Drittes Buch (continued 2)
Reading edition
Und bisweilen kam jetzt über Heinz wieder der alte Hang zum Herumstreifen in den Elendquartieren. Dann litt es ihn nicht in dem Frieden seines Heims, und mochte die Marie auch noch so freundlich bitten, er ließ sich nicht zurückhalten. Wie an Seilen zog es ihn fort. Da mußte auch Fritz aufbrechen, und manchmal begleitete er dann den Freund.
Und da trafen sie einmal mit Robert Karus zusammen. In einem Bierbeisel trafen sie ihn, wo er Lumpensammlern, Kanalstrottern und zittrigen Bettelleuten die Idee des Anarchismus erläuterte und für die Propaganda der Tat mit ungefügen Worten eintrat.
Hellwig erkannte ihn gleich wieder. Aber auch Karus hatte kein schlechteres Gedächtnis. Mit einem lauten „Hei!“ ließ er die Faust auf den Tisch fallen und rief: „Da schaut her, der Bergprediger! Wie geht’s, Herr Bergprediger, wie steht’s? Ist die friedliche Rebellion vorüber? Fressen die Hündlein wieder hübsch brav aus der Hand?“
Aber ehe Fritz noch antworten konnte, hatten sich die andern Gäste bereits um Heinz geschart. „Das ist ja der Herr Wart!“ — „Guten Abend, Herr Wart!“ — „Wir dachten schon, Sie hätten uns ganz vergessen, Herr Wart!“ hieß es. Sie schüttelten ihm die Hände, waren von dem Wiedersehen sichtlich erfreut.
„Also das ist der Ausbund, der so haarsträubend edle Werke tut!“ sagte Karus und musterte den schmächtigen Mann mit einem raschen Blick von oben bis unten. „Hand her, Heinz Wart!“ rief er dann. Er hielt ihm die haarige Tatze hin. Wart legte seine kühle, schmale Rechte hinein. „Endlich treffe ich Sie!“ sagte Karus mit gedämpfter Stimme. „Ist höchste Zeit gewesen, sonst wär’ ich Ihnen nächster Tage auf die Bude gerückt. Wir zwei gehören nämlich zusammen wie Faust und Arm!“
Heinz war es gewöhnt, auf seinen Streifzügen mit den absonderlichsten Kostgängern des lieben Herrgotts in Berührung zu kommen. Deswegen wunderte er sich nicht weiter über das Gehaben des struppigen Kumpans, setzte sich schweigend zu ihm an den Tisch und Hellwig ebenfalls. Diesem war die Begegnung sehr erwünscht, denn er hoffte jetzt den seltsamen Menschen näher kennenzulernen, der mit ein paar hingeworfenen Worten seine Gedanken wochenlang zu beschäftigen vermocht hatte. Er konnte sich nicht klar werden über das Gefühl, das er für oder gegen ihn hegte, spürte etwas seinem eigenen Wesen Verwandtes in ihm und doch auch wieder etwas, was ihn schroff abstieß und zum Widerspruch reizte.
Dem Karus mochte es ebenso gehen. Die Art, wie er den ‚Bergprediger‘ behandelte, war halb kameradschaftlich, halb gehässig, und immer lief daneben überlegener Spott mit. Jetzt saßen sie also beisammen in der schweren, verdorbenen Luft, tranken schales Bier und die verluderten und zermürbten Gesellen an den anderen Tischen rückten möglichst nahe zu, spitzten die Ohren, und jedesmal, wenn Heinz eine Bemerkung machte, lächelten und nickten sie einander zu, stießen sich an und taten, als wäre ihnen ein Heil verkündet worden, wenn sie auch kaum die Hälfte aller Worte vernehmen konnten. Karus aber rüstete sich zu einem Strauß mit Hellwig.
„Also was?“ sagte er. „Sind Sie in der Provinz glücklich fertig? Wo predigen Sie denn jetzt? Und worüber, wenn’s zu fragen erlaubt ist?“
Fritz wurde nicht zornig und wurde nicht grob. Ganz gelassen blieb er und antwortete so naiv und unbefangen, als es ihm möglich war: „Gegenwärtig geht’s um das allgemeine Wahlrecht.“
„Schöne Sache!“ entgegnete Karus, mit dem mächtigen Schädel nickend, tiefernst. „Schöne Sache! Würdig der edelsten Begeisterung! Nun denken Sie sich aber mal eine große Menagerie. Da sitzen die Tiere alle in engen Käfigen. Der Löwe, der Tiger, die Gemse, der Falk, der Adler, alle sitzen sie in ganz engen Käfigen. Und den Menageriebesitzer wandelt eines Tages ein Mitleid an oder eine gnädige Laune, er stellt einen etwas größeren Zwinger auf und erteilt den Bestien die Erlaubnis, je eine aus ihrer Mitte, welche sie halt wollen, in den größeren Käfig zu entsenden. Und dann springen die abgesandten Löwen, Tiger, Gemsen, Falken, Adler dort drin herum, stoßen mit den Köpfen an das gesetzmäßige Gitter, verletzen sich die Pranken, zerbrechen sich die Flügel, beißen sich die Zähne aus. Und die anderen Vieher sehen das und schreien, quieken, krächzen, brüllen: ‚Hoch unsere Freiheit! Hoch unser allgemeines Wahlrecht!‘ Aber die Eisenstäbe zerbrechen, den Wärter in Fetzen reißen? Das fällt keinem ein! Dazu sind sie zu faul und zu träg! Sie fauchen wohl gegen ihn, aber kommt er ihnen mit der spitzigen Gabel an den Leib, dann ducken sie sich und heulen! Denn schließlich gibt er ihnen doch zu fressen.“
„Sie sind ein sonderbarer Schwärmer, Karus,“ erwiderte Fritz. „Ich meinerseits glaube aber trotz Ihrer schönen Vergleiche, daß das allgemeine Wahlrecht ein guter Sturmbock ist, mit dem wir die Gitter schon brechen wollen. Nur haben müssen wir’s erst!“
Karus lächelte mitleidig.
„So sagen Sie mir doch einmal, was wir nach Ihrer Ansicht eigentlich tun sollen, um frei zu werden?“ rief Hellwig ungeduldiger.
Da ging ein heftiger Ruck durch die gedrungene Gestalt des wilden Gesellen, aus seinen Augen brach ein unbändiges Feuer. Aber seine Stimme klang beinah gemütlich, als er jetzt sagte: „Dreinschlagen!“
„Wozu?“ meinte Hellwig achselzuckend. „Wir erreichen auf friedlichem Weg mindestens genau so viel.“
Da klopfte ihm Karus auf den Rücken und sprach: „Lieber junger Freund, wie stellen Sie sich denn das vor: Auf friedlichem Weg? Die wilden Tiere im Käfig wollen heraus, nicht wahr? Und wenn nun so eine graziöse Löwendame oder ein feuriger Tigerjüngling kommt und den Wärter bittet, er solle doch so freundlich sein und das unangenehme Gitter entfernen, so wird der Wärter natürlich nichts Eiligeres zu tun haben, als diesem gewiß berechtigten Wunsche zu willfahren. Alle Bestien wird er herauslassen, damit sie dann über ihn herfallen und ihn vor lauter Dankbarkeit auffressen. Nicht wahr, so würde es kommen? Und das ist das, was Sie meinen mit dem ‚Auf friedlichem Weg‘?“
„Nicht so ganz, Herr Karus. Sie sagten ja vorhin selbst, daß der Käfig, wie Sie sich auszudrücken beliebten, immer weiter wird. Nun, und einmal wird er eben so groß sein, daß wir das Gitter nicht mehr sehn und spüren. Das ist doch gewiß auf friedlichem Weg zu erreichen.“
Karus lachte hell auf.
