Drittes Buch
Reading edition
1.
Doktor Kolben saß in seinem Arbeitszimmer. Das war ein mäßig großer Raum mit roten Tapeten und dunklen Nußholzmöbeln. Der Schreibtisch stand schwer und massig vor einem großen Fenster, und durch die Fensterscheiben sah man in einen gepflegten Garten mit Hecken, Büschen, grünen Wipfeln und blühenden Rosen. Darinnen ruhte das kleine helle Haus, das dem Doktor gehörte, wie ein weißer Vogel in einem grünen Nest. Still war es hier draußen am Rande der Großstadt, ihr Lärm verbrauste, ehe er bis zu dem anmutigen Tal gelangte, das waldbestandene Hügel umsäumten und schützten. Eine Eisenbahn vermittelte in regem Verkehr die Verbindung mit der Stadt, in kaum zwanzig Minuten war man drinnen, und so hatte man hier alle guten Dinge des Landlebens samt allen Bequemlichkeiten der Großstadt beisammen und konnte sich’s wohl sein lassen.
Der Doktor schrieb fleißig und bedeckte Bogen um Bogen eines starken gelblichen Papiers mit regelmäßigen Buchstaben in gedrängten Zeilen. Da klopfte es, die Tür ging auf und Fritz stand so, wie er eben vom Bahnhof gekommen, in ihrem Rahmen.
„Schnell kommst du!“ sagte Kolben. „Und das ist sehr vernünftig. Sieh dir unterdessen die Bilder an, ich bin gleich fertig.“
Er deutete auf ein kleines, mit Mappen und Zeitschriften überladenes Tischchen in der Ecke. Dann ließ er die Feder wieder über die gelblichen Bogen wandern, und erst nach einer Viertelstunde legte er sie weg.
„So! Jetzt laß dich einmal anschaun!“
Er stand auf und Hellwig, der unterdessen die Zeitschriften durchstöbert hatte, ebenfalls. Der Doktor legte ihm beide Hände auf die Schultern und blickte ihm in die Augen. Fritz hielt eine kleine Weile diesem forschenden Blick stand, dann senkte er halb trotzig, halb verlegen die Lider.
„Laß gut sein!“ sprach Kolben. „Es hat nichts auf sich. Besser ein Jahr, als sich selbst verloren. So was macht jeder durch, wenn er nicht gerade ein bleichsüchtiger Musterknabe ist oder eine große Null. Also hör’ zu: Der Kampf ums allgemeine Wahlrecht soll langsam vorbereitet werden. Ein paar große Streike werden sich nicht mehr lang hinausschieben lassen. Die Schriftleitung der Freien Blätter hat junge unverbrauchte Kräfte dringend nötig. Ich schätze, es könnte dir nicht schaden, wenn du da ein bissel mittust. Willst du?“
„Geht denn das so einfach?“ fragte Hellwig und horchte hoch auf.
„Wird sich machen lassen. Ich hab’ das Kunstreferat, bin auch sonst mit den Leuten bekannt. — Es ist keine Protektion!“ beschwichtigte er, als Fritz eine heftig abweisende Bewegung machte. „Glaubst du, ich würde dich empfehlen, wenn ich dich nicht bis in die Nieren kennte? Noch einmal: Willst du?“
„Ich hab’ keine Ahnung von der ganzen Sache, weiß nicht, ob ich überhaupt dazu tauge ...“
„Du taugst schon. Und die Handwerksgriffe lernen sich leicht. Ein paar Wochen Einschulung, und das Werkel geht von selber. Zum dritten und letztenmal: Willst du? Ja oder nein?“
Noch einige Minuten zögerte Fritz mit der Antwort. Kolben ließ ihm Zeit zum Überlegen, trat ans Fenster und sah einem Rotschwänzchen zu, das im Lindenwipfel flink sich regte.
„Nun?“ fragte er endlich.
„Ja!“ antwortete Fritz.
Nach einigen Tagen saß er in der Redaktion der Freien Blätter, hatte Monatsgehalt und Zeilenhonorar vertragsmäßig zugesichert und kam rasch ins Fahrwasser.
Um ihn tönte der Lärm, schrien die Parteien des Tages, forderten von der Gegenwart ungestüm ihre vermeintlichen Rechte. Und er stand mitten drin, mitten in dem heißen, tosenden Leben, das jeden Tag seine Gestalt änderte, Verbrauchtes abstieß und neue Schlagworte ausgab. Was heute oben war, hatte morgen seine Macht verloren, lang Niedergehaltenes stieg plötzlich empor, ein immerwährender Wechsel war da, ohne Stetigkeit und Ruhe, scheinbar ein Wirrwarr und doch eins durch das andere bedingt.
Von besonderem Reiz für ihn war es da, den Zusammenhängen nachzuspüren, die das wertlos gewordene Gestern mit dem schillernden Heute verknüpften, die vielen durcheinander wirbelnden Strömungen und Gegenströmungen bis zu ihrer gemeinsamen Quelle zu verfolgen und aus dem beständigen Auf und Ab der fließenden Erscheinungen das Bleibende herauszufinden.
Und er erschrak über die drückende Machtfülle, die gewaltig aufgespeicherte Vermögen den verdienstlosen Besitzern über ganze große Menschengruppen verliehen, sah diese vergeblich dagegen ankämpfen, matt und mutlos werden, und fühlte mehr, als er klar erkannte, daß eine Ordnung, in welcher derartiges möglich war, irgendwie krank sein müsse, ohne daß er hätte finden können, wo eigentlich die Krankheit saß und wie sie zu heilen wäre. Denn alle die Wohlfahrtseinrichtungen, die Krankenkassen, Unfallversicherungen, Altersversorgungen, schienen ihm bestenfalls Verlegenheitsmittel, durch die nur die Folgeerscheinung der Krankheit erträglicher gemacht, nicht aber die Krankheit selbst behoben werden konnte, so etwa, wie man einem schwer Verwundeten Morphium einspritzt, um die unerträglichen Schmerzen für Augenblicke zu übertäuben.
Da war nun seiner grüblerischen Natur wieder ein reicher Stoff geboten. Aber er blieb in beständiger Fühlung mit dem Leben und arbeitete freudig drauflos, so daß es gewöhnlich sehr spät wurde, ehe er zum Nachtmahl und in seine Wohnung kam. Aber auch dann gönnte er sich noch nicht Ruhe, las vielmehr, schrieb und studierte, als wollte er in Wochen nachholen, was er während der leeren Monate in Prag versäumt hatte.
So verging der Sommer im Flug, es wurde Herbst und eines Tages traf Heinz Wart in Wien ein. Er hatte die Reifeprüfung abgelegt, und zielsicherer als Hellwig schwankte er keinen Augenblick, sondern kam mit der festen Absicht, sich ganz dem Zeitungswesen zu überantworten und dort mitzuarbeiten, wo er am ehesten die Verwirklichung seiner Jugendideale erhoffte.
Er war noch blasser und stiller geworden, die Augen brannten ihm groß und wie im Fieber unter der weißen Stirn. Von den dunklen Haaren bis in die Fingerspitzen schien die ganze überschlanke Gestalt mit verhaltener Leidenschaft durchtränkt, von Temperament förmlich gesättigt zu sein. Er war einer von jenen, die mit dem Herzen entscheiden, sich an der eigenen Glut verzehren und unbesinnlich zur Selbstopferung bereit sind, wenn sie glauben, der Idee, für die sie brennen, dadurch dienen zu können.
Hellwig aber freute sich sehr, den besten Freund seiner Jugend wieder zu haben. Sie bezogen zwei einfenstrige Stuben im selben Haus, und da sie auch im gleichen Redaktionszimmer saßen, waren sie fast ununterbrochen beisammen. Nur abends, wenn Fritz zu Hause arbeitete oder an Versammlungen teilnahm, tat Heinz nicht mit. Das war nichts für ihn, das Studieren oder Debattieren bis in die späten Nachtstunden. Er wollte das Elend nicht bloß vom Hörensagen, sondern aus eigener Anschauung kennenlernen. Und er ging in die Massenquartiere und Schnapsbuden, kroch in alle Schlupfwinkel der Obdachlosen. Bisweilen blieb er dann tagelang verschwunden. Und wenn er wieder in der Wohnung auftauchte, hatte er statt der getragenen guten Kleider ein paar Fetzen an, geflickt und schmutzstarrend, und Fritz mußte ihm bis zum Ersten des nächsten Monats mit Geld aushelfen.
Wo er sich herumtrieb, verriet er nicht. Aber er war dann noch stiller und bleicher als sonst, und seine Augen schienen gleichsam nach innen zu schauen, und in ihrem dunklen Grunde lag unbeweglich etwas seltsam Starres, vereister Schreck oder versteintes Grauen, wie bei Leuten, die hart am Tod vorübergegangen oder an einer furchtbaren Gefahr.
Allen Fragen wich er aus. „Laß mich nur, Fritz, ich komm’ schon allein drüber weg. Dann wirst du’s erfahren.“
Da drang Hellwig nicht weiter in ihn.
2.
Pichler hatte sein Verhältnis mit der Helenka gelöst. Nach einem heftigen Streit waren sie auseinander gegangen, und keins fragte mehr dem andern nach. Jetzt diente er sein Freiwilligenjahr ab, beim Fuhrwesen, wegen der schönen Uniform. Und die Uniform stand ihm ausgezeichnet. Das wußte er, und konnte es kaum erwarten, bis er einen dreitägigen Feiertagsurlaub bewilligt erhielt, den er in der Heimat zubrachte, um sich dort den Leuten in all seinem Glanz zu zeigen. Die Geschwister bestaunten den stolzen Krieger wie ein farbenprächtiges Fabelwesen, und auch der lustige Küster unterließ das Witzeln und hatte helle Freude an dem stattlichen Sohn. Den aber trieb es nach Neuberg. Er wollte die Eva Wart sehen und Eindruck machen.
Das alte Haus war, wenn möglich, noch schwärzer und verwitterter geworden, aber die muntere Arbeit erfüllte es jetzt wie einst, und wie vor Jahrhunderten schon leuchteten die bunten Glasmalereien noch immer frisch und kräftig im Sonnenschein. Der Rehbock Hansl tummelte sich im Garten, und unter den Bäumen am Grasplatz stand seine Herrin, zierlich und fein, ein gefaltetes Tuch um den Leib, und befestigte Leinenwäsche mit hölzernen Klammern an den kreuz und quer zwischen die Bäume gespannten Schnüren. Sie trug eine blaue Hausjacke mit weiten Ärmeln, und so oft sie ein Wäschestück hob, fielen sie bis zu den Ellenbogen über die runden Arme zurück. Das freute die fröhlichen Sonnenlichter und liebkosend streichelten sie die glatte Haut, durch deren Weiß in einem ganz zarten und duftigen Schein, nur kaum wie die Farbe junger Apfelblüten, das Blut schimmerte. Eine warme Anmut war in den Bewegungen der fleißigen Arbeiterin, und wenn sie sich auf die Zehen stellte, mit zurückgebeugtem Oberkörper eine höher hinlaufende Leine zu sich niederzog, formten die kleinen Brüstlein zwei feine schattenhafte Hügel in den leichten Stoff des losen Kleides.
Im knapp sitzenden Waffenrock mit funkelnden Knöpfen, glänzend gewichste Röhrenstiefel an den Füßen, kam Otto über den Hof, und die Scheide des schweren Säbels stieß mit lautem Klingen gegen das Pflaster. Verwundert schaute das Fräulein nach der geräuschvollen Erscheinung und vergaß vor Überraschung die blühweiß gewaschenen Unterhosen Wart Nikls aufzuhängen, die es gerade aus dem Korb genommen. Unschlüssig hielt es diese in der Hand und wartete der Dinge, die da kommen würden.
Der fremde Krieger aber ging schnurstracks auf den Garten zu, blieb, die Hacken zusammenschlagend, vor dem Gitter stehen stehen und salutierte stramm:
„Servus, Fräulein Eva!“
Nun erkannte sie ihn an der Stimme. „Jemine, der Herr Pichler!“ rief sie und lief, das Gartentürl zu öffnen. Sie tat es mit einem kleinen Knicks und sagte unüberlegt dazu: „Tretet ein, hoher Krieger!“
„Der sein Herz Euch ergab!“ ergänzte Otto schnell und verneigte sich tief, wobei er die weißbehandschuhte Rechte gegen seine Brust drückte.
Das Fräulein errötete. „Bei Ihnen muß man mit dem Zitieren vorsichtig sein!“ lachte es. „Sie sind gut beschlagen!“ Dann wollte es ihm die Hand zum Willkomm reichen und bemerkte, daß es noch immer des Vaters Unterhose hielt. Unmutig weggeschleudert flog diese im Bogen neben den Korb. Pichler gewahrte den Zorn.
„Lassen Sie sich nicht stören!“ sagte er und zog die Handschuhe aus. „Wenn es Ihnen recht ist, werde ich helfen.“
„Ja?“ antwortete sie vergnügt. „Kommen Sie, das ist lustig!“
Dann hängten sie mitsammen die Wäsche auf. Im Rasen blühten die Gänseblümchen und der gelbe Löwenzahn, die jungen Blätter der Obstbäume glänzten frisch, und mit geschmeidigen Gliedern sprang das Reh über die grünen Wiesenflächen. Eva regte sich flink, Otto reichte ihr die feuchten Leinenstücke und stellte sich ungeschickt, um einen Vorwand zu haben, seine Finger mit ihrer warmen Hand oder dem kühlen festen Fleisch der Arme in Berührung zu bringen. Sie achtete nicht darauf. Ganz Eifer war sie, und die blonden Stirnhaare bewegten sich in krauser Unordnung wie ein leichtes goldenes Gitterwerk vor der klaren Stirn. Dabei plauderten sie von allem möglichen, und nur von einem sprachen sie nicht, obwohl Eva mit still klopfendem Herzen darauf wartete: von Fritz Hellwig.
Aber auch Pichler dachte an ihn und wiegte sich in der frohen Zuversicht, daß es ihm gelingen werde, den Gegner auszustechen. Denn er wußte, daß Hellwig sein Mitbewerber war. So ängstlich dieser auch das Geheimnis behütete, den Spüraugen Ottos war es nicht verborgen geblieben.
Alle Register seiner bestrickenden Liebenswürdigkeit zog er, und das Bewußtsein, daß er fesch und vorteilhaft aussah, verlieh ihm große Sicherheit. Er übertraf sich selbst an Witz, Geist und drolligen Einfällen, so daß Eva fortwährend lachen mußte und in ihrer Vertrauensseligkeit, die ohne Arg war, dem lustigen Gesellschafter mit warmen Blicken entgegenkam. Und sie merkte auch die Absichtlichkeit nicht, als er ihr mit zögernden Händen die Haare aus der Stirn ordnete, mit ihrem Armband sich zu schaffen machte oder wie zufällig über ihr Kleid hinstrich. Wie mit einem guten Kameraden unterhielt sie sich und begegnete seinen Vertraulichkeiten auch wohl mit anderen, indem sie ihn auf die Finger schlug oder belustigt ihren schmalen Fuß zum Vergleich auf seinen großen Stiefel stellte.
