Erstes Buch. (continued 3)
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Die Deutschen bildeten bald den Mittelpunkt der Gesellschaft. Es war, als ob alle anderen nur eingeladen wären, um den Gästen das Bild eines harmlos sich vergnügenden Kreises einzuprägen, der weit davon entfernt war, an eine Unterbrechung seiner gewohnten Zerstreuungen zu glauben. Überall flogen leichte Scherzworte auf, die Fähigkeit der Slawen, geschätzte Personen zu ehren und zu bedienen, äußerte sich in jeder Handreichung.
Marianne lag in einem Schaukelstuhl und wiegte sich leise auf und nieder. Um sie herum bewegte sich ein ganzer Troß von Offizieren, die sich den Wünschen des verführerischen Weibes dienstbar zu machen strebten. Der eine hielt ihr ein Aschenschälchen, denn sie sog mit Genuß an einer der ihr angebotenen aromatischen Zigaretten; ein zweiter hütete den silbernen Untersatz des Teeglases, an dem sie nippte; zwei weitere hielten den Stuhl in seiner schaukelnden Bewegung, und vor ihr stand der Rittmeister Sassin, den das Schweben und Gleiten der Brünetten bereits bis zur Tollheit begeistert hatte. Seine blauen Knabenaugen schwammen vor Erregung, und er fand es direkt sündhaft, weil sich auch seine Kameraden an den Huldigungen für das berückende Geschöpf beteiligen durften. Wahrhaftig, dazu hatte er doch nicht die Kosten dieser so ungewohnt vornehmen Teestunde auf sich genommen. Ob man es wagen konnte, der Schwarzen einen erläuternden Gang durch das gesamte Hauswesen anzubieten? Hm, der teure Freund Rudolf Bark, dem er doch eine so überaus ablenkende Gesellschaft zugewiesen, der verfluchte Krämer mit den ernsten Augen, er behielt immer noch Zeit, die Gruppe um den Schaukelstuhl aufmerksam zu verfolgen. Dazu schoß Leo Konstantinowitsch plötzlich eine ganz widerspruchsvolle Eifersucht durch den Kopf. Blitzartig fiel ihm ein, wie er bei seinem letzten Besuche in der deutschen Stadt von allerlei Beziehungen hatte flüstern hören, die Marianne an einen Offizier der dortigen Garnison knüpften. Sie hatte ein Verhältnis. Das machte sie nur noch begehrenswerter. Zum Teufel, wie hieß doch der Dummkopf? Und in diesem Augenblick fiel der Aufgeregte aus der Rolle und beging eine Torheit.
»Gnädigste,« sagte er mit seinem lauten Organ, das er um keinen Preis dämpfen konnte, »ich hatte die Freude, Sie neulich auf den Wallgängen der Stadt mit dem ganz ausgezeichneten Fritz Harder promenieren zu sehen. Darf ich mir die Frage erlauben, ob dieser Bevorzugte das Glück besitzt, Ihre Freundschaft zu genießen?«
»Gott,« warf Marianne hin, die inmitten so vieler Anbeter die Nähe ihrer Schwestern vergaß, und sie errötete weder, noch gab sie das angenehme Wiegen auf, »ein guter Bekannter von mir, wie viele andere. Was bezwecken Sie übrigens mit der Frage, Herr Rittmeister?« setzte sie gleichgültig hinzu, schlug die Füße leicht übereinander und blies eine feine Dampfwolke von sich.
»Oh,« rief Leo Konstantinowitsch strahlend und mit der ihm angeborenen Begabung für schlaue Galanterie, »das schafft mir die einzige Feindschaft vom Halse, die ich einem deutschen Offizier etwa entgegentragen könnte. Merci, mein Fräulein.«
»Leo Konstantinowitsch ist ein Schlaukopf,« fing Konsul Bark dicht neben sich das geheimnisvolle Raunen zweier Unterleutnants des Dragonerregiments auf, um deren weiche Knabengesichter noch kaum der Flaum zu sprossen begann, »hörst du, Alexei, wie er das schwarze Pferdchen zu einem Gang durch die Villa antreibt? Ich wette, sie wird sich erbitten lassen?«
»Wahrscheinlich,« pflichtete der angeredete Fahnenjunker bei und über sein kränklich blasses Antlitz, das er unausgesetzt dem Schaukelstuhl zugewendet hielt, flog ein frühreifer, übersättigter Schein, »du hast recht, da erhebt sie sich.« Aber gleichzeitig zuckten die Lippen in dem fahlen Gesicht, und unwillig kehrte sich die zarte Jünglingsfigur ab. »Merkwürdig, wie Leo Konstantinowitsch gerade heute Lust und Neigung für so etwas aufzubringen vermag,« stieß er noch ungehalten zwischen den Zähnen hervor.
»Mon Dieu, Alexei, was soll man tun?«
»Ich habe heut vormittag mein Testament aufgesetzt,« erklärte der kränkliche Fahnenjunker ganz still. »Man kann nie wissen. Ich schrieb darin meinem Vater, dem Polizeioberst in Kiew, vieles, was ich bei uns im Hause, aber auch draußen anders wünschte. Er hätte es sonst nie von mir hingenommen, denn wir mußten immer schweigen. Freilich, für ein solches Schriftstück kann man später nicht mehr zur Verantwortung gezogen werden.«
»Ja, du machtest dir immer viele Gedanken, Alexei, anstatt dem Leben, wie wir anderen, ein Paar vergnügte Stunden abzugewinnen. Aber st! – –, lieber Bruder, dort unter dem Fenster spitzt man die Ohren. Komm, laß uns in das Billardzimmer gehen und hören, was Fürst Fergussow aus Petersburg zu erzählen weiß. Die Entscheidung kann ja nicht mehr lange währen.«
Damit strichen die beiden Knaben ihre Waffenröcke zurecht und schlenderten auf den eleganten Lackstiefeln fast unhörbar in den Nebenraum.
Also doch – also doch!
Der Konsul fühlte, wie ihm etwas durch die Stirn schnitt. Es war, wie wenn man einen klirrenden Pfeil durch sein Gehirn geschossen hätte. Eine Sekunde lang konnte er sich durchaus nicht mit der Lage vertraut machen, in der er sich befand. Auch dafür, daß draußen die Welt und alles, was bisher als feststehend galt, binnen kurzem wie ein mürber Teig in einer Riesenschüssel von Gigantenfäusten durcheinander gerührt werden konnte, auch dafür fehlte ihm plötzlich jede Vorstellung. So lähmend war die Mattigkeit, die seine sonst so geschmeidigen Glieder befiel, daß er immer noch mit demselben vieldeutigen Lächeln den Fragen Maria Geschowas lauschen konnte, die zu ihrer Freude in ihm einen Kenner des Theaters entdeckt hatte.
»Also Sie kennen die kleine Schwarz?« sagte die Tatarin und schlug die dunklen Augen, die nie ihren auffordernden Ausdruck verloren, langsam gegen ihn empor. »Ich sah sie neulich in einem Ihrer modernen Stücke spielen. Ich vermag die Zustände bei Ihnen natürlich nicht zu beurteilen, aber in der Darstellung der schönen Person fiel mir die Wichtigkeit auf, die sie ihrer Bedeutung als Frau, ja darüber hinaus der ganzen weiblichen Liebeshuld beizumessen schien. Ich glaube, das alles wird in Ihrem Vaterland sehr überschätzt.«
»Oh,« entgegnete der Konsul gewohnheitsmäßig, obwohl er sich mit aller Kraft an dem Messingknopf des Fensters festhalten mußte, »es gibt doch einzelne Frauen, denen gegenüber die Schätzung nie hoch genug gegriffen werden kann.«
Es sollte einschmeichelnd klingen, aber Maria Geschowa mit ihrem feinen Ohr hörte deutlich heraus, wie weit der Geist des hübschen Mannes von ihr entfernt weilte.
»Lassen wir das,« sagte sie hochmütig und wiegte sich ablehnend in den Hüften, »wir Slawen beschäftigen uns in der Kunst mehr mit sozialen Verhältnissen. Diese Dinge erfüllen unsere ganze Phantasie. Aber was haben Sie, lieber Freund?« unterbrach sie sich eifrig, denn sie sah, wie der Kaufmann starr auf die Straße hinausblickte, wo drei Soldaten in Kosakentracht singend und brüllend vorüberliefen.
Jetzt vermochte der Konsul nicht mehr das nervöse Zucken der Mundwinkel noch den kurzen Atem, der ihm durch den Schrecken eingegeben war, zu verbergen. Da draußen die drei langröckigen, halbbarbarischen Gesellen, die unter ihren Pelzmützen dahintaumelten, wie kamen sie hierher? Er wußte doch, daß in der Grenzstadt kein Kosakenregiment lag. Und diese hier – er glaubte es an den sauberen Uniformen und den blitzenden Silberverschnürungen zu erkennen – sie gehörten sicher der Petersburger Garde an. Immer ängstlicher und aufgescheuchter tobten seine Gedanken gegeneinander. Die Selbstbeherrschung und feste Sammlung, die trotz seiner leichten Manieren sein ganzes Wesen ausmachten, stoben in diesem Augenblick, wo er das Rollen eines Völkergewitters schon über seinem Haupte poltern hörte, von ihm ab. Obwohl der Herr des Goldenen Bechers genau wußte, daß es töricht sei, die Maske des Vertrauens und der sicheren Überlegenheit gerade vor der klugen Tatarin, neben der er weilte, zu lüften, die Spannung, die in ihm zerrte, zerriß jedes Bedenken. Nein, er mußte hören, wie eine Vollblutrussin den schweren Verdacht, der ihn überwältigte, entkräften würde. Was diese reizende Person jetzt wohl zusammenlügen wird? dachte er halb neugierig.
Und da sprach sie bereits. Sie legte ihm die Spitze des Zeigefingers fest auf die Brust und fragte mit ihrer warmen, immer leise vibrierenden Stimme:
»Wie heißen Sie, lieber Freund?«
»Ich? – Ich heiße Rudolf Bark.«
»Nun, Rudolf Bark,« lächelte die Tatarin, indem sie sich geschmeidig mit dem Rücken gegen das Fenster schob, so daß er jetzt gezwungen in ihr dunkles Antlitz blicken mußte, »sind Ihnen die drei Kosaken dort auf der Straße wirklich interessanter, als ich, die ich mir doch soviel Mühe gebe, Ihnen zu gefallen?«
Der Angeredete, der so unvorbereitet seine Gedanken erraten sah, erschrak. Zum Teufel, wie klug doch diese Russin war, viel gescheiter und gebildeter als die Männer ringsumher. Zu jeder anderen Zeit hätte er das Geplänkel fortgesetzt, um zu ergründen, wie weit das eigenartige Geschöpf durch ihre Koketterie geführt werden könnte; allein jetzt – jetzt – alle diese Nichtigkeiten erschienen ihm im Moment widerwärtig und abscheulich. Er begriff gar nicht, daß er ihnen jemals Bedeutung beigelegt.
»Es überrascht mich,« entrang es sich ihm ohne jede Vorsicht, die er doch unter allen Umständen einzuhalten gewillt war, »wie die drei Kosaken hierher gelangt sind. Nach meiner Kenntnis gab es bis vor kurzem keine derartigen Truppen hier. Es ist ja nur eine Kleinigkeit, Gnädigste,« setzte er rasch hinzu, als er den langen, weichen, fast betrübten Blick der jungen Frau empfand, »aber sehen Sie, wir Deutschen besitzen nun einmal die unangenehme Eigenart, alles Militärische besonders stark auf uns wirken zu lassen.«
Wie hübsch der elegante schlanke Mann sprach und wie rot sich seine Wangen vor innerer Aufregung gefärbt hatten. Maria Geschowa schämte sich, daß sie an dem albernen Komplott, das ja bereits von dem erfahrenen Kaufmann durchschaut wurde, mitwirken sollte. Daneben aber glühte in ihr die echt weibliche Begierde auf, einen Mann in den Maschen eines Netzes zu verstricken, dessen Verschnürungen man selbst fest in der Hand hielt. Im Grunde war es doch eigentlich ein wohliges Gefühl, zu wissen, daß man unbeschränkte Macht besäße über das Schicksal so freier und aufrechter Menschen. Darin lag ein eigenartiger Kitzel, ein ganz neuer Genuß. Und fortgerissen und lebhaft fand sie sich in die Rolle und zuckte deshalb ein wenig verächtlich die weichen Schultern:
»Sie brauchen sich nicht zu beunruhigen, Rudolf Bark,« versetzte sie mit feiner Ironie, und auch die vollen Lippen bekundeten eine gewisse trotzige Sucht nach Lüge und Intrigue. »Die drei Burschen dort draußen gehören zur Begleitung meines Mannes. Sie werden selbst sehen, die Wichte verstehen es viel besser, mir meinen seidenen Mantel umzulegen, als einen Karabiner loszudrücken.«
Da war die Unwahrheit heraus. Und seltsam, als Maria Geschowa ihren Blick jetzt in die kühlen, von Zweifel erfüllten Augen des Mannes richtete, von dem sie beinahe hoffte, daß er sie durchschauen möge, da malte sich auf ihren dunklen Bronzezügen ein freches, wildes Flimmern, wie sie es wohl als Kind den Ihrigen daheim auf dem kaukasischen Gebirgsgut gezeigt, wenn sie entwendete Äpfel zu verleugnen hatte. Und siehe da, ihr Partner blieb ihr gewachsen. Es bereitete ihr selbst eine wollüstige Befriedigung, als er mit seinem gewinnendsten Lächeln entgegnete:
»Aha, die Begleitung Ihres Mannes – und sie legen Ihnen den Mantel um – –, ich bin leider durchaus zivil, gnädige Frau, aber bei einer derartigen militärischen Verwendung würde ich mich sofort auf Avancement melden – –«
»Pfui,« atmete Maria Geschowa, bei der der lauernde und gespannte Zug noch immer nicht entschwunden war, erleichtert auf, »Sie werden unartig, bester Freund. Darf ich Ihnen nicht lieber eine Tasse Tee bereiten? Solch ein Trank aus unserem Samowar schwemmt uns alle unnötigen Sorgen fort.« Und indem sie ihm abermals mit dem Zeigefinger leicht auf die Brust tippte, forschte sie ungeduldig: »Weshalb sehen Sie so unausgesetzt nach der großen, blonden Walküre, die Sie mitgebracht? Sind Sie ihr Vormund?«
Ja, der Prinzipal des Goldenen Bechers hing sich mit allen Sinnen an die aufrechte Gestalt der Ältesten von Maritzken, weil ihn nicht eine Sekunde die treibende Furcht verließ, daß er hier unter diesem fremdsprachigen, auf der Lauer liegenden Volke ihr einziger Schutz und ihre letzte Hilfe sei. Wenn er doch nur unauffällig an ihre Seite gelangen könnte, um ihr seine aufkeimenden Bedenken bemerklich zu machen. Allein Johanna weilte in zwangloser Unterhaltung mit dem Fabrikbesitzer Miljutin an demselben Tischchen, das der Student Diamantow vor kurzem verlassen, und an ihren suchenden, manchmal hilflosen Gebärden erkannte Rudolf Bark, wie sie bei dem russischen Kaufmann sicherlich in der ihr nicht ganz geläufigen französischen Sprache allerlei geschäftliche Erkundigungen einzog. Ihr heut leicht gewelltes Blondhaar leuchtete selbst in der dämmrigen Ecke so voll Glanz und hellem Schimmer, ihre Haltung war so frei und dabei doch so stolz und straff, daß den Beobachter plötzlich die fast berauschende Genugtuung durchströmte – eine deutsche Frau!!
Wenn er sie nur erreichen könnte!
