Zweites Buch. (continued 4)
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»Dann gehen Sie allein,« forderte sie trotzdem herrisch.
Der Fürst stand wieder vor ihr, hatte die Hände auf den Rücken gelegt, und auch er sann wohl in dumpfer Verwunderung über die Weichherzigkeit der straffen Nemza nach.
»Sie lehren mich wenigstens etwas kennen,« gestand er endlich, obwohl er keine Miene machte, dem dringenden Befehl zu gehorchen, »das mir bisher recht fremd blieb. Sie sorgen sich um mich.« Er schlug ein leichtes Gelächter auf. »Ist es nicht eigenartig, daß ich etwas Ähnliches erst bei dieser Gelegenheit erfahre? Und von der Angehörigen einer von uns so entfernten Rasse? Mon dieu,« setzte er mit einem verächtlichen Zucken der Mundwinkel hinzu, »man hat sich viel um mich gekümmert. Ich leugne es nicht, auch Frauen taten dies. Doch ich müßte lügen, wenn sich mir gegenüber jemals eine mütterliche Teilnahme äußerte. Ich glaube, gerade die kennt Ihr Deutschen. Und die tut wohl, sehr wohl.« Und wieder verbeugte er sich, wie es die Slaven stets befolgen, wenn sie etwas Liebes, Schmeichelndes verkünden wollen.
Da schrie Johanna auf. Halb vor Zorn und halb weil sie fühlte, wie sie dem reuigen Schmerz dieses zerbrochenen Lebens unterlag.
»Warum gehen Sie dann nicht?« stieß sie noch einmal rauh hervor, und ihre Hand zeigte auf die Tür, »warum bringen Sie sich nicht in Sicherheit, wie ich Ihnen vorschlug?«
Jetzt regte sich der Fürst, zögerte einen Moment, und seine sprechenden Augen suchten den Boden, als er tastend und verlegen hervorbrachte:
»Ich glaubte Ihre Meinung vorhin so deuten zu dürfen, daß Sie mir noch eine Nacht eine sichere Zufluchtsstätte anboten.«
Die wenigen Worte waren mit größter Mühe zusammengesucht und verrieten die deutliche Absicht, weder anzustoßen noch zu verletzen. Johannas Antlitz jedoch flammte auf.
»Ich verlange aber jetzt von Ihnen, daß Sie gehen,« rief sie erbittert und konnte es doch nicht hindern, daß sich ihre Hände flehend zusammenpreßten. »Ich will nicht – –«
»Was wollen Sie nicht?«
»Ich will nicht,« stammelte das Mädchen wild, »daß Ihnen gerade in meinem Hause ein Unheil widerfährt. Mir graut davor.«
Der Oberst trat ihr noch etwas näher. Dabei vollführte er eine Bewegung, als wolle er ihre Hand ergreifen.
»Das fürchte ich keineswegs,« gab er nachdenklich zurück, »soweit werden sich unsere Verfolger schwerlich vorwagen. Und dann, mein Fräulein, woher wissen Sie, daß das Dasein für mich noch einen besonderen Reiz enthält?«
Er hob seinen Blick zu ihr empor und siehe da, es waren wieder die schwermütigen Sterne des alten Kupferstichs, die ein Leben lang auf ihr gleichgültiges Wirken herabgeschaut. Jetzt starrte sie entgeistert in sie hinein.
»Spielen Sie nicht mit so etwas,« verwies sie herb, obwohl sie nicht mehr den richtigen Begriff von all dem spürte, was hier geschah. »Es stirbt kein Mensch gern.«
»Wer weiß?!« flüsterte der Russe mehr für sich, »wir Slaven lieben die Selbstvernichtung. Können Sie sich nicht denken, wie jemand, der an dem ungeheuren Grab seines Volkes, an der Gruft alles Menschlichen und an dem Abgrund jeder erträumten Entwicklung stand, sich voller Widerwillen in Schwärze und Vergessenheit hinabstürzt? Nur müßte auch darin Schönheit liegen. Die Alten kannten das. Heiter riefen sie den Tod zu Gast und feierten ihn unter Kränzen und mit huldreichen Frauen.«
Vor den Ohren des Landmädchens summte es. Sie hatte ihre Lider fest zusammengepreßt, und so geschah es, daß sie erst jetzt merkte, wie ihr Gefährte sacht über ihr blondes Haar streichelte.
