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Die Hexenrichter von Würzburg

5. Kapitel: Ein blindes Kind - ein blinder Richter

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In einer Gasse, nahe der Marienkapelle, ragt unter den hochgiebeligen, schmalen Häuschen, an denen mehr die Laune als der Zirkel und das Winkeleisen maßgebend war, ein stattlicher Bau hervor. Die Fenster gucken nicht in bunter Regellosigkeit aus dem Mauerwerke, sondern teilen sich gleichmäßig in die hohe, breite Wandfläche. Das Eingangstor ist niedrig und von Säulen getragen, Larven grinsen vom Torbogen hernieder, nun Zorn, nun Mut, Trotz und Verachtung im Steine widerspiegelnd. Ein schönes Stiegenhaus führt nach dem ersten Stocke, der Wohnung des gestrengen Rates Gering.

Ein mürrischer alter Herr. Der Körper ist noch wuchtig, das Alter hat ihn noch nicht angefressen, es hat ihn nur etwas außer Rand gebracht. Die Haare sind kurz geschnitten und stark ins Graue spielend. Die Augen groß und stechend, das Gesicht fleischig und hochgerötet, der Mund trotzig aufgeworfen.

Die Arme über die Brust verschränkt, geht er mit festen Schritten in der großen Familienstube auf und ab. Ein tiefer Unmut scheint sein Herz zu quälen und seine Gedanken zu peitschen; denn zuweilen stampft er zornig auf den Estrich oder trommelt Sturm an den kleinen Fensterscheiben, daß sie klagend klirren.

In einer Ecke sitzt ein Mädchen von etwa siebzehn Jahren. Die dunkeln Locken fallen in lieblicher Unordnung über die weiße Stirne und an den blassen Wangen herab. Die ganze Gestalt ist unendlich fein gegliedert; mehr ätherisch als der Körperwelt verwandt. Das glanzlose Auge stiert tot bald nach der Decke, bald nach der Stelle hin, wo der Ratsherr sich hörbar macht. Stille Ergebung ist über das bleiche Antlitz gehaucht, jener eigentümliche Zug, der wie lächelnder Schmerz, wie ein blumiges Grab anmutet.

Ein Schwesterchen von sechs Jahren sitzt neben dem blinden Mädchen und schmiegt sich furchtsam an dasselbe, indes die großen, klugen Augen unverwandt auf den Vater gerichtet sind, der so unwirsch tut und, seit er aus der Gerichtsstube heimgekehrt ist, noch kein freundliches Wort für seine Kinder gefunden hatte.

Nun bleibt der Rat vor den beiden Mädchen stehen. Der Anblick der blinden Tochter stimmt ihn weich. Und je länger er auf seinen Liebling schaut, um so milder wird sein Ausdruck, um so friedlicher sein Auge. Er beugt sich nieder und drückt einen stummen Kuß auf den lockigen Scheitel.

»Vater!« ruft Elsa und breitet die Arme.

»Hier bin ich, mein Kind!«

»Dank für den Kuß, tausend Dank!«

»Elsa!«

»Was willst du, Vater?«

»Hast du heute für mich gebetet?«

»Ja. Ich tat's aus ganzer Seele. Als du am Morgen von uns schiedest, da botest du mir auf, dich ganz besonders in mein Gebet zu schließen. Ich ließ mich in die Marienkapelle führen, und dort gedachte ich deiner und der Sorge, die dich drückt. Wir Blinde,« fuhr sie lächelnd fort, »können, ich glaube es wenigstens, viel besser beten als die anderen Menschen. Uns stört kein äußerer Eindruck, wir sind mit Gott allein. Uns decket Nacht und Finsternis, kein Sonnenlicht grüßt freundlich durch das Auge in das Herz, und was ihr Glückliche von Blumenpracht und Frühlingsherrlichkeit erzählt, ist uns ein Rätsel, dem wir nicht Gestalt noch Farbe geben können. Gilt es aber ein Leiden mitzufühlen, des Nächsten Schmerz zu fassen, dann sind wir nicht mehr blind, dann sehen wir gleich anderen, weil wir doppelt fühlen. Und erst, wenn eines Blinden Seele betet, Vater, da wird es Licht, so hell und klar und fleckenlos, daß euere Sonne wohl nicht schöner leuchtet. Da gibt uns Gott ein Glück, das ihr nicht ahnt, da schauen wir, was ihr nicht sehet, und fühlen uns so nahe Gottes Herzen, weil wir so ganz von der Welt geschieden sind.«

»Das nennst du Glück!« sprach der Ratsherr in weichem Tone. »Gott erhalt' es dir! Denn ohne Trost ist Blindheit wie ein Grab, in dem man lebend seines Todes harrt.«

Er nahm seine Tochter und führte sie nach seinem Sorgenstuhle.