Allein Johanna war zu sehr in die praktischen Erläuterungen vertieft, die ihr Herr Miljutin hinter seiner goldenen Brille, ein wenig stockend und schüchtern wie immer, angedeihen ließ, als daß sie auf ihren einzigen wahrhaften Freund in dieser Gesellschaft geachtet hätte. Das Kapitel des Pferdeeinkaufs war bereits zu ihrer Befriedigung abgehandelt worden, jetzt berichtete ihr der Fabrikant voll Stolz von seinen eigenen Erzeugnissen, und daß er auch Decke und Sims des kleinen Billardzimmers mit ganz neuartigen, perlmutterfarbig irisierenden Kacheln ausgelegt hätte:
»Als Borten, mein teures gnädiges Fräulein,« lispelte Herr Miljutin, »sind Goldmajoliken verwandt, und an der Breitseite ist aus lauter kleinen Mosaik-Porzellanstückchen das Bild unseres erhabenen Zaren als Ritter Sankt Georg eingelegt. Ja, es ist ein schönes Werk des Friedens,« murmelte der Fabrikbesitzer mit kaum hörbarem Kummer, und indem er auf seinem verkürzten Fuß einen Schritt voranhinkte, verneigte er sich an der Schwelle und vollführte eine einladende Bewegung. »Sie würden mich außerordentlich ehren, teures Fräulein, wenn Sie meine bescheidenen Leistungen selbst beaugenscheinigen wollten. Bitte, treten Sie ein.«
Demütig hob er den Vorhang, und Johanna nickte zustimmend und schritt über die Schwelle.
Später erinnerte sie sich unausgesetzt jenes Augenblicks. Es war, wie wenn eine Nonne die Zelle des Friedens verläßt, um sich in das ihr unbekannte Getümmel zu verlieren.
V.
Die Portiere schloß sich über den Eintretenden, allein dicht hinter ihr wurzelte Johanna fest. Ihre Hände suchten nach rückwärts die Falten des bunten Vorhanges zu gewinnen, als müsse sie sich um jeden Preis an etwas Irdisches, ihr Gewohntes anklammern. Es war nicht das trauliche und mit wirklich erlesenem Geschmack eingerichtete Gemach, das das erdgebundene Wesen des Landmädchens für eine vorüberschnellende Sekunde so sehr verwirrte, bis es von allem, was sie bisher erlebt, abgelenkt war; es war auch nicht, wie sich Herr Miljutin vielleicht schmeichelte, der merkwürdige Meerglanz der Decke, die unwahrscheinliche, feuchtfunkelnde Strahlen auf sie herabschoß, es war vielmehr die ihrem prosaischen Gemüt vollständig unerklärliche Vorstellung, ein Götterbild oder ein Heros, jedenfalls irgend etwas Übermenschliches verkünde sich ihr unvermutet in ruhiger, selbstverständlicher, beinahe eisiger Schönheit. Aber das war nicht das richtige Wort. Herr im Himmel, sie fand kein anderes, als sie in dem ersten Schrecken, der ihre arbeitsame, unempfindliche Natur anfaßte, dasjenige zu bezeichnen suchte, was ihr so ungeahnt jede Beherrschung raubte. Da lehnte vor ihr an der schweren Mahagonieinfassung des Billards eine wunderbar ebenmäßige Männergestalt, breitschultrig und dabei schlank und wohlgefügt, als wenn ein Künstler den Körper aus Marmor geformt hätte. Nur bizarrer Eigensinn schien die muskulösen und doch jugendlich weichen Glieder mit der eleganten dunkelblauen Dragoneruniform aus feinstem Tuch bekleidet zu haben, um deren Achselbiegung sich ein paar blitzende Silberschnüre herumzogen. Und nun welch ein Haupt!
Johannas Nüchternheit war weit davon entfernt gleich nervösen rasch gewonnenen Genossinnen ihres Geschlechts etwa bei dem ersten Blick in schwärmerischer Anbetung aufzulodern. Nichts dergleichen empfand ihre herbe deutsche Fassung dem völlig neuartigen Bild von Männerschönheit gegenüber, das wie aus dem Himmel gefallen plötzlich vor ihr aufragte. Nur ein ungeheures kindliches Staunen erfüllt sie ganz und gar. Und mit einer namenlosen Bewunderung betrachtete sie das Meisterwerk in einer Andacht, die nicht frei war von künstlerischer Erhebung. Durchaus natürlich fand sie es ferner, daß auch der fremde Offizier in vollkommener Bewegungslosigkeit vor ihr verharrte, und nicht der leiseste Verdacht beschlich sie, der junge strahlende Mann könnte nur deshalb seine lässig angelehnte Stellung so dauernd beibehalten, weil seine großen braunen Augen sich in dem hellen Ährenschimmer ihres Haares verfangen hatten.
Eine Erinnerung peinigte das Landmädchen. Wo hatte sie doch das feine schmale Haupt mit der fast griechischen Nase und den sanft überbräunten Wangen bereits einmal gesehen? Und vor allen Dingen, die wirre Fülle kurzer, brauner Locken, von denen die hohe Stirn trotzig und widerwillig umrahmt wurde, mußte sie ihr nicht den Eindruck verstärken, als wenn das alles ihre Phantasie schon oft beschäftigt hätte?
Und richtig, ein erlösender Blitz riß ihre Befangenheit auseinander. Jetzt wußte sie es. In ihrem Schlafzimmer zu Maritzken hing ein alter, halb verräucherter Buntstich, der die anmutigen und doch nachdenklich-melancholischen Züge des Preußenprinzen Louis Ferdinand wiedergab, des edlen Opfers von Saalfeld. Oh, wie seltsam die schöpferische, vielgestaltige Natur sich wiederholte! Hier saß in jeder Linie derselbe Mensch, bequem und doch voll anerzogener Eleganz auf der Umrahmung des Billards, und ohne daß er ein Wort äußerte, sagten die sanften lächelnden Augen des Offiziers ganz deutlich, daß ihm das große blonde Mädchen eine erfreuliche Erscheinung böte.
»Nur reichlich verwöhnt scheint der vornehme Herr mit den silbernen Achselschnüren zu sein,« dachte die praktische Johanna, die sich plötzlich ihrer Bewunderung mit einem harten Ruck entriß, weil der Offizier ein Lebenszeichen von sich gab, indem er sich gefällig gegen sie verneigte. »Bei uns pflegen sich Militärs zu erheben, wenn sie eine Dame begrüßen. Wozu schlenkert dieser so anhaltend mit den hohen Reiterstiefeln aus Lackleder? Und Himmel, trägt er nicht goldene Sporen? Das muß ein großes Tier sein!«
»Teures Fräulein,« hauchte neben ihr der Fabrikbesitzer Miljutin und rückte viel verschüchterter, als sonst, an seiner goldenen Brille, »bevor ich die Ehre habe, Ihnen das Mosaikbild unseres allergnädigsten Gossudars zu zeigen, erlauben Sie gütigst eine Vorstellung.« Er verbeugte sich tief gegen das Billard, als wäre es viel wichtiger, die Zustimmung des Dragoneroffiziers einzuholen, und fuhr zitternd vor der Bedeutung seines hohen Bekannten fort: »Dies ist Fürst Dimitri Sergewitsch Fergussow von den Petersburger Gardedragonern. Er genoß die Ehre, einer der Adjutanten unseres Zaren gewesen zu sein, den der lebenspendende Christus erhalten möge. Und dieser Herr hier,« sprach Herr Miljutin weiter, nachdem Johanna ihr Haupt stolz und gemessen geneigt hatte, als wollte sie sich selbst durch doppelte Zurückhaltung für ihre anfängliche kindische Fassungslosigkeit bestrafen, »dieser Herr ist Oberst Geschow aus Mariampol.« Und mit einer halb wegwerfenden Handbewegung setzte der Fabrikant noch hinzu: »Ach, richtig –, daß ich es nicht vergesse, dies hier ist Alexander Diamantow, ein Bergbaustudent.«
Die Älteste von Maritzken hatte den Fürsten Fergussow mit Unrecht verdächtigt. Denn während die anderen beiden Herren sich verbeugten, wie man sich eben vor einer eintretenden Dame verneigt, gab der Aristokrat mit einer gewissen Hast seine lässige Stellung auf, ganz wie wenn er für die Zwanglosigkeit, in der man ihn überrascht, lebhaft um Nachsicht zu werben hätte. Und die Art, wie er nun der blonden Deutschen seine Ehrfurcht bewies, ließ auf den ersten Blick erkennen, daß der schöne Mensch seine Erziehung auf dem Parkett des Hofes genossen haben müsse. Ohne das Wort an die Fremde zu richten, trat der Dragoneroffizier höflich zur Seite, um den Ankömmlingen den Weg zum Mosaikbilde freizugeben. Kaum hatte ihm Johanna jedoch den Rücken gekehrt, da folgte ihr ein müder, etwas gleichgültiger Blick, der dann zu dem Obersten und dem Bergbaustudenten herüberglitt und von einem Achselzucken begleitet war. Die Gebärde schien auszudrücken: »Wozu die Unterbrechung?« Trotzdem begaben sich die drei Herren gleichfalls an die Breitseite der Wand, als wollten sie den Eindruck beobachten, den das Mosaikbild auf diese kühle, große Frau hervorbringen würde.
»Eine echte Nemza,« dachte Dimitri Sergewitsch, der direkt hinter dem Mädchen verweilte und auf diese Weise, ohne daß sie es merkte, ganz aus der Nähe ihre reife Blondheit festzustellen vermochte. »Fade,« urteilte der Fürst abschätzend und ohne eine Spur innerer Achtung, »ein grobes, starkknochiges Geschöpf.« Und doch bückte er sich katzenhaft, um dem Mädchen das Taschentuch aufzuheben, das ihr eben aus der Rechten entglitten war. Mit einer formvollendeten, artigen Verneigung, die die äußerste Dienstbeflissenheit verriet, reichte er ihr das Gewebe zurück. »Es ist dick wie ein Scheuertuch,« gestand er sich dabei selbst. »Wie geschmacklos sich die Deutschen kleiden. Nicht einmal ein Tröpfchen Parfüm hat sie angewendet. Fi donc!«
Fürst Fergussow schwärmte nicht für die Blonden. Er schwärmte überhaupt für nichts. Er suchte nur immer. Und der verwöhnte Liebling der Petersburger Salons grübelte manchmal ernsthaft darüber nach, ob das Geschenk des Lebens nicht eigentlich eine gemeine und widersinnige Teufelsgabe wäre. Immer frischer Reizmittel bedurfte man, um diese abspannende, diese zermürbende Gleichgültigkeit stets von neuem aufzurütteln. Und in einer jener Stunden der Lethargie oder der nagenden Selbstzerfleischung, wenn das Daseinsflämmchen verendend zuckte, da war der bewunderte Dimitri Sergewitsch, der Held so vieler Romane, zuletzt in einen Kreis junger Studenten und mittelloser, im Avancement übergegangener Offiziere geraten, die ihre fest geschlossene Vereinigung das »Symposion« nannten. Unter den Symposiasten aber herrschte die Überzeugung, daß man das Leid und die Widerwärtigkeiten des Daseins nicht köstlicher betrügen könne, als durch ein gemeinschaftliches, freiwilliges Ende in voller Kraft und Rüstigkeit. Nachdem man vorher eine Orgie gefeiert, die alle Blüten der Kultur, die giftigen sowohl wie die himmlischen, gleich einem Kranz um die Häupter der Teilnehmer geschlungen. Hier hatte er auch Diamantow getroffen, dessen soziale Hoffnungen wieder einmal gescheitert waren. Der Student war allmählich von der verzweifelten Idee befallen worden, im Grunde fügten die Volkserwecker, die die träumenden Massen aus ihrem Schlafe aufzurütteln versuchten, den Hindämmernden ein schweres Unrecht zu. Denn nur Nichtwissen, Traum und Schlummer machten das Dasein erträglich. Voll zehrender Leidenschaft wurden diese auflösenden Ansichten verkündet, und alles war bereits für die große Orgie vorbereitet, als Fürst Fergussow, und mit ihm gerade die Vornehmsten des Symposions, plötzlich ohne jeden erkennbaren Grund fortblieben, und der Rest durch die Polizei auseinander gesprengt wurde. Keiner der armen Mißleiteten warf Dimitri Sergewitsch indessen etwa Feigheit vor. Dazu war die Tollkühnheit des Gardedragoners in der Hauptstadt zu sehr bekannt, man wußte überdies, daß er erst im letzten Winter ein paar ertrinkenden Kindern in die Eisschollen treibende Newa nachgesprungen sei. Also Feigheit nicht. Die einen meinten, eine sehr, sehr junge Dame aus der höchsten Aristokratie, kaum dem Kindheitsalter entwachsen, hätte seine launenhafte Neigung für ein paar Monate entfacht, und die Erde reiche ihm wiederum ihre heißen Geschenke. Die anderen erzählten gerade das Gegenteil. Bei Hofe, flüsterten sie sich achselzuckend zu, wäre ein wundertätiger Mönch aus einem fernen Kloster erschienen, der die Macht bewiesen hätte, abgeschiedene Geister aus dem Jenseits zu rufen und die Seelen seiner Vertrauten durch inbrünstige Ekstasen in ein höheres Reich der Wonne zu heben. Aber Dimitri Sergewitsch! Man schüttelte den Kopf. Sollte wirklich dieser eiskalte Rationalist zu jenen heiligen Schwärmern gehören?
Warum nicht?
Sein rastlos hin und her zuckendes Gemüt, das immerfort die Farbe wechselte, je nachdem ihn eine neue Laune quälte, es konnte sich gewiß auch heißhungrig in die Abgründe der Mystik stürzen. Freilich nur, um jene Klüfte bald darauf wieder, verächtlich lächelnd, mit dem Spieltisch oder dem Boudoir einer Zirkusreiterin zu vertauschen.
»Kann die Mosaik Ihren Beifall erringen, teures Fräulein?« fragte Herr Miljutin der Ältere noch demütiger als sonst.
Johanna geriet in einige Verlegenheit. Die steifen, eckigen Linien des eingelegten Ritterbildes sagten ihr keineswegs zu. Auch schien ihr der weiche Dulderkopf des regierenden Zaren durchaus nicht unter die eiserne Sturmhaube zu gehören. Aber durfte die Gutsherrin vor den Offizieren des fremden Herrschers eine so absprechende Meinung äußern? Regungslos verharrte sie, und in ihre Wangen stieg die Röte der Unsicherheit.
»Wir haben uns hier bemüht, national-russische Kunst zu geben,« fuhr Herr Miljutin dringender fort, da sich der sanfte Mann darüber aufzuregen schien, weil die Nemza seiner Schöpfung gegenüber so empfindungslos blieb.
Wie unangenehm!
Schon wollte sich das ehrliche Landmädchen mit ihrem geringen Verständnis entschuldigen, als ihr unerwartet eine Hilfe kam, auf die sie niemals gerechnet hatte. Und wie melodiös und schmeichelnd das Organ ihres unverhofften Retters klang! Unwillkürlich wandte sich die hohe Blonde dankbar ihrem Verteidiger zu, und so unverdorben war sie, daß sie hinter diesen bestrickenden Lauten auch eine reine und aufrichtige Seele vermutete.
