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Die Herrin und ihr Knecht

Erstes Buch. (continued 2)

Reading edition

»Konsul Bark?«, nahm er das verdächtige Wort von neuem auf und in seine tiefe Stimme drang gleichfalls etwas Scharfes und Schnarrendes. »Sag mal, kommst du mit dem Tütendreher noch immer so häufig zusammen, Johanna?«

Da war wieder jene Verachtung der kaufmännischen Berufe, die den praktischen Hans mehr wie alles andere verdroß. Und in ihrem Innern erhob sich eine heftige Abneigung gegen die junkerliche Überhebung des Vetters. Zum Teufel, was hatte der Riese von Sorquitten denn Höheres und Besseres geleistet, als der gewandte Geschäftsmann dort drinnen in der Stadt? Gott ja, Fedor war ein mit beiden Fäusten durchgreifender Landwirt, praktisch in jeder Faser und voll derber Freude an seinem Beruf. Seine Leute duckten sich vor ihm, denn es war nicht ratsam, mit dem Enaksohn im Ernst anzubinden. Aber bestand denn darin etwas so Gewaltiges, das große väterliche Gut, das ihm blühend von Generationen von Vorfahren überliefert war, in einem ertragsreichen Zustand zu erhalten? Wie ganz anders der Chef des Goldenen Bechers dort drinnen am Marktplatz. In ewig neuer Anspannung mußte der Kaufmann seine Kapitalien, ja sogar sein ganzes Geschäft, das durch wechselnde Konjunkturen und Zeitströmungen immer wieder gefährdet werden konnte, verteidigen, schützen und erweitern. Über die schnell sich verändernden Beziehungen des Völkerlebens mußte er sich unterrichtet zeigen, denn jeden Augenblick konnte es nötig werden, irgendeine der sich erhebenden großen Fragen des Weltgeschehens für sich günstig auszubeuten. Dazu gehörte doch eine andere geistige Beweglichkeit, eine männliche Kraft des Entschlusses und daneben auch eine biegsame und geschmeidige Leichtigkeit, die plötzlich anstürmenden Gefahren auszuweichen verstand; ja, es gehörte mehr Mut und Selbstbeherrschung zu einem solchen Tütendrehen, als es das ruhige Abwarten von Saat und Ernte verlangte.

So meinte Johanna wenigstens, denn da ihr selbst die schwere, und an Enttäuschungen reiche Pflicht der Bodenbearbeitung geläufig war, so neigte sie durchaus dazu, das ihr fremde und imponierende Spiel des Handels höher als ihre eigene Leistung einzuschätzen. Aber selbst wenn dieser letzte Grund fortgefallen wäre, so empörte sich die tief in ihr wurzelnde Dankbarkeit für ihren uneigennützigen Freund dagegen, daß Junkerhochmut den tätigen Mann seines Gewerbes wegen über die Achsel anschauen dürfe. Und sehr bestimmt entgegnete sie deshalb auf den etwas spöttischen Einwurf ihres Vetters:

»Allerdings, lieber Fedor, ich komme mit Herrn Konsul Bark sehr häufig zusammen. Ja, unser Freund wird mich und meine Schwestern sogar heute nachmittag in seinem eigenen Wagen zu einem Besuch jenseits der Grenze abholen.«

Noch hatte die Entschlossene nicht völlig geendet, als der Brief auf dem Schoß der Tante Adelheid seltsam zu rascheln begann. Und während der mächtige Landwirt vor Überraschung mit der Faust nur einen kräftigen Luftstoß ausführte, dem sich die empörte Anmerkung beigesellte: »Na, das ist aber doch – –,« da schüttelte seine Mutter sehr bestimmt das pergamentene Haupt, und ihre noch immer schwarzen Augenbrauen schnürten sich so eng zusammen, als ob damit die Willensäußerung ihrer Nichte ein für allemal ausgestrichen und aus der Welt geschafft wäre.

»Mein liebes Kind,« hüstelte sie in ihrer frostigen Art, die keinen Widerspruch zu kennen schien, »du siehst hier diesen Brief. Mein dummer Junge behielt doch recht, als er mich zu dem Besuch bei dir veranlaßte. Ich merke, wir kommen gerade zur rechten Zeit. Kurz und gut, liebe Johanna, du wirst klug handeln, wenn du deinen Besuch jenseits der Grenze unterläßt.«

»Aber warum, beste Tante? Ich sehe gar nicht ein –«

»Unterbrich mich nicht, Johanna, sonst verliere ich so leicht den Zusammenhang. Dir wird hoffentlich gleich alles klar werden. Und du kannst Gott danken, daß man dich noch in letzter Stunde warnt. Weißt du, was dieser Brief enthält? Er stammt von meinem Bruder, dem Geheimen Regierungsrat von Roeder aus dem Auswärtigen Amt, und mein Verwandter richtet die dringende Bitte an mich, die äußerste Vorsicht gegen alles walten zu lassen, was mit unseren russischen Nachbarn irgendwie in Beziehung steht.«

»Aber liebe Tante Adelheid,« rief Johanna eifrig, obwohl sie sich eines leichten Fröstelns, das über ihre weiße Haut rieselte, nicht erwehren konnte, »wozu das alles? Wir sind doch auf das große Volk dort drüben angewiesen. Wir tauschen so vieles von ihnen ein, was wir nirgends besser und billiger erhalten. Und die Leute von jenseits der Grenzpfähle nahmen gerade in den letzten Jahren auch von uns nicht allein allerlei praktische Dinge, sondern sogar manche Sitten und wissenschaftliche Errungenschaften an, so daß man sich über den lebhaften Verkehr doch nur freuen sollte.«

»Der Teufel soll den albernen und leichtsinnigen Verkehr holen,« brummte hier der Riese von Sorquitten dazwischen, dem der Zorn das Antlitz dunkler färbte, »ich wünschte, man hätte schon längst den Brüdern die Zähne gewiesen.«

»Um Gottes willen, Ihr stellt ja die Angelegenheit beinahe so dar, als ob wir uns mit denen da drüben im Kriegszustande befänden,« lachte Johanna ärgerlich auf, und ihre Rechte schlug dabei quer durch die Luft, wie wenn es notwendig wäre, das gefährliche, das unmögliche Wort von vornherein zu sprengen oder zu zerteilen.

Allein was war das? Weshalb suchten in diesem Moment die hellblauen Augen des Riesen, die sonst so lachend, so sorglos und unbekümmert über Lebendes und Totes fortzugleiten gewohnt waren, weshalb in aller Welt suchten sie so dringend und ernsthaft die ihren? Warum nickte das blonde Haupt ein paarmal so schwer und bedächtig, wie wenn ein ungeheures Schicksal sich mit Wucht auf diesen starren Nacken gebürdet hätte? Und dann? Täuschte sie sich? Ihr war es, als ob sich die unförmige Gestalt des Recken in plumper Bewegung näher und näher an die ihre heranschöbe, und das unsichere Gefühl durchdrang sie, als ob dies alles geschähe, um ihr bei heranziehender Gefahr nahe zu sein, um sie zu bergen und zu schützen. Dazu verharrte die Kranke in ihrem gelben Sessel starr und unbeweglich, kein Wort drang über die fest zusammengepreßten schmalen Lippen, und nur aus dem nervösen Zittern der schwarzen Augenbrauen enträtselte die beklommene Beobachterin, welchen beängstigenden Gedanken die Leidende heimlich preisgegeben sein müsse. Unerträgliche Schweigsamkeit waltete zwischen den drei aufgescheuchten Menschen. Endlich ertrug es die Älteste von Maritzken nicht länger. Mit ein paar unbedachten Schritten näherte sie sich dem Stuhl der Greisin, um ganz gegen ihre Gewohnheit hastig und aufgeregt die lange welke Hand von Fedors Mutter zwischen ihre eigenen pulsierenden Finger zu betten.

»Liebe Tante,« stieß sie ohne weitere Rücksicht hervor, »du mußt nicht glauben, daß es nur die Unruhe um meine eigene Sicherheit oder um die ungefährdete Existenz meiner Schwestern ist, die mich jetzt veranlaßt, dich um weitere rückhaltlose Auskunft zu bitten. Aber nicht wahr, Fedor, nicht wahr, Tante Adelheid,« fuhr sie dringender fort, »ihr, als Gutsvorstände, könnt mir das nachfühlen. Ich habe ja so vieles hier zu verantworten, anvertraute Kapitalien und nicht zuletzt das Leben und das karge Besitztum meiner Leute. Ich muß also wissen, worum es sich in diesem Briefe handelt. Ihr könnt es mir ganz ohne Schonung anvertrauen, es wird mich nicht umwerfen. Und dann –,« sie trat ans Fenster und riß mit einer hastigen Bewegung die seidenen Halbgardinen fort, so daß die alte Dame, von einem Sonnenstrahl getroffen, wehleidig zusammensank – »werft doch nur einen Blick auf alles, was wir Deutschen hier schufen, auf den alten Park mit seinen hundertjährigen Stämmen, auf die prachtvollen Weizenfelder, die wir in rastloser Emsigkeit durch immer neue wissenschaftliche oder rein praktische Methoden zu ihrer heutigen Reife und Blüte brachten! Betrachtet dort hinten, jenseits der Chaussee das reinliche Dörfchen Maritzken mit seinen kleinen Gärten und Lauben und der wunderhübschen Holzkirche. Das alles hat man seit fünfzig Jahren aus einem Sumpf herausgehoben. Und alle diese Mühe, so viel Leben und Daseinsfreude, das sollte man von einem eisernen Hagel zerschmettern lassen? Für immer? Nein, daran glaube ich nicht,« schloß sie tief atmend und legte sich wie befreit die flache Hand auf die arbeitende Brust.

Auf diesen Ausbruch hob die alte Dame den sorgsam behüteten Brief rasch gegen das Licht, zog aus ihrer schwarzseidenen Tasche gleichzeitig ein Schildpattlorgnon hervor und hielt sich die Gläser dicht vor die Augen.

»Liebes Kind,« schnitt sie alle weiteren Erörterungen ab, »wenn du mehr Umgang in militärischen Kreisen pflegen würdest, was ich für sehr nützlich hielte, so könntest du wissen, daß jene große Auseinandersetzung, die dir so unmöglich scheint, von den maßgebenden Stellen schon seit Jahren befürchtet oder auch erhofft wird. Je nachdem. Ich halte es deshalb für meine Pflicht, dir ganz reinen Wein einzugießen. Merke genau auf. Mein Bruder, der es auch mit dir gut meint, schreibt folgendes.«

Damit lenkte die starr und aufrecht Sitzende das gelbe Blatt Papier noch näher an ihr Antlitz, das sie scheinbar nicht beugen konnte, und griff mitten aus dem Brief folgende Stelle heraus:

»Seit dem frevelhaften Verbrechen, das dem Thronerben der uns verbündeten Monarchie das Leben kostete, haben wir hier im Amt eine aufreibende Arbeitsleistung zu bewältigen. Noch nie war der europäische Himmel so bewölkt wie jetzt. In den militärischen Zentralen wird fieberhaft geschafft, und ich kann dir unter der Hand mitteilen, daß die Sachkundigsten unter uns seit der Überreichung der österreichischen Forderungen an den rebellischen Balkanstaat die fernere Erhaltung eines ehrenhaften Friedens beinahe in das Gebiet der Unmöglichkeit verweisen. Sollte, was Gott verhüten möge, unser großer östlicher Nachbar sich für das Schwert entscheiden, – ein Gedanke, zu dessen Erfassung die Phantasie der meisten unserer in einem verweichlichenden Frieden völlig aufgegangenen Mitbürger durchaus nicht ausreicht – dann würde eine Weltkatastrophe heraufbeschworen, die alles, was jetzt festliegt und besteht, zerschmettern müßte.«

Ein widerspruchsvolles Lächeln, das sie sich selbst nicht zu deuten vermochte, glitt bei dem eben Gehörten über die bleichen Züge der Landtochter, denn sie gehörte zu denen, deren Einbildungskraft vor der ungeheuerlichen Prophezeiung machtlos niedersank. Die alte Dame jedoch verkündete mit scharfer Stimme weiter, und es war, als ob ihre Worte sich immer stechender und aufreizender formten, je Erbarmungsloseres über ihre schmalen Lippen floß.

»Ihr könnt euch die Last und die Qualen dieser Spannung gar nicht vorstellen. Von Tag zu Tag fliegen neue Vorschläge, Vermittlungen und geheime Depeschen von Allerhöchster Hand herüber und hinüber. Alles starrt atemlos auf die Zentnerlast, die an einem Haar über unseren Häuptern schaukelt. Und nun der Grund, warum ich so ausführlich an dich berichte, liebe Schwester. Stürzt der Koloß über uns herein, über uns, die wir in unserem gläubigen Vertrauen namentlich an euren Grenzen noch lange nicht so unantastbar gerüstet sind, wie es unsere leitenden Militärs wünschen, dann werden es eure Gegenden sein, die von dem ersten Ritt unkultivierter Horden überrannt werden. Noch vermögen wir nicht zu ahnen, welches Entsetzen sich bei einem solchen Zusammenstoß über eure Gutshöfe, Dörfer und kleinen Städte ausbreiten könnte. Da wir in den letzten Jahrhunderten immer nur mit uns an Gesinnung gleichgearteten Volksstämmen die Waffen kreuzten, so fehlen uns alle Anhaltspunkte dafür, was wir von den Angehörigen einer minderen Kultur zu erwarten haben. Ich rein persönlich jedoch fürchte, daß es – selbst den recht zweifelhaften guten Willen der östlichen Befehlshaber vorausgesetzt – kaum gelingen dürfte, unsere Ansiedlungen vor einer bisher unbekannten Zerstörungsgier zu schützen. Und was den Einwohnern eines freien und geordneten Staatswesens bevorsteht, sobald die entfesselte Zügellosigkeit dumpfer und stumpfer Massenschwärme über sie fortprallt, asiatischer Halbwilder, die an glücklicheren Völkern die Pein ihrer eigenen Sklaverei zu vergelten gedenken, das sind Dinge, liebe Schwester, die mich vorläufig nur wie unvorstellbare schwere Träume ängstigen. Zwar noch ist ja eine Beschwörung der Gefahr nicht gänzlich unmöglich. Doch mein Rat geht für alle Fälle dahin, dich und die Deinen sowie alle, die dir nahestehen, schon jetzt in Sicherheit zu bringen. Mit Freuden öffne ich dir mein Haus in Berlin. Es genügt aber vielleicht auch, wenn du dich einstweilen in eurer Provinzialhauptstadt einmietest. Aber nimm die Zeit wahr, liebe Adelheid, denn binnen kurzem dürften auch dort neue Ankömmlinge wegen der zu befürchtenden Übervölkerung zurückgewiesen werden. Ist es nicht unfaßbar, sich alle diese ungewohnten Schrecken und Grausamkeiten vorstellen zu müssen? Gott gebe, liebe Schwester, daß diese wütende Windsbraut ohne schweren Schaden an dir vorüberbraust.«

Als Frau von Stötteritz bis hierher in ihrer Lektüre gelangt war, da faltete sie den Brief emsig und umständlich zusammen, jede Falte in ihre gewohnte Lage, und schob das Schreiben mit ihrer dürren Hand raschelnd in den seidenen Beutel. Dann wandte sie das Haupt, und ohne ein weiteres Wort an diese für sie völlig erschöpfte Angelegenheit zu verschwenden, richtete sie ihre starren, grauen Augen, die sich plötzlich unnatürlich weit geöffnet hatten, regungslos und unerbittlich auf das hochgewachsene blonde Mädchen. Auch Johanna vermochte sich in der abermals herabsinkenden Stille, die bang und trübselig, beinahe hörbar, durch das weite Zimmer schlürfte, keiner Bewegung hinzugeben.

