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Der Volksbeglücker

Sechstes Buch

Reading edition

1.

Mitternacht war vorüber, als Hellwig bei Kolben Einlaß heischte. Der Doktor war noch wach. Als Fritz draußen schellte, ging er ihm ins Vorzimmer entgegen. „Komm nur herein,“ sagte er, „ich hab’ dich erwartet.“

Und Fritz trat wortlos ein und hatte blasse Wangen und scheue Augen, die ohne Unterlaß den persischen Teppich am Fußboden betrachteten. Aber Kolben tat, als bemerkte er das nicht, sondern sprach zu ihm über seine Rosenkulturen im Garten, die heuer besonders reichlich blühen würden, über die vielen sonnigen Frühjahrstage, die immer wieder zu Wanderungen ins Gebirge lockten, über die letzte Premiere im Burgtheater. Über das alles und noch über viele andere Dinge sprach der Doktor unbefangen und zwanglos, als wäre Hellwig nicht an die drei Jahre, sondern kaum ebenso viele Tage fortgewesen. Und nur mitten zwischen diesen Dingen sagte er einmal ganz von ungefähr: „Deine Frau wirst du wohl jetzt nicht aufwecken wollen? Sie weiß auch noch nichts, es ist besser, du bleibst die Nacht bei mir.“

Fritz atmete schwer auf und bewegte die Lippen, aber er sprach nichts und schaute nur stumpf vor sich hin, elend und voll Schuldbewußtsein. Doch als ihm der Doktor jetzt sein Schlafzimmer überlassen wollte, — er müsse sich ausruhen, man sehe ihm ja an, daß er total erschöpft sei, — da lehnte er auch das stumm ab und blieb auf dem Diwan sitzen, mit halb geschlossenen Augen und ganz teilnahmslos. Kolben aber dachte bei sich, daß es besser wäre, den stolzen und harten Mann mit allen den herben Verlusten und Enttäuschungen und Vorwürfen allein sich abfinden und fertig werden zu lassen. Und er brachte Kissen und Decken, wünschte ihm gute Nacht und zog sich zurück. Und Hellwig war ihm dafür dankbar.

Er drehte die Glühlampe ab und blieb im Dunkeln sitzen und erinnerte sich, daß er unter einem Dach mit Eva sei, daß ober ihm sein Junge schlief, und das war Weh und Beruhigung, Qual und Trost zugleich. Doch schließlich wurde die Übermüdung stärker als alles andere, und auf die zerrüttelnden Aufregungen der letzten Tage reagierte der Körper endlich mit einem tiefen traumlosen Schlaf, der bis in die späten Vormittagstunden nicht von den bleischweren Lidern wich.

Über alles mögliche hatte Kolben geredet. Aber was er für den Freund getan und wie er Eva über die langen einsamen Tage und Monate und Jahre hinweggeholfen, davon hatte er geschwiegen. Mit opferwilliger Treue, ein verläßlicher Berater und Sorgenbanner, war er ihr zur Seite gestanden, und während sie anfangs nicht darauf achtete, hatte er ihr alle unangenehmen und schwierigen Geschäfte abgenommen. Auch ihr Vermögen verwaltete er, und wenn Eva sich niemals ganz verlassen fühlte und wenn ihr gar nicht recht zu Bewußtsein kam, was eigentlich Fritz ihr angetan hatte, als er sie mit dem Kinde unbesinnlich in der großen fremden Stadt mutterseelenallein gelassen, wenn sie davon nichts merkte und sich leidlich zufrieden und geborgen glaubte, so war dies ausschließlich das Verdienst des Doktors.

** *

Als Fritz endlich wach geworden, ging er mit Kolben in den ersten Stock hinauf. Kaum ein Wort hatte er bisher geredet. Und als er im Vorzimmer seiner eigenen Wohnung stand, spürte er den ungestümen Schlag seines Herzens bis in der Kehle. Kolben aber ließ ihn draußen warten und ging allein hinein, um Eva vorzubereiten. Ruhig und launig wie alle Tage begrüßte er sie und tat, als wäre gar nichts Ungewöhnliches vorgefallen oder im Anzug. Der vierjährige Hansl war mit dem Dienstmädchen spazierengegangen.

Wo war die Frohsinn blitzende Eva von früher? Ganz zu tiefst, in den verstecktesten Winkel des Herzens, mußte sich die Fröhlichkeit verkrochen haben. Keine Spur davon war mehr in den schwermütigen Augen, dem ernsten Antlitz, das deutlich die Zeichen gelittener Schmerzen eingefaltet trug. Nur in den blonden Haarspitzen leuchtete etwas, ein flink Bewegliches, Übermütiges, und war schon wieder weg. Kaum wie ein schnell vorbeihuschendes Erinnern an funkelnde Jugend und sonnige Tage war das gewesen.

Unten schritt ein Briefträger über die Straße.

„Haben Sie keine Nachricht von Fritz?“ fragte da Eva unvermittelt.

„Dasselbe wollte ich Sie fragen ...“

Ein trauriges Lächeln ging um ihre Lippen.

„Mich? Seit Wochen hat er nichts hören lassen. Ich weiß schon nicht mehr, was ich mir denken soll!“

„Schreibfaul war Fritz von je.“

„Aber so lang hab’ ich noch nie warten müssen!“

„Er wird Sorgen haben. Der Streik dauert jetzt schon einen Monat ...“

„Wissen Sie denn wenigstens darüber etwas Neues? Denken Sie sich, heut’ hab’ ich schon wieder keine Zeitung bekommen. Gestern doch auch nicht. Was nur dem Austräger eingefallen ist?“

Kolben erhob sich. „Ich — habe ihn das so geheißen, Frau Eva,“ sagte er sehr ernst.

Da stand sie auch schon dicht vor ihm und schaute angstvoll in sein ruhiges Gesicht. „Kolben! Was hat’s gegeben?“

„Nichts, was Sie bedauern müßten, Frau Eva.“

Sie rieb die Knöchel ihrer Finger gegeneinander. „So sprechen Sie doch! Rasch! Rasch!“

Zögernd gab er Antwort: „Die Führer des Streiks haben ihren Zweck erreicht. Reinholts Arbeiter haben sich dem Ausstand angeschlossen ... es hat Ausschreitungen gegeben ...“

Da schrie sie laut auf: „Fritz! Fritz! — Doktor, was ist mit Fritz?“

„Ruhe, Frau Eva, Ruhe — ihm ist nichts geschehen. Jetzt endlich wird er heimkommen.“

Sanft legte er den Arm um die Wankende. Aber sie stieß ihn ungestüm zurück. „Jetzt, Kolben? Jetzt? Nein! Nein! Das erträgt er nicht! Doktor ... er verzweifelt ja! Wir müssen hin! Doktor ... wir kommen ja schon zu spät ...“

Kolben hielt ihr die zitternden Hände fest. „Seien Sie vernünftig, Frau Eva, ich hab’ Ihnen schon gesagt: Jetzt endlich wird er heimkommen. Vielleicht ist er schon auf dem Weg ...“

Da schaute sie ihn mit einem wilden Blick an und rief: „Vielleicht! Vielleicht auch nicht! Bringt Sie denn nichts aus Ihrem Gleichmut? Und Sie wollen sein Freund sein? Schämen Sie sich! Wissen Sie denn ... ob er — überhaupt noch lebt?“

Und ganz ruhig, ganz bescheiden antwortete der Doktor darauf: „Gewiß, Frau Eva ... Er ist ja schon heimgekommen.“

Er öffnete die Tür. Hellwig stand unter der Schwelle. Und während Kolben mit zuckendem Gesicht, — nun er allein war, brauchte er nichts mehr zu verbergen, — während Kolben über die Treppe hinabeilte, warf sich Eva stürmisch an die Brust ihres Mannes.