Otto aber deutete alles zu seinen Gunsten. Er brannte lichterloh und glaubte, daß die Kleine nicht weniger in ihn verliebt sei als er in sie. Seine übermütige Siegessicherheit ließ ihn immer mehr wagen. Als er aber mit einer halben Wendung seinen Arm einen Augenblick um ihre Hüfte legte, klatschte sie ihm ein nasses Tuch ins Gesicht. „Das fordert Strafe!“ rief er und wollte sie jetzt erst recht an sich ziehen. Das Mädchen aber stand plötzlich mit einer so erstaunten und kalt abweisenden Miene vor ihm, daß er betreten seine Absicht aufgab. Er sah ein, daß er fürs erste Mal zu weit gegangen. Um den ungünstigen Eindruck zu verwischen, war er jetzt doppelt aufmerksam und bescheiden. Eva hantierte indes gleich wieder fröhlich weiter und tat, als sei nichts vorgefallen. Erst dieser vornehme und sichere Anstand brachte ihn aus dem Text. Er wurde verlegen, verlor den Faden und einen Augenblick stockte das lebhaft geführte Gespräch.
Der Rehbock kam, rieb den Kopf an seiner Herrin und schaute sie mit klugen Augen an. Da benützte sie endlich die Gelegenheit und sagte: „Wie doch die Zeit vergeht! Jetzt hab’ ich ihn schon das dritte Jahr! Was mag denn eigentlich der edle Spender machen?“ Ganz leichthin sagte sie das, aber ihr Herz schlug laut dabei.
„Wer?“ fragte Otto und wollte nicht verstehen.
„Sie wissen wohl gar nicht, von wem er ist?“ erwiderte sie. Es war ihr nicht möglich, den Namen über die Lippen zu bringen.
„Ja so!“ antwortete Pichler gedehnt und gleichgültig. „Sie reden von Fritz Hellwig? Da kann ich nicht dienen. Seit der wegen jener gewissen Geschichte von Prag hat fortmüssen, hab’ ich nichts mehr von ihm gehört.“
„Was für gewisse Geschichte?“ fragte sie und schaute ihn bang an. Da hoffte er sein Eisen zu schmieden, begann zu erzählen und stellte die Sache so dar, als ob Fritz aus Mangel an Mut den Zweikampf abgelehnt hätte.
„Man darf das nicht!“ schloß er. „Erst beleidigen und dann auskneifen. Es ist mir schwergefallen, aber ich hab’ schließlich nicht anders handeln können.“
„Wieso?“ Eine kleine Falte stand ihr zwischen den Brauen.
„Mit einem Auskneifer verkehrt man nicht. Der ist gesellschaftlich tot. Ich hab’ dennoch versucht, mir den Freund zu erhalten, hab’ heimlich mit ihm zusammentreffen wollen, trotz der Gefahr, daß es herauskommt und mich ebenfalls unmöglich macht.“
Er mußte innehalten. Eva hatte mit dem Fuß aufgestampft und ungestüm dazwischengerufen: „Fritz ist kein Auskneifer!“
Mit einem nachsichtigen Lächeln blickte er sie groß an.
„Sprechen wir nicht mehr davon. Mir geht die Geschichte nah, und helfen tut das Reden doch nichts mehr!“
„Ihnen nicht, das seh’ ich jetzt schon selber!“ sprach sie ihm mit funkelnden Augen entgegen. Gekränkt versetzte er: „Warum sind Sie so bös? Sie tun ja gerade, als ob ich an allem schuld bin!“
„Beileibe!“ entgegnete sie und in ihrer Stimme war Spott und Zorn. „Fein haben Sie sich benommen! Ein unschuldiger Engel sind Sie!“ Dann aber ging ihr doch das mühsam gezügelte Temperament durch. „Wollen Sie wissen,“ fuhr sie heftig fort, „wollen Sie wissen, wer der Feigling ist? Nehmen Sie einen Spiegel und schaun Sie sich an! Dann sehen Sie ihn!“
„Fräulein Eva!“
Das klang gereizt und grollend. Sie hörte nicht darauf. Rücksichtslos warf sie ihm ihre Empörung ins Gesicht.
„Vielleicht nicht? Sie haben nicht den Mut gehabt, offen zu Ihrem Freund zu halten. Wie alle sich losgesagt haben, haben auch Sie ihn aufgegeben! Das ist feig! Das ist schlecht! Pfui!“
Sie drehte sich auf dem Absatz herum, schritt tiefer in den Garten hinein mit heißen Wangen und wild schlagendem Herzen. Aber ihre blitzenden Augen waren jetzt voll Tränen.
Pichler war sehr blaß geworden und zerknüllte seine Handschuhe. Das Reh, das ihm gerade in die Quere kam, erhielt einen unsanften Stoß. Doch kein Wort erwiderte er. Eine Weile stand er noch unschlüssig, dann kehrte er sich langsam ab und schritt durch das Gartentürl in den Hof zurück. Aber sein Säbel klang jetzt nicht mehr hell auf den Steinen. Er hielt ihn am Korb fest und bestrebte sich eines möglichst geräuschlosen Abgangs.
Eva schrieb an diesem Tage noch einen langen Brief an Heinz. Aber obwohl sie dabei fortwährend an Fritz dachte und obwohl jedes Wort eigentlich für ihn bestimmt war, kam auf den vier eng beschriebenen Seiten schließlich nicht einmal sein Name vor. Und nur ganz zum Schluß, als Nachschrift, schrieb sie: „Deinen Stubennachbar lasse ich grüßen.“ Sie schrieb es hastig und überstürzt und wagte dabei nicht auf das Papier zu schauen, so daß diese Zeile schief und mit unordentlichen Buchstaben dastand und von der sauberen Nettigkeit der übrigen erheblich abstach.
3.
Fritz blieb es erspart, dem Kaiser zu dienen. Eine Unregelmäßigkeit in der Krümmung der Hornhaut beeinträchtigte das Sehvermögen seines rechten Auges und machte ihn zum Waffendienst untauglich. Er war froh darüber, und als er auch die letzte Musterung glücklich hinter sich hatte, verleitete er seinen Freund Heinz zu einem kleinen Gütlichtun in einem Weinkeller. Von dort gingen sie noch in ein Nachtkaffeehaus. Ein Streichorchester spielte hier, und der große, schäbig elegante Raum war gesteckt voll. Studenten, ledige junge Beamte und alte Witwer waren in der Überzahl, saßen angeheitert, lustig oder schläfrig bei den runden Marmortischchen und musterten die geschminkten und geputzten Weiber, die von der Straße kamen und Liebe feilboten. Allenthalben saßen oder standen sie bei den Herren, von den großen Hüten nickten die gefärbten Federn, und falsche Edelsteine funkelten an billigen Spitzenblusen.
Eine aber saß allein und abseits in einer Ecke, hatte ein schlecht sitzendes dunkles Kleid an, und ihr Gesicht war ohne Schminke. Mit ängstlichen Augen schaute sie in das lärmvolle Durcheinander, und wenn ein Mann sie ansprach, begann sie zu zittern, errötete und gab keine Antwort. Eine Anfängerin. Der Zahlkellner beobachtete sie mißtrauisch. Er sorgte sich um sein Geld für die Zeche. Aber auch Heinz Wart ließ sie kaum aus den Augen.
Die Musik spielte den neuesten Gassenhauer, die Gäste sangen mit, stampften, klatschten und pfiffen.
Leichthin sagte Heinz: „Ich werde mich an ihren Tisch setzen. Gehst du mit?“
„Was dir nicht einfällt!“ erwiderte Fritz und schaute den Epikuräer entrüstet an. Der bemühte sich, ein unbefangenes Gesicht zu machen, wurde aber doch rot, als er jetzt meinte: „Dann wäre ich dir dankbar, wenn du mich allein ließest.“
„Wie du willst. Zugetraut hätte ich’s dir nicht!“
„Man täuscht sich eben. Gute Nacht.“
Hellwig hatte schon den Hut auf und stürmte davon. Er war nicht prüde und kein Sittenrichter. Aber die käufliche Liebe ekelte ihn an.
Die junge Frau zuckte erschreckt auf, als sich Heinz mit einem ungelenken: „Erlauben Sie?“ zu ihr setzte. Aber bald verlor sie alle Scheu. Weder Unverschämtheit noch freches Begehren war in seinem Blick, nur ernste Teilnahme, die Vertrauen heischte und Vertrauen wachrief.
Sie hieß Marie und war aus dem Waldviertel. Nach einem verstorbenen Onkel hatte sie gemeinsam mit ihrer Schwester einen Milchhandel in der Stadt übernommen. Aber da sie beide nichts vom Geschäft verstanden, wollte es nicht gehen und wurde ihnen schließlich versteigert. Die ältere Schwester hatte mit einem Lohnkutscher ein Verhältnis, das ihr allwöchentlich Prügel und alljährlich ein Kind einbrachte. Die Marie aber ging einem Heiratsschwindler ins Netz, der sie um die letzten Kreuzer betrog und dann sitzen ließ. Weil sie zart und schwächlich aussah, glückte es ihr nicht gleich, als Dienstmagd unterzukommen, die Quartiersfrau wollte ihr ohne Zahlung nicht länger Unterstand geben, bei der Schwester war Not und Elend und kein Platz für noch einen müßigen Kostgänger. Deswegen saß die Marie jetzt hier und wollte das Letzte, das ihr noch geblieben, feilgeben, um wieder einmal ordentlich essen und die Miete zahlen zu können.
Das alles erzählte sie dem Wart, und die Aussprache tat ihr wohl. Er unterbrach sie mit keinem Wort, hörte still zu und lebte ihr einfaches Schicksal mit, das ihn ans Herz griff, trotzdem er vorausgewußt hatte, daß ihr Bericht so oder ähnlich lauten würde.
Dann redeten sie noch über viele Dinge. Die Marie fühlte sich geborgen, wurde lebhafter und wenn sie lächelte, glitt über ihr mageres Gesicht ein wehmütig freundliches Licht. Wie wenn im Vorfrühling der Sonnenschein über ein erstes blasses Schneeglöckchen hinhuscht, sah es aus, und in ihren goldbraunen Augen war ein sanfter Glanz von einer Munterkeit, die ungewiß, ob sie sich vorwagen sollte, ihre leuchtenden Flüglein hob und senkte.
Es war sehr spät geworden. Heinz schlug vor, zu gehen. In ihr Schicksal ergeben, folgte sie ihm. Aber auf der Straße nahm sie doch seinen Arm und schmiegte ihre Wange daran, zum Dank, daß er sie rücksichtsvoll und wie ein anständiges Mädchen behandelte. Vor einem Logierhaus machte er halt. Bevor er klingelte, bot er ihr mit behutsamen Worten ein Darlehen an. Sie gab keine Antwort, wurde verwirrt und schluchzte kurz auf. Aber das Geldstück nahm sie doch, mit kaum verhehlter Gier, aus seinen Händen und barg es bebend in ihrem Täschchen. Dann wartete sie mit fliegendem Atem, daß er anläuten und das Zimmer bestellen würde. Doch er hielt ihr nur die Hand hin.
„Gute Nacht!“ sagte er einfach.
Freudig erschrocken schaute sie ihn an.
„Sie gehn nicht mit?“ rief sie in der Ratlosigkeit ihrer Überraschung. Und das war wie ein Aufjubeln, und die hellen Tränen stürzten ihr über die Wangen.
„Schlafen Sie sich aus. Wenn es Ihnen recht ist, hol’ ich Sie morgen früh ab. Dann sehen wir weiter.“
Sie war ganz fassungslos und wußte nicht, wie sie ihm dankbar sein könnte. In überströmendem Empfinden neigte sie sich über seine Hand. Unwillig machte er sich frei, zog die Nachtglocke und wollte rasch davon. Sie ließ es nicht zu.
„Sie ... du ...“ stammelte sie, legte ihre Arme um seinen Hals und küßte ihn.
Die Sommernacht war lau und ausgesternt, rein und rund hing der Mond im dunklen Blau, lautlos war es und niemand in der Gasse zu sehen. Und nichts war zu hören als der Herzschlag der vielen schlafenden Menschen, der durch die Mauern der großen Zinshäuser drang und leis und warm durch die Stille pochte.
„Bleib’ bei mir, du!“ flüsterte die Marie. „Geh’ nicht fort, laß mich nicht wieder allein. Ich bin so froh, daß ich dich gefunden hab’!“
Der Schlüssel rasselte im Schloß. Schläfrig öffnete der Pförtner das Tor. Nur einen flüchtigen Blick warf er auf das Pärchen, dann sagte er mit einem verständnisinnigen Blinzeln zu Heinz: „Ein Zimmer mit zwei Betten ist nicht mehr frei. Wenn die Herrschaften fürlieb nehmen wollen mit Nummer einundvierzig?“
Heinz stand wie betäubt.
„Geh’ nicht fort!“ bat die Marie.
Da nahm er wortlos den Zimmerschlüssel aus der Hand des Türstehers. Und noch ehe er im zweiten Stockwerk angelangt war, hatte er schon den schlanken, bebenden Frauenleib ganz dicht an sich gezogen.
Körper an Körper und Wange an Wange stiegen sie die Treppe hinan, mit fieberndem Blut und hämmernden Herzen, und wie eine glühende Wolke umhüllte sie die ungestüme Sehnsucht ihrer jungen lebenshungrigen Sinne.
So kam die große Leidenschaft der Liebe über Heinz Wart. Er bezog mit Marie eine aus Küche und Zimmer bestehende Wohnung im fünften Stock eines Miethauses. Dort war es hell und freundlich, und die schlichten Möbel glänzten im Morgensonnenschein mit den Zähnen, den Augen der Marie um die Wette. Heiter ging sie an ihr Tagewerk und beschloß es heiter, ganz geborgen fühlte sie sich, wußte sich geliebt und liebte wieder mit aller Zärtlichkeit ihres unverbrauchten kindlichen Herzens. Ein sachtes Rot kam in ihre schmalen Wangen, leicht und federnd schritt sie einher. Aber ihre Arme blieben mager, und der trockene Husten wollte nicht weichen.
Beglückt und froh ließ sich Heinz von ihrer warmen Liebe wiegen. Seine Starrheit löste sich, er wurde weicher, menschlicher sozusagen. Im schnurgeraden Wandern nach dem Ziel hatte er eine heimliche Stätte gefunden, wo er traumverloren ruhen und endlich auch einmal der Melodie seines eigenen Lebens lauschen konnte.
Fritz bat den Freund — wortlos, nur mit einem festeren Händedruck — um Verzeihung wegen der schlechten Meinung, die er von ihm gehabt, und mit der Marie schloß er bald gute Kameradschaft. Viele schöne Abende verlebte er in ihrem Heim, aber auch jeden freien Tag verbrachte er mit ihnen.
Dann fuhren sie alle drei in den Wiener Wald oder in die Voralpen hinaus, nach denen die Marie solche Sehnsucht hatte, daß sie sich immer wie zu einem Fest schmückte, wenn sie die laubwaldumwachsenen Höhen wiedersehen sollte, die weich hinfließenden Kämme und die weiten Täler. Denn sie liebte die freie Gotteswelt, den blauen Himmel, unter dem sie groß geworden, die blumigen Fluren, die ihr das Wiegenlied geflüstert, die saalweiten Buchenwälder, durch die mit goldenen Mänteln die Rehe sprangen wie verwunschene Märchenprinzen.