Ungläubig nahm der Riese von Sorquitten, der auch jetzt noch mit hörbar tiefen Atemzügen neben seiner jungen Verwandten weilte, die merkwürdig belebte Blässe des sonst so resoluten und durch nichts zu erschütternden Frauenbildes in sich auf.

»Kriegt endlich doch das Bibbern,« fuhr es ihm durch den Sinn, und seine kernige Mannhaftigkeit freute sich darüber, weil das stolze Weib, das ihn stets wie eine beobachtende Erzieherin behandelte, sich wenigstens vor der Gefahr genau wie alle anderen Frauenzimmer demütigen lernte. »Na, da wird sie ja unseren Vorschlag gnädig aufnehmen,« dachte er, »womöglich noch dankbar sein, weil man sie hübsch fürsorglich aus unserer Pulverecke fortschafft.«

Und ohne weitere Überlegung reckte er sich, um seine breite Tatze herablassend, wohlwollend auf die Schulter der Cousine zu betten. Die in Gedanken Versunkene jedoch ließ es ruhig geschehen. Es war das erste Mal, daß sich der Recke ihrer blühenden Körperlichkeit so weit nähern durfte. Und mitten in dem schweren Druck, den die bängliche Zeit verbreitete, da empfand der strotzende Gutsherr in seinem derben, allem Grübeln abgeneigten Sinn etwas von der verschämten Üppigkeit dieser verhüllten, unberührten Mädchenglieder. Freilich nur eine vorüberblitzende Sekunde, denn gleich darauf zuckte das entschwundene Leben durch die völlig entrückte Frauengestalt. Widerwillig schnellte ihre Schulter empor, schüttelte die fremde Hand als etwas Störendes von sich ab, und während sie ihren Blick mit ihrer kühlen Sicherheit gegen seine trotz aller Überhebung gutmütigen Knabenaugen richtete, da stieß sie kurz und geschäftsmäßig hervor, wie jemand, der endlich auf den Kern der Dinge dringen will:

»Na also, Fedor, nur um mich auf alles dies vorzubereiten, deswegen allein hast du doch deine Mutter nicht zu der Fahrt veranlaßt? Heraus damit, was führst du noch im Schilde?«

Verwünscht, da war wieder eine jener niederträchtig kurzen Fragen, auf die seine schwerfällige Unterhaltungsgabe nicht sofort eine Antwort zu erteilen wußte. Herrgott ja, man plante ja allerlei Heimliches, sogar seit Jahren, man trieb sich viel öfter auf dem Hofe von Maritzken herum, als es eigentlich durch die Verwandtschaft oder eine treue Nachbarlichkeit bedingt war, weil man eben dachte – weil man doch zum Schluß wünschte, daß – daß – – Zum Kuckuck, es wurde eben nichts daraus, weil das große blonde Weib, das in der Statur so hübsch zu einem paßte, nichts, aber auch gar nichts Entgegenkommendes oder Aufmunterndes zeigte, was einem die schwere Sprache vielleicht gelöst hätte. Und auch in diesem drängenden Moment hätte der Riese das, was ihn im Grunde bewegte, und was längst die Billigung der Frau Mama gefunden hatte, ohne deren Ja und Amen man ja schließlich nichts unternehmen konnte, ja, er hätte all das Verborgene gerade jetzt viel sachter und zarter einkleiden können. Aber nun, als man ihm wieder mit einer solch brüsken Deutlichkeit auf den Leib rückte, da vermochte sich der Herr von Sorquitten nur auf den alleräußerlichsten Grund zu besinnen, den man im letzten Ende doch nur als guten Vorwand aufgespart hatte.

»Was es gibt – was ich will –,« murmelte er aufgescheucht, wobei seine blauen Augen Unterstützung heischend nach dem regungslosen Antlitz seiner Mutter hinüberirrten. »Herrgott, Hans, das ist doch klar, das ist doch furchtbar einfach.«

»Na, dann sag es doch!«

»Ja, sieh mal, ich meinte – das heißt, meine alte Dame ist gleichfalls der Ansicht – wenn es losgehen sollte, dann könnt ihr Mädels doch unmöglich in der glatten Feuerzone bleiben. Und da hatten wir so ganz gemütlich unter uns verabredet, daß es am sichersten wäre, wenn du deine Schwestern nach Berlin schicktest. Du selbst aber – –«

»Nun also?«

»Herrgott, sieh mal, es wäre doch so einfach –«

Indessen das Augenpaar der Ältesten von Maritzken ruhte wieder zu scharf, zu kühl und zu forschend auf dem Männerantlitz, als daß Herr von Stötteritz, der doch die Charge eines Landwehr-Rittmeisters bei den Göben-Ulanen bekleidete, die Gewandtheit besitzen konnte, die wohlausgedachte Attacke zu vollenden. Diese niederträchtigen, komischen Weibsbilder, was sie einem für Beschwerlichkeiten bereiteten. Es war ein reines Glück, daß sich jetzt aus dem Seidenfauteuil das bekannte scharfe Räuspern vernehmen ließ.

»Liebe Johanna,« sagte die Frau Mama in ihrer unveränderlich starren Haltung, »mein Junge stottert ja leider. Wahrhaftig, er benimmt sich, als ob man vor jemandem, dem man zu nützen wünscht, noch einen Fußfall machen müßte. Kurz und gut, liebes Kind, so schwer es mir fällt, ich habe mich entschlossen, Sorquitten zu verlassen, um während der nächsten Zeit in die geschützte Provinzialhauptstadt überzusiedeln. Wir besitzen ja dort sowieso ein bescheidenes Absteigequartier. Und da wollte ich dir vorschlagen –«

»Jawohl, wir wollten dich bitten,« fiel hier der Sohn, dem alles viel zu lange währte, ohne besondere Umstände ein, »wir wollten dich bitten, ob du nicht meine Mutter begleiten möchtest.«

»Um Gottes willen, ich?«

»Jawohl, was ist da groß zu überlegen und um Gottes willen,« beharrte nun der Gutsbesitzer bereits etwas erhitzt, weil die Cousine nicht sofort mit beiden Händen zugriff. »Du bleibst dann für alle Fälle hier in der Nähe. Und du könntest dich ja vielleicht auch, um dich zu beschäftigen, ein wenig um die Pflege meiner Mutter kümmern.«

So, damit war so ziemlich für die Zukunft vorgesorgt. Und während sich Tante Adelheid dem Fenster zuwandte, um eine blaue Taube zu beobachten, die auf dem Blech herumstolzierte, da zog sich ihr Sohn gleichfalls den nächsten gelbseidenen Fauteuil heran und ließ sich krachend in das Polster fallen, als ob nun das schwierige Geschäft in schönster Ordnung und beendigt wäre. Gemütlich pfiff er halblaut durch die Zähne, streckte die gewaltigen Beine von sich und faltete die Hände kreuzweise über der Brust. Jedenfalls hatte man nun seine verfluchte Pflicht und Schuldigkeit gegen das störrische, unliebenswürdige Mädel erfüllt. Jetzt konnte sie tun, was sie Lust hatte.

Eine lange Zeit erhob sich kein Laut in dem weiten Zimmer, nur ab und zu vernahmen die drei Menschen, die sich gegenseitig beobachteten, einen eigentümlichen metallischen Ton. Der rührte von der Taube her, die draußen auf dem Fensterblech herumpickte. Endlich jedoch wandte sich Frau von Stötteritz dem schweigenden Mädchen zu, denn sie fand, daß man der Hausherrin nun genug Zeit zur Überlegung gegönnt hätte. Und ihre Stimme klang sehr bestimmt und deutlich, als sie sich nun erkundigte, ob ihre Nichte innerhalb von zwei Tagen die angekündigte Reise antreten würde. Aber wie erstaunten die beiden Adligen, ja Fedors Mutter entsetzte sich geradezu, als statt einer Antwort von dem Tisch her ganz plötzlich und gegen jede Erwartung ein helles Lachen auftönte, das sich in der scharf dagegen absetzenden Stille immer mehr verstärkte, als ob eine innerliche Befreiung damit verbunden wäre.

»Aber liebe Johanna, das finde ich doch in hohem Maße eigenartig,« suchte sich endlich die alte Dame gegen diese absonderliche Weise zur Wehr zu setzen. »Was meinst du, Fedor?«

Jedoch auch der Riese vermochte sich die verletzende Heiterkeit auf einen so ernsthaften und gut gemeinten Vorschlag natürlich noch viel weniger zu erklären. Stumm und ungläubig streckte er noch immer die Beine weit von sich, und nur die gefalteten Hände reckten sich aus, so daß die gespreizten Finger ein kurzes Knacken vernehmen ließen.

»Ja, Johanna, Menschenskind, was soll denn das heißen?« vermochte er nur undeutlich über die Lippen zu bringen.

Aber jetzt hatte sich endlich die Älteste von Maritzken auf sich selbst besonnen. Rasch entschlossen schritt sie auf die alte Dame am Fenster zu, und ehe es die Leidende noch hindern konnte, wurde ihr von dem Landfräulein kräftig die Rechte gedrückt. Auch eine Art der Verständigung, die die Edelfrau nicht schätzte.

»Liebe Tante,« hörte sie dicht vor sich das dunkle Organ ihrer Nichte anschwellen, das jede Dämpfung der Unruhe verloren zu haben schien, »wirklich, ich merke sehr genau, wieviel Wohlwollen sich hinter deiner gütigen Aufforderung verbirgt. Und auch du, bester Vetter,« wandte sie sich ein wenig zurück, »bist im Grunde ein guter Kerl. Aber ihr dürft es mir nicht übel deuten, daß ich mir die ganze Situation, die so plötzlich über mich hereinbricht, nach meiner Gewohnheit im stillen und ungestört überlegen möchte. Nicht wahr, ihr seid nicht böse,« fügte sie freundlich an, »wenn ich zu diesem Zweck ein paar Schritte auf meinem Hof herumlaufe, um mir den Wind ein wenig um den Kopf streichen zu lassen. Dort unten befindet sich ja seit alters her meine große Ratsstube. Und ich muß erst mehrfach an die Stalltüren geklopft haben, um ganz mit mir einig zu sein. Inzwischen schicke ich euch natürlich Marianne oder Isa herein, die ihr ja ohnehin noch nicht begrüßt habt. Du erlaubst, liebe Tante.«

Und ohne eine Bestätigung abzuwarten, nickte die bereits Aufbrechende ihren beiden betroffenen Verwandten zu und verließ mit ihrem festen, majestätischen Gang das große Gemach. Zwischen den Zurückbleibenden jedoch entspann sich eine kurze, inhaltsschwere Unterhaltung.

»Siehst du,« bedeutete die Mutter ihrem Sohn, der seinen Blick noch nicht von der hohen weißen Tür fortzulenken vermochte, hinter der Johanna eben verschwunden war, »wie wenig Anhänglichkeit das Mädchen besitzt? Ich glaube, du täuschst dich in ihr. Ihr seid zwar beide im Alter nicht viel voneinander geschieden, aber bei ihr erzeugten die Jahre oder auch die Gewohnheit des Befehlens eine nicht zu brechende Selbstsicherheit, die nicht immer angenehm anmutet. Manchmal kommt sie mir wie ein Stachelzaun vor, der jedem Fremden den Weg sperrt.«

»Liebe Mutter, sie ist ein braves, wahres und aufrechtes Geschöpf,« verteidigte der Sohn, indem er eine ihm plötzlich über die Stirn huschende Röte mit der flachen Hand fortzuwischen strebte, »gerade weil sie alle die Firlefanzereien und Maskeraden verachtet, die andere Frauenzimmer doch nur anwenden, um anständig unter die Haube zu gelangen, deswegen hege ich eine entschiedene Achtung vor ihr.«

»Dagegen habe ich ja auch gar nichts einzuwenden, mein guter Junge, ich fürchte nur, es wird bei der gegenseitigen Achtung bleiben. Wie?« richtete sich die alte Dame unvermutet auf und schlug unwillig auf ihre seidene Tasche, »ein Mann wie du, der Rittmeister von Stötteritz, mein Sohn, kann es nicht fertig bringen, daß solch eine dumme Pute ihren Willen dem seinigen unterordnet?«

Jetzt sprang der Rittmeister plötzlich auf die Füße, daß das ganze Zimmer zitterte.

»Herrgott, wieder solch ein Lärm!« klagte die Kranke.

»Du sollst Johanna nicht immer beschimpfen,« rief der Riese ohne Übergang laut und völlig unbekümmert darum, ob er nicht durch drei Zimmer hindurch verstanden werden könnte. »Ich mag das nicht. Und ob Johanna sich dir anschließen wird oder nicht, das werde ich gleich erfahren. Und vielleicht noch Verschiedenes mehr.«

»Gut,« schloß die alte Dame, schlug abermals böse auf ihre Tasche und nickte hinter dem schallend Davonstürmenden mit einem Zug des Besserwissens in den kalten grauen Augen her, »dann wird ja dieses Hin- und Herzerren endlich aufhören. Solche romantischen Unklarheiten hasse ich auch bis in den Tod. Sie machen mich direkt krank. Überhaupt – du bist an meinem ganzen Leiden schuld. Lauf du nur, mein Jungchen, lauf nur hinter der Marielle drein.«

Johanna stand vor dem geschlossenen Tor des Kuhstalles und klopfte wirklich, wie sie es vorher angekündigt, bald leise, bald etwas lauter an das altersgeschwärzte Holz. So war sie es immer gewohnt, ihre Gedanken, wenn es etwas Wichtiges galt, zu sammeln. Und ihre Leute sowohl als ihre Schwestern wichen scheu aus der Nähe des Gutsfräuleins, sobald das vielbedeutende Pochen auf dem Anwesen hörbar wurde.

»Jetzt denkt sie sich etwas aus,« hieß es dann.

Allein heute gelangte sie nicht zu der doch so nötigen Sichtung der Wirrnis, die draußen im Lande und auch hier in ihrem friedvollen Gehöft dicht vor ihren Füßen aufgeschossen war. Gerade die Unruhe, die sie zu bezwingen strebte, sie schien bereits auf allen Straßen zu jagen und sprengte auch bis zu ihr durch das gewölbte Hoftor herein. Noch ehe sie sich über die neue Störung ganz klar werden konnte, fing sie ein ungewohntes kurzes Trappeln auf, Hufschläge wurden laut und zu ihrem äußersten Befremden sah die Aufgeschreckte, wie ein Offizier in seiner Paradeuniform, mit blitzendem Helm und gefolgt von einem ebenfalls berittenen Burschen, seinen Braunen dicht vor ihr parierte. Eine schlanke Gestalt beugte sich zur Seite und führte grüßend die Rechte an den Helm. Gleich darauf sprang der Reiter zur Erde, um sich noch einmal respektvoll vor der blonden Gutsbesitzerin zu verneigen. Die Sporen klirrten dabei leise zusammen, und in den dunklen Augen des jungen Offiziers wohnte ein so deutlich lesbarer Wunsch, ein so unverhülltes, ehrliches Anliegen, wie es nur Menschen eigen ist, die durch ein paar kurze Worte über ihr ganzes Schicksal die Entscheidung gefällt zu sehen wünschen.

