Drittes Buch (continued 2)
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Sie sah Wenzels Gesicht deutlich vor sich, diese gebräunte Haut mit etwas großen Poren, seine Zähne, seinen derben, kräftigen Mund, seine Augen. Das Augenlid bildete nicht eine geschwungene Linie, es war eckig. Wenn man Wenzels Augen zeichnen wollte, so mußte man sie mit lauter Ecken zeichnen. Und die Augen selbst waren von einem etwas strengen, harten Grau. Auch wenn Wenzel lachte und heiter war, blieben seine Augen immer etwas hart. Das lag wohl an der Farbe.
Sie durchlebte ihr Zusammenleben mit Wenzel immer wieder. Das Feuer im Kamin von Hellbronnen, wie es prasselte und blendete! Wie sagte er doch? „Ich dulde nicht das geringste von deiner Seite, aber ich verlange völlige Freiheit für mich.“ Und sie kapitulierte, ohne jeden Widerstand. Wie ein Traum die Woche auf der Ostsee, das Gewitter. Erinnerst du dich? Wie er dich auf den Armen in die Kajüte trug, während es blitzte, und wie er sagte: „Wir wollen sehen, ob die Götter Kavaliere sind.“ Jenny lachte leise auf. Es klang wie ein leiser Schrei um Hilfe.
„Oh, was für ein wilder Junge bist du doch!“ rief sie.
Und wieder sah sie sein Gesicht vor sich, so wie sie es zuerst sah. Es war etwas Furchtbares in diesem Gesicht, das sie nur zuweilen, selten darin erblickte; dann war es wieder verschwunden. Was war es doch? Woran lag es? Es war ein gewalttätiger Zug. Vielleicht war Wenzel einer jener Menschen, die morden konnten?
Und plötzlich hörte sie die Lobeshymne des kleinen Stolpe, damals, als sie im Auto zur Oper fuhren, man gab „Figaros Hochzeit“. Erinnerst du dich? Es war ihr erstes Rendezvous, und Wenzel kam zu spät und schlief dann in der Loge ein. Was sagte Stolpe? „Er hat Format, in allem, was er tut, hat er Format,“ – sagte er das? oder sagte er „Kaliber“? Wiederum erhob sich Jenny und begann ihre Wanderung. Das lange, gelbseidene Kimono schleppte hinter ihr her. Wenzel hatte es so sehr an ihr geliebt. Er hatte es ihr aus Paris mitgebracht.
„Oder hast du dich in diese Frau so sehr verliebt, daß du eine alte Freundin nicht mehr sehen kannst? Liebst du sie so rasend? Vielleicht bist du auch in deiner Leidenschaft so maßlos wie in allen Dingen. Ich zürne dir nicht, mein Liebling. Ich begreife dich nur nicht. Den Ton deines Briefes nehme ich dir schon lange nicht mehr übel. Deine Worte waren verfälscht, im Augenblick, da du nicht aufrichtig warst wie gewöhnlich. Oh, ich muß annehmen, daß du diese Frau ohne alle Grenzen liebst.“
Verwirrt irrte Jenny hin und her. Das gelbe Kimono flammte durch die Spiegel, dann verschwand es und leuchtete wieder im Glase eines dunklen Zimmers auf.
„Ich habe geträumt,“ sagte Jenny zu sich, mit gerunzelter Stirn, nachdenklich. „Ich habe von einer giftigen Blume geträumt in der letzten Nacht. Sie war klein, ein schwefelgelber, kleiner Stern. Aber von weitem sah ich sie schon und eilte auf sie zu – und es waren so viele schöne, schlichte Blumen im Walde – aber ich sah nur die glänzende, gelbe. Was tat ich mit ihr?“ Lange stand sie nachdenklich, vergrämt, weil sie sich des Traumes nicht mehr entsann.
„Gute Nacht, mein Junge,“ sagte Jenny hierauf mit einem Lächeln, „du mußt jetzt gehen, und Jenny geht schlafen,“ und sie verschränkte die Hände hinter dem Haar und rezitierte mit einer leisen Stimme, fast als ob sie im Theater spräche:
„O gib, vom weichen Pfühle, Träumend, ein halb Gehör! Bei meinem Saitenspiele Schlafe! Was willst du mehr?“
Zweimal wiederholte sie die Verse, das letzte Mal mit einer leisen, wimmernden, hilfeflehenden Stimme. Dann rief sie: „Gute Nacht, Wenzel!“ und ging in das Badezimmer.
Dieses Badezimmer war kreisförmig gebaut, aus korallenrotem Marmor. Das Bassin war versenkt, es führten zwei Stufen hinunter. In Nischen standen Waschtische, und in einer Nische stand eine Bank.
Jenny ließ das heiße Wasser einlaufen, dann wandte sie sich um und blickte zur Nische.
„Da bist du ja wieder, Wenzel,“ sagte sie leise lachend. Ja, da saß er! Wie oft saß er auf dieser Bank und sah zu, wie sie badete. Überall im Hause war er, man konnte gehen, wohin man wollte. Diesen Raum hatte er am meisten geliebt, die weiche Beleuchtung, sie behagte seinen Augen. Das Licht fiel durch Schalen an der Decke, dünn und zart wie die Blätter einer Rose.
Jenny legte das Gewand ab und stieg in das Bassin. „Sieh nur zu, Wenzel,“ sagte sie gegen die Nische. Dann saß sie eine Weile still, und wieder sprach sie, aber diesmal ganz leise.
„Schlafe! Was willst du mehr?“
Dann sagte sie, wiederum zur Nische gewandt: „Nun sieh zu, wie ich schlafen gehe, Wenzel.“
Sie entnahm einem Etui ein kleines silbernes Rasiermesser und zeigte es Wenzel. „Siehst du das?“ fragte sie. Das Messer blitzte im Licht, und schon hatte Jenny sich mit einem schnellen Ruck die Pulsader der linken Hand durchschnitten. Nun floß das Blut, und sie zeigte es ihm triumphierend.
„Siehst du nun, das ist Jennys Blut?“ sagte sie, fiebrisch lächelnd, und ihre Augen waren sehr groß. Die Wunde schmerzte. Sie neigte den Arm ins Wasser, und das Blut quoll. Wie ein roter Rauch bewegte es sich im Wasser. Bald sah man ihre Hand nicht mehr, und nun verdeckte der rote Rauch ihren Schoß. Sie bewegte sich, und das Wasser des Bassins war nun genau so rot wie das Zimmer. Nun schloß sie die Augen und lag lange still. Plötzlich aber erschrak sie. Irgend etwas krachte. Es war plötzlich ein so lautes Krachen in ihren Ohren gewesen. Sie erwachte.
„Was ist? Was tue ich?“ sagte sie. „Weshalb tue ich es? O Gott, nein, ich will es nicht tun.“
Sie richtete sich auf und berührte die Klingel. „Aber es ist ja niemand im Hause,“ sagte sie hastig zu sich, und nun erschrak sie plötzlich vor der Leere des Hauses. Sie versuchte aus dem Bassin zu steigen. Zweimal fiel sie auf die Treppe zurück, so sehr zitterten ihre Glieder. Endlich gelang es. Da stand sie mitten im Badezimmer und preßte die Hand um den verletzten Arm und versuchte vorwärtszugehen, aber sie taumelte furchtbar.
„So hilf mir doch, Wenzel!“ schrie sie laut und stürzte zu Boden. „Hilf mir doch, bevor es zu spät ist. Ich will es nicht tun!“
Und da kamen auch schon Schritte. Da kam schon Wenzel. Er nahm sie auf den Arm und trug sie davon wie seinerzeit, als die Blitze um das Schiff fuhren. Oder nein, war es nicht Wenzel? War es Michael? Es war Michael, der sie dahintrug! Und weshalb lief er so schnell?
Da schwand ihr das Bewußtsein.
18
Es meldet sich niemand, sagte Hauptmann Mackentin, ungeduldig und nervös, und klingelte erneut bei Jenny Florian an. Er wollte ihr kurz mitteilen, daß er auch nicht die geringste Vollmacht habe, das Haus für Herrn Schellenberg zurückzunehmen. Sie möge darüber nach Gutdünken verfügen. Für den Fall aber, daß sie zu verreisen gedenke, sei es ihm natürlich eine Freude, das Haus während ihrer Abwesenheit zu verwalten.
Abermals meldete sich niemand auf den Anruf! Nunmehr verlangte Mackentin den Hausverwalter. Eine Viertelstunde später, während er gequält und von bösen Ahnungen gepeinigt an den Nägeln zupfte, wußte er alles.
Mackentin hatte den Auftrag, in etwa drei bis vier Tagen zur Berichterstattung nach London zu kommen. Er nahm indessen schon am nächsten Vormittag das Londoner Postflugzeug und kam nach einer stürmischen Fahrt gegen Abend in London an. Er meldete sich bei Wenzel und wurde augenblicklich vorgelassen.
Wenzel war eben dabei, sich für den Abend fertigzumachen. Er lag in einem Sessel, die langen Beine behaglich von sich gestreckt, und ließ sich vom Barbier rasieren, während ein junges, zartes Mädchen seine Hände manikürte. Das Zimmer roch intensiv nach Essenzen und Parfüms. Ein feuchtes Handtuch war zum Glätten der Haare wie ein Turban um Wenzels Kopf gebunden.
Mit einer Verbeugung trat Mackentin ein. „Melde mich ergebenst zum Vortrag,“ sagte er, bemüht, seiner Stimme einen alltäglichen Klang zu geben.
Wenzel winkte mit der Hand und nickte ihm durch den Spiegel zu. „Ich habe Sie erst übermorgen erwartet, Mackentin. Sie sehen ja so bleich aus. Nehmen Sie Platz, ich bin sofort zu Ihrer Verfügung.“
„Die Fahrt war schlecht, ich wurde seekrank,“ erwiderte Mackentin und nahm Platz.
Die Maniküre verschwand, dann verabschiedete sich auch der Friseur.
Wenzel schüttelte die langen Beine und erhob sich aus dem Sessel, um Mackentin zu begrüßen. Aber schon beim ersten Blick in Mackentins Gesicht erkannte er deutlich, daß irgend etwas Besonderes vorgefallen sein mußte. Mackentins Nase schien noch schiefer zu stehen als gewöhnlich.
„Hat es einen besonderen Grund, daß Sie zwei Tage früher gekommen sind?“ fragte er, seine Unruhe verbergend, und seine Haltung wurde straffer.
„Leider eine sehr traurige Ursache,“ entgegnete Mackentin. Und er berichtete, kurz, mit militärischer Sachlichkeit und Knappheit. Diesen militärischen Ton pflegte er stets zu wählen, wenn er völlig ratlos war.
Wenzels Gesicht kam immer näher. Es war grau wie Erde geworden. Seine blendenden Augen wurden größer, es sah ganz so aus, als ob er sich auf Mackentin stürzen wolle. Dann öffnete sich der verzerrte Mund, die Lippen rangen nach Luft, und das erdgraue Gesicht entfernte sich wieder. Als Mackentin nach einer Weile aufzublicken wagte, sah er Wenzel, die Fäuste auf den Knien, in demselben Sessel sitzen, in dem er vorhin rasiert wurde. Seine Schultern hoben und senkten sich. Endlich stand er tief aufatmend auf und ging im Zimmer hin und her, langsam, den starren Blick zu Boden geheftet.
Das Telephon klingelte. Wenzel runzelte heftig die Stirn, und es sah aus, als ob er in diesem Augenblick das Telephon und noch ganz andere Dinge verfluche. Dann aber sprach er mit ruhiger, nur etwas heiserer Stimme in den Apparat hinein. Er werde in fünf Minuten bereit sein. Mackentin hatte deutlich Esthers lebhafte Stimme im Apparat gehört. Wenzel vollendete langsam seine Abendtoilette, immer noch die Stirn gerunzelt. Er schien nicht die geringste Eile zu haben. Er schlüpfte in die Weste, band die Krawatte und zog den Frack über. In diesem neumodisch geschnittenen Frack eines Londoner Ateliers erschienen seine Schultern noch um vieles breiter als gewöhnlich. Sein Gesicht war so grau, als sei es mit Straßenstaub bestäubt.
Ein Diener legte ihm den Umhang um und reichte ihm Handschuhe und Zylinder.
Wenzel drückte Mackentins Hand. Es war ein fester, harter Druck, wochenlang spürte ihn Mackentin. „Ich danke Ihnen, lieber Freund!“ sagte Wenzel. „Heute nacht um ein Uhr erwarten Sie mich hier.“
„Sehr wohl.“
Und Wenzel ging. Er speiste an diesem Abend mit Esther bei Sir Alfred Thomson, dem Onkel Esthers. Es war eine große, blendende Gesellschaft. Fast die ganze englische Verwandtschaft Esthers und alle ihre Londoner Freunde waren zugegen. Anfangs sah das Gesicht Wenzels immer noch aus, als sei es mit grauem Straßenstaub bestäubt. Aber als er sich erst eine halbe Stunde unter den Gästen Sir Alfreds bewegt hatte, nahm es seine natürliche braune Farbe wieder an. Aber der Blick in seinen Augen blieb starr. Er lächelte sogar einigemal, dabei zuckten seine Lippen sonderbar. Er trank viel Wein, ohne daß man es ihm anmerkte.
Gegen zwei Uhr kam er ins Hotel zurück. Er warf den Frack ab und setzte sich in Hemdärmeln an den Schreibtisch.
„Und nun lassen Sie sehen, Mackentin,“ sagte er, und diktierte bis vier Uhr morgens Briefe.
„Leben Sie wohl, lieber Mackentin, ich werde Ihnen diesen Freundschaftsdienst nie vergessen!“ sagte er zum Abschied zu Mackentin. „Es hat mich tief getroffen. Glauben Sie es mir, es war der furchtbarste Abend meines Lebens. Sie war ein gütiges und in vielen Beziehungen seltenes Wesen. Es ist schade um sie. Aber ich habe keine Schuld, Mackentin! Ich habe sie nie belogen, ich war stets aufrichtig zu ihr. Sie war zu zerbrechlich geschaffen für dieses Leben. Sie mußte zerbrechen. Was kann ich dafür? Gute Nacht!“ –
19
Esther war in diesen Wochen in großer Erregung, überreizt und oft wirklich schlecht gelaunt. Sie hatte die Robe für die Trauung, die Reisekleider, die Wäsche bei einer ersten Firma in Paris in Auftrag gegeben. Aber nichts stimmte, sie waren da drüben nicht einmal imstande, ein Knopfloch richtig zu nähen. Dazu ging es nicht vorwärts, obschon sie in jeder Woche einige Boten nach Paris jagte. Schon jetzt sah Esther ein, daß die Hochzeit um einen Monat verschoben werden mußte. Es ging nicht anders.
Nun, schließlich, um ganz offen zu sein, hatte sie ja eigentlich gar keine Eile. Diese Heirat, wozu eigentlich? fragte sie sich hundertmal in jenen Tagen, da sie in schlechtester Laune war. Natürlich konnte sie jetzt nicht mehr zurück, nachdem sie ihre Wiederverheiratung all ihren Verwandten und Freunden bekanntgegeben hatte. Sie mußte wohl oder übel konsequent bleiben, aber –.