Abseits von dem großen Heer der Ausflügler streiften sie, meist weglos, den ganzen Tag umher, an kühlen Bergquellen hielten sie Rast, von duftschweren Maiglöckchen umblüht oder umloht von der berauschenden Glut blutroter Alpenrosen. Und je einsamer es war, desto glücklicher waren sie, großen Kindern gleich, die hinter die Schule gelaufen.
4.
Diese Ausflüge waren für Hellwig immer wie ein Jungbrunnen, aus dem er sich Erquickung und neue Frische holte für sein aufreibendes Tagwerk. Dieses war, je mehr er sich eingearbeitet hatte, je mühevoller geworden. Die Partei hatte bald die Tüchtigkeit, die Werbekraft und den Einfluß erkannt, den der junge Schriftleiter mit seiner warmen Begeisterung und stillen Leidenschaftlichkeit auf breite Massen üben konnte. Die Scheu vor dem öffentlichen Hervortreten hatte er rasch überwunden, zauderte jetzt niemals mehr, in den Versammlungen als Redner aufzustehen, und wenn er etwas zu sagen hatte, sagte er es frei heraus und wunderte sich selbst manchmal, wie leicht und mühelos ihm die Worte von den Lippen kamen. Mit frohen Kräften tat er sich überall um, und je mehr man auf seine Schultern lud, desto wohler fühlte er sich. Und seine Kräfte wuchsen, je mehr er sie brauchte.
Immer zu eng waren ihm die Grenzen abgesteckt, sein Ungestüm schrie nach einer ganz großen Aufgabe, an der er sich ungehemmt und uneingeschränkt erproben und wirklich abmessen konnte, was er zu leisten imstande sei. Und die Aufgabe wurde ihm.
In dem ausgedehnten nordböhmischen Kohlenbecken waren die Lohnverhältnisse schon lang unhaltbar und der Streik nicht länger hinauszuschieben. Stürmisch verlangten ihn die Bergleute, und die Parteileitung mußte nachgeben. Es wurde notwendig, einen verläßlichen Mann in das unruhige Gebiet zu entsenden, der die Bewegung vorbereiten, in geordnete Bahnen lenken und überwachen sollte. Die Wahl fiel auf Fritz Hellwig. Eine große, verantwortungsvolle Sendung wurde ihm, der wenig über vierundzwanzig Jahre alt war, damit auferlegt. Aber vor die Entscheidung gestellt, schwankte er keinen Augenblick und sagte ja.
An einem trüben Herbsttag betrat er den Ort seines zukünftigen Wirkens. Die große lärmvolle Provinzstadt machte keinen günstigen Eindruck. Ein trockener Geschäftsgeist, der das Zweckmäßige auch schön findet, sprach aus ihrer ganzen Anlage. Man sah es gleich: Diese Stadt hatte keine Vergangenheit. Ihre Insassen wohnten nur erst wie zur Miete, waren nicht auf diesem Boden erbgesessen und mit ihm verwachsen durch vieljährige Überlieferung. Deswegen legten sie keinen Wert auf ein behagliches Heim, hätten auch keine Zeit gefunden, es zu schmücken, in ihrer rastlosen Jagd nach dem Erwerb.
Mit ihren vielen Fabriksschloten lag die Stadt, beständig von einer Wolke schwärzlichen Qualms überschattet, mit Geratter, Gerassel und Getöse angefüllt, in einer ungemein reizvollen Landschaft wie ein häßliches Mal auf einem schönen Körper. Zahlreiche Berge schlossen sie von zwei Seiten ein, ein stattlicher Strom hatte sich eine breite Rinne durch das Gebirge gegraben und trug Frachtschiffe auf seinem Rücken, beladen mit Obst und Korn und Kohlen, die rings in dem großen Becken gefördert wurden. Und an seinen Ufern führten die Schienenstränge, keuchten die Lokomotiven, knarrten die Dampfkrahne, schwere Warenballen aus den Eisenbahnwagen hebend und in den Schiffsrumpf senkend.
Es war eine reiche Gegend, und die Leute verwendeten den unerschöpflich zuströmenden Reichtum mit klugem Bedacht. Sie legten ihn in der Erde an, vergruben ihr Pfund und wucherten doch damit, teuften Schacht um Schacht ab, stellten immer stärkere Fördermaschinen auf, und die schwarzen Diamanten brachten hundertfältigen Nutzen.
Aber die Landschaft litt darunter, und schon jetzt sah man weite Flächen mit rauchenden Löschhalden eingesunken und verrollt, wo einst auch fruchtschwere Obstbäume standen und gelbes Korn der Ernte entgegenreifte. Und wenn der letzte Kohlenblock dem Bauch der Erde wird entrissen sein, dann wird eine Wüste ringsum zurückbleiben und ein großes Elend.
Daran dachten sie jedoch vorläufig nicht. Sie waren stolz auf ihre Bergwerke, stolz auf ihre Fabriken, stolz auf ihren Reichtum und hielten sich für ungemein geschäftstüchtig, weil sie sich alles dienstbar zu machen und aus allem Vorteil zu ziehen wußten.
Am stolzesten aber war die Stadt auf ihre chemische Fabrik. Die bildete ein eigenes Viertel, und wohl fünfzig Schlote ragten hoch in die Luft, gewaltige Säulen für den Thron der Königin Industrie. In dicken Wolken hing der schwarze Rauch darüber als Baldachin und unten sausten und grollten die Räder, knatterten die Treibriemen, ächzten die Winden, schrillten die Dampfpfeifen: die große Sinfonie zu Ehren der Königin.
Weit über fünftausend Arbeiter beschäftigte diese Fabrik, und weit über fünfzehntausend Bergleute fanden in den Kohlengruben ihr Brot. Die sollte Fritz Hellwig nun führen, organisieren und vorbereiten zum Kampfe gegen die mächtigen Handelsherren.
Er hatte sich außerhalb der Stadt in einem kleinen Hause am Ufer des Stromes bei einem Faßbinder eingemietet. Hier war es still und friedsam, die Hafenbahn führte nicht bis her und der Lärm drang nur kaum noch wie ein leises Murmeln von fern. Um die Fenster schlang ein edler Weinstock seine Ranken, bewaldete Berge stiegen am jenseitigen Ufer mit anmutigen Gipfeln empor, und durch das grüne Tal glitt leise rauschend mit eiligen Wellen der schöne Fluß. Früh morgens ging die Sonne an den Fenstern vorbei, lag wie gleißendes Silber auf der breiten Wasserfläche, Lastschiffe und Zillen wanderten bei günstigem Wind mit aufgesteckten Segeln vorüber, Schleppdampfer bewegten sich an rollender Kette stromaufwärts.
Bisweilen auch tönte unten auf dem gepflasterten Vorplatz lustiger Schlegelklang. Aber der Bindermeister war rücksichtsvoll und fragte jedesmal, wenn er die Reifen antreiben wollte, seinen Mieter, ob ihm das Gehämmer nicht lästig sei. Er war außerordentlich mager, groß, etwas vornüber gebeugt durch die Last seiner siebzig Jahre, und um das ganze Gesicht starrte ihm ein wahrer Urwald von grauen Haaren, so daß nur die kleinen Vogelaugen sichtbar waren und eine Hakennase von abenteuerlicher Form. Wie ein Meergreis schaute er aus, grün, mit grünlich verschossenen Kleidern und grünlich-schwarzer Hautfarbe. Denn er wusch sich nur Sonntags. Dagegen hielt er viel auf leichtes Schankbier und Schnupftabak, wovon er unglaubliche Mengen verbrauchte. Seine Frau war ihm darin ähnlich. Auch sie verschmähte weder eine Prise noch einen guten Trunk. Doch ging sie immer sauber gewaschen, und Fritz hatte keinen Anlaß zu einer Klage. Seine Stube war kühl und hell, die Aussicht prachtvoll, der Kaffee vortrefflich.
Wenn er zu Hause war, sah er am liebsten zum Fenster hinaus auf das bunte Treiben im Strom, schaute den Scharen der Möven zu, die wie Silberstreifen über die glitzernde Wasserfläche schossen und ließ sich nachts von dem eintönigen Geplätscher der wandernden Wellen in Schlaf singen.
Aber er hatte nicht viel Zeit zu beschaulicher Muße. Die Agitatoren, die vor ihm dagewesen waren, hatten schlecht gewirtschaftet. Sie hatten verhetzt, statt aufzuklären; sie hatten aufgereizt, wo sie hätten belehren sollen. Sie hatten den Leuten die glückliche Unwissenheit genommen und nichts dafür gegeben.
„Werdet Sozialdemokraten, und es wird euch gut gehen.“
Und sie wurden Sozialdemokraten. Aber es ging ihnen nicht gut. Es ging ihnen schlechter. Denn zur gleichen Lebenslage war die Unzufriedenheit gekommen.
So war es Hellwig nicht leicht gemacht, Vertrauen zu erwerben. Aber es gelang ihm doch. Er war fortwährend unter ihnen, bereiste das ausgedehnte Gebiet, warb um sie und ließ nicht locker. Und langsam begann ihr Mißtrauen zu schwinden. Sie ließen ihn näher an sich heran, öffneten ihm ihre Stuben, ihre Herzen. Sie spürten heraus, daß er es ehrlich mit ihnen meinte und fingen an ihn zu lieben.
Bald kannten ihn alle Arbeiter. Es war auch nicht schwer, ihn unter Hunderten herauszufinden. Schulterbreit, von einem kraftvollen Ebenmaß der Glieder, überragte er die meisten um Haupteslänge. Wenn sie seinen runden Schlapphut, den grauen Radmantel auftauchen sahen, kamen sie näher, vertrauten ihm ihre Nöte. Und bald auch kamen sie zu ihm in die Redaktion des Wochenblattes, dessen Leitung er mit übernommen hatte. In den Frühstunden oder am Abend nach der Arbeit kamen sie, mit ihren rußigen Gesichtern und schwieligen Fäusten, holten sich Rat in ihren kleinen Kümmernissen und großen Mühsalen.
Es gab prächtige Menschen unter ihnen. Da war Anton Stanzig, der Glasbläser, der in seinen freien Stunden in den Bergen herumlief, um sich eine neue Lunge zu holen, weil er sich die alte beim heißen Schmelzofen schon zur Hälfte herausgeblasen hatte. Er spuckte Blut und sammelte Schmetterlinge, las darüber dicke Bücher und wußte alle Arten mit ihren lateinischen Namen zu benennen. Oder da war Ferdinand Opitz, der nach beendeter Häuerschicht die dunkle Kohlengrube verließ, um sich mit Spektralanalysen zu beschäftigen und dessen ständige Klage war, daß er so selten dazu käme, das Sonnenspektrum zu beobachten. Oder da war Franz Bogner, der alte Kesselwärter, der in den Mußestunden mit seinen knotigen Fingern zarte Blumengewinde und Figuren modellierte. Und was sollte man von Karl Pfannschmidt halten, dem fünfunddreißigjährigen Bergmann, der zur Rastzeit im Schacht mit dem Speck zugleich auch ein Buch aus dem Brotsack zog und auf einem Haufen Kohle bäuchlings hingestreckt, beim trüben Schein der Grubenlampe Rousseaus contrat social im Urtext zu lesen anfing.
Er hatte eine zweiklassige Dorfschule besucht und mußte mit zwölf Jahren ins Bergwerk. Schon längst war seine Gesichtsfarbe fahlgrün und seine Luftröhre voll von Kohlenteilchen, die er obertags fortwährend aushustete. Die heiße Schachtluft hatte den Körper angegriffen, aber der Sehnsucht konnte sie nichts anhaben. Die war geblieben, und mit ihr ein unstillbarer Hunger nach Wissen. Seine Stuben waren vollgepfropft mit allen Lehrbüchern der Mittelschulen. Denn er hatte einst den Ehrgeiz gehabt, es bis zum Doktor der Weltweisheit zu bringen. Da hatte er heiraten müssen, kurz nach der Hochzeit war das erste Kind gekommen, und die Sorge um das tägliche Brot zwang ihn, im Schachte auszuharren.
Hellwig war bald der wahren Natur des bescheidenen Bergmanns auf die Spur gekommen, bot ihm seine Bücherei zur Benützung an, lud ihn zu sich ein. Und Pfannschmidt zog eines Abends nach langem Zögern seine guten Kleider an und ging hin. Frisch rasiert war er, trug blank gewichste Stiefeletten und an den ausgearbeiteten Händen braunlederne Handschuhe. Linkisch stand er unter der Tür und zog und zerrte an dem Knoten seiner Halsbinde, die himmelblau auf einer brettsteifen Hemdbrust glänzte. Die Hemdbrust hatte sich unter der Weste verschoben und wölbte sich nun wie ein mächtiger Frauenbusen.
„Stör’ ich?“ fragte er schüchtern.
„Beileibe!“ erwiderte Fritz. „Schön, daß Sie kommen.“
Er nahm dem Besucher den Hut aus der Hand, legte ihn aufs Bett, öffnete den Kasten und nahm eine Flasche Wein heraus.
„Machen wir’s uns gemütlich.“
Der Bergmann saß steif nur kaum auf dem Rand des angebotenen Stuhls und hatte die Hände vor sich auf die geschlossenen Knie gelegt. Seine Blicke wanderten in der Stube herum, blieben an den Büchergestellen haften.
Fritz schraubte die Lampe höher. „Ich denke, wir lesen etwas!“ schlug er vor. Denn auch ihm fehlte die Gabe, durch leichtes Geplauder Brücken zu schlagen, über die ihre einander noch fremden Seelen sich hätten näher kommen können. Er holte ein paar Bände, setzte sich seinem Gast gegenüber, der ihn stumm und erwartungsvoll ansah.
„Vielleicht das hier!“ meinte Hellwig nach einigem Herumblättern. Und nun las er mit verhaltener Leidenschaft Friedrich Adlers Gedicht ‚Nach dem Strike‘.
„... Im tiefen Schacht, von Luft, vom Lichte, Von jedem frohen Blick entfernt, Gefahr, wohin der Fuß sich richte — Wir haben tragen es gelernt. Wir wissen uns dem Los zu neigen. Wir gehen fürs Leben in den Tod. Wir schweigen schon und werden schweigen, Allein wir hungern, schafft uns Brot!“
Und weiter:
„... Und laßt es nicht zum höchsten steigen, Bedenket, Eisen bricht die Not — Wir schweigen schon und werden schweigen, Allein wir hungern, schafft uns Brot!“
Pfannschmidt war aufgestanden. Gleich nach den ersten Versen war er aufgestanden, ganz außer sich, mit geballten Händen und weit geöffneten Augen.
„Herr! ... Herr ...!“
„Ein schönes Gedicht, nicht wahr?“ sagte Fritz leichthin, um die eigene Ergriffenheit zu verbergen.
