wohl hatte Straßburg kapituliert und Orleans war erstürmt, doch noch immer mußten die deutschen Jungen vor Metz im Morast liegen, frieren und sich langweilen.

Ganze Waggons wollener Hemden, wollener Strümpfe, wollener Leibbinden gingen von der Stadt dorthin ab. Besorgt sah man die Rheinnebel steigen und sinken, schüttelte den Kopf über die unendlichen Regengüsse, lief verdrießlich mit Schnupfen und roter Nase umher – wie sollte es jetzt erst den Armen in den sumpfigen Metzer Gräben ergehen? Und wie vor Paris?! Man war des langen Krieges recht herzlich müde. Täglich bohrten sich tausende begieriger Augen in die Spalten der Zeitung: ›Kleine Ausfälle bei Metz, nichts Neues vor Paris‹ – das war die stete Losung. Wann denn, wann denn endlich?! Sollten die armen Jungen nicht einmal Weihnachten zu Hause feiern?

Ängstliche Seelen nahmen’s als schlechtes Zeichen, daß im Nordwesten der Stadt eines Abends ein Nordlicht auftauchte; man brauchte gar nicht auf die Sternwarte zu rennen, ein jeder sah’s mit bloßem Auge. Voll unheimlichen Scheines, groß und seltsam, mit rotem Kranz stand es über dem Strom. Warum kam das hierher, wie hatte sich das vom Polar an den Rhein verirrt? Das bedeutete Blut, noch viel Blut.

Es half nichts – Metz halsstarrig, vor Paris nichts Neues – man mußte sich auf den Winter gefaßt machen. Der Pelzmarkt war im Gang, seufzend kaufte manches Bäuerlein sich ein Paar Winterfäustlinge und dachte dabei an seinen frierenden Sohn – da kam die Nachricht: ›Metz hat kapituliert!‹

Wohl war die Freude groß, und die Stadt ließ sich nicht lumpen mit Festesglanz, aber es war nichts gegen den Jubel von Sedan. Jetzt verlangte das Herz zu sehr nach Frieden.

Der November brachte bitteren Frost, die Kartoffeln wurden teurer, und die Kohlenpreise stiegen rapide. Kinder von ausgerückten Landwehrmännern trippelten Mittags in die Häuser der Wohlhabenden und ließen sich die Suppentöpfchen füllen für sich und ihre Mütter und die hungernden Geschwister. Im Hofgarten lasen arme Buben Holz auf, Wohlthätigkeitsvereine verteilten Feuerung. Nun galt es nicht allein, Charpie zu zupfen, nun hieß es auch: Strümpfe stricken, Röcke nähen, Hemdchen zuschneiden, Mäntel zurechtmachen für die Familien der fernen Krieger. Und der Bedürftigen waren viele.

Auch Josefine gab – Gott sei Dank, sie konnte ja geben! – wenn auch alle Geschäfte klagten, ihr Lädchen ging. Sie hatte ihren Halt an der Kaserne, die gab ihr Kundschaft, die verließ sie nicht. Die alte Kaserne! Sie fühlte sich wieder ganz darin zu Hause.

Treppauf treppab, von Block zu Block, von Bett zu Bett.

Nun hatte sie viele neue Gesichter unter ihren Kranken, kaum einige der ersten Gäste waren noch da. Sechzig lagen draußen auf der neuzugekauften Parzelle des Kirchhofs, und der Winterschnee deckte sie zu.

Unteroffizier Schmidt mit seinem Eisernen Kreuz war längst wieder seiner Kompagnie nachgerückt. »Der wird schon wieder Schwung in die Gesellschaft bringen,« hatte der Oberstleutnant gesagt. »Ein Kerl wie der ist unbezahlbar. Immer fidel. Und namentlich zum Requirieren wie geschaffen. Treibt keiner ein Pfund Fleisch mehr auf, der kommt gewiß noch mit ’ner fetten Gans unter’m Arm!«

Auch die in der Kaserne Zurückgebliebenen vermißten Schmidt; er hatte sie alle aufgekratzt. Aber in Paris mußte er doch mit einziehen, das war sein Traum. Und dann wurde die ›Juste‹ geheiratet, hatte sie ihm doch eine selige Antwort gegeben und dem Bengel die Hand zum Gruß geführt: ›Lieba Vata!‹ –

Der Rhein trieb mit Eis, es war so kalt, so grimmig kalt, wie sich’s die ältesten Düsseldorfer nicht erinnern konnten, und doch kamen die jämmerlichen Franzosen durch ohne Mäntel, ohne Schuhe, zerrissene Lappen um die Füße gewickelt. Viele gar ohne Strümpfe, mit erfrorenen Zehen. Wenn’s hoch kam, hatte einer noch die Lumpen einer Pferdedecke. Das waren die Kriegsgefangenen, die Reste der großen Armee, die nach der Festung Wesel eskortiert wurden, nach Minden, oder nach den Baracken auf der Wahner Heide. Durch die Eifel waren sie marschiert, über die öden, endlosen Hochlandsstrecken, auf die der Schnee fiel wie ein Leichentuch. Sie hatten den Winterstürmen nichts mehr entgegenzusetzen gehabt: keinen gesättigten Magen, keine warmumhüllten Glieder, vor allem kein hoffendes Herz mehr – die gloire verloren, alles verloren! Verstohlen blieb manch einer zurück. Der Zug war endlos – wer merkte das Fehlen eines einzelnen? Mutlos streckte er den ausgemergelten Körper in den Schnee und starb.

Josefine war zugegen, als solch ein Zug in Düsseldorf ankam. Ein eisiger Winterregen, der wie mit spitzigen Eisstückchen peitschte, ging nieder. In den halbzerflossenen Schnee des Exerzierplatzes hatten sich die Unglücklichen hingeworfen. Sie waren zu Tode erschöpft. Sterbenden glichen sie alle, und Sterbende waren auch unter ihnen. Dort trug man einen in’s Stroh des nächsten Stalles; bis auf den Platz war er noch gewankt, nun hatte er geendet. Und hier schrie einer in höchsten Nöten: »Mon dieu, mon dieu! Ah, comme je suis malheureux!«

Allen klapperten die Zähne, alle waren blau vor Frost, allen bluteten die Füße. Halbnackt streckten sich ihre mageren Glieder aus den abgerissenen Uniformen; alle ohne Haltung, alle ohne Disciplin. Sie hörten auf kein Kommando mehr; den Nonnen rissen sie die Blechnäpfe mit heißer Suppe aus den Händen, packten die Gefäße und stülpten sie sich in der Gier des Trinkens fast über den Kopf.

Josefine konnte nicht mehr an sich halten; im ersten Impuls unendlichen Mitgefühls kniete sie nieder und stützte die Elendesten. Blut, Wunden, Kanonendonner, Todesröcheln – es war nichts gegen dies! Die Thränen gossen ihr herab, sie hatte keine Hand frei, und so tropften sie in die Suppe, die sie den Verschmachteten reichte.

Allen wurden die Füße verbunden – eine kurze Rast – und dann hieß es weiter. Aber die Unglücklichen wollten nicht weiter, sie blieben im Schnee liegen; hier wollten sie sterben.

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