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Die Brüder Schellenberg

Drittes Buch (continued 3)

Reading edition

„Sie haben mir gestern befohlen, Sie zum Rennen abzuholen, Schellenberg,“ sagte Mackentin gut gelaunt und aufgeräumt.

Wenzel sagte: „Ich bin sehr müde. Es ist heute nacht sehr spät geworden. Wieviel Uhr ist es, und was ist das für ein Rennen?“

Mackentin lachte laut auf und zündete sich eine Zigarre an, deren Spitze er, wie gewöhnlich, mit den Zähnen abbiß. „Sie scheinen noch zu schlafen, Schellenberg!“ rief er aus. „Es ist drei Uhr. Kommen Sie, der Preis von Brandenburg wird heute gelaufen.“

Oh, nun erinnerte sich Wenzel. Er hatte das schnellste Pferd seines Stalles, die Stute „Spaßvogel“ gemeldet.

„Schön, gehen wir,“ sagte er, indem er aufstand und mühsam ein Gähnen unterdrückte. Er hatte alles vergessen. Ein Teil dieser Nacht war in seinem Gedächtnis wie ausgelöscht. Er erinnerte sich noch, daß er mit dem Haushofmeister gesprochen hatte, dann war einer Dame die Perlenkette gerissen – sonst wußte er nichts mehr.

Während der ganzen Fahrt redete Mackentin. Er erzählte von dem herrlichen Fest heute Nacht. Selten war ein Fest so gut gelungen. Die Gäste waren des Lobes voll. Und Mackentin erzählte eine schnurrige Geschichte: Der Haushofmeister, der frühere Regimentskommandeur, ein Graukopf, etwas bekneipt wohl, hatte Madame Georgette Leblanc einen Antrag gemacht, der alte Knabe. Allerdings schien Frau Esther Schellenberg ihn aufgehetzt zu haben – aber Wenzel schien zu schlafen, er hörte gar nicht zu.

Die Rennbahn, die Tribünen, Farben, Geschrei, Lärm. Er hörte und sah nichts. Kühl und teilnahmslos sah sein Gesicht aus. Aber sein Blick suchte etwas.

In diesem Moment bemächtigte sich der Tribünen eine ungeheure Erregung. Die gelbe Schellenbergsche Jacke flog dem Feld voran. „Spaßvogel“ lag sicher in Front, als das Rudel in den Auslauf einbog. Plötzlich aber verlangsamte sie ihr Tempo. Die gelbe Jacke blieb plötzlich stehen. Dieser Vorfall hatte die Tribünen in rasende Erregung versetzt. Die sichere Favoritin war geschlagen.

„Aber sehen Sie doch, Schellenberg!“ rief Mackentin, „Spaßvogel wurde angehalten!“

Wenzel erwiderte nichts. Er schüttelte nur den Kopf. Sein Blick suchte, und plötzlich hatte er gesehen, was er suchte. Er wußte nicht, was er tat und was er wollte. Dort stand Esther. Sie stand in einem Rudel von Freunden, mitten in ihrem Hofstaat, die englischen Gäste waren da, die englischen Damen, eine große Anzahl der Gäste des gestrigen Festes. Georgette Leblanc, frech und ausgelassen, die ihrem Mann durchgebrannt war, Violet Taylor, mit der Madonnenfrisur und dem lüsternen Mund. Wenige Schritte von Esther entfernt aber stand der Schauspieler Katschinsky. Neben ihm sein kleines Windspiel. Wenzel sah ihn eigentlich nicht. Erst als er auf Esther zuging und Esther plötzlich im Lachen innehielt und ihn mit einem großen Blick ansah, äußerstes Entsetzen in den Augen, erst in diesem Augenblick sah er Katschinsky, der leichtfertig und in blendender Laune lächelte. Sofort änderte Wenzel die Richtung und ging auf Katschinsky zu. Er hatte es nicht beabsichtigt, plötzlich stand er vor ihm. Immer noch lächelte der Schauspieler.

In diesem Augenblick aber gewahrte ihn Katschinsky und erbleichte. Seine Nasenspitze wurde schneeweiß, ein kleines Eiterbläschen.

Ganz ruhig blickte Wenzel ihn an und sagte mit einer ruhigen, klaren Stimme, alle hörten es, ganz ruhig sagte er: „Wenn man mit einer Dame eine Liebschaft hat, junger Herr, so erzählt man es nicht allen Leuten.“ Dann hob er die Faust, und augenblicklich stürzte Katschinsky zu Boden. Er hatte ihn mitten ins Gesicht geschlagen. Dann ging Wenzel, ohne jemanden anzublicken, ruhig seines Wegs.