Hölle und Entsetzen! Dieser eine Augenblick genügte, um alle Besinnung, alle Klarheit auf sie herabzuzerren. Die erste Berührung der fremden Hand riß jede heimliche Zuneigung wie ein üppiges Gewand von ihrem Körper, nichts blieb übrig als der Schauder vor dem Fremden und seinem Wesen. Ein Schlag hätte die Gutsherrin nicht mehr reizen können, als jenes verborgene Langen nach ihrer Würde. Voller Verachtung straffte sie ihre Arme, und dann – – die beiden Menschen hielten inne und starrten sich an.
Ganz in der Nähe schmetterte ein Trompetensignal. Die Hofmauern warfen es zurück, ein helles Wiehern prallte gegen die Fensterscheiben, und wie in einem rasenden, dahintaumelnden Wahn begannen Traum und Irrsinn in dem kleinen Zimmer umherzuhüpfen.
Keiner Bewegung mächtig lehnte Johanna noch immer an der Tür. Sie sah, wie der Fürst ohne Aufregung eine Pistole aus der umgegurteten Tasche lüftete, sie fing auf, wie er von ihr abließ, blitzschnell das Fenster öffnete und sich rittlings auf das weiße Brett schwang.
Draußen auf dem Flur knirschten viele Tritte.
Laternenschein durchbrach auf dem Hof die Finsternis und spiegelte sich in den todbleichen Zügen des Obersten.
»Zurück,« schrie Johanna besinnungslos und wollte die Arme in die Luft werfen. Aber sie fielen ihr unkörperlich, gleich leblosem Eisen gegen den Leib.
Der auf dem Fensterbrett Reitende schien den weiteren Sprung aufgegeben zu haben. Mit einer Gebärde des Widerwillens hob er die Pistole, und zweimal begleiteten draußen grelle Schreie das Aufzucken der beiden roten Feuerfunken.
Johanna reckte sich. Sie taumelte nicht, sie brach nicht zusammen, eine steinerne Figur hätte nicht starrer ragen können wie sie. Ein dicker roter Qualm wallte vor ihren Augen, und durch seine Nebel hindurch sah sie, wie Fürst Dimitri sich zu ihr zurückwandte, um ihr mit seinem alten gewinnenden Lächeln zuzunicken.
Der Gruß rüttelte an ihr wie eine Faust. Gleich darauf schrie Johanna auf. Ihr schnellte es vor den Blicken, als ob der Oberst die Waffe gegen seine eigene Schläfe gerichtet hätte. Noch einmal zischte es, und das letzte, was in die steinerne Bildsäule hineinschlug, war der Nachhall eines dumpfen Falles.
Dann war alles leer, sie stand allein in der Stube.
Dicht vor der weißen Mauer wartete eine Schar deutscher Ulanenoffiziere in respektvollem Schweigen, bis sich die Gutsherrin von der hingestreckten Gestalt abwendete, deren Umrisse man kaum noch unterschied. Dann schüttete einer von ihnen ein Bündel Stroh über den Gefällten. Ernst und schweigsam suchten die Herren die erleuchtete Stube auf, und nur ihr riesenhafter Rittmeister blieb draußen in der Dunkelheit bei seiner Verwandten zurück. Auch zwischen ihnen wollte sich kein Wort einstellen. Unbeweglich, gesenkten Hauptes verweilte Johanna. Übermächtig wühlte in ihr die Vorstellung, ein gräßliches Wahnbild wäre eben für immer zersprungen, und erwachend überfiel sie die Qual, ob sie wirklich in dieses grause Ende verstrickt sei.
Da streckte ihr der Riese von Sorquitten die Hand entgegen. Es war eine Bewegung so voll Treue und Ehrlichkeit, daß das Mädchen aus ihrem Hinbrüten emporfuhr. Zögernd verbarg sie ihre Finger unter ihrer dunklen Schürze.
»Es klebt Blut daran,« sagte sie tonlos.
