Drittes Buch
Reading edition
1
Im Herbst reiste Wenzel in Geschäften nach Holland, England und Amerika. Als er zurückkehrte, sah es in Deutschland schon winterlich aus. In Kuxhaven schneite es, und zwischen Hamburg und Berlin waren die Felder schneeweiß. Der Winter setzte außerordentlich früh ein.
Kaum in Berlin angekommen, stürzte sich Wenzel in die Arbeit. Er hatte Pläne mitgebracht, du lieber Himmel. Selbst Goldbaum, der an manches gewöhnt war, verschlug es die Sprache. Tochtergesellschaften in England und Amerika, Neugründungen, ein deutsch-amerikanischer Konzern riesenhaften Ausmaßes war im Entstehen. Aber auch in bezug auf Zerstreuungen hatte Wenzel viel nachzuholen. Feste, Spiel, Theater, Frauen. Die Wochen flogen dahin.
In dieser Zeit sah man Wenzel fast jeden Abend in der Gesellschaft Jennys. Jenny in immer neue kostbare Gewänder, Umhänge, Mäntel gekleidet.
Wenige Tage vor Weihnachten speiste er mit ihr und einem dicken holländischen Bankier im Adlon. Sie plauderten und unterhielten sich vorzüglich – plötzlich aber rauschte eine Dame durch den Saal, die alle Blicke auf sich zog. Die Dame trug eine Struwwelpeter-Frisur, lackrot glänzend, wie Goldfische, die sich rasch bewegen. Sie war schlank, groß, ihr fast magerer Körper in eine kühne, extravagante Robe eingehüllt. Ihr Profil, hochmütig in die Luft geworfen, war kühn, ja verwegen. Zwei hagere Herren begleiteten sie, offenbar Engländer oder Amerikaner. Geschmeide blitzte, herausfordernd war ihr Gang, die ganze Verwöhntheit und Arroganz ihrer Kaste umgab sie.
Ihre Stimme traf Wenzels Ohr – und augenblicklich horchte er auf. Er kannte diese Stimme, obschon sie englisch sprach. Und plötzlich fiel ihm ein, wer diese Frau war, der die Blicke aller Männer und Frauen folgten.
Seine Augen begannen sonderbar zu brennen.
„Oh,“ rief der dicke Holländer bewundernd aus.
„Wer ist diese Dame?“ fragte Jenny, der Wenzels Erregung nicht entging. (Später erinnerte sie sich deutlich der Beklemmung, die sie in diesem Augenblick befiel.)
Wenzel tat gleichgültig. Er zuckte die Achsel. „Fast hätte ich sie nicht wiedererkannt,“ sagte er. „Sie hat jetzt rötliches Haar, früher war sie brünett. Es ist die Tochter des alten Raucheisen, Esther Raucheisen, jetzt Lady Weatherleigh.“
Vor Jahren war Wenzel auf ihrer Hochzeit gewesen, auf dem Schloß des alten Raucheisen, Charlottenruh. Oh, nicht als Gast, keineswegs. Als Automat, als Sekretär Raucheisens hatte er allerlei kleine Dienste zu verrichten, Pässe, Papiere zu besorgen, Telegramme zu senden. Er war nicht einmal zur Tafel geladen gewesen. Esther hatte Sir John Weatherleigh, Sohn des Reeders Weatherleigh in London, geheiratet und war seit etwa einem Jahre geschieden. Die Ehe war nicht glücklich. Sir John, ein hübscher, blonder, gutgekleideter und korrekt gescheitelter, nichtssagender Junge, machte sich, so erzählte man, nichts aus Frauen. Also war Lady Weatherleigh, war Esther Raucheisen wieder in Deutschland.
Diese Frau, umsprüht vom Glanz ihres Reichtums und ihrer Extravaganzen, beschäftigte ihn von diesem Augenblick an. Er hatte an diesem Abend noch eine sehr wichtige geschäftliche Konferenz, aber er war zerstreut, müde und bat, die Besprechung auf morgen zu verschieben. Wenzel Schellenberg müde! Goldbaum sah ihn erstaunt an. Es war das erstemal, daß Wenzel etwas verschob. Er, der sonst nicht vor Konferenzen zurückschreckte, sollten sie auch bis zum frühen Morgen dauern.
Was, zum Henker, mochte in ihn gefahren sein?
Wenzel war nachdenklich. So sonderbar es war, er konnte nicht mehr vergessen, wie diese Frau durch den Speisesaal ging. Welch ein Gang war das doch!
Esther Raucheisen war also wieder in Berlin. Sie war eigentlich nicht schön, wenn man es genau überlegte. Aber sie hatte Rasse, ihre Mutter war Engländerin alten Adels. Ihr Profil kühn, fast leichtsinnig, gab zu denken. Sah man sie aber von vorn, so erschien das Gesicht plötzlich nachdenklich, geheimnisvoll, rätselhaft. Sie hatte große graue Augen und einen schönen, etwas herrischen Mund. Ihre Backenknochen waren betont, die Wangen kantig geschnitten – so wenigstens hatte er sie in der Erinnerung. Sie war launisch, verwöhnt, unberechenbar, ein Geschöpf ihrer Kaste. Plötzlich aber kam Wenzel dieser sonderbare, launenhafte Einfall: Diese Esther Raucheisen, sagte er sich nachdenklich, ist gewiß eine Frau, wert, sie zu erobern. Es war eine Sache, wie? Nicht ihr Reichtum würde mich interessieren, dieser Besitz bedeutet Belastung. Nein, die Frau allein, auch wenn sie nicht einen Pfennig besäße! Und wie amüsant wäre es, der alte Raucheisen würde Gift und Galle speien!
Dieser Gedanke versetzte Wenzel in strahlende Laune. Am nächsten Abend ging er mit Jenny in den Zirkus, und nach der Vorstellung speisten sie zusammen in Jennys Villa. Seit langem hatte Jenny Wenzel nicht bei so prachtvoller Laune gesehen.
2
In den nächsten Tagen aß Wenzel jeden Mittag und Abend im Adlon. Endlich erschien Esther wieder. Sie erwiderte seinen Gruß verletzend kühl, mit hochmütig hochschnellenden Brauen. Hinter ihrer launischen Stirn arbeitete es, sie dachte nach. Aber plötzlich schien sie sich seiner zu erinnern. Sie öffnete die Lippen und lächelte. Später begrüßte er sie. Sie wechselten sechs Worte, und Wenzel verließ den Saal.
Am nächsten Tag war Esther Raucheisen nicht mehr im Hotel. Sie war abgereist, nach Sankt Moritz, Stolpe stellte es fest.
Von diesem Augenblick an war Wenzel völlig verändert. Er war finster, grübelte.
Stolpe erhielt einen Auftrag, der ihm außerordentlich willkommen war. Er mußte heraus aus Berlin, und so nahm er Wenzels Order, sofort nach Sankt Moritz zu reisen, mit vergnügten Bücklingen entgegen.
Drei Tage später lief sein Bericht ein: Esther Raucheisen war im Hotel Carlton abgestiegen. Sie trieb viel Sport und befand sich meistens in der Gesellschaft eines englischen Majors Fairfax und des bekannten Pariser Bankiers Monsieur Blau. Stolpe hatte Zimmer bestellt.
Mackentin erhielt den Auftrag, die Vorbereitungen zur Reise zu treffen.
Wenzel befahl einem Sekretär, ihn mit dem Anwalt zu verbinden, der seine Scheidung bearbeitete. Er erkundigte sich bei dem Anwalt, wie weit die Angelegenheit gediehen sei.
Es zeigte sich, daß die Sache auch nicht um einen Schritt vorwärts gekommen war. Der Anwalt hatte offenbar nicht das geringste unternommen. Nach wie vor sträubte sich Lise gegen die Scheidung. Wenzel hatte ihr eine hohe Abfindungssumme angeboten. Sie verlangte das Sechsfache.
„Schicken Sie mir Ihre Liquidation!“ rief Wenzel ins Telephon. Seine Stimme klang nicht gerade höflich.
Am gleichen Tage noch konferierte er mit einem Anwalt, der ein hervorragender Spezialist in Scheidungsangelegenheiten war. Dieser Anwalt hieß Vollmond. Er war schlicht, nüchtern, ruhig. Wenzel trug ihm seine Angelegenheit vor, und Vollmond schoß wie aus der Pistole kurze Fragen gegen ihn ab.
„Es wird gehen, Herr Schellenberg,“ führte Vollmond hierauf in seiner hastigen Sprechweise aus. „Wir setzen den Hebel bei den Kindern an. Wir werden Frau Schellenberg drohen, ihr die Kinder wegnehmen zu lassen. Wir werden den Nachweis erbringen, daß die Lebensführung von Frau Schellenberg nicht geeignet ist, die Erziehung der Kinder günstig zu beeinflussen.“
Wenzel unterbrach ihn. „Ich möchte, wenn es geht, diesen Weg nicht einschlagen.“
„Dieser Weg ist der einzige, der rasch zum Ziele führt,“ entgegnete der Anwalt. „Ich betrete ihn selbst nicht gern, man ist doch ein Mensch. Aber solch hartnäckigen Frauen gegenüber bleibt etwas anderes nicht übrig. Wir werden Frau Schellenberg beobachten lassen, sind Sie damit einverstanden?“
„Auch das möchte ich gern vermeiden.“
„Dann werden Sie die Scheidung nie erreichen! Also Sie stimmen zu? Wir werden Frau Schellenberg beobachten lassen und dann unsere Trümpfe ausspielen. Es geht nicht anders, glauben Sie mir. Ich habe hundert derartige Fälle bearbeitet. Ich werde Sie auf dem laufenden halten, Herr Schellenberg.“
Schließlich pflichtete Wenzel allen Vorschlägen des Anwaltes bei. „Es ist ja möglich, daß ich mich wieder verheiraten möchte,“ sagte er lachend.
„Ich verstehe Sie, Sie wollen in erster Linie klare Verhältnisse.“
Wenzel spielte nur mit dem Gedanken einer möglichen Heirat. Aber auf jeden Fall traf er bereits seine Vorbereitungen. Seit einem vollen Jahre hatte er seine Scheidungsangelegenheit völlig außer acht gelassen.
Mackentin hatte ein Flugzeug bestellt. Um zehn Uhr morgens waren die Koffer verstaut, und zehn Minuten später hob sich die Maschine in die Luft. Schon begann Mackentin die Handtasche zu öffnen, die er mit in die Kabine gebracht hatte. Er entnahm ihr eine Flasche Sherry, zwei Gläser und ein Schachbrett. Sie hatten kaum das Weichbild von Berlin verlassen, als sie schon eifrig im Spiel waren. Mackentin rieb sich die Hände. Endlich einmal eine ruhige Partie!
Mit Behagen steckte er seine Zigarre in Brand.
Der Pilot schob einen Zettel in die Kabine: „Das Rauchen ist untersagt.“
Wenzel antwortete ihm auf einem Zettel: „Bauen Sie Ihre Kähne so, daß sie nicht brennen können!“
Über Leipzig zeigte es sich, daß Wenzel einen groben Fehler gemacht hatte. Er fluchte und gab die sorgfältig angelegte Partie auf. Sofort begannen sie ein neues Spiel. Über dem Fichtelgebirge kamen sie in ein Schneetreiben, aber das kümmerte sie nicht. Als sie über Nürnberg waren, schien die Partie für Wenzel sehr günstig zu stehen, aber als sie den Bodensee überquerten, zeigte es sich, daß Mackentin listig und verschlagen einen Ausweg gefunden hatte. Er erzwang den Damenabtausch, und Wenzels Siegesaussichten waren nur noch gering. Mackentin versuchte verzweifelt ein Remis zu erzwingen. Aber Wenzel kämpfte heroisch, während die Maschine über schneebedeckte, glitzernde Gebirgszüge dahinflog. Schließlich blieb ihm indessen nichts anderes übrig, als die Partie remis zu geben.
„Welcher Wahnsinn!“ schrie Wenzel wütend. „Ich hatte die Partie schon gewonnen!“
„Hahaha!“ Mackentin packte vergnügt seine Handtasche zusammen. „Und hier ist ja schon Sankt Moritz!“ sagte er und deutete auf ein gleißendes Gebirgsmassiv, das, eine ganze Provinz aus Eis und Schnee, vor ihnen lag. „Die Berninagruppe.“
Der Motor schwieg, und die Maschine tauchte sanft in den blendenden Sonnenschein hinab.
„Man könnte glauben, man sei in New York!“ rief Mackentin aus, als die Maschine an den vielstöckigen Hotels entlangstrich, deren tausend Fenster in der Sonne funkelten.
„Und da ist Stolpe!“ Mackentin deutete auf eine winzige Gestalt, die mit komischer Hast über das besonnte Schneefeld torkelte. „Wie er läuft!“
Sie waren angekommen.
3
Und da war in der Tat der kleine Stolpe, atemlos, strahlend, kupferrot gebrannt von der Sonne. Die Haut schälte sich von seiner Nase.
„Alles in Ordnung?“ fragte Wenzel.
„Alles in Ordnung,“ erwiderte Stolpe. „Ich habe die Gunst des Portiers mit dreihundert Franken gekauft und glücklich die Zimmer erhalten. Und hier kommt der Schlitten!“
Wenzel hatte im Hotel kaum den Koffer ausgepackt, als die Sonne hinter den Berggipfeln verschwand. Das Berninamassiv flammte düster auf, dann aber fiel rasch schwärzeste Finsternis über das Tal. Wenzel speiste auf dem Zimmer und legte sich früh schlafen, nachdem er an Jenny ein kurzes Telegramm abgesandt hatte. Seit Monaten kam er zum erstenmal wieder frühzeitig ins Bett. Er schlief bis in den hellen Morgen hinein, volle zwölf Stunden, ohne auch nur ein einziges Mal zu erwachen. Als er, wundervoll ausgeruht, aus dem Hotel trat, mußte er geblendet die Augen schließen.
Der weite Talkessel, in dem Sankt Moritz winzig und versteckt liegt, fing wie ein Hohlspiegel die Sonne auf, um sie in tausend blitzenden Feuern zurückzuschleudern. Die Luft, eisig von den Gletschern und gereinigt von den endlosen Schneefeldern, war erfüllt von dem fröhlichen Klingeln der Schlittenglocken. Es wimmelte von lachenden Menschen in bunten Vermummungen. Auf den Eisplätzen der Hotels blitzten die Schlittschuhe, die Bobs sausten durch den in einer Schneelawine versunkenen Hochwald, die Skeletons klirrten die steilen Eisrinnen hinab. Skiläufer, von Pferden in rasender Fahrt gezogen, flogen, in eine Schneewolke gehüllt, dahin. Es kamen ganze Ketten engbesetzter Rodelschlitten, übermütiges Volk. Die Gesichter kupferrot und schwarz gebrannt von der Sonne. Und überall Fröhlichkeit, Lachen, Gesundheit. Ein lustiger Ort, er gefiel Wenzel.
Während die übrige Menschheit sich anstrengte, die schwere Tagesarbeit zu bewältigen, ohne vor Erschöpfung zusammenzubrechen, war hier eine ausgelassene Schar von früh bis nachts fieberhaft bemüht, sich die nötige Müdigkeit für einen gesunden Schlaf zu erarbeiten. Um fünf tanzte man in den Dielen und Teestuben. Die Jazzorchester tobten. Um acht Uhr aber waren alle die tagsüber in dicke Wolle verpuppten Wesen plötzlich, gereizt von den Fluten elektrischen Lichtes, ausgeschlüpft – zarte Seide, zartes Fleisch, zarter Duft. Es war ein Ort ganz nach Wenzels Geschmack.
„Ich habe diesen Tisch hier belegen lassen,“ sagte Stolpe eifrig und führte Wenzel in eine Ecke des Speisesaales.
