Zweites Buch. (continued 3)
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»Kommen Sie, Herr Konsul,« hauchte der höfliche Schreiber, der sich inzwischen bereits den braunen Flauschüberzieher des Kaufmanns diensteifrig über den Arm gebettet hatte, »kommen Sie schnell, es wird Sie drängen, ein Frühstück im Hotel de Moscou einzunehmen.« Und im heiteren Bewußtsein seiner Weltkenntnis fügte er, während die drei bereits die Treppe herunterstiegen, siegessicher hinzu: »Sagte ich Ihnen nicht gleich, daß alles nur eine reine Formsache wäre? He, habe ich mich darin etwa getäuscht?«
»Gewiß nicht.« Der Konsul drückte dem Pockennarbigen dankbar die Hand, was von diesem mit einem unglaublichen Zusammenknicken erwidert wurde. »Aber erklären Sie nur,« drängte Rudolf Bark weiter, indem er tief aufatmend die frische Luft der Straße einsog, die sie schon erreicht hatten, »wie konnten sich die Absichten des Polizeimeisters so schnell verändern?«
»Wer weiß?« Der Herr im grauen Rock zuckte vieldeutig die Achsel, und seine Hand rückte leichthin an dem flotten grünen Hütchen. »Es sprechen bei uns viele Meinungen mit. Ich darf mir natürlich nicht erlauben, eine bestimmte Ansicht zu äußern, aber vielleicht blieb der Umstand nicht ohne Einfluß, daß heute in der Frühe der Geheimkanzlist Sr. Exzellenz des Gouverneurs Bobscheff einen eigenhändigen Brief an den Herrn Polizeimeister-Stellvertreter überbrachte.«
»Bobscheff?« rief Isa in ihrem silbernsten Ton, und ihr fiel die ewig heisere Giraffe ein, deren Grundsätze trotz aller ethischen Erziehungsversuche der dicken Gattin in einer gewissen Beziehung leichte und flatterhafte geblieben waren.
Der Tag leuchtete so hell, und die Freude, neben dem wiedergefundenen Freund schreiten zu dürfen, durchströmte sie so übermächtig, daß der Rotkopf hier in der feindlichen Stadt und dicht neben ihrem Aufseher ausgelassen in die Hände klatschte. Aber auch der Konsul vermochte sich die überraschende Teilnahme des Gouverneurs, von dem er alles andere eher vermutet, keineswegs zu deuten, und so gelangte der kleine Zug in der Erwartung irgendeiner Aufklärung in das Vestibül des Hotels, von wo ihr Führer die beiden Deutschen sofort bis an ein Zimmer des ersten Stockwerks geleitete. Hier schritt ein Soldat mit geschultertem Gewehr vor der Tür des Gemaches auf und ab, und Konsul Bark begriff, daß sie sich von jetzt an wieder in militärischem Gewahrsam befänden. Ehe sich jedoch der Sekretär entfernte, unter zahlreichen Verneigungen und dem festen Versprechen, sich so oft wie möglich nach den Wünschen der beiden Fremden zu erkundigen, da zog ihn Rudolf Bark noch einmal beiseite, denn den nüchternen Geschäftsmann drängte es, nach dem Verbleib seiner Geldtasche Nachfrage zu halten. Hier aber veränderte sich das Wesen des Herrn im grauen Rock. Der Mund mit den weißen Zähnen lächelte zwar noch immer verlegen, aber in seine sanfte Stimme drang eine hörbare Abneigung, als er vorsichtig und sich windend den Rat erteilte:
»Darüber weiß ich nichts. Gar nichts. Mein Chef, Se. Hochwohlgeboren der Pristav, genießt das höchste Vertrauen. Mit Recht, es würde ihn beleidigen, wenn man sich in seine Angelegenheiten mischte. Beileibe nicht, wer dürfte das wagen? Guten Morgen, Herr Konsul. Sie können unbesorgt sein, ganz unbesorgt.«
Damit schlängelte sich der graue Herr die Treppe herunter, und der Soldat öffnete für die beiden Eintretenden das Zimmer. Noch hatten sie jedoch die Schwelle nicht übertreten, als sie in grenzenloser Überraschung ihren Schritt hemmten. Aus einem Schaukelstuhl, dicht vor einem altmodisch vergoldeten Spiegel, erhob sich bei ihrem Eintritt eine sehr elegante, tief verschleierte Dame, die sich leichtfüßig auf den Tisch zu bewegte, wo sie erwartend und ein wenig unschlüssig stehen blieb.
Aber diese wiegenden Bewegungen, der feine Parfümduft, der von ihr ausströmte, und das energische Blitzen der dunklen Augen, ein Feuer, das auch von der verhüllenden Gaze nicht gedämpft werden konnte, alles das bestärkte den Konsul in einer aufspringenden Hoffnung. In dieser Stadt gab es nur eine einzige so formsichere und von einer geheimnisvollen Anziehung umflossene Frau. Langsam lüftete sie den Schleier, ein roter, lächelnder Mund kam zum Vorschein, eine kecke, ein wenig aufgestülpte Nase und dunkle Zigeunerwangen.
»Ja, ich bin's,« bestätigte Maria Geschowa den beiden Fassungslosen, obwohl sie einzig und allein den schlanken, biegsamen Mann ins Auge faßte. »Ich hoffe, Sie werden verstehen,« setzte sie rasch und hastig hinzu, indem sie ohne Rücksicht auf die Zuschauerin dem Konsul ihre Hand zum Kuß entgegenstreckte, »ich hoffe, Sie werden verstehen, warum ich Sie hier in der Einsamkeit Ihres Zimmers aufsuchen muß, obwohl ich doch gestern abend bereits Gelegenheit gehabt hätte, Sie zu begrüßen.«
In ihrer Stimme schwang wieder der vibrierende Ton, der den gefährlichsten Reiz der Tatarin ausmachte. Aber zu seinem eigenen Erstaunen blieb Rudolf Bark ganz unberührt davon, denn der Kaufmann dachte im Moment an nichts anderes, als wie er die mutige Frau, die sich seinetwegen doch einer gewissen Gefahr aussetzte, zu seiner Rettung benutzen könnte. Er verbeugte sich tief.
»Die gnädige Frau wußten gestern vor die Freude des Wiedersehens gleichfalls einen undurchdringlichen Schleier zu ziehen.«
»Rudolf Bark,« sagte die Tatarin plötzlich hochfahrend, »Sie sind zu klug, um solche kleine Weiberlist nicht zu durchschauen. Oder glauben Sie etwa, daß man um Ihrer grauen, kalten Augen willen Ihren Aufenthalt in dem Turm so liebevoll verkürzte?«
Bei der Erinnerung an den Ort, dessen Schrecken noch nicht lange hinter ihm versunken waren, da verging dem Konsul die Neigung zu einem leichten Geplänkel. Auch verharrte Maria Geschowa so stolz aufgerichtet vor ihm, ihre blitzenden Augen schienen die seltsame Lage, in die sich die Gattin des Obersten Geschow begeben, so klar und unverrückt zu durchdringen, daß Rudolf Bark einen raschen Ausruf nicht unterdrücken konnte.
»Sie wissen, gnädige Frau? Damit habe ich sicher Ihnen die Intervention bei dem Gouverneur Bobscheff zu danken.«
»Ja,« rief Isa fortgerissen dazwischen, »Sie, liebe, gnädige Frau, Sie allein haben sich ganz gewiß für uns verwendet.«
Die Russin bewegte sich kaum, und nur ein flüchtiges Achselzucken zeigte an, daß sie die dankbare Stimme des jungen Mädchens vernommen. Dann aber trat die eigenartig interessante Erscheinung in ihrem dunkelblauen Herbstkostüm ganz nahe auf Rudolf Bark zu und, immer als ob sie sich völlig allein mit ihm befände, versetzte sie ihm mit dem Zeigefinger einen leichten Schlag gegen die Brust.
»Nehmen wir an, lieber Freund,« entgegnete sie rasch, und dabei begannen in dem dunklen Antlitz die Nasenflügel ein wenig nervös zu beben, »es wäre alles so, wie Sie denken. Stellen Sie sich in Ihrer gewohnten Scharfsichtigkeit vor, ich wäre durch einen Brief meines Gatten bereits auf Ihre Ankunft vorbereitet gewesen. Denken Sie darüber, wie Sie wollen.«
»Meine Gedanken richten sich im Moment ganz nach Ihren Befehlen.«
Maria Geschowa maß den Sprecher eine kleine Weile vorüberstreifend von der Seite. Dann machte sie eine ungeduldige Handbewegung.
»Gut, gut, Sie bleiben ein Schmeichler, ganz anders, wie sonst die Deutschen. Zur Belohnung dürfen Sie sich auch ausmalen, wie meine Audienz beim Gouverneur zu der unwahrscheinlich frühen Morgenstunde verlief. Ich habe mich zu diesem Zweck so schön wie möglich gemacht, und meine, ich dürfte seiner Tatiana eine bekümmerte Stunde bereitet haben. Das ist natürlich alles lächerlich. Aber Sie sollen ja ein großer Frauenkenner sein und bilden sich nun natürlich ein, dies alles geschah, weil eine gefallsüchtige Frau Ihr Interesse erregen wollte, nicht wahr? Gott, wir Russinnen besitzen ja keinen Charakter.«
Sie wartete seinen höflichen Widerspruch nicht erst ab, sondern streifte mit dem Finger wieder sehr eindringlich seine Brust.
»Rudolf Bark,« sprach sie rasch weiter, »vielleicht trifft Ihre Ansicht zu. Vielleicht aber leitete mich auch nur der Wunsch, der Opposition, dem Mißfallen an dem meisten, was jetzt um uns herum geschieht, Ausdruck zu geben. Sie müssen wissen, es gibt noch immer Leute bei uns, denen dieses widerliche Blutparfüm, das jetzt allem anhaftet, die Nerven verwirrt. Menschen, die lieber auf den Galgen klettern, als daß sie sich noch tiefer in eine blutige Nacht hereintreiben lassen. Vielleicht gehöre ich dazu, vielleicht auch nicht. Wissen Sie übrigens,« sprang sie plötzlich ab, und um ihren Mund spielte ein flackernd überreizter Zug, »wissen Sie übrigens, daß der kleine Bergbaustudent Diamantow gleich zu Anfang der Feindseligkeiten kriegsgerichtlich und ohne viel Federlesens erschossen wurde? Hochverräterische Umtriebe warf man ihm vor. Seine Seele haßte den Krieg glühend und hielt ihn für die höllische Lüge, die immer wieder die Völker betrügt. Er war ein Jude,« setzte die Tatarin in ihrer sprunghaften Stimmung hinzu und blickte gedankenverloren zu Boden, »ein schöner Schwärmer und hatte deshalb etwas von dem Erlöser an sich. Unsere Erde ist voll von solchen Herzen, die noch dort unten im Grabe in brüderlicher Liebe schlagen.«
Eine Pause trat ein. Maria Geschowa begab sich mit träumerisch gesenktem Haupt zu ihrem Schaukelstuhl zurück, wo sie sich leise zu wiegen begann. Die Sonnenstrahlen, die durch die Gardinen des Fensters fielen, huschten, der Bewegung angeschmiegt, bald über ihre Stirn sowie über die halb geschlossenen Augen, um gleich darauf wieder dem nachspülenden Schatten zu weichen. Die beiden Deutschen aber warteten in beklommener Spannung ab, was die schöne Frau ihnen noch weiter zu verkünden haben würde. Denn bei der klaren und tatkräftigen Art der Russin blieb es ausgeschlossen, daß sie nur gekommen sein sollte, um sich an einem absonderlichen Gespräch zu ergötzen. Und richtig, plötzlich erwachte die Tatarin, dehnte ihre Glieder, und während sie einen schnellen Blick auf ihre goldene Armbanduhr gleiten ließ, da brach sie in ein fast unhörbares Lachen aus. Rudolf Bark meinte, er hätte noch nie eine so nach innen klingende Heiterkeit vernommen. Sein Gehör wiegte sich in der Vorstellung, als würden hier winzige goldene Kugeln in einen Glasbecher geworfen.
»Wahrhaftig,« winkte nun die junge Frau den Konsul auf einen Stuhl an ihrer Seite nieder, »die paar Minuten, die man mir für meinen Besuch bei Ihnen gestattete, sind bald vorüber, und wir philosophieren. Was werden Sie denken, lieber Freund? Bitte, setzen Sie sich zu mir. Unbesorgt, ich tue Ihnen nichts. Sie sind also der Ritter dieser jungen Dame geworden, Rudolf Bark? Wie alt ist sie?«
Ein wenig verletzt verzog der Angeredete, der inzwischen ihren Befehl befolgt hatte, die Stirn. Der Ton der Russin gefiel ihm nicht, und er dachte an seine gereiften Jahre. Statt seiner jedoch übernahm Isa, die unauffällig am Tisch stehen geblieben war, die Beantwortung. Nichts schien darauf hinzudeuten, als ob die Kleine das lebhafte Interesse der fremden Dame für den Konsul begriff oder gar einer Beurteilung zu unterziehen wagte. Nur Ehrerbietung und Zurückhaltung atmete ihr Ton, als sie liebenswürdig erwiderte:
»Ich bin achtzehn Jahre, gnädige Frau.«
»So, so,« versetzte die Russin gleichgültig. »Es ist gut, mein Kind. Ich hätte Sie für älter gehalten.« Und ohne jede Befangenheit die Hand des Mannes streichelnd, sprach sie angeregt weiter: »Rudolf Bark, Sie denken doch jetzt über nichts anderes nach, als wie Sie den Folgen Ihres Ritterdienstes, die Sie in Mariampol oder wo anders erwarten, entgehen können? Nicht wahr? Nein, leugnen Sie nicht, es kleidet Sie nicht, würde Ihnen auch nichts nützen.«
Da meldete es sich wieder, dieses spitze Einbohren in die Gedanken eines anderen, das zu den eigentümlichsten Gaben von Maria Geschowa gehörte. Und obwohl der Konsul erschrak, weil er nicht wußte, ob hier auch seinerseits eine rückhaltlose Offenheit am Platz wäre, so hielt er es doch für geboten, seinen raffinierten Besuch nicht völlig zu täuschen.
»Maria Geschowa,« sagte er deshalb nach einiger Zeit vorsichtig tastend, »sollte die Gattin des Obersten Geschow derartige Pläne – immer vorausgesetzt, daß sie wirklich existieren –«
Die Russin wiegte sich lässig und schlug mit der Hand nach ihm: »Sie existieren,« lächelte sie eindringlich und verstohlen.
