4. Kapitel: Eine Hexe
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Unterhalb der Mainbrücke in Würzburg steht ein altes, düsteres Haus. Die Mauern sind schwarz geworden von Ungewitter, Sturm und jeglicher Unbill der Zeit; regellos starren aus dem kalten Gestein wie Augen aus dem Totenschädel die Fenster mit teils erblindeten, teils gebrochenen runden Scheibchen. Ein kleiner Erker, mit Holzwerk durchzogen, hängt müde gegen die Straße und auf seinem Spitzdache knarrt eine rostige Wetterfahne.
Der Eingang ist niedrig. Die Pfosten massiv aus Stein, die Türe aus Eichenholz, in dem der Wurm schon längst sich heimisch fühlt. Eine enge, unter jedem Fußtritt ächzende Wendeltreppe führt nach dem ersten Stockwerke und in eine große Stube. Das Getäfel der Decke ist tiefdunkel und drückt wie ein Alp. Der große grüne Kachelofen mit seinen unbeholfenen Schildereien auf den morschen Kacheln drängt sich fast bis zur Mitte des Gemaches.
Die Wände sind grau und schmucklos. Kein Bild, kein Kreuz winkt frommen Gruß. In der einen Ecke steht ein hohes Bett, daneben ein alter Schrank mit einer Unzahl von Gläsern und Töpfchen, ferner ein alter Totenschädel, Büchschen, aus denen Kräuter hängen, ein dickes Buch, schmutzig und abgegriffen, darauf eine Brille, mächtig groß und schwer.
Die andere Ecke füllt ein breiter Tisch und hochlehnige Stühle. Das Glas der Fenster ist mit Staub und Schmutz überzogen, ein eigen Dämmerlicht liegt kalt und frostig über diesem Raume.
Ein altes, häßliches Weib steht am Fenster und starrt mit den stechenden, schielenden Augen träumend ins Weite. Die große, hagere Gestalt ist noch ungebeugt von den Jahren, die den Scheitel gebleicht und die Wangen tief gefurcht haben. Zuweilen zuckt ein Blitz aus diesen Augen, dann spielt ein höhnisch grinsendes Lächeln um die dünnen Lippen, und wieder ist's wie Sturm und drohendes Ungewitter, was auf tiefem rätselhaften Angesichte wetterleuchtet.
Nun geht sie zurück zum Schranke neben dem Bette. »Hm,« brummt sie verdrießlich, »die Herren machen Ernst. Schütteln sie doch die Hexlein wie Äpfel von den Bäumen. Puh! die Luft riecht nach Menschenfett, und nachts heult der Wind klagend, als wären es die Seufzer der Gemordeten. Haben sie erst gestern wieder so ein armes Geschöpf unter meinen Fenstern vorbei nach der Richtstätte gefahren, und das Volk hat gejohlt und geflucht und nur wenige haben geweint. War ein junges Blut und schier zum Erbarmen, wie ihm die heißen Tränen so brennend übers Totenhemd rollten und aus den wunden Augen ein gebrochenes Herz schrie. Habe nun auch den Pater Spee gesehen, von dem sie in der Stadt so vieles reden. Mag ihn nicht; kann das fromme Volk nicht leiden, nicht Kutte und nicht Priester. Aber es hat mir doch gefallen, daß er mit auf den Karren stieg und dem Hexenblut die Höllenfahrt leichter machte.«
»Höllenfahrt?« fuhr sie nach einer Pause fort. »Weiß ich's, wohin der Weg vom Sterbebett und vom Galgen führt? Hu, es ist ein frostiger Gedanke — wenn's zum Teufel ginge!«
»Zum Teufel! Habe soviel Spott mit dummen Menschen in des Teufels Namen getrieben und nichts von Furcht und böser Ahnung empfunden; und heute ist's mir, als packte eine Totenhand mich an der Seele, wenn ich an den Teufel denke. Tolles Zeug! He, Totenschädel dort, gibt's einen bösen Geist? Du redest nicht! Glaub's wohl, hihi! Aber wie du grinsest, als zuckten Höllenlichter durch die leeren Augenhöhlen. — Dummes Gebein!« knurrte sie und stieß ihn auf den Boden.
