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Die Hexenrichter von Würzburg

11. Kapitel: Der Richter im Gefängnisse

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Das war ein Tag der Schande.

Die Sonne tat wohl gut daran, daß sie hinter dichtes Gewölke trat und nicht mit hellem, vollem Glanze auf ein Schauspiel niederleuchten wollte, das jeden fühlenden Menschen aufs tiefste empören mußte, nur nicht jene erbärmlichen Hexenrichter.

Aus den Wolken fiel erst leichter Regen nieder, der, immer mehr anwachsend, zum strömenden Gusse wurde. Ja, der Himmel verhüllte sein Angesicht und weinte; war doch, was er auf Erden schauen sollte, gleich schändlich und gleich schrecklich.

Der Henker hatte an beiden Jungfrauen sein Werk getan. Nur wer Spees Cautio Criminalis gelesen hat, weiß, welch eine Schmach in jenem Worte liegt. Der Hexenwahn trieb die Richter zu Dingen, die jeder Scham unbarmherzig Hohn sprachen. Es war ja nicht genug, der Mädchen jungen, zarten Leib mit ausgesuchter Pein zu martern, es mußten auch die Peinen der Seele sich noch dazu gesellen!

Aber auch das geschah im Namen des »Gesetzes«, und so heilig dieses Wort an sich dem Menschen sein muß, so große Niedertracht hat es schon in sich geschlossen.

Elsa und Edeltraut ertrugen die Folterqualen, mit denen sie körperlich mißhandelt wurden, mit einer Geduld, die nur als eine besondere Gottesgnade angesehen werden konnte; denn der rohe Henker ließ sich die Gelegenheit, so seltene Delinquenten unter seinen Händen zu haben, ganz besonders angelegen sein. Was sie aber nicht ertrugen, das war jene »gesetzmäßige« Gemeinheit, die ihrer weiblichen Ehre aufs verletzendste Hohn sprach.

Die Geisteskräfte der armen Opfer gingen in diesem schmutzigen Meere von Qualen unter, Nacht und Bewußtlosigkeit hielten ihre Sinne gefangen — es war eine wahre Erbarmung, daß sie eine tiefe Ohnmacht umfing, und daß man sie wie leblos in ihren Kerker zurücktrug.

Da lagen sie auf sprödem Stroh, und neben ihnen kniete des Kerkermeisters Weib und suchte die Wunden zu verbinden und die zarten, so arg mißhandelten Körper durch Balsam und stärkende Wasser neu zu beleben. —

Es war ein eigenes, tiefwehmütiges Bild, die gute Alte, dem sterbenden Herbste gleich, neben den geknickten, mit blutigem Tau bedeckten Blumen des Frühlings zu sehen! —

Ein trüber Morgen dämmerte nach einer leidenvollen Nacht durch die kleinen Fenster des Gefängnisses. Edeltraut lag, das Haupt auf den rechten Arm stützend, in einer Ecke. Ihr sonst so sonnenhelles Auge schien wie mit einem Nebel umzogen und sah glanzlos auf den Estrich nieder. Die langen, goldenen Haare waren dem Schermesser des Schergen zum Opfer gefallen; denn »an den Haaren hängt des Teufels Macht über den Menschen«, so behauptete jener souveräne Blödsinn, den man hohe Weisheit nannte. Zuweilen leuchtete noch der alte, stolze, edle Blick aus den beiden Vergißmeinnichtaugen; aber es war nur mehr das Aufflackern einer sterbenden Kraft, es war das Ringen eines untergehenden Lebens mit dem aufsteigenden Tode, es war wie das hoffnungsleere letzte Aufleuchten des erlöschenden Lichtes.

— — — »Was ist aus dir geworden, arme Edeltraut?« flüsterte das Mädchen in leisem Selbstgespräche. »Was ist aus dir geworden? — — — Ich weiß es nicht. — — — Mir glüht das Hirn, indes mein junges Herz zu Eis erstarrt. — — — Wo bin ich nur? — — — O wie es öde und kalt und schaurig hier in diesen Räumen ist! — — — Vater, lieber Vater!« rief sie schmerzlich und breitete die Hände bittend aus.

