Fünftes Buch
Reading edition
1.
In einer weiten Ebene, zwischen Buchenbeständen und buschigem Wiesenland, lag das große Unternehmen Leo Reinholts. Die Eisenbahn führte vorüber, ein paar Dörfer waren in der Nähe, die sich mit verstreut in großen Zwischenräumen stehenden Häusern stundenweit hinzogen. Und dazwischen waren längs der Bahn noch ein paar kleinere Fabriken, Gründungen findiger Konkurrenten, die aber nicht recht emporkommen wollten und zum Gedeihen zu schwach, zum Eingehen zu jung, in kümmerlicher Unzulänglichkeit sich fortfretteten. Die Einheimischen aber, zumeist Ruthenen und schlaue Polen, haßten die Schornsteine und die roten Ziegeldächer der Fabriken. Denn die hatten ihnen die beschauliche Ruhe gestört, die mit schlechtestem Branntwein zufriedene Bedürfnislosigkeit abgewöhnt und die Löhne verteuert durch einen Schwarm fremdsprachiger Arbeiter, die noch obendrein wegen ihrer Wissenschaft des Lesens und Schreibens und wegen ihrer größeren Weltkenntnis auf das Bauernvolk herabschauten, sich besser dünkten und die Herren spielen wollten. So waren die Klassenunterschiede schärfer als sonstwo ausgeprägt und drängten die Arbeiter der einzelnen Betriebe stärker als sonstwo zum Zusammenschluß. Ein ganz leidliches Einvernehmen hatte bisher unter ihnen geherrscht, und fast ohne Ausnahme waren sie Sozialdemokraten. Da kam nun plötzlich Reinholt und forderte von seinen Leuten, daß sie es nicht mehr seien. Und wer sich nicht darein schicken wollte, bekam seinen Abschied. Er hielt strenge Musterung, mußte sie auch halten, denn für sein Experiment — nichts anderes war es — brauchte er ganz zuverlässige Leute.
So entstand eine Spaltung. Da kam Hellwig und richtete das neue Unternehmen ein. Wie der Haushalt einer einzigen Familie wurde das. Eine große Küche war da, mit Dampfheizung und papinischen Kesseln, dort wurde für alle auf einmal gekocht. Reine und luftige Speisehallen gab es, eine Bücherei mit weiten Leseräumen, einige Spielzimmer, auch ein Theater und einen Tanzsaal. Ein Krankenhaus, eine Schule und ein Altersheim wurden gebaut, im Park waren Tummelplätze für die Kinder und Erholungsstätten für die Erwachsenen, Bäder und Turnsäle fehlten nicht. Die Frauen sollten beim Kochen helfen, die Wäsche besorgen, im Gemüse- und Obstgarten arbeiten oder die Kinder beaufsichtigen, wie sie es lieber wollten, und wenn es ihnen gefiel, konnten sie jede Woche in diesen Beschäftigungen wechseln. Die Lohnzahlung wurde abgeschafft. Jeder war am Gewinn beteiligt. Nach einem einfachen Schlüssel unter Berücksichtigung der Arbeitsleistung und der Kopfzahl einer Familie wurden die Anteile ermittelt, die jeder zu dem gemeinschaftlichen Haushalt beizutragen hatte. Der Überschuß wurde bar herausbezahlt oder gutgeschrieben, wie es jeder lieber mochte. Für alle Bedürfnisse war gesorgt. In der Schneiderei konnten sich alle die Kleider anfertigen und flicken lassen, eine Schusterwerkstatt war da und ein gemeinsames Bestellbureau für alle Dinge des täglichen Bedarfs. So waren sie ganz unabhängig, waren ein Gemeinwesen für sich und brauchten keine fremde Vermittlung.
Fritz aber war für sie bald das treibende Rad des Ganzen. Zu ihm kamen sie mit ihren Anliegen und Wünschen, und wenn sie untereinander Streit hatten, fügten sie sich seinem Schiedsspruch. Und da er mit ganzem Herzen bei der Sache war, gewann er auch ihre Herzen. Das wußte er nicht, aber es war so. Manche bewunderten, die meisten liebten und nur ganz wenige fürchteten ihn. Alle aber standen unter dem zwingenden Bann seiner prachtvollen Aufrichtigkeit, fühlten heraus, daß er bedingungslos auf ihrer Seite stand. Niemanden ließ er gleichgültig. Zu seiner vollwertigen Persönlichkeit mußte jeder Stellung nehmen, und die Mehrzahl gab sich vollständig in seine Leitung. Ihn nannten sie ‚Meister‘, wie er selbst es ihnen vorgeschlagen hatte, während Reinholt nach wie vor der ‚Herr‘ blieb. Doch waren sie auch ihm zugetan und rühmten ihm strenge, aber unparteiische Gerechtigkeit nach.