„Und das soll die Freiheit sein? So stellen Sie sich die Freiheit vor? Wirklich so? Ich bedanke mich für so eine Freiheit! Ich will fliegen — und stoß’ mir den Schädel an der Decke ein. Ich will ein bissel weiter spazieren gehn, krach, renn’ ich — ob früher, oder später, einmal doch — ans Gitter und kann nicht weiter. Muß ich da nicht die Stäbe zerbrechen, wenn ich hinaus will? Und wenn ich allein zu schwach bin — zum Teufel, hundert Fäuste knicken das Zeug schon entzwei! Aber feig sind die Kerle! Feig und faul! Ihr eigenes Fleisch haben sie zu lieb, und ihre einzige Sorge ist der Magen! Nein, nein, Bergprediger, damit ist’s nichts! Wenn der Zwinger auch noch so groß ist, es bleibt eben immer ein Zwinger. Und die Freiheit verträgt kein Gitter!“
Heinz saß da, die Linke vor den Augen und die Stirn in die Spanne zwischen Daumen und Zeigefinger gestützt, hielt ein abgebranntes Zündholz in der andern Hand und versah die runden Umrisse der Bierlachen mit strahlenförmigen Ausläufern. Mit Fleiß und Sorgfalt tat er das und bemühte sich, alle gleich lang und schön regelmäßig zu machen. Aber als Karus schwieg, begann er unvermittelt zu sprechen.
„Nein,“ sagte er, „kein Gitter und kein Eisen. Weil wir ja keine wilden Tiere sind, sondern Menschen. — Es sollte keine Fesseln unter uns geben, keine Käfige und keine Kerker. Und es sollte auch niemand unter uns Macht haben, andere darin festzuhalten. Weder ein einzelner noch ein Volk oder ein Staat. Niemand. Weil — wer nicht für mich ist, der ist wider mich ... das ist auch eine falsche Formel. Jeder für sich — und keiner wider den andern: so müßte es sein. Und bis das so sein wird, dann sind wir alle edel genug, die Freiheit zu ertragen. Weißt du, Fritz ...“
So redete er, und da er seine Haltung nicht änderte, war es, als ob er in die Tischplatte hinein spräche. Aber das Zündholz war in seiner Hand zerknickt, und seine Wangen waren ganz tiefrot geworden.
„Gehn wir!“ sagte er nach einer langen Pause und atmete schwer auf.
Sie traten ins Freie. Karus faßte ihn unterm Arm. „Faust und Arm!“ sagte er noch einmal. „Oder Muskel und Nerv! Komm, Heinz Wart!“
Fritz ging schweigend nebenher und sah in den Himmel hinauf, der ganz hell ausgesternt war. Und wieder fühlte er, wie schon öfter: wenn der stille Heinz seine leidenschaftliche Stunde hatte, dann sagte er Dinge, die seltsam überzeugend klangen. Und er sagte sie in so sonderbar eindringlichem Ton, daß keine Entgegnung sich regen konnte. Und doch mußte es eine Entgegnung geben, das spürte er ganz deutlich und wußte nur nicht, wo die Lücke war, wo er den Fuß einsetzen mußte, um über die glatte Mauer hinüberzukommen.
Karus fing an, aus seinem Leben zu erzählen.
Er war Hilfslehrer gewesen, aber seine vertrotzte Natur konnte sich in kein Joch beugen. Statt die Buben zu pflichtbewußten Staatsbürgern zu erziehen, redete er zu ihnen von der sozialen Bewegung und vom Anarchismus, füllte ihre jungen Seelen mit dem wilden Freiheitsdrang, der in ihm selbst brauste. Keine Verwarnung fruchtete. Schließlich wurde er auf unbestimmte Zeit beurlaubt. Da wußte er, woher der Wind blies und kam um seine Entlassung ein. Und dann durchwanderte der Doktor der Weltweisheit Robert Karus fast die ganze Erde, machte den Aufstand der Insel Kreta mit, war auf den Philippinen einer der Insurgentenführer, wurde in Rußland wegen nihilistischer Umtriebe nach Sibirien geschickt, floh von dort durch Persien über den Ganges nach Indien und war jetzt endlich wieder in seine Heimat zurückgekehrt, als Fünfzigjähriger dieselbe Glut und Freiheitssehnsucht im Herzen, die ihn als Jüngling in die Welt hinausgetrieben hatte. Vorläufig wollte er ausruhen, wie er es nannte, und verdiente sich sein karges Brot, indem er armen Handelsbeflissenen, die in Anbetracht der geringen Vergütung gern sein verwahrlostes Äußere mit in den Kauf nahmen, Unterricht in Französisch, Englisch, Spanisch, Russisch erteilte.
Heinz Wart schloß sich seit diesem Tage ganz an den alten Revolutionär an, war fortwährend mit ihm beisammen und wurde noch blasser und stiller als vorher. Und noch größer und rätselvoller als vorher standen ihm die heißen dunklen Augen im schmalen Gesicht.
11.
Pichlern ging es ungemein wohl. Sein Schifflein schwamm auf glatter Flut, kein böser Windstoß rührte gefährliche Wogen auf, nirgends zeigte sich eine Wetterwolke. Die Arbeit lief wie am Schnürchen, die Leute hatten ihn gern, er war überall beliebt. Und wenn ihm etwas seine Laune trübte, so war’s jetzt sein Verhältnis zur Anna Bogner.
Sie hatte ihm alles gegeben, was so ein schlichtes armes Ding einem Mann wie Pichler überhaupt zu schenken vermochte, stand nun ratlos, fremd, wie verloren in der Welt und hatte niemanden, an den sie sich klammern konnte, als eben ihn. Gerade das aber wurde ihm bald lästig, der Reiz der Neuheit war vorbei, der Schmetterlingsstaub von den Flügeln gestreift, die einfache reine Seele des guten Kindes konnte ihn nicht fesseln. Es kam die Überlegung, die Furcht vor einer möglichen Entdeckung, der Überdruß. Seltener bat er sie um eine Zusammenkunft, entschuldigte sich mit dringenden Geschäften. Und sie ließ sich alles gefallen, sah ihr Glück — es hatte kaum sechs Wochen gewährt — verblassen und war geduldig und gläubig und treu wie ein Hund. Aber ihre Munterkeit war weg, kaum lachte sie noch oder freute sie sich über den Sonnenschein.
Und endlich blieb Otto ganz fort. Acht, vierzehn Tage wartete sie, aber er gab kein Lebenszeichen, war für sie wie vom Erdboden verschwunden.
