13. Kapitel: »Priester im Bunde des Satans«
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Die Aufregung in der Stadt wuchs von Tag zu Tag. Die gefängliche Einziehung des Spittlmeisters am Dietericher Tor beschäftigte die Würzburger aufs lebhafteste. Jedermann war dem hochgelehrten, treuherzigen Herrn aufrichtig gewogen, jedermann dachte sich ihn ohne Fehl und Arg, und besonders die Kinder vermißten ihren lieben Freund sehr schmerzlich.
»Da haben sie just den Rechten eingefangen,« meinte ein Alter, der unter einer Gruppe von Männern und Frauen vor dem Hauptportale des Domes stand, wo sie eben die Frühmesse gehört hatten.
»So, und warum?« fragte ein anderer heftig entgegen. »Will euch was sagen. Wir haben ein wahres Schandregiment in der Stadt; Gauner, Spitzbuben, fahrendes Gesindel lauft lustig in unseren Gassen umher und treibt, was ihm gefällt; die besten Männer dagegen reißt man des Nachts aus ihren Betten und wirft sie in den Kerker! Ist das nicht eine Schmach? Und es wird nicht besser, bis nicht wir Bürger der Stadt fest zusammentreten und zum Fürstbischofe gehen und ihm sagen: Gnädigster Herr, wir Bürger möchten ein anderes Regiment.«
»Und doch sage ich,« wiederholte der erste, »sie haben am Spittlmeister den Rechten eingefangen. Seht, da glotzt ihr mich an und streckt die Hälse und versteht mich nicht. Ich sage euch, der Spittlmeister mit seinem scharfen Verstande und mit seiner gewaltigen Rede wird den Herren beim Malefizgerichte ein solches Licht aufstecken, daß ihnen die Augen aufgehen.«
»Glaub's nicht; denen geht nicht Herz noch Auge und Verstand auf. Die sind hartgesotten wie wahre Teufel, und solange der Fürstbischof nicht unter die ganze Rotte fährt und sie auseinanderfegt, geht kein Ende mit dem Einfangen und Hinrichten her. Herrgott, ist es jetzt doch schon schier, als sollte unsere Stadt zum Grabe werden! Nirgend mehr Lust und froher Sang, überall finstere, traurige Gesichter; und die Geschäfte erst; alle liegen sie danieder, der Henker ist der einzige, der jetzt guten Verdienst hat, Kreuzsternbombenelement — —«
»Ob du ruhig bist,« herrschte ihn seine Alte an und legte ihm die knochige Hand auf den Mund. »Ich will dir als ehrsamer Bürger fluchen!«
»Frau, halte dein Maul,« gab der zurück und stieß die Hand weg; »du verstehst das gar nicht. Gegen einen richtigen Zorn hilft oft gar nichts als ein tüchtig Scheltwort.«
»Das sagen alle Fuhrknechte und Soldaten,« zürnte die Alte vorwurfsvoll.
Der Aktuarius trat fast demütig grüßend zu den Plaudernden. Er trug ein gewaltiges Aktenbündel unter dem Arme und legte sein langes, hageres Gesicht in gar bedenkliche Miene.
»Besten guten Morgen!« sprach er, nach allen Seiten grüßend. »Schon andächtig gewesen? Schön, schön! Ernste Zeiten jetzt; es tut Gebet wirklich not. Jawohl! Ist nur das Traurigste, daß auch unsere Priester zu wanken beginnen. Und was soll aus dem armen Volke werden, wenn die Geistlichkeit aufhört, dessen Stütze und Richtschnur zu sein?«
»Was könnt Ihr über unsere Priester klagen?« murrte der Alte unzufrieden.