Bevor das alles auch nur halbwegs ins Gleis kam, waren viele Monate vergangen. Welche Unsumme von Plage und Mühsal und Sorge für Hellwig damit verknüpft gewesen, wußte außer Eva vielleicht niemand so recht. Anfangs kannte er freilich weder Müdigkeit noch Abspannung, war ihm die Arbeit nur wie ein Fest. Aber Monat um Monat verrann, und die Schwierigkeiten wollten nicht aufhören. Immer wieder fand sich etwas, das geordnet, unschädlich gemacht, ausgetilgt werden mußte. Bald waren es geheime Machenschaften, bald offene Widersetzlichkeit, Zwist und Streit. Kaum ein Tag verging, an dem Hellwig nicht einen Schiedsspruch zu fällen, als Friedensstifter zu walten hatte. Sooft er dachte, jetzt und jetzt werde er Eva holen können, immer kam etwas verquer. Anfangs waren es die Zustände im jungen Unternehmen selbst, die seine Wachsamkeit forderten. Dann aber setzten die Feindseligkeiten der Gegner ein. Der Verlust von nahezu tausend Genossen traf die Partei hart. Und daß es gerade Fritz Hellwig war, der ihnen diesen Verlust zugefügt, war nur ein Grund mehr zur erbittertsten Fehde. Da wurde geschürt, gehetzt, auf jede Weise versucht, die Leute unzufrieden zu machen und aufzureizen. Ohne Erfolg. Wer sich nicht fügen wollte, konnte anderswo sein Brot suchen. Eisern hielt Fritz die Ordnung aufrecht. So gütig und umgänglich er sonst war: wenn eine Satzung übertreten wurde, kannte er keine Nachsicht. Das hatten sie bald heraus und liebten auch diese Strenge. Er gab ihnen viel und hätte auch viel fordern können. Um so begreiflicher fanden sie es, daß er das wenige, das er wirklich forderte, auch durchsetzte.
Da traten die Gegner aus ihrer Zurückhaltung, riefen offen zum Kampf gegen den Augenauswischer, den Volksbetrüger, Verräter und Zwietrachtsäer, der sich in Menschlichkeit wie ein Frosch blähe und lediglich den eigenen Bauch mit dem blutigen Schweiß der Armen fülle. So stand es in ihren Zeitungen, und das waren noch die besten Vergleiche. Ein besonders Eifriger aber behauptete, daß Hellwig wie eine Trichine im gesunden Fleisch der Partei sitze und es infiziere, während er sich fett mäste. Leibinger leitete den Feldzug. In ihm war die erlittene Kränkung noch lebendig und heiß wie am ersten Tag, und sein Ehrgeiz knüpfte an einen Sieg über den mächtigen Feind die schönsten Erwartungen. Unter Hochdruck arbeitete er. In allen Zeitungen, in ungezählten Versammlungen predigte er den Kampf gegen den einstigen Genossen und seinen Anhang. Renegaten und Schufte ohne jeden Gemeinsinn wurden sie genannt, niedrige Bedientenseelen, die vor dem Geldsack auf dem Bauch lägen und sich an Bettelsuppen gütlich täten, armselige Heloten, die jedes Gefühl für Freiheit und Manneswürde verloren hätten.
Und die Arbeiter der benachbarten Betriebe, scheelsüchtig gemacht, neideten Reinholts Leuten das bessere Los. Sie spuckten aus, wenn sie einen trafen und riefen ihm wohl auch „Kommuner Hellwigianer!“ zu, was ein Witz sein sollte und eine verächtliche Anspielung auf die kommunistischen Einrichtungen.
Die kommunen Hellwigianer aber ließen sich darob die Haare nicht grau werden. Mancher Heißsporn verbat sich vielleicht die Beleidigungen und kam mit blutigem Schädel heim, die meisten aber lachten oder zuckten die Achseln, wenn sie beschimpft wurden, und das trieb die Gegner in eine immer heftigere Erbitterung. Aber auch die Fabriksbesitzer nahmen mit der Zeit gegen das aufblühende neuartige Unternehmen Stellung, weil sie sich dem scharfen Wettbewerb nicht gewachsen fühlten. Denn da alle Arbeiter am Gewinn beteiligt waren, bemühten sie sich zu eigenem Vorteil, nur gute Ware herzustellen, so daß die Reinholtsche Marke bald gesucht war und die Nachfrage stärker als das Angebot. Und da auch das Bauernvolk in seiner alten Abneigung verharrte, stand Hellwig mit den Seinen ganz vereinsamt und auf sich selbst angewiesen mitten unter Widersachern, Neidern und Feinden. Da setzte er erst recht seinen Neuberger Schädel auf: Durch müssen wir! Und wenn sich alle auf den Kopf stellen!