Er birschte in anderen Gefilden. Dort war Grete Deming, die Tochter des kaiserlichen Rates Richard Deming, der bei der großen chemischen Fabrik den Direktorposten innehatte. Das war ein scharfsichtiger und besonnener Selfmademan, dem das kühle Blut auch in den schwierigsten Lagen nicht in raschere Wallung kam. Er war von festgefügtem Knochenbau, ziemlich groß, stark, doch nicht fett, hatte breite Hände und trug den grauen Backenbart zu beiden Seiten des ausrasierten Kinnes kurz geschoren. Nie war das Unternehmen besser geleitet, der Gewinn größer gewesen, als seit Deming an der Spitze stand. Geschäftsmann durch und durch, von modernem Geist erfüllt, kühn und wagemutig, wußte er günstige Marktlagen rasch zu packen, tatkräftig auszunützen und hatte noch immer gegen die Vorsichtigen und Ängstlichen recht behalten. Er war seit Jahren Witwer und hatte eine Tochter, das Fräulein Grete Deming, eine dunkeläugige Schöne, die gertenschlank auf dem Kutschbock saß und mit festen kleinen Händen ihren Traber lenkte. Umschwärmt und begehrt, ging sie gleichgültig an dem Schwarm ihrer Bewunderer vorbei, nicht warm, nicht kalt, ein wenig hochmütig, ein wenig herablassend und sehr selbstbewußt. Sie war schön, war jung, das einzige Kind ihres reichen Vaters und deshalb nahm man ihr nichts übel, fand auch ihre Unarten reizend, und viele Mädchen der Stadt gingen mit leicht vorgebeugtem Oberkörper und leise schaukelnden Hüften, trugen Reitgerten und rauchten Zigaretten, ganz wie Grete Deming. Es gab eine Grete-Deming-Frisur, ein Barett, einen fußfreien Rock, eine Tüllkrause à la Grete Deming. Aber keiner einzigen saß die runde Nerzmütze mit dem Reiherstoß so fesch auf welligem Haar, fiel der glatte Rock auf einen so tadellos fein geknöchelten Fuß, hob sich pfirsichfrisch und rassig aus den weißen Tüllwogen ein so pikantes Gesicht — wie eben dem Fräulein Grete.
Pichler sah sie vorüberfahren, blickte ihr nach und stand wie gebannt. Ein eigenes Gefühl drängte sich in sein Herz, weh und schmerzhaft, als sei ihm ein Glück bestimmt gewesen, und er habe es leichtsinnig selbst verscherzt. Unwürdig kam er sich vor und doch wieder wertvoll genug, nach den höchsten Kränzen zu langen. Verheißende Möglichkeiten blitzten in der Ferne, Ahnungen von Genüssen, um die er sich gebracht, Sehnsucht nach einer geistreichen und glanzvollen Gesellschaft, von der er sich freiwillig ausgeschlossen hatte. Fast reute ihn, daß er so offen eine politische Gesinnung zur Schau gestellt hatte, statt in ein Staatsämtchen zu schlüpfen oder einen anderen standesgemäßen Beruf zu ergreifen. Und stärker und bestimmter kam ihm der Vorsatz, daß seine jetzige Beschäftigung nur einen Übergang darstellen durfte, da weder seiner Stellung als gebildeter Mensch, noch seinen Fähigkeiten der ständige Verkehr mit den untersten Volksschichten angemessen sei. Und so begann er denn seine Läuterung dort, wo ihm der Verkehr mit den untersten Volksschichten dermalen am unangenehmsten geworden, bei Anna Bogner. Er war sich selber für ein solches Verhältnis zu gut geworden.
Die Anna wartete geduldig noch eine Woche lang, dann aber faßte sie sich ein Herz und ging zu ihm. Sie wollte Gewißheit haben, das Harren und Bangen quälte gar zu sehr.
Zaghaft klopfte sie an, trat zaghaft ein. Da war gerade Karl Pfannschmidt anwesend und beriet die Zusammenstellung der nächsten Zeitungsnummer mit dem verantwortlichen Schriftleiter.
Verlegen sprang Pichler auf.
„Was bringen Sie mir denn Schönes, Fräulein?“ fragte er und bemühte sich, seiner unsicheren Stimme einen geschäftsmäßigen Tonfall zu geben.
„Ich bring’ nichts,“ antwortete sie leise, „ich will mir was holen.“
„Ach ja richtig, das hatte ich ganz vergessen!“ erwiderte Otto und schlug sich mit der flachen Hand vor die Stirn. „Jetzt fällt’s mir wieder ein! Bitte, wollen Sie hier eintreten!“ Er führte sie ins Nebenzimmer. „Sie entschuldigen schon einen Augenblick!“ sagte er noch zu Pfannschmidt.
Drinnen herrschte er das arme Ding mit scharfer Flüsterstimme an: „Was soll das heißen, Anna? Was fällt dir ein, hieher zu kommen! Denk’ doch an deinen Ruf!“
„Ich will mir was holen!“ murmelte das Mädchen.
Nun versuchte er es in einer anderen Tonart. „Ich konnte wirklich nicht abkommen, Annl!“ sagte er mit biederer Herzlichkeit. „War mit Geschäften überhäuft. Das geht manchmal nicht anders. Aber sobald ich wieder Luft hab’ ...“
Sie schüttelte langsam den Kopf.
„Ich bin nicht deswegen da ...“
„Nicht deswegen?“
„Ich will mir nur was holen,“ sagte sie eintönig.
„Ja, aber was denn nur? So sag’s doch endlich!“
„Meine Ehre ...“
Ganz gleichgültig sprach sie das vor sich hin, mit rauher, brüchiger Stimme und schaute mit toten Augen an ihm vorbei ins Leere.
Er wußte nichts zu erwidern, hob bedauernd die Hände und ließ sie auf die Schenkel fallen.
„Aber Annl — du hast mich doch lieb gehabt ...“
„Ja, ich hab’ dich lieb gehabt.“
„Und — und ... es konnte doch nicht immer so fortgehn. Das hättest du im voraus bedenken sollen.“
„Ja — das hätte ich im voraus bedenken sollen ...“
Wie ein Automat sprach sie ihm die Worte nach.
„Annl, sei doch nicht so, ich bitte dich! Wir — können deswegen ja gut bleiben. Nur — das wirst du einsehn, ich ... Herrgott, wenn nur der Kerl nicht draußen wär’! Der paßt auf jedes Wort! — Wir treffen uns morgen, Annl! Um sechs Uhr! Da reden wir dann weiter. Wirst du kommen?“
„Ich werde schon nicht kommen. Was gibt’s auch noch zu reden? Das ist nun einmal so, da nützt nichts mehr.“
„Annl!“
Noch immer schaute sie an ihm vorbei, mit derselben steinernen Ruhe.
„Nenn’ mich nicht mehr so. Ich nenn’ dich auch nicht mehr so. Ich denk’ mir nur — so, wie du jetzt bist, das sollte doch anders sein. Es ist nicht recht so. Nur, es wird wohl auch wieder besser werden — oder — die Welt hätt’ sonst kein Gewissen ...“
Mit schleppenden Schritten ging sie zur Tür, öffnete und schob sich müde durch das vordere Zimmer an Pfannschmidt vorüber zum Ausgang. Dort schlug Pichler noch einmal den Geschäftston an. „Also die Sache ist in Ordnung, nicht wahr?“
„In Ordnung,“ sagte sie tonlos und bewegte die trockenen Lippen kaum. Nun trat sie über die Schwelle, den Kopf steif oben, und in dem starren Gesicht regten sich nicht einmal die Lider, um die weit offenen Augen zu kühlen.
Als sie fort war, sagte Pichler mit gemachter Leichtigkeit: „Es war mir so peinlich ... sie hat mir nämlich eine Novelette angeboten für unser Blatt und sich jetzt Bescheid geholt. Ich mußte ablehnen. Schriftlich wär’ das einfacher gegangen. Zu dumm! Jedes Frauenzimmer will heutzutag’ schon schreiben!“
Pfannschmidt blätterte in den Manuskripten, die er vor sich ausgebreitet hatte. Dann sagte er: „Also mit dem Leitartikel sind Herr Doktor einverstanden? Was bringen wir denn unterm Strich?“
Otto biß sich auf die Lippe. Er fühlte, daß ihm hier die Ausrede nicht geglaubt worden war. Aber er faßte sich schnell.
