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Die Herrin und ihr Knecht

Zweites Buch. (continued 2)

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Der in Lumpen und Fetzen gehüllte junge Mensch wandte sich auf ihren verzweifelten Ruf plötzlich voll zu ihr, und ein sonderbares Leuchten und Strahlen überglänzte seine eingefallenen, verhärmten Züge.

»Fräulein Grothe,« begann er endlich, und er preßte beide Fäuste zusammen, als könne er die Fülle, die er in sich barg, nicht anders bändigen, »unsere dünnen Reihen wurden jammervoll zugerichtet, und wir sind von weiten Landstrichen verdrängt worden. Aber was sich jetzt bei uns vorbereitet, glauben Sie mir, das wird und kann nicht fehlschlagen. Sie werden nicht mehr lange mit Ihrem Prinzen an einer Tafel sitzen, verlassen Sie sich darauf,« stieß er heftig hervor, und aus dem verunreinigten Gesicht blitzten die weißen Zahnreihen so wild und begierig, daß sich Johanna, um eine unerklärliche Angst niederzukämpfen, die Hand fest um den Hals spannte.

»Fritz, wird es bald sein?« fragte sie verwirrt und wandte ihr Haupt ungewiß nach dem Herrenhaus.

Der andere zuckte die Achseln, und seine Stimme wurde immer dunkler und drohender. »Sie werden von uns hören, Fräulein Grothe, und von mir auch,« setzte er frohlockend hinzu. »Nein, nein, lassen Sie,« wehrte er ab, als er merkte, wie das Mädchen noch einmal ihr Drängen nach seinen Plänen zu wiederholen suchte, »lassen Sie mich hier in dem Graben entlang waten, so komme ich am besten um das Gut herum.«

Damit kauerte er sich wieder an der Erde nieder, bis seine Füße über die Böschung herabhingen, und während Johanna gleich darauf den Morast aufspritzen hörte, wurde unten das Erlengestrüpp noch einmal zur Seite geschoben, und der kahl geschorene Schädel tauchte abermals auf.

»Ich soll noch einen Gruß an Sie bestellen,« klang es aus dem Wasserlauf empor. »Ich habe Ihren Vetter von Sorquitten vor wenigen Tagen gesprochen.«

Da mußte Johanna lächeln. »Ach, Fedor Stötteritz,« meinte sie gutmütig, »wie geht es dem großen Jungen?«

»Als ich ihn zuletzt sah, stand er in der Abenddämmerung unter einem zerschossenen Schuppen neben seinem riesigen Pferde und rief mir nach, diesmal würden Sie es ihm wohl nicht übelnehmen, wenn er recht bald mit seinem lauten Wesen in Maritzken nach dem Rechten sähe. Ich bitte um Verzeihung, Fräulein Grothe, wenn ich den Auftrag wörtlich ausrichte, doch ich hoffe, daß er Ihnen verständlich sein wird.«

»Ich danke,« entgegnete Johanna beklommen und sah ernst zu Boden. »Ich verstehe seine Meinung recht gut.«

Abermals schlug ihr das Herz, und sie begann unwillkürlich zu lauschen, ob sich auf den Steinen des weißen Hofes nicht ein silberner Sporenklang melde. Als sie wieder aufblickte, hatten sich die Zweige zu ihren Füßen geschlossen, und nichts deutete mehr darauf hin, daß hier vor kurzem jemand geweilt, der zwischen ihr und der Außenwelt ganz unerwartet ein paar dünne Fäden geknüpft hatte.

Aber die Außenwelt brauste noch auf einem anderen Wege, gleich Gewitter und Hagelschlag, in den erzwungenen Frieden von Maritzken und schmetterte die künstlich schlaffe Ruhe, die hier wie eine kranke Blume aufgeschossen war, für immer zu Boden.

Ein Geheul und Gekreisch, das sich unmöglich aus Menschenlauten zusammensetzte, nein, das vielmehr von bösartigen, losgelassenen Geistern der Tiefe ausgestoßen schien, schrillte, pfiff, heulte und wieherte über die Landstraße und riß das vergrübelte Weib wie mit krallenden Nägeln aus der kühlen Haselnußlaube heraus. Entsetzt, unfähig, einen Gedanken zu fassen, stürzte die Herrin von Maritzken auf ihren Hof. Von allen Seiten flogen die Fenster auf, scheue, angstvolle Gesichter beugten sich heraus, und alles starrte auf die Chaussee, wo windschnell ein wüster schwarzer Haufe vorüberwirbelte. Tier und Mensch ununterscheidbar durcheinander. Dazwischen Flintenschüsse. Markdurchzitternde, gellende Hetzrufe. Und alles eingehüllt in eine dicke und doch blinkende Staubwolke. Gleich darauf schlug hinter den Bäumen des Parkes eine Feuerlohe in die Höhe. Von dem leichten Wind getrieben, stoben die Funken über die Dächer des Anwesens. Durch das Tor aber quollen junge Weiber herein, hoch aufgeschürzt, die meisten mit entblößten sonnengebräunten Armen; Mägde des Gutes und zurückgebliebene Tagelöhnerfrauen, die sich wie verzweifelt an die hohe Gestalt Johannas drängten als ob sie hier ihren letzten Rückhalt witterten.

»Fräulein – Kosaken!«

»Sie sagen, es sei hier geschossen worden.«

»Den Laden von Kurra haben sie ausgeräumt und angesteckt.«

»Ja, und Tilly – Tilly Baumgartner –«

»Was ist's mit Tilly?« stammelte Johanna betäubt und griff nach der Schulter einer der Mägde, um sich zu stützen.

Da drängte sich die Frau des Verwalters, der seit jener Ausfahrt nicht mehr wiedergekehrt, aus dem Haufen, und das Weib raffte sich ihre blaue Schürze vor das Gesicht und heulte unter dem Leinen hervor:

»Weggenommen haben sie sie mir, Fräulein, von meiner Hand gerissen, und mir selbst einen Schlag über die Augen, daß ich nicht sehen kann.«

Dann ein Wimmern der Mägde, von draußen herannahendes Galoppieren, Hetzen und Verwünschungen, und dicker qualmiger Staub, der über die Mauern des Hofes rauchte.

Da – da – durch die Einfahrt schoß es herein – kleine Pferde, struppig wie nasse Hunde, vornübergebeugte Reiter, in ihren faltigen Röcken gleich bärtigen Frauen auf den Tieren hängend, Lammfellmützen tief auf die stieren Augen gedrückt, schwingende Fäuste, und von den weißen Mauern zurückgeworfen das wetternde Knallen unzähliger Peitschen. Jetzt schoß, sprang, wälzte und purzelte es aus den Sätteln; schon drängte sich das fremde Gesindel durch alle offenen Türen hinein. Wer ihm in den Weg geriet, wurde zurückgestoßen, bis er blutend auf das Pflaster taumelte. Tiefe gurgelnde Laute schienen entsetzliche Drohungen zu verkünden, und nichts, nichts hemmte die Horde, nichts wirkte dem sie beherrschenden Trieb entgegen nach Raub und Plünderung, nach Schandtat und Gewalt. Vergebens, daß sich im ersten Stock ein Fenster öffnete, und der abgezehrte Rittmeister Sassin mit wütenden Gebärden etwas Unverständliches herunterbrüllte, ganz umsonst, daß sich Johanna toll vor Wut und Scham auf einen schwarzhaarigen Riesen stürzte, in dessen Armen die kleine Tilly zappelte, unwürdigen, schmachvollen Liebkosungen ausgesetzt, umsonst, vergeblich, die Streitenden wurden voneinander getrennt, alles ging unter in dem brausenden Strudel, der ungebändigt mit einer irren elementaren Kraft zwischen den Mauern des eben noch so stillen Anwesens kochte.

»Scho–i, scho–i,« schrien die Kosaken, traten Zäune und Türen ein und hieben mit ihren Peitschen lechzend vor Irrsinn und Brunst durch die Luft.

»Der Fürst,« kreischten mitten in dem Graus ein paar heiser geschriene Frauenstimmen.

Unter dem Tor hielt eine einzelne Reitergestalt. Die Rechte hatte sie zum Schutz gegen die Sonne quer über den Schirm der zerbeulten Mütze gelegt, die Linke, die den Zügel hielt, spielte gleichzeitig achtlos mit einer reich vergoldeten Reitpeitsche. Aber die vorgeneigte Haltung und sein ungläubiges Hinstarren in das quirlende Menschengeschäume bewiesen, wie auch dem Besitzer des scharrenden Schimmels alles, was sich da vor ihm abspielte, gleich der tollen Ausgeburt einer dampfenden Phantasie erschien. Ganz gebannt schüttelte er das Haupt und zuckte die Achseln. Sein Anblick jedoch verschaffte Johanna, die, umrast von dieser nie geahnten Wildheit, ihre klare Vernunft völlig eingebüßt hatte, die nebelhafte Überzeugung, der Mann unter dem Tor müsse und würde sie gegen diese blutdürstigen und fauchenden Tiere schützen oder verteidigen. Mit übernatürlicher Kraft streifte sie die jammernden Mägde von sich ab, und es war wirklich die blonde, furchtlose Walküre, wie sie Dimitri Sergewitsch in den schwülen Augustnächten immer geahnt, als sie sich mit bebenden Gliedern von neuem gegen den riesenhaften Bedränger der kleinen Tilly warf.

»Fürst Fergussow,« schrie sie dabei mit einer vor Wut und Scham erstickten Stimme.

»Hund, ich schieße dir dein Spatzengehirn gegen die Mauer,« heulte der kranke Rittmeister, von Hustenanfällen unterbrochen, aus dem oberen Fenster, und seine zitternden Hände zogen bereits die Sicherung von einer Pistole ab.

Doch er brauchte sich nicht mehr zu bemühen. Mit einem kräftigen Sprung setzte der Schimmel des Fürsten in den auseinanderstürzenden Schwarm hinein, eine zielsichere Faust riß dem überraschten Riesen die Lammfellmütze vom Kopfe, und zu gleicher Zeit sauste ein Reitgertenhieb dem Aufjammernden quer über das Gesicht. Brüllend vor Schmerz ließ der struppige Kerl sein Opfer fahren, und es war für alle Zuschauer ein gräßlicher Anblick, wie der Oberst nun sein Pferd noch einmal gegen den Gebändigten antrieb, so daß dieser in dumpfem Fall vor die Füße des Tieres rollte.

»Du triebst natürlich nur einen kleinen Scherz,« sagte Dimitri böse und schneidend, und die erwachende Johanna sah mit Entsetzen, welche grausamen Lichter in den dunkel gewordenen Augen des Reiters zucken konnten, »nicht wahr, mein Söhnchen, so war es doch?«

»Ja, einen Scherz, Väterchen,« jammerte der Gefallene und streckte in sklavischer Demut beide Hände gegen die erhobene Peitsche aus, »nichts weiter, als einen Scherz.«

»Dacht ich's mir doch,« meinte Dimitri höhnisch durch die ängstliche Stille, welche plötzlich auf dem Hof nach all dem Lärm entstanden war. Und sich im Sattel umwendend, sagte er hell und durchdringend, so daß den Kosaken, die sich scheu an den Wänden herumdrückten, keines seiner Worte verloren gehen konnte: »Wehe, ihr Kanaillen, wenn ihr nicht alles, was ihr gestohlen habt, sofort wieder zurückgebt. Auf den Bäumen dort hat es Platz für viele von euch. Habt ihr mich verstanden?«

»Ja, Väterchen, verstanden.«

»Seid ihr hier einquartiert?«

»Bis morgen früh,« gurgelte unvermutet eine vor Ingrimm oder Trunk heisere Stimme in der Nähe des Fürsten.

Sie gehörte einem Kosakenrittmeister an, der bis jetzt einen Besuch in der Schenke abgestattet und nun sein klepperartiges Pferd am Zügel hinter sich herzog. Das erste, was der Mann tat, nachdem er sich durch einige Stöße in den Kreis hineingeschoben, bestand darin, daß er dem noch immer auf den Knien verharrenden Kosaken einen heftigen Fußtritt in die Seite versetzte.

»Was ist hier geschehen?« forschte er und stampfte grob auf den Steinen herum. »Ich frage, was hier geschehen ist? Ich war dienstlich verhindert, Herr Kamerad.«

Der Fürst jedoch schien keinen Wert auf die Zusammengehörigkeit mit dem Sohn der Donschen Steppe zu legen. Er ließ einen hochmütigen Blick über das brandrote Habichtsgesicht des Reiters hinweggleiten und sagte sehr ruhig:

»Oh nichts, was bei Ihren Formationen zu dem Auffallenden gehört. Aber ich möchte Ihnen doch empfehlen, Herr Rittmeister, Ihre Leute, so lange sie uns das Vergnügen schenken, in den Stall zu komplimentieren.«

»In den Stall?« brummte der andere, die Fäuste ballend; da er aber nicht wagte, gegen den vorgesetzten Gardeoffizier ausfällig zu werden, so versetzte er wenigstens dem liegenden Mann einen neuen Stoß, um ihn dann an den Ohren empor zu reißen. »Pack dich, Wassily, du Schuft! Was liegst du hier wie ein krankes Schwein herum? Was soll man von dem Beispiel denken, das ich Euch gegeben? Was soll man denken, frage ich? Warte, mein Guter, wir sprechen uns noch.«

III.

Die Menge hatte sich verlaufen, das Gutsgesinde war zu seiner gewohnten Beschäftigung zurückgekehrt, nur Johanna und der Oberst weilten noch auf dem Hofe.

»Sie sehen auffallend blaß aus, mein Fräulein,« hörte die Gutsherrin ihren Gefährten im Ton aufrichtigen Mitgefühls beginnen; und als sie in ihrer gelähmten Haltung verharrte, fügte er ehrerbietig hinzu: »Sie können mir glauben, daß mich nur die Besorgnis zu dieser Bemerkung veranlaßt. Vielleicht würde Ihnen ein Spaziergang hier im nahen Walde wohltun. Für diesen Fall hebe ich selbstverständlich mit Vergnügen das Verbot Ihrer Bewegungsfreiheit auf, und um Sie vor weiteren Belästigungen zu bewahren, biete ich Ihnen gern meine eigene Begleitung an. Sie sollten es wirklich nicht abschlagen,« vollendete er ganz treuherzig.

Zum erstenmal hatte dieser in der glatten Rede des Salons verstrickte Mann wie ein wohlwollender Mensch gesprochen, dem die Not eines Mitgeschöpfes die Seele erschreckte. Und Johanna atmete auf, und über ihre versteinten Züge huschte es wie von Befreiung und Erlösung. Gottlob, endlich nach den langen Tagen der erzwungenen Beschränkung sollte jetzt eine Stunde folgen, die es ihr ermöglichte, die so schmerzlich entbehrte Wanderung über den heimatlichen Boden genießen zu können. Oh, welchen Dank sie demjenigen schuldete, der ihr jenes unerwartete Geschenk darbot. Jedem anderen hätte sie in leidenschaftlicher Wallung und mit ihrem klaren, unversteckten Lachen beide Hände geschüttelt. Hier aber wagte sie nur zustimmend das Haupt zu neigen, und doch berührte es sie eigenartig wohltuend, als sie bemerkte, mit welcher Freude der fremde Offizier dieses leise Zeichen ihrer Bereitwilligkeit auffing.