»Setz' dich hieher und laß mich mit dir reden. Gerade weil dein leibliches Auge nie die Welt geschaut hat und alles, was du sprichst, ein reiner Widerhall deines Herzens ist, lege ich so gerne, was mich drückt, in deine Seele nieder. Sieh', diese Hand, die hier auf deinem Scheitel ruht, hat heute wieder ein Todesurteil unterzeichnet.«

Das Mädchen schrak zusammen. Zitternd entzog es sich der Berührung und streckte die Hände abwehrend aus.

»Verzeih', Vater, ich fürchte dich! O rühre mich nicht an, nur heute nicht, ich bitte dich!«

»Elsa, sei vernünftig,« mahnte der Alte etwas verdrossen. »Wie magst du so hart gegen deinen Vater sein?«

»Laß mich,« sprach das Mädchen. »Ich kann meiner Seele nicht gebieten, wenn sie in kalten Schauern liegt. Mich friert's im Herzen, als wäre Tod und Nacht dort eingekehrt.«

»Weißt du nicht, törichtes Kind, daß Gott dem Richter jenes Schwert gab, das zwischen Recht und Unrecht, Tod und Leben, Schmach und Ehre strenge scheidet? Wie magst du in der Seele Schrecken fühlen, wenn ich dieses Schwert in Gottes Namen richten ließ?«

»Du hättest recht, wenn es nicht jenen armen Wesen gälte, die ihr Gestrenge als Hexen an den Henker liefert. Vater,« — des Mädchens Stimme ward nicht bittend, ward befehlend — »Vater, sage mir vor Gott, gibt es Hexen?«

»Törichtes Ding, das du bist, ja!« stieß der Alte hastig heraus.

»Und glaubst du und kannst du es mir, deinem armen blinden Lieblinge, auf Hand und Wort und treue Vaterliebe versichern, daß alle jene wirklich Hexen waren, die dein und der anderen Räte Spruch dem Tode weihte? — — Vater, du antwortest nicht? — Habe ich mit meiner Frage zu tief ins Herz, wohl gar in dein Gewissen mich gedrängt? — — Vater, sprich, ich bitte dich!«

Der Alte sah mit einer Mischung von Zorn und Schmerz und Liebe auf seine Tochter nieder.

»Was soll dies alles?« zankte er mißmutig. »Habt ihr Frauen euch in unser ernstes Amt zu mengen?«

»Nein, Vater. Ich weiß, des Weibes und der Tochter Heim ist Haus und Familie. Darüber hinaus soll sie nicht ihr Denken und Begehren richten. Aber gerade darum, weil der Kreis so enge, noch mehr, weil er so heilig ist, will auch das Frauenherz, daß alles, was mit ihm die Luft des Hauses und der Liebe atmet, rein sei, ohne Fehl und Makel.«

»Das ist ganz schön und recht und gut. Ihr Frauen seid, so hart man euch entbehren würde, mit eueren Herzen und Gefühlen eine wahre Last.«

»Sag' das nicht, Vater! Das spricht der Unmut nur aus dir. Hab' ich dich lieb?«

»Weiß Gott,« rief der Alte feuchten Auges, »du bist durch deine Liebe all mein Reichtum!«

»Und glaubst du, daß nur ein Wort über meine Lippen käme, das nicht die Liebe zu dir spricht?«

