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Die Hexenrichter von Würzburg

8. Kapitel: Spürhunde

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»Und ich sag' Euch, es ist so!«

»Meister Gothart, Euer Wort in allen Ehren und alle Achtung vor Eueren grauen Haaren, aber was Ihr sagt, ist gar nicht möglich; eher sollen Mond und Sterne vom Himmel fallen und meine Kühe auf dem Maine grasen, als daß ich sage, ich glaube Euch!«

»Ihr seid ein Ehrenmann,« sprach Meister Gothart und nahm den Arm seines Freundes, des Goldschmiedes Winterholder, »jawohl, ein ganzer Ehrenmann seid Ihr; des ist Zeuge Euer Schmerz, der zu meiner Kunde so ungläubig das Haupt schüttelt. Ist aber doch so, wie ich gesagt habe. Wißt Ihr was? Wir gehen nach der Marienkapelle hin, da müssen sie uns begegnen.«

»Ich habe die Kraft nicht,« entgegnete Winterholder mit halblauter Stimme, rang die Hände und ließ das Haupt sinken. »Ich kann nicht! Freund, mir ist's, als gelte das Elend meinem eigenen Kinde! Herrgott im Himmel,« fuhr er plötzlich auf, und seine Augen flammten, »sind wir denn wie Hunde geworden, mit denen die Herren am Gerichte machen können, was sie wollen? Da soll doch —«

»Ruhig, Freund,« fiel Meister Gothart, der Bildschnitzer, seinem Freunde ins Wort. »Zürnet unserm Herrgott nicht, 's ist Frevel! Er hat das Ende aller Dinge in seiner Hand, und jedem Leide gibt er das Amen. Die Zeit ist blutig, und besser wäre es schier, im Grabe zu liegen, als dem Elend ins Auge zu schauen. Und doch — ich sage immer wieder, — unser Herrgott macht das Ende.«

»Meister Gothart, Meister Gothart!« rief ein junger Bursche, der die Domstraße heruntergelaufen kam.

Der Alte wandte voll banger Ahnung sein Haupt dem Lehrjungen zu, aus dessen blassen Zügen schlimme Märe sprach.

»Was soll's, Friedrich?«

»Sind gerade vom Schneidturme weg Knechte gezogen,« erzählte, nach Luft ringend, der Knabe; »sie wollen des alten Ratsherrn Göbel Edeltraut nach dem Gefängnisse führen.«

»Du schwatzest wohl im Fieber!« zürnte Gothart.

»Meister,« rief verletzt der Junge, »ich sage Euch reine Wahrheit!«

Gothart stand einen Augenblick regungslos wie ein Bild aus Stein.

»Und warum haben sie die Jungfrau gefangen genommen?« fragte er mit tonloser Stimme.

»Ei, weil sie eine Hexe ist,« gab Friedrich rasch zurück.

Der Alte zuckte zusammen. »Da,« rief er und gab dem Lehrburschen eine klatschende Ohrfeige, »da, bring' das den gelehrten Richtern und sage ihnen, sie seien entweder Esel oder Teufel!«

Der Knabe sah mit einer Mischung von Zorn, Scham und Mitgefühl zu seinem Meister auf. »Warum schlagt Ihr mich?« sprach er, »hab' ich's verdient?«

»Geh', Friedrich, geh'!« entgegnete der Alte und reichte dem Jungen die Hand. »Geh' heim! Ich weiß nicht, was ich tue, noch was ich rede. Mir schwindelt Kopf und Herz. Freund Winterholder, Euren Arm! Wenn ich nur weinen könnte! — Aber auch die Träne hat der Zorn mir aufgefressen! — Göbels Edeltraut als Hexe! — Freund, sagt mir, brennt Euch nicht der Boden unter Eueren Füßen, und ist's Euch nicht, als glühte die Luft? Ich meine just, ich stünde auf der Hölle!«

»Wollt Ihr denn nicht nach Hause gehen?« fragte teilnehmend Winterholder. »Euch schüttelt Schmerz und Zorn, als läget Ihr im Fieber.«

