I. Abhandlung. (continued 2)
Reading edition
Kann es nun wohl bezeichnendere Namen geben als diese imperativischen? Kräftigere als Hauenschild und Schüttesper, neckischere als Findekeller und Greifentrog, schwungvollere als Fleugimtanz?
13. Familiennamen der dritten Schicht.
c) Herkunft und Wohnstätte.
Die von Örtlichkeiten entlehnten Familiennamen gehören zu den ältesten, da diejenigen Personen und Geschlechter, welche Grundbesitz hatten, sich schon sehr früh danach benannten. So finden wir unter den ritterlichen Sängern und Dichtern der Hohenstaufenzeit einen Heinrich von Veldeke, einen Hartmann von Aue (Ouwe), einen Walther von der Vogelweide u. a. Doch war dieser Zuname ursprünglich noch nicht so befestigt, daß bei einem Wechsel des Besitzes die Familie ihn beibehalten hätte; vielmehr wurde in solchem Fall auch der Name vertauscht. So führten z. B. die Freiherren von Attinghausen diesen Namen erst seit ihrer Übersiedelung nach Uri; vorher hießen sie nach ihrer Stammburg im Emmental die Freien von Schweinsberg. So hießen die von Löwenstein früher Bischofshausen, von Bischofshausen, jetzt Bischhausen an der Schwalm; als sie aber im 13. Jahrhundert ihre neue Burg erbauten, nahmen sie ebenfalls die neumodische Benennung an.[61]
Diese Weise wurde aber auch von Leuten nicht ritterlichen Standes frühzeitig befolgt, indem sie sich nach ihrem Stammorte oder ihrem Wohnsitze benannten. So begegnen wir unter den hervorragenden Dichtern des 13. Jahrhunderts einem bürgerlichen „meister“ Konrad, der sich selbst Konrad von Würzburg nennt.[62]
Daß solche Zusätze sich allmählich befestigten, war naturgemäß, ja fast unvermeidlich, sobald eine Familie längere Zeit in demselben Besitze blieb oder an derselben Stelle wohnte.
Die aus dieser Quelle geflossenen zahlreichen Namen zerfallen in zwei Hauptgattungen, je nachdem sie von allgemeinen Ortsbezeichnungen oder von bestimmten Ortsnamen herrühren. Betrachten wir jene zuerst!
Uns klingen jetzt die Namen mancher Landleute in Schillers Tell auffällig und fremdartig: (Hans) auf der Mauer, (Jörg) im Hofe, (Burkhart) am Bühel u. a. Solcher Benennungen aber, wie sie hier Schiller im Anschluß an die Schweizer-Chronik von Tschudi gewählt hat, gab es ursprünglich sehr viele, von den verschiedensten Örtlichkeiten entlehnt und mit den mannigfachsten Verhältniswörtern: von der Au; am Ende (der am Ende des Ortes Wohnende); aus dem Werd (Werder, Insel); beim Born; vor dem Baum; achterm Boil (hinter dem Bühel d. i. Hügel); unter den Weiden; zum Steg u. s. f.[63]
Später fiel dann das Verhältniswort meist ab, eine Familie aus dem Werd nannte sich einfach Werth, ter Varrentrap (zu der Ochsenspur) Varrentrap — oder dasselbe wurde eng an das Hauptwort herangezogen und mit ihm vereinigt. So ist eine Anzahl Familiennamen entstanden, die man nur nach ihren Bestandteilen auseinander zu schneiden braucht, um sie sofort zu verstehen:
Ambach: am Bach;
Imhove: im Hofe;
Zumbusch: zum Busch;
Vormbaum: vor dem Baum;
Auffenberg: auf dem Berg usw.
Bisweilen sind dabei allerdings Entstellungen eingedrungen: Tremöhlen statt ter Möhlen (hochd. zur Mühlen), Austermühle statt aus der Mühle, Amthauer statt Amthor.
Nur selten hat die ursprüngliche Form, Hauptwort und Verhältniswort getrennt, sich erhalten, wie in: aus der Ohe, aus’m Werth, ten Brink (niederd. = zum Hügel), zum Bild, ganz vereinzelt Zur-Linde.[64]
In entsprechender Weise werden Familiennamen von bestimmten Ortsnamen (Stadt- oder Dorfnamen) abgeleitet. Wer aus einem fremden Orte zuzog, wurde beim Eintragen in die Bürgerrollen am einfachsten nach dem Orte bezeichnet, aus welchem er kam. So ist in den Bürgerrollen von Nordhausen aus dem 13. und 14. Jahrhundert ein Personenname aus von (oder lateinisch de) und einem Ortsnamen gebildet die gewöhnlichste Bezeichnung, z. B. Henricus de Erfordia, Ludovicus de Molhusen. Das von fiel später weg, zumal der Adel es mehr und mehr als sein Kennzeichen und Sonderrecht hinstellte. Dieser allmähliche Wegfall ergibt sich deutlich aus einer Zusammenstellung Förstemanns (Programm S. 11), wonach von 27 Mitgliedern des Rates zu Nordhausen im Jahre 1385 noch 13 das von mit einem Ortsnamen haben, dagegen 1401 nur 7, 1421 nur 2, 1475 noch einer, endlich 1484 keiner, obgleich nicht weniger als sieben einen Ortsnamen als Familiennamen führen.
Daher stammt nun eine außerordentliche Menge von Familiennamen, die einfach aus einem Ortsnamen bestehen. Besonders leicht zu erkennen sind die zusammengesetzten, bei welchen etwa folgende Ausgänge die häufigsten sind:
-au: Fürstenau;
-bach: Blumenbach — niederd. -beck (spr. bäk): Möllenbeck;
-baum: Birnbaum — niederd. -bohm: Nottebohm;
-berg: Lichtenberg;
-brück: Delbrück — niederd. -brügge: Delbrügge;
-burg: Homburg;
-dorf: Holtzendorf, Bernstorff — niederd. -dorp: Oldendorp;
-eck: Viereck — südd. -egg: Hohenegg;
-feld: Birkenfeld;
-hagen: Hundeshagen — zsgz. -hain: Rosenhain, -hahn: Langenhahn;
-haus: Brockhaus — im Dat. Plur. -husen (aus altd. husum): Wachenhusen, mit neuhochd. Vokal -hausen: Möllhausen;
-heim: Freinsheim;
-hof: Blumhof — im Dat. Plur. -hofen: Altenhoven;
-holz: Buchholz;
-horst: Scharnhorst;
-leben: Alsleben;
-reut: Bärenreuth;
-rode: Benterode — mit Abfall des e -roth: Almeroth, -rath: Beckerath;
-stadt: Karlstadt — mit der Nebenf. -stedt (eig. Dativ): Bodenstedt;
-stein: Lauenstein;
-thal: Friedenthal — niederd. -dahl: Küchendahl;
-walde: Schwachenwalde — gew. gekürzt -wald: Arnswald;
Dazu die Endung
-ingen (eig. Dat. Plur. von dem Patronymikum s. Namenlexikon): Ehingen, gekürzt -ing: Bisping.
Diesen schließen sich in der Häufigkeit zunächst an die auf
-born, -busch, -fels, -furt, -horn.
Im ganzen ist der Ortsnamen, die zugleich als Familiennamen dienen, eine ungezählte Menge, da es kaum einen größeren Ort in Deutschland gibt, dessen Name nicht auch als Familienbezeichnung sich fände. Viele Familiennamen, die sonst fast als unlösbare Rätsel erscheinen, werden ohne weiteres klar, sobald man ein geographisches Wörterbuch zur Hand nimmt.[65]
Freilich wird anderseits auch die sichere Deutung und Heimweisung vieler Familiennamen durch das Hereinspielen der Ortsnamen erschwert, da nicht wenige der letzteren mit Personennamen buchstäblich übereinstimmen. Z. B. ist Seeger eine Weiterbildung des altdeutschen Personennamens Sigher, zugleich aber auch ein Ort in Pommern; Roth, für welches schon eine doppelte Quelle nachgewiesen (S. 48), findet sich auch häufig als Ortsbenennung, von rode abzuleiten (s. oben). Außerdem tragen viele Orte Namen von Gegenständen der Natur, sei es durch zufälliges Zusammentreffen, wie in Hahn, welches hier doch nur Zusammenziehung aus Hagen ist, oder indem der Name eines Tieres, einer Pflanze ohne weiteres, ohne Anhängung einer Endung, auf einen Ort übertragen wurde. Es tritt an diesem Punkte ein Mangel in der Namengebung hervor, da viele Bezeichnungen unterschiedslos als Personen- wie als Ortsnamen dienen, z. B. Baum, Habicht, Kranz, Nagel, Wohlgemuth. Daher ist hier besondere Vorsicht geboten, und es ist in solchen zweifelhaften Fällen jeder Name möglichst durch Einzeluntersuchung klarzustellen.
Leichter sind diejenigen Familiennamen zu erkennen, welche durch Ableitung von Ortsnamen gebildet sind, und zwar mittels der Endung er wie: Eppinger, Meißner.[66] Diese Bildungsweise hat jedoch geringere Verbreitung und ist hauptsächlich oberdeutsch. So gehören bei Fröhner (Karlsruher Namenbuch) unter etwa 100 von Orten hergeleiteten Familiennamen zwei Drittel hierher, während in Hoffmanns hannöverschen Namenbuche unter etwa 300 derartigen Namen sich (abgesehen von den neueren jüdischen) kaum 10 finden, und diese erklären sich durch oberdeutschen Zuzug.[67]
Die meisten der auf S. 54 f. aufgeführten Endungen bilden Familiennamen dieser Art, wobei sich durch Hinzutreten des Umlautes aus manchen zwei Formen entwickeln, so aus -dorf: -dorfer und -dörfer, aus -bach: -bacher und -becher. Demnach haben wir
-auer: Kronauer;
-bacher (-becher): Speckbacher — Isselbecher;
-berger: Frankenberger — Reichensperger;
-brücker (-brugger): Haarbrücker — Moosbrugger;
-burger (-bürger): Waldburger — Waldbürger;
-dorfer (-dörfer): Rudorfer — Harsdörfer;
-ecker (-egger): Bernecker — Buchegger;
-felder: Hirschfelder;
-hauser (-häuser): Steinhauser — Steinhäuser;
-heimer: Sinsheimer;
-hofer (-höfer): Frauenhofer — Sandhöfer;
-inger: Ehinger;
-reuter: Vogelreuter;
-röder: Blumröder;
-städter: Hochstädter;
-steiner: Buchsteiner;
-thaler (-thäler): Reinthaler — Lichtenthäler.
Dagegen erweisen sich -hagen, -leben, -see, -wald u. a. für Bildungen dieser Art wenig fruchtbar, was sich zum Teil daher erklärt, daß die betreffenden Ortsnamen in Süddeutschland nicht üblich sind. So ist -leben auf Thüringen und das nördliche Schleswig beschränkt, -borstel und -bostel auf das nordwestliche Deutschland (Hannover).
In die Lücke treten dafür einige andere Endungen, welche Süddeutschland eigentümlich sind, namentlich
-kofer: Zollikofer;
-öder (-eder): Ameisöder — Hocheder (Leute, die in einer „Öde“ wohnen).
Die Namen dieser Gattung zeichnen sich, wie aus den mitgeteilten Beispielen hervorgeht, durch ihre Länge aus, da sie meist dreisilbig, zum Teil sogar viersilbig sind. Doch gibt es auch zweisilbige in Menge, von Ortsnamen, die nur aus einer Silbe oder auch aus zweien bestehen, abgeleitet, wie Ulmer, Wiener, Lindner (vom O. Linden).
So haben wir denn eine dreifache Weise, Familiennamen von Ortsnamen zu bilden; alle diese drei Formen finden sich z. B. in dem berühmten Baseler Drucker- und Gelehrtengeschlechte der Amerbach, welche in den alten Zunftlisten auftreten als von Amorbach, Amerbach, Amerbacher.
Für viele Familiennamen, die offenbar Ortsnamen sind, läßt sich der entsprechende Ort nicht mehr nachweisen. Gar viele Ortschaften sind in den Stürmen der Zeiten untergegangen; so nach Förstemann in der Umgegend von Nordhausen an hundert im Umkreise weniger Stunden, und Hoffmann von Fallersleben bezeichnet in dem „Kasseler Namenbüchlein“ unter 120 hessischen Ortschaften 30, also den vierten Teil, als nicht mehr vorhanden (auf Grund der „Historisch-topographischen Beschreibung der wüsten Ortschaften im Kurfürstentum Hessen“ von Dr. Landau). Die großen Seuchen des Mittelalters, die verheerenden Kriege früherer Zeiten erklären dies zum großen Teile. Doch gingen auch vielfach kleine Ortschaften in eine große Stadtgemeinde auf, die sie mehr zu schützen vermochte.[68]
Wenn aber auch der Ort noch vorhanden ist, so decken sich doch dessen Name und der daher entlehnte Familienname heutzutage keineswegs immer. Das darf nicht überraschen; denn indem beide Jahrhunderte lang selbständig und meist ohne gegenseitigen Zusammenhang fortbestanden und sich entwickelten, konnte es nicht ausbleiben, daß hin und wieder der eine Wandlungen erfuhr, die der andere nicht mitmachte. So weist für die Familiennamen Birkenhagen und Eschenhagen auch Rudolphs „Vollständigstes Ortslexikon“ keine vollkommen entsprechenden Ortsnamen nach, sondern nur Birkenhain und Eschenhahn; beides aber, hain und hahn, sind Zusammenziehungen aus hagen (s. Förstemann, Die deutschen Ortsnamen S. 57). Es hätten somit in diesem Falle die Familiennamen die ältere, ursprüngliche Form bewahrt. Dasselbe gilt von Meixner statt Meißner, von Zollikofer (aus Zollikon am Züricher See, urspr. Zollinc hovun „zu den Höfen des Zollinc“).
Sehr viel Familiennamen, besonders im östlichen Deutschland, sind von slawischen Ortsnamen entlehnt und sollen später eine genauere Darstellung finden (s. Beilage 3 und das Namenlexikon).