»Bester Miljutin,« hemmte der Fürst den aufsteigenden Unwillen des Händlers, indem er ihm mit seiner feinen weißen Hand freundschaftlich auf die Achsel klopfte, »muten wir dem gnädigen Fräulein nicht zuviel zu. Unter uns, die Vorliebe für diese Quadrate ist eine Barbarei, die wir unseren byzantinischen Lehrmeistern hätten lassen sollen. Sie können mir glauben, unsere herrschsüchtigen Mönche benutzen die von Totenstarre verkrampften Gelenkpuppen nur, um unseren dummen Bauern Furcht einzuflößen. Kommen Sie, meine Gnädigste,« fuhr er mit seinem liebenswürdigen und freimütigen Lächeln fort, als er bemerkte, wie erleichtert die befangene Deutsche aufatmete, »lassen wir uns hier auf Leo Konstantinowitschs neuem Klubsofa nieder, denn jetzt werden Sie wirklich etwas von russischer Kunst empfangen, worin wir unter den Nationen ziemlich einzig dastehen. Vielleicht, weil den anderen Völkern eine Nachahmung nicht lohnt. Hören Sie? Dort drinnen singt Frau Oberst Geschow ein tatarisches Dorflied. Ah, und sie begleitet sich selbst auf der Balalaika. Wollen Sie mir glauben,« sprach er in seiner zwanglosen und wahrhaft vornehmen Art weiter, »daß ich selbst jenes Instrument in den Abendstunden ein wenig spiele? Es hat so etwas von den reinen Klängen der Kindheit. Und nicht wahr, wir alle retten uns manchmal gern hinüber?«
Heiß und klagend zugleich begann im Nebenzimmer eine dunkle Frauenstimme unauffällig zu singen. Ein eigentümlicher Saitenvierklang, hüpfend und neckisch, tönte dazwischen, als ob das Leben auf die traurige Weise mit einem unbekümmerten Tanz antworte.
»Handelt es sich hier vielleicht um einen Abschied?« fragte Johanna rasch, die den inneren Sinn des Liedes trotz der fremden Worte zu begreifen meinte.
Dimitri Sergewitsch rückte respektvoll etwas näher an sie heran. Und zum erstenmal richtete er seinen sanften Blick gegen die großen blauen Augen des Landfräuleins und fand zu seiner Verwunderung, daß dort drinnen etwas leuchte, ehrlich und bestimmt, was zu der gleichgültigen Dummheit, von der er die Deutsche erfüllt glaubte, nicht recht stimmen wollte.
»Sie haben ganz recht, Gnädigste,« versicherte er in seiner einnehmenden Manier, die ihm so wenig Mühe bereitete, »ich mache Ihnen mein Kompliment, weil Ihnen die Musik scheinbar ihre letzten Geheimnisse entschleiert. Wenn Sie gestatten, möchte ich Ihnen den Text übersetzen. Ein tatarisches Bauernmädchen sitzt im Rahmen eines weinübersponnenen Fensters. Draußen auf der Dorfstraße nimmt ihr Liebster, der mit seiner Schwadron in den Krieg zieht, von ihr Abschied. Und nun fragen sich die beiden jungen Leute im Wechselgesang, was sein wird, wenn wiederum der Wein blüht:
»Ich küsse dich, Anuschka.« »Ich küsse dich, Iwan.« »Was wird sein, wenn wieder der Wein blüht?« »Ja, was wird sein?« »Hochzeitsgeschenke werden kommen, und du wirst nicht an mich denken.« »Ja, Hochzeitsgeschenke werden kommen, aber ich werde an dich denken.« »Denke nicht an mich, denn ein eisernes Vögelchen flog mir ins Herz.«
Drinnen tönten die schwermütigen Strophen fort, immer von der hüpfenden Begleitung durchschlungen und unterbrochen. Der Fürst aber beugte sich vor, als ob er ein Urteil über das heimatliche Lied erwarte. Allein seine Zuhörerin war über das rein Poetische des Gedichtes längst hinweggeeilt. Ihr an das Nächstliegende stets gebundener Sinn stöberte unruhig in den Gedankenverbindungen herum, die durch ein einziges Wort des Textes in ihr erregt waren. – – Krieg! – – Und plötzlich vergaß sie, wer neben ihr saß. Nichts als die weiche und gütige Stimme des Mannes, der sie unterhielt, war in ihrem Ohr haften geblieben. So kam es, daß sie sowohl die fremde, vielleicht feindliche Volksangehörigkeit ihres Nachbarn außer acht ließ, ja, daß ihr sogar sein hoher Rang entglitt. Wie ein bekümmerter Mensch, der bei einem anderen lebenden Wesen Trost sucht, bettete sie ihre Hand ohne jede Absicht auf die Finger des anderen, um rasch und inständigst zu fragen:
»Sie sind mir fremd, aber Sie müssen es wissen, – nicht wahr, es ist doch unmöglich?«
»Was ist unmöglich?« wiederholte der Dragoner sich sammelnd, obwohl er den Sinn ihrer plötzlich ausgestoßenen Bitte recht wohl begriff.
Wie plump die Nemza war! Man bereitete doch einem Unbekannten, den man sicherlich nie wiedersehen würde, nicht derartige Verlegenheiten! Doch während er sich zu ihr wendete, spielte wieder das gewinnende Lächeln des Gesellschaftsmenschen auf seinen klassisch geformten Zügen.
»Was beunruhigt Sie, bestes Fräulein? Kann ich vielleicht Ihre Bedenken zerstreuen? Sie sehen übrigens so aus, als wenn Sie nicht leicht außer Fassung zu bringen wären.«
Da zog Johanna, zur Besinnung gelangend, ihre Hand hastig zurück, raffte sich zusammen und saß wieder so aufrecht und unberührt, den Kopf in den Nacken geworfen, daß den Fürsten ihre steife Haltung innerlich belustigte.
»Sie haben ganz recht,« äußerte sie kalt, und ihr Ton klang so eisig, wie ihn nur die Herrin von Maritzken, sobald sie sich oder andere auf einem Fehler ertappte, anzuwenden pflegte. »Wie kämen Sie dazu, mir Aufschlüsse über etwas zu erteilen, was Ihnen vielleicht dienstlich verboten ist.« Und sich zu Herrn Miljutin kehrend, begann sie mit dem Fabrikbesitzer sich wiederum über geschäftliche Dinge zu unterhalten.
Eingehend erkundigte sie sich bei dem Kaufmann nach dem Preis seiner eigenen Lastpferde.
Ein Pferdegespräch also, auch das noch! Ungläubig lauschte Dimitri Sergewitsch ein paar Sekunden herüber. Dann aber, als sich der schöne junge Mann daran erinnerte, wie unbändig taktlos es wäre, eine Unterhaltung so schneidend und kurz abzubrechen, namentlich ihm, dem stets Höflichen gegenüber, da glitt er fast unhörbar empor und gedachte sich mit einer seiner anmutigen Verneigungen durch den Vorhang in das Nebenzimmer zu begeben, um Maria Geschowa ein paar Lobeserhebungen über ihren Gesang zu Füßen zu legen. –
Da geschah etwas.
Ganz unvermutet und gegen seinen Willen wurzelte er dicht an dem Platz, wo Johanna saß, fest, so daß sich ihre Gewänder beinahe berührten.
Was war das?
An der schmalen Seitenwand des Zimmers öffnete sich eine niedrige Tür, und auf dem Vorplatz, der mit ein paar Steinstufen auf den Hof herunterleitete, nahm man eine russische Ordonnanz wahr, die einen Brief oder eine Depesche in der Hand hielt. Mehrere Offiziere umgaben den Soldaten, ein halblautes Summen und gedämpfte Rufe schlugen von draußen herein.
Johanna griff fest in die Seitenlehne des Klubsofas. Ihr heller Verstand verriet ihr auf der Stelle, dort auf dem Vorhof spiele sich nichts Gleichgültiges ab, nein, daß der Bote vielmehr eine Entscheidung brächte. In das Dunkel, das sie alle umgab, wurde sicherlich in diesem Augenblick eine Fackel geschleudert, in der nächsten Minute konnte bereits ein wütender Brand auflodern, wilde Glut mußte Weg und Zukunft erhellen. Nicht um einen Schlag pochte das Herz der Landtochter schneller. Die Gewißheit war stets ihre treueste Bundesgenossin. Und nur ein einziger Gedanke riß klar und blendend durch ihr Bewußtsein.
Fort!
Gab es für sie und die Schwestern, die in ihrer Hut standen, noch einen Rückweg? Das unerschütterliche Vertrauen auf die Standhaftigkeit des weißen Friedenstempels, unter dessen glattem Marmordach ihr ganzes Leben verflossen, es war eine Torheit gewesen. Ihre Augen starrten unausgesetzt auf den offenen Durchgang. Nicht der kleinste Zug in den aufgeregten Mienen der Männer dort draußen entging ihr. Ihr war es, als verstände sie plötzlich jede Silbe der fremden Worte, die da so rasch und kurz wie Flintenkugeln durcheinanderflogen.
Kein Zweifel, das Fürchterliche war da!
Und alles, was nun geschah, wirrte wie Schattenbilder um sie her. Fast lautlos und unhörbar vorübergleitend.
Stürzte nicht der Bergbaustudent Alexander Diamantow auf den Flur hinaus, um die schmale Tür sofort hinter sich zu schließen? Eine plötzliche Stille trat ein. Auch in das Nebenzimmer mußte bereits die geheimnisvolle Kunde gedrungen sein, denn auch dort war jeder Laut erstorben. Man hörte nur das leise Klirren der Teetasse, die in der Hand der Gouverneurin zitterte. Gleich verwunschenen Traumfiguren, leblos, keiner Bewegung mächtig, verharrten die Männer in Johannas Umgebung.
Und dann – die Tür flog auf, – weiß wie ein Blatt Papier überreichte der Bergbaustudent dem Obersten Geschow ein geschlossenes Formular. Johanna sah, wie sich die breite Brust des untersetzten Obersten gewaltsam hob. Die gutmütigen grauen Augen des Mannes schlossen sich für eine Sekunde, und seine fleischige Rechte strich schwerfällig über die kurz geschorenen weißen Haare. Im nächsten Moment freilich stieß er einen unverständlichen Ruf aus, brach zitternd vor Aufregung das Schreiben auseinander, und während er sich damit vorgebeugten Hauptes gegen das Fenster wandte, wehrte er es den anderen nicht, ihm in atemloser Spannung über die Schultern zu blicken. Ein starkes Atmen ging durch den Raum.
Gleich darauf kehrte sich der Oberst zurück. Mit einer straffen Bewegung steckte er sich das Formular in den Ärmelaufschlag, nickte kurz und warf ein einziges Wort hin. Es pfiff wie ein Säbelhieb. In den Augen des Kommandeurs aber funkelte ein seltsames Leuchten.
Da – vom Hof schallte ein hundertstimmiger Schrei herein. Taumel, Ekstase, Rachegier oder ein allgemeines begeisterungstrunkenes Gelöbnis mischte sich in dem langen, die Brust befreienden Aufbrüllen. Oberst Geschow jedoch, der fast schon unter dem Vorhang weilte, warf energisch die Rechte zurück, als erteile er den gemessenen Befehl, daß seine Untergebenen derartige Kundgebungen sofort zu unterdrücken hätten, und ohne Verzug eilte die Mehrzahl der Offiziere auf den Hof hinaus. Der Rest folgte seinem Kommandeur in das Gesellschaftszimmer, und bald befand sich die Fremde, die man vergessen hatte, allein.
Nein, nicht allein.
Langsam kehrte das Leben in die Glieder des Fürsten Fergussow zurück. Er war es, der einzig von allen anderen noch immer neben der Fremden weilte, und sie sah nun wie der junge Mann aus seinem tiefen Nachdenken zu erwachen schien. Keine Muskel regte sich in dem reinen kalten Antlitz, als er jetzt ernst seine sanften braunen Augen auf die Deutsche richtete. Dann verneigte er sich vor ihr ganz in der Art eines großen Herrn.
»Meine Gnädigste,« sagte er zuvorkommend, »Oberst Geschow hat zweifellos im Drang seiner Geschäfte Ihnen gegenüber eine Pflicht verabsäumt. Es kann ihm nur angenehm sein, wenn ich sie an seiner Statt erfülle.«
Noch hatte der Fürst nicht ganz geendet, als hinter dem Vorhang die laute Stimme des Hausherrn, des Rittmeisters Sassin, in ihr gewöhnliches polterndes Lachen ausbrach. Augenscheinlich galten seine Beruhigungen den fremden Gästen, die gewiß durch das zuletzt Erlebte einem hemmungslosen Schrecken verfallen waren.
»Aber meine Damen,« hörten die beiden Lauschenden das vollsaftige Organ des Rittmeisters schmettern, »mein bester Freund Rudolf Bark, welch unnötige Aufregung! Eine dienstliche Depesche wie hundert andere. Nicht der geringste Grund, um darüber nachzudenken. Wie? Aufzubrechen wünschen Sie? Das dulde ich unter keinen Umständen. Das leide ich einfach nicht. Das Ganze war hier als ein kleiner thé dansant gedacht. Jede Minute müssen die Spielleute unseres Regiments eintreffen. Nein, um dieses Vergnügen lasse ich uns nicht bringen. Sie befinden sich unter Freunden, nicht wahr, Oberst Geschow?«
In dem Billardzimmer jedoch zog Fürst Fergussow die Augenbrauen zusammen.
»Ich weiß nicht, mein Fräulein,« äußerte er rasch zu seiner Gefährtin, die ihm nun in ihrer ganzen Größe gegenüber ragte, »warum Leo Konstantinowitsch so Widersinniges redet. Ich hoffe, es geschieht, um Ihre Furcht nicht noch zu vermehren. Aber wie gesagt, ich glaube Ihnen die Wahrheit schuldig zu sein. Hören Sie also: Soeben erfuhren wir, daß Ihre Regierung an die unsrige ein Ultimatum richtete. Es läuft in zweiundsiebzig Stunden ab.«
»Ist das der Krieg?« fragte Johanna ruhig.
Dimitri Sergewitsch zuckte die Achseln.
»Wer weiß das?« gab er knapp zurück. »Wir Frontoffiziere vermögen derartiges am wenigsten zu beurteilen. Aber auf die Gefahr hin, uns Ihrer Gegenwart zu berauben, möchte ich Sie doch bitten, sich sofort in Ihre Heimat zurückzubegeben.«
»Hörten Sie nicht,« warf Johanna mit ihrer gewohnten Umsicht ein, »daß Ihr Freund, der Rittmeister Sassin, uns nicht fortzulassen wünscht?«
»Das kann nur ein Scherz sein,« erwiderte der Aristokrat sich aufrichtend, und in diesem Moment sah man, wie kräftig die Muskeln in seinen schlanken Gliedern spielten. Er schlug den Vorhang zurück, um seine Gefährtin in das Gesellschaftszimmer vorantreten zu lassen, und seine einschmeichelnde Stimme nahm einen Klang an, der vollständig von der Gewohnheit des Befehlens beherrscht war. »Leo Konstantinowitsch,« rief er laut, »wir alle bedauern es lebhaft mit Ihnen, weil die Zeit für unsere deutschen Gäste abgelaufen ist. Die Herrschaften wünschen sich zu Fuß bis zu der Brücke zu begeben, und Sie werden die Güte haben, dafür Sorge zu tragen, Herr Kamerad, daß der den Damen gehörige Wagen ihnen sofort folgt.«
»Das leide ich nicht,« knurrte Sassin plötzlich händelsüchtig, und eine rote Blutwelle schoß ihm in die Stirn. »Wozu das alles? Auf der Straße treibt sich jetzt ohnehin allerlei Fabrikarbeitervolk herum, die Damen könnten nur Unannehmlichkeiten erfahren.«
»Es ist vernünftig, Leo Konstantinowitsch, daß Sie darauf aufmerksam machen,« entgegnete Fürst Fergussow, obwohl er ihn keines Blickes würdigte. »Aber ich selbst werde die Ehre haben, die Damen sowie den fremden Herrn bis an die Brücke zu geleiten.«
»Ah, Sie selbst, Durchlaucht,« murmelte der Hausherr erstickt.