»Heim?« rief Gothart mit glühenden Augen; »ich nun heimgehen, indes der Satan unsere Stadt verwüstet? Geht, geht und schämt Euch dieses Wortes!«

»Aber um des Himmels willen, was wollt Ihr hier auf offener Straße — halb von Sinnen, schmerzgebeugt?«

»Was ich will? Ich will mein goldenes Patenkind beschützen, daß nicht Henkershände es berühren. Seht hier diesen Dolch, der, denke ich, kann spitzig reden.«

Aus der engen, winkeligen Judengasse, welche vom Marienplatze her in die Domstraße mündet, wälzte sich ein dichter Menschenstrom. Lautlos zogen dichtgedrängt dahin die Männer und Frauen, die jungen Burschen und Dirnen, Trauer, Mitleid und Entsetzen in den Mienen. Die alten Mütterlein, die mit der Menge gingen, und manche frische Maid hielten sich schluchzend das Tränentüchlein vor das Angesicht, in manchen Mannes Antlitz zuckte Schmerz und Zorn und Wut.

Nun vier Knechte.

Und zwischen ihnen Vater Gering, an seinem Arme Elsa und mit der Linken sein junges Ebenbild, die kleine Irma, führend.

»Du zitterst, Vater!« sprach das blinde Mädchen.

Der Alte antwortete nicht.

»Vater, warum gibst du deiner Elsa keine Antwort?« fragte die Maid und schmiegte sich inniger an den Greis.

»Ich kann nicht!«

»Du weinst, Vater?«

»Weil ich nicht sterben kann!«

»Sterben?« wiederholte Elsa. »Dieser Trost wird uns zuteil werden.«

»Sind wir noch nicht am Dome?« sprach das blinde Mädchen nach einiger Zeit.

»Ja, mein Kind!«

»Ich möchte beten.«

»Darf nicht sein!« herrschte der den Zug begleitende Vogt.

»Und warum nicht?« gab Elsa ruhig zurück. »Glaubt ihr Herren eure Macht so groß, daß ihr selbst das Gebet verbieten dürft? Ist's nicht genug, daß ihr Gewalt habt über Leib und Leben, wollt ihr auch unsere Seelen knechten? Vater, rede du, daß sie mir meinen Wunsch gewähren.«

»Henker sind stets ohne Herz und Mitgefühl,« versetzte bitteren Tones der Greis.

»Vorwärts!« rief befehlend der Vogt.

Das Volk blieb vor den Stufen des Domes, die Gefangenen umringend, stehen.

»Laßt sie beten!« riefen fordernde Männerstimmen, »laßt sie beten, Henker!« grollte drohend die Menge.

Tiefe Stille rings.

Das Volk liegt auf den Knien.

Elsa, Irma und der Greis steigen die Stufen hinan. Unter dem offenen Portale sinken auch sie in die Knie. Tief zur Erde beugt das blinde Kind das lockenreiche Haupt und spricht zu seinem Schöpfer des Herzens stille Sprache. Nun erhebt Elsa ihr Antlitz, breitet weit die Arme betend aus und ruft:

»Herr Jesu Christ, du süßer Gottessohn, du heilige Liebe meines ganzen Herzens! Sieh gnädig nieder auf meinen Schmerz, der zu dir um Hilfe aufschreit. Du, Gott der Liebe, des Erbarmens, sende einen Gnadenstrahl in mein Herz, das Leid und Todesangst umnachtet! Schau nieder auf die Erde! Die blinde Elsa, die dich reinen Herzens liebt, bringt sich zum Opfer für ihren armen Vater. Nimm mich an und rette ihn, den Besten! Ein wilder Wahn hat die Welt erfaßt; sie kennt dich nicht mehr, sie versteht nicht mehr dein Wort und deine Liebe. Statt unter dem Schatten deines Kreuzes allem Leide Heil zu holen, zwingt Aberglaube, Haß und Gottentfremdung den Satan auf die Erde und in die Herzen. Wie unter dem giftigen Hauche der Pest ungezählte Leben enden, nun altersmüde, nun zur vollen Knospe erst erblüht, und wie des Todes Sichel mäht, nicht achtend Kraft und Jugend: so faßt des Wahnes Wirbeltanz seine Opfer, gleichviel ob schuldig oder nicht, ob fromm, ob schlecht — der wilde Wahn hat weder Herz noch Verstand, er mordet, er mordet Schuld wie Unschuld.«

