Zweites Buch (continued 2)
Reading edition
Täglich arbeitete sie mit dem Regisseur. Doktor Brinkmann war eine schlichte, immer begeisterte Seele von einer grenzenlosen Geduld und Güte. Wenn er mit ihr arbeitete, saß er da und blinzelte, korrigierte, ließ wiederholen. Jetzt erst fing sie an zu begreifen, was es hieß, zu gestalten. Nach einigen Wochen ließ Doktor Brinkmann sie vor dem Aufnahmeapparat spielen. Sie sollte sehen lernen, wie sie sich gefilmt ausnahm. Die ersten Aufnahmen hätten Jenny fast entmutigt. Doktor Brinkmann hatte es darauf abgesehen, ihr ihre Fehler vorzuführen. Nun begann eine anstrengende, ja qualvolle Arbeit. Jeder Schritt, jede Bewegung, jede Geste mußte gelernt sein. Doktor Brinkmann selbst malte ihr das Gesicht, wie die Linse es verlangte. Plötzlich ging es. Es war keine Hast mehr da, keine Unsicherheit. Die Bewegungen flossen, das Auge glänzte und flammte leidenschaftlich.
„Sie werden es lernen!“ rief Doktor Brinkmann erfreut aus. (Sie ahnte nicht, daß er ein besonders hohes Honorar von Wenzel für seine Arbeit erhielt.)
Schon in kurzer Zeit wollte die Gesellschaft einen kleinen Spielfilm in Italien aufnehmen lassen.
Jenny gab sich ihrer Tätigkeit begeistert hin. Sie arbeitete, sie fieberte Tag und Nacht. Fast jeden Abend besuchte sie irgendein Lichtspieltheater, um zu beobachten, zu lernen. Langsam schien sich ihr auch diese schwierige Kunst zu erschließen.
Oh, und sie arbeitete auch – sie gestand es sich offen –, um die Stunden und Tage zu töten, da sie Wenzel nicht sehen konnte. In den Theatern, Bars und Weinstuben, die er mit ihr besuchte in der Gesellschaft seiner Freunde, quälte sie die Nähe dieser Freunde und eine kleinliche Eifersucht, die ihr jede Minute vergällte. Sie war glücklich, wenn er allein mit ihr speiste. Dann aber verging der Abend so schnell, und wenn sie allein war, überfiel sie die Qual der Trennung von neuem mit schrecklicherer Gewalt. Es war nicht möglich Wenzel zu erreichen. Er bat sie, ihn anzurufen. Aber häufig stand sie zwei Stunden am Apparat, sie stampfte mit den Füßen vor Ungeduld, aber immer wieder meldeten sich Stolpe, Mackentin, Goldbaum oder sonst jemand.
Jenny hatte nie geliebt. Sie wußte es jetzt, ihre Liebschaft mit Katschinsky, was war das gewesen? Nichts. Nun aber fühlte sie zum erstenmal in ihrem Leben, was Liebe ist. Und nun wußte sie, daß Liebe keine Freude ist, sondern eine Qual. Das Herz brannte ihr in der Brust wie Feuer. Sie vermochte nicht mehr an etwas anderes zu denken. Sie schrieb Briefe an Wenzel, aber sie sandte diese Briefe nicht ab. Sie fürchtete sein Lächeln, und auch sie selbst, Jenny, haßte nichts mehr als Sentimentalität.
In manchen Stunden der Unruhe versuchte sie, sich gegen ihre Leidenschaft zu Wenzel aufzulehnen. In der Einsamkeit der schlaflosen Nächte zeichnete sie sich sein Bild, und sie übertrieb alle seine Eigenschaften. Sie machte ihn maßloser, als er war, genußsüchtiger, brutaler, herzloser, sie sah, wie sein Blick schamlos die Frauen traf, aber es nützte alles nichts. Augenblicklich erhob sich ein anderer Wenzel, aus dessen kräftiger Stimme ein Hauch von Wärme auf sie eindrang, ein Freund, der seine Freundschaft eher verbarg als zeigte, der fürsorglich war und es nicht liebte, daß man ihn daran erinnerte. Oft schien er ihr wie ein Dämon, der dahinraste und Menschen verschlang, und in der gleichen Minute erschien er ihr wie ein großer Knabe, der herzlich lachte und dem man nicht böse sein konnte.
Wie war er wirklich? Wer war dieser Wenzel Schellenberg? Sie versuchte ihn zu ergründen, vergebens.
Aber es war geschehen, das Unglück, oder Glück, wie man es nennen wollte, war geschehen. Es gab für sie kein Zurück mehr. Wie zitterte sie, wenn sie seinen Schritt hörte! Wie erbleichte sie, wenn er zur Tür hereinkam! Er hatte ihr versprochen, mit ihr, sobald er Zeit habe, auf zwei, drei Tage irgendwo hinzureisen, wo sie ganz allein wären. Sie sehnte diese Reise herbei, für sie gab es nur noch die eine Frage: Wann? Aber Wenzel hatte nie Zeit.
12
Eine Hölle waren diese Tage und Nächte für Katschinsky. Zu spät kam die Reue über sein Benehmen bei seinem letzten Besuch in Jennys Salon. Er selbst war es gewesen, der die Brücken, die zu Jenny führten, abgebrochen hatte. Es gab nichts Törichteres für einen Mann, er wußte es genau, als seinen Rivalen mit Schmähungen anzugreifen. Wie furchtbar, wie ehrlos, wie erbärmlich war all das gewesen. Es war so rasch und unverständlich gekommen, daß er es noch Tage nachher nicht begreifen konnte.
Nun war es zu spät. Reue, Gram und Eifersucht peinigten ihn. Er ertrug das Leben nur, wenn er die Möglichkeit hatte, Jenny wenigstens zuweilen zu sehen. Das beschäftigte seine Gedanken, erfüllte seine Phantasie. Im luftleeren Raum konnte niemand leben. Also lauerte er Jenny auf: um hinter einer Litfaßsäule zu erbleichen, sobald er auch nur einen Ärmel ihres Mantels sah. Wenn dieses dunkelblau lackierte, breit und niedrig gebaute Auto vor dem Hotel vorfuhr, so grub er die Nägel in das Fleisch seiner Hände, und sein Gesicht verzerrte sich vor Wut. Er war ohnmächtig, aber er würde sich rächen, – wie und wann, das würde sich finden.
War Stolpe im Auto, so empfand er eine freudige Erleichterung. An der Gewalttätigkeit, mit der der Wagenschlag zugeworfen wurde, erkannte er Schellenberg. Das Auto fuhr fort, und er wartete stundenlang, bis es wiederkam. Er kannte seine Scheinwerfer. Oh, wie furchtbar, all diese funkelnden Lampen dieser Schar von Automobilen, die ihn anfunkelten, die in der Nacht aus der Finsternis herankamen und den Kurfürstendamm entlangflogen. Sie blendeten ihn, daß er taumelte, er erschrak wie vor Gespenstern. Und jetzt endlich, dort kamen die beiden bösen Lampen herangeflogen. Nun war sie zu Hause. Ihre Zimmer waren hell. Ihre Zimmer erloschen.
Nun konnte er wieder atmen. Er besuchte einen Tanzklub, eine Diele, eine Spielergesellschaft, bleich, ein blasiertes Lächeln auf seinem schönen Munde, mit einem hochmütigen Gesichte saß er da. Er begann zu trinken. Katschinsky hatte nie getrunken und vertrug nichts. Schnell war er sehr berauscht. Er schritt, wirre Worte hervorstoßend, oft weinend durch die finsteren Straßen und griff nach der ersten Dirne, der er begegnete. So ging es Nacht für Nacht. Schließlich hatte er sich, wenn er berauscht war, eine Lüge ersonnen, die er immer wieder vorbrachte und an die er im trunkenen Zustande nahezu selbst glaubte. Er erzählte diesen Dirnen, daß er eine Geliebte gehabt habe, schön wie eine Göttin, sagenhaft schön, und sie sei an der Grippe gestorben. Das erzählte er jede Nacht mit allen Einzelheiten. Schließlich kam es so weit, daß er bei den Dirnen weinte, wenn er seine Geschichte erzählte.
Tiefste Schmach. Tiefste Erniedrigung.
Er fing an, Jenny glühend zu hassen. Auch an ihr wollte er sich rächen. Er entwarf Pläne. Vielleicht würde er ihr schönes Gesicht mit einer Säure übergießen, aber schon erschrak er und schrie: „Nein! Nein!“
Eine Wendung trat ein. Unscheinbar begann sie. Jener Regisseur, jener Doktor Brinkmann hatte ihm in der Tat eine Unterredung, wie er es versprochen hatte, gewährt. Er hatte ihn in einigen Statistenrollen verwandt, um ihn auszuprobieren; hierauf aber hatte Katschinsky nichts mehr von ihm gehört. „Natürlich,“ sagte er bitter, „hinter mir stehen keine Millionen.“ Plötzlich aber erhielt er von Doktor Brinkmann einen Brief mit der Bitte, sich so bald wie möglich bei ihm einzufinden.
„Sie können nichts, Herr Katschinsky,“ sagte Doktor Brinkmann ganz offen. „Sie haben es auch nie behauptet, daß Sie etwas können. Sie sind ja kein Schauspieler. Aber vielleicht werden Sie es lernen. Eine unserer Tochtergesellschaften dreht einen Film, und Sie sollen darin eine der Hauptrollen spielen. Sie sollen nichts spielen als sich selbst. Unterstehen Sie sich nicht, an etwas anderes zu denken.“
Katschinsky spielte. Die ersten Aufnahmen waren gänzlich unverwendbar. Bald aber ging es. Man brauchte in diesem Film einen gutaussehenden jungen Mann, der sich gut kleidete und sich zu benehmen wußte. Gerade die etwas falsche Eleganz Katschinskys, das falsche Benehmen Katschinskys waren es, was der Regisseur suchte.
Der Film gefiel. Nun, da die Regisseure ihm die Maske gemacht hatten, zeigte es sich, daß Katschinsky mit seinem schmalen Gesicht, seinen etwas schrägstehenden Mandelaugen, seinem blasierten Mund sich außerordentlich gut photographieren ließ. Er war gerade jener Typ schöner junger, amerikanisch aussehender Männer, den man suchte. Die Gesellschaft unterbreitete ihm einen Jahresvertrag. Der Erfolg machte Katschinsky sicherer, seiner Eitelkeit wurde geschmeichelt, und er fand wieder etwas Halt. Er hatte Jenny keineswegs vergessen. Noch häufig versuchte er einen Blick von ihr zu erhaschen. Aber er zitterte nicht mehr, er erbleichte nicht mehr.
Eines Tages, als er am Eden vorbeischlenderte, lief er Jenny in die Arme. Plötzlich stand sie vor ihm, wie aus dem Boden gewachsen. Sie hielt den Schritt an und betrachtete ihn mit erschrockenen, hilflosen Augen.
Ja, nun zitterte sie, und er war ganz ruhig. Er wechselte die Farbe, dann zog er den Hut und begrüßte Jenny, als sei nichts vorgefallen.
„Ich bitte dich um Verzeihung, Jenny,“ sagte er mit seinem hübschesten Lächeln. „Der Teufel ist in mich gefahren, wie konnte ich dir eine solche Szene machen, es ist mir heute unbegreiflich. Aber begreife, Jenny, daß ich toll war vor Eifersucht. Nichts aber ist hündischer als Eifersucht, und du weißt, Jenny, daß das immer meine Ansicht war.“ Schon lächelte er leichtsinnig und fröhlich. „Es ist viel besser, daß wir gute Kameraden sind, Jenny. Findest du nicht auch?“
„Es ist gewiß viel vernünftiger,“ antwortete Jenny und nahm seine Hand. „Du bist ein törichter Junge gewesen.“ Sie gingen nebeneinander her und plauderten wie gute Freunde.
Ja, nun waren sie wieder gute Freunde geworden. Katschinsky erwies ihr Aufmerksamkeiten. Er sandte ihr Blumen und Bücher. Sie sah seine Bemühungen, alles wieder gutzumachen, und sie freute sich darüber. Dann und wann besuchte er sie auch zum Tee. Sie trafen sich in den Filmateliers zuweilen zufällig. Katschinsky benahm sich immer gleichmäßig kameradschaftlich.
Eines Abends aber – sie waren zusammen mit Stobwasser im Café gewesen – änderte er plötzlich den Ton. Sie gingen durch eine dunkle, menschenleere Straße. Er berührte plötzlich ihren Arm und drückte ihn zart an sich. „Höre, Jenny,“ begann er, bemüht seine Erregung zu verbergen, „ich will dir alles beichten. Ich habe das Bedürfnis, dir alles zu gestehen, was geschehen ist.“
Die Berührung seiner Hand empfand Jenny unangenehm. Dieser leichte Druck seiner Hand verletzte sie – obgleich sie ihn einst geliebt hatte –, nur aus Nachsicht duldete sie seine Berührung. Mit hochgezogenen Brauen und nervösen, gequälten Lippen hörte sie seine Beichte.
Er gestand ihr alles: wie er ihr auflauerte, wie er trank, bis er sinnlos betrunken war, wie er den Straßenmädchen die Geschichte erzählte von seiner schönen Geliebten, die an der Grippe gestorben sei.
Jenny zog die Schultern an. Sie zog sich scheu wie ein Tier, das sich bedroht fühlt, zurück. Sie machte ihren Arm frei und trug Sorge, daß auch ihr Gewand ihn nicht berührte. Und mit jedem Wort, das er sprach, hervorstieß, stammelte, mit jedem Wort entfernte sie sich mehr von ihm. Jedes Wort trieb sie in immer weitere Fernen. Sie hätte Lust gehabt zu laufen, aber sie wußte, daß er ihr dann nachgelaufen wäre, und sie wollte vor den wenigen Menschen, die diese Straße passierten, jegliches Aufsehen vermeiden. Seine Worte waren verletzend, sie schmerzten und beleidigten sie, sie waren schamlos. „Sieh, so liebe ich dich, Jenny, so maßlos liebe ich dich! Ich kann deinen Körper nicht vergessen! Verstehe mich doch, fühle es doch!“
Nein, sie fühlte es nicht. Sie begriff es, ja, aber in ihrem Herzen gab es kein Echo mehr. Im Gegenteil, das kameradschaftliche Gefühl, das sie für ihn noch gehegt hatte, war vernichtet. Sie wurde augenblicklich kalt, feindselig. Sie wußte, daß er nicht schlecht war, nur ein schwacher Mensch. Aber es wäre ihr lieber gewesen, wenn er schlecht gewesen wäre. Sie verachtete ihn. „Du hast unsere Verabredung vergessen,“ sagte sie, um ihn zu ermahnen.
„Nicht ich habe vergessen,“ rief Katschinsky leidenschaftlich aus, „sondern du hast vergessen, Jenny!“ Und er fragte sie bebend, ob sie ihn nicht wenigstens ein bißchen lieben könne, damit sein Leben wieder Sinn erhalte.
Sie wich zurück. Sie schüttelte den Kopf und erwiderte leise, aber mit einer kühlen, unbeirrbaren Stimme: „Du weißt es, ich liebe einen andern.“
„Liebst du ihn wahrhaftig?“
„Dreimal wahrhaftig!“
Katschinsky schüttelte verzweifelt, etwas theatralisch die Fäuste. „Dann ist alles ohne Hoffnung,“ sagte er.