Mitte Januar wurde die Hochzeit mit großem Aufwand gefeiert. Klein, mit eingefallenen Zügen, fahlen Lippen und krankem Blick saß der alte Raucheisen bei der Tafel. Er sprach fast kein Wort. Zuweilen fröstelte er, und frühzeitig zog er sich, aschfahl vor Schwäche, zurück.
Michael ist nicht gekommen, dachte Wenzel während des ganzen Tages, und immer kehrte dieser Gedanke wieder. Alle andern hätte er entbehren können. Er empfand Michaels Absage als Kränkung, mehr als das, als eine Abkehr Michaels von ihm. Was sollten ihm diese Major Fairfax, Baron Blau und die andern? Ihre rasierten, gepflegten, gepuderten, leeren Gesichter langweilten ihn.
Am späten Abend begaben sich die Neuvermählten mit dem Nachtschnellzug nach Paris. Hier nahmen sie den Rivieraexpreß. Auf der Reede von Nizza lag in der hellen Sonne, schneeweiß und berückend schön, die „Kleopatra.“ Wenzel hatte die Jacht völlig überholen lassen. Das Boot, das die beiden an Bord brachte, war mit weißen Rosen geschmückt, ebenso das Fallreep. Die Matrosen standen in Gala, lustig flatterten die bunten Wimpel der Jacht. Wie eine Fürstin stieg Esther an Bord, fröhlich und heiter wie ein Kind, das mit naiver Selbstverständlichkeit alles entgegennimmt, was man ihm bietet.
Eine warme Brise blies vom Lande her, und mit dem Wind zog die Jacht in die glitzernde Bai hinaus. Erst jetzt bemerkte Esther, daß Wenzel den Namen der Jacht geändert hatte. Überall, wo man früher „Kleopatra“ las, stand jetzt der Name „Esther Schellenberg“. Diese Aufmerksamkeit entzückte sie. Ja, fast war sie in diesem Augenblick glücklich.
Die Jacht ging nach Süden. Sie suchte die Sonne. In Korsika und Sardinien war es noch zu kalt. Die Jacht ging nach Sizilien, von da nach Ägypten. Hier war die Sonne, und hier lag sie vierzehn Tage. Dann nahm sie wieder nördlichen Kurs. Sie lief Zypern an, dann Kreta und die griechischen Inseln. In Ragusa machte man längere Station. Hier war es schon heiß. Die Glyzinen blühten, die Orangenblüten dufteten, die Palmen setzten ihre dottergelben, fetten Blütentrauben an, und schon trieben die Agaven ihre armdicken Blütenstengel aus den stachligen Riesenleibern. Das Meer blendete, die verkarsteten Berge glühten in der Sonne. Es war eine frohe und glückliche Woche an Bord.
Schon aber trafen Stöße von Telegrammen an Esther ein, und sie gab den Befehl zur Abfahrt. Die Jacht nahm direkten Kurs auf Venedig. Hier, am Lido, wollte Esther einige Wochen verbringen, bis es Frühling wurde in Deutschland.
In Venedig traf sie schon wieder ihre alten Freunde. Baron Blau kam aus Paris, um ihr die Hand zu küssen, Major Fairfax streckte seinen braunen hageren Körper im Sande. Es kamen englische und französische Freunde in ganzen Scharen, und Esther war wieder in ihrem Element. Sie hatte sich von einem Pariser Künstler phantastische Badekostüme, Umhänge und Mäntel entwerfen lassen, die den Neid aller Frauen erregten.
Diese Kostüme waren mit solchem Raffinement komponiert, daß Esther in ihnen weitaus nackter erschien, als wenn sie unbekleidet gegangen wäre. Jede Linie ihrer Hüfte, die spitzen kleinen Brüste, die Formen ihres etwas mageren Rückens, alle ihre Reize wurden sichtbar.
20
Michael fand den Bruder verändert. Schien es nicht, als sei Wenzel etwas voller geworden? Sein Gesicht, sonst derb und kantig wie aus einem Eichenklotz gehauen, erschien etwas schwammig. Das blendende Weiß der Augen war gelblich und stumpf geworden, seine Hände zitterten. Vielleicht trinkt er zur Zeit wieder, dachte Michael. Wie lange wird er dieses Leben noch aushalten? Trotz all dieser unverkennbaren Anzeichen von Übersättigung und Übermüdung schien Wenzel zu funkeln vor Lebensfreude und Glücksgefühl.
„Ich bin also gekommen, lieber Wenzel,“ begann Michael etwas unsicher und flocht die Hände verlegen ineinander, wie er es immer tat, wenn er ein Anliegen hatte. „Ich bin also gekommen, um anzuklopfen, ob du meiner Gesellschaft einen Kredit von ein bis zwei Millionen einräumen willst.“
Wenzel legte die Stirn in Falten und verzog den Mund zu einem spöttischen Lächeln.
„Die Gesellschaft zahlt Zinsen, wenn auch nur mäßige.“
Wenzel schüttelte den Kopf und erhob sich. „Ich will nicht,“ sagte er kurz.
„Du willst nicht?“ Michael sah überrascht auf. „Schade, ich hatte auf dich gerechnet, Wenzel. Wir kommen vorwärts, aber es ist noch unendlich viel zu tun, und wir brauchen Kapital. Wüßtest du, welches Elend in den breitesten Schichten der Bevölkerung herrscht!“
Wenzel holte tief Atem und schnob durch die Nase. „Was kümmert es mich,“ sagte er mit einem erregten Kopfschütteln, „was geht mich das Elend der breitesten Schichten an?“
„Es geht dich nichts an?“ fragte Michael. Er war plötzlich bleich geworden. Ein fremder, feindseliger Klang war in Wenzels Stimme.
„Nein, es geht mich natürlich nichts an!“ fuhr Wenzel mit einer unverständlichen Erregung fort. „Es ist Sache der Regierung und des Parlaments und nicht die meinige!“
Michael senkte den Kopf. „Du weißt, Wenzel, daß weder die Regierung noch das Parlament eine derartig riesige Aufgabe lösen könnte, ohne durch tausend Widerstände gehemmt zu werden.“
„Nun, dann sollen die breitesten Schichten, die es angeht, sich um eine andere Regierung und ein anderes Parlament umtun. Was geht es mich an, wenn sie zu indolent dazu sind?“
Michael blickte mit erschrockenen, verwunderten Augen auf den Bruder. Er erwiderte nichts.
Und Wenzel fuhr mit großer Erregung fort: „Weshalb mischst du dich in die Angelegenheiten anderer Menschen? Sie lohnen es dir nicht! Im Gegenteil, ich sage es dir nicht zum ersten Male, nimm dich in acht, die Menschen haben noch immer ihre Wohltäter gesteinigt. Ich öffne die Zeitungen und lese, wie heftig man dich angreift!“
„Laß sie mich doch angreifen. Ich habe Gegner, natürlich, aber ich habe auch Anhänger, die für mich durchs Feuer gehen.“
Wenzel blieb vor dem Bruder stehen. „Du bist töricht, Michael. Weshalb greift man mich nicht an, von ein paar obskuren Blättern abgesehen? Ich will dir das Geheimnis verraten. Mein Konzern gibt jährlich Hunderttausende für Inserate aus. Wehe, wenn sie es wagten! Zuweilen kommt irgendein Revolverjournalist mit dem noch nassen Bürstenabzug eines Artikels gegen meinen Konzern oder mich zu mir. Man gibt ihnen ein Trinkgeld und wirft sie zur Tür hinaus. Warum machst du es nicht ähnlich? Niemand wird es wagen, dich anzugreifen.“
Michael schüttelte den Kopf. Er hielt den Blick lange vorwurfsvoll auf Wenzel gerichtet.
„Wenn man dich auch in der Presse nicht angreift, Wenzel, so übt man doch in der Öffentlichkeit lebhafte Kritik an dir. Man kritisiert deine Passionen, deinen Aufwand, deine Verschwendung, deine Geschäftsmethoden. Verzeihe, daß ich es dir offen sage, Bruder. Niemand wagt es ja, sie sind alle abhängig von dir und zittern vor deinem Zorn. Man spricht sehr abfällig über deine Scheidungsangelegenheit, und man hat die unglückliche Jenny Florian nicht vergessen.“
Wenzel wurde bleich vor Zorn. Seine Augen funkelten. „Wer ist man?“ schrie er. „Wer kritisiert? Sie sollen schweigen! Sage ihnen, daß sie schweigen sollen! Ich kann ihnen kein Recht auf Kritik einräumen. Es sind dieselben Leute, die mich auf der Straße krepieren ließen, als ich aus dem Krieg zurückkam. Es sind Lügner und Heuchler, ich mache diese Lüge nicht mit, sage es ihnen. Es sind Leute, die ihre Dienstboten wie Leibeigene behandeln und ihre Arbeiter wie Sklaven! Frage in meinem Hause nach, erkundige dich in meinen Betrieben. Ich gebe viele Hunderttausende im Jahre aus für Wohlfahrtseinrichtungen und Renten. Und meine Geschäftsmethoden? Sage ihnen, daß meine Geschäftsmethoden ebenso gut und ebenso schlecht sind wie die anderer großer Konzerne.“
Michael erhob sich, um das Gespräch abzubrechen. War das Wenzel? Welche Hoffart, welche Selbstherrlichkeit in dieser lauten, gewalttätigen Stimme! Es hatte keinen Sinn, dagegen zu kämpfen.
„Wir wollen das Gespräch nicht fortsetzen, Wenzel,“ sagte Michael. „Ich wollte ja eigentlich nicht von diesen Dingen beginnen. Ich kam mit ganz anderen Gedanken zu dir.“ Er blickte nochmals in Wenzels Augen. „Du willst uns das Darlehn also nicht geben?“
Wenzel wandte sich ungeduldig ab.
„Ich begreife nicht,“ fuhr Michael fort und ließ den Blick langsam durch den mit Kostbarkeiten und Prunk angefüllten Saal der Bibliothek schweifen, „ich verstehe es nicht, daß du so leben kannst, während Tausende und Abertausende deiner Volksgenossen nicht das Stück Brot haben, das nötig ist, um den Hunger zu stillen.“
Wieder lächelte Wenzel sein spöttisches Lächeln. „Weshalb richtest du derartige Fragen an mich, Michael?“ erwiderte er, um vieles beherrschter. „Frage doch die Regierung, weshalb sie zugibt, daß Frauen für zehn Pfennige in der Stunde arbeiten. Frage doch den Präsidenten der Vereinigten Staaten, weshalb er zugibt, daß einzelne Bürger Milliarden anhäufen, während Tausende in der Gosse krepieren! Frage alle diese Menschen, aber frage doch nicht mich! Ich bin doch nicht verantwortlich für diese Gesellschaftsordnung.“
Michael schwieg eine Weile. Dann sagte er sehr ruhig: „Erinnerst du dich, Wenzel, daß wir einmal eine Nacht hindurch über ähnliche, ja, die gleichen Dinge debattierten? Wir sprachen, erinnerst du dich, über den tiefen Sinn des indischen Wortes ‚Tat tvam asi ...‘ Das bist du! Das heißt: Dein Mitmensch, das bist du selbst?“
Wenzel beugte den Nacken. Er stand trotzig da, mit gespreizten Beinen. Dann sagte er, die Adern auf seiner Stirn schwollen an: „Das ist Wunsch, aber nicht Wahrheit. Es ist Lüge und Heuchelei. Buddha, Christus, und wie sie alle heißen –“
Michael wich zurück. „Du wirst bereuen,“ sagte er mit entsetztem Blick. „Ja, du wirst bereuen.“ Dann blickte er zu Boden, und nach langem Schweigen fügte er hinzu: „Lebe wohl, Wenzel.“
Er ging, ohne dem Bruder die Hand zu reichen. Wenzel kam ihm einige Schritte nach. „So höre doch, Michael,“ versuchte er einzulenken.
„Wir verstehen uns nicht mehr,“ erwiderte Michael unter der Tür, schüttelte den Kopf und ging.
21
Esther Schellenberg war im Mai nach Berlin zurückgekommen und hatte ihre Residenz im Schellenbergschen Palais im Grunewald aufgeschlagen. Tag und Nacht knirschten die Pneus der eleganten Autos auf den Kieswegen vor der Freitreppe. Tag und Nacht gingen die Gäste aus und ein. Der Haushofmeister, der ehemalige Regimentskommandeur, hatte vollauf zu tun. Fast ständig waren die Gastzimmer des Hauses besetzt. Es kamen viele ausländische Gäste. Baron Blau betrachtete sich das Haus und sagte aus Höflichkeit einige Schmeicheleien. Major Fairfax kam auf vierzehn Tage. Er beachtete das Haus kaum. Er spielte vom frühen Morgen bis zur sinkenden Nacht Tennis, mit jedermann, der gerade mit ihm spielen wollte.
Esther hatte die Absicht, den größten Teil des Jahres im Auslande zu verbringen und sich in Deutschland so wenig wie möglich aufzuhalten. Ein paar Monate im Frühling und im Sommer vielleicht und ein paar Wochen im Winter etwa, wenn das Theater- und Konzertleben Berlins sich wieder beleben sollte.
Aber auch für diese wenigen Monate mußte Abwechslung und Zerstreuung geschaffen werden. Für diese Zwecke schien ihr das Jagdschlößchen Hellbronnen ganz besonders geeignet. Vielleicht ließ sich daraus etwas machen, was ihre englischen und französischen Bekannten nicht hatten, eine Attraktion, die die Freunde von weither anlockte. Sie plante auf Hellbronnen Sommerfeste, Maskeraden, italienische Nächte, sie plante alle möglichen Dinge. Man konnte gewiß recht ausgelassen in dem Schlößchen und dem verschwiegenen Park sein, ohne irgendwie gestört zu werden. Es ließ sich dort alles mögliche arrangieren. Sie beabsichtigte zu diesen Festen ihre englischen und französischen Freundinnen, die sich auf das Leben verstanden, einzuladen. Es sollte eine Sache werden, von der man überall sprach.
„Willst du mir eine Freude machen?“ fragte sie Wenzel. „Willst du mir Hellbronnen schenken?“
„Was bietest du dafür?“ fragte Wenzel.
Esther blickte ihn an und lächelte mit den gemalten schmalen Lippen. „Du kannst fordern,“ erwiderte sie.
„Gut, so will ich dir Hellbronnen verschreiben lassen.“
„Ich kann damit anfangen, was ich will?“
„Natürlich.“
Schon am nächsten Tage fuhr Esther mit den Architekten Kaufherr und Stolzer nach Hellbronnen, um ihnen ihre extravaganten Wünsche vorzutragen. Es sollten Pavillons errichtet werden, da und dort, für die Gäste, möglichst verschwiegen, möglichst abgesondert, mit allem Raffinement ausgestattet. Der Park sollte wie ein Zaubergarten wirken. Phantastische Gondeln sollten auf den Teichen fahren, Wasserkünste, die man farbig beleuchten konnte, waren zu bauen. In einem großen Treibhaus sollten exotische Pflanzen gezüchtet werden, die man im Sommer ins Freie bringen konnte, um den phantastischen Eindruck zu erhöhen. Ein kleiner Teich aber sollte, so wie er war, vollständig mit Glas überdacht werden! Der Teich war mit ausgewählten Seerosen zu bepflanzen. Vielleicht ließ sich der Grund so behandeln, daß das Wasser türkisblau erschien? Eine Heizanlage war vorzusehen, damit man auch an kühlen Tagen in dem kleinen Teich baden konnte.