»Du weißt es, Herr, wie fremd mein Herz dem argen Frevel ist, dessen sie mich zeihen. Mein Weg führt auf die Richtstätte; denn Recht und Wahrheit sind der Erde jetzt fremd geworden. Noch bin ich nicht gehört, und doch bin ich verdammt. Ich weiß es. Aber ich klage nicht für mich. Ich steige aus dem Grabe, in welchem ich jetzt lichtlos atme, zu einem anderen Grabe nieder, aus dem die Seele lichtvoll zu dir sich aufschwingt. Darum zage ich nicht. Mir ist der Tod ein neues Leben. Aber, o Herr der Liebe, meinen Vater schirme, sein altes, ehrengraues Haupt, sein Herz voll treuer Liebe!«

»Und dieses Kind — ein Engel noch an Unschuld, rein wie die Lilien des Feldes und edel wie die Rosen — o schütze beide, Herr! Ich aber, großer Gott, ich will zum Opfer werden — zur Sühne für den Frevel, den die Welt mit deinem Namen treibt. Und nun segne mich, Herr, mit deiner Liebe, mit deiner Allmacht, mit deines Herzens Allerbarmen!«

»Wohlan,« sprach sie, sich erhebend und zum Volk sich wendend, »laßt uns gehen! Mein Blut, mein junges Leben gebe ich zum Opfer, zur Sühne — möge Gott es gnädig nehmen!«

Elsa stand hochaufgerichtet über der knienden Menge, ihr sonst so seelenloses Auge schien von einem himmlischen Strahle durchleuchtet, über ihrem Angesichte lagen Friede und Ergebung.

Lautes Schluchzen drang zu ihren Ohren. Ein schmerzlicher Zug lagerte sich über Elsas Antlitz.

»Ihr weint! — Ich kann euch mit des Leibes Auge nicht schauen und euere Tränen nicht sehen. Aber euere Klagen, euer Schmerz spricht laut zu mir. Ich will, wenn ich vollendet habe, eueren Jammer drüben vor dem Throne Gottes niederlegen und beten, beten ohne Ende, daß die Schmach, die auf uns und unserer Stadt lastet, daß der Frevel, der mit Gottes heiligem Willen hier getrieben wird, zur Rüste gehe und Friede, Freude wiederkehre.«

»Amen — Amen!« rief das Volk mit lauter Stimme. Und weiter ging der Zug durch Gassen, über Plätze, bis dort am Schneidturme des Kerkers gähnende Nacht ihre Opfer verschlang.

Fast zu gleicher Zeit, als Elsa mit ihrem Vater und der Schwester die Schwelle des Gefängnisses betrat, banden die Schergen die schönen Hände der Edeltraut Göbel, um die Jungfrau als Hexe gefänglich einzuziehen.

War Elsa Gering bei ihrer Gefangennahme das herrliche Bild edler Ruhe, unbedingter Hingebung in Gottes herbe Zulassung, so war Edeltraut, so sanft und milde sonst ihr Wesen war, bei der Ankündigung ihrer Schuld voll kraftvoller Entrüstung. Das Bewußtsein ihrer Unschuld erhob sich gegenüber der schmählichen Anklage und dem rohen Wesen der Schergen zu jenem Zorne, der nicht der Leidenschaft angehört, sondern dem strengen Rechtsgefühle, das jede Ungerechtigkeit verdammt. Stolz, ungebrochen, wenn auch das schöne Antlitz Totenblässe deckte, schritt sie, umgeben von den Schergen, nach dem Gefängnisse.