Was war geschehen? Er hatte es nicht beabsichtigt. Was ging mit ihm vor?

Niemand folgte ihm. Ganz allein verließ er die Rennbahn.

34

Plötzlich hielt das Auto, und Wenzel kletterte mit etwas müden, steifen Beinen aus dem Wagen. Er befand sich in Hellbronnen. Wahrscheinlich hatte er dem Chauffeur diesen Namen zugerufen, als er den Rennplatz verließ und ins Auto stieg. Er wußte es nicht mehr. Die Landschaft, durch die sie fuhren, hatte er nicht beachtet.

Es dämmerte schon, als er das Kaminzimmer des Jagdschlößchens betrat.

Irgend jemand zündete Licht an und fragte nach seinen Wünschen. Er wünschte nichts. Schweigsam, mit einem Gesicht, dessen Züge sich nicht veränderten, auch wenn er sprach, saß er auf einem Stuhl. Nach einer Stunde meldete irgend jemand, daß gedeckt sei. Er begab sich in das Speisezimmer, ganz automatisch, und aß etwas kaltes Fleisch. Den Wein berührte er nicht. Dann kehrte er wieder in das Kaminzimmer zurück und saß still auf dem gleichen Stuhl. Er erinnerte sich, daß er hier in diesem kleinen Raum einst mit Jenny Florian gesessen hatte. Damals flammte das Feuer im Kamin, und noch heute war der Glanz ihrer blonden Haare in der Luft und ein Widerhall ihrer schönen weichen Stimme. Der Gedanke an Jenny Florian beunruhigte ihn nicht. So war das Leben: man tötete, oder man wurde getötet. Erst tief in der Nacht, als die Erinnerung an diese Frau mehr und mehr in ihm erwachte, spürte er ein leises Frösteln. Sie ist nicht der einzige Mensch, den du unglücklich gemacht hast, sagte er sich. Ja, in der Tat, wenn er über die letzten Jahre blickte, er hatte manchen Menschen niedergeworfen, daß er sich nicht mehr erhob. Was konnte er dafür? Er war ein Mensch, der schnell und tief atmete. Das war alles. Welche Gewalten hatten ihn unwiderstehlich vorwärtsgetrieben?

Nun aber war das Ende gekommen. Es war vorbei, ein für allemal. Dieser Faustschlag in das Gesicht eines lächerlichen Wichtes hatte ihn in das eigene Gesicht getroffen! Der Skandal, was kümmerte ihn der Skandal? Der gesellschaftliche Boykott, nicht einmal gewiß, kümmerte ihn noch weniger. Er verachtete diese Gesellschaft. Vielleicht würde sich Katschinsky in seiner Schmach töten? Was ging es ihn an? Aber, wie lächerlich, er würde sich keineswegs töten, er würde vielleicht auf einige Zeit Berlin verlassen und dann wieder auftauchen, und nichts war geschehen. Die Gesellschaft, verächtlich wie sie war, würde den Faustschlag längst vergessen haben. Und Esther? Er hatte sie vor aller Welt gezüchtigt und entblößt. Nun, sie würde nach London oder nach Paris reisen, nach Nizza, lachen, plaudern, in eleganten Wagen dahinrollen und neue Kleider anprobieren. Es war nicht der erste Skandal in ihrem Leben, und ihre Freunde würden rasch alles vergessen. Die Scheidung, das war eine Formalität, die ging ihn nichts an. All das lag weit hinter ihm.

Trotz allem, es war zu Ende mit ihm. Wenzel Schellenberg war nicht mehr. Er selbst hatte sich gerichtet. Der alte Wenzel Schellenberg war dahin. Vielleicht glaubten manche Leute, wenn sie ihn sahen, daß er noch existiere? Oh, nein, sie täuschten sich. Er war dahin. Vielleicht hatte ein Leben voller Unrast und Ausschweifungen ihn vernichtet?

Man hatte ihn in den Schmutz getreten – und er mußte sich erheben, furchtbar. Ein Faustschlag, war das alles? Er hatte ein Insekt zertreten. Das kleine kindliche Lachen einer Frau, die träumte, hatte ihm Furcht eingejagt. Nun, dieses kleine kindliche Lachen hatte ihn ausgelöscht. Wenzel Schellenberg war in seiner eigenen Schmach versunken. Was dann geschah, diese lächerliche Szene – tausend verächtliche Menschen hätten ebenso handeln können. Zu seiner Schmach hatte er noch die Lächerlichkeit gefügt.