Der Glaube an sein Werk verzehnfachte seine Kräfte. Und seine warme Begeisterung griff auf alle über. Gemeinsame Not schweißte sie ganz fest zusammen. Die Zwistigkeiten im eigenen Lager hörten auf, immer seltener wurde er als Schiedsrichter angerufen. Der Trotz und das Gefühl, daß ihnen unrecht getan werde, spornte alle zu erhöhter Leistung. Draußen schrien sie, hetzten und wühlten. Reinholts Fabrik aber stand da, geschäftigen Lebens voll, die Räder surrten, die Webstühle klapperten, die Schiffchen flogen fröhlich. Zu einträchtigem Tun regten sich die emsigen Hände, und auf allen Gesichtern sonnte sich das Behagen am Gedeihen des Unternehmens, das allen ans Herz wuchs, weil es allen gehörte.
2.
Und im Fabrikspark, auf den Spielplätzen, unter der Hut der alten Bäume, drängte sich tagsüber das junge Volk der Kinder, saßen nach getaner Arbeit zufriedene Menschen, schwatzten, sangen oder hörten dem Meister Hellwig zu, der an schönen Abenden im Garten von einem Podium herab über alle möglichen interessanten und wissenswerten Dinge zu sprechen oder aus guten Büchern vorzulesen pflegte. Ganz zwanglos, wie eine gelegentliche Zusammenkunft gleichgesinnter Freunde war das, und viel guten Samen streute er in empfängliche Seelen.
Anfänglich war die Zahl der Teilnehmer nur gering, weil viele, an das neue Leben noch nicht gewöhnt, lieber in den Billardsälen oder beim Kartenspiel ihre Erholung suchten. Mit der Zeit aber stellten sich immer mehr ein, hörten zu und beteiligten sich mit Fragen und Einwänden an den Debatten, fanden Gefallen daran und zogen dieses Turnier bald jeder andern Unterhaltung vor.
Einer, der niemals fehlte, war der alte Kesselwärter Bogner, der seinem Meister Hellwig treu ergeben war und immer wieder versicherte, daß er ein so schönes Leben auf seine alten Tage nicht einmal im Traum erhofft hätte. Er überwachte seine Kessel und formte feine Blütenzweige, die er schön bemalt in seiner Stube aufstapelte oder Personen, denen er wohlwollte, als Angebinde verehrte. Für Hellwig aber tat er etwas ganz Besonderes: Er modellierte und goß aus Bronze die Büste des Meisters. Zwar geriet die Nase ein bißchen schief, und die Wangen hatten Blatternarben, aber am Sockel stand in großen Buchstaben ‚Friedrich Hellwig‘, und so wußte jeder, wen das Werk darstellte. Und die Mängel, die waren nach den Versicherungen des Schöpfers nur durch den elenden Gips und durch das schlechte Gußmetall verschuldet. Jetzt stand das Bildwerk im Lesesaal, und bei der Aufstellung hatte es einen grünen Reisigkranz getragen, mit einer roten Schleife, und Reinholt hatte eine Rede gehalten, die war sehr erbaulich und dem Kesselwärter wurde ganz rührselig. Aber er lachte doch und strahlte im faltigen Gesicht, denn Adam Pichler, ein jüngerer Bruder Ottos, stand neben ihm und sagte ihm ins Ohr, daß so eine Büste eigentlich in eine Ausstellung gehörte und sicher einen Preis bekommen würde.
Adam verkehrte überhaupt viel mit dem alten Bogner und ging auch regelmäßig zu den Abendvorlesungen. Er tat das aus Neigung. Aber es war nicht so sehr die Neigung zur Wissenschaft, als vielmehr die Neigung zur Anna Bogner. Die Anna war ernster geworden, der Frohsinn, das Lachen und aller Übermut ihrer Jugend klang in der Erinnerung an die erste Enttäuschung nur mehr wie auf einer abgedämpften Geigenseite.
Adam aber begehrte sie zum Weib. Da hatte sie ihm ganz aufrichtig gesagt, wie es um sie stand und daß sie einst mit seinem Bruder Otto ein Verhältnis gehabt. Der blonde Mensch mit den stillen Augen und den groben Händen hatte schweigend zugehört und darnach ein paar Tage nicht mit ihr geredet, bis er alles in sich verarbeitet hatte. Dann aber war er zu ihr gegangen, die in heimlicher Pein verstohlen aus der Ferne nach ihm sah. Denn sie hatte ihn lieb gewonnen.
„Anna,“ hatte er gesagt, „es ist schon in Ordnung mit uns.“
Da war sie zusammengefahren, hatte ihm ungläubig ins Gesicht gestarrt und nur gefragt: „Trotzdem?“
„Trotzdem, Anna, weil — es muß doch ausgeglichen werden ...“
Er hatte den Arm um sie legen wollen. Doch sie war hastig einen Schritt zurückgetreten.