»Wahrhaftig?« rief der Fürst ganz erstaunt, »Sie hegen keine Bedenken? Ah, meine Gnädigste, Sie vergeben mir gewiß, wenn ich heimlich denke, daß Sie sich dann wirklich durch das abscheuliche Gebaren dieser Steppenreiter im hohen Grade angegriffen fühlen müssen.«

»Sie dürfen darüber nicht spotten,« entgegnete Johanna befangen, weil es das erste Mal war, daß sie mit dem schönen jungen Mann andere Dinge als die des täglichen Unterhalts verhandelte. »Ich war auf die Schrecken des Krieges gefaßt und bin auch imstande, sie zu ertragen, aber eine derartige Raserei –«

»Leider kann ich Ihnen keineswegs widersprechen,« unterbrach Dimitri Sergewitsch hastig, denn ihm lag alles daran, die Blonde von dem eben erduldeten Überfall abzulenken. »Sie werden verstehen, was es mich kostet, wenn ich Ihnen versichere, wie sehr ich und viele andere Kameraden, die wir den Europäer-Standpunkt nicht aufzugeben gewillt sind, von dem Treiben jener Stämme innerlich angewidert werden. Aber fort damit,« suchte er von dem bedenklichen Gegenstand loszukommen, »ich bin heute früh schon durch Ihre herrlichen Buchenwälder geritten, und es bereitet mir eine wahrhafte Genugtuung, Ihr Wiedersehen mit diesen frischen und geheimnisvollen Gründen vermitteln zu dürfen. Sehen Sie, ich kann sogar schon jetzt die schönsten Grüße von dort an Sie bestellen.«

Lebhaft riß er aus seinem Wams ein kleines Skizzenbuch hervor, und Johanna, die einen raschen Blick über seine Schulter warf, stieß unwillkürlich einen Laut des Erkennens aus. In einer ganz feinen, schattenhaften Manier, worin Licht und Luft mehr festgehalten waren, als der darzustellende Gegenstand, erhob sich auf dem Blatt mitten auf einer dunklen Waldwiese ein ungeheurer geborstener Buchenstamm, an dessen Ästen unzählige Heiligenbilder, Glasherzen und Kränze als Weihegeschenke aufgehängt waren.

»Ah, der Sankt-Annen-Baum,« stellte Johanna überrascht fest. »Wie zart und fein Sie das getroffen haben.«

Der Oberst zuckte die Achseln, verbeugte sich jedoch leicht.

»Was wollen Sie!?« meinte er gleichgültig, »die Frucht und der Überrest der vielen Lieblingsbeschäftigungen, die eine Petersburger Wintersaison so mit sich bringt. Man darf gar nicht daran denken, wieviel Zeit und Jugend man so tatenlos verschleuderte. Aber, mein gnädiges Fräulein,« entraffte er sich elastisch derartigen Vorstellungen, und seine edlen Züge strahlten wieder jenen das Gutsfräulein so verwirrenden Glanz, »wozu Reue und Selbstzerfleischung an einem herrlichen Ferientag? So fasse ich nämlich unseren Ausflug auf. Benötigen Sie vielleicht noch einen Sonnenschirm, den man herbeischaffen müßte?«

Johanna schüttelte das Haupt, doch konnte sie es nicht hindern, daß ein Lächeln ihre Lippen öffnete. Die Nonne, die ihre Tage der Arbeit verschrieben, entäußerte sich plötzlich der ihr anhaftenden Herbheit und sah frisch und gesund und genußfähig aus. Ganz versonnen starrte sie der Fürst an.

»Wo denken Sie hin, Durchlaucht,« meinte sie gutmütig, während sie sich bereits zum Gehen anschickte, »ein Landmädchen, wie ich, das hie und da selbst mit anfaßt, das fürchtet keinen verbrannten Teint. Übrigens tut mir die Sonne auch nichts,« setzte sie hinzu und zeigte ihm ein Antlitz, dessen lichte Reinheit weder durch ein Mal noch durch ein Sonnenpünktchen verunziert war. »Wollen wir durch das Tor?« fuhr sie innehaltend fort.

»Nein, bitte nicht dort hinaus,« weigerte sich der Fürst mit auffallender Lebhaftigkeit. »Sie könnten dort manches sehen, was Sie zu unangenehm an meine und meiner Landsleute Anwesenheit erinnert. Ich möchte Ihnen heute gar zu gern ein paar Potemkinsche Dörfer vorspiegeln. Kommen Sie, wir schreiten lieber hier an dem Graben entlang und wenden uns dann über die kleine Brücke.«

Bald darauf war das Paar von den dunklen Schatten des Haselnußgehölzes umhüllt, und Johanna mußte unwillkürlich den Blick zu Boden senken, als sie die Bank gewahrte, auf der noch eben der junge verdüsterte Preuße ihr seine Pläne enthüllt. Ihr fiel wieder die spreizende Bewegung seiner Hände ein, da er davon gesprochen, wie leicht ein Kühner unter der Obhut der Hausherrin den hier befehlenden Etappenkommandanten in den ewigen Schlummer senden könnte. Und unbewußt trieb sie den ahnungslos neben ihr Schreitenden zu größerer Eile an.

Wirklich, es war ein erquickendes Wandeln unter dem niedrigen Laubdach zur Seite des abgemähten Feldes, über dem die Sonnenstrahlen tanzten und funkelten. Anmutig jeder vorspringenden Baumwurzel ausweichend, schritt ihr Dimitri Sergewitsch voran, und in einer so selbstvergessenen Lust befand sich Johanna, daß sie rückhaltslos die elegante Geschmeidigkeit seiner Glieder bewunderte. Wie sorgsam und mit wieviel Aufwand von Zeit und Bedienung der vornehme Herr gewiß seinen Körper gepflegt hatte. Wie blendend weiß und geschont sich auch jetzt mitten im Waffenhandwerk seine schmalen Hände darboten. Und Johanna empfand fast eine Art von naiver Hochachtung vor jenen Bevorzugten, die ihrer Gesundheit so unablässig zu dienen suchten. Und dieser kräftige, unermüdliche Mensch, der wie ein lebendes Kunstwerk ohne sichtbare Unebenheiten und Fehler durch die Schöpfung schritt, er sollte nach den häßlichen Geständnissen des Rittmeisters Sassin ein Frühverdorbener, ein Angefressener und Vergifteter sein?

Schaudernd strich sich das Mädchen eine blonde Haarsträhne, die im Winde flatterte, aus der Stirn, und sie beschloß – für heute wenigstens – all diese unsauberen Gedanken zu verbannen. Ihre alte Willensstärke kam ihr wieder, als sie sich eingestand, daß es sie ja im Grunde gar nicht berührte, aus welchen Erfahrungen der Charakter des Fremden zusammengeschossen sei. Nein, für den Augenblick brauchte sie sich nur dem frohen Gefühl hinzugeben, aus dem unsichtbaren Kerker, der ihr so unerwartet geöffnet wurde, mit dankbarem Gemüt herauszuschreiten und sich der kurzen Stunde der Freiheit mit aufnahmefähigen Sinnen zu freuen.

Und das tat sie.

Heute bewunderte sie jedes wilde Brombeergestrüpp, das sich im Vorbeistreifen an ihr Gewand nistete, und hie und da bückte sie sich, um eine rötliche Hagebutte neugierig zu mustern. In dem Haselnußdach über ihr schwirrten junge, grünweiße Meisen herum, sie hingen sich an die Äste und übten lautlos ihre schwierigen Kletterkünste. Und das Landfräulein staunte die Tierchen an, als ob sie die wilde Schar heute das erste Mal sähe. Helle Lichtpunkte tröpfelten durch das Blätterwerk hindurch und tanzten, glitten und zitterten ihr fröhlich über das Haar und den unbedeckten Hals. Als sich der Fürst einmal umwandte, erschrak er fast. Das Weib, das hinter ihm herschritt, leuchtete und funkelte so eigentümlich, daß ihm das Wort auf der Lippe erstarb. In dem grünen Dämmer wandelte die hohe Gestalt, umflossen von der ihr anhaftenden Frische und Reinheit, und wieder schien es dem Beobachter, als ob er dieses unberührte Menschenkind durchaus nicht in den ihm gewohnten wilden Reigen einzuordnen vermöchte. Fast beschämt kehrte er sich ab, um ihr von neuem durch den schmalen Gang voran zu eilen. In weiter Biegung schlängelte sich der Weg um das Feld herum, um endlich breiter und breiter zu werden, bis sich das Gebüsch allmählich in den herantretenden Buchenwald verlor. Hier spürte man nichts mehr von der Hitze des Tages. Zwischen den matten, grauen Stämmen hing ein unsichtbarer Flor herab, hinter dem alles Gegenständliche verdämmerte und verschwamm. Geräuschlos flirrte das feine Spiel der Blätter, rechts und links über die Waldwege zogen sich die glitzernden Fäden der Spinne, grüne Fliegen hingen in der Luft und zuckten plötzlich wieder davon, und der ganze ungeheure Wald war erfüllt von Schläfrigkeit und einem ewig auf- und absteigenden Summen. Von Zeit zu Zeit aber wichen die Riesenbäume weit auseinander, und hohe, ungeheure Hallen empfingen die Wanderer unter grünen, leise schwankenden Kuppeln.

Mitten auf einer der Waldwiesen träumte die Sankt-Annen-Buche, unter deren weit ausladenden Ästen unzählige Betrübte schon in frommer Einfalt gekniet hatten. Johanna lehnte sich leicht an den grauen, vielnarbigen Stamm und blickte zu einem Perlenstern empor, auf dessen grünem Untergrund eine zitternde Hand nichts als die Worte gezeichnet hatte: »St. Anna hilf uns!« Nie zuvor war von der Gutsherrin diese Spende gesehen worden. Sie bedeutete wohl einen Notschrei aus schlimmer Zeit. Wer konnte wissen, zu welch entwürdigender Arbeit die emsigen Hände von fremden Einlagerern schon verurteilt waren.

Johanna atmete schwer und rührte sich nicht.

So vermochte sie nicht wahrzunehmen, wie Fürst Dimitri, nachdem er eine geraume Weile die Unbewegliche unter dem grünen Buchenmantel in künstlerischem Genießen gemustert, verstohlen sein Skizzenbuch hervorzog und mit fliegenden Strichen das strenge Bild festzuhalten strebte. Erst eine rasche Bewegung verriet ihn. Sofort trat das Mädchen zurück, jedoch nur, um sich auf einen abgehauenen Baumstumpf niederzulassen, wo sie den Blicken des Beobachters nicht mehr ausgesetzt war. Doch mit keinem Wort tadelte sie die Freiheit, die sich ihr Gefährte genommen. Dazu wurde sie zu sehr, – trotz eigener Entfernung von der Kunst, – durch die Ehrfurcht vor allem Können beherrscht.

»Schade,« bedauerte Dimitri Sergewitsch leise.

Allein auch er kam durch keine Andeutung auf seinen vereitelten Wunsch zurück.

Mit ein paar respektvollen Worten bat er, sich auf einer Mooserhöhung lagern zu dürfen, und als ihm dies freundlich gewährt war, da ließ sich der Oberst auf dem Erdbuckel nieder, ohne sich jedoch auszustrecken oder irgendwie eine lässige Haltung anzunehmen. Die Vornehmheit seiner Gewohnheiten oder Erziehung äußerte sich eben ganz ungezwungen in jeder Lage. Und doch – trotz dieser Rücksicht – empfand es Johanna schmerzlich, als sich die fremde Uniform mitten zwischen den Farrenkräutern und Gräsern abzeichnete. Die umfriedete Ruhe des deutschen Waldes schien ihr dadurch gestört. Und ihr Blick heftete sich gezwungen auf ein kleines blaues Ordenskreuz, das der Offizier dicht unter dem Halskragen befestigt trug.

»Das ist wohl eine hohe Auszeichnung?« fragte sie endlich trotz inneren Zögerns.

Der Fürst nahm seine Mütze von den braunen Locken, zuckte die Achseln, und seine Hand begann mit der blauen Dekoration ohne große Wertschätzung zu spielen.

»Ich empfing das Ding,« äußerte er, »zum Fest der heiligen Wasserweihe. Irgendein Verdienst wurde meines Wissens damit nicht belohnt.« Und wieder ließ er das blaue Kreuz durch seine Finger schnellen.

Heilige Wasserweihe?! Wie unbegreiflich fern und einem anderen Volke angehörig doch die Bezeichnung jenes Festes hier unter den grünen Buchen klang. Und dadurch hervorgerufen stieg dem blonden Mädchen die Erinnerung auf, wie ihr Gefährte ja seinem Glauben nach einem bunten geheimnisvollen Ritus huldige, der seine Bekenner durch düsteren Pomp viel mehr an Orient und Osten knüpfte, als an das wunderlose, begriffsscharfe Europäertum. Ein zu seltsamer Gedanke, wenn man sich den distinguierten Mann betrachtete, der sich in nichts anderem von den ihr bekannten Herren unterschied, als durch die edle Regelmäßigkeit seiner Gesichtszüge und die schwermütige Schönheit, die über ihnen ausgebreitet lag.

Merkwürdig, auch der Fürst schien sich ähnlichen Vorstellungen über das, was Völker trennen und verbinden konnte, hinzugeben. Er hielt das schmale Haupt erhoben und verfolgte die Sprünge eines schwarzbraunen Eichkätzchens, das ohne einen Begriff von der Heiligkeit der Stätte in den oberen Ästen der Sankt-Annen-Buche herumturnte. Manchmal auch setzte es sich, so daß die Ruthe feinfaserig herabhing, um nach den beiden Menschen zu äugen, die in dieser grauen Ruhe der Baumriesen zu atmen und zu sprechen wagten.

»Welch unbegreifliche Grenzscheiden die Menschen sich doch errichten,« begann der russische Offizier endlich seinen Gedanken Ausdruck zu verleihen. »Das Trennende liegt mehr in unserem Gehirn und richtet dort Unheil an. Sehen Sie, verehrtes Fräulein, auf meinen Gütern, die gar nicht weit von Petersburg liegen, da gibt es Wälder von ganz gleicher Stille und Unberührtheit wie dieser hier. Ich bin Tage und Nächte lang durch sie hindurch geritten, und manchmal nach einer töricht durchschwärmten Zeit konnte ich jubeln gleich unseren kleinen uniformierten Ferienschülern, denn mich empfing in den stillen Gründen stets das Gefühl, als ob ich in die reinigenden Arme einer Mutter zurückkehrte. Und hier –?« Er schüttelte das Haupt und sah sich mit einem langen verwunderten Blick um.

»Nun, und hier?« fragte Johanna von ihrem Baumstumpf aus beklommen.

Er zuckte die Achseln und riß ein paar Halme von seinem Lager aus.

»Hier ist die Fremde. Ich weiß nicht, wie es kommt – obwohl ich, wie Sie vielleicht schon bemerkten, gar keinen so recht innerlichen Anteil nehme an dieser Völkerabrechnung, weil ich zu jenen gehaßten Kosmopoliten gehöre, wurzellosen Weltbürgern, von denen die Oberschicht Rußlands voll ist – es verschlägt alles nichts, in dem Gehirn sitzt einmal der harte Begriff: hier ist die Fremde, hier wohnt der Feind, die erklärungslose Antipathie.«

Er wartete einen Augenblick, und da Johanna nichts erwiderte, fuhr er ruhig fort:

»Ich könnte mir ganz gut vorstellen, daß alle diese bewegungslosen Stämme um uns herum Ihre Gestalt angenommen hätten, mein Fräulein, und daß sie einen Arm starr nach mir ausstreckten, um mir zuzurufen: ›Du gehörst nicht hierher. Wir sind deutsche Bäume und wollen einen Slawen lieber unter uns begraben sehen, als ihm Schatten und Erquickung spenden‹. Habe ich das Gefühl Ihres Waldes richtig getroffen?«

Ein Schrecken durchrann Johannas Glieder, als ihr Gefährte so sicher ihre heimlichsten Wünsche zerfaserte.

»Ich dachte nicht immer so,« sagte sie an sich haltend, während ihre blauen Augen den Hingestreckten mit ihrem glasklaren und doch nicht warmen Leuchten umspannten.