„Schön? — Packen tut’s einem, daß man gleich mit Fäusten dreinschlagen möcht’! Sakra! Wir schweigen schon und werden schweigen, allein wir hungern! ... Das sind Worte, gerade solche Worte, wie sie unsereins auch spricht ... aber was da alles drinliegt! Und was alles dazwischen liegt, bis einer zu dem Ton kommt ... Herr, ich hab’ auch mein Lebtag gehungert und geschwiegen und gewartet: es muß doch anders werden. Und ein Tag nach dem andern ist vorbeigegangen, ein Jahr hinterm andern, — bis mir meine Frau das erste graue Haar aus dem Bart zieht. Und da hab’ ich’s auf einmal gewußt: Du steckst drin und kannst nicht heraus ...! — Ich hab’ angefangen, auf die Tage aufzupassen, wie sie so langsam vorüberschleichen. Und da ist mir geworden: Ich lieg’ sechs Schuh tief in einem offenen Grabe ... und jeder Tag ist wie eine Schaufel Erde, die sie auf mich werfen. Bei den Beinen fängt’s an, dann kommt’s auf die Brust, die Arme ... immer schwerer ... immer mehr Erde ... Und endlich fällt sie auch aufs Gesicht. Dann ist das Licht fort, jeder Strahl, jeder Schimmer — alles. Und das ist das Ende ... Lebendig muß man sich begraben lassen und kann sich nicht wehren. Verfluchte Armut!“
„Pfannschmidt!“ rief Fritz erschüttert. „Um Himmelswillen, nicht so mutlos! Denken Sie nicht ans Untergehn, sonst sind Sie ja schon unten! Verfluchte Armut, jawohl! Aber — Hand aufs Herz, ihr, die ihr da arm seid — seid ihr ganz ohne Schuld? — Ihr habt geschwiegen und schweigt! Laßt alles auf euch niedergehn — und schweigt! Zum Teufel! So wehrt euch doch! Ihr habt Fäuste — braucht sie! Habt Rechte — fordert sie! Und weigert man sie euch — erzwingt sie!“
Da lächelte der Arbeiter traurig und sagte: „Herr, Sie wissen eben nicht, was jahrelang schuften und hungern heißt. Das macht einen schon kaputt. Wenn man so Stücker zwanzig Jahre in der Tretmühle drin ist, dann hört sich endlich alles andere auf. Man lebt nur noch so hin ...“
Fritz vermochte nicht zu antworten. Was er auch geredet hätte, es wären doch nur Worte gewesen, leere Worte, die an diesen heißen Schmerz nicht herankonnten, — wie Wassertropfen in der Luft verdampfen, lang ehe sie das Erz im Hochofen erreichen können.
So war Schweigen, während vor den Fenstern der dunkle Strom vorüberzog, schnell, lautlos gleitend, Welle um Welle ohne Anfang und Ende.
5.
Tage aufreibender Tätigkeit folgten. Es galt die Forderungen zusammenzustellen und den Grubenbesitzern bekanntzugeben. Hoch waren die Forderungen nicht, denn die Leute waren wirklich hundejämmerlich daran. Sechs, im besten Fall zwölf Gulden in der Woche verdienten die Männer, die Weiber brachten es höchstens auf sieben, und zu alledem waren die Lebensmittel schandhaft teuer. Es gedieh zwar alles in Hülle und Fülle in der fruchtbaren Gegend und die Bauernhöfe hatten große Viehbestände. Aber die klugen Geschäftsleute wußten auch aus diesem Segen Gewinn zu ziehen, trieben mit Obst, Korn, Milch einen schwunghaften Handel nach dem Ausland und den nahen Kurorten. Nur die Ausschußware beließen sie dem heimischen Markt, forderten aber die gleichen Preise wie für die gute. Und die Löhne waren seit Jahrzehnten unverändert.
Das glatte Zuströmen des Reichtums hatte die Unternehmer übermütig gemacht. Sie vertrauten ihrem mühelosen Glück und glaubten, daß ihnen alles gelingen müßte und nichts geschehen könnte.
Rundweg lehnten sie die Forderungen ihrer Arbeiter ab. Alle ohne Ausnahme, in Bausch und Bogen, brüsk, ohne Beschönigung. „Wir bewilligen gar nichts! Wem’s nicht recht ist, der kann gehen!“
Da berief Hellwig die Bergleute zu einer Versammlung unter freiem Himmel, am frühen Morgen, draußen vor der Stadt auf einem Hügel mit weiter Fernsicht über das große Becken. Und sie, über die schroffe Abweisung erbittert, legten trotzig die Arbeit nieder und strömten von allen Seiten auf die frührotbeglänzte Höhe. Wohl achttausend kamen sie, Männer mit struppigen Bärten, Weiber, die Kinder unterm Herzen trugen, muskelbepackte Jünglinge und Mädchen mit wachsgelben Wangen. In ihren besten Kleidern, wie zu einem Gottesdienst, kamen sie.
Blutrot stieg im Osten die Sonne empor. Unter ihr lag die herbstreife Erde und hob die quellenden Brüste dem Licht entgegen. Rein war der Himmel, rein die Luft, rein die Stadt vom Fabriksqualm. Rauchlos ragten die Schlote, mahnende, warnende Finger, aus dem Häusergewirr.
Hellwig schwang sich auf eine Felsplatte, die in der weiten Fläche des Gipfels wie eine natürliche Rednerbühne aufgebaut war und blickte über die Versammelten. Eine schwankende dunkle Masse, brandete es da unten, Kopf bei Kopf, und die Gesichter leuchteten seltsam weiß und fremd daraus hervor. Und das Regen der Leiber, das Summen der gedämpften Stimmen vereinigte sich zu einem dumpfen Brausen, wie der Schwall mächtiger Wogen, die ohne Rand und Ufer im offenen Meer hinrollen.
Einen Augenblick stand er wie erschrocken vor dem ungeheuern Andrang des Lebens, das ihm entgegenatmete. Und es dünkte ihn Vermessenheit, als ein Einzelner, Jugendlicher, gleichsam darüberzustehen und ihm die Bahn zu weisen. Und er sah Hoffnung in ihren glänzenden Augen, hörte das Brausen leiser und leiser werden — und lautlose Stille wurde unter der blauen Himmelsdecke, wie in einem endlos gedehnten leeren Saal.
Alle schwiegen und hielten ihm die Gesichter zugewendet und erwarteten etwas von ihm und waren begierig auf seine Botschaft. Da durchsengte es ihn mit einer wilden, ganz heißen Glut. Noch einen freien, leuchtenden Blick warf er über die Menschenmassen, dann sprach er mit weithin tönender, schwingender Stimme.
Er sagte:
„Da unten liegt die schöne reiche Erde, die unser aller Mutter ist. Da unten schläft auf Garbenbündeln die Fruchtbarkeit, biegen sich die Äste fruchtschwer und segenbeladen.
Unsere Mutter ist so schön und so reich. Aber ihr, die ihr Kinder dieser Mutter seid ... schaut dort hinab, wo die Essen ragen und die Aschenhaufen rauchen! ... ihr, die ihr dort unten in den finsteren Schächten, fern dem Licht, in der heißen, staubigen Luft, in den engen, stickigen Gängen schweißtriefend die Karren schiebt und halbnackt die Hauen schwingt beim bleichen Flackern der Grubenlampen — eure Lungen keuchen, eure Lippen sind zerrissen und wund, eure Augen haben rote Ränder — ihr armen Kinder dieser reichen Erde wißt nichts von der Schönheit eurer Mutter!
Wenn noch die Nacht auf den Bergen träumt, müßt ihr Abschied nehmen von Weib und Kind, jeden Tag Abschied fürs Leben, denn dort unten lauert die Gefahr, kauert der Tod — und eure Lieben wissen nicht, ob sie euch lebend wiedersehen.
‚Wer weiß, wie nahe mir mein Ende? Ein Grubenlicht, ein Lebenslicht, Ein Tropfen löscht es gar behende — Ein Grubenlicht — ein Totenlicht!‘
sagt euer alter Bergmannsspruch. Und Tag für Tag müßt ihr hinab in die heiße, dunkle Tiefe. Und erst wenn der Tag zum Sterben kommt, wenn die Nacht wieder auf den Bergen träumt, dann kommt ihr — vielleicht! — hervor aus der dunklen, heißen Tiefe und eure Augen sehen die Sonne nicht mehr. Tag für Tag. Und keinen Tag seht ihr den Quell alles Lebens, die Sonne.
Was habt ihr getan, um so gestraft zu werden?
Wolltet ihr Umsturz und Revolte? Den Untergang des Reiches? Den Tod des Herrschers?
O, nichts von alledem, meine Brüder! Ihr seid nur — arm!
Das ist es ja, was unsere Gesellschaftsordnung so furchtbar macht und so ungeheuerlich! Daß die Armut zum Fluch, daß die Armut zur Strafe wurde, zu einer harten, grausamen, entsetzlichen Strafe.
Und wenn ihr — nicht ein Ende, beileibe! — wenn ihr eine Milderung wollt, wenn euere Forderungen noch so maßvoll sind, wenn ihr nichts verlangt als nur ein wenig mehr Luft und Licht und ein wenig Würze zum trockenen Brot — auch dieses Wenige geben sie euch nicht!
Wenn ihr euch auch plagt und rackert und Arbeiten auf euch nehmt, die oft einem Schwein zu schmutzig wären, geduldig und ohne Murren auf euch nehmt — denn eure Kinder wollen essen — es hilft euch alles nichts, plagt, rackert, schindet euch, so viel ihr wollt, ihr müßt — ganz arm bleiben.
Nichts gibt man euch dazu, nicht einmal ein wenig mehr Luft und Licht und ein bißchen Würze zum trockenen Brot!
Ballt sich euch die Faust? Will euch der wilde Zornschrei die Brust zerreißen?
Gemach, ihr meine Brüder!
Nicht in Haß und Zorn dürft ihr handeln! Wägen müßt ihr, müßt alles überlegen, und ruhig und besonnen, aber um so fester und sicherer, strenger und unbeugsamer pocht dann auf euer Recht!
Und das erste Recht der Erdenkinder ist ein Anrecht auf die Früchte der Mutter. Wie euern Kindern die Brüste eurer Frauen, so gehören euch die Früchte der Erdenmutter. Und euer bestes Recht ist, daß ihr satt zu essen habt für euch und eure Kinder.
Aber nicht mit der kurzen Gewalt der Fäuste dürft ihr euch dieses Recht holen. Denn ...
Ich sehe viele unter euch, die Väter und Mütter sind. So frage ich euch: Wollt ihr, daß euern Kindern dasselbe Los falle, das euch beschieden ist? Wollt ihr, daß ihnen wie euch das Geleite geben durch das ganze lange Leben der Hunger und die Not? Wollt ihr, daß eure Kinder einst, wie ihr, vor einer Wiege stehn und emporschreien zum harten kalten Tod: ‚Komm doch! Komm und nimm den Wurm zu dir, eh’ er bei uns verhungert!‘
Wollt ihr das? O, nein doch, nein!
Nun denn, so unterdrückt den Zorn, laßt den Drang nach Aufruhr und Empörung nicht mächtig werden — um eurer Kinder willen. Denn wenn ihr jetzt hingeht, die Maschinen zerstört und vernichtet und plündert, werdet ihr in Ketten gelegt und in Kerker geworfen. Und eure Kinder stehen schutzlos da, preisgegeben dem hohnlachenden Daseinskampf — und verderben.
Ihr seid Söhne der Erde: so seid ihr Söhne der Arbeit.
Ihr seid Söhne der Arbeit: so seid ihr stark und starr.
Und so rufe ich euch zum Kampf! Zum zähen, lautlosen Kampf der härtesten Unnachgiebigkeit! Rührt keinen Finger zur Arbeit, bevor nicht eure Forderungen erfüllt sind: Neun Stunden Arbeitszeit und vierzig Prozent Lohnerhöhung.
Mehr könnt ihr vorerst nicht fordern. Mit einem Schlag fällt auch der stärkste Mann keinen hundertjährigen Baum, aber durch viele Axtschläge bringt ihn selbst ein Kind zu Fall.
Söhne der Erde, Söhne der Arbeit, seid stark und starr und achtet die Gesetze um eurer Kinder willen!“
Als er geendet hatte, zerriß ein lautes Jubelschreien die atemlose Stille. Ein entfesselter Strom, drängten sie gegen ihn, streckten die Arme aus, schwenkten Hüte und Tücher. Die Vordersten erkletterten den Felsen, haschten nach seinen Händen, drückten und schüttelten sie, und einige wollten ihn auf den Schultern forttragen. Er aber wehrte ihnen und schritt ergriffen durch die entflammte Menge, mit feuchten Augen und hämmerndem Herzen.
Da stellte sich ihm ein Mann in den Weg, den er vorher noch niemals gesehen hatte. Und doch mußte die kurze, gedrungene Gestalt mit dem mächtigen Schädel, dem verwilderten Bart und den brennenden, tiefhöhligen Augen sofort auffallen. Er war schlecht gekleidet, trug einen abgeschabten Flausrock, Zwilchhosen, die an den Knien mit großen Flicken ausgebessert waren, trangeschmierte hohe Stiefel, und das blaue Leinenhemd ließ trotz der kühlen Herbstluft die haarige Brust frei.
Etwas erstaunt schaute ihn Fritz an, und der Fremdling sagte mit unverhohlenem Spott: „Sie wundern sich über mein Aussehen, guter Freund? Das bin ich gewohnt. Übrigens heiße ich Karus, komme von Odessa und wollte mir mal anschaun, wie ihr da draußen in Freiheitskämpfen macht. Ich habe Ihre Rede gehört, es war eine schöne Rede, eine gehaltvolle Rede, gewiß, aber eben doch nur eine Rede. Und das, nehmen Sie mir’s nicht übel, junger Freund, aber das alles hat verflucht wenig Wert. Ihr redet und redet, glaubt, weiß der Himmel was ihr für die ‚Freiheit‘ und für die ‚Menschheit‘ tut. Doch seien wir ehrlich, im Grund genommen denkt ihr verteufelt wenig an die ‚Freiheit‘ und an die ‚Menschheit‘. Ihr denkt schließlich auch nur an eure Magen, wollt, daß ihr genug für den Wanst habt — — daß aber draußen irgendwo zur selben Zeit soundsoviele Hunderttausende im Straßengraben verrecken, daran denkt ihr nicht, ihr — altruistischen Egoisten!“
Er hatte mit halblauter Stimme gesprochen und keine Falte seines verwitterten Gesichtes verzogen. Nur die Augen blitzten lebendig in ihren tiefen Höhlen, und durch seine Worte zitterte es wie verhaltene Glut.
„Stören Sie mir die Stunde nicht!“ antwortete Hellwig unwillig. „Was geht es Sie an, wie wir für unser Recht eintreten? Ihnen zu Trost sei’s gesagt: wir werden es auch bekommen! Weil wir uns rühren! Warum rühren sich die soundsoviel hunderttausend anderen nicht auch? Oder, wie Sie sagen, warum verrecken Sie lieber im Straßengraben, statt sich ihr Recht zu holen?“
Da schüttelte sich die vierschrötige Gestalt des Unbekannten in lautlosem Gelächter. Er schaute Fritz lang an, mit einem sonderbaren, tief bohrenden Blick, dann sagte er langsam, jedes Wort betonend:
„Weil sie frei sein wollen!“, drehte sich auf dem Absatz herum und ging weg. Rücksichtslos brach er sich mit den groben Fäusten und dem Stiernacken Bahn durch das Gedränge, war im Nu darin untergetaucht.