Sie gingen still weiter und sprachen kein Wort mehr. In der Nähe des Hotels blieb Jenny stehen und sah Katschinsky mit klaren, forschenden Augen ins Gesicht. „Eines will ich dich noch fragen,“ sagte sie. „Es gibt boshafte Menschen. Man hat meinem Vater geschrieben, er möge ein Auge auf mich haben. Ich sei die Geliebte eines berüchtigten Abenteurers geworden.“ Jenny heischte Antwort.
Jede Spur von Farbe war aus Katschinskys Gesicht gewichen, selbst seine immer roten Lippen waren fahl geworden wie die eines Toten.
„Ich habe es getan,“ stammelte er. „Ich hatte es schon vergessen. Ich habe diesen Brief einmal in der Nacht geschrieben, als ich getrunken hatte. Ich erinnere mich nicht, ihn in den Kasten geworfen zu haben. Oh, wie niedrig!“ rief er aus und schlug die Hände vors Gesicht. „Ich wage nicht, dich zu bitten, mir auch dies zu verzeihen!“
Jenny sah zu Boden. Nach einer Weile erwiderte sie: „Auch dies will ich dir noch verzeihen.“
Sie streckte ihm die Hand hin. „Lebe wohl.“
Katschinsky nahm ihre Hand, ohne sie anzusehen.
„Eine Bitte habe ich noch,“ fügte Jenny hinzu. „Du hast an Schellenberg einen anonymen Brief geschrieben, worin du ihn vor einem gewissen Herrn K. warnst. Von wem sollte der Brief sonst sein? Tue es nicht wieder, du machst dich nur lächerlich!“
In ihrem Zimmer saß Jenny lange im Dunkeln. Sie zitterte am ganzen Körper. Sie wagte es nicht, Licht zu machen. Vielleicht steht er unten, sagte sie sich, und wartet? Er, jener andere, den ich liebe, wartet nicht, bis das Licht erlischt.
13
Die großen Holzscheite flammten und krachten im Kamin. Der Schein des Feuers blendete, und gespenstische Schatten zuckten durch den halbdunkeln Raum.
Wenzel sagte: „Sie sind eine seltene Frau, Jenny Florian! Sie wissen, daß ich alle Phrasen und übertriebenen Worte hasse. Ich habe mir eines Tages vorgenommen, immer zu sagen, was ich denke, oder ganz zu schweigen. Also können Sie mir getrost glauben, was ich Ihnen sage. Sie sind schön, und Sie wissen es. Aber Sie tun nicht, wie andere schöne Frauen, als ob es Ihr persönliches Verdienst sei und man Ihnen aus diesem Grunde Bewunderung zollen müsse. Sie nehmen Ihre Schönheit wie etwas, das Ihnen geliehen wurde. Sie sind klug, aber Sie vermeiden es, geistreich erscheinen zu wollen, nach Art der meisten Frauen. Sie halten sich gleich weit entfernt von der Geziertheit des Ausdrucks wie von der Lässigkeit. Sie haben mehr Talente als fünf Frauen zusammen, und doch sprechen Sie nie mit einer Silbe davon. Sie schweigen darüber, wie alle Leute, die sich ihrer Kräfte bewußt sind.“
Jenny hob den seidigglänzenden Scheitel. Ihre Augen blendeten wie die eines Tieres, in die ein Lichtschein fällt. Auf ihren Wangen und Lippen und Zähnen sprühten Funken. Ihr kleines, glühendes Ohr trank berauscht Wenzels Worte. Sie hörte Wenzels wahre Stimme so selten, auch wenn sie allein waren. In Gegenwart seiner Bekannten und Freunde aber verbarg er sich hinter einem burschikosen, derben Jargon, den sie verabscheute.
Jenny saß zu Wenzels Füßen auf einem Teppich, die Knie angezogen. Sie saß dicht am Feuer, das verwegen nach ihr züngelte. Heute mittag waren sie in dem kleinen Jagdschloß Hellbronnen angekommen. Die Herrlichkeit sollte drei Tage dauern.
„Es tut gut, ein bißchen verwöhnt zu werden!“ erwiderte Jenny. Wenn sie sprach, funkelten alle Vokale. Ihre Stimme war keusch, als schäme sie sich zu sprechen. Sie errötete, während sie sprach. „Sie sind ein Freund, ein guter Freund, und ich fühle mich wohl und sicher in Ihrer Nähe. Gibt es ein schöneres Gefühl für eine Frau? Sie sind viel zarter, als Sie ahnen lassen. Weshalb geben Sie sich oft so unempfindlich?“
Das Feuer knisterte und lohte. Über die geschwärzten Kaminwände kletterten eilige Funken.
Wenzel dachte lange nach. Dann erwiderte er, langsam den Kopf schüttelnd, die Stirn in Falten: „Fast hätten Sie mich verführt, etwas zu glauben, nur weil es angenehm ist, sich für besser zu halten, als man ist. Nein, Sie kennen mich nicht, Jenny Florian. Meine Gefühle sind verschüttet oder erloschen, wie Gefühle in einem bestimmten Alter und in gewissen Lebensverhältnissen vergehen. In Ihrer Nähe, so scheint es mir allerdings, erwacht manche Empfindung wieder, die ich lange nicht mehr kannte. Lieben Sie Gedichte?“
Jenny sah erstaunt auf.
Wenzel lachte. „Eine sonderbare Frage, nicht wahr? Ich würde es auch nicht wagen, sie in Berlin zu stellen. In meiner Jugend habe ich viele Gedichte gelesen, aber nur ein einziges behalten – mein Gedächtnis ist schlecht. Mein Bruder dagegen, Michael, er kann den halben Faust auswendig, er behält alles spielend. Und Sie, Jenny Florian? Sie müssen doch den ganzen Kopf vollgestopft haben mit solchen Dingen.“
Jenny bejahte. Sie habe ein sehr gutes Gedächtnis.
„Dann haben Sie wohl auch viele Gedichte im Kopf? Könnten Sie ein Gedicht sprechen, irgendeinen Vers? Ich möchte hören, wie Ihre Stimme dabei klingt.“
Ohne Zögern erhob sich Jenny, als habe ein Regisseur sie aufgerufen. Sie dachte kurz nach, dann faltete sie die Hände, indem sie die Spitzen der Finger gegeneinander legte. Und nun sprach sie, mit leiser, ganz monotoner, inniger Stimme ins Feuer hinein, die Augen halb geschlossen:
„O gib, vom weichen Pfühle Träumend, ein halb Gehör! Bei meinem Saitenspiele Schlafe! Was willst du mehr?“
Sie hatte geendet. Eine Weile stand sie still, dann ließ sie die Hände sinken. „Ist es schön?“ fragte sie, wie aus tiefem Schlaf aufgewacht.
„Es ist schön, und Sie haben es sehr schön gesprochen. Diesen Vers hatte ich vergessen. Aber, wie kamen wir eigentlich auf dieses merkwürdige und unzeitgemäße Thema, sagen Sie doch? Ja, richtig, nun fällt es mir ein. Ich sprach von einem Gedicht, dem einzigen, das ich behalten habe. Auch das ist nicht ganz richtig. Ich habe nur einen Vers davon behalten, und selbst ihn könnte ich vielleicht nicht fehlerlos zitieren. Dieses Gedicht ist für mich das schönste Gedicht, das es in unserer Sprache gibt. Ja, vielleicht ist es das schönste Gedicht, das je ein Dichter auf dieser Erde schrieb, weil es das schlichteste, zarteste und wahrste ist. Es ist Heines ‚Du bist wie eine Blume‘. Sie staunen, daß ich, gerade ich dies sage? Nun, Sie haben recht, nur ein ganz gläubiger Mensch darf dieses Gedicht aussprechen – also will ich nicht fortfahren. Aber, um zur Hauptsache zu kommen. Ein ähnliches Empfinden wie jenes, das Heine in seinem Gedicht ausdrückt – ein ähnliches natürlich nur! –, habe ich oft, wenn ich Sie ansehe, Jenny Florian. Verzeihen Sie mir, ich schäme mich jetzt schon dieser Trivialität.“
Darauf erwiderte Jenny nichts. Sie senkte den Scheitel tiefer und schwieg.
Und Wenzel fuhr fort: „Mißverstehen Sie mich nicht! Zwei Dinge hasse ich mehr als alles auf der Welt, Hysterie und Sentimentalität. Die hysterischen Menschen – es gibt vielleicht mehr hysterische Männer als Frauen – müßte man totschlagen und die sentimentalen – nun sagen wir, ertränken.“
Jenny lachte auf. „Sie machen ganze Arbeit, Schellenberg!“ rief sie aus; aber doch war ein versteckter Schrecken in ihren Augen. Welch ungeheure Verachtung klang aus Wenzels Stimme.
„Unsere Zeit braucht Fäuste – etwas rücksichtslose Fäuste, die zupacken,“ fuhr Wenzel fort. „Gefühle sind der Luxus einer reichen Epoche, einer Epoche ohne Schulden. Ich spreche ganz offen. Ich möchte nicht in den Verdacht kommen, mich einer Sentimentalität überlassen zu haben, als ich von Heines Versen sprach und Sie bat, ein Gedicht zu sprechen. Nein – das ist etwas ganz anderes. Ich möchte auch nicht in den Verdacht kommen, Ihnen etwas vorzumachen. Ihnen etwa vorzumachen, daß ich Sie liebe. Oh, nein. Ich gestehe offen – verzeihen Sie diesen banalen Ausdruck –, Sie ‚gefallen‘ mir – aber das ist noch lange nicht Liebe. Vielleicht bin ich auch in Sie verliebt? Aber, wer wäre in seinem Leben nicht öfter verliebt gewesen? Vielleicht ist dies das normale Empfinden? Liebe? Ich weiß nicht, ob ich lieben kann. Ich weiß nicht, ob ich einen anderen Menschen lieben kann als mich selbst. Ich weiß nicht einmal, ob es überhaupt möglich ist, einen andern Menschen zu lieben als sich selbst. Es scheint mir, daß hier viel Geflunker vorliegt – bei den Dichtern. Denn Liebe ist ja keine Wissenschaft und kann nicht chemisch analysiert werden. Es ist aber keine Lüge, wenn ich Ihnen sage, Jenny Florian, daß Sie mir sympathischer sind als alle Frauen, die ich kenne. Aber ich weiß nicht, ob Ihnen das genügt, was man Sympathie nennt?“
Jenny nickte. „Es ist viel,“ erwiderte sie leise. „Es wird mehr werden,“ fügte sie noch leiser hinzu.
„Nun, dann gut, Jenny Florian, dann wollen wir Freunde werden. Aber da ich es nicht liebe, einen Menschen zu täuschen, so will ich dir meine Bedingungen nicht verschweigen.“
Groß und klar wie eine Quelle, kristallen lagen die Augen Jennys unter ihm. Er mußte an Bäche denken, die er als Knabe gesehen hatte. Auf Klein-Lücke gab es einen solchen klaren Bach. Weshalb sieht man später nie mehr diese Klarheit des Wassers?
Und er fuhr fort: „Ich verlange volle Freiheit für mich, denn ich brauche die Freiheit. Ich kann in einer anderen Luft nicht leben, so bin ich. Aber ich gewähre dir, hörst du, nicht die geringste Freiheit! Ich weiß, daß es Narren gibt, die von einer Gleichstellung der Frau sprechen. Es sind armselige Narren, die die Frauen nicht kannten, die in ihrem Leben vielleicht nur eine oder zwei Frauen besaßen. Es sind Lügner. Ich gehöre nicht zu jener Klasse modern denkender Männer. Ich bin ein ganz altmodischer Mensch, in dieser Beziehung wenigstens, und keineswegs geneigt, mich in meinen Ansichten beirren zu lassen. Dabei bin ich nicht kleinlich. Ein Flirt, ein Kuß – aber nicht mehr, mehr dulde ich nicht. So also lauten meine Bedingungen, Jenny. Nun sollst du mir antworten.“
Jenny lächelte mit glänzenden Augen. „Ich nehme alles an, Wenzel. Ich kapituliere.“
„Um wahr zu sein,“ sagte Wenzel weiter, „ich finde, daß es falsch ist, diese Dinge, die Beziehungen zwischen Mann und Frau, so furchtbar ernst zu nehmen. Ich finde, der Sinn des Lebens besteht darin, soviel Genuß aus dem Leben zu holen, als möglich ist. Die Menschen aber scheinen alle bemüht zu sein, sich gegenseitig so wenig Genuß wie möglich zu gönnen.“
Jenny verstand nicht. Irgend etwas beunruhigte sie. Aber schon fuhr Wenzel fort: „Was also würdest du tun, Jenny Florian, wenn du mich liebtest – zuviel gesagt –, wenn ich dir sympathisch wäre?“
Darauf antwortete Jenny, ohne zu zögern: „Frage, was würde ich nicht tun?“
So also wurde Jenny Florian Schellenbergs Geliebte.
Ja, nun hatte das Leben allerdings ein anderes Gesicht bekommen.
Jenny ging auf der Straße mit gespitzten Lippen. Sie pfiff wie ein Vögelchen. Immer schien die Sonne zu scheinen, auch wenn es regnete. Wenn die Sonne aber schien, so schwamm Jenny im Licht. Alle Menschen, sonst so griesgrämig und unhöflich, schienen sich zu bemühen, ihr Artigkeiten, Schmeicheleien zu sagen. Es gab plötzlich nur reizende, liebenswürdige Menschen, die sie mit Freundlichkeiten überhäuften. Jenny selbst war hilfreich, gütig, gefällig. Sie funkelte vor Glück, wie ein Diamant funkelt, in den das Licht fällt.
Eines Tages fuhr Wenzel sie hinaus nach Dahlem. Er zeigte ihr die Villa, die er hatte bauen lassen und die ihm zu klein geworden war, während er baute. Er nannte diese Villa, auf die Form des Hauses anspielend, die „Hutschachtel“. Das Haus, bis auf Kleinigkeiten fertig, war in einem modernen Barock erbaut von Kaufherr, dem begabtesten Architekten Berlins. Maler und Handwerker schabten, bürsteten und strichen, und es roch nach Farbe, Gips und frischgehobeltem Holz. In einigen Zimmern waren schon die Tapeten gespannt. Da und dort standen schon Möbel. In einigen Wochen konnte die Villa bezogen werden. Das Badezimmer aus rosigem Marmor entzückte Jenny.
„Wie gefällt dir die Hutschachtel?“ fragte Wenzel.
Jenny war begeistert. Sie hatte so etwas Herrliches nie gesehen.
„Nun, ich will sie dir schenken. Hier soll Jenny Florian wohnen.“
Jenny schrie auf. Aber schon hob sie abwehrend die Hände. „Nicht schenken, Wenzel!“ rief sie. „Nein, nicht schenken!“ Sie wurde plötzlich nachdenklich.
„Nun, dann wohne hier, solange es dir gefällt. Das Haus wird fertig sein, bis du aus Italien zurückkommst.“
In den nächsten Tagen reiste Jenny mit der Filmgesellschaft nach dem Süden. Der Zug fuhr vorwärts, aber sie fuhr in Gedanken schon wieder zurück. Bei jedem besonderen Gehöft, bei jedem besonders aussehenden Baume sagte sie sich: Wenn ich euch erst wiedersehen werde! Sie war unglücklich. Aber – so sagte sie sich resigniert – es ist dein Beruf.