Der Aktuarius deutete mit seinen Spinnenfingern nach den Aktenstücken, die er unter seinem Arme hielt. »Heute wird man mit dem Chorherrn Nikodemus Hirsch und dem Vikarius Christophorus Barger ins Gericht gehen. Ich sage Euch, das sind ganz schreckliche Zauberer. Und stünden sie allein! Aber man hat bereits an vierzig Priester im Verdachte, daß sie's mit dem Teufel haben.«
Er ließ den Kopf gar wehmutsvoll auf die flache Brust herabsinken, seufzte tief auf und wischte sich über die halbgeschlossenen Augen.
»Das glaub' ich nicht,« schmähte eine Frau, »und wenn es auch klügere und größere Herren sagten, als Ihr seid. Habt Ihr nicht genug daran, daß Ihr die halbe Stadt bereits um Ehre und guten Namen gebracht habt, wollt Ihr nun auch unsere Priester schlecht machen?«
»Euer Unwille ehrt Euch, beste Frau,« sprach der Aktuarius und verdrehte die Augen. »Ihr habt vollständig recht, daß, wenn alles zu Trümmern geht, wenigstens unsere Priester als Wächter des Glaubens unerschütterlich feststehen sollten; wir haben ein heiliges Recht, dies von ihnen zu fordern; allein dies schließt weiter die Möglichkeit nicht aus, daß auch das Salz der Erde schal wird. Spricht man doch von einem Priester, der sich die Hochachtung aller, die ihn kennen, zu erwerben verstand, daß auch seine Rechtgläubigkeit angefangen hat, verdächtig zu werden.«
»So. Und wer wäre dieser Priester?« fragte gereizt ein Bürger.
»Ein Jesuit ist es,« antwortete der Aktuarius und rieb sich die Hände.
»Was nicht gar?« lachte der andere; »wollt Ihr uns nicht am Ende vormachen, der Pater wolle lutherisch werden?«
Der Aktuar sah mit stolzer Überlegenheit seinen Gegner an.
»Was würdet Ihr sagen,« begann er, seiner Stimme einen besonderen Nachdruck verleihend, »wenn ein katholischer Priester, ein Ordensmann, behaupten würde, es gäbe keinen Teufel?«
Er hielt einen Augenblick inne und blickte forschenden Auges auf seine Zuhörer.
»Bedenkt,« fuhr er sehr gelehrt fort, »bedenkt, daß, wer den Teufel leugnet, notwendig — wir Gelehrte sagen logisch — auch unseren Herrgott leugnen muß. Und ist einer einmal dahin gekommen, so bricht aller Glaube zusammen.«
»Ja, ja,« meinte ein alter Bürger, »soweit habt Ihr ganz recht. Es muß einer alles glauben; Stückwerk führt zum Unglauben. So etwas versteht auch ein einfacher Handwerkerverstand. Aber wer ist denn der Jesuit, von dem Ihr da redet?«
»Das ist der Pater Spee!« entgegnete der Aktuarius.
»Oho, Ihr beliebt mit uns zu scherzen, Herr! Wenn Ihr uns doch ein Märchen aufbinden wolltet, hättet Ihr wenigstens den Spee weglassen sollen; der paßt nun einmal gar nicht hinein.«
»Und doch ist es so, wie ich gesagt habe,« gab mit kaltem Stolze der Aktuar zurück. »Ihr sagt, was ihr wollt und wünschet, ich, was ich weiß.«
Dabei deutete er sehr wichtig tuend auf sein Bündel Akten.
»Es ist bereits so weit, daß sich das Gericht mit dem Pater Spee befassen muß, und es wird am besten sein, wenn man den Pater veranlaßt, Würzburg, je eher je lieber, zu verlassen. Er muß fort,« fuhr er leidenschaftlich werdend weiter, »er ist an all dem Elende schuld, das über unsere Stadt gekommen ist. Der Fürstbischof hat ihm nicht umsonst seine Gnade entzogen; — ein höchst gefährlicher Mann — betet, daß uns Gott von ihm erlöse!«
Leicht grüßend ging er seines Weges weiter und berechnete die Ernte, welche wohl aus dieser Aussaat aufgehen könnte. Und diese war nicht auf ganz unfruchtbaren Boden gefallen. Die Bürgersleute standen gar nachdenklich beieinander, und jeder wog die Zweifel ab, die seine Seele bewegten. Der Pater Spee war ihnen bisher eine höchst ehrwürdige Erscheinung gewesen, der sie mit allem Vertrauen entgegenkamen; eine einzige Rede genügte, um über den Mann einen trüben Schein zu breiten und Zweifel an seiner Ehrenhaftigkeit zu wecken.