Seltsam, auch dem trotzigen, selbstbewußten Landmädchen schlug einen Moment das Herz höher und voller. Aber es war ein erlösendes Gefühl der Befriedigung, das sie durchdrang, denn in ihrer Seele blitzte es auf, wie mit diesem jungen Reitersmanne die Ehre und die Redlichkeit wieder in ihrem Hause Einzug hielten, die sie in trüben Stunden bereits entwichen wähnte. Gottlob, ihr war es sofort klar, hier hatte Konsul Bark, der zuverlässige Freund, sein Versprechen eingelöst, und zum erstenmal seit langer Zeit würden in dem weißen Gutshofe, der sich im Grunde doch nur so schwer verwalten und regieren ließ, Glückseligkeit und Jugendwonne aufblühen. Zuversichtlich, das mußte geschehen. Das verlangte das große kräftige Geschöpf, das selbst keine Wünsche mehr hegte, als unbedingtes Entgelt seiner Mühen. Allein, als sie jetzt, ihrer glücklichen Regung folgend, dem jungen Offizier, der ihr so ernst und erwartungsvoll gegenüberstand, mit einer herzlichen Bewegung die Rechte darbot, da – welch merkwürdige Verkettung – da verfing sich ihr Blick an dem Goldgefunkel des Adlers vor seinem Helm. Und ohne jede weitere Überlegung stürzten all die ängstlichen Sorgen, alle unmöglichen, nie gekannten Befürchtungen, vor denen ihre klare Vernunft noch eben ins Knie gebrochen, in die eine fast willenlos hervorgestoßene Frage zusammen:

»Herr Leutnant, ist es wahr? Gibt es Krieg?«

Auf diese ganz unerwartete Anrede straffte sich die schlanke Gestalt des Militärs zusammen, und über sein dunkles, immer von den Schatten des Nachdenkens umsponnenes Antlitz fuhr ein heller Schein. Nein, das war nicht die wilde Freude des Kriegsmannes, der sein größtes Glück, ja Macht, Ehre und eine gesicherte Existenz aus brodelnden Blutdämpfen hervorkochen sieht. In seinen reinen und für einen jungen Mann dieser Zeit so merkwürdig unberührten Zügen malte sich vielmehr die helle, felsenfeste Zuversicht auf das ungetrübte Glück der Menschheit, das sicherlich durch keinen noch so unbeschränkten Machtwillen in die Glut und die Greuel eines vernunftwidrigen Mordens hinabgestoßen werden konnte. Wahrlich, eine innerste Überzeugung strahlte aus seiner warmen, wohltuenden Stimme, als er trotz seiner so leicht erklärlichen Befangenheit voller Zuversicht ausrief:

»Ganz unmöglich, gnädiges Fräulein! Sie brauchen sich nicht im geringsten zu beunruhigen. Meine Kameraden und ich verfolgen natürlich gleichfalls die Zeitungsgerüchte, die wieder einmal allerlei Bedrohliches melden, mit größter Spannung, aber wir sind sämtlich felsenfest davon überzeugt, daß es sich wie gewöhnlich nur um einen papiernen Feldzug handelt. Ganz bestimmt, wer den Krieg – wenigstens durch Studium – kennt, so wie wir, der weiß, welche Ungeheuerlichkeit derjenige begehen würde, der ihn um ganz fernliegender Dinge willen entfesselt.«

Da war es Johanna, als wenn ein leichter, erfrischender Wind in eine Wand von Staub und Dampf führe, die ihr bis dahin die Aussicht gesperrt. Plötzlich tauchte wieder die sonnenbeschienene Gegend vor ihr auf, der von weißen Scheunen eingefriedete Hof, herübernickend die dunkelgrünen Kastanien des Parks, und zwischen dem gewölbten Eingangstor hindurchleuchtend die schmale weiße Landstraße. Selbst das Reitpferd, das der Bursche des Offiziers in respektvoller Entfernung an den Hofmauern herumführte, erschien der Aufatmenden wie eine Bürgschaft dafür, daß das gewohnte Dasein unverändert und ungetrübt an ihr vorüberfließen müsse. Und in lebhaft aufwallender Dankbarkeit streckte sie dem Boten des Heils noch einmal ihre Rechte entgegen. Der verbeugte sich stumm über den dargereichten Fingern. Und da – welch ein Glück – das derbe Landmädchen griff mitten in die so schwer darzustellenden Pläne hinein, die ihn herleiteten.

»Lieber Herr Leutnant Harder,« brachte sie rasch und überstürzt mit einem an ihr seltenen Lächeln hervor, »ich weiß, was Sie von mir begehren. Wir wollen nicht viel Worte machen. Ich selbst habe Ihren Besuch, ja sogar Ihr Anliegen gewünscht, und ich nehme an, daß Ihnen unser gemeinschaftlicher Freund, Herr Konsul Bark, von den Erwartungen, die ich an Sie stellen zu dürfen glaubte, Mitteilung machte. Verhält sich das nicht so, Herr Leutnant?« setzte sie leiser, aber nicht weniger vertraulich hinzu.

Fritz Harder war von dem warmen Ton und der aus einem ehrlichen Gemüt hervorquillenden Offenheit völlig hingenommen. So, gerade so stellte er sich ja ein aufrechtes, unerschrockenes Mädchen vor, das einen glättenden und aufrichtenden Einfluß auf ein Männerdasein gewinnen müßte. Und zum erstenmal, da er jetzt das Bild dieser Schwester in sich aufnahm, gewahrte sein suchender, einfühlender Blick, wie diese hellen blauen Augen auch wärmer, inniger und treuer strahlen konnten, als er es von jener gefürchteten und immer mit einiger Scheu betrachteten Wächterin erwartet hatte. Mein Gott, das war ja eigentlich keineswegs die strenge mütterliche Beraterin, so wie sie ihm immer vorgeschwebt. Hier stand ja in Wahrheit ein hohes, blühendes Weib, das nur zu unnahbar, zu abgeschlossen lebte, als daß sich ein zerstörendes Verlangen bis zu ihr erheben konnte. Und jetzt, gerade jetzt sprach jene edel gemeißelte, wunschlose Statue zu ihm so redlich, so erkennend, daß ihm das Herz überfloß. Welch ein Glück, welch ein teures Pfand für die Zukunft, daß Marianne, diese heiße zuckende Flamme, die an seinem Leben fraß, eine solche Schwester, eine derartige Hüterin ihr eigen nannte. Und jäh errötend begann er sein Anliegen vorzutragen. Um was er eigentlich geworben, in unzusammenhängenden Worten, die sich nur schwer zu zerhackten Sätzen fügen wollten, das wußten die beiden, die einen so ehrlichen Handel miteinander zu schließen gedachten, später kaum mehr anzugeben. Jedem von ihnen blieb nur das erlösende Bewußtsein, daß endlich etwas Irrlichterlierendes, das sich gegen alle Ordnung sträubte, eine feste und redliche Form gewinnen sollte. Plötzlich reichten sich beide noch einmal stumm die Hände. In diesem Augenblick wurde die Gutsherrin von Maritzken völlig von der Vorstellung beherrscht, daß sie einem großen treuherzigen Jungen das begehrte Geschenk mit mütterlicher Sorgsamkeit überreiche.

»Wir sind einig, mein lieber Herr Leutnant,« schloß sie einfach, indem noch immer das gute Lächeln um ihre Lippen schwebte. »Und nun eilen Sie nur, damit Sie auch derjenigen Ihre Wünsche auseinandersetzen können, mit der Ihnen eine Unterhaltung gewiß viel erfreulicher und amüsanter sein wird, als mit mir. Nein, nein, lieber Fritz Harder,« sträubte sie sich beinahe schelmisch, als der junge Offizier ein paar verlegene Komplimente zu stammeln gedachte, »das ist ja alles so natürlich. Ich weiß auch, daß Sie mit meiner Schwester Marianne nicht die erste derartige Besprechung pflegen. Nicht wahr? Aber darüber wollen wir heute nicht mehr rechten. Um es Ihnen zu erleichtern, werde ich Marianne gleich herunterbitten lassen.«

Allein nach einiger Zeit kehrte das zu diesem Zweck ausgesandte Mädchen zurück und berichtete, daß die Gesuchte weder in ihrem Zimmer noch bei den Gästen aus Sorquitten zu finden wäre.

»Das ist merkwürdig,« meinte Johanna sich besinnend, »mir war es doch so, als wenn ich noch eben hinter den Fenstern des ersten Stockwerks die dunklen Haare meiner Schwester erkannt hätte.«

Und als der Offizier, der sich in seiner Hast vergaß, dieselbe Wahrnehmung bestätigte, da hob das Gutsfräulein ein wenig überlegen die Achsel, um ihrem neuen Schützling, immer mit derselben Gutmütigkeit, zu raten:

»Also, lieber Herr Leutnant, dann schlage ich Ihnen vor, sich selbst auf die Suche zu begeben. Ich darf ja annehmen, daß Sie über die geeigneten Schlupfwinkel, Waldhänge und Haselnußhaine auf meinem Gute ausreichend orientiert sind. Nicht wahr?« lachte sie plötzlich ganz offen, wobei sie sich an der Betroffenheit des Überraschten wie an einem äußerst gelungenen Scherz zu weiden begann. »Gehen Sie nur, Fritz Harder, ich bin überzeugt, Sie werden das, was Sie suchen, mit militärischer Sicherheit finden.«

Fritz Harder folgte einem grünen Schatten. Er sah ihn bald durch die braunscholligen Einschnitte hochstehender Weizenfelder dahinhuschen, bald glaubte er den flüchtigen Schein wieder rastend an den dunklen Einbuchtungen eines träumenden Gehölzes hängen zu sehen. Er suchte ihn zu haschen, ja er rief manchmal leise einen Namen, der sein ganzes Gemüt ausfüllte, allein immer, sobald er die Stelle erreichte, wo eben die Ähren wie nach einer entschwundenen Berührung schwankten, dann fand er, daß er von dem trügerischen grünen Schimmer abermals getäuscht sei. Allmählich hatte der einsam Wandelnde jene Wiesengrenze erreicht, an der sich der schmale Haselnußgang dahinschlängelte. Hier an einer halb verfallenen Moosbank, die so oft Zeugin eines heimlichen kosenden Geflüsters gewesen, ließ sich der junge Offizier nieder und schickte seine Blicke noch spähender als bisher durch das dunkle, wild verschlungene Gestrüpp.

Nichts.

Es war wohl nur eine Vorspiegelung seiner nicht mehr nüchternen Sinne, daß es ihm wieder vorkam, als ob der grüne Schatten, dem er nachjagte, noch eben geschmeidig durch ein Ästegerank hindurchgeschlüpft sei.

Nein, nein, hier gab er sicherlich einem völlig unhaltbaren Verdacht nach, der ihm eigentlich nie und nimmer aufsteigen durfte. Lächerlich, wie konnte er nur wähnen, daß das Geschöpf, das er für immer an sich zu ketten trachtete, gerade in dem entscheidenden Augenblick ihres beiderseitigen Daseins ihm in einer unbegreiflichen Laune zu entweichen suchte. Ganz sicher, diese ewigen häßlichen Befürchtungen hatten sein harmloses Gemüt bereits aus der Bahn gerissen. Zu viel und zu eindringlich war von ihm über seine Zeit nachgegrübelt worden, von der er zweifellos mit Unrecht argwöhnte, daß sie den oberflächlichen und spielerischen Bedürfnissen ihrer Kinder zu gefällig entgegenkäme. Fort, fort damit, das wäre ja keine deutsche Frau, der man im Ernst etwas Derartiges zutrauen durfte.

Entschlossen, befreit erhob er sich und verlor sich erhitzt in das tiefe Gehölz, durch dessen niedriges, eng verschlungenes Dach die Sonnenstrahlen nur wie winzige goldene Käfer hindurchkrochen.

An der rissigen Tür des Kuhstalles lehnte die Hofbesitzerin, und während über ihr blasses Antlitz noch immer jener still zufriedene Schein glänzte, da pochte sie von neuem selbstvergessen gegen das trockene Holz. Diesmal aber klang es munter und beschwingt, und der kecke Trommelschlag ging allmählich in ein Marschtempo über, so daß jeder erkennen konnte, wie zuversichtlich und bestimmt die Gedanken der Gutsherrin über Vergangenes und Zukünftiges schweiften.

»So, nu laß aber mal das Trommeln,« forderte plötzlich eine energische Stimme neben ihr, und als sie, aus ihren Träumen gerissen, das blonde Haupt ein wenig wandte, da mußte sie zu ihrer eigenen Erheiterung wahrnehmen, wie der Riese von Sorquitten in seinem gelben Sportanzug ebenfalls den mächtigen Rücken gegen die Stalltür drängte; und nun stand er mit leicht überschlagenen Beinen da, ohne es jedoch natürlich für nötig zu halten, die gewaltigen Fäuste aus den Taschen zu ziehen. »Du stellst dir wohl vor,« fragte er ruhig weiter, »wie das hier sein wird, wenn das Gesindel von dort drüben auf seinen Kalbsfellen Generalmarsch schlägt? Die verfluchten Hunde!« Und während er angelegentlich auf seine gelben Schnürstiefel herunterstarrte, murmelte er in angenommener Gleichgültigkeit: »Sag mal, Johanna, jetzt könntest du doch endlich deine weisen Pläne gefaßt haben. Willst du nun meine alte Dame begleiten?«

Es klang durchaus nicht so, als ob der große Mensch in Herzensangst um ihr Schicksal bebte. Darin bestand ja ohnehin nicht seine Art, sobald es sich um andere handelte. Aber die große Blonde wurde doch von einer vorüberhuschenden Rührung erfaßt, als sie sich vorstellte, daß sich überhaupt ein Mensch um ihr Wohlergehen bekümmere.

»Fedor,« begann sie deshalb zutraulich, »entdecke mir mal ganz offen, lieber Junge, weshalb du dich so bemühst, mich von hier fortzulocken? Liegt dir wirklich bloß daran, eine passende Gesellschaft für deine Mutter zu finden? Oder wäre es dir im Ernst peinlich, wenn ich durch eine fremde Einquartierung Unannehmlichkeiten erführe?«

»Na, natürlich wäre es mir peinlich,« brummte Herr von Stötteritz, zog den einen Schuh noch etwas weiter in die Höhe und klopfte sich angelegentlich den Staub ab. Und indem er etwas möglichst Gleichgültiges zu erfassen strebte, stieß er noch hervor: »Vor allen Dingen möchte ich selbstverständlich den Lumpen den Spaß versalzen, einer mir nahestehenden Dame hier irgend etwas vorschreiben oder gar befehlen zu wollen.«

»So so, daran denkst du,« meinte Johanna schon um vieles mehr ernüchtert. »Wenn ich dir nun aber anvertraue, daß ich an dieses ganze Kriegsmärchen keineswegs glaube, was dann?«

Der Riese ließ sich gegen die Stalltür fallen, daß sich ein dumpfes Dröhnen erhob.