»Gewiß, mein golden Kind, gewiß!«

»So laß mich reden. Du weißt, Vater, wie arm ich bin. Nichts — nichts ist die Welt für mich. Was euch, wenn ihr gestorben seid, die Erde ist, ein gähnendes Grab in schwarze Nacht gehüllt, das ist das Leben mir. Ihr pflückt mit euerem Auge tausend Lebensfreuden, ich kann das nicht! Wo das Herz allein nach Freuden sucht, da ist die Beute arm, doch soll sie dann doppelt wertvoll sein. Was habe ich Gutes hier als dich, mein Vaterherz? Doch dich — dich möchte ich mit all dem Reichtume meiner Liebe überschütten können, den ich — ich möchte sagen, Gott sei Dank, der Welt nicht schenken kann! Ich vermag dich nicht zu sehen, Vater, wie du bist. Dein Wort, dein Kuß, dein liebendes Walten zeichnet mir dein Bild. Und sieh, dies Bild ist mir so unantastbar heilig, daß niemand es entweihen darf, auch du nicht, — du am wenigsten!«

Der alte Gering ließ die Tränen, die ihm aus den treuen Augen flossen, ungehindert über die Wangen gleiten. Waren es doch Tränen, mehr vom Glücke als vom Leide geweint.

»Sei zufrieden, Elsa! dein Vater sucht sein Glück in deiner Liebe und Trost aus deinem Munde. Laß mich dir klagen, was mich heute so tief erregt, daß ich nicht Ruhe finden mag, es wäre denn, du, Else, löstest mit dem Kampfe mir auch das Leid. Du weißt, daß jüngst die alte Ammfrau Bernin als Hexe gefänglich eingezogen wurde. Im ersten Verhöre blieb sie kalt und trotzig und kein Geständnis irgendwelcher Schuld kam über ihre Lippen. Da ward die Marter an ihr versucht, und nicht geringe. Sie stöhnte, ächzte, fluchte — endlich als die Kraft zu brechen schien, versprach sie ein Bekenntnis ihrer Schuld. Das sollte heute abend vor sich gehen. Ich weiß, was die andern Räte von solchen Bekenntnissen halten, sie sind ihnen allen bare Wahrheit, auf die sie dann Erkenntnis und Richterspruch aufbauen. Du weißt, wie oft ich zu Gericht gesessen, mit Gott und guter Ehre; so schwer, so ahnungsdüster aber wie heute war mir nie zumute. Da drinnen wühlt ein nagender Gedanke, mir ist's, als hinge schweres Unheil über dir und mir.«

»Ist Gottes Hand nicht gnädig über uns?«

»Ich weiß es nicht!«

»Doch, Vater! Gott schützt uns. Und willst du dieses Schutzes sicher sein, so sei barmherzig mit den Armen, die ihr Herren Hexen nennt. O, folge nicht dem dunkeln Wahne, daß überall des Teufels List und Macht sich finde. Nicht jene Armen, ihr, ihr Richter seid es, die den Hexenglauben und den Teufelsspuk nicht sterben lassen. Tritt nicht, mein Vaterherz, in jene falschen Spuren, sei stärker, weiser als die Welt um dich, gib du Gott und deinem Glauben allein die Ehre, und auch in deinem Herzen werden dann Friede und Gerechtigkeit sich küssen.«

Der Alte stand mit verschränkten Armen vor seinem Kinde, das sinnende Haupt tief auf die Brust geneigt. Friede und Gerechtigkeit — ein goldenes Wort, wenn diese im Menschenherzen sich begegnen, küssen! — —

Die Turmuhr vom Dome her schlug die vierte Abendstunde. Der alte Gering warf seinen Mantel um, drückte den Hut sich auf den Kopf und schied mit stummem Kusse von seiner Tochter. — —

Durch die hohen Fenster, geziert mit buntgemalten Schilden und Wappenbildern, fällt der abendliche Sonnenstrahl in einen großen, niedern Saal. Die Wölbung der Decke ruht auf kurzen, dicken Säulen, der Boden ist mit rotem Sandsteine in großen Quadern eingelegt, nach oben steht ein langer Tisch mit Kreuz und Evangelium darauf, um ihn hochlehnige Stühle mit gepreßten Lederpolstern.

In einer Ecke stehen die Räte des Malefizamtes, teils miteinander gar geheimnisvoll flüsternd, teils mit hochgezogenen Brauen in den Akten blätternd. Auch Gering befindet sich unter ihnen, mißmutig, schweigsam, nur hie und da mit stummem Nicken oder Achselzucken eine an ihn gerichtete Bemerkung erwidernd.

