Erstes Buch (continued 2)
Reading edition
Das Mädchen, eine hübsche, schlanke Person mit einem Häubchen auf dem Kopfe, empfing ihn mit freudig erstaunter Miene. „Herr Doktor Schellenberg! Ist es möglich?“ rief sie aus und öffnete die Tür so weit als es möglich war.
„Ist meine Schwägerin zu Hause? O ja, ich höre sie.“
Aus Lises Zimmer drang Gesang und Klavierspiel. Lise übte zwei-, dreimal die gleiche Kadenz. Sie hatte einen hohen, etwas spitzen Sopran.
„Gnädige Frau haben Stunde,“ sagte das Mädchen. „Ich darf nicht stören. Aber die Stunde muß bald zu Ende sein.“
„Führen Sie mich unterdessen zu den Kindern,“ bat Michael.
Sobald er nur den Kopf in das Kinderzimmer steckte, erscholl lautes und freudiges Geschrei der beiden Kinder. Marion, das Mädchen, das die Züge Lises trug, wollte sich augenblicklich auf ihn stürzen. Sie kauerte auf einem Schemel in der Mitte des Zimmers. Der Junge aber, Gerhard – schon jetzt zeigte sein Kopf die breiten und etwas derben Züge der Schellenberg –, schrie die Schwester in erregtem Tone an. „Steige nicht aus, Marion! Du wirst sofort ertrinken! Du kannst ja nicht schwimmen! Und du, Onkel, bitte, gehe nicht weiter. Siehst du nicht, daß dieser Strich der Wannsee ist?“ Gerhard saß oben auf dem Kleiderschrank. In der Hand hielt er eine Tute aus zusammengerolltem Papier, die er zuweilen an den Mund setzte, um schauerlich zu tuten. Das Zimmer war in großer Unordnung, die Kinder nicht ganz sauber und etwas vernachlässigt. In der Ecke stand idyllisch ein Nachtgeschirr.
„Was gibt es?“ fragte Michael lachend.
„Marion sitzt auf einem Segelboot, das soeben gekentert ist, Onkel,“ erklärte Gerhard hastig und erregt vom Schrank herab, denn er fürchtete, das Spiel könnte gestört werden. „Und ich bin der Leuchtturmwächter und tute um Hilfe. Steige nicht aus, Marion, du wirst augenblicklich ertrinken! Siehst du nicht die hohen Wellen? Und der Wind bläst – huh!“
Marion warf Michael hilfesuchende Blicke zu, während sie sich krampfhaft an ihrem Schemel festhielt, als fürchte sie fortgeweht zu werden. In ihrer Angst hatte sie sich das Höschen naßgemacht. Sie war nahe daran, in Tränen auszubrechen.
„Nur keine Angst, Marion,“ beruhigte sie Michael, „wenn du ins Wasser fällst, so ziehe ich dich sofort wieder heraus!“
„Du mußt um Hilfe schreien, Marion! Oh, wie dumm du bist!“
„Hilfe! Hilfe!“ zeterte die Kleine.
„Das Rettungsboot kommt!“ tutete Gerhard.
Blitzschnell, wie eine Katze, sprang er vom Schrank und rutschte auf einem Stuhl über den Fußboden langsam heran an Marions Schemel. Er warf Marion unter vielen Zurufen eine Schnur zu und zog sie auf ihrem Schemel in eine Ecke. Nun waren sie angekommen.
„Komm hierher, Onkel!“ rief der Knabe, „wir sind auf der Pfaueninsel.“
Die Stimme des Knaben, der bisher, vom Spiel erregt, wild und laut geschrien hatte, war plötzlich sanft und weich. „Weshalb kommst du so selten, Onkel? Man sieht dich gar nicht mehr!“ fragte er und sah Michael mit einem langen, reinen Blick an. Marion aber kletterte an ihm in die Höhe, wie an einem Baum, und bedeckte seine Wange mit Küssen, während sie die dünnen Arme um seinen Hals legte.
„Ich hatte zu arbeiten,“ antwortete Michael verlegen, denn er fühlte, daß der Knabe ihm nicht glaubte.
Gerhard sah ihn von der Seite an. „Ihr mit eurer Arbeit!“ sagte er und zuckte geringschätzig die Achsel. „Auch Papa behauptet immer, er müßte arbeiten, und dabei sitzt er doch Tag und Nacht in den Weinstuben.“
„Aber Gerhard!“ erwiderte Michael mit sanftem Tadel. „Pfui, wie häßlich. Was sagst du da? Wer sagt dir, daß Papa Tag und Nacht in den Weinstuben sitzt?“
„Nun, Mama,“ antwortete der Knabe und verzog die Lippen.
Michael verteilte die Schleckereien und mußte mit Marion zusammen eine Schokoladenstange verspeisen. Sie aß an einem Ende und er am andern, bis sie mit den Lippen zusammenstießen. Nun, aber ja – wollten sie zusammen spielen. Onkel! Sie wußten genau, daß Michael ihnen entrissen wurde, sobald die Gesangsstunde zu Ende war.
„Komm, Onkel!“ rief Gerhard, „was wollen wir spielen? Wir wollen den Mont Blanc besteigen, willst du?“
„Nun schön, meinetwegen,“ stimmte Michael lächelnd zu. „Wie geht das: den Mont Blanc besteigen?“
Marion aber heulte. „Ich will nicht auf den Mont Blanc. Onkel, man muß auf den Schrank klettern, und ich fürchte mich.“
„Ach wie dumm und albern du bist, du Heullise!“ rief der Knabe und stampfte mit dem Fuße. „Fünftausend Meter, was ist schon dabei?“
Michael beruhigte das Mädchen. „Also, Marion, wenn ich in deiner Nähe bin, so wirst du wohl Mut haben. Sieh zu, ich werde dich an der Hand führen, und es wird dir nichts geschehen. Fallen wir herunter, nun was schadet es, so fällst du in meine Arme.“
Gerhard aber betrieb augenblicklich eifrig die Vorbereitungen. Ein Tisch wurde an den Schrank geschoben und auf den Tisch ein Stuhl gestellt. An den Tisch wiederum wurde ein Stuhl gerückt. Nun wurden sie alle drei mit einer Schnur aneinander gebunden, und Gerhard, mit einem Stock bewaffnet, begann den Aufstieg. Er schlug mit dem Stock Stufen in das Eis, er ließ Warnungen ertönen, so daß Marion zu zittern anfing. Schließlich aber ging alles gut ab, und alle drei waren oben.
In diesem Augenblick öffnete das Mädchen die Tür und sagte, während sie in lautes Lachen ausbrach: „Die Stunde ist eben zu Ende, ich werde Sie sofort der gnädigen Frau melden.“
12
Das Mädchen lachte noch hell heraus, als es über den Korridor eilte. Michael stieg mit Marion auf dem Arm vom Mont Blaue herab und begab sich in die Diele.
Hinter einer der vielen langweiligen weißen Türen hörte er die erregte Stimme seiner Schwägerin. Sie zankte. Das Dienstmädchen schlüpfte mit bestürzter Miene durch den Türspalt. Gleich darauf öffnete sich der eine Flügel der Tür, und Lise wurde sichtbar. Sie war in höchster Erregung und blickte Michael mit zornigen Augen an.
„Bestellen Sie es dem Herrn nur!“ rief sie und schob das zögernde Dienstmädchen in die Diele. „Bestellen Sie dem Herrn, was ich Ihnen sagte: Ich will nichts mehr mit den Schellenberg zu tun haben!“
Verblüfft und betreten tat Michael einen Schritt rückwärts. Er griff mit einer bedauernden Geste nach Hut und Mantel. „Nun, dann lebe wohl, Lise,“ sagte er und zuckte die Achsel. „Ich werde mich dir nicht aufdrängen.“
In diesem Augenblick streckten die Kinder die Köpfe in die Diele und riefen: „Michel! Michel!“
Lise trat einen Schritt vor. „Macht, daß ihr fortkommt!“ herrschte sie die Kinder an.
Michael ging. Welch eine unerquickliche Szene, dachte er. Wie tief muß Wenzel sie verletzt haben, daß sie so außer sich ist! In großer Erregung stieg er die Treppe hinab. Er bereute nun, daß er die Beleidigung Lises ohne jede Erwiderung eingesteckt hatte.
Aber Lise erschien am Geländer der Treppe und schrie mit einer rasenden Stimme in das Stiegenhaus hinein: „Ich will das Schellenbergsche Gesicht nicht mehr sehen! Ich habe genug davon!“ Dann schlug sie die Tür zu, daß das Haus zitterte. Oh, wie böse sie heute war!
Michael hatte indessen kaum das Foyer mit den Marmorsäulen und der weißen Marmorbank erreicht, als das junge Dienstmädchen nachgestürzt kam. „Die gnädige Frau bittet Sie, sofort heraufzukommen. Sie bittet vielmals, sie zu entschuldigen.“ Und als Michael, dessen Zorn schon wieder verraucht war, mit ihr die Treppe emporstieg, fügte sie entschuldigend und erklärend hinzu: „Die gnädige Frau ist außer sich. Ihr Herr Bruder hat schon seit Wochen das Haus nicht mehr betreten.“
Lise erwartete Michael in ihrem Musiksalon. Sie streckte ihm erregt die Hand hin, ihre Augen standen voll Tränen. „Verzeihe, Michael,“ rief sie aus. „Ich bin in einer Erregung, die unbeschreiblich ist. Du bist mir doch nicht böse, wie? Nein, du bist immer ein guter Kerl gewesen und verstehst alles.“
„Was in aller Welt geht hier vor?“ fragte Michael mit gerunzelter Stirn.
„Nimm Platz. Ich werde nach Tee klingeln. Bringen Sie Tee, Anna!“ Sie schrie das Dienstmädchen an, um ihre Beschämtheit zu verbergen.
Lise gehörte zur Klasse jener Blondinen, die zur Üppigkeit neigen und Gefahr laufen, frühzeitig ihre reinen Formen zu verlieren. Ihre sanften Wangen waren voll und immer lebhaft gerötet, als sei sie erhitzt, die Augen, die vorhin, als sie erregt war, so groß aussahen, waren von zarter, etwas verblaßter blauer Färbung. Ein heller, lockerer, etwas unordentlicher Haarschopf wippte über der Stirn.
Sie suchte nervös nach Zigaretten und warf sich auf den Diwan, der dicht neben dem Flügel stand. Das Zimmer war voll von Notenblättern und Büchern, in ziemlicher Unordnung. Der riesige Diwan war mit einer lachsroten Decke bedeckt, und darauf waren einige Dutzend Kissen in grellen Farben verteilt. Eine Stehlampe mit rotem Schirm und langen schwarzen Quasten stand neben dem Flügel.
„Wie schön, daß du gekommen bist, Michael,“ sagte Lise, nur um etwas zu sagen. So lächerlich es war, versuchte sie dem Dienstmädchen, das den Tee servierte, nach dieser erregten Szene vorzutäuschen, daß alles in bester Ordnung sei. „Du siehst gut aus, braun,“ plapperte sie. „Das Landleben bekommt dir gut. Ich war im Sommer in Heringsdorf mit den Kindern und Major Puchmann und seiner Frau.“
Sie plauderte noch dies und jenes, zuweilen mit einem kleinen, glucksenden Lachen, solange das Mädchen im Zimmer war.
Kaum aber hatte das Mädchen das Zimmer verlassen, als sie erregt nach Michaels Hand tastete und mit hilflosem Blick fragte: „Hast du Wenzel gesehen?“
„Ich bin erst seit kurzer Zeit in Berlin,“ erwiderte Michael. „Ich habe ihn nicht gesehen und wollte euch heute besuchen.“ Er sprach etwas unsicher und stockend, es fiel ihm schwer, sich zu verstellen. Den Brief von Lises Mutter erwähnte er absichtlich nicht. „Was, um alles in der Welt, ist mit Wenzel?“
Lise sah ihn lange an, dann erhob sie sich und ging ein paar Schritte, während sie die Zigarette zwischen den Lippen zernagte. „Was mit Wenzel ist?“ fragte sie. Sie blieb vor Michael stehen. „Ich weiß es nicht.“
„Du weißt es nicht?“
„Nein. Ich weiß seit – seit längerer Zeit nichts mehr von Wenzel. Es ist alles merkwürdig. Daß er nicht mehr bei Raucheisen tätig ist, weißt du wohl? Der alte Raucheisen hat ihn entlassen.“
„Entlassen?“
Lise zerknitterte die Stirn. „Entlassen oder nicht entlassen, jedenfalls ist er nicht mehr bei Raucheisen. Und irgend etwas muß ja wohl vorgefallen sein. Ich habe mit einigen Freunden Wenzels gesprochen, die bei Raucheisen arbeiten. Vielmehr nicht ich, ich habe Major Puchmann gebeten, mit ihnen zu sprechen, um der Sache auf den Grund zu gehen. Denn es gehen Gerüchte, Michael! Aber die Herren machten nur Ausflüchte. Sie sagten nichts. Jedenfalls schied Wenzel von heute auf morgen bei Raucheisen aus.“
Michael versuchte, Lises Hand zu fassen, um sie zu beruhigen. „Vielleicht hat es Wenzel nicht mehr bei Raucheisen gefallen,“ sagte er. „Laß dich doch von den Leuten nicht beschwätzen, Lise.“
Lise schüttelte den Kopf. „Beschwätzen?“ sagte sie und wurde immer erregter und geriet nahezu wiederum in den früheren Zustand der Verzweiflung. „Beschwätzen? Ich bin doch nicht irgendeine kritiklose Person, Michael. Es ist ja auch gar nicht die Hauptsache, was bei Raucheisen vorfiel. Aber nun höre: die Hauptsache ist, daß Wenzel ohne jede Erklärung, ohne ein Wort zu sagen, aus dem Hause gegangen ist!“
„Er hat dein Haus verlassen?“
Lise schlug die Hände vors Gesicht. „Ja! Ich verstehe nicht, wie ich das alles ertragen habe. Oh, diese Schmach und Schande, mich hier sitzen zu lassen mit den Kindern. Was soll meine Mutter denken? Ich wagte es ihr nur anzudeuten. Was sollen meine Freunde denken? Müssen sie nicht glauben, ich hätte meine Pflichten verletzt, ich hätte irgendeine Liebschaft angefangen? Meine Verwandten, die alle hohe Beamte und Militärs sind, korrekt bis in die Fingerspitzen – für die es so etwas einfach nicht gibt. Oh, wie furchtbar ist dies alles!“
„Ich verstehe nicht –“
„Ich werde dir alles erzählen,“ sagte Lise, indem sie sich Mühe gab, sich zu beruhigen. Sie nahm wieder auf dem Diwan Platz. „Höre zu, Michael. Über ein Jahr war Wenzel bei Raucheisen. Zehn Minuten vor sieben, jeden Morgen, holte ihn das Auto ab. Punkt sechs stand er auf, und er machte sich selbst das Frühstück in der Küche, denn ich konnte dem Mädchen doch nicht zumuten, so früh aufzustehen. Zwischen sieben und neun Uhr abends kam er nach Hause. Wir besuchten Theater, Konzerte, Gesellschaften. Es ging alles vorzüglich. Schon nach einem Vierteljahr hatte Raucheisen Wenzels Gehalt verdoppelt. Ich atmete auf, denn die Jahre während des Krieges, die ich bei Mama zubrachte, waren nicht leicht gewesen.“
„Also bis dahin ist alles gut gegangen?“
„Sehr gut sogar. Er verrichtete seine Arbeit mit einem Eifer und einer Peinlichkeit, die nur ein Offizier kennt. Er war lieb und reizend zu mir. Obwohl er den ganzen Tag arbeitete, war er abends in den Gesellschaften noch in sprühender Laune.“ Lise legte die Stirn in Falten. „Vom Frühjahr an aber wurde es anders. Er wurde unruhig, er schlief schlecht, und er brachte Freunde mit ins Haus, die mir nicht sonderlich gefielen. Kennst du Mackentin, einen früheren Oberleutnant der Fliegertruppe?“
„Ich kenne ihn nicht,“ erwiderte Michael. „Aber ich hörte seinen Namen.“
„Oh, er hat ein widerliches Gesicht und so freche Augen. Wie eine Ratte. Dann kam noch ein früherer Leutnant. Seinen Namen habe ich vergessen. Sie schlossen sich in Wenzels Zimmer ein, qualmten, tranken und plauderten.“
„Spielten sie?“ fragte Michael.