»Edeltraut,« entgegnete die blinde Elsa sanft, »rufe auf zum Vater, der im Himmel ist!«

»'s ist Elsas Stimme!« frohlockte Edeltraut. »Wo bist du, liebe Blume? — — — Komm, komm zu mir und küsse meine Lippen; vielleicht bringt es Ruhe in meine arme Seele, wenn eines Engels Hauch mich liebevoll umweht! — — — 's ist gut! Hab' tausend Dank! — — — Sag', liebe Elsa, wie kommt es doch, daß ich noch lebe? Glaubte ich doch, ich sei gestern gestorben, als sie mir im Gerichtssaale — — —«

Sie sprang von ihrem Lager auf und starren Auges sah sie nach der Decke.

— — — »Und du dort im Himmel droben hast es zugelassen, daß die Henker mich mit einer Grausamkeit quälten, daß kein Wort zum Dolmetsch des Schmerzes werden kann. Meinen jungen Leib haben mir die Schergen zerrissen, und alle Pein kam über meine Glieder. Allein darüber wollte ich nicht klagen; denn wer Wölfen und Hyänen in den Rachen fällt, kann nur Schmerz und Blut und Tod erwarten. Aber daß sie mir auch mit frevelhafter Hand in das Heiligtum der Seele gegriffen und eine Flut von Schmach und Schande über mich ausgegossen haben, daß sie auch an meiner Reinheit und Ehre zu Henkern wurden: das klage ich mit gebrochenem Herzen dir, o Gott! Hast du die Blumen nur darum so rein und zart geschaffen, hast du sie nur darum gelehrt, ihren Kelch selbst dem Silberauge des Mondes zu verschließen, damit dann eine rohe Hand den Blütenstaub von ihren Blättern streift und Gift und Tod in ihren Kelch versenkt?«

»O klage nicht!« bat Elsa.

»Und warum nicht?« fuhr stolz das Mädchen auf. »Nimm einem Menschen alles, was er hat und liebt, nimm ihm sein Glück, den Frieden, ja selbst den Himmel: das Recht der Klage kannst und darfst du ihm nicht nehmen. Es ist der letzte, wenn auch arme Trost, welcher jedem Leide bleiben muß. Und diesen letzten Trost will ich in vollen Zügen genießen — es ist der letzte Lichtstrahl vor dem gewissen Tode!«

Edeltraut war wieder in sich zusammengebrochen; seelenlos blickte das Auge aus den rotgeweinten Höhlen, und schlaff hingen die Arme an dem zitternden Körper herab.

»Elsa, du bist so stille,« flüsterte das Mädchen. »Ahnst du die Ruhe des Grabes?«

»Und mehr noch die Wonne des Himmels,« ergänzte lächelnd die Blinde.

»Die Wonne des Himmels!« wiederholte Edeltraut und schüttelte nachdenklich das Haupt. »Qualen, gräßliche Qualen hat meine Seele verkostet, und meinen Leib haben sie gemartert, sie, die Menschen ohne Herz und Ehre und Erbarmen — aber Wonne des Himmels? Ich verstehe das nicht! — — Gut Elschen, arme, süße Blume, was sagst du von Himmelslust?«