»Sie gestatten, daß ich mich Ihnen anschließe,« erbot sich Oberst Geschow. »Ich vermute, daß besondere Brückenbefehle ausgegeben sind, und ich wünsche, daß unsere Gäste ohne Belästigung hinüber gelangen.«
Die Gesellschaft sprach laut durcheinander. Jeder suchte sich und die übrigen davon zu überzeugen, daß all die gewünschten Vorsichtsmaßregeln völlig grundlos wären, weil sich bei der bekannten Friedensliebe und Gutmütigkeit des slavischen Volkes niemals etwas Ernstliches ereignen würde.
»Wie können in einem Staate, der sich so langsam emporarbeitet, überhaupt jemals solche das Volksvermögen zerrüttende Gedanken auftauchen,« ächzte der Gouverneur Bobscheff, indem er, schlau mit den Augen zwinkernd, seinen Hals weit über die übrigen erhob. »Man wird einen Ausweg finden. Auf Auswegen beruht die ganze Politik.«
»Hören Sie es?« machte Tatiana, die Heroldin seines Ruhmes, aufmerksam. »Mein Gatte verwirft aus nationalökonomischen Bedenken jede kriegerische Auseinandersetzung.«
»Leben Sie wohl, Rudolf Bark,« so schritt unbekümmert um die betroffenen Mienen der anderen die dunkle Tatarin mitten durch den ausweichenden Kreis hindurch und auf den Kaufmann zu, der wie eine Schutzwehr für seine bereits in der Diele befindlichen Damen, noch auf der Schwelle verharrte. Und einer sie durchströmenden Scham nachgebend, streckte Maria Geschowa dem Konsul warm die Hand entgegen. »Sie wissen jetzt,« sagte sie ganz laut, als ob sie wünsche, daß es die anderen auffangen sollten, »Sie wissen jetzt, warum es hier manche Heimlichkeiten gab. Aber das, was ich Ihnen jetzt sage, das können Sie mir ehrlich und ohne Mißtrauen glauben. Ich wünsche von Herzen, daß die uns noch zur Überlegung gegönnten drei Tage eine blutige Entscheidung abwenden möchten. Denn gleich mir, so gibt es hier unter uns viele,« setzte sie mit erhobener Stimme hinzu, als sie das eisige Schweigen der Umstehenden bemerkte, »viele gibt es hier, die nichts so widersinnig, ekelerregend und hündisch finden, als das bewußte Zerfleischen von Geschöpfen, die sich Menschen nennen. Pfui, möchte es nie dazu kommen!«
»Du hast recht, Maria,« pflichtete nach einer Pause des bedrückten Schweigens der Gatte der Tatarin, Oberst Geschow, sehr ernsthaft bei und streichelte der erregten Frau billigend und respektvoll über den Arm. »Hoffen wir, daß das Menschengeschlecht diesen Schritt nach unten nicht zu wagen braucht; denn nach abwärts wird der Weg führen.«
In diesem Augenblick öffnete Fürst Fergussow die äußere Tür, und das Licht des funkelnden Sommertages flutete üppig und hell auf all die ängstlich zusammengedrängten Menschenköpfe, die ahnungsvoll nach dem fernen Grollen des Weltenschicksals hinaushorchten.
In wenigen Minuten hatte man den Brückenkopf erreicht. Und doch war es den durch den schwarzen kotigen Kohlenstaub dahineilenden Mädchen gewesen, als ob sie sich durch andrängende Jahre hätten hindurcharbeiten müssen. Das rußige Erdreich besudelte ihre hellen Schuhe, die offenen Mäntel flatterten unordentlich hinter ihnen her: Ganz gleich, nur den Ort erreichen, von wo man die Heimat sehen konnte, die sichere, die schützende.
Da – gottlob – da gewahrte man schon den schmalen Fluß, man sah die langen Kohlenkähne, vor denen die Ablader nun beschäftigungslos herumlungerten. Und jetzt, – war das nicht das Getrappel vieler Pferde, das da hinten von der hölzernen Brücke herüberpolterte? Noch ein paar Schritte, und die dunkelblauen Uniformen einer Reiterabteilung wurden sichtbar, die auf unruhigen Pferden dicht vor dem Brückeneingang hielt. Die gezogenen Säbel blitzten im Licht des Spätnachmittags.
»Großer Gott,« fuhr Isa auf, während sie die Hand ihrer ältesten Schwester, die ruhig und aufgerichtet wie immer neben ihr herschritt, in heftiger Bestürzung umklammerte, »was bedeutet das? Hans, ob man uns hier gewaltsam zurückzuhalten gedenkt?«
Über das marmorweiße Antlitz der Großen huschte ein mattes Lächeln. Und doch richtete sie ihre Augen auskunftheischend auf den Fürsten Fergussow, der mit seinem leichten, federnden Gang an ihrer Seite geblieben war. Sofort nickte der Aristokrat verständnisvoll und trat rasch an den jungen Zugführer heran, der grüßend seinen Degen vor dem Offizier in der blitzenden Uniform senkte. Ein paar schnelle, den anderen unverständliche Worte wurden gewechselt. Gleich darauf parierte der Dragonerleutnant seinen Braunen und rief etwas mit lauter Stimme über die Brücke. Gehorsam traten auf den Anruf die beiden Grenzsoldaten dicht an das Wachthäuschen heran und gaben die Durchfahrt frei.
Da meldete sich ein fernes Rollen. Im Galopp kam der Landauer des Konsuls über den Marktplatz gerasselt, und schon von weitem erkannte man, daß der Rittmeister Sassin selbst das Gespann lenkte. Mit klatschenden Peitschenschlägen trieb er die Pferde die steile Straße hinan. Kaum hatte er die Brücke erreicht, als er auch schon dem deutschen Kutscher die Zügel zuwarf und klirrend herabsprang. Unter beständigem betrübten Kopfschütteln, und während er sich unausgesetzt den starrenden rotblonden Schnurrbart strich, schritt die mächtige Gestalt bis mitten auf den Holzweg, wo sich der Konsul, sowie seine Schutzbefohlenen, soeben von ihren russischen Begleitern verabschiedeten. Laut dröhnte die metallische Stimme des Rittmeisters zwischen die letzten höflichen Worte der Scheidenden.
»Rudolf Bark, mein teurer Freund, meine gnädigsten Damen, welch ein Malheur, welch ein lächerliches Mißverständnis! Nie werde ich wahnsinnigen Zeitungsschreibern, die an allem schuld sind, vergeben, was sie an mir verbrochen haben. Einen der schönsten Tage meines Lebens haben mir die elenden Narren gestohlen. Es ist unbegreiflich, Rudolf Bark, wie auch Ihre bekannte Kaltblütigkeit sich von solchem Geschwätz beirren lassen kann.«
Der Konsul hatte die Mädchen erst über die hölzerne Schwelle geführt, welche die Grenze der beiden mächtigen Reiche bildete. So merkwürdige Vorstellungen nisten in den Köpfen auch kluger Menschen, daß der Kaufmann seine Begleiterinnen erst völlig geschützt wähnte, als sie hinter dieser eingebildeten Schranke weilten. Er selbst aber trat noch einmal zurück, nicht nur um seinen Wagen herbeizuwinken, sondern auch in der Absicht, das Gebaren seines bisherigen Gastgebers, das er deutlich durchschaute, durch ein paar derbe und offene Worte vor den anderen bloßzustellen. Aber wie erstaunte er, als er merkte, daß diese Aufgabe bereits von dem vornehmen Offizier aus Petersburg übernommen sei. Lässig lehnte Dimitri Sergewitsch an dem Brückengeländer, nur eine heftige Kopfbewegung verriet, wie widerlich und unanständig ihn das unaufrichtige Verhalten des Kameraden anmutete.
»Leo Konstantinowitsch,« bemerkte er kurz, »Sie mögen gewiß Gründe haben, die gegenwärtige Lage so optimistisch zu beurteilen. Mich selbst aber, und wie ich glaube auch den Herrn Obersten, befriedigt es ungemein, weil wir die deutschen Herrschaften in dieser gespannten Zeit dort wissen, wohin sie gehören.« Und sich noch einmal, ohne die anderen zu beachten, direkt vor Johanna verbeugend, rief er noch hinüber: »Kommen Sie gut nach Hause, mein gnädigstes Fräulein; nein bitte, keinen Dank. Was hier geschehen ist, würde jeder andere genau so verrichtet haben. Übrigens – hier kommt Ihr Wagen. Und nun guten Abend.«
Ein kurzes Gedränge entstand, hastig schlüpften die Mädchen durch den Schlag, der Konsul zog noch einmal den Hut vor dem salutierenden Obersten, und fort rollte der deutsche Wagen der Heimat zu.
Ungefährdet.
Im Lichte der Abendsonne aber lehnte Fürst Fergussow, so lange er das Gefährt noch verfolgen konnte, an dem Brückengeländer. Er hatte sich eine Zigarette entzündet, und die weißen Wolken ringelten sich fröhlich in den matter werdenden Himmel.
Wie anders sah das Land aus, in das der deutsche Wagen auf seinen prallen Gummireifen hereinrollte, als dasjenige, das seine Insassen eben von Grauen geschüttelt, verlassen hatten. Dort ein wüstes schmutziges Durcheinander, grundlose, ungepflasterte Straßen, baufällige Häuser, und eine Stadt, die von der segensreichen Tochter des Himmels, der Ordnung, nie durchschritten war. Und hier, kaum daß man den schwarz-weißen Grenzpfahl passiert, dem man zum erstenmal im Leben wie einem alten schutzbereiten Wächter aufatmend zugenickt hatte, hier empfing die Heimkehrenden eine glatte Chaussee aus blauweißen Steinchen, sauber gekehrt und auf beiden Seiten besetzt von buschigen Kirschbäumen, die bereits der Frucht zustrebten.
Gleich vor dem ersten Bauerngehöft stand neben den in der Abendsonne blitzenden Glaskugeln des Vorgärtchens eine hochgewachsene blonde Frau, auf dem Arm ihr Töchterchen tragend. Sie rief etwas in das Haus hinein, als sie den herannahenden Wagen gewahrte. Auf den weithallenden Schrei trat sofort ein Mann in Lederhosen und Hemdsärmeln aus der Tür, schnallte sich den Gurt etwas fester, strich sich die düster-blonden Haare aus der gebräunten Stirn und schritt dann dem heranrollenden Gefährt entgegen.
Der Konsul beugte sich in seinem weißen Mantel hinaus. Er erinnerte sich nicht, den jungen Bauern, der offenbar ein Anliegen hatte, jemals gesehen zu haben. Und doch beherrschte ihn die merkwürdige Empfindung, daß es jetzt notwendig und angebracht sei, jedem Landsmann Rede und Antwort zu stehen.
»Guten Abend, Herr Konsul Bark,« begann der Bauer, indem er freimütig grüßend an den Schlag herantrat; und sich gewissermaßen vorstellend, fuhr er fort: »Ich kaufe schon seit langem meinen Kram bei Ihnen dort drinnen. Aber deswegen halte ich Sie nicht fest. Ich bin hier Gemeindevorsteher, und die Nachricht ist eben bei mir eingelaufen. Sie kommen von drüben, Herr Konsul, und da wollte ich fragen, ob wir uns wirklich fertig machen müssen.«
Als er dies sprach, reckte sich die gedrungene Gestalt des Mannes und kehrte sich halb gegen Osten, als ob er irgend etwas von dort Andrängendem den Weg sperren müsse. Der Konsul aber reichte ihm rasch die Hand heraus und bestätigte mit einem leisen Seufzer:
»Ja, ja, ich fürchte es steht schlimm, Herr Gemeindevorsteher.«
»Schlimm?« wiederholte der andere erstaunt, und in seine braunen Augen drang ein seltsames Flimmern, »ich stand dort drinnen als Sergeant bei der Artillerie, Herr Konsul, und ich denke, wir werden auch ein Wort mitzureden haben. I wo, ich will uns nicht loben, aber wir werden uns nicht lumpen lassen, Herr Konsul.«
Es lag etwas so Frisches, Selbstverständliches in der Überzeugung dieses gedienten Soldaten, daß seine Zuhörer wie von einem heißen, belebenden Trank durchrieselt wurden.
»So ist es,« stimmte Johanna zu, innerlich beglückt, nach all dem französischen Parlieren wieder die derben heimatlichen Laute zu vernehmen, »wenn wir fest zusammenhalten, kann uns nichts geschehen.«
Der Landmann aber schüttelte ganz verblüfft das unbedeckte Haupt. Er schien den Sinn der Anrede durchaus nicht zu begreifen.
»Zusammenhalten?« wiederholte er langsam und prüfend. »Aber das ist doch selbstverständlich, Fräulein, – Ehrensache. Ne, da kennen Sie uns nicht, die Sache wird gemacht.«
»Das meine ich auch,« nickte die Älteste von Maritzken, in deren Seele sich die alte trotzige Widerstandskraft erhob.
»Und was wird aus Ihrer Wirtschaft?« warf der Konsul dazwischen, »aus Frau und Kindern?«
»Ja, deswegen ist bereits vom Landratsamt telephoniert worden. Die Wirtschaft muß ich vorläufig sich selbst überlassen,« meinte der Mann stirnrunzelnd, »aber alles, was Beine hat, das bringe ich morgen in die Stadt. Dort spreche ich mal vor, Herr Konsul.«
»Ja, tun Sie das,« ermunterte der Herr des Goldenen Bechers so freundschaftlich, als ob er den einfachen Menschen schon seit vielen Jahren kennen würde. »Ich werde mich freuen, Sie gesund wiederzusehen. Vorwärts, Johann.«
Und als das Gefährt bereits an dem kleinen Gärtchen mit den bunten Glaskugeln vorüberrollte, da sah Isa, die sich zurückwendete, wie der Mann in den Lederhosen noch immer mitten auf der Landstraße weilte, das Haupt gen Osten gekehrt und das rechte Bein trotzig gegen die Muttererde vorgestemmt.
»Die Sache wird gemacht,« klang es Johanna durch den befreiten Sinn.
Weiter ging es.
Bald hatten sie den winzigen Marktflecken Schorweiten erreicht, der nur aus einer einzigen langgezogenen Gasse bestand mit einer windschiefen Einbuchtung für das kleine niedrige Holzkirchlein. Grünmoosig hing das Rohrdach fast bis zur Erde herab. Hier hielt ein berittener Gendarm und erteilte, tief von seinem Roß herabgebeugt, den ihn umringenden Landbewohnern bereitwilligst jede gewünschte Auskunft. Vor der Kirchenschwelle aber stand eine kleine Schar von Buben und flachsköpfigen Mädchen. Sie trugen Papierhelme auf den Häuptern, und der kleinste von ihnen schwenkte eine deutsche Kinderfahne in den Händen. Lustig flatterte das Schwarz-weiß-rot in dem Abendwind, der von dem nahen Landsee herüberstrich. Und da hörten die im Schritt Vorbeifahrenden zum erstenmal jenes Lied, das seit langer Zeit Bedeutung und Sinn für sie verloren hatte, und das ihnen jetzt mit der brausenden Gewalt eines Orkans ans Herz fuhr. Aus Kindermund schallte es zu ihnen hin, silberrein und doch trotzig und voll werdender Mannheit:
»Lieb Vaterland magst ruhig sein, Fest steht und treu die Wacht am Rhein.«
Da konnte sich Johanna nicht länger zurückhalten. Eine Leidenschaft stieg in ihr auf, von der sie selbst nie geahnt hatte, daß sie in der kühlen Geschäftigkeit ihrer Tage noch nicht untergegangen wäre. Aber der Anblick der ruhigen, auf alles gefaßten Landbewohner, der singenden Kinder und der kleinen strohgedeckten Häuschen, über die sich der friedliche Abend herabsenkte, das alles zusammen überwältigte sie. Mit einer starken verbündenden Bewegung streckte sie dem Konsul, dessen Augen gleichfalls ernsthaft, fast liebevoll, auf den fremden Leuten dort draußen ruhten, die Hand entgegen, um gleich darauf die weinende Isa fest an ihre Brust zu raffen, von wo der schluchzende Rotkopf sich nicht mehr erhob. Nur Marianne saß daneben und lächelte. Sie war furchtlos. Ja, die seltsam schmerzhafte Aufregung tat ihr wohl. Aber das Ungeheuerliche, das in diesen Augenblicken aus der ruhigen Heimaterde vor ihr aufstieg, der gerüstete Riese, in den ein ganzes Volk zusammenwuchs, und der nun schwerfällig, treuherzige Lieder singend, zur Landesgrenze wandelte, er blieb den geistigen Blicken der eleganten Dame verborgen. Ihn erkannte sie nicht. Die vergangene Zeit mit ihren fremden Lüsten und Eitelkeiten ließ sie nicht los. Dazu war ihr kleines unbedeutendes Frauenschicksal der Gefallsüchtigkeit und Freudegierigen zu weit überschattend vor alles Geschehen der Umwelt gewachsen.