Jetzt lächelte der Fürst. Es war ein feines, verständnisvolles Lächeln, das den Welt- und Menschenkenner verriet.

»Selbstverständlich,« entgegnete er, »ich zweifle nicht im geringsten daran, daß Ihre Abneigung gegen uns erst entstand, nachdem Sie die dunkelsten Seiten unseres Volkstums gegen sich selbst gerichtet spürten. Unser plumpes Kraftbewußtsein, eine täppische, kindliche Zerstörungswut und die finstere Nacht unserer erschreckenden Unbildung. Ich weiß, Germanien betrachtet sich uns gegenüber häufig als eine Herrin und das umliegende slawische Land als ihren Knecht. Auch Sie sind solch eine Herrin,« setzte er bedeutungsvoll hinzu.

Johanna starrte ihn an. Sie begriff durchaus nicht die Gelassenheit, mit der der fremde Aristokrat mitten in dem großen Streit von seinem eigenen Volke sprach. War das Falschheit? Oder wollte er ihr einen Fallstrick legen, weil er ihre leidenschaftliche Hingabe an ein furchtloses Bekennertum kannte? Wie war solch gleichgültige Kritik überhaupt möglich? Es klang, wie wenn ein gänzlich Unbeteiligter über einen Tausende von Meilen entfernten Stamm zu urteilen hätte. Immer unbegreiflicher wurde ihr der fremde Mann, und sie glaubte, daß jetzt die letzten von den Banden rissen, die zwei Angehörige derselben Artung sonst verknüpfen.

»Fremd – fremd,« mahnte es in ihr.

Und dann – wie furchterregend! Der Fürst schien schon wieder den versteckten Spuren ihrer Überlegungsreihen gefolgt zu sein. Ohne Zorn, nur mit einer Bewegung des Besserunterrichteten, erteilte er ihr auf ihre stillen Einwände die Antwort:

»Ich merke, Sie finden es verächtlich, mein gnädiges Fräulein, weil ich Ihnen so schonungslos über meine Volksgenossen berichte. Aber glauben Sie mir, darin liegt gerade die tiefe Tragik unseres Riesenreiches. Nirgends in der Welt leben der wirkliche Adel und die Oberschicht derartig von der dunklen Masse getrennt, ja durch unüberbrückbare Ströme geschieden, wie bei uns. Wir, die wir das Volk leiten und befehligen, sind im Grunde wurzellose Menschen; ich möchte beinahe sagen ohne festen Wohnsitz. Unsere Kleidung ist die englische, unsere Sprache die französische, und unser Bildungsdrang, wenigstens bei den Besten von uns, geht nach dem Deutschen. Wir wohnen gewissermaßen nur auf Besuch unter den Unsrigen, denn unsere größte Anregung und die tiefste Befriedigung unserer Nerven finden wir in den großen Städten des Westens. Wenn Sie vielleicht einwenden, daß gerade wir es sind, die eine allumfassende nationale Strömung erweckten, so muß ich Ihnen hier unter uns und einigermaßen beschämt bekennen, daß dies im Grunde nur eines der geistigen Mittel ist, durch die wir die unruhige, an religiösen Qualen leidende Menge am Zügel halten. Uns selbst aber wäre ein weiteres Überwiegen slawischen Einflusses direkt unbequem. Denn es würde uns allmählich an dem Auskosten aller feineren Genüsse hindern. Sie sehen also, mein Fräulein,« schloß der Fürst immer mit derselben schonungslosen Offenheit, »von welchem Zwiespalt die leitenden Männer bei uns ergriffen sind und zu welchen peinigenden Lügen sie ihre Zuflucht nehmen müssen, wenn sie nach außen hin das Gegenteil verkünden. Glauben Sie mir, mit diesen widersprechenden Gefühlen sind wir auch in den Krieg gezogen, für den uns das große Schlagwort, die berauschende Phrase absolut mangelt. Ganz abgesehen davon, daß wir uns aus einer Reihe unvermischter, meistens unterworfener Stämme zusammensetzen, deren Wünsche und Ziele weit auseinander streben. Und doch lieben wir diese unglückselige Heimat und beweinen sie.«

Johanna schlug das Herz. Ihr war es, als hätte hier ein sehr Unglücklicher gesprochen. Ein Mensch, der sich im heftigsten Streit von einer armen, ungebildeten Familie gelöst und der doch die Zusammengehörigkeit, unter der er litt, nicht vergessen konnte. Und als ihr norddeutsch kühles Auge jetzt auffing, wie gelassen ihr Gefährte auf seinem Mooshügel saß, mit der schmalen Hand spielerisch über die Gräser streichend, als wenn er eben das Allergewöhnlichste und Selbstverständlichste offenbart, da ergriff sie plötzlich eine stechende Sorge um den schlanken Mann, mütterlich fast, wie sie immer gewohnt war, sich mitzuteilen. Daneben aber rang in ihr die Angst, ob es ihrer auch würdig sei, dem Gegner, der doch bedenkenlos das Schwert geschwungen, ein Zeichen des Trostes zu gönnen.

»Gottlob,« sagte sie endlich, »wir können uns in eine solche Zerrissenheit gar nicht hineindenken.«

Es sollte eine Teilnahme bedeuten, und sie ahnte nicht, wie preußisch kühl und überhebungsvoll ihre Rede ausgelegt werden konnte. Über die Lippen des Russen wehte auch sofort ein leicht mokanter Zug, um jedoch bald einem trüberen Ausdruck zu weichen. Und jetzt – das Mädchen griff fest nach dem Baumstumpf, auf dem es saß – jetzt schimmerte in den Augen des Mannes wieder jene Schwermut, die Johanna so oft an dem Bilde in ihrer Schlafkammer beobachtet. Wenn sie sich an diese Ähnlichkeit erinnerte, dann schwand jedesmal alle Beherrschung von ihr, und fröstelnd empfand sie, daß etwas Altes, längst Bekanntes zwischen ihnen beiden walte. Sie wollte sich dagegen wehren, aber der bindende Zauber spann ungehindert herüber und hinüber. Dazu strich ein Rauschen durch die Wipfel der Buchen, rötliche Blätter wirbelten durch die graue Dämmerung, und ganz hinten in dem jungen Gehölz neigten sich die dünnen, armstarken Stämme kosend gegeneinander.

»Wie scharf Sie beobachten können,« kehrte Dimitri fast gewaltsam zu dem verlassenen Gespräch zurück, und dabei bettete er sich den von der Schulter herabhängenden Säbel quer über die Knie, »Sie gebrauchen gerade das richtige Wort, liebes Fräulein: Zerrissenheit. Sie ist unser schlimmster Feind. Ich meine nicht die politische, sondern die innere, die leider ein durchgehender Zug unseres Charakters ist und durch Bildung oder Gelehrsamkeit nur noch verstärkt wird. Ich fürchte fast, daß ich Ihnen selbst die Grundlage für Ihre Behauptung lieferte.«

Da erblaßte Johanna.

»Durchlaucht,« sträubte sie sich, »Sie scherzen wohl nur. Wie hätte ich mich mit irgend etwas, was Ihre Lebensgewohnheiten oder Ihren Charakter betrifft, beschäftigen können?«

Der Russe ließ die goldene Troddel seines Wehrgehenkes achtlos durch seine Finger gleiten.

»Ach ja, gewiß. Verzeihen Sie, wenn ich mich einer Täuschung hingab. Wir betrügen uns alle gern. Aber Sie hätten vollkommen recht. Der innere Widerspruch verzehrt uns. Und ein Grauen überfällt die meisten, die ihn zu sehen vermögen. Nehmen Sie an, ich spräche von guten Freunden von mir. Es sind Leute, die sich beharrlich weigern, auf der Jagd ein Reh oder einen Hasen zu töten, weil sie in dem Pulsschlag des Wildes den ihrigen zu vernehmen glauben. Mitleidende in der großen Trauer des Lebens. Und dieselben Leute fühlen rieselnde Schauer der Wollust, jetzt, da der Krieg sie zwingt, ihre Säbel durch weiche Gehirne sausen zu lassen.«

»Nicht doch,« stammelte Johanna, vor deren Augen es dunkelte, und griff nach dem Stamm der Buche.

»Doch, doch,« hörte sie ihren Gefährten durch den grauen Dämmer hindurch beharren. »Es sind dieselben Leute, die sich am Morgen, von einer jagenden Angst getrieben, in die Untiefen der Religion stürzen. Mittags hängen sie mit geschlossenen Augen am Seil einer philosophischen Morallehre, damit sie die unter ihnen schäumenden Wogen des Lebens nicht zu sehen brauchen, und abends werden jene Menschen von irren Krämpfen nach Sinnenlust und Ausschweifungen geschüttelt! Können Sie diesen echt russischen Gegensatz auch nur fassen, mein Fräulein?«

Der Sprechende stieß die Säbelscheide in den Waldboden, warf kleine Moosbrocken in die Höhe und wandte sich ab, um die Rufe des Kuckucks zu zählen. Alles Gebärden eines Menschen, der nichts getan, als daß er über einen bekannten und keineswegs beunruhigenden Gegenstand geplaudert. Seine Zuhörerin jedoch wurde von einer auffallenden Blässe bedeckt. Mehrfach setzte sie an, um sich von ihrem Platze zu entfernen. Unerträgliche Dinge hatte sie unter dem heiligen Baum gehört, verworfene Bekenntnisse, die den Redner gewiß näher angingen, als er zugeben wollte. Der Fürst aber – als wenn er es geahnt hätte – riß die Überlegende sofort wieder in seinen Wirbel zurück.

»Machen wir es kurz,« meinte er in seinem anmutigen Akzent: »die Intelligenz Rußlands ist ein ungeheurer Kessel. Schwarz und weiß, Heiligkeit und Verbrechen, Schlaffheit und Wut, Güte und Bestientum, Keuschheit und Raserei, alles kocht in ihm durcheinander. Und eines Tages werden die zischenden Blasen überbrodeln, und der Kessel wird voll Blut sein. Im ganzen ein widerliches Gericht. Widerlich,« wiederholte er und machte eine Bewegung mit der Hand, als wenn er von seinem Waffenrock eine häßliche Spinne abschleudern müßte; »grauenhaft, wenn man ernstlich daran denkt. Denn es gibt dafür keine Erlösung. Mon dieu,« lachte er plötzlich und breitete beide Arme aus, »bestes Fräulein, können Sie vergeben, daß ich Sie mit diesen urslawischen Tollheiten so sehr langweilte?«

Leichtfüßig schritt er auf sie zu, kreuzte die Arme auf den Rücken und lehnte sich dann dicht bei ihr an den Stamm der heiligen Buche. Seine Mütze hatte er auf dem Mooshügel liegen lassen, und so fielen ihm die braunen Locken wellig über die Stirn. Mit offenem Wohlgefallen glitten seine Blicke an der kräftigen Gestalt des Mädchens herab.

»Es ist sonderbar,« sagte er endlich mehr zu sich selbst, »ein so starkes, unbeirrtes Weib in seiner Nähe zu wissen. Man glaubt förmlich die Gesetzmäßigkeit eines solchen Lebens zu hören.«

Er tat noch einen weiteren Schritt gegen sie. Zögernd streckte er die Hand nach dem Mädchen aus, als ob er bittend ihre Rechte berühren wollte. Johanna aber, obwohl sie flammend rot wurde, regte sich nicht. Da ließ der fremde Offizier seinen Arm sinken.

»Würden Sie mir nicht entdecken,« fuhr er ermunternd fort, ohne die Abweisung weiter zu berücksichtigen, »wie Sie zu dieser Festigkeit gelangten? Ihre innere Ruhe wirkt unbeschreiblich wohltuend. Sie sind jung – ich will Ihnen weiter keine Komplimente machen – aber wie konnten Sie so viel drückende Pflichten auf sich nehmen? Die Bewirtschaftung Ihres Gutes, den Schutz für Ihre Schwestern und jetzt sogar den Widerstand gegen uns? Soviel Sammlung bei einer Frau ist wohl auch in Ihrer Heimat selten. Ich wäre außerordentlich dankbar, wenn Sie mir einen Einblick gestatteten.«

Aber Johanna verzog die Stirn.

»Empfinden Sie wirklich ein Interesse für meine Familiengeschichte?« wies sie ihn ab. »Man wird eben das, wozu die Verhältnisse uns stempeln.« Und etwas freundlicher setzte sie hinzu: »Ich glaube, Sie haben dies auch an sich selbst erfahren.«

Jetzt verschränkte der Fürst die Hände über der Brust und nickte leicht.

»Ja,« gab er nachdenklich zurück, »mein Schicksal war Reichtum, Verwöhnung und Nichtstun.«

»Und meines,« erwiderte das Mädchen herb, »Not, Widerspruch und Arbeit – viel Arbeit.«

»Leben Ihre Eltern noch?« fragte der Russe nach einer langen Pause.

»Unsere Mutter ist tot. Sie liegt hier auf dem Friedhof, auf dem neulich Ihre Pferde angebunden standen.«

»Hm, ich ersehe daraus wenigstens zu meiner Freude, daß Ihr Herr Vater – –«

Johanna ballte die Faust. Wieder riß sie etwas von dannen. Sie war empört, weil der Fremde keine Ruhe gab.

»Es ist kein Anlaß zur Freude,« stieß sie im Zorn hervor, »mein Vater verbringt seine Tage in der Landes-Irrenanstalt, nachdem er vorher entmündigt wurde.«

»Ah, mille pardons,« versetzte der Russe betreten.

Mit vorgestreckter Hand zog er sich mehrere Schritte zurück, denn ihn leitete der Instinkt, er hätte sich schon zu nahe an den Kreis ihrer Erinnerungen herangedrängt. Geräuschlos raffte er seine Mütze auf, und als er sich umwandte, hatte sich auch die Blonde erhoben. Ihre Blicke ruhten noch grübelnd auf dem Moos und den Farrenkräutern des Waldbodens, als könnte sie sich von dem zuletzt Heraufbeschworenen nicht trennen.

»Jetzt können Sie sich zusammenreimen, wie alles gekommen ist,« sagte sie bitter, und dabei schüttelte sie sich unwillig, wie jemand, der nur gezwungen zu einem Geständnis hingerissen wurde. »Kommen Sie, ich will nach Hause.«

Langsam, nebeneinander, verließen sie den grünen Hain.

Aber es war nicht mehr dieselbe Gegend, die sie vor Stunden, aufatmend vor der lastenden Hitze, betreten. Und jetzt erkannten sie auch den Unterschied. Das heitere, tanzende Licht war von ihren Pfaden gewichen. Ganz allmählich, unmerklich für die noch von Flimmer und Bläue erfüllten Augen war zuerst ein dunstiger Rauch über den Horizont geflogen. Tiefer und tiefer hatten sich die grauen Gespinste gesenkt, bis die Häupter der Bäume in ihre Maschen eingetaucht waren. Die letzten spielenden Strahlen hafteten nur noch als schwefelgelbe Flecke an den schweigenden, schwermütigen Stämmen. Allein bald erloschen auch diese grellen Feuer, und nun lag der Wald in unheimlicher Stille. Reglos starrten die Blätter einander – wie verzaubert – an. Schwarze Streifen von Ameisenzügen strebten in betäubendem Gewimmel ihren Haufen zu. In scharfem Flug strichen unerkennbare Vögel durch die grauen Schatten, und der ganze Wald hauchte plötzlich nichts als Leere und Verlassenheit.

Die beiden Wanderer aber hielten inne und blickten einander an. Schwer atmend fühlten sie, wie eine bängliche Beklommenheit ihre Stirnen einpreßte. Zeit und Pulse schienen hier still zu stehen, und nur das wiegende Summen der Fliegen und Bienen reizte ihre gespannten Nerven.