„Nein, sie spielten nicht. Aber sie waren sehr laut, und Wenzel hatte seine Periode. Du weißt, daß er Perioden hat, wo er trinken muß.“
„Nun, Wenzel kann eine gute Menge vertragen,“ sagte Michael mit einem breiten Lächeln.
„Ich machte ihm Vorwürfe, aber er sagte nur: ‚Geschäfte, Geschäfte. Davon verstehst du nichts. Warte!‘ Dann kam er oft nach Mitternacht nach Hause und noch später. Er roch nach Wein und Zigarren, und es gab Szenen. Manchmal roch er auch nach zweifelhaften Parfüms. Das sage ich dir!“ schrie Lise plötzlich und hielt die verkrampfte Hand vor Michaels Gesicht. „Wenn ich herausbekomme, daß er mich schon damals mit Frauenzimmern hintergangen hat, dann soll es ihm leid tun!“
„Beruhige dich,“ unterbrach sie Michael. „Berichte weiter. Vielleicht spielte er. Es ist ja wohl möglich, denn er hatte ja früher zuweilen diese Leidenschaft. Urteile doch nicht so hart.“
„Du verteidigst ihn?“
„Natürlich, denn ich kenne ja auch seine guten Eigenschaften. Kann ein Mensch denn nicht Leidenschaften haben?“
Lise machte die Augen groß. „Leidenschaften? Weshalb? Mit welcher Berechtigung? Aber“ – korrigierte sie sich – „meinetwegen auch Leidenschaften – solange andere nicht darunter leiden. Vielleicht hast du recht, Michael. Es ist möglich, daß er in dieser Zeit spielte. Denn zuweilen hatte er viel Geld, und er warf es mit jener unangenehmen Geste auf den Tisch, die er hat, wenn er viel Geld besitzt.“
Michael errötete unwillig. „Unangenehme Geste? Verschwender sind mir lieber als Geizhälse, Lise.“
„Vielleicht urteile ich zu streng, du magst recht haben,“ lenkte Lise ein. „Aber kannst du verlangen, daß ich noch nachsichtig urteile – nach allem, was geschehen ist? Nun höre weiter. Schließlich blieb Wenzel ganze Nächte weg. Dann wieder kam er spät in der Nacht, um das Haus schon wieder um vier Uhr morgens zu verlassen. Ich machte ihm Vorwürfe. Er erwiderte nur, er habe zu arbeiten. Dieses Leben war eine Hölle, denn ich wußte, daß etwas mit ihm vorging, daß etwas nicht in Ordnung war. Eines Tages aber erfuhr ich durch Zufall, daß er gar nicht mehr bei Raucheisen tätig war. Er hatte mir nie ein Wort darüber gesagt.“
Michael schüttelte den Kopf. „Es mußte ihm natürlich peinlich sein. Verstehst du nicht, Lise?“
Lise fuhr fort: „Was er aber tat, konnte ich nicht erfahren. Er kam nicht mehr zu mir. Zuweilen schickte er einen Boten mit Geld. Das ist alles, was ich von ihm höre und sehe. Ich aber will seine Almosen nicht! Wenn es nicht anders wird, so werde ich die beiden Kinder nehmen und mich ins Wasser stürzen.“
„Lise!“ Michael lächelte.
Lise begann zu weinen. „Und dann die Gerüchte! Denke, Michael, daß alle meine Verwandten hohe Beamte und Militärs sind!“
Nun stieg Michael die Röte ins Gesicht. „Sei nicht böse, Lise,“ sagte er, „es langweilt mich, immerzu von deinen Verwandten zu hören. Wir Schellenberg sind auch kein hergelaufenes Gesindel. Mache dich nicht lächerlich –“
„Lächerlich?“ Lise tat äußerst erstaunt und verletzt. „Ah, ein Schellenberg!“ sagte sie. „Den Ton kenne ich!“ Sie stand auf, erregt, feindselig.
Schon bereute Michael. „Laß uns nicht streiten, Lise,“ sagte er. Und sofort war auch Lise wieder bereit, einzulenken. „Höre, Lise, sprich jetzt offen: Was, in Teufels Namen, ist vorgefallen?“
Lise nahm Michaels beide Hände, sah ihn an und flüsterte: „Ich weiß nichts Bestimmtes. Aber es gehen Gerüchte. Wenzel – es sind nur Gerüchte, man trug es mir zu – soll eine Unterschlagung begangen haben. Raucheisen wollte keinen Skandal und entließ ihn von einem Tag auf den andern.“
Michael erbleichte. „Wenzel und eine Unterschlagung! Aber Lise, laß dir doch so etwas nicht weismachen! Eher würde Wenzel sich eine Kugel durch den Kopf schießen. Ich kenne ihn ja.“
Lise sank in sich zusammen. „Vielleicht war es auch nicht gerade eine Unterschlagung, Michael. Vielleicht war es nur eine Inkorrektheit. Jedenfalls – wir sind arm und gehören nicht zu dem Gesindel, das heute in Deutschland obenan ist. Wir haben nichts mehr als unseren guten Namen.“
„Du weißt nicht, was Wenzel zur Zeit tut?“
Verzweifelt schüttelte Lise den gelben Haarschopf. „Ich weiß es nicht, nein. Ich weiß nur, daß er mit diesem Mackentin zusammen ist. Sie machen irgendwelche Geschäfte.“
„Nun gut,“ antwortete Michael, „ich werde ihn besuchen, wo wohnt er?“
Lise starrte ihn an. „Wo er wohnt? Auch das weiß ich nicht. Ich weiß gar nichts. Ich habe den Boten, der das Geld bringt, schon hier hereingenommen und ihm gedroht, ihn niederzuschießen, wenn er mir nicht seine Wohnung angibt.“
„Aber er sagte nichts?“ Michael lachte. „Siehst du, Lise, so war er immer. Immer hatte er so einen kleinen theatralischen Zug an sich. Und wie lange hast du ihn nicht mehr gesehen?“
„Drei Monate.“
„Wie?“
„Drei Monate.“
Michael sprang auf.
„Ja, drei Monate lang ertrage ich dies schon!“ schrie Lise. „Und jetzt ist es genug. Jetzt ist es genug!“ wiederholte sie.
„Arme Lise! Wie kann ich dir helfen?“
Lise dachte nach. „Helfen? Helfen? Es scheint aussichtslos. Aber –“ Sie dachte nach, und plötzlich hob sie das Gesicht in die Höhe, ein Gedanke erhellte ihre Augen. Sie sprang auf. „Höre, Michael,“ rief sie, „du wirst gehen und Wenzel suchen.“
„Wie soll ich ihn in dieser großen Stadt finden?“
„Du wirst ihn finden!“ rief Lise gläubig und überzeugt, begeistert von ihrem Einfall. „Ja, als sein Bruder wirst du ihn unbedingt zu finden wissen. Du wirst Erkundigungen einziehen. Es wird dir nicht schwerfallen ... Höre, Puchmann sagte mir, in der Nähe des Gendarmenmarkts, da sind einige kleine Kaffeehäuser und einige kleine Weinstuben, wo viele Börsenmenschen und Geschäftsleute verkehren. Dort soll Wenzel verkehren. Gehe nur, Michael, und suche ihn.“ Sie zog Michael am Ärmel, so daß er aufstehen mußte. „Gehe nun sogleich, und wenn du ihn findest, so erzähle ihm, was ich dir gesagt habe.“ Lise brach in Schluchzen aus, warf sich auf den Diwan und drückte das Gesicht in die Kissen.
Vergebens versuchte Michael, sie zu beruhigen.
„Geh! Geh!“ rief sie. „Suche ihn, und wenn du ihn gefunden hast, so sage ihm, daß er sofort zu mir zurückkehren soll. Es ist mir schließlich einerlei, was meine Verwandtschaft denkt. Aber höre, Michael,“ und Lise schlang ihren Arm um Michael und barg ihren blonden Haarschopf an seiner Brust, „höre und sage ihm, daß ich ihn trotz allem liebe. Es ist mir auch gleichgültig, was er getan hat. Ich werde ihm alles verzeihen. Sage ihm das.“
Michael ging. Lise, das Gesicht in Tränen gebadet, geleitete ihn hinaus. „Und versprich mir eins, Michael, sobald du ihn findest, so gib mir Nachricht. Rufe mich an. Schwöre es mir!“
Michael schwor.
13
Michael verließ Lises Haus in großer Beunruhigung. Die ehelichen Zwistigkeiten nahm er nicht allzu ernst. In allen Ehen gab es Differenzen, und in der Ehe seines Bruders hatten sich schon in den ersten Jahren schwere Verstimmungen eingestellt. Zweimal war Lise schon durchgegangen.
Was ihn beunruhigte, ja erregte, das waren Lises Andeutungen über das veränderte Wesen seines Bruders. Wenzel war nie ein leichtsinniger Mensch gewesen, wenn er auch das Leben nie allzu schwer genommen hatte. Er machte sich keine großen Sorgen, in welcher Situation er sich auch befinden mochte. Sein unerschütterlicher Optimismus trug ihn über alle Schwierigkeiten des Daseins hinweg. „Immer Mut! Man muß dem Schicksal nicht aus der Hand fressen!“ war sein Wahlspruch. Und es ging immer, um die Wahrheit zu sagen. Mit dem gleichen Optimismus hatte Wenzel den Krieg durchgemacht. „Was soll mir geschehen?“ sagte er. „Vielleicht schießen sie mir einen Arm oder ein Bein ab, das ist mir völlig gleichgültig. Mehr können sie mir nicht anhaben.“ Und in der Tat, Wenzel trug kaum einige Schrammen in all den vier Jahren davon.
Wenzel hatte „zwei Spezialteufel“, wie er zu sagen pflegte. Der eine war der große Teufel Kohol, der Alkohol, der zweite war der Teufel Karo, der Karobube. Unter den Anfechtungen dieser seiner zwei Teufel hatte Wenzel in gewissen Perioden sehr zu leiden. Der Teufel Kohol verfuhr noch glimpflich mit ihm. Schlimmer war es, wenn er dem Spielteufel verfiel. Er spielte dann Wochen hindurch, er verspielte alles – aber am Schlusse stellte es sich heraus, daß er alle Verluste wieder wettgemacht hatte. „Ein blaues Auge!“ Oder: „Zwei blaue Augen!“
Was war nun mit Wenzel geschehen? Hatten seine „zwei Teufel“ wieder Gewalt über ihn bekommen? Er schickte Lise Geld, also mußte er entweder im Spiel gewinnen oder auf irgendeine Weise Geld verdienen. Was tat er? Wie lebte er? Michael kannte Wenzels Trotz und Stolz. Er würde eher verhungern als seine, Michaels, Hilfe anrufen, wenn es ihm, wohlgemerkt, wirklich schlecht ging.
Ja, sonderbare und merkwürdige Dinge waren das. Er verlor die Stellung bei Raucheisen, machte Geschäfte mit einem Bekannten, schickte Geld – aber mied Lises Haus. Was war das?
Auf jeden Fall beschloß Michael nun, Wenzel zu „suchen“, und doch hatte er noch vor einer Viertelstunde über die merkwürdige Zumutung seiner Schwägerin lächeln müssen.
„Eine sonderbare Aufgabe,“ sagte er, während er rasch dahinschritt. „Ich könnte eher eine Stecknadel in einem Haufen Spreu finden. Aber trotzdem tausend gegen eins steht, wollen wir es versuchen. Nur eine Frau kann solch einen Einfall haben.“
Er nahm ein Auto und befahl dem Chauffeur, ihn zu sämtlichen Weinstuben und Restaurants in der Nähe des Gendarmenmarktes zu fahren.
Schon in der fünften Weinstube stieß er zu seiner größten Verwunderung auf die Spur seines Bruders. Der Oberkellner, an den er sich wenden wollte, kam ihm rasch, mit diensteifriger Miene, mit den Worten entgegen: „Herr Hauptmann Schellenberg ist noch nicht hier.“
Michael war so verblüfft, daß er kein Wort hervorbrachte. Der Oberkellner indessen versicherte, daß ihm die frappante Ähnlichkeit sofort aufgefallen sei. „Ich dachte im ersten Augenblick, der Herr Hauptmann selbst trete ein.“
Ob er wisse, wo sein Bruder sich zur Zeit etwa aufhalten könne?
Der Kellner sann nach. „Wenn ich mich recht entsinne, so verabredete er sich zu einer Partie Schach mit Herrn Hauptmann Mackentin, und zwar, wenn ich mich nicht täusche, im Café Thielscher oder im Café Philipp. Thielscher ist gleich in der Nähe. Das Café Philipp liegt bei der Börse.“
Es wäre doch wahrhaftig wie ein Wunder! dachte Michael und kroch, angeregt von dem Abenteuer, ins Auto.
14
In der Tat saß Wenzel Schellenberg zu dieser Stunde im Spielsaal des Cafés Philipp. Er saß mit einem steinernen Gesicht da und starrte auf das Schachbrett, eine tiefe Falte zwischen den Brauen. Wenzel war leidenschaftlicher Schachspieler, ganz wie Michael. Das Spiel faszinierte ihn. Es war fast wie eine Schlacht, Kampf von Gewalten, deren Stärke mit jeder Änderung der Position wechselte. Tag und Nacht konnte er vor dem Schachbrett sitzen, und noch nach Wochen war er imstande, besonders interessante Partien aus dem Gedächtnis nachzuspielen.
Wenzel gegenüber saß Hauptmann Mackentin, mit schmalem, hohem Kopf und grauen Schläfen. Die Nase dieses Herrn stand auffallend schräg im Gesicht. Im Munde hielt er eine Zigarre in der Richtung der Abweichung der Nase, so daß die Nase noch um vieles schiefer im Gesicht zu stehen schien. Dieser Herr blinzelte zuweilen mit einem leisen Lächeln in Wenzels steinernes Gesicht. Er hatte dunkle, rasche, kluge und verschlagene Augen. (Ratte hatte ihn Lise genannt!) Am gleichen Tisch saß in respektvoller Haltung ein wenig abseits vom Schachbrett ein junger, unbedeutend aussehender Mann mit blondem Scheitel und jugendlich roten Bäckchen, wie ein kleiner Leutnant in Zivil.