»Sollte die Gattin des Obersten Geschow wirklich ganz gefahrlos und ohne sich etwas zu vergeben, die Mitwisserin solcher Geheimnisse werden können?«
»Ah so!« Unvermittelt hielt der Stuhl in seiner Schaukelbewegung inne, und ein paar große Augen, die sich langsam mit Zorn füllten, hefteten sich eine Sekunde gereizt auf den um sein Schicksal besorgten Kaufmann. Gleich darauf jedoch stieß Maria Geschowa ihren Sitz zurück und strich sich wie in tiefem Besinnen mit der behandschuhten Rechten über die Stirn. »Verzeihen Sie, verzeihen Sie,« sprach sie sich mühsam wiederfindend. »Wie wunderbar klug und besorgt Sie sind, Rudolf Bark. Wirklich, es ist staunenswert. Sie hegen eine große Sympathie für mich. So etwas ist ja immer gegenseitig. Aber natürlich, mein kluger Freund, Sie sind völlig im Recht.«
Sie kehrte ihm den Rücken, stellte sich ans Fenster und blickte lange über den struppigen Hintergarten des Hotels zu dem schmalen, kohlenüberschütteten Fluß herüber, der seine schwarzen Gewässer im Sonnenschein träge vorüberschleppte. Nach einer Weile trommelte die elegante Dame leicht gegen die Fensterscheiben und warf sehr kalt und interesselos, gleichsam nur, um irgend etwas zu äußern, über ihre Schulter hinweg:
»Wie gesagt, Sie beurteilen die Lage richtiger als ich. Der Weg aus dem Hotel wurde Ihnen, wie Sie sich wohl überzeugten, durch militärische Bewachung gesperrt, und zur Nachtzeit durch den Hintergarten zu entkommen, das dürfte auch eine verzweifelt phantastische Idee sein.«
»Durch den Hintergarten?« horchte Rudolf Bark hoch auf, indem er sich an die Seite der jungen Frau stellte.
Maria Geschowa jedoch rückte fort und sah an ihrem Arm herunter, als ob ihr die zufällige Berührung nicht angenehm wäre.
»Gott,« sprach sie gleichgültig weiter, »Verzweifelte könnten vielleicht solch einen Versuch erwägen. Aber ich rate Ihnen davon ab, Rudolf Bark. Dazu müßte der Besitzer des Kohlenkahns, dessen schmutziges Schiff dort an dem Steg angeschlossen liegt, vorher von befreundeter Seite nachdrücklich gewonnen sein. Wir wollen ein häßlicheres Wort vermeiden. Und Sie werden wohl selbst nicht glauben, bester Freund, daß Ihr kühles und berechnetes Wesen Ihnen hier in der fremden Stadt so viel Teilnahme erwerben könnte.«
Als sie das letzte fast feindselig hervorgebracht hatte, kehrte sie sich zu ihm. Und dann geschah etwas völlig Unerwartetes. Mit ihrer unnachahmlichen Grazie hob das junge Weib beide Arme, um dann ihre Finger ohne Hast noch Aufregung hinter dem Hals des betroffenen Mannes zu verschränken. Trotz der vertraulichen Nähe, die jetzt zwischen beiden hergestellt war, und obwohl der glühend rote Frauenmund fast dieselbe Luft wie Rudolf Bark zu atmen schien, so mutete das Ganze doch keineswegs wie eine peinliche Aufdringlichkeit an, sondern hier schien sich vielmehr ein Abschied, eine von Wehmut durchzitterte Trennung vorzubereiten.
»Rudolf Bark,« sagte die Russin klar und deutlich, als ob sie es verschmähe, ein Geheimnis aus ihren Empfindungen zu machen, »ich reise noch heute nach Mariampol zurück, und ich würde Tränen vergießen, wenn ich Sie dort wiedersähe. Sie gehören zu den Menschen, die leichtfüßig an einem vorübergehen und von denen man den Schall ihrer Tritte dauernd im Ohr behält. Ich werde noch oft an Sie denken. Es ist bei dem widerlichen Haß, der zwischen den beiden Völkern entstand, unwahrscheinlich, daß wir uns jemals wieder begegnen. Aber wenn Sie, wie ich dies von Ihnen vermute, später einmal die Bilanz über das Wesen unseres Volkes aufstellen, dann bitte ich, sich meiner nicht als einer Ausnahme zu erinnern. So, wie ich, leben hier Millionen, die, wie die Motten um das Licht, um das Europäertum schwärmen. Ich glaube, Sie mißverstehen mich nicht, lieber Freund. Und nun leben Sie wohl.«
Sie ließ ihre Arme langsam herabsinken, zog den Schleier vor das dunkle Antlitz und nickte Isa, die sich während dieser ganzen Zeit einer fröstelnden Erstarrung nicht entreißen konnte, flüchtig zu. Dicht vor der Tür entglitt der schnell schreitenden Gestalt ein blaues Handtäschchen. Aber ehe der Konsul es noch aufheben konnte, und so oft er auch hinter der bereits über die Treppe Eilenden herrief, Maria Geschowa achtete seiner Bemühungen nicht, und das blaue Lederetui, das sie wohl absichtlich zurückgelassen, blieb in dem Besitz des sofort und dankbar begreifenden Mannes.
V.
Wochen waren vergangen. Über Maritzken heulte der Wind. Seit Tagen krümmte er die hohen Eichenbäume zusammen, schlug rote Wolken dürrer Blätter raschelnd über das Anwesen und brauste mit schneidendem Wehlaut über die menschenleere, verlassene Gegend. Wenn solch ein ungeheurer Stoß über die Stoppelfelder fuhr, dann glaubte Johanna Grothe stets eine schmetternde Posaune zu vernehmen, die zu Weltuntergang und Vernichtung rief.
Weißer und verschlossener als je vorher schritt die Gutsherrin durch ihr verödetes Heim, denn seit den letzten Stunden war ihr Besitztum von jeder Einlagerung befreit, und nach all dem Lärm und der ewig aufpeitschenden Unruhe nistete nun eine leere, quälende Einsamkeit zwischen den weißen Gemäuern. Die fremde Menschenwoge, die so lange alles überschwemmt hatte, war wie unter einem ungeheuren Druck weiter in das Land hineingetrieben worden, einer großen Schlacht, einer Entscheidung, einem weltbewegenden Schicksal entgegen, und die preisgegebenen Fluren atmeten nun in einer dumpfen zermürbenden Spannung.
Mehrfach hatte das Landmädchen, dem sonst ein Tag ohne genau geregelte Arbeit als ein unmöglicher Zustand gegolten, sich aufgerafft, um mitten unter Trümmern und Verwüstung das gewohnte Tagewerk wieder aufzurichten. Aber nach kurzem Überlegen brachen alle diese Pläne abermals zusammen. Draußen aus der gesegneten Erde war alle Frucht durch gierige Hände aufgewühlt und fortgeschleppt, und durch die leeren Furchen peitschte der Wind. Die Stalltüren standen offen, und drinnen gähnten die abgeteilten Stände, aus denen das letzte Pferd und die letzte Kuh von dannen getrieben waren. Auf den Äckern rosteten die Pflüge, weil sie von keiner Männerhand mehr geleitet werden konnten, und auf den Vorratsböden verzehrten die Mäuse die traurigen Reste der Wintersaat. Alles öde und verkommen, das Land wie das Haus, um das Beste betrogen und bestohlen, und nichts zurückgeblieben, als jenes schwere, spannungsvolle Atmen, das nach Vergeltung verlangte.
Auch in Johanna zuckte manchmal während der erzwungenen Beschäftigungslosigkeit ganz plötzlich und sprunghaft solch eine wilde Gier nach ausgleichender Gerechtigkeit auf; oder noch besser die Sehnsucht nach einem Blitzstrahl, der züngelnd und krachend alles in den Boden schmettern sollte, was höhnisch und unrein, jede harmlose Regung überwuchernd, vor ihr aufgeschossen war. Manchmal auch schlug die Scham in ihr zur Höhe. Und dann segnete sie Gott dafür, daß sie hier wie ein ausgesetztes Tier verborgen und unerkannt durch das verlorene Anwesen streifen konnte. In solchen Augenblicken lief ein Zittern über ihren Körper, und zugleich bangte sie davor, der Neugier der wenigen Mägde zu begegnen, die noch zurückgeblieben waren. Wie leicht konnte sie solch unberufenen Spähern das schüttelnde Grauen verraten, das sie vor sich selbst hegte, seitdem sie von der Furcht verfolgt wurde, auch ihre kühle Reinheit sei von befleckten Händen entweiht. Die eigene Schwester, derjenige Mensch, der ihr nach natürlichem Recht der Nächste auf Erden sein sollte, er hatte ihr das Haus zu einer brennenden Hölle gemacht. Unmöglich, ganz unfaßbar dünkte es ihr, mit Marianne noch fürderhin unter einem Dache zu weilen, ihr heiteres Geplauder zu vernehmen oder die Sorgen der Gefallsüchtigen um die Erhaltung ihrer Schönheit aus der Nähe mit ansehen zu müssen, seitdem sie die Mitwisserin ihres widerlich haltlosen Leichtsinns geworden war. Aber warum schrie sie der Schwester in zornigem Aufflammen nicht ihre Anklagen ins Gesicht? Weshalb jagte sie die Gesunkene nicht von Heim und Herd, unbekümmert darum, ob der strudelnde Schwall der Geschehnisse sie verschlinge oder nicht? Großer Gott, aus welchem Grund erfüllte sie nicht ihre heiße Sehnsucht, zu vereinsamen und zu verdorren, sobald sie durch ein solches Opfer allen Schmutz und jeden Unrat von ihrer Schwelle fegen konnte? – Warum? – Nein, um alles Elendes willen, das vermochte sie nicht, das überstieg ihre Kräfte. In der großen herrschgewohnten Walküre war etwas gebrochen. So sehr die Verworfenheit ihrer nächsten Angehörigen an ihr zehrte, das schöne schwarze blühende Geschöpf war doch ein Wesen, auf das sie einmal alle mütterliche Sorgfalt geworfen und dessen sündhaften Fehltritt sie trotz rastlosen Nachsinnens noch immer nicht begriff. Vor allen Dingen aber wurde die Älteste von Maritzken von einer fressenden Scham verzehrt. So oft sie auch dazu anhob, unter keinen Umständen konnte sie es sich abgewinnen, mit der harmlos lächelnden Marianne eine kühle und gemessene Abrechnung über so viel Abscheulichkeit aufzustellen. Nein, – nein, – nein, nur das nicht! Lieber sich noch ärger foltern lassen und dann weiter fliehen wie ein aufgescheuchtes Gespenst durch die zerstörten Stätten ihrer Pflichten und Sorgen.
Inzwischen erfüllte sich draußen das Verhängnis.
Nicht als ob irgend eine besondere Kunde in das einsame Gehöft von Maritzken gedrungen wäre, nicht als ob die Gutsherrin die in einer fremden Sprache geführten Unterhaltungen hätte belauschen können, die einzelne zurückbeorderte Offiziere aufgeregt, scheu und in seltsamen Zischlauten mit dem kranken Rittmeister Sassin pflogen, den man in diesen Tagen höchster Ungewißheit ohne jede Pflege und ärztliche Aufsicht gelassen hatte; aber über die menschenleeren Straßen wehte etwas heran. Etwas Unklärliches, etwas Schicksalflüsterndes, das die Herzen stocken und die Sinne kochen ließ. Je leerer Wege und Stege wurden, desto deutlicher jagte das Unsichtbare vorüber, und hinter jeder aufsteigenden Staubwolke suchten gierige Blicke das Blitzen von Stahl und Eisen.
Es war an einem trüben Nachmittage.
Mit unverminderter Gewalt wütete der Sturm um das Haus. Die Türen der Ställe knallten in kurzen Schlägen auf und zu. Wie eine Nachäffung von Kampf und Schlacht rollte ein ewiger Donner durch die weißen Gebäude. Aber mitten durch das Toben des Elementes drang ein schmerzliches Stöhnen, ein Winseln und Wimmern, das Johanna, die gerade über einen der Gänge des zweiten Stockwerks schritt, nicht überhören konnte. Ganz sicher, das markdurchwühlende Ächzen, es stahl sich aus dem Zimmer des verwundeten Rittmeisters, dessen Verfall in den letzten Tagen auch den unkundigsten Blicken nicht verborgen geblieben war. Von einem heimlichen Schrecken durchdrungen und ohne lange abzuwägen, ob ihre Teilnahme einem Angehörigen der jetzt von ihr so bitter gehaßten Rasse galt, trat Johanna nach einem kurzen Anklopfen ein.
Was war das?
Seit Tagen schon hatte Leo Konstantinowitsch Sassin dauernd seinen zum Skelett abgemagerten Körper im Bett halten müssen. Jetzt aber saß der Rittmeister in dem grauen Feldmantel, aus dem sowohl das Einschußloch als die Blutspuren noch immer nicht getilgt waren, hinter einem mit Karten bedeckten Tisch, und die tief über die zerwühlten Haare gezogene Mütze sowie die stark nach Juchten riechenden Reiterstiefel an seinen Füßen bewiesen, wie der Hinfällige den wahnsinnigen Entschluß gefaßt haben müsse, der Stätte seines langen Krankenlagers endgültig zu entfliehen. Als die Tür knarrte, schrak der Kranke zusammen und fuhr mit den dürren Händen aufgeregt und haltlos über die bunten Blätter.
»Schönes Fräulein – schönes Fräulein,« hauchte er kaum noch vernehmlich, obwohl die sich bäumende Brust eine letzte Anstrengung hergab, »ich muß fort. Es geht mir überraschend gut, und deshalb muß ich es riskieren. Wo steckt mein Bursche? Ich habe ihn schon seit drei Tagen nicht mehr gesehen! Der Hund ist klug, er hat sich auf die Strümpfe gemacht. Ich will auch nicht länger in dieser Mausefalle sitzen bleiben, verstehen Sie? Unsere Idioten, diese verschlafenen Strohköpfe haben uns in nichts als Teiche und Sümpfe geführt. Sind wir Katzen, die man ersäufen will? Kommen Sie, kommen Sie, ein Blick auf meine Karten genügt. Jedes Schulmädchen wird das einsehen. Hier – und hier – und hier ... Eine gotteslästerliche Wirtschaft!« Wütend ballte er die Papiere zusammen und schleuderte sie, zu einer Kugel geformt, in die Ecke. »Jede Nacht habe ich davon geträumt, ich steckte immer bis zum Hals im Wasser. Aber jetzt ist es zu spät! Glauben Sie mir, man wird hier etwas Gräßliches erleben.«
Gewaltsam richtete sich der Russe auf, und es schien, als ob er durch die Tür von dannen stürzen wollte. Allein in der nächsten Sekunde mußte er sich mit beiden Händen an den Tisch klammern. Er schwankte, die stark duftenden Juchtenstiefel suchten vergeblich einen Halt.
Johanna jedoch, obwohl ihr Herz zu jagen anhob, vergaß, was sie dem Hilflosen schuldete, und regte sich nicht. In ihrem weißen Antlitz brannten die sonst so kühlen blauen Augen in einem bösen Feuer. Ein gieriges Lächeln, ganz widerspruchsvoll und unheimlich, schlängelte sich um ihre Lippen. Wie sie so aufragte, da hätte sie auch einem minder Verzweifelten Furcht einflößen können. Und der Kranke, der sich nicht aufrecht zu erhalten vermochte, beugte den Hals vor und starrte in plötzlich aufspringendem Entsetzen auf seine unbewegliche Gastgeberin.
»Was wollen Sie?« keuchte er, »halten Sie mich nicht auf!«
Aber Johanna sperrte ihm ungerührt den Weg.
»Herr Rittmeister« brach es mit einem Mal hell und voll versteckter Wollust aus ihr heraus, »meinen Sie, daß Ihrem Heer irgendeine Katastrophe bevorsteht?«
»Das weiß ich nicht, – das habe ich nicht gesagt – nicht die leiseste Andeutung gemacht. Ich bin krank. Meine Gedanken gehorchen mir nicht mehr. Sie wissen, sie springen herum, wie auf einem Tanzboden. Was lachen Sie mich so an? Oh, ich weiß, was Sie uns wünschen! Sie sollten sich hüten!«
Jedoch die Älteste von Maritzken hütete sich nicht. In ihren Mienen verkündete sich immer deutlicher eine wilde Wonne.