Plötzlich bogen sich in der Ferne die jungen Stämme gegeneinander, schnellten wieder empor, und durch das verdunkelte Gehölz zischte ein Windstoß. Ein langes dumpfes Poltern rollte hoch oben über die starren Baumwipfel dahin. Aber dort!? – Über der winzigen Waldwiese zuckte es. Eine feurige Zickzacklinie züngelte durch die dunklen Stämme, hastig brachen und raschelten einige Äste, und ganz von fern erhoben sich ein paar dünne, ängstliche Vogelstimmen. Krachend schmetterte der erste Schlag. Und ohne jeden Übergang prasselten, von einer wütenden Windsbraut getragen, Regen und Hagelschauer schräg gegen die beiden Wanderer.

»Treten Sie unter den Baum zurück,« rief der Fürst, auf dessen Mütze und Schultern die weißen Körner tanzten, und dabei griff er ohne Besinnen nach dem Arm seiner Begleiterin.

Jedoch Johanna riß sich los und lief, so schnell sie vermochte, am Waldesrand entlang.

»Es ist nicht gut hier unter den Bäumen,« widersprach sie, »schnell, wir müssen die Lichtungen benutzen.«

In hastigen Sprüngen setzte das Mädchen vor dem Manne dahin. Graue Regenströme hüllten sie in einen rauschenden Mantel, rote Wolken welker Blätter stäubten ihr entgegen; sie ließ sich nicht aufhalten, sondern stürmte mit vorgeneigtem Leib gegen sie an. Manchmal kam es dem Nachfolgenden sogar vor, als finge er ein mutiges Lachen auf. Und trotz seiner halb geblendeten Augen stutzte der Russe. Die germanischen Sagen fielen ihm ein. Von den Schlachtenmädchen und den Eisriesen. Und im Moment fand er dieses befremdliche Lachen ganz natürlich.

Weiter ging es. Besinnungslos rannten sie dahin, nur auf Sekunden in den Wald lauschend, so oft das Knattern und Knallen sich unmittelbar über ihren Häuptern entlud. Ein bleierner Rauch begann aus den Büschen zu quellen. Es war, als ob auch der feste Boden zu brennen und zu fiebern anfinge. Die Kleider klebten ihnen an den Gliedern. Längst war das Rascheln von Johannas dünnen Gewändern erstorben, und immer vernehmlicher klang das kurze Keuchen und Röcheln der Fliehenden.

Da plötzlich – Dimitri griff sich an die Stirn, schwankte und umklammerte einen Ast, an dem er gerade vorüberjagte. Der ganze Wald tanzte und sprang empor. Ein Zischen, ein bläuliches Schwefeln war um ihn, daß er bis in die Zunge hinein ein stechendes Rieseln spürte. Dazu flimmerte und glitzerte es vor seinen Augen, und doch vermochte er nichts zu sehen, nur Schwärze, blaue Finsternis schwang gestaltlos vor ihm. Schmerzlich stöhnte er und griff mit den Händen in die Luft, wo er seine Begleiterin vermutete. Nachempfindend hörte er von neuem den Regen auf ihre Glieder plätschern und vernahm in seiner Vorstellung das klatschende Geräusch ihrer nassen Kleider.

»Fräulein Grothe,« fuhr es ungelenk aus ihm heraus, da er jeden Laut erst einzeln und neu zu finden suchte, »Fräulein Grothe!«

Dicht vor ihm, mitten auf dem überschwemmten Moos, lag das Weib, nach dem er eben gerufen, bewegungslos und starr, und in ihr emporgewandtes Antlitz stäubten die feuchten Güsse. Keine Wunde verunzierte ihre Haut, und doch war die ganze Gestalt umfangen von Todesruhe.

Ein schneidender Schrecken packte den Herabstarrenden. Zaghaft warf er sich in die Nässe nieder und rüttelte an dem hingestreckten Körper. Allein die gespannte Brust regte sich nicht, und so angestrengt er lauschte, durch die leicht geöffneten Lippen wollte sich kein Hauch drängen. Dazu ächzte das Mark der Bäume, und ganz dicht über den triefenden Boden schoß es dahin wie der Abglanz einer feurigen Schlange. Da konnte der allen äußeren Eindrücken nachgebende Nervenmensch nicht länger dem in ihm wühlenden Grauen widerstehen. Ohne recht zu wissen, was er tat, umschlang er die Liegende, raffte sie empor und schritt wankend mit ihr durch das tobende Unwetter. Seine Arme zitterten unter der ungeahnten Last. Schon manches Mädchen hatte er getragen, aber diese hier schien nicht geschaffen zu frohem und lockendem Spiel. Nein, starr und wuchtig hingen die schweren Glieder herab und suchten ihn zu Boden zu drücken. Seine Brust keuchte, vor den Augen begann es ihm wieder zu blitzen, und immer fester mußte er das Weib an sich pressen, wenn er nicht einer vollkommenen Erschöpfung erliegen wollte. In halbem Traum taumelte er dahin. Aber gottlob, jetzt lichtete sich der Wald. Schon ging es durch den Haselnußgang, auf dessen Dach es trommelte und rauschte, an der verlassenen Bank vorbei, und jetzt hatte er den Hof erreicht. Menschenleer lag er unter dem durchweichenden Regen. Kein Auge erspähte ihn, als er durch die offene Tür hindurch die schmale Treppe erreichte. Noch ein letztes Zusammenraffen – und siehe da, wie zum Lohn regte es sich in seinen Armen. Eine Hand hob sich und klammerte sich an die Schulter des Heraufsteigenden. Oh, er kannte ihr Schlafgemach. Oft hatte er im Vorübergehen heimlich über die Armut des Raumes gespöttelt und die Schmucklosigkeit des Kämmerchens mit dem herrischen, abweisenden Charakter der Besitzerin in Verbindung gebracht. Jetzt stieß sein Fuß die halb angelehnte Tür auf, und gleich darauf ließ der Fürst seine Bürde tiefatmend auf das eingedeckte Bett gleiten. Dann griff er sich erleichtert an den Hals und unwillkürlich mußte er seine Umgebung prüfen. Eintönig und fahl wirkte der karge Hausrat, namentlich jetzt, wo gegen die Fensterscheiben der Regen einschlug. Einzig das Bild da oben an der Wand lohnte sich der Betrachtung! In der blaugetünchten Stube war es zu dunkel, um die Unterschrift zu lesen. Aber diesen Kopf mußte er schon oft gesehen haben. Sehr oft, ein merkwürdig bekanntes Gesicht, irgend jemandem schreckhaft ähnlich. Doch weshalb in aller Welt das plötzliche Begegnen dem Beschauer eine so ungeahnte Verwirrung einflößte? Oder war es nur die Erschöpfung, die sich jetzt äußerte? Daher kam es wohl auch, daß man sich nicht gegen das Lager umzukehren wagte, auf dem die Hausherrin in ihren straffen durchnäßten Kleidern lag! Freilich, man befand sich allein hier und hatte es nur der Betäubung der Deutschen zu danken, daß man überhaupt in ihrer Gegenwart einen Blick in diese lächerliche Kammer werfen durfte, die so gar nicht für die Ruhestätte einer wirklichen Dame paßte. Zum Henker, sie war doch geradezu unbegreiflich, diese Scheu vor einer Willenlosen, aller Kraft Beraubten, die noch immer mit geschlossenen Augen lag!

Mit einem sprunghaften, schmerzlichen Entschluß wandte sich der Fürst und trat an die Bettstelle. Ja, da war er hingestreckt, der marmorne Körper, den der Unbefugte, der Eindringling jetzt erblickte, mit Augen, wie nur der Künstler die Verkörperung eines Traumes in sich eintrinkt. Groß und majestätisch wölbten sich die Glieder, die sich gewiß zum erstenmal einem Manne in verdeckten Umrissen verkündeten. Und in welch edler Meißelung die Brust unter dem nassen Leinen schlief.

Bei Gott, das alles wirkte rein und erhaben!

In Dimitris Seele flogen die Lanzen hin und her, wie von brennenden Fäusten wurde er angetrieben und wieder zurückgestoßen, alles Gute und Schlichte, das ihm das schutzlose Mädchen eingeflößt, widersetzte sich gegen die Zerstörungswut, die sein Blut vergiftete, und zwischen Zwang und Raserei schloß er die Augen und strich schützend und liebkosend zugleich an den vollen leblosen Armen der ihm Preisgegebenen hinab.

Frühzeitig brach die Dämmerung herein, trübes, dunstiges Dunkeln ging in raschem Umschlag in einen naßkalten Abend über. Nur einzelne Tropfen schlugen noch auf das Land, und der Wind zerrte heftig in den Bäumen.

Herbstnacht!

Längst hatte sich Johanna umgekleidet, aber sie mußte wohl zu lange in ihren durchnäßten Gewändern verbracht haben, denn, wenn sie auch am Fenster ihres Schlafzimmers lehnte, um müde in das Unerkennbare hinauszustarren, durch ihre Glieder schnitt ein Frösteln, immer von neuem stürzten ihre schleppenden Gedanken wie irgend etwas Tönernes zusammen, und eine Weile mußte sie sich dann durchs Leere tasten.

Dazu diese wühlenden, brennenden Kopfschmerzen! Nein, sie war noch nie krank gewesen und wollte auch diesmal nicht nachgeben. Aber der irre Drang, der sie umtanzte, der sich aufrichtete und sich an sie hing, er zog ihr den Boden unter den Füßen fort und ließ ihre Knie zittern.

Trotzig, mit hocherhobenen Armen, warf sich das Weib, das nicht unterliegen wollte, auf sein Lager zurück und wühlte die Stirn in die kühlen Kissen ein.

Ruhig, ruhig, endlich mußte sich doch das zerstückte Bewußtsein zurückfinden, man mußte nur den Willen zu Hilfe rufen, den eisernen Willen, der bis dahin Maritzken jedes Gesetz gegeben, und dann, – ja ganz sicher – dann würden sich all die flatternden Fetzen zu einem sichtbaren Gewebe verknüpfen; man würde es durch die Hände laufen lassen, man würde es prüfen, und dann, dann würden Angst und Bedrückung und Verworrenheit weichen. Alles, was jetzt schemenhaft, als wahnsinnige Traumgestalten durch ihr Hirn gaukelte, das lebte ja nicht, das hatte sein flammendes Dasein aus den Feuern des Blitzstrahls gesogen, und mußte verrauchen und zu Asche sinken, sobald kühle Vernunft dem Spuk in die funkelnden Augen sah!

Stöhnend mußte die vor Scham Fiebernde sich eingestehen, daß alle ihre Gedanken, ihr ganzes Vorstellungsvermögen wie in einer engen, brennenden Grube eingefangen waren, aus der es für sie keine Möglichkeit gab, zu entrinnen. Und auch der Umstand, daß der erste müde Blick in die Umwelt ihr eine fremde Uniform gezeigt hatte, die schattenhaft durch die Tür entschwand, was bewies er schließlich anderes, als daß ihre Phantasie bei dem Menschen stehen geblieben war, mit dem sie sich zuletzt bei vollem Bewußtsein beschäftigt?

Mit einer wegwerfenden Gebärde erhob sie sich und siehe da, sie stand fest auf ihren Füßen. Das erste, was sich in ihr regte, war die Absicht, irgendwo ihre Arbeit wieder aufzunehmen. Ein rascher Blick auf die Uhr an ihrem Handgelenk belehrte sie darüber, daß die Abendstunde angebrochen sei, in der sie sich nach dem Befinden und den Wünschen Sassins zu erkundigen pflegte. Ruhig strich sich Johanna das Haar aus der Stirn, ordnete ihre Kleider und entzündete ein Licht, um sich durch den schmalen Gang voranzuleuchten. Als sie nach kurzem Klopfen bei dem Rittmeister eintrat, saß der Kranke auf dem einfachen braunen Ripssofa, hielt die Arme auf den Tisch gestützt, und sein plumpes Gesicht starrte schwermütig auf die weiße Glocke der vor ihm brennenden Lampe. Kaum erkannte Leo Konstantinowitsch die Hausherrin, so machte er einen Versuch, sich zu verneigen, woran er jedoch von der Nähertretenden gehindert wurde. Aufrecht wie immer blieb das Gutsfräulein an dem Tisch stehen, ohne der Einladung des Russen, Platz zu nehmen, irgendeine Beachtung zu schenken. Bald waren die üblichen Fragen erledigt, und nachdem Johanna noch einen prüfenden Blick in die Runde geschickt, gedachte sie sich eben wieder zurückzuziehen, da wurde sie durch einen Ausruf des Kranken an ihrer Absicht gehindert.

»Bleiben, verehrtes Fräulein, bitte, bitte, bleiben,« rief der Russe so dringend hinter ihr her, daß sich die Enteilende seinem Verlangen nicht entziehen mochte. Dazu hüstelte Leo Konstantinowitsch wieder so mitleiderregend und preßte sich beide Fäuste mit aller Gewalt gegen die Brust. Er schien seine Schmerzen auf diese Weise dämpfen zu wollen.

»Ist hier noch etwas versäumt?« erkundigte sich das Mädchen, an den Tisch zurückkehrend.

»Nichts versäumt,« bemühte sich der Rittmeister in seiner gewohnten lebhaften Art hervorzusprudeln, »nicht das Allergeringste.« Und dabei riß er die Augen auf, um den Grad seiner Bewunderung anzuzeigen. »Vous tenez bon ordre, es geht alles – wie sage ich: nach dem règlement. Das ist es gerade, Madame, ich wollte Ihnen schon längst für vorzügliche Behandlung danken, die gar nicht verdiene.«

»Oh, lassen Sie das,« entgegnete Johanna von einem flüchtigen Mitleiden ergriffen.

Der Russe stützte wieder den blonden Kopf in die Hand und streichelte grübelnd über die weiße Lampenglocke. Durch seine abgezehrten Finger sah man das Blut schimmern.

»Oh doch,« sprach er in sich gekehrt weiter, »manche von uns verdienen Rücksicht nicht. Es ließe sich viel darüber sagen, sehr viel.«

Während der letzten Worte glitt der unruhige Blick des Kranken nach der gegenüberliegenden Wand, und es schien, als wenn er zu etwas ganz Besonderem auszuholen beabsichtige. Indessen auch seine Entschlußkraft mußte wohl durch seine Leiden gebrochen sein, denn er sank unverrichteter Sache wieder zusammen und murmelte etwas zur Entschuldigung. Und dennoch hatte die Andeutung in seiner Hörerin das Gefühl erweckt, als ob sich seine versteckte Warnung auf den Fürsten Fergussow beziehe.

Eine Weile blieb es still zwischen den beiden, die sich scheuten, einander weitere Eröffnungen zu machen. Dann wünschte Johanna dem Rittmeister eine gute Nacht. Sassin jedoch, als ob er fürchte, jetzt schon allein gelassen zu werden, streckte die Hand gegen sie aus und klammerte sich an ihr letztes Wort.

»Bonne nuit,« nickte er schwermütig. »Ja, habe hier gut geschlafen. Das Bett weiß, das Haus ruhig. Wer kann wissen, wie später einmal finden werde?«

»Werden Sie denn von hier fortgehen?« fragte Johanna gepackt.

Der Russe kratzte wieder an der Glocke herum. Nur schwer rang er sich das Folgende von der Seele:

»Im Krieg kommt so etwas schnell,« versetzte er. »Man erzählt sich jetzt hier allerlei. Und dicker Doktor hinterbrachte mir heute, daß wieder vorwärts geht.«

»Dann werden Sie vielleicht alle bald Ihr Quartier verlassen müssen?« atmete Johanna hörbar.