Trotz der späten Nachmittagsstunde war das Kaffeehaus noch ziemlich dicht besetzt. Aus allen Winkeln stieg dicker Zigarrenrauch empor. Die Börse war heute außerordentlich lebhaft und fest gewesen. Die meisten Effekten waren gestiegen, man erwartete eine Belebung der Geschäfte. Die Erregung der Börse zitterte noch in allen Gesprächen nach.
Wenzel lehnte sich in den Sessel zurück, trank ein Gläschen Wermut und biß die Spitze einer großen Zigarre ab, ohne die Augen auch nur einen Moment vom Schachbrett zu entfernen. Der Herr mit der schiefstehenden Nase hob zwinkernd die dunklen, raschen Augen zu ihm und ließ ein kleines Lachen hören.
„Sie täuschen sich, lieber Freund,“ sagte Wenzel. „Sie überschätzen die Stellung dieses Springers, und ich werde es Ihnen beweisen. Die Partie wird aber noch zwei Stunden dauern. Wir wollen sie morgen fortsetzen, wenn Sie nichts dagegen haben, Mackentin.“
Der Herr mit der schiefen Nase erklärte sofort mit einer kleinen Verbeugung sein Einverständnis.
Wenzel wandte sich hierauf an den jungen Mann, der bescheiden nebenan saß und sich augenblicklich etwas steifer aufrichtete, als Schellenbergs Blick auf ihn fiel. „Und nun zu Ihrem Walde, Herr von Stolpe. Es ist eine Sache, die mich sehr interessiert, eine sehr interessante Sache. Was meinen Sie, Mackentin?“
„Mein Vetter kam zufällig wieder einmal nach Berlin und erzählte mir von der Angelegenheit. Ich dachte sofort, daß Sie Interesse dafür haben würden.“
„Also Sie glauben, daß der Wald unter Umständen zu kaufen wäre? Wie groß, sagten Sie?“
Der junge Mann rückte etwas näher und begann mit etwas dünner, knabenhafter Stimme über den Wald zu berichten: es war ein Wald in der Nähe der Oder, soundso groß, der Wald gehörte dem Staat. Die Forstverwaltung hatte beschlossen, den Wald abzuholzen und das Terrain unter Umständen zu verkaufen, konnte sich aber nicht entschließen, die vorliegenden Angebote zu akzeptieren. Ein Vertreter des Raucheisen-Konzerns habe lange Unterhandlungen geführt, zuletzt aber seien alle Unterhandlungen gescheitert.
„Der Vater meines Vetters bekleidet eine einflußreiche Stellung in der Forstverwaltung,“ warf Mackentin ein.
„Sie deuteten es mir an,“ unterbrach ihn Wenzel. „Also Raucheisen kam nicht zum Ziel?“
„Nein, er hat zu wenig geboten.“
Wenzel lächelte spöttisch: „Raucheisen bietet immer zu wenig. Ich kenne ihn. Sagten Sie nicht, daß der Wald an die Oder grenzt?“ Er nahm ein Notizbuch aus der Tasche und begann sich Notizen zu machen. „Fünfhundert Hektar, sagten Sie?“
„Der springende Punkt, Schellenberg,“ warf Mackentin mit leicht schnarrender Stimme ein, „der springende Punkt scheint mir der zu sein: Die Forstverwaltung will das Terrain nur abgeben, wenn es zu Zwecken verwandt wird, die der Allgemeinheit der ganzen Provinz sozusagen wiederum zugute kommen.“
„Ich verstehe, Mackentin,“ erwiderte Wenzel mit einem leisen Lachen. „Wann kehren Sie zurück, Herr von Stolpe?“
„Ich werde morgen zurückfahren.“
„Fahren Sie morgen mit Ihrem Vetter, Mackentin, und sehen Sie sich den Wald an.“
„Sehr wohl.“ Mackentin verbeugte sich.
„Sehen Sie zu, ob das Gelände sich zu Industrieanlagen eignet, und klopfen Sie dann bei den hohen Herren an. Sagen Sie“ – wieder erschien das leise Lächeln auf Wenzels Lippen –, „sagen Sie, wir beabsichtigen auf dem Gelände große Industrieanlagen zu schaffen, die den Handel der Provinz günstig beeinflussen würden. Wenn man den Wunsch haben sollte, sich zu beteiligen, so sei dagegen natürlich nichts einzuwenden.“
„Ausgezeichnet, sehr wohl.“
„Vielleicht können Sie auch vorschlagen, daß wir ein Stickstoffwerk auf dem Gelände errichten, das den ganzen Osten mit Stickstoff versorgen soll. Machen Sie ein ausführliches Exposé, so daß wir völlig fertige Vorschläge unterbreiten können. Wir können später ja immer noch tun, was wir wollen. Und was die Zahlungen anbetrifft, drei bis sechs Monate Ziel.“
„Sehr wohl,“ antwortete Mackentin.
„Und Sie, Herr von Stolpe,“ wandte sich Wenzel an den jungen Mann mit den roten Bäckchen und sah ihm mit einem klaren, festen Blick in die Augen. Sein Gesicht erschien in diesem Augenblick fast hart. „Was fordern Sie als Provision für den Fall, daß das Geschäft perfekt wird?“
Der junge Mann wurde tiefrot.
Wenzel lachte laut heraus: „Man sieht, daß Sie aus der Provinz kommen. Geschäft ist Geschäft!“
Hier griff Mackentin ein. „Mein Vetter verlangt natürlich keine Provision, lieber Schellenberg,“ sagte er. „Er wäre dagegen glücklich, wenn er eine Anstellung hier in Berlin bekäme.“
„Schön! Entwerfen Sie den Vertrag, Mackentin. Ich bitte Sie, Herr von Stolpe. Worte kann man vergessen. Die Welt schwankt in diesen Tagen.“
Die beiden Herren erhoben sich.
„Ich spreche Sie heute noch, Mackentin. Es kann etwas spät werden. Und noch etwas – einen Augenblick – es fiel mir etwas ein – noch etwas,“ wiederholte Wenzel zerstreut. Sein Blick schweifte durch den Raum des Kaffeehauses. Er war bei seinen letzten Worten völlig unsicher geworden, als habe ihn plötzlich das Gedächtnis verlassen. Irgend etwas hatte ihn verwirrt, und doch wäre er nicht imstande gewesen zu sagen, was es war. Diese Gesichter, die um die Tische herum saßen, kannte er fast alle. Seit zwei Jahren bewegte er sich unter diesen Gesichtern. Sie saßen in den Direktionszimmern der Konzerne, der Banken, der Filmgesellschaften, stürzten sich mit ihren Aktentaschen in ihre Autos hinein. Sie waren immer auf der Jagd von einer Konferenz zur andern, hatten nie Zeit, arbeiteten bis in den späten Abend, um ihre Nerven in der Nacht in irgendeinem Spielklub aufzupeitschen. Vielen von ihnen sah man es bereits deutlich an, daß sie nicht mehr mit fünf, sechs Stunden Schlaf auskamen. Die trockene Luft der Dampfheizung und der Zigarrenrauch der Konferenzzimmer hatten sie vernichtet.
Ja, alle diese Gestalten waren seinem Blick vertraut, jede, er kannte ihre Gewohnheiten, ihren Gang – plötzlich aber war unter ihnen eine Gestalt von völlig verschiedener Haltung aufgetaucht. Von einer gelassenen, ruhigen, sicheren Haltung, und diese Gestalt, die er nur dann und wann zwischen den unruhigen Köpfen und den hin und her eilenden Kellnern undeutlich sah, absorbierte auf eine völlig rätselhafte Art seine Aufmerksamkeit so vollkommen, daß ihm die Worte entfielen. Und plötzlich stand über diesen unsteten Gesichtern, die er seit zwei Jahren um sich sah, ein ganz anderes Gesicht: ein Gesicht der Ruhe und Sammlung, mit einem höchst merkwürdigen und feinen Lächeln. In der Tat, es war sein Bruder.
„Mein Bruder!“ rief Wenzel leise aus und erhob sich freudig erschreckt.
In diesem Augenblick sah ihn Michael und kam mit einem frohen Lächeln auf ihn zu. „Ah, da bist du ja!“ rief Michael erfreut aus und drückte Wenzels Hand.
„Mein Bruder Michael, meine Herren,“ sagte Wenzel, und sein dunkles Gesicht wurde vor Erregung um eine Schattierung dunkler. „Ich habe Ihnen von ihm erzählt. Er ist seinerzeit mit dem Stickstoffwerk Logan in die Luft geflogen, aber es hat ihm, da er ein Schellenberg ist, weiter nicht geschadet. Er ist eine der ersten wissenschaftlichen Leuchten unseres Landes.“
„Oh, ich weiß, ich weiß sehr wohl,“ schnarrte Mackentin mit einer etwas steifen Verbeugung, „ich bin sehr wohl informiert. Ihr Bruder erzählte häufig von Ihnen.“
„Da hörst du es!“ warf Wenzel ein und lachte.
„Und zwar mit einer gewissen Schwärmerei, die man selten findet unter Geschwistern. Sehr erfreut, Ihre Bekanntschaft zu machen, Herr Doktor Schellenberg.“
„Wie kommst du hierher?“ fragte Wenzel, nachdem die beiden Herren sich verabschiedet hatten. Erst jetzt schien ihm das Merkwürdige dieses Zusammentreffens aufzufallen.
„Ich war bei Lise, ich wollte dich besuchen.“
Sofort verfinsterte sich Wenzels Gesicht. „Oh,“ sagte er. „Ich verstehe.“
Schon bei dem ersten Blick in das Gesicht seines Bruders hatte Michael erkannt, daß mit Wenzel eine Veränderung vorgegangen war. Wenzels Gesicht hatte früher stets ein gutmütiges, spöttisches Lächeln gezeigt. Dieses Lächeln war verschwunden. Das Gesicht war verschlossen, der Blick kalt, und wenn Wenzel lächelte, so war es nicht das leichte, gutmütige, spöttische Lächeln von früher, es war ein flüchtiges, zerstreutes Lächeln, das urplötzlich wieder erstarrte.
„Du hast nichts vor, Michael? Nun, das ist prächtig. Höre, wir haben uns lange nicht gesehen, wir werden einen herrlichen Abend zusammen verbringen und einander ganze Romane erzählen. Komm jetzt, ich werde dich in eine ganz wundervolle Schlemmerkneipe führen. Der Koch war früher bei einem russischen Großfürsten in Stellung.“ Mit einer scheuen Zärtlichkeit legte er Michael den Arm um die Schulter, während sie das Kaffeehaus verließen.
15
Wenzel war offenbar hocherfreut über das unerwartete Wiedersehn mit dem Bruder. Während sie gingen, legte er den Arm noch fester um Michael. Sein verschlossenes Gesicht löste sich, seine Augen glänzten.
„Wir wollen das Wiedersehen ordentlich feiern, Brüderchen!“ rief er aus, nachdem sie in der Ecke eines kleinen, feierlichen Restaurants Platz genommen hatten. „Was für eine wundervolle Überraschung ist das! Nicht für die schönste Frau Berlins würde ich dich austauschen. He, Kellner, wo bleibt ihr so lange? Seht ihr nicht, daß ich einen erlauchten Gast mitgebracht habe?“
Der Kellner verneigte sich vor Michael. Dann harrte er, diensteifrig, den Notizblock in der Hand, in einer Haltung, die Achtung vor dem hohen Trinkgeld ausdrückte. Hinter dem kunstvoll aufgebauten Büfett dienerte der Küchenchef mit seiner hohen weißen Mütze.
„Frische Oderkrebse sind eingetroffen, Herr Hauptmann.“
„Bitte, Wenzel, ich bin gewöhnt, sehr einfach zu essen,“ warf Michael ein.
„Du wirst essen, was ich dir vorsetze, und es nicht bereuen. Oderkrebse, sagen Sie?“ Wenzel nahm das Einglas aus dem Auge, das er zum Studium der Speisekarte eingeklemmt hatte, und blickte Michael an. „Hörst du? Glaubst du an Vorbedeutungen? Erst vorhin sprach ich mit den beiden Schafsköpfen, die ich dir im Café vorstellte, von der Oder, in ganz besonderer Angelegenheit. Na – also gut, mein Freund, Oderkrebse.“
„Ein halbes Dutzend?“
Nun lachte Wenzel, daß sein starkes Gebiß blitzte. „Ein Dutzend natürlich! Wofür halten Sie uns? In der Brühe gekocht, und dazu, hören Sie, ein Glas von dem alten Sherry, den nur die Stammgäste bekommen. Du mußt wissen, Michael, das Etablissement hat den Weinkeller eines bankerott gewordenen früheren Staatsministers aufgekauft. Kostbarkeiten! Diese Leute waren noch Kenner, das muß man sagen. Also mit den Krebsen bist du einverstanden?“
„Einverstanden, meinetwegen. Seit Jahren habe ich allerdings keine Krebse mehr gegessen.“
„Um so besser werden sie dir schmecken. Aber nun weiter. Sie können einstweilen die Krebse bestellen,“ wandte er sich an den Kellner, der mit einer Verbeugung verschwand. „Aber nun höre weiter,“ fuhr Wenzel fort. „Sie haben hier ein Konsommee mit Spargelköpfen, ein Tropfen nur, herrlich. Gut, angenommen. Und dann sieh hier, Michael, Forellen, Bachforellen. Wie wäre es damit?“
„Was willst du noch alles bestellen?“ fragte Michael.
„Noch alles?“ Wenzel lachte. „Aber höre, es beginnt ja erst. Nun kommen die schweren Kaliber. Alles Bisherige war nur leichtes Schützenfeuer, um den Feind zu reizen. Notieren Sie, Kellner. Brathühner mit diversen Salaten, Kalbsrücken mit Champignons. Keinen Widerspruch, Michael. Hierauf Pfirsich-Melba, und dann Käse. Sodann eine Schwadron Schnäpse. Zuletzt Kaffee – aber Sie kennen meinen Geschmack: so stark, daß sich ein Toter im Sarge überschlägt. Den Sekt haben Sie kaltgestellt? So, das wäre erledigt.“ Wenzel lehnte sich behaglich in den Sessel zurück. „Du lebst wohl sehr bescheiden auf Sperlingshof, Michael?“
„Ich lebe wie ein Bauer.“
„Prächtig siehst du aus! Braun wie das Brot, das aus dem Backofen kommt! Es ist wunderbar, wie ein Bauer zu leben,“ fuhr Wenzel mit einem leichten Seufzer fort. „Zuweilen jedenfalls. Aber auf die Dauer ist es langweilig, sehr, sehr langweilig. Für mich jedenfalls wäre es nichts mehr. Zur Zeit wenigstens. Ich brauche Unruhe, Lärm, Abwechslung – ah, da sind ja die Krebse schon! Und der Sherry! Sieh ihn dir an – die Reliquie eines Weins. Und nun, Michael, laß uns in aller Ruhe genießen. Erzähle mir, wie es dir geht. Erzähle mir von Sperlingshof und deinen Plänen! Du hast gewiß noch die alten Pläne – wie ich dich kenne?“ Wenzel zeigte sein altes, gutmütig spöttisches Lächeln und kniff ein Auge zu.
„Natürlich! Ich sehe nun die Lösung in voller Klarheit vor mir!“ erwiderte Michael eifrig. „Gerade jetzt bin ich dabei, den Arbeitsausschuß zusammenzustellen. Manche Enttäuschung, viel begeisterte Zustimmung –“
Wenzel schüttelte den Kopf. „Unverbesserlich bist du!“ sagte er und zerriß knackend einen Krebs.