„Fritz!“ flüsterte sie in heißer Freude. „Fritz!“

„Eva!“ Das klang rauh und war wie ein Schrei.

Sie schmiegte sich ganz dicht an ihn. „Nun bist du wiedergekommen! Nun bist du endlich wiedergekommen!“ sagte sie und wiederholte es immerfort, langte nach seinen Wangen und streichelte sie und schaute ihn mit strahlenden Augen an und hatte alles Leid vergessen. „Blaß und schmal bist du geworden! Wo sind deine roten Backen hin? Bist du müde? Komm, setz’ dich, mach’ dir’s bequem, ruh’ dich aus ...“

Und er hielt sie fest an sich gepreßt und legte ihren Kopf an seine Brust und schaute auf ihren blonden Scheitel und biß die Zähne zusammen, um nicht aufzuschluchzen. Alles Unrecht, das er ihr angetan, stand mit einem Male, nun er die Sanfte, Geduldige, Frohe wiedersah, riesengroß vor ihm auf, und er fühlte sich elend und schlecht und aller Liebe unwert.

Aus dem Vorzimmer klang das Getrappel von Kinderfüßen und Geplapper. Der kleine Hansl kam vom Spaziergang heim. Und dann ging die Tür auf, sprang der Bub über die Schwelle, auf die Mutter zu. Da sah er den großen fremden Mann, wurde kleinlaut und wagte sich nicht weiter. Eva ergriff seine Hand. „Hansl!“ sagte sie mühsam heiter. „Hansl, komm zu Vaterl!“

Halb scheu, halb zutraulich trippelte der Bub heran.

„Vaterle ...?“ fragte er furchtsam.

„So trau’ dich doch, Hansl! Na?“ Und um ihm die oft vorgesprochenen Worte ins Gedächtnis zu rufen, begann sie: „Grüß’ — Gott —“ Da stellte sich das Kerlchen stramm vor den großen Vater hin und sagte hell und herzhaft: „Grüß’ Gott, Vaterle, und hab’ mich lieb. Hab’ auch Mutterl lieb und bleib’ bei uns!“

Wortlos, in tiefster Bewegung, hob Fritz seinen Sohn zu sich hinauf und küßte ihn.

„So!“ rief Eva. „Jetzt komm, Hansl, wir wollen Vaterl was zu essen holen!“

Und rasch führte sie den Buben aus der Stube. Er durfte seinen Vater nicht länger in solcher Erregung sehen.

2.

Ein Tag nach dem andern ging vorüber und Hellwigs düstere Miene wollte sich nicht aufhellen. Sein Inneres war wie ausgebrannt, wüst, nackt und leer. Alle Quellen waren versiegt, alle Hoffnungen verdorrt. Was er für sein Lebenswerk gehalten, lag in Trümmern. Da schämte er sich vor sich selbst, vor seinem Weibe, vor den Menschen.

Führer hatte er ihnen sein wollen, Pfadfinder, Heilbringer — und war nichts gewesen als was so viele andere auch: ein Irrlehrer und dünkelhafter Maulheld, der da glaubte, den Menschen die Wahrheit schenken zu können. Jeder andere durfte mit gleichem Recht das gleiche behaupten. Die Wahrheit hatte ja doch keiner, konnte keiner haben, weil es im ständigen Fluß der Entwicklung einfach keine Wahrheit gab. Keine Wahrheit wenigstens, die zu allen Zeiten Wahrheit bleiben muß. Wer am Ufer steht oder im Strome treibt, weiß vielleicht, daß die Strombahn in diesem Augenblick von Westen nach Osten zieht. Aber ob sie sich tausend Meter weiter unten nicht nach Süden wendet oder nach Norden oder im Bogen zurück nach Westen, das weiß er erst, bis er’s mit eigenen Augen sieht. Doch so wahr der Strom ein paar Meter weit nach Osten fließt, so wahr fließt er auch ein paar Meter weiter unten nach Süden. Wer aber wäre vermessen genug, zu behaupten: Tausend Meter abwärts muß dieser unbekannte Strom im unbekannten Lande so fließen und nicht anders! — In tausend Jahren muß die Menschheit diesen und diesen Weg gehen und keinen andern!

Wer wäre so vermessen?

Er, Fritz Hellwig, er hatte die Vermessenheit gehabt und schämte sich jetzt, da er sie erkannte. Und noch etwas anderes erkannte er jetzt: den Frevel, so nannte er es, der kein Freund der Beschönigung war, den Frevel, den er an Eva und seinem Kinde begangen — und an sich. Das frohe Lachen und Plaudern des Buben war ihm wie beständiger Vorwurf. Aus den guten Augen seiner Frau las er ihn und immer haltloser wurde er.

Auch Kolben vermochte da nichts zu richten. „Dir hätt’ ich auch eine Schuld abzuzahlen, Albert!“ hatte Fritz bitter gesagt und als der Doktor dagegen lachend protestierte, hatte er tonlos weiter gesprochen: „Ich muß nur nehmen und immer nehmen! Immer nur in euerer Nachsicht leben! Das ist nicht gut, Albert, nein, das ist nicht gut ...“ Und er war wieder in das tatenlose Hindämmern gefallen, jedem Zuspruch unzugänglich und taub für jeden Trost.

Seit seiner Rückkunft hatte er die Wohnung nicht verlassen. In sich vergraben und ganz in seine Verzweiflung eingewühlt lebte er, zeigte für nichts Interesse, rührte die Zeitungen nicht an. Briefe von Reinholt liefen ein. Sie blieben ungelesen. Wenn die Flurglocke klang, schrak er zusammen. Er fürchtete sich vor den Menschen, weil er sich vor ihnen schuldig glaubte.

„Doktor, was sollen wir nur machen?“ fragte Eva oft ganz mutlos.

„Gehn lassen!“ antwortete dieser. „Es wird auch wieder anders werden.“

Und sie ließen ihn gewähren. Mit keinem Wort rührte Eva an der Vergangenheit, tat, als wäre er nie fort gewesen. Sie drängte sich ihm nicht auf, aber stets war sie in seiner Nähe, hielt jede Störung fern, barg ihren Kummer hinter hellen Mienen und lächelnder Heiterkeit, hüllte ihn ganz in ihre Liebe ein und umhegte ihn mit jener stillen Hausmütterlichkeit, deren Walten unmerklich ist und die doch alles durchleuchtet und durchwärmt.

Und wenn sie sich gar keinen Rat mehr wußte, schickte sie Hansl zu ihm. Den konnte er dann stundenlang auf seinen Knien haben, wie ein Kind konnte er mit ihm plaudern und alle Märchen, die er noch wußte, erzählte er ihm. Aber sobald der Junge fort war, sank er wieder zusammen wie ein Feuer, das allen Brennstoff aufgezehrt hat.

Unangemeldet kam eines Tages Kaufmann Wart hergereist, um nach dem Rechten zu schauen und nebenbei auch seinem Schwiegersohn gründlich den Kopf zu waschen. Aber als er ihn so elend sah, unterließ er es. „Das Flamändern wird dir jetzt wohl vergangen sein!“ knurrte er nur.

