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Die Brüder Schellenberg

Erstes Buch (continued 3)

Reading edition

Georg eilte an den kleinen Bach, der ganz in der Nähe vorüberfloß, um sich zu waschen. Der Schlächter begrüßte ihn, gut gelaunt wie immer. Er hatte die Hosen hinaufgestülpt und stand bis an die Knie im eisigen Wasser, während er sich, krebsrot am ganzen Körper, Brust und Rücken wusch und dabei lachte. „Lehmann ist heute früh munter geworden,“ sagte er lachend. „Plötzlich, siehst du, hört er auf zu schmunzeln.“

Es war noch düster im Wald. Ein frischer Luftzug, der nach Schnee schmeckte, strich durch die Stämme, hoch oben glitten mächtige helle Wolken dahin, ganze Gebirge von Schnee. Zuweilen zuckte etwas wie eine dünne Lichtnadel durch das Geflecht der schwarzen Wipfel. Der fürchterliche Regen schien endlich ein Ende zu haben! Ein würziger Geruch, wie ihn Pilze ausströmen, wenn man sie auseinanderbricht, stieg aus dem feuchten Boden. Raben krächzten über den Bäumen, und ein paar dunkle Fittiche schwankten irgendwo gespenstisch.

Schon aber klangen die Hammerschläge im Walde. Eine helle Stimme schalt.

„Spute dich: er meint uns.“

Lehmann hatte die Leitung der Arbeit übernommen, ohne jeden Zweifel. Er befahl, ordnete an, schrie, sprang selbst zu, half mit. Riesenkräfte schienen in seinem einen Arm zu stecken. Er bestimmte das Arbeitstempo, nichts entging seinem Blick. Aber obwohl er schrie, so sah sein Gesicht niemals böse aus. Seine Pfeife paffte aufgeregt, seine Wangen waren frisch gerötet.

Das Rahmenwerk des Schuppens wuchs in die Höhe.

Der „General“, jener Kahlköpfige mit dem vorspringenden Bart, und der kleine alte Maurer mit dem Schlapphut hatten zusammen eine Arbeitsgemeinschaft gegründet. Sie handhabten zusammen eine Säge und versuchten ein dickes Brett durchzusägen. Sie sägten ein paar Minuten, dann sahen sie beide nach, wie tief die Säge schon in die Bohle eingedrungen war, und hielten eine lange Konferenz ab.

Lehmann trat rasch an sie heran. „So geht es nicht,“ sagte er. „Arbeitet langsam, wenn euch der Atem ausgeht, aber arbeitet regelmäßig und schwätzt nicht soviel. Und Sie,“ sagte er zu dem „General“, „in diesem langen Mantel können Sie doch nicht arbeiten.“

Der „General“ streckte mit gekränkter Miene den langen Bart vor und knöpfte zur Antwort langsam den langen Militärmantel auf. Er trug ein zerrissenes Hemd, das nur noch aus schmutzigen Schnüren bestand, und eine alte an den Knien zerschlissene Hose.

„Das ist etwas anderes,“ sagte Lehmann mit einer gewissen Härte in der Stimme, die seine Beschämung verbergen sollte. „Ich werde dafür Sorge tragen, daß Sie Kleider bekommen. Unsere Gesellschaft ist vorzüglich organisiert. Wenn jetzt manches stockt, so kommt es daher, daß man uns in den letzten Tagen Tausende von Arbeitslosen geschickt hat. Es wird alles in Ordnung kommen.“

Mittag! Der Kellner hatte gekocht. Das Feuer wärmte. Alle staunten den halbfertigen Schuppen an, während sie aßen.

„Ob wir es heute noch schaffen?“

Kopfschütteln. Zweifel.

„Am Abend steht der Schuppen,“ versicherte Lehmann, der mit ihnen aus demselben Kessel aß.

Und in der Tat, als die Dämmerung kam, stahlblau und kalt, mit einem eisigen Wind, war der Schuppen bis auf Kleinigkeiten aufgestellt. Er hatte zwei Fenster – nicht größer als Stallfenster allerdings, und einige Scheiben waren dazu zerbrochen –, aber doch Fenster, und eine solide Tür mit einem richtigen Schloß. Das Stroh wurde in den Schuppen gebracht, der Kochherd, schon wirbelte der Rauch aus dem Blechrohr. Kisten wurden zurecht gerückt. Der Schlächter kam mit einer völligen Ladung grüner Tannenzweige durch die Türe und nagelte die Zweige an die Wand. Nun sah es in der Tat schon ganz festlich aus. Es war behaglich. Der Wind pfiff nicht mehr. Es war warm, es war sauber. Der kleine Bauernwagen hatte Decken gebracht. Viele waren alt und geflickt, aber es waren immerhin Decken, und sie waren rein. In einer Ecke hatte Lehmann sich sein Lager eingerichtet und daneben sein „Bureau“. Das waren Notizbücher, Rollen, Pläne.

Plötzlich, es war fast schon dunkel, kam ein Radfahrer! Es war ein junger Mann, ein Knabe fast noch, mit einer verblaßten Schülermütze auf dem Kopfe. Forsch und keck trat er in den Schuppen, das Gesicht rot von der frischen Luft. „Ist Post mitzunehmen?“ rief er.

„Wie, alle Wetter, Post?“ Man sah ihn verblüfft an. „Kannst du Tabak besorgen?“

„Wenn Sie mir Geld geben, dann bringe ich Ihnen morgen auch Tabak mit.“

„Schön, dann bringe Tabak. Alle Wetter, wieviel bekommst du bezahlt, mein Junge, am Tage?“

„Wir arbeiten ohne Bezahlung!“

Wir? Wer waren diese „Wir“?

Es war gewiß eine ganz merkwürdige Sache. Wie hatte sich das alles seit gestern geändert! Es zeigte sich, daß der Radfahrer in seinem Rucksack ein Paket Zeitungen mitgebracht hatte. Es waren allerdings etwas veraltete Zeitungen, aber man erfuhr immerhin, was in der Welt vorging, während man hier im Walde hauste. Eine Azetylenlampe hing von der Decke herab. Das hätte von allen keiner erwartet. Man fand es nun ganz behaglich und angenehm in der Baracke. Eine Gruppe spielte Karten mit einem alten schmutzigen Spiel. Andere lagen müde auf dem Stroh, und einige plauderten halblaut. Die Verdrossenheit war geschwunden, das finstere Grübeln, der gegenseitige Argwohn.

„He!“ rief Moritz Georg zu. „Worüber spintisierst du immer? Den ganzen Tag spintisierst du! Nimm es nicht so schwer, es wird noch schlimmer kommen. Der Teufel holt uns ja doch alle am Ende!“ Und Moritz lachte.

Um den Kellner mit der Hakennase und den unsteten Rattenaugen, er nannte sich Henry Graf, hatten sich Zuhörer gesammelt. Henry, der, wie er sagte, jahrelang Steward auf den großen Passagierdampfern war, erzählte von seinen Reisen. Er erzählte von Südamerika und China, als sei er erst gestern dagewesen, von Schmetterlingen, so groß wie die Hand, und von einer Hitze, daß die Ölfarbe der Schornsteine schmolz. Er hatte in China Hinrichtungen mitangesehen, in Japan war er in den Teehäusern gewesen – lauter kleine Puppen, lauter kleine braune nackte Puppen. Er erzählte von reichen Leuten, amerikanischen Millionären, sonderbaren Passagieren. Da war zum Beispiel eine reiche Engländerin, die immer betrunken war. Man schickte sie auf Reisen, um sie los zu sein, und sie war der Schrecken aller Schiffe. Diese Engländerin verliebte sich in ihn, Henry. Er könnte heute, weiß Gott, ein Schloß haben. Aber nein, eine betrunkene Frau, etwas Schrecklicheres gibt es nicht.