Das ganze Auftreten des Mannes, sein hartes Wesen und dann die rätselhaften Schlußworte, das alles hatte einen starken Eindruck auf Hellwig gemacht. Und noch in seinem Zimmer grübelte er, suchte einen Sinn in dem mystischen Satz:
... Sie verrecken lieber im Straßengraben, weil sie frei sein wollen ...
Aber er fand keine Deutung.
6.
Im Kohlenbecken ruhte die Arbeit.
Von allen Seiten liefen Spenden ein. Sogar Wart Nikl leistete einen Beitrag. Kolben schickte tausend Gulden und schrieb dazu: „Noch einmal die gleiche Summe steht dir in vier Wochen zur Verfügung, wenn du sie brauchst. Es geschieht aus Freundschaft für dich, denn ich triefe nicht von Menschenliebe. Nenn meinen Namen nicht. Ich verzichte auf den blökenden Dank der Herde, verdiene ihn auch nicht. Halt dich tapfer!“
Das Geld wurde nicht verteilt, sondern zur Anschaffung von Lebensmitteln in großen Mengen verwendet. Mehrere Küchen mit riesigen Herden wurden aufgestellt, in denen das Essen für Hunderte auf einmal bereitet werden konnte. So waren sie in der Lage, länger auszuhalten.
Sparsamkeit war aber auch notwendig, denn Woche um Woche verging, in geschlossenen Schlachtreihen standen sich Arbeiter und Unternehmer gegenüber, niemand dachte ans Nachgeben. Alle Schächte lagen wie ausgestorben. Fünfzehntausend Bergleute feierten. Aber die Ruhe wurde nirgends gestört.
Im Dezember fiel starker Frost ein. Die Lagerbestände der Gruben waren vollständig geräumt. Der Kohlenmangel wurde immer empfindlicher, drohte zu einer Katastrophe für Industrie und Bevölkerung zu werden.
Und dann war die Kohlennot wirklich da. Die Preise für Brennmaterial wurden unerschwinglich. In den Gassen der Städte wurden die Kohlenfuhrwerke immer seltener. Und auch die wenigen mußten von Polizisten begleitet werden. Denn allenthalben strichen Leute mit Körben und Säcken durch die Straßen, klaubten die Kohlenbröcklein — wenn sie welche fanden — gleich goldenen Münzen auf, und wiederholt schon waren die Pferde ausgespannt, die Fuhren geplündert worden. Und die Eisenbahnzüge, die den kostbaren Brennstoff aus dem Rheinland und von England heranführten, rollten von der Grenze an unter Gendarmeriebedeckung. Trotzdem aber warteten längs der Schienenstränge Leute mit Stangen, Rechen und Harken, sprangen in die Bremshütten und warfen von den fahrenden Zügen die Kohle ihren Genossen zentnerweise hinab.
Noch bedrohlicher wurde die Lage, als eine große Maschinenfabrik nicht mehr alle Kessel heizen konnte, den Betrieb einschränkte und achthundert Gießer entließ. Andere Unternehmer folgten diesem Beispiel, und die Erregung wuchs ungeheuer unter den brotlos gewordenen Massen. Fast schien es, als stände das Land am Vorabend einer Revolution.
Beschwerden, Bittschriften, Drohbriefe liefen bei den Ministerien ein. Unternehmer, Kaufleute, Handwerker, die gesamte Bevölkerung forderte stürmisch von der Regierung Hilfe. Hohe Beamte gingen in das Streikgebiet ab, um zu vermitteln, zu schlichten und ein Ende der Not herbeizuführen.
Das Nachgeben fiel den stolzen Gewerken in ihrem Hochmut nicht leicht. Aber unter dem Druck der öffentlichen Meinung blieb ihnen keine andere Wahl. Widerwillig ließen sie sich zu Zugeständnissen herbei. Nicht alle Forderungen wollten sie bewilligen, doch was sie anboten, war immer noch so viel, daß es, gleich gewährt, genügt hätte, den Ausstand zu vermeiden.
So erging denn vom Regierungsvertreter an die Vertrauensmänner der Streikenden die Einladung zu einer gemeinsamen Besprechung. An Fritz Hellwig war sie gerichtet als den Leiter und Führer der Bewegung.
Er war eine stadtbekannte Persönlichkeit geworden. Man staunte über die straffe Organisation, die er förmlich aus dem Boden gestampft hatte, ließ ihm die geschickte Leitung gelten, lobte seinen lauteren Charakter und seine vornehme Kampfesweise.
Und manche, die früher den Provinzredakteur über die Achsel angesehen, suchten jetzt seine Bekanntschaft. Aber er blieb zugeknöpft und verschlossen und ließ sie sich nicht nahe kommen.
Ungleich gemütlicher verkehrte er mit seinen Quartiersleuten. Der Faßbinder war auf seine alten Tage auch Sozialdemokrat geworden. Wenigstens behauptete er es. Die waschechte Gesinnung übte indes weder auf seinen waschechten Hautüberzug, noch auf sein sonstiges Gehaben einen bemerkenswerten Einfluß. Nach wie vor schnupfte er, trank Schankbier und wusch sich nicht. Aber statt des nationalen Banners schwang er jetzt die rote Fahne. Freilich nur seinen Reden nach. Dafür aber gewaltig, mit dem Brustton der Überzeugung.
Er war stolz auf seinen Mieter und sonnte sich in dem Abglanz, der von dessen Beliebtheit auf sein Haus fiel. Jeden Besucher hielt er auf und fing ein Gespräch mit ihm an.
„Guten Tag, Genosse!“
„„Guten Tag!““
„Was Neues?“
„„Bin keine Zeitung!““
„Nun, nun, nur nicht so schnell! Lassen Sie doch unsern Herrn Genossen Hellwig ein bissel ausschnaufen!“
„„Geht nicht, Herr Meister! Die Sache ist dringend.““
„Schon wieder dringend? Ja, wir Roten! Wir marschieren nicht, wir laufen Sturm!“
„„Könnt da schlecht mit, was? Wenn die Beine schon wacklig werden!““
„Wacklig? Oho! Oho! Da schaun S’ her! La—uf—schritt!“
Und er lief ein Stück die festgefrorene sonnige Uferstraße entlang, warf die langen Beine wie ein Droschkengaul, stand still und schaute sich schnaufend und Beifall gewärtig um. Der Besucher hatte indes die Gelegenheit benützt und war ins Haus geschlüpft. Da nahm der Bindermeister eine Prise, spuckte in die Hände und schlug wütend auf seine Fässer.
Und wenn Hellwig aus dem Haus trat, frühzeitig, kaum, daß die Sonne hinter den weißen Bergen herauf wollte, machte sich der Binder, wenn ihn nicht noch der Kater im Bett festhielt, jedesmal an ihn heran.
„Schon auf, Herr Genosse?“ fragte er zutunlich. „Sind Sie denn nicht noch schläfrig? Arg spät war’s wieder. Ich hab’ schon einmal ausgeschlafen gehabt, wie Sie die Fenster aufgemacht haben. Passen Sie nur auf, daß Sie nicht verkühlen! Ich lieg’ immer bei zugemachten Fenstern und doch friert mich in der Nacht wie einen Italiener. Und jetzt gar Sie! Alle Fenster reißen Sie sperrangelweit auf. Das kann doch nicht bekömmlich sein!“
„Ich bin das so gewohnt, Herr Meister. Und dann, es liegt sich so schön, wenn’s dunkel ist und man hört draußen das Wasser am Eis vorübergehn. Es wiegt einen ordentlich!“
„Jawohl, schön haben wir’s schon dahier! Und eine Luft! Eine starke Luft! Die hält gesund und macht Appetit ... Teufelszeug noch einmal! Hat Ihnen meine Alte den Kaffee gebracht? Man muß jetzt schon fort hinter ihr her sein, wissen Sie, weil sie so arg viel vergeßlich wird. Sie trinkt zu viel. Das tut den Frauenzimmern nicht gut.“
Nun mußte Fritz hellauf lachen, weil hier einmal der Blinde über den Einäugigen König sein wollte.
„Nein, Herr Meister,“ sagte er, „auf den Kaffee hab’ ich noch nie zu warten brauchen. Und was das andere betrifft,“ — er klopfte dem Meergreis auf die knochige Schulter — „da sollten Sie sich doch erst selber bei der Nase nehmen. Groß genug ist sie ja!“
„Haha! — Haha!“ fing da der Alte ein stoßweises Gelächter an, und sein Bartwald kam in stürmische Bewegung. „Meine Nase — haha! — das ist ein gar wichtiges Glied der bürgerlichen Gesellschaft. Sie zahlt ihre Tabaksteuer und erspart meiner Alten die Nachtlampe! Also darf sie sich auch groß machen!“
Dabei rieb er sich die Hände und trat stampfend von einem Fuß auf den andern. Denn es war kalt, und vom Fluß herüber pfiff ein eisiger Wind. Die Sonne war kaum überm Horizont herauf und stand als tiefrote Scheibe hinter einem rauchigen Frostnebel, der zwischen Himmel und Erde düster brodelte. Fritz drückte den Schlapphut fest aufs Haar und ging in der grauen Dämmerung eilig die Uferstraße entlang nach der Stadt, indes der Bindermeister in seiner Werkstatt beim glühenden Ofen schnitzelte und manchmal glucksend in sich hinein lachte. Denn er empfand den Scherz des sonst so ernsten Mieters als beglückende Auszeichnung.
Vor der Redaktionsstube warteten bereits die Vertrauensmänner, Pfannschmidt und fünf andere Bergleute, auf ihren Führer. Die Hände in den Taschen der Winterröcke vergraben, dicke Wolltücher um den Hals und den Rockkragen darüber, standen sie einsilbig beisammen. Als Hellwig zu ihnen trat, rückten sie die Pelzmützen, reichten ihm die Hand und harrten schweigend, bis er die Kanzlei aufgesperrt hatte. Dort war es noch ungemütlich, es roch nach staubigem Papier und Druckerschwärze, im eisernen Ofen brannte kein Feuer, und die Schreibtische, Pulte und Schreine standen langweilig in einem unfreundlichen Halbdunkel. Der Diener hatte sich verspätet, kam nun ganz abgehetzt keuchend gelaufen, heizte ein und wollte abstauben. Fritz schickte ihn fort. Die Zeit drängte, um elf Uhr sollte die Besprechung stattfinden und da gab es noch manches zu beraten.
„Also was?“ fing, als der Bursche gegangen, einer der Männer an. „Also was? Wird heut’ endlich Schluß werden?“
„Kaum!“ versetzte Fritz achselzuckend. „So mürb sind sie noch nicht.“
„Mürb! Mürb!“ knurrte der andere unwirsch. „So nehmen wir doch an, was sie uns bieten! Ich hab’s satt! Gebratene Tauben kriegen wir nicht, drum halten wir den Spatzen fest! Ist besser wie gar nichts!“
„Seid ihr auch der Ansicht?“ fragte Hellwig finster die übrigen. Die starrten stumm vor sich auf den Tisch. Nur Pfannschmidt sagte: „Der Martin raunzt immer so herum. Wenn’s nach seinen Reden gegangen wär’, hätten wir gar nicht anfangen dürfen!“
„Ich sag’, was ich sag’!“ beharrte der andere. „Wenn’s noch ein paar Wochen so fortgeht, und wir verdienen nichts, haben wir so viel verloren, daß wir dann beim höhern Lohn gut zwei Jahre fretten müssen, bis wir den Verlust herein und die Schulden bezahlt haben. Ist’s nicht wahr?“
Von seinen Gefährten nickte einer zustimmend. Die drei anderen schienen unentschlossen. Pfannschmidt wollte etwas erwidern. Da brach auch schon Fritz los:
„Was der Martin sagt, ist zwar eine arge Übertreibung, aber nehmen wir an, es ist so. Gut. Und was weiter? Wenn’s wirklich so ist, wie er sagt? Und wenn’s noch ärger wäre, wenn ihr vier und sechs und zehn Jahre braucht, um den Lohnausfall hereinzubringen. Was weiter? Dürft ihr euch deswegen mit Halbheiten begnügen? Mit einem Erfolg, der keiner ist, nicht Fisch, nicht Fleisch? Da hätten wir gar nicht anfangen dürfen! Jetzt gibt’s einfach kein Biegen mehr! Jetzt muß es brechen — und wenn wir alle dabei zugrunde gehn! Jawohl! Schaut nicht so entsetzt drein! Ihr könnt einfach nicht nachgeben! Könnt nicht, versteht ihr? Denn die einmal aufgestellten und nicht befriedigten Forderungen, die würden fort und fort in euch weiternagen, und ihr hättet keine Ruhe, bis ihr sie früher oder später doch durchsetzt. Und der Kampf, den ihr dann um den Rest führen müßtet, wäre größer und schwerer als der heutige ums Ganze! Das ist es! Und sind die Opfer, die ihr jetzt bringt, wirklich zu groß? Wenn dann euch und mindestens noch euern Kindern, von den Enkeln will ich nicht reden, wenn auch dann ein ruhiges Fortarbeiten bei halbwegs hinreichendem Verdienst sicher ist? Seid mir drum nicht so verzagte Angstmeier! Kleinmütige Kreuzerbettler! Vertraut und seid starr! Unser Sieg ist nur noch eine Frage von Tagen. Er kann einfach nicht ausbleiben! Nur, ihr müßt auch dran glauben!“
Nun hatte er sie wieder fest. Der alte Nörgler wiegte zwar noch unschlüssig den Kopf. Aber auch er sprach nicht mehr dagegen.
Ziemlich zur selben Zeit saßen im großen Sitzungssaale des Palastes, den sich die Grubenbesitzer erbaut hatten, ungefähr fünfzehn Herren um einen grünen Tisch. Hagere Gestalten zumeist, mit schmalen Händen und nervösen Bewegungen, in Gehrock oder Jackett, tadellos nach der letzten Mode gekleidet. Nur einer war dabei, der wollte in die elegante Versammlung gar nicht recht hineinpassen, Max Koppenstein, ein fettes Herrchen mit einer goldenen Kette über dem Spitzbauch. Er hatte eine ganz enge, niedrige Stirn, und daran hing, breit ausgebaucht, mit roten Backen und mächtigem Doppelkinn, das feiste Schlemmergesicht wie ein runder Luftballon. Aus zwinkernden Äuglein hinter weißlichen Wimpern schaute er sehr harmlos in die Welt und war doch der Gefährlichste unter diesen kalten Geldmenschen, unübertroffen in der sanften, zärtlichen Grausamkeit, mit der er seine Angestellten auspumpte und seinen Schuldnern die letzte Habe pfändete. Und wenn er sich manchmal im Bureau in Gegenwart eines Geschäftsfreundes ein Glas ältesten Kognaks einschenkte, dann sagte er wohl zungenschnalzend: „Das ist ein Schnäpschen! Wie das duftet! Hm?“ und hielt dem Zuschauer lobgewärtig das leere Becherchen unter die Nase. Aber einschenken tat er ihm nichts. Doch schadete das seinem Ansehn keineswegs, denn er war steinreich, besaß die meisten und die ergiebigsten Flöze und hatte deswegen auch in der heutigen Versammlung den Ehrenplatz inne, zur Rechten des uniformierten Vertreters der Regierung.