Das waren Esthers vorläufige Wünsche. Sie bat um Vorschläge, gewiß würde ihr selbst noch manches einfallen. Und Esther eilte wieder nach Berlin zurück, um die Vorbereitungen zu dem ersten großen Fest zu treffen, das sie geben wollte. –
In der gleichen Nacht, in der dieses Fest stattfand, von dem die Gesellschaft Berlins lange Wochen sprach, in dieser gleichen Nacht starb fern von Berlin der alte Raucheisen auf seinem Schloß Charlottenruh an der Ruhr.
Am Abend hatte ihn ein leichtes Unwohlsein befallen, eine vorübergehende Schwäche des Herzens. Der Arzt war ohne jede Besorgnis. Er schlief fest und tief in seinem Zimmer, nachdem er dem Kammerdiener, der die Nachtwache hielt, den Auftrag gegeben hatte, ihn augenblicklich zu wecken, wenn es irgendwie nötig werden sollte.
Und in der Tat schlief der alte Raucheisen zwei Stunden lang ganz vorzüglich. Dann aber erwachte er plötzlich und setzte sich hastig aufrecht und lauschte. Eine matte Ampel erhellte den Raum. Ein kleines blasses Männchen, saß er in dem riesigen Bett mit den dunkelblauen seidenen Vorhängen, kaum größer als ein Knabe. Nicht einmal so groß wie ein Knabe, fast wie ein Kind sah er zwischen den schweren dunkeln Vorhängen aus. Dieses Kind war bleich, die Nase sprang weiß und eckig vor. So saß er da und atmete hastig und leise, und die Hände tasteten mit gespreizten Fingern über die seidene Decke. Es waren die Hände eines Toten.
Und er lauschte.
Von seinem Bett aus sah er am Tage das Förderrad der Zeche Charlotte Raucheisen in der Luft schwirren. In der Nacht sah er die Hochöfen flammen ringsum, es war das große Eisenwerk Himmelsbach. Er sah auch, wenn er den Kopf etwas vorstreckte, die glühenden Koksberge aus den Öfen quellen, von feurigen Männern umtanzt. Er sah Glut und Rauch am Himmel, als lohe eine Feuersbrunst. Diese Feuersbrunst, gewohnt seit vielen Jahren, ängstigte den kleinen Mann nicht, sie beruhigte ihn.
Hinter diesen Koksöfen aber lagen – am Tage – hellgrüne Ebenen. Das waren die Siedlungen, die er für seine Arbeiterschaft geschaffen hatte. Hunderte von Morgen Gärten, Spielplätze, Parks, Schulen. Man hatte diese Gärten und Spielplätze und Schulen in den Zeitschriften abgebildet als vorbildliche Einrichtungen – aber niemand hatte es ihm gedankt. In jenen Tagen, da die Massen gährten, hatte man seinen Generaldirektor erschlagen, und er selbst – Raucheisen – mußte im Nachtgewand im Zuge schreiten, eine Tafel in der Hand, worauf stand: „Ich bin der Blutsauger Raucheisen.“
Ja, daran dachte der kleine blasse Mann, ohne Bitterkeit. Es waren Zeiten der Verwirrung, der Verirrung, längst vergangen. Alles war wie früher.
Und da unten, gerade hier, unter dem Bett mit den dunkelblauen seidenen Vorhängen, da unten, da liefen die Stollen und Querschläge. Da unten waren jetzt sechshundert Männer beschäftigt, für die Zeche Charlotte die Kohle zu schlagen. Hörst du, hörst du nicht, wie die Picken klingen? Und kleine Lämpchen wandern durch die Dunkelheit? Oh, der alte, kleine Mann sah die Lämpchen wandern. Dicht unter dem Bett, gerade unter dem Bett, in siebenhundert Meter Tiefe, lief das Flöz Charlotte II, von einer Mächtigkeit von einem Meter siebzig, sehr selten im Ruhrgebiet. Dieses Flöz war der Reichtum der Zeche. Hier unten hatte der kleine, bleiche Mann vor mehr als fünfzig Jahren die Kohle geschlagen, als er praktizierte, nicht lange natürlich, nur um alles zu sehen. Und hier unten klangen jetzt die Picken, und er hörte sie bis hier herauf. War das nicht sonderbar? Wie der Berg heute den Schall trug! Und wie die Scharen von Lämpchen hin- und herwanderten, wie sie zwischen den Verschlägen und dem Wald der Stützungspfosten verschwanden. Und der Schweiß rann über das Gesicht der schwarzen Männer.
Ganz deutlich hörte der kleine, bleiche Mann die Picken klingen, nun klangen sie sogar in der Mauer, dicht neben ihm. Hunderttausende von Stahlpicken hämmerten ringsum, und der kleine, bleiche Mann lächelte verzückt. Da waren sie, und wie fleißig sie doch waren! Wie sie arbeiteten, immerzu, ohne Pause, nicht eine Sekunde pausierten sie, und sie arbeiteten alle für ihn.
Plötzlich aber pochte es ganz laut und deutlich gegen die Tür. Hörst du nicht? Der kleine, bleiche Mann lächelte und sagte leise: „Herein“.
Dann sank er in das Kissen zurück, und das große, matterleuchtete Zimmer lag ganz still, bis der Morgen kam.
Als die Scharen der Morgenschicht in den Zechenhof strömten, sahen sie eine schwarze Fahne auf Charlottenruh. „Den alten Raucheisen hat heute nacht der Teufel geholt!“ sagten sie und stiegen in den Förderkorb, der klirrend in die Tiefe fegte.
Esther hatte nur wenige Stunden geschlafen, als sie die Nachricht vom Ableben ihres Vaters erhielt. Während sie tanzte und lachte, war ihr ein ungeheures und unübersehbares Vermögen in den Schoß gefallen.
22
Im Sommer ging Schellenbergs Jacht nach der Isle of Wight. Ein ganzes Geschwader von Jachten und Motorkreuzern, die Esthers Freunden gehörten, kam hier zusammen. Baron Blau übertrumpfte sie alle mit seiner großen, luxuriösen Dampfjacht. Esther aber gab an Bord Tanzgesellschaften, die bald in der ganzen englischen Sportwelt berühmt wurden.
Wenzel war den ganzen Sommer über zwischen Berlin und England unterwegs.
Den ersten Winter verbrachte Esther, abgesehen von einer Reise nach Paris und Sankt Moritz, ganz gegen ihre frühere Absicht, in Berlin. Wiederum wimmelte ihr Haus von Gästen. Alles, was Namen und Geld hatte, verkehrte bei ihr. Der alte Adel, soweit er nicht verarmt war, die Finanz, Wissenschaft und Kunst, die Presse. Träger berühmter Namen, bekannte Politiker und Minister gingen bei ihr ein und aus. Man bewarb sich um Einladungen zu ihren Festen. Ihr Kostümball – die „Voliere“, man mußte als Vogel kostümiert erscheinen – war ein gesellschaftliches Ereignis. Von dem Tanzturnier, das sie im Februar veranstaltete, sprach ganz Berlin. Die illustrierten Zeitungen brachten sogar die Bilder der Sieger. Den ersten Preis unter den Herren hatte Katschinsky erhalten, heute eine Berühmtheit als Filmschauspieler und Bühnenkünstler.
Wenzel fühlte sich in seinem Element. Es gab keine leere Stunde mehr, keine Stunde der Langeweile. Fast jeden Tag Gäste, in der Nacht Tanz, Spiel, Gelächter. Aber als die Tage länger wurden, begrüßte er den Schluß der Saison. Die gesellschaftlichen Anstrengungen allein hätten genügt, die Gesundheit eines Menschen zu vernichten. Wenzel aber leistete nebenher noch eine ungeheure Arbeit. Dazu hatte er auf Esthers Wunsch eine Aufsichtsratsstelle im Raucheisenkonzern angenommen, wodurch sich sein Arbeitspensum bedeutend vergrößerte.
Sobald es Frühling wurde, fuhr Esther jeden zweiten, dritten Tag nach Hellbronnen, um den Umbau und Ausbau von Hellbronnen zu leiten. Sie war in diesen Monaten in prachtvoller Laune, voller Ausgelassenheit. Immerzu war sie von einem Schwarm von Bewunderern und Anbetern umgeben. Wenzel aber fühlte sich glücklich. Sein Leben hatte einen Mittelpunkt, um den es sich bewegte. Seine Arbeit, seine Erfolge, sein Reichtum, alles schien plötzlich erst den richtigen Sinn erhalten zu haben. Er spielte eine tonangebende Rolle in der Gesellschaft. Man drängte sich an ihn. Politiker, Redakteure, Künstler, Gelehrte von Ruf suchten seine Freundschaft. Kapazitäten der Wirtschaft und Industrie erbaten seinen Rat. Minister zogen ihn in eine Ecke, um seine Ansicht zu hören. Man sah ihn in den Salons der Gesandten und Botschafter aller Nationen, die Presse nannte seinen Namen voller Achtung. Und dazu erfreute sich Wenzel einer ausgezeichneten, unvergleichlichen Gesundheit!
Wenzel war nicht eitler als andere Menschen, keineswegs. Aber zuweilen empfand er doch etwas wie eine Art Hochachtung vor sich selbst, war er ganz erfüllt von Befriedigung.
„Das also ist Wenzel Schellenberg, seht an!“ sagte er sich manchmal, wenn er sich, in großer Gala, im Spiegel betrachtete. „Und doch ist dies erst der Anfang! Der Anfang – ah, man wird ja sehen!“ Ehrgeizige Träume berauschten ihn –.
Im Mai jedoch – es war einer der letzten Tage im Mai – ereignete sich ein kleiner, eigentlich ganz unbedeutender Vorfall, dessen Folgen niemand voraussehen konnte.
An diesem Tage, einem warmen, wundervollen Frühlingstag, wie sie in Berlin selten sind, begleitete Wenzel Esther in den Zoologischen Garten. Esther schwärmte für Tiere, wie die meisten Frauen, und in dieser Zeit gab es im Zoologischen Garten junge Löwen, Affen und kleine Bären zu bewundern. Der schöne Tag hatte alle Welt herbeigelockt, und der Garten wimmelte von heiteren Menschen und lärmenden Kindern. Plötzlich – beinahe hätte es Wenzel nicht einmal beachtet, sie standen in der Nähe des Bärenzwingers – drängte sich ein kleines, milchweißes Windspiel freudig an Esther heran, beschnupperte sie, sprang winselnd und kläffend vor Erregung an Esther empor und versuchte ihr das Gesicht abzulecken. Wenzel lachte. Das Windspiel war in der Tat in seiner Freude äußerst reizvoll. Es hatte rosige Pfoten, ein rosiges Maul und rosiggeränderte sanfte braune Augen. Fast vermochte Esther sich der Liebkosung des Tieres nicht zu erwehren.
„Meine liebe, kleine Philly, wie geht es dir? Sei nicht so närrisch,“ rief sie wieder und wieder aus.
Die reizende Szene erregte die Aufmerksamkeit einer großen Anzahl von Menschen.
Da ertönte plötzlich ein kurzer, schriller Pfiff, irgendwo, das Windspiel stutzte und verschwand augenblicklich in der Menge.
„Woher kennt dich der Hund?“ fragte Wenzel.
„Er gehört einem meiner Bekannten,“ erwiderte Esther lächelnd und widmete sich wieder den jungen Bären.
Das war alles. Das war der ganze Vorfall, unbedeutend, geringfügig, und Wenzel vergaß ihn nach einigen Tagen vollkommen.
Eines Abends aber, als er spät in der Nacht nach Hause kam und nicht einschlafen konnte, da er überarbeitet war – Esther war heute nach Hellbronnen gereist und kehrte erst morgen zurück –, fiel ihm plötzlich wieder diese bedeutungslose Szene mit dem Windspiel ein. Er ging auf und ab, und ganz unerwartet – denn er lächelte sogar bei der Erinnerung an diese Szene – erschien eine Falte auf seiner Stirn. Was sollte an dieser Sache besonderes sein? fragte er sich, indem er auf- und abging und seine Zigarre tauchte. Ein Hund begrüßt meine Frau, ein Hund, der irgendeinem ihrer Bekannten gehört. Aber nun zerbiß er plötzlich die Zigarre, was er zu tun pflegte, wenn er in schlechte Laune geriet.
„Es ist doch etwas Besonderes an dieser Sache,“ sagte er plötzlich. „Nämlich die seltene und ganz außergewöhnliche Freude dieses Windspiels! Das Tier war ja völlig närrisch. Sie läßt darauf schließen, daß Esther sehr häufig mit diesem Windspiel zu tun hat. Ich aber habe dieses Tier nie gesehen, weder auf einem Rennen noch sonst irgendwo. Und dann dieser Pfiff! Warum hat der Bekannte Esther nicht begrüßt. Nun, sehr einfach, es war auch möglich, daß er sie gar nicht gesehen hat, daß er nur seinen Hund vermißte. Warum aber sagte Esther, als er sie fragte, nicht den Namen dieses Bekannten? Vielleicht schien es ihr völlig gleichgültig. Wandte sie sich nicht etwas hastig nach diesem Vorfall mit dem Hund dem Bärenzwinger zu?“
Eigentlich war der Vorfall ja wirklich unbedeutend, und es war lächerlich, sich überhaupt damit zu beschäftigen. Es war nur seine Abgespanntheit und seine Gereiztheit.
Sonderbarerweise aber blieb doch eine Unruhe in ihm zurück. Er erinnerte sich plötzlich eines Blickes, den Major Fairfax mit Esther ausgetauscht hatte. Dieser Blick hatte in seinem Gedächtnis geschlafen, um urplötzlich wieder wach zu werden. Es war damals, als sie auf ihrer Hochzeitsreise von Ragusa nach Venedig kamen. Nur ein Blick! Auch dieser Blick war ganz unbedeutend und nicht der Mühe wert, sich mit ihm zu beschäftigen. Vielleicht hatte er diesen Blick völlig mißdeutet.
Trotzdem, die Unruhe nagte. Er beschloß, so lächerlich ihm dieser Vorsatz selbst vorkam, auf jeden Fall den Besitzer des Windspiels auszukundschaften. Wie? Nun, das würde sich finden. Er nahm eine doppelte Dosis Schlafpulver und begab sich zur Ruhe.
Am nächsten Morgen war der erste Gedanke, mit dem er erwachte, der Gedanke an dieses Windspiel mit den rosigen Pfoten und dem rosigen Maul. Ganz deutlich sah er das Hündchen vor sich. Er würde es aus dem Gedächtnis malen können. Wie es tänzelte! Wie eine Gazelle ging es, den Kopf zurückgebogen. Ohne jeden Zweifel, unter hundert Windspielen würde er das Tier herausfinden. Er nahm sich vor, die Augen aufzumachen und nach diesem Windspiel überall Ausschau zu halten.
Indessen, das Windspiel schien aus Berlin verschwunden zu sein. Wenzel besuchte häufig den Zoologischen Garten, er war auf allen Rennplätzen, er kam nun häufig zu den Tees, die Esther im Garten gab. Die Gäste brachten oft ihre Hunde mit. Von dem Windspiel keine Spur. Vielleicht war der Bekannte, dem das Tier gehörte, aus Berlin abgereist? Endlich, nach einigen Wochen, begann Wenzel über seine Marotte, in einer Millionenstadt nach einem Hund zu suchen, zu lachen, und schließlich hatte er das Windspiel vergessen.