»Herr Rittmeister« sog sie förmlich aus dem ihr Unterlegenen heraus, »nicht wahr, Fürst Fergussow befindet sich gleichfalls auf den Linien, die Sie vorhin auf der Karte bezeichneten?«
»Ja, was geht er mich an? Der Teufel soll ihn holen!«
Die Blonde drängte erbarmungslos weiter.
»Und Sie vermuten, es werden nur wenige aus den Wasserläufen entwischen?«
Jetzt brach dem Rittmeister der Schweiß aus. Er wurde erdfahl und vermochte seine herunterfallende, wie im Krampf bebende Kinnlade nicht mehr zu bändigen.
»Verwünscht,« röchelte er, schlug mit den Armen in die Luft und wankte haltlos bis zur Tür, »Sie foltern mich! Was habe ich Ihnen getan? Hören Sie nicht? Hören Sie es nicht? Da ist es wieder, das ungeheure Gurgeln, Schnaufen und Schmatzen, das mich wahnsinnig macht.«
Er fiel auf der Treppe nieder und rollte wie ein schweres Bündel die Stufen herab. Johanna hörte noch einen schrillen Angstschrei, und als sie ans Fenster eilte, gewahrte sie, wie der Kranke in einer letzten Anspannung und mit vorgestreckten Händen über den Hof taumelte. Unsichtbare Geißeln schienen auf seinen Rücken zu klatschen. Der Sturm schmiß ihn hierhin und dorthin, und wie ein grauer Schemen verschwamm das unselige Menschenbild in den wirbelnden Staubwolken der Landstraße.
Das weiße Haus aber sollte noch einen anderen seiner Bewohner hergeben.
Draußen auf den Wegen und Stegen fing es an, lebendig zu werden. Zuerst waren es nur kleine Kosakentrupps, die in einem rasenden Galopp über die Straße fegten. Die Nachmittagssonne brannte ihnen auf den Rücken, und es schien, als ob die toll gewordenen Tiere ihren eigenen Schatten fressen wollten. Mit tief herabhängendem Halse stäubten sie ihrem vorausfliehenden schwarzen Abbild nach.
Doch es blieb nicht bei den wenigen. Bald erbebte der Boden unter dem Gedröhn zusammengeballter Reitermassen. In einer finsteren Gier, fluchend und tobend, heulten sie vorüber, und nur der Wille, gewaltige Strecken zwischen sich und irgend etwas Folgendem zu legen, hielt diese Horden noch zusammen. Voll frohlockenden Entsetzens erkannte Johanna, die jene fessellose Jagd, weit aus einer der Bodenluken gelehnt, verfolgte, wie diese zusammengeduckten Reiter Lanzen und Karabiner von sich schleuderten, so oft sie meinten, einen Vorsprung vor ihren sich stauenden Vordermännern erreichen zu können. Menschen und Tierleiber waren von einer dicken schlammigen Kruste bedeckt, und manche der Verfolgten umklammerten noch immer in vollkommener Bewußtlosigkeit dicke Büschel ausgerissenen Seegrases, als gelte es, vor allen Dingen diesen letzten Schutz nicht aus den Fingern zu lassen. Bleich, blutend, gespensterhaft raste alles vorüber. Die Beobachterin jedoch preßte ihre Hände gegen die kreisrunde Einfassung ihres Ausguckloches, als müsse sie die Mauern auseinanderbrechen, um das Bild noch weiter, gesättigter in sich aufnehmen zu können.
»So peitscht Fürst Fergussow seinen müden, zusammenbrechenden Schimmel vielleicht auch über eine unserer Chausseen,« schoß es ihr dann durch die vom Schauen aufgewühlten Sinne, »blutend, zerfetzt, jeder Männerwürde beraubt, genau so wie die Geschlagenen, Gedemütigten, die dort in den dampfenden Staubwolken, umheult und zerzaust vom Winde, ihr nacktes Leben zu retten trachten.«
Und ihre Seele erlabte sich an der Vorstellung, wie der glatte glänzende Kavalier, der ihr die Schande ins Haus getragen, sein Ende vielleicht in einem Kothaufen gefunden, nachdem der peinlich Saubere vorher alle Qualen des Ekels vor dem Schmutz seines Grabes durchkostet. Aber nein, nein, wenn sie ganz wahrhaft gegen sich selbst verfuhr, dann drängte sich noch ein anderes Bild, ein heißerer Wunsch vor den lodernden Brand ihrer Rache. Er durfte ja noch gar nicht verkommen und verdorben sein, solche geschmeidigen Naturen wie dieser im Innern verpestete Aristokrat, sie fanden gewiß tausend Mittel, um dem auf sie lauernden schimpflichen Verlöschen zu entweichen. Welch ein Glück, welch eine rasende Wonne, wenn der zu Boden Geschlagene und alles Hochmutes Entkleidete noch einmal gleich einem schuldbewußten Dieb oder Bettler vor sie hintreten müßte! Ja, darauf lauerte sie. Diese Erwartung trug Möglichkeit auf Möglichkeit in ihre Gedanken, bis die Landtochter nicht einen Moment mehr daran zweifelte, ihr würde diese erlösende Vergeltung von dem Schicksal, das jetzt über Staaten und Völker rollte, beschieden sein.
So stand sie und starrte in die Umgegend hinaus, auf den fernen Feuerschein, auf die Felder, die von schwarzen Gestalten zu wimmeln begannen, auf die blauen Gehölze, die zerschossene, verwirrte Gespanne und rasselnde Züge schwarzer Kanonenrohre von sich ausspien.
Vorbei, vorbei. Das Klirren, das Sohlenknirschen unzähliger sich fortwälzender Fußgänger, der Wogenschlag und die Brandung heiserer vernichteter Menschenstimmen lärmten ununterbrochen an dem weißen Anwesen vorüber.
Der Erwartete aber kam nicht. Er kam nicht, wie sehnsüchtig und gierig auch zügellose Wünsche nach ihm ausschweiften. Und der Gutsherrin bemächtigte sich die Furcht, Fürst Dimitri Fergussow, der Adjutant des Zaren, der Inbegriff und das Sinnbild einer zerfressenen Kultur, er könnte von den schwarzen Wellen dort unter ihr bereits unerkannt vorübergetragen sein.
Wenn das möglich wäre, wenn er sich so gleichgültig gebärdete, so rücksichtslos, so bitter feige! Und zum erstenmal in ihrer bangen Erwartung preßte sich Johanna die Faust auf die Brust, und ein Frösteln flog über ihre Glieder, weil sie den tiefsten Grund ihres irren Verlangens nicht mehr unterscheiden konnte.
Auch ein paar andere Augen wühlten sich beutehungrig hinter einem der nach der Straße gelegenen Fenster in den vorüberschießenden Menschenstrom ein. Schwarze, leuchtende Augen, die merkwürdigerweise in einem sehnsüchtigen Glanz schwammen, obwohl sie doch in Wahrheit nur von einem heißen, eigensinnigen Begehren erfüllt waren. Gleich Angelhaken schwankten Mariannes Blicke mit der sturmgdrängten, brüllenden und schreienden Masse dahin. Immer nur bereit, sich an ein einziges ersehntes Idol anzuklammern. Nicht eine Spur des Triumphes war in ihr, daß die eisengepanzerte Faust ihres Heimatlandes mit wuchtigem Schlag die fremden Bedränger vor sich her stieß, nicht die geringste Erhebung weitete ihre Brust über die dumpfe Wut und das ohnmächtige Entsetzen, welches die vorüberstürmenden Slaven empfanden, nachdem sie zum erstenmal in das gerunzelte deutsche Antlitz geblickt hatten. Nein, ihr abenteuernder und irrlichterlierender Geist errechnete nur schwindelhafte Möglichkeiten, wie sie für sich selbst mitten aus dem Zusammenbruch den blassen Schemen irdischen Glanzes erraffen könnte. Eine goldene Fürstenkrone auf ihr schwarzes duftendes Haar. Die gebührte ihr, die hatte man ihr zugesichert unter tausend zärtlichen Eiden. Und die alles Urteils Beraubte und von ihrer eigenen Schönheit völlig Betörte glaubte unverbrüchlich an diese ihr zäh im Gedächtnis haftenden, lächerlichen Schwüre. Bald streckte sich Marianne in dem kleinen Zimmer auf ein Ruhebett aus, um ihre widerspenstig zuckenden Nerven durch die Lektüre eines Romans zu beruhigen, bald schleuderte sie das Buch, aufgeschreckt durch das brausende Toben, das durch die Mauern quoll, verstört und verständnislos wieder von sich. Eben huschte sie vor den gebräunten Mahagonispiegel, denn in all dem Graus und Lärm mußte sie sich doch davon überzeugen, ob sich der schwarze Ledergürtel nicht störend verschoben hätte, da wurde rasch die Tür geöffnet, und mit hastigen Schritten trat Johanna zu ihr ein. Über der großen Blonden flammte noch das sonderbare Leuchten, der Abglanz des unerhörten Begebnisses, und das weiße Antlitz strahlte wieder stolz und kraftbewußt wie sonst.
»Marianne,« rief sie mit unterdrückter Stimme, die nur schwer das geheime Frohlocken bändigte, »siehst du dort draußen, wie diese schlimmen Tiere von dannen ziehen?«
»Ja, ich sehe,« versetzte die Schwarze an sich haltend, denn es verdroß sie, sich ihrer rasenden Hoffnung nicht länger hingeben zu können.
»Das haben die Unsrigen vollbracht. Oh, jetzt wird hier alles wieder aufwachen, alles besser werden. In wenigen Stunden müssen unsere Truppen hier sein. Mir ist es immerfort, wie wenn ich sie schon singen hörte.«
Da zuckte Marianne widerwillig die Achseln.
»Was sollen jetzt diese Übertreibungen?« widersprach sie mit der ihr eigenen aufreizenden Lässigkeit, und die Absicht, den Jubel ihrer älteren Schwester zu stören, trat feindlich zutage. »Vorläufig hört man doch nur das Gestampfe und Getrappel der anderen. Was verstehen wir überhaupt von solchen Dingen?«
Entsetzt schlug Johanna die Hände zusammen. Länger vermochte sie die schweigende Spannung, die zwischen ihnen beiden herrschte, nicht zu ertragen. Es wurde alles klar um sie herum, jetzt mußte unbedingt auch die Säuberung des verunreinigten Hauses folgen. Jetzt, bevor die Befreier ihren Einzug hielten.
»Mir scheint,« begann sie mit erhobener Stimme, indem sie näher auf die noch immer vor dem Spiegel Weilende zutrat, »daß du mit der Horde, die unser Dorf plünderte und ansteckte, die unsere Freunde und Verwandten niederschlug, nachdem sie unsere ganze Provinz bis zur Erschöpfung ausgesogen, ein überflüssiges Mitleid empfindest.« Voll und ohne abzuirren ruhten jetzt ihre großen blauen Augen auf den dunklen Zügen der Schwester, mit der sie ihre Rechnung zu Ende führen wollte. »Marianne« fuhr sie klar und unerschrocken fort, »ich habe nicht gelernt, Versteck zu spielen. Nimm an, ich wüßte genau, woher deine Sympathie stammt.«
»Ich hege keine Sympathie für die da unten« schrie Marianne ausbrechend und stampfte besinnungslos mit dem Fuß auf, denn die drohende Auseinandersetzung verstärkte ihren Widerwillen gegen die große, empfindungslose Blonde, die nicht wußte, in welchen Zwiespalt lodernde und glückfordernde Seelen geraten können.
Doch die Älteste von Maritzken blieb unerschütterlich. Ruhig hob sie das fortgeschleuderte Buch auf, um es sauber geglättet auf den Tisch zu legen, dann aber richtete sie sich zur Höhe und beharrte mit immer härterem Ton auf ihrer Meinung.
»Für die Masse vermagst du dich vielleicht nicht zu ereifern, um so mehr aber leider für einen Einzelnen.«
»Wie?«
Die Angegriffene fuhr empor, stützte sich auf die Tischplatte, und im Augenblick hatte sie den lange Jahre bewahrten Respekt vor der Großen völlig vergessen. Spurlos entschwirrte ihr die Erinnerung, wie die Arbeit dieses nüchternen blonden Weibes Tag auf Tag, Monate auf Monate Not und Schmach von der gemeinsamen Schwelle ferngehalten, ohne dafür etwas anderes zu verlangen, als daß auch die anderen Insassen des Hauses sich ihre eigene spröde Sauberkeit zum Muster nähmen. Nein, das alles entfiel der Erregten. Einzig und allein wurde sie von der fressenden Vorstellung geschüttelt, hier stände jemand, aus dem nichts als Haß und Neid emporschlage über das unerhörte Glück, das schon so nahe, zum Greifen nahe, über der Jüngeren, Schöneren geschwebt hatte. Und jetzt, gerade jetzt konnte jene goldene Hoffnung vielleicht dort unten vorübertraben, während sie gezwungen wurde, die kostbare Zeit durch ein dummes Familiengeschwätz zu vergeuden! Nie und nimmer!
»Was sollen deine heimlichen Andeutungen?« rief sie zitternd in der Scham einer Ertappten und doch voll Erbitterung darüber, daß sie noch immer wie ein kleines Kind gegängelt werden sollte, »ich bin selbständig und erwachsen und kann über mein Leben verfügen, wie ich Lust habe.«
»Ich weiß nicht, ob du das kannst,« entgegnete Johanna, sich noch einmal mit aller Gewalt bezwingend, »aber eines weiß ich sicher, ich würde in deinem Fall vor den Männern, die in wenigen Stunden hier sein werden, nicht die Augen aufzuschlagen wagen.«
»Soll das etwa heißen, daß ich hier überflüssig sei? Ich bin genau so erbberechtigt wie du. Aber sei überzeugt, wenn es möglich wäre, hier fortzukommen, der Abschied würde mir nicht schwer fallen.«
Jetzt vermochte auch die Ältere den inneren Brand nicht mehr länger zu zügeln. Vor dieser bodenlosen Undankbarkeit barst ihre Verwandtenliebe und das erworbene Muttergefühl in Scherben auseinander. Eine Derbheit bemächtigte sich ihrer, die etwas Bäuerliches an sich hatte. Mit beiden Fäusten griff sie in die weichen Schultern der anderen und schüttelte sie hin und her, als wollte sie sich die Ungeratene vor die Füße schleudern.
»Genug,« kam es dabei ganz klar überlegt aus ihr heraus, »du sollst mir die Freude an der herrlichen Erhebung nicht vermindern. Du hast auch ganz recht, es wird Zeit, daß du dich auf eigene Füße stellst und die Verantwortung für dein Tun allein übernimmst. Ich wenigstens will und mag sie nicht länger tragen. Ich bin zu dumm und zu zurückgeblieben dazu.«
»Das bist du, das bist du,« schrie Marianne außer sich hinter der Schwester her, die bereits die Tür erreicht hatte; und in dem Bestreben, die Enteilende an einer besonders empfindlichen Stelle zu treffen, setzte sie die Hände in die Seiten und sprudelte, sich wiegend und in ihrem scharfen, rücksichtslosen Ton: »Auf eigene Füße soll ich mich stellen? Was steht mir nicht alles offen? Aber ich weiß schon was ich tue. Wenn sich mein Wunsch nicht erfüllt, dann – ja dann werde ich Schauspielerin. Dazu passe ich. Das haben mir schon viele versichert.«
Und in befriedigtem Triumph warf sie sich wieder auf das Ruhebett und langte mit angenommener Gleichgültigkeit nach dem Buch, ganz als ob sie imstande wäre, das Rollen und Toben, das Galoppieren und Schnaufen, all die wahnsinnig drohenden Laute der sich hemmungslos vorwärts schiebenden Massen zu überhören.