Eine besondere Abteilung in dieser Klasse bilden die
Adelsnamen,
die ja, soweit ursprünglich und echt, fast sämtlich von Ortsnamen abgeleitet sind, z. B. von Falkenstein, von der Asseburg. Doch ebenso alt ist die schon erwähnte Ableitung auf er: der Bodensteiner, der Toggenburger. So nennt sich Hartmann (im 13. Jahrhundert) bald „der von Ouwe“, bald „der Ouwaere“. So wird noch im Tell der Freiherr von Attinghausen von dem Hirten in der ersten Szene „der Attinghäuser“ genannt.
Jetzt ist die präpositionale Bezeichnung allgemein durchgedrungen und zwar die mittels des Verhältniswortes von, welche die andern in den Hintergrund gedrängt hat und als Kennzeichen des Adels schlechthin gilt.
Wie aus obiger Darstellung erhellt, hat dieses von einen Sinn nur vor Ortsbezeichnungen, und es ist eine Verirrung, auch Namen anderer Art, ursprünglichen Personennamen, Handwerksnamen usw. es vorzusetzen. Von Hermann, von Schmidt, von Schulz u. dergl. ist sprachlich entschiedener Nonsens, und daß man in hunderten von Fällen ein von so ganz äußerlich anheften konnte, ist ein unleugbarer Beweis von erloschenem Sprachgefühl.
Ein Rest dieses Gefühles hat sich in Österreich erhalten; aber wie hilft man sich dort? Man bildet (wie schon in den Zeiten des alten deutschen Reiches)[69] aus dem bisherigen Familiennamen des zu Adelnden durch Anhängung von -feld, -burg, -thal usw. einen Ortsnamen, unbekümmert darum, ob es einen solchen Ort in der Welt gibt oder nicht, also: Kuhn von Kuhnenfeld, Planck Edler von Planckburg, Braun von Braunthal — lauter Namen, welchen man es sofort ansieht, daß sie nichts als Phantasiegebilde sind.
Besser ist in dieser Hinsicht eine Namengebung wie: Schubert, Edler von dem Kleefelde (wegen seiner Verdienste um den Kleebau geadelt, Pott, Personennamen S. 3), und Escher von der Linth, wie der Staatsrat Escher wegen Regelung des Laufes der Linth und Austrocknung der durch diesen Fluß gebildeten Sümpfe auf Beschluß des kleinen Rates von Zürich genannt wurde. („Die Staatskanzlei sei beauftragt, künftig in allen betreffenden öffentlichen Schriften den verewigten hochverehrten Herrn Staatsrat Hans Konrad Escher und dessen männliche Nachkommen als „Escher von der Linth“ zu benennen, eine Bezeichnung, die jetzt urkundlich um so begründeter festgesetzt wird, da sie schon, während das Vaterland sich noch des lebendigen Wirkens des Vollendeten erfreute, von der öffentlichen Meinung aufgefaßt und von Mitbürgern und Eidgenossen übereinstimmend geübt ward.“)
Häusernamen.
Wenn in manchen Geschlechtsnamen, z. B. Amthor, die Bezeichnung der Lage des Hauses entnommen ist, so entspringt sie auch sehr häufig aus dem Namen des Hauses selbst. Denn jene alte Zeit war, wie Becker S. 20 treffend bemerkt, so jugendfrisch, daß sie allen Dingen, wie Adam im Paradiese, gleich einen lebendigen Namen zu geben wußte, nicht nur Burgen, Höfen und Straßen, sondern auch den Häusern.[70] Wir begnügen uns jetzt mit einer toten Nummer und Littera, während nur die Straßennamen noch fortdauern. An einzelnen Orten sind freilich auch diese wenigstens vorübergehend abgeschafft, z. B. in Mannheim, wo es statt dessen bis vor kurzem armselige Häuserquadrate A, B, C usw. gab, und jenseit des Ozeans bei den nüchternen, poesielosen Yankees, die da bloß zählen 1. 2. 3..... Avenue.
Im Mittelalter dagegen führten auch die Häuser Namen, und zwar benannte der Erbauer oder Besitzer eines Hauses dasselbe entweder nach seiner alten Heimat — so hieß das Haus, in welchem der Dichter Konrad von Würzburg (s. S. 54) in Basel wohnte, Würzburg, andere zum Mailand, zum Venedig — oder nach Tieren, Pflanzen, Geräten, namentlich nach Geräten oder Erzeugnissen eines Gewerbes oder Dingen, die mit dem Berufe des Erbauers irgendwie zusammenhingen.
Diese Häusernamen nun wurden nicht angeschrieben, sondern dem lese-unkundigen Volke zu nutz wurde der im Namen enthaltene Gegenstand angemalt oder auch in einem Holz- oder Steinbild am Hause angebracht.[71]
Reste dieser Sitte sind die noch jetzt üblichen besonderen Benennungen und Bezeichnungen der Gasthäuser und Apotheken, auch der Logierhäuser in Bädern. Im übrigen haben sich nur einzelne dieser Namen und Bilder bis in die Gegenwart erhalten. So heißt in Leipzig noch jetzt ein schönes, hohes Haus auf dem Neumarkte „die hohe Lilie“ (Pröhle), ein Haus in Erfurt „zum Rebstocke“, ein anderes in Stettin „die weiße Taube“.
An diese Benennungen knüpfen sich häufig sagenhafte Erzählungen, welche die Veranlassung und Bedeutung derselben zu erklären suchen. Einige teilt Pröhle in seinen „Deutschen Sagen“ mit:
„Zu Erfurt sah einst ein Schäfer in seinem Garten einen Bock und ein Schaf an einem Rosenstocke stehn. Das Schäfchen aber scharrte mit seinem Fuß etwas Geld aus der Erde. Da grub der Schäfer nach und fand so viel Geld, daß er davon drei schöne Häuser bauen konnte. Er nannte aber das erste Haus „zum güldenen Schafe“, und es ist daran auch ein Schaf in Stein zu sehen, das andere „zum Rosenstock“ und das dritte „zum schwarzen Bock“.
Geschichtlicher sind nach allem Anscheine die Angaben über das oben erwähnte Haus „zum Rebstock“, welches von Otto v. Ziegler im 15. Jahrhundert erbaut worden. „Dieser reiste 1447 zum heiligen Grabe und in die 18 Königreiche. Er brachte aus dem heiligen Lande einen großen merkwürdigen Rebstock mit, und als er 1451 zu Erfurt in der Futtergasse ein schönes Haus als Stammhaus erbaute, nannte er es „zum Rebstock“. Oben an dem Hause standen auf steinernen Platten die Wappen der 18 Königreiche gemalt,[72] wodurch der Otto v. Ziegler gereiset. Auch ward der Rebstock, den er mitgebracht hatte, daran abgebildet und außerdem in seiner Familie aufbewahrt“ (Pröhle, Deutsche Sagen neue Ausg. S. 248 ff.).
Ähnlich über ein Haus in Würzburg in der Dominikanergasse, welches den Namen „zum roten Hahn“ führt: Auf das Dach desselben wurde von den Leuten des Wilh. Grumbach nach Überrumpelung der Stadt Würzburg ein roter Hahn gesetzt und das Haus angezündet. Der rote Hahn krähte (d. h. die Flamme prasselte) und flog von einem Dache zum andern. Nach seiner Wiedererbauung erhielt das Haus den Namen „zum roten Hahn“ (Pröhle a. a. O. S. 237).
Aus diesen Hausnamen und -Bildern sind nun eine Menge Familiennamen entstanden. So führt Becker aus älterer Zeit unter andern folgende an: aus Köln 1116 zum Saphir, 1178 Lembechen (Lämmchen), 1219 von Gürzenich, 1256 van me Kranen (vom Kranich), 1262 van me Hane; aus Basel: 1255 Waltherus ad Stellam, zum Sternen, 1262 Anselm zer Tannen; später zer Sonnen, zer Rosen, zem Haupt, zem Tracken (Drachen) usw. Wie hieraus ersichtlich wurden diese Hausnamen vorzugsweis aus der Tier- und Pflanzenwelt gewählt, und daher erklärt sich zum guten Teile der Umstand, daß jetzt so manche Familiennamen nichts anderes als eben Tier- und Pflanzennamen sind. Der Hausname wurde auf den Besitzer übertragen, ursprünglich wie andere Ortsbenennungen mit einem Verhältnisworte: von oder zu, welches später abfiel. Einen Beweis für diese Entwickelung bietet unter anderem der Familienname Molfenter, aus zum Olfenter (Kamel), wo das m von der Vorsetzsilbe noch stehen geblieben ist.
Besonders reichliche Beiträge zur Bezeichnung menschlicher Geschlechter haben unter den vierfüßigen Tieren gegeben: Schaf und Ziege, Rind, Wolf, Fuchs und Hase, nächstdem Hirsch und Reh (Rehbein, Rehfuß) — unter den Vögeln außer dem allgemeinen Vogel nebst seinen Zusammensetzungen (Brachvogel, Schreivogel) die Raubvögel: Adler, Geier, Falk, außerdem Gans und Hahn. Innerhalb des Pflanzenreichs überragt die Königin der Blumen, die Rose, die andern auch hier, zumal in mannigfachen Zusammensetzungen (Rosenblüt, Rosenstiel, Rosenstock, Rosenzweig).
Jedoch ist wiederholt darauf hinzuweisen, daß wir uns hier auf einem sehr trügerischen Gebiete bewegen, in einer Welt, die großenteils eine Welt des Scheines ist. Wie bei den Gerätschaften und Körperteilen ist auch hier ein gut Teil anderen Ursprungs und trifft nur zufällig, oft infolge von Umdeutung und Entstellung, mit neueren Tier- und Pflanzennamen zusammen. So ist der Name Strauß die regelmäßige Weiterentwickelung vom althochd. Struz, der Schmeichelform von Strudolf, Appel ist Zusammenziehung und Verkürzung aus Adalbold, Hering, althochd. Herinc, Patronymikum von Hero, Regen althochd. Regino (s. Ragan „klug“), Bock meist wohl aus Bucco, Kürzung von Burkhart. Andere bezeichnen wirklich Tiere, stammen aber meistens schon aus der ersten Periode, wie Bär, Roß, Schwan, oder sie gehen auf Eigenschaften (s. S. 48).
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Hiermit schließen wir diese Übersicht. Wie uns die Personennamen unserer germanischen Altvordern das kampfdurchtobte, waffenfreudige Leben und Treiben derselben vor Augen führen, so spiegeln die dem spätern Mittelalter entsprossenen Familiennamen die bunten Erscheinungen mittelalterlichen Lebens wieder. Die Bilder der Raubritter, der „frummen“ Landsknechte, der teils gedrückten, teils übermütigen Bauern, besonders aber der ehrsamen Bürger in Werkstatt und Rat, in Singschule und Trinkstube werden durch diese Namen vor unsere Augen gezaubert.
Wenn die Geduld des freundlichen Lesers uns bis hierher gefolgt ist, so wird derselbe nunmehr wenigstens in den Grundzügen ein Bild der deutschen Familiennamen erhalten haben. Es mag dieses einem buntgewirkten Teppich gleichen, in welchem die altdeutschen und die kirchlichen Namen den Aufzug, die bürgerlichen Bezeichnungen den Einschlag bilden. Damit ist im wesentlichen die Sache abgeschlossen; was später etwa noch hinzukommt, kann den Grundcharakter der deutschen Namengebung nicht ändern, es dient nur dazu, hie und da noch einen neuen Faden in das Gewebe einzufügen, es noch ein wenig bunter zu machen.
14. Würdigung der deutschen Familiennamen nach Gehalt und Form.
Nach ihrem innern Gehalt ist die deutsche Namengebung alles Lobes würdig.
Die Grundlage bilden die altdeutschen Heldennamen mit ihrem schönen, idealen Gepräge und in ihrer reichen Fülle, mit einer verhältnismäßig nicht bedeutenden Beimischung fremdsprachig kirchlicher Namen, von Glaubenshelden entlehnt. An diese schließt sich dann, entsprechend der gesellschaftlichen Entwickelung, in durchaus gesunder Weise eine fast ebenso große Fülle bürgerlicher Namen, hergenommen von Amt und Handwerk, von Geburts- und Wohnort. Freilich hat sich der Schwung des heroischen Zeitalters ermäßigt, der poetische Blütenstaub ist abgestreift. Dafür tritt zum Ersatz der Witz, die scherzende und spottende Laune ein, die sich am glänzendsten in den Satznamen offenbart.
Ein Mangel allerdings gibt sich hier sehr bald kund: die zu häufige Wiederkehr mancher Namen, besonders der vom Handwerk entlehnten, wogegen anderseits auch ein Fernhalten von leerem Prunk anzuerkennen ist.[73]
Nicht so günstig kann das Urteil in betreff der Form ausfallen.
Hier ist vor allem zu beklagen, daß die klangvollen Namen der ersten Schicht, wie Hildebrand, Rüdiger, Landolf durch spätere Verkürzungen und Verkleinerungen doch sehr gelitten haben, so daß eine Menge überkurzer, einsilbiger, klangloser Namen entstanden ist: Eck, Sietz, Lemm, Thie, Deetz usw. Hierher gehören auch viele zweisilbige, insbesondere die niederdeutschen auf ke: Gefke, Gehrke, Reetzke, Zielke, denen die süddeutschen auf l entsprechen: Dietl, Atzl, Datzl, Hutzl.
Voller tönende Namen finden sich unter den von Ortsbezeichnungen entlehnten: Frankenstein, Reinthaler, Rudinger u. a. — und diese bilden jetzt die Hauptmasse der längeren, mindestens dreisilbigen Familiennamen. Manche, viersilbige, haben sogar zuviel Gewicht und etwas Schleppendes, wie: Albrechtsberger, Koberlechner.
Außerdem fällt eine Härte in den konsonantischen Verbindungen, z. B. in Hitzke, Kratzke, Nitzschke, vielfach unangenehm ins Ohr.