Steif und förmlich, mit herablassenden Mienen und gemachtem Gleichmut, rückten sich die Herren auf den schweren Lederstühlen zurecht, als Hellwig mit seinem Häuflein in den Saal trat. Der Beamte wies ihnen die Plätze an und hielt eine Rede, die dem Geist der Versöhnung, dem friedlichen Zusammenwirken in Eintracht und Brüderlichkeit einen Preishymnus sang. Man solle, sagte er, bedenken, daß noch kein Friede ohne beiderseitiges Entgegenkommen geschlossen worden sei. Man solle dem großherzigen Beispiel der Unternehmer folgen und der Allgemeinheit zuliebe Opfer bringen, die nur scheinbar Opfer seien, denn sie werden sich reichlich bezahlt machen durch das Blühen und Gedeihen des Staates und der Volkswirtschaft, aus welcher Quelle dann hinwiederum allen Bürgern Vorteil fließe.
Und kühl und ruhig, mit ganz leichtem Spott, erwiderte Hellwig darauf:
„Die fünfzehntausend Menschen, die zu vertreten wir die Ehre haben, wollen nicht Großherzigkeit oder Gnade, sondern ihr Recht. Von schönen Worten werden sie nicht satt und ebensowenig von dem großmütigen Angebot. Das Sattwerden aber ist zum Blühen und Gedeihen zumindesten des einzelnen eine so notwendige Sache, daß sie jedes Opferbringen ausschließt. Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen. Und wer zu essen hat, braucht nicht zu arbeiten, nicht wahr, meine Herren? Jedenfalls haben Sie zu essen. Nun, und die hinter mir stehn, wollen das auch. Sie wollen beileibe nicht so gut, sie wollen nur genug essen. Das ist ein so klares, einfaches und selbstverständliches Verlangen, und ist doch so ernst und fromm, daß sich nichts davon herunterhandeln läßt. Der Versuch zu schachern und zu feilschen ist Ihrer ebenso unwürdig, wie es für uns unwürdig wäre, darauf einzugehen. Wir können kein Jota nachlassen. Sie haben lang genug getrotzt, — geben Sie es auf! Es war ein Irrtum, — gestehen Sie ihn ein! Denn früher oder später müssen Sie doch nachgeben! Tun Sie es heute — und schon morgen wird in allen Gruben wieder gearbeitet!“
Auf ein so stolzes, selbstbewußtes Auftreten waren die Herren nicht gefaßt, hatten vielmehr erwartet, daß ihr Angebot ohne Besinnen werde angenommen werden. Wie Könige waren sie sich vorgekommen, die unverdiente Gnaden austeilen. Jetzt schwiegen sie mit gefalteten Stirnen und undurchdringlichen Mienen. Nur Max Koppenstein zog die Schultern hoch, breitete die Arme aus und sagte: „Ich denke, meine Herrn, darauf kann es nur eine Antwort geben.“ Und zu dem Beamten gewendet, fuhr er fort: „Nun haben Sie sich, verehrtester Herr Ministerialrat, wohl selbst überzeugt, wo die Schuld liegt. Es tut uns ja aufrichtig leid, aber“ — wieder zog er die Schultern hoch und wieder breitete er die Arme aus — „schließlich kann doch kein Mensch verlangen, daß wir uns verbluten sollen.“
So schien der Einigungsversuch gescheitert und der Gegensatz zwischen den beiden Parteien verschärft. Aber es war doch anders. Denn die Regierung bot nach wie vor alles auf, um die Unternehmer zur Annahme der sämtlichen, in keiner Weise übertriebenen Forderungen zu bewegen. Es gelang ihr auch, einen nach dem andern nachgiebig zu stimmen. Aber jeder machte seine Einwilligung von der Bedingung abhängig, daß Max Koppenstein, dem ein reichliches Achtel der gesamten Kohlengruben gehörte, sich ebenfalls anschließe. Der indes war wie ein Aal und ließ sich nicht greifen. Er war sehr höflich, ungemein konziliant, von einer bestrickenden Liebenswürdigkeit. Aber nein sagte er trotzdem. Unter tausend Entschuldigungen, überzuckert und verblümt, aber dennoch: nein.
Nach einigen Tagen wurde ihm vorsichtig und vertraulich die Möglichkeit einer Ordensauszeichnung angedeutet. Da legte er zehn Prozent zu. Und es hätte wohl nicht mehr viel gebraucht, um ihn ganz zu gewinnen. Denn es gab noch höhere Orden und es gab Adelsbriefe.
Da kam ein unerwartetes Ereignis den Arbeitern und der Regierung zu Hilfe.
7.
Die gewaltige Braunkohlenablagerung umfaßte ein Gebiet, das gut fünfzehn Kilometer breit und fast viermal so lang war. Von Urgebirgen eingeschlossen und nur manchmal durch schmale Bänder eruptiven Gesteins unterbrochen, lagen hier die Flöze neben- und übereinander, bald knapp unter der Erdoberfläche, bald Hunderte von Metern tief.
Offene Tagbaue gab es, in deren schwarze Vierecke die Sonne schien und die bloßgelegte Kohle bald da, bald dort an den senkrechten Wänden in Brand setzte, so daß beständig Rauchsäulen emporwirbelten. Und nicht weit davon bohrten sich unterirdische Schachtanlagen dreihundert Meter ins Erdinnere. Und überall qualmte die Lösche, zu Bergen getürmt, auf den Halden, füllte ein brenzlicher, staubgesättigter Dunst die Luft, hing der Rauch wie ein feiner Nebel über den verwüsteten Landstrichen, die nach dem Abbau eines Schachtes zurückgeblieben waren, über den noch üppigen Weizenfeldern daneben und über den — wie lange noch? — lachenden Fluren.
Und mitten in dem Becken lag, zwischen Porphyrhügel eingebettet, weit berühmt durch ihre heilkräftigen Quellen, eine Badestadt. Rund um sie rauchten die Schächte, wurde der Boden von den Bergleuten durchwühlt, die Stollen und Querschächte trieben gleich Gängen riesiger Feldmäuse. Und dicht daneben bahnten sich durch die Spalten des zerklüfteten Porphyrs die warmen Quellen den Weg zur Stadt.
Die Schächte aber waren seit vielen Wochen unbeaufsichtigt. Und niemand wußte, daß in den Gruben Koppensteins seit einigen Tagen, meist zur Nachtzeit, aus der Ferne angeworbene, schlecht geschulte Kreaturen wieder arbeiteten. Der schlaue Fuchs traf seine Vorbereitungen, um nach Beendigung des Streiks — das Ende hing ja nur mehr von ihm ab, und er konnte es herbeiführen, wann es ihm paßte, — um nach Beendigung des Streiks die Lieferungen unverzüglich mit aller Kraft aufnehmen zu können. Die Kohlen blieben vorläufig noch unten in den Schächten — denn die Förderschalen mußten still stehn. Aber schon waren alle Hunde voll beladen. Wo nur ein freies Plätzchen in den Stollen war, türmten sich die Kohlenstücke und konnten nach der Aufnahme des regelmäßigen Betriebes sofort hinaufgeschafft, sortiert und in die Eisenbahnwagen verladen werden. Auf solche Weise hoffte Koppenstein der Konkurrenz einen Vorsprung von einigen Tagen abzugewinnen.
Da geschah es, daß bei diesem Abbau ohne planmäßige Leitung eine Schwimmsandschicht angefahren wurde. Ungeheure Sandmassen gerieten in Bewegung, durchbrachen, einmal in Fluß, die trennenden Schachtwände und stürzten gleich riesigen Lawinen in die Gruben. Und die Erdrinde, unter der sie seit Jahrhunderten ruhig gelegen, wurde mitgerissen von der furchtbaren Gewalt des wandernden Sandes, kam ins Rutschen, Gleiten und brach nieder.
Es war eine laue, regendrohende Febernacht, als die Bewohner der Badestadt durch ein ohrenbetäubendes Gedröhn und Geprassel aus dem Schlaf geschreckt wurden. Der Boden schwankte, Mauern barsten, Häuser wankten, sanken krachend in sich zusammen. Eine ganze breite Straßenzeile, die mit schönen Gebäuden gerade über dem Schwimmsandlager errichtet war, hatte sich gesenkt, zwanzig Häuser waren eingestürzt, viele standen windschief mit gespaltenen Grundpfeilern, geknickten Eisenträgern, verschobenen Dachstühlen und zitterten wie große Tiere.
Tote und Verwundete lagen unter Ziegelschutt, Sparrenwerk und zertrümmertem Hausrat. Aus den Betten gescheuchte Menschen rannten halb nackt durch die dunklen Gassen, fragten, stießen sich, weinten, schrien, heulten und rangen die Hände, ratlos, planlos irrend, von einer entsetzlichen Angst geschüttelt. Und dazwischen tönte das Stöhnen und Brüllen der Verschütteten, das Prasseln der Balken, das Aufschlagen fallender Dächer. Und jedesmal, wenn eine Wand sich neigte, ein Schuttregen niederging, hetzte die Furcht aufs neue in wirbelndem Knäuel die aufgestörten Menschen durcheinander. Gellend schrien sie auf, duckten sich, hielten sich die Ohren zu, prallten aneinander und waren wie von Sinnen. Der Türmer läutete Sturm mit allen Glocken. Auf den Bahnhöfen pfiffen die Lokomotiven in winselnden, langgezogenen, Hilfe heischenden Klagelauten. Und die Finsternis stand unbeweglich und schlang alle Tonwellen mit dunkel gähnendem nimmersatten Rachen.
Endlich kam Hilfe. Ärzte, Rettungsmannschaften, Feuerwehren. Besonnene Männer nahmen die Leitung in die Hand. Aus den Nachbarstädten trafen in mehreren Eisenbahnzügen Verstärkungen ein. Die nervenzersetzende Angst wich, der panische Schrecken machte einer verzweifelten Entschlossenheit Platz. Hunderte und Hunderte regten sich im Schein der flackernden Windlichter, handhabten Schaufel und Spaten, trugen die Verwundeten zum Verbandsplatz, schleppten Möbel aus bedrohten Gebäuden.
Vor den Schächten aber hatten sich die Bergleute gesammelt. Freiwillig waren sie gekommen, im Arbeitskittel, mit Lederschurz und Grubenlampe. Ohne Besinnen, als ein ganz Selbstverständliches, boten sie ihre Hilfe, ihr Leben an, machten sich zur Einfahrt fertig. Die eingerosteten Ketten der Förderschalen ächzten schrill, langsam begannen sich die Räder zu drehen, schnurrten die Seile.
„Glückauf!“
„„Glückauf!““
Und unter der Führung einiger Ingenieure ging es in die feindliche Tiefe, der Gefahr zu Leibe, um nachzuforschen, einzudämmen, abzulenken, Tote zu bergen, und die Schächte vor dem Ersaufen zu bewahren.
Aber noch ein anderes war geschehen.
Durch die ungeheure Erschütterung im Innern der Erde war auch eine der dünnen Wände gesprengt worden, die die weit vorgetriebenen Stollen von den Quellspalten trennten. Die Thermalwasser waren in die Grubenbaue eingedrungen, breiteten sich darin aus, und im gleichen Maße, wie sie in den Schächten stiegen, fielen sie in ihrem früheren Staubecken, bis sie nach dem Gesetz kommunizierender Gefäße hier wie dort mit gleich hohem Spiegel standen, in ersoffenen Schächten einerseits und anderseits so tief unter den Badehäusern, daß die Leitungsröhren nicht mehr bis zum Wasserspiegel reichten. Die heilkräftigen Quellen, der Ruhm und Stolz der Stadt, drohten zu versiegen.
Jetzt freilich wurde eine strenge Untersuchung eingeleitet. Sie enthüllte Ungeheuerliches. Unter dem Eindruck desselben nahmen die Gewerken alle Forderungen ihrer Arbeiter in Bausch und Bogen an, um wenigstens einen Feind vom Hals zu haben und nicht zwischen zwei Feuer zu geraten. Sie hofften auch, daß die Regierung, dadurch zur Milde gestimmt, Gnade für Recht üben und ein Vertuschen der Verbrechen ermöglichen würde. Auch an Hellwig traten sie heran, baten ihn und boten als Anzeigengelder große Bestechungssummen, wenn er die Angelegenheit in seiner Zeitung totschweige. Er wies ihren Vertretern die Tür. Und brachte Artikel nach Artikel, sachlich, trocken, auf Grund amtlicher Feststellungen.
Die Bergwerksinspektoren hatten bisher die Aufsicht nur lax oder gar nicht ausgeübt. So war es möglich geworden, daß sich die Unternehmer seit Jahrzehnten über alle Sicherheitsvorschriften wegsetzen konnten. Am ärgsten schaute es in den Koppensteinschen Gruben aus. Die lagen in der Nähe der Heilquellen und zu beiden Seiten der Eisenbahn. Dort durfte die Kohle nicht abgegraben werden, sollten Stützen, Wände und Pfeiler stehen bleiben zum Schutz der Quellen und der Bahn. So stand es in der Vorschrift. Aber in Wirklichkeit war die Kohle doch abgegraben, und die Pfeiler, Wände und Stützen waren kaum halb so dick, wie es das Gesetz verlangte. Und unter dem Bahnkörper liefen Stollen weg und Gänge. Und darüber, auf der dünnen Rinde, keuchten Tag und Nacht ohne Pause die schweren Lastzüge, donnerten die Eilzüge mit den Kurgästen.
Als durch Hellwigs Zeitung diese Dinge bekannt wurden, ging der übliche Entrüstungssturm durch die Presse. Noch nie hatte ein Provinzblatt solchen Aufruhr erregt. Auch die Blätter des Auslandes rauschten mit. Sie brachten Abbildungen und ergingen sich in schauerlichen Schilderungen der Unfälle, die möglich gewesen wären. Erzählten von kranken Menschen, die voll Hoffnung den Bädern entgegeneilten und nicht wußten, daß der Weg dahin über bereitete Gräber führte. Auch der Reiter über den Bodensee wurde vielfach zitiert. Und man war darüber einig, daß die Inspektoren ihre Pflicht in unverantwortlicher Weise verabsäumt hatten.
Nun wurden Beamte in Massen versetzt, gemaßregelt, entlassen. Koppenstein aber war zugrunde gerichtet. Auf seine Kosten sollten die Hohlräume unter den Schienen ausgefüllt, die schwachen Pfeiler und Schutzwände durch Mauerwerk gesichert, sollte, um die Heilquellen in ihre früheren Wege zurückzudrängen, die Verbindung zwischen den Quellspalten und Gruben durch Dämme und Betonfüllungen gestopft werden. Und die Bahn forderte Ersatz für die unter ihrem Grundeigentum gewonnenen Kohlen, und die Stadtgemeinde, die Besitzer der eingestürzten Häuser, die Hinterbliebenen der Getöteten und die Verletzten stellten ebenfalls Ersatzansprüche. Und überdies drohte ein Strafprozeß wegen fahrlässiger Gefährdung von Menschen, Beschädigung fremden Eigentums, wegen Diebstahls und einer Menge anderer Verbrechen. Das ertrug Koppenstein nicht. Aus dem Gefängnis hätte er sich vielleicht nicht viel gemacht, aber daß die rastlos angehäuften Reichtümer mit einem Schlag in alle Winde zerstieben sollten, das warf ihn nieder. In der Marmorwanne seines Badezimmers öffnete er sich die Pulsadern und verblutete.
