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Die Hexenrichter von Würzburg

12. Kapitel: Das Elend und der Wahn wachsen

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Der Oberschultheiß stand in Gedanken versunken inmitten seiner braungetäfelten Wohnstube. Nun, da er den Nimbus der Amtsherrlichkeit abgelegt und die strenge Miene mit einer mehr häuslich gestimmten vertauscht hatte, war der Ausdruck seines Gesichtes zwar weniger unangenehm als sonst, wenn er seines Amtes waltete und ganz in demselben aufzugehen schien; allein dennoch grinste immer noch ein lauernder Dämon aus seinen Augen. Von Zeit zu Zeit trat er an einen schwerfälligen Schreibtisch, von dem er immer wieder dasselbe Blatt Papier nahm, um es stets mit demselben tiefsinnenden Blicke zu betrachten.

»Sie wollten lange nicht plaudern,« sprach er halblaut vor sich hin, »endlich habe ich doch einigen von den Kindern die Zunge gelöst. Im Grunde ist das, was sie mir zitternd erzählten, nichts, gar nichts, kindliche Einfalt, gejagt von wirren Phantasien, harmloses Geplauder über Geister und Gespenster, vermischt mit Namen, ohne böse Absicht genannt, aber doch in dem großen Gewebe wertvolle Fäden. Es ist mir so eigentümlich zumute; ich möchte fast ärgerlich werden über — ja über was denn? Über mich selbst? Oder über die Hexenprozesse? Oder über der Kinder in blasser Furcht gestammeltes Geplauder? Ei was, dumme Grillen! Ich bleibe bei dem, was ich mir als Pflicht gesetzt habe, mögen andere darüber denken wie immer. Und die Skrupel? Nun, die verachtet man als vorübergehende Schwächen des Geistes, denen man kein Gehör schenken darf, ohne seiner richterlichen Ehre und Unabhängigkeit zu schaden. Es gilt nun, aus dem Gerede der Kinder etwas zu machen; allerdings keine zu leichte Aufgabe, sie erfordert immerhin einen so scharfen Kopf, wie der meinige ist; aber man versteht das, aus nichts etwas Verdächtiges und aus etwas Verdächtigem eine vollendete Tatsache zu machen.«

»Es war mir doch zuletzt recht unheimlich unter den Kindern. Wie sie zitterten und weinten und mit aufgehobenen Händen baten, ich möchte sie ihren Eltern wiedergeben, sie seien gewiß unschuldig. Ich wollte es ihnen auch gerne glauben, wenn ich nicht der Oberschultheiß wäre. Hm, sie sahen wirklich zum Erbarmen aus; das Elend hat ihnen die Wangen gebleicht und eingebrochen, und ihre Augen sind vor Weinen wie tot. Aber was ist da zu machen? Warum sind sie Hexlein? Ob sie's wirklich sind? Ja!«

Er ging einigemal in der Stube mit schnellen Schritten auf und ab; dann blieb er wieder stehen und stützte das Kinn auf die rechte Hand.

»Wir verklagen dich beim Pater Spee, haben mir die Kinder zugerufen, als ich ihnen sagte, ich könne sie nicht freilassen. Dieses Wort hat mich tief geärgert. So muß mir dieser Jesuit überall in den Weg treten, sogar aus Kindesmunde wird er mir zur Drohung. Ob er mir wirklich gefährlich werden könnte? Sein Anhang wächst, wächst unter dem Volke wie bei den Großen. Wie lange noch, und er und seine Ideen sind stärker als ich. Verflucht,« rief er und stampfte den Boden, »wenn mir der junge Naseweis über den Kopf wachsen sollte! Und behält er recht, und verliert das Volk den Glauben ans Hexentum und die dummblöde Furcht vor demselben, fängt es an, an der Gerechtigkeit unserer Urteile zu zweifeln, und beginnen die Lücken, die wir in so viele Familien gebrannt haben, zu schmerzen, und tritt zum Schmerz der Zorn und die Rache, entfesselt sich des Volkes wilder Sinn gegen uns, und werden wir, zu denen es bisher mit scheuer Ehrfurcht aufschaute, ihm als ungerechte Richter erscheinen, und flammt dann hoch des Pöbels Wut, wer schützt uns? Niemand. Hier gibt es nur eine Rettung; Spee muß fallen! Ist er auch Jesuit, so gefeit sind doch diese Herren nicht, daß man sie nicht verderben könnte. Wohlan, er oder ich. Nein, er, er allein!«