Sie hatten den Löffel kaum in die Suppe getaucht, so erschien auch schon Lady Weatherleigh, begleitet von ihren beiden Trabanten, die sie zu Tisch führten.
Ihr Erscheinen erregte, wie immer, Aufsehen im Saal. Alles an ihr funkelte und blitzte. Die Augen, Zähne, Lippen, das Haar, die Schultern, Hände. Das kühne Profil herausfordernd in die Luft geworfen, rauschte und funkelte sie dahin. Das Lächeln der großen Dame, die gewohnt ist zu siegen, wo sie erscheint, umspielte ihren tiefrot gemalten, hochmütigen Mund.
„Wer ist das?“ murmelte Mackentin hingerissen. Stolpe machte ihm ein Zeichen.
Wenzel aber wurde schweigsam. Er saß mit zusammengezogenen Brauen, die Kinnladen fest aufeinander gepreßt, wie bereit zum Angriff. So sah er stets aus, wenn er einen Entschluß gefaßt hatte. Und Wenzel Schellenberg hatte einen Entschluß gefaßt, als er Esther funkelnd und strahlend durch den Saal rauschen sah und alle Leute aufblickten. Was flüchtiges Spiel der Gedanken war, wurde zum Vorsatz. Er wollte Esther Raucheisen erobern, koste es was es wolle.
4
Nach Tisch begrüßte er Esther in der Halle des Hotels, ungezwungen und keineswegs in der ehrfürchtigen Haltung, die die Herren annahmen, wenn sie vor sie hintraten. Hier in der Halle pflegten sich die Gäste des Hotels von der Tagesarbeit und den Strapazen der Tafel eine Stunde lang auszuruhen, um Kräfte für den Ball und die Bar zu sammeln.
Esther war nicht im geringsten überrascht, Wenzel plötzlich vor sich zu sehen. Es wimmelte in Sankt Moritz von ihren Bekannten aus Paris, London und Berlin. Wo sie hinblickte, sah sie bekannte Gesichter.
„Sie sind hierhergekommen, um Sport zu treiben, Herr Schellenberg?“ fragte sie, während sie lächelte und ihn mit raschem, gewandtem Blick musterte, sein Gesicht, seine Kleidung, seine Haltung, alles im Bruchteil einer Sekunde.
„Ich nicht, aber meine Pferde,“ erwiderte Wenzel. „Ich werde meine Pferde hier laufen lassen, mich persönlich aber so wenig wie möglich anstrengen.“
Esther fand seine Antwort belustigend. Sie machte ihn mit ihren Trabanten bekannt. Durch Stolpe war Wenzel bereits genügend informiert. Da war also der bekannte Millionär Bankier Blau aus Paris, einer der reichsten Männer Frankreichs, der im Kriege sein Vermögen verzehnfacht hatte. Da war Major Fairfax, Sir Stuart Fairfax aus London, Inhaber der Golfmeisterschaft von England.
„Weshalb haben Sie nicht auch zu dem Rennen auf dem See gemeldet, Baron?“ wandte sich Esther an den Baron Blau.
„Mein Trainer befürchtet, die dünne Luft sei den Pferden nicht günstig,“ antwortete der Bankier gelangweilt, während er seine schwarzen runden, melancholisch glänzenden Augen aufmerksam und gänzlich ungeniert auf Wenzel richtete.
Der Bankier war ein zierlicher Herr mit pechschwarzem Scheitel und schon etwas angegrauten Schläfen. Im Gegensatz zu den meisten Gästen war sein Gesicht nicht braun gebrannt von der Sonne, sondern von einer leidenden Blässe, einer Art glasiger, bläulicher Glasur überzogen. Seine Miene war hochmütig und gelangweilt, und die nervös eingezogenen Nasenflügel erweckten den Eindruck, als sei er stets etwas gekränkt. Er hatte die Angewohnheit, zuweilen die Schultern in die Höhe zu ziehen und sich zu strecken, als versuche er, sich größer zu machen. Wenzels Größe schien ihn zu verletzen, er schien sie als Anmaßung und Herausforderung zu empfinden.
Baron Blau war, ganz wie Wenzel, nicht nach Sankt Moritz gekommen, um Sport zu treiben. Er lief allerdings jeden Vormittag eine Stunde Schlittschuh, und zwar genau von zehn bis elf Uhr. Da sah man ihn auf der spiegelglatten Eisfläche des Hotels mit etwas verdrossener Miene seine Acht fahren. Von Viertelstunde zu Viertelstunde machte er eine Pause, um den Rauch einer dünnen Zigarette durch die Nase zu stoßen. Dabei sah er mißmutig den andern Schlittschuhläufern zu. Er trug schwarzweiß karierte, weitausladende Breeches und einen auffallenden himmelblauen Sweater, über den Wenzel laut lachen mußte. Am Nachmittag spielte er eine Partie Curling. Runde Steine, gepreßten Käsen ähnlich, in der Größe von Wärmflaschen, wurden über die spiegelglatte Bahn nach einem Ziel geschossen. Es war mehr ein Spiel der alten Herren, die diesem Sport mit großer Begeisterung oblagen. Sie schabten und kehrten das Eis mit kleinen Besen, fieberhaft, um die Geschwindigkeit des Steines zu beschleunigen. Oft sah es aus, als ob sich eine Gruppe von Straßenkehrern auf der Eisfläche tummelte. Das war die ganze Beschäftigung des Barons. Am Tage sah man ihn nur wenig, jede Nacht aber ging er als letzter schlafen.
Major Fairfax dagegen war der typische Sportsmann. Er war hager, noch etwas größer als Wenzel, Körper und Kopf nichts als Haut und Knochen. Auf seiner mächtigen Adlernase schälte sich die Haut, so vollständig schwarz gebrannt war er von der Sonne. Er trug eine kleine rote Zahnbürste als Schnurrbart, und seine rötlichen Haare standen in eigensinnigen Büscheln um den kahl werdenden Schädel. Wo andere Leute Augen haben, hatte der Major etwas wie geschmolzenes Silber.
Am Vormittag pflegte der Major auf dem Skeleton zu trainieren. Mit dem Bauch auf dem niedrigen Schlitten liegend, schnellte er im Hechtsprung über die vereisten Fahrrinnen, die schräg wie ein Dach abstürzten. Er hatte an seinem Schlitten zwei Stoppuhren angebracht, deren Mechanismus er während der rasenden Fahrt auslösen konnte. Wenn er dahinsauste, war seine gebogene Nase kaum eine Spanne von der harten Eisfläche entfernt. Am Nachmittag saß er am Steuer seines Bobs „Old England“. Da lag er ebenfalls auf dem Bauch, das Steuer in den ausgemergelten Händen, die Augen auf die ihm entgegenrasende Schneebahn gerichtet. Er trainierte für das große Bobrennen, das in vierzehn Tagen stattfinden sollte. Auf ihm lag Lady Weatherleigh, und hinter ihr lagen noch drei Mitfahrer. Lord Hastings, einer der berühmtesten Fasanenschützen Englands, bediente die Bremse. Mit dem Ausdruck der tödlichen Langweile auf seinem Bulldoggengesicht saß er da, wenn der Bob in die Tiefe fuhr. Gestern hatten sie umgeworfen, und Lord Hastings hatte sich den Arm verstaucht.
Esther, stets von einem Schwarm von Verehrern umlagert, schien diese beiden Trabanten an die Spitze ihrer Bewerber gestellt zu haben. Beide, so erzählte man sich, hatten ihre Anträge gemacht und warteten auf ihre Entscheidung. Baron Blau bot ihr seine Millionen, seine Schlösser, seine Minen, seine Provinz in Tunis, seine Dampfjacht. Major Fairfax bot ihr seinen Titel eines Golfmeisters von England, immerhin eine Sache, seine Gesundheit, seine Größe von einem Meter neunzig und seine Faust aus Eisen, die ein Pferd niederschlagen konnte. Er hatte kein Geld, nur Schulden. Die beiden pflegten Esther seit zwei Jahren überall nachzureisen, nach Ägypten, nach Monte Carlo, Paris, den französischen Modebädern. Esther zog sie hinter sich her, ohne sich je zu erklären.
„Ich freue mich, Ihre Bekanntschaft zu machen, Herr Schellenberg,“ wandte sich Baron Blau an Wenzel, nachdem er ihn lange genug ungeniert gemustert hatte. „Wir sind ja, irre ich nicht, für die gleichen Ziele tätig.“ Er sprach französisch, immer im gleichen Ton, auf einer Note, gleichgültig, unbeteiligt, als spräche ein fremder Mensch aus ihm, der sich nur seiner Stimmbänder und seines Adamsapfels bediente.
Wenzel zeigte eine erstaunte Miene.
„Wenn ich mich nicht irre, haben wir schon zusammen korrespondiert,“ fuhr Baron Blau im gleichen Ton fort. „Oder sind Sie nicht jener Herr Schellenberg, der für die Vereinigten Staaten von Europa und für den Frieden unter den Nationen tätig ist?“
Wenzel schüttelte den Kopf. „Ich bedaure, Sie enttäuschen zu müssen, Herr Baron,“ antwortete er. „Es ist mein Bruder, von dem Sie sprechen. Ich für meine Person gebe mich derartigen Illusionen und Träumereien nicht hin.“
„Sie also nicht? Und Sie sagen, Illusionen? Oh!“ erwiderte Baron Blau enttäuscht, aber mit der alten gleichgültigen, gelangweilten Stimme.
„Baron Blau ist Delegierter des französischen Roten Kreuzes und fanatischer Pazifist,“ erklärte Esther.
Der Baron streifte ihr Gesicht mit einem argwöhnischen, verletzten Blick. Es schien ihm, als ob Esther Pazifisten verachte. Wie die meisten Damen der Gesellschaft schien sie Männer zu bevorzugen, die sich in Stücke schießen ließen. Wie die meisten dieser Damen wußte sie nicht aus welchem Grunde.
„Sie glauben also nicht, daß ein dauernder Friede zwischen den Völkern möglich ist?“ wandte sich Baron Blau wieder an Wenzel, die Brauen hochgezogen.
„Nein,“ sagte Wenzel mit nachsichtigem Lächeln.
„So glauben Sie also, daß diese Kriege ewig währen müssen?“
„Ich glaube es. Die Menschen müssen eine Lüge haben, für die sie töten dürfen und sterben können.“
Baron Blau prallte zurück.
Esther übersetzte Wenzels Antwort ins Englische, da der Major keine andere Sprache als seine Muttersprache verstand.
Kaum hatte Major Fairfax begriffen, so streckte er Wenzel begeistert die knochige Hand hin. „Right you are! Right you are!“ schrie er.
In diesem Augenblick aber kam eine kleine runde Dame, braun gebrannt wie eine Nuß, auf sie zu und rief aufgeregt: „Major Fairfax!“
Der Major bog den Körper zur Erde, und sie flüsterte ihm etwas in das knorplige Ohr. Fairfax schien aufs äußerste betroffen.
„Was sagte Peggy?“ fragte Esther voller Neugierde.
Der Major antwortete: „Peggy sagte, daß Nutcracker meine beste Zeit um drei Sekunden unterboten hat.“ Nutcracker war der Name eines rivalisierenden Bobs.
„Sie gingen heute zu hoch in die Kurven, Major Fairfax, Nutcracker geht ganz eng herum,“ erwiderte Esther mit leisem Tadel. Zu Wenzel sagte sie: „Ich erwarte übrigens morgen meinen Vater, Herr Schellenberg. Es wird ihn gewiß freuen, Sie hier zu finden.“
Seine Freude wird nicht ungetrübt sein, dachte Wenzel mit einem leisen Triumph im Herzen. Sie kennt nicht die Eitelkeit alter Männer, die schlimmer ist als alle Eitelkeiten. Und weiter dachte er: Vor diesen beiden Burschen da habe ich keine Angst. Was sind sie? Nichts!
Man hatte schon wieder genügend Kräfte gesammelt und begab sich, um die Zeit bis zum Ball totzuschlagen, ins Billardzimmer. Esther war eine leidenschaftliche Billardspielerin, und für Baron Blau bedeutete diese Partie Billard nach der Abendmahlzeit die Entschädigung für einen ganzen Tag des Wartens. Er spielte sehr gut, mit allen Finessen, geschult in den ersten Billard-Akademien von Paris. Der Major spielte nicht. Er sah zu, die Pfeife im Mund, und verfolgte jede Bewegung Esthers. Wenzel wollte sich verabschieden, aber Esther lud ihn ein, mitzukommen. Sie liebte es, gutgewachsene und gutaussehende Männer in ihre Gefolgschaft einzureihen.
Die Blicke der Gäste, die, in die tiefen Sessel gebettet, noch verdauten, folgten ihnen. Man flüsterte. Manchmal waren es fünf, manchmal mehr, einige Tage waren es nur zwei gewesen, aber heute war schon ein Neuer hinzugekommen. Eine schöne, verführerische Frau, gewiß, aber ...
5
Auf dem Marktplatz des Dorfes, inmitten der blendendweißen Schneemassen – es war Neuschnee gefallen – erblickte Wenzel plötzlich die Gestalt eines kleinen, anscheinend älteren Herrn, dessen Gang ihm sofort auffiel. Der kleine Herr war in einen dicken Pelz gehüllt, und sein Kopf verschwand fast vollständig unter der hohen Pelzmütze. Die Füße staken in pelzgefütterten Überschuhen. In der Hand trug der Herr einen Stock mit eiserner Spitze. Er schien sich nicht im geringsten um das Leben auf dem Marktplatze zu kümmern. Eine Schar von Schlitten, mit buntem, lachendem Volk beladen, zog übermütig vorüber, aber der Herr wandte nicht einmal den Kopf. Zuweilen blieb er stehen und stieß mit dem Stock auf irgendein Eisstück der Straße, dann schritt er wieder vorsichtig weiter. Einige Schritte hinter dem Vermummten spazierte ein Diener. Am Gang, an einer eigenwilligen, rechthaberischen Bewegung des Armes erkannte Wenzel den kleinen Herrn. Es war Raucheisen in höchsteigener Person!
Ganz im geheimen, wie ein Fürst, der inkognito reist, war der Herr des Eisens und der Kohle, der Erfinder des kombinierten vertikalen und horizontalen Trustsystems, nach Sankt Moritz gekommen. Bis Chur hatte ihn ein Salonwagen gebracht. In einem geschlossenen Schlitten fuhr er zum Hotel, und hier hatte der vorausgereiste Sekretär schon Vorsorge getroffen, daß niemand das Antlitz des Gewaltigen erblickte. Raucheisen ertrug den Anblick der Menschen nicht mehr, er ertrug auch nicht mehr die Blicke der Menschen.
Nun lebte er den ganzen Tag verborgen in seinen Zimmern, still wie eine Maus. Nur zuweilen verließ er das Hotel und stapfte eine halbe Stunde im Schnee hin und her. Er war ja nur gekommen, um seine Tochter zu sehen. Dann kehrte er wieder zu dem Berg von Telegrammen zurück, der von Tag zu Tag auf seinem Schreibtisch höher wuchs.
„Mein Vater ist hier!“ rief Esther Wenzel lebhaft zu. „Er wird Sie zu sich bitten, sobald er etwas ausgeruht ist.“ Und Esther zog die zinkgelbe Zipfelmütze über ihren wilden roten Haarschopf und legte sich auf dem Bob zurecht.
„Abfahrt!“ rief der Starter, und der Bob setzte sich weich und lautlos in Bewegung. Major Fairfax hielt das Steuerrad in seinen mageren, schwarzgebrannten knochigen Händen, die Augen fest auf die glitzernde Bahn geheftet. An der Bremse saß mit dem gleichen Ausdruck der tödlichen Langweile Lord Hastings. „Hallo! Wie geht es Ihnen?“ rief er Wenzel zu, als sie vorüberglitten.