„Wenn’s nur deswegen sein soll ... bleibt’s schon besser so, wie’s ist, Adam. Ich müßt’ mich ja schämen.“
„Nein, Anna, das mußt du schon nicht. Tät ich’s denn, wenn ich dich — nicht auch gern hätt’, Anna?“
Er war wieder ganz nahe bei ihr und streichelte mit den harten Fingern unbeholfen ihren Ärmel. Und dann hatte er sie im Arm. Und sie sträubte sich nicht mehr.
Und seither sah man sie fast immer miteinander gehen, den alten Kesselwärter, dem die paar Haare nur noch wie ein silbriges Schimmerchen auf dem kahlen Schädel glänzten, ein wenig gebeugt und ein wenig zittrig, zwischen den beiden jungen aufrechten Menschen, die fest und ruhig einherschritten mit der stillen Zuversicht, die ein sicheres Glück verleiht.
Oft auch gesellte sich Pfannschmidt zu ihnen, der in dem neuen Gemeinwesen eine Art Hausverwalter war und außerdem die Bücherei betreute. Keine Spur von Gedrücktheit oder Trauer war mehr in ihm, wohl sprach er wenig und lachte nicht oft, aber seine ernsten Augen schauten warm und froh, und der Widerstreit zwischen Neigung und Beruf war nicht mehr in ihrem Blick. Die Bücherei war seine Welt, dort war er am sichersten anzutreffen. Entweder las er oder ordnete er die Bücher, versah sie mit Schildern und Nummern, verteilte sie übersichtlich und legte mehrere Verzeichnisse an. Abends aber kämmte er mit Salböl den spröden Scheitel noch einmal glatt und ging, dem Meister zuzuhören. Er war einer der aufmerksamsten Zuhörer, aber auch der eifrigste Frager, und wenn er sich einmal in etwas hineinverbissen hatte, ließ er sich nicht so leicht davon abbringen. Jedes Für und Wider erwog er, Beweise und Gegenbeweise ließ er bedächtig aufmarschieren, und Fritz hatte mit diesem zähen Gegner oft seine liebe Not. Regelrechte Debatten und Diskussionen hatten sie miteinander und das war für sie wie ein Bad im kühlen Fluß.
So schien sich mit der Zeit eine gedeihliche Ordnung einstellen zu wollen und Hellwig dachte abermals daran, Weib und Kind zu sich zu holen. Aber als er an einem schönen stillen Sommerabend wieder einmal auf dem Podium saß und gerade über Oliver Cromwell sprach, da wurden von dem Fahrweg, der außerhalb des Parks den Zaun entlang führte, ein paar Steine unter die Versammelten geworfen. Der eine streifte Hellwigs Kopf, der zweite traf ihn an der Schulter, die übrigen verfehlten ihr Ziel. Schnell war Pfannschmidt beim Gittertor, riß es auf, stürmte hinaus. Andere folgten. Aber draußen war niemand zu sehen. Still lagen die Wiesen und Felder da, die Ähren nickten und rauschten leis auf schwanken Halmen, die Blätter der Büsche regten sich sacht im Abendwind, und sacht breitete die Dämmerung ihre seidenfeinen Flöre darüber aus. Mannshoch standen die Feldfrüchte, dicht belaubt wucherte überall in den Wiesen das Staudenzeug, und was sich dort irgendwo versteckt hielt, war gut geborgen und in der Dämmerung nicht leicht aufzuspüren.
Hellwig hatte eine Beule am Schläfenbein und eine Prellwunde am Oberarm, leichte Verletzungen, die nichts zu bedeuten hatten. Aber eine Warnung waren sie und ein Zeichen, wie tief die Hetzereien Wurzeln gefaßt.
Und wenn es hiefür noch eines Beweises bedurfte, so brachte ihn die folgende Nacht. Da brannte ein Magazin nieder, und die Fabriksfeuerwehr mußte harte Arbeit tun, um den Brand einzudämmen. Er war gelegt worden, von wem, war offenes Geheimnis, aber Beweise fehlten. Die Folge war, daß Reinholt die Nachtwache verschärfte und zwei Dampfspritzen anschaffte. Und Fritz sah seine Vereinigung mit Eva abermals um Monate hinausgerückt.
3.
Danach aber hatte sich ganz plötzlich der Sturm gelegt. Die Unbesonnenheit der Steinwerfer und Brandstifter hatte die Gegner zur Vorsicht gemahnt. Was nützte es auch, die Außenstehenden aufzuwiegeln, wenn die Hellwigianer geschlossen gingen und der Aufschwung der Fabrik alle Hetzer Lügen strafte.
Wochen vergingen, alles blieb ruhig.