„Laß dich nicht auslachen, Henry! Sie hätte dich nie geheiratet!“ Gelächter.

Heinrich, der kleine krummbeinige Schlosser, entpuppte sich als ein vorzüglicher Tierstimmenimitator. Kanarienvögel, Stare, Hühner, Eichelhäher, Katzen und Hunde aller Größen und Rassen ahmte er nach und erntete großen Beifall.

Es zeigte sich, daß sich unter den Genossen Talente verschiedener Art befanden. Selbst der Verstümmelte – mit dem Glotzauge –, selbst er steuerte etwas zur Unterhaltung bei. Er war in Sibirien in Kriegsgefangenschaft gewesen und ahmte das Heulen des Wolfes nach. Er hielt die Hände vor den Mund und begann schauerlich zu heulen. Und alle, die nie einen Wolf gehört hatten, überlief ein Schauer.

Um neun Uhr mußte das Licht gelöscht werden. Fast augenblicklich sanken alle in tiefen Schlaf.

Nur Lehmann legte sich später zur Ruhe. Jeden Abend ging er, die Pfeife rauchend, eine Stunde lang vor der Baracke auf und ab.

23

Die Axt klang im Walde, die Sägen kreischten. Krachend stürzten die Bäume. Lehmann hatte jedem der Gefährten die Arbeit im Walde und in der Baracke nach Befähigung angewiesen. Es herrschte gute Disziplin, und das Leben auf der Arbeitsstätte spielte sich ohne jede Reibung ab. Den hochgeschossenen jungen Menschen mit den abstehenden Ohren und dem Diebsgesicht hatte Lehmann abgelohnt und fortgeschickt, weil er, wie er sagte, Tagediebe und Faulpelze nicht brauchen könne. Sie mögen verrecken. Es waren sechs neue Kameraden dazugekommen.

Vom frühen Morgen bis zur Nacht trieb Lehmann zur Arbeit. „Vorwärts, immer vorwärts!“ rief er. „Ohne zäheste Arbeit können wir das große Werk nicht schaffen. Die Gesellschaft muß jede Minute ausnützen, sonst geht sie bankerott. Vorwärts! Schellenberg versteht keinen Spaß! Er setzt mich an die Luft, wenn ich zurückfalle!“

„Und was wollen wir mit Ihnen anfangen?“ sagte Lehmann zu dem großen, bleichen Zimmermann. „Ich werde Sie in ein Krankenhaus schicken.“

Die tief eingesunkenen, fieberischen Augen des Zimmermanns flehten. „Nein, nein,“ bat er. „Lassen Sie mich hier im Walde. Hier werde ich gesund werden. Haben Sie nur noch einige Tage Geduld. Schicken Sie mich nicht in ein Krankenhaus.“

Der Zimmermann, er hieß Martin, war auf einem Bau verunglückt, die Hüfte verrenkt, gar nichts Besonderes, aber seitdem war es mit ihm bergab gegangen. Es war vorbei mit dem Schleppen schwerer Balken, die Meister sahen an ihm vorüber. Ohne Verdienst hauste er drei Monate lang mit seiner Frau und drei Kindern in einer Dachkammer ohne Fenster, bis er erkrankte. Die Kinder gingen betteln, die Frau verkaufte Schnürsenkel. Nun, Lehmann schickte ihn nicht fort. Martin erhielt Krankenkost – was man hier im Walde Krankenkost nannte! –, und nach einer Woche schon sah man ihn zuweilen langsam unter den Bäumen hin und her gehen, während er früher sich kaum vom Lager erheben konnte. Nach zwei Wochen aber nahm er schon die Axt in die Hand, aber er schwankte noch, wenn er zuschlagen wollte.

„Noch eine Weile Geduld,“ sagte Lehmann zu ihm.

Eines Tages fuhr – sollte man es für möglich halten? – ein wirklicher Automobilomnibus auf der Landstraße heran. Alle sahen staunend von der Arbeit auf.

„Was ist das!?“ sagte Moritz, der Schlächter. „Haben wir schon Omnibusverbindung bekommen? Es wird gar nicht lange dauern, so werden sie uns eine Untergrundbahn hierher bauen.“

Aus dem Omnibus kletterten zwei junge Herren in grauen Arbeitskutten. Lebhaft schüttelten sie Lehmann die Hand. Es zeigte sich bald, daß einer der Herren Arzt war und der andere Zahnarzt. Der Omnibus aber enthielt eine vollkommene Einrichtung, wie Ärzte und Zahnärzte sie benötigen.

Jeder einzelne mußte zur Untersuchung in den Wagen klettern. Dem einen wurde dieses geraten und verschrieben und dem andern jenes. Die Herren waren außerordentlich freundlich. Unter Scherzen verrichteten sie ihre Arbeit. Der Zahnarzt zog rasch einige Zähne, und dem General setzte er eine Plombe ein. Martin wurde mit besonderer Sorgfalt behandelt.

„Da sind Sie ja!“ rief der junge Arzt, als er Georg erblickte. Erstaunt erkannte Georg jenen Arzt wieder, der ihn seinerzeit in dem Haus in der Lindenstraße empfangen hatte. Der junge Arzt schüttelte ihm herzhaft die Hand. „Eine Freude, Sie wiederzusehen, so gut haben Sie sich erholt!“ rief er aus. „Sie haben schon etwas Farbe bekommen. Sie sehen, auch wir kommen zuweilen aufs Land. Aber es ist leider selten, und um diesen Außendienst reißen sich alle. Nun kutschieren wir vierzehn Tage in der Umgebung umher, das ist unsere Erholung, sehen Sie!“

Die beiden Ärzte blieben bis zum Anbruch der Dunkelheit. Dann fuhren sie davon, Lehmann mit ihnen.

Der Omnibus mit seiner verwirrenden Einrichtung beschäftigte am Abend alle Gemüter.

„Was für einen Wagen doch die beiden Burschen hatten! Sie haben ja alles! Hast du gesehen, sogar eine kleine Apotheke ist eingebaut. Ihr Leute – und sie waren nicht entfernt so grob wie die Kassenärzte.“

„Und dieser Zahnarzt! Das ist ein feiner Bursche!“

„Die Gesellschaft zahlt schlecht, das ist Tatsache, aber man muß zugeben, daß sie für ihre Leute sorgt. Hemden, Wäsche, Socken haben sie uns gegeben, und der General hat sogar eine gestrickte Wollweste bekommen.“

„Man sagt, die Arbeitslosenfürsorge bezahle alles, und das Rote Kreuz soll auch dahinterstecken.“

„Und diese Jungens, die auf ihren Rädern kommen und Botendienste tun, sie scheinen alles überlegt zu haben und alles heranzuziehen.“

„Und doch verstehe ich es nicht,“ hub der alte Maurer wieder an und schüttelte bedächtig den Kopf, „was wollen sie eigentlich hier bauen?“

„Was geht es dich an? Sei froh, daß du etwas zu nagen und zu beißen hast auf deine alten Tage.“

„Man möchte es doch wissen. Sie müssen doch etwas hier wollen? Und ein großer Schuppen soll noch kommen? Und der Plan, den Lehmann bei sich hat?“

Georg hatte bei Gelegenheit einen Blick in den Plan werfen können. „Soviel ich sehen konnte,“ sagte er, „soll hier eine Art Stadt gebaut werden.“

„Eine Stadt?“

„Eine Stadt?“ Der alte Maurer lachte kindisch.