»Dann erkläre ich dir,« sprudelte er ihr ungehalten entgegen, »daß du eine halsstarrige Person bist, die für derartige Dinge nicht das richtige Verständnis besitzt.«

»Ach, sieh einmal, was du liebenswürdig sein kannst!«

»Aber ich will ja gar nicht liebenswürdig sein,« schrie jetzt der Riese außer sich, der völlig vergaß, daß ihn ursprünglich eine viel zartere Absicht hierher geleitet, »ich will ja bloß, daß hier alles nach Ordnung und Recht zugeht, damit du keinen Schaden leidest.«

»Dafür danke ich dir,« versetzte Johanna, indem sie wieder in ihre kühle und unnahbare Haltung zurückfiel, denn die derbe Weise des Rittmeisters empörte sie innerlich. »Aber da ich mir einmal angemaßt habe, meine Wirtschaft nach eigenem Gutdünken zu leiten, so mußt du es mir auch anheimstellen, ob ich es für richtig halte, mein Anwesen ohne Aufsicht zu lassen.«

»Donnerwetter ja,« fuhr jetzt der Riese auf und schlug mit geballter Faust gegen das Holztor, »mein Inspektor und ich können das doch auch besorgen?«

»Ja gewiß,« wollte die Angegriffene hier abermals einlenken, jedoch der völlige Mangel an Selbstbeherrschung, den der Gutsbesitzer so polternd bewies, er löschte ihr das Verständnis für die verborgene Gutmütigkeit, die seinen Absichten zugrunde lag, von neuem aus. »Ja gewiß, Fedor,« gab sie zu, »ich empfinde dein Anerbieten als sehr uneigennützig, aber meine Leute sind zu sehr an meine eigene Behandlung gewöhnt, als daß ich sie gerade in den Zeiten der Not einer schärferen Methode aussetzen möchte.«

»Aha!« Herr von Stötteritz stieß einen gellenden Pfiff aus. »Daher geht der Wind,« lachte er ingrimmig, »du hast unausgesetzt an mir etwas herumzutadeln. Die ganze Richtung paßt dir nicht, wie, Cousinchen? Das Junkertum, wie du es nennst, das Echt-Preußische? So sage es doch, nicht wahr, das kannst du nicht leiden?«

Über der Stirn des Mädchens zogen ein paar Falten auf. Sie sah wieder sehr herb und ablehnend aus, als sie jetzt kurz hervorbrachte:

»Ich weiß zwar nicht, was dir an meiner Ansicht liegt, aber wenn du darauf bestehst – nun ja, ich kann mir manches anziehender vorstellen, als die von dir bezeichnete Art.«

»So, das wollte ich nur wissen,« knurrte der Herr von Sorquitten, dem es trotz der aufsteigenden Enttäuschung so vorkam, als ob er eine widerwärtige Schulaufgabe endlich erledigt hätte. »Dann brauchen wir ja nicht mehr länger das abgeleierte Thema abzuhaspeln. Du glaubst uns nicht und hast wahrscheinlich Ratgeber, die die Lage viel gründlicher zu beurteilen vermögen, als solch beschränkte Stoppelhopser. Schön, Mariellchen, ich wünsche natürlich in unser aller Interesse, daß diese superklugen Leute recht behalten. Inzwischen wirst du mir wohl beistimmen, wenn ich für meine alte Dame anspannen lasse. Ich habe vor Tisch nämlich dort drüben in Sorquitten noch Verschiedenes anzuordnen. In meiner wenig anziehenden Art, natürlich. Na, mir bleibt wenigstens der Trost, Cousinchen, daß dir über den schnellen Abschied nicht das Herz brechen wird, was?« Damit richtete sich Herr von Stötteritz auf, schüttelte sich, als wenn er in der trockenen Luft von einem Platzregen durchnäßt wäre, und rief schallend über den Hof nach seinem Kutscher.

Mächtig ausholenden Schrittes suchte er den Hauseingang zu erreichen, um seine Mutter von der bevorstehenden Abfahrt zu unterrichten, jedoch mitten zwischen den Pfosten sah er sich noch einmal zurückgehalten. Dicht neben ihm stand Johanna, und sie griff jetzt rasch nach dem Arm des sie Überragenden, um ihn ein wenig hin und her zu zausen, als ob sie den Unwirschen zur Besinnung zu bringen wünsche.

»Fedor, du wirst doch wegen einer solch kleinen Meinungsverschiedenheit nicht böse sein?« mahnte sie eindringlich.

Der Riese sah sie ungewiß von der Seite an, knurrte etwas Unverständliches, aber ihr herzlicher Ton verfehlte nicht den beabsichtigten Eindruck.

»Fällt mir ja gar nicht ein,« rang er sich noch immer etwas unwillig ab, obwohl ihm dieses verdammte Schuljungengefühl unter ihren Augen nicht recht weichen wollte. »Wieso böse? Habe für solche Geschichten wie Familienfehde oder dergleichen absolut kein Verständnis. Im übrigen bist du ja auch eine ausgewachsene Person, und meine Mutter sagt immer ›aufgenötigte Suppe schmeckt schlecht‹. Also lassen wir's! – He,« rief er laut aus der Tür heraus, »Friedrich, fahr' mal hier vor, ganz dicht ran. Und du, Hans,« wandte er sich in seinem gewöhnlichen Befehlshaberton zu seiner Begleiterin, »laß mal auf der Stelle den Tritt hinsetzen. Meine alte Dame behauptet sonst wieder, sie wäre keine Seiltänzerin. Also allons, Kinder, ein bißchen Musik in die Knochen, und dalli, dalli.«

IV.

Dicht an der Chaussee, die sich an Maritzken vorüberschlängelte, hart an der Grenze eines hochwogenden, schwer nickenden Weizenfeldes, da gab es einen lauschigen, einen heimlichen Platz. Ein alter, verkrüppelter Kirschbaum senkte hier sein Geäst so niedrig und struppig herab, daß unter seinem Dach kühler, wohltuender Schatten wohnte, selbst wenn um ihn herum das heiße Sonnenlicht in Wogen über die Landstraße fortspülte. Die astumzäunte Rundung war so recht ein Schlupfwinkel, um sich dort verkriechen und zwischen den herniederhängenden Zweigen hindurchblinzeln zu können, auf alles, was sich auf der Landstraße begab. Hier hatte der Rotkopf der Grothe-Marjellen, die kleine Isa, als sie noch kurze Kleider trug, oft wie ein Hund zusammengekauert gelegen, und es war ein herrliches Vergnügen gewesen, wenn sie den vorüberlaufenden Dorfjungen aus ihrem sicheren Versteck heraus kleine Kieselsteinchen gegen die Mützen werfen durfte. Hei, und wie gut sie treffen konnte! Ja, das verstand sie wundervoll. Und so oft eine der plumpen Kopfbedeckungen in den weißen Sand rollte und vom Wind noch überdies wie ein kurbelndes Rad hinweggefegt wurde, dann war unter den Kirschbaumzweigen in früheren Zeiten häufig ein verdecktes Lachen aufgequollen, ein unbestimmbares, schadenfrohes, kaum vernehmliches Jauchzen, das auf Mitleidsempfindungen der versteckten Übeltäterin keine allzu bestimmten Rückschlüsse freigab. Inzwischen war Fräulein Isa jedoch eine junge Dame geworden. Und wenn auch ihre Gewänder noch manchmal wild und zerknittert an der geschmeidigen, gertenhaften Gestalt herabflatterten, und obwohl es dem Rotkopf noch immer keine Sorgen bereitete, sich gelegentlich unter den alten Kirschbaum mit aufgestützten Ellenbogen auf das grüne Wiesengras zu betten, bis die Feuchtigkeit kalt an ihrer Brust zitterte, – seit ein paar Wochen war ihr leider selbst diese harmlose Erfrischung von der ältesten Schwester, die so gar kein Verständnis für derartige Freuden besaß, verkümmert worden. Eines Morgens lehnte nämlich eine grün angestrichene Bretterbank an dem alten Kirschenstamm, und seit dieser unwillkommenen Entdeckung saß Isa Grothe zur heißen Mittagszeit lässig vornübergebeugt auf dem neuen Sitz und ließ ihre braunen Goldaugen gierig auf einem gelben Büchlein in ihrem Schoße ruhen, das sie ihrer sorglosen Schwester Marianne heimlich entwendet. Himmel, da standen ganz absonderlich verirrte Dinge drin, die Fräulein Isa selbstverständlich längst ahnte und billigte, von denen sie jedoch nie geglaubt hätte, daß sie das Blut so angenehm aufpeitschen könnten. Selbst hier draußen auf dem langweiligen Lande.

Langsam röteten sich die Wangen in dem feinen Gesichtchen, und ab und zu riß das junge Geschöpf halb unbewußt heftig an den herniederhängenden Zweigen herum, als ob sie unwillig sei oder irgend etwas nicht mehr länger erwarten könne. Der Kirschbaum rauschte dann über ihr, und hereinfallende Sonnenstrahlen schossen wie weißglühende Pfeile über das gelbe Buch fort, bis Fräulein Isa gestört mit der Hand nach ihnen schlug.

Eben zupfte die wohlgepflegte weiße Hand in den Blättern herum, denn die Leserin konnte vor fieberhafter Neugier nicht erwarten, die nächsten Seiten umzuwenden, da knisterte etwas in den Zweigen, ein Schatten fiel dunkel und verdeckend auf das Buch, und die Emporzuckende erkannte mit einem leisen Ruf der Überraschung, wie eine Frauengestalt sich eilfertig von der Seite durch die herabhängenden Äste hindurchdrängte.

Im nächsten Moment hatte die Kleine zuvörderst das geraubte Buch unter die Bank geworfen.

»Marianne!«

»Jawohl, guten Tag, Isa.«

»Guten Tag. Wie kommst du hierher?«

»Ich?«

Die Brust der sonst so unempfindlichen Marianne atmete stark, es schien, als hätte sie einen heftigen Lauf hinter sich. Ja sogar der keck geschnittene enge Lodenrock zeigte Spuren von Gräsern und Kletten, die an ihm hängen geblieben waren. Dazu blitzten die schwarzen Augen, und aus den dunklen Haaren hingen ein paar Löckchen regellos in den Nacken hinab. Hastig stützte sich das schöne Mädchen mit der Rechten auf die Banklehne und beugte sich spähend vor, so daß ihre weiße Leinenbluse beinahe die Wange der Schwester streifte.

»Isa,« flüsterte sie hastig, »dort hinten kommt jemand, der mich sucht.«

Jetzt warf auch die Jüngere einen schnellen Blick auf den Feldweg, der hinter dem Kirschbaum quer auf die Landstraße zustrebte, und ganz fern, schon in den tanzenden Sonnennebeln, erkannte sie das gleißende Funkeln einer Uniform.

»Ich weiß, wer dich sucht,« sagte sie sehr bestimmt, und in den großen Goldaugen schwamm ein Ausdruck, als ob das junge Ding die sonderbare Lage durchaus begriffe.

»Jawohl, Fritz Harder,« fiel hier Marianne ungeduldig ein, »wenn er dich etwa anreden sollte, dann bitte erzähle nicht, daß du mich gesehen hättest. Kann ich mich darauf verlassen?«

Auf diese dringende Frage erteilte die Siebzehnjährige keine Antwort. Aber über ihre Wangen ging es wie ein Schauer von Röte und Blässe, und in den weit aufgetanenen Augen schimmerte etwas Ernstes, ja beinahe Ängstliches, was zu dem schnippischen Wesen der frühreifen jungen Dame kaum zu passen schien. Ihre Fäuste ballten sich, und es war ein abschätzender Blick, mit dem sie ihre ältere Schwester, die so völlig ihr Gleichmaß verloren hatte, vom Kopf bis zu den Zehen musterte. Der kleine zuckende Mund jedoch öffnete sich nicht, und so dauerte das unerwartete Schweigen fort.

»Du hast mich wohl nicht verstanden?« drängte Marianne ungehalten weiter, und indem die Eilfertige den straff herabgestreckten Arm der Jüngeren schüttelte, als wollte sie ihre eigene Gegenwart dadurch deutlicher bekunden, schärfte sie der unwillig sich Reckenden mit heißer Stimme noch einmal ein: »Du wirst also nicht sagen, daß ich hier vorüber ging.« In jähem Übergang preßte Marianne plötzlich ihre Wange gegen die der Kleinen, umfing sie mit beiden Armen, drückte sie an sich und schmeichelte immer noch mit mühsam erkämpftem Atem: »Nicht wahr, mein Liebling, du tust mir den Gefallen? Es ist alles nur ein Scherz, verstehst du? Du wirst mich nicht verraten, nicht?«

Da wand sich Isa los. »Ich werde gar nichts sagen,« erklärte sie kurz, während sie sich mit einer jugendlich eckigen Bewegung wieder auf die Bank niederließ. »Was gehen mich deine Spielereien an?«

Und in einem plötzlichen Rache- und Machtgefühl bückte sich der geschmeidige Körper, holte das versteckte Buch hervor und indem sie es recht sichtbarlich ins Sonnenlicht hielt, vertiefte sie sich scheinbar von neuem eifrig in die unterbrochene Lektüre. Marianne aber zuckte geringschätzig die Achsel, als bedaure sie es jetzt, an diese Halbwüchsige soviel Verführungskünste verschwendet zu haben, dann krümmte auch sie ihre Glieder zusammen, um sich im nächsten Augenblick geschickt und tief gebeugt in dem ausgetrockneten Graben von dannen zu schleichen.

Kaum war sie verschwunden, da riß Isa die Zweige des Kirschbaums auseinander, und während sie ihren Rotkopf hastig durch die Öffnung steckte, warf sie der Enteilenden in weitem Schwung ein Erdklümpchen nach, das sie vorher von der Rasenfläche aufgelesen. Gleich darauf sank sie freilich auf ihrem Sitz zusammen, schlug die Füße übereinander und ließ das leuchtende Haupt langsam auf die harte Banklehne sinken. Angestrengt schien sie über ein nicht lösbares Rätsel nachzusinnen.

Es waren die Disharmonien des Lebens, die sich vor den Ohren der Erwachenden noch nicht einfügen wollten in die bald schauerlichen, bald heiteren Melodien, die heimlich und stark in ihr klangen.

Minute auf Minute verrann, die Uniform, auf die die Versteckte harrte, sie wollte sich nicht zeigen. Längst hatte sich Isa wieder erhoben, um ihre scharfen Blicke hierhin und dorthin schweifen zu lassen, vergeblich. Feld, Steg und Wiese blieben leer. Und die Halbwüchsige überlegte. Sollte der Offizier etwa noch einmal in das Herrenhaus zurückgekehrt sein? Ei, das wäre geradezu prachtvoll, wenn der ahnungslose junge Mensch dann mit der anspruchsvollen launenhaften Person womöglich in Gegenwart von Johanna zusammenstieße. Denn darin glaubte sich der feine Verstand der Jüngsten von Maritzken nicht zu täuschen, daß ein so in sich versunkener und ernster Mensch, wie es Fritz Harder war, niemals die verstiegenen Ansprüche ihrer eitlen Schwester befriedigen könnte. Ein Geschöpf, das beinahe eine Stunde zu einer Frisur benötigte! Und wie dumm und ungebildet Marianne im Grunde dahinlebte. Blieb es nicht unbegreiflich, daß ein Mann wie Fritz Harder, ein Offizier, der sich den höchsten und entlegensten Dingen so ernst und strebsam hingab, war es faßbar, daß ein solcher wie bezaubert und entrückt mit brennenden Augen und weit vorgebeugt vor einer so lockeren und inhaltslosen Kokette sitzen konnte? Darin bestand also doch wohl die Bestimmung und die höchste Macht der Frau.

Und wieder rieselte es kalt an den Gliedern der Versonnenen hinab, und sie griff so heftig in die Zweige des Kirschbaumes, als wollte sie ihr eigenes sehnsüchtig erwartetes Schicksal auf ihr Kinderhaupt herunterreißen.

»Sagen Sie mal, verehrungswürdige Jugend, für wen gedenken Sie diese schönen Weichselkirschen zu pflücken?« schlug plötzlich eine feste Männerstimme in den schweren Traum des Mädchens hinein.

Und erschreckt in die Höhe fahrend, erkannte Isa in völliger Verwirrung, wie dicht vor ihr auf der Chaussee der geräumige Landauer des Konsul Bark hielt. Auf weichen Gummirädern mußte das Gefährt lautlos bis hierher gerollt sein, und die beiden Apfelschimmel mit dem strahlenden Silbergeschirr riefen wie immer das stürmische Wohlgefallen von Fräulein Isa hervor, die sich heimlich für alles, was ein sicher fundierter Reichtum bot, begeistern konnte.