23
Aber plötzlich, eines Tages, als Wenzel gar nicht mehr an den Hund dachte, sah er das Windspiel zu seiner großen Verblüffung in einiger Entfernung dicht neben einem Herrn stehen! Er erkannte das Tier augenblicklich wieder. Er war bei einem Tennisturnier, und er war nur gekommen, um Esther abzuholen.
Dort also stand das Windspiel, nach dem er so lange gesucht hatte! Eine Täuschung war unmöglich. Der Herr trug einen silbergrauen Sommerüberzieher und einen silbergrauen Hut. Er war nach der neuesten Mode gekleidet, übertrieben elegant, schlank, groß, blond. In diesem Augenblick drehte er sich um, da das Tier an ihm in die Höhe sprang, und Wenzel erblickte sein Gesicht. Augenblicklich erbleichte Wenzel.
Es war jener junge Mann, der im Frühjahr das Tanzturnier gewonnen hatte, wie war doch sein Name? Er kannte ihn seit Jahren, traf ihn zuweilen in einem Spielklub, er war ein Freund von Jenny Florian gewesen. Jetzt spielte er eine gewisse Rolle bei der Bühne und beim Film. Er hatte diesem jungen Mann nie Vertrauen geschenkt, vielleicht weil er sogenannte schöne feminine Männer haßte. Da fiel ihm der Name ein. Katschinsky hieß der junge Mann.
Weshalb hatte Esther damals nicht Katschinskys Namen genannt?
Von einer dumpfen Unruhe bedrückt, verließ er den Turnierplatz, ohne weiter nach Esther zu suchen. Er ließ ihr den Wagen zurück, mit dem Bescheid, daß ihn ein dringendes Geschäft ins Büro zurückrufe.
Er ging eine Stunde spazieren, ohne Ziel. Die Luft, die Bewegung erfrischten ihn. Plötzlich begann er über seine unsinnigen Kombinationen zu lachen.
„Es sind ja nur die Nerven!“ sagte er sich. „Wir werden drei Wochen auf die See gehen!“
Trotz allem, von diesem Tage an war Unruhe über Wenzel gekommen. Er ging nicht an die See. Nach einer Woche ertrug er diese Unsicherheit nicht mehr.
Er kannte zuverlässige Leute, denen man derartige heikle Angelegenheiten anvertrauen konnte. Und ganz im geheimen gab er diesen Vertrauensleuten seine Aufträge.
Er beobachtete Esther. Es schien ihm, als ob sie gerade gegen Katschinsky, der übrigens nur selten sein Haus betrat, eine ganz besondere Zurückhaltung übe. Er versuchte in ihrem gepuderten und gemalten Gesicht zu lesen. Es lag etwas Fremdes in diesem Gesicht, die Künste der Toilette verschleierten es. Ihre Augen schienen infolge der Färbung der Haare dunkler geworden zu sein und, wie es Wenzel schien, rätselhafter.
Je länger er dieses Gesicht betrachtete, desto fremder erschien es ihm. Je mehr er diese Frau zu ergründen suchte, desto unbekannter schien sie ihm zu sein. In der Tat, eine völlig fremde Frau lebte mit ihm in seinem Hause.
Er erinnerte sich plötzlich eines Gesprächs, das zwei Herren über Esther im Teeraum des Londoner Hotels führten. Sie waren augenblicklich verstummt, als sie bemerkten, daß er zuhörte, und behandelten ihn von diesem Augenblick an mit ausgesuchter Höflichkeit, als hätten sie etwas gut zu machen. Das war kurz vor seiner Hochzeit gewesen. Sein Englisch war nur mangelhaft, und doch schien es ihm jetzt, als hätten die beiden Herren mit einer gewissen Frivolität über Esther gesprochen. Es lag mehr im Ton als in den Worten. Esthers erste Ehe, ihre Scheidung, ihr ganzes Leben, bevor sie in seinen Gesichtskreis trat, war ihm bis heute völlig gleichgültig gewesen. Nunmehr interessierte ihn plötzlich alles über alle Maßen. Wer war diese Frau, die seinen Namen trug?
Es traf sich, daß Goldbaum in den nächsten Tagen nach London fahren mußte. Wenzel hatte mit ihm eine vertrauliche Aussprache. Goldbaum war klug und taktvoll genug, um sich für eine derartig schwierige Mission besonders zu eignen.
Goldbaum sträubte sich anfangs, wälzte den dicken, rothaarigen Schädel verdrießlich hin und her, versprach aber endlich, sein möglichstes zu tun und bei seinen Freunden ein „bißchen herumzuhorchen“.
Voller Unruhe erwartete Wenzel seine Rückkehr. Mit noch größerer Unruhe erwartete er den Bericht seiner Berliner Vertrauensleute. Esther ahnte nicht das geringste.
Es fiel ihm ein, daß Mackentin einmal, sehr taktvoll und vorsichtig, eine Bemerkung über Esthers allzu große Außerachtlassung der gesellschaftlichen Formen gemacht hatte. Er hatte damals mit Esther gesprochen und sie um mehr Zurückhaltung gebeten.
„Die Leute hier sind nicht Leute der großen Welt, Esther,“ sagte er. „Sie sind zum größten Teil Spießbürger, die die Dinge mit andern Augen sehen und manches mißdeuten könnten.“
Esther warf die Lippe in die Höhe.
„Laß sie doch,“ sagte sie mit einem hochmütigen Zurückwerfen des Kopfes. „Ich tue, was ich will, du weißt es, und kümmere mich nicht um die Menschen.“
Diese Antwort erschien Wenzel nunmehr unsicher und ausweichend.
Da kam Goldbaum zurück und erstattete über seine Reise Bericht. Wenzel empfing ihn in seinem Arbeitszimmer und gab den Auftrag, niemanden vorzulassen. Zuerst besprachen sie ausführlich die geschäftlichen Angelegenheiten. „Nun, und die andere Sache?“ fragte Wenzel und wurde dunkelrot, da er sich schämte.
Goldbaum verzog das Gesicht und machte Ausflüchte. Klatsch, Geschwätz und Gerede hätten ihm seine Freunde zugetragen, nichts sonst, nichts Positives, keine einzige positive Tatsache.
Wenzel bat ihn, ihm wenigstens zu sagen, was man über Esther rede. Auch das interessiere ihn. Er bitte ihn als Freund.
Und schließlich berichtete Goldbaum, daß man manches über die Ehe Esthers mit Sir Weatherleigh zusammenfasele. Es sei da nicht alles so glatt und einfach gegangen. Natürlich nur Klatsch und Geschwätz. So erzählte man, daß Esther mit einem Major Fairfax ein Verhältnis gehabt habe. Sie habe vier Wochen mit ihm zusammen in einem ägyptischen Hotel gewohnt – behaupten die bösen Zungen. Man habe auch die Namen von anderen Männern genannt, aber wie gesagt, all das sei einfacher Klatsch, wie er in jeder Gesellschaft üblich sei.
Wenzel tat gleichgültig und drückte Goldbaum die Hand. „Ich hatte bestimmtere Dinge gehört,“ sagte er. „Dieses Geschwätz kümmert mich natürlich nicht im geringsten.“
Er war allein, und nun sah sein Gesicht plötzlich anders aus. Er erinnerte sich an den Gesichtsausdruck der beiden Herren, die über Esther tuschelten und deren Gespräch er unterbrach. Damals im Teeraum des Londoner Hotels. Er sah das Bild der Hochzeitstafel vor sich. Da saß Fairfax – nun verstand er den Blick, den er seinerzeit in Venedig auffing –, da saßen andere gutaussehende junge Männer. Vielleicht lachten sie im geheimen über ihn, während er feierlich neben Esther an der Tafel saß.
Jedenfalls, er wollte Gewißheit haben, und am nächsten Tage verließ einer seiner Agenten mit dem Londoner Flugzeug Berlin.
Von seinen Berliner Vertrauensmännern hörte er nichts Positives. Katschinsky war nicht in Berlin, er filmte irgendwo in Frankreich. Also hieß es sich gedulden.
Nach einer Woche schon kam der Agent aus London zurück. Es war sein Beruf, sich ernsthaft mit den Privatangelegenheiten seiner Mitmenschen abzugeben, und so berichtete er ausführlich über alles, was er in Erfahrung gebracht hatte.
Nicht Fairfax allein, eine ganze Reihe anderer Liebhaber wurde mit Bestimmtheit genannt. Jeder Mensch in London wußte, daß Sir Weatherleigh als Gentleman die Schuld auf sich genommen hatte, um den Skandal zu vermeiden.
Man erzählte sich auch, daß Baron Blau einmal eine Schuld Esthers in der Höhe von zwanzigtausend Pfund eingelöst habe und daß seine Beziehungen zu ihr, wenn auch nur ganz kurze Zeit, intim gewesen seien.
Der Boden brach unter Wenzels Füßen ein. Er fing an zu ahnen, wer Esther war.
Wohlgemerkt aber, wohlgemerkt, alles, was vor seiner Verheiratung geschehen war, ging ihn nichts an. Es war ihm nicht gleichgültig, keineswegs, aber er hatte nicht das Recht, darüber zu richten. Esther hatte nie die Tugendhafte und Prüde gespielt. Sie schwieg, aber sie heuchelte nicht.
Wehe aber, wenn sie, seit sie seinen Namen trug, ihre Pflichten verletzt haben sollte! Er sagte wehe – mehr wollte er nicht sagen.
Wenzel betäubte sich mit Arbeit, Wein und Schlafmitteln. Er blieb seinem Hause möglichst fern. Seine Unruhe wuchs mit jedem Tag. Katschinsky war seit einer Woche zurückgekehrt. Bald würde er Gewißheit haben, so oder so.
Eines Abends ließ sich der Vertrauensmann melden. Wenzel verschloß die Türen. Der Vertrauensmann zog ohne große Einleitung ein Notizbuch aus der Tasche und legte es vor Wenzel auf den Tisch. Da stand alles schwarz auf weiß notiert. Dienstag, den soundsovielten, um fünf Uhr das Haus betreten, um sieben Uhr verlassen, Freitag um sechs Uhr das Haus betreten, um einhalb acht Uhr verlassen, am Sonntag nach dem Theater das Haus um elf Uhr betreten, um ein Uhr verlassen.
Dann machte der Vertrauensmann noch auf einen Tennisspieler sehr bekannten Namens aufmerksam. Er werde auch diese Spur verfolgen, wenn Herr Schellenberg es befehle. Allerdings sei er in diesem Fall noch keineswegs sicher. –
Wenzel saß regungslos am Tisch, wie aus grauem Stein gehauen.
„Es ist nicht nötig,“ sagte er, doch seine Stimme klang ruhig und völlig unverändert. Seine Hände aber zitterten so stark, daß er sie unter der Tischplatte verbarg. Plötzlich funkelten seine Augen: „Wehe, wenn Sie mich belügen, Herr!“ schrie er den Agenten an. „Ich werde mich überzeugen, ob Sie die Wahrheit sprechen! Wehe Ihnen!“
Der Agent wich erschrocken zurück. „Herr Schellenberg können sich überzeugen.“
24
Eine ganze Woche lang verließ Wenzel an den Nachmittagen sein Büro nicht eine Minute. Er arbeitete an einer Neuorganisation des Schellenberg-Konzerns, die die Verwaltungskosten um ein Drittel vermindern sollte. Ein ungeheurer Plan, zu dessen Durcharbeitung er nie die Zeit gefunden hatte. Er verbiß sich in die Arbeit. Nur zuweilen erhob er sich, um einen Blick durch das Fenster zu werfen: Das Mietsauto stand an der Ecke.
Plötzlich, an einem Nachmittag etwas nach fünf Uhr, kam der Anruf des Vertrauensmannes.
Wenzel erbleichte. Er nahm den Hut und eilte auf die Straße, um das Mietsauto an der Ecke zu besteigen. Straße, Nummer, warten, bis ich Order gebe, zwanzig Mark Trinkgeld. Der Chauffeur fuhr. Vielleicht gibt es wieder einmal eine Schießerei, dachte er, er scheint ganz rabiat zu sein.
Der Beobachtungsposten war gut gewählt. Wenzel saß regungslos im Wagen, die Augen auf das bezeichnete Haus gerichtet, und rauchte. Es war eine kleine Villa in Charlottenburg, ganz in der Nähe vom Steinplatz. Der Stein ist im Rollen. Die Lawine geht zu Tal, es wird sich vollenden, dachte Wenzel und hielt den Blick auf das Haus geheftet. Die Gedanken jagten. Er rauchte eine Zigarette nach der andern und wartete. Eine Stunde verging. Schon war der Wagen ganz verqualmt. Er verfiel in eine Art von Halbschlaf. Seine Gedanken standen still, sie bewegten sich nur noch um kleine Nebensächlichkeiten. Wer diese Villa wohl gebaut hatte? Welche Gagen ein Schauspieler beziehen mußte, um diese Villa bewohnen zu können? Oder erhielt er noch Bezüge von anderer Seite? Dort an der Ecke stand der Vertrauensmann, las die Zeitung und aß eine Banane. Er verabscheute ihn.
Etwas vor sieben Uhr öffnete sich die Tür und eine Dame erschien. Sie trug einen kleinen, koketten zimmetfarbenen Hut und ein dünnes, weiches Cape der gleichen Farbe, das sie dicht um den schlanken Körper gelegt hatte. Ein Windspiel schlüpfte durch die Haustür, wurde aber sofort ins Haus zurückgerufen. Die Dame verließ das Haus, unauffällig, sorglos, so wie täglich in jeder großen Stadt tausend Damen irgendein Haus zu dieser Stunde verlassen.
Aber diese Dame trug seinen Namen.
Gelassenen Schrittes ging Esther die Straße entlang, dann nahm sie ein Mietsauto und fuhr davon.
Eine Weile noch wartete Wenzel regungslos in seinem Wagen. Der Agent ging vorüber und wandte das Gesicht gegen die Scheibe. Dann befahl er dem Chauffeur, ihn in sein Büro zurückzufahren.
Es ist also nichts geworden, dachte der Chauffeur, kein Gericht, keine Zeugenschaft.
Wenzel blieb nur einige Minuten in seinem Büro. Mechanisch unterzeichnete er einige Dutzend Briefe. Dann fuhr er nach dem Grunewald zurück.
Er betrat das Haus mit finsterer Miene. Seine Stirn war böse gerunzelt. Ohne Laut flüchtete die Dienerschaft vor seiner schlechten Laune.
„Die Damen sind im chinesischen Zimmer.“
Das chinesische Zimmer war ein Raum in exotischem Charakter, keineswegs chinesisch, aber es wurde so genannt. Es war ganz gekachelt, ultramarinblau, die Decke vergoldet und bemalt. Esther liebte diesen Raum zur Dämmerstunde.
Schon vernahm Wenzel die Stimmen der Damen. Sie sprachen englisch und französisch. Zwei Freundinnen waren seit gestern auf Besuch gekommen. Die Frau eines englischen Teegroßhändlers, Violet, madonnenhaft frisiert, mit lüsternem Mund, und Georgette, eine kleine quecksilberige pechschwarze Französin, die ihrem Mann durchgebrannt war und sich bei Esther versteckte. Die Damen sprachen eifrig über das geplante Nachtfest in Hellbronnen, das in den nächsten Tagen stattfinden sollte. Man wartete nur auf wärmeres Wetter. Von Esthers Empfangssalon aus sah Wenzel in das chinesische Zimmer. Der Rauch der Zigaretten hatte unter der Decke eine unbewegliche schwebende Schicht gebildet.