„Eine Stadt?“ Allgemeines Gelächter.

„Laß dich nicht auslachen, Weidenbach!“

Georg kam, bei Gott, in Verlegenheit, weil sie alle derart wieherten. „Und doch – denkt, was ihr wollt. Ich habe doch den Plan gesehen,“ sagte er. „Eine Stadt oder eine größere Ansiedelung mit großen Gärtnereien.“

„Gärtnereien!“

„Gärtnereien, sagst du?“

„Jawohl, Gärtnereien!“

Wiederum Gelächter. Was hier wachsen solle? Auf diesem Boden – nichts als Sand!

Aber der alte Maurer mit dem Schlapphut kam Georg zu Hilfe. „Worüber lacht ihr denn, ihr Narren?“ rief er. „Man kann auf den ersten Blick sehen, daß ihr nie aus der Stadt herausgekommen seid und vom Boden nichts versteht.“ Und er erzählte umständlich, mit allen Einzelheiten, von einem Garten, den er vor zwanzig Jahren aus einem Sandhaufen geschaffen hatte. Schon nach zwei Jahren blieben die Leute stehen, so sah der Garten aus, und schon im dritten Jahre blühten darin die Fliederbüsche. Im vierten Jahre aber, da kam er also eines Abends in den kleinen Garten, und was hörte er? – Der Alte streckte die Hände in die Höhe, rückte den Schlapphut mit den Pleureusenresten aus der Stirn und begann zu pfeifen – tüh – tüh – tüh. „Eine Nachtigall, ihr Leute! Mein Herz hat geschlagen, so schön sang die Nachtigall.“

Der kleine krummbeinige Schlosser machte eine verächtliche Handbewegung. Er wußte es besser als alle.

„Weshalb zerbrecht ihr euch die Köpfe?“ fragte er. „Wie? Was sie hier machen wollen? Geld wollen sie machen, aber nicht für uns! Es ist ja alles aufgelegter Schwindel. Unsere Arbeitsstunden sollen gebucht werden, und wenn du fünftausend Arbeitsstunden erreicht hast – im Laufe der Jahre, sooft du stellungslos bist –, so sollst du einen Morgen Land und eine Behausung bekommen. Wer soll das glauben? Es ist ja alles Schwindel und Lüge. Ich habe es euch ja oft gesagt: Es ist Schellenberg und kein anderer als Schellenberg. Wir werden uns schinden, und Schellenberg wird den Profit einstreichen. Ich habe ja bei Schellenberg gearbeitet. Er baut sich einen Palast im Grunewald, das müßt ihr gesehen haben. Ein halbes Jahr lang habe ich dort Erde gekarrt. Schellenberg hat sich ein Schwimmbad im Keller eingerichtet, hat man so etwas schon gesehen? So groß wie eine Reitschule. Da sind fünfzig Zimmer und Säle, und sogar die Diener haben Badezimmer. Da sind Ställe, Garagen, ein Bootshaus und ein Pavillon am See. Eine Küche so groß wie eine Kaserne, und alles aus weißen Kacheln!

Ihn aber selbst solltet ihr sehen, Schellenberg!“ fuhr der Schlosser fort und fettete sich den Schnauzbart mit den Fingern ein. „Wenn er in seinem Auto angefahren kommt, in einem Pelz, von oben bis unten, eine Bärenmütze auf dem Kopf. Und immer schöne Weiber hat er bei sich, und manchmal ist er schon am hellen Tag betrunken. Oh, man muß ihn nur gesehen haben, dann weiß man alles. Dieser Schellenberg hat in den letzten Jahren das Geld mit Scheffeln zusammengerafft. Niemand weiß, wie reich er ist! Und womit? Mit Holz und im Holzhandel. Er hat zehn Papierfabriken, ihr Leute. Es ist ja kein Kunststück bei den Hungerlöhnen, die er uns zahlt. Und die Regierung – sie stecken ja alle unter einer Decke – zahlt ihm noch zu, weil er die Arbeitslosen beschäftigt. So ist es. Häuser? Eine Stadt, Gärtnereien? Laßt euch nicht auslachen.“

In diesem Augenblicke öffnete sich die Türe, und herein sah schüchtern und scheu das runzlige Gesicht einer alten Frau. Auf ihrem Kopftuch lagen einige Schneeflocken. „Bin ich hier richtig?“ sagte die alte Frau. „Ist das die Station Lehmann?“

„Hier bist du richtig,“ antwortete der Kellner.

„Immer herein, Großmutter!“ schrie der Schlächter. „Was willst du denn?“

„Ich komme hierher zur Arbeit. Ich soll euch die Küche führen.“

Die Männer blickten einander an. „Was sollst du?“ Dann brachen sie in lautes Gelächter aus. Und sie lachten so sehr, und ihre Bemerkungen waren so derb, daß der alten Frau die Tränen in die Augen traten. Sie drehte sich verlegen und verletzt in ihrem abgeschabten Mantel. „Ihr seid ein loses Volk!“ schrie sie und bewegte heftig die Arme. Am liebsten wäre sie wieder zur Türe hinaus.

Dann aber begann sie hastig zu plappern, und ihre runzligen Lippen schienen nicht mehr zur Ruhe kommen zu wollen. Sie erzählte ihre Lebensgeschichte und verlor sich in Einzelheiten, die niemand verstand. Sie war Witwe, ihr Mann, ein Schreiner, seit Jahren tot. Sie hatte ein kleines Haus besessen und einen kleinen Garten. Und sechs Kinder hatte sie großgezogen und vier Töchter ausgestattet. Aber durch den Krieg hatte sie alles verloren. Und nun war sie alt und mußte wieder arbeiten.

Die Männer sahen einander an, brummten verlegen und schämten sich ihrer derben Späße.

Der Schlächter Moritz aber hatte genug Lebensart und wußte, was sich gehört. Er sprang auf, ging der Alten entgegen und schüttelte ihr herzhaft die Hand. „Nun schön!“ rief er aus. „So bleibe bei uns, Großmutter! Hoffentlich kannst du gut kochen. Wir essen hier fein auf der Station. Wir werden dich neben den Ofen hinpacken, da hast du es warm. Komm, gib den Mantel her. So, und jetzt gib mir einen Kuß!“ Und wirklich wollte der Schlächter der alten Frau einen Kuß geben.

„Du bist ein loser Vogel!“ rief die Alte und stieß ihn zurück. Sie lachte, während die Tränen auf ihren runzligen Wangen noch nicht trocken waren. „Ei, was für ein loser Vogel ist er doch!“ und sie gab dem Schlächter eine kleine gutgemeinte Ohrfeige.

„Ah, da hast du es, Moritz!“ schrien die Männer. Die Bekanntschaft war geschlossen.