14
Der Wind pfiff über die Heide. Er war noch naß vom Schnee, aber schon war ein lauer Hauch des Frühlings in ihm. Ein heftiger Südweststurm brauste seit einigen Tagen dahin.
Von Glücksbrücke an, dessen Baracken in der Ferne, am Horizont verschwammen, bis zu den mächtigen Werkstätten von Glückshorst erstreckte sich jetzt eine einzige ungeheure Fläche, nur unterbrochen von einem windgeschüttelten Birkenhain, den die Axt plangemäß verschont hatte. Er sollte später ein „Park“ werden.
Die Maschinen waren gekommen und hatten den Boden von Glückshorst, wo früher der Wald stand, aufgerissen, zermalmt, umgegraben und gewalzt. Tag für Tag zogen große Traktoren und Motorwalzen auf den neugeschaffenen Straßen langsam hin und her. Auf dem Kanal waren Frachtkähne angekommen, die Schottersteine und Schlacke brachten. Auf diesen Straßen waren Scharen von Arbeitern beschäftigt. Am Kanal unten entluden andere Gruppen die Kähne. Feldbahnengeleise zogen kreuz und quer über das Gelände.
Lehmann kam in diesen Wochen kaum aus den Stiefeln. Ein Glück nur, daß die Tage länger wurden. Er erhielt Schreiben über Schreiben aus Berlin, Ingenieure kamen, das Telephon klingelte von früh bis nachts. Es war zum Verrücktwerden. Natürlich drängten sie. Zuerst hatten sie ihn gelobt, nun stellte es sich heraus, daß er eine ganze Woche zurück war. Lehmann schrie und wetterte, und trotzdem er nur einen Arm hatte, hatte er sich ein Fahrrad zugelegt. Auf diesem Fahrrad fuhr er den ganzen Tag hin und her. Es ging ihm nicht mehr rasch genug.
Von dem großen Arbeitertrupp abgesondert, arbeitete ein kleines Häufchen Männer, das Georg Weidenbach befehligte. Der General mit seinem langen Bart war in dieser Gruppe und der krummbeinige Schlosser, der vorgab, seinerzeit bei Wenzel Schellenbergs großem Neubau gearbeitet zu haben. Sie schleppten Meßstangen und Meßbänder, visierten, maßen und schlugen Pflöcke ein. Georg trug einen zerknitterten, zerweichten und beschmutzten Plan unter dem Arm. Er hatte den Auftrag erhalten, Glückshorst zu vermessen.
„Sie bringen mich zur Verzweiflung!“ schrie ihm Lehmann durch den Sturmwind zu. „Diese Burschen in Berlin glauben, wir können hexen! In drei Tagen sollen die Kähne mit dem Baumaterial kommen! Was sagen Sie dazu. Es ist einfach verrückt!“
An diesem Abend blies der Wind so heftig, daß die freiwilligen Postfahrer, diese Kolonne frischer Jungen, kaum auf ihren Rädern vorwärtskamen. Von dieser Gruppe der Radfahrer löste sich einer los und erkämpfte sich durch den Sturm den Weg bis zu Weidenbach. Er überbrachte Georg einen Brief.
Ein Brief! Noch immer zitterte Georg, wenn er einen Brief erhielt.
Er klemmte den Plan unter den Arm und musterte im sinkenden Tageslicht die Aufschrift: es war ein Brief von Stobwasser. Es war schon so düster, daß Georg kaum mehr imstande war, den Brief zu lesen. Aber eines verstand er doch sofort: der Brief enthielt eine Angabe über Christines Aufenthalt! Georg erbleichte. Er war so erregt, daß er gute zehn Schritte zur Seite trat. In dem Briefe war die Rede davon, daß Christine sich an Jenny Florian mit einer Bitte gewandt hatte. Jenny Florian, unterrichtet von Stobwasser, hatte dem Bildhauer augenblicklich Mitteilung gemacht. Berlin, im Norden, irgendwo da draußen, die Spur war also gefunden! Dann folgten lange Betrachtungen über das wirtschaftliche Elend der jungen Künstler in Berlin. Georg las nicht weiter.
Ohne ein Wort zu sagen, verließ er seine Arbeitsgruppe und begab sich raschen Schrittes zu den Baracken, zuletzt lief er. In Lehmanns Bureau war Licht. Außer Atem, bleich und in größter Erregung, trat Georg ein und bat um einen sofortigen Urlaub von zwei Tagen. Noch heute abend wollte er nach Berlin.
„Aber zum Teufel mit Ihnen!“ schrie Lehmann. „Sind Sie toll geworden? Gerade jetzt?“ Plötzlich aber hielt er inne. Sein Blick war auf Georgs Gesicht gefallen. „Aber was ist mit Ihnen?“ fragte er voller Teilnahme. „Wie sehen Sie aus? Setzen Sie sich! Was ist passiert?“
„Es hat sich nichts Unglückliches ereignet,“ sagte Weidenbach, und das Blut kehrte langsam in sein Gesicht zurück. „Im Gegenteil, etwas Glückliches oder vielleicht etwas Glückliches, es ist noch nicht ganz sicher.“
„Um so besser,“ erwiderte Lehmann. „Natürlich, wenn es sein muß, müssen Sie fahren, das sehe ich ein, so fatal es ist. Sie wollen also zwei Tage Urlaub haben. Vielleicht können Sie es früher schaffen? Ich werde unterdessen Ihre Arbeit mit übernehmen. Kommen Sie in einer Stunde zu mir, zu einer längeren Besprechung. Daß Sie heute abend noch gehen, hat ja keinen Sinn.“
Aus den Fenstern der Tischlerei strömte helles Licht. Unter eines dieser Fenster stellte sich Georg, um Stobwassers Brief nochmals und aufmerksam zu lesen. Ohne Zweifel, er hatte recht gelesen, Christines Spur war gefunden, nicht ihre Adresse, aber doch wenigstens eine Spur! Und endlich fand Georg auch die Sammlung, den Brief Stobwassers zu Ende zu lesen.
„Sei glücklich, Georg,“ schrieb Stobwasser, „daß du eine Beschäftigung hast. Vielleicht komme ich auch bald zu dir hinaus. Uns allen hier, die wir die Fahne der Kunst noch hochhalten, geht es miserabel. Ich mache Schnitzereien für eine Möbelfabrik, aber zu welchem Preise! Katschinsky hat sich in den Film gerettet und scheint eine Zukunft vor sich zu haben. Allen andern aber geht es elend.“ Und Stobwasser berichtete von bekannten Malern und Bildhauern, die heute einen Gegenstand um den andern verkauften und verpfändeten, um das nackte Leben zu fristen. Eine junge Geigerin, Meisterschülerin eines berühmten Virtuosen, spielte jeden Abend für zwei Mark im Kino. Ein bekannter Maler und Radierer zeichnete für einige Groschen Porträts in den Kaffeehäusern. Die guten Theater brechen zusammen, die Filme und Revuen triumphieren. „Was soll werden?“ rief Stobwasser aus. „Die Regierungen kümmern sich nicht um uns, die Städte, kaum noch die Zeitungen. Soll die Kunst in diesem Lande zugrunde gehen –?“
15
Im Morgengrauen ging Georg zur Station, und kurz nach Mittag sprang er, in äußerster Erregung, aus dem Zug, um sich augenblicklich nach dem Norden der Stadt zu begeben. Die kleine Kutscherkneipe, die Christine in ihrem Briefe angegeben hatte, war ohne Mühe zu finden. Hier sollte der Bote Jennys sich an ein Fräulein Pauline wenden und sagen, er käme von Fräulein Florian.
Fräulein Pauline war ein üppiges, schlechtgelauntes Mädchen, das, die Haare noch ungeordnet, mit schmutzigen Händen hinter dem Schenktisch Gläser spülte. Sie gähnte und betrachtete Georg voller Argwohn, obschon er sich Mühe gab, eine gleichgültige, uninteressierte Miene zu zeigen.
„Also Sie kommen von Fräulein Florian?“ fragte Pauline wiederum gähnend. Und nach einigen argwöhnischen Blicken fügte sie hinzu: „Nun, hoffentlich bringen Sie ihr etwas Gutes, sie kann es brauchen. Die Alte hat ihr schon die Schuhe weggenommen, so verschuldet ist sie. Gehen Sie Nummer dreiundzwanzig, im Seitenflügel drei Treppen, Agent Lederer.“
Das also war Christines Adresse! Georg taumelte die Straße entlang, und bei Nummer dreiundzwanzig blieb er stehen. Wie oft, hundertmal hatte er dieses Haus in seinen Träumen gesehen! Aber es sah noch erschreckender, bedrückender aus, als seine Visionen es ihm zeigten.
Ein schmutziger Torweg, rechts eine übelriechende Roßschlächterei, links ein leerer, verstaubter Laden mit zerbrochenen Scheiben. Der Torweg wimmelte von krank aussehenden Kindern mit greisenhaften Gesichtern. Verwahrloste Weiber, in Fetzen gehüllt, gingen aus und ein. Halb von Sinnen, betäubt von dem Gestank der Roßschlächterei, gemartert von dem Gedanken, daß Christine in einer derartigen Hölle hausen sollte, kletterte Georg die schmale Treppe empor. Auch diese Treppe starrte von Schmutz und war erfüllt von den üblen Gerüchen der Ausgüsse und schmutziger Küchenlöcher. Und wieder Kinder, krank, verkommen, auf dünnen verkrümmten Beinen, Lumpen, hustende Frauen und hier und da das fahle Gesicht eines Mannes mit finsterer Miene. Das ganze Haus bebte von Geschrei, Lärm und zugeschlagenen Türen. Es schien von Hunderten von Familien bewohnt zu sein, die die große Stadt ausgestoßen hatte, damit sie hier verkamen. Ein dickes Frauenzimmer, ein gewaltiger Klumpen Fleisch, in zerrissener Jacke, ging an ihm vorüber und stieß ihn derb an, während sie ihn mit frechen verquollenen Augen musterte und lachte.
Georg war gestärkt durch den langen Aufenthalt im Freien. Die Arbeit hatte ihn gestählt. Er war an manches gewöhnt, und doch begann er in dieser Höhle des Elends zu zittern.
„Mut! Mut! Vorwärts!“ rief er sich zu.
Vor einer mit einem Schild „Lederer, Agent“ bezeichneten schmutzigen Tür angelangt, nahm er seine ganze Kraft zusammen und klopfte einmal, zweimal. Dann lauschte er angestrengt, ob sich drinnen etwas rege. Und während er lauschte, schien der Lärm des Hauses sich zu verzehnfachen.
Endlich wurde der Riegel zurückgeschoben, und die Tür öffnete sich. Ein junger Mensch, fast noch ein Knabe, mit stechenden, frechen Augen erschien. Sein Gesicht war fahl, glänzend, als sei es mit Schweiß bedeckt. Er trug keinen Kragen, sein Hemd war schmutzig.
„Sie wünschen?“ fragte der junge Mann frech und kurz. Neben ihm tauchte argwöhnisch das Gesicht einer aufgedunsenen Frau mit grauen, wirren Haaren auf. Sie war klein, dick, zwischen den Augen hatte sie eine lange Narbe, als habe man ihr einmal mit dem Beil das Gesicht gespalten.
Nun gilt es, dachte Georg, der beinahe die Besinnung verlor. Er verbeugte sich höflich und sagte, daß er von Fräulein Florian käme und Fräulein Christine März einen Brief zu übergeben habe.
„Endlich,“ keifte die aufgedunsene Frau. „Wir werden froh sein, wenn wir sie endlich los sind. Bringen Sie Geld?“
„Ja, ich bringe Geld.“
Der junge Mensch wies Georg in einen schmalen, dunklen, übelriechenden Korridor. Georg, fast von Sinnen, konnte sich später niemals mehr an Einzelheiten erinnern. Aber er erinnerte sich, daß folgendes geschah:
Er klopfte an irgendeine Tür, und irgendeine ferne, fremde, unwirkliche Stimme sagte: „Herein!“ Es war nicht Christines Stimme. Es war ein fremdes, verwahrlostes Mädchen, das in einer armseligen Kammer auf einem niedrigen, schmalen Eisenbett saß und einen zerrissenen Strumpf stopfte, blaß, schwindsüchtig, mit großen, glühenden Augen. Fast wie eine Wahnsinnige sah sie aus. Sie heftete die großen, glühenden, schwarzen Augen auf ihn, regungslos ... auch die Hände, die Strumpf und Nadel hielten, blieben ganz in der gleichen Haltung. So saß sie und staunte ihn an, wie eine Wachsfigur. Wie lange? Georg konnte es niemals sagen.
Aber er erinnerte sich, daß er ganz plötzlich auf dieses fremde, regungslose Mädchen, das ihn anstarrte, zuschritt und vor ihr in die Knie fiel: es war doch Christine.
Er streckte in seiner Verzweiflung die Hände nach ihr aus. „Bist du krank, Christine?“ fragte er, aber er hörte nicht einmal selbst seine Stimme.
Christine saß ohne jede Bewegung, blickte ihn mit fiebernden Augen an, ohne Regung. Er flüsterte ihren Namen, aber sie regte sich nicht. Er stammelte verwirrte Fragen in seiner Seelenangst. Sie schwieg. Er griff nach ihrer Hand, sie zog die Hand zurück. Fast wäre er verzweifelt. Nie in seinem Leben erlebte er solch fürchterliche Minuten. Er war dankbar, daß er sich später nicht mehr an die Einzelheiten erinnerte; nur ein Entsetzen blieb in seinem Herzen zurück, unauslöschlich und für immer.
Ein Gesicht an der Türe schreckte ihn auf, ein Gesicht, das ein Axthieb gespalten hatte, mit einem großen und einem kleinen Auge, das große gespenstisch, geisterhaft, das kleine tierisch und frech. Eine grelle Stimme keifte und zeterte: daß sie zu arm sei, fremde Leute zu unterhalten und daß sie beabsichtigt habe, Christine heute vor die Tür zu setzen. Dies und ähnliches keifte die Stimme, noch heute hatte Georg ihren entsetzlichen Klang im Ohr.
Nun aber, nun ereignete sich das Überraschendste, etwas gänzlich Unerwartetes – und gerade diese Überraschung, es gibt kein Wort dafür, gab Georg augenblicklich, auch das ist merkwürdig, die Klarheit der Sinne zurück. Von diesem Augenblick erinnerte er sich wieder an jede Einzelheit.
Christine lächelte plötzlich – oder besser gesagt – sie machte den Versuch, zu lächeln. Ein krankes Lächeln breitete sich langsam über ihr Gesicht aus. Dann wandte sie sich mit einer ganz langsamen, unsagbar zärtlichen Bewegung zu dem Kopfkissen des armseligen Bettes, schlug die Decke zurück: und Georg erblickte plötzlich den Kopf eines kleinen Kindes. Mit einer zärtlichen Bewegung nahm Christine mit beiden Händen das in einen Lappen gewickelte Kind und streckte es ihm entgegen.
„Hier ist es,“ flüsterte sie.
„Was ist das?“ stammelte Georg.
„Es ist dein Kind,“ flüsterte Christine, und wieder versuchte sie zu lächeln.