Der Russe stöhnte. »Ich nicht – andere – ich nicht.«

»Weiß der Fürst schon von dieser Möglichkeit?«

Es mußte etwas im Klang ihrer Stimme liegen, was Leo Konstantinowitsch veranlaßte, inne zu halten. Lauernd schob er seinen Kopf hinter der Lampenglocke hervor, und seine blauen Knabenaugen flackerten unruhig über die hohe Gestalt hinweg.

»Was weiß ich von den ordres, die Fürst empfängt?« knurrte er übel gelaunt. »Hat nicht die Gnade, sie mir mitzuteilen. Zufällig wurde mir nur durch unseren Wachtmeister bekannt, daß er im Moment bei den anderen Kameraden in Schenke sitzt. Eine große Herablassung, zu der sich Seine Durchlaucht sonst nicht hergibt. Muß etwas ganz Besonderes in Luft liegen.«

»Das ist nicht meine Sache,« schloß die Hausherrin gleichgültig. »Wohl zu ruhen.«

Und sie ging mit einem kurzen Neigen heraus.

Je weiter die Nacht vorrückte, desto öfter fand sich Johanna in ihrem unruhigen Schlummer gestört. Bald rasselte es über die Landstraße, als ob schwere eisenklirrende Gespanne unter Flüchen vorwärts getrieben würden, bald drang das eigentümliche Knirschen zu ihr herauf, das entsteht, wenn unzählige nägelbeschlagene Stiefel die Chaussee treten. Gleich darauf versank wieder alles in Stille, bis das Fauchen von Automobilen und das Getrappel größerer Reiterscharen sie von neuem aus den Gründen der Vergessenheit aufjagten. Die Einsame schlug die Augen auf und lauschte. In dem kleinen niedrigen Zimmer hing noch tiefe Finsternis, und gerade jetzt, wo die Hausherrin das wilde Getriebe dort unten deutlicher zu unterscheiden suchte, da war alles wieder in seine frühere Lautlosigkeit zurückgesunken. Nichts verkündete sich der Liegenden, als das hohle Aufspritzen einzelner Tropfen, die mit der Regelmäßigkeit des Pendelschlags aus der Dachrinne herunterrollten.

Aber nein – auf dem schmalen Gang des Stockwerks bewegte sich ein Türklopfer.

Johanna wußte nicht, von welcher Gewalt sie emporgerissen wurde. Furcht, scheue Ahnung eines überwältigenden Unheils und das Nachwirken all der kranken Grübeleien, die seit ihrem Zusammenbruch ihr nüchternes Urteil zerrüttet hatten, dieses seltsame Gemisch erhielt eine nicht mehr zu bannende Gewalt über sie.

Ein Sprung – und sie hatte lautlos ihre Tür um eine Linie geöffnet.

Sie hatte geöffnet und sah draußen in dem ungewissen Dämmer, der durch das kaum fußhohe Fensterchen am Ende des Ganges fiel, – sie sah, zusammengeduckt und atemlos, wie das Bild dort oben an ihrer Wand das Gemach ihrer Schwester Marianne verließ. Es schlich an ihr vorüber, die Treppe knarrte, und dann tickte wieder der Pendelschlag aus der Dachrinne.

Eins – zwei – drei.

Die große Blonde aber, die gewalttätige Walküre, sie stand in ihrem weißen Hemd und regte sich nicht. Weder schrie sie auf, noch führte sie mit der geballten Faust einen Schlag gegen den Kupferstich, so daß das deckende Glas in tausend Scherben zersprang. Langsam, zitternd vielmehr, führte sie die Finger an den Mund und tat dasjenige, was sie ihr ganzes Leben hindurch aus dem Zwang der Verhältnisse heraus geübt hatte – sie rechnete. Das Exempel war wieder an seinem Ende angelangt. Zuerst den Leichtsinn des Vaters gebüßt durch ungezählte Jahre, jetzt, nachdem das Haus mühsam aufgebaut war, da brach die Welt zusammen, und die Schande kroch heimlich in ihre Nähe.

Was nun? Mußte jetzt wieder ein unerbittlicher Strich gezogen werden? Wie fing man das nur an, wenn man so allein war?

Über ihrem Haupte rollten die Tropfen, und der Pendelschlag tickte weiter.

Am nächsten Morgen hatte Fürst Fergussow das Haus ohne Abschied verlassen. Man brachte Johanna ein Schreiben von ihm. In dem Kuvert lag ein Schutzbrief des Obersten sowie ein paar Tausendrubelnoten zum Ausgleich des der Gutsbesitzerin erwachsenen Schadens. Johanna nahm beides, ihre Brust schien einen Moment still zu stehen, dann senkte sie das Haupt, strich sich die Haare aus der Stirn und schloß die Sendung umsichtig in ihre Kommode.

IV.

Tiefe Finsternis ruhte über der weiten, russischen Erde, als der Leiterwagen mit den deutschen Geiseln in der Gouvernementsstadt anlangte. Ein heftiger Wind sauste über den zahnlückigen Marktplatz und flackerte ängstlich um die Flammen der wenigen Gaslaternen, die sich aus dem vermorschten Holzbelag der Bürgersteige erhoben. Und doch schlief die dunkle Stadt nicht, nein, im Gegensatz zu dem preußischen Gemeinwesen, das sie vor kurzem verlassen, merkten die Fortgeschleppten voller Befremden, wie hier die Nacht widerhallte von verstecktem Leben, von Daseinsfreude und Genuß, als ob diese Regierungsstätte des Zaren sich schon nicht mehr um den nahen Völkerstreit zu kümmern hätte. Durch die erleuchteten Fensterscheiben der elenden kleinen Gasthäuser und Kaffees sahen die Vorüberfahrenden, wie sich an jenen Orten zweifelhafter Geselligkeit eine dichte Menge drängte. Zahlreiche Offiziere aller Waffengattungen zechten hier, die Mützen schief auf den Köpfen, neben eleganten Frauen, man hörte Wiener Walzer aufklingen und dazwischen das Tremolieren vortragender Chantantkünstlerinnen. Gelächter und Bravorufe belohnten die Darbietungen der kurzgeschürzten Damen.

Gefesselt hüllte sich Isa fester in ihren grauen Regenmantel, und sie versuchte in dem flüchtigen Lichtschimmer, der ab und zu über die Straße huschte, in den Zügen des neben ihr sitzenden, gänzlich in sich versunkenen Konsuls Bark zu lesen, welchen Eindruck das unerwartete Treiben auf ihren Gefährten hervorbrächte. Als sich jedoch, soviel sie erkennen konnte, der Ausdruck verbissener Entschlossenheit auf dem Antlitz des Kaufmannes nicht veränderte, da spähte sie wieder neugierig umher, denn in ihrem jungen, unerfahrenen Gemüt überwog bei jener traurigen Fahrt noch das Interesse an dem Ungewohnten und Abenteuerlichen. Und der Konsul ließ sie gewähren, denn er ahnte, wie bald sie den grimmigen Ernst ihrer Lage begreifen würde.

Jetzt verlangsamte sich der Trab der Pferde. Sie fuhren an den dunklen Massen der russischen Militärkirche vorbei, und in dem trüben Flackern von ein paar Gaslichtern sahen die Deutschen, wie der Metallüberzug der byzantinischen Kuppeln einen glitzernden Widerschein warf.

»Man halte,« rief der baltische Unterleutnant, der das Kommando über die Begleitmannschaft führte, und erhob sich.

Ganz dicht aus einer der Seitenstraßen vernahm man das Geräusch einer sich nahenden Volksmenge. Feierlich, dumpf, inbrünstig und wehklagend erschallte nach dem Takt der Schritte vielhundertstimmiger Gesang, auch die Soldaten des Transportes entblößten demütig ihre Häupter, und ehe Geiseln und Gefangene noch recht die Erklärung ihres jungen Adligen begriffen hatten, daß jenes packende geheimnisvolle Lied die russische Nationalhymne wäre, da schwenkte der Zug schon auf den Kirchplatz ein. Voran ein Fackelträger, dicht hinter ihm, zwischen zwei bekränzten Stangen hängend und unheimlich von der rauchenden Flamme überflutet, das Bild des gekrönten Zaren, und in seiner Gefolgschaft die unübersehbare, singende Menge. Fabrikarbeiter, alle Häupter entblößt, alle Hände gefaltet, und alle, alle von dem einen starren Gedanken beseelt, Sieg, Sieg für die russischen Waffen zu erflehen.

So zogen sie dahin, dumpf, taktmäßig, eine inbrünstige Beterschar, und ihr Weg führte sie an den erleuchteten Fenstern vorüber, hinter denen die Champagnerkelche klirrten und das Gekreisch der sich wiegenden Soubretten das Locken der Geigen überschrillte.

Mitleidig schlug die Nacht ihren Mantel um den grauenhaften Widerstreit, in dem die russische Seele sich selbst anfiel und zerfleischte.

Auch Unterleutnant Karström hatte die Mütze vom Haupt gezogen, jetzt schickte er noch einen trüben Blick hinter dem entschwindenden Fackellicht her, um dann erwachend seinem Kutscher den Befehl zu erteilen, auf die entgegengesetzte Seite des Platzes hinüberzulenken.

Aus der Dunkelheit tauchten die Umrisse eines stattlicheren Gebäudes auf. Es war das Hôtel de Moscou, der vornehmste Gasthof der Stadt.

»Für die Herren Senatoren ist hier bereits Quartier bestellt,« erklärte der junge Offizier, als erster von dem Leiterwagen herunterspringend. »Es steht den Herren selbstverständlich frei, hier zu soupieren. Allerdings muß ich verlangen, daß keiner der Herrschaften ohne Aufsicht das Hotel verläßt. Und Sie?« setzte der uniformierte Knabe zögernd hinzu, als nun in der dunklen Schar der Magistratsmitglieder Konsul Bark sowie das schlanke Mädchen vor ihm standen, und es war, als ob er sich der ungewissen Frage ihrer Augen nicht gewachsen fühlte, »Sie? Um offen zu sein,« flüsterte er beiseite, »ich empfing den Auftrag, Sie beide heute noch der Polizeimeisterei einzuliefern.«

»Der Polizeimeisterei?« wiederholte Rudolf Bark finster, und Isa erschrak, weil der Großkaufmann sich die Lippe nagte, wie wenn er sich kein weiteres Wort entschlüpfen lassen wollte.

»Ist denn die Polizeimeisterei ein solch schlimmer Ort?« forschte sie erblassend.

Die beiden Männer warfen sich einen bedeutsamen Blick zu, dann aber schüttelte sich der schmächtige Offizier, und während er die deutschen Bürger, die sich schon unter dem Hauseingang drängten, durch eine Handbewegung zum Warten aufforderte, da schien der vornehme junge Mensch seinen Entschluß gefaßt zu haben:

»Ich glaube es verantworten zu können,« rang es sich willenskräftig von seinen zuckenden Lippen, »wenn Sie und die Dame« – hier verbeugte er sich leicht – »die heutige Nacht gleichfalls im Hotel Moscau verbringen. Ich hoffe, Sie werden mir Ihre Bewachung weder schwer machen,« lächelte er, »noch verübeln! Morgen freilich –« er zuckte die Achseln – –

»Oh, ich verstehe,« rief Konsul Bark, ganz glücklich, wenigstens noch für ein paar Stunden der drohenden Einkerkerung entgangen zu sein, von deren Schrecken er sowohl durch Lektüre, als durch allerlei mündliche Schilderungen genügend unterrichtet war. Und schon, während er mit den anderen das kleine Vestibül betrat, da wälzte sein lebhafter und unternehmender Geist bereits allerlei Pläne, wie er sich und das hübsche, ahnungslose Mädel allen weiteren Anfechtungen durch ein unbeobachtetes Entweichen entziehen könnte. Denn eine Flucht mußte er bewerkstelligen, ganz gleich, ob er dem jungen Balten für die bewiesene Rücksicht verpflichtet war oder nicht; diesen Versuch schuldete er nicht nur der eigenen Freude am Dasein, sondern auch hundertfach seiner lieben, frischen Begleiterin, deren unaufdringliche Heiterkeit ihm zu einem gar nicht mehr entbehrlichen Trost geworden. Einen bewundernden Blick warf er auf den Rotkopf, der sich hier in dem unordentlichen Vorraum und umgeben von den sorgenbeschwerten älteren Herren doppelt anziehend unter seinem anspruchslosen Lackhut und in seiner schlanken Gertenhaftigkeit ausnahm.

Dann griff der Kaufmann instinktiv an seine Brust. Gottlob, die Brieftasche mit ihren knisternden Geldscheinen befand sich noch am rechten Ort. Und Rudolf Bark wußte, welch ein mächtiger Verbündeter diese bunten Blätter im Reiche des weißen Zaren zu sein pflegten.

Sie traten in die Gaststube.

In dem mit Stuck und Portieren überladenen Raum befanden sich ein paar lange, weißgedeckte Tafeln, und an ihnen hatten sich eine Anzahl höherer Offiziere, sowie die Spitzen der Behörden mit ihren Damen gelagert. Eine Reihe von Zeitungen wanderten von Hand zu Hand, man las sich einzelne besonders wichtige Nachrichten vor, man stieß auf die Gesundheit des Großfürsten an, man lachte und strahlte, denn aus all jenen Neuigkeiten verkündete sich immer wieder die eine felsenfeste Gewißheit – die Feinde Mütterchen Rußlands und seiner Verbündeten, sie lagen am Boden, sie zappelten und verröchelten unter dem Schwert ihrer Bedränger, man schlug sie einfach »mit Mützen tot«. Dieses Scherzwort hatte besonders ein untersetzter, stiernackiger Generalleutnant geprägt, der am Kopfende der größten Tafel präsidierte und dessen von vielen Ringen geschmückte, fleischige Rechte unaufhörlich verschiedenartig gefärbte Liköre zu dem von Hitzblattern entstellten Antlitz hob. Seine verkniffenen Augen schwammen förmlich in Gutmütigkeit und Wohlbehagen, als er die Reihe der ihn feiernden Damen musternd, in prasselndem Kehlbratenton herunterrief:

»Sie können es mir glauben, meine Damen, mit den Mützen. Beachten Sie bitte den tieferen Sinn in diesem Wort. Ich bin stolz darauf, in einem Rapport an Se. Kaiserliche Hoheit, den Großfürsten, es zuerst angewendet zu haben.«

Als der Name des kaiserlichen Verwandten fiel, trat eine feierliche Pause ein. Die Offiziere streckten ihre Gläser starr vor sich hin, und die Damen warfen Kußhände. Geschmeichelt verneigte sich die dicke Exzellenz nach allen Seiten. Dann beugte er seinen kahlen Schädel, auf dem sich der Glanz der elektrischen Lichter widerspiegelte, tief zu seiner besonders eleganten Nachbarin hinüber, und seine verkniffenen Augen wiesen deutlich auf die eintretende Schar der Geiseln, die sich wortlos und gedrückt an einem kleinen runden Tisch unter der Fensternische niederließ.

»Ah, Sie, Herr Unterleutnant,« winkte der Fette den jungen Balten darauf gnädig zu sich heran, nachdem seine unförmliche Rechte nachlässig für den strammen Gruß des Untergebenen gedankt hatte. Und in einem Rest von Rücksicht und Lebensart dämpfte die Exzellenz ihre knirschende Bratenstimme zu einem merkwürdigen Gezische, als sie sich jetzt, für alle vernehmbar, nach dem Transport des Offiziers erkundigte.

»Ah so – Geiseln!? Bürgermeister und Magistratspersonen? Hm, unbedeutende Physiognomien. Nicht wahr? Finden Sie nicht gleichfalls, Gnädige? Die Deutschen sind sämtlich Maschinen. Keine Individualitäten. Wir dagegen sind Künstler, eigenwillige Künstler.« Und die zwinkernden Äuglein auf Isas anmutige Erscheinung richtend, schien die Exzellenz nunmehr Bericht über die auffallende Anwesenheit der jungen Nemza einzufordern.