Nun war es ganz klar, es war entschieden. Diese Frau mit den gemalten Wangen hatte über ihn triumphiert. Sie, der einzige Mensch, hatte ihn besiegt, sagen wir es offen, den er in seinem Leben wahrhaft geliebt hatte. Und vielleicht liebte er sie nur wegen ihrer Lasterhaftigkeit und Schamlosigkeit, wer weiß es? Nun verzog sie wohl spöttisch die Lippen, wenn sie an diesen Tölpel Schellenberg dachte, der in seiner lächerlichen Eifersucht einem Nebenbuhler vor aller Welt ins Gesicht schlug wie ein Fuhrknecht.

Wenzel krümmte sich zusammen. Gut, daß der Morgen kam. Als der Tag graute, ging er durch den Park. Pavillons, Treibhäuser, Brücken, Baumaterial. Eine Welt, mit der er nichts mehr gemein hatte. Er weckte den Chauffeur, der noch schlief, und fuhr wieder ab. Er fuhr nach Warnemünde. Wohin sollte er sonst fahren? Trotzdem er kein geringes Vermögen besaß, war er jetzt ohne jede Heimat. Die Jacht stach in See. Wittgenstein konnte deutlich sehen, daß ein völlig veränderter, ein fremder Mann an Bord war. Wenzel sprach kein Wort. Er kam nicht an Deck. Er saß unten in der Kajüte und brütete vor sich hin, und plötzlich gab er den Befehl zur Rückkehr. Auch hier an Bord waren die folternden und quälenden und beschämenden Gedanken. Es schien, als ob selbst die Matrosen ihm deutlich ansehen mußten, daß er ein verächtlicher, zu Boden getretener, in den Schmutz gezogener Mann war, den man erniedrigen konnte, ohne daß er sich wehrte.

„Leben Sie wohl, Wittgenstein,“ sagte er, als er sich verabschiedete, zu dem Kapitän. „Es hat sich manches geändert, und es wird sich noch vieles ändern. Ich brauche die Jacht nicht mehr. Ich werde sie Ihnen schenken, so wie sie steht. Ich werde Ihnen die notarielle Urkunde zuschicken, sobald ich etwas Sammlung finde. Leben Sie wohl, vielleicht können Sie doch noch den Spiritusschmuggel anfangen.“ Und Wenzel versuchte es mit einem gequälten Lächeln.

Wittgenstein schüttelte den Kopf. Schellenberg war krank geworden.

Und wieder war Wenzel im Automobil unterwegs. Er besuchte ein großes Gut in Mecklenburg, das ihm vor Jahren aus der Konkursmasse eines Schuldners zugefallen war und das er noch nie besichtigt hatte. Hier blieb er drei Tage. Er schlief fast die ganze Zeit und sprach kaum mit dem Verwalter. Aber nachdem er sich gründlich ausgeschlafen hatte, schien es plötzlich, als habe er einen Ausweg gefunden. Eines Morgens erwachte er frisch und voller Entschlußkraft.

„Ich kehre um! Ich kehre um! Ja, ich kehre um! Ich bin in voller Fahrt gegen eine Mauer gelaufen und zerschellt,“ sagte er. „Dieses ganze Leben war unsinnig. Ich werde zu Michael gehen und ihm sagen: Bruder, hier bin ich wieder, ich kehre um.“

Ja, Michael, er war der einzige, zu dem man kommen konnte, woher man auch kommen sollte.

Zum erstenmal sah der Chauffeur, der Wenzel gut kannte und diese letzte Irrfahrt mitgemacht hatte, aus dem verfallenen Gesicht seines Herrn wieder die alten Züge auftauchen. Fast hörte es sich an, als ob die alte Stimme Wenzels wieder gekommen sei, etwas gedämpfter als sonst freilich.

„Wir fahren nach Berlin zurück,“ befahl Wenzel. „Aber auf dem Rückweg werden wir meinen Bruder auf seinem Gut Sperlingshof besuchen. Sie kennen den Weg?“ Wenzel hatte erfahren oder gelesen, daß Michael sich zur Zeit auf Sperlingshof aufhalte.