„Unverbesserlich? Weshalb sagst du –?“
„Nun, nun – stoße dich nicht an meinen Worten, Michael. Du hast deine Ansichten – ich die meinen. Ich bin zur Zeit etwas skeptisch allen derartigen Dingen gegenüber. Ich sehe die Menschen mit andern Augen an – aber nichts davon! Später wollen wir ja über alles sprechen. Hörst du – über alles! Erzähle, sprich. Ich habe heute zehn Stunden lang gesprochen und bin etwas abgespannt. Erzähle vorläufig nur von dir, ich höre zu.“
Michael berichtete, während sie speisten. Seine Arbeit, seine Versuche, sein „großer Plan“. Seine Augen strahlten, und die Röte färbte ihm das Gesicht. Er konnte nicht von seiner Arbeit und von seinem „großen Plan“ sprechen, ohne augenblicklich Feuer und Flamme zu werden.
Plötzlich unterbrach ihn Wenzel, der nur zerstreut zuzuhören schien. „Übrigens, wie hast du mich eigentlich gefunden?“ fragte er.
Michael lächelte verlegen. „Ein Zufall! Man hatte mir gesagt, daß du in den Lokalen in der Nähe des Gendarmenmarktes zu verkehren pflegst.“
„Man?“ Wenzel runzelte die Stirne und sog eifrig an einer Krebsschere. Er schwieg eine Weile. „Und so hast du dich also auf den Weg gemacht?“ fragte er dann spöttisch.
„Es war gar nicht schwer, dich zu finden, so wunderlich es auch scheinen mag.“
Wenzel schüttelte den Kopf. „Nur du kannst so etwas fertigbekommen. Aber sprich weiter. Ich interessiere mich für all diese Versuche, wenn ich auch wenig oder nichts davon verstehe. Ich war Offizier und nur auf mechanische Arbeit gedrillt. Was kann diese berühmte Bodenfräse?“
Michael setzte eifrig auseinander, daß diese Fräse den Boden auf fünfzig Zentimeter Tiefe mit kleinen Messerchen zerschnitt, so daß der Boden rigolt wurde, besser als es ein Gärtner mit dem Spaten je vermöchte, vom Pfluge gar nicht zu sprechen.
„Sehr interessant!“
Michael fuhr fort. Er sprach von Methoden, die geeignet waren, die landwirtschaftliche Produktion zu verdreifachen, zu verfünffachen. „Ich habe zum Beispiel eine Wiese angelegt, nur fünf Morgen, die künstlich beregnet wird. Diese Wiese liefert mehr Futter, als eine gewöhnlich bewirtschaftete Wiese von zwanzig Morgen hervorbringt.“
Wenzel hob den Blick und lächelte. „Du läßt also regnen,“ sagte er. „Du läßt den Weizen auf der flachen Hand wachsen? Wie teuer kommt dich das Gras zu stehen?“
„Vorläufig ist es ja noch etwas teuer, zugegeben.“
Wenzel brach in lautes Lachen aus. „Du bist ja ein ausgezeichneter Wirtschafter!“ rief er aus.
„Es sind Versuche, mißverstehe mich nicht.“
„Verzeihe, daß ich lachte, Michael. Du weißt, ich verstehe von all diesen Dingen nicht das geringste.“
„Weshalb hast du mich nicht auf Sperlingshof besucht, Wenzel? Du hattest es ja versprochen.“
Wenzel ließ die Gabel sinken. „Ich hatte es versprochen, ja,“ sagte er. „Oh, mein Gott, was habe ich nicht alles versprochen im Frühjahr und Sommer? Aber siehst du, ich hatte keine Zeit. Nicht eine Stunde bin ich von Berlin weggewesen, es sei denn in Geschäften.“
„Ich habe es sehr bedauert, daß du nicht Wort halten konntest. Vieles würde dich interessieren. Meine Versuchsfelder, meine Kalt- und Warmhäuser. Es ist eine ungeheure Arbeit, aber sie belohnt sich. Ich habe die überraschendsten Erfolge erzielt, eine fast tropische Vegetation.“
Hier lachte Wenzel wiederum laut heraus. „Tropisch? In dieser fürchterlichen und von Gott verfluchten Sandwüste! Ah, seht an!“
„Nun,“ lenkte Michael ein, „lege meine Worte nicht auf die Goldwage. Tropisch mag ja etwas übertrieben sein. Höre weiter.“
Endlich kam Michael auf seinen „großen Plan“ zu sprechen. Die Synthese von Industrie und Landwirtschaft. Industrialisierung des Landbaus. An Stelle der anarchischen Wirtschaftsform eine großzügige Planwirtschaft für das gesamte Reich. Produktive Zusammenfassung aller Kräfte der Nation. Systematische produktive Verwendung freiwerdender oder brachliegender Arbeitskräfte ...
Der Kellner servierte die Brathühner und den Kalbsrücken.
Wenzel hörte mit gerunzelter Stirn zu. Dieser „große Plan“ Michaels – er erschien ihm verstiegen, ja phantastisch. „Ich fürchte sehr,“ unterbrach er Michael, der immer eifriger wurde, „ich fürchte, daß du dich trügerischen Hoffnungen hingibst. Es mag wissenschaftlich sehr interessant sein, zugegeben, aber einen Rat will ich dir geben, Michael, und der kostet dich nichts. Wenn du soweit bist – wenn! –, dann sieh zu, daß du dich möglichst schnell nach Amerika verziehst. Hier, höre, in diesem Deutschland, in diesem Europa überhaupt, ist kein Boden für Reformen und derartige Dinge, die sich nicht sofort bezahlt machen!“
Michael schüttelte den Kopf. „Amerika? Sollte es dort besser sein?“
„Vielleicht. Ich lese zuweilen in den Zeitungen, daß irgendein Millionär, der Zeit seines Lebens das Volk ausplünderte, plötzlich für eine Sache Unsummen stiftet. Hast du hier je so etwas gehört? Wie? Ich bitte dich! Bei den Riesenvermögen, die es hier im Lande gibt? Seitdem es keine Ordenssterne mehr gibt und tönende Titel, halten sie die Taschen noch ängstlicher geschlossen. Nein, glaube mir, Michael, hier ist kein Platz für dich, in diesem Lande und in diesem Europa!“ Wenzel wurde dunkel vor Zorn.
„Du scheinst kein besonderes Vertrauen in dieses Europa zu setzen!“ Michael lächelte.
„Nein! Wahrhaftig nicht! Sprich mir nicht mehr davon!“ rief Wenzel aus, und das Blut stieg ihm abermals ins Gesicht. „Lüge, Heuchelei, Egoismus, nationalistischer Wahnsinn und Größenwahn, das ist heute Europa. Ein materieller und moralischer Trümmerhaufen! Lassen wir das.“
„Höre, Wenzel,“ entgegnete Michael mit erhobener Stimme, „wenn Europa so ist, wie du es darstellst, müßte man dann nicht um so mehr bemüht sein, diesen Trümmerhaufen wegzuräumen und Europa neu aufzubauen?“
Mit Genuß verspeiste Wenzel die Pfirsich-Melba, die in einem mattsilbernen Pokal serviert wurde. Er schüttelte den Kopf und sagte ruhig und mit einer nicht ganz echten Gleichgültigkeit: „Wir wollen uns nicht ereifern, Michael. Glaube du, was du willst, und laß mir meinen Glauben. Ich fürchte nur, Michael – du wirst deine Wunder erleben. Ich fürchte es, ich fürchte! Kennst du denn diese Menschen? Nein, sage ich dir, du kennst sie nicht. Ich habe mich nun zwei Jahre mit ihnen herumgeschlagen, und ich weiß heute, wie sie sind.“ Mehr und mehr redete sich Wenzel ganz gegen seinen Willen wieder in Zorn. Er fletschte die Zähne, während er die Frucht in den Mund schob. „Für diese Menschen hier, für diese sogenannten Europäer, gibt es nur noch ein Ziel: Geld! Geld! Besitz! Dabei schreien sie immer, die Amerikaner seien Tag und Nacht auf der Jagd nach dem Dollar. Sie sind es, ja zum Teufel, sie selbst sind es! Geld! Und wenn der Staat dabei aus den Fugen geht!“ Wenzel lachte zornig auf und schlug mit der Hand auf den Tisch. „So sehen sie in Wahrheit aus, mein Brüderchen, verlasse dich auf mich. Alle diese berühmten Herren in ihren tadellosen Cutaways, Gamaschen und Seidenhüten, einer wie der andere. Für sie gibt es weder Umkehr noch Rettung.“
Michael schüttelte lächelnd den Kopf. „Du kennst nur einen geringen Teil der Gesellschaft, Wenzel,“ erwiderte er. „Ich kenne einen ganz anderen Teil. Ich kenne hunderte, die uneigennützig von früh bis spät in ihren Laboratorien und Bibliotheken arbeiten.“
„Nun schön, irgendwo in einem Winkel werden noch solche Käuze hausen. Von dir abgesehen, Michael, habe ich noch nie einen kennengelernt.“
„Sieh zu, Wenzel,“ fuhr Michael fort, „wenn es für diese Gesellschaft, wie du glaubst, keine Einsicht gibt, so müßte man trotzdem versuchen, sie vor dem Chaos zu retten, indem man soziale Ausgleiche schafft und eine neue Volksgemeinschaft anstrebt.“
Wenzel lachte zornig auf. „Sie wollen ja gar nicht gerettet werden!“ rief er. „Sie fühlen ja nicht einmal, daß der Boden unter ihnen schwankt. Sie wollen auch keinen Ausgleich. Zum Teufel, was für Worte gebrauchst du doch? Sie wollen alles für sich allein, und den anderen gönnen sie nichts. Das allein ist ihre Lebensanschauung! Ah, sieh da, jetzt kommen die Schnäpse.“
Michael aber gab sich nicht so rasch geschlagen. Er werde ihm, Wenzel, die Angelpunkte zeigen, um die sich diese Probleme bewegen, und sofort werde Wenzel begreifen –
Nunmehr gab Wenzel es auf, dem Bruder zu widersprechen. Mit großer Sorgfalt mischte er sich aus drei verschieden gefärbten Likören einen Schnaps zurecht. Dann betrachtete er Michael mit einem gutmütigen, nachsichtigen Lächeln. „Nun gut,“ unterbrach er ihn endlich, „glaube, was du willst. Ich für meine Person glaube nicht, daß diese Probleme gelöst werden können. Sie sind zu schwer, zu groß, zu verworren.“
„Sie werden gelöst werden, Wenzel! Trotzdem, trotz alledem!“ erwiderte Michael voll Überzeugung und Eifer.
Wenzel sah ihn erstaunt an. Dann lächelte er. „Willst du vielleicht diese Probleme lösen?“ fragte er und zwinkerte mit den Augen.
„Ja, ich will sie lösen!“ schrie Michael, nun war es an ihm, laut zu werden. „Ich, Michael Schellenberg, dein Bruder!“
Wenzel lehnte sich zurück, und es sah ganz so aus, als wolle er wieder in das laute, sarkastische Lachen ausbrechen, das Michael verletzte. Aber er tat es nicht. Er schwieg eine Weile, dann hob er das Glas und sagte: „Nun schön, Michael, auf deine Gesundheit! Vielleicht, es ist ja nicht unmöglich – löst du in der Tat diese Probleme! Denn du hast etwas, was zu diesen Dingen gehört. Du hast noch die Kraft zu glauben. Ich habe diese Kraft längst nicht mehr.“ Seine Hand zitterte heftig, als er das Glas zum Munde führte.
In diesem Augenblick trat der Direktor des Restaurants mit einer Verbeugung an den Tisch, um sich zu erkundigen, ob die Herren mit den Leistungen des Etablissements zufrieden seien.
Michael benutzte die Unterbrechung, um das Versprechen einzulösen, das er Lise gegeben hatte. „Ich habe versprochen zu telephonieren,“ sagte er, indem er sich erhob. „Wirst du mich eine Minute entschuldigen, Wenzel?“
16
Als Michael zurückkam, saß Wenzel in den Stuhl zurückgelehnt, die Zigarre im Munde, und betrachtete ihn mit einem spöttischen, aber gutmütigen Lächeln. „Nun, was sagte sie?“ fragte er, und seine grauen Augen blinkten.
Michael errötete. „Lise läßt dich grüßen,“ antwortete er. „Und sie läßt dich bitten, sie anzurufen.“
„Sie wird sich wohl noch etwas gedulden müssen.“ Wenzels Brauen zuckten. „Sie hat ja Zeit!“
Michael legte die Hand auf den Arm des Bruders und fügte leiser hinzu: „Und sie läßt dich bitten, zu ihr zurückzukehren. Sie quält sich, Wenzel! Was in aller Welt ist zwischen euch vorgefallen?“
Nun flammten Wenzels Augen auf. Sein Gesicht verdunkelte sich. „Ich werde nie, niemals zu ihr zurückkehren,“ sagte er mit großer Bitterkeit in der Stimme. Er schlürfte hastig den Kaffee. „Und nun werde ich dir erzählen, Michael,“ fuhr er fort. „Wir haben uns lange nicht gesehen, und in dieser Zeit ist vieles geschehen, vieles! Ich werde dir berichten, wie alles gekommen ist. Lange, viel zu lange sprachen wir uns nicht.“
„Es ist nicht meine Schuld, Wenzel. Du weißt es.“
Wenzel atmete erregt. „Also höre,“ begann er, „um mit der einen Sache anzufangen: Ich habe nichts gegen Lise, hörst du? Ich schätze sie, ich achte sie. Ich habe sogar etwas Liebe für sie übrig behalten. Manchmal habe ich sogar Sehnsucht nach ihr – und den Kindern. Trotzdem werde ich nicht zu ihr zurückkehren, nie, nie! Und weißt du weshalb, Michael? Ich werde es dir offen bekennen: weil sie mir im Wege ist.“
„Wie soll ich das verstehen?“ fragte Michael. „Sie ist dir im Wege? Lise?“
„Nun, die Worte scheinen doch klar zu sein,“ fuhr Wenzel mit einem feindseligen Klang in der Stimme fort. „Sie ist mir im Wege! Sagt das nicht genug? Auch ich habe nämlich meine Pläne, mein Brüderchen, genau wie du. Meine Pläne sind allerdings ganz anderer Art, ganz anderer. Und bei diesen Plänen steht mir Lise im Wege. Das ist alles! Übrigens,“ unterbrach er sich, „von diesen Plänen wirst du später erfahren. Du hast ja mit Lise gesprochen. Was hat sie dir über mich gesagt?“
Michael gab einen kurzen Bericht seines Besuches. Er vermied es, dabei den Bruder anzusehen.
Wenzels Augen aber waren forschend auf ihn gerichtet. „Und? Und du verschweigst mir nichts? Hat sie mir nicht Vorwürfe gemacht? Hat sie nicht diese Geschichte mit Raucheisen wieder vorgebracht? Schon errötest du! Hat sie nicht auch Andeutungen gemacht, daß ich inkorrekt gehandelt hätte, sogar ein bißchen – sagen wir – sagen wir es offen: ein bißchen ehrlos?“
„Nicht in dieser Form, keineswegs, Wenzel.“
Wenzel lachte bitter. „Da siehst du es. Sie sollte mich kennen, und sie sollte – wäre das nicht das Selbstverständliche – mich decken, für den Fall, daß irgend etwas vorgefallen wäre. Niemand ist auch nur auf den Gedanken gekommen, daß ich bei Raucheisen irgend etwas Inkorrektes getan hätte. Da fing Lise an, Gerüchte auszustreuen. Irgend etwas müsse da vorgefallen sein! Nun, du hast ja gehört, wie weit sie schließlich gegangen ist. Schließlich hat sie ihrer ganzen Bekanntschaft erzählt, daß ich ein Defraudant sei.“
„Ich beschwöre dich, Wenzel!“ fiel ihm Michael ins Wort.