Der Eintritt des Oberschultheißen, begleitet von zwei Sekretären und dem Malefizschreiber Petrus Hänflein, macht die Räte verstummen.

Der Oberschultheiß, ein kleiner, hagerer Mann, grüßt gnädig nach rechts und links und nimmt seinen Platz ein, zu beiden Seiten reihen sich die Räte an. Auf seinen Wink wird durch eine Seitentüre die alte Bernin hereingeführt. Die Hände sind mit Ketten belastet, der Gang ist schleppend, zögernd, als stäche bei jedem Schritte ein tiefer Schmerz durch den bebenden Leib.

Sie steht den Richtern gegenüber, zornig — trotzig blickend, die Ketten schüttelnd, daß sie klirren und rasseln.

»Sie, Gertraud Bernin,« hob der Oberschultheiß an, »sonst auch die Ammfrau genannt, ist angeklagt der bösen Zauberei. Man hat Sie heute erst in Güte, dann in strengem Ernste gefragt, was Sie zu bekennen habe, und ist endlich zur Tortur geschritten, worauf Sie flehentlich bat, man möge Ihrer schonen, Sie wolle alles getreulich bekennen.«

»Ich habe nichts versprochen,« entgegnen kurz die Alte und schüttelte den Kopf mit den losen weißen Haaren.

»Sie scheint dem alten Trotze zu verfallen? Gedenkt Sie noch der Marter, unter der Sie heute morgen ächzte?«

»Ja. Die Herren ließen die Sache deutlich genug machen, daß man sie so leicht nicht vergißt.«

»Will Sie nun bekennen?«

»Was denn?«

»Daß Sie eine Unholdin ist und eine Hexe!«

»Nein.«

»Wenn Sie auch nicht bekennen wollte, so ist solch großer Trotz schon sicherer Beweis, daß Sie im Bunde mit dem Bösen steht.«

»Meint Ihr?« grinste die Bernin. »Und wenn ich nichts zu bekennen hätte? Wenn all euere Weisheit, ihr Herren, sich vergebens an mir abmüht, um jene Schuld zu finden, von der ihr träumt, die ich aber nicht auf mir habe? Ich bin nicht Unhold, bin nicht Hexe — ich schwöre es euch, so wahr ein Gott im Himmel lebt!«

»'s ist schrecklich, wie Sie lästert! Hat Sie denn nicht geheimnisvolle Kräuter in Menge in ihrer Stube aufbewahrt?«

»Geheimnisvolle Kräuter!« höhnte die Alte. »Kennt Ihr denn nicht die Springwurz?«

»Springwurz!« wiederholte der Oberschultheiß nachdenklich. »Was sagte doch die dicke Hökerin, die wir verbrannt, von diesem Kraute aus?«

»Ist mir sehr wohl erinnerlich,« sprach Hans Offterdach, der zweite Rat. »Die Springwurz, bekannte jene Malefizperson, muß, wenn sie anfängt in die Blume zu schießen, in des Bösen Namen gepflückt werden. Hält man solch ein Kraut ans beste Schloß, so springt es auf, als würde es mit dem Schlüssel geöffnet.«

»Bene, optime,« bestätigte der Oberschultheiß; »sieht Sie nun, welch böses Kraut die Springwurz ist, und wie es sonnenklar am Tage liegt, daß sie es mit dem Teufel hält?«

»Wie klug ihr Herren seid! Wenn doch die Springwurz solche Kraft besitzt, wie kommt es dann, daß nicht die Türen, Tore und Kisten und Kasten von ganz Würzburg damit aufgesperrt und ausgeplündert werden? Oder macht die Probe! Gebt mir meine Springwurz zurück und laßt es mich versuchen, die Schlösser hier an meinen Ketten und das Eisenschloß an meiner Kerkertüre aufzusprengen; gelingt es mir, dann mögt ihr mit mir tun nach euerem Belieben; wenn nicht, ist's euere Pflicht, mich wieder freizugeben.«

»Da sei Gott vor!« rief der Oberschultheiß aus; »Sie will die schwere Schuld, so auf Ihr lastet, mit losem Spotte von sich wälzen? Nein, solchem Frevel leiht ein frommes Gericht nicht Ohr noch Hand. Item. Man fraget Sie, was in den Fläschlein allen enthalten, so sich bei Ihr gefunden?«

»Läusewasser für die dummen Bauern,« gab die Ammfrau fest zurück.