»Hätte es mein Lebtag nicht gedacht,« sprach der eine kopfschüttelnd, »daß sogar ein Pater Spee im Glauben verdächtig sein könnte! Hm, was man nicht alles erleben kann.«
»'s ist doch ein wahrer Trost,« meinte ein zweiter, »daß unsere Herren am Gerichte noch auf Strenggläubigkeit halten; um dessentwillen kann man ihnen wieder gar viel verzeihen.«
»Ich glaube es noch nicht ganz fest,« keifte eine Alte, »daß der Spee nicht ganz rechtgläubig ist. Aber ich mag ihn doch nicht mehr recht leiden. Er täte wohl am besten, er ginge fort aus Würzburg. Mit dem Respekt ist es doch zu Ende. Du mein Gott, wenn wir Bürgersfrauen nicht zum rechten Glauben stünden, es wäre zuletzt um unseren Herrgott geschehen. Die richtigen Frommen sind doch immer wir Frauen der Stadt.«
Der Aktuar rieb sich sehr vergnügt die Hände, als er durch die kleinen Scheiblein des Malefizsaales auf die Straße heruntersah. Hatte er doch mit der Lösung seines Versprechens, gegen Spee zu arbeiten, wie er hoffen durfte, mit gutem Erfolge begonnen, und wußte er doch, daß das Volk seiner Zeit nicht weniger wankelmütig sei, als jenes war, das aus einer Kehle »Hosanna« und »Kreuzige« rief.
Der Henker trat in den Saal und ordnete an seinen Marterwerkzeugen herum. Er tat dies mit jener vollen Seelenruhe und Gleichgültigkeit, als wären es Äpfel, die er auf ihren Platz legte.
»Guten Morgen, Herr Aktuarius!« grüßte er. »Die Gestrengen gehen heute frühe ans Tagewerk. Wie ich gehört habe, kommen diesen Morgen die zwei Priester an die Reihe, die im Schneidturme gefangen sitzen.«
»Ganz richtig,« bestätigte mit Amtsmiene der Aktuar; »die zwei Priester und der Student.«
»Das junge Studentenblut könnte mir fast leidtun,« meinte der Henker, die Folterbank prüfend.
Der Aktuar zuckte mit den Achseln. »Mir tut kein Mensch leid, der in unsere Hände fällt.«
Der Henker lachte grinsend. »Hätte es mein Lebtag nicht gemeint, daß ich so vornehme Kundschaft bekäme. Da seht mal den prächtigen Daumenschrauben! Ob der nicht ein ganz kostbares Handwerkszeug ist! Und all die anderen schönen Sächlein! Es ist eine wahre Lust, die eisernen und spitzigen Dinger zu sehen.«
Vom Dome her schlug die Glocke die achte Morgenstunde. Der Henker zog sich zurück, der Aktuarius begab sich an seinen Tisch, und alsbald trat der Gestrenge, begleitet von seinen Räten, in den Saal. Sein Blick begegnete fragend dem des Aktuars, der mit leichtem, bejahendem Kopfnicken antwortete.
»Die Delinquenten!« befahl der Oberschultheiß.
Nikodemus Hirsch, der Chorherr im neuen Münster, und Christophorus Barger, Vikarius an derselben Kirche, wurden den Richtern vorgeführt.