„Unterm Strich? Haben wir nicht irgendeine verliebte Geschichte lagern? So was zieht immer!“
12.
Fritz, Heinz und Karus schlenderten mitsammen durch die Großstadt. Es war ein schöner Vorfrühlingstag. Die Sonne glänzte am blauen Himmel, hing durchsichtige Silberschleier vor die Fronten der Mietkasernen, machte die Fiakerrosse fröhlich, und sogar den geplagten Pinzgauer Hengsten vor den schweren Fuhrwerken verlieh sie ein gemütliches Aussehen. Zwischen lautlos gleitenden Elektromobilen, Automobilen, Karossen und Straßenbahnwagen bewegten sich rasselnde Streifwagen, Handkarren, Radfahrer. Eisen klirrte, Pferde wieherten, Kutscher schrien „Ooooohb!“, das klingelte, ratterte, stampfte, dröhnte, surrte, tutete ohrenbetäubend durcheinander. Und auf den Gehsteigen wimmelten die Menschen, Hut neben Hut und Ellbogen bei Ellbogen, vereinigten sie sich rechts und links der Straßenzeile zu je einem ununterbrochen flutenden schwärzlichen Strom, der langsam wogte, still stand und wieder vorwärtsdrängte. Es sah aus, als würde hier das Blut der Stadt durch die Stöße eines unsichtbaren Herzens im Kreislauf erhalten. Nur vor den Kirchen schien es zu stocken. Die Kirchentüren waren offen, fremd leuchteten die gelben Kerzenflammen aus den dämmrigen Schiffen in die lärmende Nüchternheit des Tages. Viele der Vorübergehenden zogen die Hüte, bekreuzigten sich oder beugten wohl auch die Knie. Mit einem Pack Federbetten kam ein molliges Frauchen vorbei. Während des langen Faschings war im Haushalt das Geld knapp geworden. Aber heute abends war ein Bürgerball. Und die Kirchenpforten waren der Schönen nicht umsonst aufgetan. Rasch trat sie ein, legte ihr Bündel auf die Steinfließen, kniete darauf und sprach andächtig ein Vaterunser. Dann setzte sie gestärkt ihren Weg zum Versatzamt fort.
Mit schlurfenden Schritten schob sich ein Bettler die Häuser entlang. In der Hand hielt er einen irdenen Topf mit schmutziggrauem Reisbrei, wie man ihn den Jagdhunden zum Fressen gibt. Den mochte ihm eine gutherzige Köchin geschenkt haben, und der Alte schaute mit verzückten Augen und wässerndem Mund auf seinen Schatz. Da war Karus blitzschnell, mit einem Satz, bei ihm und schlug den Scherben aus der zittrigen Hand: „Betteln, Schlappschwanz? Da! Jetzt friß!“
Der Mann winselte und bückte sich jammernd nach den Scherben. Fritz packte Karus am Arm: „Was heißt das?“ Und der gleichmütig darauf: „Sie sehen’s ja!“
Leute sammelten sich. Fritz zog die Börse. „Geben Sie ihm nichts!“ knurrte Karus. Hellwig schob ihn beiseite, drückte eine Münze in die verlangend aufgehobene Hand, schritt schnell davon.
„Wie konnten Sie das tun?“ sagte er. „Das war grausam!“
„Ach was, grausam!“ rief Karus zornig. „Verdient so einer was Besseres? He? — Verflucht, daß doch die Kerle mit Bettelsuppen und Küchenabfall zufrieden sind! Daß sie nicht fordern, was ihnen vorenthalten wird! Daß sie nicht wenigstens rauben und stehlen! Aber da stehen sie blödsinnig neben brechenden Tischen, verrecken vor Hunger und wagen nicht dreinzuhauen. Mit einem rechtschaffenen Knüttel oder meinethalben mit Pulver und Bomben! Pfui Schande und Feigheit!“
Heinz aber sah unterdessen nach einem hageren Menschen, der vor ihnen hertaumelte, manchmal stehn blieb, sich an die Stirn griff, umherschaute, weitertorkelte und endlich hinfiel. Im Nu war eine johlende Menge um ihn. Heinz aber sagte ganz aufgeregt zu den Freunden: „Schaut euch die Augen an! So blickt kein Betrunkener!“, lief hin und beugte sich über den Gefallenen. Die Umstehenden lachten und spotteten: „Seht den Lumpen! Schon am hellen Vormittag hat er einen Rausch!“
„Nein!“ sagte Heinz laut und hart. „Der hat keinen Rausch, der hat Hunger! Und da lacht ihr und spottet noch!“
Und er faßte den Liegenden: „Komm, mein lieber Bruder!“ und half ihm auf die Füße. Sie nahmen ihn in die Mitte, stützten ihn sorgsam und führten ihn aus dem Gedränge. Vor einem gut bürgerlichen Gasthaus machte Wart halt.
„Heinz, das ist ein Unsinn!“ sagte Hellwig und suchte ihn zurückzuhalten. Doch der wehrte sanft ab: „Laß mich nur, Fritz, ich bin dem Menschentum Genugtuung schuldig in diesem hier!“ Und er öffnete die Tür.
An den runden Tischen saß ein zahlreiches Publikum beim Frühschoppen. Alle Augen richteten sich auf die Ankömmlinge. Es war aber auch ein ungewöhnlicher Aufzug. Heinz im englischen Überzieher, den rassigen Kopf mit den langen schwarzen Haaren hoch aufgereckt, Karus, wie immer, mit zerknittertem Hemd und tranigen Stiefeln, zwischen beiden der dürre Mensch, von oben bis unten mit Straßenkot besudelt, endlich der breitschultrige Hellwig mit Radmantel und Schlapphut. Der Oberkellner kam gelaufen und fragte, ob sich die Herrschaften nicht geirrt hätten. Die Schenkstube sei rückwärts im Hof. Da sagte Heinz: „Nein, wir haben uns nicht geirrt, aber Sie scheinen sich in uns zu irren. Dieser schmutzige Mensch hier ist mein Bruder. Die Speisekarte, bitte!“
„Bitte sehr, bitte gleich!“ antwortete der Befrackte und wußte nicht recht, wie er sich verhalten sollte. Wart und Hellwig kannte er. Aber die zwei andern schienen doch nicht so ganz in das feine Lokal zu passen. Da jedoch die andern Gäste nicht beleidigt taten, glaubte er es wagen zu können und winkte dem Speisenträger. Heinz bestellte Fasan mit Trüffeln und Moselwein. Das imponierte. Die Gäste aber hielten ihn und Fritz für zwei reiche Müßiggänger, Hetzbrüder oder Hausherrnsöhnchen, die nach einer durchzechten Nacht einen Ulk ausführten. Deshalb lächelten sie gönnerhaft oder blinzelten nachsichtig und wohlwollend zu ihnen hinüber.