»Wen haben sie nun schon verbrannt, diese weisen Herren?« fuhr sie in ihrem Selbstgespräche weiter. — »Habe sie mir alle wohlgemerkt! Da ist die Lieblerin, des Ankers alte Witwe, die Gutbrodin und die dicke Hökerin. Das war der erste Brand. Gleich darauf die alte Beutlerin, die Schenkin und zwei fremde Weiber. Dann kam der Tungersleber, der lustige Spielmann, die Kulerin, die Stierin, die Goldschmiedin und ihre Nachbarin, die Bürstenbinderin, an die Reihe.[I] Und gestern das junge Mägdelein! Ob sie nun genug Menschenfleisch geschmort haben, die Schakale und Hyänen? Ich glaube es nicht! Nein, sie ruhen nicht, bis nicht die schöne Stadt leer steht und das Land entvölkert ist! Und wenn sie nun auch mich für eine Hexe hielten?«
Die Alte schnellte bei diesem Gedanken bebend in die Höhe.
»Mich?« keuchte sie, und ihre Brust hob und senkte sich in fliegender Hast. »Mich? Nein, mich lassen sie in Ruhe. Die alte Ammfrau Bernin wagt keiner anzugreifen, sonst wehe ihm! Da drinnen in dem alten Herzen kocht und brandet Leidenschaft genug, und in meinem Hirn, so müde es seit siebzig Jahren auch geworden ist, ist immerhin noch Witz genug, um mit den Herren am Gerichte manch scharfes Wort zu reden. Bin kein junges Gänschen, das nicht Red' noch Antwort weiß, haha! Ob nicht die Herren alle zuschanden würden, wenn sie an mir ihr Recht und ihren Witz versuchen wollten!«
Ein Poltern von der Stiege her unterbrach der Alten Selbstgespräch. Sie horchte auf und ihre Augen starrten in fiebernder Neugierde nach der Türe.
»Ist's vielleicht der Henker?« flüsterte sie und drückte die Rechte aufs pochende Herz.
Ein Jüngling trat ein, ein frischer, fröhlicher Student. Sein Angesicht, von dunkeln Locken beschattet, widerstrahlte Lust und Schalkheit und sprudelnden Geist. Einen Augenblick blieb er betroffen stehen, der erste Eindruck des ihm völlig neuen Bildes streifte seine Seele mit frostigem Erstaunen. Dann nahm er, rasch sich wiederfindend, seine Mütze ab und grüßte freundlich.
»Verzeiht, liebwerte Frau, daß ich Euere Ruhe störe! So Ihr mir Gunst erweisen wollet, schenkt mir ein Stündlein Euerer Zeit und ein Körnlein Eueres tiefen Wissens. 's ist wahr, hab' viel gelernt auf Schulen und bei weisen Meistern. Bin vieler Sprachen kundig[J] und gar wohlgerühmt bei allen ob meines lieblichen Gesanges und gar süßen Lautenspieles. Und doch, was hilft mir all dies tote Wissen, was Sang und Lautenschlag, wenn hier das Herz in Leid und Trübsal ringt? Wo aller Menschenwitz ein Ende hat und jeder Weisheit Lehrer seine Ohnmacht bekennt, da beginnt Euer Reich und Euere Kunst. Seid mir gewogen und laßt Euch mein Leid erzählen. Dann gebt mir guten Rat und frohen Trost. Ich will's Euch tapfer danken.«
Die alte Ammfrau hatte dem Jünglinge mit steigendem Vergnügen zugehört.
»Und könnt Ihr schweigen?« fragte sie mit Nachdruck.
»Wie diese ehrwürdigen Wände hier oder, wenn Ihr wollt, wie dieser Totenschädel,« beteuerte der Student.