Der Eintritt seiner Ehefrau störte den Gestrengen aus seinem Gedankengange auf.

»Du scheinst ganz darauf zu vergessen, daß du heute in der Weinstube erwartet wirst,« sprach sie milden Tones. »Sei vernünftig, Alter, und gönne dir eine Erholung. Je länger diese leidigen Prozesse dauern, desto auffallender wird die Veränderung, die ich an dir wahrnehme.«

Der Oberschultheiß sah verwundert auf.

»Du staunst?« fuhr die geschwätzige Alte fort. »Ja, du siehst nicht, was ich sehe, und du hast auch nicht gehört, was ich hörte.«

»So, und was denn?« platzte der Ehegatte ungeduldig werdend heraus.

»'s war heute nacht,« versetzte jene, etwas befangen an ihrem Rocke die Falten streichend.

»Dummes Zeug! Wir waren heute nacht in unserer Schlafkammer, was kannst du da Sonderliches gehört haben?«

»Ich will dir's erzählen, Alter; aber du mußt nicht unwirsch tun, versprich mir das!«

»Sei ohne Sorge,« versetzte er mit einem Anfluge von Wärme in seiner Stimme.

»Du lagst in deinem Bette,« erzählte die Hausfrau, »und schienst ruhig zu schlafen, indes ich mich ruhelos auf meinem Lager umherwarf. Dein Atmen war erst ruhig; dann ging es in ein ängstliches Stöhnen über, und bald begannst du wirr durcheinander zu reden. Du magst wohl schwer geträumt haben, denn was du sagtest, klang gar schrecklich.«

»Und was war das?« fragte finster der Oberschultheiß entgegen.

»Erst war deine Rede unverständlich, bald aber sprachst du gar vernehmlich. Was ihr nur habt, zanktest du, so laßt mich doch in Ruhe. Geht, geht, bleibt fort in eueren Gräbern, bleibt am Galgen, und ihr, die ihr zu Asche verbrannt seid, wer hat euch denn gelehrt, aus euerem Staube wieder euere Körper zu formen und mich zu quälen? Schweigt, schweigt, ich habe euch nicht gemordet, es ist nicht wahr, ich habe nur nach Recht und nach Gesetz mit euch getan!... Ob ihr auch leugnet und mit eueren hohlen Stimmen ruft, ihr seiet keine Hexen, ja es gäbe keine, ihr seid es doch. Geht hin, woher ihr gekommen seid, und lasset ab, mich so zu quälen!«

Die Alte hielt einen Augenblick inne; ihr Gatte stand abgewandt von ihr mit verschränkten Armen und ließ das Haupt tief auf die Brust herabsinken.

»Weiter!«

»Da plötzlich strecktest du die Hände flehend aus und riefst: O nehmt mich nicht mit euch hinaus zur Richtstätte, ich kann nicht! O wie mir schaudert, laßt mich, laßt mich! — — Du erwachtest, und als ich dir den kalten Schweiß von deiner Stirne trocknete und dich um dein Traumbild befragte, da wandtest du dich unwirsch ab.«

»'s ist wahr, ich hatte einen bösen Traum,« sprach der Gatte und trat ans Fenster, durch das eben die letzten Sonnenstrahlen grüßend in die Stube fielen. »Es war eine schlimme Nacht; allein ich halte ganz gewiß dafür, daß mir die Hexen diese Traumqual angetan haben, um mich zu schrecken und einzuschüchtern.«