Doch kaum hatte Johanna die Tür mit einem harten Schall zugeworfen, da sprang Marianne von ihrem Lager, raffte ein Tuch über die Schultern und stürzte ohne Furcht noch Zagen über den Hof bis an die Einfahrt. Fest umklammerte ihre schmale Hand hier den viereckigen Pfeiler des Tores. Dann beugte sie sich hinaus und bohrte ihre Blicke mit einer zähen, verbissenen, ihr sonst ganz fremden Beharrlichkeit in den aufgescheuchten, durcheinander quirlenden Zug hinein.
Da – und da – und dort! – Überall einzelne Reitertrupps, unzusammenhängend, die verschiedensten Uniformen durcheinander gemischt, Kosaken, Dragoner, Artilleristen, dazwischen Teile versprengter Linienregimenter, triefend, kotig, die meisten ohne Waffen. Dahinter wild in die Voranrückenden hineingeschoben Proviantkolonnen mit flatternden und zerzausten Plantüchern, die der heulende Sturm hochtrieb und in Fetzen zerriß.
Eben noch dämmerte durch das schwerfällige Auffassungsvermögen des suchenden Mädchens eine dumpfe Ahnung, daß alles, was hier vorüber floh, ritt und rasselte, sich wie zerbrochene Scherben eines zerschlagenen Geräts ausnähme, verwüstet und niemals wieder zu einem bestimmten Dienst zusammenfügbar, – da geschah das, was den hellen Stern, der so lange über ihrem Haupte gefunkelt, herunterriß, um ihn in Kot und Schmutz zu begraben.
»Hilfe!« schrie Marianne gellend.
Einer der mit vier Pferden bespannten Bagagewagen war plötzlich durch eine Verwirrung der Stränge aus der Bahn der übrigen geschleudert. Wild zur Seite setzend, preschten die Tiere in das offene Tor hinein, krachend zerschellte das schwere Gefährt an den Mauern der Einfahrt. Und einem irren Triebe gehorchend, sprang die Hinausstarrende mitten in die vorüberhetzenden Trümmer der geschlagenen Haufen hinein.
Ein Stoß – und noch einer – ein lauter Schmerzensschrei, – dann ein Straucheln und Wiederemporgerissenwerden, – haarige Fäuste, die sich roh in die Kleider des Mädchens einkrallten, – zuletzt ein Schieben und Hinaufzerren der Bewußtlosen in einen der krachenden und kreischenden Planwagen. Was sich dort drinnen begab, das schlug zum Glück nur noch wie der letzte Schein eines Erblindenden gegen ihr Bewußtsein. Auf nassem Stroh lag sie ausgestreckt, inmitten blutender, stöhnender und fluchender Menschen, und doch fühlte sie noch im Versinken, wie eine verpestete, tierische Zudringlichkeit in ihrer ermatteten Schönheit wühlte.
Das Begehren nach der Huldigung Ungezählter und Namenloser, es hatte sich erfüllt. Jetzt riß es der Beraubten die goldene Fürstenkrone vom Haupt.
Wer sollte der Ältesten von Maritzken eine Aufklärung darüber erteilen, wann und wohin Marianne verschwunden oder entwichen war?
Keiner wußte es.
Die schwarze Faust des Krieges hatte eben nur höhnisch, spielerisch in den Hof hineingelangt, und es war nichts geschehen, als daß sich die eisengepanzerten Finger wie in grimmigem Scherz um ein junges, blühendes Geschöpf geschlossen hatten. Man sah nichts mehr von ihm, es war zerquetscht.
Verstört, verständnislos lief Johanna mit den wenigen Mägden in der Wirtschaft herum, laut hallend rief man den Namen Mariannes in das herbstliche Gehölz hinein, – nirgends eine Spur von der Verlorenen.
»Vorwärts in den Keller,« trieb Johanna an, von der der Glaube nicht wich, es handle sich bei der Jüngeren nur um eine erklügelte Bosheit, die sie ersonnen hatte, um sich für die harte Zurechtweisung zu entschädigen.
Draußen auf der Landstraße kroch die gewaltige, schuppenhäutige Schlange langsamer, träger dahin. Sie schien ermüdet zu sein, und das Quirlen und Fauchen, das Heulen und Kreischen, das sie bisher ausgestoßen, wurde seltener.
Es war um die fünfte Nachmittagsstunde, als Johanna von ihrem vergeblichen Abstieg in die unteren Räume des Hauses kopfschüttelnd zurückkehrte. Schon von dem Flur aus bemerkte sie zurückzuckend, wie auf dem Hof ein Trupp russischer Kavalleriepferde rings um den blauweißen Pfahl des Taubenhauses zusammengekoppelt stand. Hochauf rauchte den Tieren das struppige Fell. Einzelne von den todmüden Kleppern waren vorn in die Knie gebrochen, andere hingen mit der Halsung bis auf das Pflaster herab, wo sie gierig die wenigen Haferkörner aufschnupperten, die von den Tauben übriggelassen waren. Ihre Reiter jedoch drängten sich in wilder Hast aus den offenen Stalltüren. Dort drinnen wurde zusammengeschlagen und auseinander gebrochen, was irgendwie einem Futterbehälter ähnlich sah. Es blieb klar, hier galt es keiner bequemen Einlagerung mehr, hier wurde nur noch in besinnungsloser Gier geplündert und fortgerissen, was man zur Erhaltung einer letzten verebbenden Widerstandskraft benötigte.
Von einer Ahnung durchschlagen, warf die Gutsherrin in hartem Schwung die Tür des kleinen Wohnzimmers zurück, in dem sie vor kurzem noch mit ihrer jüngeren Schwester gehadert und gestritten.
Und dann –
Ihre Hand erstarrte auf der Klinke.
Entsetzen – nein, dem Himmel sei Dank – nein, Entsetzen – wer hatte sich dort auf das Ruhebett geworfen, um das noch der leichte Duft von Mariannes Parfüm schwebte? Unmöglich, es war nicht denkbar, daß diese zerrüttete, halb offene Uniform, daß die herabhängenden Arme, die von Kot überkrusteten Stiefel, die rücksichtslos über das untere Polster gebettet lagen, – nein, ausgeschlossen, dies alles konnte nimmermehr zu der vollendeten, ebenmäßigen Gestalt gehören, die hier einst wie ein fremder, aber doch herrlicher und lächelnder Gott einhergeschritten.
Und doch – alle Zweifel erwiesen sich als hinfällig, wo die Wirklichkeit in ihrer grausen Majestät waltete. Wozu noch nach Gründen forschen, weshalb Verknüpfungen zu verstehen suchen, jetzt, wo der prasselnde Hagelschlag dort draußen die ganze Giftpflanzung gottlob zu zerschmettern anhob! Hier lag nur eine einzige verkommene Blüte, ein gefährlicher Kelch, dessen süße Dünste Gift und Verwesung um sich gestreut hatten. Und solch ein zerknicktes Unkraut sollte man nicht vollends brechen und vernichten können?
Johanna wußte nicht, was sie dachte. Ohne klare Besinnung, wie ein großer wachsamer Hund, der einen gefährlichen Eindringling umlechzt, schlich sie näher. Auf Zehen.
Der zerbrochene, übermüdete und zerschlagene Körper da vor ihr regte sich nicht. In sich zusammengekrochen, mit schlaff herabhängenden Armen lag er über die Polster gekrümmt, und als sich Johanna vorsichtig über ihn beugte, entdeckte sie, wie bleierner Schlaf die sonst so gelenkigen Glieder des Offiziers wie in einen Schraubstock einpreßte. Zerbeult hing die Mütze ihm noch auf den wirren, schweißnassen Haaren. Grau und zerfurcht spannte sich die Haut über die plötzlich hervorstehenden Backenknochen, und sie drückten dem bekannten Antlitz unvermittelt ein nicht zu verkennendes slavisches Gepräge auf. Auch der offenstehende Mund entbehrte jener weichen Anmut, die ihn früher so verlockend umspielt.
Aber eine unvorsichtige Bewegung ließ das Landmädchen die Schulter des Hingestreckten streifen. Im gleichen Moment stieß der Schläfer einen lauten Schrei aus und sprang in so haltlosem Entsetzen auf die Füße, das rings umher alle leichteren Möbelstücke zitterten und bebten. Lodernd waren die großen dunklen Augen des Russen aufgerissen, und seine Rechte zuckte schwankend, betäubt nach einer umgeschnallten Pistolentasche, die er trotzdem nicht fand.
Sprachlos starrten die beiden Menschen sich an. Und es dauerte eine geraume Weile, bis sich Fürst Fergussow auf seine Umgebung und auf seine Gastgeberin zu besinnen schien, auf das blonde Weib, deren hohe festgefügte Wucht ihm in dem dunklen Zimmer alle Fassung geraubt hatte.
Wo waren die Lebensart, die nie versagenden Formen des Hofmannes geblieben? Er begrüßte die Dame des Hauses nicht, er gab ihr über den Zweck seines Wiedererscheinens keine Auskunft, er versuchte nicht, sein Hemd über der nackten Brust zusammenzuziehen. Müde, leer, unwillig, wie jemand, der sich über einen unwillkommenen Zuschauer ärgert, streifte er das schweigende Landmädchen mit einem mißtrauischen Blick, bis er sich schließlich stöhnend und scharrend auf einen Stuhl am Tisch niederließ. Mitten durch die Dunkelheit verfolgte Johanna, wie Dimitri Sergewitsch dort seinen Kopf in beide Hände nahm, wobei es ihm endlich auffiel, daß die Feldmütze noch immer sein Haupt bedeckte. Mit einem Fluch schleuderte er sie auf die Erde. Und erst durch jene Anstrengung völlig zu sich gebracht, schien er über sich und seinen Zustand nachzubrüten.
»Geben Sie mir etwas zu essen,« war das erste, was er forderte. Er verlangte es in einem Ton, der keinerlei Bekanntschaft mit der Angeredeten ahnen ließ und der nichts als stummen Gehorsam erwartete.
»Unsere Vorräte sind ausgeraubt,« erwiderte Johanna trotzig, denn ihr Triumph über die ungeheure Zerschmetterung der bisherigen Bedränger verleitete sie zu der Unklugheit, die noch immer vorhandene Macht der Fremden geringzuschätzen. Auch durchströmte sie ein seltsames Wohlbehagen dabei, als sie sich jetzt zum erstenmal den Geboten dieses glatten Machthabers zu widersetzen wagte.
Doch der Mann am Tisch sprach weiter, als wäre ihr Einspruch spurlos an ihm vorübergeweht.
»Machen Sie Licht,« verlangte er, unbehaglich und nervös mit den Stiefeln scharrend, »und dann bringen Sie mir eine Tasse Tee und Fleisch, viel Fleisch. Ich bin hungrig.«
Allein Johanna rührte sich noch immer nicht von der Stelle.
»Ich sagte Ihnen schon ...«
»Gehorchen Sie,« schrie der Russe plötzlich in einer Wut, vor der Johanna wie vor einem Faustschlag zurückfuhr. »Ihre Landsleute haben uns gelehrt, wie Krieg geführt werden muß. Verstehen Sie? Glauben Sie vielleicht, daß ich Lust und Zeit habe, Tanzstundenredensarten zu verschwenden? Danken Sie Gott dafür, daß ich noch immer an Roheiten keinen Geschmack gewinnen kann. Sonst müßte ich Ihrem Volke gegenüber meine Wünsche mit anderem Nachdruck vertreten. Und nun, bitte, bringen Sie, worum ich Sie ersuchte. Auch eine Flasche Wein wünsche ich auf den Tisch.«
Er streckte die Hand gegen die Tür wie ein Herr, der seine Untergebene zur Eile mahnt. Johanna aber warf das blonde Haupt in den Nacken und verließ aufgerichtet und selbstbewußt das Zimmer. Nicht durch das Zucken einer Wimper verriet sie dabei, wie schmerzhaft der Schreck über das veränderte Wesen des früher so zartfühlenden, weichen Menschen in ihr wühlte. Allein auch jetzt, da die verwüstete Erscheinung hinter ihr versunken war, sollte die Gutsherrin zu keiner Klarheit über das gelangen, was doch die nächsten Stunden bringen mußten. Nur eines schwang vor ihren starren Augen in roten Kreisen herum, er sollte nicht fort von hier, bevor – ja bevor – –
Hier jedoch verwirrte sich bereits ihr Verlangen, denn sie schrak vor ihren eigenen durcheinander rasenden Plänen zurück, weil ihre Absichten körperlich wie mit schwarzen Flügeln um ihr Haupt taumelten. Auch sollte sie scheinbar nicht die letzten Grenzen ihrer Wünsche durchmessen, denn als sie in der Dunkelheit noch eine kurze Weile auf der rot gepflasterten Diele verweilte, da vernahm sie zusammenfahrend, wie eine vertraute, lang vermißte Stimme flüsternd ihren Namen nannte.
Gegen den Pfosten des Eingangs drückte sich eine untersetzte Gestalt.
»Fräulein!«
»Ja, wer sind Sie? – Herr im Himmel, Baumgartner!«
»Ich bin's,« kam es von der anderen Seite kaum vernehmlich zurück. »Treten Sie einen Augenblick zu mir auf den Hof, gnädiges Fräulein, denn ich habe Ihnen etwas auszurichten.«
Mit einem Sprung, atemlos, fuhr Johanna an die Seite des Verwalters. In der Aufregung, den Verlorengeglaubten unverletzt wiederzusehen, streckte sie dem treuen Mann beide Hände entgegen. Der Wirtschafter aber machte ihr mit der Schulter warnende Zeichen gegen die dunklen Gestalten hin, die den Hof bevölkerten, und flüsterte in seltsam verhaltener Erregung dasjenige hervor, was sein erschüttertes Gemüt nicht länger verschließen zu können meinte.
»Wie sind Sie hierher gekommen, Baumgartner? Waren Sie gefangen?«
»Später Fräulein, alles später. Um Gottes willen vorsichtig. Ich habe ihn gesehen.«
»Wen?«
»Unseren Nachbar, Ihren Vetter, Herrn von Stötteritz. Sie streifen dort hinten schon in den Wäldern herum. Er trug mir auf, Ihnen zu sagen, in längstens drei Stunden sei er mit den Ulanen hier.«
»Baumgartner, besinnen Sie sich, ist das wahr?«
»Es ist so wahr, wie ich meine Frau und meine kleine Marielle gesund wieder zu treffen hoffe. Ach, Fräulein,« zischte es haßerfüllt und lauter, als es die Vorsicht gebot, aus dem sonst so stillen Menschen heraus, »wenn man die Mordbrenner nur so lange hier festhalten könnte! Dann würde ihnen heimgezahlt werden für alles, was sie uns angetan. Aber diese Bande hat Lunte gerochen und wird sich verkriechen.«
Durch Johanna rieselte eine schneidende Kälte.
»Das werden wir sehen,« sprach sie sich aufrichtend.