Dicht hinter dem Dorfteich setzte sich der Wagen in schnellere Bewegung. Fern aus dem graublauen Dämmer des Abends stiegen bereits zerfließend und verschwimmend die Linien der hohen Kirche auf, deren Schatten sie zustrebten. Ein kühlerer Luftzug wehte erfrischend über die Felder.
Da klang über die Chaussee harter Hufschlag. Kurz und regelmäßig, wie von einem gut galoppierenden Pferde. Und ehe die aufgestörten Reisenden, die jetzt auf jedes ihnen sonst gleichgültige Geräusch achteten, noch ihre Meinung über den Herannahenden austauschen konnten, da schwenkte der eilige Reiter schon ganz dicht um die nächste Wegbiegung.
»Ein Soldat,« sagte der sich herausbeugende Konsul.
»Fritz Harder,« rief Marianne zum erstenmal lebhaft dazwischen, und im gleichen Moment fühlte sie, wie die Augen ihrer ältesten Schwester mahnend und dringend auf ihrem Antlitz ruhten.
Aber sie hielt den ernsten Blick, der immer finsterer wurde, mit ihrer gewohnten überlegenen Lässigkeit aus. Ja, in ihr prickelte das Gefühl des Wichtigen und des Begehrenswerten so angenehm und erregend, daß es ihr vor allen Dingen darauf ankam, den seidenen Mantel kleidsam um sich zu werfen und die weißen Handschuhe etwas höher über den Arm zu streifen. Was galt ihr das in Fieberschauern zitternde Vaterland, wenn sie an die ihr eigene geheimnisvolle Macht dachte?
»Guten Abend, Herr Leutnant,« rief der Konsul, der aufgesprungen war, aus dem Wagen, »so spät noch im Dienst?«
Der Reiter zog die Zügel an, das Pferd stieg ein wenig, und an der Art, wie es seinen Herrn hin und hin schleuderte, da erkannte Marianne – selbst eine Meisterin im Sattel – daß der Infanterist auf diesem Gebiete seine Lorbeeren nicht zu suchen schien.
»Nicht im Dienst,« schöpfte Fritz Harder nach dem harten Ritt Luft, und während er die Hand hastig zum Gruß an die Mütze führte, beugte er sich vor und ergriff in voller Erregung die Rechte Johannas. Aber seine Augen hingen unausgesetzt an dem gleichmäßig lächelnden Antlitz seiner Geliebten. »Ich hörte heute vormittag,« keuchte er noch immer atemlos, »von Ihrer Fahrt über die Grenze, und da wollte ich mich unter allen Umständen nach Ihnen umsehen. Sie wissen doch, was hier inzwischen geschah?«
»Ja,« entgegnete Johanna, warm berührt von der Herzensangst des jungen Mannes, indem sie kräftig seinen vertraulichen Handdruck erwiderte. »Wir wissen es und danken Gott dafür, daß wir wieder im Lande sind. Es war eine in dieser Zeit etwas absonderliche Unternehmung,« setzte sie mit einem Blick auf Konsul Bark hinzu. »Wie steht es in der Stadt, lieber Harder?«
Der Reiter hatte sein Pferd an die andere Seite des Wagens herangeschwenkt und begrüßte nun Marianne, die den weiß behandschuhten Arm hob, als ob sie einen Handkuß erwarte. Allein merkwürdig, auch der junge Offizier schien gänzlich von dem drängenden Ernst der Stunde erfüllt. Er bemerkte ihre auffordernde Bewegung gar nicht, sondern berichtete, dicht neben dem Schlag reitend, in seinem jagenden Tone weiter:
»Meine Damen, ich bin leider für Sie der Überbringer einer unangenehmen Botschaft. Nein, nein, es ist nichts Ernstliches,« beruhigte er sofort, als er sah, wie sich Isa erschreckt zu ihm herumwarf, »nur die Chaussee nach Maritzken ist für heute nacht durch unsere Pioniere gesperrt.«
»Ja, aber um Himmels willen, warum denn?« fuhr Johanna auf.
»Gott, es werden dort allerlei Ehrenpforten für den Empfang der Herren von dort drüben gebaut, wenn sie etwa den Besuch der Damen zu erwidern gedenken. Die Herrschaften werden für heute mit ein paar Hotelzimmern vorlieb nehmen müssen. Und ich bitte jetzt bereits um Vergebung, weil ich mir erlaubt habe, diese Räume für Sie im ›Deutschen Hause‹ belegen zu lassen, denn der Andrang war heute nachmittag ein sehr großer.«
»Wie zartfühlend und freundschaftlich von Ihnen, lieber Herr Leutnant,« sagte Johanna dankbar. »Wir machen natürlich von Ihrer gütigen Bestellung Gebrauch.« Und in ihrer Seele legte sie sich wieder prüfend die Frage vor: »Ob meine Schwester Marianne auch einen solchen Mann verdient? Und ob sie das Gemüt und das Innenleben eines solch Nachdenklichen zu würdigen weiß?«
Ehe sie sich jedoch hierüber die bang zurückgehaltene Antwort erteilen konnte, da wandte sich jetzt der junge Offizier direkt an sie selbst, und sein dunkles, ernstes Antlitz nahm den Ausdruck der offenen Sorge an.
»Liebes gnädiges Fräulein,« bat er, »Sie müssen mir auch ein anderes Anliegen nicht übel deuten. Die Verhältnisse haben sich leider so geändert, daß auf eine günstige Wendung, an die wir ja alle noch heute vormittag glaubten, kaum gerechnet werden darf. Und da wir waffenfähigen Männer binnen kurzem nicht mehr hier weilen werden, so ist es für mich und gewiß für viele andere,« setzte er in Beziehung auf den Konsul hinzu, »ein unerträglicher Gedanke, Sie dort draußen auf Ihrem einsamen Gute ohne rechten Schutz zu wissen. Nicht wahr, ich darf mich doch der Hoffnung hingeben, daß die Damen ihren Aufenthalt in der Stadt so lange ausdehnen, bis die nötige Sicherheit von uns geschaffen wurde? Darin verrechne ich mich doch hoffentlich nicht?«
»Ja, Hans,« drängte jetzt auch Konsul Bark auf die Älteste von Maritzken ein, und der spöttische Gesellschaftston des Lebemannes war wie weggewischt, »der Bitte unseres Freundes schließe ich mich auf das dringendste an. In einer solchen Zeit, liebes Kind,« entfuhr es ihm achtlos, ohne daß er die zärtliche Benennung zu verdecken suchte, »müßten ja eigentlich all die lächerlichen Bedenklichkeiten zum Teufel fahren. Mein ganzes Haus steht leer. Ich besitze so viele Zimmer, daß ich ein Regiment unterbringen könnte. Wäre es nicht das Allernatürlichste – –«
»Nein,« schnitt die große Blonde mit aller Bestimmtheit ab, »das verstehen Sie nicht, lieber Konsul.« Und leiser fügte sie an: »Sie sind vielleicht allein daran schuld, daß ich Ihr freundliches Angebot für meine Schwestern nicht akzeptieren kann. Ich selbst komme ja gar nicht in Betracht.«
»Sie selbst nicht?« fragte der Kaufmann mit einem Schatten von Mißfallen, das der lebhaft aufhorchenden Isa nicht entging.
»Nein,« beendete die Gutsherrin das Gespräch in der ihr eigenen entschlossenen Weise, »lieber Freund, Sie wissen ja, wie das gemeint ist, wir wollen keinen unnötigen Streit darauf verwenden. Nein,« wiederholte sie völlig entschieden, »ich selbst kehre morgen auf das Gut zurück, um dort alle Anordnungen zu treffen, die jetzt gewiß sehr nötig werden. Aber über den ferneren Verbleib meiner Schwestern werde ich gern mit Ihnen beraten.«
»Schön, Hans,« erklärte sich der Konsul, der seine Fassung gewaltsam zurückzwang, in einem nicht ganz frei klingenden Gelächter zufrieden. »Und hier,« machte er abschweifend seine Schutzbefohlenen aufmerksam, »fahren wir bereits über die ersten holprigen Straßen. Merken Sie die Stöße? Weiß Gott, niemals sind sie mir so vertraut und gemütlich vorgekommen, als heute, seit wir aus dem gottverfluchten Polackennest – na ja, über dies und vieles andere unterhalten wir uns bei dem berühmten Fischgericht im ›Deutschen Hause‹ eingehender. Sie werden mich des Vergnügens nicht berauben, lieber Hans, die Mitglieder meiner Expedition noch einmal an dem runden Tisch zu vereinigen. Wer weiß, wann wir wieder so nach altväterlicher Sitte beieinander sitzen werden! – Langsam, Johann, langsam.«
Und die Mahnung an den Kutscher war berechtigt. In den schmalen, schon von den Abendschatten verhängten Gassen der ernsthaften Handelsstadt wogte das Volk durcheinander. Überall Gedränge, überall schwarze Massen auf Fahrdamm und Trottoiren. In den matt erleuchteten Läden lauter Disput.
Und dann – ein merkliches Strömen und Schieben nach der Gegend der zweistöckigen grauen Häuser hin, wo die öffentliche Meinung des Platzes gemacht wurde, – nach den Zeitungen. An der schwarzen Tafel des Kreisanzeigers ein riesiges weißes Plakat mit Blaustift beschrieben: »Deutsches Ultimatum an die russische Regierung«. Und nun, je näher man dem Markt zustrebte, ein dumpfes Schwellen und Brausen, das manchmal sich zu einem rastlos wirbelnden Trommelschlag verminderte, manchmal aber auch dem Dröhnen und Toben stürzender Wellen verglichen werden konnte.
»Horch, sie singen,« sagte Isa erschauernd.
»Lieb Vaterland magst ruhig sein, Fest steht und treu die Wacht am Rhein.«
»Ist das nicht erhaben?« fragte Fritz Harder, dessen Antlitz schneebleich geworden war, von seinem wiehernden Tier herunter, »die deutsche Volksseele betet.«
Machtvoll und zwingend umfaßte dabei sein Blick Mariannens dunkle Züge, als müsse er sie gewaltsam zu seinen eigenen Erschütterungen reißen. Und sie? Sie lächelte, lehnte elegant in den Kissen des Wagens und knüpfte die Bänder ihres breithin schattenden Hutes fester an dem schlanken Hals zusammen.
Eine halbe Stunde später wurde leise an die Tür des Hotelzimmers geklopft.
»Bitte einen Augenblick,« rief eine frische Stimme von drinnen.
Dann ein Hin- und Herhuschen, gleich darauf öffnete sich die hohe weiße Pforte, und durch den Spalt lugte Marianne auf den von einer flackernden Gasflamme erleuchteten Gang hinaus. Draußen auf dem Läufer des Flurs wartete ein junger Offizier, die Mütze in der Linken und die Rechte auf den Degen gestützt.
»Ach du bist es, Fritz,« flüsterte Marianne, über die Heimlichkeit der Szene erfreut, und zog ihren Besucher eilig über die Schwelle. »Ist das nicht reizend, daß wir hier bleiben mußten? Denke doch, ein so unverhofftes Stelldichein.«
»Marianne!«
»St– nicht so laut, Ihr Männer könnt Euch niemals an Diskretion gewöhnen. Hier nebenan sind Johanna und Isa einquartiert, und wenn sich meine Schwestern auch zum Glück bereits zu Konsul Bark in das Gastzimmer begeben haben, so darf dich doch auch kein anderer hören. Wie denkst du dir das eigentlich?« Und dabei schmiegte sie sich an ihn und streichelte ihm sanft die Wangen.
Draußen aber von dem Marktplatz hob sich wieder die gewaltige Woge, die dazu bestimmt war, ein ganzes Volk auf unerkannte Gipfel seines Daseins zu tragen. Tausendstimmig einten sich Kampfesmut, Vaterlandsliebe, Seligkeit und Schluchzen immer wieder zu der längst und heiß und willig beantworteten Schicksalsfrage. Himmelan brauste der wilde, der beschwörende Gesang, der das eiserne Gelöbnis enthielt.
Und siehe da, der junge Offizier machte sich schnell von der hingebenden Umschlingung frei, ja es lag ein Abschütteln in der Bewegung, als er jetzt rasch unter das Fenster trat. Einen vollen Blick sandte er auf die dunklen wogenden Häupter dort draußen hinaus, dann wandte er sich entschlossen zurück, und seine Stimme klang anders als sonst, kurz, gepreßt und voll innerer Entschiedenheit, da er jetzt zu seiner Geliebten dicht an den Tisch zurückkehrte.
»Du irrst, Marianne,« nahm er das Gespräch rasch wieder auf, »ich besuche dich hier mit Erlaubnis deiner ältesten Schwester.« Und bewußt setzte er noch hinzu: »Ich möchte dir übrigens gleich bemerken, daß Johanna, seitdem ich sie näher kenne, meine volle Verehrung genießt.«
»So?« spottete die Schwarze und ließ sich in dem verblaßten roten Plüschsessel des Hotelzimmers nieder, so daß ihr Besuch jetzt vor ihr stand, »das ist ja äußerst schmeichelhaft für die ganze Familie. Darf man auch erfahren, Fritzchen, was du mir in ihrem Auftrage überbringst?«
Dabei dehnte sie sich ein wenig und ließ die Spitzen ihrer schwarzen Lackschuhe leise gegeneinander klappen. Ihr Besucher indessen wurde von den Lockungen des Bildes nicht eingefangen. Bezwungen horchte er vielmehr auf den Gesang, der ungeschwächt um die dunklen Umrisse der Häuser fortbrandete, und ohne sich selbst darüber klar zu sein, so war es dem Lauschenden doch, als ob das bessere Teil von ihm, seine Seele, gar nicht hier drinnen in dem Zimmer weile, wo die höchsten Wünsche des Mannes sich erfüllen sollten, sondern draußen bei den Namenlosen, Durcheinanderwogenden, die dem in Gefahr befindlichen Vaterlande das Trostlied sangen.
»Marianne,« begann er, sich gewaltsam von diesem Gefühl losreißend, »die Zeit begünstigt keine Neckereien. Hat dir deine Schwester Johanna nicht mitgeteilt, daß ich heute vormittag bei ihr um deine Hand anhielt?«
Wie von einem Stoß in den Nacken getroffen flog Marianne empor. Zitternd vor Schrecken stand sie dicht neben dem Offizier, ihre Augen gruben sich aus nächster Entfernung ineinander.