„Und das hier ist also deine Küche, siehst du!“

„Das ist die Küche?“ Die Alte lachte.

Ja, das sei die Küche. Ob sie ihr nicht vornehm genug sei? „Und die Bedienung, die wir haben, wie in einem erstklassigen Hotel. He, Henry, zeige der Großmutter, wie es bei uns hergeht.“

Henry, der Kellner, stand auf, klemmte ein schmutziges Handtuch unter den Arm und tat, als serviere er. Einen Teller auf der Hand balancierend, rannte er mit kurzen, schnellen, komischen Schritten von der Küche in die Mitte des Zimmers, wo er unsichtbaren, an einer Tafel sitzenden Gästen aufwartete. Er beugte sich vor, drehte die Platte auf den Fingern, damit der Gast bequem abheben konnte, richtete sich auf und schob sich neben den nächsten Gast. Sein Gesicht war von tödlichem Ernst. Zuweilen tat er, als mache er einem zweiten Kellner, vielleicht einem Pikkolo, Zeichen mit den Augen. Dann rannte er mit denselben komischen Schritten wieder in die Küche zurück.

Die Männer brüllten vor Lachen, und in der Tat, Henry spielte diese Szene mit unglaublicher Komik. Auch die Alte lachte, daß ihr die Tränen über die Wangen liefen.

In diesem Augenblick ließ auch schon der Schlosser seine Kunst hören. Er ahmte einen ganzen Käfig voller Hühner nach, und die Alte glaubte wirklich eine Weile, daß in der Ecke Hühner seien.

„So also geht es bei euch zu!“ schrie sie.

„Jawohl, Großmutter, so und nicht anders!“ rief der Schlosser und gab ihr einen derben Schlag auf die Schulter. „Wir werden dich nicht fressen. Es wird dir gut bei uns gefallen!“

24

Den Männern, die Familie hatten, war es freigestellt, jeden Sonnabend zu ihren Angehörigen in die Stadt zu fahren. Am Montag kehrten sie zurück. Einzelne kamen nicht wieder. Der Arbeitsnachweis der Gesellschaft hatte sie in ihrem Beruf irgendwo untergebracht. Den Unverheirateten aber sollte erst nach einigen Wochen ein Urlaub gewährt werden. Es hing ganz davon ab, wie Lehmann mit ihnen zufrieden war. Georg hatte ihn schon am ersten Sonnabend um einen Urlaub gebeten.

„Nicht daran zu denken,“ antwortete Lehmann mit einem Lächeln. „In vier Wochen vielleicht.“

Nun, auch vier Wochen würden wohl vergehen.

Georg hatte sich im Walde rasch erholt. Am Anfang, da zitterte sein entkräfteter Körper unter den Anstrengungen der schweren Arbeit, und des Morgens, wenn der Lärm der Kameraden ihn weckte, war es ihm oft kaum möglich, sich vom Lager zu erheben. Er war in Schweiß gebadet, die Füße trugen ihn kaum. In der zweiten Woche aber fühlte er seine Kräfte langsam zurückkehren, und in der dritten Woche war es ihm, als ob er seit Jahren diese schwere Arbeit verrichtete. Er war kein Riese, wie Moritz, daran war nicht zu denken, aber immerhin, er stellte seinen Mann.

Sein Körper war abgehärtet, er erschauerte nicht mehr unter jedem Luftzug. Er fror auch nicht, als die scharfen Ostwinde einsetzten und in den Nächten das Wasser in den Furchen der Landstraße gefror. Reif bedeckte am Morgen den Boden und die Stämme der Bäume.

Nach dem Feierabend pflegte Georg noch eine Stunde zu wandern. Er hatte das Bedürfnis, allein zu sein und sich mit seinen Angelegenheiten in aller Stille zu beschäftigen.

Gewöhnlich ging er bis an den Rand des Waldes, der in einer Viertelstunde zu erreichen war. Hier stieß der Wald an eine sanft geneigte Heidefläche, die nur von dünnem Gestrüpp und einigen Birken bestanden war. Auch auf dieser Heide waren Arbeitskolonnen am Tage tätig. In der Ferne, ganz klein, schimmerte ein Licht, und dort hausten sie. Die Station hieß Glücksbrücke. Er hatte sie an einem Sonntag besucht.

Groß und funkelnd standen die Sterne über der stillen Heide. Wie ein Gespenst, scheu und ängstlich, schob sich der Mond aus dem Rauch des Horizonts, bald aber funkelte er herrisch hoch am Himmel und spiegelte sich ohne Teilnahme an den Geschicken dieser Erde im Wasser des Kanals, der in der Senkung die Heide durchquerte. Frei und ohne jedes Hindernis stürzte der Wind über die kahle riesige Fläche.

Hier war Georg ganz allein, ganz allein mit seinem Gram. Kein Mensch, kein Tier. Das rote glimmende Licht der Arbeiterbaracke am Rande der Heide war das einzige Zeichen der Nähe lebender Wesen. Zuweilen sauste und pfiff es in der Ferne: ein Eisenbahnzug irgendwo.

In der Stille, unter dem funkelnden Firmament, im Angesicht des kalt blendenden Mondes wanderte Georg dahin, seinen Gedanken hingegeben.

Seit er im Walde arbeitete, hatte er auch nicht eine Stunde Christine und ihr Schicksal vergessen. In den ersten Wochen hatte er versucht, die Erinnerung an sie aus seinem Herzen zu verdrängen. Hatte sie ihn nicht verlassen und betrogen? Aber die schwere Arbeit im Walde hatte ihn ruhiger gemacht. Es war ja nichts erwiesen, nichts wußte er, nichts.

Das Geschwätz eines Betrunkenen, das war alles.

Er hatte an Stobwasser geschrieben und ihn gebeten, sich beim Einwohneramt nach Christines Adresse zu erkundigen. (Erst hier im Walde war ihm eingefallen, daß es polizeiliche Meldestellen gibt.) Stobwasser indessen hatte geantwortet, daß er noch immer krank sei. Sobald er aufstehen könne, werde er Nachforschungen anstellen. Seit dieser Zeit hatte er nichts mehr gehört.

Nun, in vier Tagen sollte er einen zweitägigen Urlaub nach Berlin bekommen. Diese Tage wollte er gut verwenden. Dazu hatte er etwas Geld in der Tasche.

„Sonderbar,“ sagte er zu sich, während er über die stille verlassene Heide wanderte, „eigentlich liebte ich dieses Mädchen anfangs gar nicht so sehr. Ich hatte mich immer nach einer sanften stillen Frau gesehnt, nicht wahr? Und Christine, sie war leidenschaftlich, immer erregt, Tränen und Raserei. Sie hatte mehr Temperament als zehn Mädchen zusammengenommen. Und es schmeichelte meiner Eitelkeit, daß dieses leidenschaftliche, von vielen begehrte und umworbene Mädchen – wo sie auch ging, wandten sich alle Männer nach ihr – sich in mich verliebte. Wie sie flehte, wie sie bettelte, wie demütig sie war. Wie sie um mich warb! Und ich – ich nahm ihre Liebe als etwas Selbstverständliches hin, ihre Leidenschaft, ihre Briefe, alles, als müsse es so sein.“ Er durchlebte in der Erinnerung alle Phasen ihrer Liebelei – denn mehr war es, in den ersten Monaten wenigstens, nicht gewesen. Wie sie ihn mit ihrer sinnlosen Eifersucht, die keine Grenzen kannte, quälte und folterte. Diese ewigen Szenen! Sie lauerte ihm auf, bewachte ihn, wachte über jeden seiner Blicke. Sie war selbst eifersüchtig auf seine Freunde, seine Arbeit, seine Pläne. Katschinskys Freundin, der schönen Jenny Florian, durfte er nicht einmal die Hand geben. Welche Qual! Sie drohte sich ins Wasser zu stürzen, sie drohte ihn zu erschießen. Hundertmal hatte er beabsichtigt, das Verhältnis zu lösen, aus Berlin zu flüchten, wenn es sein mußte ...