»Ei, du mein lieber Gott,« jammerte die Alte händeringend, »so meinst du wirklich, das sei Hexenwerk und Hexenrache gewesen?«

»Ohne Zweifel,« bestätigte, die Brauen hochaufziehend, der Gestrenge. »Übrigens sei ohne Sorge, ich werde mir schon Ruhe zu verschaffen wissen. Ein tüchtig Brennen nach dem andern wird doch wohl endlich mit den Unholden ein Ende machen. Und ist Stadt und Land von diesem Höllengesindel gereinigt, dann wird man mit Stolz und Ruhm meinen Namen nennen als den eines weisen und gerechten Mannes und eines Wohltäters hiesiger Stadt. Gib mir Hut und Mantel und laß mich hinter einem Glase Wein für eine Stunde jener Sorgen vergessen, die zwar meinen Geist erdrücken müßten, wäre er nicht von seltener Stärke, die aber auch einen unvergänglichen Ruhm um meinen Namen flechten. Gott mit dir, liebes Ehegespons!« —

— Über den Gassen und Gäßlein lag tiefes Dämmerlicht. Da und dort brannte schon vor einem Madonnenbilde in der Mauernische ein rötlich flackerndes Öllicht. Munter scherzend zogen die Gesellen, den Arbeitsschurz zurückgeschlagen, Arm in Arm durch die Straßen, ein fröhliches Lied singend oder den vor den Haustüren sitzenden Mädchen ein ehrbar neckisches Wort zum Gruße zurufend.

»Bst, Martin,« stieß einer den andern an, »siehst du ihn dort den Marktplatz herunterkommen?«

»Herrgott, der Oberschultheiß! Gehen wir ihm aus dem Wege!«

»Warum nicht gar? Hat auch nicht mehr Recht auf der Gasse als unsereiner.«

»Mir graut vor dem Menschen.«

»Ja, ja, so recht liebenswürdig sieht er nicht aus!«

»Und sein ewiges Hexenbrennen! Der Mensch muß ein Stück vom Teufel im Leibe haben.«

Der Gestrenge ging vorüber. Die Burschen grüßten kecklich mit einem »Guten Abend, Herr!« Der Gruß ward gar ernst und würdevoll erwidert.

»Möcht' auch nicht mit ihm sterben,« flüsterte der eine Geselle.

»Schau nur, wie er einherschreitet, lauter Macht und Herrlichkeit! Wo der hintritt, wächst auch kein Gras mehr.«

»Pfui Teufel!« sprach der erste wieder und spuckte aus. »Die Luft stinkt nach Blut und Menschenfett, seit der zweibeinige Galgen an uns vorübergegangen ist. Komm mit mir auf einen Schoppen, Kilian; der Henker vertrage den Henker mit leerem Magen!« —

In der Weinstube herrschte bereits fröhliches Leben und Treiben, als der Gestrenge dort eintrat. Der Wirt, ein dicker Mann mit einer sehr bedenklichen Weinnase, empfing seinen Gast mit vielen Bücklingen, so tief, als es eben der stattliche Bauch erlaubte. Er öffnete die Türe eines langgestreckten Kneipgemaches, das, von dem Lärme der allgemeinen Schenkstube abseits liegend, den Herren als heimische Zufluchtsstätte diente, wenn sie Sorgen vertrinken oder einer zänkischen Ehehälfte entgehen wollten. Die niedere, getäfelte Decke hing schwer über dem Gemache, die breiten Fenster waren mit altem, rundem Glaswerke eingelassen, die Mitte des Gelasses nahm ein langer Eichentisch mit gespreizten Beinen ein, um welchen die hochlehnigen, gepolsterten Stühle standen. Die aufgepflanzten zinnernen Kannen, die stillvergnügten Mienen der alten Herren und der lebendige Redefluß der Jüngeren bewiesen, daß die Würzburger auch damals schon ganz prächtig den Wein zu schätzen und zu trinken verstanden. Schmeckt doch guter Wein dreimal wohl und kommt auf einen richtigen Trunk dieses flüssigen Goldes Leib und Seele wieder zusammen!