»Ihr Herren seid angeklagt,« begann der Gestrenge, »mit dem Teufel im Bunde zu stehen. Die alte Ammfrau Bernin hat, peinlich gefragt, über euch ausgesagt, ihr hättet nicht wenige Kinder getauft: Im Namen Gottes des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes, ganz besonders im Namen des Teufels. Die armen Kinder seien dadurch der Macht und Gewalt des bösen Feindes anheimgefallen und somit das schändliche Übel der Zauberei und des Hexenunwesens gerade durch euch in besonderem Grade gefördert und gestärkt worden. Was sagt ihr nun zu solcher Anklage?«
»Daß sie falsch ist.«
»Ich habe diese Antwort erwartet,« entgegnete der Oberschultheiß mit Geringschätzung, »obwohl es Priestern besser anstünde, die Wahrheit zu sagen, als zu lügen. Freilich,« setzte er mit schneidendem Hohne bei, »wer mit dem Teufel in Geschäftsverbindung steht, pflegt sein Gewissen auf keine Goldwage zu legen.«
»Herr,« sprach der Chorherr mit einer vor Entrüstung bebenden Stimme, »was gibt Euch ein Recht, in solcher Weise mit Priestern zu sprechen? Ihr scheint zu verdammen, ehe Ihr gerichtet habt, Ihr sprechet mit voller Gewißheit von dem, was Ihr nicht wißt, noch wissen könnt. Fürwahr, die Flut der Schmach steigt hoch, wenn sie selbst das Priestertum in ihre schmutzigen Wellen hinabzieht, und mit der Schmach steigt auch das Elend, das erdrückend auf uns lastet. Mich decken graue Haare, und lange Zeit ist's her, daß mir der Bischof weihend seine Hände auf den Scheitel legte. Was er mir dort als heilige Pflicht auf meine Seele band, und was ich Gott mit vollem Herzen geschworen, habe ich durch vierzig volle Jahre treu gehalten. Ich bin nicht frei von Sünde, auch meine Seele glitt zuweilen einen Augenblick, denn der Gerechte selbst bleibt nicht frei von jedem Fehl; doch daß ich meinen Eid durch böse Tat verleugnet, daß ich die Treue, die ich Gott gelobt, dem Teufel zugewendet hätte, daß ich das hohe Amt, die pflichtenschwere Würde, die mir Gott gegeben, im Dienste des Satans führte, daß ich die armen Kleinen, die man zur Entsühnung von ererbter Schuld mir gebracht, daß ich der Taufe heiligen Quell auf sie ergösse und sie zu Kindern Gottes machte — statt meiner Pflicht zu walten, dem Teufel weihte: das, Herr, ist ein Wort, so unsagbar abscheulich, daß es nur in der Hölle tiefster Tiefe seine Heimat hat. Und wie für mich, so spreche ich auch mit gleichem Mute, weil mit gleichem Rechte, für die Unschuld meines Freundes, der hier vor euch als Angeklagter steht. Sein Leben liegt gleich einem offenen Buche vor meinen Augen, und was in seiner Seele sich an Sturm und Sonnenschein gefunden hat, wir lebten es gemeinsam: kein Geheimnis liegt fremd zwischen uns, ja selbst der Zweifel, der des einen Geist bewegte, ward in des andern Seele übertragen, daß er dort seine Lösung finde. Ich schwöre es für mich und ihn bei Gottes heiligem Namen und bei unserer Seelen Seligkeit, daß wir keinen Teil an dem Verbrechen haben, dessen man uns zeiht.«
»Und wenn ich Euch nicht glaube?« fragte der Oberschultheiß mit einer Stimme, in der auch nicht eine Spur von Gefühl lag.
»Wer kann Euch dazu zwingen, wenn nicht die Ehre und die Pflicht?« rief Barger mit jugendlichem Feuer. »Wir haben nichts, das wir Euerer Anklage entgegensetzen könnten, als unser Wort und unser reines Gewissen. Das Wort mögt Ihr verachten, dazu habt Ihr Gewalt und einen Schein von Recht. Doch wenn Ihr wagt, mit Euerer Henkershand auch des Gewissens Heiligtum anzutasten, dann wehe Euch! Den Leib mögt Ihr töten, Ihr tragt das Schwert; doch dem Gewissen sprecht nicht Hohn, Ihr schändet sonst den Staat, den Ihr vertretet, die Macht, die Euch verliehen ist!«
»Denkt an die Folter!« mahnte abgewandten Angesichts der Richter.