In diesem Augenblick wurde Esther eine Karte überreicht, und gleich danach trat die Gestalt eines jungen Mannes ein. Wenzel erkannte Katschinskys Stimme.
„Sie waren lange weg, Herr Katschinsky,“ sagte Esther, fast gleichgültig, fast gelangweilt.
„Ich hatte im Ausland zu tun,“ erwiderte Katschinsky. „Ich bin seit einigen Tagen wieder hier, finde aber erst heute eine freie Stunde.“
„Meine Freundinnen Violet Taylor aus London und Madame Georgette Leblanc aus Paris.“
Plötzlich war Wenzels ganzer Körper mit Schweiß bedeckt.
„Oh, welch schamlose Komödie!“
Sein Gesicht war grau, wie Blei, das lange an der Luft liegt.
Langsam stieg er die Treppe empor. Die Treppe knarrte unter seinem Gewicht. Er zog sich in sein Arbeitszimmer zurück und ließ bestellen, daß man ihn nicht zu Tisch erwarten solle. Er habe dringende Geschäfte zu erledigen.
Stöße von Depeschen und Schriftstücken, von seinem Sekretär bereitgelegt. Er beachtete sie nicht. Er ging in seinem halbdunklen Arbeitszimmer hin und her, immer hin und zurück, und wiederholte immer von neuem: „Oh, welch schamlose, erbärmliche Komödie!“ Wiederum war sein ganzer Körper mit Schweiß bedeckt.
Es wurde Mitternacht, und noch immer ging Wenzel finster und stumm rasend und halblaut redend in seinem Zimmer hin und her. Von unten herauf erklangen zuweilen Stimmen und Gelächter. Es schienen noch mehr Gäste gekommen zu sein.
Betrug, Lüge, Heuchelei. Die Lawine war ins Rollen gekommen. Sie wird mich und sie und alle erschlagen! Oh, welche Infamie!
Plötzlich schien es ihm, als hätten alle Blicke von Männern und Frauen, die in seinem Hause verkehrten, immer einen ganz merkwürdigen und sonderbaren Ausdruck gehabt. Als verbärgen sie ihm etwas, was sie nicht ganz zu verbergen vermochten. Er sah, wie oft in diesen Tagen, die Hochzeitsgesellschaft in London vor sich, die jungen, gutgewachsenen Männer, Major Fairfax, Baron Blau, und plötzlich schien es ihm, als säßen sie alle herausfordernd da und blickten ihn mit kaltem Spott in den Augen an.
Er preßte die Zähne zusammen, daß sie knirschten. Wie entsetzlich schamlos war das alles! Sie hat mich in den Schmutz gezogen und, was weitaus furchtbarer war – furchtbarer in Wenzels Augen –, sie hat mich dem Spott und dem Hohn der Gesellschaft ausgeliefert. Oh, gewiß, diese Fairfax und Blau und Katschinsky und alle, mußten sie nicht toll lachen über ihn? Er wollte es nicht anders, er hatte, was er wollte. Alle wußten, was sich ereignen würde, nur er nicht.
„Ich werde es nicht dulden, daß man mich in den Schmutz tritt!“ knirschte Wenzel. „Ich werde mich rächen, ich werde mich furchtbar rächen!“
Freiheit forderte sie, Freiheit in jeder Beziehung. Er wußte es. Er hatte sie ihr zugebilligt. Aber waren ihrer Freiheit nicht Schranken gezogen, durch ihr Geschlecht und die Gebote der Gesellschaft? Aber vielleicht gab es diese Schranken für sie nicht? Vielleicht war sie ebenso maßlos im Genuß wie er selbst? Vielleicht war sie ein weiblicher Wenzel Schellenberg? Vielleicht? Was wußte er von ihr? Eine fremde Frau, unbekannt wie ein unbekanntes Tier, dessen Eigenschaften niemand kennt.
Immer düsterer, immer furchtbarer erschien ihm sein Schicksal. Von unten herauf drang Gelächter. Der Flügel. Man tanzte.
„Ich werde es nicht dulden!“ rief er abermals und wieder und wieder aus, mit verzerrten Zügen.
Es war eine furchtbare Nacht.
25
Vor dem Gebäude der Gesellschaft „Neu-Deutschland“ drängten sich unübersehbare Scharen von Arbeitslosen, Kopf an Kopf. Ihr Geschrei erfüllte die Straße.
„Gib uns Arbeit, Schellenberg! Gib uns Brot!“
Die Tore der Gesellschaft waren geschlossen.
Michael sprach von der Treppe aus zu den Scharen der Entmutigten. Er erklärte, daß die Gesellschaft in den letzten Wochen Abertausende eingestellt habe, daß sie aber vorläufig über keine weiteren Mittel verfüge. Er werde erneut bei der Regierung und dem Magistrat vorsprechen.
Die wirtschaftliche Krisis hatte sich verschärft. Auf den Zechen häuften sich Gebirge von Kohlen, eine große Zahl von Hochöfen war bereits ausgeblasen worden. Der Export war auf ein Minimum herabgesunken. Jahrelang hatte er tauben Ohren gepredigt.
Tag für Tag drangen die Rufe bis in sein Arbeitszimmer: „Gib uns Arbeit! Komm heraus, Schellenberg!“
Lärm brauste auf. Die Straße tobte, Fensterscheiben wurden eingeworfen. Die Polizei schritt ein.
Vor einigen Tagen war ein Trupp Arbeitsloser durch die Fenster eingedrungen. Man hatte alle Mühe, die Verzweifelten zur Ruhe zu bringen. Gestern erschien ein Betrunkener, der sich wie ein Tobsüchtiger gebärdete. Er hatte schon früher bei der Gesellschaft gearbeitet, war aber entlassen worden, da er zu irgendeiner Arbeit überhaupt nicht zu gebrauchen war. Er forderte, sofort wieder eingestellt zu werden, oder er werde das Gebäude in die Luft sprengen. Er habe eine kranke Frau und vier kleine Kinder, die in einem Kellerloch verhungerten! Mit einem Stuhl in der Faust, drang er auf die Beamten ein. Er war Steinträger, ein krummbeiniger, breitschulteriger Bursche mit rotem Schnauzbart und schwammigem Trinkergesicht. Endlich gelang es, ihn zu überwältigen und an die Luft zu setzen. Der Rasende schwor, morgen wiederzukommen!
Und in der Tat, er kam wieder.
An diesem Tage sollte eine Sitzung von Vertretern der Regierung und Arbeitgeberverbände stattfinden, zu der Michael eingeladen war. Er sollte seine Pläne vortragen.
Etwas verspätet, wie gewöhnlich, stieg Michael eilig die Treppe hinab, so rasch, daß Eva, die ihn zur Sitzung begleitete, kaum zu folgen vermochte.
Michael pflegte in diesen unruhigen Tagen das Gebäude durch einen Nebenausgang zu verlassen. Kaum aber hatte er den Fuß auf die erste Stufe des Nebenausgangs gesetzt, als er einen heftigen Schlag gegen die linke Schulter verspürte. Es war ihm, als habe man ihn mit einem schweren Stock, mit einer massiven Eisenstange gegen die Schulter gestoßen. Er taumelte und wäre beinahe gefallen. In dieser Seitenstraße waren nur wenige Menschen, und er sah nichts Auffälliges. In diesem Augenblick aber beobachtete er, wie sein Chauffeur, der neben dem Wagen gestanden hatte, sich auf einen Mann stürzte und ihn zu Boden warf. Sofort sammelten sich Menschen an.
„Er hat auf Schellenberg geschossen,“ schrie der Chauffeur und deutete auf das schmutzbedeckte schwammige Gesicht des Mannes, den er zu Boden geschlagen hatte. Es war der Steinträger mit dem roten Schnauzbart, der gestern Rache geschworen hatte.
Michael hatte nicht einmal einen Schuß gehört. Der Knall war im Lärm der Straße verhallt.
Das alles dauerte kaum zwei Sekunden. Michael stand noch immer und begriff nicht. Er spürte immer noch den heftigen Schmerz an der Schulter.
„Bist du getroffen?“ fragte Eva, die Augen geweitet in Angst und Besorgnis, und blickte ihm ins Gesicht. Michael schüttelte den Kopf, er vermochte kein Wort zu erwidern. Der Schlag gegen die Schulter war immer stärker spürbar.
„Oh, du blutest ja!“ rief Eva aus, und sie nahm ihr kleines Taschentuch und schob es hastig unter seine Weste. Erregt versuchte Eva ihn wieder ins Gebäude zurückzudrängen.
Endlich vermochte Michael zu sprechen. „Es ist nichts,“ sagte er. „Was kann es sein? Was wollte er?“ schrie er dem Menschenknäuel zu, der sich um den Steinträger ballte.
Das alles geschah am hellichten Tag, gegen drei Uhr nachmittags.
Eine Stunde später heulte die Meute der Zeitungsverkäufer, die mit den feuchten Blättern durch die Straßen rannten.
„Attentat auf Michael Schellenberg! Ein Arbeitsloser schießt auf Schellenberg!“
Die Abendzeitungen brachten nur eine kurze Notiz. Ein Arbeitsloser habe auf den bekannten Volkswirt und Chemiker Michael Schellenberg, den Gründer und Leiter der Gesellschaft „Neu-Deutschland“, ein Revolverattentat verübt. Die Volksmenge machte Miene, den Attentäter zu lynchen, aber Michael Schellenberg sei für ihn eingetreten. Der Zustand des Verletzten gäbe, soweit sich dies feststellen ließe, zu Besorgnissen keinen Anlaß.
Die Morgenblätter brachten ausführliche Berichte. Der Attentäter war ein Steinträger namens Heinecke, ein notorischer Trinker, der schon wiederholt mit den Gerichten in Konflikt gekommen war. Seine Aussagen waren verworren. Die Zeitungen neigten dazu, Heinecke für geistig minderwertig zu erklären. Die Motive des Attentats waren höchst unklar.
Einmal behauptete Heinecke, die Not habe ihm die Waffe in die Hand gedrückt. Schon hatten Reporter seine häuslichen Verhältnisse untersucht und allerdings konstatieren müssen, daß die kranke Frau des Steinträgers und seine vier kleinen Kinder in einem vier Quadratmeter großen feuchten Kellerverschlag in unbeschreiblichem Elend hausten. Ein andermal erklärte Heinecke, er habe sich an Schellenberg rächen wollen. Er habe bei der Gesellschaft „Neu-Deutschland“ gearbeitet, man habe ihm einen Hungerlohn gezahlt und ihn dann einfach hinausgeworfen. Dabei besitze Schellenberg ein Palais im Grunewald, einen Palast mit hundert Sälen und einen Rennstall, alles mit dem Schweiße der Arbeitslosen erworben. Eine tragische Verwechslung, schrieb eine Zeitung. Der Attentäter hat den Volkswirt Michael Schellenberg mit seinem Bruder, dem Industriellen und Geldmann Wenzel Schellenberg, verwechselt!
Man machte Heinecke auf seinen Irrtum aufmerksam. Es ist ein und dasselbe, erwiderte er, sie sind alle gleich. Schließlich sagte er, er habe geschossen, um ins Zuchthaus zu kommen. Es sei ihm nur noch die Wahl zwischen dem Zuchthaus und dem Strick geblieben, da er Arbeit doch nicht finden konnte.
Wie gesagt, ein verworrener Kopf, ein geistig minderwertiger Trinker.
Die Berichte der Ärzte, die die Morgenzeitungen veröffentlichten, lauteten günstig. Die Kugel, die das Schlüsselbein zerschmetterte, war noch in der Nacht entfernt worden. Michael Schellenberg werde in wenigen Wochen, wenn nicht irgendwelche Komplikationen eintreten sollten, wiederhergestellt sein.
Michael hatte etwas erhöhte Temperatur, die sich am Abend zu leichtem Fieber steigerte. Das war alles. Sein allgemeines Befinden war vorzüglich. Schon am dritten Tage verlangte er, aus der Klinik entlassen zu werden, um seine Arbeit wieder aufnehmen zu können. Die Ärzte aber widersprachen, sie steckten sich hinter Eva, deren Einfluß auf den Patienten sie kannten, und so mußte Michael wohl oder übel in der Klinik bleiben. Die Kommissare kamen, um ihn zu vernehmen.
„Lassen Sie den armen Teufel laufen,“ sagte Michael. „Es ist ein Opfer der allgemeinen Notlage. Seine verzweifelte Tat ist nicht der Akt eines einzelnen, die Verzweiflung von Abertausenden von Arbeitslosen fand darin ihren Ausdruck.“
Nach einer Woche war die Wunde so weit verheilt und die Temperatur so befriedigend, daß die Ärzte Michael erlaubten, täglich zwei Stunden lang die Berichte seiner Direktoren entgegenzunehmen. Nun fühlte er sich sofort um vieles wohler! Eva wich nicht aus seinem Zimmer.
Eines Tages ließ sich Wenzel in der Klinik melden.
Wenzel war ein paar Wochen von Berlin abwesend gewesen. Wie ein Racheengel erschien er bei einer großen Zahl seiner Unternehmungen, nur in Begleitung von Mackentin und Stolpe. Seine Miene war kalt und finster, und die Direktoren und Prokuristen zitterten vor seinem Blick. Eine Reihe von Direktoren erhielt den Abschied. Nein, Wenzel Schellenberg war nicht der Mann, der hohe Gehälter bezahlte dafür, daß man sich auf die faule Haut legte. Sie täuschten sich. Er brauchte schöpferische Köpfe, die unausgesetzt das Interesse des Konzerns im Auge hatten.
Auf der Reise hatte er von dem Attentat auf Michael Kenntnis erhalten. Er kaufte in Hannover eine Zeitung, bevor er in den Kölner Schnellzug einstieg. Es war am Morgen nach dem Attentat. „Sehen Sie her, Mackentin!“ rief er Mackentin erbleichend zu. „Was ist das?“ Augenblicklich erhielt Stolpe den Auftrag, nach Berlin zu reisen und ausführlich nach Köln zu berichten. In Köln raffte Wenzel alle Zeitungen zusammen. „Lesen Sie, Mackentin,“ sagte er mit einem verstörten Lächeln. „Eigentlich hat die Kugel dieses Lumpen mir gegolten. Wenn etwas mit Michael passiert, so habe ich es auf dem Gewissen.“ Tagelang sah Mackentin die folternde Unruhe in Wenzels Blicken.
Die Berichte über Michaels Befinden lauteten täglich günstiger, und Wenzel schien ruhiger zu werden. „Es ging noch einmal vorüber, Gott sei Dank!“
Nach Berlin zurückgekehrt, fuhr er vom Bahnhof geradewegs zur Klinik.
Aber die Ärzte verbaten noch immer Besuche, die Michael erregen konnten. Infolgedessen mußte Wenzel sich damit zufrieden geben, Eva Dux zu sprechen. Eva fand Wenzel auffallend verändert, als ob ihn plötzlich eine Krankheit befallen habe. Er schien um einige Jahre älter, die Züge hart und fast entstellt. Sie mußte ihm versprechen, täglich zweimal telephonischen Bericht zu geben. Sie versprach es gern. Wenzel schien zu leiden.