»Ehrerbietigen Gruß, Euer Gestrengen!« rief der Spittlmeister vom Dietericher Tor, ein gar gelehrter Mann mit einer allzeit frohen Lebensader, dem Eintretenden entgegen. »Laßt es Euch an meiner Seite belieben! Was wollt Ihr trinken? Frankenwein Krankenwein, Neckarwein Schleckerwein, Rheinwein fein Wein. Herrgott, am besten wäre es, es tränke einer alle drei!«

»Ei, ei, macht Euch der Wein schon wild?« neckte der Oberschultheiß mit kaltem Lächeln.

»I bewahre; wollte mir der Wein zu wild werden, ich schlüge ihn mit der Wasserstange. Übrigens drei Kannen für einen Mann, wie ich bin! Hei, seht nur mein Bauchfäßlein an und sagt, ob nicht Wein genug Platz hat.«

»Und der Kopf?« fragte der Gestrenge, mit voller Würde an seiner Kanne nippend.

»Der Kopf? sagt Ihr. Seht, der arme Schädel sitzt den ganzen Tag über den Büchern und brütet Weisheit, daß es ganz erstaunlich ist. Will es aber Abend werden, so geht mir richtig immer das Öl in der Hirnlampe aus, und gösse ich nicht Wein auf, weiß Gott, ich würde trotz all meiner Weisheit in einem Jahre wieder so dumm, als ich war, da mir meine selige Mutter zum dritten Geburtstage Schläge gab, weil ich ihre liebste Katze halbtot geschunden habe. Herr, der Wein ist an sich selber gut; trinkt ihn aber ein Mensch ziemlich und mit Maß, so schärft er den Verstand. So ist's! Komm, alter Junge,« rief er in seliger Weinlaune, »komm und sag' mir was ins Ohr!« Dabei setzte er die Kanne an den Mund, trank, stieß sie auf den Tisch und sprach: »Der Wein allein schon beweist, daß es einen Herrgott im Himmel geben muß.«

Der Oberschultheiß konnte sich eines leichten Lächelns nicht erwehren, als er diese Rede seines Nachbars hörte.

»Ihr seid ein glücklicher Mann,« sprach er, bedächtig mit dem Zeigefinger an seiner Kanne auf- und abfahrend. »Freilich, Ihr wißt kaum, was Sorgen heißen; aber ich kann davon erzählen.«

»Ja, ja, Euere Hexen, nicht wahr, lassen Euch nicht ruhig schlafen,« neckte der Spittlmeister.

Der Gestrenge sah ihn mit einem Blicke voll Erstaunen an.

»Was wißt Ihr?« fuhr er seinen Nachbar an.

Dem aber lachte der Schelm aus den Augen.

»Ei, ich weiß alles,« versetzte der Spittlmeister. »Wenn Ihr den ganzen Tag hinter Eueren Blutakten gesessen seid und kommt nach Hause, so schleichen Euch ein Dutzend Hexlein nach; und legt Ihr Euch zu Bette und vermeint schlafen zu können, so kommen sie über Euch im Traume und quälen Euch zum Lohn dafür, daß Ihr mit ihnen so unbarmherzig verfahret.«

Des Oberschultheißen Augen ruhten stechend auf dem Spittlmeister.

»Hört,« sprach er, »Euere Rede ist vermessen oder verdächtig.«

»Am Ende haltet Ihr mich auch für einen Hexenmeister,« spottete der Spielmeister. »Weiß Gott, man dürfte schier ein Hexenmeister sein, um in diesen Zeiten noch den frohen Sinn aus all dem Elende zu retten, das uns umgibt!«

»Hm,« knurrte der Gestrenge. »Heutzutage kann man von keinem Menschen wissen, wer und was er ist. Denkt an Edeltraut und Elsa; haben diese nicht für die tugendhaftesten Jungfrauen unserer Stadt gegolten und haben sich dennoch als ganz gefährliche Hexen entpuppt?«

Der Spittlmeister trommelte Sturm auf dem Tische mit seinen dicken Fingern. Auch die übrigen Gäste wandten ihre Aufmerksamkeit immer mehr dem Gespräche der beiden zu, um so mehr, als die Hexenbrände das ganze Interesse der Bewohner Würzburgs in Anspruch nahmen.