»Dein Geist ist wirr und deine Seele müde, liebe Edeltraut,« sprach Elsa. »Darum laß dir von dem Frieden sagen, den wir im Jenseits finden. Dir mag die Erde noch vor kurzer Zeit ein Garten voll Blumenpracht gewesen sein; mir war sie stets ein düsteres Grab. Die Anker, welche der Mensch aus seinem Herzensmeere auf der Erde sandigen Boden senkt — sie halten niemals stand in Sturm und Leiden. Hin über alle Sterne, teure Freundin, muß die Hoffnung schauen. Gott muß unser Kompaß und Anker und Segel sein, das Ziel unserer Sehnsucht und unseres Lebens, unserer Leiden Unterpfand, die goldene Abendröte nach dem wetterschweren Tage. Sieh, teure Schwester, wenn die Stunde gekommen ist, in der wir durch Tod und Grab zum Leben eingehen, in unseren Händen nichts als arg geknicktes Hoffen tragend, das sich in herbem Leide zur Dornenkrone flocht; wenn wir alle die Tränen vor unseres Herrgotts Füßen ausschütten, die wir geweint; wenn wir unser Herz zeigen, das der Schmerz wund gerissen, und, ohne unsere Lippen an dem sündigen Kelche der Erdenfreude je genetzt zu haben, bettelarm an irdischer Lust vor unseren Richter treten; noch mehr, wenn alles Leid, das die Tage unseres Lebens ausgefüllt hat, wenn die Träne und der Seufzer und jede welk gewordene Hoffnung zum stillen Opfer werden, das der Mensch aus seinem Leben in das Jenseits trägt: dann breitet Gott die Arme seiner Liebe zum Willkommen und teilt die angemessene Herrlichkeit, die er in sich genießt, mit einer solchen treuen Seele.«

»Einst hätte ich wohl erfaßt, was mir dein Wort schmeichelnd in das Herz zu reden weiß. Das war in jenen Tagen, da das Leid gleich flüchtigen Wolken über meinem Himmel zog, und noch nicht Schmach und Schande und Entehrung meine reine Seele drückten. Seit sie den Frieden und des Herzens Frühling mir gestohlen haben, ist auch mein Geist gebrochen, und die Schwingen meiner Seele sind erlahmt. Ist's doch, als läge düstere Nacht über meinem Geiste und erstarrte der Gedanke in meinem Gehirne. Es ist, als stünde alles Leben in mir stille, ich weiß, daß ich nicht zu den Toten zähle, und fühle doch mein Leben schon erstorben. O Elsa — Elsa, wenn zu allem Elend, das ich stöhnend trage, auch noch des Wahnsinns Schrecken kämen! Und sie werden kommen, ja, sie müssen kommen; warum soll die stolze Edeltraut nicht auch dieses Leid noch kosten? Vielleicht liegt ein süßes Erbarmen in der Nacht, die meinen Geist umschatten wird, vielleicht sind jene Bilder, die des Wahnsinns Griffel zeichnet, nicht so häßlich, nicht so schrecklich, als was ich zu tragen kaum mit letzter Kraft vermag!«

»Sei dir nicht selbst zur Qual, du müde Taube,« tröstete Elsa. »Frage nicht, was kommen wird. Sage du dir nur, Gott ist's, der Licht und Nacht verteilt, der Kraft dem Schwachen gibt und Mut dem Sinkenden. Wohlan, sei groß und stark, wie du in schöneren Tagen es gewesen bist. Sei du das Opfer mit ganzer Seele, zu dem dich Gott erkoren. Demut stärkt den Geist und schirmt ihn gegen Untergang.«

»Du bist mir unfaßbar, du hohe Seele! Wo andere von Schmerz und Leid verwirrt sich selbst verlieren, da wachsest du an innerer Pracht. Dich stärkt das, was andere schwächt, dich hebt zum Himmel, was andere tief zu Boden drückt.«

»Das tut der Glaube, der hoch über allem Erdenleide steht,« antwortete demütig Elsa.

Tritte vom Gange her unterbrachen das Gespräch der beiden Mädchen. Die Kerkertüre knarrte träge in ihren schweren Angeln, und der Oberschultheiß trat ein. Sein Wesen war heute sanft und geschmeidig, seine Stimme bewegte sich im Gegensatze zu der sonst gewohnten Härte in den weichsten Tönen, und sein Antlitz, dem nur Rad und Galgen und ein erbarmungslos geschriebenes Todesurteil Farbe und Leben geben konnten, war in Traurigkeit und tiefes Mitleid gehüllt.

Die Mädchen empfingen ihren obersten Henker schweigend, ja Edeltraut warf ihm einen Blick zu, in dem ihr ganzer edler Stolz wieder aufzuleben schien. Dann wandte sie sich von ihm ab und trat zum Fenster.