Das Volk murrte laut und immer lauter. So sehr es sich bei seiner geistigen Verworrenheit um so sicherer fühlte, je mehr die Herren am Gerichte gegen Zauberer und Hexen wüteten, so konnte es doch nicht glauben, Elsa und Edeltraut seien gleich der alten Ammfrau und dem fahrenden Gesindel in jenes gräßliche Laster verstrickt. Die beiden Mädchen waren der Stolz der Stadt, Elsa durch ihre unbegrenzte Liebenswürdigkeit, Edeltraut durch ihre hervorragende Schönheit und Tugend, die sie damit verband. —

— Der heutige Tag mit seinen Ereignissen hatte den Bürgern tief ins Auge und Herz gegriffen, und ein finsterer, banger, ahnungsvoller Geist durchzog die Stadt. Die Schenken standen leer, auf den Gassen schlichen die Menschen mit hängenden Köpfen dahin, hie und da stieß man auf flüsternde Gruppen mit zornglühenden Augen und schneidiger Rede. Jeden drängte es fort in sein Heim; denn wer war nun noch sicher, daß nicht im nächsten Augenblicke auch bei ihm die Henker eintreten und Weib und Kind als Hexen fesseln würden?

Angstvoll scharten sich die Kinder in der Familienstube um die weinende Mutter, finster und wortlos stand der Vater in seiner Werkstätte und schaute in eine Zukunft voll banger Sorge. Mancher Geselle vom Rhein und der Donau schnürte sein Bündel und kehrte der armen, schönen Frankenstadt den Rücken und trug die traurige Märe von Würzburgs Hexen hinaus in die weite Welt.

— — Und noch mehr Opfer!

Nikodemus Hirsch, Chorherr im neuen Münster, saß mit seinem Freunde Christophorus Barger, Vikarius an selber Kirche, in trautem Zwiegespräche.

Es war der Abend leise verdämmernd zur mondenklaren Nacht geworden. Im Rebgeranke, das sich um die Fenster schlang, schlug vollen Tones die Nachtigall ihr Lied, und draußen zirpten in den Gärten und den Wiesen muntere Grillen.

Die beiden Priester sahen schweigend aus dem offenen Fenster, durch das der blühenden Rebe balsamischer Odem in das Gemach strömte, nach den dichtbelaubten Hügeln, über denen leichte Nebelwolken tanzend hingen, einem Schleier gleich, den die schlummernde Erde über ihre Stirne zieht.

— »Nun ist's erst wieder schön auf Erden, nun ruht das wogende, drängende Leben und des Menschen Seele fühlt aus dem Atem der Natur des Schöpfers Nähe.«

»Sehr wahr, mein lieber Nikodemus. Der Mensch versteht seinen Gott am besten in der Einsamkeit. Und eben darum, weil der Mensch sich immer mehr dem Lärm der Welt vertraut, verliert er auch den Geschmack am Göttlichen und dessen Verständnis.«

»Und doch, zum Teufel laufen die Menschen, zu Gott aber hinken sie. Es will sich keiner mehr selbst verlieren, darum findet auch keiner mehr seinen Gott.«

»Und was man Gott entzieht, fällt dem Teufel zu.«

»Ein traurig wahres Wort, besonders in unserer Zeit, die sich so sehr dem Aberglauben in seiner schlimmsten Gestalt überläßt. Es ist dem Menschen ein natürlicher Gedanke, an Hexen und an Wesen, die mit den Geistern der Finsternis verbündet sind, zu glauben. Das Bewußtsein, daß der Mensch durch die Sünde unter die Herrschaft der bösen Geister gekommen sei, ist zur gräßlichsten Entartung verzerrt worden. Und was nun der von Gott losgerissene Mensch von seinem Schöpfer nicht mehr erhoffen zu dürfen glaubt, das meint er durch ein Bündnis mit dem Bösen erreichen zu können. Das Eingreifen der Geisterwelt in die Geschichte der Menschheit ist unleugbar; aber der Glaube ist zum Aberglauben und schlimmsten Wahn, zu trauriger Täuschung und teuflischer Vorspiegelung ausgeartet. Auf der einen Seite tiefe Unwissenheit, auf der andern ein in Glaube und Sitte verwildertes Volk; Fürsten, die den Glauben ihrer Untertanen heute so und morgen wieder anders festsetzen, als gälte es einen Steuerzettel zu bestimmen; dazu der Krieg mit seinen Lastern und Greueln; die Entfesselung aller Leidenschaften und nirgend eine dämmende, hemmende Macht; Menschenblut und Menschenleben ohne Wert; Bosheit, Neid und Mißgunst, giftige Zungen, die an jeder Ehre lecken: — wahrhaftig, solche Faktoren lassen allein die gräßliche Hexenkrankheit, an der die Menschheit leidet, erklärlich machen.«