»Herr Konsul Bark,« rief sie so liebenswürdig als möglich, nicht jedoch bevor sie sich das blaue Leinenkleid halb unbewußt an den schmalen Hüften zurechtgestrichen hatte. Immer wieder verfiel sie in den Fehler, dem eleganten älteren Manne, der auch jetzt in seinem fast weißen Staubmantel und dem grünen Filzhut so überaus gewählt und vornehm aussah, durchaus ihre Damenhaftigkeit einprägen zu wollen. »Herr Konsul Bark, kommen Sie uns bereits abholen?«

»Zu Befehl, wir haben ja noch zwei gute Stunden zu fahren. Und die Toilettenangelegenheiten« – er beugte sich vor, legte die Hand quer über die Augen, um die Sonnenstrahlen abzuwehren, und musterte die Kleine mit einem ziemlich sorglosen Blick – »na, die scheinen mir ja auch noch nicht auf dem höchsten Gipfel der Erreichbarkeit angelangt zu sein. Hören Sie mal, Rotfüchschen,« meinte er gemütlich weiter, während er an den Grabenbord heranschritt und ihr über die Breite die Hand entgegenstreckte, als ob er ihr behilflich sein wolle, »Sie schießen übrigens wie Spargel in die Höhe!«

Isa hatte schon zum Sprung angesetzt, jetzt zögerte sie plötzlich. Sie bettete ihre Hände auf den Rücken, und die Lippen, die so merkwürdig rot und blühend aus dem blassen Mädchenantlitz hervorleuchteten, zuckten ungehalten über der Zahnreihe.

»Herr Konsul, ich finde,« lachte sie über den trennenden Graben herüber, aber es klang doch deutlich der Unmut heraus, »daß mein Haar Ihre Phantasie direkt in Aufregung versetzt. Wenn Sie es durchaus nicht leiden mögen, so könnte ich ja vor Ihnen immer im Hut erscheinen.«

»Aber liebstes Kleinchen,« beschwichtigte der Konsul ganz verwundert, der nicht im Traum daran gedacht hatte, die Jüngste von Maritzken verletzen zu wollen, »Ihr Haar ist ja im Gegenteil von erlesener Kostbarkeit. Also, wenn ich jünger wäre, würde ich wahrscheinlich Gedichte darauf verfertigen. So, nun aber hopsen Sie mal hier herüber, Isa, und setzen Sie sich hübsch artig neben mich in den Wagen, ich bitte es mir nämlich als besondere Ehre und Vergünstigung aus, die frisch gewaschene, übrigens sehr appetitliche blaue Leinenbluse im Trab nach Hause fahren zu dürfen.«

Damit beugte er sich noch etwas schräger über den Graben und ergriff ohne weitere Umstände die schmale Jungfrauenhand, die sich ihm plötzlich willig und leicht entgegenstreckte. Mit einem Sprung war das Mädchen im Wagen. Wohlig schmiegte sie sich in die hellgrauen Tuchkissen und lugte abermals verstohlen auf den weißen Staubmantel dicht neben sich, der ihr so kleidsam erschien. Lautlos rollte das Gefährt dahin. Als ob es über einen Teppich von Samt fortglitte. Es war ein zu eigenartiges und köstliches Gefühl, diese weiche Bewegung auf sich wirken zu lassen. Allen Gliedern teilte sie sich angenehm und kosend mit. Träumerisch ließ das Mädchen die feinen Härchen der Weizenähre, die sie kurz vorher vom Grabenbord abgepflückt hatte, in ihrem Handteller kreisen, um sich bei klarem Bewußtsein zu erhalten. Gar zu leicht lief man doch Gefahr, unter dem wohlig spielenden Sonnenlicht den spinnenden Träumen zu erliegen. Sie drehte die Ähre stärker und zuckte ein wenig, als sie den leisen Wirbel der Reibung empfand. Und wie frisch und wohlgepflegt der Mann da neben ihr aussah! Nur schade, daß seine prüfenden Blicke nicht abließen, musternd und schätzend über die gelben Weizenfelder und die eben aufknospende Kleefrucht zu schweifen, über der es bereits lag wie ein rötlicher oder bläulicher Hauch. Über den Spiegel eines fernen Landsees kreiste im Bogen eine Schar vom Meer hierher verschlagener Möwen, und ganz in der Nähe taumelte eine Wolke gelber Zitronenfalter über die süß duftende Flur.

»Herr Konsul, hören Sie die Spottdrossel?« begann Fräulein Isa empfindsam.

Der Mann im weißen Mantel neigte sich zu ihr, so daß ihm die Kleine ganz verwirrt in das schmale Gesicht starren mußte. Aber gleich darauf empfand sie, wie seine Finger ihr den gelben Weizenhalm entwanden, um geschickt die Ähre ihrer Körner zu berauben.

»Schön,« sagte er befriedigt, »voll und gut schüttend.«

»Hm –«

Die junge Dame im Wagen schlug rasch die Füße übereinander und wippte ein wenig mit den braunen Halbschuhen. Es war klar, besonders zarten Empfindungen gab sich ein solch älterer Mann nicht hin. Und wie er jetzt die gelben Körner von seinen festen braunen Fahrglacés abschüttelte, da fielen seiner Begleiterin all die aufregenden Gerüchte ein, die man sich schon in der Mädchenschule dort drinnen in der Stadt unweit der Grenze erschreckt und erwartungsvoll zugleich über den eleganten Besitzer des Goldenen Bechers zugeraunt hatte. Oh ja, sie konnte sich den Konsul ganz gut so vorstellen. Und ohne daß sie es selbst ahnte, blieben ihre Augen immer größer an den feinen gebräunten Männerzügen haften.

»Na, Kleinchen, ist hier etwas nicht in Ordnung?« erkundigte sich ihr Begleiter endlich gestört, indem er mit der flachen Hand ein wenig über seine glatte Wange streifte.

Da schrak sie zurück. Herrgott, der Geschäftsmann mußte sie tatsächlich für ein absolut albernes Ding halten. Und sehr kühl erteilte sie die Antwort:

»Oh nein, Herr Konsul, ich habe gar nicht an Sie gedacht.«

»So, so, Isachen, das ist mir aber sehr schmerzlich. Übrigens, sagen Sie mal, mein Kind, schwatzen etwa Ihre Leute auch soviel dummes Zeug über einen Kriegsausbruch, der uns nahe bevorstehen soll? Ich hoffe, Ihre Schwester Johanna verbietet solche Redereien?«

Als das gefürchtete Wort laut wurde, jene wenigen Silben, die sich gerade in dieses verwöhnte Mädchen wie ein fressendes Gift hineinbissen, da steigerte sich die in ihr aufgescheuchte Angst bis zu einer Art sausender Wahnvorstellung. Kreidebleich mußte sie das Haupt herumwerfen, der unbestimmten Gegend zu, von woher die langberockten Reiterscharen hervorbrechen konnten. Sie hörte den donnernden Hufschlag, ein kreischendes Brüllen schrillte verworren über die ruhigen Wälder, und ganz hinten auf der Chaussee ballte sich eine schwarze, auf- und niedertauchende Masse zusammen. Verschwunden, fortgewirbelt waren all die mädchenhaften Unklarheiten, die sie eben noch so reizend bedrängt und beschäftigt hatten. Mit einem klagenden Ruf, aus dem nur eine fast irrsinnige Furcht deutlich wurde, umklammerte sie den Arm des Konsuls, schmiegte sich ganz dicht an ihn, als ob sie nichts weiter verlange, nichts weiter, als nur Schutz und Deckung für ihr bedrohtes Leben, und stammelte vollkommen fassungslos:

»Nicht wahr, Herr Konsul, liebster, bester Herr Konsul, es ist doch nicht wahr? Es ist doch nicht möglich, daß so etwas geschehen kann? Sagen Sie es doch!«

»Herrgott, liebes Kind – –«

Der aus allen Himmeln gerissene Mann empfand ein wirkliches Mitleid mit dem verschüchterten schmächtigen Geschöpf, das im Moment sein Haupt so fest und drängend gegen seine Brust bettete, daß er beinahe das Zucken und Pochen der Stirnadern zu spüren wähnte. Und aus voller Überzeugung begann er laut zu lachen. Nichts hätte so tröstlich auf die aus ihrer eingebildeten Überlegenheit Gescheuchte wirken können, wie dieses unbekümmerte, kräftige Männerlachen. Wie durch Zauberschlag verstummte das unheimliche Dröhnen hinter dem Wagen, und das wirre Gekreisch, das eben noch jeden vernünftigen Gedanken niedergeheult, es löste sich auf in das sanfte Rollen der Räder.

»Herrgott, bestes Kleinchen,« tröstete sie der Konsul inzwischen in ehrlicher Besorgnis weiter, und er achtete selbst nicht darauf, wie er bei seinen Bemühungen den Arm um die Schulter der Zitternden legte und ihr wie einem kleinen Kinde begütigend die Wangen zu klopfen begann, »hätte ich doch niemals geglaubt, daß Sie ein solcher Angsthase sind. Ich versichere Sie, es ist ja alles die reinste Torheit. Lieber Himmel, wie soll ich Ihnen das nur klar machen? Sehen Sie, Isa, wenn Sie ein Kaufmann wären, wie ich, dann würden Sie ja selbst wissen, daß unsere Nachbarn direkt ins Irrenhaus gesperrt werden müßten, wenn sie ihren Handel und ihre Industrie, die eben erst anfangen sich der allgemeinen Weltwirtschaft zu nähern, durch eine solch wahnsinnig heraufbeschworene Unternehmung im Keim zu zertrümmern gedächten. Nein, nein, liebes Kind,« setzte er ärgerlich über seinen eigenen Ernst hinzu, »das Ganze ist das Geschwätz von ein paar gewissenlosen Spekulanten. Also nun Kopf hoch, wie kann sich eine wohlerzogene, weltgewandte junge Dame derartig einschüchtern lassen! Übrigens,« lenkte er völlig ab, da sie bereits durch das Tor von Maritzken fuhren, »da kommt Hans. Nun nehmen Sie mal rasch die Ähre aus dem Feuerbrand da oben, ich habe sie Ihnen nämlich aus Versehen hineinpraktiziert, denn mir scheint, daß Ihre vortreffliche Schwester über derartigen Naturschmuck weniger wohlwollend denkt, als ich. Aber wie gesagt, eine ganz merkwürdige Haarfarbe, Isachen! Ganz merkwürdig.«

Zwei Stunden später lenkte der Landauer des Konsul Bark, nachdem er wiederum die Stadt passiert, durch die letzte heimatliche Ansiedlung. Auf einer Bodenwelle gelegen, lugten die wenigen niedrigen Häuschen zwischen allerlei krausem Gestrüpp hindurch, und es war beinahe, als hätte man diesen letzten Posten so hoch und einsam aufgebaut, damit er von hier aus Wache halten solle gegen die sich unter ihm dehnende unbegrenzte Fläche. Drüben, jenseits des schmalen Flusses, der unten an den Ausläufern des Buschwerks einen Silberbogen zog, war das ganze Land von rauhen, dunkelgrünen Kohlhäuptern besät. Weiter dahinter wurde der unbeschreiblich struppige Raum von mächtigen Breiten gelber Weizenfelder umrahmt, zwischen denen weder Fußwege noch Chausseen eine Unterbrechung herbeiführten. Nur einzelne Gräben liefen gradlinig durch das Land, und unter der hellen Sonne blitzte ihre Oberfläche, als wenn klares, weißes Wasser, den durstigen Äckern zum Trank, durch sie hindurchglitte. Allein dem war nicht so. Die Näherkommenden schraken förmlich zurück vor den schwarzen übelriechenden Rußmassen, die mit ihrem undurchdringlichen Schlamm die wohltätigen Rinnen verstopften. Es waren die Kohlengewässer der nahen Fabriken, und ein ungeheurer Qualm, von der Hitze herniedergedrückt, verbarg den Besuchern das winzige Grenzstädtchen, dem sie zustrebten, wie hinter einer brodelnden Wand. Durch die drohende schwarze Wolke aber, die am Himmel den Umkreis des Städtchens bezeichnete, leckten rechts und links, fern und nah lodernde Feuerzungen in den qualmigen, sich schiebenden Rauch hinauf, und ein ätzender Brandgeruch erfüllte ringsum die Luft. Ein rastloses Kreischen und Surren, ein Rasseln und Sausen quoll aus dem unsichtbaren Ort schon aus der Ferne hervor, und nachdem der Wagen der Deutschen die breite Holzbrücke des Flusses erreicht hatte, die nur noch bis zur Mitte zur Heimat gehörte, da vernahmen die Reisenden wie unter lärmendem Poltern knirschende Haufen kleingehackter Kohle in die an den Ufern liegenden Kähne hinabgeschüttet wurden.

»Man halte,« schrie etwas mitten von der Brücke.

Genau auf dem Grenzstrich standen zwei Soldaten in langen grüngelben Leinenblusen, und dunkelgrüne, breitgerandete Mützen saßen ihnen schräg und eingebeult auf den haarigen Köpfen. Und während der eine von ihnen mit seinem Gewehr, auf das ein breites Bajonett gepflanzt war, die weitere Einfahrt versperrte, indem er die Waffe quer vor seinen Leib hielt, trat der andere, ein bärtiges Gesicht, dicht an den Schlag heran und schlug zur Einleitung auf die umgeschnallte Revolvertasche. Dem Konsul, der sich in seinem Staubmantel herausbeugte, kam es vor, als ob die Grenzwache mißtrauischer als sonst ihre Revision vorzunehmen gedächte.

»Hat man Waren im Wagen?« fragte der Wachtmeister in einem schlechten Deutsch, obwohl der Konsul sich entsann, daß gerade dieser Beamte ihn schon mehrfach bei seinen Besuchen kontrolliert habe. »Fleisch, Zigarren oder vielleicht Bücher und Zeitungen?«

»Was sind das für Umstände?« rief der Chef des Goldenen Bechers dagegen, der mit Mißbehagen bemerkte, wie in den Zügen seiner Begleiterinnen ein ängstliches Befremden aufstieg. »Sie kennen mich doch, ich bin der Konsul Bark, und ich und diese Damen sind von Herrn Rittmeister Sassin eingeladen.« Und indem er sich mit einer Wendung des Hauptes blitzschnell vergewisserte, ob er nicht von den anderen beobachtet würde, da langte er rasch in die Tasche des weißen Mantels, um darauf dem Grenzsoldaten die Hand zu drücken, als ob es sich um eine besonders innige Begrüßung handle.

Der Grenzwächter sah ihm starr ins Gesicht, zuckte die Achsel und wand sich dennoch hin und her, als ob er sich Rat zu holen suche, wie in diesem Falle weiter zu verfahren wäre.

»Es ist gut,« lenkte er endlich mit jener den Russen eigentümlichen Demut vor den Mächtigen ein, »ich sehe, es liegt nichts im Wagen. Aber die Herrschaften werden die Gnade haben, mir zu zeigen ihren Paß.«

Jetzt wurde ein leiser Ruf der Überraschung bei den jungen Damen laut, und man konnte an den Blicken, die sie sich gegenseitig zuwarfen, sofort erkennen, daß sich etwas Derartiges wie die geforderten Papiere keineswegs in ihrem Besitz befände.

»Ruhig,« beschwichtigte der Konsul abermals sehr bestimmt, und sich von neuem an den Grenzsoldaten wendend, überreichte er ihm sein eigenes Ausweisdokument. »Hier, mein Junge,« meinte er begütigend, »hier hast du, was du verlangst. Und weil du so ein braver Beamter bist, so werde ich dich dem Herrn Rittmeister Sassin – meinem Freunde,« setzte er sehr nachdrücklich hinzu – »besonders empfehlen. Aber nun halte uns hier gefälligst nicht länger auf, denn es ist kein angenehmer Aufenthalt in diesem Kohlenstaub für meine Damen. Verstehst du?«

Lässig, als wäre alles in Ordnung, gab der Kaufmann seinem Kutscher das Zeichen zum Weiterfahren. Allein ehe die Pferde sich noch in Bewegung setzen konnten, faßte der Mann mit dem Revolver zögernd in die Zügel und schritt noch einmal unter starkem Kopfschütteln an den Wagenschlag.