»Ich komme nicht als Richter,« begann der Gestrenge nicht ohne Befangenheit zu sprechen, »ich komme vielmehr als Freund — mein graues Haar gibt mir zu diesem Worte ein Recht, — um euch, edle Jungfrauen, nach Möglichkeit zu trösten und euch zu dienen.«

»Wir danken euch für eueren Willen,« entgegnete Edeltraut mit Würde, ohne ihre Stellung zu ändern. »Wir beide, Elsa sowie ich, verzichten leichten Herzens auf Euere Freundschaft und auf Euere Dienste.«

»Ihr seid stolz!« versetzte überrascht der Oberschultheiß.

»Wir werfen uns wenigstens nicht weg und heucheln nicht.«

Der Gestrenge biß sich auf die Lippen.

»Ich dächte doch, die Macht, die mir als Richter verliehen ist, ließe mich als Freund nicht wertlos erscheinen. In meiner Hand zumeist liegt euer Schicksal, ich kann es wenden, wie ich will.«

Edeltraut drehte sich rasch um. Ihr Auge leuchtete in gerechter Entrüstung.

»Und ich dächte, ein Richter hat zu richten, wie er muß, und nicht so, wie er will.«

»Ich will jetzt nicht Richter sein,« erwiderte etwas ungeduldig der Oberschultheiß. »Ich will euch zeigen, daß auch in mir ein fühlendes Herz schlägt.«

»Gemeine Seele!« rief Edeltraut. »Du, Alter, willst uns lügen, du hättest ein fühlendes Herz? Geh', geh' und suche einen Winkel Erde, wo dich die Schande nicht erreichen kann und wohin der Fluch nicht dringt, der sich an deine Ferse heftet. Du und ein fühlendes Herz? Hörst du die Teufel in der Hölle lachen ob deiner Heuchelei? Ja, hättest du ein Herz in deiner Brust, du hättest nicht mit kalter Stirne unsere Scham und Ehre an den Henker ausgeliefert! Hast du noch einen Tropfen Blut in deinen Adern, der nicht so schlecht geworden ist wie du, so bitte ihn, er möge dir als Schamröte in die Wangen steigen. Doch du hast keinen mehr, du bist durch und durch ein feiler Wicht, der nur als Freund noch schlechter ist denn als Richter.«

»Jungfrau, Ihr vergesset, daß, was ich als Richter tat, im Namen des Gesetzes geschah!«

»Im Namen des Gesetzes? Herr, dieses Wort deckt Euere Schande nicht. Was Ihr Gesetz und Recht nennt, ist zu oft nur rohe Macht, welcher die Gemeinheit zum Gevatter stand. Nennt nicht Gesetz, was allem Rechte Hohn spricht und was dem ewigen Gesetze, das jeder Mensch in seinem Herzen trägt, schroff gegenübersteht wie dunkle Nacht dem sonnenklaren Tage.«

»Ihr, Edeltraut, seid tief verbittert, und Euer Wort kennt keine Schranke. Ich will an Euch, Elsa, meine Rede richten; Euer Geist ist nicht so stürmisch und Euer Wort behutsam und versöhnlich. Es liegt in meiner Macht, für Euch ein gutes Wort zu sprechen und Euerem Lose manchen Trost zu bieten, wenn Ihr dazu Euch verstehen wollt, mir die Namen derjenigen zu nennen, die mit Euch am Kreidenberge waren.«

Der Alte sah mit seinen kleinen, stechenden Augen nach dem blinden Mädchen hinüber, indes er die Lippen erwartungsvoll zusammenpreßte.

»Wenn Euch nichts anderes zu uns geführt hat,« antwortete Elsa, »als diese Frage, so mögt Ihr immerhin wieder nach Hause gehen. Wer selbst jeglicher Schuld bar und ledig ist, kann nicht von Schuldgenossen reden.«

Ein zorniger Blitz wetterleuchtete über des Oberschultheißen Antlitz.