Die letzten verborgenen Vorräte prangten auf der Tafel des kleinen Eßzimmers. Leuchtend bedeckte das beste weiße Damastleinen den Tisch. Statt der elektrischen Birnen, die schon seit langem unterbunden waren, verbreitete eine hohe altertümliche Porzellanlampe unter einer matten Milchglocke hervor ihren dämmernden Schein, und sogar das ehrwürdige Familiensilber hatte unvermutet wieder den Weg aus den Kellern an seine alte Stätte gefunden. Auch die Hausherrin ließ es sich nicht nehmen, ihren hochgeborenen Gast selbst zu bedienen. Ohne zu zögern hatte sie sich ihm gegenüber niedergelassen, und sie wurde es nicht müde, dem halb Verschmachteten, der so gierige und verlangende Blicke auf Speise und Trank heftete, das oft geleerte und hastig heruntergestürzte Glas immer von neuem mit dem schweren dunklen Rotwein zu füllen.
Kein überflüssiges Wort wurde zwischen ihnen gewechselt, keine Unterhaltung wollte aufkommen, nur als die Älteste von Maritzken beiläufig von dem Verschwinden Mariannes berichtete, da fing sie feindselig auf, mit welch völliger Gleichgültigkeit, ja wie erleichtert der russische Oberst von der unerklärlichen und beängstigenden Tatsache Kenntnis nahm.
»Ah,« murmelte er, sich den Mund wischend, »die junge Dame ist sehr gewandt. Ich wette, sie wird irgendwie in die Stadt geraten sein.« Und sich zurücklehnend und langsam seine Uniform zurecht streichend, setzte er wie in der Rückerinnerung an seine ehemalige hilfreiche Art hinzu: »Ich werde mir ein Vergnügen daraus machen, dort drinnen in Ihrem Namen eine Erkundigung einzuziehen.«
Da glitt ein Schatten über das Antlitz der Wirtin. Und mit Anstrengung und einem so unsicheren Ton, daß es ihrem verdüsterten Gast auffiel, rang sie sich ab:
»Wollen Sie denn heute noch weiter, Durchlaucht?«
»Ja, ich muß, ich muß,« stieß Fürst Fergussow hervor, der sich inzwischen erhoben hatte und ans Fenster getreten war. »Dieser Abschnitt wird von anderen unserer Truppen besetzt werden. Aber seien Sie unbesorgt,« kehrte er sich langsam zu ihr, und allmählich drang wieder etwas von seiner einfangenden Höflichkeit in sein Wesen, »ich lasse Ihnen auch diesmal einen Schutzbrief zurück und hoffe, daß man ihn trotz unserer mißlichen Umstände beachtet.«
»Sie sind sehr müde,« sprach Johanna zögernd, und wenn der andere genauer hingehorcht hätte, dann müßte er unfehlbar die schleppende Anstrengung aus ihrem Vorschlag herausgefunden haben, »Sie sehen eingefallen und kränklich aus,« drängte es unwillkürlich aus ihr weiter, und ohne daß sie es wußte, gewannen für einen Augenblick Angst und Besorgnis für dieses zerbrochene Menschenbild in ihr die Oberhand. Eine Verwirrung, eine Umwälzung gärten in ihr, der selbst die kräftige Walküre nicht gewachsen blieb. »Sie sollten sich hier noch eine Nacht lang Ruhe gönnen. Ich glaube bestimmt, das wird Sie aufrichten.«
»Nein, nein, ich danke Ihnen, – ich danke Ihnen aufrichtig,« wehrte sich Dimitri Sergewitsch, während er unruhig im Zimmer auf- und niederschritt.
Wechselnde Schatten huschten dabei über seine verstörten Züge, die das frühere glatte Lächeln völlig verlernt zu haben schienen. Nervös griff er mit den Händen hierhin und dorthin. Es war ein Jammer, die fliegende Unrast dieses gehetzten Mannes beobachten zu müssen. Plötzlich warf er sich wieder an dem Tisch nieder, strich sich die braunen Locken zurecht und stützte das Haupt schwermütig auf seine Rechte.
Johanna bebte.
Denn die dunklen Augen, die sie jetzt so verzweifelt, so anklagend umfaßten, es waren dieselben, die Jahre um Jahre wie eine Verkündung ihres Loses auf sie herabgeschaut hatten.
»Liebes Fräulein,« begann der Sitzende zu flüstern, und in seinen Augen sprühte das Entsetzen höher und höher, »wenn Sie wüßten, was wir verurteilt waren, zu sehen! Nein, ich kann und darf Sie nicht damit ängstigen. Die menschliche Natur ist in ihren Urzustand zurückgesunken. Die Bestien heulen sich an, reißen sich mit den Hauern das Fleisch von den Knochen und saufen ihr Blut. Das Grauen und der Ekel wird zu einer wollüstigen Unterhaltung. Und doch – oh, es ist fürchterlich – während wir den widerlichen Geschmack auf der Zunge spüren, während alle Maßstäbe des Menschlichen zwischen unseren Händen zerbrechen, da summt etwas Irrsinniges, etwas Aufreizendes in unseren Adern. Eine ungezügelte, wahnsinnige Lust, alle Schrecken von neuem durchzukosten, damit wir unsere tanzenden Nerven mit noch unvorstellbareren Scheußlichkeiten sättigen.«
»Wünschen Sie sich gleichfalls etwas Ähnliches?« fragte Johanna hart, denn bei seinem Ausbruch fiel ihr plötzlich ein, wen sie vor sich hatte.
»Ich?« Der Fürst sprang auf, preßte die Hände zusammen und schlug sie verzweifelt gegen seine Stirn. »Wie kann ich Ihnen das beschreiben?« stieß er unglücklich und zerbrochen hervor, und ein schriller Wehlaut entrang sich ihm. »Ich weiß nicht, ob ich Ihnen das alles mitteilen soll, denn was gehen Sie mich im Grunde an? Vielleicht habe ich auch um Sie nicht viel Gutes verdient, und es ist sehr möglich, daß Sie mich hassen.«
Jetzt erhob sich auch das große blonde Mädchen. Schwerfällig griff sie hinter sich an die Decke einer altertümlichen Kommode, um sich zu stützen. Ihre stählernen blauen Augen folgten unausgesetzt den wilden Gängen ihres Gastes, ihre Lippen bewegten sich, aber irgendeine Einwendung, die der aufgescheuchte Offizier zu vernehmen wünschte, sie vertrocknete ihr auf der Zunge. Und in seiner jagenden Hast hatte der erregte Mann auch längst wieder vergessen, was er eben noch zu erkunden begehrte. Oder es schien ihm nebensächlich, gleichgültig. Mit fliegender Hand zauste er an den Gardinen, die weiß und traulich vor der hereinbrechenden Nacht hingen, und ohne Rücksicht, ja ohne zu ahnen, wie grauenhaft es wirkte, preßte er das dünne Gewebe vor seine Stirn, um sich den perlenden Schweiß zu entfernen.
»Ich bin vielleicht feige« stöhnte er dabei in einer schneidenden Entladung, »ich mag auch aus diesem grauen Wams und dem krummen Säbel kein Gewerbe machen. Aber wenn man mit ansehen muß, wie diejenigen Leute, die kurz vorher mit einem aßen und tranken, die sich auf dasselbe Stroh streckten, warm wie ich, hilflos, ja hilflos wie wir alle, wenn man mit ansehen muß, wie diese Erbarmungswürdigen ihren Verstand verloren, wie sie mit wütenden Sprüngen in Sumpf und Morast setzten und zu Hunderten, zu Tausenden, umheult, umzischt von feuerspeienden Geschossen, in dem weichen, grünen, schwammigen Morast einsanken, Zoll für Zoll, Strich für Strich, dann – dann – –«
»Was?« kam es von Johanna scharf.
»Dann,« keuchte der Offizier, und seine Finger kratzten auf den Brustklappen der Uniform herum, als wolle er sie von neuem aufreißen, »dann schreit man auf zu der Vernunft oder zu irgend etwas, was besser ist als wir, und zetert und brüllt um Antwort, warum es zur Verschiebung von ein paar Kilometer Sprach- oder Kulturgrenzen so vieler aufgeputzter Mörder bedürfe.«
Er stand wieder vor den Fensterscheiben, und abermals fuhr der Gehetzte mit dem Tüll der Gardine über sein gelbes, erdfahles Gesicht. Johanna lehnte noch immer an der Kommode. Und obwohl irgendein unwiderstehlicher Zwang sie dazu antrieb, über die Schulter ihres abgekehrten Gefährten in die Dunkelheit hinauszuspähen, so regte sich gleichzeitig eine unnennbare widernatürliche Freude in ihr, aus dem angstgeschüttelten Menschen noch mehr Todesgrauen herauszuziehen. Ihre Hände wurden eiskalt, die Zähne bebten ihr leise gegeneinander, und ihre Augen maßen unaufhörlich die wohlgebildete, wenn auch jetzt zusammengesunkene Gestalt des Fürsten, während ihre Gedanken fortwährend von der Vorstellung durchschnitten wurden: »Du ruhst auch bald – du auch – du auch.«
»Haben Sie viele von den Ihrigen verloren?« fragte sie unwillkürlich weiter, und sie konnte nichts dafür, daß es trotz ihres eigenen Bangens überlegt und berechnet klang.
Ein tiefes Atmen stöhnte zu ihr herüber.
»Viele?« stammelte der andere sich schüttelnd, »hören Sie auf. Merken Sie denn nicht, daß da oben bei mir die Stränge und Fäden reißen? Daß ich ein jemand bin, der vergessen hat, wie er heißt und wo er hingehört?«
Er wandte sich plötzlich zurück, und seine Blicke fuhren aufgescheucht in den Ecken umher, bis er auf dem Ruhebett seinen abgeschnallten Säbel entdeckte, auf dem Boden die Feldmütze und auf einem Stuhl die abgelegten, von Schmutz umkrusteten Handschuhe.
»In eine Schlächterkammer war ich eingesperrt,« schrie er plötzlich, »die draußen mit Nägeln zugehämmert war, während drinnen – –«
Ohne zu vollenden stürzte er völlig haltlos auf das weiche Polster zu, warf sich seinen Degen um die Schulter und streifte sich erschöpft und zitternd die Handschuhe über. Dann riß er das Fenster auf und rief einen kurzen Befehl zu dem dort draußen haltenden Soldatenpiquet hinaus. Es klang wie ein Angstschrei.
»Gute Nacht, gute Nacht, liebes Fräulein,« stotterte er und prüfte mechanisch die Füllung seiner Pistolentasche, »ich habe mich schon zu lange aufgehalten. Wer kann wissen, was hinter einem ist? Nichts gehört einem mehr, selbst der Wille ist uns genommen. Leben Sie wohl. Und wenn Sie sich zuweilen meiner erinnern, dann, ja dann denken Sie nicht an das, was aus mir gemacht wurde. Nein, nicht an das,« wiederholte er bitter und drückte sich die Mütze achtlos auf den Kopf.
In diesem Augenblick vollführte der Oberst eine Bewegung, die das Schicksal der Bewohner des weißen Hauses zu Maritzken entschied. Hinter Johanna, auf der Platte der Kommode, stand ein Bild, das Marianne vorstellte. Fürst Fergussow ergriff es, warf einen leeren Blick darauf und stellte es rasch wieder an seinen Platz, eilfertig und voll Scheu, als wäre das Bild ein Dorn, an dem er sich die Finger blutig gerissen.
»Gute Nacht,« wiederholte er ohne besondere Bewegung, »gute Nacht.«
Da regte sich Johanna zum erstenmal. Jedes Bewußtsein war von ihr gewichen, sie hörte nur immerfort dasselbe wilde Summen, das, solange sie hier weilte, beständig durch ihr Denken trommelte. Abwehrend griff auch sie nach dem Rahmen, und die Hände der beiden Menschen schlossen sich umeinander.
»Sie sollten diese eine Nacht noch bleiben,« murmelte sie mit einem irren Lachen.
Was dann folgte, wußte sie nicht mehr.
Der Fürst starrte sie eine lange Zeit verständnislos an, dann nahm er langsam seine Mütze vom Haupt, zuckte die Achseln und ließ sich müde, geistesabwesend von neuem an dem Tisch nieder.
Er wartete.
An dem Fenster ihres verschlossenen Schlafzimmers lauschte Johanna in die Dunkelheit. Hinter ihr in dem schmucklosen Raum herrschte vollkommene Finsternis, denn in ihrer angstgeschüttelten Verwirrung hatte die Gutsherrin nicht gewagt, ein Licht zu entzünden. Nun fing das harrende Weib jeden Laut auf, der von dort hinten herüberdrang, wo sich vor ihrem geistigen Auge die dichte Wand der Wälder dehnte.
Von dorther mußten sie kommen.
Die Befreier, die reinen und hellen, die sich selbst zur Bürgschaft einsetzten für das Gelübde, das sie der Heimat verpfändet. Todesschreie würden gellen, ein roter Sprühregen zischen, und doch – ihr Handel war gut und recht, und das tiefste Empfinden, die heißeste Sehnsucht eines Volkes sprach ihn heilig.
Aber sie, die hier am Fenster lauerte, was verübte sie inzwischen? Durfte sie den Plan, das trügerische Gespinst auch für rein und hell ausgeben, in dessen Maschen sie einen seiner Kraft und wohl auch halb des Verstandes Beraubten einzuschnüren suchte?
Doch, doch, nur jetzt nicht grübeln und zerfasern, um alles in der Welt nicht. Man würde sie loben, ganz sicher, es handelte sich ja um einen Fürsten, um einen höheren Offizier, um einen verächtlichen Wicht, der sich nicht gescheut hatte, das Gewand schuldloser Frauen in Fetzen zu reißen.
Schuldlos?
Draußen strich der Wind über die Strohdächer der Scheunen, und die Aufgeregte hätte darauf schwören mögen, daß sie soeben ein geisterhaftes Lachen vernommen. Vorsichtig schloß sie das Fenster und verschränkte beide Hände gegen die Stirn. Ihre Finger schauerten so kalt gegen die Schläfen, daß in das Denken der Einsamen eine unerbittliche Klarheit drang.
Schuldlos?
Nein, das war eine bequeme Lüge. Das eine der Mädchen von Maritzken hatte sich dem Eindringling gewiß jubelnd preisgegeben, denn er war herrlich von Ansehen, und irdischer Glanz strahlte blendend von ihm aus. Und die andere?
Ahnte irgend jemand etwas von dem Aufstand und dem Brand geweckter Sinne? Von dem wahnsinnigen Gewitter einer erträumten Hingebung, das hier in dem engen Raum einstmals in widerspruchsvoller Einsamkeit gewütet?
Und wenn nichts als dieses Letzte wahr blieb! Johanna biß sich auf die Lippen, riß ungestüm ein Zündholz an und beleuchtete das Zifferblatt der kleinen Standuhr. Die Zahl zuckte auf, es war drei Viertel auf sieben. Höchstens noch eine Stunde, dann mußte alles vorüber sein.
Allein, aus dem verendeten Lichtschein sprang plötzlich weiß, schattenhaft und doch voll zitternden Lebens das Haupt des toten Preußenprinzen empor. Und Johanna hielt inne und horchte auf die Schläge ihres sich krampfenden Herzens.
So fahl und leblos mußte bald ein anderes Antlitz dämmern.
Und dann dieser letzte Blick, in dem noch die Erkenntnis verendete, daß hier eine häßliche Spinne gesessen, die beutehungrig Fäden auf Fäden um einen arglos Vertrauenden gesponnen. Pfui, das war jammervoll. Das ertrug die aller List Abgewandte nie und nimmer. Dagegen verknisterte die Trauer um ihre verlorenen und versprengten Angehörigen zu Asche. Und in einer besinnungslosen Aufwallung rüttelte Johanna an dem Griff der Tür.