Schon aber begann der Bob zu sausen, und einen Augenblick später verschwand er zwischen den von Schnee und Reif starrenden Bäumen.
Schon am nächsten Abend lud Raucheisen Wenzel zur Tafel. Wenzel hatte sich in große Gala geworfen und erwartete den Alten, einen stillen Triumph in den Augen. Aber er erschrak, als er Raucheisen in den kleinen Salon eintreten sah. Raucheisen schien kleiner und dünner geworden, zusammengezogen vom Alter. Sein Gesicht war fahl, kreidig, von gelben Flecken bedeckt. Er betrachtete Wenzel einen Augenblick mit seinen lebhaften, schnellen Blicken und reichte ihm die kleine, lasche Hand, die beim Gruß nie einen Druck gab.
„Ich freue mich, Herr Schellenberg,“ sagte er und versuchte es mit einem Lächeln, das freundlich sein sollte. „Sie sind noch ganz der gleiche, Sie sind noch in dem Alter, in dem man sich nicht verändert. Wieviel Jahre ist es schon her? Ich aber –?“
Aber er wartete Wenzels Antwort nicht ab. Er begrüßte Baron Blau und schritt hastig zur Tafel, als habe er keine Minute zu versäumen. Er tat es ja nur seiner Tochter zuliebe, daß er mit den beiden Herren speiste.
Baron Blau begann augenblicklich mit seiner monotonen, etwas hohen Stimme zu plaudern. Er sprach, lebhafter als gewöhnlich, von besonderen Schiffahrtsplänen im Mittelmeer, die ihn außerordentlich interessierten und für die er, so schien es Wenzel, den alten Raucheisen zu gewinnen suchte. Raucheisen indessen, der kaum die Speisen berührte, schien nicht hinzuhören. Aber nach einer Weile schüttelte er den kleinen Kopf.
„Das Mittelmeer,“ sagte er ohne aufzublicken, „hat seit dem Kriege noch mehr von seiner einstigen Bedeutung verloren. Es ist zu einer nebensächlichen Pfütze geworden, in die ich keine tausend Tonnen schicken würde.“
Baron Blau schwieg eine Weile. Sein blasses Gesicht wurde ganz allmählich von einer eigentümlich hellen Röte überzogen. Sein dunkles Auge brannte. Der geringschätzige Ton, mit dem Raucheisen seine Pläne abgetan hatte, hatte ihn verletzt. Aber er gab sich keineswegs geschlagen. Es war ja gerade seine Absicht, den Verkehr auf dem Mittelländischen Meer wiederum zu beleben. „Sie beliebten zu sagen: nebensächliche Pfütze,“ rief er, noch immer gekränkt, aus. „Das ist doch wohl etwas übertrieben. Bedenken Sie, Frankreich, Italien, Ägypten –“
Aber Raucheisen antwortete nicht mehr. Er hatte sich längst von diesem Thema abgewandt. Wie ist es nur möglich, daß dieser Baron ein Vermögen gemacht hat, dachte er.
Nun begann Esther lebhaft von Ägypten zu erzählen, wo sie den letzten Winter zugebracht hatte. „Welch ein wundervolles, märchenhaftes Land, Papa! Und dabei jeglicher Komfort, jegliche Bequemlichkeit. Du mußt es unbedingt kennenlernen. Fahre mit mir nach Ägypten, Papa!“
„Ich habe keine Zeit für eine solch lange Reise, mein Kind,“ erwiderte Raucheisen.
Wenzel machte darauf aufmerksam, daß man heute in wenigen Stunden nach Ägypten fliegen könne. Das war ein Vorschlag, den Esther begeistert aufgriff. „Ja, fliegen wir, Papa!“ rief sie aus.
Raucheisen aber schüttelte den Kopf. „Ich bin zu alt,“ erwiderte er. „Ich habe Furcht vor der Luft. Die neue Generation hat diese Furcht überwunden.“
Dann sprach er mit Wenzel über die wirtschaftliche Zukunft Deutschlands. Es schien fast, als sei er, der Kühnste von allen, dessen Wagemut kein Zögern kannte, der der Wirtschaft die Gesetze diktierte, in dem alle den Meister bewunderten, als sei er ganz plötzlich unsicher geworden. Er sah Schwierigkeiten, Hindernisse, Dunkelheiten, durch die sein Blick nicht dringen konnte. Neue Fragen erhoben sich, Probleme, die unlösbar schienen.
„Ich habe neulich lange mit Ihrem Bruder Michael konferiert,“ sagte er. „Ihr Bruder hat diese Probleme erkannt. Er versucht in sie einzudringen. In vielen Punkten hat er mich überzeugt. Zum Beispiel, daß wir eine neue Generation gesunder Arbeiter erziehen müssen, sollen wir nicht auf dem Weltmarkt in Bälde geschlagen werden. Und vieles andere. Nie haben sich die Probleme derart gehäuft, nie schien ihre Lösung schwieriger. Wir müssen Mut haben.“
Wenzel sah die wirtschaftliche Zukunft Deutschlands mit hoffnungsvolleren Blicken. Er äußerte sich zuversichtlich.
„Vielleicht sehen Sie schärfer als ich,“ entgegnete Raucheisen. „Ihre Augen sind jünger.“ Er erhob sich, um sich zurückzuziehen. „Wir sehen uns noch, Herr Schellenberg,“ sagte er, indem er sich verabschiedete. „Ich möchte mit Ihnen noch über dies und jenes sprechen.“
Aber Raucheisen log, oder er vergaß es, denn Wenzel sprach ihn nicht mehr. Geheimnisvoll, wie der alte Mann gekommen war, verschwand er.
6
Wenzel gehörte nunmehr zu Esthers Gefolge, ganz wie der Baron und Fairfax, als sei es von jeher so gewesen. Tag für Tag verbrachte er in ihrer Nähe. Auf dem Schlitten, auf dem Eisplatz, beim Tanz in der Teestube, im Billardzimmer und nachts in der Bar, wo die Jazzband lärmte. Hier thronte Esther, hoch über allen Gästen, wie eine Königin. Wenzels offene und ungenierte Art schien ihr zu gefallen. Häufig brach sie in ein lautes Gelächter aus über eine seiner witzigen und sarkastischen Bemerkungen. Dann rückte Baron Blau verletzt und unruhig auf seinem Sessel. Die Augen des englischen Majors aber glänzten selbstbewußt: er hatte das Bobrennen gewonnen! Nutcracker, sein gefährlichster Rivale, hatte in der Haarnadel-Kurve beim dritten Lauf umgeworfen.
Eines Tages, als ein heftiger Sturm Schnee und Dunkelheit um das Hotel wirbelte, rief Esther plötzlich in Wenzels Zimmer an und bat ihn, bei ihr Tee zu trinken.
„Ich habe heute eine große Bitte an Sie,“ sagte sie, als er bei ihr eintrat, und ihr Mund zeigte nicht das übermütige, manchmal etwas frivole Lächeln. Sie erschien ernst und der Blick ihrer großen Augen war nachdenklich und etwas abwesend. „Ich fürchte zwar, daß Ihnen meine Bitte nicht sonderlich angenehm sein wird, aber ich muß sie doch aussprechen.“
„Ich stehe Ihnen zur Verfügung,“ erwiderte Wenzel verwundert und blickte ihr in die Augen.
„Nehmen Sie Platz, Herr Schellenberg. Und nun hören Sie. Ich habe Sie einmal gesehen, als ich noch ein ganz junges Mädchen war. Man hatte mir gesagt: Heute kommt der Offizier, in dessen Armen dein Bruder gestorben ist. Ich habe meinen Bruder sehr geliebt, er war ein herzensguter Junge. Wollen Sie mir erzählen, wie er starb?“
Wenzel runzelte die Stirn. „Weshalb?“ sagte er, bereit sich zu erheben. „Weshalb diese Dinge? Wir wollen sie vergessen.“
„Ich bitte Sie darum, Herr Schellenberg! Und ich bitte Sie, mir alles ausführlich und sorgfältig zu berichten und mir nichts, auch nicht eine scheinbar unbedeutende Einzelheit zu verschweigen. Versprechen Sie mir dies?“
„Sie werden es bereuen,“ erwiderte Wenzel und begann zu erzählen.
Er berichtete von dem Furchtbaren, dem Entsetzlichen dieser Tage, von dem noch Entsetzlicheren jener Stunde, da der junge Raucheisen in seinen Armen verblutete.
„Gehen Sie,“ sagte Esther leise, während sie ihre Hand über die Augen breitete.
„Ich wußte, daß Sie es bereuen würden. Weshalb rühren Sie an diesen Dingen, die vergangen sind?“ entgegnete Wenzel und verabschiedete sich.
Am nächsten Morgen aber klingelten wieder die Schlittenglocken, die Sonne glitzerte und brannte. Man frühstückte auf dem Eisplatz, die Schlittschuhe an den Schuhen, die Bobs schossen durch den verschneiten Wald. Abends tanzte man wiederum in der Bar, und nur zuweilen war es Wenzel, als ob Esther seinen Blick meide.
7
Am Morgen hatte Esther noch ein großes Programm für die Woche entworfen, am Mittag erklärte sie, einer plötzlichen Laune folgend, daß sie morgen früh nach Paris abreisen werde.
Die Freunde gaben ihr ein Abschiedsbankett, und Esthers brennendroter Haarschopf sah in der Tat kaum eine Handbreit aus den Bergen von Blumen hervor, die man auf der Tafel angehäuft hatte. Sie genoß strahlend ihren Triumph.
Schon war das Foyer des Hotels angefüllt mit ihren Koffern. Und in einer Ecke türmten sich die eleganten, nagelneuen Koffer des Barons Blau, der es sich nicht nehmen ließ, Esther persönlich nach Paris zu begleiten. Major Fairfax mußte, so sehr er es bedauerte, noch eine Woche in Sankt Moritz bleiben, da er zum Skeletonrennen gemeldet hatte. Am Morgen standen die Schlitten bereit, einer für Esther und Baron Blau, ein zweiter für die Blumen und ein dritter für die Dienerschaft der beiden.
„Leben Sie wohl, Schellenberg,“ sagte Esther lachend auf englisch zu Wenzel. „Ich hoffe, Sie wiederzusehen.“
Wenzel hatte Esther ein Riesenbukett von gelben Rosen ins Coupé bringen lassen, einen ungeheuren Strauß, der eine ganze Ecke ausfüllte.
„Oh, hier sind ja auch noch Blumen!“ rief Esther mit der Stimme eines erfreuten Kindes aus und nahm die Karte aus dem Bukett „Wenzel Schellenberg!“ sagte sie. „Seht an! Wie originell!“
Es war ihr gar nicht aufgefallen, daß Wenzel ihr bis zu dieser Minute keine Blumen gesandt hatte. Sie nahm es als selbstverständlich an. Alle hatten ihr Blumen geschickt, natürlich auch Wenzel. Sein origineller Gedanke, sich auf diese Weise bei ihr nochmals in Erinnerung zu bringen, fand ihren Beifall.
Sie wußte nicht, daß Wenzel sich einen ganz besonderen Plan zurechtgelegt hatte.
Als Esther ihre Gemächer im Hotel de Riz in Paris betrat, waren natürlich auch diese Räume schon angefüllt mit Blumen. Die Pariser Freunde hießen Esther willkommen. Während die Abschiedssträuße aus Sankt Moritz auf irgendeinem Kehrichthaufen eines rußigen Bahnhofs verwelkten, war hier schon ein neuer Blütengarten aus Flieder, Rosen, Maiglöckchen, Tulpen, Narzissen wie durch Zauberei erstanden.
Und dieses Riesenbukett gelber Marschall-Niel-Rosen, erinnerte es nicht an den Strauß Schellenbergs, der in Sankt Moritz die Ecke des Abteils völlig ausgefüllt hatte, wie? Genau so, die Farben, die Größe.
Sie griff nach der Karte: Wenzel Schellenberg!
„Seht an, Wenzel Schellenberg,“ sagte Esther leise und erstaunt. Sie wurde nachdenklich, warf den Blick rasch durch das Zimmer. Irgend etwas an dieser Sache war sonderbar. Und nun fiel es ihr ein: Wenzel konnte natürlich telegraphisch ein Bukett bei einem Pariser Blumenhändler bestellen. Er konnte die Art des Straußes und die Farbe genau bezeichnen, aber die Karte, wie sollte die Karte hierher kommen?
Sie fragte den Diener. Er wußte nichts. Der Strauß war mit der Karte im Hotel abgegeben worden.
Das ist höchst merkwürdig und rätselhaft, sagte sich Esther, die hartnäckig über dieses Rätsel nachdachte, das sie nicht lösen konnte. Dieser Schellenberg ist gewiß ein merkwürdiger Bursche, dachte sie, der drollige Einfälle hat. Aber meine Abreise kam ja so plötzlich, daß er unmöglich die Zeit finden konnte, die Karte in einem Brief zu senden.
Aber als Esther, funkelnd und glitzernd in einer wunderbaren neuen Pariser Robe, eine Stunde später in den Speisesaal rauschte, wer stand da, kupferbraun, fast schwarz wie ein Neger durch den Kontrast des weißen Frackhemdes, mit blitzenden Zähnen, und die Hände so braun, daß die Fingernägel korallenrot aussahen? Wenzel!
Baron Blau, der Esther in den Speisesaal geleitete, starrte auf Wenzel wie auf eine Erscheinung. Er glaubte im ersten Augenblick, es sei Zauberei, eine heimtückische und auf jeden Fall unbehagliche Zauberei. Und schlecht verbarg er hinter der erstaunten Miene seinen Verdruß. Er hatte nichts gegen Schellenberg, oh, ganz und gar nicht, aber dieses Große, Gesunde, Kraftstrotzende irritierte unaufhörlich seine Nerven. Er schleudert Felsen, dachte er sich, er sieht stets aus, als sei er zu Gewalttätigkeiten bereit, und wenn er lacht, muß man sich Watte in die Ohren stopfen.
„Bei Gott, es ist Schellenberg!“ rief Esther mit heller Stimme aus, überrascht, erfreut, geschmeichelt. Sie verstand augenblicklich.
„Auch ich habe dringende Geschäfte in Paris,“ antwortete Wenzel lachend und schüttelte ihr die Hand.
Es war gar keine Zauberei im Spiel. Wenzel war mit dem nächsten Zug von Sankt Moritz nach Zürich gefahren und von Zürich aus mit dem Postflugzeug nach Paris gekommen. Er war schon seit heute mittag hier.
Mit einem resignierten Lächeln setzte sich Baron Blau zu Tisch. Seine Stimme schwang hoch und gekränkt. Endlich hatte er gehofft, einige Tage allein mit Esther verbringen zu können, ohne diesen fürchterlichen Bobfahrer und ohne alle diese andern, die unaufhörlich Esthers Fingerspitzen küßten. Nein, mit diesem derben Burschen da war nicht zu spaßen. Wie hatte er das Hotel erfahren? Wie packte er alles an? Und diese naive Zudringlichkeit, zartfühlend war er gewiß nicht.
„Herr Schellenberg ist zum ersten Male in Paris, Baron,“ sagte Esther.