Nun durfte Michael schon das Bett verlassen! Man erlaubte ihm einige Zigaretten und schwarzen Kaffee. Aber die Ärzte hielten ihn noch in der Klinik fest, da sich zuweilen in der Nacht geringes Fieber eingestellt hatte. Sie gestatteten dagegen leichte geistige Beschäftigung, natürlich keine schwere, ach, sie waren gnädig, die Herren Ärzte.
Behaglich die Zigarette rauchend, ging Michael im Zimmer auf und ab.
„Wir finden nun Zeit für manchen Gedanken, den wir immer zurückstellen mußten, Eva. Da ist zum Beispiel dieser Plan mit den schwimmenden Werkstätten, die überallhin leicht transportiert werden können. Willst du schreiben, Eva?“
Eva streikte. Das sei eine zu anstrengende Arbeit. Sie erinnerte dann, daß der Termin des Preisausschreibens bereits überschritten war.
Auch damit war Michael einverstanden.
Die Gesellschaft hatte vor mehreren Monaten ein Preisausschreiben veröffentlicht. „Verbesserungen und Vorschläge zum Bebauungsplan der Lüneburger Heide.“ Städtebauer, Architekten, Ingenieure und Volkswirte hatten sich an dem Preisausschreiben beteiligt, und es war nur selbstverständlich, daß sich unter den Bewerbern eine große Anzahl seiner Mitarbeiter befand. Die Durchsicht der eingereichten Arbeiten erfreute Michael. Das Kollegium trat zusammen, und es zeigte sich, daß einer seiner jüngsten Mitarbeiter, ein in der Öffentlichkeit völlig unbekannter Mann, die beste Arbeit geliefert hatte. Er hieß Georg Weidenbach und war der Leiter einer der kleineren Siedlungen in der Nähe von Berlin.
Michael bat Weidenbach zu sich, um ihn zu beglückwünschen. Ein schmächtiger junger Mann mit blondem Haar, gebranntem Gesicht und strahlenden Augen trat in sein Zimmer.
„Sie haben eine vorzügliche Arbeit geliefert,“ sagte Michael zu ihm und schüttelte ihm die Hand. „Ich werde Ihnen die Leitung einer Abteilung übergeben. Halten Sie sich bereit, nach Berlin zu kommen. Sobald ich aus der Klinik heraus sein werde, hören Sie von mir.“ Er betrachtete Georg aufmerksam. „Wo habe ich Sie schon gesehen?“ fragte er dann.
Georg erinnerte ihn an jene Szene, da er ihn bat, seine jetzige Frau mit nach Glückshorst nehmen zu dürfen.
„Oh, Sie sind es!“ entgegnete Michael. „Ich erinnere mich noch deutlich. Ich freue mich sehr, Sie wiederzusehen. Sie sehen um vieles besser aus als damals.“
Wenige Tage, nachdem die Ärzte Michael als geheilt entlassen hatten, rief er Weidenbach nach Berlin. Er führte Georg persönlich in die Abteilung ein, deren Chef er wurde, und übergab ihm seine Arbeitsräume.
„Also Glückauf und immer vorwärts, Weidenbach!“ rief er ihm zu.
Auf diesem Umweg war Georg nach langer Zeit wieder nach Berlin zurückgekehrt, durch dessen Straßen er einst verstört irrte, wie ein Hund, der seinen Herrn verlor.
Schwere Wochen für Christine! Sie war mit dem kleinen Georg nach Berlin gekommen, um die Wohnung einzurichten, die ihnen die Gesellschaft überwiesen hatte. Christine kaufte ein! Oh, bescheiden, sie drehte jeden Pfennig dreimal um, bevor sie ihn ausgab. Tag und Nacht nähte sie an den Vorhängen. Aber endlich war es soweit, und das kleine Einweihungsfest konnte stattfinden. Es prasselte und krachte in Christines kleiner Küche.
Als Gäste erschienen: Lehmann, der Einarmige, Georgs früherer Chef in Glückshorst, man erinnert sich? Er brachte eine Flasche Burgunder mit. Dann kam der Schlächter-Moritz. Er eilte aus Glückshorst herbei, berstend von Gesundheit und Kraft, beladen mit Produkten seiner Kunst. Dann kam Stobwasser, der jetzt sein Atelier am Nollendorfplatz hatte. Er brachte einen schwarzen Kater mit, von dem er sich nicht trennen konnte. Er brachte ferner einen Riesenstrauß mit, der kaum durch die Türe ging.
„Da seid ihr ja wieder!“ schrie er außer sich vor Freude und umarmte die Freunde.
26
Wenzel war in dieser Zeit fast immer in Geschäften unterwegs. Nur zuweilen kehrte er auf ein bis zwei Tage nach Berlin zurück. Er wohnte in seinem Hause im Grunewald, lebte aber völlig zurückgezogen. Er arbeitete.
Esther vermißte ihn nicht. Sie war zu sehr mit ihren Plänen für das Sommerfest in Hellbronnen beschäftigt. Das Fest sollte eine ganze Woche dauern, von Sonntag zu Sonntag. Ein junger Dichter hatte „Drei Szenen aus dem Leben Casanovas“ geschrieben, die an drei aufeinanderfolgenden Abenden aufgeführt werden sollten. Katschinsky führte die Regie. Esther hatte vom frühen Morgen bis in die späte Nacht hinein zu tun. Sie war vollauf beschäftigt. Konferenzen mit Malern, Architekten, Schauspielern, Musikern, Dutzende von Depeschen und Briefen, sie lachte und ereiferte sich – es fiel ihr gar nicht auf, daß Wenzel, wenn er zuweilen auf zwei, drei Tage zurückkam, auf seinem Zimmer speiste und sie ihn fast nicht zu Gesicht bekam.
Wenzel fing an, an sich irre zu werden. Die Sicherheit, mit der Esther ihm gegenübertrat, ihre Herzlichkeit, wenn er auf wenige Minuten in ihrem Freundeskreis erschien, machte ihn stutzig. Sollte er ihr, trotz allem, Unrecht tun?
Eines Tages beobachtete Wenzel, daß das Benehmen Mackentins scheu und unsicher wurde. Ah, kein Zweifel, er täuschte sich nicht, das war nicht der alte Mackentin. Es war fast, als habe er ein schlechtes Gewissen. Er wich seinem Blick aus, seine Stimme klang belegt. Er schien etwas zu verbergen. Endlich stellte Wenzel ihn zur Rede.
„Was ist mit Ihnen, Mackentin? Was ist in Sie gefahren? Was geht hier vor?“ drang er in ihn.
Mackentin erblaßte, seine Hände zupften verlegen an der Zigarre. „Oh, nichts,“ erwiderte er, während er Wenzels Blick auswich. „Oh, nichts, gar nichts oder fast nichts. Indessen, ich schäme mich, ich glaube es Ihnen als Freund schuldig zu sein. Sie waren mir gegenüber immer großmütig und ließen mich mit in die Höhe kommen, obwohl ich doch von Geschäften nichts verstehe und Ihnen sogar häufig Schaden zufügte.“ Und endlich fiel Mackentin wieder in jenen Ton, den er bei Unannehmlichkeiten wählte. Es war ein etwas kurzer, etwas schnarrender Ton, der an den früheren Soldaten erinnerte. Kurz und gut, ohne viele Umstände erklärte Mackentin, er halte es für seine Pflicht, Wenzel daran hinzuweisen, daß der Schauspieler Katschinsky in aller Öffentlichkeit damit prahle, der Geliebte Esther Schellenbergs zu sein. Stolpe habe es ihm vor einigen Tagen mitgeteilt.
Wenzel saß mit grauem Gesicht. Es hatte wieder die Farbe von Blei, das lange an der Luft liegt. Er faßte sich indessen rasch, es ging nun zu Ende. Er nahm Mackentin das Wort ab zu schweigen. Dann hatte er eine längere Aussprache mit Stolpe. Stolpe stand das Wasser in den Augen, als er, zitternd an allen Gliedern, Wenzels Zimmer verließ.
An demselben Nachmittag noch verließ Wenzel Berlin im Automobil. Ein Narr! Welch ein Narr! Fast wäre er an sich irre geworden. Dieses Stück, das man spielen wollte, diese „Drei Szenen aus dem Leben Casanovas“, hatten ihn beinahe düpiert. Oh, welch grandiose Dummheit! Es traten ihm fast die Tränen in die Augen, aus Trauer über ein solches Ausmaß von Naivität und Borniertheit. Der Dichter dieses Stückes wohnte bei Katschinsky. Er erfuhr alle diese Dinge nebenher, und eines Tages, in einer totalen Verdunkelung seines Gehirns, hatte er sich folgendes Blendwerk vorgegaukelt: der Dichter des Stückes wohnt bei Katschinsky, dem Regisseur. Esthers unfaßbare Begeisterung für dieses Fest. Vielleicht ging sie zu Katschinsky, vielleicht berieten sie zu dritt, debattierten, ereiferten sich. Oh, es war möglich, daß sich alles ganz einfach, lächerlich einfach erklärte – während er sich die Brust mit beiden Händen aufriß. Oh ja! Ein Narr! Welch ein Narr! Nun aber hatte ihn der Keulenschlag mitten ins Gesicht getroffen. Man muß dich schlagen, wie man den Stier schlägt, bevor du begreifst.
Dieser Bursche überhaupt, dieser „Regisseur“! Wie? Er erinnerte sich, wie lange war es her? Es war damals, als er die Geschichte mit Jenny Florian hatte. Am Anfang. Damals erhielt er einen anonymen Brief: „Hüten Sie sich vor dem Maler K. Er hat Ihnen Rache geschworen! Rache für Jenny Florian!“ Er zeigte diesen Brief Jenny. Sie sagte: Er selbst hat diesen Brief geschrieben.
Seht an! Seht an!
Der Wagen fegte durch Schmutz und Regen. Wenzel klopfte an die Scheiben, und der Wagen hielt.
„Wohin fahren Sie?“
„Nach Warnemünde, wie Herr Schellenberg befohlen haben,“ antwortete der Chauffeur.
Wenzels Blick schweifte leer durch den Regen. Er besann sich. „Es schien mir, als führen Sie falsch.“ Wieder fegte der Wagen durch Schmutz und Regen. Es wurde Nacht. Also gut, Warnemünde. Es war höchst gleichgültig. In Warnemünde lag die Jacht.
Gegen Mitternacht kamen sie in Warnemünde an. Es regnete und der Wind fegte. Die Scheinwerfer des Autos blendeten über Glasveranden. Sie schienen in eine Stadt von Treibhäusern geraten zu sein. Am Bollwerk, gegenüber vom Kai, lag die Jacht vertaut. Die Jacht schien wie verlassen.
Der Chauffeur pfiff, er schrie den Namen der Jacht, und Wenzel zuckte, wie geschlagen, zusammen, so oft der Chauffeur in die Nacht hineinbrüllte: „Halloh, Esther Schellenberg!“ Nichts regte sich. Endlich fand der Chauffeur einen Nachen, der Schellenberg übersetzte. Und endlich zeigte sich auf der Jacht ein verschlafenes und verstörtes Gesicht.
„Schlaft ihr alle?“ schrie Wenzel zornig, und in diesem Augenblick wurde die Jacht lebendig. Licht flammte auf, Schritte eilten. Der Kapitän war nicht an Bord. Wenzel befahl, ihn sofort zu holen und die Jacht segelfertig zu machen. Ja, plötzlich war es ihm in den Sinn gekommen, in das Meer hinauszufahren. Das Wasser rauschte, der Wind trillerte in den Tauen. Schon saß Wenzel in der Kajüte, und plötzlich fühlte er sich freier und stiller. Welche Ruhe! Welche wunderbare Stille! Sein Zorn verging. Wie wunderbar rauschte das Wasser!
Der Steward brachte heißen Kaffee, in den Wenzel Kognak goß, dann zündete er sich eine Zigarre an und ging auf und ab. Fast hatte er seine ganze Schmach und Schande vergessen. Als der Kapitän der Jacht nach einer Stunde, bestürzt und verwirrt, Entschuldigungen stammelnd, in den Salon trat, war Wenzels Zorn schon verraucht.
„Machen Sie keinen Unsinn,“ unterbrach er den Kapitän, einen früheren U-Bootführer, namens Wittgenstein. „Wir sind unter uns Kameraden, und es ist doch völlig einerlei, wenn Sie eine Nacht nicht an Bord schlafen. Leisten Sie mir Gesellschaft beim Essen! Ich habe es plötzlich in Berlin nicht mehr ausgehalten. Ich brauche etwas frische Luft. Wir werden einen Schlag in die See machen. Sind Sie bereit?“
Wittgenstein erwiderte, daß er nach dem Schleppdampfer geschickt habe, es werde wohl eine geraume Weile vergehen.
„Wir haben ja Zeit, Wittgenstein!“ rief Wenzel gutgelaunt aus. „Wir werden essen und trinken.“
Er ließ Wein bringen und stürzte ein Glas um das andere hinunter. „Ich bin zur Zeit mit den Nerven fertig, Wittgenstein!“ rief er lachend aus. „Sehen Sie, wie meine Hände fliegen. Ich muß ein paar Tage auf die See. Auch die Mannschaft soll trinken, Wittgenstein. Es ist schlechtes Wetter, und ich habe sie um ihre Nachtruhe gebracht. Geben Sie jedem eine Flasche von diesem Bordeaux und ein paar tüchtige Schnäpse!“
Der Morgen graute, als der Schleppdampfer das Tau loswarf und die Jacht klatschend gegen die See ankämpfte. Wittgenstein hatte wegreffen lassen, was möglich war, es war schweres Wetter.
„Welchen Kurs befehlen Sie, Herr Schellenberg?“
„Nehmen Sie Kurs auf Kopenhagen. Wie wunderbar ist es hier auf der See!“
Stampfend und klatschend flog die Jacht dahin. Als die dänische Küste in Sicht kam, befahl Wenzel den Kurs auf Bornholm.
„Kreuzen Sie, fahren Sie, wohin Sie wollen,“ sagte er. „Ich will nur nicht in die Nähe von Menschen kommen.“ Am Nachmittag schlief er ein, und am Abend begann er wieder mit Wittgenstein zu zechen. Um Mitternacht war das ganze Schiff betrunken. So flogen sie dahin.
Wenzel war laut und ausgelassen. „Was würden Sie sagen, Wittgenstein,“ schrie er dem Kapitän zu, „wenn ich einen Menschen totschlüge?“ Eine See brach zischend über das Deck.
„Ich würde es sehr bedauern. Sie werden es gewiß nicht tun.“
„Vielleicht doch, Wittgenstein! Vielleicht hören Sie es eines Tages.“
Etwas später wandte er sich lachend an den Kapitän. „Hören Sie, Wittgenstein, ich habe einen prachtvollen Gedanken. Wie wäre es, wenn wir zwei eine Schmugglerfirma aufmachen würden? Wir könnten Alkohol nach Norwegen und Finnland schmuggeln, ein wunderbarer Beruf für zwei alte Kriegsleute, wie wir es sind!“ Und Wenzel brach in ein lautes Gelächter aus.