»Nein,« brachte sie bestürzt heraus, und es war, als wenn sie ein leichtes Frösteln überwände, »das liegt nicht in Johannas Art. Sie hat mir nicht das geringste verraten. Um Gottes willen, Fritz, wie konntest du das?«
»Wie ich das konnte?«
In dem Manne verwirrte sich jedes Begreifen. Völlig entglitt ihm die Beherrschung dieser Zwiesprache, die so vollständig den Charakter einer landläufigen Unterhaltung anzunehmen drohte. Nein, der junge redliche Mensch vermochte sich durchaus nicht mehr zurechtzufinden. War es denkbar, die Herrscherin über sein zukünftiges Leben, dieses heiße, glühende Geschöpf, es jauchzte nicht auf, als all die unwürdigen Heimlichkeiten, all das böse Versteckspielen von ihnen abgleiten sollten? Sie bekannte sich nicht sofort bedingungslos zu ihm, sie verstand nicht, daß eine rechte deutsche Frau in der großen allgemeinen Not jeden Zweifel, jede Bedenklichkeit von dem Geliebten fortscheuchen und für immer entfernen müsse? Nein, das ertrug er nicht. Langsam umklammerte er ihren Arm, und obwohl er fühlte, wie sie schmerzhaft zuckte, fragte er noch einmal mit aller Zusammenfassung seiner Willensstärke:
»Marianne, du weißt, mein Dasein ist an das deine geknüpft. Gib mir deine Hand und bestätige mir noch einmal, daß du mein Leben, so bescheiden es auch ist, teilen willst.«
Hilflos schickte Marianne ihren Blick umher, ein rasches Aufatmen hob ihre Brust, und während sie, wie um ihren Bedränger zu besänftigen, ihm immer noch mit ihrer zarten, weichen Hand die Wange streichelte, da rang sie sich kleinlaut ab:
»Du weißt, Fritz, wie gern ich dich habe.«
»Gern? Nun gut, Marianne, auch das genügt mir. Aber dann wollen wir jetzt hinunter gehen, um den Deinen unser Verlöbnis, das sie erwarten, mitzuteilen. Auch meinen Eltern möchte ich die Freudenkunde nicht länger vorenthalten.«
»Aber sieh mal, Fritz,« versuchte sich das blühende Geschöpf zu entwinden, das die unwillkommene Einzwängung zwischen Beschränkung und Kleinbürgerlichkeit auf sich einrücken sah, wie die beiden Kneif-Enden einer riesigen Zange, »ich habe natürlich nichts dagegen – ich meinte nur – –«
»Was meinst du? – Gibst du deine Einwilligung?« beharrte der Offizier mit einer ihm ganz fremden Unerbitterlichkeit.
Heftig entzog ihm die Gequälte, die sich nicht binden lassen wollte, ihren Arm, da er ihn noch immer umspannt hielt. Nein, wie konnte solch ein armer, unbedeutender Leutnant, der beinahe auf nichts, als auf seine Löhnung angewiesen war, eine derartige Zusage im Ernst von ihr verlangen? Von ihr, der Glänzenden, Vielbegehrten, deren Zukunft in einem goldigen Nebel schwamm? O, wenn sie wollte, wenn sie bloß winkte, dann würde – – – Im Grunde war es eigentlich, – ja, sie konnte es nicht anders nennen, – es war eigentlich eine Anmaßung, daß der hartnäckige, in seine Bücher verbohrte junge Mensch, der das Leben so wenig kannte, sie veranlassen wollte, so plötzlich, so unüberlegt eine Entscheidung zu treffen, die sie für immer von allen glänzenderen Hoffnungen entfernen mußte. Und warum? Es blieb wirklich halb lächerlich. Weil man einen kleinen ungefährlichen Flirt getrieben hatte, weil man dem hübschen Menschen mit den ernsten Zügen ein paar Zärtlichkeiten gestattet, die man eben an irgend jemanden verschwenden wollte. Warum nicht an ihn, auf dessen Verschwiegenheit man doch bauen konnte? Und zum Lohn dafür jetzt dieses beinahe unhöfliche Drängen? Nein, das war sicherlich Johannas Werk, die es nicht erwarten konnte, die schöne Schwester, deren Eleganz und Damenhaftigkeit sie natürlich heimlich beneidete, in ein ebensolches Arbeitsdasein zu stoßen, wie sie es selbst führte. Herrgott, Herrgott, wenn man nur einen Ausweg fände, ein Entschlüpfen! Und plötzlich warf sie sich in den Sessel zurück und schlug beide Hände vor ihr Antlitz. Heftig und wild schluchzte sie auf. Ja, der von einem peinlichen Schrecken durchschlagene Offizier merkte sogar, wie zwischen den Ritzen ihrer Finger helle Tränen hindurchtröpfelten. Das hatte er noch nie bei ihr wahrgenommen. Und eine Sekunde lang war es ihm, als müsse er sich über die Ringende beugen, um ihr unter tausend guten Worten Trost zuzusprechen. Es war ja eigentlich alles so natürlich. Dem Unverdorbenen schien es, als ob diese Tränen, dieses aufgelöste Schluchzen nur ein unverstandenes Abschiednehmen von Mädchentum und Jungfräulichkeit bedeuteten, ein rührender Kummer, der ihm sein Mädchen in einer ganz neuen, zarten und demütigen Schwäche zeigte.
Wenn nur die Zeit, die machtvoll aufbegehrende Zeit derartige Erwägungen nicht wie Spreu im Sturm auseinander gesprengt hätte. Horch! Begann dort draußen nicht mit einem Mal das Glockenwerk von dem Turm der Sebaldus-Kirche zu läuten? Ein Ton immer eherner und markerschütternder, als der andere? Fritz Harder begriff nicht, warum die Kunstschöpfung des alten Uhrmachers Adameit, seines Hauswirtes, in dem allgemeinen Tumult ihre Stimme erhöbe, aber der seelenumwühlende Donnerton raubte ihm jedes weichliche Mitleid. Fest und zielsicher trat er an den roten Sessel heran, um seine Hand noch einmal auf ihre Schulter zu stützen. Doch merkwürdig, nur ein wenig regte die in sich Versunkene die volle Rundung, aber die Bewegung genügte, damit die Hand abglitt. Empfand der Betroffene auch die leise Gereiztheit, die sich hier äußerte, den beleidigten Mißmut und die schlecht verhehlte Empörung über Zwang und Gehorsam?
»Marianne,« forschte der junge Mann noch einmal in äußerster Zurückhaltung, »Marianne, ich begreife deine Tränen nicht. Liegt denn in meiner Bitte, in meinem Verlangen, eine Beleidigung?«
Und mit einem plötzlichen Entschluß entfernte er ihre Hände von ihrem Antlitz. Dann erschrak er. Der braune Samtton war von ihren Wangen entwichen, und auf ihren erschreckten Zügen lauerte etwas, was er sich durchaus nicht erklären konnte. Für einen Erfahreneren freilich, für Konsul Bark, hätte ein Blick genügt, um zu wissen, daß es die Teufel der Lüge waren, die dort ihre geschäftige Arbeit verrichten wollten.
Jetzt hatte sie sich auch gefaßt. Ja, ihr Mund lächelte wieder halb schmollend zu ihm empor.
»Wie kannst du nur so etwas fragen, Fritz?« widerlegte sie, während die Tränen immer noch ihre großen schwarzen Augen feuchteten, »ich denke doch nur darüber nach, daß du jetzt, gerade jetzt, vielleicht morgen schon, von meiner Seite gerissen wirst.«
»Ja, das ist wahr,« bestätigte ihr Zuhörer betroffen.
»Und sieh einmal – –«
»Ja, was denn – was denn – erkläre dich deutlicher.«
Sie beugte sich herab und ließ die glänzenden Lackhalbschuhe wieder leicht gegeneinander schnellen. Noch hatte sie den gewünschten Schlupfwinkel nicht völlig gefunden, in den sie sich verkriechen wollte.
»Sieh einmal, Fritz,« suchte sie noch immer unsicher, »du sagst selbst, es gerät jetzt alles ins Wanken. Kein Mensch weiß, ob er den anderen am nächsten Tage wieder sehen wird. Meinst du nicht auch, daß man lieber abwarten sollte, bis sich alles geklärt hat?«
Noch sprach das schöne Geschöpf ungewiß und zögernd, da fuhr sie plötzlich erschreckt auf. Woher die ungewohnte atempressende Stille? Draußen hatte unvermittelt der Gesang der Volksmenge wie mit einem Schlag ausgesetzt. Eine einzelne ferne Stimme wurde hörbar und dann folgte kurz und knapp, gleich dem Aufschlagen einer brandenden Welle, ein einziges vieltausendstimmiges Hurra. Das eigentümlich knirschende Geräusch, das stets vernehmbar wird, wenn Massen sich in Bewegung setzen, drang zu den Einsamen empor. Die improvisierte Versammlung auf dem Marktplatz schien ihr Ende erreicht zu haben. Jedoch die ungewohnte Ruhe war es nicht allein, die das aus der Fassung gebrachte Mädchen so unheimlich in ihren Bann schlug.
Jetzt wußte sie es – die grauen Augen des Offiziers waren es, die sie festhielten. Lieber Himmel, sie mußten die kleinen betrüglichen Künste durchschaut haben, sonst hätten sie niemals einen solch kalten, einbohrenden und doch zugleich verzweifelten Glanz strahlen können. Schon wollte die Verängstigte aufspringen, um durch eine neue Zärtlichkeit, die ihr ja leicht fiel, die unbehagliche Situation zu unterbrechen, als sie an ihrem Platz vollkommen erstarrte. Keiner Bewegung mächtig, mußte sie mit ansehen, wie ihr Gefährte, ohne sie nur im geringsten zu beachten, an den Tisch herantrat, von wo er langsam seine Mütze an sich nahm. Dann streifte sich der junge Mann, immer mit derselben unnatürlichen Ruhe, die weißen Handschuhe auf und hakte mit einer mechanischen Bewegung den Degen ein. Eine Sekunde verharrte er wie in Nachdenken. Allein je tiefer ihm das kurz geschorene Haupt auf die Brust sank, desto deutlicher erkannte die entsetzte Beobachterin, wie seine dunklen Augenbrauen sich immer finsterer und entschlossener zusammenzogen.
»Fritz!« sprang sie empor.
Er hob das Haupt und sah sie an.
Es war ein Blick aus so unendlicher Entfernung, ein so fremder und stolz gefaßter Blick, daß Marianne vor Zorn, Scham und Zurücksetzung hätte schreien mögen. Im Halse schnürte sich ihr etwas zusammen, sie glaubte ersticken zu müssen. Als sie ihre Umgebung wieder vollständig zu deuten wußte, da schloß sich bereits, unhörbar, die hohe weiße Tür, und eine Scheidewand wuchs empor zwischen ihr und der Vergangenheit voll Spiel und Kurzweil.
Wirklich Vergangenheit?
Pah – sie hatte sich wiedergefunden. Beflügelt eilte sie vor den altertümlichen Goldspiegel des Zimmers, um ihr verwirrtes Haar in Ordnung zu bringen. Und als sie ihre in purpurner Pracht siedenden Wangen gewahrte, als sie die tadellosen Linien ihrer Gestalt abmaß, da zwang sie etwas, spöttisch die Achsel zu zucken. Aufatmend trat sie unter die Gardine und öffnete das Fenster. Von dem großen viereckigen Marktplatz zogen noch immer die dunklen Scharen ab und marschierten in schwarzen Zügen durch die Nebengassen. Hoch über ihren Häuptern folgte ihnen das Donnergeläut des Glockenwerks. Mit tausend Goldaugen beobachtete der Nachthimmel das Aufbegehren und die Erhebung eines ganzen Volkes. Köstlich reine Luft strich zu dem Fenster herein und fächelte dem schönen Mädchen erfrischend die Stirn. Und in diesem Augenblick durchdrang selbst die Gleichgültige, Unbedachtsame ein zitterndes Nachgefühl von dem, was dort unten die davonstrebenden Züge der Stadtbürger erfüllt haben mußte. Ganz sicher, es schwebte etwas Ungeheuerliches, Niegeahntes in der Luft. Es flog von da und dort heran, schwirrende Möglichkeiten, die man ergreifen mußte, um sich auf ihren Flügeln von dannen tragen zu lassen.
In die Höhe.
Und der verschleierte Abenteurersinn des Mädchens, das da an dem Eckpfeiler des Fensters lehnte, reckte sich und verlangte gleichfalls hinaus, fort auf die Wege, die sich weit über die Täler des Alltags emporschlängelten.
Dann neigte sie sich weiter vor. Ihr scharfer Blick hatte aufgefangen, wie das trübe Laternenlicht in einer Degenscheide widerglitzerte. Und sie erkannte die Gestalt, die langsam und etwas vornübergebeugt dort drüben in der Dunkelheit der engen Rosenkranzgasse verschwand.
Ja, dort Finsternis und hier Licht, nichts als Schimmer und goldspinnende Helligkeit.
Wahrlich, eine große, eine tolle Zeit.
Beglückt, heiß, erglühend stützte sich die Fortgerissene nochmals auf das Marmortischchen des Goldspiegels und starrte sich an, als wenn sie imstande wäre, sich die Zukunft auf hoch erhobenen Armen entgegenzutragen.
Ja, das Vaterland befand sich in Gefahr, aber sie selbst war schön, einfangend schön.
Ruhig schritt Fritz Harder seines Weges. Rechts und links von ihm zogen die Bürger mit ihren Frauen und Kindern dahin, und er mußte manchmal zur Seite treten, um die Drängenden vorüberzulassen. Dabei fing er immer wiederkehrende Worte auf: »Der Kaiser – der Zar – Frankreich.« Und er wunderte sich, daß er dies so klar vernahm, daß nichts anderes, nichts Tieferes in seinem Ohr mitsummen wollte. In der schmalen Rosenkranzgasse schimmerte aus allen Fenstern noch Licht, und die Einwohner der Häuser standen vor den Türen und tauschten über die geringe Breite der Straße hinweg ihre Ansichten miteinander aus. Und wieder schüttelte der in sich gekehrte Wanderer erstaunt das Haupt, denn er begriff nicht, warum seine Augen dies alles so scharf, so untrüglich in sich aufnahmen. Einmal blieb er stehen und sah durch den schmalen Spalt der Gasse zu dem mächtigen Nachthimmel empor. Nein, er konnte keinen Unterschied entdecken. Dort oben waltete dieselbe schweigende, ungekünstelte Ruhe, wie hier unten und wie in seiner eigenen Brust. Eine wundersame, schwere, auf alles vorbereitete Fassung, die ihre spähende Aufmerksamkeit nur auf das Nächste richtete und entschlossen war, sich selbst zu vergessen.
Merkwürdig, er wollte sich zwingen, das formvollendete, das schönheitgesättigte Bild der Geliebten vor sich erstehen zu lassen, die ihn aus schneidendem Eigennutz verworfen hatte, aber er vermochte bei aller Anstrengung das lockende Geschöpf sich nicht mehr als Ganzes vorzustellen. Aus der trüb durchbrochenen Nacht tauchten wohl ihre Umrisse vor ihm auf, allein jeder Kopf eines gleichgültigen Bürgers schob sich vor seine arbeitende Einbildungskraft und überschattete sie. Ja, als die Ablösung einer Militärwache an ihm vorüberzog, die ihm mit klappenden Paradetritten die Ehrenbezeugung erwies, da war jedes Gedenken an sein eigenes Erlebnis von ihm entwichen und, wie alle anderen, so mußte auch er den funkelnden Helmen nachschauen, während ihm innerlich das Herz bis in den Hals zu klopfen begann.