Wenzel hob die große Hand und legte den Kopf zur Seite. „Nun, lassen wir das, es ist nicht wesentlich. Soll sie behaupten, was sie will. Sollen die Leute glauben, was sie wollen. Was kümmert es mich? Es ist mir völlig einerlei. Es ist mir sogar einerlei, wenn sie glauben, daß ich Raucheisens Tresor ausgeplündert habe. Ich bin so weit gekommen, daß ich auf das Urteil meiner Mitmenschen keinen Wert mehr lege.“
Michael schwieg. Welche Bitterkeit, dachte er, was muß mit Wenzel vorgegangen sein?
„Sieh, das mit Lise ist also sehr einfach,“ fuhr Wenzel, seine Erregung beherrschend, fort. „Sie ist mir im Wege. Das ist die ganze Erklärung. Ich kann sie nicht brauchen. Sie langweilt mich. Ich bin nicht für die Ehe geschaffen, Michael, und du bist es auch nicht, glaube ich. Du weißt, ich habe Lise seinerzeit entführt. Was würde ich heute dafür geben, wenn es möglich wäre, sie ihrer Mutter wieder zurückzubringen!“
„Das ist häßlich von dir!“ rief Michael empört aus.
„Häßlich? Vielleicht! Aber es ist die Wahrheit, und ich habe mir vorgenommen, mit dir offen und aufrichtig zu sprechen. Du sollst dann urteilen. Du magst mich dann selbst verurteilen. Aber nun weiter! Ich habe vom frühen Morgen bis in die späte Nacht bei Raucheisen gearbeitet. Ich stand also sehr früh auf, heißt das, und kam erschöpft nach Hause. Lise pflegt lange liegen zu bleiben und nach Tisch eine Stunde zu ruhen. Da ist es natürlich kein Kunststück, am Abend frisch und munter zu sein. Abends gingen wir aus. Sie schleppte mich zu ihrer langweiligen, hochmütigen Verwandtschaft, in Theater, Konzerte. Das alles kostete Kraft und vor allem Geld. Ich schaffte das Geld herbei, und das Geld zerrann in Lises Händen. Sie verschwendet nicht, aber sie versteht nicht zu wirtschaften. Sie hat auch gar keine Zeit, sich mit diesen lächerlichen Dingen abzugeben. Du weißt, sie ist Sängerin. Sie hat eine sehr hübsche Stimme, und du weißt ja auch, daß ein ‚berühmter Gesangspädagoge‘ ihr prophezeit hat, daß sie Primadonna an der Scala von Mailand werden würde. Ich wünsche ihr viel Glück. Wir Männer haben unsern Beruf und machen nicht viel Aufhebens davon. Aber wenn eine Frau einen Beruf hat, so ist dieser Beruf der Mittelpunkt, um den sich alles dreht, Haushalt, Kinder, alles. Natürlich mußte Lise öffentlich auftreten. Sie hat zwei Konzerte gegeben und immerhin einige Erfolge gehabt. Die Konzerte mußte ich bezahlen. Ich bezahlte den Agenten, den Saal, den Pianisten, die Blumensträuße, mit einem Worte, alles. Das Kleid für die Konzerte kostete mich ein halbes Monatsgehalt. Und dazu die Aufregung! Acht Tage vor dem Konzert ist sie krank. Zwei Stunden vor dem Konzert ist sie vollständig heiser. Der Agent fleht. Und schließlich steht sie strahlend auf dem Podium. Soll sie ihren Weg zur Scala machen, aber soll sie es allein tun und mich nicht verrückt machen! Ich gebe dir einen Rat, Michael, wenn du einmal heiraten solltest, so heirate nie eine Frau mit einem Beruf, und vor allem, heirate nie eine Sängerin. Heirate überhaupt nicht, wenn es dir möglich ist! Denn du heiratest ja nicht die Frau allein, du heiratest ihre ganze Verwandtschaft, du heiratest ihre Gewohnheiten, Fehler, Laster, alles.
Lise hat es immer gut gemeint, ich möchte gar nichts gegen sie sagen, aber es lag an ihrer Erziehung, und es lag an ihrer Anschauung, daß sie mich langsam an Händen und Füßen knebelte. Keine Angst, Michael, es waren keine Ketten, die man meilenweit rasseln hörte, es waren dünne Stricke, ein kleiner Ruck, und ich war frei. Es gibt eben Menschen, die auch nicht einen Bindfaden um den kleinen Finger vertragen, und zu diesen gehöre ich. Verstehst du jetzt, Brüderchen?“
Michael saß lange still. „Ich sollte meinen,“ begann er dann nachdenklich, „daß sich doch irgendein Weg finden lassen sollte. Vergiß nicht, da sind auch deine Kinder.“
Wenzel schüttelte den Kopf. „Ich bin nicht sentimental. Zuweilen habe ich Sehnsucht nach den beiden Kleinen. Aber es vergeht wieder. Auch Kinder sind solche Fesseln, und ich habe mir vorgenommen, alle Fesseln abzuschütteln. Ich sehe schon, daß ich dich mit meiner Erklärung nicht befriedigen kann. Du hast noch immer nicht begriffen, daß es unmöglich ist, unter diesen Verhältnissen einen Weg zu gehen, der die ganze Kraft eines Mannes braucht.“
Michael sah den Bruder mit forschendem Blick an. „Was für ein Weg ist das, von dem du immer sprichst?“ fragte er.
„Nun, auch das sollst du hören. Aber wir wollen jetzt eine neue Flasche bestellen. He, Kellner!“
17
Die neue Flasche war angekühlt. Wenzel biß die Spitze einer Zigarre ab und steckte sie umständlich in Brand. Dann legte er die Hand auf den Arm Michaels.
„Um alles zu verstehen, Michael, muß ich dir aber meine Geschichte mit Raucheisen erzählen.
Du weißt, wie ich zu Raucheisen kam. Ich glaube, ich habe es dir einmal geschildert. Raucheisens Sohn – er war der einzige Sohn des alten Raucheisen, Otto, und da ist noch seine Tochter Esther, jetzige Lady Weatherleigh, die kürzlich diesen englischen Schiffsreeder geheiratet hat –, also dieser Otto Raucheisen hauste mit mir über ein Jahr in einem Unterstand an der Westfront. Er ist gefallen und starb in meinen Armen. Der alte Raucheisen wünschte Näheres zu hören, und da er einer der Gewaltigen Deutschlands war, so schickte man mich hin, um Bericht zu erstatten. Diese Szene werde ich dir nicht erzählen, vielleicht gelegentlich einmal. Darüber spreche ich nicht gerne. Nun, Raucheisen entließ mich mit den Worten, daß er mir jederzeit zur Verfügung stände, wenn ich einmal irgendeinen Wunsch hätte. ‚Sie haben meinem einzigen Sohn in seiner Todesstunde Beistand geleistet‘, sagte er, ‚ich bin Ihnen für immer verpflichtet‘. Schön, schön.
Der Krieg war zu Ende, und ich saß auf der Straße. Vier Jahre lang hatte ich den Buckel hingehalten, die Heimat mit meinem Leibe gedeckt, wie es so schön hieß, und nun konnte ich krepieren. Da ich nichts gelernt hatte und nichts konnte, so wollte ich in das neue Heer eintreten. Aber Lises Mutter schlug die Hände über dem Kopf zusammen. ‚Um Himmels willen, wie kannst du, nie, niemals!‘ Sie würde es nicht überleben. Du kennst sie ja, diese eingebildete Närrin!
Schön, ich fügte mich also dieser albernen alten Frau, die mit ihrem Dünkel ihre ganze Umgebung tyrannisiert. Irgendwo würde sich ja wohl Beschäftigung für mich finden. Ich ging von Pontius zu Pilatus, und überall war man sehr höflich, notierte sich meine Adresse, und ich hörte nichts weiter. Viele meiner Kameraden saßen in herrlichen Stellungen. Ja, zum Teufel, wie waren sie zu diesen herrlichen Stellungen gekommen? Sie saßen die letzten Kriegsjahre in Kriegsämtern, Beschaffungszentralen und allen möglichen Institutionen, wo sie Beziehungen zur Industrie anknüpfen konnten. Ich will nichts dagegen sagen, kein Wort, um Gottes willen, mißverstehe mich nicht, aber sie haben eben diese Beziehungen anknüpfen können, und diese Beziehungen haben sich schließlich prachtvoll verwenden lassen. Siehst du, es gab da zum Beispiel Geheimräte, die die Verhandlungen in der Abfindung der Schiffahrtsgesellschaften zu führen hatten, sie sind heute in leitenden Stellungen bei diesen Schiffahrtsgesellschaften. Das sind, mein lieber Freund, die guten Beziehungen. Auf deine Gesundheit!
Also ich hatte keine Beziehungen, und da ich ebensowenig wußte und konnte wie die andern, so kam ich nirgends an. Schließlich, nachdem Lises Briefe immer jämmerlicher wurden und immer flehender, schließlich tat ich das, was Lise und ihre Mutter von vornherein als das Selbstverständliche empfohlen hatten: nämlich, ich wandte mich an den alten Raucheisen. Du kannst meine Gründe verstehen, weshalb ich es nicht gerne tat. Sein Sohn war zufällig in meinen Armen gestorben, und dafür sollte ich – nun, es war nicht meine Sache. Aber schließlich gab ich auch in diesem Punkte nach. Du kannst beobachten, daß ich bisher in allen Punkten nachgegeben habe – nun, das ist jetzt zu Ende.
Ich schrieb also an Raucheisen, und zu meinem größten Erstaunen antwortete er mit wendender Post. Drei Tage später war ich mit einem glänzenden Gehalt engagiert. Ich sage offen: glänzend, denn meine Leistungen waren anfangs gleich Null. Ich wurde zu einem von Raucheisens Sekretären abgerichtet. Punkt einhalb acht Uhr mußte ich anwesend sein. Um sechs Uhr steht Raucheisen auf. Es kommt der Masseur, der Friseur, der Bademeister. Der Kammerdiener kleidet ihn an, und ein Viertel vor sieben sitzt Raucheisen am Frühstückstisch, und ein Viertel nach sieben trägt ihn der Wagen in sein Bureau. Wir Sekretäre harren auf das Klingelzeichen des Gebieters. Wir haben zu erinnern, zu notieren, wir sind lebendige Terminkalender. Wir führen Unterhandlungen mit den einzelnen Direktoren und Abteilungschefs, wir notieren, erstatten Bericht. Es war ein infernalischer Dienst, mit einem Wort.
So verlief mein Leben anderthalb Jahre lang. So lange, mein lieber Michael, dauerte es also, bis ich begriff – kannst du dir denken, was ich begriff –?“
Ohne Michaels Antwort abzuwarten, fuhr Wenzel fort: „Du kannst es dir nicht denken, Michael, also will ich es dir offen sagen – bis ich begriff, daß ich ein vollendeter Narr war! Wie alle andern Sekretäre und Direktoren, die sich um die Sonne Raucheisen drehten. Viele von diesen Narren haben es heute noch nicht begriffen und werden es nie begreifen.“
„Ja, weshalb warst du denn ein Narr?“ fragte Michael.
Wenzel brach in ein lautes Gelächter aus. „Weshalb?“ erwiderte er, indem er die Gläser auffüllte. „Das sollst du gleich erfahren. Ein Narr war ich und dazu noch ein unwürdiger und lächerlicher Narr! Bei meiner Vorstellung hatte sich Raucheisen meiner natürlich noch erinnert und sich die Mühe genommen, mit mir fünf Minuten zu plaudern, mit einem etwas geheuchelten Interesse zwar, aber immerhin mit einem menschlichen Ton in der Stimme. Er hat mir nie verziehen, daß er weinte – was ist natürlicher? –, als ich ihm den Tod seines Sohnes schilderte. Und doch, dieser Otto Raucheisen hat mich durch und durch mit Blut getränkt, und ich mußte ihm Mut zubrüllen, weil er so schreckliche Angst vor dem Tode hatte. Doch das gehört nicht hierher. Fortan aber war ich für Raucheisen ein Automat wie alle seine Mitarbeiter. Er sah mich von dieser Zeit an kaum noch an. Er hatte eine leise, etwas belegte Stimme, aber er sprach nur so leise, um Kraft zu sparen. Er ist das verkörperte Prinzip der Ökonomie der Kräfte. Da saß er also, der kleine alte Mann, etwas zusammengekrümmt, wachsgelb von seinem Leberleiden, eine gelbe, mattglänzende Glatze mit Wölbungen und Buckeln. Du hast ihn nie gesehen?“
„Nein.“
„Er hat den Kopf eines Römers, in heller Bronze gegossen. Tiefe Augengruben, eine Hakennase, breite, satte Lippen mit tiefen Rissen. Die Unterlippe ist besonders breit und besonders satt. Aber vielleicht ist das mit dem Bronzekopf übertrieben. Man könnte auch sagen, sein Kopf sei in Wachs modelliert, und wenn er die breiten Lippen öffnet, so sieht man kleine Zähne, Puppenzähne, und seine Augen sind wie kleine grüne Glaskugeln, scharf und ängstlich, fast feige. Nein, Michael, er ist jemand, glaube es mir, und wenn ich abfällig über ihn urteile, so mußt du manches abstreichen, denn ich – hasse ihn! Das war er also: Johann Karl Eberhard Raucheisen, dem ein Fürstentum unter der Erde gehört und ein Fürstentum über der Erde. Vor dreißig Jahren hatte er das horizontale Prinzip der Vertrustung begonnen, seit zehn Jahren war er zum vertikalen Prinzip übergegangen. Erst hatte er nur Eisen und Kohle. Dann produzierte er alles, vom Dampfkessel bis zum Rasiermesser. Und heute hat er seine eigenen Dampfer, um seine Produkte zu befördern. Der Konzern ist so groß, daß niemand imstande ist, ihn mit allen seinen Verzweigungen zu überblicken – aber Raucheisen tut es! Ich habe heute noch die größte Bewunderung für ihn, trotz allem. Es gibt keinen zweiten Kopf wie ihn in ganz Deutschland.“
„Wie hast du dich mit ihm verstanden?“
„Eigentlich sehr gut. Ich war ja ein Automat, und unser Verkehr vollzog sich ohne jede Reibung. Langsam aber begann ich den alten Mann zu hassen. Ich haßte seine Kälte, oft saß er da, klein, in sich zusammengezogen, ganz Eis und Gefühllosigkeit. Ich haßte seine menschliche Teilnahmlosigkeit. Zu welchem Zwecke arbeitete dieser alte Mann vom frühen Morgen bis in die späte Nacht? Es galt, dieses große Werk zu verwalten. Gut. Aber weshalb vergrößerte er es fast täglich? Und langsam begriff ich, daß nicht er das Werk dirigierte, sondern das Werk ihn. Er war ein Sklave dieser unheimlichen Maschinerie geworden, die er aufgebaut hatte. Ich fühlte seinen Geiz in allen, auch den kleinsten Dingen. Dieser Geiz war entsetzlich. Ich fühlte seine Habgier. Und ich begriff endlich, daß er gar nicht der Idee diente, dieses Werk zu verwalten, sondern daß es sein einziges und wahres Ziel war, Geld zusammenzuraffen. Und das ist die Wahrheit! Und als ich dies begriffen hatte, haßte ich ihn noch mehr!