Einige Tage später nahm er ihn beiseite: „Fritz, was wirst du jetzt eigentlich anfangen?“

„Ich — weiß es nicht ...“

„Aber ich wüßt’ was!“ lächelte verschmitzt der rundliche Mann, der jetzt wieder frisch und blühend aussah und unter seinem weißen Barthaar feiste rote Wängelein hatte. „Ich wüßt’ was! Komm zu uns nach Neuberg!“

„Das geht nicht!“

„Muß gehn, Fritz. Schau, es ist ein wahrer Jammer. Alles klerikal, alles schwarz, bis über die Ohren schwarz! Das wär’ was für dich. Misch’ auf! Jag’ sie davon! Schließlich, es ist ja doch deine Vaterstadt. Wär’ ein Verdienst, Fritz, — und besser, als so ins Weite, Nebulose hinein. Dort hast du wenigstens festen Boden und weißt, daß du darauf gehörst und für wen du’s machst. Dein Bub, — hm — ich denk’ halt, jeder Baum braucht seine Erde. Und so eine Großstadt, das ist doch keine richtige Heimat. Irgendwo aber soll jeder Mensch seine Wurzeln haben. Pflanz’ halt den Hansl dort ein, wo er hingehört, nicht? Und dann — uns zwei Alten tät’s auch wohl. Die Mutter, — sie hat zu viel durchmachen müssen, — die Mutter kann nicht mehr recht fort. Es zwickt und reißt sie überall. Gefahr ist keine, aber beschwerlich ist so was, drum ist sie auch nicht mitgekommen. Die Mutter, siehst, und ich — jetzt sind wir schon ganz allein. Und dann hätten wir wenigstens wieder jemanden. Und schreiben — du wirst ja doch nichts andres tun als Bücher schreiben und für die Zeitungen — schreiben kannst bei uns draußen auch. Was meinst?“

Fritz antwortete nicht gleich. Kolben kam herein.

„Stör’ ich?“ fragte er.

„Nur herein, Herr Doktor! Ich sag’ grad’ nur, der Fritz soll mit nach Neuberg!“

Kolbens Augen hinter der goldenen Brille leuchteten auf. Das konnte eine Lösung sein. Aber diplomatisch meinte er nur: „Hm, Neuberg? Was dort?“

Fritz sagte nicht ja, nicht nein. Doch die Worte klangen in ihm nach. Und die beruhigende Aussicht in eine Zuflucht ließ ihn gefaßter werden, wenn er sich das auch nicht eingestehen wollte, und richtete ihn auf und war wie das Bändchen Bast, das ein ins Krumme wachsendes Bäumchen am stützenden Pfahl festhält.

3.

Und die Tage glitten weiter, sacht und gleichmäßig, wie weiße Schwäne auf einer unergründlich tiefen und dunklen Flut. Glatt war die Oberfläche und verriet nicht, was darunter brausend durcheinander brodelte, alle Leidenschaften deckte sie zu, alle Angst und Qual und Aufregung, und darüber segelten die weißen Schwäne, einer hinter dem anderen, ruhig und lautlos. Kaum merklich war die Bahn, die sie zogen, aber sie war doch da und in den sanft bewegten Wellen spiegelte sich mit kleinen Lichterchen die verbannte Freude, versuchten die Silberfischchen der Hoffnung zaghaft ihren Tanz. Und zwischen das stürmische Einst und das Jetzt schob sich mit mildem Glanz, die scharfen Konturen abtönend und verschleiernd, wie eine durchsichtige Wolke der Friede.

Ohne Geräusch und ohne viele Worte, mit einer gleichmäßig stillen Freundlichkeit und innigen Hingabe, versah Eva den Haushalt und pflegte den kleinen Hansl und den großen Fritz und jede Bequemlichkeit bereitete sie ihm. Und täglich kam sie mit den Zeitungen und fing von Dingen zu reden an, die ihr ganz fern lagen. Von Doktor Kolben oder aus den gelehrten Büchern holte sie sich Aufklärung, in die schwer gangbaren Gebiete der Finanzwissenschaft und der hohen Politik drang sie mutig ein, schlug sich tapfer mit den schwierigsten Lehren und mit den verwickeltsten Ereignissen herum, um nur mit ihrem Manne über etwas sprechen zu können, was vielleicht seine Teilnahme wecken und ihn aus der schweren Dumpfheit reißen könnte. Oder sie legte ihm Zeitschriften und Bücher auf den Tisch: hier sei ein bemerkenswerter Aufsatz, den müsse er lesen. Und dieses neue Werk vom Wesen des Geldes werde ihn möglicherweise auch ansprechen. Doch wenn sie ihm von Reinholt Briefe brachte, dann sagte sie nichts dazu und schaute ihn nur freundlich bittend an: Er solle doch einmal einen aufmachen und lesen. — Aber mit keinem Wort rührte sie an der Vergangenheit, erwähnte auch nichts davon, daß viele Blätter für ihn eintraten und das Vorgehen seiner Feinde in der schärfsten Weise verurteilten. Das hatte Zeit, das konnte ihm später als Genugtuung dienen. Jetzt sollte er nur erst aus der schlaffen Teilnahmslosigkeit heraus. Aber es wollte und wollte nicht anders mit ihm werden. Meist saß er vor seinem Schreibtisch, hatte die weißen Papierbogen vor sich liegen und die Feder daneben, aber er rührte sie nicht an und nicht eine Zeile schrieb er, sondern grübelte nur und brütete vor sich hin, viele, viele Stunden lang. Aber die Melodie der Häuslichkeit tönte immerzu leis um ihn und ruhiger und ruhig schlug allmählich sein Herz.

Und da geschah es eines Tages — ein Gewitter war verrauscht und durch zerrissenes Gewölk drang die sinkende Sonne mit schrägen Strahlen, die von den Fensterscheiben gegenüber in gelber Lohe zurückflammten. Dämmrig wurde es und düster, und Eva zündete die Lampe an. Das Gas brodelte leise im messingnen Auslauf, und vor den Fenstern draußen im Garten schlief sanft und sacht die Erde ein und eine Amsel sang vom eisernen Windpfeil eines Landhauses herab der müden das Schlummerlied. Da geschah es. In dieser seltsam leuchtenden und heimlich klingenden Stille außen und innen, in diesem feierabendlichen Frieden, der alle Dinge weich und warm in seine Arme nahm, geschah es.

Halb vom Vorhang zugedeckt, saß Fritz beim Fenster. Er hatte, nach langer Zeit wieder einmal, in seinem Werk geblättert, das er einst in einem Rausch der Schaffensfreude niedergeschrieben, hatte auch einzelne Stellen gelesen, wieder und wieder gelesen, aber keinen Widerhall in seiner Seele gehört. Worte waren das, leere, taube Worte, die an ihm abglitten und hohl tönten, wie Gefäße ohne Inhalt. Und alle Glut war in sich zusammengesunken, und unter der Asche glomm kein Funke mehr.

Er klappte das Buch zu und lächelte bitter, als er den gepreßten Lederrücken sah. Für Jahrhunderte schien dieser Einband berechnet und was er umschloß, war schon widerlegt, war schon verbrannt und ausgekühlt und wertlos.