»Und das Salz der Erde?«

Feste Männertritte, welche von der Stiege her ertönten, unterbrachen das Gespräch der beiden Freunde. Ihre Verwunderung war keine geringe, als sie den Vogt, der heute bereits eine so große Tätigkeit entwickelt hatte, bei sich eintreten sahen. Sein Wesen war etwas befangen, wenigstens fand er nicht den ihm sonst eigenen harten Ton, den er so meisterhaft verstand, wenn er im Namen »einer hohen Obrigkeit« seines Amtes waltete.

Er rieb sich die Hände und machte einige Verbeugungen, die wohl mehr seine Verlegenheit verbergen, als seine Hochachtung ausdrücken sollten.

»Ich komme in später Stunde,« stammelte er, nach Fassung ringend und nicht wagend, den beiden Priestern ins Auge zu schauen. »Nehmt es nicht ungütig, es ist die Pflicht, die mich hieher führt.«

»Dann sollt Ihr uns doppelt bereit finden, Eurem Willen zu gehorchen,« sprach der Chorherr. »Was verlangt Ihr von uns?«

»Daß die beiden Herren unverzüglich mit mir gehen.«

»Und wohin?«

»Ins Gefängnis.«

»Ins Gefängnis?« wiederholte Nikodemus Hirsch nicht ohne Überraschung. »Herr Vogt, mir scheint, Ihr irret Euch!«

»Nicht doch! Ich habe strenge Weisung, den Chorherrn Nikodemus Hirsch und den Vikarius Christoph Barger zu verhaften. Vier andere Priester sind bereits vor einer Stunde eingezogen worden.«

»Und nun bei finsterer Nacht? Scheut Ihr des Tages Licht für Euer Tun?« rief Barger unmutig.

»Nein! 's ist Rücksicht nur für eueren Stand, ihr Herren, daß ich zur Nachtzeit zu euch komme. Es gäbe zu viel Lärm und nutzloses Gerede unterm Volke, so man euch am hellen Tage nach dem Schneidturm führte.«

»Nach dem Schneidturme?« stieß der Chorherr voll Unwillen aus. »Dort verwahrt man ja die Hexen!«

»Und die Zauberer,« setzte der Vogt trockenen Tones bei.

»Man wird uns doch nicht —«

»Man weiß,« unterbrach der Vogt, der immer mehr seine Sicherheit wiederfand, »man weiß, daß ihr dem Teufel dient. Ja, ja, ihr Herren, das hohe Gericht kennt euere Schuld. Es ist freilich mehr als himmelschreiend, wenn selbst die Priester, statt das Volk zu lehren und zu retten, sich dem Dienst des Satans weihen und selbst unschuldige Kinder ins Verderben ziehen.«

»Spart Euere Worte!« entgegnete der Chorherr mit Würde. »Aus Euerer Rede läßt das Unheil sich erraten, das über unsern Häuptern hängt. In Gottes Namen, lieber Freund,« fuhr er zu Barger gewendet fort, »gehen wir den Weg des Leidens und der Schmach. Du siehst, selbst bis ins Heiligtum dringt schlimmer Wahn, und auch den Priester schützt sein Stand nicht gegen böse Zungen. Die Unschuld geht mit uns in das Gefängnis und vor die Richter, sie wird uns dort zum Retter werden aus Schmach und Schande, und Gott, der einen Daniel der Susanna sandte, wird auch uns seine Hilfe nicht entziehen. — Herr Vogt, wir sind bereit!«

— — Ein trüber Morgen brütet über der Stadt. Der Regen fällt in schweren Tropfen aus dem grauen Gewölke und ein scharfer Nordwestwind fegt durch die Gassen. Es ist so frostig draußen, daß die Blumen die Kelche hängen lassen und ihre bunte Kleiderpracht durchnäßt am Stiele klebt. Was Wunder auch, wenn leise der Himmel weint und rings die Blumen trauern, wenn sich die Sonne in der Wolken Trauerschleier verhüllt und nicht mit klarem Lichte die Stadt begrüßen kann, die eine Nacht voll Schrecken durchlebt hat!