Doch das Holz blieb verschlossen. Ah richtig, sie hatte sich ja selbst in kühler Berechnung eine Mauer gegen jedes weichliche Mitleid errichtet. Und mit einem schmerzlichen Stöhnen sank die Hausherrin auf den nächsten Stuhl, faltete matt die Hände in ihrem Schoß, und zwischen Fieber und Erschlaffung hörte sie, wie die Zeit mit verhängtem Zügel weiter raste.
Zu derselben Frist, da die Älteste von Maritzken ihre unstete Sehnsucht nach den ihrem Schutz anvertrauten Mädchen ausschickte, da kletterte die eine von ihnen, Marianne, mitten auf dem Marktplatz der Stadt, verstohlen und wie im Traum, aus dem Planwagen der Verwundeten herab. Niemand hinderte sie, keiner hätte sie eine Minute später in dem wütenden Lärm, in dem Schreien und Toben, das ringsherum wirbelte, zu unterscheiden vermocht. Eine dicke Finsternis lagerte über dem früher so ordnungerfüllten Gemeinwesen. Keine Gasflamme warf ihren Schimmer auf die Bürgersteige. Seit einer Stunde versagten aus einem geheimnisvollen Grunde die Zuflußrohre der Leitungen. Statt dessen hörte man in kurzen Abständen aus der fernen Anstalt dumpfe, knatternde Explosionen in die Höhe knallen. Und doch gab es hie und da eine Art trauriger Beleuchtung. Einzelne Häuser der Vorstädte oder der weniger betretenen Seitengassen hatten Feuer gefangen, überall in der Luft wehte ein beizender Dunst von Petroleum und Benzin, und der Verdacht lag nicht fern, plünderungssüchtige Banden, die in dieser allgemeinen Auflösung weniger denn je den Namen von Soldaten verdienten, hätten die gefährlichen Flüssigkeiten selbst über die kleinen ehrbaren, schiefwinkligen Häuserchen gegossen.
Aus dem unentwirrbaren Knäuel der Bagagewagen schlich sich Marianne zur Seite. Hindurch durch Geschützbespannungen, durch schreiende und brüllende Haufen, die sich aus versprengten Trümmern wieder in ordnungsmäßige Kompagnien und Regimenter zu schichten suchten. Zwischen den wilden Schreien der Verwundeten wand sie sich dahin, die unbekümmert und in Hast mitten auf die Pflastersteine des Marktes ausgeladen wurden. Vorbei an scheuenden Pferden und hilflos am Boden kauernden Trupps, die sich niedergeworfen hatten und den Gehorsam zu verweigern schienen. Durch die Zertrümmerung und das Auseinanderbrechen einer zurückflutenden Armee, die noch einmal dazu zusammengerafft werden sollte, eine letzte Stellung zu verteidigen. Durch das Grauenvolle der in allen Rädern zerschmetterten Maschine, die nur noch sinnlos kreischte, rasselte und surrte. Und wie schwarz und ameisenhaft es sich um die Davonwankende herumdrängte, welche lasterhaften Flüche, welche rohen Beschimpfungen in einer fremden Sprache gegen sie brandeten, das Mädchen in den zerfetzten und blutbesudelten Kleidern besaß nicht mehr das geringste Verständnis für ihre Umgebung. Schlürfend tastete sie sich vorwärts, mit der Rechten kraftlos an den Mauern der dunklen Seitenstraße entlang gleitend. Was sie dort suchte, wußte sie nicht mehr. Sie wollte nur gehen und gehen und wandern, nachdem sie vorher schmachvolle Stunden, jeder Bewegung beraubt, auf dem faulenden Stroh des Planwagens verbracht. Das war gar kein Mensch mehr, sondern ein Wesen, das sich gedankenlos fortbewegte und nur noch eine stumpfe Freude darüber empfand, weil ihre verschnürten und gefesselten Glieder sich trotzalledem dehnten und regten. Zu anderen Zeiten hätte ein Vorübergehender stehen bleiben können, um der Bettlerin ein Almosen in die Hand zu drücken. So rasch, so von Grund aus, so irrsinnig hatte der Krieg, der der Umsturz alles Bestehenden ist, ein blitzendes Leben ausgelöscht und in den Kot geschleudert. Und gleich ihr Tausende, Abertausende, die noch atmeten und gar nicht begriffen, daß sie schon begraben waren.
Aber jetzt in der pechfinsteren und menschenverlassenen Gasse, da schlugen Stimmen an das Ohr der Gleichgültigen, von denen getroffen sie ihr müdes Weitertasten unterbrach, um in fernem Besinnen durch Dunst und Nacht zu horchen.
»Sehen Sie sich noch einmal nach ihm um, lieber Bienchen,« klang es wohllautend und doch zugleich von einer anheimelnden Güte durchdrungen, »ich werde hier auf Sie warten. Aber dann – dann muß es sein. Länger dürfen wir es nicht mehr aufschieben, sonst könnten unsere ganzen Sorgen und Bemühungen vergeblich gewesen sein. Und das wollen Sie doch nicht?«
»Nu nein, ich will es nicht,« ertönte bekümmert und kleinmütig eine kratzbürstige Reibeisenstimme dagegen. »Wie darf ich Sie allein lassen bei dem Schauderhaften? Ich leb' sowieso nicht mehr. Wahrhaftig, ich stell' mir immer vor, daß ich mich nur noch auf Kredit, auf Borg hier unten befind'. Nun also, ich werd' durch den Keller gehen und mich nach ihm umsehen. Sie werden sich ganz ruhig verhalten und hier warten. Aber bei meinem Leben, 's ist schrecklich solch ein Geschäft.«
Während der letzten Worte wurde an einer unsichtbaren Tür geschlossen, und dann verloren sich hinunterschlürfende Tritte in einem Erdgeschoß.
Gleich darauf war alles still wie zuvor. Doch nein, hinter dem Häuservorsprung, den man kaum noch unterscheiden konnte, stahl sich eine Melodie hervor. Der Zurückgebliebene vertrieb sich die Zeit durch ein klangreiches Summen, und die feinen Schwingungen wie das zarte Taktgefühl bekundeten deutlich den geübten Musiker.
Um Gottes willen, das konnte doch nicht – –?
Und so abgerissen die Noten sich auch dem verschleppten Mädchen einprägten, sie erweckten ihr doch das Bewußtsein, daß sie nicht immer als eine Entwürdigte und Verstoßene durch die Gassen geirrt sei. Langsam wachte sie auf, und eine matte Gier nach Ruhe und Schlaf und Vergessenheit überfiel sie. Mit einem unsicheren Schritt trat sie näher, streckte den Arm aus und fuhr zurück, als sie in der Dunkelheit ihre Finger auf dem Stoff einer groben Arbeitsjacke spürte.
»Ich weiß nicht, – Fritz – Fritz Harder, bist du es?« wollte es sich ihr in einer heiseren, ihr selbst schreckhaften Sprache entringen, da wurde mit einem festen Griff nach ihrem Arm gefaßt und dadurch jede weitere Anrede im Keim erstickt.
»Keinen Namen,« forderte eine Stimme, die allen Widerspruch ausschloß und die dennoch das vor Erschöpfung strauchelnde Weib mit ihrer bekannten ehrlichen Wärme ins Leben zurückrief. »Aber du, Marianne, – Sie – wie kommen Sie hierher?«
Der Angeredeten gebrach es an Atem, sie schwankte und lehnte sich fest gegen den angebotenen Arm.
»Sie haben mich verschleppt,« stöhnte sie, und zum erstenmal in ihrem anspruchsvollen und verwöhnten Dasein stürzten der Zerschmetterten Tränen der Verzweiflung über die Wangen.
»Ist Ihnen etwas geschehen?« forschte durch die Dunkelheit hindurch dieselbe gütige Stimme.
Keine Antwort.
»Ist Ihnen etwas geschehen?«
Da schüttelte die Schluchzende langsam das Haupt. Ein erster Anfang regte sich in ihr, ein Haschen, ein Besinnen, wie man aus den zerbrochenen Scherben vielleicht doch wieder die alte leuchtende Pracht aufrichten könne. Man brauchte ja nur die Kraft zu besitzen, das taumelnde Erlebnis fest in sich zu verschließen, ihm keine Ausgänge zu gewähren und dem Tag und der Nacht mit unverändert stolzen Augen ins Antlitz zu schauen. Und war es nicht ein beredter Zufall, daß sich ihr sofort eine dienende Hand entgegenstreckte, die gewiß keinen höheren Ehrgeiz kannte als sie zu stützen? Noch blitzten solche Erwägungen unbestimmt und verwirrend durch das zerhämmerte Hirn, und doch sprach sie schon etwas gefaßter:
»Ich muß mich setzen können, Fritz. Du mußt mich in dein Zimmer führen und – und bei mir bleiben.«
Auf der anderen Seite blieb es eine Weile still. Deutlich merkte Marianne, wie neben ihr in der Finsternis ein heftiges Ringen um Ruhe und Gelassenheit anhob. Dann aber entgegnete ihr unsichtbarer Gefährte mit derselben Entschiedenheit, durch die das Mädchen schon zu Anfang in Erstaunen gesetzt war:
»Marianne, ich kann Sie nicht begleiten. Das Haus ist von russischen Offizieren belegt, und nur den Keller haben sie dem Uhrmacher Adameit, meinem ehemaligen Hauswirt, übrig gelassen. Dort unten liegt er nun gelähmt, vom Schlage getroffen, zwischen Leben und Sterben. Sie tun gewiß ein gutes Werk, wenn Sie zu dem Hilflosen hinabsteigen. Auch wird in dem dumpfen Raum kein Mensch eine Dame, wie Sie, vermuten.«
»Eine Dame?«
Die Zurückgewiesene erschrak, als sie die jetzt so wenig zutreffende Bezeichnung auffing. Auch schwindelte ihr vor der Erkenntnis, wie ihr in ihrem Unglück selbst der letzte so sicher errechnete Beistand entglitt. Und dann – ein feuchter Keller sollte das Prunkgemach bilden, das ihr Schutz bot? Und ein gelähmter Handwerker ihr zur Gesellschaft dienen? Oh, es schwirrte durch die zerrissenen Sinne. Jedes Gefühl für Würde und Stolz entwich der Gedemütigten, und ohne zu ahnen, welche Wirkung sie hervorbrachte, verlegte sie sich aufs Schmeicheln.
»Fritz, so kannst du mich nicht behandeln – denk doch nur, du darfst mich nicht verlassen. Hast du mich wirklich ganz vergessen?«
Sanft versuchte sie seine Wange zu streicheln, allein mitten auf dem Wege wurde ihre feuchte kalte Hand von neuem festgehalten.
»Ja, Marianne,« beharrte der junge Offizier, der plötzlich so markig und schwungvoll sprach, wie sie es noch nie von ihm gehört, »es ist eine Aufgabe auf mich gelegt worden, vor deren Ernst und Wichtigkeit alles andere zurücktritt. Dem Himmel sei Dank, daß es einen solchen Ruf gibt. Tausende hören ihn jetzt und begreifen gar nicht mehr, daß sie noch vor kurzem eigene Wünsche hegten. So geht es auch mir. Ich grolle dir nicht und zürne dir nicht, ja ich danke dir dafür, weil du mich so frei und ungebunden für meine einzige Liebe und meine große Sehnsucht werden ließest.«
»Wer ist das?«, flüsterte Marianne verletzt und beleidigt.
Da lachte der Offizier im Arbeiterwams.
»Das ist der Boden, auf dem du stehst, die Sprache, die du redest und das Volk, das dich geboren. Du wirst erst wahrhaft leben, wenn du dich zu dem allen zählen kannst. Und du stirbst, sobald dies Höchste an dir vorübergeht.« Er brach ab, trat hinter den Mauervorsprung zurück und sagte ganz ruhig und überlegt: »Hier kommt Herr Leiser Bienchen herauf, er wird die Kellertür für dich offen lassen. Leb wohl, Marianne, an mich ergeht der Ruf. Wir ziehen geradeswegs in Glück und Verklärung hinein, nicht wahr, Herr Bienchen?«
Schaudernd sitzt die in den Keller Hinabgeirrte, ihrer selbst ungewiß, wie ein fremdes seelenloses Wesen, neben der hölzernen Pritsche, auf die man den alten Handwerker gelagert hat. Voll stummen Grauens trinkt sie die ihr unverständlichen Reden ein, die der von einer irren Spannung gefolterte Greis von Zeit zu Zeit ausstößt. Bald ringt er die Hände, bald hebt er lauschend das Ohr, als müsse und könne er sich nicht von dieser Erde trennen, bevor er den ersehnten Laut von oben erhascht.
»Dreißig Jahre daran gearbeitet,« hört sie es aus dem zahnlosen Munde hervorzischen, »und nun nicht wissen – nun nicht wissen, ob es von Unheil oder von Segen sein wird. Und in fremden Händen, die nichts davon verstehen, die nicht fühlen, wie man jede Schraube aus seiner Seele hervorgeholt hat. Und die den Zweck nicht ahnen, den letzten Zweck. Hören Sie nicht etwas, Kind? Hören Sie noch immer nichts?«
Aber dann geschieht etwas.
Der Nachthimmel stürzt ein, die Häuser beginnen zu beben und zu tanzen, ein Donnerschlag wühlt und kracht und rollt, jedem Lebenden ein erschütterndes Wunder, die Zeit hält an, die Luft preßt sich zusammen, eine zerschmetterte Menschheit stößt ihren letzten Schrei aus, – und dann schleicht Stille heran, gähnende Lautlosigkeit, die die Schläfen der zitternden Kreaturen in beide Hände nimmt und jedes Begreifen erdrückt.
Ein paar schreckensstarre Augen richten sich in dem Keller, der nur durch ein tröpfelndes Talglicht erhellt wird, auf den abgezehrten, zahnlosen Mann. Der zieht langsam die Lider über die glitzernden Sterne, lächelt und sinkt von seinem Tagewerk zurück.
Seine Uhr hat ihre große Stunde geschlagen.
VI.
Silberne Lichter sprangen über die feuchten Schollen des schlafenden Landes. Kein Geräusch störte die weiche, dunkle Versunkenheit, und nur die bleichen Schilfwände zu beiden Seiten des Flusses neigten sich manchmal wispernd gegeneinander, wenn der lange, geisterhaft gleitende Kahn ein paar stärkere Wellen gegen das Binsengestrüpp drängte.
Ruhig, gleichmäßig schritt der russische Schiffer die beiden Laufbretter seines Fahrzeugs ab. Die mächtige Stange, deren Widerhaken im Bett des Stromes festhaftete, hatte er gegen die Schulter gestemmt, und nun bewegte er sein Schiff mit unverminderter Kraft durch die Windungen der leuchtenden Fahrstraße. Einförmig klappten seine Tritte auf dem trockenen Holz, und nur ein regsames Plätschern antwortete jeder vermehrten Anstrengung. Ein kleiner weißer Spitz begleitete auf dem gegenüberliegenden Brett treulich den Weg seines Herrn. Dieweil wurde am Achterende des Kahnes von einem kurz geschürzten und dick in bunte Tücher vermummten Weiblein das ungefüge Steuer hin- und hergeschoben. Dies war die Frau des Schiffers. Aber aus den Lappen, hinter denen sich ihr Gesicht verkrochen hatte, konnte man bei dem unsicheren Mondenlicht nur eine breite Knollennase entdecken, und man hörte nichts von ihr als kurze abgerissene Gesangsstrophen und dazwischen ein unaufhörliches kicherndes Geplapper. Nur schade, daß der Schifferknecht, der auf ihre Weisung mit ihr zusammen das schwere Holz drehte, sicher nicht das Geringste von dieser sprudelnden Unterhaltung verstand. Auch schien der Mann in der zerdrückten blauen Flauschjacke sein Gewerbe durchaus nicht mit Meisterschaft auszuüben. Denn die Frau in den vielen Tüchern lachte jedesmal belustigt, so oft sich ihr Genosse mit aller Kraft gegen das knarrende Holz stemmte. Es blieb auch seltsam, daß sich ihr dabei niemals ein Tadel entrang, ja, sie fand es offenbar ganz in der Ordnung, sobald der schlanke Gehilfe sich abwandte, um angestrengt auf die hinter dem Ufer sich hinziehende Landstraße zu spähen.