Lang saß er dann und schaute in den Garten hinaus. Noch tobte das Gewitter und die Wolken hingen ganz niedrig und die Bäume bogen sich und zitterten im Sturm und wenn ein Blitz grell aufflammte, der Donner nachkrachte, duckten sie sich noch tiefer und bebten sie noch stärker. Und die weißen Landhäuschen fürchteten sich mit ihnen und kauerten wie verirrte junge Tiere in dem zitternden Grün. Und in dicken Strängen fiel der Regen nieder. Und dann wurde es stiller und lichter und freier und der letzte Donner war noch nicht vergrollt, da war auch schon wieder Amselsingen und war leuchtender abendlicher Friede.

Dann flammte die Lampe auf, und Eva kam und legte ihm die Abendblätter aufs Fensterbrett. Und wie jedesmal schob er sie beiseite, ohne einen Blick hineinzutun. Denn er wollte nicht erinnert werden, wollte nicht wissen, was draußen in der Welt vorging, das sollte tot für ihn sein, wie er für die Welt tot sein wollte.

Lebhaft und ungestüm sprang jetzt sein Bub, des stillen Spielens mit den Bauklötzchen in der Ecke müd, zu ihm her, legte die Arme um seinen Leib und den Kopf auf seine Knie: „Vaterle, erzähl’ was!“

Da schrak er aus seinem Grübeln und schaute das Kind mit ausdruckslosen Augen an.

„Was erzählen!“ bettelte der Bub.

Nun bezwang er sich mühsam, hob den Knaben auf seinen Schoß, fing nach einer geraumen Weile zu reden an: „Also — es war einmal ein Mann, der war verwunschen, immerzu irre zu gehen. Wenn er wohin gewollt hat, in die Kirche oder auf den Jahrmarkt in die Stadt, hat er niemals den rechten Weg finden können. Er selber freilich, er hat schon geglaubt, daß er richtig geht. Immer der Nase nach geradeaus, dann links um die Ecke und noch einmal rechts um die Ecke, dann muß die Kirche ja da sein. So hat er geglaubt. Aber die Kirche ist nicht da gewesen, sondern die Ziegelscheuer oder die Herberge oder sonst ein Haus, nur nicht die Kirche. Und er hätte doch darauf geschworen, daß er recht gegangen ist. Und wenn er zum Jahrmarkt nach Aberg gewollt hat, ist er sicher zum Viehmarkt nach Beheim gekommen, was doch in einer ganz anderen Richtung liegt. Weil er aber nicht leer nach Haus hat kommen wollen, hat er sich halt dort eine Kuh gekauft oder einen Ziegenbock und den hat er dann sicherlich dem Meister Schneider oder Fleischhauer in den Stall getrieben, die doch am andern Ende vom Dorf gewohnt haben. Und kurz und gut, er hat halt nie dorthin kommen können, wohin er gewollt oder wo er zu tun gehabt hat. Immer hat er sich verirrt oder ist immerzu im Kreis herumgegangen, immerzu rundherum im Kreis.“

Er schwieg und holte tief Atem.

„Der dumme Mann!“ rief der kleine Hansl.

„Jawohl, der dumme, dumme Mann!“

„Fix, Hansl, dein Abendbrot ist da!“ rief die Mutter dazwischen. Der Bub wollte nicht fort: „Erzähl’ mehr, Vaterl!“ bat er. Aber Frau Eva machte keine Umstände. Sie packte den Zappelnden unter den Armen und hob ihn in seinen Sessel. „Avanti! Jetzt wird gegessen, daß du mir rechtzeitig in die Federn kommst!“ Sie band ihm ein Mundtuch vor, gab ihm den Löffel in die Hand. Nun aß er gehorsam seine Eierspeise und schmatzte mit den Lippen und ließ sich von der Mutter die Semmelbrocken in den Mund stecken.

Durch das Gegitter des Spitzenvorhangs schaute Fritz zu. Da waren sie beisammen, die beiden lieben Menschen, die schöne reife Frau und der helläugige Knabe, im goldenen Kreis der Lampe. Und beide hatten vergnügte Gesichter und waren guter Dinge und nicht ein leisester Schatten trübte jetzt ihre heiteren Mienen. Im engsten Raum, vom goldenen Lichtkreis eingeschlossen, Mutter und Kind, Erfüllung und Verheißung, lachend und blühend wie die Erde im Juni. Und er — hatte sich selbst aus dem goldenen Kreis verbannt, — um all das Licht hatte er sich betrogen, mußte schuldbeladen abseits stehen.

Der dumme, dumme Mann!

Hart vor seinen Füßen hörte mit einer scharfen Linie das warme Lichtrund auf und um ihn war Dunkel und Einsamkeit und Kälte.

Du dummer, dummer Mann!

So tritt doch heraus aus dem Dunkel. Wag’ den Schritt — ins Licht, in die Wärme, in die Liebe — zurück in den leuchtenden Kreis des Lebens. Diesmal kannst du nicht in die Irre gehen. Zu nah ist das Ziel. Ein Schritt nur — ein Öffnen der Arme — und du hast es und hältst es fest — und nimmer, nimmermehr kann es dir dann entfliehen.

Aber es war ihm, als könnte er niemals über diese scharfe, klare Grenzlinie hinüber.

„Weiter erzählen!“ rief Hansl und schlug mit seinem Löffel gegen den blechernen Teller. „Weiter erzählen, Vaterle!“

Doch Eva hielt ihm die Hand fest und sagte: „Was gibt’s da noch viel zu erzählen? Der Mann ist immer falsch gegangen, weil er ja doch verzaubert war. Und einmal, da ist er schon weit fortgewesen und hat sich gar nicht nach Haus finden können. Aber da ist ihm eingefallen, daß seine Frau mit dem Essen auf ihn wartet und daß sein Bub auf ihn wartet und eine Geschichte erzählt haben will. Und wie ihm das einfällt, da hat er sich umgedreht, und keinen einzigen falschen Schritt hat er mehr gemacht und ist nur immerzu geradeaus gelaufen und gelaufen, bis er richtig zu Haus war. Und so schnell ist er gelaufen, daß das Essen wirklich noch warm war und daß er auch noch eine Geschichte hat erzählen können. Und seit der Zeit ...“

Mehr konnte sie nicht sagen. Denn Fritz war aus seiner dunklen Nische in das helle Licht getreten, mit weit gebreiteten Armen — und seine Augen waren groß und leuchteten in ihren Tiefen, und die lieben zwei lehnten ihre Köpfe an seine atmende Brust, und so stand er in stummer Ergriffenheit und hatte sein Ziel erreicht und hatte sein Glück gefunden im goldenen Kreis des Lebens.

4.

In der Nacht, die diesem Erlebnis folgte, da lag er wach bis zum Morgen. Und während Eva neben ihm still atmete, fühlte er, wie Ring um Ring von seinem Herzen sprang, Stück um Stück der Eiswall brach, hinter dem es eingefroren nur müd gepocht hatte. Die Nacht flutete dunkel und gleichmütig vorüber. Ihm aber leuchteten die Augen groß und eines ernsten Glückes voll. Erlösung. Auferstehung. Weitab vom tosenden Jubel, vom wütenden Haß des Tages, im engsten Raum, zwischen seinen vier Pfählen, mit einer beglückenden Selbstverständlichkeit war diese Stunde gekommen und hatte ihn zum Hafen getragen, mühelos, wie eine Welle die Muschel auf den Strand spült. Und er konnte alle Segel einziehen und Anker werfen.