„Mein Kind?“ schrie Georg. „Wie ist das möglich? Wie soll ich das alles verstehen?“ Und er stürzte sich auf das Kind, nahm es aus Christines Händen und drückte es gegen die Brust.
Das Gesicht an der Türe lachte schallend.
Von diesem Augenblick an war Georg wieder völlig Herr seiner Sinne. Er beschwor Christine, mit ihm zu kommen. Sie begann zu zittern. Ihr Blick irrte voller Angst zur Türe.
„Nimm mich fort von hier!“ flüsterte sie, leise, voller Furcht, die Alte könne es hören. Da wandte sich Georg gegen die Türe und trat auf die Alte mit dem gespaltenen Gesicht zu.
„Ich verlange eine Erklärung!“ rief er. „Was geht hier vor? Was bedeutet das alles?“
Die Alte keifte. Sie überschüttete Georg mit Schmähungen, sie beschimpfte Christine mit den unflätigsten Worten. Sie hätte nichts dagegen, daß er die „Dame“ mit sich nähme – oh, ganz im Gegenteil –, aber erst hieße es bezahlen. Schulden, Geld – zweihundert Mark, eine Unsumme! Zweihundertfünfzig Mark! Unmöglich!
Christines Blick, das in Lumpen gehüllte Kind – Georg stürzte aus dem Hause wie von Peitschenhieben vorwärts getrieben.
16
In Schweiß gebadet traf er vor Stobwassers Werkstatt ein.
Er war so von Sinnen, daß er die Tür aufklinkte, bevor Stobwasser noch auf sein Pochen antworten konnte. Er stürzte in die Werkstatt und prallte zurück: Ein junges, nacktes Mädchen lag auf einem kleinen Sofa. Stobwasser stand und modellierte eifrig.
„Du mußt helfen, Stobwasser!“ schrie Georg, dessen Hände flogen. „Helfen mußt du!“ Er zerrte den Bildhauer in den Hof hinaus und erzählte wirr, atemlos, unzusammenhängend.
Aber das Herz eines Freundes ist wie das einer liebenden Frau, und Stobwasser verstand sofort alles.
Er blieb mit gespreizten Beinen stehen, den Kopf gesenkt, und dachte nach. „Wir werden Rat schaffen,“ sagte er. „Die Hauptsache ist nur, daß du dich beruhigst, Weidenbach.“
„Oh, ich bin sehr ruhig,“ erwiderte Georg mit einem abwesenden Lächeln. Er zitterte am ganzen Körper. Er strich sich über das Gesicht, und seine Hand war so naß, als habe er sie in Wasser getaucht.
Stobwasser nahm Hut und Mantel. „Sie können sich anziehen,“ sagte er zu dem Modell, und sie gingen.
„Nicht so schnell!“ rief er Georg zu, der schon wieder zu laufen begann. „Wir wollen es bei Katschinsky versuchen. Oh, wie ich meine Armut verfluche!“ schrie er laut. „Für sich allein arm zu sein, was bedeutet es? Aber – oh, wie ich meine Armut verfluche!“
Katschinsky hatte die Wohnung gewechselt. Seit seinen Erfolgen beim Film wohnte er in einer großen Pension im Westen. Unglückseligerweise hatte er Besuch. Er kam in die Diele, runzelte die Stirn, als er die beiden keuchenden Freunde sah, denen der Schweiß auf der Stirn stand. Er trug einen Hausanzug aus dunkelblauer Seide und schwarze Hausschuhe aus Lackleder.
„Was gibt es?“ fragte er und ließ sich in einem Korbsessel der Diele nieder. Aber augenblicklich stand er wieder auf. „Zweihundertfünfzig Mark!“ rief er aus. „Ich habe keinen Pfennig, nur Schulden!“
„Du mußt das Geld schaffen!“ schrie Stobwasser.
Katschinsky runzelte wieder die Stirn und verzog die Lippen zu einem spöttischen Lächeln. „Wie soll ich eine so große Summe herbeischaffen?“ fragte er. „Sagt doch selbst.“
„So gib alles, was du hast!“ rief Stobwasser. „Wir werden es verpfänden!“
Katschinsky zuckte die Achseln und wandte sich der Tür zu. „Ich habe leider keine Zeit mehr,“ sagte er hochmütig. „Ich habe Damenbesuch.“
„Du bist ein Schuft!“ schrie Stobwasser, als Katschinsky die Tür schon geschlossen hatte.
Sie wischten sich beide den Schweiß von der Stirn.
„Dann wollen wir es bei Jenny selbst versuchen,“ riet Stobwasser und stürzte die Treppe hinab.
Im feierlichen Foyer des Hotels, wo sorgfältig gekleidete Damen und Herren still in Klubsesseln saßen, mißbilligte der Portier ihre Eile und Hast. „Es ist dringend,“ sagte Georg und eilte die Treppe empor.
Jenny war zu Hause, welch ein Glück! Aber der Page machte sie darauf aufmerksam, daß Fräulein Florian Besuch habe. „Herr Schellenberg ist soeben gekommen,“ verkündete er voller Ehrfurcht.
„Wir lassen bitten, es ist in dringender Angelegenheit,“ sagte Stobwasser, und der Page klopfte zögernd und scheu an Jennys Tür. Nach geraumer Weile verschwand er.
Es vergingen nur wenige Minuten, da kam Jenny heraus auf den Flur. Sie hatte eine Zigarette zwischen den Lippen und ging mit leichten, tänzelnden Schritten, aber ganz langsam, auf die beiden zu.
„Was gibt es?“ fragte sie mit einem schönen Lächeln. „Und wer ist das? Sind Sie es, Weidenbach?“
„Was es gibt?“ fragte Stobwasser und erzählte hastig.
Jenny dachte nach. Sie zog an der Zigarette, schüttelte den Kopf, blickte zu Boden. „Wie peinlich,“ sagte sie. „Ich habe kein Geld. Es ist fast Monatsende. Aber wartet, es wird sich Rat finden. Ich hoffe es.“
Mit denselben langsamen tänzelnden Schritten ging sie in ihr Zimmer zurück. Nach wenigen Minuten erschien sie wieder und hob triumphierend drei Geldscheine in die Höhe. „Nun, seht ihr!“ rief sie freudig aus. „Oh, Weidenbach, wie freue ich mich, Ihnen gefällig sein zu können! Grüßen Sie Christine.“
Schon stürzten die beiden die Treppe hinab.
„Wir werden ein Auto nehmen!“ entschied Georg.
Drei Stunden, nachdem Georg Christine verlassen hatte, war er schon wieder zurück. „Ich bringe das Geld!“ rief er dem grauhaarigen Weib mit der gespaltenen Stirn zu, indem er sich den Schweiß von der Stirn wischte.
Aber die Alte hatte es sich anders überlegt. „Es sind nur zweihundertundfünfzig Mark! Es sind aber mehr als dreihundert Mark!“ keifte sie. „Wir haben uns barmherzig erwiesen, und das ist nun der Dank!“
Da aber verwandelte sich Georg plötzlich. Er schwang die Faust und machte Miene, sich auf die Alte zu stürzen. Stobwasser hatte ihn nie so gesehen. „Wir geben nicht mehr! Wir können nicht mehr geben! Das ist alles, was wir aufbringen konnten!“ schrie Georg mit drohender Gebärde. Und nun willigte die Alte ein, daß Christine die Wohnung verlassen könne.
Aber Christine war so schwach, daß sie nicht imstande war, die Treppe hinabzugehen. Georg nahm sie auf den Arm und trug sie hinunter. Stobwasser kam hinterher mit dem Kinde, das in einen alten Lappen gewickelt war. Der junge Mensch und das alte Weib mit der gespaltenen Stirn schrien freche Scherze in das Stiegenhaus hinab.
Sie fuhren nach Stobwassers Werkstatt.
„Es ist ein Glück, daß ich heute geheizt habe!“ rief Stobwasser vergnügt aus und rieb sich die Hände. „Ich heize nur, wenn ich Modell habe.“
Der Bildhauer schürte den Ofen, daß das rostige Rohr, das durch die Werkstatt führte, zu krachen begann. Er kochte Tee. Dann stürzte er aus dem Hause, um das Abendbrot einzukaufen. Brot, Butter, Eier und sogar ein Viertel Schinken besorgte Stobwasser.
„Nun wird es gemütlich bei uns!“ rief er vergnügt aus, und auf seinen Wangen erschienen rote Flecke vor Eifer. „Es ist selbstverständlich, daß ihr bei mir übernachtet, wo solltet ihr hin? Wir werden uns schon zurechtfinden. Und Sie, Christine, Sie sollen sich ausruhen,“ sagte er, während er den Tisch abräumte, einige Zeitungen über die schmutzige Tischplatte breitete und das Abendbrot servierte.
Christine schwieg noch immer. Georg und Stobwasser hatten sie genötigt, sich auf Stobwassers Bett auszustrecken. Da also lag sie nun, bleich und still, die fiebernden Augen zur Decke gerichtet, das Kind an ihrer Seite. Sie wiegte nur unmerklich den Kopf hin und her, wenn Georg eine Frage an sie richtete. Ihre Lippen zuckten verquält, und wenn er sie berühren wollte, so ging ein Zittern über ihren ganzen Körper.
Stobwassers Tiere hatte der große Besuch unruhig gemacht. Die Vögel sprangen neugierig in ihren Käfigen hin und her. Der Kakadu knarrte und streckte den Kopf durch das Gitter. Der grüne Papagei turnte an seinen Ringen und schlug mit den Flügeln. Die pechschwarze Katze aber saß auf dem Bettpfosten und starrte mit ihren großen grünen Augen unaufhörlich auf das kleine Kind. Das Kind begann zu schreien, und Christine reichte ihm die Brust. Sie neigte dabei leicht den Kopf, und ein unmerkliches Lächeln lag auf ihrem bleichen Gesicht. In dieses Gesicht hatte das Schicksal Furchen und Linien geschrieben, so daß Christine um zehn Jahre gealtert schien. Sie trank eine Tasse Tee, dann lag sie wieder still und sah zur Decke empor. Bald schlief sie erschöpft ein.
Stobwasser und Georg saßen still. Der Bildhauer rauchte seine Pfeife, und nur zuweilen flüsterten sie einige Worte.
„Was ist mit ihr?“ fragte Stobwasser leise.
„Ich weiß es nicht, sie ist krank.“
„Nun, es wird alles gut werden.“
„Und das Kind, Stobwasser? Was sagst du zu meinem Kinde?“ Georgs Augen glänzten. „Mein Kind!“
„Es ist in der Tat ein sehr schönes Kind,“ antwortete Stobwasser voller Überzeugung. „Ein außerordentlich schönes und genial aussehendes Kind!“
Und wieder schwiegen sie lange, und jeder dachte seine eigenen Gedanken.
17
Früh am nächsten Morgen begab sich Georg in das Bürohaus „Neu-Deutschland“, um dem Referenten seine Bitte vorzutragen, Christine und das Kind nach Glückshorst mitnehmen zu dürfen.
Der Umbau des Bürohauses der Gesellschaft schien nahezu beendet zu sein. Es wimmelte von Menschen. Boten und Beamte eilten hin und her. In den Vorhallen standen Scharen von Männern, abgerissen und bleich, die Arbeit suchten.
Der Referent schüttelte den Kopf, als er Georg angehört hatte. „Es ist unmöglich,“ sagte er. „Die Siedlung ist ja erst im Bau. Ich würde es ja gerne tun, mißverstehen Sie mich nicht. Welch ein Jammer und welch ein Elend!“ rief er aus. „Können Sie begreifen, daß ich oft verzweifle? Solche Fälle wie den Ihrigen höre ich täglich hundertmal. Das Elend strömt zu diesem Hause herein wie eine Flut, und diese Flut steigt mir bis an die Lippen! Ich werde versuchen, Herrn Schellenberg oder einen seiner Sekretäre zu erreichen.“ Der Referent telephonierte.
Michael Schellenberg aber hatte soeben sein Büro verlassen und wollte wegfahren. Welch ein Verhängnis! „Folgen Sie mir,“ sagte der Referent eilig. „Vielleicht treffen wir ihn noch.“
Als sie auf den Flur traten, kam Michael soeben die Treppe herab. Er schien es sehr eilig zu haben. Der Referent trat auf ihn zu und trug ihm in aller Kürze Georgs Bitte vor. Michael schüttelte den Kopf und ging rasch weiter. Als er an Georg vorüberkam, sah er ihm in die Augen und blieb eine Sekunde stehen.
„Handelt es sich um Sie?“ fragte er.
„Ja,“ erwiderte Georg, „um mich. Ich würde herzlichst bitten –“
Michael zog die Uhr. „Ich habe mich schon verspätet,“ sagte er und runzelte die Stirn. „Ich muß ins Ministerium. Kommen Sie mit mir. Sie können mir ja unterwegs den Fall vortragen.“ Hastig und ungeduldig schob er den zögernden Georg ins Auto, und der Wagen fuhr ab.
Georg erzählte rasch seine Geschichte, während Michael ihn mit klaren prüfenden Augen anblickte.
„Es ist gut,“ sagte Michael, als Georg geendet hatte. „Nehmen Sie Fräulein März und das Kind getrost mit nach Glückshorst. Und werden Sie recht glücklich,“ fügte er hinzu, indem er Georgs Hand schüttelte. Er klopfte ans Fenster. Der Wagen hielt, und Georg stieg aus.
Rasch machte Georg für Christine und das Kind die allernötigsten Einkäufe, und dann fuhren sie ab.
Christine fügte sich willig. Sie hatte nur eine Bedingung gestellt, daß er, Georg, nie eine Frage an sie richte. Sie selbst werde ihm einst alles erzählen.
Als es dämmerte, kamen sie in Glückshorst an. Eine Weile standen sie verlegen auf der Straße. Der Wind blies. Christine hielt das in eine Decke gehüllte Kind auf den Armen, dann erstattete Georg Lehmann Bericht und übergab Christine und das Kind der Fürsorge der Mutter Karsten. „Was für ein schönes Kind!“ rief die Alte aus und hob das Kind in die Höhe, um das Geschlecht festzustellen. „Ein Knabe! Wie heißt er?“
„Er heißt Georg,“ sagte Christine.
„Etwas bleich sieht Ihre kleine Frau aus,“ sagte Mutter Karsten dann zu Georg. „Aber wir werden sie schon herausfuttern.“
Der Schlächter-Moritz streckte den dicken Kopf in die Tür, dann überbrachte er der Baracke die Neuigkeit. Aber die Männer regten sich nicht im geringsten darüber auf. Eine Frau, ein Kind, was war weiter dabei?
„Sie kommen gerade noch zur rechten Zeit, Weidenbach,“ sagte Lehmann. „Morgen früh fangen wir mit den Häusern an.“
18
Es war kaum richtig Tag, da rief Lehmann schon zur Arbeit. Fünfhundert Häuser sollten vorläufig in Glückshorst errichtet werden, und die Gesellschaft hatte Lehmann wissen lassen, daß sie keinen Spaß verstehe. Kein Wunder, daß der Einarmige etwas erregt war und zur Eile antrieb.