Wahrlich, dort drüben auf dem grauen dampfenden Wege gab es seit ein paar Stunden aufregende und schreckhafte Dinge zu sehen. Zuerst war von dort nur der Hufschlag vereinzelter Reiter aufgeklungen. Gleich schwarzen Schattenbildern sausten sie dahin, weiße Staubwolken sprühten um sie her. Ein höllisches Bild. Dann rollte und rasselte es, Geschützzüge flogen unter den finster starrenden Chausseepappeln, aufgewühlte Menschenhaufen brodelten hinterher, und schließlich wurde ein einziger schwarzer Wurm daraus, der knurrend und klirrend seines Weges kroch.
Aber der Kahn glitt weiter.
Nur das Weib lehnte sich über den Querbaum und wies mit der Hand auf die sich krümmende Schlange. Auch jetzt noch stieß sie ihr kurzes, fettes Lachen aus. In ihrem harmlosen, in tiefer Unbildung versunkenen Gemüt regte sich nicht die leiseste Ahnung, wie durch den schwarzen Wurm dort drüben Glück, Ruhe und Wohlstand auf Jahre hinaus niedergewälzt wurden.
Und doch – unangefochten schwamm der Kahn zwischen den hohen Binsen stromabwärts.
In der engen Kajüte, die durch einen roten Fetzen in Schlaf- und Küchenraum geteilt war, stand inzwischen ein junges Mädchen vor dem windschiefen eisernen Herd. Über ihrem Haupt schaukelte sich an einem Draht ein winziges rauchendes Öllämpchen, und bei seinem dunstigen Schein beschäftigte sich das junge Geschöpf eifrig damit, aus einem Topf voll stark duftenden Tees die goldgelbe Flüssigkeit in eine bunt bemalte Tasse zu gießen. Dann zog sie sich aufatmend eine weiße, mit blauen und roten Sternen bestickte Flanelljacke zurecht, strich glättend über ihren kurzen roten Wollrock und klapperte endlich auf schweren Holzschuhen die steile Treppe in die Höhe. Sorgsam hielt sie dabei die Hand über die Tasse, damit die kühle Nachtluft nichts von der Wärme des Getränkes raube.
»Hier,« sagte sie über ihr eigenes Werk befriedigt, indem sie an den Schifferknecht in der blauen Jacke herantrat, »hier bringe ich Ihnen etwas Feines, lieber Freund. Denken Sie, ich habe sogar Rum gefunden. Natürlich so gut wie im »Goldenen Becher« wird er nicht schmecken. Aber nun trinken Sie. Nicht wahr, bei dieser scharfen Luft werden Sie meine Kochkunst nicht verachten?«
Durch die helle Stimme wurde der Konsul unvermutet seinen Beobachtungen entrissen. Überrascht wandte er sich herum und, wie stets, so glitt auch jetzt wieder ein erstauntes Lächeln um seine Lippen, als er die weiße Flanelljacke und das kurze rote Röckchen gewahrte. Wie eigenartig blieb das doch, drüben hinter den weißen Staubwolken, in denen das Mondlicht dampfte, da wallte Weltgeschehen vorüber, das sicherlich auch sein Schicksal einschloß. Und doch war es möglich, daß die schweren Sorgen des Flüchtenden hier durch ein anmutiges Bild auf Augenblicke zerstreut werden konnten. Die weiße Flanelljacke, der bunte Rock, das schwarze Tuch über den roten Haaren und die derben Holzpantoffeln auf den kleinen Füßen, sie redeten keck und lebensvoll mitten in das Stöhnen einer verzweifelten Völkerklage hinein.
Rudolf Bark schüttelte sich, aber bevor er die Tasse aus den Händen der Kleinen empfing, da drängte er erst das Geschirr fast gewaltsam an Isas eigenen Mund.
»Nur ein paar Schlucke, mein Kind,« meinte er gutmütig, »so ist das zwischen uns ausgemacht, und Sie müssen mich auch nicht so sehr verwöhnen.«
»Ja, aber Herr Konsul – –«
»Schon gut. Nun kommen Sie, Isa, wir wollen uns auf das Brett hinter der Kajüte niederlassen, denn hier hinten weht es doch zu scharf für Sie. Auch sehe ich, Sie haben sich den koketten Halsausschnitt von Madame Krupenski wieder nicht zugesteckt.«
Da senkte Isa verlegen das Haupt. Sie wußte auch nicht wie es kam, aber jeder Tadel aus dem Munde des erfahrenen Mannes erschreckte sie und entwirkte daneben stets die heftige Begierde, seinen Wünschen, noch ehe sie ausgesprochen, zuvorzukommen. Hastig faltete sie an der gerügten Stelle herum.
Dann saßen sie beide auf dem Brett hinter der Kajüte, tranken aus derselben Tasse und sahen schweigend mit an, wie die Morgendämmerung die rauchenden Wiesen mit rosigen Fingern zu streicheln begann. Ein blutroter Bach floß am äußersten Rande des Erreichbaren. Nach einer Weile sprach Isa nachdenklich:
»Ob man unsere alten Kleider schon aufgefischt hat, Herr Konsul?«
Der Kaufmann nickte. »Das ist sehr wahrscheinlich, mein Kind. Herr Krupenski hat sie so sachgemäß versenkt, daß sie sicherlich schon lange an dem Wehr angeschwemmt sind. Ich hoffe, unser fetter Freund, der Herr Polizeimeister-Stellvertreter Tolmin wird längst mit Befriedigung unser trauriges Ende festgestellt haben.«
»Wie seltsam,« flüsterte Isa gepackt, und ein bezwingender Gedanke ergriff unwiderstehlich von ihr Besitz, »da haben wir eigentlich alles Alte von uns abgestreift und fahren hier wie zwei ganz neue Menschen durch die Welt. Wissen Sie auch, daß ich das wunderhübsch finde?« fuhr sie sinnend fort.
»Warum?« fragte der Konsul und verfolgte den rosigen Dämmer, der sich auf dem feinen Gesicht seiner Gefährtin zu verbreiten begann.
»Warum?« wiederholte die Kleine ernsthaft und schauerte im Frühfrost zusammen, »das kann ich Ihnen nicht sagen. Nein, das kann ich wirklich nicht, es ist ein sehr dummer Einfall.«
Noch hatte sich Rudolf Bark nicht von dem Glanz trennen mögen, von dem die unter dem schwarzen Tuch sich hervorstehlenden Haare des Mädchens allmählich durchleuchtet wurden, da war es, als ob in der Ferne Erde und Strom einen Sprung machten. Ein dumpfes Krachen erschütterte die Luft, der Nachhall eines ungeheuerlichen Donnerschlages fuhr über den bleiernen Morgenhimmel.
Betroffen schnellte Isa von ihrem Sitz.
»Herr Konsul,« vermochte sie nur hervorzustoßen, »bedeutet das ein Unglück für uns?«
In ihrem schmalen Gesicht arbeitete es. Trostsuchend lugte sie zu ihrem Freunde empor. In diesem Augenblick empfand sie nur das eine, wie die lange Fahrt auf dem schmutzigen Kohlenkahn von allen Schimmern der Poesie umflossen sei, und das jenes namenlose, aller Regel eines strengen Bürgertums entbehrende Dahingleiten einen Höhepunkt ihres Daseins bildete. Sie zitterte vor Hoffnung und vor Spannung.
»Bedeutet das für uns ein Unglück?« drängte sie noch einmal und ergriff schutzbedürftig die Hand des Kaufmannes.
Beschwichtigend zog Rudolf Bark das aufgeregte Mädchen wieder an seinen Platz hinter der Kajüte zurück. Und als er fühlte, wie die Verängstigte sich an ihn schmiegte, da streicheln er ermunternd über ihre Wangen.
»Isachen, es will mir scheinen, es kommt im Moment gar nicht so sehr auf uns beide an.«
Allein die Kleine schüttelte unter Tränen lachend das Haupt.
»Doch, Herr Konsul,« entgegnete sie kleinlaut, – »Sie müssen entschuldigen, ich bin natürlich lange nicht so klug wie Sie, – aber das Leben kann doch auch etwas sehr Seltenes und Kostbares sein. Es wäre zu schade, wenn dies alles untergehen sollte.«
»Oh, der Kahn ist fest,« entgegnete der ältere Mann verständnislos.
Und dann saßen die beiden wieder und sahen zu, wie der blasse Morgen über die Felder eilte. Die grauen Dunstwolken zerfaserten sich, über den Chausseepappeln begannen schwarze Scharen von Krähen zu kreisen, und unter ihnen wurde die Landstraße einsamer und stiller. Hinter den wallenden Staubmassen war die brandende Flucht erstorben. Langsam und allmählich schwirrte von dort ein schüchterner Vogelgesang auf, und auch die Heimchen der Wiese besannen sich auf ihr Morgenlied.
Stunde auf Stunde verging. Es wurde immer heller.
Der Kahn wurde verankert, denn der russische Schiffer weigerte sich, mitten durch den leuchtenden Sonnenschein und zumal wo die Grenze so nahe rückte, noch weiter zu fahren. Auch machte der Herr des Kahnes sehr deutliche Anspielungen, es wäre an der Zeit, daß seine Gäste nunmehr das Gefährt verließen. Noch verhandelte Rudolf Bark mit dem Eigentümer, da brach der Kaufmann mitten in der Rede das Gespräch ab, um ohne ein Wort der Erklärung in das Boot hinabzuspringen, das neben dem Steuer einhertrieb. Verstummt, in grenzenloser Überraschung starrte Isa dem Davonrudernden über die hohe Bordschwelle nach.
Doch nein, jetzt erkannte sie, was ihren Freund zu so rascher Tat veranlaßt hatte. Drüben an dem immer flacher werdenden Ufer des Stromes duckte sich zwischen den Binsen ein dürrer Mensch bis tief auf den Spiegel des Wassers herab. Der Fremde schien sich zu waschen. Aber als das Mädchen das Bild schärfer musterte, da wurde es ihr klar, daß sich der zusammengekauerte Geselle eine frische Stirnwunde spüle. Unaufhörlich rieselten die roten Tropfen in den Strom. Jetzt hatte ihn Rudolf Bark erreicht. Ein paar laute Ausrufe fuhren hin und her, das Boot knirschte in den Sand, und noch immer konnte die Zurückgebliebene nicht fassen, warum der Konsul jenen so wüst zerschlagenen Verwundeten schließlich mit rücksichtsloser Gewalt in den Kahn zerrte. Dann wieder einige Ruderschläge, und über die von dem schweigsamen Herrn Krupenski über die Schiffswand geworfene Strickleiter kroch scheu und zitternd eine groteske Gestalt auf das Deck. Nun schlotterte sie vor ihnen, ohne Rock noch Weste, nur von einem zerzausten Halstuch umflattert und wischte sich beschämt über das von tausend Runzeln zerrissene Gesicht. Ein unförmiger Mund bewegte sich, als hätte man einen Fisch soeben aufs Trockene gezogen.
»Herr Bienchen,« rief Isa verständnislos, denn sie hatte endlich den verkrümmten kleinen Juden, der ihr so manche Uhr gerichtet, in diesem blutenden und vor Erschöpfung röchelnden Menschenkind entdeckt.
»Jetzt sagen Sie, wie kommen Sie hierher?« rüttelte ihn auch der Konsul.
Allein Leiser Bienchen, der Gehilfe des alten Erfinders Adameit, der letzte Gefährte von Fritz Harder, schüttelte völlig betäubt sein nasses Haupt.
»Ich weiß nicht, Herr Konsul, ich weiß wirklich nicht,« gurgelte er tonlos, während er sich unaufhörlich in einem ölgetränkten Taschentuch die Hände wischte.
»Man hat Sie geschlagen?«
»Ja, ich glaube, – ich glaube, man wird mich geschlagen haben.«
»Wer?«
»Ja, wer?« stöhnte der Uhrmacher, sank auf einem Kohlenhaufen zusammen und starrte gleichgültig zurück auf die Landstraße, die er soeben verlassen.
Es war nichts weiteres aus dem in seine Erinnerungen Zurückkriechenden herauszubringen. Und erst, als man den wimmernden Gesellen, der dabei wie ein schweres Bündel zwischen den Armen seiner vornehmen Kundschaft hing, in die Kajüte heruntergeführt hatte, erst nachdem er dort auf einem Kasten hockte und unter seltsamen Schmatzlauten ein paar Tassen des glühend heißen Tees in sich hinabgeschüttet hatte, da fingen seine schwarzen Augen sich an zu beleben, und er starrte seine Bekannten mit dem jammervollen Blick eines geschlagenen Hundes an. Dann wickelte er das zusammengerollte Öltuch auf, schneuzte sich und unternahm es, sich umständlich die dick herabrollenden Tränen zu trocknen. Der Konsul jedoch, der ungeduldig vor ihm stand, ließ dem Bekümmerten keine Zeit mehr, sondern rüttelte ihn abermals ins Leben zurück.
»Lieber Bienchen, wo kommen Sie her?«
Der kleine Jude fuhr zusammen.
»Ich, Herr Konsul? Nun, Sie werden es doch leider nicht glauben, ich komm' direkt aus der Luft.«
»Scherzen Sie nicht,« verwies ihn der Kaufmann nachdrücklich.
Jetzt seufzte der Uhrmacher schwer in sich hinein. Und erst Isas teilnahmvolles Gesicht schien seine Neigung zu einer größeren Mitteilsamkeit zu vermehren.
»Sehe ich aus, wie wenn ich scherze?« klagte er dumpf vor sich hin und rieb sich wieder die wunde Stirn. »Ich sag' Ihnen, ich komm' aus der Luft oder auch unter einem Heuwagen hervor, ganz wie Sie wollen. Aber ich will Ihnen der Reihe nach erzählen,« erholte er sich endlich etwas mehr gefaßt. »Sie müssen nur entschuldigen, wenn ich nicht alles aus meinem zerhämmerten Kopf richtig und sauber hervorziehen kann.« Er lehnte sich zurück an die Schiffswand und holte tief Atem. »Sehen Sie, da hatten wir die Maschine von dem alten Adameit – vielleicht hat ihn Gott schon zu sich genommen – unter das Dach der Sebalduskirche eingeschmuggelt.«
»Welch eine Maschine? Besinnen Sie sich, Herr Bienchen,« forderte Rudolf Bark von neuem.