»Es sind Vorschriften,« brachte er immer noch mit einer halben Verbeugung heraus, »die Frauen müssen zurück.«

»Wie? Ist das Ihr Ernst?« rief der Geschäftsmann, indem er in aufsteigendem Zorn mit der flachen Hand auf die Fenstereinfassung schlug.

In dem Wagen fuhren ein paar erregte Frauenstimmen im Wechsel durcheinander, und zitternde Finger schmiegten sich verstohlen um den Arm des Konsuls. Sie gehörten Isa, deren schreckhaft erweiterte Augen in immer stärker sich regender Bangigkeit alles in sich tranken, was sich ihnen auf der halb zersplitterten Holzbrücke darbot, von den dicken viereckig zugeschnittenen Haaren der Soldaten angefangen, bis zu dem breiten in einem fahlen Glanz funkelnden Bajonett des zweiten Grenzwächters, der ihnen noch immer breitbeinig und ohne eine Miene zu verziehen, den Einlaß sperrte. In die Stirn des Mannes im weißen Staubmantel war inzwischen eine Blutwelle gestiegen. Unbewußt zupfte er an dem kurzgeschnittenen braunen Schnurrbart herum, bis er plötzlich aus dem Wagen sprang, so daß er jetzt ganz dicht, fast Brust an Brust gegen den Russen aufragte. Der legte abermals unter einer Verbeugung die Hand an die breite Mütze, zuckte die Achsel und starrte dann den drei schönen Mädchen halb betrübt und halb bedauernd ins Gesicht. Ihren Begleiter jedoch durchschnitt zum erstenmal ein merkwürdig beklommenes Gefühl. Das weite struppige Land vor ihm dehnte sich so sonderbar schweigend und geheimnisvoll, als wäre es eine riesige Bühne, die nur deshalb in solch menschenvereinsamter Leere lauerte, weil über sie hinweg bald ungeheure Züge des Weltgeschehens dahinschreiten sollten. Dazu die unsichtbare Stadt, das schneidende Sausen und Rollen – nein, es ließ sich nicht leugnen, eine kurze Sekunde war der Kaufmann völlig befangen von einer heranschleichenden Ahnung, die sich ihm bleischwer an alle Sinne hing. Spähend blickte er auf die schwarzen Gestalten der Kohlenablader hinunter, und auch in ihren schweißigen und stumpfen Gesichtern glaubte der aus seiner Sicherheit Aufgescheuchte dasselbe unauffindbare Rätsel zu lesen.

Verwünscht!

Wenn ihn die Damen jetzt aufgefordert hätten, den Wagen wenden zu lassen, um sich in den Schutz der Heimat zu begeben, die ihre letzten grünen Büsche so vertraulich nah bis an das Flußufer heranschob, in der Tat, er hätte nicht gezögert. Er wandte sich, und unwillkürlich trafen seine und Isas Blicke zusammen. In den feinen blassen Zügen des Mädchens schien wirklich jene unausgesprochene Bitte zu wohnen, ja die sich wie im Frost bewegenden Lippen wagten vielleicht nur den brennenden Wunsch nicht zu äußern.

Da klirrte etwas auf der Brücke. Ein scharfes Sporengeläut begann zu singen und zu gleicher Zeit schlugen die Grenzwächter auffahrend an ihre Säbel und führten die rechte Hand salutierend und breit gegen ihre Mützen. Der Wachtmeister wurde von einer hohen Männergestalt im dunkelblauen Waffenrock unsanft beiseite geschoben, und vor dem überraschten Handelsherrn stand säbelrasselnd der Rittmeister Sassin, lächelnd über das ganze rote Gesicht und unstreitig gewillt, seinen deutschen Gast in die Arme zu schließen. Schmetternd, aus voller Brust, klang sein Bewillkommnungsgruß:

»Rudolf Bark, mein einziger Freund,« schrie der Russe, und dabei klopfte er dem Ankömmling mit seinen feinen weißen Glacéhandschuhen in einer halben Umschlingung schallend auf den Rücken, »die zehntausend Heiligen von Kasan haben mein Gebet erhört. Sie sind da – ohne Zweifel, sind da – à quatre heure, Punkt vier. Man muß sagen, diese Deutschen wohnen in einer Uhr.«

Damit trat der Russe strahlend an das Gefährt heran, fing blitzschnell auf, wie die begehrte Brünette in ihrer prachtvollen Haltung auf dem Vordersitz lehnte und verbeugte sich darauf so tief, daß seine breite blaue Mütze beinahe den Fensterschlag streifte.

»Ah, meine Damen, Leo Konstantinowitsch Sassin seien Ihr entzückter Diener. Sie sehen mich au comble du bonheur! Ich habe auf meine kleine maison nicht vergebens aufgezogen die grün-weiße Fahne, denn die ganze Stadt und das gesamte Offizierskorps seien durch einen solchen Besuch geehrt. Ich werde nie vergessen an so viel Freundlichkeit.«

Bei den letzten Worten hatte sich der Offizier den mächtigen rotblonden Schnurrbart zurechtgestrichen, jetzt versuchte er, die auf dem Wagenschlag ruhende Hand der Ältesten von Maritzken an seine Lippen zu führen. Allerdings erfolglos. Denn ohne im geringsten verletzend zu wirken, entzog ihm Johanna die begehrte Rechte und drohte ihrem Gastgeber leicht mit dem Zeigefinger.

»Herr Rittmeister,« äußerte sie in ihrer gewohnten liebenswürdigen Ruhe, »es ist wirklich beinahe ein halbes Wunder, daß Sie uns bei sich sehen. Denn erstens trug ich, die ich für meine Schwestern verantwortlich bin, längere Zeit Bedenken, ob wir überhaupt Ihrer freundlichen Einladung folgen dürften, und zweitens bedeuteten uns soeben Ihre Grenzwächter, daß Rußland keinen besonderen Wert auf unsere Anwesenheit lege, ja, daß wir schleunigst wieder zu verschwinden hätten.«

»Wie? Was? verschwinden?« fuhr der Offizier in die Höhe und dabei packte er bereits den betroffenen Wachtmeister an der Brust und schüttelte ihn empfindlich hin und her. »Hast du gehört? bist du nicht die größte Seuche, die unsere große Mutter befallen hat? Du Moschusochse, weißt du, was dir bevorsteht?«

Es mußte eine fürchterliche Zukunft sein, die dem Braven angedroht wurde, denn er begann am ganzen Leibe zu zittern und faltete demütig die Hände über der Brust.

»Väterchen Rittmeister,« stammelte er, »der verschärfte Befehl ist gestern abend erst vom Herrn Oberst ausgegeben worden.«

»Ich werde dich gleich bei Väterchen Rittmeister,« schrie Leo Sassin halb lachend, während er jedoch seinem Soldaten mit geballter Faust einen Stoß vor die Brust versetzte, daß jener bis an das Brückengeländer taumelte, »danke Gott, du Hund, daß ich vor diesen Damen, die du beleidigt, kein Exempel statuieren will.« Und sich zu Johanna zurückwendend, vor der er sich noch einmal entschuldigend verneigte, setzte er augenzwinkernd hinzu: »Gnädigste, ich schätze mich glücklich, daß ich noch zu rechter Zeit kam, um meinen Gästen weitere Unannehmlichkeiten zu ersparen. Die übrigen Freunde sind bereits in kleine maison versammelt und erwarten ungeduldig das Erscheinen von deutsche Damen, die uns so viel Ehre schenken wollen. – Der Wagen passiert,« schrie er mit furchtbarer Stimme dem zweiten Soldaten zu, der teilnahmslos diese ganze Szene beobachtete. »Scher' dich aus dem Wege. Meine Damen, Sie gestatten, daß mit meinem Freunde Rudolf Bark neben Equipage einherschreite. Wir überqueren hier nur Eisenbahn – und gleich sind Sie dann au milieu de mon logis de garçon célibataire.«

Befehlend gab er einen Wink, die Soldaten traten zurück, drückten sich beinahe scheu gegen das Geländer, und der Landauer setzte sich, von den beiden Herren zur Rechten geleitet, unter lautlosem Rollen in Bewegung. Und während der Rittmeister sich unaufhörlich glücklich pries, so erlesene Fremde in das elende Städtchen – diesen Schweinekoben, dieses triefende Gefängnis – eskortieren zu dürfen, da ging es über breite Eisenbahnschienen hinweg, die man durch kein Gitter zu schützen versucht hatte, und tief abschüssig stürzte dann der Weg sofort auf einen holprigen Platz hinab, der von niedrigen, rauchgeschwärzten Häusern umstellt war und ebensogut einen großen Hof als einen verunglückten Marktplatz vorstellen konnte.

»Der Platz sieht aus wie ein Mund voller Zahnlücken,« flüsterte Isa sehr treffend ihrer Schwester Marianne zu und wies auf die klaffenden Höhlungen zwischen den einzelnen Gebäuden, hinter denen bereits wieder das kohlstruppige Feld sichtbar wurde.

Das Surren und Sausen der Treibriemen schrillte hier stärker, und die betroffenen Gäste bemerkten, wie aus dem ersten Stockwerk einer Fabrik, die sich augenscheinlich mit der Herstellung von Porzellan befaßte, unausgesetzt eine staubige Mehlmasse herabdampfte. Ohne auf diese Überschüttung zu achten, durch die ihre Kleidung mit schmutzigem Puder bestreut wurde, lungerte mitten auf dem Markt eine Schar langberöckter Männer und Jünglinge herum in hohen Wichsstiefeln und mit niedrigen schwarzen Tuchmützen auf den Köpfen. Aufgeregt und von allerlei Gesten begleitet fuhr hier das Gespräch hin und her. Die jüdischen Einwohner, die man sofort an ihrer lockigen Haartracht erkannte, warfen merkwürdig befremdete Blicke auf das deutsche Gefährt, als wenn die Ankunft desselben ein besonders aufregendes Ereignis bildete. Und wieder beschlich den Mann im weißen Mantel, der anscheinend so heiter plaudernd neben dem russischen Offizier einherwandelte, jenes unerklärliche nagende Mißtrauen.

Und dem unerträglichen Zwange unterliegend, griff er plötzlich unter den Arm seines Begleiters, und indem er alle Zurückhaltung beiseite setzte, richtete er an den munteren Offizier ohne Übergang die sehr ernste und nachdrückliche Frage:

»Leo Konstantinowitsch, verübeln Sie mir meine Neugierde nicht, aber spricht man hier bei Ihnen gleichfalls von einem Zwist, der zwischen unseren Völkern in der nächsten Zeit schon durch Waffengewalt entschieden werden müßte? Sagen Sie mir bitte die Wahrheit, ich fühle mich verantwortlich für meine Damen.«

Wie von einem Schlag getroffen machte der Russe halt, zwinkerte heftig mit den Augen, um gleich darauf kräftig mit dem rechten Arm eine weite kreisrunde Bewegung zu vollführen, als wünsche er die ganze Stadt zum Zeugen seiner Antwort aufzurufen.

»Aber Rudolf Bark, mein einziger Freund,« rief er mit einem ihn erschütternden Lachen, »ist ja nur Geschwätz von verdammten Gazettenschreibern, die in der Hölle ihre Strafe finden werden. Blicken Sie sich doch um, wir verbergen Ihnen nichts. Hier wird überall gearbeitet, Porzellan wird gemacht, Kohle gefördert und Zigaretten und Bonbons fabriziert. Wo sehen Truppenansammlungen? Im Vertrauen, unsere Kasernen stehen halb leer. Und wenn Sie es wissen wollen, ich selbst nehme in einigen Tagen einen mehrwöchentlichen Urlaub, um in Petersburg meine angegriffene Gesundheit etwas aufzufrischen. Sieht so Volk aus, das sich auf Krieg vorbereitet? Und vor allen Dingen, Rudolf Bark, würde ich mir erlaubt haben, Sie und die wunderschönen Damen von Maritzken zur Einweihung von meine kleine maison zu invitieren, wenn Sie sich dabei der geringsten Gefahr aussetzen könnten? Kommen Sie, kommen Sie, wir haben Sprichwort, das lautet: ›Der Säbel schläft‹. Ich hoffe, Sie haben sich überzeugt, bei uns schläft er so tief, daß er ist gar nicht aufzuwecken. Deshalb, mein einziger Freund, verderben Sie uns nicht Laune durch philosophische Untersuchungen. Und hier, Rudolf Bark,« unterbrach er sich in strahlendem Besitzerstolz, indem er gleichzeitig diensteifrig den Schlag aufriß, »hier stehen wir vor kleine maison, und Sie sehen, auf Dach ist aufgezogen russische und deutsche Flagge zugleich.«

Damit wandte er sich, führte zwei Finger der geballten Faust gegen die Lippen und ließ einen Pfiff erschallen, der einer Lokomotive Ehre gemacht haben würde. Auf dieses Zeichen stürzten auch sofort zwei in grüne Halblivreen gekleidete Diener aus dem Hause, denen man ohne große Mühe die für den Hausdienst kommandierten Soldaten anmerkte. Zwischen schlotternden weißen Wollhandschuhen schleppten die wohlfrisierten Männer einen schmalen, nagelneuen Teppichläufer heraus, und auf eine bezeichnende Fußbewegung des Rittmeisters hin bückten sie sich auf den Erdboden, um das Gewebe über die schmutzige schwarze Gosse bis dicht an den Tritt der Equipage auszubreiten.

»Gegrüßt die Freunde des Herrn,« murmelten beide.

›Die kleine maison‹ war eine allerliebste zierliche Villa, unter deren rotem, mehrfach unterbrochenem und abgesetzten Ziegeldach leise Rundungen der Außenwände jenem fast unmerklichen Rokokostil zustrebten, der so anmutig und spielerisch zugleich wirkt. Zwischen zwei schlanken Säulen führten einige Stufen empor, und kaum waren diese überschritten, so befanden sich die deutschen Gäste in einem halbrunden Vestibül, das ganz in matten weißen Farben gehalten war. Nur wunderlich, daß das zarte Schmuckkästchen den Eingang zu einem Junggesellenheim bildete, viel befremdlicher, weil das ganze Haus von der fernen Regierung in Petersburg errichtet sein sollte. Noch waren den Damen von den Dienern ihre seidenen Mäntel kaum abgenommen, und eben standen sie vor einem schmalen, in der Hinterwand einer Nische eingelassenen Spiegel, um ihren Toiletten die letzte Vollendung zu verleihen, als auch schon ihr militärischer Wirt in erneute Bewunderung ausbrach. Wortreich versicherte er, wie die ruhige Eleganz der deutschen Kleider alles überstrahlen müßte, was die Garnisonsdamen dort drinnen in dem Salon an seidenen Fähnchen auf sich vereinigt hätten. Und dann diese unnahbare Würde und Strenge! Zweifellos, man konnte es mit tausend Eiden bekräftigen, jede deutsche Frau eine Fürstin, nein, weit gefehlt, eine Königin, eine Kaiserin. Es sei direkt lächerlich, welch ein tiefer Respekt, ja welch knabenhafte Beschämung selbst den verwegensten Reitersmann in der Nähe solch einer Nemza heimsuche. Als der Rittmeister in diesem Begeisterungstaumel schwelgte, hatte er gerade seinen Platz hinter der abgewandten Marianne gefunden, die ihre wohlgebildete Gestalt selbst mit einem heimlichen Genuß bespiegelte. Und der weiße Nackenausschnitt, der sich aus der stahlblauen Seide ihres Gewandes leuchtend erhob, er zog die Blicke des Hausherrn so stark auf sich, daß alle seine Lobeserhebungen nur noch in wirre Worte ausklangen.