Im hohen Rate hatte man der Ammfrau Bernin Aussage von den zwanzig Mädchen, welche dem Hexensabbate am Kreidenberge beigewohnt haben sollten, sehr ernst genommen. Man forschte nach Namen, und die Alte, stumpf geworden durch seelischen und körperlichen Schmerz und tief verbittert durch der Richter Unerbittlichkeit, nannte, was ihr an Namen eben in den Sinn kam. Möglich auch, daß Haß und Rache mit dabei im Spiele waren und sie, die ihren Tod gewiß vor Augen sah, ein möglichst zahlreiches Geleite nach der Richtstätte haben wollte.

Neben dem großen Eifer, der den Gerichtshof ohnedies schon in Verfolgung der Hexen und Zauberer bis zur äußersten Grenze beseelte, kam noch eine tiefe Mißstimmung der Herren, die in jenem Abende, wo Pater Spee in Gegenwart des Fürstbischofs so einschneidende Worte geredet hatte, ihren Grund fand. Man wollte durch massenhafte Anhäufung des Hexenmaterials die Rede des Jesuiten Lüge strafen, man wollte zeigen, daß das schreckliche Laster des Satansdienstes immer allgemeiner werde und der menschlichen Gesellschaft der Untergang drohe. Dadurch sollte auf den noch wankenden Fürsten ein Hochdruck ausgeübt, er mit dem peinlichen Verfahren der Hexenrichter versöhnt und endlich, was im ganzen Plane nicht das Geringste war, hiebei ein Schlag gegen die Jesuiten und ganz besonders gegen den Pater Spee geführt werden. — So viele Umstände nun der Verwirklichung dieser Absichten günstig waren, so war es doch geboten, mit äußerster Vorsicht zu Werke zu gehen; denn trotz all ihrer Macht waren sich die Herren nur zu wohl bewußt, daß Spee mit seiner apostolischen Unerschrockenheit und seinem scharfen Verstande ihnen um so gefährlicher werden mußte, je durchsichtiger ihre Pläne gehalten und je lockerer die Maschen gezogen waren.

Während nun die Räte und ihre Gesinnungsgenossen in Würzburg selbst ihre Tätigkeit aufs äußerste anspannten, schickten sie vertraute Leute aufs Land hinaus, um die Gemüter der Bauern gegen die Hexen aufzureizen. Die geängstigten Landleute, denen von jenen Sendlingen die schauerlichsten Bilder vorgemalt wurden, wenn sie nicht mit aller Macht gegen die Hexen ankämpften, wandten sich an den betreffenden Inquisitor und flehten um seinen Beistand. Er ließ ihnen dann gnädigst melden, er werde kommen und diese Pest vertilgen. Hierauf sandte er Steuereintreiber voraus, die von Haus zu Haus gingen, um eine reiche Sammlung vorzunehmen, als Handgeld, wie sie sagten. Nach Empfang dieser Summe erschien der Hexenrichter, regte aufs neue die ohnedies schon schwer geängstigten Gemüter durch Erzählung der Greueltaten und Verschwörungen auf, welche die Hingerichteten bekannt hätten, stellte sich dann, als wollte er wieder abreisen, bis die Frauen flehentlich baten, der gnädigste Herr Hexenrichter möge doch bleiben, bis alle Hexen bei ihnen vertilgt seien; sie wollten ja gerne nach besten Kräften zahlen; man möge ihnen nur um Gottes willen alle Zauberer und Hexen wegbrennen.[X]

In Würzburg selbst galt es, einen Hauptschlag zu führen. Gerings Elsa, sowie Göbels Edeltraut, als Hexen angeklagt, mußten nicht nur bei der öffentlichen Meinung — und wo und wann gälte diese arge Törin nicht? — sondern auch im Urteile des Fürsten schwer ins Gewicht fallen, noch schwerer die gegen einzelne Priester gerichtete Anklage des Bündnisses mit dem Satan: und nun erst noch die unschuldigen Kinder!