»Prima, Herr Leutnant,« krächzte plötzlich eine gallige Stimme hinter ihm, und als sich der seinen Träumen Entrissene umwandte, da entdeckte er hinter sich den schlottrigen und knickbeinigen Uhrmachergesellen seines Hauswirts, den ewig mit der Welt hadernden Leiser Bienchen, der tief den zerbeulten Filzhut mit der herabhängenden Krempe vor ihm lüftete, um dann krampfhaft in die Tasche seiner Beinkleider zu greifen, weil ihm diese stets herabzufallen versuchten, »prima, Herr Leutnant,« krächzte die gallige und stets unzufriedene Scherbenstimme, »unsere Soldaten! Ich mag zwar das verfluchte Pflasterzerreißen nicht leiden, und wenn sie so mit den Kommißstiefeln aufdonnern, möchte man Kopfschmerzen kriegen. Aber was tut das, Herr Leutnant? Jetzt sind sie einem ein Trost, ein ganz großer Trost, der einem die Nachtruhe wiedergibt.«
Und sich noch näher an den jungen Offizier drängend, umklammerte er mit der Rechten ängstlich das faltenreiche Kinn, als wolle er verhindern, daß ihm seine bewegliche Karpfenschnauze, die ihm statt eines Mundes verliehen war, aus den wild durcheinander fahrenden Runzeln davonliefe. So fassungslos und erschüttert hatte Fritz Harder den Uhrmacher noch nie gesehen.
»Was meinen Sie, was hier geschehen ist, Herr Leutnant?« tuschelte der kleine Jude seinem vornehmen Hausgenossen unter ewigem Kopfschütteln von neuem zu.
»Doch nichts Schlimmes, lieber Bienchen?«
»Was heißt schlimm?« wehrte sich der andere, die Achseln ganz hoch in die Höhe ziehend, als wolle er den Himmel für seine traurigen Schicksale zum Zeugen anrufen. »Unter uns, es kann geben eine fürchterliche Zerstörung. Aber soll man es ihm übelnehmen, wenn er an einem solchen Tag mit dem Kopf ins Dunkel fährt? Ich sag' Ihnen ins dunkelste Dunkel, Herr Leutnant.«
Fritz Harder mußte lächeln. Er wußte, daß der Gefolgsmann des alten Adameit mit dem unbestimmten und geheimnisvollen »er« stets seinen Chef zu bezeichnen pflegte. Und so forschte er denn vorsichtig weiter:
»Haben Sie wieder Grund zur Unzufriedenheit mit ihm, lieber Bienchen?«
»Ich habe nicht gesagt unzufrieden,« zuckte der Geselle ärgerlich zurück und sein Mundgeschirr klappte unendlich oft gegeneinander, »der unausstehliche Kerl ist ja trotz allem ein Genie. Aber als ich ihm heute in meiner Aufregung unten in dem Keller, wo wir wir immer sitzen, – Sie wissen schon, Herr Leutnant – die Nachricht überbrachte, können Sie sich denken, was er getan hat? Dieser zahnlose Unmensch ist plötzlich aufgestanden, hat die Kapsel an dem Stahlzylinder geschlossen, obwohl die Sicherung noch immer nicht ganz fertig ist, und hat in seiner vermoderten Sprache, die nur ich ordentlich versteh', gesagt: Dann schließe ich mit dem heutigen Tage meine Arbeit ab. Unter der Erde hat sie so lange gelegen und unter der Erde wird sie auch bleiben. Aber sie wird unserer lieben Scholle eine Kraft und eine Wut verleihen, wie – wie – Ich glaube, er hat gesagt, wie einer Jungfrau, die sich gegen die Schande wehrt. Und nachdem er das gesagt hat, hat er mir die Hand gedrückt, was noch nie da war, ist in die Ecke gegangen, hat sich den Schmutz abgewaschen und schließlich seinen Bratenrock angezogen. Herr Leutnant, da hab' ich's nicht mehr länger ausgehalten. Mir ist so feierlich geworden, daß mir die Knie zu zittern anfingen, und ich mußte aus dem Keller raus und an die frische Luft. Und was aus ihm geworden ist, das weiß ich nicht. Ich hab' bloß seine Stimme aus Ihrem Zimmer gehört, Herr Leutnant, wo er bei dem fremden Herrn sitzt.«
»Bei einem fremden Herrn?«
»Wie ich Ihnen sage, Herr Leutnant. Wenn Sie wollen, können Sie auch sein Zischen und Pusten und Fauchen hören, denn Ihr Fenster steht offen, und Ihr Bursche hat die Lampe bereits angesteckt.«
Da riß sich der junge Offizier hastig los, und zu gleicher Zeit schüttelte er energisch die Traumgespinste ab, die aus dem dämmernden Keller des alten Adameit geheimnisvoll bis zu ihm emporgekrochen waren. Ungeduldig drückte er sich in den engen Schlitz hinein, der in dem blauen und rosigen Pfefferkuchenhäuschen die Haustür vorstellte. Aber der Uhrmacher hinkte ihm nach, so rasch es seine schlecht befestigten Beinkleider erlaubten, und hauchte dem Voranstürmenden in seinem heiseren Krähenton nach:
»Ein großes Tier, Herr Leutnant, Ihr Besuch, mit roten Streifen an den Beinen und ein Verwandter dazu. Er hat es ausdrücklich angegeben. Nu, sehen Sie, habe ich gelogen? Da tritt Herr Nikolaus Adameit gerade aus Ihrem Zimmer. Gewaschen, gekämmt und in dem schwarzen Bratenrock. Hier oben kennt er mich nicht. Er kennt mich bloß unten im Keller. Aber es gibt mir doch ein Gefühl von Hochachtung, weil ich mitgeholfen hab'. Man ist doch nicht bloß wie Öl in der Kanne gewesen oder wie ein totes Rädchen. Nu, gute Nacht, Herr Leutnant, und wenn Sie Bedienung benötigen, Sie brauchen bloß zu klingeln. Ich pass' auf.«
Heftig riß Fritz Harder die Tür seines Zimmers auf. Und richtig, im Schein der kleinen weißen Porzellanlampe, die vor ihm auf dem ovalen Tisch brannte, saß der Erwartete, Geahnte auf dem grünen Plüschsofa. Spähend schob sich bei dem Geräusch der Tür das bartlose glatt rasierte Haupt zur Seite, und unter einem Büschel gänzlich unpreußischer grauer Locken nahmen ein paar versonnener blauer Augen plötzlich den Glanz einer warmen Freude an.
»Gottlob, daß ich dich noch treffe, mein lieber Junge,« sagte eine freundliche Stimme, während die hohe, breitschultrige und mannbare Figur sich langsam erhob; und dabei streckten sich dem Eintretenden feine weiße Gelehrtenhände entgegen. »Ich fürchtete, du könntest bei dem Trubel schon Gott weiß wohin abkommandiert sein. Deshalb ist es ein rechtes Glück, daß ich dich noch erreiche. Komm, Fritz, laß dich einmal anschauen.«
Die hohe Gestalt mit dem gütigen Gelehrtenhaupt stand jetzt dicht neben dem jungen Mann und begrüßte ihn durch einen leichten Schlag auf die Schulter.
»Onkel Siebel,« wollte Fritz erregt ausbrechen, denn eine unnennbare Erleichterung überkam ihn, als er unvermutet in dieser Wirrnis ein verwandtes Herz neben sich wußte, »Onkel Siebel, daß du gerade heute kommst! Du ahnst gar nicht, was – –«
»Doch,« unterbrach der alte Militär, die Augen ein wenig zukneifend, »doch, mein Junge. Du siehst nicht so aus, wie ich dich erwartete. Was ist das für eine kränkliche Blässe? Und wohin hast du dein frisches Jungenlächeln versteckt? Erinnerst du dich, deine liebe Mutter behauptete ja, du wärest immer anzusehen, als wenn du gerade etwas geschenkt erhalten hättest? Also was gibt's? Beklemmung vor der großen Weltkatastrophe?«
»Nein, Onkel.«
»Ärgernis, Zurücksetzung im Dienst?«
»Auch das nicht, obwohl –«
»Na ja, ich weiß schon. So ein junger Leutnant darf dienstlich überhaupt nicht zufrieden sein, – wäre ganz reglementswidrig. Aber nun sage mal, Fritz, bist du krank?«
Eine leichte Pause entstand. Unschlüssig, mit sich kämpfend, sandte der Jüngere seinen Blick gegen das Lämpchen, das seine dämmrigen Friedensstrahlen unverwandt ihm entgegenschickte. Der alte Herr jedoch wurde ungeduldig, und knöpfte an seinem ziemlich salopp herabhängenden Waffenrock herum.
»Na also, offen, offen, mein Kerlchen,« drängte er überredend, »ich habe nämlich deinen Eltern so eine kleine Inquisition versprochen, sonst würde ich mich ja nicht so beharrlich in derartige Geheimnisse mischen. Wir haben, weiß Gott, jetzt anderes zu denken, nicht wahr, Fritz? Aber in euren kleinen dumpfen Garnisonen wachsen manchmal wunderliche Geschichten auf. Und da findet solch alter, kalter Bücherwurm wie ich vielleicht doch besser durch, als so ein feuriges Temperament mit dem bewußten Napoleon-Gesicht. Also Junge, ich bitte um Vertrauen.«
Da ermannte sich der Gefragte, und in seinen dunklen Augen, die er zu dem gütigen Verwandten erhob, stand seine ganze Leidensgeschichte geschrieben, als er sich stockend abrang:
»Onkel, du hattest recht. Ich war krank. Ich glaube, ich habe ein böses Fieber überwunden.«
Jetzt nahm der Alte den Kopf des Offiziers tröstend, besänftigend, beinahe liebkosend in seine beiden Hände. Es war unbeschreiblich, welch eine wackere, mannhafte Güte von dem gelehrten Krieger ausging.
»Also überwunden, Fritz? Wirklich und wahrhaftig?« fragte er eindringlich.
»Ja, Onkel Siebel,« bekräftigte der andere fest, »ich gebe dir mein Wort.«
»So, so,« erwiderte der Generalmajor bedächtig und gab langsam den Eingefangenen frei, »dann ist diese Angelegenheit ja für mich erledigt. Gottlob. Ich muß dir nämlich gestehen, Fritz, – da mir Heimlichkeiten auf der Seele brennen – daß deine liebe Mutter durch allerlei Klatsch und Zusteckereien über deine Affäre unterrichtet war. Die alte Dame fühlte sich innerlich recht beunruhigt, wenn sie es auch nach außen hin tapfer verschwieg. Aber nun, mein lieber Sohn, komm, setze dich zu mir an den Tisch und laß uns jetzt über das reden, wovon die Herzen aller deutschen Menschen voll sind. Ich wurde hierher geschickt, um den hiesigen Herren Offizieren einen kriegswissenschaftlichen Vortrag zu halten. Daraus wird natürlich nichts, denn jetzt werden wir ja in der Praxis zu erproben haben, durch die lebendige Tat, was wir wissen und erlernten. Komm, mein Junge, die beiden Flaschen Pilsener Trankes genügen für uns. Jetzt wollen wir Kriegsrat halten.«
Bis weit nach Mitternacht saßen die Beiden zusammen. Und während draußen jeder Laut erstarb, während die Stadt, um die ein ferner Feind bereits seine haarigen Riesenarme klammerte, in schweren, traumerfüllten Schlaf verfiel, in den letzten vielleicht, dem sie sich ungestört und im Besitz geheiligter Ruhe und Ordnung hingeben konnte, da zauberte der alte Mann, dem der Krieg mehr als blutiges Getümmel, tolles Einhersprengen und fröhliches Waffenklirren bedeutete, da zauberte der Kundige wundersame befreiende Gebilde vor den aufhorchenden Schüler hin. In blühender, fortgerissener Sprache schilderte er das Elementarereignis, das nicht zufällig über den geduckten Menschheitsnacken fortraste, sondern natürlichen, längst erwarteten, genau zu berechnenden Gesetzen folgte, die nicht nur Brand und Verderben, sondern auch Sammlung und Auferstehen mit sich führten. Der Krieg war kein sinnlos tobender Vernichter, sondern ein weiser, vorbedachter Haushälter unter den Erdenvölkern. Gleich dem Tod, der den Lebenden aus ihrem engen, arg bedrängten Bezirk immer wieder Luft und Raum schafft, so war auch der Krieg der grübelnde Gärtner, der ganze Völkerpflanzungen, auch wenn sie scheinbar noch blühten, umpflügte und zur Ruhe verdammte. Entweder, weil er in späterer Zeit anders geartete Früchte von ihnen erwartete, oder weil er dem ungestümen Drang jüngerer Schößlinge nach Ausbreitung für eine gewisse Dauer nachgeben mußte. Der Krieg waltete aber auch als der letzte eiserne Schulmeister der Gottheit auf der Erde. Was früher, solange Gemüt und Körper noch schwerer bildsam waren, Sintflut, krachende Weltteilabstürze oder eishauchende Vergletscherungen vollbracht hatten, nämlich die Erziehung ungeheurer, von den Elementargewalten betroffener Stämme nach einer bestimmten Richtung hin, zu einem ganz gewissen Ziel, das erst die Spätgeborenen, schaudernd vor der ewigen Gerechtigkeit, als planvoll und segensreich erkannten, dafür wurde jetzt unter den verfeinerten Lebensformen, sobald sie zur morschen Überreife neigten, der Krieg als allgemein verständlicher, jede Auflehnung erstickender Erzieher über die Erde geschickt. Und er hat jedesmal seine stählerne Rute gut geschwungen. Noch kennt das Menschengeschlecht keinen Examinator, der so klar die Talentvollen und Starken nicht allein über Schwache und Faule, sondern sogar über die fleißige Mittelmäßigkeit zu setzen wüßte. Und dann, – seine Lehrstunde ist nur kurz, denn wenn er gesagt hat, was er weiß, dann schlägt er die Tür der Schulstube donnernd hinter sich zu und schreitet in den dichten Wald der Jahrhunderte. Aber das, was er seinen Schülern vortrug, bleibt eindringlich über Geschlechter hinaus haften und wirkt unvergeßlich fort bis zu späten Enkeln.
VI.
Zwei Tage des Wartens hinkten über das Land. Auf allen fahrbaren Wegen knarrten schwer beladene Wagen dahin, deren Besitzer von der gefährdeten Grenze den Städten zustrebten. Oft stand Johanna aufgerichtet an den Torpfosten ihres Gehöfts zu Maritzken und sah die traurige Völkerwanderung, dieses unvorstellbare Elend an sich vorüberwallen. Denn es war ja nur eilig zusammengeraffter Besitz, zerzaust und gebrechlich, was die Flüchtenden hier stumm und ohne ein Wort der Klage vorbeischafften. Kommoden und Schränke, Bettzeug und Vogelbauer, Säcke voll Lebensmittel, Kleidungsstücke und Kochgeschirr, Kinder und junges Vieh, alles rollte, wirr zusammengepreßt, in endlosem Zuge dahin.
Aber auch Militärkolonnen marschierten an der versonnenen Beobachterin vorüber. Gleichfalls still, in sich gekehrt, ohne Lieder. Denn sie hielten die Stirnen nicht dem Osten zugewandt, wie es ihr junger Mut ersehnte, sondern sie folgten höherem Befehl, der sie zu zusammengefaßter Tat aufsparte. Im Staub und Dämmer des Augusttages verschwanden die lockeren Kolonnen.
Einmal löste sich eine Gestalt aus einer der dahinziehenden Kompagnien, trat schnell auf die Gutsherrin zu und streckte ihr rasch die Hand entgegen. Zuerst erkannte Johanna den Grüßenden nicht, denn die neue graue Uniform hatte den gewohnten Eindruck verändert. Aber dann drückte sie die dargebotene Rechte stark und fest, als ob sie den Offizier, der keinen Blick auf den weißen Hof warf, überzeugen wolle, daß hier auch ehrliche und treue Gemüter lebten, Herzen, die den Trommelwirbel der Zeit nachschlugen und nicht im Walzertakt hüpften. Kein Wort wechselten die Beiden miteinander. Aber es war doch ein Abschiednehmen über die Dauer des Seins hinaus. Und in dem Händedruck, mit dem Johanna den Scheidenden entließ, barg sich ein mütterlicher Segenswunsch. Dann ein stummes Zurücktreten in die grauen Haufen, und auch diese Scharen wurden eingesogen von der undurchdringlich sich dahinwälzenden Staubwolke.