Bauplätze, Straßen, alles war genau vermessen und durch Pflöcke gekennzeichnet. Als die Sonne über dem Walde heraufkam, wimmelte es schon von Arbeitergruppen im Gelände. Georg führte jene Gruppen, die den Grund der Häuser aushuben. Siebzig Zentimeter tief und siebzig Zentimeter breit mußte der Boden für die Grundmauern ausgehoben werden. Bis auf wenige Gebäude waren die Häuser alle gleich groß. Sie waren zehn Meter lang und viereinhalb Meter breit. Georgs erste Arbeitsgruppe trug besondere Meßlatten mit sich; ihre Aufgabe bestand darin, den Grundriß des Aushubs mit dem Spaten genau vorzuzeichnen. Die zweite Gruppe hob die Erde bis zur vorgeschriebenen Tiefe aus, und der dritten Arbeitsgruppe lag die Aufgabe ob, die Arbeit der früheren Gruppen sorgfältig nachzuprüfen und auszugleichen. Vom Kanal aus hatte Georg die Arbeit aufgenommen, und schon am Nachmittag wurden Geleise für die Karren gelegt, die das Baumaterial von den Kähnen herauf befördern sollten, und schon am nächsten Morgen wurde mit dem eigentlichen Bau begonnen. Die Arbeit war ganz ähnlich eingeteilt, wie die des Aushubs der Erde. Jede Kleinigkeit war vorgesehen und vorbereitet. Die Betonmischmaschine des Schleppkahns begann zu arbeiten, und schon rollten die Karren über das Gelände, die die Betonmassen zu den Baustellen beförderten. Aus Brettern gefügte Gehäuse wurden in die Ausschachtungen gesetzt und mit Beton vollgeschüttet. So ging es von Haus zu Haus. Und während oben die Arbeitsgruppen noch beschäftigt waren, die Erde auszuheben, wurden unten am Kanal bereits die Grundmauern gestampft.
Lehmann hatte gegen zweihundert Arbeiter zur Verfügung, dazu war noch eine Gruppe gelernter Bauarbeiter gestoßen, die diese Arbeit in anderen Siedlungen schon hundertfach ausgeführt hatte. Mit der Gleichmäßigkeit und Präzision einer Maschine bewegten sich Lehmanns Arbeitsgruppen über das Baufeld. Nicht die geringste Störung entging ihm, nicht der geringste Aufenthalt. Der Schweiß lief den Männern übers Gesicht.
Unnötig zu sagen, daß der Schlächter-Moritz, dieser Berg von Muskeln, in diesen Tagen wahre Wunder verrichtete. Es war in der Tat unbegreiflich, mit welcher Schnelligkeit er sich in die Erde einwühlte. Später übergab ihm Lehmann die Kolonnen, die die Betonmassen einstampften, und nun hörte man Moritz vom frühen Morgen bis zum späten Abend brüllen. Nichts ging ihm schnell genug.
Schon aber schob sich auf dem stillen Kanal ein neuer eiserner Kahn heran, der weiteres Material brachte. Es waren Zementrahmen, aus denen die Hauswände zusammengestellt wurden, ganz ähnlich den Abmessungen des früheren Holzfachwerks. Diese Rahmen waren etwas über zwei Meter hoch und einen Meter breit. Eine Type von Rahmen enthielt eine Öffnung für die Türe, eine andere Type Ausschnitte für die Fenster.
Alles war Typ, alles war Norm, jede noch so unscheinbare Einzelheit. Die Gesellschaft baute Häuser, wie man Fahrräder oder Automobile serienweise fabriziert.
Es begann das Aufrichten und Ausloten des Rahmenwerks, das Zusammenfügen. Diese Zementrahmen für die Außenwände und die Querwand, die jedes Haus in zwei Räume teilte, wurden in besonderen über das ganze Land verstreuten Zementfabriken der Gesellschaft hergestellt. Das Ausmauern des Rahmenwerkes aber war eine Arbeit, die selbst jeder Laie leicht unter der Anleitung eines geschulten Vorarbeiters ausführen konnte. Die Maschine preßte die Mauersteine aus dem Material, das sie an Ort und Stelle vorfand.
Ein neuer Kahn kam den Kanal herauf. Er brachte Holz, Balken, Bretter. Schon sah man reihenweise die Skelette von neuen Gebäuden stehen. Während die Häuser aus der Erde wuchsen, erkannte man deutlich Straßen, Nebenstraßen und die Abmessung der Gärten.
Die Zimmerleute kletterten in den Dachgestühlen. Die Äxte blitzten, und es dröhnte von allen Seiten. Es kamen Ingenieure aus Berlin zur Inspektion und gingen wieder. Lehmanns Gesicht strahlte vor Freude. Die Stadt wuchs empor. Täglich sah man, wie sie sich ruckweise aus dem Boden hob.
Immer noch kämpfte der Schlächter-Moritz seinen heroischen Kampf mit den Betonmassen vom frühen Morgen bis in die späte Nacht.
„Wollen Sie hier eine Schlächterei errichten?“ fragte ihn Lehmann eines Tages.
Der Schlächter warf sich in die Brust: „Ich?“ erwiderte er, während er sich mit dem bloßen Arm den Schweiß vom Gesicht strich. „Ich habe kein Geld, ich habe kein Kapital.“
„Das wird sich alles finden. Wenn Sie wollen, Moritz, ist die Sache abgemacht.“
Das Wetter war in den letzten Wochen herrlich gewesen. Es wehte ein würziger, lauer Wind, und die Sonne wärmte schon gehörig.
Wenn man nun gegen Glücksbrücke blickte, wo es ebenfalls von Arbeiterhaufen wimmelte und ganze Häuserreihen aus dem Boden wuchsen, wenn man etwas schräg gegen das Licht blinzelte, so sah man, daß die riesige weite Heide von einem grünen Hauch übersponnen war: die Saat kam heraus.
Eines Abends ließ Lehmann Georg in dringender Angelegenheit zu sich rufen. Georg fand ihn in angeregter Laune, mit roten Backen. Seine Pfeife paffte doppelt so heftig wie gewöhnlich.
„Nun ist also dieser Brief gekommen!“ rief er Georg entgegen und lachte fröhlich.
„Welcher Brief?“
„Setzen Sie sich, Weidenbach. Die Stunde des Abschieds hat geschlagen. Meine Arbeit hier ist zu Ende. Ich bin auf einen schönen und interessanten Posten aufgerückt, und nun richte ich die Frage an Sie: Weidenbach, wollen Sie der Chef dieser Station werden?“
Georg saß mit offenem Munde da und errötete. „Sie meinen, ich?“
Lehmann nickte: „Sie meine ich, jawohl, Weidenbach. Es ist meine Pflicht, meinen Nachfolger zu bestimmen. Sie müssen sich auf fünf Jahre verpflichten bei der Gesellschaft, das ist alles. Das Gehalt ist gering, aber die Gesellschaft bietet Ihnen für später große Vorteile.“
„Es ist mir nicht um Geld zu tun,“ warf Georg ein.
„Ich weiß es. Sie sind der Verständigste hier. Sie haben auch die größte Begeisterung für die Sache, und das ist es, was die Gesellschaft braucht: Männer, die sich für ihre Ziele begeistern! Wir können keine ängstlichen, verzagten und mürrischen Burschen brauchen!“ schrie Lehmann und schlug auf den Tisch, daß die Papiere sprangen. „So ist es, also schlagen Sie ein?“
„Ich schlage ein!“
„Nun, dann wollen wir ein Gläschen zum Abschied trinken, Weidenbach, mein lieber Kamerad,“ sagte Lehmann. Er nahm eine Flasche aus dem Schrank und goß die Gläser voll. „Sie waren von Anfang an dabei, und Sie haben beobachtet, wie es sich abspielt. Es gehört viel Takt dazu, Menschenkenntnis, hier Nachsicht und dort Strenge. Sie wissen, es kommen Menschen, verbrauchte Menschen, zu uns, die sich auf dem Pflaster krank gelaufen haben, und ein wesentlicher Teil unserer Aufgabe besteht darin, ihnen wieder Lebensmut einzuflößen. Deshalb müssen Sie da und dort nachsichtig sein. Ein gutes Wort tut einem verprügelten Hund wohl, und da und dort Strenge, und da und dort unerbittlich: hinaus mit dir. Beobachten Sie, und wenn es nicht geht: hinaus.
Tausende, Weidenbach, Tausende von jungen Leuten wie Sie und ich arbeiten in der Gesellschaft Neu-Deutschland, arm wie die Kirchenmäuse, aber freudig am Werk. Die Ärzte, die Zahnärzte, die Ingenieure, die Baumeister, Chemiker, Landwirte, Architekten, wir alle arbeiten für einen Hundelohn, aber wir arbeiten für eine Sache. Sie kennen ja die Parole der Gesellschaft: ‚Tod dem Hunger!‘ Sie wissen ja, diese Parole hat Michael Schellenberg erfunden. Was er will, ist Ihnen klar, aber der Hauptzweck, den er verfolgt, ist der, eine neue Volksgemeinschaft zu schaffen. Warten Sie ein Jahr, warten Sie zwei Jahre, die Gesellschaft rollt wie eine Lawine über ganz Deutschland. Bald wird dieses arme und mutlose Land wieder zu brausen beginnen.
Und hören Sie, Weidenbach, Sie werden die Siedlung ausbauen, und Sie werden sich aus den Leuten, die Sie haben, die besten auswählen, sie sollen den Kern der Siedlung bilden. Menschen wie Moritz und die Mutter Karsten und der Schlosser eignen sich prachtvoll dazu. Sie werden mit großer Umsicht vorgehen müssen, um den Stamm zu schaffen. Man wird Ihnen ja dann von der Zentrale erprobte Kräfte zuweisen. Und nun, gute Nacht, Weidenbach. Morgen ist wieder ein heißer Tag. Morgen mittag werde ich euch allen Lebewohl sagen.“
In der Mittagspause des folgenden Tages stellte Lehmann Georg als den neuen Chef der Station vor. Dann hielt er eine kurze Ansprache, brachte ein Hurra aus auf das Gedeihen der Gesellschaft und schwang den Hut.
Die Männer brüllten und schüttelten ihm die Hand, und nun ging er.
„Da also geht er, er war ein netter Bursche!“
19
„Was sagst du dazu, Christine?“ sagte Georg. „Ich bin Chef der Station geworden.“
Christine hob den fieberischen Blick und lächelte leise. „Ich freue mich für dich,“ sagte sie. Sie saß vor der Küche in der Sonne und schnitt Kartoffeln in Scheiben, die sie in einen Topf voll Wasser fallen ließ. Ihr zu Füßen saß der kleine Georg, in eine alte Decke eingehüllt. Frisch und reizend blickte sein kleiner zarter Kopf aus der derben Decke.
In der Mittagspause oder am Abend nahm Georg häufig das Kind auf den Arm und trug es durch das Lager, oder auch Moritz nahm das Kind oder irgendein andrer.
„Ah, da ist ja der kleine Georg!“ riefen die Männer und nahmen mit zartem Griff der rauhen Arbeitshände das kleine Händchen des Kindes. „Da bist du ja, und wie er wächst und gedeiht.“
Das Kind gehörte dem ganzen Lager. Es war ihr gemeinschaftliches Kind.
Christine schwieg noch immer. Sie war noch so blaß wie an dem Tage, da Georg sie ins Lager gebracht hatte. Aber dieser bläuliche Glanz in den eingesunkenen Wangen und an den Schläfen war verschwunden. Und das kalkige Weiß der Ohren, das Georg so sehr erschreckt hatte, denn er befürchtete, daß Christine schwindsüchtig geworden sei, war einem zarten Elfenbeingelb gewichen. Oder sollte er sich täuschen? Aber auch Mutter Karsten war seiner Meinung.
„Sie sieht besser aus,“ sagte die Alte. „Und sie hustet nicht mehr so fürchterlich in der Nacht.“
Am Tage hustete Christine selten. Auch die hektischen Flecken, die er dann und wann in ihrem Gesicht beobachtet hatte, zeigten sich immer seltener.
„Hast du Fieber?“ fragte er sie und nahm ihre Hand in seine Hände. „Frierst du? Soll ich dir eine Decke umlegen?“
Christine schüttelte den Kopf und sah ihn mit einem dankbaren Blick an.
Wie glücklich war er, daß dieser starre und abwesende Glanz ihrer Augen verschwunden war. Immer hatte sie ihn angesehen, als wäre sie nicht bei ihm, als sei sie in einer fernen unbekannten und fürchterlichen Welt. Nun schien es, als ob ihr alter Blick langsam in die Augen zurückkehre.
Täglich machte Christines Genesung Fortschritte. Sie fing an, sich für die Arbeit ringsum, die sie sonst kaum beachtet hatte, zu interessieren.
„Was macht ihr hier?“ fragte sie eines Tages ganz unvermittelt.
„Wir bauen eine Stadt mit großen Werkstätten und Fabriken,“ erwiderte Georg, froh erregt über ihr Interesse. „Ganz allmählich wird die Stadt entstehen. Sie soll später fünftausend Menschen beherbergen. Und auch dort hinten, siehst du, wo die kleinen Pünktchen hin- und hereilen, auch dort wird eine Stadt für fünftausend Menschen errichtet.“
Christine begann zuweilen hin- und herzugehen, zerstreut und geistesabwesend; dann stand sie still und blickte in die Sonne empor. An den Sonntagen machten sie häufig mit Georg einen kleinen Spaziergang in den Wald hinein, der stehen geblieben war. Aber Christine wagte sich nicht weit von der Straße.
„Nein,“ sagte sie, „kehren wir zurück.“
Eines Tages beobachtete sie Georg, ohne daß sie ihn bemerkte, wie sie mit dem Kinde spielte. Sie kniete auf der Erde und ließ das Kind, dessen kleinen Körper sie mit den Händen zärtlich hielt, auf der Erde tanzen und flüsterte ihm leise und zärtliche Worte zu. Sie lächelte dazu, und plötzlich erkannte Georg in ihrem Gesicht Christines frühere Züge wieder. Nun wußte er, daß sie gerettet war.
Weshalb schwieg sie? Weshalb sprach sie nicht?
Er deutete über die weite Fläche, die sich bis zu dem Gewimmel von Glücksbrücke dehnte. Sie war nun smaragdgrün geworden, und weich und zärtlich lag die Sonne darauf.
„Sieh, wie herrlich grün es ist!“ rief Georg aus. „Vor einem halben Jahre war hier nichts als Sand und Gebüsch.“
Weshalb aber sprach sie nicht, weshalb schwieg sie? Sie fühlte Georgs Blick auf sich gerichtet. Sie fühlte immer die gleiche Frage in seinem Blick.
Eines Tages sagte sie mit einem leisen Aufseufzen zu ihm: „Bald werde ich dir alles sagen,“ und leiser fügte sie hinzu: „und dann werde ich wohl gehen müssen.“
„Weshalb gehen?“ fragte Georg erschrocken.
„Frage nicht, ich werde sprechen, wenn die Zeit gekommen ist.“ –
Auf der Landstraße kamen zwei Lastautos angerollt. Sie waren hoch beladen, und es sah aus, als brächten sie einen ganzen Wald. Das waren Bäume, Obstbäume, Sträucher, Stauden für die Gärtnereien von Glückshorst.
Die Gärtnereien und Baumschulen bildeten das Herz aller Siedlungen.