»Nicht möglich.«

»So, warum denn nicht? Wohl weil es Euch nicht in das Kredo paßt. Ist doch so!«

»Und der Totenschädel?«

»Das dacht' ich wohl, daß Euch der bange mache. Der Totenschädel ist vom Hochgerichte. Dort fand ich ihn unterm Galgen. Die Raben hatten ihn vom Fleische freigemacht, wohl auch die Ameisen. Mir gefiel er, ich nahm ihn mit nach Hause. Was geht das Euch an?«

»Zu welchem Zwecke?«

»Ich wollte Gimpel damit schrecken.«

Der Oberschultheiß fuhr des Zornes voll in die Höhe. »Weiß Sie, daß Sie eine ganz unnatürlich boshafte Persona ist? Solch lose Rede käme nicht aus Ihrem Munde, wenn nicht der Satan aus Ihr spräche. Ein neuer, deutlicher Beweis, daß Sie im Bunde mit dem Bösen steht.«

Die alte Bernin sah den Richter mit unverkennbarer Verachtung an.

»Dann,« fuhr der Schultheiß fort, »ist Sie auf frischer Tat angetroffen worden, wie Sie einem Studioso aus geheimen Zeichen wahrgesagt.«

»Ja, das kann ein jeder, der es will; er braucht nur einen, der ihm glaubt.«

»Und Blut war auch dabei?«

»Ei freilich! Ohne diesen Saft glaubt ja kein Mensch an Wunderbares. Ihr Herren selbst habt ja das Blut so gerne. Nur zapft ihr alles ab; mir war ein Tropfen Blutes genug.«

»In Ihrem ganzen Losament war weder Kreuz noch frommes Bildwerk, noch ein Weihbronnen zu sehen. Das hat Ihr wohl der Teufel anbefohlen, als Sie ihm Leib und Seele verschrieb?«

»Was Ihr nicht alles wißt! Nein, nicht der Teufel, ich selbst hab' Kreuz und Weihwasser von meiner Stube ferngehalten. Ich mag beides nicht. Das ist der Grund!«

Der Oberschultheiß und die Räte rückten vor Entsetzen mit den Stühlen und wischten sich den Angstschweiß von der Stirne.

»Hab' euch erschreckt, ihr Herren. Tut mir leid. Ich glaub' an einen Herrgott, ja. Doch mehreres? — Da lasset mich in Ruhe! Wenn wahr wäre, was ihr Gott und Gottesliebe nennt, dann wäre nicht die Welt in Glück und Elend auseinandergerissen, dann säße nicht die Schuld auf dem Richterstuhle und verdammte die Unschuld.«

»Horribile! — Ihr werten Herren Räte, beachtet wohl das Übermaß von Trotz und Bosheit, so aus diesem Weibe spricht,« mahnte der Oberschultheiß, sich an seine Beisitzenden wendend.

»Endlich hat man beobachtet,« fuhr er fort, »daß sich in Ihrem Zimmer eine ganz unnatürlich große Spinne gezeigt hat, mit der Sie höchst verdächtige Blicke gewechselt hat. Das war doch wohl der leidige Gottseibeiuns?«

»Herr, Ihr werdet lustig. Wer hat die Spinne gemessen? Und bin ich's allein, an deren Wänden Spinnen laufen? Ei, geht doch durch die Stadt und forscht und spürt nach Spinnen; ich wette, 's wird Euch bange, die ganze Stadt ist dann des Teufels, und Ihr auch.«

»Sie verharret also hartnäckig in Ihrem frechen Leugnen?«

»Hab' nichts zu bekennen.«

»Der Henker trete ein!«

Die Alte zuckte zusammen. Angst, Haß und wilder Zorn blitzten aus ihren Augen, ein Schauer schüttelte ihren Leib, daß die Ketten klirrend aneinanderschlugen. Einen Augenblick schien sie zu wanken; dann reckte sie den Leib in wildem Grimme, warf stolz das Haupt empor und maß den eintretenden Henker mit glühenden Blicken.