15. Latinisierungen.
Unter den auf S. 62 erwähnten späteren Zutaten treten hervor die Latinisierungen.
Im Ausgange des Mittelalters und besonders nach der sonst so erfreulichen Wiederbelebung der klassischen Studien im 15. und 16. Jahrhundert wurde es Sitte bei den Gelehrten und studierten Fürstendienern, auch ihre Namen in das Antike zu übersetzen. Ein Beispiel haben wir unter anderm an dem Dr. juris Olearius in Goethes Götz in der Tafelszene des ersten Aufzuges:
Liebetraut: Ihr seid von Frankfurt? Ich bin da wohlbekannt. — Euer Name ist Olearius? Ich kenne so niemanden.
Olearius: Mein Vater hieß Ölmann. Nur den Mißstand auf dem Titel meiner lateinischen Schriften zu vermeiden, nennt’ ich mich nach dem Beispiel und auf Anraten würdiger Rechtslehrer Olearius.
Liebetraut: Ihr tatet wohl, daß ihr euch übersetztet. Ein Prophet gilt nichts in seinem Vaterlande; es hätt’ euch in eurer Muttersprache auch so gehen können.
Olearius: Es war nicht darum.
Liebetraut: Alle Dinge haben ein paar Ursachen.
Die Grundursache war eben die leidige Nachahmung oder vielmehr Nachäffung des Fremden. Es sollte das alte Römertum wieder erweckt und alles möglichst auf römischen Fuß gebracht werden. So wurde das heimische Recht durch das römische Corpus juris verdrängt, und auch die deutsche Muttersprache suchte man als eine barbarische, wofür sie den Gelehrten galt, möglichst zu verdrängen und auszurotten, zunächst in den gelehrten Schulen, damit die lateinische ganz an ihre Stelle träte. Man betrachtete es als einen großen Vorzug der römischen Kinder, daß sie von kleinauf Latein sprachen und mit Lateinsprechenden umgingen, und bedauerte die armen deutschen Kinder, die nicht schon von den Ammen und beim Spielen auf den Gassen lauter Latein hörten. Den Lehrern wie den Schülern war darum alles Deutschsprechen untersagt; Spielen ward unter der Bedingung erlaubt, daß auch dabei nur Latein gesprochen würde. So hoffte man die „barbarische“ Muttersprache wenigstens aus den Schulen bald auszutreiben. In diesen traurigen Anschauungen und Bestrebungen kamen der Straßburger Lehrplan des Joh. Sturm, der württembergische des Herzogs Christoph und der der Jesuiten überein. Es war eben allgemeine Zeitrichtung.
Daher darf es nun nicht wundernehmen, wenn im Kreise der Gelehrten die Namen so eifrig verlateint wurden und man sich wenigstens hierin zu Römern zu lügen suchte. Ein Lutz nannte sich Lucius, ein Kurz: Curtius, ein Köpflin: Capito, ein Crachenberger: Pierius Gracchus — ein Fischer übersetzte sich Piscator, ein Habermann: Avenarius — mit Zuhülfenahme des Griechischen ein Holzmann: Xylander, ein Becker: Artopoeus, ein Hausschein: Oecolampadius.
Während die vergriechten Namen, fast ausnahmslos zusammengesetzt, durch ihre Länge ins Ohr fielen, indem sie mindestens dreisilbig, oft aber vier-, fünf-, ja sechssilbig sind: erschienen die einfachen lateinischen Namen in ihrer Kürze noch zu kahl; mindestens mußte den zweisilbigen wie Sartor, Pistor noch eine Endung gleichsam als Schleppe angehängt werden, um die Würde ihrer pedantischen Träger recht zu bezeichnen, also: Sartorius, Pistorius.
In jenen Zeiten bestimmte zuweilen der unreife und phantastische Einfall eines unbärtigen Literaten auf Jahrhunderte den Familiennamen seines Geschlechtes. So war, nach Vilmar, ein gewisser Mosmann der Sohn eines Schmiedes zu Gemünden an der Wohra; da ihm aber einige lateinische Verse gelungen waren, so konnte er nicht mehr Mosmann heißen, sondern nahm den lateinischen Namen für das Gewerbe seines Vaters an: Faber. Indes das drückte doch nicht den poetischen Schwung aus, den der angehende Virgil in sich fühlte, und so nannte er sich denn Fabronius, welches bedeuten sollte Faber Aonius, d. i. Musenschmied, und diesen Namen behielten seine Nachkommen bei. Seine Landsleute waren Helius Eobanus Hessus und Euricius Cordus, von denen bei ihren hochpoetisch klingenden Namen niemand mehr weiß, wie sie recht geheißen haben.
So entstanden die wunderlichsten und abenteuerlichsten Namengebilde, z. B. Osiander aus Hosemann, Chiomusus aus Schneesing, Eucharius aus Eckhard, Chelopoeus aus Kistemaker, Namen, die jetzt schwer zu enträtseln sind oder gar nicht mehr, wie Chesnecophorus. Auch übellautende Mißbildungen, wie Gueinzius, Heineccius, Cocceji[74] setzten sich fest.
Diese Latinisierungen wucherten am meisten da, wo eben die vorhin geschilderte, sog. humanistische Richtung besonders blühte, also namentlich in Sachsen, in der Pfalz, in Basel, vor allem aber am Hofe des hessischen Landgrafen Philipps des Großmütigen.
Manche kehrten von den Pistorius, Episcopius, Melissander ihrer Väter zu den Becker, Bischoff, Bienemann ihrer Großväter zurück; andere aber behielten die bunten lateinischen und griechischen Namen bei, wenn sie sich auch nicht auf der wissenschaftlichen Höhe ihrer Vorfahren behaupten konnten, und so finden wir diese Fremdnamen gegenwärtig noch überall in Deutschland.[75]
Jetzt bekommt diese Namenklasse glücklicherweise keinen Zuwachs mehr. Nur einige Stockphilologen haben es in neuerer Zeit noch nicht lassen können, Namen in dieser Weise für ihre Zwecke zu antikisieren: Öhler in Olearius, Sillig in Siligius. Doch gründlicher verfuhr hierin Reisig. Dieser Gelehrte, der jedesmal, wenn er glaubte eine glückliche Konjektur gemacht zu haben, dies der Welt durch Trompetenstoß von dem Boden seiner Wohnung aus verkündete, leistete auch Entsprechendes auf dem Gebiete der Antikisierung, besser gesagt, Entstellung der Namen. So verwandelte er Wunderlich in Vunderilicus, Poppo ganz unnötigerweise in Pomponius, Mitscherlich gar in Midoscherilix, als wäre dieser Horazerklärer des 19. Jahrhunderts einer von den Keltenhäuptlingen des alten Galliens, gleich den Viridovix und Vercingetorix.
16. Jüdische Namen.
Am spätesten haben die Juden sich dazu verstanden, Familiennamen anzunehmen; meist wurden sie erst durch die Gesetzgebung, in Österreich unter Joseph II., in Preußen durch Hardenbergs Edikt vom 11. März 1812 dazu genötigt. Sie hatten nun die Wahl und wählten, was auch am nächsten lag, zum großen Teil hebräische, alttestamentliche Namen, indem einfach die bis dahin geführten Personennamen zu Familiennamen gestempelt wurden: Abraham, Jakob, Moses, Simon; auch patronymische Ableitungen hebräischer Namen: Jakoby, Jakobson (entsprechend dem hebräischen ben, welches in Benary „Löwensohn“ erscheint).
Doch in der Mehrzahl wurden neuhochdeutsche Namen gewählt, zunächst Bezeichnungen von Eigenschaften, natürlich guten: Edel, Freundlich, Treu — sodann Tierbenennungen: Hirsch, Wolf, Adler, meist wohl mit Rücksicht auf die Bedeutung, welche denselben im Alten Testamente beigelegt wird[76] — jedoch mit besonderer Vorliebe Ortsbezeichnungen: Cassel, Falkenstein; häufig mit der Ableitungsendung er: Friedländer, Wronker, Exiner, Meseritzer. Diese Namen weisen großenteils nach dem Osten, nach Westpreußen und Posen.
Eigentümlich ist hierbei die Vorliebe für schönklingende Namen, Zusammensetzungen nicht nur mit Gold[77] und Silber — sondern auch mit Löwen, mit Rosen, Lilien und Veilchen: Löwenstamm und Löwenthal, Rosendorf und Rosenberg, Lilienthal, Veilchenfeld u. ähnl. Woher diese prächtig klingenden Namen, welche zu den die jüdische Namengebung beherrschenden gehören? Ist es noch ein Nachklang jenes poetischen Sinnes, der sich einst in den Dichtungen des Alten Testamentes kundgegeben, ein Stück von dem Farbenreichtum des Morgenlandes nach dem Abendlande verpflanzt? Oder ist es nur das Bestreben, wie die Ware so auch den Namen möglichst herauszuputzen, durch schönes Etikett Reklame zu machen?[78]
Dabei wird nun nicht gefragt, ob derlei Ortsbezeichnungen auch in Wirklichkeit vorkommen; diese Lilienthal, Veilchenfeld usw. sind großenteils rein erdachte Namen, wie auch Cohnfeld und Cohnheim, Aronsbach, Lewinthal — denn wo gäbe es in Deutschland Orte dieses Namens? Es gleichen diese scheinbaren Ortsnamen trügerischen Luftspiegelungen, die bei der Annäherung zerrinnen.
Hingegen treten zurück die altdeutschen Namen, die kirchlichen und, was besonders bezeichnend ist, auch die Handwerksnamen.
Im ganzen hat die jüdische Namengebung etwas Gemachtes, Künstliches, was allerdings teilweis mit der Art ihrer Entstehung zusammenhängt.
In Österreich standen zu Ende des 18. Jahrhunderts besonders die Juden Ungarns, Galiziens und der Bukowina auf einer tiefen Stufe, sie kannten das Bedürfnis nach Familiennamen gar nicht und hielten an dem alten orientalischen Brauche fest, nach welchem jeder bloß mit dem eigenen Personennamen (und dem des Vaters) benannt wurde. Rücksichten der Verwaltung, der Steuererhebung und Rechtspflege forderten Beseitigung solcher Zustände. Darum beauftragte Joseph II. seinen Hofkriegsrat, binnen zweier Jahre die nötigen Maßregeln durchzuführen. Zu dem Ende wurden nun Kommissionen von Offizieren ernannt. Ein panischer Schreck fuhr in die Juden, welche besonders vor dem Militärdienste wahre Todesangst empfanden und einen Abscheu vor den „heidnischen“ Namen hatten, die sie neben ihren „heiligen“ hebräischen tragen sollten.
Zunächst konnten die Juden ihre Familiennamen selbst wählen. Da sie sich aber vielfach hartnäckig ablehnend verhielten, so blieb den Kommissionen nichts anderes übrig, als selber ihnen Namen zu erteilen. Dabei war vorgeschrieben, solche Namen zu wählen, die möglichst große Besonderheit hätten; auch sollten die Kommissionen viele Familiengruppen bilden und wiederholte Wahl desselben Namens in ihrem Bezirk vermeiden. Außerdem spielten Soldatenwitz und Schneid, auch wohl der Ärger über mißglückte Erpressungsversuche eine große Rolle. So kamen denn wunderbare Namengebilde zum Vorschein, als da sind: Wohlgeruch, Veilchenduft, Schöndufter; Armenfreund, Wohlthäter, Weisheitsborn; Geldschrank, Smaragd; Singmirwas, Küssemich — Ladstockschwinger, Pulverbestandtheil, Maschinendraht, Nußknacker, Schulklopfer, Reinwascher; Temperaturwechsel, Maulwurf, Nachtkäfer, Rebenwurzel — Notleider, Hungerleider; Schnapser; Eselskopf, Ochsenschwanz, Drachenblut; Stinker, Kanalgeruch; Galgenvogel, Galgenstrick, Taschengreifer, Hirschtödter, Wanzenknicker, Saumagen, Groberklotz u. a. m.[79]
17. Französierungen, Polonisierungen und andere Metamorphosierungen der Neuzeit.
Die in Kap. 16 geschilderten Latinisierungen fanden eine bemerkenswerte Fortsetzung in der neuesten Zeit. Das infolge der traurigen staatlichen Verhältnisse gesunkene Nationalgefühl der Deutschen hatte schon seit dem Dreißigjährigen Kriege eine bei andern Völkern unerhörte Schwäche hervortreten lassen, die sich in Mißachtung des Heimischen und Überschätzung alles Fremden kundgab.[80] Daher in der Literatur die sklavische Nachahmung fremder Muster, in der Sprache die Überschwemmung mit fremden, namentlich französischen Wörtern. Auf einzelnen Gebieten überwunden trat diese einmal vorhandene Schwäche und Krankheit wieder in andern Symptomen hervor — neuerdings in der Unsitte, in fremden Landen seinen deutschen Namen zu entdeutschen, zu französieren, polonisieren, madjarisieren, wie es gerade kommt.
So werden denn in Frankreich die Namen verfranzöselt:[81] ein Solger nennt sich Saulier, ein Nagler — Naguiller, ein Witzel — Ficelle, ein Kleemann — Clément und ein Vogler schämt sich seines schönen deutschen Namens, nicht Vogler mehr — er wohnt ja in Paris — nein, Fouclair! mag auch das Französisch, welches er spricht, noch recht sehr seine Abstammung aus Deutschland, vielleicht speziell aus Thüringen verraten.
Besonders ungerechtfertigt und tadelnswert ist es, wenn dergleichen in Deutschland selbst geschieht, wenn sich z. B. ein Dessauer — Dessoir nennt, um durch diesen aufgehefteten französischen Lappen seinem Namen ein vornehmeres Aussehen zu geben, oder wenn echt deutsche Namen mit französischen Accenten versehen werden: Nägelé, Schultsé (!), Salingré, Ledérer.
Während diese Französelei sich häufig bei Schauspielern findet, veritalienern sich Sänger und Sängerinnen: der Schwabe Stiegele in Stighelli, die Sängerinnen Crüwell in Cruvelli, Röder in Rodani (!) — als ob Deutsche nicht singen könnten und alles, was gut singt, aus Italien herstammen müßte.