Seine Verwandten richteten ihm ein Begräbnis erster Klasse mit jeglichem Pomp. Viele folgten dem sechsspännigen Leichenwagen. In den Augen seiner Standesgenossen war er entsühnt.
Glimpflicher kamen die andern Grubenbesitzer weg. Aber fast keiner war ganz frei von Raubbau und Unterlassungssünden. Da wurden die stolzen Herren gar klein. Auf einmal konnten sie geschmeidig den Rücken beugen, sich entschuldigen, um Gnade betteln. Die Arbeiterfrage war vollständig in den Hintergrund gedrängt. Willig zahlte man die höheren Löhne, suchte alles zu vermeiden, was die Öffentlichkeit noch mehr aufbringen konnte. Aber es dauerte noch geraume Zeit, bis die Anordnungen der Behörden durchgeführt waren und der Skandal halbwegs in Vergessenheit kam.
Jetzt endlich konnte Hellwig aufatmen. Die Kämpfe gegen die Lotterwirtschaft hatten mit ihren schlaflosen Nächten und furchtbaren Aufregungen seinen widerstandsfähigen Körper doch stark mitgenommen. Es war sein Verdienst, daß der Augiasstall gründlich gesäubert wurde. Er war der Herold gewesen, der Rufer im Streit, hatte die anderen wachgerüttelt und rücksichtslos alles aufgedeckt, was sonst vielleicht nur entstellt oder gar nicht in die Öffentlichkeit gedrungen wäre. Als hierauf das große Rauschen der Blätter anhob, schwieg er. Zu stolz, um zu jubeln oder den Besiegten zu höhnen, schwieg er und überließ anderen die Ausnützung des erfochtenen Sieges.
Jetzt war er wieder viel zu Hause, saß beim Fenster und blickte über den Strom hinüber zu den waldigen Bergen, wo schon die Blütenkätzchen aus den Zweigen brachen und die ersten Spitzen des jungen Grüns. Eine leise Schwermut war in ihm, eine gärende Sehnsucht, die nicht Wunsch werden wollte. Wieder war ihm, als müßte er etwas suchen, und wußte doch nicht was. Fühlte er den Drang zum Schaffen, das Verlangen nach irgendeiner befreienden Tat, fand aber weder Umriß noch Plan.
Es war bald recht still um ihn geworden. Selten besuchte ihn jemand. Sie waren ihm dankbar, sprachen mit anerkennenden Worten von seiner energischen Führung. Aber da sie ihn nicht mehr brauchten, hatten sie keinen Anlaß, zu ihm zu gehen. Nur Pfannschmidt kam regelmäßig. Der arbeitete nicht mehr im Schacht. Hellwig hatte sich an die Parteileitung wegen Beigabe einer Hilfskraft gewendet und den Bergmann in Vorschlag gebracht. Das war genehmigt worden, und so saß Pfannschmidt nunmehr in der Schriftleitung, besorgte die laufenden Geschäfte und fühlte sich endlich auf einem richtigen Platz.
8.
Es war bereits Frühling geworden, als Fritz eines Tages die Nachricht erhielt, daß Doktor Kreuzinger gestorben sei. Da fuhr er mit dem nächsten Zuge nach Neuberg. Seit sechs Jahren war er nicht mehr dort gewesen. Und was lag alles dazwischen. Erst als ein Vorkämpfer des Deutschtums von den Studenten gepriesen, dann als Verräter und Feigling in Acht und Bann getan, von allen Leuten als Verkommener und Verlorener abgeurteilt, kehrte er jetzt wie ein Sieger zurück. Der Streik hatte seinen Namen überall bekannt gemacht. Auch die klerikalsten Neuberger waren stolz, daß ein Kind ihrer Stadt so was hatte leisten können. Und kaum daß er vom Bahnhof ins Städtchen kam, sprach ihn jeder, der ihn noch erkannte, mit grüßenden Worten an, wollte ihm die Hand drücken, fragte, ob er sich noch seiner erinnern könne. Sein Name war aber auch monatelang täglich in allen Wirtshäusern genannt worden. Sogar Professor Hermann hatte voll Genugtuung erklärt, daß Fritz Hellwig sein Schüler und wie begabt er gewesen sei. Und nur Pater Romanus hatte dann immer säuerlich-süß den Mund verzogen und ein paar Worte fallen lassen vom Hochmut, der vor dem Fall kommt. —
Doktor Kreuzinger hatte einen wunderschönen Tod gehabt. An einem warmen Frühlingsmorgen war er auf seiner Gartenbank eingeschlafen, das neueste Werk eines berühmten Forschers mit dessen eigenhändiger Widmung auf den Knien. Die Vögel sangen über ihm im Buchenbaum, die Sonne streichelte sein weißbärtiges Antlitz. Und als sie ihn so fanden, glaubten sie, er lächle aus einem schönen Traum heraus. Nun lag er zwischen seinen Sammlungen aufgebahrt und sollte nach Gotha zur Feuerbestattung gebracht werden. Heinz und Kolben, Fritz und Wart Nikl trugen die Bahre zum Bahnhof. Priester war keiner zugegen. Und nur wenige Freunde folgten dem Sarge des als gottlos Bekannten. Denn die Stadt war ganz in den Klauen des Klerikalismus und es gehörte Mut dazu, sich diesem unduldsamen Riesen entgegenzustellen.
Und über den Toten weg ging das starke Leben unbekümmert weiter.
Eva, der kleine Backfisch von einst, war groß und reif und frauenhaft geworden. Die Trauer um den Großvater lag über ihrem Frohsinn wie der weiche Flaum auf der Schale einer schönen Frucht. Aber die schlanken Glieder regten sich wie unter unerwünschten Fesselbändern, und hinter den ernsten Mienen drängte verhalten die Daseinsfreude zum Durchbruch. So stand sie im Garten vor Fritz, am Tag nach dem Begräbnis, und mühte sich ruhig zu erscheinen, während ihm ihre ganze Jugend entgegenzitterte. Gleichgültige Dinge redete sie, und hätte ihm doch am liebsten zugerufen: „Steh nicht so hölzern da! Nimm mich in deine Arme! Dort gehör’ ich hin, ich bin ja dein ...“
„Haben Sie wirklich nicht an mich gedacht? Die ganze Zeit her nicht? Nicht einen einzigen Gruß hatte mir Heinz zu melden!“
Er blickte ihr in die schimmernden Augen.
„Aber von Ihnen hat er mir einmal einen Gruß ausgerichtet,“ sagte er langsam. Sie wurde rot. Er fuhr fort: „Ich dank’ Ihnen heute dafür. Und wenn ich es nicht durch Heinz hab’ besorgen lassen ...“ Er stockte und wollte hinzufügen: „Sie sind mir zu gut dafür.“ Aber das brachte er nicht über die Lippen, sondern meinte nur: „Was hätten Sie auch davon gehabt?“
„Mich hätt’s gefreut!“ antwortete sie leise.
„Kann man sich über leere Worte freuen?“
„Ah — wenn es nur leere Worte gewesen wären — dann gewiß nicht!“ Das klang zornig. Und als er zögernd fragte: „Wofür hätten Sie’s denn sonst gehalten?“, zuckte sie die Achsel: „Wenn Sie das nicht selbst wissen ... übrigens, ich hab’ auch ohne das gelebt!“
Mit einer schnellen Wendung kehrte sie sich von ihm weg.
Fritz konnte sich die plötzliche Ungnade nicht erklären. Und weit entfernt, den wahren Grund auch nur zu ahnen, ritt er sich mit seiner bärentatzigen Ehrlichkeit noch tiefer hinein: „Ich hab’ nichts Schlimmes dabei gedacht, Fräulein Eva. Ich hab’ nur gemeint, so durch einen Vermittler ... Wenn ich’s aber weiß ...“
Da unterbrach sie ihn bös: „Sie bilden sich doch nicht am Ende ein, daß ich um Ihren Gruß stehe? Den können Sie schon behalten. Mir liegt gar nichts daran!“, gab sich einen Ruck, warf den Kopf in den Nacken und rauschte stolz davon.
Fritz sah ihr nach, wie sie über den Hof ins Haus schritt und fühlte den zornigen Wunsch, ihr nachzustürzen, sie an den Armen zu packen und zu schütteln: „So versteh mich doch!“ Da drehte sich das Tor in quietschenden Angeln, fiel hinter dem blonden Fräulein ins Schloß. Und mit einem Male war der weite Hof mit den regsamen Arbeitern, den zahlreichen Fuhrwerken und den stampfenden Pferden öd und leer. Wie von fernher kommend rauschte der Lärm der Auflader an seinem Ohr vorüber. Und während Minute um Minute verrann, fühlte er erst noch dumpf, dann bewußter, deutlicher und erkannte endlich mit ganz scharfer Klarheit, wie es um sein Herz eigentlich stand.
Im selben Augenblick legte ihm der Kaufmann die Hand auf die Schulter.
„Nanu?“ sagte er. „Sie stehen ja da wie der steinerne Roland beim Röhrkasten!“
Fritz fuhr zusammen, schaute den gemütlichen Mann mit fremden Augen an.
„Wissen Sie,“ sprach dieser weiter, „wissen Sie, das gefällt mir gar nicht von Ihnen! Himmel, Schimmel, wenn man jung ist, soll man wie ein Eichkatzl sein und die Welt zusammenreißen vor lauter Lebendigkeit! Nicht so leutscheu und winkelheimlich! Wenn Sie sich jetzt sehn könnten! Das Gesicht! Die Milch gerinnt, wenn Sie hineinschaun! Was ist denn eigentlich mit Ihnen los?“
Und als Fritz auch darauf keine Antwort gab, schüttelte er bedenklich den Kopf: „Sonderbar, die Leute von heute! Der meinige ist gerade so! Wenn man Sie ansieht, meint jeder, Sie könnten nicht bis drei zählen. Und wenn’s nicht wahr wär’, möcht’ ich niemals glauben, daß so ein Mannl die Raubritter da oben zusammenhaut und die Kohlen so teuer macht, daß man sie bald nicht mehr wird bezahlen können!“
„Es hat so kommen müssen,“ antwortete Hellwig gedankenlos, „mein Verdienst ist’s nicht.“
„Kruzitürken und Chineser, bescheiden sind Sie auch? Das hat noch gefehlt! Sagen Sie mir nur, was hat man denn von der Bescheidenheit? Höchstens, daß man tüchtig übers Ohr gehauen wird. Auftreten muß man heutzutage: ‚So bin ich und wenn ich euch nicht pass’, steigt mir alle auf den Buckel!‘ — Das gibt einem erst Gewicht! — Mein Schwiegervater war auch so einer. Nur ja nicht merken lassen, daß er mehr versteht wie die andern. Und er hätt’ sie doch alle in die Tasche stecken können. Aber der dümmste Kerl hat sich vor ihm in der Sonne den Bauch wärmen dürfen, und er ist zufrieden im Schatten sitzen geblieben. So ein Wesen begreif’ ich einfach nicht.“ —
„Er hat ...,“ entgegnete Fritz versonnen, „er hat — die fremde Wärme nicht gebraucht. Er hat von uns überhaupt nichts gebraucht, hat alles in sich selber gehabt. — Wie Bettler sind wir vor ihm gestanden. Haben uns beschenken lassen und — konnten nicht einmal dafür danken. Weil er auch für unsern Dank zu reich gewesen ist. Wir — verlieren uns hundertmal — an die Erde — an die Menschen — verzetteln und verpulvern uns — damit wir nur nicht an uns zu denken brauchen und an unsere Armut. Glück suchen nennt man das. Er — ist mit sich allein geblieben — ist groß genug gewesen zum Alleinsein — und hat das Glück gehabt. Von den Ranken, die sein Herz getrieben hat, ist keine verdorrt. Sie sind um die Welt gewachsen, ja — ganz rund herum sind sie gewachsen und doch alle wieder in seinem Herzen zusammengekommen. So war er.“
Während er sprach, schaute er unablässig auf einen blauen Ölkäfer, der seinen dicken Leib träg über den Kiesweg ins Gras schleppte. Jetzt schwang sich ein Spatz vom blühenden Apfelbaum, nahm das Kerbtier in seinen Schnabel und flatterte durch den Sonnenschein davon. Ein paar weiße Blütenblätter fielen lautlos wie Flocken vom schwingenden Ast auf den grünen Rasen.
Wart Nikl räusperte sich und nahm Hellwigs Hand zwischen seine beiden.
„Ich versteh’ nicht, was Sie da gesagt haben. Aber fühlen kann ich’s schon, wie Sie’s meinen. Ein Alter, über den die Jungen so reden, der muß wohl viel wert gewesen sein.“ Und als ob er den düster Starrenden trösten wollte, fügte er hinzu: „Er hat Sie sehr gern gehabt.“
Fritz lächelte bitter. Über den Hof herüber rief die krähende Stimme eines Lehrbuben nach dem Kaufmann.
„Kopf hoch, Fritz!“ sagte er noch. Und mit verlegener Herzlichkeit: „Wissen Sie, ganz so ohne sind Sie auch nicht. Ich hab’ ordentlich einen Respekt vor Ihnen, Kreuzdonnerwetter! Den krieg’ ich vor solchen Grünschnäbeln nicht so bald!“
Und fort war er.
Hellwig atmete auf. Fluchtartig, damit ihn nicht abermals jemand aufhalte, hastete er durch die rückwärtige Gartentür auf die Gasse und lief seinen alten Weg über die Brücke, die Hügellehne hinan zu den stillen Lichtungen, wo im Sommer die Erika glühte. Jetzt standen späte Himmelschlüssel in den Fluren und in heimlichen Waldwinkeln unter Strauchwerk versteckt blühten die Maiglöckchen auf.
Er suchte die Einsamkeit. Aber er fand sie nicht. Überall regte sich’s, trieb Blätter, surrte um Blumen, flatterte, zwitscherte, lockte und holte sich die Genossin. Da warf er sich mit dem Gesicht nach abwärts auf den Boden und deckte die Hände vor die Augen. Er schämte sich seiner Liebe. Weil sie ihn von einem andern Wesen abhängig machte, ihm die Selbständigkeit raubte, als ein Fremdes von seinem Herzen Besitz ergriff, seine Ziele verdunkelte und Zwiespalt in sein Wollen brachte, ohne daß er sich davon befreien konnte. Er bäumte sich dagegen, wollte das Gefühl ersticken und den Zwang abschütteln. Aber immer wieder drängte sich das Bild des schlanken Mädchens unter seine wirbelnden Gedanken, zwang ihn, an schimmernde Augen zu denken, an trotzig geschürzte Lippen und blondes Haar, das über einem feinen Gesicht wie ein Goldhelm leuchtete.
Und endlich erlahmte ihm die Kraft zum Widerstand. Auf dem Rücken liegend, schaute er traumverloren in das durchsonnte grüne Netz der Äste, ließ sich von seiner Sehnsucht leise wiegen. Ein Kuckuck schrie aus der Ferne immerzu. Und jetzt sang auch von irgendwo eine schmetternde Männerstimme in den fröhlichen Wald hinein:
„Es fallen drei Sterne vom Himmel, Die geben hellen Schein. Wer wird uns früh aufwecken Beim braunen Mädelein? Ei, wer uns früh aufwecken wird? Das tun die Waldvögelein. Die wecken uns all die Morgen Beim braunen Mädelein!“
Ein übermütiges Jauchzen klang dem Liede nach.