»So nehmt doch Vernunft an,« drängte er. »All Euer Leugnen nützt Euch nichts!«

»Ich würde sagen,« fiel Edeltraut darein, »Ihr solltet Ehre annehmen, wenn es Euch möglich wäre. Doch an solchem Stoffe klebt nur der Schmutz sich an. Ich will Euch Rede und Antwort stehen. Ihr heuchelt Mitleid gegen uns, da Ihr uns doch im Grunde Euerer Seele hasset. Wißt Ihr, was Euch in diesen Kerker geführt hat? Die Habsucht ist es, ganz gemeine Habsucht! Ihr hoffet, unser Geist sei so gebrochen, daß wir zu blinden Werkzeugen Euerer Hände würden und an den letzten Strohhalm uns anklammernd in fremdem Elend unsere Rettung suchten? Nein, selbst Euere Nähe, Herr, macht uns nicht schlecht, obwohl der Raum, den Euer Atem berührt, vergiftet ist. Ihr bezieht von jeder Hexe sieben Gulden Schergenlohn; um dieses Geldes willen seid Ihr gerne bereit, das Kind im Mutterleib zu schlachten und Stadt und Land zur Wüstenei zu machen. Sieben Gulden! Ein schönes Sümmchen jedenfalls für den, der nur nach Stücken rechnet und der nicht Ehre und Gewissen kennt. Ei, wenn wir hundert Namen Euch der Reihe nach anführten, wie sie der Zufall uns erfassen ließe, Ihr dächtet auch nicht einen Augenblick darüber nach, ob Ihr Lüge oder Wahrheit gehört habt, Ihr dächtet einzig nur daran, daß siebenmal hundert ein herrlich Sümmchen sei. Ja, Herr, so ist's; und daß es dahin kommen konnte, daß um des Geldes willen Scheiterhaufen rauchen, ist eine Schmach, so reich an Ekel, daß jene Stunde wahrhaftig zu segnen ist, die uns von solchen Richtern befreit. Doch, wenn Ihr in der Tat uns einen Dienst erzeigen wollt, so geht von dannen. Nie schien mir dieser Kerker häßlicher, als da Ihr, Oberschultheiß, in seiner Mitte standet.«

Der Gestrenge warf einen langen Blick unversöhnlichen Hasses nach dem kühnen Mädchen; dann verließ er polternd den Kerker.

Draußen blieb er stehen und versank in tiefes Sinnen. Was war es, das diese alte, rostige Seele so ernst stimmte? Schlief vielleicht doch ein Funke von Ehre und Gefühl in dieser Brust, und fand in diesem Gehirne vielleicht doch noch ein anderer Gedanke Raum als der an Blut und Geld? Vielleicht stieg es wie Scham und Reue in ihm auf, wenn er zurückdachte an jene zwei armen Opfer, deren Gefängnis er soeben verlassen hatte? O nein! All das bewegte nicht des Richters Sinn und Seele, sein ganzes Denken galt der Zahl sieben, und wie sie sich zu Silber machen ließe!

Er befahl dem Kerkermeister, jenes Verließ zu öffnen, in welchem Zuckerwastl mit seinen Genossen sich befand.

»Wie geht es euch?« sprach er, in den Kerker tretend und einen prüfenden Blick auf die kauernden Gestalten heftend. »'s ist schlimme Wohnung, nicht wahr, Zuckerwastl; aber solchen Vögeln baut man solchen Käfig. Es geht nun in der Welt nicht anders.«

»Was wollt Ihr?« murrte der Zuckerwastl.

»Ei, was werde ich wollen?« sprach unbefangen der Oberschultheiß; »euch besuchen, nach euch sehen, fragen, ob euch nichts fehlt, ob ihr mir nichts zu beichten habt, ha, so ein kleines Geständnis! Hm, Zuckerwastl, wie meinst du?«

Der schüttelte den Kopf und höhnte: »Euch, Herr, sollt' ich beichten? Nein! Hab's überhaupt verlernt; und wollt' ich es je vor meinem Tode noch einmal tun, müßte es doch ein Priester sein und just nicht Ihr.«

»Nun, nun, so war's auch nicht gemeint! Ich dachte nur, der Zuckerwastl ist zwar ein großer Spitzbube —«

»Danke, Herr!«

»— Aber auch ein sehr vernünftiger Mensch.«

»So, und warum paßt es Euch, mich für sehr vernünftig zu halten?«

»Du bist kein Winseler und kein Schwachkopf. Du siehst nur zu gut ein, daß deine Karre unterm Galgen steht.«

»Ihr irrt, das sehe ich gar nicht ein.«

»Beruhige dich nur, es ist doch so!«

Zuckerwastl strich sich mißvergnügt die Stirne und sah nach dem Fensterloche hinüber.