»Den laßt in Ruhe,« knurrte die Alte und hob den Schädel auf, um ihn wieder auf den Kasten zu stellen. »Und nun Euer Begehren?«
»Bin, wie Ihr seht, ein junges, frisches Blut voll Lebensdrang und keckem Mut. Von armen Eltern stammend, doch mit hellem Geist begabt, hab' ich, dank edlen Priestern, des Wissens viel errungen. Doch nicht genug! Mein Geist will weiter forschen, bis er satt geworden, aber — dies macht mein Glück nicht voll. Zwei Fragen sind es, die mich quälen. Und diese sollt Ihr lösen durch Euere Kunst.«
»Erstlich sagt mir: Worin und wo ich mein Glück finden werde?«
Der Blick des Jünglings und jener der Alten begegneten sich und ruhten eine Weile forschend aufeinander. Dann erhob sie sich, ging nach dem Ofen und kehrte mit einem Stück Kohle zurück. Sie zeichnete mit demselben einen Kreis auf die Tischplatte und teilte ihn durch Ellipsen. Die einzelnen Segmente füllte sie mit Zahlen und kabbalistischen Zeichen, nur die Mitte ließ sie frei.
Der Jüngling sah mit lächelnder Miene ihrem Treiben zu. »Habt Ihr gut schreiben gelernt!«
»Stille!« mahnte die Alte und schrieb weiter. »So; nun gebt mir Blut, einen Tropfen.«
Der Student reichte der Alten seine Hand und ließ sich mit einem scharfen Messer die Haut ritzen. Das aufgefangene Blut ward in die Mitte der sich kreuzenden Ellipsen gestrichen.
»Setzt Euch!« sprach sie, nach einem Stuhle hinterm Tische zeigend.
»Euer Stern steht hier. Ihr seht dies Zeichen? Es deutet hohes Lebensglück und stolzes Hoffen. Ehre und Amt winken Euch, und Gold und Minne.«
»Das klingt ganz gut,« warf der Jüngling zufrieden ein.
»Schweigt!« herrschte die Alte und horchte nach der Straße, von der herauf verworrene Stimmen drangen. Einen Augenblick starrte Angst aus ihren Zügen, dann fuhr sie fort: »Dies Zeichen hier sagt Euch nichts Gutes. Übermut verleitet Euch zu einer Tat, die Euch das Leben kostet, ehe Ihr noch wißt, wie süß das Leben sei. In langer Kerkernacht wird Euch ein Trost noch werden, — das deutet dieses Bild, doch dann —«
Mit einem Stoße flog die Türe auf und Vogt und Schergen traten ein.
Die Alte ward zu Stein, die Augen drangen aus ihren Höhlen und stierten auf den Richter.
»Was wollt Ihr?« krächzte sie und hielt sich mit der Rechten an dem Tische fest.
»Dich, Gertrud Bernin, insgemein die schielende Ammfrau genannt,« entgegnete der Vogt mit hoher Amtsmiene.
»Mich? Und warum?« grinste die Alte.
»Sie ist dringend verdächtig, ja schier schon überwiesen, daß Sie sich mit höchst verdammlicher Zauberei und Hexenkünsten befaßt hat.«
»Schier schon überwiesen?« wiederholte die Alte höhnisch. »Die Herren sind schnell.«
Der Vogt blieb in einiger Entfernung von der Alten stehen, indes diese von den Schergen an den Händen gebunden und ihr überdies noch zu größerer Sicherheit ein Strick um den Hals gelegt wurde. Die Bernin ließ dies mit scheinbarer Ruhe an sich geschehen; wer ihr aber tiefer ins Auge schaute, konnte dort Schrecken und Ingrimm flammen sehen und an dem konvulsivischen Zucken, das zuweilen ihre Glieder schüttelte, die furchtbare Erregung, die sie erfaßt hatte, erkennen.
Unterdessen hatte sich der Vogt dem Studenten genähert, der mit nicht geringer Überraschung den Vorgängen folgte, deren Zeuge er so unverhofft geworden.