„Und nun?“

„Aber wie sonderbar ist der Mensch doch!“ sagte Georg und blieb inmitten der Einsamkeit der Heide stehen. „Seit Christine in ihrer Raserei auf mich geschossen hat, seit diesem Augenblick liebe ich sie über alle Maßen.“

In den letzten Tagen war Lehmann damit beschäftigt, die Umrisse von Buchstaben mit weißer Ölfarbe auf die Schuppenwand zu zeichnen. Seine Pfeife qualmte, und sein junges Gesicht mit den roten Knabenwangen strahlte vergnügt, während er den Pinsel führte. Eines Mittags, als die Männer von der Arbeit zurückkehrten, war die Aufschrift, die in großen, glänzend weißen Lettern die ganze Schuppenwand bedeckte, fertig. Sie lautete:

Gesellschaft Neu-Deutschland! Tod dem Hunger! Tod der Krankheit! Es lebe die Kameradschaft!

Dies war der Tag, an dem Georg seinen Urlaub antreten sollte.

„Leben Sie wohl, Weidenbach!“ rief Lehmann, der seine Malerei wohlgefällig betrachtete. „Und vergessen Sie nicht, wiederzukommen!“

„Ich komme bestimmt zurück!“ erwiderte Georg. Rasch ging er dahin. Die Sonne blinkte, obwohl einzelne Schneekristalle in dem kalten Wind durch die Luft trieben.

25

Die Axt klang im Walde. Die Sägen kreischten, und die elektrisch angetriebenen ambulanten Kreissägen sangen mit einem schrillen Ton vom Grauen des Tages bis zum Einbruch der Nacht. Achtung! Mit krachendem Gesplitter fielen die Bäume, einer nach dem andern. Schon kletterten Leute mit Axt und Säge in den Kronen der gestürzten Bäume, um die Äste zu entfernen. Über die ganze Waldfläche zerstreut lagen die Leichen der gefällten Föhren und Fichten. Es roch nach feuchten Spänen und Harz.

Lehmann, der Einarmige, hatte seine Schar prachtvoll in der Hand und trieb zur Arbeit. Überall war er. Überall war auch Georg Weidenbach, der zu einer Art Unterführer aufgerückt war. Er dirigierte, schrie, gab Befehle, nahm selbst die Axt zur Hand. Sein Gesicht war rot von der Arbeit und vom Frost.

Schon lichtete sich der Wald, und die Heidefläche, die an ihn grenzte, war bereits von den Baracken aus sichtbar. An klaren Tagen sah man auf der Heide kleinere und größere Arbeitsgruppen, bald hier, bald dort, an der Arbeit. Dann und wann ertönte ein dumpfer Knall: sie sprengten die Stubben der Bäume, die vereinsamt auf der Heide gestanden. Meist aber war die Heide in Dunst und Nebel eingehüllt, und man sah nichts.

Die Zahl der Baracken hatte sich vermehrt. Es waren noch zwei große Schuppen dazugekommen, in denen die Belegschaft, über hundert Köpfe stark, hauste. Ein wenig abseits stand eine mächtige Baracke mit einer Reihe großer Fenster, die, sobald es dunkel wurde, ihr Licht wie große Scheinwerfer in die Finsternis warfen. Auch hier kreischten und sangen die Sägen. Eine Schar von Tischlern und Zimmerleuten war hier an der Arbeit, und Martin, der Zimmermann, der in den ersten Wochen bleich und elend in der Baracke lag, war hier Meister. Zwei große Schuppen waren noch geplant. Glückshorst sollte eine der großen Tischlereien der Gesellschaft werden. Sie machten da drinnen Fenster und Türen, Stühle und Bänke, Tische, primitive Pritschen zum Schlafen, immer die gleichen Maße und Größen.

In dem kleinen alten Schuppen, in dem die Holzfäller anfangs gehaust hatten, befand sich heute nur noch die Küche, wo Mutter Karsten mit den Töpfen rasselte. Bei ihr hauste noch eine stämmige Bäuerin, die aus dem Dorf zu ihr gekommen war. Dazu hatte Mutter Karsten Gehilfen, die sie schalt und anspornte. Man konnte nie flink genug bei ihr sein, ohne jede Pause ging ihr rasches Mundwerk.

Neben der Küche hatte sich Lehmann eingerichtet. Er hatte dort eine Pritsche mit einem Strohsack und einer Pferdedecke, einen Tisch und einen Stuhl, wie sie in der Tischlerei hergestellt wurden. Auf dem Tisch stand das Telephon, das vom Morgen bis zum Abend klingelte. Das Bureau war voller Pläne, Rollen und Bücher. In all der Unordnung saß Lehmann, die Pfeife im Munde, und lächelte und wühlte in den Papieren. Oh, er war zufrieden. Die Station Glückshorst, seine Station, war tüchtig in Schwung gekommen. Die Zentrale hatte ihn beglückwünscht und ihm eine große Karriere prophezeit. Und darüber freute sich Lehmann. Er war früher Offizier gewesen, lange ohne Brot und Stellung und hatte eine Mutter und zwei Schwestern zu erhalten. Für sich selbst brauchte er nichts. Ein Paket billigen Tabaks, das war alles.

An der Türe seines Bureaus schlug Lehmann jeden Morgen die Vakanzen der Berliner Arbeitsnachweise an und musterte dann die Leute aus, die sich für die Vakanzen meldeten. „Du wirst noch vierzehn Tage hierbleiben, du bist erst gekommen. Wir wollen diesen Freund da hinschicken. Er hat Frau und Kind in Berlin sitzen. Und dich, Moritz, kann ich hier nicht entbehren, dich brauche ich hier. Mit dir habe ich ganz besondere Dinge vor, warte nur, bald sollst du es hören.“

Moritz stand mit breiten Schultern und wölbte die Brust und wurde rot über das Lob. Täglich gingen Leute nach Berlin zurück, und andere Arbeitslose kamen. Manchmal waren es zehn, manchmal zwanzig, manchmal mehr.

Die Neuankömmlinge mußte Georg in die einzelnen Kolonnen einreihen. Es gab leichtere und schwerere Arbeiten, Arbeiten, die jeder Dummkopf leisten konnte, und Arbeiten, die etwas Verstand verlangten. Georg hatte es gelernt und wußte mit einem raschen Blick die Fähigkeiten der einzelnen Leute einzuschätzen. Die Musterung dauerte keine fünf Minuten, und schon ging es an die Arbeit.