Neugierig steckte die ganze Tischgesellschaft die Köpfe zusammen, Ausrufe des Erstaunens, aber auch des Mißvergnügens, ja der Drohung flogen hin und her, als der Kreis der Tafelnden den näheren Zusammenhang erfuhr.

»Wie? Ist es möglich? – Sassin? – Ein Attentat auf Leo Konstantinowitsch? – Gibt es noch ein gutmütigeres Kind auf der Erde? – Ein Mensch, der keiner Fliege etwas zuleide tun konnte? Hat er nicht sein Geld in Scheffeln zum Fenster hinausgeworfen? – Hier wird man hoffentlich die ganze Strenge walten lassen!«

»Es ist bedauerlich,« schnaufte der General und wischte sich die wulstigen Lippen, »daß das nächste Kriegsgericht erst in Mariampol tagt. Nicht wahr, meine Herren, in Mariampol? Wir haben es seiner großen Überlastung wegen und – ganz gewiß – auch, um seine Unparteilichkeit sicher zu stellen, zurückverlegen müssen. Aber,« fügte er pompös hinzu und lehnte sich hintenüber, »vielleicht kann hier auch ein kürzerer Modus Platz greifen.«

»Habt Ihr es gehört? Dies ist eine vortreffliche Ansicht,« raunte es bei den Offizieren, aber es trat sofort eine aufmerksame Stille ein, als sich jetzt eine frische, besonders wohllautende Frauenstimme ganz dicht neben dem General in die Unterhaltung mischte: »Wollen Sie uns Ihre Idee nicht erläutern, Exzellenz?«

»Erläutern? Warum, meine Teuerste?« sträubte sich der Dicke und bekam einen noch röteren Kopf. Jedoch nachdem er mit seiner fleischigen Hand ein Paar Zahnstocher geknickt hatte, rückte er ganz nahe an seine blühende Nachbarin heran, um ihr salbungsvoll und verliebt ins Ohr zu flüstern: »Wer kann solchen Taubenaugen widerstehen? Aber meine Meinung ist, wir haben Krieg, meine Liebste, Krieg, verstehen Sie? Da läßt sich ein solches Verfahren auch sehr vereinfachen. – Aber nun lassen wir uns von etwas Hübscherem sprechen! Sie fühlen sich gewiß vereinsamt, Maria Geschowa? Ist es so?«

Maria Geschowa?

Noch ehe der Name der Tatarin gefallen war, ja, im gleichen Moment, da der Konsul den warmen sinnlichen Klang der wohllautenden Stimme aus dem Gewirr der anderen sich ablösen hörte, da hatte der Herr des »Goldenen Becher« seinen Stuhl ein wenig beiseite geschoben, um zu versuchen, ob er die Aufmerksamkeit der jungen Frau auf sich zu lenken vermöchte, die auch heute wieder so fremd und vorteilhaft von den übrigen Provinzdamen abstach. Flüsterte ihm doch eine innere Stimme zu, dieses dunkle, samtwangige Weib, das sich schon einmal so viel Mühe gegeben hatte, ihm zu gefallen, es sei das einzige Wesen in der fremden Stadt, das weder Vergnügen noch Genugtuung bei seinem Untergang empfinden könnte.

Und bei Gott, sie sah ihm jetzt gerade ins Gesicht! Aber welche Enttäuschung! Maria Geschowa verzog keine Miene, fremd und leer betrachtete sie ihn, wie ein Ausstellungsobjekt, wie einen Verbrecher, bei dem man unter Schauder und Nervenkitzel berechnet, welche Striemen der Strick um seinen Hals hinterlassen würde, und jetzt hob die schmale Hand sogar eine Lorgnette vor die Augen, um sie gleich darauf wieder gleichgültig zusammenzufalten.

Damit schien ihr Interesse völlig erloschen zu sein, sie streifte noch einmal abschätzend das rote Geflimmer um Isas Haupt und wandte sich dann mit ihren schwellenden Bewegungen zu dem alten General zurück, der sich soeben ein ganz besonderes Glanzstück seiner Rednergabe leistete. Die Rechte flach von sich gestreckt, so daß er das Funkeln der vielen Ringe bewundernd einsaugen konnte, ließ er seine fette Stimme braten und prasseln, als ob hier irgendwo eine Pfanne ans Feuer gerückt wäre.

»Herr Unterleutnant – wie war der Name? – Karström, oh, ich weiß recht gut – Sie sind noch ein junger Mann, aber ich billige Ihr Verhalten. Im Ernst, ich schätze Ihre Noblesse. Ihre Rücksicht gegen die beiden – hm, gegen die beiden – Verdächtigen kann mich nur befriedigen. Sie ist echt russisch. Warum sollen wir nicht immer und immer wieder ein Beispiel geben von dem edlen Herzen, das in unserem riesigen Körper schlägt? Ich bin zufrieden mit Ihnen. Sie sind ein hoffnungsvoller Offizier. Setzen Sie sich, Karström, und beaufsichtigen Sie die Nemzows.«

Mehr hörte der Konsul nicht. Er saß neben Isa, hatte den Kopf in die Hand gestützt und – schämte sich. Und während seine Nachbarin den inzwischen aufgetragenen Speisen mit dem ganzen Appetit der Jugend zusprach, während sie ihm wider alles Herkommen hausmütterlich den Wein einschenkte, während sie ihre hellen Augen spähend herumschweifen ließ, ob sie für ihren Freund nicht etwas recht Schmackhaftes erobern könnte, da zehrte Rudolf Bark an der Demütigung, die ihm eben zuteil geworden, und schalt sich selbst einen Phantasten, weil er von einem gefallsüchtigen, herzlosen Weibe Förderung und Hilfe erwartet hatte. Wie tief mußte sich bereits der Völkerhaß in die verborgenste Wurzel der Nationen herabgefressen haben, wenn sogar schon die Frauen des Nachbarreiches von der blinden Wut, von heimlicher Schadenfreude an fremden Schmerzen ergriffen waren. Und diese Maria Geschowa, diese Weltdame, diese Meisterin der Unterhaltungskunst, hatte sie nicht noch vor kurzem mit ihrem Verständnis für deutsche Kunst und westliche Art geprahlt? Der Konsul verzog ein wenig geringschätzig den Mund, und das, was er soeben über die Treue und Redlichkeit slawischer Frauen dachte, das klang nicht gerade in einen Lobgesang aus. Dabei wurden seine Augen wieder hart und berechnend. Nun gut, die Frau des Obersten Geschow war ausgeschaltet, aber wen, wen konnte er an ihrer Statt für sich und seine Pläne gewinnen? Denn das stand fest, nur die heutige Nacht, so lange er noch in dem Hotel weilte, durfte zu dem so ängstlich überdachten Entweichen benutzt werden. Sobald er erst der russischen Beamtenschaft verfallen war, dann umwanden ihn tausend Fesseln, sichtbare und unsichtbare, die Gefängnisse des Landes öffneten sich nicht wieder. Er griff nach seiner Brusttasche. Ob er mit dem Wirt des Hotels beim Schlafengehen eine vorsichtige Unterhaltung begann? Oder mit dem Portier des Hauses? Freilich, diese Dworniks waren sämtlich bezahlte Späher der Polizeimeisterei. Und doch – der höher Bietende behielt hier häufig recht. Wofür sich also entscheiden? Denn die Zeit drängte, der Zeiger der breiten Standuhr in der Ecke stand hart vor der elften Stunde der Nacht.

Rudolf Bark versank niemals so völlig in Gedanken und Überlegung, daß seine Augen von seiner Umgebung abgelenkt werden konnten. So hielt er auch jetzt plötzlich inne, und eine geheime Unruhe veranlaßte ihn, seine ganze Aufmerksamkeit auf eine Erscheinung zu richten, die soeben unter die Portiere des Eingangs trat. Fast im Fluge bemerkte der Konsul, wie der späte Gast noch unter den Falten des Vorhangs mit dem betreßten Portier ein paar rasche Worte wechselte, um sich sodann nach Art eines Platzsuchenden umzuschauen. Es war ein ganz unauffälliger Herr, sehr schlank, sehr glattgescheitelt, in einem grauen Jakettanzug, in dessen Seitentaschen ein Paar braune Glacélederhände Eingang suchten, und das schmale pockennarbige Gesicht würde keinen anderen Grund zum Mißtrauen geboten haben, wenn der glattrasierte Mund nicht so höflich-verlegen gelächelt und wenn in den verdeckten Augen nicht im Gegensatz hierzu eine solche Gewohnheit des Zählens und Feststellens gelauert hätte.

Sollte das vielleicht – –? Der Konsul ließ das Messer sinken und verfolgte den Fremden Schritt für Schritt. Aalglatt, unhörbar wand sich der schmale Herr mit den braunen Handschuhen weiter in den Saal hinein. Seine Aufmerksamkeit schien einzig den noch leergebliebenen Stühlen an den anderen Tischen zu gelten, bis er plötzlich mit einer überraschenden Wendung vor der Tafel der Deutschen haltmachte, der er bis jetzt nicht die geringste Beachtung geschenkt.

Hier verbeugte er sich übermäßig tief und hauchte in einem Flüsterton, der sich kaum über einen Meter weit Gehör verschaffen konnte, jedoch voller Rücksicht und Ergebenheit:

»Ich habe die Ehre, Herrn Konsul Bark zu sehen?«

»Allerdings,« erwiderte der Kaufmann erblassend.

»Und dies ist, wie ich vermute, die Dame Ihrer Begleitung?«

»Ja,« stotterte Isa, die entsetzt auf das pockennarbige Antlitz starrte.

»Die Herrschaften brauchen sich durchaus nicht zu beunruhigen,« fuhr der verlegene Herr fort und winkte beschwichtigend mit der braunen Lederhand, als müßte er von vornherein die Bedeutungslosigkeit seiner Person sowie seines Auftrags in das gehörige Licht setzen. »Es liegt wahrhaftig nicht der mindeste Grund zu einer Befürchtung vor. Ich versichere es bei meiner Ehre. Es handelt sich lediglich um eine reine Formsache.«

Jetzt erstarb an dem Tische der Verschleppten auch das leiseste Geräusch, all diese deutschen Männer vergaßen im Moment ihr eigenes Mißgeschick, und ein heißes Mitgefühl wallte jedem auf, da sie ahnten, wie bald eine Lücke in ihren kleinen Kreis gerissen sein würde. Nur der knabenhafte Offizier verlor nicht eine Sekunde sein inneres Gleichgewicht. Unwillig verzog er die Stirn, und auf den abgezehrten Wangen glühten zwei helle Punkte auf.

»Was haben Sie mit den Herrschaften zu schaffen?« fragte er streng. »Sie sehen ja, daß sie sich unter militärischer Aufsicht befinden. Wer sind Sie überhaupt?«

Der Herr im grauen Jackett verbeugte sich wieder. Sei es nun, daß die drohende Sprache des jungen Balten so stark auf ihn wirkte, oder ob ihn wirklich die Erkenntnis von der Mißachtung niederschlug, die allgemein seinem Stande entgegengebracht wurde, jedenfalls klappte er zusammen, bis die grauen Arme steif herabhingen und den Deutschen für einen Augenblick nur sein schnurgerader Scheitel sichtbar blieb.

»Herr Unterleutnant,« hauchte er tonlos, »mein Name ist zu unwichtig und unbedeutend, als daß ich es wagen dürfte, Ihr Gedächtnis damit zu beschweren. Und was meine Stellung betrifft,« – er tauchte vorsichtig in die Höhe und zuckte schmerzlich mit den Mundwinkeln, – »ich hatte auch einmal meine Studienzeit, aber jetzt bin ich seit sechzehn Jahren der Sekretär Sr. Hochgeboren des Herrn Polizeimeister-Stellvertreters Tolmin.«

In dem ganzen Saal war es totenstill geworden. An der Tafel der Offiziere hatten sich alle Häupter der Gruppe der Fremden zugekehrt, und selbst der fette General streckte die Beine von sich und ließ die Unterlippe herabhängen, als sei die Unterhaltung dort drüben eine gut genährte Auster, die er auf einen Zug in sich hineinschlürfen müsse.

»Sehen Sie, Maria Geschowa,« knasterte er behaglich, »zweifeln Sie noch länger an der Zuverlässigkeit unserer Polizei?«

Inzwischen hatte sich auch die schlanke Jünglingsgestalt des Unterleutnants Karström von ihrem Sitz erhoben. Niemals während der ganzen Zeit hatte er so krank und hinfällig ausgesehen, wie jetzt, und doch klang seine Stimme fest und sicher, als er nun voller Verachtung hervorstieß:

»Dann schleichen Sie gefälligst nicht wie die Katze um den Brei! Was haben Sie an den Konsul Bark und seine Begleiterin für einen Auftrag?«

»Oh, eine Kleinigkeit,« lächelte der verlegene Herr mit den braunen Handschuhen und bemühte sich, durch das Entblößen seiner weißen Zähne alle Anwesenden von seiner vollkommenen Harmlosigkeit zu überzeugen. »Es ist absolut nichts. Der Dwornik des Hotels de Moscou erstattete nur seiner Pflicht gemäß Anzeige über die zuletzt eingetroffenen Fremden an den Pristav des hiesigen Reviers, Se. Hochwohlgeboren der Pristav telephonierte es ordnungsgemäß an den Herrn Polizeimeister-Stellvertreter weiter, und Se. Hochwohlgeboren wünscht nun – –«

»Zum Teufel, was wünscht er?« schrie der Balte sich vergessend und stieß mit der Scheide seines Säbels ungeduldig auf den Estrich.

»Er ist noch sehr jung,« begleitete der fette General bedenklich diesen Vorgang.

Der graue Herr aber bebte vor dem Zornesausbruch des Offiziers zurück, zeigte krampfhaft seine weißen Zähne und streichelte mit der braunen Glacérechten unaufhörlich in der Luft herum, als gelte es, einen bissigen Hund zu besänftigen:

»Oh, Ew. Hochwohlgeboren,« flötete er gleich einem erschreckten Vogel, »Sie verkennen meine gute Absicht, der Herr Polizeimeister-Stellvertreter wünscht nur die Personalien der Herrschaften festzustellen. In der wohlwollendsten Meinung natürlich. Zwar wird jedes Kind begreifen, daß die Herrschaften gewissermaßen das Eigentum einer hochmögenden Militärbehörde sind, – wer dürfte sich dagegen auflehnen? – aber der Herr Polizeimeister-Stellvertreter sind leider in der peinlichen Lage, auf eine persönliche Kontrolle nicht verzichten zu können.«

Hilflos wandte sich der Unterleutnant an seine Schutzbefohlenen, die sich langsam und wie von einem drückenden Traum umfangen, erhoben hatten, dann verfing sich sein Auskunft heischender Blick zwischen den Hitzblattern der stiernackigen Exzellenz, als räume er dem Vorgesetzten völlig diese schwere Entscheidung ein.

»Ja,« schmorte der Fette und scharrte mit den Stulpstiefeln, »Kompetenzstreitigkeiten – aber Militär und Zivil müssen sich gegenseitig ergänzen, wir sind alle Räder eines Uhrwerks, nicht wahr, teuerste Frau? Man wird sich später nach dem Verbleib der Herrschaften erkundigen.«

Einige Minuten nachher bewegte sich eine kleine Schar über den dunklen Kirchplatz. Voran ein Gendarm der Geheimpolizei, dicht hinter ihm der Konsul, umschlottert von einem dicken braunen Flausch, den ihm beim Abschied einer der Senatoren fast mit Gewalt umgehängt, und zum Schluß der graue Herr mit den braunen Glacéhandschuhen, der trotz aller Weigerungen darauf bestanden hatte, der jungen Dame den Arm zu reichen.