Wie im Westen die Namen französiert werden, so werden sie im Osten polonisiert. Ein Feldmann benamset sich klangvoller Feldmanowski, ein Krauthofer zunächst Krauthofski, dann aber, damit doch ja nicht eine Faser einer deutschen Kohlrübe an ihm hängen bleibe: Krótowski. Wird keine polnische Endung angehängt, so muß wenigstens die Schreibung eine polnische sein: Szuman (Schumann), Szrajber (Schreiber), Szulc (Schulz).[82]
Man sollte dergleichen nicht für möglich halten, da die polnische Nation doch in geringerer Achtung steht (s. „polnische Wirtschaft“, „polnischer Reichstag“) und die deutsche sich stets überlegen gezeigt hat, und doch geschieht es. Hieraus erklärt sich zum Teil das erneute Vordringen des Slawischen in manchen östlichen Bezirken Preußens. Es wäre nicht möglich gewesen, wenn die Deutschen in polnischer Umgebung die Fahne ihrer Nationalität immer hochgehalten hätten, wenn sie nicht in jämmerlicher Schwäche ihr Deutschtum verleugnet, ja zum Teil sich den Polen im Kampfe gegen ihr Vaterland, gegen deutsche Sprache und Nationalität angeschlossen hätten. So weigerte sich ein Gutsbesitzer Arndt (!) bei Gnesen, an einer in deutscher Sprache geführten Gerichtsverhandlung teilzunehmen, weil er — ein Pole sei. Entartete Deutsche sind vielfach gerade die Vorkämpfer der Polen und Tschechen.
In Österreich schließen sich an die Slawisierungen deutscher Namen in den slawischen Landstrichen Madjarisierungen in Ungarn. Die öffentlichen Blätter haben in neuerer Zeit häufig lange Listen österreichischer Staatsbürger gebracht, denen auf ihren Antrag Madjarisierung ihres Namens bewilligt worden. Am bekanntesten unter diesen Talmi-Madjaren ist der berühmte Reisende Vambéry, dessen Name nichts weiter ist als eine Verdrehung aus Bamberger. Ähnlich hat sich ein Hundsdörfer in Hunfalvy, ein Benkert in Kertbeny, ein Schedel in Toldy umgewandelt, der dann als Sekretär der ungarischen Akademie der Wissenschaften im ungarischen Unterrichtsrate gegen seine Muttersprache wütete und die nichtmadjarischen Nationalitäten Knall und Fall zu Madjaren zu machen suchte.
In Amerika endlich werden die Namen anglisiert: Schmid in Smith, Grünbaum in Greenbaum.
Diese Umwandlung ist übrigens verhältnismäßig am unschuldigsten, da es mehr nur Umsetzung aus einer Mundart in die andere, aus der hochdeutschen in die angelsächsische ist. Wenn aber auf diesem Wege ein so schöner Name wie Rosenkrantz in Rosecrans entstellt wird, so tritt auch hier wiederum das Widerwärtige dieser Erscheinung hervor.
Alles in allem — es ist eine sehr betrübende Erscheinung. Daß auf diese Weise echtdeutsche Namen verhunzt werden, ist noch das Geringere. Schlimmer ist, was damit unvermeidlich zusammenhängt. Wer sich seines ehrlichen deutschen Namens schämt, der schämt sich auch seiner Sprache, seiner Nationalität, seines Vaterlandes und sucht sie sobald wie möglich abzustreifen, er wird Franzose, Pole, Madjare, Slowene, Slowake, was es sei — nur ja nicht Deutscher bleiben![83] Einem Franzosen, einem Engländer, Italiener würde es nicht einfallen, seinen Namen einer fremden Sprache zuliebe zu entstellen — dem Deutschen war es vorbehalten, sich so wegzuwerfen!
Ein edler Stolz — das ist es, was dem Deutschen in den letzten Jahrhunderten nur zu sehr gefehlt hat. Und doch hätte er wohl Ursache, auf sein Vaterland stolz zu sein! auf das Land der Guttenberg und Luther, der Leibnitz und Humboldt, der Goethe und Schiller, der Scharnhorst, Stein und Bismarck!
18. Geographische Verbreitung der deutschen Familiennamen.
Nachdem wir die geschichtliche Entwickelung der deutschen Familiennamen in den Grundzügen verfolgt haben, wird es nunmehr an der Zeit sein, auch in geographischer Beziehung einen prüfenden Blick auf dieselben zu werfen.
Stellen wir zu dem Ende vorerst die Grenzen des deutschen Sprachgebietes fest, welche im wesentlichen ja auch die der deutschen Familiennamen sind![84]
Wenn wir im Nordwesten beginnen, so folgt die Grenze zwischen Deutsch und Niederländisch vom Dollart aus im ganzen der politischen Grenze zwischen Deutschland und Holland.
Bei Eupen setzt das Französische ein, und die Grenze zwischen Deutsch und Französisch fällt nun seit Rückgewinnung des Elsasses meist wieder mit der politischen zusammen, indem nur bei Malmedy und Metz das deutsche Sprachgebiet zurückweicht, während es anderseits bei Luxemburg bis nach Arlon in Belgien hinübergreift.
Von der Schweiz ist der Norden und die Mitte deutsch, derart, daß etwa Solothurn, Freiburg, Gsteig (Kanton Bern) und Leuk (Kanton Wallis) die äußersten deutschen Punkte nach Westen sind.
Am Rosaberge bildet Issime den südlichsten Vorsprung in das romanische — westlich französische, östlich italienische Sprachgebiet. Von hier geht die Grenze nordöstlich über den St. Gotthard, Chur, Martinsbruck, die Ortlerspitze, Salurn (Tirol), Brunecken bis Pontafel in Kärnten, wo drei Sprachen: Deutsch, Italienisch, Slawisch zusammenstoßen.
Von Pontafel zieht sich die Grenze zwischen Deutsch und Slawisch, im ganzen der Drau folgend, ostwärts bis Radkersburg an der Mur, von da nordwärts bis zur Mündung der Feistritz in die Raab, wo wir zuerst auf das Madjarische stoßen.
Weiterhin bis Preßburg ist die Sprachgrenze — zwischen Madjarisch und Deutsch — in welche sich überdies slawische Sprachinseln eindrängen, vielfach zerrissen; doch greift das Deutsche bedeutend nach Ungarn hinüber bis Körmönd, Güns, Wieselburg und bildet auch im eigentlichen Ungarn viele Sprachinseln, besonders in der westlichen Hälfte und im Banat.
Bei Preßburg stoßen wir wieder auf das Slawische (Westslawen). Durch das mährische Tor zwischen Olmütz und Znaym haben sich die Tschechen tief hinein ergossen bis Budweis, Pilsen, Leitmeritz, Turnau, Josephstadt, so daß nur die inneren Abhänge der Grenzgebirge Böhmens deutsche Landbevölkerung bewahrt haben.
In Preußen ist der ganze Ostrand von Pleß bis Oletzko überwiegend slawisch (polnisch), also der Südosten von Schlesien etwa bis Ratibor, Zülz, Namslau, die größere östliche Hälfte von Posen, das mittlere Drittel von Westpreußen, nördlich von Bromberg bis zur Ostsee (Kassubei), der Süden von Ostpreußen (Masuren). Doch sind auch diese als überwiegend polnisch bezeichneten Landschaften von vielen deutschen Sprachinseln durchsetzt und zeigen in dieser Hinsicht ein sehr buntes Bild.
Noch ist eine slawische Sprachinsel zu erwähnen: die Sorbenwenden in der Lausitz, zwischen Bautzen, Muskau, Senftenberg, Peitz.
Östlich von Goldap beginnt die Grenze zwischen Deutsch und Littauisch, welche zuerst fast ganz mit der politischen Grenze gegen Rußland übereinstimmt, dann nördlich von Pillkallen sich westwärts wendet und an der Mündung der Gilge ins Kurische Haff die Küste trifft.
Endlich im Norden die Grenze gegen das Dänische! Dieselbe wird ungefähr durch eine Linie von Hoyer an der Nordsee über Tondern nach Gravenstein bezeichnet; aber nördlicher gelegene Orte, namentlich Apenrade, Hadersleben, Christiansfeld sind noch deutsch.
Außerhalb dieses Hauptgebietes finden sich noch mannigfache deutsche Inseln, besonders an dem ganzen Südost- und Ostrande: so Gottschee in Krain, viele Kolonien in Ungarn (Arad, Weißkirchen, die Zips), in Siebenbürgen (Hermannstadt, Kronstadt, Bistritz), in Russisch-Polen (Lodz), in den russischen Ostsee-Provinzen Kurland, Livland, Estland, an der Wolga, endlich jenseit des Ozeans in Amerika und Australien.
Innerhalb des zusammenhängenden deutschen Gebietes sind nun zwei sich kreuzende Linien zu ziehen: eine von Nord nach Süd, um die Grenze zu bezeichnen, bis zu welcher sich slawische Einflüsse infolge früherer Besiedelung (s. Beilage 3) noch heutzutage in der Namengebung bemerklich machen — eine zweite von West nach Ost, um die Scheide zwischen Ober- und Niederdeutsch[85] festzustellen.
Die Scheidelinie zwischen Deutsch und Slawisch (Wendisch) wird im allgemeinen gebildet durch Elbe, Saale, Böhmerwald. Das Genauere ist, daß eine Linie von der Kieler Bucht in einigen Windungen, doch im ganzen nach Südost verlaufend (zwischen dem 28. und 32. Meridian), über Lüneburg, Oschersleben, Naumburg, Koburg, Waldmünchen (im Böhmerwalde), Windisch Garsten (in Österreich ob der Enns), Pontafel die äußerste Westgrenze der slawischen Eroberungen im 6.-9. Jahrhundert bezeichnet.
Die Scheidelinie zwischen Oberdeutsch und Niederdeutsch geht über Bonn, den Harz, die Niederlausitz — genauer: von Eschweiler (an der holländischen Grenze) über Bonn, Siegen, Münden, Aschersleben, Wittenberg, Lübben bis Birnbaum (Posen), wo das Polnische beginnt.
Doch ist diese Linie natürlich nicht haarscharf zu ziehen; denn Übersiedelung, gegenseitiger Verkehr, Unterjochung des einen Stammes durch den andern, Vermischungen aller Art haben beide Mundarten — besonders an der Grenze — oft durcheinander geworfen. Daher finden sich südlich jener Linie noch an manchen Orten niederdeutsche Elemente, nördlich oberdeutsche, ja beträchtliche deutsche Sprachinseln am Oberharz (um Klausthal) und in Ostpreußen (um Wormditt und Guttstadt), letztere wohl durch Einwanderer entstanden, welche im Anfange des 17. Jahrhunderts aus Oberdeutschland in das pestverheerte Littauen zogen.
Durch Ziehung dieser beiden sich kreuzenden Linien wird das ganze Gebiet in vier Viertel zerschnitten: Nordwest, Nordost, Südwest, Südost, die wir nach dem Grundcharakter der Familiennamen bezeichnen als: niederdeutsch, niederdeutsch-wendisch — oberdeutsch, oberdeutsch-wendisch.
Im folgenden soll nun für das deutsche Reich eine genauere Charakteristik der geographischen Verteilung der Familiennamen versucht werden.
19. Genauere Angabe der Verteilung der Familiennamen.
a) Niederdeutschland.
Nordwest.
An der Nordseeküste sitzen seit Urzeiten in einem schmalen Streifen von der Scheldemündung ostwärts — soweit es Marschen und Inseln gibt — die Friesen, „der deutsche Seestamm, zäh und spröde im Festhalten des Alten, im Verteidigen der Freiheit, ein kerniges Geschlecht.“
Die Sprache ist erst allmählich durch das nahverwandte Niederdeutsche zurückgedrängt worden und behauptet sich gegenwärtig östlich der Ems besonders noch im Saterlande (Oldenburg), in der Gegend von Husum und Tondern und auf den Inseln.[86]
In diesen vom Weltverkehr abgelegenen Gauen bildeten sich, den einfachen bäuerlichen Verhältnissen entsprechend, vorzugsweis patronymische Geschlechtsnamen aus.
Beginnen wir mit Ostfriesland! Hier bilden die genetivischen Namen wie Reiners, Gerdes, Gerjets, Dirks — Focken, Rippen, Tjaden, Ufken, mit Anschluß der seltneren auf -sen (Bohlsen) in den Kreisen Aurich und Emden die Hälfte aller Namen, in Leer noch ein Drittel. Als ganz besonders charakteristisch, nur hier vorkommend, sind dabei die Namen auf a (Gen. Plur.) hervorzuheben: Wiarda, Ebbinga, Ukena — außerdem die Zusammensetzungen mit ma (mann): Bolema.
Von Gewerben finden sich nur die einfachsten (ländlichen): Smidt, Müller, Fischer, Schipper, Bakker, Kramer.
Die Lautverhältnisse haben manches Eigentümliche: sm (Smidt neben Schmidt), tj (Warntjes), kk (Dekker), ui = ü (Luitjens), ou = au (Wildebouer). Wie hieraus ersichtlich, weisen sie zum Teil auf das Holländische hin, dessen Einfluß sich an der ganzen westlichen Sprachgrenze von Ostfriesland bis zum Niederrhein geltend macht.
Auch im Oldenburgischen treten die patronymischen Namen wie Redlefs, Oltmanns, Rieniets, Taddiken, Knutzen (= Knudsen) am nördlichen Küstenrande stark hervor, am stärksten (mit 80 v. H.) im Kreise Jever. Überhaupt findet große Übereinstimmung mit den ostfriesischen Namen statt, nur daß die auf a und ma fehlen, wie auch die Anklänge an das Holländische.