»Köstlich – exquisit – superb!«

Und Johanna, die mit sich selbst beschäftigt war, sah nicht, wie ihre dunkle Schwester, entzückt über den berauschenden Eindruck, den sie hervorrief, dem Spiegelbild ihres Gastgebers mit einem besonders reizenden Lächeln zunickte. Aber der Konsul und Isa bemerkten es, und sie warfen sich einen Blick zu, den nur aufeinander abgestimmte Menschen zusammen austauschen. Es war ganz seltsam, der reife, vielerfahrene Mann, dem die Frauen die gefährlichsten ihrer Künste längst verraten hatten, und das ahnende unreife Mädchen, sie wurden durch ihren scharfen Verstand wie alte Gefährten zusammengeschlossen, die sich auch ohne Worte über die heikelsten Dinge zu verständigen vermögen.

»Sagten Sie etwas, Herr Konsul?« fragte Johanna.

»Nein, lieber Hans.« Er warf dem Rotkopf einen warnenden Blick zu, der sie zum Schweigen verpflichtete. »Kommen wir.«

In dem braun getäfelten Herrenzimmer endigte zu demselben Zeitpunkt, als der Wagen der Deutschen die Vortreppe der Villa erreichte, ein lebhaft schwirrendes Gespräch. Die französische Konversation erstarb wie durch Zauberschlag, und Herren wie Damen zogen sich möglichst unauffällig an die heruntergelassenen Fenstervorhänge heran, um die Aussteigenden gleich unter dem ersten Eindruck richtig abschätzen zu können.

Das war natürlich von höchster Wichtigkeit.

Als auf dem Tritt der weiße Schuh von Isa sichtbar wurde, warfen sich die jüngeren Offiziere unwillkürlich in die Brust und strichen ihre Waffenröcke glatt. Zu einem unverhohlenen Murmeln des Beifalls jedoch steigerte sich das männliche Interesse erst, wie gleich darauf Marianne, kaum auf die dargereichte Hand des Konsuls gestützt, mit einer ihrer lässigen Bewegungen den Wagen verließ. Dies veranlaßte freilich eine sehr untersetzte rundliche Dame, die Gattin des Zivilgouverneurs Bobscheff, die über ihre hervorquellenden Pausbacken kaum noch mit heftig zwinkernden Äuglein herüber zu blinzeln vermochte, ein Urteil zu fällen, von dem sie infolge ihrer bevorzugten Stellung erwarten durfte, daß es dem gesamten Kreis fernerhin als Maßstab zu dienen hätte.

»Gott,« flüsterte sie als eine Art Selbstbekenntnis, indem sie ein mächtiges Schildplattlorgnon vor die halbgeschlossenen Augenritzen führte, »sie sieht aus wie die Tänzerin Litwina Dimitrewna aus Moskau.«

»Ah,« sagte an dem anderen Fenster die junge Frau des Obersten Geschow aus Mariampol, deren feingliedrige Gestalt noch mehr als ihr zigeunerhaft gelber Teint oder die schwimmenden braunen Augen ihre tatarische Abkunft verrieten, »ist das nicht jene Balletteuse, über die ich neulich in der Nowoje Wremja las, daß sie herrliche Brillantbänder um die Fußknöchel zu tragen pflegt?«

»Maria Paulowna,« entgegnete die Zivilgouverneurin mit einem ganz leisen Verweis, denn der Rang der Obristin war von dem ihren nicht wesentlich unterschieden, »ich nehme an, daß Sie vor den Extravaganzen solcher Weiber den gleichen Abscheu hegen wie ich.«

»Lieber Himmel, man interessiert sich,« verteidigte sich die junge Tatarin, wiegte sich in den Hüften und gab über ihre Schulter hinweg einem hinter ihr weilenden jüngeren Offizier ein anmutiges Zeichen, er möge ihr eine Zigarette reichen. »Man genießt in unseren weltverlorenen Garnisonstädten ja keine andere Abwechslung, als die Lektüre.«

Die Offiziere stimmten der geschmeidigen, anziehenden Mariampolerin durch ein beifälliges Gemurmel unbedingt zu. Frau Bobscheff jedoch, die ihre lokale Würde gefährdet sah, pustete Luft von sich und lenkte dann etwas sanfter ein:

»Man hört jetzt soviel von dem sittlichen Verfall der Jugend in unserem heiligen Rußland. Über die Ursachen hat eben jeder seine eigene Ansicht. Nicht wahr, Wladimir Petrowitsch?« wandte sie sich an ihren Gatten, der lang wie eine Telegraphenstange hinter ihr stand und nun sein von weißen borstigen Haaren gekröntes Raubvogelantlitz willfährig zu ihr herunterneigte, »nicht wahr, Wladimir Petrowitsch,« verlangte sie befehlend, »ich verfechte oft diese Ansichten?«

Auf diese Aufforderung, der sich der demütige Herr in Gegenwart so vieler anderer nicht zu entziehen vermochte, räusperte sich der Gouverneur erst hörbar, dann zog er sein Taschentuch, wischte den Mund und brachte schließlich in seiner merkwürdig schüchternen, kratzbürstigen Heiserkeit hervor:

»Ganz recht, Tatiana. Seitdem du die Kurse in dem Frauenlyzeum besuchst,« – hier wischte er sich wieder den Mund – »seitdem ist deine Kenntnis sozialer Zustände sehr beachtenswert.« Von neuem krächzte er und suchte mit den dürren Fingern krampfhaft unter dem Frack mit den goldenen Knöpfen nach einem isländischen Bonbon. »Ich komme leider wegen der vielen Arbeiten in unserem Kohlenrevier nicht dazu, mich mit derartigen Dingen zu beschäftigen,« schloß er vollkommen heiser, »aber ich hege Ehrfurcht vor ihnen.«

»Gut,« lobte die Gouverneursfrau und richtete sich ein wenig auf den Zehen empor, »es freut mich, daß du dies äußerst, Wladimir Petrowitsch.« Und mehr für den ganzen Kreis berechnet, setzte sie noch hinzu: »Der Mutter Gottes sei Dank, die Harmonie unserer Anschauungen ist beinahe eine vollkommene.«

Die anwesenden jüngeren Zivilbeamten, die der Zucht des Herrn Bobscheff, dieser wandelnden Giraffe, unterstellt waren, verbeugten sich hier beifällig, nur Alexander Diamantow, ein schwarzhaariger Bergbaustudent, der hier in den Kohlengruben sein Studium abschließen sollte, und von dem man behauptete, daß er ein übergetretener Jude sei, er verzog in einer Ecke sein melancholisches Antlitz zu einem leisen Lächeln. Er erinnerte sich daran, wie er bei seiner Antrittsvisite bei den Bobscheffs bereits vor den Türen des Dienstgebäudes ein wildes Gekreisch vernommen, und daß ihm auf seine Frage ein herumlungernder Polizeibeamter anvertraute, die Gouverneurin suche im Moment ihren Gatten zu ihren Ansichten zu bekehren. Und Diamantow wußte, daß eine solche Bekehrung nicht immer leicht gewesen sein müsse. Denn Herrn Bobscheffs Schwäche gegen wohlgebaute Bittstellerinnen war im ganzen Gouvernement bekannt. Daher datierten auch die Ermittlungen, welche die umfangreiche Tatiana über den Verfall der Sitten im heutigen Rußland angestellt hatte. Der junge Bergbaustudent stützte an dem verlorenen Tischchen in der Ecke das Haupt in die Hand, so daß ihm die wirren schwarzen Haarsträhne in die Stirn fielen, und in seiner unruhigen Seele klangen die Ansichten und Meinungen wieder, die sich hier noch eben bekämpft hatten, bevor das samtne Rollen des deutschen Gefährts hörbar wurde. Denn auch vor ihrer Ankunft hatte das Gespräch bereits den fremden Gästen gegolten.

»Es wird Zeit,« hatte der Hausherr geäußert, indem er sich nur mühsam einem Geplänkel mit der hübschen Regimentskommandeuse aus Mariampol entriß, obwohl Sassin nach Diamantows Ansicht nicht ahnte, daß die Tatarin den Dragonerrittmeister wegen seiner nur oberflächlich lackierten, fast dörflichen Unbildung innerlich verachtete, »es wird Zeit, meine Herrschaften, daß ich den Deutschen bis an die Brücke entgegengehe. Die kopflosen Hunde, die man dort postiert hat, könnten uns sonst leicht einen Strich durch die Rechnung ziehen. Außerdem – der Kaufmann, den ich erwarte, besitzt verteufelt helle Augen. Sie alle werden gut daran tun, sich gegen ihn recht vorsichtig zu benehmen.«

»Ist er jung?« fragte Maria Geschowa.

»Hm,« erwiderte der Dragoner etwas gestört, denn er ärgerte sich über die Funken, die in den Zigeuneraugen der jungen Frau aufblitzen konnten, »er steht so auf der Grenze, wo man selbst nicht weiß, ob man jung oder bejahrt ist. Jedoch er hat früher viele Abenteuer gehabt.«

»Von den Deutschen,« meinte Frau Bobscheff betrübt, und sah aus ihren verkniffenen Augen wie in Scham an ihrer Tonnengestalt herab, »von diesen verwünschten Heiden sind unsere guten altväterlichen Sitten von Grund aus verdorben. Gönnen sie selbst der ehrbarsten Frau ihren Frieden? Kennen die schamlosen Tiere überhaupt die Heiligkeit der Ehe? Was denkst du darüber, Wladimir Petrowitsch?«

Die Giraffe schnäuzte sich und wandte den langen Hals hin und her, um zu beobachten, wie weit die Lächerlichkeit, in die er geriet, von diesen neugierigen Spionen etwa festgestellt werden könnte. Da sich aber nichts anderes ereignete, als daß dieser verwünschte heimliche Jude Diamantow sein verletzendes Räuspern ausstieß, für das der Beamte ihn schon gelegentlich büßen lassen würde, so fuhr sich der Gouverneur über die borstigen weißen Haare und erwiderte dem kleinen dicken Ei, das sich so unangenehm an ihn lehnte, mit ernster Feierlichkeit:

»Es ist ja bald so weit, meine Liebe, daß wir den unsauberen Stall dort drüben reinigen werden. Sei überzeugt, unsere Verwaltungsmethoden, die der heiligen Kirche einen so breiten Platz einräumen, können auch dort drüben ihre Wirkung nicht verfehlen.«

Der Rittmeister stand bereits in der offenen Tür, wo ihm von einer der grünen Livreen die blaue Militärmütze sowie ein paar weißer Handschuhe gereicht wurde. Während des Aufstreifens der Glacés aber warf er noch einmal warnend zurück:

»Nicht wahr, meine Herrschaften, Sie denken daran, nach meiner Rückkehr nicht die geringsten Andeutungen mehr. Es liegt alles daran, die Nemzows total zu überraschen. Bitte, Maria Geschowa, wollen Sie diesen meinen Wink auch untertänigst Seiner Durchlaucht dem Fürsten Fergussow hinterbringen. Er probiert dort drinnen in dem kleinen Mahagonizimmer zusammen mit Ihrem Gatten, dem Herrn Oberst, mein neues Billard. Also wie gesagt: Vorsicht! Und nun, au revoir, mes chers!«

Damit verneigte sich die kräftige Gestalt, und man hört seine Sporen gleich darauf über die Steinstufen klirren. Allein der Hausherr hatte das Kommende, Unbestimmte, das in der Luft schwebte und die Stirnen der Menschen wie mit Geisterhänden schmerzhaft zusammenpreßte, dieser verwünschte stiernackige Sassin hatte es in seiner bäuerlichen Ahnungslosigkeit so sicher und ohne die geringsten Skrupel als etwas Feststehendes hingemalt, daß der klobige Stein nun mitten in der Stube lag, und jeder sich an ihm die Füße wundstoßen mußte.

Da waren besonders zwei Herren in schwarzen Gehröcken mit sehr deplacierten weißen Krawatten, die bei den letzten Worten des Rittmeisters kreidebleich wurden, um darauf völlig nervös, jeder für sich, durch die Gesellschaft zu irren. Es waren die Gebrüder Miljutin, Millionäre, denen die große Porzellanmanufaktur gehörte, wo sie zahlreiche Deutsche in ihrem Betriebe beschäftigten. Namentlich die Blumenzeichner mußten sie gezwungenermaßen aus dem Nachbarstaat engagieren, weil die Ideen der einheimischen Künstler als zu verworren und phantastisch auf dem Weltmarkt keine Geltung besaßen. Die beiden Gehröcke sprachen bald diesen, bald jenen an. Immer deutlicher perlte ihren Besitzern der Angstschweiß auf der Stirn.

»Ist es denn nun absolut sicher und beschlossen?« fragte der ältere von ihnen, ein beleibter Herr mit einer goldenen Brille, der etwas hinkte, und dabei vergaß er sich in seinem Entsetzen so weit, daß er an einem der metallenen Frackknöpfe des Gouverneurs leichtsinnig zu drehen begann, ein Versehen, das er freilich durch eine überschwenglich tiefe Verbeugung sofort wieder sühnte, »ist es denn nun absolut sicher, Exzellenz, daß unser Reich dieses ungeheure Wagnis unternimmt?«

Hier wurde von den Offizieren laut gelacht, und selbst die Damen zuckten mitleidig die Achseln. Ja, gerade die Frauen schienen das rot umnebelte Abenteuer kaum noch erwarten zu können. Es lag soviel Spannungsvolles darin. Und dann – man wurde doch herausgerissen aus der Stille, die langweilig und drohend zugleich über dem riesigen endlosen Lande herniederdrückte, von dem ein Ende das andere nicht kannte. Auch die bohrenden Grübeleien über dies und jenes hörten mit einem Schlage auf, und vor allen Dingen – man würde endlich, endlich den hochmütigen, vielbeneideten Nachbarn beweisen können, wo der junge, der zukunftsfrohe Gebieter der Welt säße.

»Stellen Sie sich vor,« gab Herr Miljutin der Ältere dem Gouverneur Bobscheff ängstlich zu bedenken, indem er beinahe flehend in das Raubvogelangesicht des anderen hinaufstarrte, »meine Fabrik – ich werde sie schließen müssen. Die einheimischen Arbeiter werden eingezogen, und auf die Frauen und Mädchen ist kein Verlaß.«

»Oh,« krächzte Herr Bobscheff, und es klang, als ob man eine Handvoll Glasscherben gegen eine Fensterscheibe drücke, »es befinden sich unter Ihren jungen Mädchen ein Paar recht kräftige und wohlgebaute.«

Frau Bobscheff zuckte zusammen, soweit dies ihre unglückliche Figur zuließ.

»Wladimir Petrowitsch,« erinnerte sie in erhobenem Ton, »Herr Miljutin wünscht von dir zu erfahren, ob du die kriegerische Auseinandersetzung mit den Nemzows für unvermeidlich hältst oder nicht?«

»Ja, ich halte sie für unvermeidlich, meine Teure,« rang sich die Giraffe aus dem nervös vornüberschwankenden Halse ab, denn er machte sich mit Recht Vorwürfe, weil er die Gegenwart seiner gewichtigen Lebensgefährtin, wenn auch nur für einen Moment, übersehen hatte, »ich halte sie für völlig unvermeidlich, Herr Miljutin. Ich bin hier der erste Beamte, und in meinen Bureaus fließen die Stimmungen des Gouvernements gewissermaßen zusammen. Täglich lese ich zehn bis zwölf Zeitungen. Und wenn diese die Abrechnung auch nicht laut fordern dürfen, so muß man doch verstehen, zwischen den Zeilen zu lesen. Ist Ihnen das nicht aufgefallen?« examinierte er väterlich wohlwollend weiter.

Der Porzellanfabrikant rang heimlich die Hände.