„Wir sind durch!“ sagte Fritz, der vertrauensselige, arglose Mensch, und glaubte felsenfest daran, weil er an sein Werk glaubte und an die Lauterkeit der Menschen. Und er freute sich des Erfolges und freute sich auf die Seinen. Jetzt wollte er sie wirklich holen. Mehr denn zwei Jahre — waren es denn wirklich schon zwei Jahre? — hatte er sie nicht gesehen. Da war ihm die Zeit fortgeronnen, wie Sand zwischen den Fingern durchgeglitten, Tag um Tag; Monat um Monat. Er hatte nicht darauf geachtet und sie nicht gezählt. In all dem rastlosen Bemühen, dem Tumult von Sorgen und Anstrengungen, dem raschen Wechsel zwischen Erfolg und Mißlingen, zwischen heller Zuversicht und herber Enttäuschung.
Waren es denn wirklich schon zwei Jahre? Aber da lagen die Briefe Evas vor ihm, alle, wie er sie erhalten, gelesen, beantwortet und dann in das Schubfach getan hatte, wo sie, nicht mehr beachtet, verstaubten. Regelmäßig alle vierzehn Tage schrieb sie ihm. Und jetzt lagen sie da, kunterbunt durcheinander, gut fünfzig Briefe. Und in jedem erzählte sie von dem Buben, alle Einzelheiten und Kleinigkeiten berichtete sie. Im Drang und Schwall der Arbeit hatte er ihren Mitteilungen nicht weiter nachgesonnen. Und sie machten doch die ganze Entwicklung des jungen Menschleins aus, das dort fern von ihm und vaterlos heranwuchs. ‚Hansl lacht mich schon an — Hansl sitzt schon — Hansl bekommt Zähne — Hansl hat sich ganz allein am Tischbein aufgemannelt — Hansl hat das erste Wort gesprochen — Hansl läuft, Hansl redet schon. Er ist blond wie du — er hat deine Augen — aber das Kinn hat er von mir.‘
Er erschrak fast und entsetzte sich, daß er so achtlos darüber zur Tagesordnung hatte übergehen können. Fünfzig Briefe. Und in allen war zwischen den eng geschriebenen Zeilen die unausgesprochene Bitte: ‚Komm bald und bleib bei uns!‘ Und in keinem stand: ‚Hol’ uns zu dir!‘ Denn die Mutter bangte um ihr Kind, und Fritz hatte ihr die Lage immer eher in düsteren Farben geschildert, alle Ereignisse trocken verzeichnet und nichts beschönigt. Und nur einmal schrieb sie: ‚Wenn ich doch bei dir sein könnte!‘ Das war damals, als ihm die Steine den Leib verwundet hatten.
Einen Brief nach dem andern las er nun wieder durch. Um ihn war die Ruhe der Nacht, einer warmen, glanzhellen Nacht. Das Fenster stand offen, die hereinflutende Luft war gesättigt vom schweren Duft der Erde, und unten im Fabrikshof machte der Wächter die Runde. Klingend schlug die Eisenspitze seines Stocks auf die Steine, und wenn die zwei starken Doggen, die ihn begleiteten, sich schüttelten, klirrten die Glieder ihrer Kettenhalsbänder leise aneinander, Eisen gegen Eisen und Stahl gegen Stein, und nichts anderes war zu hören als dieser kriegerische Klang. Und es war wie der Pulsschlag des harten, streitbaren Lebens, das da draußen in der weichen, weißen Glanznacht tief aufatmend, doch nicht schlafend ruhte, Gewehr im Arm und immer kampfbereit gleich einem einsamen Vorposten in Feindesland.
Stunde um Stunde flutete vorüber. Und Fritz saß und las die Briefe. Mit gesammelten Sinnen las er sie jetzt alle wieder, sah seinen Buben heranwachsen und begleitete Schrittlein nach Schrittlein seine Entwicklung. Und er fühlte eine tiefe Trauer, daß er sich so gar nicht vorstellen konnte, wie der Junge jetzt aussah, lachte und sprach, und der Wunsch, ihn und die Mutter bei sich zu haben, schwoll ihm übermächtig empor.
Aber es blieb auch diesmal nur beim Wunsch.
Die Ruhe, die so unvermittelt eingefallen, war nicht die Ruhe des Friedens oder der Erschöpfung. Leibinger hatte die Nutzlosigkeit der bisherigen Kampfesart erkannt. Und da kam es ihm gerade recht, daß Robert Karus, aus Rußland zurückgekehrt, wieder in der Hauptstadt aufgetaucht war. An ihn wandte er sich um Rat und Hilfe und der sagte zu, unter der Bedingung, daß ihm vollständig freie Hand gelassen werde. Ungern fügte sich Leibinger, aber er fügte sich doch.