Aber welche Enttäuschung! Michael war nicht auf Sperlingshof. Man wollte den Verwalter benachrichtigen, der ihm gewiß Auskunft geben könne, wo Michael sich zur Zeit aufhalte. Wenzel wartete geduldig, und während er wartete, ging er auf dem Gut hin und her. Wie eine saftstrotzende Oase lag Sperlingshof in der armseligen Landschaft. Trotz aller Versprechungen, die er Michael gemacht hatte, war er noch nie nach Sperlingshof gekommen. Nun staunte er. Hier herrschte Ordnung, Fleiß, Wille, Sinn. Alles blühte und grünte, die Versuchsbeete, die Treibhäuser. Tausende von Kübeln, in denen Pflanzen zu Versuchszwecken wuchsen, standen in Reih und Glied, alle sauber mit Etiketten versehen.

Der Verwalter, ein alter Mann mit buschigen grauen Haaren und gekrümmten, abgearbeiteten Händen, kam herbei und begrüßte Wenzel mit bestürzter Miene.

„Sie wissen nicht, daß Herr Michael Schellenberg in Berlin ist?“ fragte er. „Er ist krank, sehr krank, Sie wissen es nicht?“

„Krank? Er ist wieder krank?“

„Seit längerer Zeit. Wir haben schlechte Nachrichten.“

Augenblicklich fuhr Wenzel nach Berlin. Gegen Abend kam er in der Stadt an, und im Geschäftshaus der Gesellschaft in der Lindenstraße sagte man ihm den Namen des Sanatoriums, in dem sich Michael befand. Auch hier, in der Lindenstraße, sah er bestürzte Mienen. Er gebot dem Chauffeur höchste Eile.

Das Sanatorium lag ganz still. Eine Pflegerin führte ihn durch einen matterleuchteten Gang und bat ihn, sich in einem Wartezimmer zu gedulden. Einen Augenblick später trat der Arzt ein.

„Wir haben nur noch wenig Hoffnung, Herr Schellenberg,“ sagte der Arzt. „Seien Sie ganz leise.“

Und als Wenzel das Krankenzimmer seines Bruders betrat, übersah er mit einem Blick alles.

35

Viele Tage hatte Michael mit dem Fieber gekämpft. Endlich unterlag auch die sprichwörtlich zähe Schellenbergsche Konstitution. Und nun war Michael schon drei Tage und drei Nächte ohne Bewußtsein. Die Pfleger mußten ihn mit aller Gewalt im Bett zurückhalten, er wollte weg von hier. Er habe keine Zeit zu versäumen.

Hunderttausende von Hungernden sah er, Armeen von Hungernden, die durch die Riesenstädte marschierten, ohne einen Laut zu sprechen, ohne einen andern Vorwurf als den ihrer fahlen Gesichter. In den Höfen sah er Hunderttausende von Kindern, verfallen, gelb und schwindsüchtig. Er sah Hunderttausende von alten Menschen, die auf der Straße niederfielen vor Erschöpfung. Er sah die Massenquartiere, in denen Tausende zusammengepfercht, Leib an Leib, die Nächte verbringen. Und er sah die Hölle des Lasters, in die das Elend diese Unglücklichen stürzte, den Brand am Volkskörper, der das ganze Volk vernichten würde. Dies alles sah er in diesen Fiebernächten, da er mit riesigen Kräften mit den Pflegern rang.

Nun aber war er still geworden. Er lag ohne jede Bewegung. Er atmete leise. Er tat keiner Fliege mehr etwas zuleide. Die Pfleger konnten ruhig schlafen. Er war besiegt, und er sah es ein. Eva hatte sein Haupt höher gebettet, und so lag er nun, bleich und fahl, blutleer das Gesicht, und lächelte. Seine Augen glänzten, und Friede und Glück lagen auf seinen fahlen, lächelnden Lippen. Nun sah er nicht mehr die Stätten des Elends, er sah gleißende Ebenen, die Erde. Und der Regen rieselte durch die Sonne, und die grüne Saat schob sich aus dem Boden. Und er sah die Saat sprießen und wachsen.

Er sah goldene Flächen. Das war der Weizen, das Brot, das im Winde wogte. Er sah glänzende Wasserstraßen, die blühende Länder durchzogen, er sah blühende Siedlungen voll gesunder Menschen. Die Glashallen der Werkstätten, wo die Maschinen schwirrten, voll brauner, starker Männer, die Gärtnereien, erfüllt vom Gewimmel gesunder Kinder. Er sah Städte, die von Arbeit fieberten, er sah Schiffe dahinziehen, beladen mit Gütern. Und da fing alles an zu blinken und zu funkeln, alles war in Licht und Sonne getaucht. Und Michael seufzte, als erfüllte ihn Glückseligkeit.