„Seht sie euch an!“ sagte Karus halblaut. „Seht doch, wie sie dasitzen, die Herren Hofräte und Hausbesitzer und Großkaufleute! Und wie sie nicht zu begreifen vermögen, daß jemandem so eine Tat Bedürfnis sein kann. Oh, wie gut sie unsern Heinz zu verstehen glauben. Wie gut sie wissen, daß er, auch nicht anders als sie in ihrer Jugend, aus Langweile und Übermut mit der Armut seinen Spaß treibt! Wie sie das verstehen, entschuldigen, verzeihen! Wüßten sie, daß es ihm ernst damit ist, sie ließen uns alle vier hinauswerfen!“
Unterdessen brachte man auf einer silbernen Platte den Fasan, goldbraun gebraten und würzig duftend. Und der hungrige Mensch griff gierig nach einem Schenkel, aß und sprach, nachdem er alles gegessen: „Mich hungert, gebt mir Wurst!“ Den Wein aber schob er weit von sich: „Ich trink’ nur Bier!“
Die Gäste sahen das, lächelten und dachten sich: „So ein Esel!“
Heinz aber stand auf: „Komm, mein lieber Bruder!“
Und sie gingen in die Schenkstube. Dort aß der ausgehungerte Mensch fünf Knackwürste, trank einen Liter Bier dazu, wurde fröhlich und bedankte sich. Die umhersitzenden Kutscher aber, die Dienstmänner und Laufburschen zeigten auf ihn und meinten: „Seht den Glückspilz an, er hat heut’ Ostern, Pfingsten und Weihnachten!“
Heinz drängte jetzt zum Aufbruch. Sie überließen den Gesättigten seinem Schicksal und machten sich auf den Heimweg. Keiner sprach. Karus ging Arm in Arm mit Wart. Fritz schlenderte nebenher und dachte allerlei. Wohinaus wollten die zwei? Er sah noch immer nicht klar, erkannte nur, daß sie in ganz anderen Gleisen gingen als er selbst und daß er ihnen dorthin nicht zu folgen vermochte.
Jetzt waren sie bei Karus’ Wohnung angelangt. Oben warfen sie ihre Überkleider auf das Bett, setzten sich, rauchten und schwiegen eine geraume Weile. Endlich sagte Fritz aus seinem Sinnen heraus: „Heinz, du gehst in die Irre! Man füttert solche Leute nicht mit Fasanen!“
„Wissen wir auch!“ sagte Karus.
„So? Und trotzdem ...“
„Jawohl, trotzdem und gerade deswegen! Unzufrieden muß man sie machen! Ihnen die guten Dinge vorrücken, die es auf der Welt gibt und von denen sie keine Ahnung haben. Dann werden sie lüstern. Und das stachelt sie auf wie die Bremse den Stier!“
„Nun und?“
„Nun und dann sind sie eben reif für unsere Gilde.“
„Euere Gilde? Gehören dazu jene, die lieber im Straßengraben verrecken, weil sie frei sein wollen?“
„Und ob die dazu gehören! Unsere braven Jungen, die lieber verhungern, eh’ sie sich was schenken lassen. Lieber stehlen, eh’ sie betteln. Weil ...“ — ein spöttisches Lächeln verkroch sich in Karus’ verwildertem Bart — „weil ihr bestes Recht ist, daß sie satt zu essen haben. Und weil sie sich zu keinem Ausgleich hergeben. Ihr Recht wollen sie, Bergprediger! Und gibt man’s ihnen nicht, so nehmen sie sich’s — wenn’s not tut mit Gewalt!“
Hellwig achtete nicht auf den Spott und sagte kalt: „Mit dem Argument der Fäuste wird nichts zu holen sein! Klärt lieber die Menschen auf! Und fangt nicht unten damit an, sondern oben, bei denen, die jetzt die Macht haben!“
Da stieß Karus einen Laut aus, halb Lachen, halb Grunzen. „Bergprediger!“ rief er. „Bergprediger, das ist ein weiter Weg! So weit, daß die Erde nicht mehr warm ist, bis er zu Ende gegangen ist. Nein, da lob’ ich mir schon die Kürze des Eisens. Die soziale Frage — lösen? Hm, sie ist wie der gordische Knoten. Man löst ihn nicht, mit dem Schwert muß man ihn zerhauen!“
Während er so sprach, ging er zum Schrank, nahm ein kurzes Handbeil heraus und warf es auf den Tisch: „Da liegt der beste Helfer! Schau’n Sie sich das Ding gut an. Es hat Tyrannenblut geleckt! Deshalb blinkt und lacht’s auch so fröhlich. Hei, das war ein Fest! Freilich ihr — ihr habt Fischblut in den Adern und könnt euch nicht vorstellen, was das heißt: ein Aufstand in Havanna. Damals war’s, daß der Gouverneur — der Hund ließ unter die Rebellen schießen! — mit dieser Hacke ein Verhältnis einging. So ein richtiges treues Verhältnis, das nur der Tod trennen kann. Hat er auch getan, schnell und sicher! — Und seither nehm’ ich das Hämmerchen überall mit hin. Vielleicht könnt’ ich’s noch einmal brauchen. Gelt, du?“
Liebkosend strich er über die blanke Schneide.
Hellwig hatte sich erhoben, tiefen Ernst im Antlitz.
„Dessen rühmen Sie sich noch? Vielleicht wollen Sie gar prahlen mit dem nutzlosen Blutvergießen? Das ist abscheulich roh!“
Nun kam Leben in Heinz. „Nutzlos, Fritz? Nutzlos? O ganz und gar nicht! Sie sind ja reif für das große Sterben! Weil sie den Keim der Fäulnis in sich tragen! Wir brauchen heile, gesunde Menschen, kampffrohe, sieghafte! Und weil wir sie brauchen, müssen wir ihnen den Boden bereiten und Platz schaffen durch den Untergang der Kranken!
Wenn wir allen nur erst den Glauben eingeimpft hätten, den Glauben an die selbsttätige Befreiung, an die Befreiung durch die Tat! Aber solang sie sich nur immer gütlich tun an der Sonne der Erkenntnis, so lang werden sie nicht an den lachenden Sturm glauben lernen, der die Sonne überwindet. Die milde weiße Sonne ist gut für kleine Mädchen und für Greise, wir aber wollen das Brausen des Sturms, den Kampf der Wogen, das Entstehen neuer Länder und Meere aus dem Zusammenbruch der alten. Ewiges Sonnenlicht trocknet das Gebein und dörrt das Blut in den Adern, das Mark in den Knochen. Ewiges Müßiggehen mit Lobgesängen des Friedens auf den Lippen und mit dem beginnenden Verfall im Herzen macht ungeeignet zum Kämpfen. Wir aber sollen immer bereit sein zum großen Kampf und die Kraft nicht zersplittern in kleinen Plänkeleien, nutzlosen Scharmützeln um Tugend, Moral und um die toten und sterbenden Götter!
Viel zu lang haben wir Sonne gehabt, so sind wir faul und lässig geworden. Fechten nur noch mit den spitzigen Dolchen der Worte und den dünnen Stoßdegen des Geistes. Aber unsere Arme können das breite Schlachtschwert nicht mehr heben. Und durch den steten Frieden sind wir geworden wie ein stehendes Wasser ohne Zufluß und ohne Abfluß. Auf dem unbewegten Spiegel blühn die weißen Wasserrosen, aber im schlammigen Grund schlafen die Keime der Fäulnis. Und so die Keime aufwuchern, werden wir sein wie ein großer Sumpf, ein Herd aller Krankheiten und bösen Dünste.