Und Karus ging an die Arbeit. Ein paar erprobte Leute wählte er sich und schickte sie zu Reinholt auf Arbeitssuche. Sie erhielten strengen Befehl, als unbedingte Anhänger Hellwigs aufzutreten und vorsichtig die Unzufriedenheit der Zufriedenen zu wecken. Das Wie blieb ihnen überlassen. Und sie waren ihrer Aufgabe gewachsen. Rasch hatten sie jene aufgespürt, die schwankten oder sich zurückgesetzt fühlten, machten sich an sie heran und bearbeiteten sie.
Aber auch Karus blieb nicht müßig, und Mark und Leibinger waren seine Werkzeuge. Ein paar Schlagworte warf er den Arbeitern der benachbarten Unternehmungen hin und wiegelte sie auf. Und geschulte Agitatoren waren mitten unter ihnen und schürten und schürten ohne Unterlaß. Immer lauter, immer ungestümer erhoben sie die Forderung nach höherem Lohn, nach kürzerer Arbeitszeit, nach Gleichstellung mit den Hellwigianern. Die Fabrikanten aber, selbst in ihrer Existenz bedroht, konnten und wollten keine Zugeständnisse machen. Da begann der Streik.
Unfriede im eigenen Haus, heller Aufstand ringsum: so war jetzt die Lage und so war sie Karus recht. Hellwig aber, der Vertrauensselige, der kindlich Arglose, wußte nicht, daß viele gegen ihn murrten. Und als der Streik jetzt so unvermittelt losbrach und als alle Betriebe feierten und nur die von ihm geleitete, nach seinen Ideen eingerichtete Fabrik rüstig weiter ging, — und seine Leute verrichteten gelassen ihr Tagwerk und schienen sich um das Branden außerhalb ihrer Herdfeuer gar nicht zu kümmern, — da frohlockte er und abermals sagte er siegessicher zu Reinholt: „Leo, wir sind durch!“ Und nur das eine trübte ihm die Freude: daß er wieder Geduld haben und erst das Ende des Ausstands abwarten sollte, ehe er die Seinen zu sich kommen ließ. Dann aber wollte er es ganz bestimmt tun und freute sich darauf und glaubte, daß ein Ausgleich bald erzielt und die Lohnbewegung bald zu Ende sein werde. Er tat sogar ein übriges, er ging zu den einzelnen Fabriksherren und setzte sich für jene ein, die seine erbittertsten Feinde waren. Und er tat es nicht nur um ihretwillen, auch seinetwegen tat er es, er wollte vielleicht doch einen oder den anderen für seine Ansichten gewinnen. Aber überall begegnete er mit seinen Vermittlungsversuchen einem starren „Nein!“ oder einem geschmeidigeren „Leider nicht möglich!“ und einer gab geradezu ihm die Schuld an dem Streik und an dem Niedergang der kleineren Betriebe. Doch auch die Arbeiter, als sie es erfuhren, verbaten sich seine Einmischung. Da ließ er es bleiben. Aber nicht eine Sekunde wankte ihm der Glaube an seine Schöpfung und die Zuversicht, daß sein Weg der richtige wäre.
Reinholt war nicht so vertrauensselig. Manches an den Leuten wollte ihm nicht mehr gefallen. Daß sie häufig mitsammen flüsterten, im Bibliothekssaal heftige Debatten führten, die sofort abgebrochen wurden, wenn er oder Hellwig oder Pfannschmidt oder sonst ein Treuer dazu kam. Und namentlich der Sanders, ein dunkelhaariger Gesell mit Blatternarben im eischmalen Gesicht, gefiel ihm gar nicht. Er war erst seit kurzer Zeit in der Fabrik und doch spielte er, vornehmlich unter den jüngeren, eine große Rolle. Sie hörten auf ihn, suchten und riefen ihn, und wenn er zu ihnen trat, wurden ihre Worte leiser, steckten sie die Köpfe zusammen und bekamen aufgeregte Gesichter. Auch dem Pfannschmidt war das bereits aufgefallen, und nur Hellwig wollte es nicht gelten lassen. Wenn ihn Reinholt aufmerksam machte oder warnte, schüttelte er mit ungläubigem Lächeln den Kopf, suchte und fand Entschuldigungen.