Was ist mit ihm vorgefallen? fragte sich Wittgenstein. Er war bemüht, so wenig wie möglich zu trinken, so sehr ihn auch Wenzel nötigte. Kühl und nüchtern blieb er während der ganzen Fahrt.
Drei Tage und drei Nächte jagte die Jacht unter grauen Regenböen in der schweren See dahin. Dann endlich war es auch für Wenzel genug. Sie steuerten nach Warnemünde zurück, und Wenzel begab sich ins Hotel, um sich augenblicklich zu Bett zu legen.
27
Wenzels Körper glühte. Er stöhnte im Schlaf.
Er träumte, daß er auf der Flucht sei. Irgend etwas war geschehen, etwas Schreckliches, und er war entflohen. In einem Schnellzug jagte er dahin. Die Scheiben klirrten, schwankend ging er durch den Zug in den Speisewagen. Plötzlich bemerkte er, daß seine linke Manschette blutig war. Er erhob sich rasch, warf erschrocken Blicke um sich, und kehrte durch den schwankenden Zug in sein Abteil zurück. Da sah er zu seinem Schrecken, daß seine Weste mit Blut befleckt war. O ja, das war es, er hatte gemordet! Wen? warum? Er wußte es nicht. Und plötzlich wußte er ganz deutlich, daß er auf der Flucht war und daß er den Führer des Zuges bestochen hatte, möglichst dahinzurasen. Phantastisch war die Stadt, in der er ankam, voll vom Gebrüll von Dampfern, ein Wald qualmender Schlote, die Sirenen heulten und schrillten. Und hier lag ein Dampfer, der eben zur Abfahrt fertigmachte. Er hieß „Creol“. Er tutete dumpf, die Luft erbebte. Eben waren sie im Begriff, die Schiffstreppe einzuziehen, schon wurden die Taue gelöst. Gerade im letzten Moment gelang es Wenzel noch, an Bord zu kommen.
Ja, nun war er gerettet, er atmete auf. Der Dampfer fuhr brüllend und tutend dahin, und der Wald rauchender Schornsteine versank. Sicherheit, Ruhe, kein Mensch konnte ihn mehr einholen.
Beim Diner bemerkte Wenzel plötzlich, daß auf seinem Frackhemd ein kleiner Blutfleck zu sehen war, der sich immer mehr vergrößerte. Schon blickten ihn viele Augen argwöhnisch an. Er erhob sich erbleichend, schlüpfte rasch in ein neues Hemd. Aber als er zurückkam, siehe, da waren plötzlich auf dem weißgestärkten Frackhemd Spuren von blutigen Fingerspitzen zu sehen. Nun aber schien ihn niemand mehr zu beachten.
Der Dampfer jagte dahin, mit rasender Schnelligkeit zog er durch das Meer. Ein Strom, breit und kochend wie der Rhein, war das Kielwasser. Niemand schenkte Wenzel besondere Aufmerksamkeit, auch der Steward, der seine Kabine aufräumte, schien gar nicht zu beachten, daß seine Taschentücher blutig waren und selbst die Bettwäsche Blutspuren zeigte.
„Wo sind die Passagiere?“ fragte Wenzel in bester Laune den Kapitän, als er den Speisesaal betrat. Auch der Kapitän hatte sein alltägliches Gesicht aufgesetzt. Anfangs schien es Wenzel, als verfolge er ihn mit prüfenden Blicken.
„Sie sind seekrank.“
Und weiter jagte der Dampfer, der den Namen „Creol“ trug. Ein sonderbarer Name.
Aber die Passagiere kamen nicht wieder. Mehr und mehr schien der Dampfer auszusterben. Es war nur noch ein einsamer Steward an Deck, und auf der Brücke ging ein einsamer Offizier hin und her.
„Was ist eigentlich los?“ schrie Wenzel zu dem einsamen Offizier auf der Brücke empor.
Aber der Offizier schüttelte nur den Kopf und antwortete nicht. Und der Dampfer raste dahin, die Maschine bebte. Schwarze Rauchwolken wirbelten aus den drei Schornsteinen.
Wenzel klingelte nach dem Steward, niemand kam. Er öffnete die Tür der Kabine und rief in den Korridor hinaus, niemand antwortete. Er ging an Deck, niemand war zu sehen. Er schritt durch das ganze Schiff, kein Mensch. Und dabei zitterte der Dampfer von oben bis unten, so furchtbar raste er dahin. Auch auf der Brücke war niemand mehr zu finden. Wenzel stieg in den Heizraum hinab. Niemand. Da ergriff ihn eine unbeschreibliche Angst. Er eilte durch alle Korridore, durch alle Etagen des dahin rasenden Schiffes, auf alle Verdecke eilte er, nach Menschen suchend, und plötzlich erkannte er, daß er allein war auf dem Schiffe. Nun aber, gerade in diesem entsetzlichen Augenblick, begann die Sirene des Dampfers, von einer unsichtbaren Hand bedient, dumpf und furchtbar zu tuten.
Da streckte er die Hände empor zum Himmel und schrie voller Entsetzen: „Ich habe gemordet! Ja, ich bin es!“
In diesem Augenblick erwachte er, in kalten Schweiß gebadet. „Ich habe geträumt,“ sagte er, „etwas ganz Entsetzliches.“ Er betrachtete seine Hände. Was war es doch mit meinen Händen?
Er klingelte, und ein Kellner trat ein und fragte nach seinen Wünschen. Wenzel starrte ihn lange an. Er begriff nicht, er wußte nicht, wo er war. War er nicht eben auf einem Schiff gewesen? Da sah er endlich, daß ein Kellner vor ihm stand.
„Bringen Sie mir starken schwarzen Kaffee,“ sagte er.
Draußen tutete ein Dampfer, und plötzlich erinnerte sich Wenzel, daß er sich in Warnemünde befand.
28
Auf den Rat der Ärzte war Michael auf einige Wochen nach Sperlingshof gegangen, um sich völlig zu erholen. Dann nahm er seine Arbeit in Berlin wieder auf. Sonderbar, in all den Jahren hatte er nie Gelegenheit gehabt, sich so lange auszuruhen, und doch schien es ihm, als ob ihm die Arbeit nicht so leicht wie sonst von der Hand ginge. Die Zeiten waren indessen nicht danach, daß man sich hinlegen konnte, wenn man müde war, oder schlafen, wenn man schläfrig wurde. Es mußte gehen, und es ging auch einige Zeit. Eines Tages aber erlitt er mitten in einer Sitzung einen Schwächeanfall. Er war gezwungen, die Sitzung zu unterbrechen. Ganz plötzlich hatte ihn starkes Fieber überfallen. Eva rief augenblicklich die Ärzte.
Die Ärzte kamen und machten besorgte Gesichter. Der längst verheilte Wundkanal schien sich aus irgendeinem Grunde wieder entzündet zu haben. Ein leiser Schmerz stellte sich in der Schulter ein, und am nächsten Tage war der linke Arm von der Schulter an leicht gelähmt. Diese Erscheinung ging indessen rasch vorüber. Das hohe Fieber aber blieb bestehen.
Michael war ein höchst ungeduldiger Patient. „Ich kann doch nicht wegen des bißchen Fiebers wochenlang im Bett liegen!“ rief er aus.
Aber Eva beschwor ihn, den Ärzten gehorsam zu sein. Sie wich Tag und Nacht nicht von seinem Lager. Wann schlief sie? Michael wußte es nicht, denn immer war sie gegenwärtig. Wenn sich am Abend das Fieber steigerte, legte sie ihm ihre kühlen Hände auf die Stirn. Das beruhigte ihn.
Da lag er, und das Blut sang in seinen Ohren. Auf seiner Haut knisterten Funken, und zuweilen brauste es in seinem Hirn.
Sein Werk! Wie albern, hier untätig liegen zu müssen in einer Zeit, da jede Arbeitsstunde kostbar war! Sein Blut kochte, und ungeduldige, gebieterische, rasche Gedanken jagten durch seinen Kopf.
Oh, erst jetzt war er imstande, die ungeheure Aufgabe zu übersehen!
Billiger, besser, rationeller, schöpferischer. Jede Einzelheit mußte überprüft werden. Die hygienischen Gesichtspunkte waren noch mehr zu beachten. Er brauchte Erholungsheime, er brauchte Bäder, an den Häusern ließ sich noch viel sparen, die Geräte mußten verbessert werden, vereinfacht. Ein Spaten zum Beispiel, wieviele Spatenstiele verfaulten jedes Jahr, wieviele Hämmer wurden im Jahre nutzlos weggeworfen, weil die Stiele abbrachen. Gerade das Kleinste und Unscheinbarste war bei einer solch ungeheuren Organisation das Wichtigste.
„Versuche zu schlafen,“ bat Eva und legte ihm eine kalte Kompresse auf die Stirn.
Michael schüttelte den Kopf und starrte sie mit fiebernden Augen an. „Ich kann nicht schlafen, mein Liebling,“ sagte er.
Ja, wie sollte er schlafen können, wenn die Gedanken ihn überrannten? Man mußte die Verpflegung verbessern und die Bekleidung. Man mußte besondere Arbeitsschuhe und Arbeitskleidung schaffen. Ging es da oben in Ostfriesland vorwärts, wo sie den Schlick des Meeres als Dünger für das Ödland benutzten? Man mußte besondere Waggons konstruieren zum Transport des Schlicks. Er verwandelte den Sand in Weideland. Und wie ging es in der Lüneburger Heide? Wer leitete dort die Arbeiten? Er hatte den Namen vergessen.
Ärgerlich, dieses Fieber! Diese Arbeit in der Lüneburger Heide würde zehn Jahre dauern. Weshalb hatte ihm die Regierung verweigert, die Strafgefängnisse aus Berlin nach der Heide zu verlegen, wo er Arbeitskräfte brauchen konnte ohne Zahl? Weshalb zögerten sie noch immer, die Vorlage einzubringen, daß alle Freiheitsstrafen in Arbeitsleistungen umzuändern seien? Nichts ging vorwärts. Er hatte seit vierzehn Tagen keinen Bericht erhalten über die Fortschritte des Kanals Hannover-Elbe. Die Ärzte erlaubten nicht, daß man ihn über das Notwendigste unterrichtete. Und die Industriesiedlungen am Mittellandkanal, gingen sie vorwärts? Und die Bauernsiedlungen in Ostpreußen und auf den bayrischen Hochmooren? In vierzehn Tagen sollte der Kongreß der Wasserbautechniker stattfinden. Würde er bis dahin genesen sein? Und der Weser-Main-Kanal? Die Gärtnereigürtel an den Peripherien der Städte, die Gärten und Gärtnereien für die Schulen, welch ein wichtiges Thema! Welch ein wichtiges Kapitel die Sommerschulen im Freien! Die Probleme waren ohne Zahl.
„Versuche doch zu schlafen,“ bat Eva.
„Daß die Ärzte nicht imstande sind, solch ein bißchen Fieber zu heilen,“ antwortete Michael und schüttelte den Kopf.
29
„Bald!“ sagte Wenzel und nickte bedeutsam. Er blickte Esther nach, die in einer phantastischen Abendrobe, halbnackt, über den Korridor schritt und sich von der Zofe in den Abendmantel hüllen ließ.
Bald! Bald! Wenzel war sehr schweigsam geworden, seitdem er wieder in Berlin war. In seinem Bürogebäude zitterte man, wenn man ihn von weitem sah. Wenzel war laut, heftig, häufig sogar zornig gewesen. Man hatte sich daran gewöhnt. Es war nicht so gefährlich, wie es sich anhörte. Aber der schweigende Wenzel war ein Schrecken. Die Abteilungsvorsteher näherten sich auf Zehenspitzen seinem Schreibtisch. Da saß er, die Stirn umwölkt, die Lippen zusammengekniffen, und bemühte sich, äußerst höflich und äußerst korrekt zu sein. Man hätte es lieber gehört, wenn er laut und ärgerlich wie früher gewesen wäre. Häufig streifte ein forschender Blick Mackentins Wenzels kaltes und verschlossenes Antlitz. Was brütete er? Mackentin kannte Wenzel so lange und so genau, daß er wußte, daß etwas ganz Ungewöhnliches in Wenzel vorging.
Wie damals, als er anfing, verbrachte er die Abende wieder in den Weinstuben in der Nähe des Gendarmenmarktes. Er saß immer allein. Er vertrug keine Gesellschaft. Er spielte auch nicht mehr Schach.
Mackentin arbeitete oft die halbe Nacht hindurch. Wie häufig kam es vor, daß Wenzel um zwei, um drei Uhr nachts sein Büro betrat, um stundenlang auf- und abzugehen. Worüber grübelte er?
Mackentin hatte Wenzel in seinem Hause beobachtet. Wie sonderbar, Wenzel schien gut gelaunt wie früher. Er plauderte und scherzte, als sei nichts geschehen, als brüte er nicht über irgendeiner geheimnisvollen Sache. Aber Mackentin kannte Wenzels Stimme zu genau. Er hörte die Verstellung heraus, aus dem etwas zu hellen Klang, und häufig beobachtete er Wenzels Augen, wenn er Esther nachsah. Es war ein Glanz in diesen grauen Augen! Sie waren ja niemals gütig gewesen, aber in diesen Sekunden war ein Glanz in diesen Augen, der nichts Gutes versprach.
Zu Hause spielte Wenzel mit Mackentin häufig Schach, Billard und Karten. Sie rauchten, das Weinglas zur Seite, als habe sich nicht das mindeste ereignet. Aber wie spielte Wenzel jetzt Schach? Er, der etwas wie ein kleiner Meister gewesen war, ein verschlagener, zäher Gegner, er spielte wie ein Anfänger. Mackentin wußte genau, daß alles nur Verstellung war. Dieses schlechte Schachspiel verriet ihn mehr als alles andere.
Fast an allen Abenden, die Wenzel zu Hause zubrachte, lud er Mackentin zu sich ein. Es schien Mackentin, als ob er ihn brauche, vielleicht um die Ruhe zu bewahren, vielleicht um seine Rolle durchzuspielen.
Worüber grübelte er?
Gestern abend hatten ihn zwei Angestellte des Konzerns in einem kleinen Café am Alexanderplatz zufällig gesehen. Was tat er dort? Er, Wenzel, der sonst Tag und Nacht in seinem Auto herumjagte, benutzte fast nie mehr seine Privatwagen. Der Chauffeur besprach sich mit Mackentin. Er fand Herrn Schellenberg auffallend verändert. Mackentin zuckte die Achseln und lächelte.
„Er ist überarbeitet,“ sagte er. „Das ist alles. Er hat mehr Sorgen als wir.“
Häufig ging Wenzel viele Stunden spazieren. Dann geschah es, daß er oft laut vor sich hinsprach.
„Es muß geschehen,“ sagte er. „Es gibt nur diese eine Lösung.“
Ja, damals auf der Jacht, als er auf der Ostsee herumjagte, war ihm diese Lösung eingefallen. Es gab keine andere. Er hatte es dem alten Raucheisen nie vergessen können, daß er ihn tadelte, weil er zehn Minuten zu spät kam. Was sollte er nun tun, da man seinen Namen in den Schmutz trat?