Und langsam und allmählich lernte Fritz Hellwig wieder lachen und wieder frei aufschauen. Und wenn er den Glauben an sich selbst verloren hatte, so fand er ihn allmählich und langsam wieder in dem Glauben an das Leben und in der Liebe der Seinen und zu den Seinen. Und alle Zärtlichkeit Evas und aller Jubel des Buben strömte in seine Seele, die ihre Tore weit offen hielt und machte ihn dankbar und fromm und glücklich wie ein unartiges Kind über unverdiente Weihnachtsgaben. Und jetzt bemerkte er auch die behutsame Zartheit, mit der Eva seine Stimmungen belauschte und wie sie sich mühte, ihn abzulenken, aufzuheitern und aus seiner Teilnahmslosigkeit zu wecken. Wie sie immer und immer wieder leis an sein Herz pochte und Einlaß heischte und die Geduld niemals verlor, wenn sie vergeblich warb, wenn er sie rauh zurückstieß und keinen Teil mehr haben wollte an aller Freude und Liebe. Und er zieh sich der Selbstsucht, weil er sich nur dem eigenen Schmerz überantwortet hatte und zu allem angerichteten Unheil, zu allen seinen Irrfahrten, die so viele bitter getäuscht und arm gemacht, noch und abermals ein Unrecht gehäuft und jener weh getan hatte, die ihm zunächst stand und ihn am liebsten hatte.

Schwere Schuld war zu sühnen und manches konnte überhaupt nicht ausgetilgt werden. Aber irgendwie gutmachen und aufwiegen ließ es sich, nur mußte er die Zeit nützen und seine Kräfte, statt sie in nutzloser Selbstbemitleidung zu vergeuden, frei machen für die Sühne.

Und langsam wurden sie frei.

Hatte er früher alles an sich vorbeigehen und gleichgültig zu Boden fallen lassen, so konnte er jetzt nicht genug tun und nicht genug finden, was Eva freuen und fröhlich machen sollte. Auf alle ihre Anregungen ging er ein, sprach mit ihr über die Tagesereignisse, und wenn sie auf ein besonders verwickeltes Thema gerieten und wenn Eva sich immer tiefer hinein verfitzte und hilflos hing wie ein Fisch im Netz, dann lachte er wohl und sagte, sie solle sich doch keine solche Mühe und seine Schuld nicht noch größer machen.

Sie erwiderte nicht auf solche Reden, blickte ihn nur strahlend aus innigen Augen an und auf ihrem Gesicht lag ein ganz heller Schein der Freude.

Bald hatte er nachgeholt, was er in den letzten Wochen versäumt, hatte er die Zusammenhänge wiedergewonnen und die Zeitungen blieben nicht mehr ungelesen neben dem Schreibtisch liegen. Und er las die maßlosen Ausfälle in den Blättern der Gegner, las die Verteidigungen und die Lobsprüche der Anständigen und ihm wurde dabei, als ob das alles irgendwo weit in der Ferne sich abgewickelt und er gar keinen Teil daran habe. Auch die Briefe Reinholts las er jetzt. Und da erfuhr er denn das Schicksal der Empörer.

Karus, Leibinger, Sanders und fünf andere waren tot, Mark im Gefängnis, die übrigen in alle Winde verstreut. Der Streik war zu Ende.

Fritz las das und wurde wieder sehr traurig. Aber es war nicht mehr die dumpfe Verzweiflung, der tatenlose Trübsinn von früher. Eine tiefe sanfte Wehmut war es, die ihn ganz läuterte und immer fester und unlösbarer mit seinen Lieben verknotete.

Den ganzen Tag war er jetzt mit dem Buben im Garten, lehrte ihn die Vögel nach dem Ruf, die Pflanzen und die Steine unterscheiden und wurde nicht müd, die zahllosen Fragen des aufgeweckten Kindes zu beantworten. Aber noch keinen Schritt hatte er seit seiner Rückkehr vor das Haus getan. Er schämte sich noch.

Und auch jetzt, als ihn Eva zu einem Spaziergang aufforderte, wollte er nichts davon wissen. Sie aber ließ nicht mehr locker, bat und drang in ihn und endlich gab er nach.

Zwischen den gartenumhegten Villen gingen sie, in stillen Gassen, die wie breite Alleen waren, von Bäumen flankiert und mit gelbem Kies bestreut. Und nur wenig Menschen waren zu sehen. Eva hängte sich fest an seinen Arm, war heiter, froh und herzlich und lachte und freute sich. Da vergaß er alles andere und fühlte nur ihre sonnige Nähe, blickte in ihre klaren Augen, die unter langen Wimpern hell und blank in die blanke und helle Welt hineinlachten und er wurde sicherer, ging aufrechter dahin und wenn ein Spaziergänger sie schärfer ansah, stehenblieb und ihnen nachschaute, empfand er nicht Unbehagen oder Befangenheit, sondern war stolz und freute sich über seine blühend junge schöne Frau.

Eine sachte Lehne hinauf gingen sie, bis die Häuser den Weinpflanzungen Platz machten und weiter oben eine freie Schau ins Land hinein sich auftat.

Unten lag die große, turm- und giebelreiche Stadt, ein dunkler Wall von schönen laubwaldumwachsenen Bergen mit weißen Schlössern und bewimpelten Warten und Aussichtstürmen schloß den Horizont ein und hoch und still weitete sich der Herbsthimmel darüber. Im Westen ging die Sonne schlafen, von Gipfel zu Gipfel den Gebirgskamm entlang lief ein zackiges Feuerband, und rings um das Himmelsrund, je weiter von der goldenen Lohe im Westen, je tiefer und satter, wogten und wehten und schwebten zarte, durchsichtige Schleier, purpurn und blau und violett, sanken von den Höhen ins Tal, breiteten sich aus und hüllten gleitend, wogend, weich und duftig die Türme, die Giebel und Dächer alle ein.

Eine lange Weile standen Fritz und Eva Schulter an Schulter und schauten stumm zu, wie die Sonne in Licht und farbenfroher Schönheit ertrank. Der runde Rücken des Hügels war fast baumlos. Lediglich vor einem zierlichen Kapellchen waren ein paar junge Linden im Halbkreis eingepflanzt und daneben war ein Friedhof mit blumigen Gräbern, schlichten schwarzen und weißen Steinen, Kreuzen und dürftigen dunklen Zypreßchen.

Sie öffneten die Lattentür, traten ein und gingen zwischen den Gräberreihen hin. Einsam war es hier und still und gar nicht traurig. Die Höhenluft spielte mit den welken Kränzen, wehte um die grünen Gräser, um die nickenden Blütenköpfchen und um die prunklosen Male auf den reinlichen Totenstätten. Und wo ein Kindergrab war, dort kniete ein gipserner Engel in einem sauber angestrichenen Gitterchen und betete. Und die blauen Berge winkten und grüßten noch von fern und die Lichter der Stadt leuchteten durch die duftigen Abendschleier gedämpft herauf, einzeln oder, wo ein Straßenzug ging, in feurigen Ketten. Traulich war das alles und anheimelnd, und Eva sagte versonnen:

„Hier möcht’ ich auch einmal liegen, du. Es ist so lieb hier.“

„Sprich nicht vom Sterben!“ bat Fritz.

„Warum?“ fragte sie und schaute ihn aus lebensfrohen Augen an. „Leben wir denn länger, wenn wir davon schweigen? Oder sind wir glücklicher? Ich glaube doch nicht, Fritz. Mir wenigstens, mir ist immer, als müßt’ ich mich schnell noch doppelt freuen über die Gegenwart, wenn ich denke, daß alles einmal vorübergeht. Und viel tiefer und stärker freue ich mich dann über das bißchen Glück, das wir haben. Und das haben wir, gelt, du?“

Sie schmiegte sich ganz dicht an ihn, legte die Wange auf seinen Arm.