Der Baron hatte sein Gleichgewicht noch immer nicht zurückgefunden. „Zum ersten Male?“ fragte er mit gelangweilter Stimme. „Ist es möglich? Und wie gefällt Ihnen Paris?“
Aber es tröstete das Herz des Barons einigermaßen, daß Wenzel von Paris förmlich berauscht war. „Es lohnt sich in der Tat, mein lieber Baron,“ rief er aus, „sich Paris in tausend Meter Höhe zu nähern. Zuerst ist da eine Staubwolke am Horizont, rotbraun wie ein Wüstensturm. Dann erscheint eine Vision, eine Fata Morgana über der Staubwolke – eine Moschee, schneeweiß und durchsichtig. Ich traute meinen Augen nicht, glaubte beinahe, wir hätten uns verflogen. Diese schneeweiße Moschee ist Sacré coeur, wie man mir später sagte. Die Staubwolke lichtet sich, man erblickt ein Stadtviertel, und urplötzlich ist die Staubwolke gänzlich verschwunden und eine ungeheure Stadt mit Millionen funkelnden Fenstern erstreckt sich von Horizont zu Horizont.“
Wenzel hatte bereits vier Stunden lang die Stadt im Auto nach allen Richtungen durchquert. Er hatte Stadtviertel gesehen, die der Baron, ein geborener Pariser, kaum dem Namen nach kannte. Er hatte Gewohnheiten des Volkes entdeckt, die dem Baron nie aufgefallen waren. Eine ganze Reihe von Industrien hatte er festgestellt, von deren Existenz der Baron nichts ahnte.
„Welche Vitalität!“ dachte Baron Blau mit einem melancholischen Blick.
„Ich werde Ihnen Paris zeigen, Schellenberg,“ sagte Esther. „Es gibt eine Anzahl kleiner Theater, Kneipen und Tanzlokale, wo Sie noch das echte Pariser Leben beobachten können. Wollen Sie uns begleiten, Baron?“
„Sie wissen, welche tiefe Abneigung ich vor diesen Dingen habe, meine Freundin. Weshalb quälen Sie mich also?“ entgegnete der Baron mit verletzter Miene.
„Dann müssen wir leider auf Ihre Gesellschaft verzichten. Oh, es wird ganz wunderbar sein, Schellenberg. Wir werden uns sehr schlicht kleiden, manchmal wie Apachen. Ich werde Sie durch das ganze unbekannte Paris führen. Wenn Sie Lust haben, heißt das.“
„Natürlich habe ich Lust!“ erwiderte Wenzel.
Baron Blau zankte ärgerlich mit dem Kellner. Er haßte diese Neigung Esthers, durch obskure Lokale zu ziehen. Die blasse Glasur seines Gesichtes wurde von einer leisen, eigentümlich hellen Röte überzogen.
„Wann fangen wir an?“ fragte Wenzel in bester Laune.
„Heute, wenn Sie wollen,“ entgegnete Esther.
„Nun gut, dann heute.“
Aber Baron Blau legte hier feierlichen Protest ein. Die melancholischen Tieraugen auf Esther gerichtet, erinnerte er sie mit gekränkter Miene daran, daß sie den ersten Abend ihren Freunden versprochen habe. Ah, nun war es offenbar, daß der Teufel diesen Schellenberg auf dem Rücken nach Paris getragen hatte.
Jeden Abend, den sich Esther, eifersüchtig umlagert von ihren Freunden, frei machen konnte, durchstreifte sie mit Wenzel diese große, unheimliche Stadt, die mehr Geheimnisse birgt als irgendeine Stadt der Welt, die großen Städte Chinas vielleicht ausgenommen. Sie besuchten Theater, in denen man derbe Possen aufführte, wo die Zuschauer mitspielten und Bemerkungen auf die Bühne hinaufriefen. Sie besuchten Varietés, Tingeltangel, Verbrecherkeller, Künstlerkneipen. Da und dort ging es etwas ausgelassen zu. Esther schüttelte sich vor Lachen. Da Wenzels Französisch nicht so weit reichte, so machte sie den Dolmetscher.
„Es sind etwas starke Dinge,“ sagte sie.
„Weshalb sollen sie nicht stark sein? Alle Völker, die gesund und phantasievoll sind, hassen die Prüderie.“
Sie besuchten die Tanzlokale der Studenten. Sie besuchten Bars, wo kleine Tänzerinnen so, wie Gott sie geschaffen hatte, auftraten. Sie streiften bei Nacht in den Hallen umher, zwischen Bergen von Gemüsen und Blumen, und aßen in einem kleinen Restaurant die Zwiebelsuppe, die die Lastträger aßen. Es war herrlich, und niemals hatte Wenzel sich so wohl gefühlt. Welch eine wundervolle Stadt, bis zum Rand mit Energien angefüllt!
Die Nähe dieser verwöhnten und launenhaften Frau, die an jedem Abend, in jeder Stunde anders war, wirkte auf ihn wie starker Wein. Sein Blick glitt über ihren feinen, zarten Nacken, auf dem ganz feine, kaum sichtbare hellbraune Härchen schimmerten. Sein Blick lag auf ihrem hellrot gemalten Mund – den er bald küssen würde, das wußte er. Sein Blick lag auf ihren Wangen, die sie rot und braun malte, und auch diese Wangen würde er bald mit Küssen bedecken. Dann sollte ihr das frivole, leichtfertige Lachen vergehen! Gib acht, gib acht! Sein Blick lag auf ihren schmalen und wundervoll gepflegten Händen. Bald würde er sie in seine Hand nehmen, um sie zusammenzupressen. Sein Blick tastete über ihren Körper, und bald kannte er jede seiner Linien. Bald würde er ihn mit seinen Küssen verbrennen. Hüte dich, Esther Weatherleigh! Zuweilen standen Wildheit und Begierde so deutlich in seinen Augen, daß sie es fühlte. Und nichts war für Esther verwirrender, als wenn sie hörte, daß seine Stimme vor Erregung schwang. Ihre Miene aber blieb kühl und undurchdringlich.
Die Besuche der verschiedenen Kneipen und Varietés erlaubten kleine Vertraulichkeiten, wie der Speisesaal des Hotels und das Licht der großen Theater sie nie erlaubt hätten.
„Sie haben den schönsten Nacken, den ich je bei einer Frau sah,“ sagte Wenzel.
Esther zog ungnädig die Brauen in die Höhe. „Sie können mich betrachten, solange Sie wollen,“ antwortete sie. „Aber ich wünsche nicht, daß Sie über Ihre Entdeckungen sprechen.“
Eines Tages wurde Wenzels Verlangen, diese hellrot gemalten Lippen zu küssen, so unwiderstehlich, daß er Esther, als er ihr aus dem Auto half, ohne darüber nachzudenken, in die Arme nahm, an sich preßte und küßte.
Esther stand völlig überrascht. Sie starrte Wenzel mit offenem Munde an und fand keine Worte. Nie in ihrem Leben hatte ein Mann eine solche Verwegenheit gewagt, und noch dazu vor dem Tor des Hotels, durch dessen Scheiben der Nachtportier starrte.
„Wie töricht Sie sind!“ sagte sie ganz leise, tadelnd und zurechtweisend, indem sie ins Hotel trat.
8
Einige Tage sah und hörte Wenzel nichts von Esther. Er wartete, aber wenn die Stunde vorüber war, in der sie sich gewöhnlich mit ihm verabredet hatte, verließ er das Hotel, um sich in den Strudel von Paris zu stürzen.
So war es wahr, daß er diese Frau liebte und begehrte, so wahr war es auch, daß sie Jahrzehnte warten konnte, ehe er den ersten Schritt zur Aussöhnung tun würde. So war es wahr, daß er sich nach dieser Frau verzehrte, so wahr war es auch, daß es tausend verführerische und schöne Frauen in dieser Stadt gab, die reizend plauderten und deren Reize entzückten. So war es wahr, daß Wenzel sich in jeder Minute nach dieser Frau sehnte, so wahr war es auch, daß er in dieser gleichen Minute das Leben in vollen Zügen in sich trank und sich keineswegs sentimentalen Schwärmereien hingab. Da war also Wenzel Schellenberg, da war Esther Weatherleigh, und da war Paris.
Des Mittags pflegte Wenzel im Hotel zu speisen. Esther mied den Speisesaal seit jenem Vorfall. Eines Tages aber kam sie mit Baron Blau und einem blonden, hübschen, außerordentlich sorgfältig gekleideten jungen Herrn in den Speisesaal. Sie winkte Wenzel zu sich an den Tisch, als ob nicht das geringste vorgefallen wäre.
„Sie müssen mit uns speisen!“ rief sie aus. „Und hier ist Sir John, mein früherer Gatte. Sie sehen, wir sind gute Freunde geblieben.“
Am nächsten Abend schon machten sie einen ihrer gewöhnlichen Abendausflüge nach einem Vorstadttanzlokal, ganz als sei nichts geschehen.
Einige Tage später reiste Wenzel nach Berlin, aber nach fünf Tagen war er schon wieder in Paris.
9
Es fing bereits an zu dämmern. Christine, den kleinen Georg auf dem Arm, stand am Waldrand – gerade da, wo sich früher die ersten Arbeitsschuppen befunden hatten – und spähte die Landstraße hinab. Schon eine Stunde stand sie hier und wartete. Ihr Gesicht schimmerte bläulich in der Dämmerung, das Umschlagetuch auf ihren schmalen Schultern flatterte im Abendwind. Endlich erblickte sie Georg. Mit seiner kleinen Reisetasche in der Hand kam er raschen Schrittes daher. Als er seine Frau mit dem Kinde sah, begann er zu laufen. Auch Christine lief.
„Willkommen zurück!“ rief sie und streckte ihm das Kind entgegen.
Georg herzte das Kind und küßte Christine. Sie umschlang ihn, und während sie vor Freude lachte, sprangen ihr die Tränen über das Gesicht.
Georg war verreist gewesen, volle vier Tage. Zum ersten Male, seit sie nach Glückshorst gekommen waren, hatten sie sich getrennt. Diese vier Tage aber waren Christine endlos erschienen. Sollte man es für möglich halten, wie lange ein Tag sein konnte? Abend für Abend war sie mit dem Kinde die Landstraße entlang gegangen, obwohl sie wußte, daß Georg erst heute kommen konnte. Endlich war er wieder bei ihr.
„Wie geht es euch, und was gibt es Neues?“ fragte Georg.
„Eine Menge Post ist da!“ antwortete Christine, während sie den Arm um Georgs Schulter legte. „Ich habe alle Telephongespräche aufgeschrieben, und – fast hätte ich es vergessen – der Plan von Glückshorst ist aus Berlin zurückgekommen.“
„Genehmigt?“ Georg blieb voll Spannung stehen.
„Ja, genehmigt! ‚Genehmigt, Schellenberg‘ steht unten am Rand.“
Mit dem Kind auf dem Arm, vollführte Georg einen Freudentanz auf der Straße.
„Wie wunderbar!“ rief er aus. „Und doch muß ich noch Verbesserungen anbringen. Was ich gesehen habe in diesen Tagen! Nun, ich werde es dir erzählen.“
Schon begannen die Lichter von Glückshorst zu glitzern. Weit auseinandergezogen lag die Siedlung da. Die großen Fenster der Tischlereien und Werkstätten und ganze Reihen von Arbeiterbaracken leuchteten in die Dämmerung. Jene hellstrahlenden drei Fenster waren das Gasthaus, die Herberge, in der Mutter Karsten, plappernd und plaudernd von früh bis nachts, das Zepter führte. Gleich daneben blinzelte ein kleines Licht. Das war der Laden des Schlächters Moritz, der noch arbeitete. Das ruhig schimmernde Fenster rechts gehörte zum Hause eines pensionierten Lehrers, der die Schule übernommen hatte. Und die übrigen verstreuten Lichter, das waren die Häuser von Siedlern, die mit ihren Familien nach Glückshorst gekommen waren. Ein Arzt, eine Krankenpflegerin, Kaufleute, Handwerker. Schon war fast jeder Beruf vertreten. Weiter unten am Kanal stand eine ganze Reihe blendender Fenster. Es sah fast aus wie ein Bahnhof in der Nacht. Das waren die Werkstätten einer Fahrradfabrik, die sich hier niedergelassen hatte. Eben heulte ihre Sirene in den stillen Abend.
Ja, in der Tat, eine richtige kleine Stadt war Glückshorst schon geworden. Weit über die Heide greifend, erkannte man schon ihre zukünftige Gestalt.
Es war Ende Mai, aus den Gärten stieg der feuchte Atem der Fruchtbarkeit, die riesigen Gärtnereien dufteten.
Christine hatte ein herrliches Empfangsmahl hergerichtet. Sie hatte einen ihrer jungen Hähne geopfert, blutenden Herzens, denn sie liebte ihre Tiere, und diesen Hahn hatte sie buchstäblich an ihrem Busen aufgezogen. Als Küken war er krank gewesen, und um ihn zu wärmen, hatte sie ihn auf ihrer Brust getragen. Dazu hatte Christine Radieschen und frischen, jungen Salat aufgetischt, alles aus ihrem Garten, und – eine Überraschung für Georg – eine Schale voll Erdbeeren, herrliche, große, fehlerlose Früchte.
„Du hast schon Erdbeeren?“ fragte Georg erstaunt, als sie sich zu Tisch setzten.
„Ich habe ein kleines Warmbeet, ganz im geheimen,“ lachte Christine.
Georg bewunderte Größe und Glanz der Früchte. „Ich sehe, du hast den Gärtnern schon ihre Kunst abgeguckt!“
Nun aber ging es ans Erzählen. Noch jetzt war Georg ganz benommen. Was er alles gesehen hatte!
„Es ist unglaublich, was sie da geschaffen haben, Christine! Es ist unvorstellbar! Wir waren alle völlig berauscht, und Schellenberg wurde von allen Seiten beglückwünscht.“
Er war in dem großen Siedlungsgebiet „Neuland“ gewesen, wohin Michael Schellenberg eine große Anzahl seiner Mitarbeiter gebeten hatte. „Neuland“ war ein Komplex von acht Städten, die neu angelegt und neu geschaffen werden sollten. Industriegartenstädte, in mächtiger Ausdehnung auf der ungeheuren Heide angelegt, die sich nördlich von Hannover bis hinauf nach Lüneburg und zur Elbe erstreckt. Man hatte vom Mittellandkanal in Hannover aus einen Kanal begonnen, der, mit einer Anzahl von Abzweigungen versehen, quer durch die Heide zur Elbe führen sollte. Diese Kanäle bedeuteten die Arbeit vieler Jahre. Scharen von Arbeitslosen, Kolonnen jugendlicher Freiwilliger und Bataillone von Strafgefangenen waren mit dem Bau beschäftigt. In diesem Netz von Kanälen waren die neuen Stadtkomplexe gelagert, alle schon fix und fertig vermessen und zum Teil schon begonnen. Riesige Gärtnereien, Wälder, Parkanlagen, ungeheure Industrieterrains. Eine Million Menschen sollte in „Neuland“ die Heimat finden.
Staub, Rauch, Maschinen, Dampfpflüge, Traktoren, Walzen, Arbeiterkolonnen. Und vordem war hier nichts als ein kläglicher Wald mit verdorrtem Boden und unfruchtbare Heide. Georg fand in seiner Erzählung kein Ende.
„Aber nun an die Arbeit, Christine!“ rief er plötzlich aus, indem er ungeduldig aufsprang. „Nicht eine Stunde wollen wir versäumen.“
Die Tür zu der Kammer, in der das Kind schlief, stand offen. Georg hatte den großen Plan von Glückshorst mit Reißnägeln auf den Zeichentisch geheftet, und nun legte er sich darüber, um den Plan noch einmal nach seinen neuen Erfahrungen zu überprüfen. Die Pläne wurden von Schellenbergs Städtebauern in großen Umrissen vorgezeichnet. Aber der Chef jeder Station hatte sie bis in die kleinsten Einzelheiten durchzudenken. Jede Einzelheit für die zukünftige Entwicklung der Siedlung mußte vorgesehen werden.