Da riß sich Fritz ungestüm aus der weichen Stimmung. Was war ihm denn so Großes widerfahren, daß er müßig sein und schlaff werden durfte? Hatte sich eine Ranke, die sein Herz getrieben, um ein blondes Mädel geschlungen und war nach diesem Umweg wieder zu ihm zurückgewachsen? Fast höhnisch lächelte er. Nun, und wenn? Sollten deswegen die anderen verdorren? Er bewegte die Unterarme mit den geballten Fäusten vor sich, wie wenn er einen Stab zerbrechen wollte. Und den trotzigen Blick geradeaus gerichtet, als sähe er an den Stämmen vorbei nach einem nahen Ziel, schritt er durch den Wald. Niemand sollte ihn mehr abdrängen! Niemand!
Andern Tags reiste er ab. Beim Abschied vermied er, Eva die Hand zu reichen.
9.
Otto Pichler hatte das letzte Rigorosum abgelegt. Glühend vor Freude eilte er nach Haus, umarmte die Wondra, und dann, in seiner Stube, begann er unverweilt seine neue Unterschrift einzuüben. Dr. Otto Pichler. In markigen Buchstaben, mit einem schwungvollen Schnörkel. Aber das genügte ihm nicht. Er kniete auf den Fußboden nieder und wohl fünfzigmal schrieb er mit Kreide auf die braunen Bretter: Dr. Otto Pichler. Und immer markiger wurden die Buchstaben, immer besser gelang der Schnörkel.
Seine Beziehungen zu Hellwig hatte er schon längst wieder lose angeknüpft. Der Umstand, daß Heinz Wart, Kolben und Fritz bei den Freien Blättern wirkten, hatte auch ihn zu einer Schwenkung ins sozialistische Lager veranlaßt. Denn es schien ihm nicht unmöglich, daß er, von den einstigen Freunden unterstützt, auf dem guten Sprungbrett der Journalistik sich später in eine angesehene Stellung hinüberschnellen könnte, in ein Reichsratsmandat oder ähnliches. Klug und mit kühlem Bedacht arbeitete er auf dieses Ziel los. Er verstand gewandt, geistreich und witzig zu schreiben, sein Stil war wie seine Rede, flott, frisch und lebendig, und was seiner Überzeugung an Tiefe fehlte, ersetzte er durch schöne Worte und verblüffende Wendungen. Mit Warts Hilfe gelang es ihm, seine Aufsätze bei den Freien Blättern unterzubringen, und bald hatte er als Feuilletonist einen kleinen Ruf. Seine Schreibweise gefiel, das Publikum las die schaumleichten Sächelchen gern, die sich noch obendrein wissenschaftlich gaben und viele interessante Dinge ‚populär‘ darstellten. Aber auch mit den Herminonen kam er deswegen nicht über Kreuz. Er wußte alle heiklen Klippen geschickt zu umsegeln, so daß er nach wie vor ungestört in der Gesellschaft der Studenten verkehren konnte.
Hellwig aber hegte gegen ihn keinen Groll mehr. Er war reif genug geworden, um das Verhalten des einstigen Freundes damals bei der Satisfaktionsverweigerung als jugendliche Torheit zu belächeln. Nach wie vor glaubte er an die ehrliche Tüchtigkeit, hielt er viel von den Fähigkeiten des Schulkameraden, und von der fröhlichen Leichtigkeit, mit der Otto das Zutrauen der Leute und ihre Sympathien eroberte, ließ auch er sich immer wieder gefangen nehmen.
Als ihn daher, nach dem Ende des Streiks und der Aufregungen, die Ruhe und Tatenlosigkeit zu quälen anfing, während in Wien große Dinge sich vorbereiteten, der Kampf um das allgemeine Wahlrecht mit aller Wucht aufgenommen werden sollte und auch sonst dort, im Aneinanderprallen des kühnsten Fortschritts und der verbissensten Reaktion, die Kräfte immer frisch und stahlblank blieben, — als ihn das nun in der tiefen, schlaffen Stille der Provinz zu quälen und zu locken anfing, da schrieb er an Pichler, ob er sein Nachfolger werden wolle. Wenn ja, möge er sich bei der Parteileitung darum bewerben, er, Hellwig, gedenke wieder zu den Freien Blättern zurückzugehen.
Und Pichler, der neugebackene Doktor, überlegte sich das nicht zweimal. Hier bot sich ihm ein Anfang, ein festes Einkommen, eine selbständige Stellung und die Möglichkeit, von dort aufzusteigen, alles schöner, als er zu hoffen gewagt. Deswegen säumte er nicht lang, fuhr nach Wien, stellte sich vor, setzte alle Hebel in Bewegung. Und von Wart und Hellwig warm empfohlen, von Doktor Kolben nicht im Stich gelassen, glückte es ihm auch, den Posten zu erhalten.
Die Begegnung der einstigen Freunde war nicht gerade herzlich, aber auch nicht farblos. Eine Entfremdung war vorhanden, aber dafür auch jene ruhige Kameradschaft, wie sie zwischen Männern ist, die an demselben Werk mitarbeiten. Eine Woche verwendete Fritz daran, den Nachfolger einzuführen und sattelfest zu machen. Dann packte er seine Sachen und nahm Abschied von allen. Nicht leichten Herzens ging er fort. Und ungern ließen ihn die Arbeiter ziehen. Einzeln und in Abordnungen waren sie gekommen, hatten ihn umstimmen, zum Bleiben bewegen wollen. Und gar der alte Faßbinder hatte sich schon lang nicht hineinfinden können. Immer wieder war er auf die Schönheit der Gegend zu sprechen gekommen, auf die starke Luft, die Ruhe, auf alle Vorzüge der Gegend und seines idyllisch gelegenen Hauses. Und erst als das alles ohne Erfolg geblieben war, hatte er sich leidvoll in seine Kammer hinter einen Wall von Bierflaschen zurückgezogen und hatte dort mit Tränen in den Augen ohne Aufhören getrunken und getrunken, bis ihm der Kopf schwer auf die bier- und tränenfeuchte Tischplatte gefallen und das jammervolle Schluchzen in ein gewaltiges Schnarchen übergegangen war. Das war eine würdige Abschiedsfeier gewesen, denn betrinken tat sich der hoch geeichte Meergreis nur in ganz seltenen Ausnahmefällen. Und von jener Stunde an trug er das Unvermeidliche mit männlicher Fassung.
Pichler fand sich rasch zurecht. Viel brauchte es ja nicht dazu. Alle Wege waren ihm geebnet worden, alle Räder griffen pünktlich ineinander, Pfannschmidt arbeitete wie ein Zughund, und Otto hatte eigentlich nichts zu tun, als sich in das bereitete Nest zu setzen und zuzusehen. Sein schmiegsames Wesen, seine lächelnde Liebenswürdigkeit machten es ihm leicht, mit den Arbeitern schnell in ein gutes Verhältnis zu kommen. Und sie fanden bald, daß der Neue, der ihnen so freundlich um den Bart ging und der sie niemals durch eine kantige Schroffheit verletzte, daß der Neue nicht so übel wäre. Auch gefiel ihnen, daß er stets tadellos gekleidet ging, zu repräsentieren verstand und nicht in der Vorstadt wohnte, sondern nahe der Schriftleitung in einem schönen Zinshaus zwei Zimmer innehatte. So streute er diesen einfachen Leuten Sand in die Augen und blendete sie durch einen glanzvollen Schein. Er machte sich aber auch mit der ‚guten Gesellschaft‘ der Stadt bekannt und hielt es für nur selbstverständlich, Richard Deming, den einflußreichen Direktor der chemischen Fabrik, höflich zu grüßen, seit er ihm einmal in einer Versammlung vorgestellt worden war. Die Anna Bogner aber, die achtzehnjährige Tochter des Kesselwärters, erkor er sich — ohne Frauen konnte er nicht mehr sein — die Anna erkor er sich zu seiner heimlichen Geliebten.
Er sah das braunhaarige Mädchen, das in der Zeitungsdruckerei beschäftigt war, fast täglich und es gefiel ihm. Klein, rund und frisch, trug es sich immer nett und sauber, schaute aus klaren Augen vergnügt ins Leben und ließ beim Lachen alle Zähne blitzen. Es lachte gern und viel, war stets gutes Mutes, freute sich bei der Maschine auf den Feierabend, wenn es regnete, auf den Sonnenschein und wenn die Sonne schien, über den lustigen Glanz in der Welt und im jungen Herzen.
So war die Anna, bis sich ihr Schicksal erfüllte. Ganz gewöhnlich fing es an. Blicke herüber und hinüber, erst vorsichtig sondierend, bald aber kühner werbend und eindringlicher. Dann griff Otto nach dem Hut und grüßte. Da erschrak sie, sah darein, als faßte sie es nicht, war erstaunt, verlegen, geschmeichelt, hastete purpurrot weiter. Aber sie schaute doch noch einmal über die Schulter zurück, ob sie sich denn wirklich nicht getäuscht habe, und da stand der fesche Doktor mit dem dunklen Schnurrbart noch an der Ecke und winkte mit der beringten Hand.
Andern Tags klopfte ihr das Herz bis zum Hals hinauf, als sie ihn kommen sah. Beklommen trippelte sie vorwärts in Harren und Bangen, fürchtete schon, er sei gleichgültig vorüber gegangen. Aber da zog er gerade wieder höflich den Hut. Nun neigte sie, wie sie sich fest vorgenommen, mutig den kraushaarigen Kopf zum Dank, steif genug, verschämt und beglückt.
Dann dauerte es keine Woche mehr, bis er ihr ein Briefchen zusteckte und um ein Stelldichein für den Sonntag bat. Jenseit des Stromes wollte er sie treffen, draußen im Freien, wo schon die Wälder anfingen und nicht so leicht ein Bekannter hinkam.
Und das junge Ding zog sein bestes Kleid an, schmückte sich wie zum Fest und wartete eine halbe Stunde vor der angegebenen Zeit bereits am Waldrand.
Drei rote Rosen zwischen den Fingern, kam Otto gegangen und schon von weitem schwenkte er grüßend den weißen Panamahut. Mit einer Verbeugung überreichte er ihr die Blumen. Schüchtern griff sie darnach, steckte sie mit hastenden Fingern vor die atmende Brust, kam nicht gleich damit zurecht, schämte sich und stand mit gesenkten Wimpern in einer argen Verwirrung. Aber er half ihr rasch darüber weg, sagte ihr ein paar Artigkeiten im leichtesten Plauderton und benahm sich ungezwungen, als treffe er sie nicht das erstemal, sondern kenne sie schon lang und gut. Da verlor sie die Scheu, taute auf und fing nun ebenfalls zu erzählen an, von ihrer Arbeit, von den Tongebilden ihres Vaters, den Liebhabern ihrer Freundinnen. Gönnerhaft hörte er zu, fand das Schwatzen abgeschmackt, aber das Mädel hübsch und schritt, das Stöckchen schwingend, in fröhlicher Zuversicht an ihrer Seite.
Der Wald war still und erwartungsvoll, durch die grünen Büsche schimmerte es wie goldene Gewänder, blitzte wie sonnige Augen, mit blauen Kelchen standen die schlanken Glockenblumen, und die Anna pflückte sie zum Strauß. Weiße Waldorchideen ordnete sie mit hinein und die nickenden Blütenturbane des Türkenbunds, durch dessen Berührung Juno einst den Mars empfing. Geschmeidig bog sie den Körper, sprang wie ein Hirschlein zwischen den Bäumen und funkelte ordentlich vor Lebenslust. Immer besser gefiel sie dem jungen Manne. Unternehmend strich er den weichen Schnurrbart empor, faßte die Warme mit der Rechten von rückwärts um den Leib, bog mit der Linken ihr glühendes Gesicht zu sich herüber und küßte sie auf den Mund.
„Nein, so was ... aber Herr Doktor!“ wehrte sie ihm schämig und versuchte loszukommen. Es war ihr jedoch nicht ernstlich darum zu tun, sie sträubte sich zwar ein wenig, weil sie es für schicklich hielt, schmiegte sich dabei aber nur fester in seinen Arm. Da küßte er sie nochmals und gab sie dann frei. „Du gefällst mir, Annl!“ sagte er und strich mit der Hand über ihre Wange.
„Spotten Sie nur nicht!“ antwortete sie und warf ihm von unten herauf einen schnellen verliebten Blick zu.
„Spotten? Nein, du bist wirklich hübsch! Aber das Sie-sagen mußt du dir abgewöhnen.“
Nun kicherte sie: „Was der Herr Doktor für Einfälle hat! Wir kennen uns ja kaum!“
„Wer bin ich?“
„Der Herr Doktor!“
„Wer?“
„... Sie!“
„Du sollst du sagen! Trau’ dich nur, Mädl! Na?“
Sie schüttelte den gesenkten Kopf, daß alle Spitzen ihrer krausen Haare zitterten. Da legte er den Arm um ihren miederlosen Leib. „Komm!“ sagte er. „Schäm’ dich nicht, wir sind ja allein.“
Sie lehnte sich leicht an ihn.
„Du!“ sagte sie erschauernd und ließ sich widerstandslos fortführen, tiefer und tiefer in den erwartungsvollen Wald.
10.
Hellwig war wieder im alten Fahrwasser, arbeitete viel, sprach in Versammlungen und ruhte sich bei Heinz von der Hetzjagd aus.
So oft er zu ihm kam, müd und abgerackert, oft erst spät abends, fand er den Tisch für sich mitgedeckt, Marie, die zarte, blasse Frau, kam ihm mit sonnigen Augen entgegen, und die Lampe leuchtete hell über weißem Tischzeug, sauberen Dielen und blankem Hausrat. Eng war das Gemach, war Wohn-, Arbeits- und Schlafzimmer, alles in einem, aber die freundlichen Geister des Behagens lugten aus allen Winkeln, schaukelten sich in den Falten der baumwollenen Fenstervorhänge, tollten, ein loser Schwarm, durch die offene Tür in die Küche, wo sie der Marie in den Rostbraten bliesen, daß das Fett prasselnd aus der Pfanne spritzte. Aber nicht immer gab es Rostbraten in der Pfanne. Manchmal, und namentlich wenn der Monatsletzte nicht mehr fern war, lief Heinz zum Greisler hinunter um Käse, Brot und Wurst, und auch ein paar Flaschen Bier brachte er mit herauf. Aber wenn dann die Marie fragte: „Wo hast du die Butter?“ oder „Wo ist denn der Emmentaler?“, da hatte er das gewöhnlich unten auf dem Ladenpult liegen lassen und mußte die vielen Stufen noch einmal hinab und hinauf.
Und wenn sie dann alle drei unter dem weißen Schirm der Hängelampe um den Tisch saßen, war es Hellwig, als sei alle Leidenschaftlichkeit der Fehde verbraust und aller Streit da draußen eingeschlafen, tief ruhig wurde er, und leise schlug ihm das stürmische Herz, ganz leise, auf daß es die heimliche Innigkeit dieser Stätte nicht störe, die voll Liebe und Frieden war. Und kein Schatten wäre in dieser reinen Helligkeit gewesen, wenn Marie nicht manchmal gekränkelt und immer anhaltender gehustet hätte.