»Bekennt Sie nicht?« fragte der Oberschultheiß zum letzten Male, sich erhebend.

Die Ammfrau stieß ein grelles »Nein« heraus.

Der Richter winkte.

Die Alte ward an Brust und Rücken entblößt. Ein Jammerbild von einem Leibe, dem Tode gleich, der sich in welke Haut gekleidet.

Der Henker band sie auf einen Stuhl und sah fragend nach dem Oberschultheißen hinüber. Dieser gab das Zeichen, und Streich um Streich fiel auf den knochigen Rücken.

Streng und kalt sahen sie dem Schauspiele zu, die weisen Herren; sahen, wie ein alter Menschenleib sich unter wilden Schmerzen krümmte, wie Blut die Stellen bezeichnete, wo sich die Rute in das welke Fleisch gegraben; sie hörten, wie die Brust dem Schmerze durch Stöhnen, Ächzen, schrille Schreie Ausdruck gab: — sie sahen's alle mit ruhigem Auge an, nur einer wandte den Blick und zuckte bei jeglichem Streiche, bei jedem Schmerzensrufe — es war der Ratsherr Gering. Ein gräßliches Bild stieg da vor seiner Seele aus. Ihm war's, als quälten sie dort die blinde Elsa, seinen Liebling; und jeder Streich, der schwirrend, pfeifend niederfiel, und jedes Ach, das durch die dumpfe Stille drang, schrie: Elsa! —

»Genug!« befahl der Oberschultheiß nach dem sechzehnten Rutenstreiche.

Der Henker trat zur Seite, seine Rute prüfend.

Die Ammfrau warf einen Blick nach dem Gestrengen, aus dem einen Augenblick ein Strahl von Dankbarkeit leuchtete; sogleich aber ging dieser wehmilde Zug wieder in Grimm und Haß über, welche ihre Seele quälten, wie der grausame Schmerz den Leib.

»Wird Sie nun wohl bereit sein, Ihre Schuld zu gestehen?« fragte tonlos der Oberschultheiß.

Die Alte starrte vor sich nieder. Ihre Glieder zuckten, die Lippen aber blieben fest geschlossen.

»Ich warne Sie vor dem nächsten Grade peinlicher Tortur!«

Sie schlug die Augen auf und sah die Richter der Reihe nach mit trockenem, glühendem Blicke an. Und als sie dem Ratsherrn Gering ins Antlitz schaute, da war es erst wie Frage, wie Bitte um Erbarmen, dann wieder wie Rache, blutige Rache, was ihr Auge sprach.

»Ich habe nichts zu bekennen.«

Ein neuer Wink an den Henker.

Dieser löste die angstvoll schauende Alte vom Stuhle los, legte sie auf den Boden und band ihr Hände und Füße. Dann zog er durch die Bande einen Strick, der durch einen Ring laufend von der Decke hing, erfaßte das Ende desselben und zog, seine Füße fest gegen den Boden stemmend, die Ammfrau ruckweise in die Höhe.

— Und sie schauten auf, wie die Alte zwischen Decke und Estrich hing, ein Knäuel, ächzend, stöhnend, röchelnd, die Schergen der Gerechtigkeit, nicht ahnend, daß ihr Andenken in Ewigkeit der Schmach, der tiefsten Schmach, anheimgefallen! —

»Noch kein Geständnis?«

Ob wohl die Arme diese Frage hörte? Ob nicht der Schmerz die Sinne band und sie in seinen dunkeln Wellen begrub?

Keine Antwort.

»Ad tertium torturae gradum!«

»Ich denke, 's ist genug, mehr als genug,« platzte nun in hellem Eifer Gering heraus. »Was soll das heißen — Gericht oder Mord? Wißt Ihr denn überhaupt, ob nicht der Tod sie schon erlöste von Euerer Weisheit! Herrgott im Himmel, hängt Euch daran, Gestrenger, und Ihr gesteht, daß Ihr den Teufel zum Vater hattet. Dixi.«

»Hm,« näselte der Oberschultheiß und zog die Brauen hoch. »Vermessene Rede das, liebwerter Herr, fürwahr, sehr vermessen! Hier liegt das peinliche Recht, hab' ich's gemacht? Nein! Hab' ich danach zu richten? Ja! Ergo — fiat justitia! Henker, vorwärts!«

Gering erhob sich rasch, daß der Stuhl hinter ihm zu Boden fiel, und verließ den Saal.