Am Kanal entlang zog sich das Industriegelände, und in der Mitte lagen die großen Gärtnereien. Dies war der Platz, vorgesehen für spätere Parks, Verwaltungsgebäude, Kirchen, Schulen, das Herz der Stadt. In fünf Jahren konnten diese Bauten begonnen werden. Der einzige Bau, der zur Zeit in Angriff genommen war, war ein Flügel des Schulhauses. Auch ein Platz für einen Kanalhafen war vorgesehen. Ebenso der Gürtel eines Parks, der die Stadt umschließen sollte und den Übergang bildete zu den Großlandwirtschaften, die die Bestimmung hatten, diese Stadt künftig zu ernähren.
„Ich bin noch nicht zufrieden mit der Lage des Bahnhofs,“ sagte Georg erregt. „Ich muß alle Gesichtspunkte noch einmal durchdenken.“
Christine stand neben ihm und blickte eifrig in den Plan, in dem sie zu lesen gelernt hatte, ganz wie Georg. Wie er, sah sie die vollendete Stadt vor sich.
„Vielleicht war der frühere Platz doch besser, Georg.“
„Wir müssen alles noch einmal durchdenken, Christine,“ wiederholte Georg, dessen Wangen vor Eifer brannten.
Christines Wange streifte seinen Kopf. Sie war glücklich. Und wie ruhig das Kind schlief!
10
Lise Schellenberg hatte den ganzen Winter an der italienischen Riviera verbracht. Nicht zu ihrem Vergnügen, sondern um eine leichte Entzündung ihrer Stimmbänder auszuheilen, die sich beim Singen störend bemerkbar machte. Die leichte Heiserkeit, die selbst beim Sprechen auffiel, hatte sich verloren, und als es warm wurde in Deutschland, kehrte Lise wieder nach Berlin zurück.
Müde von der Reise, widmete sie sich den ersten Abend ihren Kindern, für die sie nach der langen Trennung eine unsägliche Zärtlichkeit empfand. Sie sah sich in ihrer Wohnung um, die ihr fremd geworden war. Sie telephonierte an alle ihre Bekannten. Und schließlich sah sie die Post der letzten Woche durch, die nicht mehr nachgesandt worden war. Nichts von Bedeutung. Das unverschämte Angebot eines Konzertagenten zu einer Tournee in der Provinz, ohne jegliches Honorar, nein, danke schön. Und hier war eine Art amtliches Schreiben. Lise nahm es mit beleidigter Miene in die Hand, während sie eine Zigarette zwischen den Lippen hin und her schob. Sie liebte behördliche Schreiben nicht. Sie liebte Gesellschaften, fröhliches Geplauder, Chopin, aber sie liebte nicht Dinge, die sie daran erinnerten, daß sie ihren Mitmenschen gegenüber, der Gesellschaft, dem Staate, Verpflichtungen hatte. Man forderte sie auf – es war gänzlich unwürdig, daß es Einrichtungen gab, die über ihre Zeit verfügen konnten.
Sie hatte aber kaum einen Blick in das Schriftstück geworfen, als sie so fahl wurde, daß ihr hellblonder Haarschopf dunkel erschien und ihre blauen Augen grau wie dunkler Schiefer. Die Zigarette entfiel ihrer Hand und qualmte auf einem Stück Papier weiter.
Was war das?
Lises Augen wurden starr vor Schrecken. Wie war das möglich? Eine Vorladung des Gerichts zu einem Termin. Wenzel hatte die Klage auf Scheidung eingereicht.
Plötzlich flammte ihr ganzer Körper, als stände sie mitten in einem Feuer. Sie sprang bestürzt auf und warf das Schreiben von sich. Wie war all das möglich? Hatte sie es mit einem Teufel zu tun? Und hier war ein Brief von Wenzels Anwalt, der sie seit Monaten mit seinen Zuschriften bombardierte. Wenzel ließ ihr mitteilen, daß er ihr eine glänzende Sicherstellung verspreche für den Fall, daß sie sofort in die Scheidung willige. Weigere sie sich aber, so werde er nicht vor dem Äußersten zurückschrecken. Oh, ja gewiß, sie hatte es hier mit einem Schurken und einem Teufel zugleich zu tun. Lise stürzte in das Kinderzimmer und riß die Kinder aus dem Bett, um sie an die Brust zu drücken und mit Küssen zu bedecken. „Sie wollen euch von mir wegnehmen!“ schrie sie. Die Kinder, verschlafen und verstört, begannen zu weinen.
Gerhard blickte sie mit den grauen Augen Wenzels an. „Wer will uns wegnehmen?“ fragte er, das Gesicht in Tränen gebadet.
„Nun, Papa!“
Oh, nun war ihr schon etwas leichter. Sie vermochte wieder zu denken, es war zuviel gewesen. Sie klingelte Michael an, und Michael ließ ihr sagen, daß er noch etwa zwei Stunden im Bureau sein werde und sie erwarte.
Augenblicklich nahm Lise einen Wagen. Es war etwas nach neun Uhr, als sie im Bürogebäude Michaels ankam. Michael saß an seinem Schreibtisch, müde und abgespannt, und diktierte Eva Dux Briefe.
„Ich stehe sofort zu deiner Verfügung, Lise,“ sagte er mit einem müden Lächeln. Eva erhob sich, ohne ein Wort zu sprechen, und verließ das Zimmer.
„Wie geht es mit der Stimme?“ fragte Michael. Nun aber bemerkte er Lises außerordentliche Erregung und Blässe. Von ihren Wimpern sprangen die Tränen. Sein Gesicht verfinsterte sich.
„Die alte Sache?“ fragte er. „Weshalb könnt ihr euch nicht in Frieden trennen?“ Diese langwierige Scheidungsangelegenheit quälte ihn tödlich.
Lise warf das Schreiben des Anwalts und die Vorladung auf den Tisch. „Lies nur, Michael, lies!“ schrie sie. „Wenzel ist ein Schurke! Ein vollendeter Schurke!“
„Weshalb diese Heftigkeit, Lise?“ sagte Michael und runzelte ärgerlich die Stirn. Er durchflog das Schreiben des Anwalts und die Vorladung des Gerichts.
Nun begann Lise leise zu wimmern.
„Du sollst mir helfen, Michael!“ flehte sie. „Ich ertrage es nicht länger! Bin ich wirklich eine Frau, der man die Erziehung der Kinder nicht anvertrauen kann?“
Michael sah sie mit einem klaren Blick an. „Ich will nichts fragen,“ sagte er nach einigem Nachdenken. „Es sind deine Privatsachen, die mich nichts angehen. Ich rate dir, was ich dir immer geraten habe: Trenne dich in Frieden von Wenzel. Ich werde morgen früh mit euren Anwälten sprechen und zu vermitteln suchen.“
„Wenzel zieht mit dieser Lady Weatherleigh durch die Tanzsäle von Paris. Ich weiß wohl, was er beabsichtigt!“ rief Lise aus.
Sie verbrachte eine unruhige Nacht und schlief erst gegen Morgen ein. Der telephonische Anruf ihres Anwalts weckte sie. Justizrat Davidsohn ersuchte sie, ihn noch im Laufe des Vormittags zu besuchen.
Der Justizrat prüfte die Schriftstücke zuerst flüchtig, dann aber studierte er sie mit großer Gründlichkeit. Er drehte sie sogar um, ob nicht auf der Rückseite noch etwas stehe. Schließlich trommelte er mit den behaarten Händen auf den Tisch. Nunmehr hatte er sich so weit gesammelt, um sich aller Einzelheiten dieser Sache Schellenberg contra Schellenberg zu erinnern.
„Sie wurden beobachtet, gnädige Frau,“ sagte er endlich, ohne jede Vorbereitung.
„Beobachtet? Von wem?“ Lise erbleichte.
„Es geht aus dem Schreiben meines Kollegen hervor, daß Sie monatelang unter genauer Beobachtung standen.“
„Das ist eine Infamie!“
„Es ist nicht schön, gewiß nicht,“ antwortete Davidsohn und schüttelte den Kopf. „Aber Sie sehen, es gibt Anwälte, die vor keinem Mittel zurückschrecken. Es fragt sich nun, wie weit die Beobachtungen auf Wahrheit beruhen. Sie waren drei Monate an der italienischen Riviera. Mein Kollege behauptet nun, daß Sie zwei Monate lang einen Freund zu Besuch gehabt hätten, der in ihrer Villa wohnte. Ein gewisser, lassen Sie sehen, Dr. Friedrich, wohnhaft Achenbachstraße 5. Trifft das zu, gnädige Frau?“
Lises Augen blitzten. „Ich antworte auf diese Frage nicht!“ erwiderte sie.
Der Justizrat lächelte nachsichtig. „Mir, Ihrem Anwalt, können Sie getrost antworten, gnädige Frau. Sie waren etwas unvorsichtig, aber erregen Sie sich bitte nicht. Mein Kollege behauptet ferner, dieser Freund habe Sie auch in Berlin schon zuweilen besucht und das Haus erst am Morgen verlassen.“
„Diese Behauptung ist eine nichtswürdige Lüge!“ schrie Lise.
Wiederum lächelte der Anwalt nachsichtig. „Sie sollen sich nicht erregen. Vielleicht haben Sie unzuverlässiges Personal. Ich habe den Eindruck. Es sind Daten genannt.“
Lise schwur, noch heute ihre beiden Dienstmädchen zu entlassen. (Sie entließ tatsächlich ein Mädchen, eine Polin, die sich unter ihrem strengen Verhör verriet. Sie gab ihr ein paar Ohrfeigen und warf sie noch in der gleichen Stunde hinaus.)
„Was die Kinder anbetrifft,“ so fuhr der Justizrat fort, „so ist das ja nicht so ernst zu nehmen. Sie werden beweisen können, daß die Kinder eine sorgfältige Erziehung genießen und nicht ganze Nächte ohne Aufsicht sind, wenn die beiden Mädchen zu Tanzvergnügungen gehen.“
„Das alles ist empörend! Das alles unsagbar empörend und eine schamlose Lüge!“
„Ich weiß, ich weiß,“ beruhigte sie der Justizrat. „Das ist ja nicht so schlimm. Und diese Bemerkungen hier, die mein Kollege in sehr taktloser Weise in sein Schreiben einfügen zu müssen glaubt, diese Bemerkung hier, einen Augenblick. Er behauptet, Sie hätten wenige Tage nach der Geburt des ersten Kindes geäußert, in bezug auf das Kind: Ein paar Pfund Fleisch, und wie häßlich!“
Hier sprang Lise empört auf. „Ich habe es mit den größten Schurken und Schuften der Welt zu tun!“ schrie sie.
Der Justizrat erhob sich an der andern Seite des Tisches und bat sie mit einer beschwörenden Handbewegung, wieder Platz zu nehmen und sich nicht zu erregen. „Das ist ja nicht von Bedeutung. Ob Sie diese Bemerkung gemacht haben oder nicht, das spielt gar keine Rolle. Aber daß Sie unvorsichtig waren, gnädige Frau, hat Ihre Position, ich darf offen sprechen, keineswegs verbessert. Das Gericht könnte immerhin der Ansicht sein, daß tatsächlich ein Ehebruch vorliegt, und Sie für den schuldigen Teil erklären.“
„Wie, mich?“ unterbrach ihn Lise maßlos erstaunt. „Ich werde nachweisen, daß Wenzel die Ehe mit einem Dutzend von Frauen gebrochen hat.“
Der Justizrat schüttelte den Kopf. „Sie kennen die Gesetze nicht, gnädige Frau. Es wäre ja immerhin möglich, und wir müssen jedenfalls damit rechnen. In diesem Falle aber, gnädige Frau, wäre Herr Schellenberg jeglicher Verpflichtung Ihnen gegenüber ledig.“
„Wie?“
„Ich will auch nicht verschweigen, daß das Gericht in diesem Falle sich dahin entscheiden könnte, Ihnen die Kinder nicht weiter zu belassen.“
„Dann sind die Gesetze einfach Unfug!“
In Anbetracht all dieser Umstände, angesichts der Tatsache, daß sich die Lage leider verschlechtert habe, unleugbar, riet der Justizrat zum Vergleich. Er werde sich bemühen, die günstigsten Bedingungen zu erzielen.
Aber Lise wollte unter keinen Umständen etwas von einem Vergleich wissen. Wenzel hatte die letzte „Brücke“ abgebrochen, und diese Bemerkung mit den „paar Pfund Fleisch“ würde sie ihm bis zu ihrem Tode nicht verzeihen. Sie liebte ihre Kinder abgöttisch, Wenzel wußte es genau, und doch ließ er diese Schurkerei von seinem Anwalt schreiben. Sie leugnete ja gar nicht, daß sie seinerzeit jene alberne Bemerkung gemacht hatte, aber spricht nicht jeder Mensch einmal eine Roheit und eine Dummheit aus?
Nein und dreimal nein! Sie wollte keinen Vergleich, und wenn er ihr zehn seiner erwucherten Millionen auf den Tisch legen würde. Sie wisse recht gut, weshalb Wenzel es plötzlich so eilig hatte, seine erste Ehe zu lösen, oh, recht gut! Sie fürchtete den Prozeß nicht, und sie würde den Richtern wohl sagen, wer hier der Ehebrecher sei.
„Verzeihen Sie, gnädige Frau,“ unterbrach sie der Justizrat. „Wenzel Schellenberg hat gegen Sie Klage erhoben und nicht Sie gegen Wenzel Schellenberg. Wir können ja eine Gegenklage einreichen, und es besteht kein Zweifel, daß das Gericht ohne jedes Zögern die Scheidung aussprechen wird.“
„Nun verstehe ich gar nichts mehr!“ rief Lise verzweifelt aus. „Ich will ja die Scheidung nicht!“
Kaum hatte Lise das Sprechzimmer des Justizrates verlassen, so klingelte Davidsohn bei dem Kollegen Vollmond an. Er beklagte sich, allerdings mit großer Höflichkeit, über die Schärfe des Tones in Vollmonds Schreiben. Diese Schärfe sei leider nicht geeignet, jene Versöhnlichkeit herbeizuführen, die wünschenswert sei. Er werde sich um den Ausgleich bemühen und bäte um eine Aussprache, am liebsten morgen. Kollege Vollmond hatte am morgigen Tage keine Zeit, er müßte zu einer Verteidigung in die Provinz reisen, die etwa drei bis vier Tage in Anspruch nehmen dürfte. Trotz größter Überlastung schlage er eine Konferenz am heutigen Nachmittag vor, um sich dem Kollegen gefällig zu zeigen. Dann unterhielten sich die beiden Anwälte lebhaft über eine Sache Ledermann contra Schuster. Es waren da hohe Kosten aufgelaufen, und Ledermann, Davidsohns Mandant, stand dicht vor dem Bankerott.
Noch am gleichen Abend drahtete Vollmond an Wenzel nach Paris, daß seine Maßnahmen den gewünschten Erfolg gehabt hätten. Die Starrköpfigkeit der Gegenpartei sei besiegt. Er bitte um Angabe, um wieviel Prozent er eventuell die Abfindungssumme erhöhen dürfe.
Wenzel telegraphierte aus Paris: „Verdoppeln Sie, wenn nötig, die Summe! Setzen Sie als äußersten Termin vierzehn Tage an. Beschleunigen Sie die Angelegenheit mit allen Mitteln!“
11
Es war anfangs Juni, aber schon war die Hitze in Paris unerträglich. Die Benzinschwaden der Automobile, die alle Straßen der ungeheuren Stadt überschwemmten, verpesteten die Luft. Wenzel fuhr häufig ins Freie und betrachtete sich die Umgebung der Stadt. Nur selten begleitete ihn Esther auf diesen Entdeckungsfahrten. Sie verließ die Stadt nur ungern, es sei denn in großer Gesellschaft. Sie brauchte das Gewimmel der Menschen, das Gewimmel der Automobile, das Brüllen der Hupen, die verwirrenden Läden der Boulevards und der Rue de la Paix. Das alles brauchte sie und die bewundernden Blicke der Männer, jener Unzahl von Männern, die in Paris spazieren gehen und deren Beschäftigung darin besteht, schönen Frauen nachzusehen.