Am Ende der Tafel saß ein großer, feister Mann. Das rötliche, kurzgeschnittene Haupthaar war schon stark mit Grau untermischt; unter der gebogenen Nase hing, den Mund verdeckend, ein gewaltiger Schnurrbart, den der Alte beständig zwischen den Fingern drehte. Eine schlecht verharschte Narbe zog sich vom rechten Ohre über den Backen nach dem Mundwinkel, die von starken Brauen beschatteten, katzenartigen Augen waren von einer durchbohrenden Kraft. Der heruntergekommene Anzug ließ den ehemaligen Feldhauptmann erraten, einen Menschen, halb Soldat, halb Bramarbas, in Summa aber ein kecker Geselle.

»Alle Wetter,« schrie er mit seiner schnarrenden Baßstimme, »Herr Oberschultheiß, ich habe so etwas gehört, als wollte Euch ein Pfäfflein von den Jesuitern in Euerem Handwerk unbequem werden. Hm, nette Leute das, die Jesuiter! Was? Will Euch was sagen. Der Gescheiteste von euch zweien ist der dritte, das bin ich. Der eine glaubt zuviel an unsern Herrgott, der andere zuviel an den Teufel. Ist beides Unsinn. Ich glaube an mich und für den Augenblick an meine Kanne Wein; ist diese leer getrunken, glaube ich auch nicht mehr an sie, bis sie der Wirt wieder gefüllt hat. Das ist Lebensweisheit, und alles andere ist Narretei. Aber begierig wäre ich doch, wer von euch den andern unterkriegt, Ihr den Spee oder der Spee Euch. Ist wahrlich schade, daß ihr um des Kaisers Bart streitet, und Ihr, Gestrenger, Euere Schrift mit Blut schreibt und mit Menschenasche bestreut; Ihr solltet eigentlich das Ding mit dem Schwerte ausmachen, gäb' ein herrlich Schauen, euch im Kampfe zu sehen.«

Des alten Haudegen plumpe Rede fiel wie ein grober Steinhaufen unter die Gäste. Niemand antwortete. Da räusperte sich gar behutsam eine spindeldürre, hektische Gestalt, ein Aktuarius in Ehren und in Nöten, und sprach:

»Ich möchte für den Augenblick ganz davon absehen, wer in besagter Hexenfrage recht behält. Wollte ich nach den Grundsätzen wahrer Aufklärung urteilen, so müßte ich sagen, der Jesuit hat recht; allein ich halte dafür, daß ein Jesuit auch dann, wenn er das Rechte will, es nie aus guter Absicht will, und daß man allzeit am besten tut, nein zu sagen, sooft ein Jesuit ja sagt. O,« rief er und legte gar gelehrt den Zeigefinger an die Nase, »o, ich sage, man sollte lieber die Hexen sein lassen und auf Vertreibung der Jesuiter hinarbeiten. Haben wir sie gebraucht und gerufen? Nein! Wir haben genug an den anderen Mönchen in unserer Stadt. Und was nützen sie? Kaum hatten sie sich ihr Nest warm gerichtet, waren sie auch schon die Herren von ganz Würzburg. Ich rede gar nicht davon, daß sie das Frauenvolk ganz in ihrer Gewalt haben, aber denken die Herren an unsere Studenten, welch verschrobene, andächtige Köpfe aus ihnen gebildet werden! Und die Wissenschaft? Es ist geradezu zum Lachen, was die frommen Jesuiter unter Wissenschaft verstehen, und wieviel sie davon gnädigst zu naschen gestatten. Sie sind wahre Schergen aller freien Forschung. Mit ihrem thomistischen Distinguo, nego, concedo ersticken sie den letzten Funken selbständigen Denkens. Freilich brauchen sie für ihre Zwecke keine Denker, sondern willenlose Maschinen, und daß sie diese sich aus unserer Jugend heranziehen, ist ebenso wahr als traurig. Darum meine ich, man sollte vor allem auf Vertreibung der Jesuiter hinarbeiten, ehe man sich mit untergeordneten Fragen befaßt.«