Georg war – als er den zweitägigen Urlaub erhielt – in Berlin gewesen. Aber seine Reise war völlig ergebnislos verlaufen. Bei den polizeilichen Meldestellen wußte man nichts von Christine. Er war auch nochmals in dem düsteren Hause bei dem Schlosser Rusch gewesen, da er hoffte, der Schlosser könne ihm, im nüchternen Zustande, nähere Auskunft geben. Und wenn nicht er, so vielleicht irgendein Hausbewohner. Alles vergeblich. Die Stunden vergingen schnell. Sein Urlaub war nur kurz, und es reichte kaum noch zu einem kurzen Besuch bei Stobwasser, den er immer noch hustend und frierend in seiner kalten Werkstatt vorfand.

Georg war schon völlig ohne Hoffnung, als er plötzlich einen Brief von Stobwasser erhielt. Seht an, das erste Wort, das Georg in die Augen sprang, war der Name Christines. So also war es: Katschinsky hatte es Stobwasser berichtet. Die schöne Jenny Florian, die Schauspielerin, jetzt bei der Odysseus-Film-Gesellschaft als Diva engagiert, hatte vor mehreren Wochen eine Nachricht von Christine aus Berlin erhalten. Unglücklicherweise aber war die schöne Jenny auf Reisen, sie filmte in Italien. Erst in einigen Wochen wurde sie zurückerwartet.

So hieß es, sich gedulden.

Eine Hoffnung! Ein Strahl von Hoffnung! Georg stürzte sich in die Arbeit, damit die Tage vergingen. Plötzlich schlug sein Herz wieder freier.

26

Der Winter war bis jetzt ziemlich mild gewesen. Reif, einige Frostnächte unter dem blitzenden Mond, das war alles. Nun aber war in der Nacht heftiger Schneefall eingetreten. Weiß und weich lag die Landschaft, völlig verändert. Es schneite auch am Tage, nicht besonders heftig, aber gegen Abend fiel der Schnee in ganzen Tonnen vom Himmel herunter. Am Morgen waren die Baracken fast einen Meter tief in den Schnee gesunken. Auf den Bäumen hingen ganze Fahnen von Schnee, und die Sonne glitzerte.

Man mußte Wege ausgraben. Die Tischler und Zimmerleute forderten eine besondere Kolonne an, da sie bis zum Bauch im Schnee zu ihrer Werkstatt waten mußten.

Wie wird es mit der Post und den Zeitungen und den Briefen? Die Radfahrer können unmöglich durchkommen. Aber siehe da, schon kamen die Boten an. Es waren jetzt sechs fröhliche junge Burschen, die den Dienst mit Begeisterung versahen. Sie kamen auf Skiern! Bestaunt und bewundert. Viele der Arbeiter, die diesen eifrigen jungen Leuten, die freiwillig Dienst taten, nicht grün waren – sie hielten sie für Mitglieder reaktionärer Verbände –, sahen sie von diesem Tage an mit anderen Augen an. Man denke: auf Skiern waren sie gekommen. Solche Teufelskerle!

Immer noch schneite es. Man mußte den Schnee von den Dächern fegen, sie bogen sich unter der Last. Aber die Arbeit erfrischte und ermunterte. So sonderbar es war, man sah in diesen Tagen nur heitere Gesichter.

Nun fing der Wind an zu fegen, und das war gut, denn er fegte die Straße frei und wehte den Schnee hinunter in den Kanal.

„Ein wahres Glück, Weidenbach,“ sagte Lehmann, „ist dieser Wind, denn die Stubben müssen heraus. Wir müssen die Sprenglöcher bohren.“

Nun knallte es wochenlang im Walde. Die Stubben flogen in die Luft.

Auch dieses Knallen, diese Stimme der Arbeit belebte und ermunterte. Laut und fröhlich ging es bei den Mahlzeiten her. Nur jene, die erst vor wenigen Tagen aus Berlin gekommen waren, ausgehungert, verstört, müde, verhielten sich noch still und stumpf.

An den Abenden aber herrschte in den Baracken starker Tumult. In der Tat, in keiner der Kneipen der Berliner Vorstädte, wo am Abend müde und verbrauchte Menschen verkehrten, herrschte eine solch ausgelassene Fröhlichkeit.

Die Spielkarten klatschten. Neckereien, allerhand Unfug, Gelächter.

Noch immer stand der Schlächter-Moritz im Mittelpunkt der Gesellschaft. Jeden Abend gab es ein lustiges Geplänkel zwischen ihm und Mutter Karsten. Moritz faßte die Alte unterm Kinn, verdrehte verliebt die Augen und sagte: „Nun, Großmutter, wann werden wir endlich Hochzeit feiern?“

„Oh, du loses Maul,“ erwiderte die Alte, „eine alte Frau zu verspotten, du Schlingel! Siehst du nicht meine Runzeln und daß ich keine Zähne mehr habe. – Hier hast du etwas!“ Und Moritz erhielt eine schallende Ohrfeige.

Aber die Bäuerin, die aus dem Dorfe gekommen war und Mutter Karsten beistand, seht an! Sie war eine Frau von ungefähr vierzig Jahren, derb, aber noch gut aussehend. Mit ihren vorstehenden glänzenden Augen folgte sie jeder Bewegung des Schlächters, und Moritz begann, ihr Augen zu machen. Schon stieß man sich an und machte Scherze.

An den Sonntagen sah man ihn häufig in der Küche sitzen, wo er die Kessel fegte. Die besten Bissen wurden ihm zugesteckt.

Ein kleiner, bleicher Geselle mit wachsgelbem Gesicht war vor kurzem in die Baracke gekommen. Er war von Beruf Schneider und spielte vorzüglich die Mundharmonika. Er spielte, und Henry Graf, der Kellner, begann seinen Niggertanz zu tanzen. Alle Wetter! Bravo! Er rückte einen kleinen steifen Hut aufs Ohr, schwang eine Gerte als Stöckchen, und wie schnell gingen seine Füße, man konnte sie kaum verfolgen. Dann begann er zu stampfen, die Absätze zu schleudern, und nun sang er in einer Sprache, die niemand kannte. Manchmal sah es aus, als falle er seitlich um, aber er tänzelte graziös dahin, das Hütchen kokett schwingend. Diese Nummer war stets ein großer Erfolg. Der größte Erfolg aber in den letzten vierzehn Tagen war der Boxkampf, den Moritz mit einem neuangekommenen hageren, düsteren jungen Mann auskämpfte. Dieser Hagere behauptete ein Boxer zu sein. Er renommierte und prahlte, daß er schon da und dort öffentlich im Ring erschienen sei. Niemand glaubte es, auch Moritz nicht. Ohne jeden Zweifel war Moritz der stärkste Mann im Lager, und er empfand es als einen Angriff auf seine Stellung, wenn der Hagere so unverschämt renommierte.

„Ein Boxer willst du sein? Du siehst nicht aus, als ob du weit kämest.“

„Nun gut, versuche es. Ich boxe auch mit dir.“

„Ah, ein Boxkampf!“

Alle versammelten sich im Kreise. Eine solche Sensation war noch nie dagewesen. Der Hagere zog den Rock aus, und Moritz schlüpfte aus seiner gestrickten Wollweste. Und da alles seine Ordnung haben mußte, wurde Georg zum Schiedsrichter erwählt.