»Die Eisenstäbe dort sind sehr fest,« fuhr der Oberschultheiß, der jenen Blick wohl verstanden hatte, mit scharfer Betonung fort. »Mache dir keine überflüssige Mühe oder Hoffnung. Einmal kommst du noch ins Freie, wenn du deinen Gang nach der Richtstätte machest; das lasse dir genügen. — Aber du könntest,« setzte er freundlicher werdend bei, »die Tage, die du noch zu leben hast, dir angenehmer machen. Was meinst du zu einer Flasche Wein?«

Zuckerwastl schaute sehr mißtrauisch den Schmeichler von der Seite an.

»Hm,« brummte er, »ich habe gegen den Wein nie eine Feindschaft getragen, ich bin ihm auch jetzt noch herzlich gewogen. Aber, verzeiht, ich fürchte, Ihr möchtet mir Eueren Wein zu teuer verkaufen.«

Der Oberschultheiß stieß ein heiseres Lachen aus. »Bewahre Gott! ich frage dich ganz einfach, ob du mir keine Hexlein oder Zauberer zu nennen weißt, und ich zahle dir für den Kopf eine Flasche. Gewiß ein schönes Angebot.«

Zuckerwastl wiegte sein Haupt hin und her und lächelte bitter; dann fuhr er mit dem Rücken seiner Hand über den Mund und sprach ein kurzes »Nein!«

»Wie töricht!« grollte der Gestrenge. »Willst du durstig an den Galgen?«

»Ist mir alles einerlei.«

»So sei vernünftig!« mahnte jener.

»Mag nicht!« war die kurze Antwort.

»So; und warum?«

»Ich will's Euch sagen. Euch liegt wenig daran, ob ich Wasser oder Wein saufe; Ihr wollt nur neue Vögel für den Käfig haben. He, Alter, das ist dein ganzer Plan! Nein, nein, aus meinem Munde sollst du nichts erfahren; da bin ich mir trotz aller Schlechtigkeit doch zu gut dazu, und es müßte wohl ein Teufel sein, der selbst in Euerer heißen Küche sitzend Euch den Braten in dieselbe jagen wollte. Bin mein Lebtag wenig nutz gewesen, aber da meine Lebensuhr auf zwölfe steht, will ich doch nicht zum schlechten Kerl werden. Sauf' deinen Wein nur selbst, du alter Gauner; mich aber laß in Ruhe!«

Der Oberschultheiß warf einen vernichtenden Blick auf den Sprechenden.

»Wir treffen uns,« knirschte er.

»Vielleicht am Galgen?« fragte Zuckerwastl und drehte sich auf die andere Seite, um zu schlafen.

»Ich mag Wein,« stotterte faul der Neunaugen aus einer andern Ecke.

Der Gestrenge wandte sich rasch nach ihm. »Und was kannst du mir dafür sagen? Weißt du Hexen?«

»Hexen? Hexen? Hm, also so etwas möchtest du wissen? Muß alles wahr sein, was ich dir sage? Ich hab' einmal gehört, ihr Herren wäret auch um Lügen froh, wenn sie euch in eueren Kram passen. Ich will Euch vorlügen, soviel Ihr wollt. Das ist doch gewiß so schön als Euer Anerbieten.«

»Ei, zu lügen brauchst du gerade nicht,« tadelte der Oberschultheiß. »Aber es ist auch nicht notwendig, daß du gewiß weißt, was du sagst. Wir Herren vom Gerichte wissen auch aus einem Verdachte etwas zu machen.«

»So, so,« gähnte der Neunaugen. »Was wisset Ihr denn daraus zu machen?«

»Esel,« schimpfte der Pappenheimer, »was man aus uns gemacht hat.«

»So!« grinste der Tölpel.