Plötzlich wandte sich Eva Dux vom Lager ab und legte ihre schmale Hand vor die Augen.

Das war in der neunten Abendstunde. Um ein halb zehn senkte sich die Flagge der Gesellschaft – weiß, mit drei goldenen Ähren – auf dem Verwaltungsgebäude in der Lindenstraße auf Halbmast. Unaufhörlich aber jagten die riesigen Flammenschriften über die Front des Gebäudes und blendeten hinaus in die Nacht:

Tod dem Hunger! Tod der Krankheit! Es lebe die Kameradschaft!

36

Still, ohne ein Wort zu sprechen, ohne sich von jemandem zu verabschieden, schlich sich Wenzel aus dem Sanatorium. Er schickte den Wagen fort und ging langsam durch die Straßen. Ja, nun war es zu Ende. Er fühlte ganz deutlich, daß das Schicksal gegen ihn aufgestanden war, um ihn zu Boden zu werfen. Gott hatte die Stirn gerunzelt ...

Mitten in der Straße krampfte er die Hände vors Gesicht – fast hätte er geschluchzt. Michael – er hatte ihn geliebt, nicht weil er sein Bruder war. Nein, es war etwas in Michael, das ihn seit seiner Jugend anzog. Der Attentäter aber hatte auf Michael geschossen, weil er sich aus dem Schweiß der Arbeitslosen ein Palais erbaut hatte. Nun eilte Wenzel dahin. Dies war der Keulenschlag, mit dem ihn das Schicksal niederschlug.

Fast hatte er geschluchzt, aufgeschrien, aber er schluchzte nicht, er schrie nicht auf. Er wanderte zum Bahnhof und wartete auf einer Bank des Wartesaals geduldig auf den ersten Zug, der nach dem Osten ging. Früh um fünf Uhr ging dieser Zug, es war ein Personenzug, und er stieg ein. Ohne jegliche Ungeduld fuhr Wenzel die Nacht und den folgenden Tag, und endlich erreichte er die Station, wo er aussteigen mußte.

Vor drei Jahren hatte er ein Gut in Ostpreußen gekauft, das niedergebrannt war, ein Gut von fünfzigtausend Morgen, das er für fast nichts erwarb. Es hieß Schwarzlake. Er hatte das Gut nie gesehen. Es war seine Absicht gewesen, sich dahin zu begeben.

Es war dunkel, als er den Personenzug auf der kleinen Station verließ. Bald war er einsam in der Dunkelheit auf der Landstraße und schritt tüchtig aus. Gegen Mitternacht erreichte er das Gut. Ein Hund kläffte. Er rief. Endlich zitterte ein kleines Licht, und aus einem Fenster fuhr der Kopf eines alten Weibes.

„Was wollen Sie?“ rief sie unwirsch und keifend.

„Ich bin Schellenberg,“ erwiderte Wenzel.

Aber die Alte hatte seinen Namen nie gehört. Wie wunderbar war es, in eine Gegend zu kommen, wo man seinen Namen nicht kannte!

„Ich bin der Besitzer des Gutes.“

Argwöhnisch verschwand die Alte, und nach geraumer Weile kam ein vom Alter krummgezogener Knecht aus dem Hause, der wußte, daß das Gut vor Jahren an einen Herrn Schellenberg in Berlin verkauft worden war. Ratlos stand der Knecht.

„Was wollen Sie hier?“ fragte er. „Das Gutshaus ist ja abgebrannt.“

Und in der Tat, selbst in dieser undurchdringlichen Dunkelheit konnte Wenzel etwas wie eine langgestreckte Ruine zwischen den Bäumen entdecken. Man roch noch den Brand.

„Ich will hier auf dem Gute leben,“ sagte Wenzel.

Der Knecht ging ins Haus, zündete eine Laterne an und bat ihn, einzutreten. Es war das Haus der Dienstleute. Nebenan lag ein größeres Gebäude, in dem früher der Verwalter wohnte.

„Es ist aber nicht in Ordnung,“ sagte der Knecht.