20
Das Verwaltungsgebäude der „Gesellschaft Neu-Deutschland“ in der Lindenstraße summte wie ein Bienenstock im Hochsommer. Tausende von Menschen strömten täglich ein und aus. In all den hundert Abteilungen schwirrte die Arbeit, und überall sah man fröhliche, hoffnungsfrohe Gesichter.
Schon am frühen Morgen standen die Scharen der Arbeitsuchenden vor dem Gebäude und warteten auf das Öffnen der Tore. Die Aufnahmesäle vermochten kaum die Massen zu fassen. Nun da der Umbau fertig war, konnten alle Einrichtungen mustergültig genannt werden. Die Angeworbenen passierten die Zimmer der Ärzte, die sie sorgfältig untersuchten. Ihr Urteil bestimmte die Tätigkeit, leichtere oder schwerere Arbeit. An die Zimmer der Ärzte stießen Badesäle mit Duschen und Desinfektionsräume, in denen die Kleidungsstücke der Angeworbenen gereinigt wurden. Michael Schellenberg ging gegen Schmutz und Krankheitskeime mit allen erdenklichen Mitteln vor.
In der Nacht aber blendete von der Fassade des Gebäudes in riesigen gleißenden Lettern der Wahlspruch der Gesellschaft:
Tod dem Hunger! Tod der Krankheit! Es lebe die Kameradschaft!
Jede Nacht leuchtete diese Parole in die dunkeln Straßen hinaus, wie ein Leuchtfeuer in die Finsternis des Meeres. Tausenden und Abertausenden von erschöpften, ermatteten, kranken und verzweifelten Menschen hatte dieses flammende Licht den Weg zur Rettung gewiesen.
Michael Schellenberg war es ernst mit dieser Parole: in Wahrheit, es sollte keinen Hunger mehr geben auf Erden! Es war ja unsinnig, daß auch nur ein Mensch hungerte, setzte man alle Kräfte richtig ein. In Wahrheit, die Krankheiten sollten bis auf den letzten Rest bekämpft werden, wie man Pocken und Pest niederkämpfte, sie sollten, soweit es möglich war, völlig von der Erde verschwinden! In Wahrheit, über allen Religionen und Bekenntnissen, über allen Rassen und Nationen sollte versöhnend und verbindend das Weltbekenntnis der Kameradschaft thronen.
In kaum drei Jahren hatte Michael diese ungeheure Organisation geschaffen, die heute bereits ganz Deutschland umspannte und die Aufmerksamkeit des Auslandes und der Welt erregte. Unermüdlich und ohne Pause war er an der Arbeit gewesen, Begeisterte um sich zu scharen, Zögernde mitzureißen, die Zersplitterten zu sammeln, die Widerstände der Bureaukratie zu brechen, den Argwohn und die Eifersucht politischer Parteien, steril und ohne schöpferische Kraft, zu überwinden.
Worum aber ging es?
Es war sehr einfach. Es ging darum, dem Boden soviel an Nahrung zu entreißen, als es möglich war. Mit allen Mitteln, die Wissenschaft und Technik boten. Es ging um die Industrialisierung der Landwirtschaft und des Gartenbaus. Es ging darum, alle freien und alle vorübergehend freien Arbeitsenergien des Volkes in den Boden zu werfen. Es ging darum, alle in Zeiten industrieller Krisen brachliegenden Arbeitskräfte nach einem großen, einheitlichen Plan produktiv zu verwenden.
Das war – in großen Umrissen – Michaels ganzer Plan, und er hatte besonders zu Beginn seine ganze Kraft jenem Teil des Planes zugewandt, der sich mit der produktiven Verwendung brachliegender Arbeitsenergien beschäftigte. Es schien unsinnig, in Perioden einer industriellen Stagnation Abertausende von Arbeitern auf die Straße zu werfen und ihnen eine geringe Unterstützung zu bezahlen, die sie gerade vor dem Verhungern schützte. Es schien sinnvoll und naheliegend, mit dem Aufwand der gleichen finanziellen Mittel die brachliegenden Arbeitskräfte schöpferisch zu verwerten. Ein Betätigungsfeld aber gab es, das ohne Grenzen war und nicht von der Weltkonjunktur abhing: das war der Boden! Er gab allen Arbeit – selbst jenen, die nicht mehr ihre volle Kraft besaßen, selbst den Alternden, und selbst jenen, die noch nicht ihre ganze Arbeitskraft erreicht hatten, der Jugend.
Jene Unsummen heute verschleuderter Arbeitsenergien zusammengefaßt und zur inneren Kolonisation nach einem großen Plane verwandt, mußten Wohlstand und Glück erzeugen. Es gab in Deutschland heute noch fünf Millionen Hektar Ödland. Fruchtbar gemacht, konnte es Millionen ernähren. Fünftausend Arbeitsstunden, richtig und systematisch angewandt, so hatte Michael berechnet, sicherten jedem Menschen Behausung und Garten. Es schien ihm an der Zeit, daß die Menschheit den Kampf gegen den Hunger und gegen das Elend mit derselben Sorgfalt und demselben Aufwand an Mitteln organisiere, wie sie den Krieg organisierte. Ein amerikanischer Automobilfabrikant hatte das Wort geprägt: Wenn wir arbeiten müssen, so laßt uns vernünftig arbeiten! Gut, gut. Michael Schellenberg hatte es dahin ergänzt: Wenn wir arbeiten müssen, so laßt uns Vernünftiges vernünftig arbeiten. Das allein erschien ihm die Wahrheit.
Es war nicht leicht, keineswegs, es war schwer, unendlich schwer, die Probleme waren ohne Zahl. Je näher man ihnen kam, desto ungeheuerlicher wuchsen sie in die Höhe. Aber Michael hatte nicht eine Stunde den Mut verloren. Ein Kreis ernster und verantwortungsbewußter Köpfe hatte sich um ihn gesammelt. Er hatte Männer gefunden, die seine Pläne förderten. Ein Deutschamerikaner, der Bankier Augsburger, ein alter Mann, hatte sich so sehr für seine Gedanken begeistert, daß er ihm sein ganzes Vermögen zur Verfügung stellte. Als erst der Anfang gemacht war, strömten ihm begeisterte Mitarbeiter von allen Seiten zu. Hunderte von jungen Architekten, Chemikern, Technikern, Ingenieuren, Städtebauern, Landwirten, Gärtnern, Ärzten boten ihm ihre Mitarbeit an. Er griff freudig zu. Er benutzte alle Organisationen, die helfen konnten. Das Rote Kreuz, die Jugendorganisationen, alles. Er sammelte die mannigfachen Siedlungsgesellschaften und Vereinigungen, die, zersplittert, systemlos und ohne einen großen Gesamtplan ähnliche Ziele verfolgten. In allen Provinzen Deutschlands hatte die Gesellschaft ihre Niederlassungen. Und die Gesellschaft wuchs täglich!
Das deutsche Volk, ermattet durch Krieg und Revolution, brauchte ein großes Ziel, und Michael gab ihm dieses Ziel! Er blickte nicht zurück, er wies in die Zukunft – und schon strömten ihm die Verantwortungsvollen, die Begeisterungsfähigen, die vom Kameradschaftsgedanken Ergriffenen zu. Die Jugend kam mit ihren Organisationen. Die Frauen stellten sich in seinen Dienst. Die ungeheuere Aufgabe erforderte alle Kräfte des Volkes. Selbst die Gefängnisse zog Michael heran. Die Häftlinge strichen Ziegel, an der Nordsee transportierten sie Schlick, vorzüglichen Dung, auf die sandigen Ödländereien. Michael kämpfte zur Zeit dafür – die Zeitungen hallten wider von dem Streit –, alle Freiheitsstrafen in Arbeitsleistungen umzuwandeln.
Die Gesellschaft Neu-Deutschland erwarb Ödländereien und verbesserte sie. Sie bezahlte mit diesem verbesserten Land ihre Arbeitskräfte und deckte damit ihre Verpflichtungen. Aus sich selbst heraus, aus dem Boden heraus schuf sie neue ungeheuere Werte.
Die Gesellschaft besaß heute endlose Ländereien, Wälder, Sägewerke, Steinbrüche, Ziegeleien, Zementwerke, Fabriken, Bagger, Frachtkähne. Sie besaß ein Arsenal von Maschinen, die sie beliebig hin und her werfen konnte. Plan, Methode, Ersparnis war ihr Grundprinzip.
Fiebernd vor Erregung arbeitete Michael die halben Nächte hindurch. Sein Gesicht war hager und straff geworden. Er war glühend von seinem Werke.
Unendlich und gigantisch erschien es – und doch einfach und leicht verständlich in seinen Elementen.
Das Problem der Großstädte, ihr Ausbau, ihre Korrektur. Die Trabantenstädte, die sie umlagerten, ähnlich in der Struktur, die Grüngürtel, die sich um diese Stadtschaften zogen, die Gärtnereigürtel, die sich an ihre Peripherien drängten, die Verwertung der Abfälle dieser Städte, heute zum großen Teil sinnlos verschwendet.
Neue Städte mußten geschaffen werden, Industriesiedlungen, Handwerkerdörfer, Gärtnereisiedlungen. Die Dampfmaschine hatte zentralisiert, der elektrische Strom erlaubte Auflösung. Kraftwerke, Kanäle, Schnellbahnen, Schnellautostraßen – Arbeit für Jahrzehnte, für ein Jahrhundert, wenn man wollte, bis das ganze Land in einen blühenden Garten verwandelt war. Die Probleme des dünnbesiedelten Ostens, des Rheins, des Ruhrgebietes – ja, in Wahrheit unendlich ...
Gegen dreihunderttausend Heimstätten hatte die Gesellschaft bereits geschaffen, etwa zweihundert größere und kleinere Siedlungen aller Art und für alle Zwecke waren im Bau. Das war nur der Anfang. Michael aber sah dieses neue Deutschland schon vor sich, wie es in das alte Deutschland hineinwuchs, allmählich, mit jedem Tag mehr und mehr. Zweihundert Millionen glücklicher und gesunder Menschen würde es einst beherbergen, würde es einst Arbeit und Nahrung und Heiterkeit des Herzens geben.
21
Die Sonne schickte sich schon an unterzugehen, da sagte Christine, nach langem Stillschweigen, ganz plötzlich: „Und nun will ich sprechen! Nun will ich dir alles beichten! Aber versprich mir, mich nicht zu unterbrechen. Und versprich mir, nichts zu erwidern, wenn du alles gehört haben wirst. Später, später – –. Beichten will ich – Gott sei meiner Seele gnädig ...“
Christine vergrub das Gesicht in die Hände und begann:
„Damals – als das Schreckliche geschah, als ich die Waffe gegen dich erhob, in meiner sinnlosen Eifersucht, damals war ich gewiß nicht Herr meiner Sinne. Ich hatte dir ja nur drohen wollen. Ich wollte dir nur Schrecken einjagen, du solltest Furcht vor mir haben. Ich wollte die Waffe nicht abdrücken, Gott weiß es, es ist die Wahrheit. Vielleicht wollte ich, um dich zu ängstigen, einen Schuß in die Wand feuern. Nun, es war geschehen. Plötzlich floß Blut aus deiner Brust – und ich verstand nichts mehr. Du beschworst mich, zu schweigen, und nahmst die Sache auf dich. Von diesem Augenblick an war ich nicht mehr ein Mensch wie andere Menschen, ich hatte keine Freiheit mehr, ich gehörte ganz dir. Ich war eine Leibeigene geworden, so empfand ich es.
Ich weiß heute nicht mehr, wie ich die ersten Wochen verbrachte. Ich weiß nur, daß ich alles ohne Bewußtsein, ganz automatisch tat. Ich stand hinter dem Verkaufstisch, legte die Wäsche vor, sprach, ich hörte einen fremden Menschen sprechen. Alle diese Wochen hindurch betete ich unaufhörlich – es ist wahr, Gott weiß es –, ob ich auf der Straße ging oder im Geschäft war oder auf meinem Zimmer, unaufhörlich betete ich, daß Gott dich dem Leben erhalten möge. Ich schloß mich in mein Zimmer ein, ich ging nicht aus, sah keinen Menschen, ich weiß nicht, wann ich schlief, wann ich aß, ich lebte in einer Art von Ohnmacht.
Erst als sie mir im Krankenhaus sagten, daß nun keinerlei Gefahr mehr bestände für dein Leben, erst dann konnte ich wieder atmen. Denn bis dahin war mir die Brust zugeschnürt gewesen, und ich konnte nur ganz kurze Atemzüge tun, wie jemand, den schreckliche Angst verzehrt. Nun atmete ich wieder.
Ich hatte in den ersten Wochen nicht geweint, jetzt aber weinte ich sehr viel. Ich weinte aus Freude, daß du gerettet warst. Und jeden Tag am Morgen und am Abend dankte ich Gott auf den Knien, daß er mein Gebet erhört hatte. Es ist wahr, Gott weiß es.
So war es also in den ersten Wochen und Monaten. Es war Sommer, und ich ging viel spazieren. Ich hatte mich von allen Bekannten losgesagt, und so kam es, daß ich immer allein war. Die Menschen plauderten und lachten und waren fröhlich. Nach diesen langen Wochen überkam mich plötzlich das Verlangen, unter heiteren Menschen zu sein. Dieses Verlangen war gewiß harmlos, aber so begann es.
Im Warenhaus, in der Konfektionsabteilung, arbeitete ein junges Mädchen, ein lebenslustiges Geschöpf, voller Übermut. Sie hieß Susanna. An Susanna schloß ich mich an, und wir gingen zusammen in die Tanzhallen, um zu tanzen. Ich empfand es wie Sünde, daß ich tanzte und heiter war, während du, durch meine Schuld, im Krankenhaus lagst. Aber ich konnte nicht widerstehen. Hier nun traf ich einen Russen. Er sagte, er sei früher russischer Offizier gewesen und lebe heute von dem Schmuck seiner Mutter, den er über die Grenze gebracht habe. Er erzählte interessante Dinge, war düster und immer etwas melancholisch. Das zog mich an. Er warb um mich, aber ich widerstand. Immer aber hörte ich seine Stimme, wenn ich allein war. Ich sah ihn dann ganz nahe vor mir. So kämpfte ich wochenlang. Aber mein Blut konnte nicht widerstehen. Es war oft wie eine Raserei in mir, und so geschah es also. Ich habe dich damals noch besucht, aber ich sank vor Scham fast in den Boden, wenn ich dir die Hand reichte. Ich verachtete mich.
Eines Tages hatte ich mich mit dem Russen wie häufig vor dem Potsdamer Bahnhof verabredet. Er kam nicht. Ich schrieb ihm. Keine Antwort. Ich fragte in seinem Hause nach, in dem Hause, das er mir genannt hatte, er hatte nie dort gewohnt. Es geschah mir recht, natürlich. Ich freute mich über diese Züchtigung.
Aber wiederum kam sie über mich, diese Raserei des Blutes, mächtiger als alle Vorsätze, als alle Eide, als alle Gebete. Ich zitterte auf der Straße unter den Blicken der Männer, das Blut schoß mir augenblicklich ins Gesicht, berührte mich jemand im Vorübergehen. Wieder ging ich häufig mit Susanna aus. Ich machte die Bekanntschaft eines jungen Mannes, eines Schriftstellers. Er sagte, er käme nur in dieses Tanzlokal, um Studien zu machen. Er tanzte wenig, und er tanzte nicht gut. Aber er war so witzig und verstand es, gut zu plaudern. Er lud mich zu sich zum Tee ein, aber was soll ich weiter erzählen – ich wurde seine Geliebte, und ich verachtete mich nun noch mehr. Nun bist du auf dem besten Wege, sagte ich mir, von einem gehst du zum andern.