Der junge Mann ließ seinen Blick triumphierend über die Versammelten schweifen, gleich als wollte er mit voller Genugtuung den Eindruck seiner Rede in einem in sich aufnehmen.

»Herr Aktuarius,« platzte da der Spittlmeister vom Dietericher Tore heraus, »was schwatzt Ihr da für Unsinn! Hätte gemeint, wer als Student Jesuitersuppe gegessen hat, sollte nicht in die Schüssel speien, aus der er sein Futter geholt hat. Wenn die Jesuiter just aus Euch keinen hellen Kopf gemacht haben, so bedankt Euch dafür nur bei Euch selbst. So. Und was Ihr von Vertreibung der Jesuiter meint, das ist, mit Vergunst, barer Blödsinn. Ihr, Herr, solltet Euch mit vernünftigerem Denken befassen und nicht daherschwatzen, als sei Euch ein Rad im Hirnkasten gebrochen.«

»Haut ihn nur gleich in die Pfanne,« rief der Feldhauptmann. »Was ist's, wenn der Aktuarius die schwarzen Raben nicht mag? Mag sie auch nicht leiden, und wäre es mir just ganz lieb und angenehm, so sie aus Stadt und Land davonflögen.«

»Wenigstens einzelne,« ergänzte der Oberschultheiß. »Wenn so zum Beispiele der Pater Spee auf die eine oder andere Weise veranlaßt werden könnte, unsere Stadt zu verlassen, und zwar recht bald, so wäre das ein gar großer Gewinn für uns.«

»Das sehe ich nicht ein,« stritt der Spittlmeister entgegen. »Der Spee ist gerade ein rechter Segen für unsere Stadt. Alle Achtung vor den andern Priestern, aber nennt mir einen, der mit solch rastloser Aufopferung sich der Armen und Kranken annimmt, der so eifrig im Beichtstuhle und auf der Kanzel ist wie unser Spee? Der Mann ist aus reiner Gottesliebe zusammengesetzt, und ich kann gar nicht begreifen, warum gerade der Spee aus Würzburg fort sollte. Oder ist er Euch, Gestrenger, vielleicht unbequem, weil er nicht so dick an Hexen glaubt als Ihr? Ja, ja, in dem Punkte mag er Euch ein wenig im Lichte stehen; ist aber wahrlich kein geringes Verdienst von dem jungen Priester, der Wahrheit auch dann Zeugnis zu geben, wenn man allein gegen viele steht. Übrigens halte auch ich es in der Hexensache mit dem Spee. Ich weiß nicht, hat der edle Mann mehr Verstand oder mehr Liebe, aber Weisheit und Wahrheit ist es, was er gegen das Hexenwüten sagt. Ja, gestrenger Herr, wenn der Spee nicht wäre, Ihr brenntet uns zuletzt noch Stadt und Land aus.«

Der Oberschultheiß schoß Blitze auf den Sprechenden.

»Hätte nimmer geglaubt,« höhnte er, »daß ein reifer Mann so Ungereimtes reden kann. Es mag Euch um des genossenen Weines willen nicht zu hoch angerechnet sein, was Ihr gesprochen. Doch warne ich Euch in Freundschaft vor dem Pater Spee und vor dessen Verteidigung.«

Das war dem Spittlmeister nun zu viel. Voll Zornes fuhr er von seinem Platze auf und maß den Gestrengen mit stolzem Auge.