„Über wieviel Runden soll der Kampf gehen?“

Der Hagere wackelte mit dem Knie. „Über zwanzig Runden, je drei Minuten.“ Alle Teufel!

Moritz aber übertraf ihn. Er wölbte die Brust und warf nach allen Seiten Blicke. „Wir boxen, bis einer ausgezählt wird,“ sagte er.

„Bravo, Moritz!“ Das war mehr, als man erwarten konnte. Ungeheure Erregung.

Es muß gesagt werden, daß Moritz nach fünf Runden, elend zusammengeschlagen, aufgeben mußte. Die Bäuerin aus dem Dorfe aber war dunkelrot und warf dem Hageren wütende Blicke zu.

Häufig prallten die Meinungen so heftig aufeinander, daß die Baracke in Wahrheit zu toben begann. Politische Gespräche waren in der Baracke verfemt. Lehmann entließ zwei junge Burschen, die offenbar nur in der Absicht in die Baracke gekommen waren, um Agitation zu treiben.

„Die Gesellschaft Neu-Deutschland kennt keine Parteien und keine Konfessionen, und wer in dieser Beziehung nicht pariert, fliegt augenblicklich hinaus. Ich habe strengsten Befehl und verstehe in dieser Beziehung keinen Spaß!“

An jedem zweiten Sonntag aber kam das Filmauto, immer mit großem Jubel empfangen. Drei Stunden lang wurden Filme vorgeführt, und die Männer, die einsam im Walde hausten, konnten sich nicht sattsehen. Lustspiele, Trauerspiele, alles durcheinander. Die Filme flimmerten schon stark und waren etwas zerschlissen, aber das war den Zuschauern einerlei. Den Schluß bildeten immer Filme, die die Stätten der Arbeit zeigten: Bergwerke mit sausenden Rädern und riesigen Fördermaschinen, Werften, wo die Arbeiter in den Eisengerüsten kletterten, Maschinenhallen, Gießereien, und am Schluß erschienen stets Filme der Gesellschaft Neu-Deutschland. Siedlungen, kaum begonnen, Siedlungen, in denen die Häuser emporwuchsen, Gärten, Siedlungen wimmelnd von Menschen, neue Werkstätten, kleine, völlig neue Städte ...

27

Es ist nur natürlich, daß sich alle möglichen Personen für das Lager interessierten.

Eines Tages kamen zwei merkwürdig aussehende Männer in einem alten Auto an. Sie gingen zu Lehmann ins Bureau und kamen nach einer Weile wieder heraus, um die ganze Arbeitsstätte eingehend zu besichtigen. Sie gingen in die Tischlerwerkstätte und erschienen wieder. Sie besuchten die Kolonne, die die Bohrlöcher bohrte, und schienen sich für alles zu interessieren, auch für jeden einzelnen Mann, denn sie sahen jedem mit raschem Blick ins Gesicht. Ganz plötzlich standen sie neben Henry Graf, dem Kellner.

Einer der Männer sagte: „Herr Bollmann.“

Sofort drehte sich Henry Graf herum. Ah, seht an, er hieß gar nicht Henry Graf. Und weshalb wurde der Kellner so bleich?

„Da sind Sie ja wieder, Bollmann,“ sagte der zweite der Männer. „Kommen Sie mit uns!“

Henry Graf machte eine verzweifelte Gebärde. Er war weiß geworden wie der Schnee im Walde. „Nun wollte ich ja arbeiten!“ schrie er. „Seht an!“

Der eine der Herren aber sagte: „Noch zwei Jahre, dann sind Sie frei.“

Es war also alles klar, man wollte den Kellner mitnehmen. Die Kameraden strömten herbei und umringten die Kommissare und den Verhafteten.

Moritz legte die Hand auf die Schulter des einen Kommissars. „Lassen Sie ihn doch hier, Herr Kommissar, er ist doch ein wirklich guter Kamerad.“

Auch die übrigen Männer verlegten sich aufs Betteln. Der Schlosser aber nahm ein paar Zigaretten aus der Tasche und wollte sie einem der Herren zustecken.

„Machen Sie keine Geschichten,“ flüsterte er dem Kommissar zu. „Drücken Sie ein Auge zu, Herr Kommissar. Ist denn wirklich nichts zu machen?“

Nein, es war wirklich nichts zu machen. Ein Trupp gab dem Kellner bis zum Auto das Geleit.

„Nun sieh zu, daß du bald wiederkommst! Beiß die Zähne zusammen. Es ist ja nicht so schlimm!“

„Ja, ich komme bestimmt wieder!“ Und sie sahen dem Auto nach, bis es verschwand.

Was mochte Henry Graf ausgefressen haben? Und noch zwei Jahre, sagte der Kommissar? War er ausgerückt? Welch ein Pech, daß sie ihn gefunden hatten!

An diesem Abend war es verhältnismäßig ruhig in der Baracke. Immer wieder sprach man von den Kommissaren und dem Auto und Henry Graf, der eigentlich Bollmann hieß.

„Und wie töricht, hast du gesehen, er drehte sich gleich um, als sie Bollmann zu ihm sagten. Er hätte einfach davonlaufen sollen.“

„Konnte er denn ahnen, daß es Polizisten waren? Jeder Mensch hielt sie für Bauleute. Natürlich konnte Henry das nicht ahnen. Nein, solch ein Pech!“

Und alle sprachen davon, wie Henry tanzte, mit dem Stöckchen und dem kleinen steifen Hut, wie man glaubte, daß er umfalle, wie er dicht am Boden kauerte und das Hütchen über dem Kopfe schwang und einmal den linken und einmal den rechten Absatz herausschleuderte und dazu in einer fremden Sprache sang. Nein, nein, war das möglich? Und nun also saß er im Kittchen.

Der Schneider wollte ein Konzert auf seiner Mundharmonika geben. Er kam aber nicht weit. „Hör’ auf, hör’ auf!“ klang es von allen Seiten.

So war es also nichts mit dem Konzert. Man spielte verdrießlich Karten, um die paar Abendstunden totzuschlagen, und wickelte sich frühzeitig in die Decken.

Es passierten noch andere Dinge im Lager Glückshorst. Da war zum Beispiel dieser kleine alte Maurer. Man erinnert sich, er trug einen Hut, einen großen Schlapphut mit den Resten einer Pleureuse daran. Er war alt und lief den andern nur in den Weg und störte bei der Arbeit, und wenn er ging, so wackelte sein hängender Hosenboden. Dieser alte Maurer, der eines Abends von seinem Gärtchen erzählt hatte und zum Ergötzen der Kameraden den Versuch machte, die Stimme einer Nachtigall nachzuahmen, er war eines Abends verschwunden. Man bemerkte es nicht. Erst am andern Morgen fiel es seinem Nachbar auf, daß das alte Männchen fehlte. Nun gab es im Lager natürlich dann und wann Durchbrenner, die sich mit der Einsamkeit im Walde und mit den Arbeitsbedingungen der Gesellschaft nicht aussöhnen konnten. Aber er, der Alte, ganz unmöglich! Viele Wochen war er schon da.

Man suchte also, und man sah Fußstapfen, Schritte, die in den Wald hineinführten, immer tiefer. Und dort also, an jenem Baum, da hing er. Der Alte hatte sich erhängt.