Ein einziges Mal, da verriet er sich. Du wirst wissen, daß er wie ein Rasender aufkaufte, mit Krediten der Reichsbank, die er mit entwertetem Gelde zurückzahlte. Ganze Komplexe, Walzwerke, Gruben bekam er fast umsonst. Bei einer großen Transaktion, wo er einen beträchtlichen Teil seines Vermögens einsetzte, wagte einer der Finanzdirektoren einzuwerfen, daß doch der Tag kommen könne, da die Mark plötzlich steigen werde. Raucheisen schüttelte den Kopf und lächelte. Er lächelte nur sehr selten und dann das Lächeln eines eitlen alten Mannes, und dann sah man seine kleinen, schmalen Zähne, die ich hasse. ‚Die Mark wird sinken, bis sie in Atome zersplittert ist,‘ sagte er. ‚Es gibt keine Macht der Welt, sie aufzuhalten, ich weiß es. Ich weiß es seit‘ – nun höre, Michael, seit wann er es wußte! Mit einem triumphierenden Lächeln sagte er: ‚Ich weiß es seit der Marneschlacht und habe danach meine Finanzpolitik eingerichtet.‘“
„Sagte er das wirklich? Oh, wie schändlich!“
„Michael, ich begriff es vorerst nicht! Aber dann begriff ich es, und dann verstand ich es. Seit der Marneschlacht spekulierte er auf das Fallen der Mark. Während ich Narr noch da draußen im Dreck herumlag, während wir uns alle noch in Fetzen schießen ließen, war dieser alte Mann schon längst an der Arbeit, aus unserm sicheren Untergang Geld zu machen.
So kam es, daß ich ihn von Tag zu Tag mehr haßte. Einmal geschah es, daß ich zehn Minuten zu spät kam. Er blickte auf die Uhr und sagte, ohne mich anzusehen: ‚Sie sind zehn Minuten zu spät.‘ Ich erwiderte: ‚Der Wagen wurde aufgehalten.‘ Daran antwortete er nichts mehr, und dieses Schweigen war viel beleidigender als irgendwelche Vorwürfe. In diesem Augenblick fühlte ich ganz das Entwürdigende meines Automatendaseins. Ich fühlte die Unverfrorenheit, die Kälte, die Härte, die scheinbar selbstverständliche Unverschämtheit, die der Reichtum einzugeben scheint.
Ich fühlte, so geht es nicht weiter. Und schon damals – verstehe mich recht –, schon damals begann ich meine Maßnahmen zu treffen. Ich hatte es satt, mich täglich beleidigen und demütigen zu lassen. Der Haß trat mir in die Augen, wenn ich den alten Mann nur ansah. Aber siehst du, er beachtete mich ja gar nicht.
Ein halbes Jahr später hatte ich verschlafen und kam fünfzehn Minuten zu spät. Nun mußt du wissen, daß ich fast anderthalb Jahre bei Raucheisen war und im ganzen acht Tage Urlaub gehabt hatte. An diesem Tage sagte Raucheisen nichts. Ich empfand deutlich die Kälte, die er ausströmte. Am nächsten Tage wurde ich in eine andere Abteilung versetzt. Er hatte kein Wort gesprochen, er hatte sich nicht von mir verabschiedet. Das setzte allen Kränkungen die Krone auf.
Aber die Ungnade des alten Mannes war mein Glück. In dieser Abteilung hatte ich viel mehr Zeit, viel mehr Sammlung, und ich konnte meinen Schlachtplan ausarbeiten. Nun sollst du weiter hören, und es wird dir Vergnügen machen. Aber erst wollen wir den Musikern ein Glas schicken!“
Eine kleine russische Kapelle war in das Restaurant gekommen und hatte zu konzertieren begonnen. Wenzel beorderte den Kellner und ließ der Kapelle Erfrischungen schicken. „Sie sollen das Wolgalied spielen!“ Und, schon spielten und sangen die Russen das Wolgalied.
„Höre!“ rief Wenzel aus. „Das ist ein Lied! Höre zu, dieses Lied berauscht mich, und ich höre es immer in meinen Ohren, seitdem ich unterwegs bin.“
Michael zog die Uhr und berichtete Wenzel etwas verlegen, daß er Lise versprochen habe, bis elf Uhr telephonisch Nachricht zu geben. „Willst du ihr nicht irgendein gutes Wort durch das Telephon sagen, Wenzel?“ bat Michael den Bruder.
Wenzel schüttelte nur heftig den Kopf. Er brauste nicht mehr auf, der Wein hatte ihn schon versöhnlicher und milder gestimmt. Aber er blieb halsstarrig. Michael wagte einen neuen Versuch. Lise sei vorhin am Apparat so außerordentlich erregt gewesen, daß er aufs äußerste erschrocken sei. Lise habe erklärt, daß sie die Nacht nicht überleben würde, wenn Wenzel nicht nach Hause käme. Sie habe gedroht, sich aus dem Fenster zu stürzen.
Nun stieg Wenzel das Blut ins Gesicht. Er beherrschte sich jedoch, sein Atem ging schwer. „So soll sie sich meinetwegen aus dem Fenster stürzen!“ sagte er, und sein Mund war hart und brutal. „Möchten doch alle Menschen in die Hölle gehen, die ihre Mitmenschen mit diesen feigen Drohungen quälen!“
Michael stand auf. „Nun, ich werde ihr irgendein Wort sagen, um sie zu beruhigen. Zum Beispiel, daß du sie morgen anrufen wirst.“
„Sage, was du willst,“ sagte Wenzel, schon wieder etwas ruhiger.
18
Schweren Herzens forderte Michael die Verbindung. Es gab nichts Peinlicheres für ihn, als Notlügen gebrauchen zu müssen. Lieber Himmel, was sollte er der unglücklichen Lise nur sagen? Er würde ihr also erzählen, daß sie einträchtig beisammen säßen, daß er Wenzel versöhnlicher gestimmt habe und morgen bei ihr vorsprechen werde, um ihr über alles zu berichten, daß er – aber, siehe da, Lise war gar nicht zu Hause.
„Gnädige Frau ist ausgegangen,“ sagte das Mädchen.
„Sie ist nicht zu Hause?“
„Nein, sie ist bei Major Puchmann und kommt erst gegen zwölf Uhr zurück.“
Michael atmete auf.
Das Wolgalied hatte stürmischen Applaus. Wenzel war aufgestanden und trank der russischen Kapelle mit einer begeisterten Geste zu.
„Spielt es nochmals!“ schrie Wenzel den Musikern zu. Er hatte leuchtende Augen. „Welch ein Lied, Michael! Höre doch.“
Die Kapelle spielte das Lied abermals.
„Lise ist bei Major Puchmann,“ berichtete Michael, als die Kapelle geendet hatte.
Wenzel lachte laut heraus. „Siehst du!“ rief er. „So sind die Frauen! Man darf sie nicht zu ernst nehmen. Ach, wir wollen sofort eine neue Flasche bestellen. He, Kellner!“
„Und nun, Wenzel, erzähle weiter,“ sagte Michael, nachdem der Kellner die neue Flasche gebracht hatte. „Du sagtest vorhin, dieses Lied klänge in deinen Ohren, seitdem du unterwegs bist. Unterwegs? Was heißt das? Ein merkwürdiger Ausdruck!“
Wenzel nickte. „Ja,“ erwiderte er, „seitdem ich unterwegs bin. Du mußt nämlich wissen, daß ich schon seit Monaten unterwegs bin!“
„Also sprich deutlicher! Was tust du, was willst du? Was hast du vor?“
„Was ich vorhabe, Michael? Ich werde es dir mit einem Worte sagen!“ Wenzel sah Michael mit starren, glänzenden Augen an. „Ich bin unterwegs, ein Raucheisen zu werden,“ sagte er dann.
Michael begriff nicht. „Ein Raucheisen?“
„Ja, ein Raucheisen!“
Michael sah den Bruder verblüfft und völlig verständnislos an. „Ist es wirklich dein Ernst?“ sagte er. „Was heißt das, ein Raucheisen zu werden?“
„Was das heißt? Mißverstehe mich nicht. Nicht einer von jenen kleinen Raucheisen, wie es Dutzende gibt, sondern ein wirklicher Raucheisen. Wenn er es vermocht hat, weshalb soll ich es nicht können? In dieser Zeit des wirtschaftlichen Chaos ist alles möglich.“
Michael war noch immer fassungslos. „Aber ich verstehe nicht, was für einen Sinn soll es haben, was für einen Zweck? Sagtest du vorhin nicht selbst –“
Aber Wenzel unterbrach ihn: „Ein Raucheisen, weißt du, was das bedeutet? Es bedeutet absolute und letzte Unabhängigkeit! Ich will, siehst du, um es kurz zu sagen, auch endlich zu den Leuten gehören, die auf den Knopf drücken, und dann kommen die Sekretäre herein, und die Autos fahren vor. Ich habe keine Lust mehr, als Automat behandelt zu werden und andern Leuten den Narren zu machen. Wozu? Ein schönes Leben, schöne Dinge, Pferde, Automobile, Wein, Frauen, Reisen.“
Michael schüttelte den Kopf. „Aber ist dies ein Ziel?“ fragte er. „Kann dies einen Lebensinhalt bilden?“
„Lebensinhalt? Ziel? Was für große Worte. Ich bin kein ägyptischer Pharao.“
„Wie soll ich das verstehen?“
„Wäre ich ein ägyptischer Pharao, so würde ich mir sagen: Es ist einerlei, wie lange und auf welche Weise ich lebe – in meiner Pyramide werde ich ewig leben. Aber ich habe keine Ewigkeit vor mir. Wenn ich tot bin, ist alles zu Ende. Ich bin nicht dünkelhaft genug, um an ein ewiges Leben zu glauben. Fünfzig, sechzig Jahre, und in dieser Zeit muß alles vollendet sein. Alle denken so, heute, mehr oder weniger bewußt. Daher unsere Eile – Schnellzüge, Schnelldampfer, Flugzeuge. Um aber diese fünfzig, sechzig Jahre vollzufüllen, vollzufüllen bis zum Rand, Michael, dazu brauche ich Geld, Geld! Habe ich Geld, so habe ich alles: Freiheit, Gesundheit, die Erde, die Sonne, Schönheit, Liebe – alles andere ist Unsinn.“
Michael war erbleicht. Er schüttelte ganz verstört den Kopf. „Wie töricht, wie töricht,“ wiederholte er fast zornig. „Wenzel! Sprachst du nicht selbst vorhin voller Verachtung –?“
„Verstehe mich recht, Michael. Ein Ziel muß der Mensch haben, und wenn es auch nicht gerade ein erhabenes Ziel ist. Was ich soeben sagte, ist meine Philosophie, und danach will ich handeln. Verächtlich oder nicht, das ist mir gleichgültig. Ich habe nicht die Gabe, mich für eine Idee zu begeistern wie du. Ich habe auch, offen gestanden, keinen Glauben an die Menschen mehr.“
„Keinen Glauben an die Menschen mehr?“
„Glauben? Haß, Verachtung, das ist alles, was mir blieb. Oh, ich verabscheue sie. Ich habe ihre Feigheit, Grausamkeit, Eitelkeit, ihren Geiz, ihre Habsucht, Albernheit und ihren schmutzigen Egoismus zur Genüge kennengelernt. Ich glaube auch nicht mehr an sogenannte Ideale. Siehst du, so völlig bankerott bin ich, Michael. Ganz wie diese Zeit und diese Welt, in der alles bankerott geworden ist, Glaube, Wissenschaft, alles.“
„Täusche dich nicht,“ warf Michael sofort eifrig ein. „Keineswegs ist der Glaube bankerott. Fühlst du nicht, daß in allen Herzen ein neuer Mystizismus erwacht? Und die Wissenschaft? Der Materialismus ist bankerott, nicht sie. Die Wissenschaft ist soeben in eine neue Epoche eingetreten, die glänzender sein wird als alle vergangenen.“
„Sei es,“ entgegnete Wenzel, „du kannst recht haben. Aber du kannst mich nicht überzeugen! Du kannst rufen, so laut und so lange du willst, ich höre und verstehe dich nicht mehr, Bruder. So wahr es ist, daß du der einzige Mensch bist, den ich liebe und achte, so wahr ist das, was ich sage.“ Wenzel deutete auf sein Herz. „Hier liegt ein Toter. Er steht nicht mehr auf,“ sagte er etwas pathetisch.
Es war nicht so sehr das Bekenntnis Wenzels, das Michael erschütterte, es war der verzweifelte, zynische Ton, in dem er es vorbrachte. „Nun bedaure ich es noch mehr,“ sagte er, „daß du mich nicht auf dem Land besucht hast, vielleicht wärst du dort auf andere Gedanken gekommen.“
„Wie konnte ich denn?“ erwiderte Wenzel. „Bedenke, mein Ziel reizt mich ebenso, wie dich das deine reizt. Es lockt, und ich kann nicht mehr widerstehen. Es ist zu spät, Michael. Ich bin auf dem Absprung! Hörst du? Ich bin auf dem Absprung. Mehr noch: ich bin schon abgesprungen! In die Leere – in das Nichts vielleicht. Ich weiß, daß es kein großes Ziel ist. Trotzdem! Ob ich zurückkehre und wie ich zurückkehre, wer weiß es? Komm, und nun sollst du etwas sehen, Michael!“
Hastig brach Wenzel auf.
Vor dem Restaurant stand eine elegante, schwarzlackierte Limousine. „Steige ein,“ sagte Wenzel mit einer fast knabenhaften Freude über Michaels verblüfftes Gesicht.
„Ist es dein Wagen?“ fragte Michael.
„Natürlich ist es mein Wagen. Anders geht es nicht.“
Der Wagen hielt vor einem Bureaugebäude in der Wilhelmstraße. „Folge mir,“ sagte Wenzel, und zögernd kam Michael hinterher. An einer Tür stand nichts geschrieben als „Schellenberg“. Ein Diener öffnete, und Wenzel führte Michael durch eine Flucht großer Arbeitsräume voller Schreibmaschinen und Bureaumöbel. Alles war völlig neu. Man roch noch Lack und Farbe.
„Das alles hier ist Schellenberg,“ sagte Wenzel mit einem fröhlichen Lachen. „Wir haben diese Räume erst vor einer Woche bezogen. Vorher hauste ich in ein paar Löchern in einem Hof, ganz im Geheimen, sozusagen.“ Wenzel öffnete eine Tür und führte Michael in ein sehr bescheiden eingerichtetes Schlafzimmer. Neben der eisernen Bettstelle stand ein Stuhl mit einem Telephonapparat. „Das hier sind meine Privatgemächer,“ erklärte Wenzel. „Vorläufig, Bruder, vorläufig nur. Wir wollen sehen, ob ein Schnaps zu finden ist. Ah, siehst du, hier. Ich bitte dich herzlich, Michael, ein Gläschen wollen wir noch trinken, bevor die große Reise weitergeht.“
Michael staunte noch immer. „Was tust du eigentlich?“ fragte er den Bruder. „Was für eine Firma hast du? Wie hast du dies alles geschaffen?“
Gerade auf diese Frage hatte Wenzel gewartet. Hätte Michael nicht gefragt, so hätte er von selbst davon zu sprechen begonnen. „Was ich tue?“ fragte er und ging, die Hände in den Hosentaschen, auf und ab. „Ich kaufe, ich verkaufe. Ich fing damit an, die Holzladung eines viertausend Tonnen großen finnischen Dampfers zu kaufen. Es war Grubenholz, das der Raucheisenkonzern aus irgendeinem Grunde nicht abgenommen hatte. Ich erfuhr es und kaufte das Holz auf eigene Rechnung. Ich verkaufte die Ladung zwei Wochen später, ohne sie je gesehen zu haben. So fing es an.“
„Hattest du denn Geld?“ unterbrach ihn Michael.
Wenzel lachte. „Geld? Ich hatte kein Geld, aber ich hatte Kredit. Damals war ich ja noch bei Raucheisen. Es gab Bankfirmen, die auf meine Vermittlung, Empfehlung und Freundschaft angewiesen waren. Eine einzige Information von meiner Seite konnte ein kleines Vermögen bedeuten.“
„Ah, jetzt fange ich an, zu begreifen.“
„Ich habe, höchst einfach, meine Verbindungen mit dem Raucheisenkonzern benutzt, wie andere ihre Verbindungen benutzten. Es ist vielleicht nicht vollkommen – wie soll ich sagen – honorig, aber ich habe mir diese feinen Unterschiede längst abgewöhnt. Dann kaufte ich ein kleines Bergwerk im Anhaltischen, um es nach einem Monat wiederum an einen Holländer zu verkaufen. Es war ein großes Geschäft, das mir die nötige Anfangsgeschwindigkeit gab, und doch habe ich dafür nicht einen Pfennig Geld ausgegeben. Ich habe das Bedürfnis, mich dir mitzuteilen, Michael, und so will ich dir nicht verhehlen, daß dieses Bergwerk Raucheisen angeboten war. Raucheisen zögerte. Ich kam ihm zuvor und ließ das Bergwerk rasch durch meine Bank ankaufen. Nun brauchte ich Raucheisen nicht mehr. Ich kündigte meine Stellung. Nicht er hat mich entlassen, ich entließ ihn! Das kannst du Lise sagen! Und so ging es weiter. Ich lieh Geld und arbeitete damit, ganz wie andere es machen, ganz wie Raucheisen es macht. Zur Zeit spezialisiere ich mich auf Papierfabriken.“
Michael erhob sich. „Nun gut, ich wünsche nur, daß du es nicht bereust.“
„Schön, dann also lebe wohl! Unsere Wege werden sich wohl vorläufig etwas trennen, so fürchte ich.“
„Ich fürchte es,“ antwortete Michael und blickte zu Boden.
„Warte, halt!“ rief Wenzel und ging an einen Schreibtisch. „Ich will dir etwas sagen, Michael. Du kannst vielleicht Geld brauchen, für deine Pläne, und ich habe gerade Geld. Nimm es. Wie gesagt, mein Gewissen ist noch nicht ganz so abgestumpft wie das anderer Geschäftsleute. Zuweilen ist es noch ein bißchen beunruhigt. Ich möchte mich sozusagen freikaufen mit diesem Scheck, von gewissen sozialen Verantwortungen, und du tust mir einen großen Gefallen, wenn du ihn annimmst.“
Es war ein Scheck von außerordentlicher Höhe.
„Schön,“ sagte Michael. „Ich nehme den Scheck, denn ich gebrauche ja das Geld nicht für mich. Gut, gut, und nun lebe wohl!“
Die Brüder reichten sich die Hände und sahen sich in die Augen. Oh, es hatte keiner Angst vor dem andern, und keiner wich um einen Millimeter zurück.
„Den Wagen!“ rief Wenzel dem Diener zu.
„Danke,“ antwortete Michael. „Ich gehe zu Fuß. Lebe wohl!“
Und er ging mit der Trauer im Herzen, seinen Bruder verloren zu haben.
19
Was Georg Weidenbach in den ersten Wochen nach seiner Abfahrt von Berlin da draußen auf dem Lande erlebte, schien ihm gleich verwunderlich wie das sonderbare Haus in der Lindenstraße.
Er meldete sich in der kleinen Stadt, die man ihm bezeichnet hatte, und hier schickte man ihn in ein Dorf, Dobenwitz, etwa eine halbe Wegstunde entfernt. Die Nacht sank schon über das flache, öde Land, als Georg, erschöpft und vor Kälte zitternd, Dobenwitz zu Gesicht bekam. Bei den ersten Hütten holte ihn ein klingender, mutiger Schritt ein. Ein junger, breitschultriger Mann in einer gestrickten Wolljacke trat dicht an ihn heran und blickte ihm unter den Hut.
„Zur Arbeitsstelle?“ fragte er mit einer hellen, freundlichen Stimme, die augenblicklich Georgs Vertrauen gewann. „Nun, so gehen wir zusammen.“ Der breitschultrige junge Mann in der Wolljacke war munter und gesprächig. Er erzählte, daß er Schlächter sei, Moritz mit Vornamen, aber es seien elende Zeiten. Seit Monaten sei er ohne Arbeit, obschon er sich die Beine krumm gelaufen habe. „Was willst du?“ rief er aus. „Niemand hat Geld, um Fleisch zu kaufen. Die Schlachthöfe sind verödet. Wo sie früher dreitausend Stück antrieben, da treiben sie heute keine fünfhundert an. Da hast du es!“
„Was für eine Arbeit wird man uns hier geben?“ fragte Georg, von der Munterkeit des Gefährten ermutigt.
Das wußte Moritz nicht. Es war ihm auch völlig gleichgültig, wenn es nur Arbeit war. Steineklopfen oder Erde karren, einerlei, immer noch besser, als auf der Straße zu liegen. Er hatte nur gehört, daß sie hier außen einen Kanal bauten. Allerdings, um ganz ehrlich zu sein, großes Vertrauen hatte er zu dieser Sache nicht! Etwas stimmte da nicht oder –? Er schob die Mütze ins Genick und kratzte sich den Kopf. Dann entwarf er von diesem Unternehmer Schellenberg kein sonderlich günstiges Bild. Er bezahle nur ein Viertel der Löhne in bar und die übrigen drei Viertel in Versprechungen. „Ha? Wie? Aber was solle man tun? Besser als auf dem Pflaster verrecken. Was bleibt uns armen Hunden übrig?“
Das Dorf lag dunkel und verlassen im Regen. Keine Seele weit und breit, nicht einmal ein Hund schlug an. Das letzte Haus aber zeigte ein matterleuchtetes Fenster. Ein Schatten ging vor dem Hause auf und ab. Georg roch den Rauch von Tabak.
„Arbeitsstelle?“ schrie der Schlächter.
„Richtig!“ antwortete eine klare Stimme, und der Schatten trat in den Lichtschein. Es war ein noch ziemlich junger schlanker Mann, der eine Pfeife in der Hand hielt. Trotz der Dunkelheit sah Georg, daß er nur einen Arm hatte. „Noch zwei!“ rief der junge Mann mit komischer Verzweiflung aus. „Sie senden mir mehr und mehr, der Teufel soll sie holen! Was soll ich mit euch anfangen? Nun, es wird gehen, es muß gehen. Tretet ein!“
Das kleine Haus war eine Art Scheune. Im Lichtschein einer Talgkerze, die auf den Tisch geklebt war, unterschied Georg eine Anzahl von Gestalten, die auf dem Stroh lagen und offenbar schliefen. Ein großer breitgebauter Mann lehnte mit dem Rücken gegen die Wand und starrte sie mit großen fiebernden Augen an, ohne ein Wort zu sprechen und ohne eine Miene zu verziehen. Einer drehte sich im Stroh herum und erwiderte mürrisch ihren Gruß. Woher waren sie alle gekommen, und welches Schicksal hatte sie hierher in die Einöde geführt? Wie lange fieberten die Augen dieses Mannes schon, bis er den Weg nach Dobenwitz gefunden hatte?
Der Einarmige öffnete die Türe und sagte halblaut: „Ich habe nur ein Stück Brot heute abend. Ich war auf euch nicht eingerichtet. Nehmt es aus dem Tisch! Es ist mein Brot, aber ich gebe es euch gern. Und nun gute Nacht, Kameraden!“
Georg erinnerte sich, daß das Unternehmen sich verpflichtete, die Arbeiter zu verpflegen.
„Das also nennen sie Verpflegung,“ sagte der Schlächter und schnitt das Brot in zwei Teile. „Hier, nimm! Wenn sie uns morgen nicht besser füttern, laufe ich nach Berlin zurück.“
Dann warf sich Moritz kauend ins Stroh, und bald schlief er ein.
Georg suchte sich ebenfalls einen Winkel und streckte die zerschlagenen Glieder aus. Hinter der Wand rasselte eine Kette, eine Kuh schnob. Das Talglicht erlosch, und nun war es ganz dunkel. Trotzdem konnte Georg sehen, daß der Einarmige ohne Pause vor dem Hause auf und ab ging, wie ein Wachposten. Zuweilen stoben Funken aus seiner Pfeife.
Dobenwitz? Und was soll all das bedeuten? Betäubt von der frischen Luft und ermüdet von der Reise fiel Georg in einen unruhigen Schlaf, die ganze Nacht hindurch von schrecklichen Träumen gemartert. Er empfand es als Wohltat, daß er am Morgen all diese entsetzlichen Träume, in denen auch Christine eine Rolle spielte, völlig vergessen hatte.
20
„Aufstehen und fertig machen zur Arbeit!“ rief die helle Stimme des Einarmigen, und die Schläfer fuhren aus dem Stroh. „Auch dich meine ich, Kamerad,“ fügte er hinzu und zog den Schlächter am Bein. „Immer munter, Kinder!“
Das Frühstück bestand aus warmer Milch und Schwarzbrot.
„Es wird schon besser, siehst du,“ lachte der Schlächter und stieß Georg an.
Vor dem Hause wartete auf der Straße ein kleiner Bauernwagen mit einem schmutzigen Schimmel. Der Wagen war beladen mit Sägen, Äxten, Spaten und allerlei Gerät.
„Fahr nur voraus!“ rief der Einarmige dem Bauern zu, der auf dem Wagen saß. „Du kennst ja den Weg.“ Und der Schimmel setzte sich in Bewegung.
Mißmutig, verschlafen, verstört und vergrämt setzte sich die Rotte von Männern in Bewegung. Sie waren im ganzen zwölf, mit dem Einarmigen, der langsam hinter ihnen herging, dreizehn.
Der Regen hatte etwas aufgehört, und die Felder dampften. Es schien dürftiger Boden zu sein. In dem schiefergrauen, riesenhaften Himmel war ein heller Fleck von noch kälterer grauer Färbung. Dort hinten, irgendwo hinter meilendicken Nebelwänden, mußte sich die Sonne befinden.
Vor ihnen lag ein großer Wald, in den die schmale, schlechtgehaltene Landstraße schnurgerade hineinführte. Offenbar war dieser Wald ihr Ziel. Aus den Äxten und Sägen konnte man auf die Arbeit schließen, die man ihnen zuweisen würde.
Ohne ein Wort zu sprechen trotteten sie dahin. Der große breitgebaute Mann mit den fiebernden Augen, der Georg am Abend aufgefallen war, ein Zimmermann, schwankte zuweilen beim Gehen. Nach etwa einer halben Stunde hatten sie den Wald erreicht, und nach einer weiteren halben Stunde schien es, als ob sie im Herzen eines unendlichen Waldes angekommen wären. Der Einarmige befahl Halt, und der Wagen blieb stehen.
„Abladen!“ kommandierte der Einarmige. Niemand rührte sich. Alle standen sie und starrten den Wagen an. Der Einarmige lachte laut heraus. „Seid ihr denn eine Gesellschaft von Narren? Habt ihr noch nie einen Wagen abgeladen? Munter, Kinder, munter. Ich heiße Lehmann und verstehe keinen Spaß!“ Aber er lachte, als er diese Warnung aussprach.
„Dahin! Dorthin!“ kommandierte Lehmann mit seiner hellen Stimme zuweilen. Er ging langsam auf der schmutzigen Straße hin und her, sog an seiner kurzen Pfeife und lächelte vor sich hin, das zarte Gesicht in die Höhe gerichtet, Regentropfen auf den Augen und auf den frischen roten Wangen. Dann – der Wagen war fast entladen – ging er ein Dutzend Schritte in den Wald und deutete auf einige eingeschlagene weiße Pfähle. „Hier, wo die Pfosten stehen, soll der Schuppen Nr. 1 stehen!“ rief er. „Das Unterholz zuerst weg, dann die Bäume. Spaten, Äxte!“ Plötzlich blickte er Georg ins Gesicht. „Leiten Sie das Abholzen,“ sagte er zu ihm. „Das Material für den Schuppen kann jeden Augenblick kommen, und wir kommen in die Nacht hinein.“ Laut schrie er über die Kolonne hinweg: „Wir kehren heute nicht mehr ins Dorf zurück! Munter, Kinder! Arbeitet, damit wir heute Nacht unter Dach kommen!“
Unter Dach kommen? Wie stellte er sich das vor?
Und wieder ging Lehmann auf der schmutzigen Landstraße auf und ab, zwanzig Schritte vor und zwanzig Schritte zurück, und rauchte. Nur zuweilen setzte er sich auf einen Stein, um die Pfeife zu stopfen. Er klemmte sie zwischen die Knie, stopfte den Tabak mit dem Daumen hinein, dann nahm er die Streichholzschachtel zwischen die Knie, strich das Streichholz an und setzte die Pfeife in Brand.
Schon kam Moritz mit einer Axt. Er hatte die Ärmel der Wolljacke hinaufgestülpt, herausfordernd sah er eine Fichte an. Die Muskeln seines Nackens schwollen an, und schon hieb er den Stamm, daß die Späne flogen.
„Was für ein Schuppen soll hierherkommen?“ fragte ein kleiner Krummbeiniger mit großem Schnauzbart, Schlosser seines Zeichens, und blickte Georg hilflos an.
„Rede nicht, arbeite!“ antwortete ihm Moritz an Georgs Stelle. „Was kümmerst du dich um Dinge, die dich nichts angehen?“
Blaugefroren und zitternd vor Schwäche leitete Georg die Arbeit, die Axt in der Hand. An den eingeschlagenen Pflöcken konnte er erkennen, daß der erste Schuppen etwa zwanzig Schritt lang und zehn Schritt breit werden sollte. Einige Schritte davon entfernt war ein zweiter Schuppen von etwa dreifacher Größe abgesteckt und daneben ein dritter von der gleichen Größe.
„Was soll hier geschehen?“ fragte der kleine krummbeinige Schlosser hartnäckig.
„Offenbar sollen wir den Wald abholzen,“ antwortete Georg.
Der Schlosser warf einen verzweifelten Blick in die Kronen der hohen Föhren und Fichten empor und schüttelte den Kopf.
Unterdessen war der Wagen völlig abgeladen, und Lehmann gab dem Bauern Instruktionen. Er möge sofort einen Boten ins Depot schicken und sagen lassen, er, Lehmann, lasse die ganze Gesellschaft verfluchen – aber der Einarmige fluchte gar nicht, sondern er lächelte ganz freundlich –, lasse die ganze Gesellschaft verfluchen, wenn man nicht sofort die Autos mit dem Material für den Schuppen sende. Sie säßen hier im Regen. „Radfahrer brauche ich, Boten!“ Und der Teufel soll sie holen, wenn das Material nicht heute noch eintrifft. „Du aber,“ sagte er zu dem Bauern, „siehst zu, daß du möglichst schnell den Proviant herbringst. Meine Leute müssen essen. Also nun los, mein Freund, und laß deinen Renner laufen.“
Moritz stieß Georg den Ellenbogen in die Seite. „Was sagte ich dir!“ rief er. „Es sind die richtigen Ausbeuter! Höre nur, wie der kleine Leutnant kommandiert, wir werden hier nichts zu lachen haben.“ Der Schlächter arbeitete, daß ihm der Schweiß über das breite gutmütige Gesicht lief. Nach monatelanger Untätigkeit berauschte er sich an der Arbeit.
Eine Zeitlang hatte der hellgraue Fleck da oben über den finsteren Kronen einen lebhafteren Glanz angenommen. Es waren schon einzelne blendende Flecke sichtbar geworden, und Georg hatte gehofft, die Sonne würde endlich durchbrechen. Nun aber begann es wieder zu regnen. Es war nicht niedergehender Nebel wie vorher, es regnete in dünnen Schnüren. Und plötzlich pfiff der Wind, und es begann zu graupeln und zu schneien. Im Augenblick war der Wald weiß.
Der Zimmermann mit den fiebernden Augen, der, die großen Hände auf den Knien, teilnahmlos auf einer Kiste saß, begann vor Kälte zu zittern. Man fluchte und schimpfte. Welche Schweinerei und was für eine verrückte Arbeit! Der Teufel solle diesen Schellenberg und die ganze Bande holen! Georg fühlte, wie sich sein ganzer Körper mit einer Eisschicht überzog. Der Schlächter in seinem Wollkittel aber lachte. „Das bißchen Wasser? Schämt euch, was für Kerle seid ihr!“
„Und wo sollen wir schlafen heute nacht? Auf dem nassen Boden?“
„Schurken sind das! Schleppen uns mitten in den Wald, damit wir hier krepieren!“
„Und wie steht es mit dem Futter?“
Ein junger Mann mit feindseliger Miene warf die Axt hin und spie aus. „Ich bin kein solcher Narr!“ rief er aus und ging mit schnellen wütenden Schritten davon. Bald war er außer Sicht.
„Laßt den Langen ruhig nach Berlin zurücklaufen!“ lachte Moritz. „Die Bauern werden die Hunde auf ihn hetzen!“
Da tauchte Lehmann im Schneegestöber auf der Landstraße auf. „Der Schuppen kommt!“ schrie er laut.
Und in der Tat, auf der Landstraße, inmitten des Schneegestöbers, kamen zwei mächtige Lastautos mit Balken und Brettern angefahren. Auf diesen Balken und Brettern standen zwei verwegene Burschen, halbnackt in der Kälte, herkulisch gebaut, die reinen Athleten. Diese verwegenen Burschen schrien schon, bevor die Autos standen, und begannen augenblicklich Balken und Bretter hinunterzuwerfen.
„Seht ihr, so wird bei uns gearbeitet,“ sagte Lehmann mit triumphierendem Lächeln.
Die Balken und Bretter waren mit Nummern und farbigen Zeichen versehen, und die verwegenen Burschen dirigierten das Abladen.
„Die roten Zeichen dorthin und die grünen dorthin!“ Es konnte ihnen nicht schnell genug gehen. Trotz des Schneegestöbers lief allen der Schweiß vom Gesicht, und schon setzten sich die Autos wieder in Bewegung.
„Wohin fahrt ihr?“
„Nach Glücksbrücke!“
„Geht es dort vorwärts?“
„Sie wollen die Häuser noch aufstellen, bevor der Frost kommt!“
Die Häuser aufstellen? Was für ein sonderbarer Ausdruck!
„Grüßt den Chef!“
Schon waren sie verschwunden. Augenblicklich wurde der Bau des Schuppens in Angriff genommen.
„Zurücktreten!“ brüllte der Schlächter, genau wie die Stationsbeamten schreien, wenn ein Schnellzug heranbraust. Er balancierte auf der Schulter einen schweren Balken, den zwei Mann kaum tragen konnten. Seine Blicke nach links und rechts heischten Bewunderung.
Lehmann hatte sich eine neue Pfeife angezündet und gab klar und ruhig seine Befehle. Der Schuppen war bis ins kleinste vorgearbeitet und brauchte nur aufgestellt zu werden.
Nun ging es plötzlich. Die Teilnahmlosigkeit und Gleichgültigkeit war verschwunden. Alle griffen eifrig zu. Die Arbeit hatte plötzlich Sinn und Ziel. Es galt ein Obdach für die Nacht zu schaffen.
In der Kolonne befand sich ein alter Maurer, dem das Alter die Beine krummgezogen hatte. Er war in großer Erregung. Verzweifelt ging er hin und her und suchte bei den Kameraden Gehör zu finden. Endlich hielt er es nicht mehr aus und trat zu Lehmann, der ihn ruhig anhörte, ohne den Blick von der arbeitenden Kolonne zu wenden.
„Fundamente?“ sagte er endlich. „Lieber Freund, wozu sollen wir Fundamente mauern, der Schuppen ist ja nur provisorisch.“
Selbst der Große, Bleiche, der Zimmermann, hielt es auf seiner Kiste nicht mehr aus. Er kroch heran und setzte sich auf einen Baumstamm, um wenigstens zuzusehen. Die Sehnsucht, mitzuarbeiten, brannte in seinen kranken Augen. Schließlich erhob er sich, um mit anzupacken.
„Bleiben Sie weg!“ rief Lehmann. „Werden Sie mir erst gesund!“ Und den andern schrie er zu: „In einer Stunde ist es Nacht. Schlagt ein Dach zusammen! Ein paar provisorische Wände gegen den Wind. Hier sind Bretter, Äxte, Nägel. Und dann Feierabend, Schluß für heute. Zündet ein Feuer an! Was für Narren seid ihr! Hier ist Holz in Fülle, und ihr friert!“
Ein Feuer! Herrliche Idee! Weshalb war niemand auf diesen Gedanken gekommen? Einer blickte den andern an, zitternd vor Kälte und blau gefroren.
Im Nu flammte das Feuer auf, Späne, Äste. Es lohte mächtig in der Dunkelheit, und eine beizende dicke Rauchwolke stieg bis in die Kronen der Bäume empor.
„He, du da auf deiner Kiste!“ rief der krummbeinige Schlosser, „komm hierher und wärme dich!“
Wärme, die die durchnäßten Kleider trocknete. Schon entspannten sich die bleichen, mürrischen Gesichter. Glühende Äste sprangen durch die Luft, und die brennenden Tannenzweige verbreiteten einen erfrischenden, starken Geruch. Dieses Dasein im Walde, das vor ein paar Stunden unmöglich schien und Trostlosigkeit in allen Herzen erweckte, es erschien nun schon erträglicher, fast wie ein Abenteuer.
21
Plötzlich war es Nacht geworden. Eine feindselige, kaltblinkende Finsternis, und aus dieser Finsternis, die erschrecken konnte, tauchte plötzlich ein gespenstisch flammendes Pferd, ein scheinbar riesiger, glühender Schimmel, im Feuerschein auf. Der Bauer war zurückgekehrt mit Stroh und Proviant.
„Ist hier jemand, der etwas vom Kochen versteht?“ fragte Lehmann.
Ein dünnbeiniger hagerer Mann, mit mächtiger Hakennase, trat vor. Ein Kellner, der früher, wie er behauptete, auf den großen Ostasiendampfern Dienst gemacht habe.
„Nun gut, nehmen Sie die Sache in die Hand.“
Der Kellner zog den Rock aus und fing augenblicklich an mit großer Gewandtheit zu wirtschaften. Kartoffeln, Erbsen, geräucherte Wurst. Schon dampfte der Kessel, und es dauerte nicht lange, so war die Mahlzeit fertig. Die Blechgeschirre in der Hand, hockte die Arbeitskolonne um das Feuer. Wie das schmeckte! Gierig schlangen sie die Mahlzeit hinunter, manche verbrannten sich Lippen und Mund.
Ohne Gnade enthüllte der grelle Schein des Feuers die Abgezehrtheit und Blässe der Gesichter, die fahlen Wangen mit den Hungerfurchen, die Lumpen, die den Körper bedeckten. Fast alle starrten ins Feuer, die Gedanken weit von hier, während sie die Mahlzeit aus den Blechgeschirren löffelten. Fiebernde Augen, andere stumpf verkrochen in die Höhlen, ohne Blick, als scheuten sie sich, noch mehr zu sehen von dieser Welt. Augen, entzündet von Entbehrungen, gerötet von ungeweinten Tränen, Augen, deren Blick unstet irrte, Augen, angefüllt mit Angst und Schrecken. Und alle starrten ins Feuer, und jedes Auge sah in der Flamme ein anderes furchtbares Bild: bettelnde Kinder, hungernde Frauen, frierende alte Leute, Kranke, die auf Lumpen lagen. Gesprochen wurde nicht, kaum daß dann und wann eine Bemerkung fiel. Man war müde, verstimmt, argwöhnisch und ohne Hoffnung.
Georg, vor Erschöpfung fiebernd, sah sich die Gefährten genauer an. Da war zuerst Moritz, der Schlächter, dessen stahlblaue Augen lebenslustig sprühten, breit, mit Muskeln bepackt, ein untersetzter Boxer. Er lächelte vor sich hin und strich zuweilen sein kleines helles Schnurrbärtchen, das zu knistern schien. Er war der einzige, der ohne Sorge war. Da war der dünnbeinige Kellner, dessen große Hakennase einen mächtigen Schatten über das bläulich-weiße hohlwangige Gesicht warf. Unaufhörlich nagte er an der Lippe, als quäle ihn ein und derselbe Gedanke. Seine pechschwarzen Rattenaugen flackerten unruhig. Da war der bleiche große Zimmermann mit den groben Händen und den glühenden Fieberaugen. Er berührte kaum das Essen. Da war der kleine krummbeinige Schlosser mit dem großen Schnauzbart. Er hieß Heinrich. Er konnte nicht eine Minute auf einem Platz stillsitzen. Immer erhob er sich wieder, um Zweige zu brechen und sie ins Feuer zu werfen. Neben ihm kauerte der alte Maurer, ein kleiner Mann, mit fahlem Greisengesicht. Seine Augen tränten. Er hatte über den Schädel einen alten breitkrempigen Hut gestülpt, der offenbar einmal auf einem Maskenball mitgewirkt hatte. Rings um die Krempe waren noch Spuren einer Pleureuse zu sehen, die einstmals herumgenäht war und schlecht abgetrennt wurde.
Da war noch ein älterer Mann, in einen langen geflickten alten Soldatenmantel gewickelt. Der Schlächter titulierte ihn „Herr General“. Er hatte mächtige Brauen, wie Vogelfedern. Sein eckiger Schädel war völlig kahl, aber sein Bart, wenn auch dünn, reichte bis auf die Brust. Irgendein gestrandeter Krämer oder Handwerker. Er war nahezu eingeschlafen und schwankte in seinem grauen Soldatenmantel hin und her. Da war ein junger Mann mit einem Diebsgesicht und abstehenden großen Ohren, die im Feuerschein lackrot glühten. Er trug eine Hose und ein zerfetztes Hemd und sah grüngefroren aus, trotzdem er sich so dicht ans Feuer gesetzt hatte, daß seine zerrissenen Stiefel dampften. Da waren noch ein paar nichtssagende Gesichter, ein Kriegskrüppel mit einem Glotzauge.
Das also waren die Gefährten, die ihm das Geschick zugewiesen hatte. Jeder dieser Männer war vom Schicksal getroffen, sonst säße er nicht hier in der Finsternis des Waldes. Die einen waren verbraucht, und die Wirtschaft hatte keinen Platz mehr für sie, andere waren nicht mitgekommen und gestrandet, andere ein Opfer der wirtschaftlichen Krisis. So saßen sie also und starrten ins Feuer und wälzten ihr Schicksal in ihrem Kopf hin und her, ohne es fassen zu können.
„Wenn man nur wüßte, was hier gebaut werden soll?“ fragte der kleine alte Maurer mit dem breitkrempigen Hut.
Niemand antwortete, sie waren zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Endlich sagte der Schlosser: „Du siehst doch, daß der Wald umgeschlagen werden soll.“
„Aber wenn er umgeschlagen ist, so muß doch etwas hier gebaut werden.“
„Es wird eine Kirche gebaut werden, damit du es weißt!“ warf Moritz dazwischen.
Der Alte kicherte kindisch. „Eine Kirche!“ rief er aus. „Wer wird hier mitten im Walde eine Kirche bauen? Du bist ja ein ganz Kluger! Mitten im Walde!“
Damit war das Gespräch zu Ende, und alle schwiegen wieder. Nur der alte Maurer kicherte noch zuweilen: „Eine Kirche! Eine Kirche!“ Und er erzählte, daß er vor dreißig Jahren eine Kirche gebaut habe, in Hamburg. Aber niemand hörte zu.
Die Wärme, die sie röstete, die Luft und die Arbeit hatten sie alle müde gemacht. Einer nach dem andern kroch ins Stroh. Auch Georg. Aber er schlief nicht. Er blickte in die Glut des erlöschenden Feuers draußen, in die grenzenlose grimmige Finsternis des Waldes. Ein wunderbares und herrliches Sausen ging in der Ferne durch den Wald. Stark, wie Gewürz, hauchte die Luft aus den nassen Wipfeln. Tannen, frisches Holz und faulende Rinde. Man roch den Schnee, obschon er fast vollständig wieder geschmolzen war. Das gänzlich Unbegreifliche aber, das war diese wunderbare große Stille da draußen.
Plötzlich war es Georg, als sinke er in die Tiefe, und schon war er eingeschlafen. Er erwachte einige Male in der Nacht, um immer sofort wieder in tiefen Schlaf zu versinken. Als er das erstemal erwachte, sah er plötzlich den Einarmigen neben dem niedergebrannten Feuer auf einem Baumstamm sitzen, die Pfeife im Munde. Wieder erwachte er. Es regnete, und durch das provisorische Dach fielen einzelne Tropfen auf sein Gesicht. Das Feuer glimmte noch ein wenig. Lehmann war verschwunden. Die Gefährten lagen mit verzerrten Gesichtern, den Mund offen, schnarchten und röchelten. Nur der große, bleiche Zimmermann saß schlaflos mit offenen Augen, die glänzten, wie die Augen einer Eule.
22
Am nächsten Morgen erwachte Georg als letzter von den Gefährten. Die helle Stimme Lehmanns hatte ihn aufgeweckt. Er hörte, daß Lehmann schalt, ohne ihn jedoch zu sehen und ohne zu wissen, wem die heftigen Worte galten. Obwohl er fühlte, daß er fieberte, erhob er sich rasch.
„Wenn es Ihnen nicht behagt bei uns!“ rief Lehmann, „so gehen Sie doch wieder zurück nach Berlin und lassen Sie sich von den Läusen auffressen. Sie haben die Bedingungen der Gesellschaft gelesen, wir haben Ihnen also nichts vorgemacht. Wir brauchen hier Leute, die arbeiten wollen und die vor allem Freude an der Arbeit haben. Das ist die Hauptsache für uns.“