»Ah, also auch hier?« zürnte er. »Wie ist es möglich, daß man, da man doch in Künsten und Wissenschaften so wohlerfahren ist, auch bisher sich eines christlichen guten Rufes erfreute, nun in solch höchst gefährlicher Gesellschaft sich befindet?«
»Herr Vogt,« entgegnete der Studiosus mit schwer verhaltener Entrüstung, »ich hoffe —«
»Ihr habt hier gar nichts zu hoffen,« eiferte jener. »Mitgefangen, mitgehangen. Juridischer Grundsatz das. Doch,« fuhr er fort, den Kreis mit den kabbalistischen Zeichen auf dem Tische erblickend, »was seh' ich hier? Gott stehe mir bei! Reine Teufelskünste! Und Blut!« rief er schauernd.
»Blut von mir!« gab der Student mit mürrischem Trotze zurück.
»Indicium maximum! Man binde auch diesen Studenten, da solcher sonder Zweifel eine höchst gefährliche Malefizperson ist.«
Der Student zog seinen Degen, um die Schmach von sich abzuwenden; allein die Schergen fielen ihm von rückwärts in die Arme und fesselten ihn nach kurzer Gegenwehr.
Nun hatte der Gestrenge auch Muße, sich im Zimmer umzusehen, was unter nicht geringem Kopfschütteln und allen möglichen Ausrufen des Entsetzens geschah. Und als er seinen Amtsschreiber vorrief, daß dieser ein kurzes Protokoll aufnehme, weigerte sich dieser ganz entschieden, auf einem Tische zu schreiben, auf welchem Teufelszeichen und Menschenblut zu sehen seien, oder auf einem Stuhle zu sitzen, auf dem gewiß Hexen, wenn nicht gar der leibhafte Gottseibeiuns gesessen. Lieber wollte er sein kleines Amt und mageres Brot verlieren.
»Kann ihm nicht ganz unrecht geben,« bestätigte der Vogt, mit seinem tiefroten Kopfe gnädigst nickend. »Aber ein Protokoll muß sein, und müßte es in der Luft geschrieben werden.«
»Solches wäre doch reine Hexerei!« spottete der Student.
»Ein ganz erschrecklich böses Maul!« polterte der Gestrenge. »Man wird augenblicklich schweigen. Er aber, Petrus Hänflein, mag sein Protokoll dort am Fenstergesimse schreiben. Quod non est in actis, non est in mundo. Pah, man weiß, was Rechtens ist. Also, ist Er bereit?«
»...... Nach solchem ging man an Untersuchung des Zimmers und fand, wie folgt:
1. Auf dem Tische mit Kohle gezeichnete, sonder Zweifel ganz teuflische Gestalten und böse Zeichen, beinebst einigem Blute.
2. Auf dem Schranke neben dem Bette einen greulichen, wahrhaften Totenkopf, höchst wahrscheinlich bei einem Hexensabbate vom Bösen zu zauberischen Zwecken gegeben.
3. Unterschiedliche Büchslein mit ganz verdächtigen Kräutern.
4. Eine nicht geringe Menge von Gläsern und Fläschlein, gefüllt mit Wassern und Fett, so vermutlich von gebratenen Kindern herrührt.
5. Ist sonderlich auch als ein gar schrecklich Zeichen sicheren Bündnisses mit dem Satan zu bemerken, daß im ganzen Zimmer nicht Kreuz noch Weihbronnen zu finden.«
Der Schreiber spritzte die Feder aus, und der Vogt wischte sich den Schweiß von der Stirne. Als er die Alte ansah, bemerkte er, daß ihr Blick fest nach einem Winkel des Zimmers gerichtet war. Und als er dort eine mächtig große Spinne erschaute, die langsam mit ihren dünnen Beinen an der grauen Wand hinankrabbelte, da drückte er seinen Hut fester auf den Kopf und eilte mit den Worten: »Das ist der Teufel selbst!« aus der Stube. Ihm nach folgten die Schergen mit den beiden Gefangenen und zuletzt Herr Petrus Hänflein, große Kreuze mit zitternder Hand schlagend.