Von dieser Zeit an habe ich dich nicht mehr besucht. Den ersten Brief, den du in dieser Zeit schriebst, habe ich noch gelesen. Die andern habe ich ungelesen verbrannt. Ein Geschöpf wie ich durfte nicht mehr existieren für dich. Ich hatte mich selbst aus deinem Leben gestrichen. Und doch liebte ich dich noch, vergiß das nicht. Ich habe mich selbst dazu verurteilt, aus deinem Leben zu verschwinden.
Eines Tages traf ich meinen neuen Freund, den Schriftsteller, vor seinem Hause, er kam mit einem Mädchen die Treppe herab. Er blickte mich an, ging an mir vorüber über die Straße, er kannte mich nicht mehr! Ich schämte mich für ihn. Aber auch diese Züchtigung tat mir wohl. Ich verdiente es nicht anders. Sie behandeln dich so, wie du es verdienst, sagte ich mir, und trotzdem ich litt, empfand ich es als eine große Genugtuung.
Weiter, weiter, laß mich zu Ende kommen. Was war in mich gefahren? War mein Blut vergiftet? Ich weiß es nicht. Die Raserei des Blutes überfiel mich, und plötzlich kam mir der Gedanke, daß es das beste wäre, wenn ich mich, elend und verworfen wie ich war, in den Taumel stürzen würde, um darin umzukommen.
In diesen Tagen verlor ich meine Stellung. Ich wurde entlassen. Das kümmerte mich wenig. Ich suchte mir einen neuen Freund. Ich fand ihn. Es war ein Gutsbesitzer aus der Provinz. Aber er langweilte mich, ich nahm einen andern. Es war ein schüchterner Mensch, der an mir hing und seinen letzten Pfennig für mich opferte. Ihn betrog ich. So also lebte ich nun. Soweit war es also mit mir gekommen. Nur im Rausche der Ausschweifungen lebte ich noch auf, sonst war ich stumpf und verzweifelt. Nie in meinem Leben, noch wenige Wochen vorher, hätte ich es mir auch nur in einem bösen Traum einfallen lassen, daß ich so tief sinken könnte. Ich verstand mich nicht mehr. Wie waren die andern Frauen? Wie sind sie? Was beschäftigt sie? Lügen sie, heucheln sie? So wie ich log und heuchelte? Die guten Geister, die mich bisher begleitet hatten, sie hatten mich verlassen, und ich war verloren. Ich fühlte es damals schon, nicht mehr lange konnte es dauern, und ich mußte umkommen.
Ich habe nicht mehr gekämpft, ich hatte dazu keine Kraft mehr. Nur den Genuß wollte ich, die Betäubung. Einmal stieß ich plötzlich auf Jenny Florian. Es war auf einer Untergrundbahnstation. Gott war gnädig, es war düster hier. Sie konnte nicht sehen, wie ich aussah, sie konnte nicht sehen, daß ich blaß wurde wie der Tod. Sie fragte nach dir, und ich erzählte ihr, du seiest gestorben. Diese Lüge fiel mir in dieser Sekunde ein, und ich zögerte nicht, sie auszusprechen. Es war ja jetzt schließlich alles einerlei, und auf eine Lüge mehr oder weniger kam es nicht an.
In dieser Zeit aber geschah das Furchtbarste. Plötzlich hatte ich untrügliche Beweise, daß ich Mutter werden sollte. Ich nahm auch dies als Züchtigung des Himmels hin, und ich sagte mir, daß ich nun das Ende noch rascher herbeiführen müsse. Ich wollte das Kind nicht zur Welt bringen, auch das gestehe ich. Dieses süße Kind, das ich nun liebe wie nichts auf der Welt, es würde heute, wäre es nach meinem Willen gegangen, nicht leben. Hier muß ich dir sagen, daß ich nicht annahm, daß es dein Kind sei. Ich ging zu einem Arzte, um ihn zu bitten, mir zu helfen. Aber er wies mich ab, er versicherte mir, daß ich schon im vierten Monat schwanger sei. Unfaßbar, unbegreiflich! Und plötzlich erhellte mich ein Gedanke: dann war es ja dein Kind!
Aber dieser kurzen Helligkeit folgte im nächsten Augenblick die tiefste Finsternis. Nun war ja alles nur um so fürchterlicher, um so schrecklicher geworden. Es gab nun keinen Ausweg mehr, es blieb mir nur das eine übrig, mich selbst zu vernichten.
Schließlich aber kam das Kind doch zur Welt. Ich wollte es zuerst ermorden, denn was sollte das Kind mit einer solch verworfenen Mutter? Dann aber weinte ich über das Kind. Sollte es gehen, wie es ging. Ich war halb von Sinnen, völlig ratlos. In dieser Zeit wandte ich mich an Jenny Florian. Ich widerrief meine Lüge, daß du gestorben seiest. Ich sagte ihr, daß ich mich unwürdig fühle, noch deine Freundin zu heißen. Ich bat sie um Geld, da ich in großer Not war. Ich beschwor sie, niemandem etwas zu sagen. Sie hielt Wort.
Kurz nach der Geburt des Kindes wurde ich krank. Ich fieberte stark. Der Arzt sagte, meine Lunge sei angegriffen und ich müßte sofort in ein Sanatorium. Ich lachte ihm ins Gesicht. Nun also war es soweit, nun würde es rasch gehen. Ich hatte mir aber vorgenommen, wenn ich merkte, daß es mit mir zu Ende ging, Jenny Florian dein Kind zu schicken.
Aber es ging nicht so rasch, wie ich dachte. Ich wurde nur schwächer und immer schwächer. Meine Freunde wandten sich von mir ab und überließen mich der Not. So wie ich es verdiente. Rasch sank ich in das tiefste Elend. Schließlich konnte ich nicht mehr aufstehen. Ich hatte auch nicht einen Pfennig mehr. Die Wirtin verkaufte meine Kleider, das bißchen Schmuck, das ich besaß. Nun war ich in die Hölle gekommen, wo ich hingehörte. Der Vater stellte mir nach, der Sohn stellte mir nach. In der Nacht lag ich schlaflos, in Schweiß gebadet. Schließlich schrieb ich wieder an Jenny Florian, da ich völlig verzweifelt und ganz von Sinnen war – und da kamst du!“
Nun war die Sonne vollkommen untergegangen, und es war dunkel geworden. Furchtbar und erschreckend standen schwarze Wolkenhaufen über der Heide. „Das also bin ich,“ schloß Christine. „Nun weißt du, wer ich bin. Sprich nicht!“ schrie sie und hielt sich die Ohren zu. „Sprich nicht! Erwidre nichts! Nach Worten sollst du mir antworten!“
„Wir wollen vergessen,“ sagte Georg trotz ihres Verbotes. „Wir wollen alles vergessen, was gewesen ist. Wir wollen vorwärtsblicken und nicht zurück.“ Er wies auf das Kind, das in Christines Schoß schlief, und zog sie leise an sich.
Da begann Christine zu schluchzen, sie weinte und schrie laut wie ein Tier.
22
In diesem Frühjahr kursierte an der Börse und in Finanzkreisen das Gerücht, daß sich der Schellenberg-Konzern in Schwierigkeiten befände. Niemand wußte, wo und wann dieses Gerücht aufgekommen war, es war da. Und in der Tat, es war nicht zu leugnen, daß Goldbaum, der Generaldirektor des Konzerns, mit verschiedenen Banken wegen größerer Kredite verhandelte. Es war auch eine Tatsache, daß plötzlich große Aktienpakete des Konzerns angeboten wurden. Die Papiere aller Unternehmungen des Schellenberg-Konzerns fielen rapide und verloren innerhalb von vier Wochen den vierten Teil ihres Kurswertes.
Goldbaum wurde beurlaubt und fuhr an die Riviera.
Es hieß, daß Wenzel Schellenberg beabsichtige, sein Palais im Grunewald, das noch nicht einmal ganz fertig war, zum Verkauf anzubieten – ein Objekt von so enormem Wert, daß sich ein Käufer wohl kaum finden werde. Man munkelte auch, daß die Schellenbergsche Jacht, jene Jacht einer früheren Großherzogin, nach England verkauft sei. Die Papiere des Konzerns gaben noch weiter nach.
Wenzel blieb gleichmütig. Im Gegenteil, man hatte ihn noch nie in so heiterer Laune gesehen.
Es gab kein gesellschaftliches Ereignis in Berlin, wo Wenzel nicht zugegen gewesen wäre. Keine Premiere, kein Rennen, wo man ihn nicht gesehen hätte. Fast immer erschien er in der Gesellschaft Jenny Florians. Ihr zarter Körper war in die kostbarsten Gewänder gehüllt, Geschmeide funkelte an Händen und Nacken.
Die Kenner lächelten. „Er spielt Maskerade,“ sagten sie mit einem Blinzeln. „Uns täuscht er nicht. Wenn es bei ihm zu krachen beginnt, so stürzt alles in einer Nacht zusammen.“
Aber seht an, die Kenner blickten einander enttäuscht in die Augen. Was war das? Ein unbekannter Käufer trat plötzlich an der Börse auf und kaufte riesige Pakete der gesunkenen Schellenberg-Aktien. Bei der nächsten Börse geschah das gleiche. Die Papiere zogen an. Sie stiegen in einer Woche ohne jede Stockung und kletterten schließlich über ihren alten Kurs.
Wenzel hatte eine ungeheure Summe gewonnen und schob sie mit einem breiten Lachen in die Tasche. Plötzlich, war es zu glauben, tauchte auch Goldbaum, der lange Zeit in der Versenkung verschwunden war, wieder im Konzern auf. Da war er wieder, rund und glänzend, als sei nichts geschehen. Vergnügt rieb er sich die Hände.
Vielleicht war alles nur ein Manöver gewesen, das Wenzel selbst eingeleitet hatte?
In diesen Tagen kaufte Wenzel den Rennstall des Herrn von Kühne. Zweiunddreißig Pferde, darunter ganz hervorragendes Material. Einen früheren bekannten Herrenreiter hohen Adels engagierte er als Trainer.
Nun sah man die Schellenbergschen Farben auf jedem Rennen. Jenny hatte sie auf Wenzels Wunsch vorgeschlagen. Die Jacke war gelb, die Ärmel rotweiß gestreift. Auch in der Ferne konnte man die Schellenbergschen Farben mitten im jagenden Rudel gut erkennen.
Es zeigte sich nun auch, daß Schellenberg nicht im Traum daran dachte, sein im Grunewald neuerbautes Palais zu verkaufen. Weshalb er aber plötzlich alle Arbeiten eingestellt hatte, weshalb er seinen Anwälten den Auftrag gab, mit den Lieferanten, Baumeistern und Baufirmen zu verhandeln und die Rechnungen abzuschließen – das wußte nur Schellenberg allein.
Auch die Nachricht über den Verkauf seiner Jacht erwies sich als Legende. Allerdings war die Jacht, dies entsprach der Wahrheit, plötzlich nach England gefahren. Der Kapitän hatte den Auftrag, die Jacht nach Hull zu bringen, um dort weitere Befehle abzuwarten. In verschiedenen Zeitungen erschien damals die Notiz, daß Lord Beaverbrook als Käufer der Jacht genannt werde. Nach einigen Wochen aber erhielt der Kapitän in Hull die Order, das Schiff wieder nach Warnemünde zu steuern. Wenzel dachte nicht im Schlafe daran, die Jacht zu verkaufen. Weshalb aber hatte er sie nach Hull geschickt? Und in seinem neuen Palais im Grunewald wimmelte es wieder von Handwerkern.
Jede Woche fuhr Wenzel zwei-, dreimal mit Jenny hinaus in den Grunewald, um den Fortgang der Arbeiten zu kontrollieren. War er verhindert, so fuhr Jenny allein, denn Wenzel hatte Jenny zum „obersten Bauleiter“ ernannt. Sie tänzelte, in ihren Mantel gewickelt, lächelnd durch die Säle, und die Architekten küßten ihr die Hand. Die Maler und Handwerker grüßten freundlich von den Gerüsten herab. Jenny gehörte zu jenen Menschen, die gute Laune erzeugen, wo immer sie erscheinen. Und doch, sie sprach nur wenig, sie grüßte freundlich, lächelte.
Alles in dem Gebäude war von großer Pracht und letzter Gediegenheit. Das kostbarste Material, die teuersten Edelhölzer waren verwendet worden zu Türen, Wandbekleidung und Parkettböden. Im großen Speisesaal waren die Wände bespannt mit kostbaren Seidenstickereien. Zwanzig Arbeiterinnen hatten zwei Jahre an diesen Bespannungen gestickt. Marmor, Bronze, Brokat, die Decken Wunderwerke, Saal an Saal. Die Bibliothek, in Ausmaß und Pracht wie die eines Schlosses. In halbfertigen Gemächern standen Möbel, Berge von Kisten. Wenzel hatte seine besonderen Einkäufer für Antiquitäten, Bilder, Bücher. Das Palais enthielt zwanzig Gastzimmer, jedes mit einem Bad, und alle verschieden und originell. Was Jenny am meisten interessierte, waren die Küchen- und Kellerräume. Hier lagen die Zimmer für die Dienerschaft. Hier lagen zwei Badeanlagen für die männliche und weibliche Bedienung. Hier war der Weinkeller, mit dem letzten Raffinement ausgestattet. Und hier lag, erst halb fertig, das Schwimmbassin des Hausherrn, fünfzehn Meter lang und fünf Meter breit. Es war von Wenzels Gemächern aus über eine Treppe aus weißem Marmor zu erreichen.
Für dieses Schwimmbassin hatte Jenny eine blendende Idee! „Es ist mir etwas eingefallen, Wenzel,“ sagte sie. „Darf ich Vorschläge machen?“
„Aber gewiß, du hast doch die Bauleitung.“
Jenny also ging zu Stobwasser. „Hören Sie, Stobwasser,“ sagte sie, „sehen Sie zu, daß Sie einige Ihrer Keramiken zusammenbringen, und räumen Sie ein bißchen auf. Morgen oder übermorgen, ich kann es noch nicht genau sagen, bringe ich Ihnen einen Kunden. Aber sehen Sie zu, daß es nicht so unordentlich aussieht.“
„Schön, schön,“ erwiderte Stobwasser und warf die spitze Nase in die Luft. „Sie sollen bedient werden, Jenny.“
„Daß Sie zur Stelle sind. Ich komme zwischen elf und ein Uhr.“
Stobwasser hatte wundervolle Keramiken geschaffen, Kakadus, Papageien, Fasanen, Reiher, Flamingos. Die Tiere waren seine Spezialität. Er brannte und glasierte seine Arbeiten selbst in einem alten verstaubten Ofen, der in der Ecke stand.
Stobwasser lief den ganzen Tag umher, um seine Arbeiten, die zum größten Teil verkauft waren, zum größten Teil aber bei den Händlern standen, zusammenzuholen.
Und richtig, da kam auch schon Jenny mit Wenzel an.