»Nun die Uhr. Es war ein grausiges Ding, ich hab' sie nie ansehen mögen. Aber mein Meister hat damit ein Lebelang verbracht. In der Kirche sah es die ganze Zeit über fürchterlich aus. Diese Hunde, diese Wilden zeigten nicht den geringsten Respekt. Weder vor dem herrlichen Bau noch vor dem wundervollen Glockenspiel, noch vor der gewaltigen Orgel. Ich sag' Ihnen, sie lachten auch über die vielen Bildwerke und hieben ihnen Nasen und Ohren ab. Wenn mich auch die Heiligen in den bunten Röcken nichts angehen, die schöne Frau mit dem Fuß auf der Schlange und der weiße Mann mit dem goldenen Schlüssel, Sie können mir glauben, es gab mir jedesmal einen Stich, so oft ich die heillose Schändung mit ansah. Denn es waren doch kunstvolle Hände, die so prächtige Sachen vor mehr als fünfhundert Jahren geschnitzt hatten. Aber das war noch nicht alles. Die Breitmützen hatten einen vollständigen Stall aus den steinernen Gängen gemacht. Die Kirchenbänke konnte man jeden Abend in die Wachtfeuer wandern sehen, und statt ihrer lagen nun hunderte von schmutzigen Kerls auf Strohbündeln in den Gängen und fraßen und schnarchten. In den letzten Tagen wurden es so viele, daß man sagen konnte, es war kein Winkel mehr von dem Ungeziefer frei. Nun kam die Nachricht, daß die Fremden da hinten an den Seen ihren Lohn erhalten hätten. Und wir hörten auch, sie wollten sich in unserer Stadt, in unserer schönen, sauberen Stadt zur letzten Wehr setzen. Da sagte der Herr Leutnant Harder, nun wäre es Zeit. Er hatte es so einzurichten gewußt, daß wir eine Anstellung in dem Dom gefunden hatten. Werden Sie es für möglich halten, wir fegten nämlich den Schmutz und den Mist alle Abend aus der Kirche heraus. Für ein paar Pfennige natürlich. Und gewöhnlich erhielten wir noch einige Lanzenstöße als Trinkgeld dazu. Nun, es war kein Herrenleben. Aber gestern abend, da sagte der Herr Leutnant, jetzt dürfe man keine Minute mehr verlieren. Es sollte nämlich der Horde ein Schreck eingejagt werden, damit sie sich in der Stadt nicht länger für sicher hielte. Herr Konsul und Fräulein Grothe, was soll ich Ihnen lange erzählen? Der junge hübsche Mensch, der so verändert in dem Arbeitsanzug aussah, er stieg auf den Orgelsitz hinauf, und ich mußte die elektrischen Blasebälge andrehen. Auf diese Weise, nämlich durch sein Spiel, da wollte er die Halunken von mir und meinem Geschäft ablenken. Ehe wir uns trennten, reichte er mir noch die Hand und sagte mit einem Gesicht ganz voller Sonnenschein – in meinem Leben werd' ich's nicht vergessen – »Herr Bienchen, Sie sind jetzt auch ein Soldat. Denken Sie daran, was Ihnen das Vaterland alles geschenkt hat und zahlen Sie es pünktlich zurück.« Dann stieg ich auf den kleinen Hinterturm hinauf, wo wir den Knopf angebracht hatten. Ich versichere Sie, alles wie im Traum, Herr Konsul. Mit einemmal fing die Orgel an zu spielen. So was Schönes, Herrliches und Erhabenes hab' ich noch nie vernommen. Es hörte sich an, als wenn der Herr unser Gott leibhaftig in die Kirche getreten wär' und sänge nun selbst mit seiner ewigen Donnerstimme. Wie schön sind doch diese deutschen Lieder, es liegt alles darin, was wir an dem Land und seinen Menschen lieb haben. Ich hatte mich auf einen Fensterbogen gesetzt, Fräulein Grothe, und konnte das Ohr von der Musik nicht abwenden. Auch die Russen waren aufgestanden, hielten ihren Atem an und starrten herauf. Keiner rührte sich. Sie fühlten wohl, wie der Herr schon seine eiserne Hand auf sie gelegt hatte. Ich hätte noch bis zum nächsten Morgen so sitzen mögen, aber plötzlich da hob der Herr Leutnant, den ich nur vom Rücken aus sehen konnte, die Finger seiner Rechten hoch in die Höhe. Und diese Finger, sie drohten mir und griffen mir geradewegs ins Herz. Was dann geschah, Herr Konsul, das ist mir alles nur so bewußt, als hätt' ich es aus einem dunklen Grab heraus belauscht. Das Dach der schönen Kirche flog in die Höhe, so daß alle Sterne des Nachthimmels für eine Sekunde zu uns herunterblitzten. Und dann – es war grauenvoll das Gewinsel und Gewimmer. Die große Orgel stürzte zusammen, die ungeheuren Zinkpfeifen spießten sich gegeneinander, und dann brach das ganze Werk in die Tiefe. Mit mir aber, Herr Konsul, geschah ein Wunder. Ja, ja, als sollte mir gezeigt werden, wie ich armer kleiner Jud' eigentlich gar nicht in die Kirche gehörte. Ich sauste nämlich in großem Bogen aus dem Fenster herunter und mitten in einen Heuwagen hinein. Gleich darauf jagte das Gespann wie wahnsinnig aus der Stadt heraus. Und erst dicht hier an der Grenze, da haben mich die Unmenschen heruntergeprügelt. Ein Rad ist noch dazu über meinen Fuß gefahren, und ich meine, mein Gang wird dadurch nicht schöner geworden sein. Aber Herr Konsul und Fräulein Grothe« – und der Uhrmacher hob die Hände in die Höhe und begann bitterlich zu weinen, – »was will das alles heißen? Unser Land hat sich erhoben, unser herrliches Land, und hat die Heuschrecken von sich abgeschüttelt. Der Herr, der in der Kirche so schön sang, er hat unsere Feinde geschlagen. Hören Sie, Herr Konsul, dort draußen blasen schon die preußischen Trompeten? Das Herz geht einem auf, wenn man es hört! Der Herr singt weiter!«
In der dunklen Schlafkammer von Maritzken herrschte noch immer bleierne Stille. So schwer drückte die Lautlosigkeit herab, daß die an ihren Stuhl gebannte Gutsherrin das flüchtige Ticken der Uhr wie das unerträgliche Stampfen einer Maschine empfand. Ängstlich streiften ihre Blicke über die Fensterscheiben, die unter dem Leuchten des heraufsteigenden Mondes einen stählernen Glanz annahmen. Manchmal war es auch, als ob ein flackernder Feuerschein vorüberhusche. Dann vermeinte die Einsame eilende Hufschläge aufzufangen. Doch wenn sie, zum Sprung bereit, eifriger hinhorchte, so schlug nichts an ihr Ohr als das Sausen des Nachtwindes. Und immer wieder sank sie zurück und kämpfte gegen den Sturm und den wilden Tanz ihrer Nerven. Aber noch mehr gegen das widerstandslose Herabsinken in völlige Erschöpfung. Zuweilen riß die Nacht vor ihr auseinander. Dann glaubte sie etwas zu sehen, dann murmelte sie etwas, dann betete sie wirr und verständnislos darum, daß das, was sie mit vorbereitet, in nichts zerschellen möge. Um gleich darauf alle Fibern anzustrengen, ob sie aus dem unteren Zimmer nicht etwa einen Laut des Entweichens auffinge.
Was mochte ihr Gast, der auf sie wartete, jetzt treiben? Ob er noch immer zermürbt und zerschlagen am Tisch hockte, ein vor sich hin stierender, seiner früheren Wesenheit beraubter Mensch? Johanna stöhnte auf, wehrte und wand sich und rüttelte an ihrem Stuhl, um sich zur Besinnung zu bringen.
Stunde auf Stunde vertröpfelte, das Mondlicht schwamm schon in breiter Bahn zu ihren Füßen, und die Hausherrin hing noch immer regungslos auf ihrem harten Sitz, hing zwischen Wachen und Traum. Und alles, was um sie herum geschah, es drang zu ihr wie der Nachhall von etwas Unwirklichem. Abermals hörte die Schwankende ein dumpfes Klopfen. Doch es klang, wie wenn man die Hufe eilender Pferde mit Werg und Lappen umwickelt hätte. Und sie sann darüber nach, ob es die Schläge ihres eigenen Herzens wären? Dann zischte und knatterte es, und die Blonde konnte es sich in ihrer Benommenheit nicht anders erklären, als ob blaue puffende Funken aus einem Holzfeuer in die Höhe knisterten. Und jetzt – mischten sich jetzt nicht heiße, trunkene Stimmen zu einem einzigen brausenden Ruf? Nun wieder Leere, durchwinselt von den aufreizenden Klagen des Windes. Und dann – aus den Dielen zu ihren Füßen schien ein dumpfes, trockenes Stöhnen aufzusteigen.
Herr im Himmel was geschah hier? Bedeutete das doch mehr als gestaltlos jagende Traumgesichte?
Vielleicht war die Jagd, die hinter dem Menschenwild hetzte, schon hereingebrochen? Wie, wenn das Opfer, das in einem Gehege von List und Schlauheit zurückgehalten war, bereits verröchelnd am Boden lag, und sein brechender Blick nach der Hinterlistigen suchte, die den Köder geworfen? Oh, der Fang war durch dieselben unwürdigen Künste geglückt, welche die auf ihre Reinheit Stolze bei der jüngeren Schwester so verachtet hatte. Mischte sich nicht auch bei ihr, wenn sie vor Gott ihr Innerstes auftat, ein schauererfülltes Wohlgefühl darein, ein nie gekanntes, so oft sie, sei es auch nur von fern und mit Abscheu sich das Rasende ausmalte, das der Getäuschte da unten erwartete? Seltsam, zu unerklärlich – und das blonde Weib schlug sich die Hände schallend vor die Stirn – und deswegen setzte sich der unglückliche Mensch dort unten dem sicheren Tode aus?! So hoch bewertete er seine Hoffnungen, oder so wenig lag ihm am Dasein?
Johanna horchte auf. Von unten tönte es wie das Knarren einer Tür. Ihre Vorstellungen kreuzten durcheinander. Sie wußte nicht mehr, ob sie aus Scham vor dem Betrug den vertrauensseligen Mann warnen, oder ob sie das Entweichen des Übeltäters verhindern wollte.
Und dann – und dann – die Uhr tickte so laut – es war keine Zeit mehr zu verlieren.
Ohne Überlegung – mit wildem Entschluß drehte sie an dem Schlüssel, stürzte aus der Dunkelheit heraus und fegte die Treppe hinab, wie sie die Stufen noch nie übersprungen. In ihrem Ungestüm vergaß sie das Anklopfen. Ohne ein Zeichen trat sie ein. Ihr Atem flog so stoßend über ihre Lippen, daß sie sich an dem Pfosten des Eingangs eine Stütze suchen mußte. Dann erst vermochte ihr scheuer Blick sich einige Klarheit zu verschaffen.
In dem kleinen Zimmer wiegte sich bange Stille. Unordentlich und achtlos war der Mantel des Fürsten über einen Stuhl geworfen, seinen Säbel hatte der Besitzer auf das Ruhebett geschleudert, und Dimitri selbst saß an dem Tisch, auf dem noch die Reste des Mahles standen. Tief herabgebeugt ruhte das Haupt des Übermüdeten auf seinen ausgebreiteten Armen, und die Lauscherin pries den schweren Schlaf, der ihm das Schicksal seines Volkes sowie sein eigenes für eine Weile wohltätig verhüllte. Allein sie täuschte sich, denn der Fürst richtete sich langsam auf, und sofort erfaßte das Landmädchen, wie seine Augen nichts von der Blendung des Schlummers zeigten. Ihr Gast schien vielmehr angestrengt nachgedacht zu haben. Kaum erkannte er sie, als auch schon sein zuvorkommendes Lächeln in seinen gespannten und angestrengten Zügen aufleuchtete. Nur wollte es Johanna dünken, als wenn eine bittre, entsagungsvolle Schwermut sich über das auch jetzt noch edle Antlitz verbreitet hätte. Und im Moment zitterte sie davor, wie sich der Oberst ihr unvermutetes Hereindringen deuten würde. Aber gottlob, die Haltung des fremden Aristokraten blieb tadellos und beherrscht. Langsam erhob er sich, und während er ein paar Schritte gegen sie tat, verbeugte er sich leicht. Wieder verursachte es der Beobachterin einen stechenden Schmerz, als sie vernahm, wie schwer sich ihr Gast über den Estrich schleppte.
»Es ist sehr gütig von Ihnen, mich nicht zu lange meiner eigenen Gesellschaft zu überlassen,« begann Dimitri Sergewitsch in seinem schmeichelnden Tonfall. »Ich versichere Sie, sie ist nicht die beste. In diesen Stunden habe ich so manches an mir vorüberziehen lassen. Und wenn es noch einen Zweck hätte, dann könnte ich darüber trauern, weil ich so wenig bleibende und lohnende Erinnerungen besitze. Aber wozu? Es hat keinen Zweck.«
Er stand jetzt vor ihr und ließ seinen Blick flüchtig über sie fortgleiten. Das schimmernde Blondhaar der Preußin schien ihn besonders einzufangen. Allein auch jetzt noch eignete ihm Erziehung genug, um nicht eine einzige verletzende Gebärde der Vertraulichkeit zu wagen. Und Johanna dankte Gott dafür, daß dieser immerhin vornehme Herr die Formen bis zum letzten zu wahren verstand. Dafür wollte sie sich erkenntlich zeigen, dafür alles andere vergessen.
»Fürst Fergussow,« stieß sie plötzlich hervor, nachdem sie einen Blick der Angst durch das dunkle Fenster geschickt hatte, »ich fühle mich verpflichtet, es Ihnen zu entdecken, obwohl – obwohl – nein, das tut nichts zur Sache – es lauert hier Gefahr auf Sie. Hören Sie? Sie sind hier nicht mehr eine Stunde sicher. Rufen Sie Ihre Leute zusammen und verlassen Sie schleunigst den Hof. In höchster Eile, Herr Oberst, in allerhöchster. Sonst ist es zu spät.«
Als sie dies hervorstieß, taten sich die harten blauen Augen der Gutsherrin erschreckend weit auf, ihre Hände verschlossen sich über der Brust, und in ihrer Stimme bebte etwas so Schmerzliches, als ob sie selbst mit einem Messer gegen sich gestoßen hätte. Sie fühlte, daß sie dies alles nicht sagen durfte, und daneben verging sie beinahe in dem Rausch, daß ihre Überwindung doch etwas Schönes, Zärtliches und Menschliches berge. Auch der Fürst stand eine Weile regungslos. Er schien mehr dem heiß erregten, unerwarteten Tonfall zu lauschen als dem Sinn jener Warnung. Dann zuckte er leicht die Achseln, wandte sich ein wenig und zeigte durch das Fenster.
»Meine Leute soll ich rufen, liebes Fräulein?« entgegnete er müde. »Überzeugen Sie sich selbst. Die dort draußen waren klüger, als ich. Oder auch dümmer, denn sie glauben noch nicht an die Wertlosigkeit, an den absoluten Zufall des menschlichen Auf und Ab, und haben mich längst im Stich gelassen. Ich bin allein hier.«
»Ihre Leute sind fort?« stammelte Johanna erblassend und griff wieder nach dem Pfosten der Tür.
Es tat ihr nicht gut, unausgesetzt die ebenmäßige Reitergestalt zu umspannen. Unvermerkt, stärker und stärker bildete sich eine Zusammengehörigkeit heraus, die mächtiger war als der Widerwille der Völker, als Familienehre und alle Gesetze von Gut und Böse. Ihr schwindelte, und nur das Sträuben gegen ihre Schwachheit hielt sie noch aufrecht.