An einem Nachmittag lag eine so drückende Schwüle über der rasenden Stadt, daß die Gesichter aller Menschen in Schweiß gebadet waren.
Man wollte nach Tisch einen Zirkus besuchen, wo zwei Clowns das Publikum jeden Abend zu tobendem Gelächter hinrissen. Esther, die gerne lachte, freute sich bereits wie ein Kind darauf. Wenzel aber fand, daß es heller Wahnsinn sei, heute in der Stadt zu bleiben. „Kommen Sie mit mir ins Oisetal. Ich will Ihnen endlich mein kleines Zauberschloß zeigen,“ sagte er.
Esther rieb sich Schläfen und Wangen mit Kölnischem Wasser. In der Tat, die Luft war unerträglich, man atmete glühende Staubsplitter. „Es ist gut,“ entschied sie. „Fahren wir.“
Wenzels Zauberschloß an der Oise war ein ehemaliges Barockschlößchen, das man in ein kleines vornehmes Hotel umgewandelt hatte. Gebäude und Park waren fast unberührt geblieben und von großem Reiz. Wenzel hatte das Hotel auf seinen Ausflügen entdeckt.
Esther war hell entzückt. Eine solche Köstlichkeit, eine Autostunde von Paris, war es möglich? Es gab hier Springbrunnen mit bemoosten Tritonen, Grotten aus Muscheln, einen Irrgarten aus Taxushecken, von Rosen umwachsene Statuen, wie Esther sie bisher nur auf alten Kupferstichen gesehen hatte. Man speiste auf einer Terrasse, die den Blick über den verwunschenen Park erlaubte. An Stelle des elektrischen Lichtes leuchteten Kerzen in alten silbernen Leuchtern. Esther war zufrieden. Welche Ruhe! Der Nachthimmel wölbte sich blau wie alte Kirchenfenster, große, geschliffene Edelsteine blitzten am Firmament. Aus dem Park trieb in spürbaren Wellen ein betäubender Geruch von Flieder und Rosen. Sie speisten eine volle Stunde, der Wirt hatte seine ganze Kunst aufgeboten, und sie hatten keine Eile. Dann schlenderten sie durch den Park. Esther blieb stehen und sog langsam die Luft ein.
„Es ist in Wahrheit zauberhaft schön hier,“ sagte sie, und zum ersten Male hörte Wenzel in ihrer Stimme einen weichen, schwärmerischen Klang.
Sie besuchten den Brunnen mit den bemoosten Tritonen, die umwachsenen Statuen, und sogar in den Irrgarten aus Taxushecken wagte sich Esther, obwohl es drinnen ganz dunkel war. Sie verirrten sich wirklich, und es dauerte eine geraume Weile, bis sie unter Scherzen und Lachen den Rückweg fanden.
Nun schien es plötzlich für Esther genug zu sein. Die Stille bedrückte sie, die Schweigsamkeit des alten Parkes. Sie drängte zum Aufbruch.
Es zeigte sich jedoch, daß der Motor des Autos nicht in Ordnung war. Schweißtriefend lag der Chauffeur unter dem Wagen. Er versicherte, den Mangel spätestens in einer halben Stunde zu beheben.
„Oh, wie unangenehm!“ rief Esther ärgerlich, und augenblicklich wandte sie sich in herrischem Ton an den Wirt und verlangte einen Wagen. Der Wirt hatte einen Wagen, gewiß, aber er deutete an, daß die Herrschaften mit diesem Wagen nach Paris wohl vier Stunden fahren würden.
Esther runzelte die Stirn. „So telephonieren Sie nach einem Auto. Es muß sich doch ein Auto finden lassen? Ich habe Baron Blau versprochen, mit ihm nach dem Theater die Schokolade zu nehmen.“
Wenzel lächelte. „Telephonieren Sie in das Hotel,“ sagte er.
„Sie sind abscheulich,“ erwiderte Esther verletzt. Sie schwieg eine Weile, während sie in dem dunklen Park hin und her ging. Plötzlich schien es ihr, als ob sie Wenzel im Dunkeln lachen höre.
„Sie lachen?“ fragte sie verwundert.
Wenzel trat näher und berührte vertraulich ihren Arm. „Ich lache über Sie, Esther Weatherleigh,“ sagte er, „ich muß lachen, weil Sie so ärgerlich sind, ein paar Stunden von Paris fern bleiben zu müssen. Das Auto ist natürlich völlig in Ordnung. Ich habe den Chauffeur nur beauftragt, diese kleine Komödie zu spielen.“
Esther blieb stehen. Im Dunkeln stand sie schmal wie eine Statue vor Erstaunen. „Und was bezwecken Sie damit?“ fragte sie – oh, nun war sie wirklich schlechter Laune – und die Statue schien noch schmaler und steifer zu werden.
Lächelnd und etwas spöttisch erwiderte Wenzel: „Spielen Sie nicht die gekränkte Göttin, ich beschwöre Sie. Sie sehen ja, daß ich das Komplott sofort selbst aufdeckte, als ich sah, daß es Ihnen kein Vergnügen macht, länger hier zu bleiben. Ich will Ihnen auch ganz offen gestehen, was ich mit dieser kleinen Komödie bezweckte. Sie sind in Paris immer von einem Schwarm von Menschen umgeben, und selbst, wenn wir allein ausgehen, befinden wir uns inmitten von Menschen. Ich hatte schon lange den Plan, Sie in dieses stille Hotel, das ich durch Zufall entdeckte, zu verschleppen, um mit Ihnen ruhig über gewisse Dinge sprechen zu können.“
Esther ging weiter. „Welche Dinge wollen Sie denn mit mir besprechen?“ fragte sie mit gemachtem Erstaunen. Als ob sie gar nicht ahnen könne, um welche Dinge es sich handeln könnte.
„Es ist eine sehr einfache Sache,“ fuhr Wenzel fort, etwas unsicher und tastend. „Da ist dieser Baron Blau, und da ist dieser Major Fairfax, und ...“
„Und da sind noch andere,“ unterbrach ihn Esther.
Wenzel sah in der matten Dunkelheit des Parkes, daß ihre Zähne blitzten.
„Nun gut, und noch andere. Und da bin ich. Ich habe keineswegs Lust, die lächerliche Rolle eines Barons Blau oder eines anderen zu spielen, Esther Weatherleigh!“
Und wieder blieb Esther vor Erstaunen stehen und wurde zu einer schmalen, steifen Statue.
„Ich wollte mit Ihnen über diese Dinge ausführlich sprechen, aber es ist vielleicht besser, wenn wir wenig Worte machen. Sie sollen sich entscheiden, Esther Weatherleigh. Entweder ich oder einer der andern!“
Esther lachte. Dieses Lachen war frivol, hochmütig und verletzend. Augenblicklich verlor Wenzel die Besinnung. Viele Monate lang hatte er sich dieser Frau gegenüber beherrscht, und oft war es ihm nicht leicht gewesen. Dieses Lachen aber brachte ihn außer sich.
„Sie sollen nicht lachen über diese Frage!“ rief er, viel zu laut für einen Gentleman, und trat auf die Statue zu und faßte sie an den Schultern. Ihre nackten Arme fühlten sich wie Eis an in seinen Händen, wie Eis, das brannte. „Ich habe diese Frage nie an eine Frau mit solcher Aufrichtigkeit gerichtet.“
„Sie tun mir weh,“ sagte Esther leise, indem sie den Kopf senkte. „Oh, wie verwegen Sie sind! Ich hasse Entschlüsse. Ich hasse vor allem rasche Entschlüsse. Sie wissen sehr wohl, daß Sie mir nicht gleichgültig sind, Wenzel, aber ich liebe Sie nicht. Sie verlangen zuviel. Ich glaube nicht, daß ich aufrichtig lieben kann.“
Darauf Wenzel: „Ich verlange ja gar nicht, daß Sie mich lieben. Ich verlange nur, daß Sie meine Frau werden.“
„Das ist mir zu wenig,“ antwortete Esther.
„Dann werden Sie meine Geliebte!“
„Das ist mir zuviel,“ entgegnete Esther mit einem Lächeln. „Aber,“ fuhr sie zögernd fort, „vielleicht läßt sich darüber sprechen, Wenzel Schellenberg. Ohne Bedingungen, hören Sie. Wir wollen dem Himmel die Entscheidung überlassen. Gehen wir diese Allee hinunter. Fällt eine Sternschnuppe, so haben Sie gewonnen, fällt keine Sternschnuppe, so versprechen Sie mir, nie wieder auf diese Dinge zurückzukommen. Gilt das?“
„Es gilt!“
Sie gingen durch die Allee, die hellen Gesichter zum Firmament gerichtet. Kaum aber waren sie zehn Schritte gegangen, als ein leuchtendes Meteor über das Firmament zog.
Esther stieß einen Schrei aus und griff mit der Hand nach Wenzel. „Sie haben gewonnen, Wenzel!“ rief sie und lachte.
12
„Da bist du ja wieder,“ sagte Jenny Florian freudig lächelnd und schmiegte den zarten Arm sanft um Wenzels Nacken. Ihre Augen strahlten von einer tiefen und milden Freude.
Der Klang ihrer weichen, gütigen Stimme, die zärtlich gesprochenen Vokale griffen an Wenzels Herz. Seit langer Zeit hatte er diese schöne Stimme nicht mehr vernommen.
„Da bin ich wieder, mein Liebling,“ erwiderte er laut, mit etwas gemachter Lustigkeit, um die Bewegung zu verbergen, die ihn ergriffen hatte, als er Jenny, zarter, etwas schmaler im Gesicht, eilig die Treppe herabkommen sah. Auch nicht der leiseste Vorwurf stand in ihren Augen. Er küßte sie herzhaft auf den Mund.
Jenny geleitete ihn in das Haus. Überall Blumen, er sollte sehen, daß sie sich auf seine Rückkehr gefreut hatte.
Ja, nun war also Wenzel wieder in Berlin, und es sah ganz so aus, als habe sich unterdessen nicht das mindeste ereignet und solle alles bleiben wie früher.
Wenzel verbrachte fast alle Abende mit ihr, was er früher nicht getan hatte. Sie besuchten Gesellschaften, Theater, Rennen, zumeist aber speisten sie in Jennys Haus. Wenzel war herzlich, voll Interesse für alles, was Jenny betraf, ein guter Kamerad und Freund. Sie beobachtete jedoch häufig eine sonderbare Zerstreutheit an ihm, die sie früher nie bemerkt hatte. Oft stand Wenzel auf, um nachdenklich und unruhig im Zimmer hin- und herzugehen.
„Woran denkst du?“ fragte sie.
Wenzel schüttelte den Kopf. Er gab ihr auf diese Frage keine Antwort.
Jenny hatte von seinen Beziehungen zu Esther Weatherleigh gehört, natürlich. Sie wußte, daß ihn diese Frau mehr als andere beschäftigte, aber es ging doch wohl nicht an, seine Unruhe auf diese Frau zurückzuführen. „Hast du Sorgen?“ fragte Jenny schmeichelnd.
Wenzel schüttelte den Kopf. Er hatte keine Sorgen.
„Aber vielleicht hast du doch Sorgen,“ drängte Jenny weiter. „Ich verstehe nichts von Geschäften und möchte mit dir auch nicht über Geschäfte sprechen. Aber vielleicht hast du geschäftliche Sorgen? Man sprach in Berlin davon, daß du große Verluste in einer Francsspekulation erlitten hast.“
Wenzel lachte laut auf, gutmütig und belustigt. „Wie lächerlich klein ist diese Welt!“ rief er aus. „Ich habe in der Tat anfangs einen tüchtigen Lappen Haut hängen lassen. Ich habe dir von einem Bekannten erzählt, einem Baron Blau, einem Bankier. Nun, ich war töricht genug, auf seine Ratschläge zu hören. Er behauptete, der Franc würde gestützt werden und steigen. Man soll nie auf einen Bankier hören, und so habe ich eine ziemliche Summe verloren, gegen vierzigtausend Pfund. Später aber behauptete dieser Baron Blau, der Franc würde fallen, und diesmal handelte ich seinem Rate entgegen und habe meine Verluste mehr als wettgemacht. Das ist die ganze Sache meiner Francsspekulation.“
Nach einer Woche war Wenzel plötzlich wieder abgereist. Er sandte Jenny Blumen und einen Gruß. Geschäfte! Drei Tage später kam er wieder zurück. Er blieb zwei Tage und flog nach London. In diesen Monaten war Wenzel fast ununterbrochen in D-Zügen und Flugzeugen unterwegs: Paris, London, Trouville, Ostende. Je länger diese ununterbrochenen Reisen währten, desto größer wurde Wenzels Unruhe. Jenny konnte es deutlich von Monat zu Monat beobachten. Was früher fast nie vorkam, ereignete sich jetzt häufig: Wenzel war schlechter Laune! Wenzel, der immer behauptete: Nur dumme Menschen können schlecht gelaunt sein. Wenn Wenzel früher ärgerlich war, so gab es irgendeine, oft heftige Explosion, eine Eruption von Zorn und Galle, und einige Minuten später hatte er seinen früheren Gleichmut wiedergefunden. Anders jetzt. Er saß mit verdüstertem Gesicht und schwieg.
Jenny berichtete ihm, um ihn zu zerstreuen, von ihrer Arbeit. Oh, sie arbeitete, doppelt eifrig, seit Wenzel fast immer abwesend war. Sie übte, schulte, lernte, studierte, beobachtete. Ihr letzter Film, „Der Roman einer Tänzerin“, hatte einen sensationellen Erfolg gehabt. Er ging um die ganze Erde. Man machte ihr verführerische Angebote, aber schon hatte Jenny ihr Ziel weiter gesteckt. Sie wollte zur Bühne gehen und nur noch zuweilen filmen. Wenzel hatte ein Theaterunternehmen finanziert und als Gegenleistung Jennys Engagement gefordert. Im Herbst sollte sie zum ersten Male auftreten, und man tat alles, um das Debüt zu einem Erfolg zu gestalten. Jenny erzählte von den Proben.
Wenzel hörte kaum zu. Er deutete an, daß seine Scheidungsangelegenheit ihm großen Verdruß bereite. Eines Abends aber kam er in strahlender Laune zu Jenny, nachdem er zwei Stunden vorher abgesagt hatte. Er brachte einen riesigen Korb erlesener Leckerbissen mit. Das Auto war buchstäblich bis zum Rand mit Blumen angefüllt.
„Laß deine besten Weine auftischen, Jenny!“ rief er, in jenem übermütigen Ton, den Jenny so gut von früher her kannte. „Wir wollen tafeln. Endlich hat diese unleidige Scheidungsgeschichte ein Ende gefunden.“
Fröhlich und beglückt gab Jenny ihre Befehle.
In der Tat hatte Lise an diesem Tage kapituliert. Wenzel bat am Vormittag den Anwalt Vollmond zu sich und erklärte ihm ohne alle Umstände: „Lise Schellenberg ist von der Reise zurückgekehrt. Sie werden dieses Zimmer nicht verlassen, bevor Sie die Angelegenheit nicht in Ordnung gebracht haben. Meine Geduld ist jetzt zu Ende. Hier ist das Telephon, fangen Sie an.“
Vollmond tat beleidigt, lächelte sauer, ging aber trotzdem ans Telephon. Und nun wollte er seine ganze Kunst beweisen, während Wenzel mit dem finsteren Blick und starren Nacken eines Tyrannen dasaß, der seinen Willen durchsetzen will, und gehe die Welt dabei in Scherben.