»Ihr, Herr, vergesset, wer ich bin, und daß Ihr gar kein Recht besitzt, hier guten Rat auszuteilen. Behaltet den für Euch, sonst müßte ich Euch zum Danke auch einen Rat erteilen, der Euch aber weniger zur Ehre gereichte als mir der Euere. Ich habe Euch wohl durchschaut; glaubt mir, was Ihr vermögt, vermag ein anderer auch noch. Und da Ihr Euch einen besonderen Zorn und Grimm auf Pater Spee einbildet, so wisset, daß mit nächstem Morgengrauen mein Weg mich zu dem Jesuiter führt, um ihn zu warnen, und dann zum Fürstbischofe, um auch mit ihm ein ehrliches Wort zu reden.«

Ohne Abschiedsgruß schied der brave Mann aus der Schenkstube. Fest, wie sein Sinn, war auch sein Schritt, und so hochauf auch seine Seele flammte, in seinem Wesen blieb er ruhig und gemessen.

»Wollt Ihr mich begleiten, Herr Aktuarius?« fragte der Oberschultheiß, seinen Mantel umhängend.

»Es soll mir hohe Ehre sein,« antwortete dieser und öffnete dem Gestrengen die Türe.

Und draußen sann über der vieltürmigen Stadt des Himmels nächtige Sternenpracht, wie eine Mutter an der Wiege eines schlummernden Kindes sinnen und Liebesträume denken mag. All die ungezählten flimmernden Lichtäuglein waren wie Gottesgrüße, die zur Erde niederschauten, ein so unendliches Sursum corda für reine Herzen! Zwischen den Türmen des Domes brannte in mildem Silberfeuer des Mondes Sichel, ein Wächter überm Heiligtume, ein Lichtkuß vom Himmel auf die Wohnung des eucharistischen Gottes.

Im Schatten einer Kirche standen zwei Männer in flüsterndem Gespräche. Der Nachtwächter hatte sie angetreten und zum Nachhausegehen ermahnt.

»Schert Euch zum Teufel!« war die kurze Antwort, die er erhielt. Ein Oberschultheiß durfte schon sagen, was in eines einfachen Bürgers Mund sehr verbrecherisch geklungen hätte.

»— Warum nicht?« fuhr der Aktuarius flüsternd im Zwiegespräche weiter. »Man muß eben nicht so engherzig sein und Beweise verlangen, wo einfache Verleumdungen denselben Dienst tun. Man hängt dem Manne etwas Ergiebiges an, hundert gegen eins, er geht, d. h. seine Obern versetzen ihn.«

»Ganz gut,« entgegnete der Oberschultheiß mit teilweiser Befriedigung; »aber was hängt man dem Pater Spee an? Ich gestehe aufrichtig, daß, so sehr ich diesen Mann hasse, ich doch keinen wunden Fleck an ihm finde, an dem sich — 's ist ein elendes Wort — an dem sich die Verleumdung kristallisieren könnte.«

»Ist auch nicht notwendig,« gab der an Leib und Seele Fadenscheinige zurück. »Wir brauchen dem Jesuiten gar nichts Arges nachzusagen; man würde uns seinem heiligmäßigen Wandel gegenüber auch gar nicht Glauben schenken, wollten wir ihm eine Weltsünde anlügen. Wir sagen einfach, der Pater ist gut, der Pater ist fromm, der Pater ist sehr barmherzig, aber —«

»Nun, aber — ich brenne vor Neugierde.«

»Aber er hat nicht den rechten Glauben.«

»Mit Vergunst, Ihr seid ein Esel!« rief der Gestrenge.

»Bitte sehr,« erwiderte der Aktuarius, »Euer Gnaden belieben mir unrecht zu tun. Man beweist dem Volke, der Pater glaubt nicht an Hexen, alle Welt aber glaubt daran — ergo —«

»Hm, das Ding klingt besser, als ich gemeint hatte. Und glaubt Ihr, mit Euerer Sache durchzudringen?«

»Ja. Das Volk ist dumm gemacht durch all die Hexenhetze. In diesem Zustande bringt man ihm alles bei. Es glaubt alles, was nicht vernünftig ist.«

Der Oberschultheiß biß sich auf die Lippen. »Aber der Fürstbischof?«

Der Aktuar lächelte und blies über seine flache Hand.