Fast hätte Jenny laut herausgelacht. Stobwasser verbeugte sich linkisch und ungeschickt und viel zu tief. Er hatte sich irgendwo einen langen Gehrock ausgeliehen, der ihm etwas zu weit war. Er bat, Platz zu nehmen, und wischte die Stühle mit dem Taschentuch ab. Er war dunkelrot vor Verlegenheit und wurde noch verlegener, als er beim Rückwärtstreten über seine Katze stolperte. Unruhig rückten die Tiere in ihren Bauern hin und her, und der Papagei begann laut zu schreien und zu singen: „Wer will unter die Soldaten, der muß haben ein Gewehr ...“
„Sei ruhig!“ herrschte ihn Stobwasser an.
„Leider sind diese Arbeiten nicht so gut, wie ich es gern wünschte,“ sagte er. „Ich bitte Sie zum Beispiel diesen Kakadu nicht anzusehen, er ist direkt schlecht.“
Jenny lachte laut auf. „Sie haben eine drollige Art, Ihre Werke zu empfehlen!“ rief sie aus. „Stobwasser brennt die Arbeiten selbst,“ erklärte sie.
Mit einer steifen Geste des Armes deutete Stobwasser, wie ein Führer in einem Museum, auf den verstaubten und verräucherten Brennofen in der Ecke. „Ja, ich brenne sie selbst, hier in diesem Ofen!“
Wenzel zeigte aufrichtiges Interesse. Er betrachtete alle Werke des Bildhauers aufmerksam, die Keramiken, die Schnitzereien. Am meisten schienen ihn aber die lebenden Tiere, Stobwassers Modelle, zu interessieren.
„Ich habe leider heute keine Zeit mehr,“ sagte er plötzlich. „Wir sehen uns bald wieder, Herr Stobwasser.“
Stobwasser verbeugte sich tief und erbleichte.
„Oh, wie oft habe ich das gehört: ich komme wieder,“ sagte er, als die beiden gegangen waren. Und er drohte dem Papagei mit der Faust. „Und du, wie kannst du dein dummes Lied singen, wenn gerade Besuch da ist. Und noch dazu ein früherer Hauptmann.“
Er war völlig verzweifelt.
Jenny aber trug Wenzel, während sie im Auto saßen, ihren Einfall vor: Sie dachte es sich hübsch, wenn das Schwimmbassin mit Keramiken Stobwassers geschmückt würde. Es würde lustig und reizend aussehen, vielleicht kleine Nischen, man sollte Stobwasser auffordern, eine Skizze zu machen.
„Gut,“ erwiderte Wenzel, „ich werde ihn auffordern. Sehr gut aber gefiel mir sein Wandleuchter. Erinnerst du dich, der weiße Kakadu? Ich habe dem Architekten gestern gesagt, daß ich die Wandleuchter für den oberen Korridor nicht abnehmen werde, sie gefallen mir nicht. Wenn Stobwasser diese Wandleuchter machen könnte? Varianten seines Entwurfes?“
Stobwasser hatte nicht mehr auf Wenzels Rückkehr gehofft. Als Wenzel am nächsten Vormittag mit Jenny eintrat, stand Stobwasser da, die Fäuste voller Ton, mitten in der Arbeit, in einem mit Ton beschmierten Kittel, krebsrot das Gesicht vor Verlegenheit. Seine Miene war fast feindselig. Wenzel bat ihn also, gelegentlich mit Jenny nach dem Grunewald zu fahren und sich das Schwimmbassin anzusehen. Es war Gott sei Dank noch nicht gekachelt. Dann fragte er ihn, ob er die Wandleuchter für den oberen Korridor übernehmen könne, in der Art dieses Leuchters dort in der Ecke.
Natürlich konnte das Stobwasser. Er hatte auch nicht für einen Pfennig Aufträge.
„Wieviel Leuchter sollen es sein?“ fragte er.
„Es sind dreißig Stück,“ antwortete Wenzel. „Ich bestelle sie hiermit und bitte Sie, sich möglichst zu beeilen.“
Als die beiden die Tür hinter sich geschlossen hatten, stand Stobwasser immer noch mit offenem Munde da, die spitze Nase gegen die Tür gestreckt.
„Dreißig Stück, du lieber Himmel,“ sagte er, und die Beine begannen ihm zu zittern. Er mußte sich in den Stuhl setzen. Er konnte sein Glück gar nicht fassen.
„Dein Freund Stobwasser ist ein ganz reizender Mensch,“ sagte Wenzel zu Jenny. „Ich liebe diese einfachen Menschen, die etwas können. Sie sind so selten bei uns.“
23
Es war natürlich, daß Wenzel fortan auf allen Rennbahnen zu sehen war, wo seine Pferde liefen. Herr von Kühne hatte im vorigen Jahre und in diesem Frühjahr mit seinem Stall keine besonderen Erfolge erzielt. Aber es schien, als hätten die Pferde nur darauf gewartet, in Wenzels Besitz zu kommen. Sie liefen, daß es eine Freude war. Sie waren nicht mehr krank. Sie husteten nicht mehr. Sie lahmten nicht mehr. Ein Hengst, der Hengst ‚Kardinal‘, ein völlig unbekanntes Pferd, das Herr von Kühne schon hatte verkaufen wollen, gewann ein bedeutendes Rennen gegen hohe Klasse.
„Sieh doch, wie er läuft!“ schrie Wenzel vor Entzücken und lachte laut auf.
In der Tat, ‚Kardinal‘ lief vier Pferdelängen vor dem Rudel und zog in einer rasenden Fahrt dahin. Die gelbe Jacke blitzte in der Sonne. Die Tribünen waren stumm vor Verblüffung. Kardinal gewann im Kanter. Jenny klatschte, daß ihre Handschuhe platzten. Sie hatte auf Wenzels Rat hundert Mark auf ‚Kardinal‘ gesetzt.
Mackentin beglückwünschte Wenzel zu diesem überraschenden Siege. „Wird Ihnen bei all diesem Glück nicht zuweilen etwas unbehaglich, Schellenberg?“ fragte er.
„O nein, nicht im geringsten. Ich bin schwindelfrei,“ erwiderte Wenzel.
Oft litt Jenny Florian bittere Qualen. Es gab Wochen, da Wenzel sie vernachlässigte. Kaum daß er einmal anklingelte oder die Zeit fand, ihr ein Wort oder eine Blume zu schicken. Als sie in Italien filmte, fast sechs Wochen lang, hatte er ihr nur einen einzigen Brief geschickt, in die Maschine diktiert. Und in diesem Brief war nur die Rede von einem Kampf, den er mit einem Pferde ausfocht, das ihn beim Reiten im Tiergarten gegen die Bäume rennen wollte.
In jenen Wochen, da sie für Wenzel nicht zu existieren schien, wäre sie am liebsten geflohen. Fliehen! Aber wohin? Sie wußte, daß sie nie fliehen konnte, es war unmöglich, es war viel zu spät. Natürlich wußte sie, daß Frauen dabei im Spiel waren. Die Frauen drängten sich an Wenzel heran, wohin er auch kam. Viele blendete sein Erfolg, sein Reichtum. Andere bestach sein Aussehen, seine weißen Zähne, seine Kraft und seine unverwüstliche Laune.
Jenny aber litt Qualen, wenn sie allein in ihrem Hause in Dahlem saß. Sie wußte – man hatte es ihr hinterbracht –, daß Wenzel zwei oder drei Wohnungen in verschiedenen Hotels in der Stadt ständig gemietet hatte. Sie hörte von allen möglichen Abenteuern und Liaisons. Obwohl sie sich die Ohren mit beiden Händen zuhielt, unterließ man es nicht, ihr alles mögliche zuzuflüstern. Ihre Kolleginnen machten sich ein Vergnügen daraus, ihr derartige Neuigkeiten mitzuteilen. Wenzel sollte in einem kleinen Vorstadtvarieté eine kleine Sängerin entdeckt haben, die täglich ein Revolutionslied und einige Dirnenlieder mit frecher Geste vortrug. Die Musik war von einem verwahrlosten Kapellmeister geschrieben, der das kleine Orchester des Varietés dirigierte und der der Geliebte dieses Mädchens war. Man sagte, Wenzel halte die Sängerin nunmehr aus, und er habe dem eifersüchtigen Kapellmeister fünftausend Mark Abstand für die Frau gezahlt. Er habe sich eine Quittung geben lassen und sie dann der Sängerin unter die Nase gehalten. Der Kapellmeister, völlig rasend, habe auf Wenzel geschossen, ohne ihn jedoch zu treffen. Wenzel habe ihn mit einer Ohrfeige zu Boden geschlagen.
Woher wußten die Leute all diese Dinge? Wie ekelhaft war dieser Klatsch, wie unverständlich! Jenny hatte den kleinen Stolpe in Verdacht, daß er aus der Schule plaudere. Sie sagte es ihm ins Gesicht. Stolpe kam in große Verlegenheit. Sie warnte ihn, sie war zornig und stampfte sogar mit dem Fuße, was sie sonst nie tat. Stolpe beteuerte, aber sie wußte, woran sie war.
Das war natürlich alles Klatsch, und doch war manches an diesem Klatsch wahr. Ob nun diese Geschichte von der Sängerin und ihrem Freund, dem Kapellmeister, sich tatsächlich so zugetragen hatte, das wußte Jenny nicht. Aber diese Sängerin existierte, und ohne Zweifel hatte Wenzel Interesse für sie! Er selbst zeigte sie ihr. Sie besuchten ein Varieté im Westen, und plötzlich trat eine freche kleine Person auf, anzusehen wie ein Straßenmädchen aus dem Osten. Sie sang im Berliner Dialekt mit einer schrillen Stimme, aber mit so großer Leidenschaft, daß sie das Publikum hinriß. Ihre Augen funkelten und drohten, während sie sang und sich frech in den Hüften wiegte. Sie sang zuerst zwei Dirnenlieder, dann trug sie mit rasenden Blicken und fanatisch schriller Stimme ihr Revolutionslied vor, das mit den Worten begann: „Wartet, wenn der Tag kommt, wartet, wenn mein Tag kommt! Dann wird meine Fahne wehn!“ Ihr Haß und ihr Fanatismus schienen so echt, daß das Publikum, das aus reichen Nichtstuern und reichen Damen bestand, stumm und erschrocken dasaß.
„Wie gefällt sie dir?“ fragte Wenzel und forschte mit dem Blick in ihren Augen.
Jenny erbleichte und erwiderte nichts. Sie haßte diese Frau. Sie schüttelte die kleine Faust, als sie allein war, und Tränen der Wut stürzten in großen Tropfen aus ihren Augen. Oh, wie sie diese Person haßte! Sie nannte sich geschmackvoll Fritzi Frettchen!
In den letzten Wochen, es war heißer Sommer geworden, gefiel ihr Wenzels Aussehen nicht mehr. Sein braunes Gesicht schien plötzlich etwas fahler geworden zu sein. Seine Augenlider schienen wie mit grauem Puder bedeckt. Er selbst gab zu, daß er sich zurzeit in einer „höllischen Fahrt“ befände, bald aber werde er „die Geschwindigkeit vermindern“. Er trank in diesen Wochen Sekt, immer Sekt. Seine Hände zitterten.
„Schenke mir dieses Glas,“ bat Jenny zärtlich und legte die Hand um seinen Hals.
„Dein Wille geschehe!“ sagte er. „Aber es schadet mir ja nichts, beunruhige dich nicht. Es ist eine Periode, sie wird vergehen. Ich bin überarbeitet und schlafe zu wenig. In der vergangenen Woche habe ich im ganzen – laß sehen –, im ganzen dreißig Stunden geschlafen. Eine Nacht gar nicht. Es gibt Leute, die für Geld wachen. Schade, daß es nicht Leute gibt, die für Geld schlafen. Ich wäre ein guter Kunde. Die Welt ist noch recht unvollkommen. Habe noch etwas Geduld mit mir! Warte nur, bis der erste August kommt, dann gehen wir an das Meer.“
Käme doch dieser erste August bald! Endlich wurden die Vorbereitungen für die Sommerreise getroffen. Man wollte drei Wochen mit der Jacht auf der Ostsee segeln. Wenzel wollte nur Stolpe und Mackentin mitnehmen und Stobwasser einladen.
„Und dann habe ich noch diese Fritzi Frettchen eingeladen, du erinnerst dich, diese kleine freche Person. Sie soll uns vorsingen.“
Jenny blickte zu Boden. Ihre Wimpern zitterten. Sie sagte leise: „Dann bleibe ich zu Hause.“
„Wenn du ein Ultimatum stellst,“ sagte Wenzel lachend, „dann werde ich diese Fritzi Frettchen wieder ausladen. Sie wird es verwinden.“
Mackentin wollte seine Frau mitbringen, eine geborene Baronin Biberstein, eine stille, etwas korpulente Dame, die Jenny bemutterte. Dagegen hatte Jenny nichts einzuwenden. Sie lachte in sich hinein. Diese Frau Mackentin war ganz ungefährlich.
Aber die Abreise wurde von Tag zu Tag verschoben. Goldbaum erkrankte, und Wenzel konnte nicht reisen, bevor Goldbaum die Geschäfte übernahm. Dieser fürchterliche fette Goldbaum, der von früh bis nachts Speisen in sich hineinschlang. Gewiß hatte er sich den Magen verdorben. Mitte August endlich fuhren sie ab. Stolpe war am Tage vorher mit dem Gepäck vorausgefahren. Am nächsten Morgen rasten sie mit dem hundertpferdigen Wagen nach Warnemünde, wo die Jacht lag.
Stobwasser, der neben dem Chauffeur saß, liefen die Tränen aus den Augen bei der scharfen Fahrt, und wenn er das Gesicht zur Seite drehte, so bog der Wind seine lange Nase um. Die Luft heulte und schrie.
Wenzel machte es ein knabenhaftes Vergnügen, in diesem Höllentempo dahinzujagen. Jenny aber war froh, als sie wohlbehalten in Warnemünde eintrafen.
24
Da lag die Jacht „Kleopatra“, dunkelblau gestrichen, glatt wie Seide. Zehn Matrosen standen in Reih und Glied an Bord, und der Kapitän begrüßte sie. Jenny klopfte das Herz, als sie das Schiff betrat. Sie hatte es sich nicht so groß vorgestellt. Alles war blitzblank und wunderbar, und der Mast, welch eine Höhe! Ein kleiner Dampfer schleppte sie an der Mole und am Leuchtturm vorbei hinaus ins Meer. Es wehte nur eine leichte Brise, der Tag war herrlich. Die Segel stiegen in die Höhe, der kleine Schlepper warf los, und es ging dahin. Schon aber ertönte das Gong, und der Steward bat zu Tisch. Die Tafel war herrlich geschmückt, Blumen, kostbares altes Silber.
„Ein wahres Glück, daß diese Großherzogin ihr Silber nicht im Krieg abgeliefert hat, wie es der Patriotismus vorschrieb!“ rief Wenzel lachend auf. „Sonst würden wir heute nicht dieses schöne Silber hier haben!“
Zauberhaft schön erschienen Jenny diese Tage. Sie glitten dahin, wie das Schiff durch die See glitt. Tag ging in Nacht über und Nacht in Tag. Unwirklich und unirdisch erschienen sie wie der Dunst auf dem Meere und die hellen Nächte unter dem Sternenhimmel.