Kommen wir nach Hannover, so treten hier, selbst in den Marschen zwischen Weser und Elbe, die genetivischen Namen merklich zurück. Ihre Zahl wächst erst wieder in Holstein (Ditmarschen: mindestens 40 v. H.) — und hier, an der schleswig-holsteinischen Küste, treten die bis dahin mehr vereinzelten Zusammensetzungen auf -sen, je weiter nach Norden, desto stärker hervor, namentlich im Herzogtum Schleswig, bis in den Kreisen Husum und Tondern die Hansen, Thomsen und Nissen, Christiansen und Gidionsen, Detlefsen und Hinrichsen alles so überwuchern, daß sie fast 90 v. H. aller Familiennamen füllen. Doch diese Bildungen greifen auch nach der Ostseite des meerumschlungenen Landes hinüber, zum Stamm der Angeln, und bilden dort ebenfalls die Mehrheit, im Kr. Flensburg wiederum 90 v. H., im Kr. Schleswig noch die Hälfte, bis sie im daran grenzenden Kr. Eckernförde plötzlich nahezu verschwinden.
Gehen wir wieder nach unserm Ausgangspunkte, Ostfriesland, zurück, so schließen sich an dieses in der Namengebung die südlicher gelegenen hannöverschen Bezirke, namentlich Papenburg, wo die genetivischen (ungerechnet einige auf ing) wieder die Hälfte aller Namen bilden.
In Lingen machen diese nur noch etwa ein Fünftel aus, und anderseits treten als Namenelemente Bezeichnungen von Örtlichkeiten wie brink, horst, auch hoff, desgleichen Zusammensetzungen mit Meyer hervor — die Vorläufer der eigentümlich westfälischen Namengebung.
Patronymika (auf ing und genet. Bildungen) finden sich durch das ganze preußische Westfalen mit Einschluß Osnabrücks — am stärksten an der holländischen Grenze.
Patronymika und zwar genetivische (Giesen, Otten, Wienands, Ludwigs, Gompertz — selbst Namen der dritten Schicht wie Schippers, Schmitz, Kox) bilden das Charakteristische auch am preußischen Niederrhein, ganz besonders auf der linken Seite des Flusses von Kleve bis Aachen, wo dieselben ungefähr die Hälfte aller Namen ausmachen (Höhenpunkt mit mindestens 60 v. H. im nördlichsten Teile des Regierungsbezirks Aachen).
Dann aber gibt sich das spezifisch Eigentümliche der westfälischen Namengebung in den zahlreichen an die Besonderheiten der Örtlichkeit angelehnten Namen kund. Die Landschaft hat hier nicht mehr die Einförmigkeit des Küstenrandes, der Marschen an der Nordsee; Berge und Hügel (hövel), hochliegende Grasflächen (brink) treten in ihr hervor; anderseits Teiche (diek), Brücher (brok), häufig ein Wald oder Gebüsch (loh, holt, horst), dann das Feld in abgeschlossene, umhegte Kämpe geschieden. Alles dies spiegelt sich auch in den Familiennamen, in welchen demnach brink, brock, horst, kamp, demnächst beck (Bach), diek, holt, loh Hauptelemente sind, in Namen wie: Windhövel, Hasenbrink, Uhlenbrock, Hasselhorst, Lohkamp, Möllenbeck, Buddendieck, Eickholt, und abgeleitet mit der Endung er: Steinbrinker, Hüttebräuker, Behrhörster, Roggenkämper — oder präpositional: auf dem Brauke, Tenberge, Terbeck.
Eine solche Bezeichnungweise konnte um so eher Platz greifen, da die Ansiedelung in diesen Gegenden nach altgermanischer Weise eine zerstreute ist. Münster und die nördlichen Teile von Minden und Arnsberg gehören zu denjenigen Gegenden, wo das Land nicht in geschlossenen Dörfern, sondern durch einzelne Höfe angebaut ist, die erst für staatliche Zwecke zu Bauerschaften zusammengefaßt werden. Dazu stimmen auch die vielen Namen auf hof (Lohoff) und haus (im Münsterschen auch hues: Grothues).
Auf die Abstufung nach dem Grundbesitz gehen Meyer und Kötter, welche in außerordentlich vielen Zusammensetzungen erscheinen. Insbesondere tritt Meyer mit seiner Sippe im Mindenschen hervor, bis zu 25 v. H. aller Namen.
Rechnen wir nun noch dazu, daß auch andere Namen, mit denen man in andern Gegenden an sich zufrieden sein würde, hier gern durch Zusammensetzungen noch näher bestimmt werden (wie Bowenschulte, Brinkschröder, Oberste-Kampmann, Hemkensamkenschnieder), daß ferner in Sproßformen der ersten Schicht das altertümliche o sich häufiger behauptet hat (Danco, Teuto): so werden wir zugeben müssen, daß hier auf echt deutschem Boden, wo deutsche Bevölkerung und Sitte sich verhältnismäßig ungeschwächt erhalten hat, auch die Namengebung eine ureigene und höchst bezeichnende ist, wie sie sich kaum in einem andern Teile Deutschlands findet.
Das oldenburgische Binnenland schließt sich an den Küstenrand an, es bietet bei entschieden niederdeutschem Gepräge (sogar -borg st. burg) wieder eine Fülle genetivischer Namen, in Rastede und Westerstede noch an 50 v. H., doch nach Osten hin stark abnehmend, während der Süden (Vechta) nebst den hannöverschen Kreisen Diepholz und Hoya schon zum westfälischen Charakter überleitet.
Auch im östlichen Hannover zwischen Weser und Elbe, dem alten Ostfalen, finden sich noch bedeutende Anklänge an die westfälische Namengebung, indem die örtlichen Elemente, namentlich brink, brock, horst, kamp noch weithin ausgestreut sind, östlich bis an die ehemalige slawische, südlich bis an die hochdeutsche Sprachgrenze.[87] Indessen sind sie doch entschieden weniger zahlreich, und die Ableitungen brinker, kämper usw., sowie die etwas langatmigen Zusammensetzungen (auch auf kötter) fehlen. Dasselbe tritt bei dem Namen Meyer hervor, der auch hier außerordentlich häufig erscheint, jedoch überwiegend einfach, während in Westfalen die Zusammensetzungen auf -meyer vorherrschen.
So bietet diese Namengebung trotz vielfacher Verwandtschaft doch nur ein sehr abgeblaßtes Bild der westfälischen.
Dagegen gehen die Patronymika in wesentlich unverminderter Häufigkeit hindurch. Als neu treten hinzu eigentümliche Ortsbezeichnungen auf -bostel, -horn, -sen (Abkürzung aus -sheim), z. B. Rodenbostel, Ehrhorn, Bellersen (wie diese schon unter den Kreisstädten durch Fallingbostel, Gifhorn, Wennigsen vertreten sind).
Als Verkleinerungsform begegnet hier zuerst häufiger ke (wofür bisher das friesische je und das genet. ken oder gen), insbesondere nach dem Wendlande und der Altmark hin.
Im Kreise Dannenberg erinnern Ortsnamen wie Lüchow, Liepe daran, daß wir nunmehr die Linie überschritten haben, welche die slawischen Eroberungen vor dem 9. Jahrhundert bezeichnet, daß wir uns in dem hannöverschen Wendlande befinden, wo (in den Ämtern Lüchow und Gartow) bis ins 18. Jahrhundert hinein wendisch gesprochen wurde und in der Volksmundart noch jetzt einzelne dem Wendischen entlehnte Ausdrücke sich erhalten haben.
Hier stoßen nun auch unter den Familiennamen wendische Formen wie Wiebelitz, Glabbatz, Gramüsch auf.
Und so kommen wir zu dem Nordosten Deutschlands, dessen Charakter im allgemeinen als niederdeutsch-wendisch zu bezeichnen ist.
Nordost.
Der Nordost umfaßt die weitausgedehnten Ebenen östlich der Elbe, die seit Gründung der Nordmark in jahrhundertelangem Ringen den Slawen (Wenden) wieder abgewonnen wurden, d. h. das östliche Holstein, Mecklenburg, Brandenburg, Pommern, West- und Ostpreußen, bis zur polnischen beziehungsweise littauischen Sprachgrenze im Osten und Südosten (s. S. 71) und bis zur Grenze des Hochdeutschen im Süden.
Hier, in der Heimat Fritz Reuters, wird man auch in den Familiennamen noch den niederdeutschen Charakter ausgeprägt erwarten.
Derselbe zeigt sich in Namen wie Schröder und Schrader, Pieper, Voß, woneben die hochdeutschen Formen (Schröter, Pfeifer, Fuchs) weit seltener vorkommen, ferner in Namen wie Kruse (besonders in Holstein, Mecklenburg, Vorpommern), Niemann, Grote (Groth), Möller, Schütte u. a.,[88] ebenso in den von Ortsnamen entlehnten auf -beck (st. -bach), -husen (st. -hausen). Selbst der ursprüngliche niederdeutsche Name von Salzwedel: Soltwedel, als Ortsbezeichnung längst verhochdeutscht, hat sich noch als Familienname erhalten.
Dazu treten die Verkleinerungen auf -ke (Lüdicke, Lemke, Wilke, Jahnke), welche hier so recht ihre Heimat und Geburtsstätte haben.
Doch überwiegt das Niederdeutsche hier im Osten, von Holstein und Mecklenburg abgesehen, nicht so wie im Westen. Es ist gerade in den Namen nicht mit solcher Entschiedenheit festgehalten worden; der Übergang in das Hochdeutsche ist merklich weiter vorgeschritten. Als ein auffallender Beweis bietet sich der Name Schulz, der in Westfalen meist noch Schulte lautet (auch in Mecklenburg häufig Schult), während dies in Brandenburg und Pommern eine seltene Form ist.
Anderseits sind entschieden hochdeutsche Formen hier nicht selten, namentlich die Deminutivbildungen mit z und l, wie Barz, Kunze, Wetzel, Neitzel, zu denen Zwitterformen wie Neitzke den Übergang bilden.
Solche Namen auch in der Landbevölkerung weisen wohl darauf hin, daß die deutsche Einwanderung in diese dem Slawentum allmählich wieder abgewonnenen Gaue, wenn auch überwiegend aus Niederdeutschland, doch teilweis auch aus oberdeutschem Sprachgebiet erfolgt ist.
Patronymische Bildungen, die in Ostholstein noch beinahe 20 v. H., in Mecklenburg aber nicht mehr 10 v. H. betragen, verschwinden weiterhin fast ganz.
Von der schwedischen Herrschaft sind einige Familien, besonders in Neuvorpommern, welches bis 1815 schwedisch war, sitzen geblieben. Doch sind diese „alten Schweden“ schon sehr dünn geworden; in einem Kataster der Stadt Stralsund vom Jahre 1844 (Verzeichnis der Hauseigentümer) fanden sich nur noch acht unzweifelhaft daher stammende Namen, wie: Sjöborg, Wallengreen, Weström.
Nun aber ist die wendische Beimischung festzustellen. Daß in diesen Landschaften außerordentlich viel wendische Ortsbezeichnungen auch nach der Rückgermanisierung in meist wenig veränderter Form stehen geblieben sind, ist schon in der Einleitung angemerkt worden (Genaueres darüber in Beilage 3). Dies beeinflußt nun auch die Familiennamen, welche ja zum guten Teile einfach übertragene Ortsnamen sind. Unter ihnen schlagen vor die auf ow, demnächst die auf in (betont) und witz, wie: Bütow, Grabow; Leppin, Ladenthin, Pentzien; Bublitz, Gerwitz.[89]
Neben diesen halbschlechtigen Namen, die, auf dem linken Elbufer (Altmark), auch noch in Ostholstein vereinzelt, auf dem rechten sich bis zu 10, ja in Pommern in manchen Kreisen fast bis zu 20 v. H. steigern, treten nun, zuerst in der Priegnitz, vollgültige wendische Personennamen auf, als da sind: Noack, Mitzlaff, Petrick, Nimz, Pechek.[90]
Doch bleiben auch hier die deutschen Namen ganz überwiegend in der Mehrheit, derart, daß, alles zusammengerechnet, die wendischen kaum irgendwo ein Drittel der gesamten Zahl erreichen.
Ihre Zahl wächst allerdings überall nach der slawischen Sprachgrenze hin, so in Brandenburg nach der Niederlausitz, in Pommern nach der Kassubei hin. In Pommern bezeichnet der Küstenfluß Lupow etwa die Grenze, hinter welcher erst das Übergewicht der slawischen Namengebung hervortritt. Wunderlich klingende Gebilde wie Gromoll, Pigorsch, Piotraschke, Quardux beherrschen hier das Gebiet, während südöstlich, hinter Bütow, die sich vordrängenden -ski an die Nähe der polnischen Sprachgrenze gemahnen.
Überspringen wir die Kassubei, so kommen wir zu dem schönen deutschen Stücke zwischen den beiden Angelpunkten Danzig und Königsberg. Hier an der nördlichen Ostmark deutschen Wesens, wo drei Sprachen: deutsch, slawisch (in Masuren), littauisch zusammentreffen, zeigt sich eine sehr bunte Mischung auch im Bereiche der Familiennamen. Die Grenze gegen diese beiden Sprachen ist im vorigen Kapitel angegeben; aber auch in den verbleibenden deutschen Teil sind häufig slawische und littauische Namen (s. Beilage 3) eingesprengt. Doch können diese weniger auffallen, als eine eigentümliche Klasse unter den deutschen Namen, nämlich die mit entschieden süddeutschem Gepräge wie: Fischöder, Scharfetter, Rohrmoser, Obersperger. Diese Namen, welche auf Österreich (und Bayern) hinweisen, sind durch die 1724 aufgenommenen Salzburger hierher verpflanzt.
b) Oberdeutschland.
Südwest.
Südlich der Linie, die von Bonn am Rhein über den Harz bis zur Nordgrenze der Niederlausitz (Lübben) geht, beginnt das oberdeutsche Gebiet. Dieses kennzeichnet sich im Bereich der Familiennamen zunächst durch den Wegfall des eigentümlich Niederdeutschen in Lautverhältnissen und Wortformen. Namentlich gilt dies auch von den Bildungselementen der Verkleinerungsformen: an Stelle des k (g, j) tritt l in seinen mannigfaltigen Gestaltungen (s. Seite 33) und z.[91]
Beginnen wir am Rhein, mit der preußischen Rheinprovinz, so handelt es sich besonders um die Regierungsbezirke Koblenz und Trier.