Unten auf der Straße wogte viel Volk auf und ab und flüsterte sich in die Ohren. Tiefe Stille herrschte, als der Vogt und die anderen mit ihm ins Freie traten. Wie sie die Köpfe zusammensteckten, die Vettern und Basen, und wie sie die Hälse reckten, die Ehrentapfern, und sich anstießen: — »'s ist 'ne Hexe, hab's schon längst gesagt.«
Der Zug setzte sich in Bewegung. Voraus ein Scherge, dann die alte Bernin, am Halsstricke geführt von einem Knechte. Hinter ihr der Student, die Hände über dem Rücken gebunden, das schöne Antlitz von Zorn und Schmerz und Beschämung verzerrt. Rings Schergen und zuletzt stolz aufgerichtet wie ein siegreicher Feldherr der Vogt und ihm zur Seite schleichend, zitternd der Schreiber mit dem Protokolle.
Die Menge folgte schiebend und drängend und wandte ihre Aufmerksamkeit immer mehr dem Studenten zu, dem infolge der bis aufs äußerste gesteigerten Aufregung die hellen Tränen über die zuckenden Wangen rollten.
»Was es nur mit dem sein mag?« flüsterten sie und bückten sich, um ihm recht unters Gesicht schauen zu können. »Sieht doch mehr einem frischen Jungen als einem Hexenmeister und Zauberer gleich!«
»Mein Gott,« schalt ein anderer mit lauter Stimme und schielte dabei nach dem Vogte, »heutzutage ist alles verhext und verteufelt, am Ende auch noch die Herren am Gerichte. 's ist ein häßlich Leben in unserer Zeit!« — —
Gegenüber dem Grafeneckersturm an der Ecke des Platzes mit dem großen Brunnen steht ein stolzes Haus. Aus seinen geöffneten Erkerfenstern schaut hinter lieblichen Rosen ein herrliches Mädchenangesicht auf die vorüberwogende Menge nieder. Das dunkelblaue Sammetgewand, von goldgesticktem Gürtel umschlossen, blickt wie nächtiger Himmel hinter dem blühenden Blumengesträuche hervor, während das engelmilde Antlitz mit den großen Vergißmeinnichtaugen und mit der goldenen Lockenpracht dem Monde gleich in sanftem Glanze widerstrahlt.
Der Zug ist vorüber; ein tiefschmerzlicher Blick aus schönen Augen hat ihn mit einer Träne gegrüßt. Nun schließen sich die Fenster, und es ist, als sei der Mond untergegangen.
Edeltraut war auf ihre Kniebank vor dem Bilde des Gekreuzigten niedergesunken. Die zarten Hände bedeckten das glühende Antlitz, die Seele suchte nach Gebet und fand es nicht und rang sich fruchtlos müde.
»Tochter,« unterbrach der Greis das Schweigen, »Edeltraut, du weinst!«
Das Mädchen erhob sich langsam, strich die Locken aus der Stirne und küßte den Alten.
»Ja, Vater, ich habe geweint,« sprach sie, mit dem weißen Tuche sich die Augen trocknend.
»Und warum, Kind? Bist du nicht glücklich? Bist du nicht die schönste Maid im Frankenlande, hast du nicht einen Vater, der dich innig liebt? Bist du nicht reich und angesehen, und, was dein höchster Schatz und Schmuck ist, bist du nicht gut und rein und schuldlos wie ein Morgensonnenstrahl? Und dennoch Tränen?«
»Ich will's Euch klagen, Vater. Als ich dort am Fenster stand und auf meine Rosen glücklich niederschaute, und sie mir duftige Frühlingsmärchen erzählten, drang dumpfes Wogen von der Straße herauf zu mir. Sie brachten wieder ein armes Opfer des schrecklichen Hexenwahnes an unserem Hause vorüber. Die alte Bernin war's, du kennst sie ja! Und hinter ihr ging — zwischen Schergen — gebunden — ach!«
»Um Himmels willen, Tochter, golden Kind!«
Das Mädchen war wie zur Leiche geworden und vor des Vaters Füßen zusammengebrochen.