Darum wollen wir, die wir dies erkennen, wie gute Ärzte an der Menschheit handeln: zum Heile der Gesunden wollen wir die Morschen und Siechen, die Bresthaften und Verderbten ausrotten!“
„Und was dann?“ rief Hellwig außer sich. „Heinz, was dann? Wenn der Aufruhr durch die Länder jagt, über Verwundete und Tote weg, wenn der alte Gesellschaftsbau zerschmettert liegt — was dann? Wie willst du es besser machen? Was willst du an die Stelle des Zertrümmerten setzen? Etwas Großes und Herrliches müßte es sein — und könnte die Opfer doch nicht aufwiegen!“
Und kalt und ruhig erwiderte Heinz: „Du fragst verfrüht, und darauf kann ich dir nur antworten: Ich weiß es nicht!“
„O du! du! So weit bist du schon? — Du weißt es nicht? Und willst doch das Oberste zu unterst kehren, Thron und Reiche stürzen, willst, daß das Chaos hereinbricht — und dann — dann stehst du da, ratlos, tatlos, tappst umher, versuchst, experimentierst — bis du endlich dem betörten Volk gestehen mußt: Ich kann euch nichts Besseres geben! Frei hab’ ich euch gemacht, nun helft euch, wie ihr könnt! Schöne Freiheit das! Mit dem Blute Hunderttausender erkauft — und weiß dann nichts mit sich anzufangen! Arzt sein nennst du das? Ich nenne es morden!“
Mit einem Fluch sprang Karus da auf. In jähem Zorn wollte er auf den Beleidiger los. Aber Heinz trat dazwischen und sagte mit tiefklingender, bewegter Stimme, die Fritz in allen Fibern erschauern machte:
„Einen Golddom wollen wir der Freiheit aufführen, denn Nietzsche hat recht: das Herz der Menschheit ist von Gold! Aber viel Schlacke hat die Zeit daran abgesetzt. Die müssen wir erst lösen. Im Feuer der Empörung, in der Glut des Aufruhrs wollen wir die Menschheit läutern, alle Unreinheit muß verschwinden, nichts als das blanke Edelmetall darf übrigbleiben. — Und bist du einmal so weit, dann greif hinein mit beiden Händen, knete, forme, bilde, baue — mach’ es dann, wie du willst: immer wird ein lauteres Goldwerk sein, was unter deinen Händen ersteht! Darum ist es besser, alles, was krank ist, falle mit einem Mal, als daß es sich fortschleppe von den Kindern zu den Kindeskindern und zur ewigen Pein und Pestbeule werde für die Gesunden!“
Fritz stand da und hielt die geballten Fäuste vor, als wollte er diese furchtbare Auffassung von sich stoßen.
„Heinz!“ sagte er mühsam, unter starken Atemzügen. „Heinz, du willst die Krankheit deiner Brüder heilen — und bist selbst einer von den Kränksten. Widersprich mir nur nicht, es ist so! Das ist ja doch auch ein Zeichen der Krankheit, daß sie sich selbst nicht erkennt: so glaubt der Schwindsüchtige bis zum letzten Hauch an seine Gesundheit. Wer denn gibt dir ein Recht über die andern? Du kannst das Leben nicht schaffen — so darfst du es auch nicht vernichten ...“
Karus unterbrach ihn mit gemachter Roheit: „Predigen Sie nicht, Bergprediger, uns stimmen Sie nicht um! Und Sie werden selbst auch anders reden, wenn Sie nur erst einmal Blut gesehen haben. An nichts gewöhnt man sich schneller als ans Aderlassen. An das aktive, mein’ ich nämlich! Versuchen Sie’s nur einmal!“
Da stürzte Hellwig auf Wart zu, der reglos beim Fenster saß, die Hände vor dem Gesicht. „Heinz!“ rief er in heißer Wallung, und packte ihn an den Schultern und rüttelte ihn. „Heinz, ich bitte dich — um unserer Freundschaft willen bitte ich dich, mach’ dich von dem da frei!“
Heinz rührte sich nicht. Eine ganze Weile stand Fritz noch bei ihm und wartete. Dann wandte er sich traurig, schritt langsam aus der Stube, mit feuchten Augen.
„Der Friedensengel verläßt uns! Jetzt muß Krieg werden!“ rief ihm Karus lachend nach.
13.
Im lachenden Sommer starb die Marie. Ein heftiger Blutsturz, ein kurzes Krankenlager, ein allmähliches Auslöschen — langsam, unerbittlich und unabwendbar. Ganz klar war es ihr, daß sie sterben mußte. Lächelnd sprach sie davon und tröstete lächelnd den Geliebten. Aber dann, als die Stunde kam, da klammerte sie sich an ihn und krallte die Nägel in seinen Rock, und in ihren Augen war Angst und Grauen und Verzweiflung.
„So hilf mir doch, du!“
Aber er konnte ihr nicht helfen, er konnte sie nur halten und hielt sie doch nicht fest, fühlte, während er ihren zitternden Körper mit beiden Armen enger und enger umschloß, wie sie ihm entglitt und wie ihr Leben wegfloß gleich einer Welle unter greifenden Kinderhänden. Und sein Herz mochte noch so wild an ihre Brust pochen, das ihre fand den Takt nicht mehr, und endlich stand es ganz still. Und stand gerade in dem Augenblick still, als der Wille und Drang zum Leben in ihm am stärksten wurde. Als er die Tote ganz dicht an sich preßte in dem ungestümen Wunsch, daß seine ungebrochene Lebenskraft in den erkaltenden Leib hinüberströme und für sie beide Arbeit tue. Aber Marie war tot.
Nach zwei Tagen begrub er sie. Und als der Leichenwagen zum Friedhof kam, — im schnellen Trab, denn der Weg war weit, — da erwarteten ihn dort die Ausgestoßenen, die Enterbten, die Parias, viele, viele hunderte zerlumpte und verkommene Gestalten. Und als der Sarg im offenen Grabe stand, da schritten sie, die Ausgestoßenen, die Enterbten, die Parias, einer hinter dem andern an der kühlen Grube vorbei. Und jeder hatte eine Handvoll roter Alpenrosen mitgebracht und warf sie in die kühle Grube. Der Sarg verschwand unter den glühend freudigen Blüten, die Grube füllte sich — und als der letzte vorübergezogen, da lag die tote Marie unter einem leuchtenden Hügel von roten flammenden Alpenrosen, die letzte Gabe der Berge, die die Tote so sehr geliebt. Das war der Dank der Obdachlosen, der Bettler, Lumpensammler und Kanalstrotter für das bißchen Liebe, die ihnen Heinz Wart gezeigt. Und er wußte nicht, daß Karus ihnen die Idee eingegeben hatte. —
Wenige Tage nach dem Begräbnis erhielt Fritz von dem Freund einen Brief:
‚Ich gehe nach Rußland. Forsche nicht nach mir. Es muß so sein.‘
Nichts weiter stand auf dem Blatt. Aber Hellwig war für Wochen aus allen Gleisen.
Von Osten herüber glühten blutrot die Brände des Aufruhrs. Eine Verfassung forderte das Volk, Freiheit und Glück — oder das Grab. Die Antwort war Pulver und Blei, waren Pferdehufe, Gewehrkolben und Nagaiken.