Vollmond begann mit einer liebenswürdig vorgebrachten Entschuldigung, daß er es nochmals wage, Frau Schellenberg zu stören. Er spreche jedoch weniger als der Anwalt ihres Ehemannes, er spreche vielmehr als Lises Freund, dem ihr Schicksal und das Schicksal der beiden Kinder am Herzen liege. Er rechne natürlich auf ihre Diskretion! Er berichtete also, daß Herr Schellenberg eine Klage einreichen wolle, Herbeiführung eines Gerichtsbeschlusses zur sofortigen Herausgabe der Kinder.
„Gnädige Frau!“ Der Anwalt sprach, wie gesagt, als Freund, aber schon wurde er etwas deutlicher. Er setzte ihr auseinander, daß das Gericht ohne allen Zweifel, sie könne alle Anwälte der Welt fragen, sie für den schuldigen Teil erklären würde und daß sie dann nicht einmal Anspruch auf einen roten Heller erheben könne. Herr Schellenberg habe ihm als letzten Termin den heutigen Abend, und zwar Punkt sechs Uhr genannt. Eine Minute nach sechs Uhr werde die Klage abgehen. Heute abend reise Herr Schellenberg auf vier Wochen von Berlin weg, und unterdessen werde sich das Schicksal erfüllen.
Wieder erging sich Vollmond in Freundschaftsbeteuerungen. Dann versicherte er ehrenwörtlich, daß Herrn Schellenbergs letzte Bedingungen die seien: Er biete zwei Millionen Abfindung und eine Rente von fünfzigtausend Mark jährlich. Bis heute Abend sechs Uhr. Er werde in einer halben Stunde wieder anrufen, und er hoffe auf ihre bestimmte Zusage. „Nach sechs Uhr, sechs Uhr eine Minute, gnädige Frau, keinen roten Heller.“
Dann telephonierte Vollmond – Wenzels Gesicht war immer finsterer geworden – mit dem Justizrat Davidsohn. Er beschwor den verehrten Kollegen, bei seiner Klientin seinen ganzen Einfluß geltend zu machen. Der Fall sei hoffnungslos. In einer halben Stunde werde Herr Schellenberg abreisen, und dann sei es zu Ende.
Hierauf rief er wiederum bei Lise an. Wenzel hörte Lises erregte Stimme im Apparat. Vollmond war die Liebenswürdigkeit selbst, er verbeugte sich sogar am Apparat. Dann spannten sich seine Gesichtszüge, und endlich sagte er: „Ich werde in fünfzehn Minuten bei Justizrat Davidsohn zu Ihrer Verfügung sein, gnädige Frau. Sie sagen drei Millionen? Ich bin nahezu sicher, daß Herr Schellenberg diese Forderung zurückweisen wird, aber ich bürge mit meinem Ehrenwort, daß ich alles tun werde, was in meinen Kräften steht.“ Vollmond war vor Erregung blaß geworden.
Auf diese Weise hatte Lise kapituliert. Noch am selben Abend erzählte sie bleich und verstört allen ihren Bekannten, daß Wenzel sie mit einem Butterbrot abgefunden habe, aber man habe ihr gedroht, die Kinder morgen durch die Polizei wegnehmen zu lassen. Und alle Freunde Lises erklärten Wenzel Schellenberg für den brutalsten Schurken Berlins.
13
Wenzel hatte den Familienschmuck eines früheren regierenden herzoglichen Hauses gekauft, eine wunderbare Goldschmiedearbeit italienischen Ursprungs, Perlen, Diamanten und Smaragden. Sein Einkäufer für Antiquitäten hatte die Kostbarkeit entdeckt. Wenzel brachte den Schmuck nach Paris und machte ihn Esther zum Geschenk. Es war ein Schmuck, der selbst die verwöhnte Tochter des alten Raucheisen entzückte. Baron Blaus Gesicht zuckte an diesem Abend nervös, und der Chef des Speisesaals war kaum imstande, ihm ein Täßchen Hühnerbrühe einzuflößen.
Als der alte Raucheisen von Esther die Nachricht erhielt, daß sie beabsichtige, sich mit Wenzel Schellenberg zu verheiraten, saß er bleich und still wie ein Leichnam. Sein ganzes Lebenswerk, seine Zechen, Kokereien, Walzwerke, Hochöfen, Fabriken, Schiffe, sah er vor seinen Augen in den Abgrund versinken.
„Dieser Abenteurer!“ keuchte er leise. Es gab kein Wort für Raucheisen, das eine größere Verachtung ausgedrückt hätte. Er streckte die totenbleiche Hand aus, um zu klingeln. Aber er beobachtete, daß sein Finger zu schwach war, um die Klingel herabzudrücken. Erst nach einer Weile gelang es ihm. Am Abend speiste der Sachverwalter seines Hauses, Justizrat Barenthin, bei ihm. Vor dem alten Freunde hatte Raucheisen keine Geheimnisse. Barenthin versprach, seine Fühler vorsichtig auszustrecken. Er reiste nach Paris, wo es ihm gelang, eine Aussprache mit Wenzel zu haben. Er war glücklich, Raucheisen die Mitteilung überbringen zu können, daß Wenzel Schellenberg auf einer Gütertrennung der beiden Ehegatten bestehe.
Der alte Raucheisen atmete auf. Die Ehe wird ein, zwei Jahre währen, sagte er sich. Ich kenne Schellenberg, und ich kenne meine Tochter. Aber den Gedanken, daß Lady Weatherleigh, geborene Esther Raucheisen, einen „Abenteurer“ heiratete, würde er nie verwinden können. Das fühlte er.
14
„Wenzel ist seit acht Tagen in Berlin?“ Erstaunt und ungläubig sah Jenny Stobwasser an.
Ja, seit acht Tagen sei Schellenberg bereits wieder hier. Und Stobwasser berichtete, daß in der letzten Zeit fieberhaft in der Villa im Grunewald gearbeitet werde, um das Haus bis auf die letzte Leiste und den letzten Beschlag fertig zu machen.
„Er war lange verreist, er wird zu beschäftigt sein,“ versuchte Jenny Wenzel zu entschuldigen.
Aber als sie allein war, fragte sie sich betrübt und erregt: Weshalb kommt er nicht zu mir? Weshalb ruft er nicht an? Sie hatte natürlich von Wenzels beabsichtigter Heirat gehört. Es war nicht leicht für sie, dieser Gedanke bedrückte, dieser Gedanke verdunkelte, aber es mußte sein, wenn es ihm Freude machte, diese verwöhnte Frau zu heiraten. Weshalb nicht? Was kümmerte es sie? Wenn er nur der gute Kamerad blieb, der er bisher gewesen war. Mehr wollte sie nicht.
Wenzel reiste wieder ab, er kam wieder zurück. Sie hörte nichts von ihm. Eines Tages aber, es ging schon auf den Herbst, überbrachte der kleine Stolpe einen Brief von Wenzels Hand, den er nur gegen Quittung aushändigen durfte.
Welche Feierlichkeit, welche Formalität, dachte Jenny erbleichend. Sie war eben zum Ausgehen fertig, der Wagen wartete vor der Tür, um sie ins Theater zur Probe zu bringen. Die Premiere war schon angesagt, in acht Tagen sollte sie zum ersten Male auftreten.
Jenny zog die Handschuhe wieder aus und öffnete zaghaft den Brief. „Weshalb zittert meine Hand so?“ schrie sie. Sie überflog das Schreiben. Wieder wich das Blut aus ihrem Gesicht. Dann legte sie Wenzels Brief zur Seite, gab den Auftrag, das Auto wieder in die Garage zu bringen, und ließ beim Theater die Probe absagen wegen einer plötzlichen Unpäßlichkeit. Dann nahm sie den Hut ab, zog den Mantel aus und begann in ihren Räumen auf und ab zu gehen, immer hin und her. Es wurde drei Uhr. Der Tisch war gedeckt, aber Jenny schüttelte nur den Kopf. Sie unterbrach ihre Wanderung nicht. Um sechs Uhr übergab man ihr die Karte von Hauptmann Mackentin. Ach ja, in Wenzels Schreiben war ja davon die Rede, daß Hauptmann Mackentin um sechs Uhr bei ihr vorsprechen werde, um „alles Weitere“ mit ihr zu ordnen. Jenny legte die Karte weg, winkte mit der Hand ab und setzte ihre Wanderung fort.
Es wurde dunkel. Im Speisezimmer flammte das Licht auf. Das Abendessen war serviert, aber Jenny schüttelte wiederum nur den Kopf, ohne ihre Wanderung zu unterbrechen. Es war schon tief in der Nacht, als sie sich auskleidete. Sie hüllte sich in ein weiches, seidenes Hauskleid, und wieder ging sie hin und her. Der Tag begann zu grauen, und plötzlich sah sie wieder Wenzels Brief im Dämmerlicht auf dem Tisch liegen. Da setzte sie sich auf einen Stuhl und begann leise in ihre Hände zu weinen. Aber sofort stand sie wieder auf und nahm bleich und verstört ihre Wanderung wieder auf.
Die erschrockene Zofe versuchte sie zu beruhigen. Das Telephon klingelte. Hauptmann Mackentin machte einen neuen Versuch, sie zu sprechen, das Theater rief an.
„Ich komme nicht zur Probe, ich spiele nicht, ich werde nicht auftreten. Sagen Sie das!“ Und wieder ging Jenny ohne Pause hin und her.
Jenny lebte in einer Art von Betäubung. Sie kam sich selbst wie eine Fremde vor. All die schönen Dinge, die sie geliebt hatte, erschienen ihr fremd und tot. Jene beiden meterhohen chinesischen Porzellanvasen – einst standen ganze blühende Fliederbäume darin, ganze Büsche von Rosen, Gladiolen, Chrysanthemen, Astern, einst, einmal, vor langer Zeit –, sie sahen sie kalt und feindselig an. Sie wünschten abgeholt zu werden. All diese Dinge ringsum gehörten ihr, Wenzel hatte ihr alles geschenkt, das Haus, alles. Aber sie wollte es nicht haben. Sie wollte nur noch einige Tage hier unterschlüpfen, bis sie einen Entschluß fassen konnte. Dann sollte er alles, alles von ihr zurück erhalten. Sie wollte nichts von ihm.
Dieser Brief!
Ja, weshalb hatte er doch diesen Brief geschrieben? Hatte er nicht mehr als drei Minuten Zeit für sie gefunden? Weshalb war er nicht gekommen, um ihr all dies zu sagen? Weshalb diese plötzliche Fremdheit, dieser fast geschäftsmäßige Ton? War sie eine Ware, die man kaufte und zurückgab, wenn sie einem nicht mehr gefiel? Wenn er schrieb, daß er „sein Leben auf eine völlig neue Basis stellen wolle“ – störte sie ihn? „Das Weitere wird Mackentin mit dir besprechen.“ Das Weitere ...
Und wiederum nahm Jenny ihre Wanderung auf. Ich bin vergiftet, sagte sie zu sich. Dieser Brief hat mich vergiftet, ich wußte nicht, daß Worte vergiften können.
Jenny bat Stobwasser zu sich. Er war augenblicklich zur Stelle, erregt, überrascht. Seit es ihm besser ging, hatte er seine drollige alte Bohemienkleidung abgelegt und sich einen neuen Anzug gekauft. Dieser Anzug war zu weit, die grelle Krawatte saß schief, der Kragen war zu hoch und die Farbe der Strümpfe war schlecht gewählt. Er sah in der Tat noch komischer aus als früher. Alle diese Nichtigkeiten beobachtete Jenny, obwohl sie von ihrem Schmerz betäubt war.
„Lesen Sie bitte diesen Brief, Stobwasser,“ sagte sie und reichte ihm Wenzels Schreiben.
Stobwasser sah sie entsetzt an, so sehr hatte sie sich in der kurzen Zeit verändert. Sie sah bleich und durchsichtig aus wie eine Schwindsüchtige. Dann senkte er die spitze Nase über Wenzels Brief. Er schüttelte unwillig den schwarzen, wilden Haarschopf.
„Ein Geschäftsbrief!“ sagte er dann empört. „Ich hätte Schellenberg eine solche Roheit niemals zugetraut.“
„Beschimpfen Sie ihn nicht,“ entgegnete Jenny leise, die Stirn zerknittert, die Hände abwehrend erhoben. „Diese Frau hat ihm die Sinne verwirrt.“
Stobwasser machte einen schwachen Versuch sie zu trösten, aber sie hörte ihm nicht zu, antwortete nicht. Da gab er es auf. Er lud sich selbst zum Abendessen ein, um der unglücklichen Jenny Gesellschaft zu leisten. Aber Jenny rührte kaum einen Bissen an. Stobwasser plauderte, er tat, als sei nichts geschehen, erzählte tausend Kleinigkeiten, einige Anekdoten. Sein Papagei Gurru war entflohen und hatte das ganze Stadtviertel in Aufregung versetzt. Schließlich hatte ihn die Feuerwehr gefangen.
Jenny lächelte unmerklich mit schiefgezogenem Mund. Sie saß in einem Sessel, das schmale Gesicht in die blassen Hände gestützt. Um zehn Uhr verließ Stobwasser das Haus, und Jenny nahm wieder ihre Wanderung auf.
Sie schrieb an Eva Dux, mit der sie nun innig befreundet war. Aber Eva konnte erst am Sonntagnachmittag kommen und auch da nur auf eine Stunde.
„Lies diesen Brief, Eva,“ sagte Jenny.
Eva, die Schweigsame, Stille, Gesammelte, las den Brief. Dann stand sie eine lange Weile still. Sie legte ihre Hände auf Jennys Schulter, strich ihr unmerklich über das Haar und sagte: „Du mußt es tragen, Jenny, das Leben ist schwer. Denke an deine Arbeit.“
Jenny schüttelte den Kopf. Sie konnte es nicht tragen, sie konnte nicht arbeiten.
Eine Stunde saß Eva, ohne ein Wort zu sprechen. Sie schlürfte eine halbe Tasse Tee, dann ging sie wieder, und wiederum nahm Jenny ihre Wanderung auf. Alle Vorhänge ihrer Zimmer waren zugezogen.
Fast täglich gab Hauptmann Mackentin seine Karte bei ihr ab. Endlich ließ sie ihn eintreten, aber nur um ihm zu sagen, daß sie Herrn Schellenbergs Schenkung nicht annehmen könne und daß sie Herrn Mackentin bitte, sich nicht mehr zu bemühen. Mackentin erhob Einwendungen, er begann mit Erklärungen und Entschuldigungen, aber Jenny verabschiedete ihn mit einem kleinen Winken ihrer Hand. Mit einer tiefen Verbeugung, die seine ganze Achtung vor dem Schmerze Jennys ausdrückte, zog sich Mackentin zurück.
15
Michael Schellenberg fluchte. Er fluchte eine ganze Viertelstunde lang, und seit der Gründung der Gesellschaft Neu-Deutschland hatte ihn niemand so zornig gesehen. Es war, als ob in der letzten Zeit der Teufel los wäre.
Man hatte in den Büchern Unregelmäßigkeiten entdeckt, und schließlich war es an den Tag gekommen, daß einer der Finanzdirektoren der Gesellschaft größere Unterschlagungen begangen hatte. Es handelte sich um nahezu eine halbe Million Mark. Der Skandal! Wie die Zeitungen wieder über die Gesellschaft herfallen würden!
Und in der Tat, die Zeitungen schonten die Gesellschaft nicht. Einige Blätter wiederholten ihre Forderung, daß die Gesellschaft, die zwar in enger Fühlung mit der Regierung, aber völlig unabhängig arbeitete, endlich unter die Kontrolle der Regierung gestellt werde. Manche Zeitungen gingen so weit, zu behaupten, daß die Gelder des Reiches und der Gemeinden unzweckmäßig verwendet würden. Ein Blatt schrieb: Der Sündenlohn der arbeitenden Klasse wird in den Bars und Tanzpalästen verpraßt!