„O — du!“ antwortete er und seine Stimme war rauh und brüchig. „Ob wir das haben! Unsere Stuben sind ja berstvoll davon — und alles durch dich! Alles, was darin schön und warm und hell ist, hast du hineingetragen und bereitet mit deinen Händen. Und was darin häßlich und kalt und dunkel ist — durch meine Schuld ist es dazugekommen. Drum sprich nicht vom Sterben! Ich mag nicht dran denken, du! Ich mag nicht denken, wie wenig Zeit mir noch bleibt, um — dir’s zu danken und dir’s zu lohnen — und abzuzahlen — und zu vergelten, so gut ich’s kann. — Ev, du Liebe, Gute, Gütige!“

Ein Schluchzen erstickte seine Worte. Noch nie hatte er so leidenschaftlich zu ihr gesprochen, ihr so ganz unverhüllt und rückhaltlos sein Innerstes offenbart. Ein seltenes, schweres Glücksempfinden flutete wie eine heiße Welle über die Frau und ließ sie zu tiefst erschauern.

Sie schwiegen. Lange, lange. Die Grabmale ragten ruhig in die halbhelle Dämmerung, schwarze Schatten stiegen über die Hügel. Ein Stern flammte auf und noch einer und wieder einer und lautlos schwebte die Nacht zu Tal. Und der Himmel wölbte sich hoch über ihren Häuptern und baute sich seltsam durchsichtig in einem ganz satten, ganz dunklen Blau über alle die funkelnden Sterne hinaus höher und höher in die weite, leuchtende Unendlichkeit empor.

5.

Jetzt ließ sich auch Doktor Kolben wieder öfter blicken, der sich in der letzten Zeit ganz zurückgezogen hatte, um das Heilung bringende Walten Evas nicht zu stören. Die Septembertage waren mild und klar und sonnig, in den Nächten stand der Vollmond am Himmel, so daß es auf der Erde gar nicht mehr finster wurde und Licht mit Licht, Goldglanz mit Silberschimmer lautlos wechselte. Da nahmen Hellwig und Kolben ihre Mondscheinpartien wieder auf. Vor Jahren, damals, als Fritz noch als blutjunger Mitarbeiter bei den Freien Blättern saß, hatten sie solche Wanderungen öfter unternommen, und regelmäßig war auch Heinz mit dabei gewesen.

Diesmal fuhren sie in die Eisenerzer Alpen. Spät nachts kamen sie in Kallwang an und machten sich ungesäumt auf den Marsch. In Nagelschuhen und Lodenflaus, die Rucksäcke auf den Rücken, schritten sie wacker aus. Erst war es noch dunkel und nur die Sterne leuchteten über ihrem Weg. Aber dann ging rund und voll der Mond auf und schüttete sein Silber auf die Erde. Die tief eingefalteten Täler füllte er und den endlosen Luftraum, und vor dem hellen Himmel standen dunkel und riesengroß und silberüberrieselt die gewaltigen Mauern des Hochgebirges. Jeder Gipfel war scharf umrissen, und doch waren alle Linien weich und seltsam fließend. Jeder Kamm war rein geprägt und war doch schattenhaft und unbestimmt verschwimmend. Jeder Gebirgsstock ragte klar und fest mit dem Boden verwachsen aus dem silbernen Tal in den silbernen Himmel, und doch schien das alles, in diesem Licht, das so ruhig leuchtete und dennoch immerwährend flimmerte und flutete und mit winzigen Wellchen ineinanderspielte, schien das alles, die wurzelfesten Berge, die mächtigen Kuppen und starr aufragenden Zinken, flaumenleicht und schwebend, nur kaum wie mit ganz feinem Pinsel auf den zart silbernen Himmel hingestrichen. Und das war das Seltsamste: daß die Wucht und kolossale Größe des Gebirges nah und greifbar dastand und doch nicht fühlbar und nicht drückend wurde.

Schweigend schritten sie dahin. Über ebene Wiesenflächen schritten sie, und die Gräser rauschten unter ihrem Tritt und schimmerten und flimmerten, eins im bläulichen Schatten des anderen. Und durch mächtige Tannenwälder schritten sie, die still und undurchdringlich finster waren gleich lichtlosen Kirchenhallen, und nur hoch oben, über dem schwarzen Gitter der Nadelkronen, lag der Mondglanz wie ein durchbrochenes Spitzengewebe.

Schweigend schritten sie vorwärts. Etwas tief Beruhigendes war in dieser Wanderung durch Glanz und Stille, etwas, was alle Leidenschaften einwiegte, alle Wünsche schweigen, alle Erdenmühe vergessen ließ, und auf lautlosen Schwingen hob sich die frei und leicht gewordene Seele und gleitend flog sie, flog schwebend in den unendlichen Frieden hinein, der alle Berge und Täler, alle Höhen und Tiefen durchtränkte.

Schweigend schritten sie aufwärts. Und als sie den Wald hinter sich hatten, ins Krummholz kamen und auf weiche Alpenmatten, da hatte der sanfte Mondglanz schon dem härteren Licht des Morgens weichen müssen. Und als sie den Kamm erstiegen, da brodelten tief unten schon und brandeten die grauen Morgennebel, alle Täler füllend, wie ungebärdige Ströme gegen die ruhige Kraft der Berge an. Und dann sprang die Sonne rein und rund, ein junger Held in goldig flammender Rüstung, auf den Burgwall und schleuderte die Feuerspeere ungestüm fernhin gegen die weißen Hünen im Gesäuse, die gelassen ihre ungeheueren Schilde entgegen hielten, gegen die funkelnden Panzer das Dachsteins, des Glockners, der trotzig unbewegten Riesen — und es war wie der heiße Ansturm des vergänglichen Lebens, das seine überschäumende Kraft auszutoben begehrt an dem unverrückbaren, sicheren, ewigen Sein.

Noch immer schwiegen die beiden Wanderer, schritten den felsigen Kamm entlang zum Gipfel. Neuschnee lag hier oben, weich und unberührt, eine duftige Decke, mit den tiefroten Sternen der Nelken, mit gelben und blauen Alpenblumen leuchtend durchweht. Und zwischen dem Felsgetrümmer blühte das Edelweiß.

Nun waren sie auf dem Gipfel, breiteten die Mäntel aus und hielten Rast. Die Rucksäcke wurden ausgepackt, der sturmsichere Weingeistkocher angezündet, der Tee bereitet. Ein harscher Höhenwind strich über den Kamm, machte die Wangen rot, und die Lungen atmeten tief auf in dieser reinen Frische. Ganz still war es. Die Morgennebel waren verflogen, der Übermut der jungen Sonne war verbraust. Klar und ruhig schien sie von einem blauen Himmel herab auf die gewaltige Bergwelt mit ihren schroffen Zacken und jähen Abstürzen, ihren breiten Gipfeln und schmalen Tälern, und tief unten zwischen dunklem Tannengrün und hellen Wiesen duckten sich winzige Häuschen und Kirchlein und Menschensiedelungen, duckten sich und ruhten an der Brust der Berge sicher und gut wie Vögel im Nest.

Noch immer schwiegen die zwei oben auf der freien Höhe und ließen die Gedanken ausklingen, die während des Aufstiegs, während der mannigfaltigen Übergänge von der dunkelsten Nacht bis zum strahlenden Tag in ihnen wach geworden. Es war wohl bei beiden dasselbe gewesen. An die Not des Lebens hatten sie gedacht und an die herben Enttäuschungen, die keinem von ihnen erspart geblieben. Durch Leid und Verzweiflung waren sie beide gegangen, der eine, als er der geliebten Frau entsagen mußte um des Freundes willen, der andere, als ihm ein Ideal um das andere, ein schöner Traum nach dem anderen zerstob und entschwand. Und doch war jetzt Ruhe in ihnen, eine sanfte, innige Ruhe wie Mondlicht über Trümmern.

Kolben brach endlich das Schweigen.

„Hier ist Friede!“ sagte er und schaute immerzu in das lachende Tal zu seinen Füßen.

Fritz lachte. Traurig und bitter lachte er.

„Ja — hier oben — ein paar tausend Meter weit von allen Menschen — da ist Friede! Und Ruhe — und Sicherheit. — Aber schon dort unten, in den elenden Hütten — so friedlich schauen sie aus, so idyllisch und poetisch — schon dort unten ... weißt du, wie viele Kinder dort schon mißhandelt, — wie viele Tiere nutzlos gequält wurden und täglich werden? Wie viel Elend und Schande und Leid diese Strohdächer zudecken, diese — Menschenstätten? Hier ist Friede! Aber wo Menschen sind, da ist Blut und Schmach und Kampf und Unzufriedenheit.“

Und nun brach auf einmal alles aus ihm vor, was wochenlang auf seiner Seele gewuchtet hatte.

„Aber woher nur? Woher diese ewige Unzufriedenheit? Die Frage läßt mich nicht los! Und ich finde keine Antwort! Das Tier ist zufrieden, die Herde folgt noch heute willig dem Leitstier, die Wölfe rennen im Rudel wie vor tausend Jahren. Nur wir Menschen ändern immer wieder unsere Ordnung. Damit die Republik an die Stelle der Monarchie treten kann, müssen Tausende verbluten. Und kaum haben die Überlebenden gelernt ‚Hoch die Republik!‘ zu schreien, müssen abermals Tausende sterben, die nicht so schnell wie die anderen ihre Kehlen umstimmen können auf den neuen Ruf: ‚Es lebe der Kaiser!‘ — Und wieder zurück, wieder vorwärts, ein steter Wechsel, eine Sehnsucht, so brennend heiß, daß sie manchmal mit Blut gelöscht werden muß! Warum nur? Warum?“

Kolben brach eine purpurne Nelke aus dem weißen Schnee und betrachtete sie aufmerksam: die Blütenblätter, die wie frierend zusammengerollt waren und das Stengelchen, an dem ein ganz dünnes Eisfähnchen glitzerte. Denn in der Sonne war der Schnee geschmolzen, aber der kalte Höhenwind hatte das Wasser sogleich wieder gefrieren lassen. Von allen Seiten betrachtete das der Doktor ganz genau und sagte dabei:

„Warum, Fritz? Weil wir — das Denken gelernt haben. Das Leben — das hat die Natur in den ungeheueren Kreislauf hineingeworfen, gedankenlos und zwecklos hat sie es geschaffen. Wie es sich weiter entwickelt, darnach fragt sie nicht. Aber das Leben hat sich weiter entwickelt und wir — haben uns im Daseinskampf als stärkste Waffe das Denken geschmiedet. Die Natur denkt nicht, wir, ihre Kinder, denken, forschen nach Ursache, Plan und Ziel, werfen unsere bangen Fragen an die Tore der Ewigkeit. Und nichts tönt zurück, nichts kann zurücktönen — als Schweigen. Unseres Daseins uns bewußt, sind wir vom Unbewußten wie von Mauern eingeschlossen und können nicht heraus. Seit wir zu denken angefangen haben, sind wir über unsere Mutter hinausgewachsen. Wie können wir da jemals zufrieden sein?“

Hellwig stöhnte dumpf auf. „Dieses Sich-bescheiden, diese Resignation — ich kann mich nicht damit abfinden ...“

„Du wirst schon müssen, Fritz. Vielleicht — schau’, nimm’s einmal so: Die Entwicklung steht nicht still. Darum wird die Menge immer Rohstoff bleiben und niemals reif werden. Im Bilde: Sie ist ein ungeheuerer Klumpen Ton. Und die einzelnen wenigen, die Erlöser, Dichter, Denker, die in der Entwicklung Vorausgelaufenen, die ‚mit den neuen Wahrheiten‘, die Herrenmenschen, was weiß ich, die alle kneten an dem ungeheueren Klumpen herum. Der eine da, der andere dort, aber ihn ganz bewältigen und zu einem Bildwerk zusammenfassen, das ist keiner imstand. Weil der Ton zu weich ist. Und eh’ er erstarrt, ist schon ein neuer Bildner da und ändert die Nase, die Ohren, die Beine. Manchmal patzt er auch, das tut nichts, ein anderer macht’s schon wieder besser.

Rohstoff ist die Menge, Fritz, und bleibt Rohstoff. Bildungsfähig ist sie und wird doch niemals Bildung haben. Entwicklungsfähig ist sie und wird doch niemals entwickelt sein. Oder: sie braucht immer ihren Beglücker und wird doch nie beglückt sein. Oder zufrieden, was dasselbe ist. Drum laß das gehn!“ — Und jetzt wurde Kolben sehr herzlich. — „Sieh lieber zu, daß dein Junge nicht in der breiigen Masse versinkt. Wenn du’s zuwege bringst, daß er ein Bildner wird, ein vollwertiger ganzer Kerl, ein Kneter, kein Gekneteter — kurz und gut, wenn du der Menschheit einen einzigen tüchtigen Mann heranziehst, dann hast du für sie mehr getan, als wenn du zehntausend — halb glücklich machst. Denn zehntausend Halbheiten sind noch immer kein Ganzes!“

So sprach Doktor Kolben, der stille, versonnene Mensch, während er unablässig die purpurne Blüte mit dem glitzernden Eisfähnchen zwischen den Fingern drehte. Der täppische Bergwind riß ihm die Worte von den Lippen, aber sie erreichten doch ihr Ziel, ein geneigtes Menschenohr, ein empfängliches Menschenherz, wo sie Wurzel fassen und zum Blühen kommen durften.

Und die Sonne lag funkelnd auf dem blendend weißen Schnee und die Täler waren grün und leuchteten grüßend herauf und die Bergriesen standen sicher und trotzig im Kreis und bewachten den Frieden, der mit weit gedehnten Schwingen über allen Dingen schwebte.

6.

Als sie heimkehrten, Edelweiß auf den Hüten, die Kleider schwer vom Duft der Alpenmatten, da waren Reinholt und Pfannschmidt und der alte Bogner mit seinem Schwiegersohn zu Hellwig gekommen.

„Endlich!“ rief Reinholt und ging auf ihn zu und umarmte ihn. „Endlich seh’ ich dich wieder! Wie konntest du ohne Abschied davonlaufen und nichts mehr von dir hören lassen?“

„Leo!“ sagte Fritz dumpf. „Nein — du mußt mir noch Zeit lassen, Leo!“

„Was hast du? Ich versteh’ dich nicht?“

Da schrie er gequält auf: „Habt Geduld mit mir! Ich kann euch noch nicht Rede stehen!“

„Fritz, — laß doch Vergangenes vergangen sein!“

„Ich — hab’ euch ärmer gemacht, als ihr gewesen seid, bevor ihr mich gekannt habt! Ich hab’ euch viel versprochen und nichts hab’ ich gehalten! Und kann euch nicht einmal Ersatz bieten — ich bin ja selber bettelarm dabei geworden!“

„Also das quält dich?“ entgegnete Reinholt. „Na weißt du, so überflüssig ist nicht bald was! Wen hast du ärmer gemacht? Die zu uns gehalten, denen geht’s heut’ noch gut — die anderen liegen, wie sie sich selbst gebettet haben. Die Spekulation ist mißglückt, ein paar Gulden sind beim Teufel — das ist alles und das ist schon längst verschmerzt. Geh, Fritz, brau’ dir nur um Himmelswillen nicht so närrisches Zeug zusammen!“

„So zürnst du mir denn nicht?“

Reinholt lachte so laut und herzhaft, daß Hellwig, ob er wollte oder nicht, von der Grundlosigkeit seiner selbstquälerischen Vorwürfe überzeugt sein mußte.

„Meister! Mein guter Meister!“ rief jetzt der alte Kesselwärter und kam schüchtern näher.

Nun flog doch wieder etwas wie ein Lächeln über Hellwigs Gesicht: „Was macht mein lieber Bogner?“

Die harte Greisenhand strich zärtlich über seinen Rock.

„Jetzt geht’s schon wieder, Meister. Weil ich Sie nur gesund wiederseh’. Im Anfang freilich ...“ — und nun ballte er die Faust — „Die verdammten Kerle! Gott hab’ sie selig, aber wenn sie nicht schon der Teufel geholt hätte, ich selber müßt’ ihnen was antun ...“

„Ihr seid ja ein ganz blutgieriger Kumpan!“ meinte Kolben lächelnd. Und der Alte darauf: „Ja, Herr, Sie sind eben nicht dabei gewesen. Wie das so gekommen ist, so auf einmal mitten in den tiefen Frieden hinein wie ein Hagelwetter, — man kann kaum ein Vaterunser beten, ist schon alles hin ... Der alte Schädel kann’s wirklich nicht aufnehmen ...“ Und wieder in flackerndem Zorn, mit geballter Faust: „Der Hund, der Karus!“

„Wie ist’s mit ihm gewesen?“ wandte sich da Fritz rasch an Pfannschmidt.

„Ich hab’s nicht gesehen,“ erwiderte dieser, „weil mir der Hieb zu schaffen gemacht hat. Aber wie sie erzählen, — er muß rein den Tod gesucht haben.“

„Ja, Meister!“ fiel ihm nun Adam Pichler ins Wort. „So was glaubt niemand, der’s nicht mit angeschaut hat. Wie die Schießerei losgehen soll, steht da nicht der Mensch oben auf dem Steinhaufen mit der Hacke in der Hand? Und wie sie sich schußfertig machen, springt er, Meister, er springt, so wahr ich leb’, mitten unter die Soldaten. Stücker drei, vier schlägt er, daß sie wie Bullen umfallen, dann haben sie ihn fest. Er aber reißt einem das Bajonett heraus — ‚Lebendig nicht!‘ schreit er und ‚Mordbuben!‘ und so was wie ‚Heinz!‘ und hat sich auch schon ins Herz gestochen.“

„Er wollte nicht mehr leben ohne Heinz ...“ murmelte Fritz verstört.

Ganz still war es nach diesen Worten. Die Abendsonne fiel schräg durchs Fenster und wob um alle einen warmen goldenen Schein. Wie eine Botschaft des Friedens war das, und alle Herzen pochten ruhiger.

„Fritz, wir kommen eigentlich mit einer Bitte ...“ sagte Reinholt nach einer Weile.

„Was könntet ihr von mir noch wollen!“

„Hör’ zu!“ antwortete der Fabrikant und mühte sich wieder einmal möglichst leichthin und geschäftsmäßig zu sprechen: „Hör’ zu: Die Spekulation ist also nicht geglückt, und ich bin es müde, hier was Neues anzufangen. Wir wandern aus. In die deutschen Kolonien, irgendwohin, wo’s noch unbebautes, ganz jungfräuliches Land gibt. Dort nehmen wir den Pflug in die Hand und werden Bauern. Nicht um Gewinn, wieder nur für uns wollen wir arbeiten. Komm mit!“

Und auch die andern baten: „Meister, kommen Sie mit!“

Kolben war rasch zu Eva getreten. Fritz bemerkte es. „Hab’ keine Angst, Albert!“ sagte er. „Ich geh’ nach Neuberg!“ Und zu Reinholt gewendet: „Nein, Leo, ich bleib’ im Land. Wenn unsere Ideen in der Entwicklung begründet sind, so setzen sie sich durch — auch ohne uns. Wenn nicht, so rollt die Zeit darüber weg, und wenn wir uns noch so dagegenstemmen. Das ist mir so klar geworden seither, daß ich das Frühere nicht mehr verstehe. Und dann, Leo — ich hab’ einen Buben. — Und was ich meiner Frau angetan hab’, das muß doch auch gutgemacht werden.“

Da trat Doktor Kolben schnell auf Reinholt zu: „Ich halte mit, wenn’s Ihnen recht ist!“

„Albert!“ rief Fritz erschrocken. Und Eva haschte die Hand des Freundes: „Doktor, Sie dürfen nicht von uns!“

Der treue Mensch schüttelte langsam den Kopf. Jetzt, da Eva ganz sicher geborgen war und ihm für sie nichts mehr zu sorgen blieb, wollte das alte Leiden wieder aufwachen, und bei Hellwigs letzten Worten hatte er erschrocken etwas sich regen gefühlt, das fast wie Neid war, Neid gegen den Freund und sein Glück.

Aber gelassen wie immer sagte er: „Was ist denn da weiter dabei? Nach Neuberg ging’ ich so nicht mit, und ob dann hundert oder tausend Meilen zwischen uns sind, das kommt schon auf eins heraus. Drum laßt mich nur getrost fort. Aus der Welt geh’ ich ja nicht und dann — vielleicht können mich diese da jetzt — besser brauchen.“

Ende.

Im gleichen Verlage erschienen die folgenden Werke von

Rudolf Haas:

Michel Blank und seine Liesel.

Roman. 25. Tausend.

Einbandzeichnung von Oswald Weise.

Matthias Triebl.

Die Geschichte eines verbummelten Studenten.

36. Tausend.

Triebl der Wanderer.

Roman. 30. Tausend.

Verirrte Liebe.

Erzählungen. 14. Tausend.

Einbandzeichnung von Friedrich Felger.

Der Schelm von Neuberg.

Lustspiel in 4 Akten.

Die wilden Goldschweine.

Roman. 1.-15. Tausend.

Einbandzeichnung von Max Both.

(Erscheint im Herbst 1920.)

Dieser Roman bildet die Vorgeschichte zu „Michel Blank und seine Liesel“.

„Vornehm im besten Sinne ist der Erzähler Rudolf Haas, der tief in die lichte Menschenseele blicken läßt und der Gedichte ausrauschen läßt von hinreißendem Schwung, aber stolz ausweicht, wo eine grelle Effektszene anzubringen wäre, oder breite Sentimentalität .. Ein Lobpreiser des Lebens!“

(Friedrich Adler i. d. „Bohémia“, Prag.)

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