»Ich kratze dir die Augen aus, wenn du dein Maul dem gegenüber noch einmal aufmachest, alter Taugenichts!« eiferte Helena.

»Sei nur nicht so grob,« knurrte der Neunaugen verdrießlich.

»Und ich haue dir alle Knochen entzwei,« brummte Zuckerwastl in ruhiger, aber sehr überzeugender Weise.

»Ja, dann kann ich Euch freilich nicht anlügen. Tut mir wirklich leid,« stammelte der Neunaugen. »Laßt mich schlafen,« fuhr er gähnend weiter. »Schlafen ist auch gut; aber Wein wäre besser.« —

»Nun will ich's bei den Kindern noch versuchen,« murmelte der Oberschultheiß zwischen den Zähnen. »He, Kerkermeister, führt mich zu den Kleinen!«

Der gute Alte zuckte schmerzlich zusammen.

»Nehmt es nicht ungnädig, hoher Herr,« sprach er, »bringt Ihr wohl den armen Kindern die längst ersehnte Freiheit?«

Der Gestrenge blieb in hellem Erstaunen stehen. »Freiheit?« rief er. »Wer kann hier von Freiheit reden? Ihr seid ein alter Schwachkopf und wäret imstande, gerade den gefährlichsten Hexen und Zauberern das Wort zu reden. Denkt Euch nur, wenn wir die Kinder freiließen, welche Summe von Unheil in dem langen Leben, das noch vor ihnen liegt, sie stiften könnten? Nein, nein, mein Alter! Hier gilt nicht das, was man ein gutes Herz nennt, hier gilt nur kaltes, strenges Recht.«

»Und was wird nach Euerem Rechte aus den Kleinen?« fragte zitternd der Kerkermeister.

»Nun, was wird werden?« entgegnete jener, heftig mit den Armen um sich fahrend; »man verbrennt sie einfach, basta!«

Der Kerkermeister blieb stehen und hielt sich an der Wand des engen Ganges fest.

»Verbrennen?« stammelte er. »Herr, ich habe Euch wohl falsch verbanden, oder Ihr habt Euch nur versprochen?«

»So, und warum? Man verbrennt das Lumpenpack und erweist damit der ganzen Stadt den besten Dienst.«

»Herr, solche harte Rede ertragen meine alten Ohren nicht. Wie mögt Ihr die Kinder unserer besten Bürger Lumpenpack benennen? Vielleicht um des Verdachtes willen, der auf ihnen ruht? Und wenn es nur Verdacht wäre! Herr, es ist Verleumdung, die diesen Kleinen angelogen wurde, es ist Lüge, die sich an die armen Kinder wagte. Glaubt meinen grauen Haaren: die Kinder, die Ihr als Hexen in dem Kerker haltet und für den Scheiterhaufen aufspart, haben ihren Schutzengel noch nicht verloren. Noch hat er nicht trauernd sein Angesicht von ihnen abgewendet, noch hat der Satan nicht des Engels Stelle eingenommen. Ist's nicht genug, daß Laster, Frevel, dummer Wahn an unserem Glücke fressen, daß die Stadt mit Greueln sich erfüllt, ist's nicht genug, daß wir Erwachsene stets mehr und mehr dem tiefsten Elende verfallen, müssen nun auch die Kleinen ermordet und die letzten Engel aus unserer Mitte vertrieben werden? Hier, Herr, hier sind wir an der Stelle, wo die armen Kinder schmachten; geht nur hinein zu ihnen und schauet Euch ihr Elend an. Seht ihnen in die klaren Augen und fragt Euch selbst, ob Teufelslist aus ihnen schaut. Hört ihre Bitten, ihre herzzerreißenden Klagen, zählt all die bitteren Tränen, die sie weinen, und bleibt hart, wenn Ihr's vermögt; verbrennt des armen Würzburg letzte Unschuld; dann aber schüttelt den Staub von Eueren Füßen und meidet Euer Leben lang die Stätte, auf welcher der Fluch Gottes in seiner ganzen Schwere lastet.«

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