Der alte Chorherr ließ sein Auge auf den Marterwerkzeugen, die ihm zur Seite lagen, ruhen. »Die Folter,« sprach er, »ist menschlicher Verirrung ärgste Ausgeburt. Seit die Folter in das Buch der richterlichen Weisheit eingeschrieben ist, seit jener Zeit spricht man von Zauberern und Hexen, und jenes Marterwerkzeug, mit dem Ihr einen selbstgeschaffenen Feind besiegen zu können hofft, ist eben jenes Feindes Ursprung. Seid ehrlich, schafft die Folter ab, und Euer Hexenwahn zerfällt in nichts. Es ist ein tiefbeschämendes Schauen, wenn man die Menschheit nach so langem Ringen, ja wenn man die, die unterm Kreuzesschatten stehen, bei dem Wahnwitz einer Folterbank stillstehen sieht, als habe sie damit der Wahrheit und dem Rechte, der Menschenwürde und Gerechtigkeit den sichern Thron erbaut. Ihr Toren, die ihr glaubt, der Satan habe ungehinderte Gewalt über Gottes schönstes Werk, den Menschen; ihr Frevler ohne Glauben, die ihr meint, ein Teil der Menschheit stünde gegen den andern mit dem bösen Geist im Bunde; ihr, die ihr mit euerer Blindheit Gott vom Throne stoßet, ihm das Zepter seiner Macht entreißet und den Teufel damit schmücket; ihr, die ihr keine Ahnung davon habt, wie weit die Gottesmacht steht über Teufelsmacht; ihr, die ihr Hexen schafft, um sie zu töten — geht aus der Welt mit eueren Marterwerkzeugen, nehmt euer peinliches Gesetz und Recht mit euch, und holder Friede kehrt wieder und all der Wahn von Hexentum und Teufelsherrschaft bricht in sich zusammen. Wohlan, mögt ihr vor Gott am Jüngsten Tag so leicht bestehen ob euerer Richtermacht, die ihr jetzt übt, wie hier mein Freund und ich vor Gott bestehen werden vor dem Ewigen der Kinder wegen, die wir in Gottes Namen tauften, und an denen der Satan keinen Teil hat! Ja, wenn die Welt das wäre, was euer Wahnsinn aus ihr macht, wenn selbst der Priester das Sakrament der Entsündigung zum Teufelsdienst mißbrauchte, dann möchte ich selbst vom Himmel Feuer erbeten, daß es die Welt verzehre. Ihr Herren habt noch viel mehr Schiffbruch am Glauben gelitten, als die, welche ihr mit stolzem Sinn und kaltem Herzen auf euere Scheiterhaufen werft. Fangt wieder an, Gott zu erkennen und seiner Macht wie seiner Liebe unbegrenzte Allgewalt, verweist den Teufel dorthin, wohin sein Fluch ihn bindet, in die Hölle, glaubt wieder, was die Kirche lehrt, und nicht, was euch — verzeiht das Wort, es ist das einzig wahre — was euch die Dummheit in die Seele predigt.«
»Ihr seid verstockt; so mögt ihr mit der Folter euch abfinden!« sprach finster der Gestrenge.