»Euer Hochwohlgeboren,« flüsterte er Isa zu, der vor dem heranstreichenden kalten Wind, sowie vor innerer Unruhe und Angst jedes Wort hinter den zitternden Lippen erstarb, »ich bin sehr unglücklich darüber, weil Euer Hochwohlgeboren so beben – ich fühle es ganz deutlich – jedoch es ist völlig grundlos! Sie werden sich selbst davon überzeugen. Bitte um Entschuldigung, das Pflaster ist hier miserabel, für zarte Füße eine verwünschte Plage. Ich versichere Sie, im vorigen Sommer sollten hier schon Holzplatten gelegt werden, aber was werden Sie denken, es wird immer wieder verschoben. Die Geldfrage läßt sich nicht regeln! Und dort in der schmalen Seitengasse befindet sich bereits die Polizeidirektion! Wie Sie sehen, alle Fenster erleuchtet, wir arbeiten hier die ganze Nacht durch.«

Vor einem zweistöckigen, grünlich angelaufenen Gebäude hemmte der Gendarm seine Schritte, stieg drei brüchige Stufen in die Höhe und riß an einem Klingelzug. Ein rostiges Klirren erhob sich drinnen, das scheinbar von einer nackten Mauer zurückgeworfen wurde. Aber sonst ereignete sich nichts. Auch die Tür blieb ruhig in ihren Angeln.

»Der verwünschte Hund schläft wieder,« knurrte der Gendarm ingrimmig, dann schlug er mit der Faust mächtig gegen das Holz, bis im Innern des Gebäudes ein langgezogener Schnarchton abriß und ein Schlüsselbund zu rasseln anfing.

»Beim Leib Christi,« schimpfte hinter dem Eingang eine heisere Stimme, »vierzehn Stunden Dienst und nichts zu essen. Man wird doch wohl den passenden Schlüssel suchen dürfen. Der Krebs kommt auch an sein Ziel, und Ungeduld gehört nicht in die Backstube.«

Bei den letzten Worten bewegte sich schwerfällig die Tür, und ein von einer flackernden Gasflamme erleuchteter roter Ziegelgang lag vor den zögernd eintretenden Deutschen.

»Ist der Herr Polizeimeister noch im Hause?« fragte der Herr im grauen Rock in die Ecke hinein, denn hinter dem zurückgeschlagenen Torflügel war im Moment kein menschliches Wesen zu entdecken.

»Er ist schlafen gegangen,« antwortete die unsichtbare mürrische Person.

»Sehr schön! Und der Herr Polizeimeister-Stellvertreter?«

»Zimmer Nr. 2. Se. Hochwohlgeboren ließ sich soeben Essen holen. Ein Hahn mit weißer Sauce. Es dampfte noch. Einen Teller voll sauren Salats und eine Flasche roten Wein. Einen Hungrigen und einen Toten sollte man auch zusammen in einen Sarg legen.«

»Es ist gut, Vater Wassili, ich danke dir,« entgegnete der höfliche Herr und entblößte wohlwollend seine Zähne. Und eine seiner aalgeschmeidigen Verbeugungen ausführend, wies er auf eine enge, eiserne Treppe, die sich im Zickzack nach oben zog: »Wollen Sie diesen Weg benutzen. Die Treppe gebührt unseren besseren Gästen, die anderen, die mit den nägelbeschlagenen Stiefeln werden über den Hof geführt. Und warum? Nun, nichts zerreißt, wie Sie wissen, die Nerven mehr, als das Kratzen des Sandes auf den Stufen.«

Nach dieser ausführlichen Beschreibung der Treppe, die, wie der Konsul sehr wohl begriff, nur deshalb so umständlich gegeben wurde, um durch das bedeutungslose Geschwätz die Besorgnis vor dem Kommenden zu zerstreuen, wurden die beiden Verhafteten in den ersten Stock und in ein kahles Vorzimmer geleitet, wo zwei Gendarmen an einem Tisch saßen und die Häupter aufstützten. Hier verabschiedete sich ihr bisheriger Führer von seinen Schutzbefohlenen, indem er so glücklich lächelte, als habe er zwei Verirrte endlich auf den sehnsüchtig begehrten Weg gebracht.

»Hier sind wir,« bestätigte er aufatmend. »Sie befinden sich auf der Geheimpolizei, was natürlich gar nichts zu bedeuten hat. Der Herr Pristav, der die Messungsarbeiten versieht, wird Sie sogleich vernehmen.«

»Die Messungsarbeiten?« fuhr Konsul Bark zurück, wie wenn sein Gehör ihm etwas Irrsinniges vorgespiegelt hätte, – »Sie werden doch unmöglich – –« Ein verzweifelter Blick glitt zu seiner Gefährtin hinüber.

»Aber ich bitte Sie,« widersprach der Herr im grauen Rock und streichelte in der Luft herum; »wer kann an solchen Kleinigkeiten Anstoß nehmen? Es ist eine eingeführte Sitte, tut nicht im geringsten weh und beschleunigt Ihre Angelegenheit ungemein. – Warten Sie, ich melde Sie sofort an und hole Sie gleich wieder ab.«

Devot zusammengekrümmt klopfte er an eine niedrige Seitentür, steckte auf eine Sekunde den Kopf herein und schob nach ein Paar mit äußerster Untertänigkeit hingehauchten Worten die beiden Deutschen in das anstoßende Gemach.

Es war ein ziemlich großes Zimmer mit einem grünen Teppich belegt, und ein Paar lederne Klubsessel, sowie ein deckenhoher Spiegel legten Zeugnis davon ab, daß der Pristav, der die Messungsarbeiten leitete, die Bequemlichkeiten des Lebens, sowie äußere Eleganz keineswegs außer acht lasse. Über diese Auffassung wurden die beiden sich stumm Verneigenden auch sofort eindringlich belehrt, als sich auf ihren Gruß hinter dem gelben Fichtentisch ein junger, schwarzhaariger Mann erhob, der ganz offenbar noch immer damit beschäftigt war, seine Toilette für irgendeine Abendgesellschaft zu vervollständigen. Unter seinem sehr kurzen Smoking prangte ein blitzendes Oberhemd, ein überhoher Stehkragen hatte ihm bereits einen roten Rand unter das Kinn geschnitten, und im Augenblick putzte er gerade mit einem Lederinstrument auf seinen Fingernägeln herum, obwohl sie bereits einen wundervollen Glanz ausstrahlten.

»Schon gut,« erwiderte der Pristav auf den Gruß der Eintretenden flüchtig, »Sie müssen warten. Ich werde alles vorbereiten lassen.«

Wiegend schritt er an einem kleinen offenen Seitenkabinett vorüber, und es milderte das schreckhafte Unbehagen der Verschleppten durchaus nicht, als sie jetzt gleichfalls einen Blick in diese Kammer werfen durften. Unter einer Art Galgen saß dort ein hagerer Gendarm. Mit bösen, schielenden Augen glotzte er die Fremden an. Vor ihm auf einem Tisch lagen mehrere riesenhafte Messingzirkel, eiserne Meßgeräte, und als Hauptstück des Ganzen zeigte sich auf dem Estrich ein Kupferkessel voll flüssigen Gipses, in dessen Breimasse der Gendarm ab und zu eine Holzkelle kreisen ließ.

Das waren sicherlich die nötigen Vorbereitungen für den Empfang der Verdächtigen, und Rudolf Bark stieg das Blut in den Kopf, als er sich ihre Anwendung vorstellte. Wie? Man ging in dem entwürdigenden Verfahren gegen Wehrlose so weit, sie mit ganz gemeinen Verbrechern auf eine Stufe zu stellen? Man würde es wagen, jene scheußlichen Apparate, die an die Folterinstrumente des Mittelalters erinnerten, auch um Isas feines Haupt zu legen? Ein Rauschen klang vor den Ohren des Mannes, ohnmächtige Wut rüttelte an ihm, er fühlte, wie er jetzt zum zweitenmal für dieses zerbrechliche Geschöpfchen in einen Akt verzweifelter Selbsthilfe verfallen würde. Unwillkürlich schlang er seinen Arm unter denjenigen des Mädchens, und es befestigte ihn nur in seinem Entschluß, als er merkte, wie eng sich der Rotkopf an ihn drängte. Aber auch der schwarzhaarige Pristav, der von seiner Abendgesellschaft so ärgerlich ferngehalten wurde, hatte dieses gegenseitige Suchen wahrgenommen.

Interessiert klemmte er sich ein Monokel ins Auge, lächelte verschmitzt zu der jungen Dame herüber, um gleich darauf durch ein wütendes Amtsgesicht seine Entgleisung zu sühnen! Es war ganz klar, daß er seinen Fehler durch eine besondere Kälte wieder ausgleichen mußte. In seinem affektierten Wiegeschritt begab er sich deshalb vor den Spiegel und begann umständlich an dem schwarzen Schnurrbärtchen zu ordnen. Dann prüfte er die Weiße seiner Zähne und fing schließlich, auf und ab wandernd, von neuem an, seine Nägel zu polieren. Alles, ohne sich um die Fremden im geringsten zu kümmern. Plötzlich jedoch riß er eine silberne Uhr an einer Talmikette aus der Tasche.

»Der Teufel weiß, es ist ein Viertel auf elf,« stieß er nervös hervor. »Weshalb erscheinen Sie so spät?«

»Diese Frage möchte ich an Sie richten,« antwortete der Konsul aus seiner Erstarrung erwachend.

»Wie? – was? – Sie richten eine Frage?« Der Pristav unterbrach sein Poliergeschäft, warf einen verwirrten Blick in den Spiegel, als müsse er sich erst von dem Fortbestand seiner eigenen Person überzeugen, und trommelte dann erregt auf seinem steifen Oberhemd herum. Er war über die Möglichkeit, daß auch er einem Verhör unterworfen werden könnte, derartig außer Fassung gebracht, daß sich auf seinem Antlitz Freundlichkeit und Wut wie Sonnenschein und Regen jagten.

»Mann,« sog er endlich einen tiefen Atemzug und warf sich in den Stuhl hinter dem Tisch, »ich glaube gar, Sie wissen nicht, wo Sie sich eigentlich befinden.«

»Oh doch, man hat es mir eben mitgeteilt, ich möchte jedoch erfahren, was ich hier zu suchen habe?«

»Stoy« (Halt!), schrie der Russe wütend. »Geben Sie mir Ihre Papiere.«

»Ich besitze keine Papiere.«

»Keine Papiere?« erstarrte der Pristav immer mehr über die Seltsamkeit dieses Falles. »Wie ist das möglich? Ilija Petrowitsch muß irrsinnig sein, weil er einen Menschen ohne Papiere zu mir hereinführt. Um elf Uhr in der Nacht!« ereiferte er sich von neuem, während er die silberne Uhr abermals herauszerrte. »Was ist hier zu tun?« – Verärgert fegte er einige Aktenstöße auf dem Tisch beiseite, bis ihm ein erlösender Einfall aufzublitzen schien: »Legen Sie Ihre Wertsachen ab,« forderte er, sich befriedigt zurücklehnend, »Geld, Uhr, Kleinodien, Ringe.« Und als er gewahrte, wie sein Gegenüber von einem eisigen Schrecken angeflogen wurde, triumphierte er entzückt über den Verfall des großmäuligen Deutschen weiter: »Mir steht das Recht zu, Sie und das Mädchen sofort entkleiden zu lassen, also ich rate Ihnen, nichts zu verheimlichen.«

Der Konsul griff sich an die Brust, er war unfähig, sich von dem einzigen Mittel, das vielleicht noch Rettung verhieß, zu trennen. Und der rauschende Zorn und daneben doch die klare Erkenntnis, wie jeder Widerstand ihre Lage nur verschlimmern würde, sie versetzten ihn in einen Zustand der Lähmung und der zähneknirschenden Entschlußlosigkeit. Um so unfaßbarer mutete es ihn daher an, als er seine Gefährtin ohne Zögern noch Bedenken an den Tisch herantreten sah, wo sie mit einer hastigen Bewegung nicht nur ihre Ringe und das Armband abstreifte, sondern auch ihr kleines seidengestricktes Geldbeutelchen vor den Pristav niederlegte.

Dieser griff einen zierlichen Kettenreif heraus, versuchte, wie weit er sich über seinen eigenen kleinen Finger ziehen ließ, und blinzelte dann in einem abermaligen Anfall von Vergessenheit die hübsche Nemza verschmitzt an. Als sich jedoch in dem blassen Jungfrauengesicht nicht eine Muskel regte, besann sich der Pristav überraschend schnell wieder auf seine Machtfülle und schien entschlossen, sie in ihrem ganzen Umfang auszukosten.

»Beeilen Sie sich,« herrschte er den Kaufmann an, der noch immer an seinem Platz wurzelte. »Weshalb gehorchen Sie nicht? Sie scheinen mir ein anmaßender Mensch zu sein. Oder haben Sie vielleicht Grund, sich gegen eine Leibesuntersuchung zu sträuben? – He, Gendarm, ich meine, hier ist ein Widerspenstiger.«

Auf den schrillen Pfiff fuhr der Gendarm drinnen in dem Kabinett aus seiner gebückten Stellung empor und trat auf die Schwelle. Einen Augenblick schwebte dunkle, zuckende Gefahr um den Konsul. Doch auch Rudolf Bark fühlte, wie es gleich einer unsichtbaren Gerte über ihm schnellte. Und, in einem langen Geschäftsleben daran gewöhnt, noch in der letzten Sekunde auf die rettende Planke zu springen, verbarg er die in ihm arbeitende Erregung und trat mit einem so gleichmütigen, geschmeidigen Wesen an den Tisch, daß nicht allein von Isa der schnürende Bann wich, sondern auch der Herr in dem kurzen Smoking diese rasche Wandlung augenscheinlich nicht gleich begriff. Und nun wickelte sich alles wie ein einfaches, glattes Geschäft ab. Der Konsul legte eine Brieftasche vor dem Pristav nieder, erklärte, es seien ungefähr 4-5000 Mark in dem Portefeuille vorhanden – ungefähr – und eine Empfangsbescheinigung wäre bei der Sicherheit einer so hohen Behörde gewiß nicht vonnöten.

Begierig griff der Pristav nach der Tasche, zuckte jedoch gleich darauf wie vor einem fressenden Feuer zurück, lächelte und begann geschmeichelt mit dem roten Leder von neuem zu spielen.

»Auf Ehre,« versicherte er zuvorkommend und war wieder ganz der wiegende Gesellschaftsmensch von vorhin, »Sie haben recht. Wozu unnötige Schreibereien bei der späten Stunde? – Vier bis fünftausend Mark. – Nun gut, man wird aufs peinlichste darüber wachen, ich verspreche es Ihnen. Übrigens – ich begreife gar nicht, warum man Ihnen und der Dame mitten in der Nacht so viel Unbequemlichkeiten verursachte. Es ist lächerlich. Als ob dies nicht bis morgen früh Zeit gehabt hätte! Freilich die unteren Beamten! Wozu lungerst du hier herum?« schrie er plötzlich den schielenden Gendarmen an und wies mit ausgestrecktem Arm befehlend auf das nahe Kabinett. »Hörtest du nicht, daß die Herrschaften absolut unverdächtig sind?«

In diesem Augenblick begann das Tischtelephon heftig zu läuten.

Aufgeschreckt sprang der Pristav in die Höhe, verzog ingrimmig die Stirn und während er schon die Hand nach dem Hörer ausstreckte, riß er mit der Linken noch einmal seine Taschenuhr hervor und gebärdete sich wie ein Verzweifelter.