Aber Herr von Stötteritz ließ sich nicht abschrecken. Seine Rechte suchte und fand die kalten Finger, die sich vor ihm versteckten, und überzeugt und markig, ungekünstelt und mit wuchtiger Gewißheit tönte die kräftige, allen Spuk vertreibende Männerstimme:
»Schadet nicht, Hans. Was von dir kommt, kann nur brav und richtig sein. Mach' dir keine unnötigen Gedanken, Kind.«
Und er nahm ihren Arm und führte die Widerstrebende voller Stolz zu seinen Kameraden in das erleuchtete Zimmer. Die Befriedigung, der nächste Verwandte einer deutschen Frau zu sein, die willensstark und kräftig mitten in dem tödlichen Gebrause standgehalten, strahlte von seinem wettergebräunten Gesicht. Auf dem Tisch standen noch ein paar Flaschen Rotwein. Ohne zu fragen hatten die Offiziere sich eingegossen und harrten nun, die Gläser in der Hand, wie auf Verabredung auf die Dame des Hauses. Aber diese sprach nichts. Ihr Geist verkehrte noch mit dem Schatten, der unsichtbar, lächelnd und schwermütig durch den Raum schwebte. Statt ihrer ergriff der Riese von Sorquitten einen Kelch, schwenkte ihn und sagte kurz und bestimmt:
»Meine Herren, dies war nur der Anfang. Wir haben keine Zeit uns auszuruhen, sondern müssen für das Ende sorgen. Das Feiern kommt später.«
Ein paar Minuten nachher hörte man bereits das Scharren und Trappeln der Ulanenpferde. Nur Herr von Stötteritz zögerte noch bei seiner Verwandten und ließ seine Hand noch immer wuchtig auf ihrer Schulter ruhen.
»Hans,« kam es ein wenig beschämt aus ihm heraus, »ich bin die dummen Gedanken nicht los geworden. Man soll natürlich keine Pläne machen, denn man weiß nicht, wie alles kommen kann. Und uns bleibt noch ein tüchtiges Stück zu tun. Aber weißt Du, Marielle, es wäre mir doch lieb, wenn ich zu dir zurück käme. Man muß eben vertrauen und warten.«
Dabei rüttelte er sie kräftig, drückte ihr klammerfest die Hand und schritt klirrend und ohne sich noch einmal umzuschauen hinaus.
Und die Älteste von Maritzken wartete.
Das ganze Land glaubte und harrte, spann Hoffnungen und richtete sich auf. Was in den Familien und bei den Zurückgebliebenen geschah, das glitt nur wie unwirkliche Schatten unter der glutroten Sonne des Völkerherbstes dahin. Man hörte es, man schüttelte den Kopf und lauschte auf das Sausen des großen Sturmes.
So durfte die Gutsherrin von Maritzken die kleine Isa umarmen und von ihr das Wunder erfahren, daß der Rotkopf in den »Goldenen Becher« drinnen in der befreiten Stadt einziehen würde. Und Johanna lächelte und schüttelte das Haupt. Sie hörte auch von den Bühnenstudien flüstern und raunen, die ihre Schwester Marianne mitten in Not und Gewühl in der fernen Hauptstadt betreiben sollte. Und wieder lächelte sie matt, und um ihren Mund spielte der alte herbe und verurteilende Zug.
Knechte und Mägde wurden angeworben, das Anwesen erstand unter ihrer Führung aus Schutt und Vernachlässigung, die Wintersaat wurde versenkt, und ein neuer Frühling sproßte empor.
Längst sind die Mauern des Gehöftes geweißt und gestrichen, und nur der Blutfleck unter dem Fenster leuchtet noch mahnend und klagend über den Hof. Und wenn die Gutsherrin im Abendschein auf der Bank vor der grünen Wiese rastet, dann streift ihr Auge manchmal über den kaum merklichen Erdbuckel, der schmucklos und ohne Kennzeichen ein Grab überwölbt. Aber in ihren weißen Zügen regt sich nichts mehr. Sie fühlt gleich all den Tausenden und Millionen ihrer Landsleute, daß jeder Deutsche allein und auf sich gestellt in der Welt steht. Kein schwächliches und bewunderndes über-die-Grenze-Spähen gibt es mehr. Der Deutsche wird den Nachbarn von rechts und links wohl ohne Haß und Groll die Hand hinstrecken, wird mit ihnen aufwärts wandern und handeln und tauschen, aber das Tiefste, das Herz an Herzen bindet, das höchste Gefühl der Glückseligkeit, daß er nicht gänzlich vereinsamt im Wirbel des Geschehens treibe, das findet er nur bei dem deutschen Bruder.
Und wie die Älteste von Maritzken, so sinnt nun das ganze weite Land, beseelt von dieser starken Gewißheit, und harrt und wartet.
Ende.