Und Heinz eilte mit Karus dorthin, Heinz, der unpraktische Schwärmer, der stille Büchermensch, der weder schlaue Seitenwege gebrauchen konnte noch geschickte Rückendeckung, und Fritz wußte, er ging in den Tod. Nicht suchen wollte er den Tod. Denn mit der Marie war ihm ja nicht alles gestorben. Die Liebe zu den Entrechteten und Zertretenen war ihm geblieben und war jetzt nur desto heißer geworden. Nicht ans Sterben dachte er. Mithelfen wollte er, mithelfen und mitstreiten, allen Gefahren trotzend, in frommer Begeisterung dort mithelfen und mitstreiten, wo ihm sein Ziel am hellsten und am nächsten leuchtete.
Und Hellwig machte sich Vorwürfe, daß er den Freund nicht besser behütet hatte. Wieder wollte eine böse Krisis über ihn kommen. Aber die Ereignisse, die jetzt, lang vorbereitet, Schlag auf Schlag einander folgten, rissen ihn mit in ihren wirbelnden Strudel und ließen ihm vorerst keine Zeit zur Grübelei.
Als jenseit der Nordostgrenzen des Reiches die Rebellion in vollem Wüten war, da hielten die Sozialisten die Gelegenheit für günstig und holten im Kampf für das allgemeine Wahlrecht zu wuchtigen Schlägen aus.
Und da geschah es auch, daß die Teilnehmer einer Versammlung, in der August Mark, ein stimmgewaltiger Agitator, die Masseninstinkte aufgewühlt hatte, vor das Palais des Ministerpräsidenten ziehen und demonstrieren wollten. Sicherheitswache zu Fuß und zu Pferd versperrte ihnen den Weg. Hellwig, von dem Vorhaben der Menge telephonisch benachrichtigt, eilte aus der nahen Schriftleitung rasch herbei. Es war höchste Zeit. Schon waren die Säbel aus der Scheide geflogen, fielen die flachen Klingen auf Köpfe, Schultern und Arme. Schreiend wichen die vorderen Reihen, die rückwärtigen, weniger gefährdeten, drängten nach vorn, ein dampfender Knäuel, stießen sie sich, johlten und brüllten. Und schon auch hoben sich geballte Fäuste, schlugen Stöcke, prasselten Steine gegen die Polizei. Da drehten sich die Klingen, aus den flachen Hieben wurden scharfe, Schmerzensschreie gellten, Blutende wankten gegen die Häuser, fielen aufs Pflaster hin.
„Einhalten!“ rief Hellwig mit voller Lungenkraft und schob sich durch das Getümmel. „Einhalten!“
Er packte den Arm eines berittenen Schutzmanns. Das Pferd wurde unruhig und bäumte sich. Doch er hielt fest. „Nicht morden!“ preßte er zwischen den Zähnen hervor. Seine Linke griff nach dem Bein des Reiters, im Handumdrehen lag dieser zappelnd auf dem Boden.
Da fielen aber auch schon drei — sechs — zehn Wachleute über Hellwig her, griffen nach seinen Armen, zerrten ihn am Rock, stießen ihn von allen Seiten. Und einer packte ihn im Genick und schrie: „Im Namen des Gesetzes! Sie sind verhaftet!“
Als das die Leute hörten und als sie sahen, wie hart einem ihrer besten Führer mitgespielt wurde, flammte die durch den kurzen Raufhandel angefachte Leidenschaft turmhoch empor. Ein Wald von starren, im Sturm zitternden Ruten, hoben sich Hunderte von Stöcken über die dunkle Masse der Hüte und Schultern, ein kurzer wilder Aufschrei krachte gegen die nachtdunkle Himmelskuppel. Dann war der Kordon durchbrochen, Brust an Brust, Faust gegen Faust rangen sie mit den Hütern der Ordnung um ihr vermeintliches Recht.
Los und ledig stand Hellwig mitten im heißesten Gewühl. Und schämte sich. Schämte sich, daß er sich hatte hinreißen lassen, daß er, der gekommen war, die Menge zu beruhigen, ohne Überlegung selbst als der tollste Stürmer losgebrochen war. Und eine Weile stand er ganz untätig, mit schlaff hängenden Armen. Aber als ihm ein Verwegener frohlockend entgegenrief: „Drauf! Drauf! Heut’ zwingen wir sie!“, da richtete er sich straff auf.
„Halt!“ schrie er, und seine Stimme war wie klingender Stahl. „Halt!“
Und als sie stutzten und einander zur Ruhe verwiesen in der Erwartung einer Rede, da schob sich die Wache, durch Hilfstruppen verstärkt, rasch in das Gewimmel. Die aufgeregte Menge wollte es nicht leiden — drängte abermals vor — doch Hellwig rief mit beschwörend erhobenen Händen: „Leute, ich bitt’ euch, bleibt besonnen! Zeigt, daß ihr ernste Männer, daß ihr reif für das Wahlrecht seid! Geht ruhig nach Haus!“
Noch zögerten sie. Da stimmte er das Lied der Arbeit an. Und mit einemmal wichen sie zurück und ihre Gesichter wurden ernst und feierlich — und einer nach dem andern stimmte ein, bis es aus tausend Kehlen dröhnend klang: „Die Arbeit hoch!“ Und alle ihre erhitzte Leidenschaft strömte aus in dem Lied — und willig folgten sie, immer singend, den Anordnungen der Wachleute, die langsam, Schritt für Schritt vorrückend, die Straße absperrten. —
Ein paar Tage darauf wurde Hellwig vor den Untersuchungsrichter geladen. Er war der Aufreizung und öffentlichen Gewalttätigkeit angeklagt. Das Urteil lautete auf zehn Monate Kerker.
14.
In St. Petersburg. Langsam fährt die Prunkkalesche des Ministerpräsidenten durch die Straßen. Kosaken begleiten sie, bis an die Zähne bewaffnet. In einer düsteren Seitengasse harren zwei Männer. Der eine ist blaß und schlank, seidiges Schwarzhaar fällt ihm bis auf die Schultern. Dem andern steht das blaue Hemd vor der Brust offen.
Langsam rollt die Kutsche heran.
Da hebt der im blauen Hemd den Arm. Ein länglicher Körper schwirrt durch die Luft, schlägt auf dem Pflaster hart auf. Ein dumpfes Gekrach. Rauchwolken. Schmerzensschreie. Tumult. Die Pferde bäumen sich, rasen die leer gewordene Straße hinab. Sie ziehen keinen Wagen mehr. Die Trümmer des Wagens sind in alle Winde verstreut.
Ein Bombenattentat. Der Ministerpräsident ist tot. Viele seiner Gehilfen liegen im Blut. Von den Tätern fehlt jede Spur.
** *
In Moskau. Der Chef der Polizei lustwandelt in seinem großen Garten. Es ist ein schöner Tag. Die Bäume sind grün, die Vögel singen. Der Polizeichef lächelt. Die Stadt ist ruhig, der Aufstand vorüber. Ein paar Dutzend sind aufgeknüpft, ein paar Salven haben das Volk zur guten Gesinnung zurückgebracht. Die Gefängnisse sind überfüllt. Aber die Stadt ist ruhig. Der Polizeichef hat alle Ursache, zufrieden zu sein.
Ein schlanker Mann in der Uniform eines Polizeileutnants kommt rasch den Kiesweg herauf. Er ist blaß und hat langes schwarzes Haar. In strammer Haltung steht er vor dem Gewaltigen, die Hand am Mützenschirm.
„Was gibt’s?“ fragt dieser.
„Das hier!“
Schnell fährt die Rechte zwischen die Knöpfe des Waffenrocks. Ein Schuß verhallt im Park. Ein paar Vögel flattern erschreckt auf. Die andern singen weiter.