»Meint Ihr?« fragte der Gestrenge.

»Ich meine nicht. Ich weiß.«

»Gut.«

»Noch eines! Belieben Euer Gestrengen noch etwas Silber an die Sache zu gießen, damit sie einen besseren Klang und Glanz bekomme!«

Der Oberschultheiß räusperte sich sehr unzufrieden.

»Hm, ich kann nicht recht einsehen, wozu das Silber notwendig ist. Mein Kampf gegen den Pater ist ein rein geistiger.«

»Soll ich die Menge bearbeiten, so muß ich sie in den Schenkstuben aufsuchen. Hinter dem Arbeitstische ist der Mensch zu nüchtern und vernünftig. Erst wenn ein Zug über Durst getan ist, findet auch die Dummheit den Schlüssel zum Gehirne.«

»Nun ja, zugestanden. Also geht fleißig in die Schenken.«

Der Aktuar konnte nur mit Mühe seiner Ungeduld Meister werden.

»Herr,« sprach er, »ich weiß nicht, ob Ihr auch schon das Brot eines Aktuars gehungert habt. Wenn nicht, so glaubt mir freundlichst, wenn ich Euch sage, daß unter den Groschen, die ich erschwitzen muß, kein Weingroschen sich befindet.«

»So? Kommt morgen zu mir. Aber ich ersuche Euch, hetzt, was Ihr könnt, die Zeit drängt.«

Die beiden schieden mit stummem Gruße.

Der Oberschultheiß ging nachdenklich seines Weges, der ihn am Kloster der Jesuiter vorüberführte.

Dort angelangt, blieb er mit verschränkten Armen stehen.

»Da wohnen sie und ruhen sie; ruhen gewiß sanfter, als ich je ruhen werde. Diese Jesuiter sind ein Rätsel, das ich nicht zu lösen vermag. Man kann sie in einem Atemzuge hassen und beneiden. Sehe ich einen von ihnen, so komme ich mir vor wie ein schwankendes Schilfrohr neben einer Eiche. Sind denn diese Menschen ohne Leidenschaften geboren, daß sie so ruhigen, sicheren Fußes über die Erde und durch das Leben gehen? Oder ist diese Seelenkraft eine errungene? Weiß Gott, da stünde ich lächerlich klein neben einem Jesuiter da! — — Ich kann sie hassen, aber ich muß sie auch achten; und stünde mir der Pater nicht unausgesetzt im Wege, ihn achtete ich am meisten. Warum kämpft er auch gegen mich, oder besser gesagt, gegen meine Stellung und Amtstätigkeit? Er oder ich! Ich kann, ich will nicht zurück.«

Mit hastigen Schritten ging er seiner Wohnung zu. War es der Wein oder die Aufregung oder der Rest von Gewissen, was ihn so unruhig machte?

In seiner Stube angekommen, zündete er ein Licht an und trat an seinen Schreibtisch.

»Spittlmeister,« sprach er, »wie konntest du wissen, daß mich die Hexen im Schlafe quälen? Alter, Alter, wir werden doch vielleicht noch guten Rat miteinander tauschen, vielleicht auch schlechten.«

Er setzte sich und schrieb.

»Der Spittlmeister am Dieterichertor ist angesichts dieses wegen dringenden Verdachtes der Gemeinschaft mit Hexen und Zauberern zu verhaften und in den Schneidturm abzuführen.«

Ein Diener trug den verhängnisvollen Zettel nach der Wachstube — in einer Stunde lag der Spittlmeister unter dem Dache des Schneidturmes.

Der Mond trat hinter aufsteigendes Gewölke und ein Stern nach dem andern löschte sein Licht aus.

Der Morgen dämmerte trüb und träge aus dem Osten herauf.

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