Am Baum war ein Zettel befestigt, worauf stand: „Alles, was ich erarbeitet und erspart hatte, habe ich verloren. Ich bin zu alt, um von vorn anzufangen. Betet für meine Seele!“

Es gab eine richtige Beerdigung im Walde. Zuerst wollte man ihn im Friedhof des Dorfes begraben. Aber nach einer längeren Debatte am Abend mehrten sich die Stimmen, die für eine Bestattung im Walde waren.

„Er wird lieber bei uns sein wollen als bei den dummen Bauern im Friedhofe. Hier außen hat er seine Ruhe, und vielleicht kommt eine Nachtigall zu ihm.“

„Wie soll eine Nachtigall hierherkommen?“ fragte der Schlosser.

„Du hast noch immer nicht verstanden!“ schrie ihn der Schlächter-Moritz an. „Weshalb sollen keine Nachtigallen hierherkommen, wenn es doch sogar in Berlin Nachtigallen gibt.“

„Gewiß hat er recht. Auch hierher werden Nachtigallen kommen,“ erklärte Georg.

So kam also die Stunde der Beerdigung heran. Punkt zwölf Uhr kommandierte Lehmann: „Sammeln zum Leichenbegängnis!“

Dann trotteten sie in den Wald hinein. Lehmann hielt sogar eine richtige Rede, wobei er heftig den einen Arm schwang. Alle fanden diese Rede sehr schön. Er sprach davon, daß der tote Kamerad einer der vielen Tausende sei, die ihrem Leben ein Ende gemacht hätten, weil sie es einfach nicht mehr ertrugen. Während die Betrüger und Spekulanten in die Höhe kamen, hatte man ehrwürdige Leute wie unsern toten Kameraden einfach in den Dreck hinabsinken lassen, ohne auch nur eine Hand zu rühren. Erst die Gesellschaft „Neu-Deutschland“ schaffe Wandlung. Sie sei spät gekommen, aber doch nicht zu spät. „Unser toter Kamerad“, schloß Lehmann, „ist ebensogut ein Opfer des Krieges und der Revolution wie irgendein General oder Minister. Über seinem Grabe werden glücklichere Menschen wandeln, als er einer war.“

Dann trat er vom Grabe weg, zündete sich die Pfeife an, und die Feierlichkeit war beendet.

Die Rede hatte gut gefallen und wurde am Abend lebhaft diskutiert. Besonders die Stelle mit dem Minister und General fand Anklang, war der Alte doch nur ein armer Maurer gewesen. Sie fanden, daß Lehmann, obwohl er früher Offizier war, ein umgänglicher Mann sei, mit dem sich auskommen ließ.

So schnell, wie der Schnee gekommen war, so schnell verschwand er. Ein warmer Wind kam vom Süden, und es tropfte und rieselte von den Bäumen. In ein paar Tagen war vom Schnee nichts mehr zu sehen. Die Sonne schien, und zum ersten Male zog der Schlächter-Moritz seine braune Strickjacke aus, er schwitzte.

Die Sonne und der warme Wind hatten rasch den Frost aus dem Boden vertrieben, und die Erde trank das Schneewasser gierig in sich.

Kaum war der Boden einigermaßen trocken, so begann es draußen auf der Heide zu knattern und zu prasseln, als ob Flugmaschinen über die Erde surrten. Eine Kolonne von Traktoren hatte die Arbeit aufgenommen. Tag für Tag sah man sie quer über die Heidefläche ziehen. Erst schleppten sie mächtige Pflüge, dann schleppten sie mächtige Bodenfräsen, die die Erde zertrümmerten und zerschnitten, dann schleppten sie Düngerstreumaschinen, dann Eggen und Walzen. Wochenlang dauerte es. Immer sah man diese Kolonnen wie merkwürdige Raupen über die Heide kriechen.

„Immer vorwärts!“ schrie Lehmann. „Es wird gar nicht so lange dauern, dann haben wir sie hier!“

Noch ein anderes Ereignis fiel in diese Zeit, das in den Baracken eifrig besprochen wurde.

Eines Tages kam in schneller Fahrt von Glücksbrücke herüber ein Auto, das in einem ganz auffallenden Tempo dahinflog und mit einem Ruck stehenblieb. Bisher hatte man so ein Auto im Lager noch nicht gesehen, denn die Wagen der Gesellschaft, die gelegentlich kamen, waren ausrangierte alte Kasten.

Aus dem Auto stiegen vier Herren, darunter ein hochgewachsener, breitschultriger Mann in einem alten Regenmantel und ein etwas schiefgewachsener blaubleicher Herr in einem langen Pelz.

Kaum hatte Lehmann die Herren erblickt, als er in großer Eile auf sie zuging. Er nahm die Pfeife aus dem Munde und verbeugte sich! Das war bisher noch nicht beobachtet worden, daß Lehmann so große Höflichkeit zeigte. Er verbeugte sich zuerst vor dem hochgewachsenen Herrn, dann vor dem kleinen Schiefgewachsenen mit dem blaubleichen Gesicht. Man drückte sich gegenseitig die Hand, und schon kam die Gruppe über das Arbeitsfeld geschritten. Lehmann erklärte dem hochgewachsenen Herrn mit weitausholenden Armbewegungen dies und jenes – er schien wirklich aufgeregt zu sein. Die Herren besuchten die Baracken, die Küche, die Tischlerei besahen sie, alles. Sie sprachen auch mit dem und jenem, der gerade in der Nähe war, und blieben hierauf noch eine halbe Stunde in Lehmanns Bureau. Dann stiegen sie wieder in den Wagen, und mit einem Ruck fuhr das Auto an und jagte die Landstraße hinunter.

„Ei der Tausend, das waren gewiß ganz besondere Leute! Waren es Direktoren der Gesellschaft? Und dieser verwachsene, bleiche, alte Mann, sah er nicht aus, als sei er eben aus dem Sarge gestiegen? Und dieser Große mit dem braunen Gesicht!“

„Wer sind die Herren gewesen?“

„Das war der Chef,“ erwiderte Lehmann, der noch ganz erregt war und eifrig die Pfeife paffte.

„Wer war der große Herr?“ fragte Georg, den das ruhige und klare Gesicht interessiert hatte.

„Das war Schellenberg,“ antwortete Lehmann. „Und der kleine Alte war der Geheimrat Augsburger, ein früherer Bankier, der der Gesellschaft sein ganzes Vermögen vermacht hat. Er leitet jetzt den finanziellen Teil.“

„Wie stehst du da?“ schrie der Schlächter-Moritz den krummbeinigen Schlosser an. „Stundenlang hast du damit geprahlt, daß du bei Schellenberg gearbeitet hast, ein halbes Jahr lang! Und nun war dieser Schellenberg hier, und du hast ihn nicht erkannt.“

Der Schlosser schwankte auf seinen krummen Beinen, schob die Mütze ins Gesicht und kratzte sich hinter dem Ohr. „Es war nicht der Schellenberg, bei dem ich arbeitete,“ stotterte er, denn, wie gesagt, er hatte sich aufs tiefste blamiert und stand als ein elender Renommist da. „Er kam mir bekannt vor. Es war Schellenberg, und es war doch nicht Schellenberg.“

„Unterstehe dich nicht, wieder mit deinen Geschichten zu prahlen,“ drohte Moritz mit seiner großen Faust. „Hörst du? Es ist eine Schande, und was hat er uns alles vorgeschwindelt!“

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