Der Greis zog mit stürmischer Hand die Glocke, und bald hatten helfende Hände die Bewußtlose auf ein Ruhebett gebracht. Das Leben kehrte allmählich in den schönen Leib zurück, schwach zitterte der Atem aus der Brust herauf und durch die blassen Lippen, und dann drang zwischen den Lidern eine große, volle Träne hervor und erstarrte wie ein Demant auf den blassen Wangen. Und nun schlug sie langsam die schönen Augen auf, Vergißmeinnichte ohne anderen Glanz als den des Schmerzes.
Sie suchte nach des Vaters Hand. »Nun ist's besser.«
Der Greis sah mit tiefem Kummer auf sein Kleinod nieder, das ein ihm unbekanntes Leid zum Tode verwundet hatte.
»Setzt Euch, Vater, nahe zu mir und laßt mich reden! Das macht das Herz mir leichter und das Leid wohl weniger hart. Hinter ihr,« fuhr sie in ihrer Erzählung flüsternd fort, indes ihr geistiges Auge alles noch einmal schaute, — »führten sie gebunden, schmerzzerrissen unseren Heinrich.«
»Nicht möglich!« rief der alte Göbel händeringend aus. »Heinrich, der goldene Junge?«
»Es ist so. Nun sollt' ich Euch ein ernst Geständnis machen; doch versagt die Seele und die Zunge ihre Kraft. So Ihr mich liebt, mein teurer Vater, schickt nach dem Pater Spee. Sagt ihm, es gelte einer wunden Seele Trost und Labung zu bringen und, wenn es möglich ist, auch Heilung tiefem Schmerze.« —
Die Schatten des Abends wurden länger und tiefer und der Hauch der Lüfte kühler. Die Rosen an dem Erker des alten Ratsherrn Göbel senkten müde das Haupt und schlossen ihre Kelche mit zartem Blattwerk, damit nicht Mondlicht zu tief ins kleine Blumenherz sich drängte.
Ein letzter Sonnenstrahl flog grüßend über Edeltraut — vielleicht hat er ihr Licht ins dunkle Herz geschienen.
— »Gott segne es Euch, mein Pater, daß Ihr gekommen seid,« grüßte der Ratsherr, den eintretenden Jesuiten in seinem Gemache empfangend. »Meine Tochter verlangt nach Euch. Das Kind drückt tiefes Leid, das Ihr ihm lindern sollt. Doch erst noch eine Frage. Kennt Ihr den Heinrich Schmauß, den prächtigen Studenten? Ihr kennt ihn also! Der Junge kam gar oft in unser Haus, weil mich sein Lautenspiel und Sang, sowie sein reines, frisches Herz erfreute. Ich liebte ihn wie ein zweiter Vater und er hing einem guten Sohne gleich an mir. Nun haben sie ihn heute eingefangen, zugleich mit dem alten, bösen Weibe, der Ammfrau Bernin.«
»Ich weiß darum,« entgegnete der Pater. »Ich komme eben aus Heinrichs Kerker, da er sogleich nach seiner Gefangennahme nach mir verlangte. Er ist rein und schuldlos, dies Wort mag Euch zum Troste dienen; aber töricht war es von ihm, jetzt, da die Welt in Finsternis sich badet, auch nur den Schein des Bösen auf sich zu laden. Nennt es Keckheit, Übermut, vielleicht auch Frevel, was er tat. Er hatte längst von jener Alten gehört, die mit ihrem abergläubischen Treiben aus reinem Eigennutz so vieles Unheil stiftete. Er stritt und kämpfte mutig überall mit seinem klaren Geiste gegen Wahn und Aberglauben, und um dies noch besser tun zu können, suchte er die Alte selbst auf und ließ sich zeigen, worin denn ihre Kunst und ihr Geheimnis bestünde. Und eben, als die Ammfrau Bernin ihm ihr gottlos albernes Handwerk zeigte, traten Vogt und Schergen bei ihr ein.«
»Glaubt Ihr, mein Pater, es könnte für den Jungen von übeln Folgen sein?« fragte bekümmert der Ratsherr.