„Lassen Sie mich ruhig hier sitzen,“ erwiderte Wenzel. „Schlafen Sie, und stören Sie mich nicht.“

So saß er still auf der Treppe, mitten in der Nacht, und groß gingen die Gestirne über ihn dahin. Der Morgen graute. Ketten rasselten im Stall, ein Hahn krähte, Kühe schnaubten. Der alte Knecht und das alte Weib nahmen ihre Arbeit auf. Aus der Dämmerung stiegen deutlich die Umrisse der Gebäude, Stallungen und auch der niedergebrannten Ruine des Gutes.

Das also ist Schwarzlake, dachte Wenzel. Er war sehr zufrieden. Hier würde er bleiben. Die Alte setzte ihm heiße Milch auf den Tisch, und daneben legte sie ein Stück Roggenbrot. Ja, hier würde er bleiben.

37

Die Alte stellte ein primitives Bauernbett in die frühere Stube des Verwalters, dazu einen kleinen Tisch und einen wackligen Stuhl. Auf eine Kiste stellte sie ein Waschbecken und einen Krug mit Wasser.

So war Wenzel eingerichtet. Schwarzlake war völlig verfallen. Das Gras wuchs auf dem Hof, die Äcker waren verwahrlost, die Wiesen versumpft. Nur ein ganz geringer Teil des ungeheuren, von vielen schwarzen Weihern durchzogenen Geländes war bewirtschaftet. Im Stall standen vier Kühe und zwei alte Pferde. Das Gutshaus selbst war eine geschwärzte Ruine, langgestreckt, mit gähnenden Fensterlöchern und eingestürztem, verbranntem und verkohltem Dach. Der Schutt und das verbrannte Holzwerk lagen genau noch wie am Tage nach der Feuersbrunst.

Wenzel hauste nun vierzehn Tage auf Schwarzlake in seinem kleinen, primitiven Zimmer. Am Tage sah man ihn wenig, in den Nächten aber saß er bis zum grauenden Tag auf der Treppe und blickte in die Nacht hinaus. Schon war der Hofhund zutraulich geworden, und es sah aus, als bewachten beide die Ruine.

Der Knecht fragte, was geschehen solle, was der Herr anordne. Wenzel schüttelte den Kopf.

„Später,“ sagte er. „Wir werden sehen.“

Eines Tages aber begann er plötzlich den Schutt des Gutshauses aufzuräumen. Er geriet in Eifer, mit Schaufel, Karre und Axt schaufelte er und schleppte mit mächtigen Armen, und bald war sein Gesicht vom Schweiß überströmt. Täglich arbeitete er von früh bis spät in die Nacht hinein. Er hatte noch einen Knecht und eine Magd angenommen. Aus den Nachbarflecken kamen die Bauhandwerker, und bald wimmelte es auf dem Hof von Zimmerleuten, Steinmetzen, Stellmachern, Tischlern, Wenzel mitten unter ihnen, das Gesicht schweißüberströmt. Die Handwerker staunten über ihn. Nie hatten sie solch einen Arbeiter gesehen.

Plötzlich war wieder Leben über Wenzel gekommen. Er telephonierte nach Berlin. Einige Tage später traf Goldbaum auf Schwarzlake ein. Der fette Goldbaum strahlte vor Vergnügen, als er Wenzel frisch und bei guter Gesundheit wiedersah.

„Hoffentlich haben wir Sie bald wieder in Berlin, Schellenberg,“ sagte er. „Wir vermissen Sie an allen Ecken und Enden. Diese letzten Wochen waren eine höllische Arbeit.“

Wenzels Gesicht wurde düster. Er schüttelte den Kopf. „Ich komme nicht zurück,“ sagte er, und er gab Goldbaum den Auftrag, seinen gesamten Besitz allmählich zu liquidieren. Er mußte Rücksicht nehmen auf Tausende und Abertausende von Arbeitern und Angestellten, anders hätte er seinen Besitz um jeden Preis unbedenklich losgeschlagen. Und er gab Goldbaum ferner den Auftrag, Land zu kaufen, wo er es immer erlangen könne. Es sei ihm ein Plan durch den Kopf gegangen.

„Mackentin wird vorläufig die Verwaltung dieser neuen Ländereien übernehmen, und den kleinen Stolpe entlassen Sie.“

Auch das Haus im Grunewald sollte verkauft werden, wie es liegt und steht.