„Es wird wohl so sein müssen!“ sagte Wenzel laut zu sich, während er unter dunklen Bäumen dahinging. „Es gibt nur diese eine Lösung! Das Schicksal hat gesprochen. So wahr ich lebe, mein Leben hätte keinen Zweck mehr. Es wäre verächtlicher als das eines Jagdhundes. Man wird mich verstehen, und alle werden begreifen, daß es eine andere Lösung nicht gab.“
Und so oft er Esther nachblickte und der harte Glanz in seine Augen trat, dachte er und sagte er: „Bald! Bald!“
Und Esther? Sie tänzelte dahin, sie lachte, sprühte von witzigen Bemerkungen, bewegte sich in ihrem Hofstaat, in Konzerten, Theatern, Gesellschaften. Ihre Beschäftigung bestand darin, das Programm für jeden Tag zu entwerfen und es zu absolvieren. Sie ahnte nichts, sie wußte nicht, daß er, Wenzel, ihren Tod beschlossen hatte ...
30
Nein, es gab keine andere Lösung. Wenzel wußte es. Er wiederholte es sich tausendmal am Tage und tausendmal in der Nacht. Er oder sie, etwas anderes gab es nicht. Kein Mensch kann ohne Selbstachtung leben, ein Wenzel Schellenberg auf keinen Fall. Zu infam hatte sie gehandelt, es gab Grenzen, die man nur mit dem Einsatz seines Lebens überschreiten durfte. Was weiter geschah, darum kümmerte er sich nicht.
Er untersuchte seinen Vorsatz gründlich, von allen Seiten betrachtete er ihn. Wenn man ihm einen Ausweg angeben würde, so wollte er ja gern diesen Ausweg wählen. Aber es gab keinen Ausweg. Niemand konnte ihm einen Ausweg sagen. Er konnte ja zum Beispiel nach Südamerika gehen, in die Wälder des Amazonenstromes, wo ihn niemand fand, niemand kannte, aber das war keine Lösung. Das schamlose Lächeln dieser Frau würde ihm folgen, ihr hochmütiges Gesicht und ihre freche Stirne. Er würde auch nicht eine Sekunde vergessen können, daß diese Frau seine Würde und Selbstachtung, alles, was er war, in den Schmutz getreten hatte. Es gab keinen Ausweg, es gab nur diese eine Lösung.
Er hatte nur noch diesen einen Gedanken im Kopf, Tag und Nacht. Er war wie ein Mensch, der unter einer Felsplatte begraben liegt und nicht mehr atmen kann. Erst von diesem Augenblick an würde er wieder atmen können – und was dann kam, kümmerte ihn nicht. Sieh doch zu, alles andere ist völlig einerlei, sagte er sich. Er war wie ein Mensch, dem man andauernd, Tag und Nacht, ins Gesicht spie, und diese ewige, ekelhafte Besudelung würde erst von diesem Moment an aufhören.
Nein, es gab keine andere Lösung!
Soweit war er. Und nun überlegte er, in aller Ruhe, wie er seinen Vorsatz in die Tat umsetzen sollte. Er würde nicht leugnen, gewiß nicht, aber er war kein gewöhnlicher Totschläger. Er konnte Esther auf die Jacht locken und ins Meer stürzen, er konnte sie bei dem Sommerfest in Hellbronnen vor allen Gästen töten. Er konnte sie erwürgen, in ihrem Schlafzimmer, um ihren letzten Blick, den Blick des letzten Erschreckens zu sehen.
Noch war er unschlüssig. Er brütete. Da kam ganz unerwartet aus England Besuch. Drei Herren, ein älterer und zwei jüngere, und zwei Damen. Vielleicht waren die beiden jungen Männer frühere Liebhaber Esthers? Wer weiß es? Esther plante zu Ehren ihrer englischen Gäste ein großes Fest.
Und plötzlich stand Wenzels Entschluß fest: Dieses Fest sollte sie noch erleben. Noch einmal sollte sich ihre Eitelkeit in der Bewunderung ihrer Gäste spiegeln, noch einmal sollte sie sich den Blicken der Männer preisgeben dürfen. Noch einmal sollte sie alles genießen, was ihr das Leben bedeutete. Nach dem Fest aber würde er sie erschlagen, erschlagen, höchst einfach, genau so, wie man einen Hund erschlägt.
„So wahr ich Wenzel Schellenberg bin!“
Nun, da der Entschluß feststand, fühlte sich Wenzel erleichtert. Die Fahlheit seines Gesichts wich, seine Wangen färbten sich wieder, seine Stimme schien wieder ihren alten Klang zu bekommen.
Vielleicht hat er die Krisis überstanden, dachte Mackentin, den das freie Lachen Wenzels überraschte. Selbst er ließ sich täuschen.
31
Das Fest kam heran.
Die Autos rollten über den Kiesweg der Auffahrt. Schultern, Arme, Roben, Lackschuhe und Fräcke quollen aus den Autos. Es kamen Minister und Diplomaten, Botschafter und Gesandte, die Finanz, der alte Adel, die neuen Vermögen, Industrielle mit starken Backenknochen, es kam die Presse. Die Photographen waren schon durch einen Seiteneingang in das Haus geschlichen und lauerten. Es kamen Leuchten der Wissenschaft und berühmte Namen der Kunst. Es kamen auch einige Sterne vom Theater und vom Film.
Auch Katschinsky befand sich unter den Gästen. Wenzel hatte ihn recht gut gesehen. Oh, ob er ihn gesehen hatte! Vollendet spielte Wenzel die Rolle des Gastgebers. Für jeden Gast hatte er ein höfliches Wort. Aber er übersah Katschinsky. Niemand fiel es auf, Katschinsky selbst nicht. Es waren gegen zweihundert Personen geladen. Das ganze Haus strahlte vor Licht. Wie ein gleißender Würfel lag es im Grunewald. Durch die Säle fluteten die Gäste. Glanz, Licht, Brandung der Stimmen, mitten darin Esther wie eine Fürstin, die empfängt.
Esther hatte die Haare für das heutige Fest brennendrot gefärbt, um ihre Freunde und Freundinnen zu überraschen. Sie trug ein silbergraues, ganz dünnes Kleid, das jede Linie ihres Körpers, die Form ihrer kleinen Brüste mit den mädchenhaften Knospen, den Schwung ihrer Schenkel allen Blicken preisgab.
Sie ahnt nichts, dachte Wenzel triumphierend. Würde sie es ahnen, so würde sie mir vor allen Leuten zu Füßen fallen, um nur ja diese Welt voller Musik und Glanz, voll Heiterkeit und törichter Worte, voll ewig wechselnder Kleider und blitzender Steine nicht verlassen zu müssen.
Sie hatte den alten herzoglichen Schmuck angelegt.
Wenzel trank an diesem Abend nur zwei Gläser Sekt und eine Tasse Kaffee. Er betrachtete seine Hände. Sie waren ruhig, sie bebten nicht. Ja, vollendet spielte er seine Rolle als Wirt. Er sprach mit den Gesandten über Politik, mit den Industriellen über die Industrie und mit einem Filmstar, der ihm große blaue Augen machte, über die Schwierigkeiten ihres Berufes. Und da, in irgendeinem Winkel, entdeckte er den Bildhauer Stobwasser. Er schob die Hand unter seinen Arm und ging mit ihm in ein stilles Zimmer und unterhielt sich mit ihm über seine Tiere, ob er noch den Papagei habe, der singen konnte: Wer will unter die Soldaten, der muß haben ein Gewehr? Wenzel lachte laut heraus, so daß Stobwasser, der einen viel zu weiten Frack und viel zu große Schuhe trug, in Verlegenheit geriet, so laut und merkwürdig lachte Wenzel. Dann unterhielt Wenzel sich mit ihm über einen Brunnen, den er für seinen Garten gern besäße. Er habe da einen Gedanken, und Stobwasser möge sich diesen Gedanken durch den Kopf gehen lassen. Und Wenzel entwickelte ganz konfuse Pläne.
Schon war Wenzel gegangen. Er verbeugte sich vor einer älteren, über und über bemalten Dame, die eine flachsfarbene Perücke trug. Stobwasser sah Wenzel mit noch immer verdutztem Gesicht nach. Er ist irrsinnig, dachte er.
Das Geklirr der Bestecke, das Klingen der Gläser, die Reihen der Diener. Der Haushofmeister, der frühere Regimentskommandeur, schwitzte Blut. Es war natürlich viel leichter, ein Regiment zu kommandieren.
„Weshalb sind Sie so aufgeregt?“ fragte ihn Wenzel und legte ihm beruhigend die Hand auf die Schulter.
„Ich bin in der Tat heute außerordentlich nervös,“ stammelte der Haushofmeister. „Ich bitte um Ihre Nachsicht!“
Das Diner war beendet. Wieder brausten die Stimmen auf. Welch ein ungeheurer Lärm! Die Stimmen der Damen schwangen, mitten darin Esthers Lachen. Musik brauste. Irgend jemand sang, wunderbar tönte ein Cello. Wiederum entdeckte Wenzel Stobwasser und wollte mit ihm sprechen, aber der Bildhauer war plötzlich verschwunden. Er wich Wenzel aus, er fürchtete sich vor ihm. Er, dessen Beruf es war, das menschliche Antlitz zu ergründen, war der festen Überzeugung, daß Wenzel Schellenberg irrsinnig geworden war. Man wird es morgen in den Zeitungen lesen, sagte er sich und verließ das Haus, ihm graute.
Die Musik spielte zum Tanz. All die Lackschuhe und Fräcke, Vorhemden, Roben, dünnen Seidenstrümpfe, nackten Schultern und Arme flossen durcheinander. Wenzel sah Esther zu, wie sie tanzte. Sie tanzte fast ausschließlich mit den jungen Engländern, die kürzlich gekommen waren.
Sie ahnt es nicht, dachte er. Würde sie es ahnen, so würde sie mir zu Füßen fallen, nur um diese Welt nicht verlassen zu müssen, wo man tanzt.
Der Haushofmeister hatte schon den dritten Kragen gewechselt. Die Musik verstummte. Die Photographen verschwanden mit ihren Kästen. Die Diener hielten die Mäntel bereit. Die Autos fuhren knirschend über den Kiesweg ab. Der Haushofmeister trank ganz im geheimen in einem Winkel rasch zwei Gläser Sekt, er atmete auf. Die letzten Autos fuhren ab. Die Gäste, die im Hause wohnten, stiegen lachend und scherzend die Treppe empor. Die Lichter erloschen. Ganz plötzlich lag der große Saal dunkel, und der graue Tag blickte durch die hohen Fenster. Wenzel blickte Esther nach, wie sie in ihren Räumen verschwand. Sie waren von seinem Schlafzimmer nur durch den Korridor getrennt.
32
Nun lag das ganze Haus in Finsternis. Wenzel saß in seinem dunklen Zimmer und lauschte, er wagte kaum zu atmen. Oben, in den Gastzimmern, lachte noch eine weibliche Stimme. Georgette, die Französin, die ihrem Mann durchgebrannt war, dann wurde es ganz still.
Plötzlich aber knackte ein Schritt, eine Türe ging. Wer schleicht durch das Haus? Wenzel ging leise zur Treppe und horchte. Er hatte sich umgezogen. Er trug einen Straßenanzug. Nun klinkte er leise die Tür zu Esthers Gemächern auf und verschwand. Das Haus war ganz still, nichts regte sich. Er stand eine Weile und atmete. Sein Atem ging ruhig und gleichmäßig. Hier kannte er jeden Quadratfuß, jedes Möbelstück, jeden Gegenstand, alles, denn wie oft war er nachts hier in der Dunkelheit eingetreten? Aus dem Vorzimmer kam er in den kleinen Salon. Auf dem Fußboden stand ein blühender Busch. Aber es war kein Busch, es waren riesige Dahlien in einer hohen, bauchigen japanischen Vase. Daneben stand eine zierliche, kleine Toilettenkommode, die all die Lippenstifte, Bürsten, Farben, Schminken enthielt. Auf dieser kleinen Kommode stand ein schwerer Bronzeleuchter, eine italienische Arbeit, Menschenleiber, männliche und weibliche, die sich ineinander verschlangen. Diesen Leuchter nahm Wenzel in die Hand, er prüfte sein Gewicht. Dann stellte er ihn wieder vorsichtig auf die Kommode zurück. Es würde wohl besser mit den Händen geschehen. Plötzlich erschrak er. Aus dem kleinen Seitenspiegel starrte ihm eine schneeweiße Maske entgegen. Es war sein Gesicht. Ich bin etwas bleich, dachte er und klinkte vorsichtig die Tür zu Esthers Schlafzimmer auf. Er öffnete sie weit. Die Tür machte nicht den geringsten Laut. Wunderbar war alles in diesem Hause gearbeitet. In Esthers Schlafzimmer brannte Licht. Er war nicht überrascht, er wußte, daß sie eine kleine Ampel zu brennen pflegte.
Nun war es also so weit ...
Da lag sie ausgestreckt auf einem Bett, das wie eine Muschel geformt war, wie eine breite Muschel, in der gut vier Menschen schlafen konnten. Das Bett war silbern bemalt.
Da lag sie, das rote Haar hingeweht wie das Feuer einer Fackel, ihr einer Arm lag auf der Decke, der Mund stand halb offen. Er ging näher, Schritt für Schritt. Das war sie also, und Wenzel ging näher, er achtete gar nicht darauf, ob seine Schuhe knarrten oder nicht. So stand er und betrachtete sie. Plötzlich begann Esther sich zu regen. Die Augen schienen zu blinzeln, ihr Mund öffnete sich.
Wenzel beugte sich über sie, er hielt den Atem an, schon hob er die Hände vor: da begann Esther plötzlich im Schlaf zu lachen. Es war ein kleines, klingendes und helles Lachen, das Wenzel bis ins tiefste Herz erschreckte. Seine Hände sanken herab, und er stand lange still. Wieder lachte Esther. Es war das Lachen eines heitern, unschuldigen Kindes.
Nun begann Wenzel zu schleichen. Er schlich vorsichtig rückwärts und verließ das Zimmer.
Am andern Morgen war Esther erstaunt, daß alle ihre Türen offen standen. Lachend erzählte sie beim Frühstückstisch ihren Gästen, daß sie wirklich einen kleinen Schwips gehabt haben müsse.
Wenzel aber erwachte zu seinem großen Erstaunen in dem einfachen Schlafzimmer, das er noch immer in seinem Bürogebäude beibehielt und wo er zuweilen, wenn er müde war, schlief. Er erwachte, und sofort schloß er wieder die Augen. Er wagte nicht zu denken.
Was war geschehen?
33
Mit geschlossenen Augen lag Wenzel viele Stunden. Irgend etwas war geschehen. Er wußte es nicht, sein Kopf war leer. Irgend etwas Furchtbares mußte sich ereignet haben. Hatte er sie getötet? Er wußte es nicht. Wie kam er hierher? Er klingelte und bestellte das Frühstück. Sein Blick lauerte. Er beobachtete jede Miene des Dieners. Aber die Miene des Dieners war wie an andern Tagen. Also schien dieser Mann noch nichts zu wissen. Es war schon spät am Tage. Mit leerem Kopf saß Wenzel. Dann erhob er sich und kleidete sich langsam an. Er war kaum mit der Toilette fertig, als Mackentin sich melden ließ. Auch Mackentins Gesicht war ganz wie sonst. Es war also nichts vorgefallen, und doch, er erinnerte sich, einen schweren Gegenstand, irgend etwas aus Bronze, in der Hand gehalten zu haben.