Der Oberschultheiß hatte einzelne Schulmeister zu sich entboten, um mit ihnen über etwaige auffallende Erscheinungen an den Kindern Rücksprache zu nehmen. Und was war damals nicht alles auffallend? Dann denke man sich einen Schulmeister damaliger Zeit vor einem gestrengen Oberschultheiß — die zitternde, ersterbende Demut vor der stolzen, kalten Macht!

Der Gestrenge hatte schon ziemliche Ausbeute aus den Unterredungen mit den Schulmeistern gewonnen. Dem einen schien es auffällig, daß gewisse Kinder beten, und wieder, daß andere fluchen; dem andern, daß selbst die Kinder schon von Hexen reden. Ein dritter erzählte, er habe einmal mit hellem Entsetzen gesehen, wie seine Schüler in der freien Zeit »Scheiterhaufen« spielten; da habe der, welcher den Angeklagten gemacht, ganz merkwürdige Dinge geredet und ein gar eigenes Wesen zur Schau getragen. Nun habe er aber gar in Erfahrung gebracht, daß das Unwetter, welches gestern über der Stadt sich entladen hatte, von einem Schulknaben gemacht worden sei. Derselbe habe nämlich auf dem Nachhausewege von der Schule einem Mitschüler gegenüber die höchst verdächtige Äußerung getan, es werde heute noch ein großes Gewitter über Würzburg gehen. Und sei zu jener Stunde noch gar kein Gewölke am Himmel zu sehen gewesen, während in der Nacht wirklich ein ganz unnatürliches Donnerwetter gehaust habe.

Diese und ähnliche Aussagen waren für den Hexeneifer des Oberschultheißen vollkommen ausreichend. Er ließ sich sowohl von der alten Bernin als auch von den einzelnen Schulmeistern jene Kinder bezeichnen, die im Verdachte des Bündnisses mit dem Teufel standen. Dann gab er Befehl, die bezeichneten Kinder zur Nachtzeit gefangen zu nehmen und nach dem Schneidturme zu bringen.

Es war gegen Mitternacht und alles lag in ruhigem Schlafe, als die Schergen in die einzelnen Häuser eindrangen und die Auslieferung der armen Kinder von den tödlich erschrockenen Eltern verlangten. Die Mütter lagen händeringend auf den Knien und schrien und weinten zum Himmel um Schutz für ihre Kleinen; die Väter fluchten und verwünschten Richter und Gericht und schwuren Rache, blutige Rache; die Kinder selbst aber klammerten sich mit der Kraft der Verzweiflung an ihre Eltern an, bis sie der rohen Gewalt weichen und gar manche aus ihnen von den heftigsten Krämpfen befallen nach dem Gefängnisse getragen werden mußten.

Dort hatte man bereits einen eigenen Raum für diese jungen Hexen und Zauberer bereitgehalten, und noch ehe der Morgen mit trübem Lichte durch die kleine, vergitterte Maueröffnung, die als Fenster diente, dämmerte, kauerten zwanzig Kinder in einem Alter von sechs bis elf Jahren weinend und wehklagend auf dem faulen Stroh, mit welchem der Boden des Gefängnisses bestreut war.

Die Stadt lag in tiefer Trauer. Die Männer standen finster grollend zusammen und stritten und schmähten. Die Mütter umringten die Altäre und bestürmten den Himmel mit glühenden Gebeten. Die Schulen wurden geschlossen und die Kinder einer strengen Aufsicht unterstellt.

Der Oberschultheiß aber stand in seiner Amtsstube und nahm mit hoher Befriedigung die Nachricht von der Gefangennahme der Priester und Kinder entgegen.

Notes in this chapter

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