Eines Tages kam auch ein junger, hochaufgeschossener Mann mit ernster, gesammelter Miene, bescheiden, höflich. Einer jener sachlichen anspruchslosen Menschen, wie sie mehr und mehr auftauchten, die nichts für sich wollten, sondern einer Idee dienten, unvorstellbar der früheren Generation. Diesen jungen Mann hatte Wenzel die Gesellschaft Neu-Deutschland gesandt, deren Rat er erbeten hatte. Der junge Mann lebte beinahe eine Woche auf Schwarzlake. Er schlief auf einem Strohsack in einer leeren Stube. Er war völlig anspruchslos. Am Tage, vom frühen Morgen bis zur Dunkelheit, untersuchte er das Gelände, den Boden, die sumpfigen Wiesen, die schwarzen, schilfbestandenen Weiher, die von Wasservögeln wimmelten. Wenzel hatte von dem Tischler einen großen Arbeitstisch anfertigen lassen, und auf das rohe Holz war ein großer Plan des Gutes Schwarzlake genagelt. Daran arbeitete der junge Mann bis in die späte Nacht. Entwässerungsgräben, Verbindungsgräben der Weiher, Straßen. Ein Kanal.

„Es ist ja nur ein provisorischer Vorschlag,“ sagte der junge Mann. „Ich werde Ihnen Ingenieure und Landwirte schicken, sobald ich nach Berlin zurückkehre.“

„Ich bin Ihnen sehr dankbar. Leben Sie wohl, Herr Weidenbach,“ erwiderte Wenzel.

Am Tage arbeitete er nun am Wiederaufbau des Gutshauses, der Ausbesserung der Scheunen und Ställe. Ein neuer Stall sollte angelegt werden. Am Abend aber saß er beim Licht von zwei Kerzen über dem Plan von Schwarzlake. In wenigen Jahren sollte Schwarzlake so aussehen. Wo heute Unkraut wuchs, sollte Getreide wachsen. Wo das Wasser in den Wiesen stand, sollten die Herden weiden. Eine richtige kleine Stadt aber hatte Wenzel entworfen. Und diese Stadt würde entstehen in zehn bis zwanzig Jahren, und sie sollte den Namen Schellenberg tragen. Nicht seinen Namen, dem Gedächtnis seines Bruders war sie gewidmet.

Eines Tages, Wenzel schrie gerade mit den Zimmerleuten, die den Dachstuhl aufsetzten, meldete man ihm, daß eine Dame angekommen sei und ihn zu sprechen wünsche. Wenzel runzelte die Stirn und blickte finster in den Hof hinaus. Sofort aber erhellte sich sein Gesicht wieder. Da kam die Dame schon. Es war Eva Dux. Ruhig und still, mit einem herzlichen Leuchten in den Augen begrüßte sie ihn, als hätte sich seit ihrem letzten Wiedersehn nicht das geringste ereignet.

„Ich komme erst jetzt zu Ihnen, Herr Schellenberg,“ sagte Eva. „Ich habe die letzten Wochen damit zugebracht, Michaels Papiere zu sichten. Ich habe sie Ihnen mitgebracht. Sie sind in meinem Koffer.“

Es waren Michaels Aufzeichnungen, seine Pläne, Entwürfe, Notizen, Manuskripte, Aufsätze, Vorträge. Noch am gleichen Abend begann Eva ihm Stück für Stück vorzulesen und zu erläutern.

„Und dies hier,“ sagte Eva, „schrieb er in den letzten Tagen seiner Krankheit. Es ist sein Testament. Er muß es geschrieben haben, wenn ich schlief.“

Mit fiebernder Hand hatte Michael diese Aufzeichnungen hingeworfen. Sie waren nur für Eva lesbar.

„Lesen Sie, lesen Sie,“ bat Wenzel.

Und Eva las:

„Neue Welt, Erde glücklicher Geschlechter. So wird es sein und nicht anders. Der große Tag wird kommen, und er ist nicht mehr ferne.

So wird es sein. Mitten auf dem Meere kommen sie zusammen, alle Kriegsschiffe der Erde, begleitet von einer Flotte von Schiffen, die die weiße Flagge zeigen. Und man wird die Kriegsschiffe in die Tiefe des Meeres versenken, und die Menschen auf den Begleitschiffen werden jubeln, und der Funke wird es dem Erdball verkünden, daß der Augenblick des großen und ewigen Weltfriedens gekommen ist.

Auf dem Lande, in allen Ländern wird man Geschütze und Kriegsgerät zu Pyramiden häufen und verbrennen, und die weiße Flagge wird im Winde wehen.