»Nein,« entgegnete mit Würde der Chorherr, »nein, Ihr sollt nicht zu der Schmach, die schwer genug schon auf Euch lastet, auch die noch fügen, daß Ihr an den Gesalbten des Herrn Euch vergreift. Wir würden auf der Folter Euch dasselbe sagen, was Ihr als Schwur aus unserem Munde gehört, das Zeugnis unserer Unschuld. Glaubt Ihr dem Schwure des Priesters nicht, so fügt Euch selbst nicht jene Schmach zu, daß Ihr der Folter glaubtet. Könnt Ihr nach dem, was Ihr Gesetze nennt — die Nachwelt wird es als rohe Macht bezeichnen — uns nicht der Freiheit und der Ehre wiedergeben, so laßt uns heute noch sterben. Doch ladet nicht auf Euch den Fluch, die Hand an die Gesalbten Gottes gelegt zu haben. Laßt die Folter!«
»Ihr beharret also fest darauf, daß ihr ohne Schuld seid?«
»Ja!«
»Und seid bereit zu sterben?«
»Jeden Augenblick!«
»Auch ohne den gewohnten Gang des Rechtes?«
»Wo es kein Recht gibt, läßt sich leicht darauf verzichten, des Unrechts Stufengang an sich zu erproben.«
Der Gestrenge sah lange Zeit in tiefem Ernste vor sich nieder. Es lag wie Bitterkeit, wie tiefste Scham auf seinem Antlitze. Aber bald erstarrte jeder Zug zur alten Härte, das graue, stechende Auge blickte mit ungeschwächter, kalter Ruhe nach den Priestern, und ohne Beben sprach der Mund das Urteil.
»Macht euch mit euerem Gott fertig! Der nächste Morgen ist der Abend eueres Lebens.«
Einen Augenblick standen die beiden Priester wie gebannt; dann aber breiteten sie die Arme und umfingen sich.
Der Henker trat herzu, legte seine Hände auf ihre Schultern — sie waren ihm verfallen!
Nach einer kleinen Pause ward auch der Student, den man bereits zu wiederholten Malen dem peinlichen Verhöre unterzogen hatte, vorgerufen. Aus dem frischen, lebensvollen Jünglinge war ein wankender Greis geworden; durchlebt man doch im Kerker in einer Stunde Jahre! Wie immer, so blieb er auch jetzt auf dem Bekenntnisse seiner vollen Unschuld. Und als der Richter sagte, des Studenten außerordentliche Kenntnis vieler Sprachen und seine herrliche Musik seien der deutlichste Beweis seines Bündnisses mit dem Teufel, denn alles dieses sei auf unnatürliche Weise von ihm erworben, da hatte der Jüngling als Antwort nur ein wehmütig mitleidiges Lächeln.
»Laßt mich sterben,« sprach er — »laßt mich sterben gleich der Blume, die des Frühlings Pracht geahnt hat. Ob sie voll den Kelch erschlossen, ob die Sonne sie geküßt, ob der Mond ihr still gelächelt und die Sterne sie beschaut haben; oder ob sie knospend und ungekannt welkte, was liegt daran! Drüben in der wahren Heimat blüht sie neu zu schöner Pracht. Laßt mich sterben!« —
— Der Oberschultheiß stand im Vorzimmer des Fürstbischofs. Ein Heft Akten ruhte in seiner Hand, aber diese zitterte. Ein Zug tiefen Unbehagens strahlte aus seinen Augen. Ein Page saß in einer Ecke und spielte mit dem Lieblingshunde des Fürsten.
»Glaubst du wohl, daß ich noch lange warten muß?« fragte der Gestrenge den Knaben.
»Kann nicht dienen, Gnädiger,« antwortete dieser, ohne übrigens sein Spiel zu unterbrechen. »Euer Gestrengen täten überhaupt besser daran, heute nicht auf einer Audienz zu bestehen, wenn es nicht unbedingt sein muß.«
»Warum?«
»Warum? Seine fürstlichen Gnaden geruhen heute sehr ungnädig zu sein.«
»Sehr unangenehm!«
»Nicht wahr? Ich finde das auch. Um Vergebung, Euer Gestrengen, sind diese Papiere in Eueren Händen Todesurteile?«
»Ja.«
»Hm, ich hätte mir das auch ungefragt denken können. Ich hatte noch nie die Ehre, Euer Gestrengen ohne Todesurteil zu sehen. Das gibt Euch ein ganz schauerliches Ansehen. Ich denke mir, die Leute in der Stadt müßten Euer Gestrengen so sehr fürchten, daß alles in die Häuser läuft und sich versteckt, wenn Ihr über die Straße geht.«
Die Glocke des Fürstbischofs unterbrach des Pagen Gespräch. Der Oberschultheiß ward zur Audienz befohlen, und er trat mit einer tiefen Verbeugung in das Prunkgemach.