„Da haben wir es,“ rief Michael und lachte wütend. „Wir, die wir nicht einen Heller besitzen, wir, die wir unsere ganze Arbeit gemeinnützigen Zwecken widmen, wir verprassen also das Geld in Tanzlokalen und Bars. Herrlich! Wunderbar! Oh, dieser Halunke!“
Dabei hatte er gerade diesem Finanzdirektor immer das allergrößte Vertrauen entgegengebracht.
„Wie kann ein Gesicht so lügen?“
Eine Atmosphäre von Übelwollen, ja Feindseligkeit umgab Michael. Häufig mußte er in diesen Tagen an Wenzel denken, der ihm diese Feindschaft schon vor Jahren prophezeit hatte. Es gab politische Parteien in Deutschland, die von der Zerrissenheit des deutschen Volkes lebten. Ihnen war er ein Dorn im Auge. Es gab Interessengruppen, die eine Schädigung ihrer Privatinteressen befürchteten. Und in der Tat zwang Michael sie durch die Konkurrenz der Gesellschaft, ihre Arbeitsmethoden zu verbessern und sich mit geringeren Gewinnen zufriedenzugeben. Auch diesen war er ein Dorn im Auge. Die Landwirtschaft betrachtete ihn mit argwöhnischen Blicken. Man las voller Neid die Statistiken der Gärtnereien der Gesellschaft, die Statistiken der technisch betriebenen Großlandwirtschaften. Es gab Ehrgeizige, die ihm seine Erfolge nicht gönnten, Neidische, die alles besser wußten.
„Oh, dieser Halunke!“ wiederholte Michael. Und dazu kamen noch die etwas peinlichen Geschichten seines Bruders, seine Scheidung, die viel Staub aufgewirbelt hatte, und jene Sache mit dem herzoglichen Familienschmuck. Manche seiner Gegner machten ihn, so grotesk es klang, verantwortlich für die Handlungen seines Bruders. Sie deuteten an, daß das Vermögen Wenzels zum großen Teil aus Geschäften stamme, die er mit der Gesellschaft Neu-Deutschland machte.
Michael ließ der Presse eine Notiz zugehen, daß die Verluste, die die Gesellschaft durch die Unterschlagung erlitten habe, von Freunden der Gesellschaft gedeckt werden würden. Er gab sich der Hoffnung hin, daß Wenzel, der häufig eine offene Hand gezeigt hatte, ihm gefällig sein würde. Aber er täuschte sich. Wenzel gab ihm nicht einmal eine Antwort.
Es dauerte immerhin einige Wochen, ehe Michael, übermüdet und überanstrengt, sein Gleichgewicht wiedergewann. Nunmehr betrachtete er alle Angriffe ruhiger.
Mochten sie toben und ihn mit Schmutz bewerfen, sagte er sich voller Triumph, eine Tatsache war nicht zu leugnen: die Gesellschaft Neu-Deutschland wuchs von Monat zu Monat. Es gab keine Provinz, keine Landschaft, keine große und kleine Stadt, die nicht Projekte und Ziele der Gesellschaft erregt diskutiert hätte. Der Plan von Deutschlands Neuaufbau lag heute bis in die letzten Einzelheiten ausgearbeitet vor: die Kanäle, die die einzelnen Ströme verbinden mußten, die Schnellbahnen, die die großen Wirtschaftszentralen einander näher bringen sollten, die Schnellautostraßen, die zu schaffen waren, die Wasser- und Windkraftstationen. Es war eine ungeheure Arbeit für zehn, zwanzig, fünfzig Jahre. Aber neu und groß würde das Land erstehen, und allerorts hatte man eifrig und begeistert mit der Ausführung des Planes begonnen. Hunderttausende von jungen Männern jubelten Michael zu. Hunderttausende von freiwilligen Helfern bauten Straßen und Kanäle. Die Frauenorganisationen hatten ihm ihre Mitarbeit zur Verfügung gestellt. Es gab keinen Schmutz in den Lagern der Gesellschaft, keine Krankheiten, keine zerfetzten Hemden und zerrissenen Kleider, alles dank der Fürsorge der Frauen.
Unerschrocken ging Michael – der Devise der Gesellschaft getreu – dem Hunger und dem Elend entgegen, und überall belebte sich das erstorbene Gefühl der Kameradschaft.
Seine Reformen und seine Gedanken einer wohldurchdachten organischen Wirtschaft des Reichs hatten im Ausland Aufsehen erregt. Kommissionen kamen, das wachsende Werk zu besichtigen.
Vor einem halben Jahr etwa hatte Michael die Gesellschaft „Neu-Europa“ gegründet. Ähnliche Grundsätze, angewandt entsprechend den Bedürfnissen der einzelnen Länder Europas, sollten sämtliche europäischen Staaten reformieren. Die einzelnen Länder tauschten ihre Erfahrungen aus, ohne jede Geheimnistuerei berichtete man gegenseitig über die Fortschritte des Gartenbaues, der Landwirtschaft, des Heimstättenbaues, über neue Maschinen und Erfindungen. Zufriedene europäische Völker – war es nicht einleuchtend? – würden ein zufriedenes Europa schaffen, das es heute nicht gab. Die Zölle würden fallen, die Schranken der Grenzen würden fallen, das Paßwesen würde fallen. Unter dem Druck der wirtschaftlichen Übermacht der Vereinigten Staaten von Amerika würde Europa früher oder später gezwungen werden, eine Planwirtschaft für ganz Europa einzuführen, sollte es nicht zum Sklaven des amerikanischen Kapitals werden.
War Europa erst auf diesem Punkt angelangt, nun, so waren nur noch zwei, drei Schritte zu den Vereinigten Staaten Europas! Und sie würden kommen, morgen, übermorgen ...
Unermüdlich arbeitete Michael an diesen Problemen. Bis in die späte Nacht hinein saß Eva Dux über das Stenogrammheft gebeugt.
„So wird es sein, so und nicht anders!“ schrie Michael.
Die Zeitschrift „Neu-Europa“, die er gegründet hatte, wurde in Millionen von Exemplaren in allen Sprachen verbreitet. In unzähligen Versammlungen hatte er, von Beifall umtost, gesprochen. Würden die europäischen Staaten das Geld und die Arbeitsenergien, die sie heute für ihre Armen aufbrachten, produktiven Zwecken zuwenden, so gäbe es heute schon keinen Hunger und kein Elend mehr unter den europäischen Völkern! Und ein neuer Tag würde über Europa emporsteigen.
Der Tag war nahe!
„So wird es sein und nicht anders!“ schrie Michael, und Eva Dux schrieb mit fliegenden Händen.
Viele verspotteten Michaels Optimismus. Andere bekämpften ihn mit rasendem Fanatismus. Je mehr Anhänger er gewann, desto größer wurde auch die Schar seiner Feinde.
16
Knirschend hielt das pechschwarzglänzende Auto, das neu war wie ein Nagel, der aus der Maschine fällt, auf dem breiten Kiesweg vor der Schellenbergschen Villa im Grunewald. Eine Reihe von Dienern stand auf der breiten Freitreppe, der Haushofmeister, ein würdig aussehender älterer Herr, ein früherer Regimentskommandeur, stürzte eifrig die Treppe herab zum Wagen.
Wenzel stieg aus und half Esther aus dem Coupé. Sie betrachtete aufmerksam das Palais, aber man konnte deutlich ihre Enttäuschung auf dem etwas blassen, gemalten Gesicht sehen. Sie hatte die Lippen gespitzt, während sie das Gebäude musterte. Sie hatte sich das Palais etwa gedacht wie einen herzoglichen englischen Landsitz. Besonders aber enttäuschten sie die Bäume. Oh, sie hatte riesiggroße Bäume erwartet, wie in den englischen Parks, und diese Bäume hier waren unansehnlich, unbedeutend, ohne Großartigkeit und ohne jegliche Physiognomie, neue Bäume, mit einem Wort. Dazu war es Herbst, und die meisten Bäume hatten das Laub schon abgeworfen, so daß Park und Garten einen etwas kläglichen Eindruck machten.
Die Innenausstattung des Hauses aber fand Esthers Beifall. Ihre kultivierten Sinne erkannten augenblicklich, da war Geschmack, Kostbarkeit, Pracht, alles von der Hand eines Meisters angeordnet. Nicht überladen die Räume, Farben, Formen und Einrichtung in voller Harmonie – ja, ein solches Haus konnte sich auch recht gut in England sehen lassen. Man konnte seine Freunde einladen, ohne ihre Kritik fürchten zu müssen. Sie bewunderte den Speisesaal mit den gestickten Wänden, welche Arbeit, welche Linien und Farben! Die riesige Bibliothek mit den Abertausenden von Bänden und tausend alten, kostbaren Ausgaben versetzte sie in Entzücken. Ihre Gemächer hatte Wenzel in den letzten Monaten einrichten lassen. Sie gefielen ihr. Sie war zufrieden. Das Schlafzimmer, in Lachsrot und Gold gehalten, war ein vollendetes Kunstwerk. Wenzels Architekten, Kaufherr und Stolzer, hatten ihr ganzes Können eingesetzt. Esther aber liebte Lachsrot nicht, sie wünschte die Ausführung in Bordeauxrot. Das gekachelte Schwimmbad, in das eine weiße Marmortreppe hinabführte, begeisterte sie wiederum. Vor ihrem Schlafzimmer aber sollte eine helle Glasveranda angebracht werden, mit bequemen Korbsesseln und einem Teetisch, wie in England. Und sie wünschte, daß die Wege des Gartens mit großen Steinplatten ausgelegt würden, wie sie es bei Freunden in England gesehen hatte. Verschiedene Moose und Steinpflanzen in den Ritzen.
Wenzel lachte. Er versprach, alle ihre Wünsche zu erfüllen.
Den ersten Abend speiste Esther bei ihrem Vater. Am zweiten Abend aber lud Wenzel den alten Raucheisen zu Tisch. Es war eine ganz kleine Gesellschaft. Nur Mackentin, Michael und Eva Dux waren eingeladen.
Der alte Raucheisen übersah absichtlich Glanz und Prunk des Hauses. Er warf kaum einen Blick in die Bibliothek und beachtete auch die gestickten Wände des Speisesaals nicht, obschon ihn Esther darauf aufmerksam machte. Es roch hier noch nach Lack und Farbe! In Wahrheit aber war Wenzels Palais mit weit größerem Geschmack eingerichtet als das Schloß Charlottenruh des alten Raucheisen an der Ruhr, das vollgestopft war mit Kostbarkeiten von zweifelhaftem, ja sogar schlechtem Geschmack. Da saß ein Mädchen, keine Dame, das sicherlich nicht der Gesellschaft angehörte. Sie saß still und wagte kaum die Speisen zu berühren und trug zwei falsche Perlen in den Ohren. Während des ganzen Abends vermied es der alte Raucheisen mit ungeheurer Geschicklichkeit, Eva Dux auch nur eines Blickes zu würdigen.
Esther hatte Michael noch nie gesehen, war aber durch Wenzels schwärmerische Schilderungen neugierig auf ihn geworden. Seine warmen, leuchtenden Augen gefielen ihr und die weiche Linie seines Mundes. Welche Ruhe, trotz einer gewissen Müdigkeit, die auf seinem Gesicht lagerte. Er sah Wenzel ähnlich, nur daß alle Züge etwas zarter waren. Sie unterhielt sich während des ganzen Abends fast ausschließlich mit ihm. Er war ihr sympathisch – und doch beschloß sie, seine Gesellschaft in Zukunft zu meiden, soweit es anging. Sie haßte jene Klasse von Menschen, die alles gleichmachen wollten. Gewiß würde dieser Mann, wenn er die Macht hätte, überall Kartoffeln und Getreide anbauen und Parks und Golfplätze verbieten, vielleicht auch die Blumengärten, aus deren Blüten man die Parfüms destillierte? Vielleicht war es in Zukunft nicht mehr erlaubt, sich Dienerschaft zu halten. Sie erblickte in ihm einen Feind, einen Gegner von großer Gefährlichkeit, und ihre Abneigung wuchs mit jeder Minute, die sie mit ihm heiter und klug verplauderte.
Michael zuckte über Esther die Achseln. Eine mondäne Frau, sagte er sich, verwöhnt, hoffärtig und eigenwillig. Sie ist nicht nach meinem Geschmack. Möge Wenzel mit ihr glücklich werden.
„Wie gefiel dir Esther?“ fragte er Eva.
Eva dachte lange nach, dann sagte sie: „Sie ist interessant und geistreich, aber ich könnte ihr niemals volles Vertrauen schenken.“
Schon am nächsten Tage fuhr Esther nach England zurück. Mitte Dezember sollte die Hochzeit in London stattfinden. Es war Esthers Wunsch. Sie wollte alle ihre englischen Freunde um sich sehen. Der alte Raucheisen hatte ihr versprochen, zu kommen, trotz der beschwerlichen Reise. In Wahrheit hatte er aufgeatmet: wenn die Hochzeit nur nicht in Berlin stattfand.
Wenzel gab seiner Jacht „Kleopatra“ den Auftrag, ihn vom zehnten Dezember an in Nizza zu erwarten, und die „Kleopatra“ stach sofort in See.
17
Welke Blätter klebten an den Scheiben. Der Wind blies, der Regen klatschte gegen das Haus, die Tage wurden kürzer. Immer noch waren alle Vorhänge in Jennys kleiner Villa, die so fröhlich von außen aussah, zugezogen. Immer noch wanderte Jenny wie ein Gespenst in ihren Zimmern hin und her, ohne jede Ruhe. Sie wußte kaum, ob es Tag war oder Nacht.
Heute war der letzte Oktober, der letzte Tag. Sie hatte Hauptmann Mackentin mitgeteilt, daß sie ihm das Haus vom ersten November an zur Verfügung stelle. Also war heute der letzte Tag, und heute würde es geschehen.
„Ich werde Wort halten. Ich habe ihm geschrieben, daß er morgen über das Haus verfügen könne,“ sagte Jenny zu sich. „Nun gut, ich werde nicht mehr hier sein.“
Sie hatte die Gewohnheit angenommen, laut zu sprechen, während sie durch die Zimmer ging oder müde in irgendeinem Sessel kauerte. Alles war vorbereitet. Den Chauffeur und die Zofe hatte sie schon vor einem Monat entlassen. Sie waren nur im Wege. Die Köchin würde morgen das Haus verlassen. Nur noch der Hausverwalter wohnte in seinem Gartenhaus nebenan.
Ja, heute war also der letzte Tag. Nun war er da! Sie schlüpfte in ein gelbseidenes Kimono, das sie liebte, und schritt durch die Zimmer, mit einem fernen, leisen Lächeln auf den Lippen. Nur zuweilen blieb sie stehen und starrte in die Luft. Ihre Augen waren sehr groß und hell geworden. Und sie sprach laut mit Wenzel. Sie erzählte ihm das und jenes. Sie lächelte über seine Antworten, mit etwas schiefgezogenen Lippen.
Sie sagte: „Da bist du ja wieder, mein lieber Junge.“ Oder sie sagte: „Weshalb gehst du schon? Bleibe doch noch etwas hier. Ach, diese ewigen Konferenzen!“ Und sie runzelte mit gespieltem Unmut die Stirne.
Sie sagte: „Wie töricht bist du doch, Wenzel! Wenn du diese Frau heiraten willst, so heirate sie ruhig! Ich habe nie danach gefragt, ob du mich etwa heiraten willst. Es war für mich schön, so wie es war. Eine Heirat ist doch kein Grund, daß du weggehst. Du konntest mir alles sagen, du konntest mir auch sagen, daß wir fortan nur als Freunde leben würden, auch das hätte ich begriffen, ich bin doch nicht so töricht.“