»Oh, du niederträchtiger Leuteschinder,« murmelte er bissig, »du herzlose Schlafmütze – ah, Sie selbst, Ew. Hochgeboren, keineswegs – macht durchaus nichts, Ihre Befehle gehen allem anderen vorauf. – Jawohl, die Deutschen befinden sich bei mir – gewiß – sofort – ich gehorche.«

Kaum eine Minute nach diesem Gespräch durchmaßen die beiden Verdächtigen, über die sich bereits bleischwere Müdigkeit herabgesenkt hatte, abermals einen der langen Korridore, bis ihr Führer, der Pristav, der sich inzwischen mit einem Zylinder bedeckt hatte, seinen glänzenden Hut ehrfürchtig vor der friesgefütterten Tür des Zimmers Nr. 2 lüftete. Noch in dem dunklen Zwischenraum der beiden Eingänge krümmte der Herr im Smoking seine Gestalt vor Devotion und Anbetung zusammen, behielt aber doch noch Zeit, den Eintretenden ironisch zuzuflüstern:

»Sie brauchen nichts zu sprechen. Ich werde alles besorgen. Der Herr Polizeimeister-Stellvertreter liebt es nämlich nicht, auf Einwendungen zu stoßen.«

»Guten Abend, lieber Freund,« kaute in dem saalartigen, hellerleuchteten Raum eine schmatzende Stimme, und während an dem großen, mit grünen Tuch ausgeschlagenen Tisch direkt unter dem Kronleuchter zwei Schreiber hingen, die vor Müdigkeit abwechselnd gähnten, da hockte die Kugelgestalt des Polizeimeister-Stellvertreters Tolmin selbst in einer Ecke auf einem Ledersofa, und seine fleischigen Hände fuhren unermüdlich zwischen den Bestandteilen seines Mahles herum, von dem Huhn zur Weinflasche und von dem Brot zu der Schüssel voll grünen Salates. Dies alles aber geschah ganz mechanisch, als ob die dicken Finger des Schmausenden ein eigenes Sehvermögen besäßen, denn Herr Tolmin hatte vor die Wasserflasche ein Zeitungsblatt aufgestellt, dessen Inhalt seine kleinen glitzernden Augen ebenso gierig verschlangen, wie sein Mund die umfangreichen Bissen herunterwürgte.

»Ah, guten Abend, Nicolai Feodorowitsch,« stöhnte er wohlbehaglich und schlug, um sich Luft zu schaffen, die offene grüne Uniform noch etwas weiter zurück, »da bringst du die beiden Verbrecher. Wir wissen schon alles. Der Mann hat einen Offizier erschossen. Und das Weib hat ihm Beihilfe geleistet. Es ist schändlich. Es ist barbarisch.«

Herr Tolmin vertrieb sein Grauen über die geschilderte Untat durch ein paar mächtige Züge Rotwein und goß sich einige Tropfen auf die ehemals weiße Weste. Dann ließ er vor Behagen und Befriedigung die kurzen Beine in den Stulpstiefeln kräftig gegen die Ledereinfassung des Sofas prallen.

»Aber alle Umtriebe unserer Feinde,« röchelte er weiter, »erweisen sich, der heiligen Mutter sei Dank, als vergeblich. Höre, Nicolai Feodorowitsch, was ich da lese. Es bewegt mein Herz, und es wird auch dich begeistern. Die Belgier haben die Preußen auseinandergesprengt, haben die Nemzows über den Rhein geworfen und sind gestern in Köln eingezogen. 200 000 Gefangene. Der deutsche Kronprinz ist gefallen. Was sagst du, lieber Freund? Köstlich – köstlich, der grüne Salat. Er wird für mich mit Zitronensäure angerichtet, seitdem der Militärarzt Isaac – so heißt der Jude – den Essigzusatz für mich verboten. – Aber, wie gesagt, 200 000 Gefangene. Ja, es ist ein köstlicher Genuß.«

Damit hob Herr Tolmin nach der Art der Kurzsichtigen das Zeitungsblatt wieder ganz dicht vor sein grauwelliges, unförmiges Haupt, und indem er sich vollkommen in seine erfreuliche Lektüre versenkte, schlug er sich wiederholt schallend auf den Leib, und dem Hingerissenen schien jede Erinnerung an die übrige Mitwelt entschwunden zu sein.

Schüchtern wagte es der Pristav, der auch für sich selbst die Zeit immer unwiederbringlicher enteilen sah, mit dem Fuß auf eine freie Stelle des Estrichs zu scharren. Gestört schüttelte sich der Polizeimeister:

»Ach ja, was gibt es noch, Nicolai Feodorowitsch?«

»Ich meinte,« sagte der Pristav sich verbindlich verneigend, »Euer Hochgeboren hätten den Wunsch geäußert, das Protokoll über diese beiden Deutschen –«

»Ach ja, das Protokoll,« warf Herr Tolmin ungnädig dazwischen und wanderte nun, die fleischigen Hände auf den Rücken gelegt, mehrere Male keuchend über den Teppich. »Du hast ganz recht, mich daran zu erinnern. Aber solltest du nicht auch meinen, Nicolai Feodorowitsch,« fuhr er schließlich fort, wobei er, da er wieder in die Nähe des Tisches gelangt war, den Resten des Huhnes einen kosenden Blick zuwarf, »solltest du nicht auch meinen, daß sich diese ganze Prozedur besser auf morgen verschieben ließe?«

»Gott – ich glaubte eigentlich –«

»Was glaubtest du? Wir sind alle etwas abgearbeitet. Du siehst selbst, welche Plage es mir macht, diese Murmeltiere von Schreibern wach zu erhalten. Wie? Sagtest du etwas? Nun gut, wer weiß, wie lange man die beiden Nemzows noch beaufsichtigen muß? Ich habe sie jetzt gesehen, das genügt mir. Du kannst sie vorläufig abführen lassen, Nicolai Feodorowitsch.«

Der Polizeimeister warf sich wieder auf das Sofa und kehrte hinter seinem Zeitungsblatt zu dem bedenklich erkalteten Huhn zurück. Bald hörte man von dem Gewaltigen nur noch ein Klirren und Schnaufen.

Der Pristav aber wandte sich unentschlossen hin und her.

»Euer Hochwohlgeboren, wo befehlen Sie, daß die Deutschen untergebracht werden?« wagte er endlich den Vorgesetzten hinter seiner papiernen Wand hervorzulocken. »Wäre etwas dagegen einzuwenden, wenn die Gefangenen in ihr Hotel zurückkehrten?«

»Ist es möglich? Du bist noch da?« schalt Herr Tolmin und ballte gereizt das Zeitungsblatt zusammen. »Du siehst, ich denke bereits über etwas anderes nach. Was zum Henker sprachst du von einem Hotel?«

Der Pristav setzte die Füße zierlich gegeneinander und schwenkte untertänig seinen Zylinder. Dann erlaubte er sich, seine Ideen noch einmal zu erläutern. Allein der Polizeimeister-Stellvertreter, der schon wieder Messer und Gabel in den Händen hielt und nun endlich wünschen mochte, seinem Imbiß dauernd den Garaus zu bereiten, er schnitt seinem Untergebenen ärgerlich das Wort vom Munde ab.

»Du bist zu rücksichtsvoll, Nicolai Feodorowitsch,« kaute er, »wie oft soll ich dich noch darauf hinweisen? Das Verbrechen der Deutschen ist zu niederträchtig, als daß ich geneigt wäre, ihnen irgendwelche Vergünstigungen zu gönnen. Du mußt wirklich dein gutes Herz bezähmen. Setze mir den Mann vorläufig in den Turm, und das Weib –,« er klirrte etwas lauter mit dem Geschirr – »wir wollen nicht vergessen, was wir ihrem Geschlechte schulden, – das Weib kann den Morgen in einem der Büros erwarten. Und nun gute Nacht, Nicolai Feodorowitsch, ich denke, du wirst es selbst eilig haben.«

Es schlug gerade Mitternacht, als Rudolf Bark in dem Teil des Gebäudes anlangte, den man sehr mit Unrecht als den Turm bezeichnete. Von Isa hatte er sich mit einem kurzen, fast gleichgültigen Händedruck getrennt, denn nur der eine Wunsch beherrschte beide gleichmäßig – Schlaf und Ruhe. Auch glaubte der Konsul, daß es sich bei seinem Gewahrsam wahrscheinlich um ein Zimmer handele, wie es nach deutschen Begriffen den Voruntersuchungs-Gefangenen gewährt wird. Deshalb taumelte er beinahe betäubt zurück, als der begleitende Gendarm endlich eine Mauerhöhlung aufschloß, die der Kaufmann im Vorüberschreiten für einen Vorratskeller oder eine unterirdische Waschküche gehalten hatte.

»Du kannst dir diese Laterne mitnehmen,« gähnte der schielende Gendarm in einem Anfall von Mitleid. »Aber sobald du liegst, bitte ich mir aus, daß sie ausgelöscht wird. Es ist strenge Verordnung, hier kein Licht zu brennen, verstehst du?«

Damit drückte er dem Konsul die Leuchte in die Hand, schob ihn mit kräftigem Nachdruck in den finsteren Raum hinein und schloß gemächlich hinter dem Eingekerkerten wieder ab. Dem Konsul aber trat der kalte Schweiß auf die Stirn. Mit zitternder Hand streckte er die Laterne von sich und erkannte ein enges, kreisrundes Loch, das über und über mit Stroh beschüttet war. Ein fauliger, verwesender Geruch stieg aus den Halmen empor, und der scharfe Dunst eng aneinander gepreßter, verwahrloster Menschen mischte sich drein. Da lagen sie dicht nebeneinander, zerlumpte, bettelhafte Gestalten mit grüngrauen, eingefallenen Gesichtern, und keine Decke, kein Kissen wehrte von den fröstelnden Leibern den feuchten Dunst ab, der aus den schimmligen Ziegelsteinmauern herausschlug. Und dennoch füllte lautes Schnarchen dieses trostlose Gemäuer, und selbst das hereinstrahlende Licht und der neueintretende Leidensgefährte, sie veranlaßten keinen jener Ausgestoßenen auch nur das Haupt zu erheben, um sich über die späte Störung zu vergewissern.

Unfähig, noch weitere Eindrücke in sich aufzunehmen, ließ Rudolf Bark die Laterne sachte zu Boden gleiten und kauerte selbst in einer seltsam verkrümmten Stellung nieder. Die Füße, die er mit den Armen umschlang, dicht gegen das Kinn gepreßt, so hockte er auf der fauligen Schüttung, um seine weit geöffneten, ungläubigen Augen um ein entsetzlich besudeltes Faß kreisen zu lassen, das genau die Mitte des Raumes ausfüllte. Ein atemlähmender Geruch entströmte diesem Gefäß, und es war dem Gefangenen, wie wenn ihm eine Faust gegen die Stirn krache, als er endlich entdeckte, welchem Zweck das runde Gerät in der Mitte diene.

Ein Flimmern tanzte vor den Blicken des unbeweglich Zusammengekrümmten, und ein heiseres Stöhnen entrang sich seinen Lippen. Die ungeheure Demütigung, der prasselnde Sturz von den Höhen des Lebens bis in diese Höhle voll Aussatz und Verworfenheit, sie wendeten die Seele des sonst so sicheren und gefaßten Mannes um und schmetterten sie in eine fiebernde Verzweiflung. In seinem Hirn begann es zu bohren und zu nagen, als wenn sich Würmer dort Eingang verschafft hätten, die nun langsam ihres Weges krochen. Er fing an zu überlegen. Seiner Mittel war er beraubt. Von der Gefährtin hatte man ihn getrennt. Und wer konnte sagen, wie lange er hier in der finsteren Pesthöhle ausharren müsse? Bei dem stumpfen Geschehenlassen und der Unordnung, durch die sich russische Gerichte auszeichneten, konnte es sich – namentlich in wild bewegten Kriegszeiten – ereignen, daß Monate, daß Jahre vergingen, bevor man sich seiner erinnerte. Vielleicht war er längst lebendig verfault, ehe dem gefräßigen Polizeimeister zwischen Suppe und Braten das Gedächtnis an das unterlassene Protokoll aufstieg. Beschwerden? Wer würde die aus dem stinkenden Loch heraustragen und weitergeben, seitdem der Ausgestoßene nicht mehr imstande war, einen solchen Dienst gebührend zu belohnen?

Immer emsiger irrten die Würmer durcheinander, einer stets auf der Spur des Voraufkriechenden, und sie schienen ein Gift auszuspritzen, das den Grübelnden bis zum Wahnsinn reizte. Wie würde sich das Los von Isa gestalten? Zum erstenmal in ihrem kurzen Dasein verbrachte das junge, unerfahrene Geschöpf eine Nacht in einem fremden Hause. Wie, wenn sich nun der Pristav, um sich für die entgangene Lustbarkeit der Abendgesellschaft schadlos zu halten, des wehrlosen Mädchens besonders annähme? Ein furchtbarer Einfall! Grinsend saß das Grauen auf der übelduftenden Tonne und schüttelte seine Schlangenhaare.

Da wälzte sich etwas neben dem Konsul, und eine geschwollene Hand näherte sich der Schraube der Laterne, um das Licht auf einen Zug auszudrehen. Aus der undurchdringlichen Finsternis aber, die jetzt das unwirtliche Bild verschlang, knurrte die wüste Heiserkeit eines Trunkenboldes:

»Sollen wir deinetwegen, du Lump, wieder Prügel kriegen? Wenn du die Lederriemen das erstemal gespürt hast, wirst du keine solche Unvorsichtigkeit mehr begehen. Je weniger wir hier sehen, desto besser. Strecke dich aus und schlafe. Oder dünkst du dich in deinen gestohlenen Kleidern etwa zu gut dazu? Warte nur, Brüderchen, sobald du erst mit uns allen aus einer Schüssel gegessen hast, werden dir deine hochmütigen Grillen schon vergehen. Und nun schnarche.«

Es mochte hoch am Tage sein, als der durch die widernatürlichen Dünste betäubte Schläfer aus der Lähmung seiner Sinne aufgerüttelt wurde. Zuerst glaubte der emportaumelnde Rudolf Bark, ein holdes Traumbild entschwirre langsam vor seinen müden Augen, um ihn die Schrecken der Gegenwart nur noch bitterer spüren zu lassen. Aber nein, nein, was bedeutete das? War ein solcher Umschwung wirklich zu fassen? Die Tür stand offen, und ein kalter Lichtschimmer, der ferne Abglanz des ausgesperrten Tages, kroch durch den breiten Spalt. Aber mitten in dieser für ihn jetzt überirdischen Beleuchtung stand der pockennarbige Sekretär in seinem grauen Jakettanzug, ein grünes Jägerhütchen flott auf den dunklen Haaren, und neben ihm, – es war wohl doch eine Täuschung, nur die Ausgeburt brennender Wünsche – neben ihm hielt sich Isa Grothe mit ausgestrecktem Arm an der gegenüberliegenden Wand fest, um vorgebeugt mitten in der schwimmenden Finsternis ihren Freund, den sie suchte, erkennen zu können.

»Isa!«

»Herr Konsul.«

»Ist Ihnen nichts geschehen? Fühlen Sie sich munter?«

»Vollständig. Großer Gott, wie sieht es hier aus, wie fürchterlich ist es hier! Aber denken Sie sich, wir kehren in das Hotel zurück.«

Und Ilija Petrowitsch, der Sekretär, der sich für den Gang über die Straße bereits wieder die braunen Glacéhandschuhe aufstreifte, er erlaubte sich mit seinem verbindlichsten Lächeln den vornehm gekleideten Gefangenen aus der Pesthöhle herauszuziehen, die gleich darauf, trotz der Wut und des aufgeregten Gemurmels der Übrigen, von einem mitgebrachten Gendarm durch einen Fußtritt geschlossen wurde.

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