»Ich fürchte alles, hoffe wenig,« antwortete Spee. »Ja,« fuhr er fort, »wenn Vernunft und Gerechtigkeit zu Gerichte säßen, dann könnte die Unschuld wieder frei aus Kerker und Banden hervorgehen. Solange aber eine verblendete Justiz die Mordfackel schwingt, Scheiterhaufen baut und Verbrecher macht, ist jede Hoffnung Torheit. Doch, überlassen wir die Zukunft Gottes weiser Fügung! Er wird auch hier stets und überall der Sieger sein.«
Der Pater trat mit dem Ratsherrn Göbel in Edeltrauts Gemach, das von einer Lampe schwach erleuchtet war.
»Gott segne dich, mein Kind!« sprach Spee zum Gruße.
»Dank, ehrwürdiger Vater,« entgegnete das Mädchen, die Augen niederschlagend. »Ich hab' Euch zu mir gebeten, damit Ihr Ruhe in mir schafft. Ihr kennt mich, wie ich bin. Seit Ihr meine Seele leitet, habe ich Licht und Schatten Euch vertraut. Und doch — es ist — wie soll ich's nennen nur — ein Fühlen in der Seele mir erwacht, das —«
»Sprich, Edeltraut! dein Leid will einen Namen und dann guten Rat.«
»Ich war ein Kind, als sie die Mutter für ewig schlafen legten. Am Schmerz, den ich um sie getragen, maß ich meine Liebe. Mein ganzes Herz trug ich vom Grabe weg in meines Vaters Liebe über, ein großes, heiliges Glück! Sonst liebte ich wenig mehr auf dieser Erde. Meine Blumen, diese Gottesaugen, hatte ich freilich innig lieb; doch war's ein kindlich reines Minnen. Nun ist es anders geworden. Gnade, Pater, — habt Erbarmen, Ihr, mein alter Vater, wenn ein Geständnis über meine Lippen kommt, das Euch erschreckt. Als sie den Heinrich heute einem Verbrecher gleich an meinem Fenster vorüberführten, da stach ein Schmerz durch meine Seele, der nicht Mitleid war — 's war Liebe! Wie oft, wenn er zur Laute Euch die schönsten Lieder sang, schaute ich begeistert in dies reine Auge! Wie oft hatte ich einem Kinde gleich seinem Worte gelauscht, wenn er von Herrlichem so herrlich sprach — ich ahnte es nicht — er wollte es nicht — und doch, es ist geschehen!«
Die letzten Worte sprach das Mädchen mit immer leiserem Geflüster. Ein tiefes Rot lag über ihrem Antlitze — ein Engel hatte es wohl über sie gehaucht.
»Ist's Sünde, Vater, was ich fühle, so sagt es, ist es auch hart — ich kann vergessen; denn Sünde will ich nicht! Ist es aber gut vor Gott, vielleicht selbst Gottes liebendes Werk, dann laßt mich es wissen, laßt mich glücklich sein!«
»Es ist nicht Sünde,« sprach der Jesuit in mildem Ernste, »wenn reinen Herzens sich der Mensch zum Menschen kehrt. Doch ist's ein Weg voll bunter Blumen, die viel Gift enthalten und Schlangen bedecken. Da bedarf es treuen Betens und steter Wachsamkeit.«
»Und was sagt Ihr, mein teurer Vater?« fragte schüchtern das Mädchen.
»Gott segne dich und deine Liebe, wenn sie sein Wille ist!« sprach feierlich der Greis.
»Nun bin ich ruhig. Doch eine Bitte, guter Pater! Ich weiß es und mein Herz sagt mir das gleiche, sie haben Heinrich unschuldig ins Gefängnis geworfen. Sorgt für ihn und sprecht für ihn und macht ihn wieder frei. Sagt selbst, ist es möglich, daß Schuld auf diesem Herzen lastet? — Ihr saget nein — habt Dank! Und ist er frei geworden, dann will ich mit der Lerche Dankeslieder jubeln. Dann soll mein Herz der Rose gleichen, die dem Himmel Lust und Schönheit dankt und, wenn auch in der Erde wurzelnd, doch dem Himmel angehört!«