Der blasse Mensch verläßt ruhig den Garten. Niemand hält ihn auf. Er kommt vom Rapport.
** *
In Odessa. Auf dem Dachboden eines Hauses kauert ein Mann in gespannter Erwartung. Er ist von untersetzter Gestalt, hat einen verwilderten Bart und tranige Stiefel. In der Rechten hält er ein doppelläufiges Gewehr. Starr äugt er durch die Dachluke hinab in den Gefängnishof jenseit der Straße, der von niedrigeren alten Gebäuden umschlossen ist. Der Gefängnishof ist nicht leer. Ein Galgen ragt dort in die stille Morgenluft. Der Henker macht die Schlinge zurecht. Es schlägt sechs Uhr. Trommelwirbel grollt auf. Die Tür in den Hof öffnet sich. Der Verurteilte wird herausgeführt. Er ist schlank und blaß, das Haar ist abgeschoren, der Hals entblößt.
Einen Augenblick arbeitet es heftig im Gesicht des Wartenden. Ein kurzes Schluchzen erschüttert ihn. Aber er beißt die Zähne in die Unterlippe, hebt die Flinte. Sein Arm zittert. Nur einige Sekunden. Dann ist er ganz ruhig.
Die erste Kugel bewahrt den Freund vor einem schimpflichen Tod. Die zweite gilt dem Leiter der Hinrichtung. Auch sie geht nicht fehl.
Unten entsteht eine Panik. „Man hat geschossen! Die Juden haben geschossen!“ schreit einer. Und das ist das Signal zum Gemetzel.
Wie losgelassene Bestien stürmen die Kosaken in die Häuser, erschlagen die Männer, hauen die Kinder in Stücke, vergewaltigen die jungen Judenweiber. Ein Pogrom.
Der Mann auf dem Dachboden hat sich durch die Luke gezwängt, flieht über mehrere Dächer, entkommt unbehelligt.
Vor der Stadt, in einem Dickicht, sitzt er, hat das Gesicht in die Hände vergraben, weint, stöhnt und winselt. Es ist Nacht geworden. Da erhebt er sich und trottet mit tief hängendem Kopf durch die weiten, öden Steppenflächen gegen Norden. Unter dem Lodenrock klirrt manchmal ganz leise ein Beil gegen die Gürtelschnalle.
15.
Im Gefängnis erfuhr Fritz den Tod seines Freundes Heinz Wart. Die näheren Umstände blieben ihm unbekannt. Die wußten nur jene, die dabei gewesen. Und die verrieten nichts.
Trotzdem er das tragische Geschick des Freundes vorausgesehen, brachte es ihn jetzt, da es sich erfüllt hatte, doch um allen Lebensmut.
Zwischen den grauen Wänden der Kerkerzelle saß er reglos auf der Pritsche, die Ellbogen auf die Schenkel gelegt, und starrte in den schmutzigen Bretterboden. Schaben krochen ihm über die Füße, eine Maus steckte den spitzigen Kopf aus ihrem Loch und piepte. Er achtete nicht darauf, rührte sich nicht und hob auch nicht die Stirn, wenn der Aufseher den Schieber vom vergitterten Guckloch zurückschob und den schweigsamen Häftling mit kritischen Blicken beobachtete. Und in den Nächten lag er schlaflos, stierte mit brennenden Augen in die Finsternis, fühlte, wie die Einsamkeit ihn würgte. So trieb er es wochenlang, ließ die Tage vorübergehen und zählte sie nicht, wußte nicht die Stunden, die da neben ihm wegtropften, wußte nicht, ob die Sonne schien, ob Regen fiel oder Schnee über der Erde lag und die Zeit war wie eine große grenzenlose Wüste. Kolben kam und wollte mit ihm sprechen. Er weigerte die Unterredung, antwortete auch dem Kerkermeister nicht, aß kaum das Notwendigste, dachte an nichts und empfand weder Schmerz noch Sehnsucht — nur Leere, entsetzliche Leere. So lebte er hin, und es war eigentlich nicht Leben, war nur ein triebhaftes Hinvegetieren in einer halben Betäubung.
Allmählich aber, im Wandern der Monate, unter dem Einwirken der Stille, der klingenden Ruhe um ihn her, löste sich doch endlich die starre Spannung. Die Stumpfheit wich. Unablässig bohrend, heftig und heftiger setzte das quälende Gedenken wieder ein, daß der Freund gestorben und daß dieses Sterben zwecklos gewesen sei.
Wie konnte das möglich werden? Wo lag die Ursache dieser stets wiederkehrenden Erscheinung, daß Tausende und Tausende immer aufs neue ihr Leben in die Schanze schlagen mußten im unstillbaren Drang, den Millionen zu helfen, die von wenigen Machthabern kaltblütig und grausam niedergehalten wurden? Drüben in Rußland bluteten die Massen, wurden von Soldatenhorden niedergeritten, gefoltert, zusammengehauen, reihenweise erschossen. Hüben jubelten sie dem errungenen Wahlrecht zu, priesen sich glücklich, jauchzten im Siegestaumel. Hier wie dort hing die Erfüllung ihres Wunsches an einem Federzug des Herrschers. Und der eine verweigerte ebenso kalt und starr, was der andere gütig gewährte. Wo war das Recht? Nach welcher Formel konnte die Willkür des einen gerechtfertigt und die Gnade des andern auf eine gesetzmäßige Grundlage gebracht werden? Durfte es überhaupt Willkür und Gnade geben? Wo war Sinn und Logik in diesem Widerstreit? Und wer trug die Schuld, daß Männer wie Karus nicht nur möglich waren, sondern im Recht? Zum mindesten so weit im Recht, daß sie so gut wie er und andere als Bekämpfer einer Krankheit auftreten und ihre Mittel als die einzig sicheren rühmen konnten? Wo lag überhaupt der Herd dieser Krankheit? Woher das Elend, die Armut, die ewige Unzufriedenheit? Und mußte denn das immer und ewig so bleiben?
Die Lehren Proudhons kamen ihm in den Sinn, die Versuche Robert Owens, und trotz ihres Mißlingens glaubte er hier eine Spur zu finden.
Wenn man den Kommunismus mit der bestehenden Ordnung verknüpfen könnte ... Etwa so, daß je ein Unternehmen allen dabei Beschäftigten gemeinsam gehörte, die Gewinnanteile aber verschieden wären je nach dem Maß der Arbeitsleistung ...
Immer tiefer wühlte er sich in diese Gedanken hinein. Und je mehr er grübelte, desto möglicher und erreichbarer schien ihm eine solche Lösung. Heller wurde die Fernsicht, näher rückte das Ziel. Und endlich stand es vor ihm, zum Greifen nah, in scharfer Klarheit. So mußte es gehen. Und da überkam es ihn mit schöner Zuversicht: Sprich es aus, sag’ es getrost aller Welt! Sie müssen dich hören.
Ein wunderbares Kraftgefühl durchströmte ihn. Lebendig pochten alle Pulse, alle Gedanken drängten sich und schossen zusammen wie Kristalle in einer übersättigten Lösung. Und während Woche um Woche verrann, Monat an Monat sich reihte, arbeitete in der kahlen Kerkerzelle rastlos sein Geist, trug Block zu Block und Stein zu Stein. Lückenlos fügte sich alles, wurde groß und wuchs empor zu einem gewaltigen Bau, der ein Totenmal werden sollte für den Freund und eine Vorhalle zum künftigen Tempel der neuen Werte.