Die genetivischen Namen, welche in dem nördlichen linksrheinischen Teile dieser Provinz überwogen (Henrichs, Reichartz, Caspers, Eckes, Hoppen), bilden auch hier im Nordwesten (Kr. Daun, Prüm) fast noch die Hälfte der Familiennamen, sie nehmen aber je weiter nach Osten und Süden desto mehr ab, bis sie in den Kreisen Saarbrücken und St. Wendel sowie Altenkirchen (auf dem rechten Ufer) nahezu verschwinden.
Das bisherige Verkleinerungssuffix k (Hünnekes, Wilkens, Klömpges, Nüßgen, Büschgens) weicht den l und z (Eckel, Thiel — Heinz, Lutz), die hier zum erstenmal im Westen erscheinen.
Was die von Ortsnamen stammenden Familiennamen betrifft, so treten -ich (nich), -rath, -scheid zurück, besonders südlich der Mosel. Statt -rath erscheint auf dem rechten Rheinufer (schon im Regierungsbezirke Köln) -roth (Wilmeroth), welches bis zur Ostgrenze von Thüringen hindurchgeht.
Wichtiger aber ist, daß die Ortsnamen, um Familiennamen zu werden, nunmehr häufig die Endung -er annehmen: -bacher, -burger, -heimer, -inger, z. B. Morschbacher, Straßburger, Weinsheimer, Dillinger — mit Umlaut: -becher, -häuser, -thäler: Dörrenbecher, Oppenhäuser, Lichtenthäler.
Die Nähe der französischen Sprachgrenze (Kr. Malmedy) verrät sich in Namen wie Dieudonné, Dollibois u. a.[92]
Überschreiten wir den Rhein ostwärts, so finden wir in dem Nassauischen (Regb. Wiesbaden) den allgemein oberdeutschen Charakter, ohne stark hervortretende Besonderheiten. Derselbe setzt sich auch in Hessen und Thüringen fort, so daß wir diese Landschaften bis zur Saale hier zusammenfassen können.
Genetivische Namen können hier kaum noch in Betracht kommen; sie bilden schon im Nassauischen nur etwa 2 v. H. und verlieren sich weiter nach Osten so gut wie ganz. Dagegen gehen die Patronymika auf ing, wenn auch in geringem Hundertsatz, durch bis zur Saale.
Verkleinerungsformen werden auf -el gebildet (bisweilen in Thüringen verstärkt durch n: -lein, z. B. Gäbelein) und auf z, für welches letztere mitunter das vergröberte tsch eintritt: Fritsch, Götsch neben Fritze, Götze. Da jedoch die Dialektgrenze nicht fern ist und diese Scheidelinie sogar durch das ehemalige Kurfürstentum geht, somit ein, wenn auch nur kleiner Teil desselben (Kr. Hofgeismar, Wolfhagen) in den Bereich des Niederdeutschen fällt, so ist es nicht verwunderlich, daß auch südlich von dieser Linie niederdeutsche Formen öfters begegnen, besonders in Hessen und Thüringen: Gerke, Hennicke, Meinecke, Fricke.
Von den Handwerksnamen sind am häufigsten Schmidt und Müller nebst einigen Zusammensetzungen und in den Hannover benachbarten Landschaften Meyer, einfach und in Zusammensetzungen, Schulz dagegen findet sich nur sehr vereinzelt. Auch in dieser Klasse zeigen sich niederdeutsche Formen, so auffallend häufig in Hessen Möller neben Müller.
Die Ortsnamen werden überwiegend ohne Ableitungsendung übertragen: Lauterbach (bach hier das häufigste Grundwort), Henneberg, Sonnefeld usw., dabei wird -rode meist in -roth gekürzt (Germeroth), auch in -rott (Ascherott), ähnlich das eigentümlich thüringisch-sächsische -leben (Hallensleben) häufig in -leb: Rinkleb, Witzleb. Viel seltener (in Nassau etwa ⅓ in Hessen und im nördlichen Thüringen noch weit weniger zahlreich) sind die Ableitungen auf -er: Reichenbächer, Dillenburger, Henneberger, Saalfelder, Staudinger, Herchenröder.
Die Annäherung an die ehemals slawische Ostgrenze macht sich bemerklich in Bildungen wie Stiebritz, Löbnitz — Gölitzer.
Gehen wir wieder zurück an den Rhein, um nach dem eigentlichen Süddeutschland — südlich vom Main — zu gelangen!
Dieser Übergang markiert sich in Hessen-Darmstadt (Starkenburg, Rheinhessen) durch das Auftreten des ai, ay (statt ei): Hainz, Mayer neben Meyer, sodann dadurch, daß die Ableitungen auf -er von Ortsnamen gegenüber den einfach übertragenen Ortsnamen häufiger werden und letzteren nunmehr schon das Gleichgewicht halten.
In Baden tritt auf dem Gebiete der Schmeichelformen das z (vergröbert tsch: Fritz, Dietz — Fritsch, Dietsche, Bertsch) entschieden in den Hintergrund gegen das andere Suffix l. Dieses nimmt hier die eigentümliche Form -le an, welche im Unterrheinkreis (auf fränkischem Boden) noch gegen -el zurückstehend, je weiter nach Süden desto mehr an Zahl wächst, so daß südlich von der Murg (auf alemannischem Boden), namentlich aber im Seekreise die Merkle und Bürkle, die Enderle und Eberle eine fast unbestrittene Alleinherrschaft üben. Selbst Namen der dritten Schicht müssen sich dieser Herrschaft fügen: Kränzle, Drechsle (statt Drechsel = Drechsler), Sütterle (von Sutter, Schuhmacher). Nur im Oberrheinkreise tritt daneben ziemlich häufig -lin auf: Bürklin, Brendlin, Sütterlin, wie dieses auch auf der andern Seite des Rheines, im Elsaß, nicht selten ist, man denke an Oberlin, Köchlin. Nach der Schweiz weisen einige Formen auf i wie Erni, Bläsi, Rudy (bisweilen verstärkt durch n: Lüttin, Wältin, Willin). Unter den Vollnamen sind eigentümlich einzelne Verkürzungen des -hart in -et wie Bernet, Ehret, Werneth.
Unter den von Örtern entlehnten Familiennamen gewinnen die Ableitungen auf -er nunmehr schon im Unterrheinkreis die Oberhand und verdrängen weiter nach Süden die einfache Übertragung der Ortsnamen fast vollständig. Den Reigen führt -inger: Götzinger, Hottinger, Zähringer, demnächst -berger. Beide zusammen bilden ⅔ aller bezüglichen Namen. Während -ingen und -berg abgesehen von Adelsnamen wohl immer umbiegen, verhält sich -bach wie auch sonst auffallend spröde dagegen und bildet nur in der Minderzahl der Fälle weiter: -bacher seltner -becher.
Wie hieraus hervorgeht, schwankt der Umlaut; so auch in -hauser und -häuser, -hofer und -höfer; doch herrschen im allgemeinen in dieser Klasse die nicht umgelauteten Formen vor, wie auch unter den Namen, welche von der Beschäftigung hergenommen sind, Kammerer und Kuster (Kusterer) und Kohler auffallen.
Ähnliche Verhältnisse wie im Badischen herrschen wesentlich in Württemberg mit Einschluß von Hohenzollern. Auch hier überwiegt als Verkleinerungsf. -le. Schon im Nordosten, im Jagstkreise (auf fränkischem Boden) mindestens die Hälfte der Verkleinerungsformen mit dem Kern l bildend, füllt es im südlichen Württemberg (auf schwäbisch-alemannischem Boden) über 75 v. H. Schier endlos ist die Reihe dieser Schmelzle und Schwämmle, Bäuerle und Mayerle, Endele und Bendele, Dägele, Hägele, Nägele, Wegele. Daneben kommt nur noch -el einigermaßen in Betracht (Denzel, Immel), da -lin (Hölderlin), -len (Enßlen) und -lein (Merklein) nur vereinzelt auftreten. Hingegen gehen die Verkleinerungen auf z in mäßiger Zahl durch alle Kreise, ohne die badische Vergröberung in tsch.
Patronymika auf -ing (Schilling, Gehring, Scheuring) sind hier häufiger als im Badischen. Unter den von der Beschäftigung entlehnten Namen sind besonders häufig Müller und Maier (Mayer — immer mit a), beide, namentlich letzterer auch in vielfachen Zusammensetzungen wie: Steinmaier, Burkardsmaier, Katzenmaier, Stegmayer. Ihnen ziemlich gleich an Zahl kommen Schmid[93] und Schneider, die aber die Zusammensetzungen fast ganz entbehren.
Eigentümlich süddeutsche Handwerks- und Amtsbezeichnungen sind: Beck (in Baden meist noch Becker), auch in Zusammensetzungen wie Brodbeck, Pfister, und Pfisterer (aus lat. pistor), Sautter (aus lat. sutor), Hafner — Forstner, Sigrist.
Was die Lokalia betrifft, so herrschen wie in Baden die Ableitungen auf -er von der Tauber bis zum Bodensee ganz entschieden vor. Unter ihnen stehen, entsprechend der großen Zahl württembergischer Ortsnamen auf -ingen, die -inger obenan: Breitinger, Griesinger, Junginger, Sickinger. Als eigentümlich süddeutsche Formen (auf alemannisch-schwäbischem Boden) schließen sich an: Allgöwer, Ettwanger, Beißwänger, Winterhalter, Dannegger, Moosbrugger, Sonnenmoser, Bogenrieder.
In lautlicher Hinsicht ist anzumerken, daß häufig ai für ei eintritt: Aichele, Sailer, Stainer, Schnaithmann, wie dieses ai sich auch schon in den Ortsnamen bemerklich macht (Waiblingen, Spaichingen, Crailsheim u. a.) — sodann hin und wieder uo statt u: Ruof, Schraishuon. Konsonantisch fällt eine gewisse Einfachheit der Schreibung auf. Ganz entgegen der sonstigen Orthographie der Familiennamen, die mit Vorliebe soviel Buchstaben als möglich setzt, stimmt hier die Schreibung im allgemeinen mit den gewöhnlichen Regeln überein und enthält sich besonders der unnötigen Häufungen ck, tz, dt, ll.[94]
Südost.
Das thüringisch-sächsische Gepräge der Familiennamen setzt sich auch noch östlich der Saale in den dorthin sich erstreckenden Teilen der preußischen Provinz Sachsen (den Kr. Delitzsch, Bitterfeld, Torgau, Schweinitz, Liebenwerda) sowie in dem Königreich Sachsen im allgemeinen fort.
Die häufigste Verkleinerungsendung ist -el in Namen wie Göthel, Hähnel, Neydel, Seidel, Siegel, Weigel; Barthel, Jäckel. Den oberdeutschen Formen auf l und z (häufig vergröbert tsch) tritt in den nördlichen Gegenden ziemlich oft das niederdeutsche k zur Seite; so finden sich nebeneinander Heinze und Heinecke, Dietze und Diecke. In den südlichen Landschaften (dem Königreich Sachsen) tritt an Stelle des ke (-icke) das mehr hochdeutsche -ig (-ich): Heinig (Heinich), Theurig, Uhlig, Gerbig.
Ableitungen auf -er von Ortsnamen (Straßberger, Schönfelder, Clausnitzer) treten hier zurück, mit Ausnahme der nicht seltenen zweisilbigen, wie Berger, Langer (von Ortsnamen Berg, Lang), Birkner, Jeßner, Klingner, Ließner, Lindner, Meißner, Ölsner (von Ortsnamen auf -en: Birken, Jessen usw.).
Durch das Zusammentreffen von Oberdeutsch und Slawisch werden in Namensformen (deutschen wie auch slawischen Ursprungs) harte Zischlautverbindungen erzeugt: zsch, tzsch, nicht allein im Auslaut: Fritzsche, Klotzsch, Pietzsch, Roitzsch, sondern (im Königreich Sachsen) auch im Anlaut: Zschweigert, Zschinsky, Tschucke.
Überhaupt blickt der slawische Untergrund, wenn auch die deutschen Namen, von der Lausitz abgesehen, ganz bedeutend überwiegen, doch noch hie und da durch in Namen wie Gaudlitz, Muschwitz (von den entsprechenden Ortsnamen), Nowak, Noack (= Neumann), Schunak, Hannusch.
Die südlichen Kreise des Regierungsbezirks Frankfurt a. d. O., die den größten Teil der Lausitz mit ihrer urspr. sorben-wendischen Bevölkerung in sich schließen, haben zwar ebenfalls die deutschen Verkleinerungsformen auf l und z (tsch), doch häufiger das aus zwei Quellen (niederdeutsch und wendisch) fließende Suffix k: Janke, Paulke, Hannuske, Dammaschk, Scholtka, Hanko. Bisweilen sind l oder z mit k in deutschen Zwitterformen wie Henkel, Kunzke vereinigt.
Ortsnamen werden fast immer unmittelbar übertragen: Goldbach, Hanstein, Wollenberg — Ukrow, Schillow, Matzkow, Dubrau; -ow und daraus verdeutscht -au (wie in den Städtenamen Kalau, Luckau, Sorau usw.) sind hier die gewöhnlichen Endungen slawischer Ortsnamen. Das Wendische tritt natürlich stark hervor, bis zu 40 v. H. und drüber, in Gebilden wie (außer den schon erwähnten): Kuba, Koalick, Mudrak, Woitschach, Natusch, Nawotnik.
Eine ebenfalls starke wendische Beimischung zeigt die Oberlausitz, am stärksten im Kreis Hoyerswerda. Im übrigen leitet die Oberlausitz (wie auch schon Sachsen) durch das Vorschlagen der Verkleinerungsform -el und die Ableitungen auf -er von Ortsnamen, wie Elsner, Wiesner, nach Schlesien hinüber.