„Das Kameradschaftsgefühl ist in ihnen noch nicht erloschen, soll es auch nicht sein! Und da wurmt sie’s eben, daß sie Streikbrecher geschimpft werden. Aber das geht vorüber. Als der Streik angefangen hat, was hat man da nicht alles befürchtet. Sogar Militär hat hermüssen, weil unsere Nachbarn um ihre Maschinen Angst gekriegt haben. Und schau’ her, jetzt dauert die Geschichte schon fast zwei Wochen — und alles bleibt ruhig. Glaub’ mir nur, Leo, jetzt sind wir schon überm Berg. Die Arbeitsfreude bei uns, während ringsherum alles gärt und tobt und siedet, beweist mir am schlagendsten die Ohnmacht der Gegner. Wir haben unsere Leute zufrieden gemacht, den Erfolg jagt uns keiner mehr ab!“
„Nicht alle sind zufrieden, Fritz!“ beharrte Reinholt bei seinem Bedenken. „Sie planen was gegen uns! So mach’ doch die Augen auf, Fritz, ich werd’ ja ganz irr an dir! Du hast Mitleid mit denen da draußen, vielleicht trübt dir das den Blick — aber ich denke, sie haben uns wahrhaftig genug Prügel unter die Beine geschmissen und verdienen keine Rücksicht!“
„Nein, nein, Leo, sprich nur nicht anders als du denkst!“ entgegnete Fritz traurig. „Die Leute sind nicht besser und nicht schlechter als wir alle. Sie wollen auch nur — wieder Menschen werden. Teilhaben an den reizvollen Nebensachen und bunten Nichtigkeiten, die zwischen Arbeit und Schlaf, zwischen Hunger und Liebe liegen und uns erst vom Vieh unterscheiden. Und sind wir nicht mit schuld, daß sie es so heftig heischen? Die unseren haben das alles, es ist kein Wunder, wenn die anderen gegen uns toben. Leo, es ist Zeit, höchste Zeit, daß wir hier mit dem Aufbau fertig, daß uns die Kräfte frei werden, einen oder den anderen Reichen noch für unsere Ansichten zu werben, zu gewinnen. Vielleicht — gehen wir doch den rechten Weg, können wir dem kommenden Gründer der neuen Gesellschaft — Vorläufer sein ...“
4.
Einer hatte diesem Gespräch zugehört. Robert Karus, der schon seit Tagen in der Gegend weilte. In ihm war der Haß des Zerstörers gegen den Bauenden. Und auch er wollte seinem Freunde Heinz Wart ein Totenmal errichten. Sorgsam bereitete er den Grund, und seine Saat schoß schwer und wuchernd in die Halme.
Aber weder die Freunde Hellwigs noch dieser selbst wußten von seiner Anwesenheit. Und niemand hatte ihnen noch verraten, daß Karus bereits einige Male, das Gitter überkletternd, in den Fabrikpark eingedrungen war, um hinter Buschwerk versteckt zu lauschen. Und seine Flugblättchen gingen unter den Eingeweihten von Hand zu Hand, ängstlich behütet vor den Augen Unberufener, und in geheimen Versammlungen wurden sie besprochen und schürten die Erregung und peitschten die Lust zur Empörung immer höher auf. Mehr als hundert hatten sich schon unbedingt an Karus angeschlossen, viele gab es, die durch die abfälligen Kritiken und klug berechneten Reden der gemieteten Hetzer aufgestachelt, schon unentschieden schwankten und jeden Tag zu Überläufern werden konnten. Und die Streikenden, durch die Unnachgiebigkeit ihrer Brotherren zum äußersten bereit, standen wie ein Mann gegen Hellwig und was Karus und Mark und Leibinger ihnen vorsagten, das sprachen sie nach und glaubten, daß einzig Hellwig an ihrer Lage schuld wäre.
So war eine gewaltige Menge Zündstoff aufgehäuft. Der geringfügigste Anstoß mußte die Explosion herbeiführen. Und Karus sorgte dafür, daß dies bald geschah.
Nun, da der Boden gehörig unterminiert, ein verläßlicher Kern von Anhängern gebildet, die Erbitterung der Leute bedrohlich angewachsen war, nun mußte Sanders, der gedungene Proselytenmacher, aus seiner Reserve heraus. Bei jeder Gelegenheit redete er jetzt ganz offen vor allen Leuten über die mangelhaften Einrichtungen des Unternehmens, schimpfte darüber, mäkelte und nörgelte, und nichts fand mehr Gnade vor seinen Augen. Zu wenig Abwechslung im Essen, zu kleine Portionen, zu wenig Geld, aber viel zu viel Bevormundung, Kasernenzwang und Drill: das war so der eiserne Bestand seiner Argumente. Dieses Tadeln und Mäkeln führte bald zu Zank und Streitereien. Die treu zu Hellwig hielten, wollten es nicht dulden, die andern gaben dem Nörgler recht, Unfriede entstand, Zwist und Spaltung.
Am heftigsten erboste sich über die Reden Sanders’ der alte Bogner. Jedes gehässige Wort gegen den Meister brachte ihn in Harnisch, er schalt und wetterte über die Anmaßung der jungen Leute und wäre am liebsten mit den Fäusten dreingefahren. Aber er erntete mit seinem ehrlichen Grimm nur Gelächter und Spott.