»Ich meinte – ich hoffte – ich glaubte –«

»Tun Sie das nicht, Herr Miljutin,« schluckte der Gouverneur krampfhaft. »Die öffentliche Meinung ist für den Krieg, und in der Umgebung des Zaren, den der lebenspendende Christus erhalte –,« hier verbeugten sich alle anwesenden Offiziere und Beamten – »gedenkt man nicht länger jede unverschämte Herausforderung hinzunehmen. Seien Sie nicht kleinmütig, Herr Miljutin,« fuhr die Giraffe ernst und strafend fort, als sie merkte, welchen Eindruck ihre Rede erzielte und wie selbst die korpulente Tatiana in der Schar der Hinzudrängenden sich auf den Zehen erhob, damit sie besser lauschen könne. »Wir müssen der Welt endlich beweisen, daß der slawische Riese nicht dauernd auf seinem weichen Stroh liegt und schläft.«

»Bravo,« sagten einige Stimmen. »Haben Sie gehört? Weiches Stroh. Das ist ein ganz vorzügliches Bild. Wladimir Petrowitsch ist der geborene Redner.«

»Und dann,« schnaubte der Gouverneur aus seiner einsamen Höhe und fuhr gewohnheitsmäßig mit dem Taschentuch über die Hakennase, »Herr Miljutin, ich wundere mich, warum Sie die Hauptsache vergessen. Ist man nicht auf der ganzen Erde gegen uns in Liebe entbrannt? Die glorreiche französische Nation schätzt die Originalität unseres Geistes und sieht in unserer ungebändigten Kraft« – der Gouverneur erinnerte sich hier an eine kürzlich gelesene Floskel, warf sich in die Brust und krächzte schwimmend in Selbstbewunderung und Genuß – »ja, sie sieht in uns eine gigantische Dampfwalze, dazu bestimmt, eine breite Straße zu ebnen, auf der das französische Genie uns entgegeneilt, um uns zu umarmen.«

Die ganze Gesellschaft applaudierte. Rufe des Entzücken wurden laut, und die Beamten des Gouverneurs schlürften jene Floskel in sich ein, als müßten sie eine fette Auster kunstgerecht über die Zunge gleiten lassen. Die runde Kugel aber, die dem Gouverneur angetraut war, rollte auf die Gattin des Obersten aus Mariampol zu, umarmte sie, wobei sie ihre fleischigen Arme freilich nur um die Hüften der Tatarin schlingen konnte, und küßte die junge Frau auf die Brust.

»Maria Geschowa,« entlud sie sich stürmisch, »hörten Sie, wie Wladimir Petrowitsch sich eben über die Lage äußerte? Oh, es ist nichts Kleines um einen politischen Blick. Wie glücklich müssen Sie sein, Teuerste, weil Sie in Frankreich Ihre Erziehung genossen. Wie beneide ich Sie!«

»Darf ich Ihnen ein Glas Tee bereiten, Exzellenz?« warf die Tatarin ziemlich gleichgültig hin, als ob ihre Gedanken mit etwas ganz anderem beschäftigt wären. Und wirklich, die dunklen Augen der jungen Frau flammten über die gepolsterten Schultern der Gouverneurin hinweg und in eine matt erleuchtete Ecke. Und so gepackt und gefangen beugte sie das schmale Haupt nach jener Richtung, daß ein großer Teil der anwesenden Herren, für die Maria Geschowa mit ihrer lächelnden orientalischen Verführungskunst überhaupt den Mittelpunkt bildete, sich gleichfalls über den dämmrigen Platz vergewissern mußte.

Ganz plötzlich trat in dem lebhaften Gespräch eine Stille ein.

Selbst der Gouverneur Bobscheff stieg aus seinen Weihrauchswolken hinab und entdeckte mit steigendem Mißbehagen, wie dort hinten an dem einsamen runden Tisch der Bergbaustudent Alexander Diamantow saß, das Haupt mit den überquellenden schwarzen Haaren in beide Hände gestützt. Der junge Mann schien, leidenschaftlich in sich versenkt, das Bild der schwatzenden Menge absichtlich von sich fernhalten zu wollen. Unbeweglich und tief gebeugt verharrte er, nur die rasch atmende Brust zeigte, daß ihn etwas quäle.

»Alexander Isidorowitsch,« krächzte Bobscheff fast kreischend.

Durch den schmalen Körper des Angerufenen ging ein Zucken. Und merkwürdig, in der gleichen Sekunde wurde auch der dunkelhäutige Nacken der Mariampolerin von einem kurzen Schauer überkräuselt. So völlig vermochte sich die Leidenschaftliche in die Stimmungen der Menschen zu versetzen, die sie interessierten.

Langsam ließ der Student seine Rechte sinken, und um seinen ausdrucksvollen bartlosen Mund spielte ein mattes Lächeln, als er die gereizte Giraffe jetzt mit einer merkwürdig tiefen und für seine Jugend ungewöhnlich markigen Stimme fragte:

»Wünschen Sie etwas, Exzellenz?«

»Ja – ja gewiß, Alexander Isidorowitsch, sind Sie krank?«

»Ich? – Durchaus nicht – oder doch nur so, wie die meisten meiner Altersgenossen.«

»Was meint er damit?« flüsterten ein Paar der Offiziere verständnislos, »was meint der verfluchte Jude damit?«

Man war allgemein empört. Nur Herr Miljutin der Ältere schob seinen schwarzen Gehrock zögernd neben den Sitz des Studenten, denn in seinem verängstigten Gemüt dämmerte es, der hagere bartlose Mensch könne womöglich sein einziger Bundesgenosse in diesem Kreise von Wütenden und Blutlechzenden sein. Außerdem war Diamantow ein Jude und liebte deshalb gewiß das Geld und die geschäftliche Sicherheit.

»Fahren Sie fort, junger Mann,« hauchte der Fabrikant hinter dem Stuhl des Ingenieurs beinahe unhörbar und begann ermunternd die Lehne des Sessels zu streicheln.

Aber auch Maria Geschowa schritt mit ihrem kräftigen wiegenden Gang geschmeidig an das runde Tischchen heran und setzte ohne Überlegung das Teeglas, das sie eigentlich für die Gouverneurin bestimmt hatte, vor Alexander Diamantow nieder. Das dunkle, kräftige Organ des Studenten hatte etwas in ihren Adern entzündet und brannte dort weiter. Inzwischen hatte sich der Gouverneur gleichfalls an das Tischchen herangedrängt und pochte jetzt mit seinen langen Knochenfingern höhnisch auf die Platte:

»Mir scheint, Alexander Isidorowitsch,« überschlug er sich fast vor Heiserkeit, »Sie mißbilligen unsere große heilige Sache? Sie haben kein Herz für sie. Ist es möglich, daß Menschen so denken, die unserem Staate eigentlich zu ewiger Dankbarkeit verpflichtet wären? Herr, Sie sind noch jung, stehen Sie etwa gar in einem militärischen Verhältnis?«

»Wie gründlich Wladimir Petrowitsch vorgeht,« verkündete Frau Bobscheff hier mit großer Bewunderung.

»Ja, ich bin Offizier,« sagte Diamantow ruhig und erhob sich.

»Er ist Offizier,« echote es im Kreise. »Man denke, – wie fürchterlich.«

»Herr, und in einer solchen Stellung, da fehlt Ihnen die Begeisterung für die Zukunft unseres Volkes?« schnaubte Herr Bobscheff weiter.

»Sie fehlt mir nicht,« entgegnete der Student ruhig, indem er seine Hände in die Seitentaschen seines einfachen Jacketts vergrub, »ich suche sie nur nicht in kriegerischen Eroberungen.«

»Und warum nicht?« fragte Maria Geschowa, die ihm jetzt, nur durch das Tischchen getrennt, dicht gegenüberstand. Ihre heißen Augen tranken dabei schon im voraus die Antwort von seinen hageren Zügen, und ihre Finger glitten auf der Tischplatte unmerklich gegen die seinen, als wünsche sie ihn dadurch zu ermuntern. »Und warum nicht?«

»Weil ich fürchte – –,« sagte der von allen Seiten Bedrängte, der sehr gegen seinen Willen zum Mittelpunkt der Unterhaltung geworden war, und zu gleicher Zeit wich er dem Blick von Maria Geschowa aus und starrte unverwandt auf das Muster des persischen Teppichs, »weil ich fürchte – – –«

»Was fürchten Sie zum Teufel?« inquirierte die Giraffe unbarmherzig weiter.

»Ich fürchte,« äußerte Diamantow mit geschlossenen Lidern, wie wenn er sich dadurch von den anderen abschließen könnte, »daß die spärlichen Keime einer freien Entwicklung, die von der Jugend hie und da gesät wurden, durch die Kriegsmaschine entwurzelt, zerstampft und wieder auf ganze Epochen unterdrückt werden könnten.«

»Ja,« sprach Maria Geschowa ganz leise.

Es hörte sie niemand, nur Alexander Diamantow hob die schweren Augenlider überrascht in die Höhe und sah die junge schöne Frau sonderbar an. Es lag etwas wie ein Erkennen in diesem kurzen sprechenden Blick, den die beiden miteinander tauschten. Dann schob sich der Student durch die widerwillig sich öffnenden Reihen hindurch und gedachte, vornübergebeugt wie stets, in das Billardzimmer zu treten, aus dem das harte Aufeinanderprallen der Elfenbeinbälle deutlich herüberklang. Vor der Schwelle jedoch wurde er noch einmal am Arm von dem Gouverneur zurückgehalten, der ihm nun in seiner ganzen Länge und zitternd vor Erregung den Weg vertrat:

»Alexander Isidorowitsch,« hustete Herr Bobscheff in einem krampfhaften Anfall, »verwünschte Heiserkeit – in Momenten der Leidenschaft übermannt sie mich stets – als Haupt der Verwaltung fühle ich mich für die Stimmung innerhalb meines Kreises verantwortlich. Sie würden mich deshalb sehr beruhigen, – nein wirklich, junger Mann, sie könnten außerordentlich viel zu der inneren Fassung der Anwesenden beitragen, wenn Sie mir jetzt einen offenen und ehrlichen Aufschluß über Ihre Meinung erteilten. Es ist doch selbstverständlich, Alexander Isidorowitsch, – verzeihen Sie, wenn ich mich so in Ihr Vertrauen dränge, allein ich bin es meiner Stellung schuldig – ich setze voraus, daß Sie als Offizier Ihre Pflicht tun werden!«

Ein Ausruf des Unwillens folgte. Er kam von der Frau des Obersten, die ihre Hand quer durch die Luft warf, eine Zigarette an sich riß und rasch an ihren Platz unter dem Fenster zurückkehrte. Der Bergbauingenieur an der Schwelle jedoch richtete sich hoch auf. Eine Sekunde lang verzerrten sich seine Züge, und aus den dunklen Augen schoß ein solcher Strahl von Haß, daß die Offiziere unwillkürlich sich näher um die Giraffe zusammenscharten.

»Um Allerheiligen willen,« stammelte Herr Bobscheff und sank in ihrem Kreise zusammen, denn durch sein verschüchtertes Gemüt blitzte plötzlich die Erinnerung, daß dieser aufrührerische Jude unter den Kohlenarbeitern einen zahlreichen Anhang besäße. »Teuerster Freund, Sie werden mich doch recht verstehen?«

Inzwischen hatte der Student seine Hände wieder müde in die Taschen gleiten lassen. Nun neigte sich die gestraffte Gestalt abermals leicht nach vorn, und um den bartlosen Mund glitt ein kühles, resigniertes Lächeln, als er mit seiner dunklen Stimme stark und rückhaltlos erwiderte:

»Wozu wollen wir hier erst Selbstverständliches erörtern? Wir sind es gewohnt, unseren eigenen Willen unterzuordnen. Ich werde ebenso handeln, Exzellenz, und gehorchen. Das ist die Stimmung Ihres Kreises.«

Er nickte noch einmal bekräftigend mit dem schwarzen Haupt, drängte seine schlanke Gestalt durch die schweren Falten des Vorhangs und war verschwunden. Nur von nebenan hörten die Zurückbleibenden eine ungewöhnlich wohlklingende und einschmeichelnde Stimme rufen:

»Ah, Sie sind es, Alexander Isidorowitsch! Bei den strahlenden Jungfrauen von Kasan, wie kommen Sie hierher in den Kohlenstaub? Rasch, unser Spiel ist beendigt, dem Himmel sei Dank, daß sich eine wirkliche, lebende Seele zu uns verirrt. Wollen Sie eine Zigarette, Alexander Isidorowitsch?«

Dies war die Unterhaltung der teuren Freunde, in deren Kreis der Rittmeister Sassin seine deutschen Gäste, leuchtend vor Unbefangenheit und Frohsinn, einführte. Wirklich, die Fremden mußten den Eindruck empfangen, daß der ganzen Gesellschaft durch ihr Erscheinen eine offenkundige, unbestrittene Ehre widerführe, die sich in heitersten Mienen und jener fast übertriebenen slawischen Freundlichkeit äußerte. Noch immer schien das Übergewicht der Germanen dieser Völkerschaft gegenüber unerschüttert und von allen willig anerkannt.

»Sehen Sie, sehen Sie,« rief Sassin nach der Vorstellung laut durch das Zimmer, »die wunderschönen Damen von Maritzken. Aber ist es nicht wahr – ist es nicht wahr,« wiederholte er beseligt, »welch ein wundervolles Beispiel die drei Damen und mein bester Freund Rudolf Bark uns allen in dieser Stunde geben? Sie verachten das widerliche und blödsinnige Geschwätz, das nur in den Köpfen von ein paar Narren entstanden ist. Sie leisten damit etwas sehr Wichtiges. Ist es nicht so, Exzellenz?« erkundigte er sich eindringlich bei der Giraffe, die mit weit vorgeneigtem Hals die drei deutschen Mädchen betrachtete.

Und seltsam, es war, als ob in diesen Zimmern, die vor Neuheit und mit ihrer eben erworbenen Einrichtung wie poliert glänzten, niemals Wut und Neid und die Freude am Zerstampfen mit lechzenden Wolfszungen geheult hätten. Äußerst zufrieden blickte sich Herr Bobscheff um. Kaum jemals zuvor war es der Giraffe so stark wie heute in das Bewußtsein gedrungen, wie meisterhaft seine Landsleute die Verstellungskunst zu üben wußten und welchen hohen Grad der allgemeinen Schauspielerei diese Rasse erreicht hatte. Da stand seine dicke Tatiana – zum Henker, sie wurde immer faßähnlicher; wenn man sich vorher an den bestrickenden Linien der brünetten Deutschen erlabt hatte, da verdarb einem diese unwahrscheinliche Anhäufung des Fettes jegliche gehobene Stimmung – da stand die Kugel neben dem zierlichen deutschen Rotkopf, streichelte dem schmiegsamen Mädchen unaufhörlich die Wangen und sprudelte aus den Plusterbacken Lobeserhebungen und Hymnen über die schmalen Füßchen der Kleinen, die in so allerliebsten weißen Halbschuhen steckten. »Unsere Schuhfabrikation ist besser und reeller als der Schund da drüben,« dachte der Gouverneur. »Aber das Reizvolle, das Scharmante steht auf jener Seite. Obwohl auch bei uns – ach ja, es gibt schon Frauen – –,« seufzte er kopfschüttelnd in sich hinein, und er blickte wie zur Bestätigung auf die schlanke Gestalt von Maria Geschowa, die, verdeckt durch das Fensterstore, eine ihrer angeregten und sprudelnden Unterhaltungen mit dem fremden Kaufmann zu führen schien; »sieh einmal, diese berechnete Intriguantin,« dachte die Giraffe trauervoll und drückte den Daumen der Linken schmerzhaft in die rechte Handfläche. »Sie zeigt ihm dort draußen auf der Straße einen vorübergehenden Kosaken. Zum Teufel, die Kerle sollen doch in ihren Kasernen bleiben! Aber wozu muß sie sich dabei so eng an seine Schulter lehnen? Der verwünschte Schmarotzer hält beinahe seinen Arm um ihre Hüfte geschlungen. Die Vorurteilslosigkeit dieser schönen Frau ist jedenfalls nicht zu billigen.«

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