Da Schlesien wie eine langgestreckte Halbinsel in das slawische Sprachmeer, zwischen Tschechenland und Polen, hinausragt, so ist es natürlich, daß fast überall slawische Elemente auch in den Familiennamen hervortreten. Im Innern der Provinz ist dies freilich nur in geringem Maße der Fall, in desto größerem aber an den Rändern, besonders im Osten, wo Preußisch-Schlesien unmittelbar an das Polnische (in Posen und Russisch-Polen) und im Südosten, wo es an das sogenannte Wasserpolnische (in Oberschlesien) stößt, während im Westen noch ein Streifen deutscher Bevölkerung (in Österreich) vorgelagert ist. Am stärksten ist diese slawische Beimischung in der Ecke zwischen dem Posenschen (Rawitsch) und Oberschlesien (Kreuzburg), besonders in den Kreisen Namslau und Wartenberg,[95] wo die -ek (Adamek) und -ak (Stepaniak), die -owski und -inski usw. 40–50 v. H. ausmachen. Dagegen ist in den oberschlesischen sprachlichen Grenzkreisen Leobschütz, Neustadt, Falkenberg, Neiße, Grottkau nur etwa ⅕ der Familiennamen slawisch.[96] In der deutschen Namengebung fehlen die Patronymika (Genetiv, Ableitungen auf -ing, Zusammensetzungen auf -sen). Von den Verkleinerungsendungen ist -ke wohl meist dem Slawischen zuzuweisen, z begegnet fast nur in den bekannten „Hinz und Kunz“ (Heinze und Kunze), häufiger in den breiteren Form tsch: Bartsch, Fritsch, Nitsche — bisweilen sch: Kunsch — mit k verbunden: Nitschke. Obenan steht jedoch wie in Sachsen -el: Göbel, Menzel, Riedel, Seydel, Thiel (aus Thiedel) — Hensel, Jäckel — Hentschel.
Ortsnamen werden meist einfach übertragen: Steinberg, Kunzendorf, Süßenbach, Baumgart, wobei -berg, -dorf, -bach voranstehen, während die urspr. slawischen Ortsnamen überwiegend auf -witz und -itz endigen: Plagwitz, Nittritz. Doch wird die Endung -er an Ortsnamen auf -berg häufig gehängt: Grünberger, Riesenberger, Rosenberger, und einsilbige Ortsnamen erfahren gewöhnlich diese Verlängerung: Brieger, Glatzer. Ganz besonders aber sind zweisilbige Ortsnamen auf -en anscheinend immer nur in dieser Weiterbildung verwendet, so daß sich hieraus eine lange Reihe solcher Familiennamen ergibt: Elsner, Ilgner, Kösner, Kutzner, Klingner, Langner, Lindner, Moschner, Wiedner, Wiesner von den Ortsnamen Elsen, Ilgen, Kösen usw.
Unter den von Amt und Handwerk entlehnten Namen sind als eigentümlich schlesisch hervorzuheben: Scholz (vgl. auch „Erbscholtisei“ — slawisch Woita = Vogt) und Kretschmer vom slaw. Kretscham (Dorfkrug).
20. Stillstand oder Bewegung in der Namenwelt?
Der Prozeß der Festwerdung der Familiennamen ist, nachdem auch die letzten Nachzügler (s. S. 29 und 66) sich ihm haben anbequemen müssen, nunmehr seit beinah einem Jahrhundert zum Abschluß gelangt. Es fragt sich aber, ob damit nun ein völliger Stillstand auf diesem Gebiete eingetreten, ob nicht auch hier bei genauerer Betrachtung eine Bewegung zu erkennen ist, gleichwie der Spiegel eines scheinbar still und tot daliegenden Gewässers doch eine leichte Bewegung auf der Oberfläche verrät.
Diese Frage ist entschieden zu bejahen; einen völligen Stillstand gibt es auch auf diesem Gebiete nicht.
1. Es sterben Familien aus und damit auch Familiennamen. Dies läßt sich am leichtesten bei adeligen Geschlechtern verfolgen. So starb, um nur ein Beispiel aus dem vorigen Jahrhundert herauszugreifen, im Jahre 1836 zu Stralsund Graf August Wilhelm von Mellin als letzter eines Geschlechtes, das nach einer Äußerung des geistreichen und gemütvollen Mannes „älter war als die Stubbenkammer“ (Berghaus, Sprachschatz der Sassen).
2. Vorhandene Namen werden geändert. Besonders häufig ist der Übergang aus der mundartlichen in die hochdeutsche Form, namentlich auf niederdeutschem Sprachgebiete: Möller in Müller, Röwenhagen in Rübenhagen u. a. noch in neuester Zeit (s. Beilage 2). Davon abgesehen werden vereinzelte Namen aus den mannigfachsten Gründen geändert: Czech in Echt, Kamphaus in Kamphausen, Laabs in Labes.
3. Es bilden sich neue Namen — zunächst durch Zusammensetzung zweier: bei adeligen Geschlechtern infolge Verschmelzung zweier Familien, deren eine bis auf eine Erbtochter erloschen ist: von Kleist-Retzow, Henckel von Donnersmarck — bei Schauspielerinnen, die im Fall einer Verheiratung den Namen, unter welchem sie berühmt geworden, gern beibehalten: Hendel-Schütz, Birchpfeiffer. In einzelnen Fällen ist ein solcher Doppelname gestattet worden, um das Aussterben eines berühmten Namens zu verhindern, so Bessert-Nettelbeck (des Kolberger N. Schwiegersohn).
In einigen Gegenden ist es Sitte, den Vaternamen der Frau mit dem eigenen zu verbinden. Beispielsweise nannte sich Hollweg nach Frankfurter Sitte Bethmann-Hollweg; bei dem Sohne kam dieser Doppelname bald in alleinigen Gebrauch und wurde auch 1840 von Friedrich Wilhelm IV. geadelt. Diese Sitte scheint besonders in der Schweiz verbreitet zu sein.
Endlich entstehen Namen, wenn auch nur ganz vereinzelt, durch völlige Neubildung. Dies wird hauptsächlich der Fall sein bei Findlingen und bei Proselyten. So hat ein dem Verfasser persönlich bekannter Proselyt sich Bußin genannt, von dem Hauptwort „Buße“ mit Anlehnung an die Ortsnamen auf -in.
Beilage 1. Godeberaht.{1}
a) Die im Altdeutschen möglichen Bildungen (s. S. 22 f.).
Einstämmig gekürzte Form Godo,{2} zweistämmig gekürzt Godbo{3} mit den Nebenformen Gobbo{4} und Gobo.{5}
Hieraus als einfach verkleinerte Formen mittels der Endung -ilo: Godilo{6} mit den Nebenff. Godlo,{7} Gollo{8} und Golo,{9} sowie Godbilo{10} mit den Nebenff. Gobbilo{11} und Gobilo{12} — mittels der Endung izo: Godizo{13} nebst Godzo,{14} Gozzo,{15} Gozo,{16} sowie Godbizo{17} nebst Gobbizo{18} und Gobizo{19} — mittels der Endung iko: Godiko{20} nebst Godko,{21} Gokko,{22} Goko,{23} sowie Godbiko{24} nebst Gobbiko{25} und Gobiko.{26}
Daraus wieder als doppelt verkleinerte Formen (l + n) Godilin{27} nebst Godlin,{28} Gollin,{29} Golin,{30} sowie Godbilin{31} nebst Gobbilin{32} und Gobilin{33} — ferner (l + k) Godiliko{34} nebst Godliko,{35} Golliko{36} und Goliko,{37} sowie Godbiliko{38} nebst Gobbiliko{39} und Gobiliko{40} — ferner (z + n) Godizin{41} nebst Godzin,{42} Gozzin,{43} Gozin,{44} sowie Godbizin{45} nebst Gobbizin{46} und Gobizin{47} — ferner (z + l) Godizilo{48} nebst Godzilo,{49} Gozzilo,{50} Gozilo,{51} sowie Godbizilo{52} nebst Gobbizilo{53} und Gobizilo{54} — ferner (z + k) Godiziko{55} nebst Godziko,{56} Gozziko,{57} Goziko,{58} sowie Godbiziko{59} nebst Gobbiziko{60} und Gobiziko{61} — ferner (k + n) Godikin{62} nebst Godkin,{63} Gokkin,{64} Gokin,{65} sowie Godbikin{66} nebst Gobbikin{67} und Gobikin{68} — endlich (k + l) Godikilo{69} nebst Godkilo,{70} Gokkilo,{71} Gokilo,{72} sowie Godbikilo{73} nebst Gobbikilo{74} und Gobikilo.{75}
b) Die wirklich vorhandenen neudeutschen Familiennamen.
1. a) Gottbrecht.
b) Gottbrath.
c) Gobbert.
d) Joppert.
e) Göppert; Göpper.
f) Juppert.
g) Gobert. Gen. Goverts.
2. a) Gohde. Gen. Gohdes — patr. A. Goding.
b) Göde. Gen. Göden; Gödens; Göens.
c) Gödde.
d) Gäde.
e) Gude.
f) Gen. Gudden.
g) Gothe; Goth.
h) Goethe; Göth.
i) Köth.
k) Gotte; Gott (Gottmann).
l) Götte; Gött. Gen. Götten — patr. A. Götting.
m) Kott.
n) Gute (Guthe); Gut (Gutmann). Patr. A. Guting.
o) Güte; Güth. Patr. A. Güting.
p) Gutte (Guttmann).
q) Jütte.
4. a) Gubbe.
b) Kopp.
5. a) Göb. Gen. Goeben.
b) Gube.
6. a) Godel (Godelmann).
b) Gödel.
c) Göthel. Patr. A. Göthling.
d) Gottel.
e) Göttel (Göttelmann).
f) Güttel; Gütl.
7. a) Göttle; Göttl. Patr. A. Göttling.
b) Patr. A. Güthling.
8. a) Golle; Goll (Gollmann). Patr. A. Golling.
b) Göll.
c) Kölle.
d) Güll.
9. a) Gohl.
b) Johl.
c) Göhle; Göhl. Patr. A. Göhling.
11. a) Gobbel.
b) Göbbel.
c) Köppel.
12. a) Göbel.
b) Göpel.
15. a) Gotz (Gotzmann). Gen. Gotzens.
b) Kotz.
c) Gotsch.
d) Gosse; Goss (Gossmann).
e) Götze; Götz (Götzmann). Gen. Götzen.
f) Gödsche; Götsch.
g) Gutz (Gutzmann).
h) Gütz.
i) Gutsch.
16. Göz.
20. a) Gödike; Gödeke. Gen. Gödeken — Patr. A. Gödeking.
b) Jödike.
c) Göttig; Göttich.
d) Gädeke.
e) Gedicke.
f) Güttich.
21. a) Gödtke. Gen. Gödkens.
b) Göthge. Gen. Götjes.
c) Gottke.
d) Gottge.
e) Gädtke.
f) Guthke.
g) Guttke.
h) Güttke.
22. a) Gocke. Patr. A. Göckingk.
b) Göcke. Gen. Göcks.
23. Göke. Gen. Göken.
37. a) Gohlke.
b) Göhlke.
50. a) Gotzel.
b) Götzel.
c) Kötzel.
d) Gossel. Gen. Gossels.
e) Gössel.
f) Kössel.
g) Götschel; Götschl.
h) Gützel.
57. a) Götzke.
b) Götschke.
c) Göschke.
d) Gottschick.
62. Godeken.
64. Göcken.
71. a) Gockel.
b) Göckel.
c) Göggl; Göggelein.
d) Gückel.
Beilage 2. Entwickelung einer Namenreihe während der Neuzeit.[97]
1600 1650 1700 1750 1800 1850
Arend Arendt, Arnd Arndt Arndt Arndt Arndt
Bardenflet, -fleit Bardenfleth Barenfleth Barenfleth, Bahne- Bahnfleth Bornfleth
Bellin Bellin Bellin, Bellihn Bellin Bellin Bellin
Boleman Boleman Boleman Bohlmann Bohlmann Bohlmann
Brandt Brandt Brand Brandt Brandt Brandt
Donner Donner Donner Donner Donner Donner
Ertman Ertman Erdmann Erdmann Erdmann Erdmann
Goyer Gojar, Goyar Gojar Gojar Gauger Gauger
Hake Hake Haacke Haack Haak (ck) Haak
Knolle Knolle Knolle Knoll Knoll Knoll
Köne Köne Köhne Köhne, Koine Köhn Köhn
Köpe Köpe Köpe Koipe Keupe Keup
Kröger Kröger Krüger Krüger Krüger Krüger
Krossin Krossin, Krössin Krössihn Krössin Krössin, Kressin Kressin
Labes Labes Labeß Labs, Laabs Labs, Laabs Laabs
Landtbrecht Landtbrecht Landbrecht Landbrecht Lambrecht
Loitzin Loitzin Löyssihn, Lössin Lössin Lössin Lössin
Lubbeke Lübbeke Lübbecke Lübbeke, Lübke Lübke Lübke
Moller, Möller Möller Möller Möller Möller Müller
Nieman Nieman, Neu- Niemann, Neu- Niemann, Neu- Niemann Niemann
Oldehaue, -hoff Oldehave, Olhaf Oldhoff, Olhoff Olhoff Olhof, Ollhoff Ollhoff
Pagenkop Pagenkop Pagenkop, -pf Pagenkop Pagenkop Pagenkopf
Placke Placke Placke, Plack Plack Plack Plack
Rham Rham Rhamm Ramm Ramm Ramm
Ribe Rybe Riebe Riebe Riebe Riebe
Ruchel Ruchel Rüchel Rüchel Rüchel Rüchel
Steffen Steffen Steffen Steffen Steffen Steffen
Stekelinck Stekelinck Steckeling Stekeling Steckling Stekling
Timme Timme Timme Timm Timm Timm
Witte Witte Witte Witte Witt Witt
An diesen hier durch dritthalb Jahrhunderte verfolgten Namen zeigt sich
ein allmähliches Schwinden der Form, besonders durch Wegfall eines e, so daß dreisilbige Namen zweisilbig, zweisilbige einsilbig werden (s. Bardenfleth, Bolemann, Lubbecke, Oldehoff, Stekelinck — Arend, Hake, Knolle, Köne, Köpe, Labes, Placke, Timme, Witte);
ein allmählich stärkeres Hervortreten des Umlautes (s. Krossin, Lubbeke, Moller, Ruchel);
ein zum Teil schon früher, zum Teil aber auch sehr später Übergang aus der niederdeutschen in die hochdeutsche Form: Kröger schon ums Jahr 1700 Krüger, dagegen Möller erst seit 1850 Müller — während andere Namen standhaft die niederdeutsche Form behaupten (s. namentlich Ollhoff, Stekling), oder nach einigem Schwanken wenigstens schließlich bei ihr beharren (s. Niemann).