Über die schlängelnden Feldwege aber jagte und raste das Gerücht. Schattenhaft grau stäubte es dahin, menschlichen Augen manchmal nur als ein mit gestreckten Läufen flüchtender Hase erkennbar. Doch das lechzende Tier sollte aus einem brennenden Haferfeld hervorgebrochen sein.
Barmherzigkeit, war das möglich? Wer hatte es erzählt, wer zuerst geglaubt?
An den Kreuzwegen der Felder, an den schmalen Brücken der hellen Bäche, die durch die sanft gewellten Talmulden blitzten, überall knirschte und schlürfte es. Greise und alte Weiber, die einzigen Einwohner verlassener Ansiedlungen, schlichen hier zusammen. Wackelnde Köpfe, erstorbene Stimmen erzählten sich Gräßliches:
»Wißt ihr schon? Es ist wahr. Man kann es beschwören. Das Rittergut Lutheinen ist abgebrannt bis auf den Erdboden. Da, wo das Schloß stand, liegt ein Kohlenhaufen.«
»Im Frieden, denkt euch, mitten im Frieden!«
»Woher sie kamen und wohin sie entschwunden sind, das weiß kein Mensch. Aber acht Meilen weit ritten sie ins Land hinein. Sie trieben vor sich her, was vor ihre Lanzen kam. Die Mädchen wurden an die Pferde gebunden, die Kinder gehetzt, bis sie erstickten.«
»Oh mein Gott, wie wird es uns ergehen!«
»Ich sah es nicht selbst, aber der Landbriefträger hat es erzählt. Dem Schmied von Löthau haben sie, als er einen von den Mordbrennern mit dem großen Hammer totschlug, mit seinem eigenen Viehstempel eine Marke ins Genick gesengt. Der Mann ist wahnsinnig geworden.«
»Wehe, wehe, wie wird es uns gehen! Wer wird uns zu essen geben, wenn wir nicht mehr weiter können?«
»Lauft zu dem Fräulein von Maritzken, sie hat Milcheimer aufgestellt und Brote hingelegt.«
»Herr Jesus, ist sie noch da?«
»Ja, die Grothe-Marjellen sind noch da. Wir haben ihre hellen Kleider durch die Büsche gesehen.«
»Oh, sie muß uns Brot und Milch geben. Und dann weiter, weiter, hier bleiben wir nicht!«
In dem kleinen gemütlichen Eßzimmer zu ebener Erde saßen die beiden ältesten Grothe-Schwestern, und es schien, als ob sie trotz ihrer Verlassenheit ruhig die Hefte der Journalmappe durchstöberten, die zum Teil aufgeschlagen die Platte bedeckten. Über ihnen sandte die grün verhangene Hängelampe ihr sanftes elektrisches Licht aus, und in dem kleinen Gemach waltete eine Stille, die man in anderen Zeiten behaglich genannt hätte. Heute aber war es, als ob der Tag an seiner Rüste beklemmt den Atem anhielt, bevor er von neuem seinen Mund zu wilden blutrünstigen Märchen und Erzählungen öffnete. Eben schlug es von dem nahen hölzernen Kirchturm die neunte Stunde. Durch die Wipfel der hochstrebenden Eichen vor dem Hause fuhr ein ziehendes Wehen, ein unheimliches Ächzen, das die innere Unruhe nur vermehren konnte, als die Seitentür knarrte, und Isa in einem grauen Reisekleid, einem schwarzen Lackhut auf den roten Haaren, völlig gerüstet hereintrat. In dem feinen Gesicht der Siebzehnjährigen nistete eine erschreckende Blässe. Ihre großen Goldaugen schienen wie von Nebel verhängt und irrten unruhig von den beiden älteren Schwestern hinweg zu dem einzigen Fenster der Stube hin, vor das die Nacht jede Aussicht sperrend ihr schwarzlockiges Haupt gedrängt hatte. Vergebliches Mühen, denn die Jüngste der Grothe-Marjellen fing dennoch in ihrer aufgereizten Einbildungskraft tolle, sich überstürzende Begebnisse auf, die sich dort draußen unter erstickten schreckhaften Rufen verkündeten. In nervöser Hast fingerte sie auf der Platte des Tisches herum und zupfte an den Ecken der Journalhefte, ohne zu empfinden, wie sehr sie dadurch ihre ruhige Schwester Marianne in ihrer Lektüre beeinträchtigte.
Da trat Johanna auf das furchtgeschüttelte Mädchen zu und klopfte ihr leise die Wange. Von der Berührung zu sich selbst gebracht, drängte sich Isa dicht an die ragende Gestalt ihrer ältesten Schwester heran, und eine kurze Sekunde war es der Kleinen, als ob hier an den festen Gliedern der ruhigen und gefaßten Frau auch für sie ein Schutz, eine Zuflucht geboten werden könnte. Im nächsten Moment freilich flackerten ihre Blicke wieder begehrlich um die nahe Tür, denn der ungestüme quälende Hang nach Flucht und Rettung überwältigten das zitternde Geschöpf von neuem.
»Du willst also wirklich diese Nacht nicht bei uns verbringen?« fragte Johanna in ihrem gewohnten Ernst, wobei sie es jedoch vermied, irgendeinen Tadel oder eine Abmahnung mitklingen zu lassen, »du bleibst dabei, zu so später Stunde zu unserer Tante Adelheid nach Sorquitten zu fahren? Aber wie, Kind, wenn Fedor Stötteritz und die meisten seiner Leute schon fort wären? Ich will dich nicht ängstigen, aber es ist doch möglich.«
Die Jüngste jedoch ließ sich von dem Einwurf nicht treffen, sie schüttelte das rote Haupt nur bestimmter und sicherer, als ob es für ihre Pläne kein Hindernis geben könnte.
»Das wird ja nicht sein,« stammelte sie in der Sucht, sich an einen irgendwo in der Ferne gaukelnden Rettungsschimmer wie an ein starkes Seil zu hängen, »das ist ja ganz gewiß nicht der Fall. Fedor, und der Inspektor, und alle seine Knechte sind noch da. Dort befindet man sich dann endlich in Sicherheit. Nicht wahr, das meinst du doch auch? Komm mit, Johanna,« setzte sie plötzlich dringend hinzu, während sie die Hand der Blonden mit fieberhafter Glut umspannte, »komm mit, ich bitte dich. Begleite du mich wenigstens, Marianne. Ich kann euch nicht schildern, was ich hier leide. Wenn wenigstens ein Mann uns zur Seite stände, wenn Konsul Bark – –«
»Laß den Konsul zufrieden,« schnitt Johanna rasch ab. »Er wird jetzt für sich selbst zu sorgen haben. Und du, mein Kind, fahre in Gottes Namen. Baumgartner wartet draußen schon mit dem Wagen auf dich. Und um uns brauchst du dich nicht zu beunruhigen, hörst du? Der Landrat hat mir versprochen, daß wir sofort durch Depesche benachrichtigt werden, wenn irgendeine Gefahr im Anzuge sei. Grüße Tante Adelheid und auch Fedor von mir und sage ihnen, sobald es zum Äußersten kommt, werde ich selbstverständlich auch an mich denken. Nun geh, mein Kind, mache dir den Abschied nicht schwer, denn ich denke, wir sehen uns in den nächsten Tagen wieder. Und Baumgartner soll das Verdeck hochschlagen, verstanden? Denn es sieht aus, als ob es regnen wollte.«
Ein paar Minuten später rollte der Wagen mit seiner einsamen Insassin bereits über die Chaussee. Kühl lag die Nacht auf Feld und Steg. Schwarzgezackte Wolken segelten an dem sternenlosen Himmel dahin und schoben sich zu ungeheuren drohenden Gebilden zusammen. Nur ab und zu jagte ein bleicher Mond aus den gähnenden Klüften dort oben heraus und goß einen schnell verschwindenden Lichtsturz auf die reifen Felder herab. Ein paar vereinzelte Regentropfen klatschten hohl auf den Weg.
Ungeduldig rückte Isa unter dem engen Lederverdeck hin und her. Es war so dunkel und stickig unter der schwarzen Kappe. Jede Aussicht wurde versperrt. Und ein unbestimmtes banges Gefühl befahl ihr, noch einmal nach der entschwindenden Heimat zurückzuschauen. Pochenden Herzens erhob sie sich, um ihrem Kutscher einen leichten Schlag auf den Rücken zu versetzen. Überrascht wandte sich der still vor sich hinstarrende Mann zurück.
»Was wollen Sie, Fräulein?«
»Baumgartner,« schmeichelte Isa, während ihre Hand immer noch unbewußt über die Schulter des Statthalters glitt, »es ist so beklommen hier drinnen; schlagen Sie das Verdeck zurück.«
Der Mann schüttelte bedenklich das Haupt und zog die Zügel etwas an.
»Aber Fräuleinchen,« wehrte er sich, »es feuchtet hier draußen. Hören Sie nicht die Regentropfen?«
»Das schadet nichts, lieber Baumgartner, ich bitte Sie, tun Sie mir den Gefallen. Ich kann hier unter dem Leder nicht ordentlich atmen.«
Jetzt murmelte der treue Verwalter etwas vor sich hin, sprang aber sofort herab, und gleich darauf faltete sich der dunkle Plan über dem Haupt der sich Zusammenduckenden, der schwarze Nachthimmel dehnte sich über ihr, und ein feuchter Windzug pfiff an ihren Wangen vorüber.
»So, nun aber weiter,« sprach Baumgartner, der inzwischen den Bock wieder eingenommen hatte, zu der noch immer hinter ihm Stehenden, und dann murmelte er abermals etwas, was Isa trotz aller Anstrengung nicht verstand, spähte nach rechts und links über die dunklen Feldwege und ließ endlich seine Peitsche sausend über die trabenden Pferde dahinklatschen. »Vorwärts, vorwärts,« trieb er.
Hinter ihnen verglommen die letzten zuckenden Lichtschimmer, die die Gegend von Maritzken andeuteten, und immer näher wanderte ihnen die dunkle Linie eines Tannenschlages. Von fern hörte man bereits das Ächzen und Knarren der Wipfel.
»Vorwärts, vorwärts,« drängte Baumgartner abermals und wollte seine Peitsche weit ausholend durch die Luft streifen lassen. Aber mitten im Schwung erschrak er und hielt ein.
»Wir sind doch bald da?« forschte Isa über seine Schulter herüber.
»Ja – jawohl – wir sind bald da. Eine halbe Stunde.«
Allmählich ließ sich das Mädchen wieder in die Wagenecke zurücksinken, krampfte die Hände zusammen und saß hochaufgerichtet da. So ausgesetzt, so allein, so der tröstenden Hilfe bedürftig, wie jetzt inmitten der farblosen, gestaltenschwangeren Nacht, meinte sie sich noch nie befunden zu haben. Unwillkürlich hob sie den behandschuhten Finger an ihre bebenden Lippen, wie sie es als Kind in Not und Bedrängnis getan, und starrte voraussuchend in die dicke Finsternis, die nur ab und zu durch vorüberhuschende weiße Chausseesteine unterbrochen wurde.
O, jetzt ein Schutz, jetzt ein lachendes gutes Wort!
»Baumgartner, sind wir bald da?«
»Ja, Fräuleinchen, knapp eine Viertelstunde – aber – –«
Jedoch seine Insassin vernahm die Einschränkung des Mannes auf dem Bock nicht mehr, denn während ihre Augen furchtsam das dunkle Untergestrüpp des Waldes durchirrten, dessen schlanke Stämme bis dicht an die Chaussee herantraten, da lungerte ihre aufgescheuchte Einbildungskraft sehnsüchtig nach den Rettern aus, von denen sie meinte, daß sie ihr allein Erlösung und Trost verbürgen könnten. Die muskulöse Riesengestalt des Recken von Stötteritz tauchte vor ihr auf, dann entsann sie sich der ernsten Entschlossenheit von Fritz Harder. Aber körperlicher als diese beiden fühlte sie den um vieles älteren Konsul neben sich lehnen, und ihre Glieder erwärmten sich beinahe, als sie sich vorstellte, wie spöttisch und väterlich die Stimme des gereiften Mannes jetzt klingen würde: »Na, kleines Rotfeuer, man wird ja gleich das Kinderbettchen aufschlagen. Nur Geduld, es dauert nicht mehr lange.«
Erschreckt fuhr sie empor, denn in demselben Augenblick hatte wirklich etwas zu ihr gesprochen. Der Wagen hielt. Mitten in der engen Waldstraße, nicht hundert Schritt von dem Austritt in das freie Feld entfernt, das im fahlen Mondenlicht weiß herüberglänzte.
»Baumgartner, sagten Sie etwas?«
»Ja, Fräulein.«
Sie sprang empor, stützte sich auf das eiserne Bockgeländer und brachte ihr Haupt so nahe an den Verwalter heran, bis sie seinen feuchten Ärmel an ihrer Wange spürte.
»Warum halten wir hier?« ging es ihr schwer über die Zunge. Und zugleich merkte sie, wie sie unfähig wäre, auch nur ein Glied zu bewegen, weil ihr ganzer Körper von einer starren Lähmung geschlagen war. »Baumgartner, um Gottes willen, was beobachten Sie dort vorn auf dem Feld?«
Allein der Mann erteilte keine Antwort. Mit einem einzigen Sprung setzte er plötzlich vom Wagen, und die Zurückgelassene erkannte wie hinter einem Flor, daß ihr Schützer in weiten Sprüngen am Waldrand entlang huschte, immer ängstlich bemüht, das hereinfallende Mondlicht zu meiden.
Sie wollte schreien, aber die Stimme versagte ihr.
Seltsam, seltsam! Was waren das für dunkle, bewegliche Schatten dort hinten am Ende des Waldausschlages? In dichten Massen schienen sie dahinzugleiten, fremde, unentzifferbare Laute schlugen deutlich durch das Gehölz. Und jetzt – nein, sie täuschte sich nicht – da und dort blitzten kleine runde Lichter auf. Sie waren dem wandernden Zuge eingefügt und sandten vorüberschwebende, spähende Lichtkegel durch die aufgleißenden grünen Nadelzweige.
Horch und jetzt!?
Ein Kälteschauer schnitt ihr über die Brust, der Atem stockte der Entsetzten, denn ohne daß sie das geringste merkte, war plötzlich eine Gestalt neben dem Wagen aufgewachsen, schwang sich auf den Bock und riß die Zügel an sich.
»Baumgartner, um Gottes Barmherzigkeit willen, sind Sie's?«
Allein der Mann, der die Führung des Wagens übernommen hatte, blieb stumm. Mit Aufbietung aller Kräfte warf er die Pferde zurück, schlug ihnen mit dem Peitschenstiel über die Köpfe und ließ das Gefährt über den Graben hinweg in den Seitenschlag hineinrasen. Von dem Stoß getroffen wurde das Mädchen in die Polster zurückgeschleudert. In wahnsinniger Flucht schossen die Baumriesen an ihr vorüber, überhängende Zweige schlugen ihr ins Gesicht, der Wagen sprang und polterte, daß sie von einer Ecke in die andere geschleudert wurde, und dazwischen zischte etwas um sie herum, etwas gänzlich Fremdes, nie Gekanntes, wie vorübersausende Bienen, die einen bösen pfeifenden Ton ausstießen. Und bei alledem behielt die Überwältigte noch genügend Besinnung, um ein schwaches Erstaunen darüber zu empfinden, warum der Pfad vor ihnen so schwarz und unbeleuchtet blieb. Der Mann auf dem Bock mußte die Laternen gelöscht haben. Und weiter flog der Wagen über Baumwurzeln und Maulwurfsgruben. Jetzt eine knirschende Schwenkung, und mitten hinein ging es in ein rauschendes Feld. Surrend, gleich zischenden Dampfwolken wogten die starken Halme rechts und links an dem Gefährt vorüber.