Der Henker aber nahm ein Gewicht von mehr als einem Viertelzentner. Das hing er, den Strick um die Hüften geschlungen, der Schwebenden unter.

Ein markdurchbohrender Schrei, so namenlos wehklagend, daß er dem Henker selbst einen Blick des Mitleids abrang.

Die Glieder krachten, immer länger sich dehnend und streckend, die Sehnen bis zum Zerreißen spannend. Nun fiel der Kopf nach rückwärts, die Haare hingen fast zum Boden, mit Totenglast überzogen starrten die Augen. Und nun drang Blut hervor zwischen den regungslos geöffneten Lippen und träufelte auf den Boden.

— Auch eine Schrift in Stein, und was für eine! —

»Genug.«

Der Henker atmete auf, mit einem Rucke war die Alte zur Erde gelassen und schnell von dem Steine befreit.

»— Wehe — o wie wehe — das haben nicht Menschen getan — nicht wilde Tiere — es ist Höllenqual! — O — sie haben mir alles zerrissen — ha, Blut hier — 's ist Herzblut!«

Die Ärmste richtete sich mühsam auf, das Haupt auf den rechten Arm stützend.

»Bekennen soll ich! — Was denn? — Ja, wenn ich es nur wüßte! — O, wie es brennt und schneidet in allen Gliedern! — Rache! Ja, ich will bekennen!«

»Gebt mir Wein!« sprach sie, aus dem Geflüster ihre Stimme zu lauterem Tone erhebend. »Gebt mir Wein, dann will ich alles — alles bekennen.«

»Gott sei Dank!« rief der Oberschultheiß. »Man bringe der Malefizperson guten Wein — auf meine Rechnung — weiß Gott, ich hab' ein weiches Herz, — und dann mag sie die schwere Schuld, die auf ihr lastet, von sich wälzen durch offenes Bekenntnis.«

Die Ammfrau nippte erst, dann trank sie in langen, gierigen Zügen den großen Becher leer.

»'s ist gut — das letzte Gute wohl in dieser Welt. Habt Dank! — Und nun — nun sollt Ihr alles wissen, — was ich weiß. — 's ist kein Bekenntnis, — 's ist Schmerz und Wahnsinn, was mich sprechen lehrt. —«

»Es war vor Jahren — ich weiß nicht mehr, um welche Zeit, — da saß ich auf meiner Stube. — Der Abend war zur Nacht geworden. Wilder Sturm heulte durch die Gassen und rüttelte an meinen Fenstern. — Mein Herz war traurig — bittere Not, wohin ich sah — und nirgend Trost! Da faßte mich ein wilder Grimm — ein langes Leben hinter mir und keine Freude drin — ich fluchte Gott und rief den Satan. — Er kam — ich kann euch die Gestalt nicht gut beschreiben — ich sah ihn wie in einem Feuernebel. — Hast du mich gerufen, sprach er; sag', was willst du? — Was kannst du geben? — Alles, nur nicht den Himmel. — Den brauch' ich nicht! — — Er lachte, daß mir die Seele zu Eis wurde und die Pulse stockten. — Verleugne Gott! — Ich verleugne. — Und die, die ihn geboren. — Auch sie. — Und alle, die im Himmel sind. — Alle. — Wohlan, nun gebe ich dir Gewalt über Mensch und Tier, du sollst gebieten über Wind und Wetter, und willst du mehr — so rufe mich aufs neue — ich werde kommen. — Drauf ward es wieder finster um mich her — ich —«

Die Alte sank zurück.

»Laß Ruhe dir in deine Seele beten, Herzensvater! Dein Kind weiß keinen andern Trost.«

»O Elsa, bete, bete!«

»Gedenke, Mutter der Barmherzigkeit, daß unerhört kein Bittender von deinem Throne ging. Du, die du über Sternen thronest, des Himmels schönster Stern — gib Friede — Friede — Friede!«

»Amen,« sprach tiefbewegt der alte Gering und küßte seines blinden Lieblings Wangen. —

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