Im ganzen ist die Entwickelung eine naturgemäße, der sprachlichen Entwickelung gleichlaufend; nur zwei Namen weisen eine Entstellung auf: Kressin (st. des richtigeren Krössin) und Bornfleth (st. Bardenfleth, O. im Oldenburgischen).
Beilage 3. Fremdsprachige Namen in Deutschland.
a) Slawische.
Schon bei der ersten Festsetzung der Familiennamen mischten sich in bedeutendem Maße fremde Sprachelemente ein, und zwar slawische. Als die Hauptmasse der Germanen in der Völkerwanderung nach Westen und Süden zog, wurde der Osten Deutschlands fast ganz entleert, und die aus dem fernen Osteuropa hervordringenden Slawen rückten über Weichsel und Oder in die Lücke ein. Die wenigen Germanen, welche etwa in der ursprünglichen Heimat geblieben, konnten der herandringenden Slawenflut nicht Widerstand leisten, sie mußten sich unterwerfen und verschmolzen mit den neuen Einwanderern. Erst an der Elbe staute sich die Flut, und so füllten seitdem die Slawen in ihren verschiedenen Stämmen den Osten Deutschlands bis zur Elbe und Saale, ja zum Teil noch darüber hinaus. In Mecklenburg saßen die Obotriten, in Brandenburg die Wilzen, Heveller u. a., in Pommern die Pomoren, im Meißnischen die Dalemincier, in Schlesien die Belochrobaten usw. Jahrhunderte lang sah die Elbe auf ihren beiden Ufern ganz verschiedene Völker: links die Deutschen (Sachsen und Thüringer), rechts die Slawen (Wenden), die sich in unaufhörlichen Fehden und Beutezügen bekämpften. Mit den Karolingern begann der Rückschlag; doch erst seit der Hohenstaufenzeit drang die deutsche Nation wieder mit Stetigkeit vor. Im Süden wurde durch die Stiftung des Bistums Bamberg und im Norden durch die Gründung der Nordmark an der untern Elbe die Grundlage gewonnen zu weiterem Vorschreiten. Von da ab mußten die Wenden immer weiter nach Osten zurückweichen, und in jahrhundertelangen blutigen Kämpfen wurden die ausgedehnten Landschaften zwischen Elbe und Oder, sodann zwischen Oder und Weichsel größtenteils dem Deutschtum wiedergewonnen.
So gewaltsam man auch gegen die Wenden verfuhr, es verblieben doch viele in ihrer seit Jahrhunderten eingenommenen Heimat, mischten sich zum Teil mit den Deutschen und wurden allmählich germanisiert, oder wo sie in größerer Masse zusammensaßen, behaupteten sie sogar ihre Volkstümlichkeit, ihre Sprache. So gab es in Hannover ein Wendland (im Lüneburgischen), ebenso in Altenburg, wo die höchst eigentümliche wendische Tracht sich bis zur Stunde erhalten hat; in Westpreußen bilden die Kassuben, in der Lausitz die Sorben noch jetzt bedeutende, wenn auch immer mehr zusammenschmelzende Inseln im germanischen Sprachmeer; Oberschlesien ist überwiegend slawisch, und von Südost dringen die Tschechen in Böhmen wie eine Halbinsel fast bis in die Mitte Deutschlands vor.[98]
Diese ursprüngliche Grundlage des Slawischen auch in längst rückgermanisierten Landschaften bekunden noch jetzt die Ortsnamen, die entweder slawisch oder neudeutsch sind. Alle Städtenamen auf -gard, z. B. Naugard (Nowgorod = Neuenburg), alle Ortsnamen auf -ow, -itz, -in — und deren ist Legion — sind slawisch. Wie eine Sündflut hat sich das Slawentum auf die Spuren unserer Altvordern gelegt.
Daher nun so vielfache slawische Elemente auch in den Familiennamen, besonders des östlichen Deutschland!
Zunächst sind die von slawischen Ortsnamen abgeleiteten FN. hervorzuheben, unter welchen vorschlagen die auf
-in (betont): Cammin, v. Schwerin, Stojentin;
-itz: Bublitz, v. Dewitz, Nemitz;
-ow (mit stummen w): v. Flotow, Grabow, Vangerow.
Doch sind diese nebst vielen mehr vereinzelten Bildungen, wie Balfanz, Laabs (O. Labes), Roggatz, v. Wobĕser, nur bedingt hierher zu ziehen; denn wenn auch die Ortsnamen, welche hier zu Grunde liegen, slawisch sind, so ist doch die Art, wie dieselben mit Ergänzung eines Verhältniswortes oder auch durch einfache Übertragung (s. Kap. 13) zu Familiennamen gestempelt werden, nicht slawisch, sondern deutsch, und sie treten also zu den deutschen Familiennamen. (Näheres über diese ganze Namenklasse in dem Namenlexikon unter den Endungen in, itz (witz), ow.)
Nach slawischer Art wird von den Ortsnamen eine Ableitung gebildet mit der Endung ski (häufig im Deutschen sky geschrieben), z. B. Grabowski, „der Mann aus Grabow“, Kaminsky, „der aus Kammin“. So entsprechen sich ferner Lassan — Lassansky, Loschitz — Loschitzki, Poblotz — Poblotzki usw. Nur diese also sind als wirkliche und vollgültige slawische Bezeichnungen anzusehen (wenn auch vielfach in halbdeutscher Schreibung).
Den adligen Namen ist im Deutschen dann noch das von vorgesetzt, welches streng genommen doch nur zu dem Ortsnamen selber paßt: von Gostkowski (O. Gustkow), von Lisiecki (sprich Lisiëtzki), von Zelasinski.
Zu diesen eigentlichen slawischen Bezeichnungen treten nun, ähnlich wie im Deutschen, Personennamen mit ihren mannigfachen Sproßformen:
a) ursprünglich slawische, z. B. die auf -slaw (Ruhm): Mieczyslaw „Schwertruhm“;
b) kirchliche: Pawelek (von Paulus); Piotr (Petrus) nebst Petrik, Pechatschek, Pjatrask u. a.;
c) Amts- und Handwerksnamen: Woita (Schulze), Pahnke (Panek kleiner Herr, Junker), Koschnik (Mäher), Pigorsch (piekarz Bäcker) usw.
In überwiegend deutschen Gegenden sind diese Namen großenteils so umgewandelt, daß sie ein mehr deutsches Gepräge angenommen haben: Mitzlaff, Pawelke,[99] Woith — in überwiegend slawischen bestehen sie in unveränderter slawischer Fassung fort.
b) Littauische.
Littauisch Redende finden sich unter deutscher Herrschaft hauptsächlich nur noch in den nördlichsten Teilen des preußischen Regierungsbezirkes Gumbinnen, nördlich von Insterburg und Pillkallen, doch auch hier vielfach durch deutsche Ansiedelungen unterbrochen. Erst die Spitze nördlich von Tilsit, die alte Landschaft Schalauen, ist überwiegend littauisch, so daß hier die deutschen Orte als Inseln (auf Böckhs Karte gelb im littauischen Blau) erscheinen.
In den Familiennamen tritt der ursprünglich littauische Bestandteil natürlich noch in größerem Maße hervor, da auch in den deutsch gewordenen Gegenden viele Einwohner littauischen Stammes leben und die alten Namen, wenn auch teilweis entstellt, fortführen. Doch macht sich überall das Eindringen des Deutschen bemerklich, und so überwiegen littauische Familiennamen selbst unter der Landbevölkerung nur noch etwa in den Kreisen Heidekrug und Tilsit, halten den deutschen das Gleichgewicht in Memel, Ragnit, Pillkallen, bleiben aber in allen übrigen Kreisen in der Minderzahl.
Unter den littauischen Familiennamen stehen im Vordergrunde die ursprünglich patronymischen Bildungen auf -atis und -aitis (vgl. griech. -είδης, -ιάδης), welche dann auch verkleinernd gebraucht werden — z. B. Baltratis von Baltras (Balthasar), Obramaitis von Obramas (Abraham). Gewöhnlich haben sie die Endung is abgeworfen und erscheinen in der Form at, eit: Peterat (von Peter), Josupeit (Joseph). Am deutlichsten erkennbar sind nach ihrem Sinne die Ableitungen von Vornamen, wie die obigen; doch gibt es auch vielfache Ableitungen von Appellativen, wie Kaprolatis von Kaprolas (Korporal), selbst von deutschen Stämmen: Schneidereit, Schulmeistrat.
Zu ihnen treten die Namen auf ies (i-es): Stachulies, und auf us: Schimkus, welche mit jenen zusammen gegen 80 v. H. der littauischen Familiennamen ausmachen. Dadurch erhält die Namengebung etwas Eintöniges, wenn auch nicht zu leugnen ist, daß manche dieser Namen, wie Adomaitis, Rodatis, Laugallies recht vollen Klang haben.
Auf ihrer Wanderung nach Westen erleiden diese fremdartig klingenden Namen, von ihrer Heimat abgetrennt, manche Entstellungen: atis wird abgeschwächt in ates (Norekates), Obromeit abgeschliffen in Obermeit, die Endung at erscheint in schlechter Schreibung als adt, ath, aat.
c) Romanische.
1. Französisch. Hier kommen weniger in Betracht die 10000 Wallonen im rheinpreußischen Kreise Malmedy und die im Reichslande Elsaß-Lothringen verbliebenen Franzosen (gegen 250000), als die Hugenotten, welche Ludwig XIV. durch seine Bedrückungen zur Auswanderung veranlaßte. Als derselbe alternd samt seiner Umgebung von leichtsinniger Sittenlosigkeit zu heuchlerischer Frömmigkeit übergegangen war, begann er die Protestanten in seinem Reiche zu verfolgen, um durch ihre gewaltsame Bekehrung sich ein Verdienst im Himmel zu erwerben. Durch Vertreibung und Hinrichtung ihrer Geistlichen, durch Schließen und Niederreißen ihrer Kirchen und Schulen, durch Wegnahme ihrer Kinder, um sie im Katholizismus erziehen zu lassen, suchte er sie zum Abfall von ihrem Glauben zu bringen, sodann durch Entziehung ihrer Gewerbsrechte und ihrer Sitze in den Gerichtshöfen, endlich durch die berüchtigten Dragonaden oder Einlagerungen von Dragonern und andern Soldaten. Schon jetzt wanderten viele Protestanten aus, und als gar durch den Widerruf des Ediktes von Nantes (1685) der Protestantismus in Frankreich für aufgehoben erklärt und auf die Ausübung dieses Kultus Todesstrafe gesetzt ward, verließen nach und nach, trotz strenger Grenzbewachung und Androhung der Galerenstrafe, viele tausend gewerbfleißige Menschen ihr Vaterland und fanden teils in den Niederlanden und in England, teils in Deutschland Aufnahme. Hier war es besonders Friedrich Wilhelm der große Kurfürst, welcher den Flüchtigen (Réfugiés) bereitwillig eine neue Heimat gewährte. Seit 1672 wurden in Brandenburg an 25000 Hugenotten aufgenommen, vorwiegend in den Städten. Daher noch jetzt die französisch-reformierten Gemeinden an vielen Orten in Preußen, z. B. in Berlin, Magdeburg, Stettin u. a., aber auch in Süddeutschland, z. B. Erlangen.
Zu Ende des 18. Jahrhunderts sind in den Stürmen der Revolution auch viele geflüchtet (Emigranten), und wenngleich die meisten später wieder nach Frankreich zurückgekehrt sind, so haben doch auch manche es vorgezogen, in der inzwischen liebgewonnenen neuen Heimat zu verbleiben, wie der Dichter Adalbert von Chamisso (mit vollständigem Namen: Louis Charles Adelaïde de Chamisso de Boncourt, von dem Schlosse B. in der Champagne).
Daher nun häufig französische Namen in Deutschland, wie Palmier, Bétac, du Mesnil, besonders im Heere: Loucadou, de Courbière (der „König von Graudenz“ 1806), Forcade, de la Motte-Fouqué und viele andere, darunter manche berühmte Namen auch von Gelehrten: Savigny, Michelet, Carrière, du Bois-Reymond.
Fast immer sind diese Namen unverändert erhalten, wenn sie auch im Volksmunde manchmal wunderlich entstellt werden: Boitelet in Budlee, Généola in Schellack. Nur in vereinzelten Fällen ist eine Verdeutschung erfolgt; so hat sich Buttmann, der bekannte griechische Grammatiker, aus franz. Boudemont germanisiert.
2. Italienisch. Italiener sind über die Alpen gezogen besonders als Kunsthändler und Konditoren.
Die italienischen Familiennamen enden auf a: Sala, Bonewendura (entstellt aus Bonaventura) — auf o: Delmanzo — meist aber und in großer Einförmigkeit auf i: Bentivegni, Marsegli, Sparagnapani, Bertinetti. Dieses i erklärt sich als Pluralform, „einer aus der Familie so und so“, z. B. der Cittadini, während das Appellativ im Sing. cittadino lautet. —
Ganz vereinzelt erscheinen, damit doch alle Nationalitäten Europas in Deutschland vertreten seien, selbst im Norden, am Gestade der Ostsee madjarische Familiennamen: Böszörmeny, Kedesdy. Ja dem Verf. ist ein Nachkomme eines Kosaken bekannt, mit dem klangvollen Namen Nawitainuk, dessen Nachkommen sich freilich Iwan (russisch = Johann) nennen.
Fußnoten: