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Der Volksbeglücker

Zweites Buch

Reading edition

1.

Im Oktober kamen Hellwig und Pichler nach Prag und nahmen Quartier bei der Frau Wondra, die in zwei Zimmern fünf Hochschülern Wohnung und Verpflegung gegen ein sehr mäßiges Entgelt gewährte. Sie war die Witwe eines Unteroffiziers, der ein starker Pfeifenraucher gewesen war und ihr außer einer kleinen Pension nichts hinterlassen hatte als dreißig Pfeifen von der billigsten Sorte, mit langen und kurzen Rohren, mit Gips-, Holz- und bemalten Porzellanköpfen, alle wohleingeraucht und arg mitgenommen. Als sich für die duftende Sammlung kein Käufer finden wollte, tat es der sparsamen Hausfrau leid, sie unbenützt verstauben zu lassen, weshalb sie sich auf ihre alten Tage selbst das Rauchen angewöhnt und es hierin noch jedem ihrer jungen Mieter zuvorgetan hatte. Da sie kahl war, trug sie sommers und winters dieselbe große Haube aus braunem Taft, die den Schädel und die Ohren zudeckte und für das gelbe Gesicht einen kreisrunden Rahmen abgab. Was auf dem Kopf an Haaren zu wenig, wuchs dafür in gedoppelter Fülle als Schnauzbart unter der Nase, die zum Himmel strebte, als wollte sie sich in beleidigtem Stolz vor so unfraulicher Zierde zurückziehen, worüber sich hinwiederum zwei kleine graue Schlitzäuglein anscheinend sehr belustigten, weil sie fortwährend zwinkerten und blinzelten. Doch je ungeschlachter ihr Aussehen, je derber ihre Rede war, desto milder und lockerer gerieten ihr die Mehlspeisen, die Buchteln, Dalken, Nudeln und Kolatschen, mit denen sie für das leibliche Wohl ihrer Studenten sorgte. Aber auch das Seelenheil der jungen Leute war ihr nicht gleichgültig, und um die schwankende Jugend vor Abwegen zu bewahren, suchte sie ihre Kostkinder abends an das Haus zu fesseln, indem sie mit ihnen Schafkopf spielte oder ein Quodlibet um ein beschränktes Bierquantum.

In dem größeren der beiden Zimmer wohnten bereits seit einigen Semestern der Astronom König, der Philosoph Fundulus und der Mediziner Karg, alle drei schon bemoostere Häupter, die sich bei der Wondra zufällig gefunden und trotz ihrer verschiedenen Neigungen Freundschaft geschlossen hatten.

Diese Freundschaft pflegte regelmäßig auch auf die rascher wechselnden Mieter der anderen Stube ausgedehnt zu werden, und schon am Abend nach ihrem Einzug erhielten Fritz und Otto unter Führung der Wondra den Besuch der Zimmernachbarn. Die Quartiersfrau trug sechs Tabakpfeifen, der Mediziner den großen Bierkrug, der Philosoph den Tabaktopf und der Astronom die abgegriffenen Spielkarten. Würdevoll überreichte die Wondra den neuen Pfleglingen zwei Rauchwerkzeuge zur ausschließlichen Benützung für die Dauer des Mietverhältnisses und gegen die Verpflichtung, nach einer bestimmten Reihenfolge abwechselnd mit den übrigen für die Füllung des Tabakbehälters zu sorgen.

Nach dieser feierlichen Handlung wurde ihnen eröffnet, daß man gesonnen sei, sie in die Hausgemeinschaft Wondra aufzunehmen und solche Ehre festlich zu begehen mit Hilfe eines Viertelhektoliters Bier, den die Aufgenommenen nach Brauch und Fug zum besten geben mußten.

Mit großem Hallo wurde das Faß aus der Schenke geholt, worauf ein mächtiges Gelage anhob, in dessen Verlauf der Mediziner mit der bärtigen Witwe einen Hopser tanzte, daß die Dielen dröhnten und die Haube in greuliche Unordnung kam. Des Philosophen dagegen, der eine sehr verliebte und schwärmerische Wesenheit war und nicht viel vertragen konnte, hatte sich bald eine weinerliche Stimmung bemächtigt, in der er Pichlern von seiner Liebsten daheim erzählte und ihre Treue in Zweifel zog, um sich sogleich wieder wegen des schimpflichen Verdachtes die bittersten Vorwürfe zu machen.

Fritz saß mit König, einem unentwegten stillen Zecher, beim Fenster und hielt durch einsilbige Bemerkungen ein notdürftiges Gespräch mühsam im Gange. Doch wurde das dem Sterngucker bald langweilig. Er stand auf und gesellte sich dem Philosophen zu, den er durch eine Bemerkung über die Minderwertigkeit des Weibes rasch in Harnisch brachte und in der anschließenden erregten Auseinandersetzung mit Brocken aus Schopenhauer kräftig bombardierte.

Unvermutet fand sich Fritz allein in der Fensternische. Niemand fragte oder kümmerte sich um ihn, und es war ihm ganz recht so.

Die Fenster des hoch gelegenen Zimmers gaben Ausblick in einen engen Hof und jenseit desselben über ein Gewirr von Dächern und Türmen und Giebeln, die in dem silberblauen Glanz der Mondnacht schimmernd ruhten. Und dunkel aus dem sanften Glanz herausgehoben, wuchtete darüber der Hradschin und trug den mächtigen Dom wie eine schwere, stolze Krone. Oben wanderten und neigten sich die Sterne, unten lag die Stadt von den beweglichen Wellen des Mondlichts umspielt, — und inmitten stand der alte Königsitz, aller Nähe und Ferne entrückt, in immer gleicher, steinerner Ruhe stumm, dunkel und geheimnisvoll.

Sonderbar ergriffen schaute Fritz auf dieses Märchen, das Glanz und Nacht und Stille um einsam thronende Größe woben. In der Stube lärmten und lachten die Zecher. Er achtete nicht darauf. Sehnsucht nach Arbeit überkam ihn, nach einer schöpferischen Tat, an der er seine Kräfte erproben, ermüden, ausgeben könnte. Und noch als die übersättigten Trinkkumpane schon längst in dumpfen Schlaf versunken waren, lag er wach und sehnte sich nach einer Aufgabe, riesenhaft gleich der gewaltigen Königsburg, die von Menschenhänden über eine ganze große Stadt gestellt, sie machtvoll und unnahbar beherrschte.

Aber er fand nicht, was eigentlich diese Aufgabe sein sollte, und mit schmerzendem Schädel schlief er endlich ein.

In der Klarheit des nächsten Morgens, der über einen tiefblauen Herbsthimmel eine silberweiße Sonne heraufleitete, erwachte er freier, als er sich niedergelegt hatte, kleidete sich rasch an und eilte auf die Gasse. Es trieb ihn zu den Stätten, die aus der Ferne solchen Eindruck auf ihn gemacht. Er wollte sie durchforschen, erobern, ganz in sich aufnehmen wollte er sie und zugleich sehen, ob auch im nüchternen Schein des Tages der drückende Zauber bestehen blieb.

Mit niedrigen Türen und kleinen Fenstern unter zerbröckelten Gesimsen standen unten in der engen Gasse schmalbrüstige Häuser, mit verrußten Mauern und vorspringenden Dächern drängten sie sich aneinander, alt, müde, eins das andere stützend und alle vom leisen Abglanz toter Jahrhunderte traurig umwittert. Unverändert standen sie so, ließen die Jahre vorübergehn, und wenn aus einem der dicken Gemäuer eine neue Öffnung herausgebrochen, eins der vielen Trödlergewölbe, wo von altersher die armen Juden ihren Handel trieben, in ein dürftiges Lädchen mit einem Auslagfenster umgestaltet wurde, ging es die Gasse entlang wie raunende Verwunderung ob solch unerhörten Eindringens einer andern Zeit.

Als Fritz hinabkam, hatte trotz der frühen Stunde das geschäftige Leben bereits begonnen. Mit schlau-vertraulichen Verneigungen grüßten ihn die jüdischen Händler, riefen ihm verständnisvoll lächelnd ein paar leise Worte zu, auf ihren angehäuften Plunder deutend, in der Hoffnung, daß er ihnen etwas abkaufen oder in Pfand geben werde. Langsam ging er in der Richtung, wo er den Hradschin vermutete, vorwärts. Seine Schritte hallten laut in der engen Häuserschlucht, darüber ein schmales Streifchen Himmel war und ein wenig vom erstarkten Sonnenschein, der die Giebel vergoldete, ohne daß seine Quelle dem Auge sichtbar wurde. Und Gasse folgte auf Gasse, kreuz und quer. Stille Winkel waren da, unregelmäßige Plätzchen und dunkle Sackgassen, in denen die Häuser geduckt und wie furchtsam verkrochen standen, als hörten sie noch den Lärm der Verfolgungen, schauderten vor dem warmen Blut, das in Zeiten unduldsamen Glaubenseifers auf ihren Dielen verdampfte, an ihre Wände spritzte, in roten Bächen über die finstern Treppen rann.

In dem Durcheinander des gleichförmig engen und schmutzigen Winkelwerks hatte Fritz bald jede Orientierung verloren und mußte sich endlich entschließen, einen Vorübergehenden nach dem Weg zu fragen. Der aber maß den deutschen Studenten mit einem feindseligen Blick, brummte ein paar tschechische Worte und gab keine Auskunft. Einigermaßen betreten ging Hellwig weiter, und das beklemmende Gefühl, als sei er in ein verschollenes Jahrhundert zurückversetzt, wurde stärker. Da kam ein weißbärtiger Hebräer, der in seinem Gewölbe den Vorfall mit angesehen hatte, auf ihn zu, dienerte und erkundigte sich in einem sonderbar harten Deutsch nach seinen Wünschen. Fritz sah auf das freundliche Männlein, das mit hohem Hut, fuchsigen Schaftstiefeln und schmierigem Leibrock vor ihm in der Häuserschlucht stand und vermißte — er wußte nicht, wie ihm das in den Sinn kam — die steife blaue Halskrause, die die böhmischen Juden noch im siebzehnten Jahrhundert auf der Straße tragen mußten. Doch zwang er sich in einem energischen Aufraffen des spukhaften Traumzustandes Herr und der Gegenwart wieder gerecht zu werden, brachte sein Anliegen vor und erhielt umständlichen Bescheid.

Er bedankte sich, durchschritt noch einige Gassen und gelangte endlich zur Karlsbrücke. Vor ihm rollte, um Inseln, Mühlen und Brückenpfeiler brodelnd, mit braun dunklem Wasser der breite Strom, drüben baute sich Giebel über Giebel mit Kuppeln und Türmen und Zinnen die Kleinseite auf, und darüber ruhte, durch einen herbstlich goldigen Gartenwall geschieden, breit und wuchtig der Hradschin, in der Klarheit des Tages gleich hoheitsvoll und unnahbar wie im trüglichen Dämmer der Mondnacht. Nur die Linien waren schärfer und bestimmter die gewaltige Majestät, die der Veitsdom krönte, der im Panzer seines Gerüstwerks stumm und dunkel vor dem blauen Himmel stand.

Keinen Blick hatte Fritz für die altertümliche Schönheit des Platzes, auf dem er sich befand, für den Auslug durch zwei Torbogen zum langgestreckten Moldaukai hinab, für die Türme und steinernen Bildwerke der berühmten Brücke. Unverwandt schaute er zur Burg hinüber, deren lautlose Größe ihn quälte und erdrückte.

Dann war er am andern Ufer, ging wie schlafwandelnd an alten Palästen vorüber, hinter deren geöffneten Torflügeln die Trauer sterbender Gärten wehmütig versunken lag; durch eine steil ansteigende Gasse schritt er, und auch hier webte die Erinnerung, war die Stille einer längst verwehten Zeit. Doch war hier ein anderer Stil in den Häusern, die Fassaden waren reicher und schmuckvoller, durch schön geschmiedete Gitter oder kunstvolle Tore vorteilhaft gehoben. Allerlei Schildereien zierten die Fronten, hier glänzte ein silberner Schlüssel im blauen Felde über der Haustür, dort ein Wagenrad oder Winkelmaß, da wieder sprang ein Hirschlein mit vergoldeten Hufen, blühte eine vielblättrige Blume, als Zeichen einer Innung oder Wappen eines längst verstorbenen Besitzers und seines stolzen Bürgertums.

Noch die Schloßstiege hinan, dann war er oben, trat ohne sich umzusehen durch die kühlen Torbogen in die weiten stillen Burghöfe. Eine pochende Unrast stieß ihn vorwärts, beklommen spähte er überall umher, aber kalt und abweisend ragten die mächtigen Quadermauern, schauten gleichgültig über ihn weg und ließen sich nicht nahe kommen. Und als er vor dem Veitsdom stand, da wuchs auch dieser hart vor ihm trotz der leicht aufstrebenden Schlankheit der Rippen, der wunderlich verzerrten Fratzen der Wasserspeier ruhig und sicher in die Luft hinauf, wie ein Gebirge aus Stein und Stille.

Verzweifelt lief Hellwig von einer Örtlichkeit zur andern, ein ohnmächtiger Zorn war in ihm, daß ihn ein Menschenwerk so klein machen durfte, er wehrte sich dagegen und spürte doch, wie er dieser unfaßbaren Größe mehr und mehr unterlag.

Da fand er sich unversehens an einem seltsamen Orte. Bunte Häuschen waren da, so klein, daß er mit der Hand den Dachsims fassen konnte, eines neben dem andern, mit Türchen und Fensterchen, wie von Zwergen für Zwerge geschaffen. Er war in das Alchimistengäßchen geraten. Und wie er näher zusah und wie ihm einfiel, daß der zweite Kaiser Rudolf mit seinen Magiern, Goldmachern und Sterndeutern hier hausete, da — atmete er leicht auf.

Hier war etwas menschlich Warmes, eine Schwäche, ein mildes Licht, das auf die riesenhaften Prachtbauten hinüber leuchtete und ihnen allen Schrecken nahm. Tief unten lag die Stadt, zu beiden Ufern des Stroms hingebettet, ihre hundert Türme und Kuppeln und Türmchen leuchteten, blitzten und funkelten in der Sonne — und wer von hier hinabschaute mit dem Bewußtsein des Herrschers, dem konnte wohl zumute sein, als stände er berghoch über all den geduckten Siedelungen, über all den ameisenklein wimmelnden Menschen im flachen Lande und könnte sie zertreten mit stampfendem Fuß nach Lust und Laune. Darum schuf er sich und seinem schrankenlosen Machtgefühl den unnahbar stolzen, riesenhaften Bau auf steiler Höhe, fern von allem Menschentreiben und der Sonne näher. Doch siehe — dicht daneben, versteckt und heimlich, stellte er die kleinen, schwachen Hütten auf und trug aus der stolzen Burg sein schwaches, kleines Menschentum dorthin, wenn es ihn zu quälen anfing. Bei abergläubischem Spuk und geraunten Zaubersprüchen suchte er daran zu vergessen, aus glühenden Gemengen in absonderlich geformten Retorten sollte der hilflosen Ohnmacht ein Mittel zur Allmacht erstehen, im gelassenen Lauf der Gestirne nach der Zukunft forschend, wollte der Blinde sehend und wissend werden.

So standen diese Häuschen als rührende Zeugen menschlicher Ohnmacht, die vergebens über ihre Grenzen tastet, und so wirkten sie befreiend und versöhnend auf Hellwig. Plötzlich war ihm Burg und Dom vertraut geworden. Der Gewalt des ersten Eindrucks entronnen, bemerkte er jetzt überall heimliche Schönheiten und anheimelnde Winkel, vom Zauber der Romantik überhaucht. Ganz glücklich wurde er darüber. Und jedesmal, wenn später wieder ein scheinbar unbegreiflich großes Menschenwerk lähmend auf ihn wirken wollte, mußte er an die kleinen Alchimistenhäuschen denken und lächelte leise fröhlich dabei.

2.

Pichler hatte sich für die Juristerei entschieden, während Hellwig nicht so ohne weiters schlüssig werden konnte. Zwar segelte er vorläufig ebenfalls unter der Flagge der Rechtsgelehrsamkeit, besuchte indes auch zahlreiche philosophische und naturwissenschaftliche Vorlesungen und wollte sich erst nach dem ersten Semester endgültig entscheiden.

Bald sah er ein, daß er sich mit dem römischen Recht nie werde befreunden können. Die nüchterne Sachlichkeit desselben lief seinem nachdenklichen Wesen schnurstracks zuwider. Er begann das Kolleg zu schwänzen, saß während der so gewonnenen Zeit lieber in der Universitätsbibliothek. Gedrängt durch die Fülle der Erinnerungen, die sich ernst und eindringlich allerorten in der Stadt aufzeigten, begann er hier ein eifriges Geschichtsstudium und bemühte sich außerdem einen Überblick zu gewinnen über die Entwicklung der Kulturen und über die Verfassungen der Völker. Auch an den Nachmittagen verweilte er gern in dem hohen, wölbigen Saal, wo es so flüsternd leise herging, die Diener mit schweren Bücherpäcken nur auf den Zehen hinter den Stuhlreihen umherschlichen und über vergilbte Schmöker gebeugt, junge und alte Leute emsig lasen oder Auszüge machten. Das Rascheln der starken Pergamentblätter, das Knistern des Papiers und das Gekritzel der Bleistifte gab eine gute, zu geistiger Sammlung ladende Melodie. Im Flug vergingen ihm die Stunden, und nach seiner Meinung gewöhnlich viel zu früh stand der Diener hinter ihm mit der höflich-leisen Einladung, Schluß zu machen, weil gleich gesperrt würde. Wohl entlieh er sich auch Bücher und trug sie in seine Wohnung. Aber dort war abends an ein ernstes Arbeiten nicht zu denken.

Nebenan in der großen Stube fand sich täglich die geräuschvolle Quodlibetpartie zusammen. Pichler war jetzt einer der fleißigsten dabei, denn er hatte dem Spiel Geschmack abgewonnen und pflegte es mit dem gleichen geschäftsmäßigen Eifer, den er tagsüber auf sein Studium verwendete. Aber auch der einsame Bücherwurm im Nebenzimmer blieb nicht unbehelligt. Jede halbe Stunde steckte die Wondra den Kopf zur Tür herein und forderte ihn auf, mit ihnen lustig zu sein. Oder es erschien der Philosoph und erlaubte sich eine spezielle Blume. Und wenn Karg zu Hause war, kam er ebenfalls und wich nicht, bis Hellwig endlich aufstand und sich den fröhlichen Zechern zugesellte. Dann bemühte sich Karg so gewinnend als möglich zu sein. Denn die zwei strammen Neuberger gefielen und schienen ihm der Fuchsenehre würdig bei der Landsmannschaft Herminonia, der er selbst angehörte. Grün-weiß-rot waren die Farben, unentwegt und immerdar judenrein, arisch-deutsch die Mitglieder, gewaltig ihre Leistungen im Vertilgen des bräunlichen Gerstensaftes, und mit neidvoller Bewunderung erzählte man sich in den anderen Verbindungen von den ungezählten Halben, die auf den Herminonenkneipen die schwitzenden Kellner herbeischaffen mußten.

Dieserhalb, nicht minder aber wegen ihrer geradlinigen Ehrlichkeit war das Ansehen der Herminonen unter der farbentragenden Studentenschaft groß. Sie wußten es sich aber auch zu erhalten durch die immer bereite Kühnheit, mit der sie auf dem Paukboden standen, wo sie dann die scharfen Klingen ebenso geschickt und flink handhabten, wie sie bei den Hochschülerkränzchen plump und ungelenk das Tanzbein schwangen, mit der gleichen Seelenruhe dort furchtbare Rückschneidquarten in die Gesichter der Gegner, hier nicht minder gefürchtete Tritte auf die Zehen der Tänzerinnen austeilend.

Den unablässigen Werbungen des Mediziners glückte es endlich, seine beiden Stubennachbarn zur Teilnahme an der Eröffnungskneipe zu bewegen. Pichler tat es gern mit der frohen Aussicht auf eine vergnügliche Unterhaltung, während Hellwig mitging, um sich die Geschichte einmal anzusehen und aus eigener Anschauung eine Sache kennenzulernen, deren Lob ihm seit der Gymnasialzeit in die Ohren tönte.

Wie alte Bekannte wurden sie aufgenommen, trafen hier auch einige, mit denen sie gemeinsam die Schulbank in Neuberg gedrückt hatten, schon in junger Fuchsenherrlichkeit mit Kappe und Band und im Vollgefühl ihrer neuen Würde. Einer war darunter, der hatte noch kaum vor Jahresfrist in der Geschichtsstunde behauptet, daß sein Vaterland eine absolutistische Verfassung habe. Jetzt aber redete er von der Notwendigkeit der Sonderstellung Galiziens, von der deutschen Staatssprache und von der Einsicht, die Bismarck mit der Gründung des Norddeutschen Bundes unter Ausschluß Österreichs an den Tag gelegt, redete noch von vielen anderen Dingen, als hätte er selbst sie gemacht und alle hohe Staatswissenschaft in der Westentasche. Und ein anderer war da, Karl Deimling, schon ein alter Knabe, der redete beinah überhaupt nichts, sondern trank nur immerzu, und wenn er sonst noch die Lippen voneinander tat, war es zum Singen eines rauhen Trinkliedes oder zu einer knappen Bemerkung, die mit harter Grobheit wie eine Panzergranate einschlug. Doch war er ein zuverlässiger Kamerad, treu wie ein Bulldogg, und kannte kein anderes Ideal, als die Farben der Herminonen untadelig blank zu halten vor Feind und Freund. Schon manchen Fuchs hatte er gedrillt. Ja fast alle, die jetzt als Burschen an der oberen Tafel saßen, waren einst mit sprossenden Bärten und den ungelenken Bewegungen junger großer Tiere unter seine Fuchtel gekommen. Prachtkerle waren darunter aufgestanden, sehnige Gestalten mit blutroten Narben in den energischen Gesichtern, mit Augen, die in einem selbstverständlichen Mut kühl und beinah schwermütig darein blickten, und mit einer geflissentlich zur Schau getragenen Kaltblütigkeit, die sie älter und reifer erscheinen ließ. Doch wenn sie ganz unter sich waren, dann warfen sie diese Würde wie einen lästigen Mantel ab, schäumten auf und brausten in zweckloser Lebensfreudigkeit, wurden übermütig wie Füllen, ausgelassen wie Kinder nach dem Gottesdienst. Hellwig aber begriff weder die Notwendigkeit jenes gemessenen Gehabens, noch hatte er Verständnis für die harmlose Freude an Unsinn, Kinderei und Ulk. Er konnte nicht mit dem Leben spielen, hatte sich auf jede Sache noch immer mit der ganzen Wucht seiner schweren Gründlichkeit geworfen und kannte die Freude des Schwimmers nicht, der im Ringen mit hoch gehenden Wogen seine überschüssige Muskelkraft um ihrer selbst willen vergeudet.

Feierlich wurde die Kneipe eröffnet, weihevoller Sang ertönte zum Preise der Freiheit und des Deutschtums. Sehr anständig und förmlich ging es zu, bis unten an der Fuchsentafel ein lustiges Trinklied aufklang: „Sa, sa, geschmauset, laßt uns nicht rappelköpfisch sein!“

Da war das Eis gebrochen. Ein scharfes Zechen hob an, Blumen wurden zugetrunken, Bierjungen gebrummt, Übermütige zum Einsteigen verdonnert. Karg als Fuchsmajor hielt scharfes Regiment. Er ließ seine Füchse strafweise trinken, daß sie anschwollen wie Schwämme im Wasser. Das kleinere der Trinkhörner begann zu kreisen. Staunend sah Hellwig, wie mit Ausnahme der allerjüngsten jeder das erzbeschlagene Gefäß in einem Zuge leerte, ohne Atem zu holen, ohne zu verschütten oder zu ‚bluten‘. Die Pfeifen qualmten, eine dicke Wolke Tabakdampf umschleierte die Gasflammen, drückend heiß wurde es. Der Schläger des Erstchargierten fiel immer öfter dröhnend auf die Tischplatte: „Silentium!“ — „Silentium!“ donnerte gleichzeitig Karg seinen Füchsen zu.

Wieder stieg ein ernster Cantus. Aber der klang nur so, wie in der Kirche das Meßlied: pflichtgemäß, korrekt, ohne Wärme.

„Cantus ex! Colloquium!“

„Heil dem Cantus!“

„Verflucht, sind die Füchse ledern!“ rief da der schweigsame Deimling. „Liefert endlich einen Ulk! Oder ich lass’ euch spinnen, daß ihr Schusterbuben kotzt!“

Nun sammelte Karg seine Knappen, beriet sich flüsternd mit ihnen, und die ganze Fuchsentafel zog ins Nebenzimmer. Auch Pichler ging mit, der sich rasch hineingefunden hatte und, leicht beschwipst, alles im rosigsten Licht sah. Nach einer Weile kamen sie mit brennenden Kerzen zurück. Der Fuchsmajor rückte einen runden Tisch von der Wand, stellte einen Stuhl darauf und ließ sich dort oben nieder. Die Füchse aber umkreisten ihn und sangen:

„Jessas, a Ringelg’spiel Is a Hetz und kost’ net viel. Alles draht sich um und um, Tschindarassa bumbumbum!“

Immer schneller sangen sie und immer rascher bewegten sie sich in der Runde, erst auf dem Fußboden, dann von Stuhl zu Stuhl, endlich auf dem Tisch, so viel ihrer Platz hatten. Das Singen wurde Gebrüll, das Getrappel Staub aufwirbelndes Stampfen, der Boden schwankte, die Gläser klirrten, bis endlich mit einem Huronengeheul die Darsteller insgesamt in die Knie sanken, teils auf den Dielen, teils auf den Sesseln und auf dem Tisch, sich mit hoch gehaltenen Lichtern zu einer Art Schlußgruppe um den Fuchsmajor vereinigend, der die Arme an den Leib gedrückt, die Hände auf den Schenkeln wie ein ägyptischer König auf seinem Sitz hockte.

Da sauste plötzlich ein faustgroßer Stein durch eine splitternde Fensterscheibe, klatschte gegen die Wand und fiel polternd nieder, indes der Mörtel langsam nachrieselte. Ungestüm sprangen die Füchse auf, aber schon rief Karg, vom Tisch herabspringend, sein donnerndes: „Silentium!“ Da mußten sie bleiben. Die Burschen bewahrten eisige Gelassenheit.

„Der Esel von Kellner hat wieder einmal nicht zugemacht!“ sagte Deimling, stand auf und trat an das zerbrochene Fenster, um die Läden zu schließen. Gejohl schallte von der Gasse, ein zweiter Stein flog knapp an seinem Kopf vorbei. „Nur keine Aufregung!“ brummte das alte Semester, unerschüttert ruhig mit dem widerspenstigen Rolladen beschäftigt. Der Erstchargierte, stud. med. Braun, ein breitschultriger Hüne aus dem Egerland, hatte inzwischen das andere Fenster verwahrt. „Sehen Sie,“ wandte er sich zu den Gästen, „die edlen Söhne der Libuscha heißen uns auf ihre Art willkommen. Geschieht öfters so, man gewöhnt sich daran! — Aufgepaßt, Füchse!“ fuhr er mit scharfer Kommandostimme fort. „Bei solchen Sachen ist die erste Pflicht: ruhig bleiben! Nicht mit der Wimper zucken! Sonst ist der Krawall fertig! Schreibt euch das hinter die Ohren! Und nun steigt: ‚Die Wacht am Rhein‘. Cantor, incipias!“

„Es braust ein Ruf wie Donnerhall!“ stimmte der Sangwart an, alle fielen ein, und diesmal wehte wirklich etwas vom Sturmatem der Begeisterung in den frischen Stimmen.

Fritz aber war wärmer geworden. Das sichere Auftreten der jungen Leute, ihre kalte Geistesgegenwart und die musterhafte Zucht, mit der sie hinter sorgenlosem Leichtsinn und behaglicher Fröhlichkeit versteckt, einen zähen Kampf um ihre Muttersprache führten, das alles zwang ihm, der nicht ihre Ansichten teilte, Achtung ab, weil hier ein ehrliches Wollen zu spüren war. Er wurde gesprächiger, taute auf und weil sich, hierdurch angeregt, auch jene freier gaben, geschah es, daß er in ein ganz leidliches Verhältnis zu ihnen kam. Er blieb bis zum Schluß in der Kneipe und als beschlossen wurde, noch ein Kaffeehaus aufzusuchen, ging er ebenfalls mit.

Je drei oder vier in einer Reihe, zogen sie geräuschvoll durch die spärlich erhellte Gasse zum Wenzelsplatz. Die Nacht war bereits ziemlich vorgerückt, in den Straßen bewegten sich nur vereinzelte Schwärmer. Unerwartet aber brach mit großem Getöse aus einem Nebengäßchen ein Trupp meist jüngerer Leute. Sie hatten schwarze Samtbaretts schief auf den mähnigen Köpfen, schwangen drohend dicke Stöcke und gebärdeten sich ohne ersichtlichen Grund sehr aufgeregt und wild. Es waren die Mützen der deutschen Studenten, die das tschechische Jungvolk derart in Zorn brachten. Denn in ihm war die Unduldsamkeit eines kleinen Stammes, der rings von einem großen umklammert, eifersüchtig seinen Besitzstand wahrt, in jedem Farbenbändlein des Feindes eine Gefahr für sich erblickend. Worte wie Provokation und Frechheit fielen, und schon auch zerbrach ein Spazierstock an dem harten Schädel Deimlings. Der schüttelte sich nur wie ein Auerochs, den ein Kieselsteinchen traf, nahm Hellwig, der ihm zunächst schritt, unterm Arm und ging weiter mit finsterer Miene, ohne ein Wort zu sprechen. Auch die andern Herminonen hatten sich zusammengeschlossen, marschierten Schulter an Schulter dicht gedrängt, mit unbewegten Gesichtern, und redeten nicht. Jeder Widerstand, das wußten sie, trieb Wasser auf die Mühlen der Gegner, und schon mehr denn einmal hatte die unbedeutende Verletzung eines Tschechen in einem solchen Raufhandel den Vorwand abgegeben zur Zerstörung deutschen Eigentums, zu Plünderung und Raub. Darum dämmten sie gewaltsam ihren Zorn zurück und zogen Schritt für Schritt gelassen weiter. Voran ging der riesenhafte Braun, mit Schultern und Ellbogen sich den Weg durch die Erregten bahnend, die mit heftigen Gebärden immer wieder herzu drängten und zurückwichen, unschlüssig, ob sie einen ernstlichen Angriff wagen sollten. Ihre lauten Stimmen erfüllten die Gasse, lockten die Gäste aus den Schenken vor die Türen, und mancher schloß sich dem Zuge an. Und jedesmal, wenn einer sich hinzugesellte, wurde ihm, der vordem ganz ruhig sein Schöpplein getrunken, das Gesicht fahl vor Aufregung und in den glitzernden Augen erwachte der Haß. Wie eine elektrische Wolke umhüllte er das lautlose Häuflein der Studenten, und endlich mußte die Entladung erfolgen.

Als der Trupp an einem Neubau vorüberkam, raffte einer blind vor Wut einen Ziegelbrocken, warf und traf einen Herminonen an die Schläfe. Der ächzte, stolperte nach vorn und wäre hingefallen, wenn ihn nicht seine Bundesbrüder schnell gestützt hätten. Aus einer Fleischwunde floß ihm das Blut über Gesicht und Kleider. Hellwig aber, in dem es schon lang brodelte, war, ehe ihn Deimling zurückhalten konnte, mitten in den dichtesten Knäuel gesprungen, bekam den Werfer zu fassen und schmetterte ihn in aufflackerndem Jähzorn zu Boden. Im Nu war der Wildling zwischen den Tobenden eingekeilt, die mit Fäusten und Stöcken nach ihm hieben, Kragen und Binde von seinem Hals rissen und ihn durch ihre Überzahl arg bedrängten. Er wehrte sich, so gut oder schlecht es ging. Der Hut war ihm vom Haupt geschlagen worden, sein feines Haar flatterte im Luftzug und gab lichten Schein über der gefurchten Stirn, die weiß aus dem Halbdunkel leuchtete, während der übrige Teil des Gesichts darin versank. Von vorn gestoßen, gezerrt von rückwärts, von allen Seiten geknufft, geschoben und gequetscht, mußte er sich darauf beschränken, die Hiebe mit emporgehobenen Armen von seinem Kopfe abzuwehren, und es wäre ihm übel ergangen, wenn nicht Deimling und Braun zu Hilfe gekommen wären. Den Kopf zwischen die Schultern gezogen und die vorgehaltenen Fäuste wie Rammböcke brauchend, brachen sie sich, ostfränkische Bauernsöhne, unwiderstehlich Bahn und stellten sich kampfgewärtig um den Bedrängten.

Nun aber eilten Wachleute herbei und trennten die Streitenden. Die Tschechen wurden in die Gasse zurückgedrängt, die Hochschüler unter polizeilichem Schutz zum Kaffeehaus geleitet und dem Portier überantwortet, der sofort die Tore hinter ihnen schließen mußte.

3.

Der junge Mensch, den Fritz aufs Pflaster geschleudert, hatte zwar nicht gefährliche, aber immerhin ernstlichere Verletzungen davongetragen. Wie Hühner auf gestreuten Weizen, stürzten sich Zeitungsleute auf den Vorfall und schon die tschechischen Mittagsblätter brachten spaltenlange Berichte. Scheinbar ruhig und sachlich gehalten, wirkten sie durch Unterdrückung oder einseitige Beleuchtung einer Tatsache besser als die schärfsten Brandartikel und verfehlten in ihrer geschickten Fassung die beabsichtigte Wirkung nicht.

Leidenschaftlich erregte Volksmassen sammelten sich und zogen singend durch die Straßen. Auf dem Graben, der sonst nach stillschweigendem Übereinkommen den Deutschen zum Abendbummel überlassen blieb, zog in geschlossenen Reihen die slawische Jungmannschaft auf, Jünglinge und Mädchen mit rot-weiß-blauen Bändern und Schleifen streiften umher und umringten die deutschen Burschenschaftler mit wüstem Geschrei. Langsam anschwellend rollte es die Straße entlang, brandete an den Häusern empor, ebbte ab und schwoll zurückkehrend wieder an, murrte, tobte, donnerte ohne Aufhören hinab und hinauf, von einem Menschenschwarm dem andern zugeworfen, bald dumpf am Boden hinrollend, bald schrill in die schwere, nebelfeuchte Abendluft flatternd, die es sogleich wieder niederdrückte und am Boden festhielt.

Mit gelben Höfen leuchteten die Straßenlampen nur verschwommen in der Dämmerung. Gleich schwarzen Käfern hasteten die Menschen durcheinander, und wo eine Studentenkappe sichtbar wurde, entstand ein heftigerer Wirbel in den wimmelnden Massen, stürzten alle ungestüm herzu, fluchend, gestikulierend und aufs heftigste erbittert.

Hellwig ging mit Braun und Deimling im Zuge der Herminonen. Pichler war verschwunden. Als der tolle Lärm losbrach, hatte er sich sacht davongestohlen. So stumm und kleinlaut, wie er vordem auf dem Weg von der Kneipe zum Bummel keck und prahlerisch einem entschiedenen Widerstand das Wort gesprochen, war er über die Straße und durch die nächste Seitengasse heimgegangen.

Das Gewühl wurde immer stärker und schon lieferte man sich da und dort kleine Scharmützel. Aber sie waren nur rasch und kurz, als sollten vorerst die Kräfte geprüft und ausgekundschaftet werden, wie weit der Gegner zu gehen entschlossen sei. Da fiel es plötzlich einem verwegenen Häuflein von sieben rotbemützten Teutonen ein, die Wacht am Rhein anzustimmen. Gewaltig sangen sie mit ihren schweren Bässen das deutsche Wehr- und Trutzlied in das einförmige Gejohl.

„Zum Rhein, zum Rhein, zum deutschen Rhein!“ Weiter kamen sie nicht. Wie losgelassene wilde Tiere stürzten sich die Tschechen auf die unbedachten Heißsporne. „Mažte ji! Haut sie!“ brüllten die Jünglinge mit der slawischen Trikolore, und manches zarte Mädchen bearbeitete mit dem Regenschirmchen die Köpfe der Sänger, bis das luftige Dach in Fetzen am geknickten Stäbchen flatterte.

Aber auch die andern Hochschüler mußten die Unbesonnenheit der sieben Kampfhähne entgelten. Eine Sturzwelle, warf sich die entfesselte Wut gegen die Deutschen und brachte sie nun wirklich in ernste Gefahr. Berittene Schutzleute sprengten in die Menge. Sie vermochten nichts gegen die wache Leidenschaft. Die arg bedrohten Deutschen flüchteten in die Fluren der Häuser. Aber mancher Hausbesorger weigerte ihnen auch diese Zuflucht und trieb sie wieder auf die Gasse, wo die ergrimmten Slawen neuerdings über sie herfielen. Die Geschäftsleute hatten ihre Läden schon früher geschlossen. Nun beeilten sich auch die Wirte und Kaffeesieder, ihre Spiegelscheiben zu verwahren, denn bereits waren viele eingedrückt und zertrümmert.

Vor dem deutschen Vereinshaus war das Gedränge am ärgsten. Den meisten Studenten war es nach hartem Strauß gelungen, sich dorthin zurückzuziehen. Die Menge aber schickte sich allen Ernstes an, das Gebäude zu stürmen. Schon splitterte das Holz an den Fensterläden, wurden die Torflügel bedrohlich locker, als eine Schar Dragoner heransprengte, die im Verein mit einigen Abteilungen Fußvolk die Volksmassen ziemlich rasch in die Seitenstraßen abdrängten.

Aber während am Graben das militärische Lagerleben sich entfaltete, während die angepflockten Pferde mit gesenkten Köpfen schlafend neben Sattelzeug und Pyramiden von Gewehren standen, während die Posten auf und nieder schritten, umsummt von den leisen Gesprächen der ruhenden Mannschaft, — ein Säbel klirrte, ein Pferd schüttelte sich und wieherte leise, still und dunkel standen die Häuser, — währenddessen rotteten sich in den Vororten die Vertriebenen wieder zusammen, und von den immer bereiten Scharen arbeitsscheuer Halunken unterstützt, nahmen sie Rache dafür, daß man sie in der Wahrung ihrer vermeintlichen Rechte mit Waffengewalt gehindert hatte.

Deutsche Firmenschilder wurden von den Häusern gerissen, die Geschäfte aufgebrochen, die Vorräte auf die Gasse geschleppt, vernichtet, geraubt. Und die Steine flogen in die Säle deutscher Bildungsstätten und wissenschaftlicher Anstalten, flogen in die Spitäler bis zu den Betten der wehrlosen Kranken, verbreiteten Schrecken und Angst in den Räumen, die das tiefste Menschenelend umschlossen, vermehrten die Leiden der Schwerkranken und warfen halb Genesene in neues Siechtum.

Die ganze Nacht dauerten die Überfälle. Sie waren so ausgezeichnet ins Werk gesetzt, daß der Pöbel, dem ein Heer von Spähern zur Verfügung stand, seine Arbeit regelmäßig gründlich abgetan und sich aus dem Staub gemacht hatte, wenn endlich die Hüter der öffentlichen Ordnung auftauchten. Auch der nächste Morgen brachte keine Ernüchterung. Posten lauerten bei verdächtigen Häusern, stürzten sich auf jeden, der heraustrat und mißhandelten ihn, wenn er als Deutscher erkannt wurde. Und wo noch ein unbewachtes deutsches Kauflädchen zu finden war, wurde es aufgesprengt und ausgeplündert. Die Behörden waren unentschlossen, zauderten und fürchteten sich vor den möglichen Folgen energischer Maßregeln.

So verging auch dieser Tag und noch eine Nacht unter fortwährendem Tumult. Während der ganzen Zeit durften die Studenten das deutsche Vereinshaus nicht verlassen. Ein starker Militärkordon bewachte sie, aber heraus ließ man niemanden, der nicht einen unauffälligen Hut vorweisen konnte. Denn man wollte vermeiden, daß durch den Anblick der bunten Mützen die Menge von neuem gereizt und zu einem Angriff gegen die Truppen verleitet werde.

In diesen Tagen höchster Bedrängnis wurde wieder einmal eine deutsche Eintracht geboren. Mit pomphaften Worten und tausend Vorbehalten erklärten sich die radikalen Fraktionen bereit, ihre gegen Judentum und Liberalismus geschliffenen Streitäxte bis zur Wiederkehr besserer Zeiten zu vergraben. Mit weitschweifigen Debatten und großen Reden ging ein kleines Geschlecht daran, das neugeborene Zufallskind eines großen Augenblicks auf die Taufe zu heben.

Nun war da unter den Freisinnigen ein Hochschulprofessor, der in seiner stillen Gelehrtenstube ein fleißiges Arbeitsleben führte, in bescheidener Zurückgezogenheit seiner Wissenschaft lebte und von vielen übersehen oder wenig beachtet wurde, weil er jedem Hervortreten fast ängstlich auswich. Um so größeren Eindruck machte es, als er sich jetzt unter dem Zwang einer ehrlichen Entrüstung zur ganzen Höhe seiner hageren Gestalt erhob und die Erregung hinter einer trockenen Knappheit bergend, mit dürren Worten darlegte, was nach seiner Ansicht zur Abwehr weiterer Drangsal und zur Sühne der erlittenen Unbilden fürs erste zu geschehen habe. Über seine Anregung wurde an den Ministerpräsidenten ein Telegramm abgesendet, worin der kalte Stolz gekränkten Rechts sofortige Abhilfe forderte, wenn es nicht zur Selbsthilfe kommen sollte. Dann begab sich eine Abordnung zum Statthalter und verlangte Schutz und entschiedenes Eingreifen.

Jetzt endlich wurde der Belagerungszustand über die aufgestörte Stadt verhängt und binnen kurzer Frist eine halbwegs erträgliche Ordnung hergestellt.

Durch diese Ereignisse wurde Fritz gegen Wunsch und Absicht in den Wirbel der nationalen Bewegung mit hineingerissen. Seine zupackende Handgreiflichkeit gegen den Ziegelwerfer hatte ihn bekannt gemacht. Er wurde als Vertreter der Finkenschaft in die Abordnung gewählt, und da es den Kampf gegen eine Ungerechtigkeit galt, sagte er nicht nein. Die vollwertige Persönlichkeit jenes Universitätsprofessors aber nahm ihn rasch gefangen, war mit ihrer ehrlichen Begeisterung und Besonnenheit ganz darnach angetan, den unberatenen Jüngling in der Ansicht zu bestärken, daß hier um ein Menschengut gekämpft werde, das auch tüchtigen und reifen Männern kostbar sei. Darum legte er sich unbesinnlich mit voller Kraft ins Zeug und gab sein Bestes her, um den überkommenen Auftrag ehrenvoll zu bestehen und dem Volke, dem er angehörte, nützlich zu sein, soweit er das als halbfertiger und unerfahrener Schüler vermochte. Doch fand er trotz allem in dieser Tätigkeit keine volle Befriedigung, spürte vielmehr ein vages Unbehagen, ohne die Quelle zu kennen, aus der es floß.

4.

Während der zwei Sturmtage hatte auch Pichler die Wohnung nicht verlassen. Doch hielt er sich nicht in seiner eigenen Stube auf, in die leichtlich von der Gasse ein Stein hätte fliegen können, sondern vertrieb sich im Hofzimmer die Zeit, so gut es ging, indem er mit der Wondra Mühle spielte, meistens aber rauchend mit gekreuzten Beinen im Lehnstuhl des Astronomen saß und nicht zum Hradschin, sondern den Leuten des gegenüberliegenden Hauses in die Fenster schaute. Das behagte ihm je länger, je besser, da es zumeist dienstbare weibliche Wesen waren, die er zu Gesicht bekam und die in hofseitigen Küchen und Kammern tagsüber mit den Hausfrauen um die Wette geschäftig sich regten, in einsamer Frühe mit Hemd und Unterrock bekleidet sich die Haare ordneten und abends auch noch die Röcke auszogen, um sich rasch zu reinigen, bevor sie die Lämpchen verlöschten.

Die Wondra störte ihn nicht in diesem beschaulichen Treiben. Wohl hockte sie rauchend, schwatzend und strickend im selben Zimmer, aber sie schaute meist auf den Wollschlauch, der unter den klappernden Nadeln zusehends wuchs und hatte durchaus nicht acht, wohin unterdessen ihr Mietsmann die Blicke wandern ließ.

Von den Vorfällen der letzten Tage wußte sie die übertriebensten und blutrünstigsten Geschichten zu erzählen, mit einer Anschaulichkeit, als wäre sie überall mit dabeigewesen. Dazu lebte sie in der beständigen Angst, daß auch ihr die Stuben geplündert werden könnten, weil sie Deutsche beherbergte; deswegen begab sie sich sehr zeitig zu Bett, als ob, wenn sie schlief, auch alle anderen das gleiche tun und sie in Ruhe lassen müßten. Vorher jedoch verwahrte sie ihre Wohnung auf das sorgsamste, und Pichler mußte ihr jeden Abend beistehen, wenn sie den Eingang mit dem Küchenkasten verrammelte und zur Sicherheit noch ein paar Sessel darauftürmte. Erst dann kroch sie beruhigt in die Federn, während Otto, nunmehr mit einem Fernrohr des Sternguckers, wieder im Lehnstuhl Platz nahm, zuvor aber die Lampe zurückschraubte, um zu verhüten, daß die ahnungslosen Mägde ihn erblickten und durch Herablassen der Rollvorhänge dem angenehmen Schauspiel ein Ende machten.

Von Fenster zu Fenster ließ er sein Perspektiv wandern, und da bemerkte er in einem hellen Kämmerlein auch ein junges Frauenwesen, das dort an der Nähmaschine saß und unablässig weiße Leinwandflächen unter die Nadel schob. Ganz deutlich sah er das reine Profil und den nackten, schlanken Hals, der sich in einer anmutigen Linie hinter der Hausjacke verlor, alles vom Lichte der seitlich stehenden Lampe voll beleuchtet. Das gefiel ihm aus der Maßen wohl.

Am nächsten Morgen erwachte er erst spät. Sein erster Blick galt wieder jenem Fenster; da stand die fleißige Näherin im geöffneten Rahmen fertig angezogen und beutelte aus einem Flanelltüchlein eine Wolke Staubes in die Luft hinaus. Wie ein freundliches Winken war das, und Otto winkte zurück, indem er lächelnd die Hand gegen das Fräulein bewegte. Darüber erschrak dieses ein wenig, betrachtete aber den hübschen Jungen mehr erstaunt als entrüstet. Nun wagte er es und warf eine Kußhand hinüber. Sie lachte ein ganz kurzes Lachen in hohen Kehltönen, nickte, drehte sich auf dem Absatz herum, und ihr Rocksaum wehte, während sie im Dunkel des Zimmers verschwand. Aber nach einer Weile kam sie wieder und blieb jetzt schon länger beim Fenster.

Schimmernde Fädchen spannen sich, von einem Fenster zum andern zogen sie sich wie helle Seide oder leichte Sonnenstrahlen, auf denen die verliebten Jugendgeisterchen ein lustiges Seiltanzen begannen mit halsbrecherischen Sprüngen und Nicken und Neigen. Zag oder mutig, ängstlich oder keck trippelten, tollten sie hinüber, herüber, bis hinter der lichten Mädchengestalt eine rundliche Frau mit gestrenger Miene auftauchte, worauf die männliche Geisterschar kopfüber in den Hof purzelte, die weibliche aber in den tiefblauen Winterhimmel hinein lachend davonschwebte.

Es war, wie Otto gleich vermutet hatte und von der Wondra bestätigt erhielt, die Mama gewesen. Die Wondra wußte auch, daß sie einen kleinen Postbeamten zum Mann und zwei Töchter besaß. Die ältere sollte in einigen Wochen Hochzeit machen und ließ sich, während sie mit Eltern und Bräutigam bei Freikonzerten und in Vergnügungslokalen ihre abendliche Unterhaltung suchte, von der jüngeren Schwester, der braven Helenka, die Aussteuer fertig nähen.

Pichler wich den ganzen Tag nicht von seinem Lauscherposten und nahm sich kaum zum Essen Zeit. Indes zeigte sich die Helenka erst abends wieder in jenem Gemach, und mit verliebten Augen betrachtete er die runde Anmut ihrer Bewegungen, wie sie flink und leicht in dem Leinwandhaufen herumwirtschaftete. Er nahm die Lampe und stellte sie beim Fenster so auf, daß ihr Schein auf ihn fallen mußte. Dann warf er wieder eine Kußhand hinüber. Da ließ sie die Hände in den Schoß fallen, lehnte sich in dem Stuhl zurück und lachte ausgelassen. Er lachte auch, winkte und verneigte sich. Sie winkte wieder, war blutrot und lachte fort, bis sie plötzlich ihre Arbeit zusammenpackend, nun ihrerseits die Hand an die Lippen legte und mit den geküßten Fingerspitzen durch die Luft fuhr, worauf das Licht blitzschnell erlosch.

Mit glänzenden Augen schaute Otto auf das dunkle Fenster, rieb sich die Hände, schnippte mit den Fingern und freute sich unbändig. Doch hinderte ihn das nicht, nachher andächtig dem Treiben der schläfrigen Mägde zuzusehen und hierauf selbst einen gesunden Schlaf zu tun, den vergnügliche Träume begleiteten.

Durch ein lautes Krachen wurde er mitten in der Nacht unsanft geweckt. Gleich darauf kam die Wondra im Barchentunterrock mit einem Angstgezeter in sein Zimmer gestürzt. Denn sie vermutete nichts anderes, als daß ihre Landsleute bei ihr einbrechen und für den Volksverrat Rache nehmen wollten. Auch Otto mochte Ähnliches erwarten und machte ein bängliches Gesicht. Da erhob sich draußen mächtiger Gesang: „Raus da! Aus dem Haus da! Rrraus! Rrraus! Rrrraus!“

Karg, König, Fundulus und Hellwig waren heimgekehrt und hatten sich, da die Tür nicht nachgeben wollte, mit vereinten Kräften dagegen gestemmt, so daß die Stühle polternd von dem Küchenkasten fielen und dieser selbst ins Wanken kam. Nun verwandelte sich das Angstgezeter der Witwe in einen Freudenlärm. Trotz der ungewöhnlichen Stunde wollte sie zur Feier der glücklichen Wiedervereinigung ein kleines Gelage veranstalten bei schwarzem Kaffee mit Rum und bei Flaschenbier, das sie in der kühlen Jahreszeit stets in genügender Menge vorrätig hielt. Die Studenten jedoch wollten erst wieder einmal ordentlich ausschlafen, bedankten sich und vertrösteten die unternehmende Kostfrau auf eine gelegenere Zeit. Ungern gab sie nach, wünschte zuvor wenigstens noch die Erlebnisse ihrer Mieter sogleich zu erfahren und ermüdete nicht im Fragen, bis Karg die wohlbeleibte Dame nicht gerade sanft in ihre Kammer zurückbeförderte und die zugeschlagene Tür den rauschenden Redeschwall vorläufig staute.

Weniger als die Hauswirtin war Pichler über die Ankunft der Stubengenossen erfreut, weil dadurch das begonnene Schäferspiel unliebsam gestört wurde. Indes, die Sache war bereits eingefädelt und spann sich ohne Schwierigkeiten weiter. Am nächsten Vormittag erwartete er die Helenka bei ihrem Haustor und hatte die Genugtuung, daß sie ihn erkannte und im leichten Schreiten mehrmals zurückblickte, ob er ihr nachfolgte. Dies tat er denn auch in angemessener Entfernung. Nun er sie im Straßenkleid sah, erschien sie ganz anders und gefiel ihm fast noch besser. Sie war ziemlich groß, von reichen, vollen Formen, die durch ein straff gezogenes Mieder unter einem kurzen Jäckchen und einem knappen Rock ohne Falten aufs günstigste zur Geltung gebracht oder vielmehr diskret unterstrichen wurden. Eine weiße Matrosenmütze, von einem silbernen Pfeil gehalten, saß keck auf einer Fülle dunklen Gelocks, an den leise schaukelnden Hüften wiegte sich ein gewaltiger Henkelkorb im Takte mit. So schritt sie rasch und resch mit schnellen Schritten vor ihm her, stramm aufgerichtet und sehr selbstbewußt im Gefunkel ihrer jungen Schönheit.

Als sie ihre Einkäufe besorgt hatte und mit gehäuftem Korbe heimging, fragte Pichler mutig, ob er sie begleiten dürfe. Sie bejahte verlegen. Aber als er sich vorgestellt hatte, begann sie sogleich ein lebhaftes Schwatzen über ihre Näherei, ihre Familie und die bevorstehende Hochzeit, über die winterliche Kälte und über viele andere Dinge in dem kleinbürgerlichen Bestreben, das Gespräch nicht ins Stocken geraten zu lassen. Fast ganz allein bestritt sie es, in einem etwas holprigen und mühsamen Deutsch. Aber Pichler fand auch die Fehler reizend, die ohne alle Ziererei neckisch wie Flocken von den schmalen Lippen fielen.

Von nun an traf er sie täglich, einmal am Vormittag, einmal gegen Abend, je nachdem sie Zeit hatte. Die Stunde gab sie ihm bekannt, indem sie dicke Ziffern mit Tinte auf Papierblätter malte und gegen die Fensterscheiben hielt.

Die Stadt hatte wieder ihr gewöhnliches Aussehen, die Erregung schien verbraust, friedlich bewegte sich jede der feindlichen Nationen auf ihrem Bummel, die Deutschen auf dem Graben, die Tschechen auf dem Roßmarkt und in der Ferdinandsstraße. Otto zeigte sich mit Helenka bald da, bald dort, und je nachdem, wo sie gingen, sprach er deutsch oder böhmisch mit ihr. Denn er hatte sie gebeten, ihm in der Erlernung der zweiten Landessprache behilflich zu sein, und so war dieser Liebeshandel nicht nur reizvoll, sondern auch praktisch.

Sie war eine Vollblut-Tschechin und machte kein Hehl aus ihrer Gesinnung, was sie aber nicht hinderte, auch an hübschen deutschen Männern Gefallen zu finden. Doch war ihre Gunst nicht leicht zu erringen, denn sie war sich ihrer Schönheit voll bewußt und konnte wählerisch sein, weil sie von vielen umworben wurde. Am wenigsten verfingen Schmeicheleien bei ihr, da sie solche schon bis zum Überdruß zu hören bekommen. Das hatte Pichler bald weg und änderte im selben Augenblick von Grund aus seine Kriegskunst. Er wurde kurz angebunden, derb, sogar grob. Alles, worauf sie Wert legte oder sich was einbildete, setzte er herab, mäkelte daran und tadelte es, wählte aber seine Ausdrücke derart bedachtsam, daß er immer nur eine allgemeine Ansicht zu äußern schien. Erzählte sie, stolz auf ihre prächtige Büste, daß sie auf dem letzten Ball ein ausgeschnittenes Kleid nur mit Armspangen getragen und was für Aufsehen sie erregt habe, tat er höchst gleichgültig und bemerkte nur beiläufig, er habe einmal aus einem ähnlichen Anlaß mit einem Mädchen sich überworfen, das er gleicherweise, wie es ihn, sehr gut leiden mochte. Er habe damals mit der Schönen nicht ein einziges Mal getanzt, und als sie Aufklärung verlangte, habe er ihr nur kurz geraten, sie möge auf den Markt gehen und sich dort ausstellen; er werde sie begleiten und wie ein Pferdehändler die gediegene Wölbung der Brust anpreisen, die tadellosen Arme, Schenkel und so weiter. Er habe sich nicht anders helfen können damals, denn diese Schaustellung der Reize sei ihm widerlich gewesen, und gewohnt, mit seiner Meinung nicht hinterm Berg zu halten, habe er eben klipp und klar herausgesagt, was er sich dachte.

Danach hatte die Helenka auf dem ganzen Heimweg kein Wort mehr geredet, aber er war dennoch mit seiner Erfindung und ihrer Wirkung sehr zufrieden. In der Tat blieb diese Art des Umgangs nicht ohne Eindruck bei einem Mädchen, das zwar schön und im Plaudern gewandt, sonst aber just kein Kirchenlicht war. Bald war ihnen der Bummel zu belebt, sie mieden ihn und suchten einsamere Gassen, wo es die Helenka schweigend litt, daß er ihren Arm packte und mit hastiger Zärtlichkeit an sich drückte. Und einmal, als sie von einem ernsten Bewerber erzählte, der auf der Bildfläche erschienen war, riß er sie heftig an sich. „Helenka, so lasse ich dich keinem andern!“ Mitten auf der Gasse küßte er sie und kümmerte sich nicht um ihr Sträuben und nicht um die Leute.

Von nun an trugen sie das heimliche Sehnen ihrer klopfenden Herzen in noch größere Abgeschiedenheit. Eng aneinander gedrängt gingen sie längs des Moldauufers spazieren, über einen weiten ebenen Plan, wo das geflößte Brenn- und Bauholz aus dem Böhmerwald aufgestapelt war. Gute Verstecke gab es hier, die zu Raummetern geschlichteten Scheite waren wie Mauern und die glatten Stämme der toten Waldriesen wie Bänke. Ganz dunkel war es und nichts war hörbar, als das Glucksen und Plätschern, wenn eine stärkere Welle gegen das sandige Ufer schlug. In der Ferne blitzten die Lichter der Stadt und lagen in gelben Streifen über den schwarzen Fluten, ein schrilles Läuten der Straßenbahn kam herüber, eine Turmuhr schlug mit langsam verhallendem Klang — dann war wieder nichts als das dumpfe Rauschen im Fluß. Als wären sie beide allein auf der Erde, so war das und so gab sich die Helenka dem Werbenden. Sie tat es ohne Lüsternheit oder Neugierde, als schenkte sie ihm nur, was ihm gebührte, weil es für ihn allein in dieser dunkeln Einsamkeit aus ihrem jungen Herzen emporgewachsen war.

Dann aber starrte sie ihn, die Hände auf seinen Schultern, mit entsetzten Augen an und stieß ihn wild von sich.

„Mein armer Vater!“

Ganz klanglos sagte sie das und wiederholte es mehrmals und wimmerte leise.

Otto stand ratlos und wußte nicht, wie er sie beruhigen sollte. Sie tat ihm nicht so sehr leid, er war mehr ungehalten, daß sie ihm jetzt diese Szene machte und die Freude verdarb. Plötzlich aber erhob sie sich mit einem entschlossenen Ruck und drückte sich unter der runden Mütze das Haar an den Schläfen zurecht. „Komm!“ sagte sie nur und schritt ohne Aufenthalt schnell gegen die Stadt. Sie weinte nicht mehr, aber sie sprach auch nicht. Stumm ging sie neben ihm her. Manchmal atmete sie in ihr Taschentuch und preßte es an die geröteten Lider, um die Spuren der Tränen auszutilgen. Aber durch die Stadt schritt sie wieder ganz aufrecht, mit frei erhobenem Kopf und wagerechtem Kinn. Otto wollte etwas sagen. Mit einer heftigen Handbewegung winkte sie ihm Schweigen. Sie wollte nicht gestört sein in dem Belauschen ihrer aufgeschreckten Seele und dem staunenden Hineinhorchen in den Aufruhr des Blutes. Beim Haustor neigte sie flüchtig den Kopf und schritt rasch und fest hinein, ohne ein Wort oder Lächeln zum Abschied.

Er atmete auf. Seiner jubelnden Siegerfröhlichkeit war der stumme Heimweg zur Qual geworden. Alles in ihm drängte nach lauter, lärmender Freude. Und statt dieser Luft machen zu dürfen, hatte er mit einer Leichenbittermiene neben ihr hergehen und seufzen müssen, wo er jauchzen wollte. Er lief mehr als er ging in die Herminonenkneipe, trank dort, sang und schwärmte übermütig mit den Füchsen bis zum Morgengrauen.

Am nächsten Vormittag stand die Helenka wieder beim Fenster und kündete mit ihren Tintenziffern die Stunde des Stelldicheins. Und von nun an war alles gut, und sie war lustig und fügsam und sehr verliebt.

5.

Das Wintersemester war vorüber. Fritz war wenig vorwärts gekommen. Durch den Verkehr mit den Studenten war er einem gelinden Trinken anheim gefallen und der Gewohnheit, abends lang im Wirtshaus zu sitzen. Anfangs hatte er sich Vorwürfe gemacht und zu bremsen versucht. Aber da kamen ihm die Bekannten auf die Bude gerückt, und notgedrungen mußte er als ihr Vertrauensmann mithalten. Später schwächte der reichlichere Genuß des Alkohols seine Widerstandskraft, das Trinken wurde ihm sogar Bedürfnis, um die Lustlosigkeit zu bannen, in der er jetzt wie in einer halbhellen Dämmerung lebte. Er ging spät zu Bett und stand mit wüstem Kopf spät auf, fühlte sich müde, leer, unzufrieden und konnte sich doch zu keiner ernsten Arbeit zusammenraffen, ließ vielmehr den Herrgott einen guten Mann und fünf gerade sein.

Seine Barschaft schmolz bei diesem Leben rasch. Während Otto schon drei Mittelschülern Nachhilfeunterricht erteilte, war es ihm bisher nicht geglückt, Ähnliches aufzutreiben. Überall wurde er abgewiesen. Der Vermerk auf seinem Zeugnis, daß er vom Neuberger Gymnasium ausgeschlossen worden war, machte fürsorgliche Eltern stutzig; sie wagten nicht, ihm ihre Kinder anzuvertrauen. Und er war zu hölzern und zu stolz, um sein Licht auf den Scheffel zu stellen oder als Vertrauensmann seine Beziehungen zu den Parteigrößen auszunützen. Da las er in einer Zeitung, daß ein Rechtsanwalt einen Schreiber für die Nachmittage suchte. Er bewarb sich um den Posten und erhielt ihn. Das brachte ihn noch mehr aus der Bahn. Trüb und trostlos eintönig schlichen die Tage neben ihm her, zwischen stumpfsinnigem Wirtshaushocken am Abend und gleichgültiger Mattigkeit am Morgen war einer wie der andere ausgefüllt mit dem Schreiben von Mahnbriefen, Klagen, Pfändungsgesuchen, und alle waren sie verloren.

Hätte er ein gemütliches Daheim oder wenigstens eine ruhige Kammer gehabt, er wäre vielleicht eher aus diesem grauen Netz herausgekommen, in dem er hing wie die Fliege im Spinngewebe und sich wehrlos den Lebensmut austrinken ließ. So aber fühlte er einen Ekel vor dem Treiben der Wondra. Er floh davor und floh vom Teufel zum Beelzebub — in die Kneipen und Kaffeehäuser. Manchmal kam ihm in diesen jammervollen Monaten der Gedanke an Eva. Aber wenn dieser jemals treibende Kraft für ihn gehabt, so hatte er sie jetzt verloren. Wie wenn einer, der im zähen Moorgrund langsam versinkt, zu einem schönen Stern hinaufblickt und sich denkt: ‚Den siehst du auch bald nicht mehr!‘ — so war es und machte ihn traurig und jeden Halt nahm es ihm.

Bei den Studenten war er gut gelitten. Er galt als treu und verläßlich, und die trockene Sprödigkeit, die er im Umgang an den Tag legte, wurde von den jungen Leuten als Zeichen männlicher Reife und Wahrhaftigkeit genommen und hochgehalten. Aber je mehr man sich um ihn riß, je scheuer und zugeknöpfter wurde er. Er litt unter diesem Leben ohne Inhalt, das um so leerer wurde, je weiter die hellen Kampftage in die Vergangenheit zurücksanken. Rasch wie die Fehde entbrannt, war sie auch vergessen und die Gegenwart wieder angefüllt mit Kneipen, Nachtschwärmen und Raufereien unter den einzelnen Verbindungen. Und er zechte und schwärmte mit und wenn er noch in keinen Ehrenhandel verwickelt worden war, so hatte er das nur seiner Wortkargheit zu danken.

Schal war das alles, belanglos und nichtswürdig. Aber loskommen konnte er doch nicht.

In die Hörsäle kam er nicht mehr. Er schämte sich, mit schwerem Kopf und stumpfen Sinnen hinzugehen. Statt dessen saß er jetzt auch an den Vormittagen in der Kanzlei. Denn die ungeordnete Lebensweise kostete viel Geld, und schon gab er täglich mehr aus, als er, das Erworbene eingerechnet, verbrauchen durfte. Vom Bureau ging er ins Kaffeehaus, wo er die Tagesblätter und sämtliche ernstere Zeitschriften las, deren er habhaft werden konnte. Gewöhnlich blieb er dort bis spät abends, begab sich dann in eines der Studentenwirtshäuser. Er brachte es nicht über sich, bei der Wondra das Nachtmahl zu nehmen. Sie rechnete auch bei der Zubereitung nicht mehr mit ihm, aber den Kostpreis setzte sie ihm deswegen doch nicht herab.

Dann kamen wieder Abende, an denen es ihm einfach unmöglich war, ein menschliches Gesicht zu sehen. An denen er die Kneipen mied und trotz Frühlingswind und Regenwetter im Freien sich herumtrieb. Den Radmantel um die Schultern, lief er pfadlos am Strand der Moldau herum. Das aufgeweichte Erdreich klebte in Klumpen an seinen Sohlen und machte sie schwer, unter seinen Tritten spritzte ihm das Schmutzwasser der Regenpfützen oft bis ins Gesicht, und nach jedem solchen Ausflug schalt die Wondra, daß seine Kleider nicht sauber zu kriegen seien. Aber immer wieder rannte er in diese tiefdunkle Einsamkeit, als könnte er sich dort vor seinem eigenen Ich verstecken. Aber er entkam sich nicht. Alle Vorwürfe und aller Ekel über sein unwürdiges Treiben gingen unablässig mit ihm durch die Finsternis, und er fühlte nur, daß er sich Stunde um Stunde an sich selbst versündige, indem er in schlaffem Müßiggang seine blanken Kräfte rosten ließ. Manchmal auch packte ihn ein sinnloser Zorn, der ihm Tränen in die Augen trieb. Er schlug mit geballten Fäusten seinen Leib, und je mehr es ihn schmerzte, mit desto wilderer Freude schlug er weiter, auf Arme, Wangen, Schläfen, und höhnte und beschimpfte sich mit häßlichen Worten, die in einem Schluchzen erstickten. Jedes Ziel war ihm entglitten, er ging mit verbundenen Augen um sein Leben herum wie der Gaul im leeren Göpel.

Die nächtlichen Wanderungen führten ihn weit über die Holzplätze hinaus in eine Gegend, wo der neue Hafen erstehen sollte. Die Arbeiten hatten noch nicht begonnen, aber schon waren in der großen Kotwüste Baggermaschinen aufgestellt und neben angehäuften Baustoffen Holzhütten und Verschläge für die Karren und Werkzeuge errichtet worden. Nur selten kam in den Abendstunden ein Mensch hieher. Ihn aber trieb es immer wieder in diese Öde, die so gut zu seiner Stimmung paßte. Stundenlang konnte er dort hocken und vor sich hinbrüten, während der Regen kühl und traurig ohne Pausen auf ihn niederfiel. Und je unfreundlicher das Wetter war, je länger blieb er, als wollte er mit diesem freiwilligen Ausharren in einer Beschwerde nur irgendwie eine sühnende Tat setzen, wenn er schon nichts anderes zuwege brachte.

Da vernahm er einst — es war ein naßkalter Aprilabend — ein Husten und Stöhnen wie von einem unruhigen Schläfer, schaute um sich und gewahrte einen spärlichen Lichtschein, der aus einer der hölzernen Hütten flimmerte. Leise ging er darauf zu. Und wie er vorsichtig durch die Fugen der Bretterwand spähte, sah er im Innern des matt erhellten Raumes zwei Gestalten auf dem bloßen Erdboden hingestreckt, während drei andere neben einem Feuer kauerten und einem geschlachteten Pudel das Fell abzogen. Das Feuer brannte in einem Viereck aus Ziegelsteinen, und auf diesem Herd stand ein verbogener Blechtopf, darin das Wasser schon zu dampfen anfing.

Die fünf Kumpane mochten wohl schon öfters hier übernachtet haben und schienen sich in ihrem Schlupfwinkel ganz sicher zu fühlen, weil sie sich so sorglos gehen ließen. Gern hätte sich Fritz zu ihnen gesellt. Aber sein Erscheinen hätte sie höchstens beunruhigt oder mißtrauisch gemacht, und helfen konnte er ihnen doch nicht. So ließ er es bleiben.

Das Hundefleisch war gar geworden. Nun wurden auch die Schläfer munter und setzten sich zum Feuer. Alle schwiegen, streckten die Hände nach den rauchenden Fleischstücken, rissen mit den Zähnen große Fetzen los, die sie mit der Hast des Hungers verschlangen. Dazu tranken sie von der gelblich-grauen Fettbrühe mit schmatzenden Lippen, und in ihren knochigen Gesichtern war ein Ausdruck der Zufriedenheit, als säßen sie bei dem alten Schlemmer Lukull zu Tisch. Satt gegessen, kramten sie aus den Taschen die gesammelten Zigarrenstummel, setzten sie in Brand und streckten sich längelang auf den nackten Erdboden aus, die verschränkten Hände als Kissen unterm Kopf. Einer hatte auch eine gefüllte Schnapsflasche mit, die im Kreis herumging und schnell leer war. Solang das Feuer brannte, unterhielten sie sich halblaut miteinander. Sie redeten deutsch, aber aus ihrer Aussprache hörte der Lauscher, daß nur zwei von ihnen wirklich Deutsche waren, der ‚Schwabe‘ und der ‚Bayer‘, wie sie genannt wurden, während die drei anderen, der ‚Tschasbauer‘, der ‚Wasserkopf‘ und der ‚Krowot‘ der slawischen Rasse angehörten.

Sie erzählten von ihren vergeblichen Gängen um Arbeit und verwünschten das milde Wetter, weil es schneller den Schnee weggeräumt hatte als sie mit ihren Schaufeln. Dann wurden sie einsilbiger und schliefen endlich ein, indes der Regen ohne Pause rieselte und der Wind empfindlich kalt durch die Bretterwände pfiff.

Fritz schlich sacht davon. Seine Kleider waren schwer von Nässe, in den Vertiefungen seines Filzhutes bildete das Wasser kleine Teiche. Aber heim ging er noch nicht. Eine dumpfe Trauer war in ihm, und mit doppelter Gewalt griff die Reue über so viele nutzlos verzettelte Tage an sein Herz. Denn es war ihm gewesen, als hätte im unsteten Flackern des dürftigen Feuerchens hinter Qualm und rauchiger Glut wie in weiter trüber Ferne das verlorene Ziel flüchtig herüber geleuchtet.

... Den Elenden und Gequälten ein freies, heiteres Dasein schaffen, ihnen das Recht auf Glück zurückerobern — ein Ziel, wohl wert, sein Leben dafür aufzuwenden ...

Hatte wirklich einmal einer so zu ihm gesprochen, und er hatte sich ihm zugeschworen mit Handschlag und Gelöbnis? Und statt dessen schritt er satt und behäbig in den Reihen der Behäbigen und Satten, trank sein Bier in Ruhe und ereiferte sich höchstens im Streit der Glieder untereinander, indes der ganze Körper in schwerer Not rang. Die Menschheit war dieser Körper, und ihre Not war der Hunger. Und wo dieser war in seinem bittersten Ernst, da war auch kein Kampf von Volk zu Volk, von Bruder zu Bruder. Da saß der Bayer mit dem Polen, der Deutsche mit dem Slawen beim Feuer, und sie teilten sich einträchtiglich im Fleisch eines gestohlenen Hundes.

Und während er in Regen und Sturm durch die Frühlingsnacht irrte, wurde ihm immer klarer und erkannte er immer deutlicher, daß die Unzufriedenheit, die Unlust und Leere der letzten Monate nicht seinem Müßiggang entsprang, nicht dem Wirtshaushocken und Zechen und Saufen. Das waren nur die Folgen, die Ursache aber war, daß er sich an eine Sache mit halbem Herzen und gegen seine innerste Überzeugung hingegeben. Das Unrecht, die Vergewaltigung, die der Schwächere erdulden mußte, hatten ihn geblendet, so daß er nicht sah, daß der ganze Kampf ein Unrecht war und ein Frevel an der Allgemeinheit.

Als er endlich — der Morgen brach an — nach Haus kam, begegnete er dem Mediziner Karg, der ohne Gruß an ihm vorüber und die Treppe hinabeilte. Unter der Wohnungstür stieß er mit dem Astronomen zusammen. Auch der war bleich und ernst und grüßte kaum. Fritz war zu müde, als daß ihm das aufgefallen wäre. Er entledigte sich seiner Kleider, aus denen in trüben Bächlein das Regenwasser rann und fiel in einen bleischweren Schlaf.

Nach kaum zwei Stunden wurde er von Pichler wach gerüttelt. Der hübsche Mensch hatte blasse, zitternde Lippen und war ganz verstört.

„Fritz, steh’ auf! Karg hat den König erschossen!“

Es war so. Betrunken hatten sie in einem Nachtkaffee Streit angefangen, der mit Faustschlägen und Ohrfeigen endete. Nüchtern geworden, hatten sie sich am nächsten Tag wieder versöhnt und das frühere Einvernehmen hergestellt. Aber Deimling war Zeuge des Auftritts gewesen und duldete eine so gemütliche Beilegung nicht. Ein Mitglied der Herminonia war tätlich beleidigt worden, und dafür gab es nach seinen starren Ehrbegriffen nur eine Sühne mit den Waffen, sollte kein Makel an den Farben der Landsmannschaft haften bleiben. Das sagte er dem Karg, und als der entgegnete, die Sache sei bereits durch gegenseitige Entschuldigung aus der Welt geschafft, erklärte Deimling finster, er hätte gedacht, der Fuchsmajor würde besser wissen, was die Ehre der grün-weiß-roten Farben gebieterisch fordere. Für seine Person könne er ja die Hiebe ungestraft auf sich sitzen lassen. Aber dann werde der Fall in der nächsten Kneipsitzung zur Sprache kommen, und da werde es sich ja zeigen, ob ein Geohrfeigter, der sich für eine solche Schmach nicht Genugtuung mit den Waffen verschaffe, ferner noch würdig sei, das grün-weiß-rote Band zu tragen.

Nun war Karg mit Leib und Seele bei seiner Burschenherrlichkeit und war viel zu oft schon auf Mensur gestanden, als daß es ihm auf einen Ehrenhandel mehr oder weniger, selbst mit einem guten Freunde, sonderlich angekommen wäre. Wenn Deimling wollte, ging er eben los, da war weiter nichts dabei. Aber die Osterferien standen vor der Tür. Und König war ein guter Fechter. Und Karg wollte seiner Mutter nicht mit frischen Schmissen nach Haus kommen. Und der Handel mußte binnen zweimal vierundzwanzig Stunden — so stand’s im Kodex — ausgetragen sein. Also einigte man sich auf Pistolen. Deimling war ganz Korrektheit und steife Würde. Er ordnete alles und verbot insbesondere dem Fuchsmajor, mit dem Gegner in derselben Stube zu wohnen, so daß ihm die Wondra für diese eine Nacht in ihrer eigenen Kammer das Lager zurechtmachte, während sie selbst in der Küche schlief.

Dann war es so gekommen, daß König, der den ersten Schuß hatte, ein Loch in die Luft schoß, während Karg, vor Aufregung zitternd und unsicher, die Waffe nicht in der Gewalt hatte. Seine Kugel fuhr dem Astronomen ins linke Auge. Ein paar Atemzüge lang stand er noch aufrecht, mit unverändertem, nur wie verwundertem Gesicht. Und schon wollten alle des guten Ausgangs sich freuen, da wankte er, fiel hin und hatte den letzten Atemzug getan, ehe noch jemand die Verletzung wahrgenommen.

Seinen Leichenwagen begleiteten die Herminonen in voller Wichs und Abordnungen von vielen anderen Verbindungen. Es war ein sehr schönes Begräbnis. Karg stellte sich den Gerichten. Er wurde zu drei Jahren Kerker verurteilt und da er Reserveoffizier war, vom Kaiser begnadigt. So verlief alles in schönster Regelmäßigkeit, und auf dem frischen Grabhügel wurden die Frühlingsgräser besonders üppig grün, als hätten sich aus dem zerstörten Jünglingskörper alle Hoffnungskeime lichthungrig in ihre zarten Spitzen geflüchtet.

Die Wondra weinte sehr um den Verlust ihres besten, weil beständigen Mieters. Acht Tage rührte sie kein Kartenblatt an, und noch weitere vierzehn Tage traten ihr jedesmal, wenn sie sich zum Spieltisch setzte, die Tränen in die Augen, und sie weihte dem Toten einen stillen Gedächtnisschluck.

6.

Karg wurde seit diesem Zweikampf mit ausgesuchter Hochachtung behandelt, so daß ihm das zu Kopf stieg und er einer dünkelhaften Einbildung anheimfiel, die sich in kurzen, herrischen Gebärden und in einem blasierten Gesichtsausdruck offenbarte. Er wurde stolz und war beinahe froh, daß er einen ernstesten Fall gehabt und daß von ihm erzählt werden konnte, er habe schon einen im Duell erschossen.

Derart hatten sich alle Beteiligten in ihrer Weise rasch wieder zurechtgefunden.

Hellwig brauchte länger. Alles in ihm bäumte sich gegen die Leichtfertigkeit, mit der hier über ein Menschenleben zur Tagesordnung übergegangen wurde. Und als eines Tages nach Ostern Karg auf ihn zutrat: „Kommen Sie heut’ mit in die Kneipe?“, wandte er sich wortlos ab. Das war eine Beleidigung, und der Herminone, jetzt erst recht nicht gewillt, sich dergleichen gefallen zu lassen, verlangte Aufklärung. Fritz aber gab keine Antwort, stand mit dem Gesicht gegen das Fenster gekehrt und rührte sich nicht. Da schickte ihm Karg seine Zeugen. Es waren Deimling und der Erstchargierte Braun. Gemessen und förmlich überbrachten sie die Forderung.

„Sie haben sich umsonst bemüht!“ sagte Hellwig. „Ich schlage mich nicht.“

Nun hätten sie füglich gehen können. Aber Braun tat noch ein übriges, indem er den allseits Beliebten auf die Folgen einer solchen Weigerung aufmerksam machte. Fritz bat ihn jedoch sehr ruhig, er möge sich das sparen. Seinen Entschluß werde es nicht ändern.

„Diese Methode ist sehr eigentümlich!“ nahm nun Deimling das Wort. „Erst der Ehre eines Menschen grundlos nahe treten und dann ...“

„Mein bester Herr Deimling,“ fiel ihm da Hellwig in die Rede, „das Leben eines Menschen ist wertvoller als seine Ehre!“

„Das ist jedenfalls ein bequemer — und sicherer Standpunkt!“ entgegnete der alte Herminone, setzte mit einer spöttischen Verbeugung hinzu: „Hüten Sie also Ihr wertvolles Leben!“ und wollte sich entfernen. Fritz vertrat ihm den Weg: „Sie haben mich falsch verstanden. Ich habe nicht von mir gesprochen, sondern von dem armen König.“

„Er ist gefallen wie ein Soldat auf dem Felde der Ehre!“ antwortete Braun. Fritz erwiderte:

„Ich weiß nicht, welche Ehre Sie meinen. Es gibt ihrer ja so viel als Stände und Rassen. Ich weiß nur, daß ein Menschenleben etwas Kostbares und Heiliges ist. Und wer eins davon vernichtet, bestiehlt die Menschheit um tausend Möglichkeiten, versündigt sich an ihr und besudelt jene einzige Ehre, die ich allein gelten lasse: die Ehre, Mensch zu sein.“

„So behalten Sie diese Ehre!“ sagte Deimling spöttisch. „Womit ich die Ehre habe!“

Braun aber machte noch einen Versuch.

„Sie sind dann in der Gesellschaft unmöglich,“ gab er ihm zu bedenken. Und Fritz leidenschaftlich darauf:

„Ich will auch nichts mehr gemein haben mit jenen! Sie reden von ihrer Liebe und brüsten sich mit ihrer Treue zum Volke. Aber das sind nichts als Worte! Worte! Wer wegen eines Schmarrens sein Leben in die Schanze schlägt, leichtsinnig und unbedenklich hinwirft, wer skrupellos ein Leben vernichten kann, und alle, die dies loben und in Ordnung finden, alle, die für die Macht ihres Volkes begeistert schwärmen, gleichzeitig aber dulden, daß auch nur das kleinste lebendige Teilchen dieses Volkes zwecklos zerstört wird — alle die sind Phrasensager und Lügner und haben keine Ehrfurcht, weder vor ihrem Volke noch vor der Menschheit. Das ist es. Und darum schlage ich mich nicht und darum kann ich auch Ihre Verachtung ertragen!“

Während er redete, war er ganz ruhig geworden. In den letzten Worten hatte sogar eine leise Überlegenheit durchgeklungen. Jetzt setzte er sich und spielte mit dem Federkiel auf dem Tisch. Die beiden Studenten entfernten sich wortlos.

Fritz atmete leicht und froh. Die Brücken waren abgebrochen und hinter ihm verbrannt. Mochte kommen, was da wollte — er hatte wieder pflugreife Erde unter sich.

Seine Energie und Spannkraft waren wieder da, drängten nun, je länger sie in müßiger Ruhe gelegen, je ungestümer vorwärts, forderten eine unzweideutige und ganze Tat.

Jener flüchtige Blick in das Treiben der Obdachlosen hatte ihm die Richtung neu gewiesen. Und nach der Erschütterung über den gewaltsamen Tod des Astronomen war wie nach einem schweren Sommergewitter reine, klare Luft geworden. Nicht darauf konnte es ankommen, ob ein Volk stärker, mächtiger, fortgeschrittener, besser sei, als das andere, sondern daß alle ohne Unterschied leben konnten, wie es ihrer Menschenehre gebührte.

In alle Fernen und Weiten schweifte seine junge Begeisterungsfähigkeit und entzündete sich an dieser Vorstellung zu einer hellen und starken, ganz warmen Glut. Und in der glückhaften Erregung, die sich seiner nach dem Weggehen der beiden Herminonen bemächtigte, begann er, zum erstenmal, seine Gedanken niederzuschreiben und schrieb in einem Zuge bis in die Nacht hinein an einer Abhandlung, in der er die uralte Lehre von der Menschenverbrüderung mit seinem Feuer neu vergoldete.

Mit der frohen Raschheit, die ein glückliches Gelingen auslöst, packte er das Manuskript, kaum daß die Tinte trocken geworden, zusammen, siegelte und adressierte es an die ‚Freien Blätter‘, das führende Organ der Sozialisten in der Reichshauptstadt. — —

Die silbergraue Dämmerung vor den Fenstern wich bereits dem hellen Licht der nahen Sonne, als Pichler nach einer durchschwärmten Nacht heimkam. Fritz erzählte ihm ohne Umschweife den Vorfall mit den Herminonen. Auf dem Bettrand sitzend, hörte Otto nur mit halbem Ohr hin, während er sich der Stiefel und Kleider entledigte und unter langgezogenen Seufzern gähnend den Mund aufriß. Die Sache war ihm nicht mehr neu. Er hatte sie bereits bei der Kneipe und in den Kaffeehäusern genugsam zu hören bekommen. Erst als er in den Federn lag und die Decke bis zum Hals hinaufgezogen hatte, fragte er unter fortwährendem Gegähn: „Und was wirst du jetzt machen?“

„Schlaf dich erst aus!“ erwiderte Hellwig. „Wir sprechen weiter, bis dein Schädel wieder klar ist.“

„Ist er ohnehin!“ knurrte der andere, drehte sich gegen die Wand und schlief auch schon. — —

Fritz wusch sich die Augen hell und goß einen großen Krug Wasser über Kopf und Nacken. Als die Wondra bald darauf mit dem Frühstück erschien, teilte er ihr mit, daß er die Wohnung zu verlassen gedenke. Mit würdevollem Kopfnicken nahm sie die Kündigung zur Kenntnis, stellte den Kaffee auf den Tisch und entfernte sich, ohne ein Wort zu sprechen. Denn auch sie war bereits durch Karg über den Vorfall unterrichtet und wußte als langjährige Studentenmutter, wie man sich einem Auskneifer gegenüber zu benehmen hatte.

Hellwig lächelte ein wenig, während er sich das feuchte Haar aus der Stirn kämmte und den Kragen anknöpfte. Dazwischen nahm er, wie es seine Gewohnheit war, stehend kleine Schlucke vom Frühstückskaffee, und da er wieder tief in seine Gedanken hineingeriet, behielt er schließlich den Topf in der Hand und schritt damit, von einer unklaren und ungeduldigen Erwartung getrieben, rastlos um den Tisch herum.

Auch als er ins Freie trat, wo die alten Häuser wehmütig zu der stillen Pracht des Frühlingsmorgens hinaufschauten, wurde es nicht ruhiger in ihm, wollte das Gefühl nicht weichen, daß ihm etwas Fröhliches ganz nahe bevorstand. Pünktlich ging er in die Kanzlei und schrieb einen Mahnbrief nach dem andern. Dann erschien der Anwalt und beauftragte ihn, gegen einen nachlässigen Ratenzahler auf Grund des rechtskräftigen Urteils das Pfändungsgesuch bei Gericht einzureichen. Während Hellwig die Eingabe vorbereitete, kam der Schuldner und wollte die verfallene Rate erlegen. Er habe das Geld nicht früher zusammenbringen können. Der Advokat aber, dem es um seinen Verdienst zu tun war, erklärte, das helfe jetzt nichts mehr. Die Frist sei versäumt, die ganze gestundete Forderung nunmehr fällig und die Exekution bereits eingeleitet.

Die Mitteilung traf den Schuldner, der ein anständiger kleiner Geschäftsmann zu sein schien, ersichtlich hart, da er durch eine Pfändung sehr zu Schaden und um jeden Kredit kommen mußte. Inständig flehte er um Aufschub. Der wurde ihm endlich unter der Bedingung zugestanden, daß er mit der Rate zugleich fünf Kronen für die Kosten des Pfändungsgesuches bezahle. Das war nicht viel, aber der arme Teufel kramte in allen Taschen und brachte endlich in Nickelmünzen vier Kronen und dreißig Heller zur Strecke, die der Anwalt gleichmütig einstrich, mit der Ermahnung, nunmehr pünktlich zu sein und auch die fehlenden siebzig Heller nicht zu vergessen. Einer großen Sorge ledig, versprach der Mann alles unter vielen Dankesworten. Da sagte Hellwig: „Das Gesuch ist noch nicht fertig, Herr Doktor!“

„Wie? Ja so, ganz recht — die Klage gegen die Seifenfabrik ...“ meinte der Advokat diplomatisch und winkte Schweigen.

„Nein,“ antwortete Hellwig unbeirrt, „das Pfändungsgesuch habe ich noch nicht fertig!“

Der Anwalt wurde verlegen.

„Also adieu! adieu!“ rief er lärmend. „Und vergessen Sie nicht auf die nächste Rate! Pünktlich sein, nur pünktlich!“

Damit schob er den Mann zur Tür hinaus. Dann drehte er sich zornrot zu seinem Schreiber: „Was fällt Ihnen ein, Herr Hellwig? Derartige Äußerungen sind ganz ungehörig!“

„Mir fällt gar nichts ein!“ erwiderte Fritz trotzig. „Ich meine nur, was man nicht geleistet hat, dafür läßt man sich auch nicht bezahlen.“

Mit großen, runden Augen blickte der Chef auf seinen sonst so stillen Gehilfen. Denn Hellwig hatte unter dem Druck der letzten Monate vollständig gleichgültig und ohne Nachdenken, wie eine Maschine, gearbeitet und stumm alles getan, was ihm aufgetragen worden war.

„Ich verbitte mir jede Kritik!“ rief der Chef. „Das wäre noch schöner! Was glauben Sie denn eigentlich?“

„Ich glaube, daß dieses Vorgehen und anständig zwei — Worte sind.“

Nun warf sich der Anwalt in die Brust: „Sie sind entlassen und können auf der Stelle gehn! Ich zahle Ihnen das Gehalt für die vollen vierzehn Tage, obwohl ich nicht dazu verpflichtet bin.“

„Ich danke!“ entgegnete Fritz, „es könnte sonst wieder ein armer Schlucker dafür büßen müssen!“, stand auf und ging.

Nun war er mit allem und gründlich fertig. Ein Jahr war vertrödelt, mit den Studien war er nicht viel weiter gekommen und für das Leben geleistet hatte er gar nichts. Die Bilanz quälte ihn jetzt doch, und trotzdem, oder gerade weil der Maienhimmel so wundervoll blau, die Luft so weich und kosend war, fiel ihn ein arger Jammer mit bösen Krallen an.

Bedrückt ging er durch die belebten Geschäftsstraßen, schritt teilnahmslos über die breite neue Moldaubrücke und auf weißen Kieswegen neben blühendem Gesträuch in einen stillen Park hinein, der einem Fürsten eignend und dem Publikum zugänglich, an einer sachten Hügellehne hinter den Häusern emporstieg. Alte Bäume waren da, weite Rasenpläne und in runden Beeten standen farbige Blumen im Glanz ihrer kürzlich erblühten Schönheit, von Sonnenschein und lauer Luft umflossen. Auf den braunen Gartenbänken saßen junge Mädchen in hellen Kleidern und lasen in dieser begnadeten Frühe zärtliche Liebesgeschichten oder Verse aus zierlichen Goldschnittbänden. Und wo eine Sitzgelegenheit tiefer in die lauschigen Hecken hineingerückt war, hatte sich auch wohl ein oder das andere Pärchen niedergelassen, kecke Studenten zumeist und schmiegsame Backfische mit Musikmappen oder Malgeräten, die ihre bezüglichen Unterrichtsstunden schwänzend, kreuzvergnügt beim gütigen Lehrer Lenz in die Schule gingen. Leichte, kühle Blütenblätter fielen von den Bäumen, und die grüne Wipfelwelt, die reglos zwischen Himmel und Erde schwamm, erfüllte ohne Pausen laut tönender Finkenschlag. So stellte dieser sanft ansteigende große Garten eine ideale Frühlingslandschaft dar, aber die heitere Lebensfreude, die blankäugig überall sich regte, war nicht danach angetan, der tristen Gemütsverfassung Hellwigs den Garaus zu machen. Sauertöpfisch und verdrossen bewegte er sich auf den gewundenen Fußsteigen zum Gipfel und setzte sich oben auf eine einsame Steinbank, die abseits von den Hauptwegen im Halbrund eines Jasmingebüschs aufgestellt war.

Beinah die ganze Stadt konnte von dort überblickt werden, wie sie da unten hingebreitet lag, in Leibesmitte von dem sonnenüberspiegelten Stromband wie mit wehrhaftem Stahl gegürtet, und vergoldete Kuppeln funkelten im Licht gleich den Zieraten auf dem Brustharnisch einer reisigen Brunhilde. Ernst und hart war dieses Stadtbild, von einer herben Schönheit, deren strenge Linien auch die Helligkeit des Frühlings nicht weicher und anmutiger machen konnte.

Aber Fritz sah nicht darauf hin, schaute darüber hinweg in eine leere Ferne und grübelte in sich hinein.

Der Auftritt mit dem Rechtsanwalt war ihm selbst überraschend gekommen. Doch war ihm das jetzt ganz recht und er wünschte es nicht ungeschehen.

Im Buschwerk, um ihn, über ihm, war es ungemein lebendig. Lichtbächlein rannen von den Zweigen, und unsichtbare Vögel lockten und suchten einander. Verwirrend dufteten, kaum den geplatzten Knospen entquollen, die weißen Blüten, und das gesamte lose Lenzgesindel war geschäftig, mit Schmeicheln und Streicheln und Fächeln und Lächeln die Sinne leise zu umgarnen und irgendeine namenlose Sehnsucht wach zu bringen.

Plötzlich mußte er an die kleine Eva Wart denken, und so oft er diese Erinnerung unwillig zurückstieß, so hartnäckig stellte sie sich immer wieder ein. Ohne daß er es wußte, wurden ihm die Lider feucht.

Und nun sah er auch ihr ganzes Heim vor sich, das tätige Haus, den biederen Kaufmann, den Freund — und neben der hochgesinnten Mutter stand das feine Jungfräulein und schaute ihn leidvoll aus ernsten Augen an. Wenn er jetzt diesen Menschen gegenüber treten sollte, konnte er es denn, ohne die Stirn zu senken? Die Schamröte stieg ihm in die Wangen. Und dann — dann legte er mit einem dumpfen Ächzen beide Hände vors Gesicht, und zwischen den gespreiteten Fingern quollen große, warme Tränen.

Minutenlang saß er so, zusammengekauert, die Ellbogen auf die Schenkel gestützt. Als er sich endlich erhob, mit einer Bewegung, als risse er eine Handfessel jäh entzwei, da blickten unter den gewölbten Stirnknochen die Augen hart und finster, und in dem hageren Antlitz war Zug um Zug ein Ausdruck von gesammelter Entschlossenheit.

7.

Als er heimkam, war Otto eben aufgestanden. Fritz teilte ihm nunmehr mit, daß er die Wohnung aufgekündigt habe. Da schüttelte ihm Pichler warm die Hand und sagte: „Das war gescheit von dir. Sonst hätt’ ich nämlich selbst ausziehen müssen. Denn bei aller Freundschaft wirst du zugeben müssen, daß wir nicht beisammenbleiben dürfen.“

„Warum denn?“ fragte Hellwig erstaunt. Und Otto erwiderte: „Das ist doch ganz klar — weil ich sonst gerade so unmöglich bin wie du. Man kann doch mit einem, der keine Satisfaktion gibt, nicht in derselben Stube wohnen, ohne daß ...“

„Ach so!“ sagte Hellwig und fügte hinzu: „Du bist wenigstens aufrichtig, das ist doch etwas.“

„Immer!“ versicherte Otto. Dann fuhr er fort, und sein gönnerhafter Ton bekundete, daß er sich neben dem Geächteten sehr brav und bieder vorkam. „Deswegen,“ — fuhr er fort — „deswegen aber keine Feindschaft! Wir bleiben die alten, das ist selbstverständlich. Wir treffen uns auch regelmäßig und zwar in einem sicheren Wirtshaus, das noch gesucht werden muß. Öffentlich, muß ich dich leider bitten, so zu tun, als ob wir jeden Verkehr abgebrochen hätten. Ich werde es gerade so halten, aber sonst — unter vier Augen — alles wie früher! Gilt’s?“

Er streckte ihm die Hand hin. Fritz sah über sie hinweg. „Du bist sehr großmütig!“ meinte er mit kaltem Spott. „Aber ich hab’ solche Heimlichtuerei nicht gern. Ein ehrliches Entweder — Oder ist mir schon lieber.“

„Wie du willst — ich bleibe trotzdem dein Freund.“

„Ein Freund, der nicht den Mut hat — — ach, weißt du, reden wir nicht weiter davon, es ist so müßig.“

Er setzte sich zum Schreibtisch, nahm irgendein Buch vor. Aus alter Gewohnheit suchte er dabei nach seiner Pfeife, die stets handgerecht am Tischbein lehnte. Sie war nicht mehr dort, war überhaupt aus dem Zimmer verschwunden. Die Wondra hatte sie wieder an sich genommen, weil so ein ehrwürdiges Erbstück von den Lippen eines Verfemten nicht entweiht werden durfte.

Wieder lächelte er. Ein leises, bitteres Lächeln. So kleinlich war das alles, so überflüssig und bedeutungslos.

Noch öfter hatte er im Verlauf dieser Tage Gelegenheit zu einem solchen Lächeln. Wie ein Aussätziger wurde er gemieden. Sogar der sanfte Fundulus drückte sich scheu an ihm vorbei, mit gesenkten Lidern und allen Zeichen mitleidender Verlegenheit. Niemand erschien am Abend, um ihm eine Blume zuzutrinken oder ihn zum Spiel aufzufordern. Auch kein Bier holte ihm die Wondra.

Er hatte die Absicht gehabt, die Wohnung zu verlassen, sobald er ein anderes Zimmer gefunden. Jetzt aber entschloß er sich, die ganzen vierzehn Tage auszuharren. Niemand sollte ihm nachsagen, daß er vor Verachtung geflohen sei. Und gerade zum Trotz, nur um sich zu zeigen, ging er jetzt in alle Studentenwirtshäuser, saß allein an einem Tisch, und während ein geringschätziges Lächeln um seinen Mundwinkeln lag, dachte er an die Zukunft und wie er sich einrichten würde.

Steif aufgereckt schritt er dann durch die Haufen seiner früheren Bekannten, schaute ihnen mit freien, hellen Augen ins Gesicht. Mancher wurde dadurch verwirrt, griff zum Gruß nach seiner Kappe. Aber er erhielt den Gruß nicht zurück.

So vergingen acht Tage, ohne daß Hellwig mit einem Menschen sprach. Pichler hatte gleich nach jener Unterredung Tisch und Bett des armen König mit Beschlag belegt und vermied ängstlich ein Zusammentreffen. Doch hatte er ein Briefchen hinterlassen, worin er sein Benehmen mit den alten Gründen nochmals entschuldigte. Fritz riß es in Fetzen.

Wenn er aber gedacht hatte, daß er durch seine völlige Absonderung Zeit und Lust zum Arbeiten zurückerzwingen werde, so war das ein Irrtum gewesen. Das Lesen der gelehrten Werke mit dem trostlos gleichförmigen lateinischen Druck machte ihm keine Freude, zum Studieren fand er nicht die Sammlung, den Vorträgen der Professoren hörte er nur mit halbem Ohr zu, und es war keiner unter ihnen, der ihn zu fesseln vermocht hätte. Zu beschaulich ging es ihm auf einmal in den Stätten der hohen Wissenschaft her. Alle seine Kräfte waren in brodelndem Aufruhr. Unrast war in ihm und drängende Sehnsucht, mitten im Leben, wo es am gewaltigsten brauste, mitzutun, im offenen Widerstreit Aug’ in Aug’ und Stirn gegen Stirn einem starken Gegner zu trotzen und im Kampfe für die Erhöhung der heute Erniedrigten die Waffen nur siegend oder sterbend aus der Hand zu legen.

Alle Länder widerhallten vom Lärm dieses Kampfes und in den Industriestädten waren die wohlgerüsteten Heerlager. Auch Prag war mit beteiligt, aber der Streiter waren daselbst nur wenige. Die Unzufriedenheit der Massen entlud sich hier im unfruchtbaren, aber bequemeren Nationalitätenhader. Und wo das anders war, da waren Tschechen die Rufer im sozialen Kampf, und Hellwig verstand ihre Sprache nicht. Wohl traten in ihren Zusammenkünften bisweilen auch deutsche Redner auf, aber das geschah nur selten und brachte in die Beratungen stets etwas Fremdes und Feierliches. So fehlte die Brücke des lebendigen Wortes, und er vermochte keine Fühlung mit ihnen zu gewinnen, trotzdem er jetzt häufig ihre Versammlungen besuchte.

Niedergedrückt kam er eines Abends von einer solchen heim. Seine Koffer waren schon gepackt, in zwei Tagen wollte er in die neue Wohnung übersiedeln. Da fand er auf seinem Tisch ein Geldaviso aus Wien und eine Verständigung des Inhalts, daß die Schriftleitung der Freien Blätter seine Abhandlung mit Vergnügen angenommen habe und um weitere Beiträge ersuche.

Aber auch von Kolben war ein Brief eingelaufen. Der Doktor schrieb: „Lieber Fritz! Du scheinst Luft unter die Flügel bekommen zu haben. Es war aber auch höchste Zeit. Jetzt sieh nur zu, daß du nicht wieder den Kurs verlierst, überleg’ nicht lang und komm her nach Wien. Es gibt hier massenhaft für dich zu tun!“

Da ließ Fritz sein Gepäck statt in die neue Wohnung auf den Bahnhof schaffen und fuhr in die Reichshauptstadt.

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