»Dringende Angelegenheiten?« fragte der Fürst, an einem Marmortische stehend und den rechten Arm auf dessen Platte stützend.
»Zu dienen, Durchlaucht, sehr dringende Angelegenheiten.«
»Nun, und?«
»Hexenangelegenheiten!«
Der Fürstbischof fuhr ungeduldig auf und ging mehrere Male im Zimmer auf und ab. Sein sonst so wohlwollendes Antlitz hatte sich in tiefen Unmut gehüllt.
»Immer und immer diese traurigen Hexenprozesse! Wann wird endlich einmal in dieser Sache Ruhe werden?«
»Wann die letzten Hexen ausgerottet sind.«
»Und wann wird das sein?«
»Ich hoffe bald. Sind erst diese gefallen, deren Todesurteil nur der Bestätigung Euerer Durchsucht bedarf, so wird dem Malefizgerichte wenig mehr zu tun übrigbleiben.«
»Und wenn ich nicht unterzeichne?«
Der Oberschultheiß zog die Achseln in die Höhe. »Durchlaucht möchten sich wohl zuletzt doch dazu gezwungen sehen, die Urteile zu unterzeichnen.«
»Gezwungen?« rief der Fürst voll Erstaunen. »Und von wem gezwungen?«
»Von den Verhältnissen und von dem Volke. Gerade die Hexen und Zauberer, deren Akten ich Euerer Durchlaucht unterbreite, sind von einer so ausgeprägten Bosheit, daß jede Stunde Verzug neue Gefahr bringt.«
»Aber Spee sagt, alle jene, die in Euerem Kerker liegen, seien keine Hexen.«
»Durchlaucht, der Jesuit führt mit seiner irrigen Meinung eine solche Verwirrung und Aufregung der Gemüter herbei, daß ihm entweder Stillschweigen geboten werden muß, oder ich sehe mich gezwungen, mein Amt zu dero Füßen niederzulegen.«
»Spee wird nicht schweigen; seine Seele glüht für das, was er als Recht und Wahrheit erkannt hat.«
»Dann muß er aus der Stadt!«
»Oberschultheiß, ich sage, was geschehen muß, und sonst niemand! Wohl verstanden!«
»Zu Befehl, Durchlaucht! Nur bitte ich, mich gnädigst aller Verantwortung zu entheben, wenn das Volk in seiner Aufregung die Grenzen des Erlaubten überschreitet.«
»Was meint man damit?«
»Aufruhr, Durchlaucht.«
Der Fürst sah nachdenklich vor sich nieder.
»Ist das Wahrheit, was Er mir sagt?«
»Volle Wahrheit!«
»Die Akten!« befahl der Fürstbischof, trat an einen Tisch und durchlas die Berichte. Sie waren ganz im Geiste des Hexenwahns abgefaßt, jeder tolle Verdacht als Wahrheit hingestellt und Beweise von Schuld angeführt, die wahrlich nicht existierten.
»Ich kann mich nicht überzeugen,« sprach Philipp Adolf.
»Ich bürge für die Wahrheit,« entgegnete der Oberschultheiß.
»Mit Euerem Gewissen?«
»Mit meiner Seligkeit!«
Der Fürstbischof schritt zum Tische; mit zitternder Hand schrieb er seinen Namen unter das Todesurteil der alten Bernin, der armen Kinder, der beiden Priester, des Studenten, der Gauner von Heidingsfeld und unter das von — Elsa und Edeltraut.
Triumphierend verließ der Oberschultheiß den Fürsten, dieser aber brach auf einem Stuhle zusammen und weinte bitterlich.