So wird es sein. Es wird keine Grenzen mehr geben, und der Mensch, gleich welcher Farbe und welcher Rasse, wird sich bewegen können auf dieser Erde, wo er will.

So wird es sein. Die Rohstoffe der Erde werden allen Völkern gehören und nach Bedarf verteilt werden.

So wird es sein. Die Heere der Freiwilligen aller Nationen, die Jünglinge werden hinausziehen in die Welt und künftigen Geschlechtern die Wohnstätten bereiten. Sie werden die Urwälder des Amazonenstromes und die Urwälder des Kongos in fruchtbares Land verwandeln. Sie werden die Wüsten kultivieren, es wird keine Wüsten mehr geben.

So wird es sein. Es wird keinen Haß mehr geben zwischen den Völkern, keinen Egoismus der Nationen wird es mehr geben, keine Bedrücker und keine Unterdrückten, welcher Farbe sie auch seien. Der Welt-Bund wird die Schicksale des Erdballs leiten, und geehrt wird nur der sein, der die menschliche Glückseligkeit vermehrt und die menschliche Arbeitsleistung mindert. Nicht zur Versklavung werden die Maschinen gebaut werden, diese ungeheuren, unvorstellbaren Maschinen der Zukunft, zur Befreiung der Menschen wird man sie erbauen. Wissenschaft und Kunst werden blühen. Und die Weisheit wird höher im Range stehen als Reichtum und Geburt.

Dann wird der Tag kommen, da die Menschen das verlorene Paradies wiederum gefunden haben werden, nach tausendjährigen Qualen und tausendjährigen Verirrungen.

Die Erde wird ein Paradies glücklicherer Geschlechter sein. Es wird keinen Hunger und kein Elend mehr geben, und die Kameradschaft wird die Religion aller Menschen sein.

So wird es sein und nicht anders!“

Eva ging auf dem Hofe hin und her, die schmalen Hände auf dem Rücken, und betrachtete mit großen, stillen, aufmerksamen Augen die Arbeit der Werkleute. Sie blieb heute, sie blieb morgen, sie traf keine Anstalten zu gehen. Sie bemühte sich, Wenzel nicht im Wege zu sein, ihm nicht lästig zu fallen, und doch war sie fast immer in seiner Nähe. Sie hörte Michaels Stimme in Wenzels Stimme. In seinem Gang erkannte sie Michaels Gang. Aus Wenzels Gesicht blickte, nur für sie erkennbar, Michaels Gesicht.

Eines Tages sagte sie: „Es gefällt mir hier auf Schwarzlake, Herr Schellenberg. Haben Sie Arbeit für mich, so möchte ich gern bleiben.“

„Bleiben Sie, Eva,“ erwiderte Wenzel. „Es gibt hier viel Arbeit, auch für Sie.“

Still und schweigsam saß Wenzel in der Nacht auf der Treppe, den Hofhund zur Seite, und blickte in die Dunkelheit hinaus.

Immer mußte er an Michael denken und an sein Testament, das Eva abgeschrieben hatte und das er auswendig konnte.

„Vielleicht,“ dachte er, „war Michael mehr als ein Träumer, vielleicht war er ein Seher. Vielleicht sind seine Gesichte morgen Wahrheit, und die billigen Wahrheiten der Zweifler sind vielleicht morgen zuschanden.“

Schon graute es im Osten, und über die schwarzen Weiher stieg sanft die Morgenröte eines neuen Tages empor.

Ende

Offensichtliche Druckfehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere Änderungen sind hier aufgeführt (vorher/nachher):

... „Ich freue mich, daß es ihnen gut geht, Katschinsky,“ ... ... „Ich freue mich, daß es Ihnen gut geht, Katschinsky,“ ...

... Gesindel, daß vor nichts Respekt hat. Hier in dieser ... ... Gesindel, das vor nichts Respekt hat. Hier in dieser ...

... auf Schellenberg. Aber Wenzel schien der Aktion gar nicht ... ... auf Schellenberg. Aber Wenzel schien der Auktion gar nicht ...

... zu haben, als ich von Heines Versen sprach und sie bat, ... ... zu haben, als ich von Heines Versen sprach und Sie bat, ...

... werden. Er ließ sich dort alles mögliche arrangieren. Sie ... ... werden. Es ließ sich dort alles mögliche arrangieren. Sie ...

... Schwarzlake. Er hatte das Gute nie gesehen. Es war seine ... ... Schwarzlake. Er hatte das Gut nie gesehen. Es war seine ...

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