Pfannschmidt wollte anfangs vermitteln und beschwichtigen. Bald jedoch erkannte er den Ernst der Bewegung, erschrak, wie fest sie sich schon eingenistet hatte, und schwere Befürchtungen kamen ihm. Da ging er zu Hellwig und deckte ihm alles auf. Der aber legte, wie vordem den Warnungen Reinholts, jetzt auch diesen Berichten keine Bedeutung bei. Er wollte einfach nicht sehen, wo jeder sehen, nicht hören, was jeder vernehmen konnte. Wollte blind und taub bleiben und allen ungünstigen Zeichen zum Trotz die siegessichere Zuversicht sich aufrechterhalten. Er zwang sich zur Sorglosigkeit, um die Zweifel, die sich schon leise regten, zu übertäuben. Er drückte jeden Argwohn, der ihm jetzt doch manchmal leise aufstieg, gewaltsam nieder, und gewaltsam zwang er sich, an den Erfolg ganz fest zu glauben, weil er den Erfolg brauchte. Weil er das Gelingen nicht nur heiß herbeisehnte, sondern notwendig haben mußte, sagte er: „Es ist schon gelungen!“ und sagte es sich und den anderen immer wieder vor, als könnte durch dieses fortwährende starre Bejahen jede Möglichkeit des Mißlingens gebannt werden. Und es durfte kein Mißlingen geben, sollte nicht, so meinte er, sein ganzes Leben mit in Stücke brechen.
Deswegen stellte er den besorgten Warnern seine lächelnde Sicherheit entgegen, und was nur erst beinahe fertig und was noch fast nur kaum mehr als ein Wunsch war, sollte als fertig und vollendet angesehen werden. Doch weder Reinholt noch Pfannschmidt konnte er überzeugen.
Sanders aber wurde immer dreister. Er begann nun auch über zu viel Arbeit sich aufzuhalten, hatte an jedem neuen Auftrag etwas auszusetzen und wenn er ihn überhaupt ausführte, tat er es nur widerwillig zögernd mit sichtlicher Verdrossenheit. Und als er nach dem festgesetzten Reihengang eine Woche lang die Kontrolle der Nachtwächter besorgen sollte, weigerte er sich mit der Begründung, er sei als Weber aufgenommen und nicht als Hausmeister. Da könne man schließlich auch von ihm verlangen, daß er die Ställe ausmiste oder die Senkgrube putze, das käme auf dasselbe heraus. Er weigerte sich also, schrieb aber auch noch am gleichen Tag an Leibinger, er möge sich bereit halten, die Sache werde bald entschieden werden.
Und als am folgenden Morgen das Kontrollbuch keinen Vermerk aufzeigte und als er deswegen verwarnt wurde, zuckte er bloß die Achseln und lächelte dazu. Und als am zweiten Morgen aus der Verwarnung eine Rüge wurde, unter Androhung der Entlassung, da lächelte er noch geringschätziger und zuckte wieder die Achseln. Am dritten Morgen war er entlassen. Er erhielt sein Sparkassenbuch und seine Abfertigung und konnte gleich gehen. Obwohl Reinholt dagegen gesprochen, hatte es Fritz so angeordnet. Eine Satzung war übertreten, die darauf gesetzte Strafe war verwirkt worden, da gab es für Hellwig kein Überlegen und galt keine Rücksicht.
Sanders aber hatte nichts anderes gewollt. Seiner Anhänger gab es viele, und die, das wußte er, würden ihn nicht so mir nichts, dir nichts ziehen lassen. Und er traf keine Anstalten zum Fortgehen. Das Geld nahm er zwar, aber seine Sachen packte er nicht. Nur sein Sonntagsgewand zog er an und ein gestärktes Hemd und ging ins Wirtshaus.
Dort saß bereits Karus mit Leibinger und Mark. Sie hatten einen großen Krug Wein vor sich und tranken fleißig. Mit einem selbstbewußten Schmunzeln setzte sich der blatternarbige Weber zu ihnen.
„Wie steht’s?“ fragte Karus kurz.
Sanders schenkte sich gemächlich ein Glas voll und tat einen bedächtigen Zug. Da sein Bericht mit Spannung erwartet wurde, kam er sich sehr wichtig vor und wollte dieses Gefühl seiner Bedeutung möglichst lang auskosten.
Leibinger rieb die Hände rund umeinander und machte sein verbindlichstes Gesicht.
„Es scheint alles glatt gegangen zu sein?“ fragte er ausholend. Sanders nahm noch einen Schluck. Dann zog er sein Taschentuch und wischte sich umständlich den Mund ab.
„Verfluchtes Getu’!“ schimpfte Karus. „Laß die Faxen und red’ endlich!“
Da tat Sanders gekränkt und war beleidigt:
„Befehlen lass’ ich mir nichts!“
„Aber wir bitten Sie doch!“ lenkte Leibinger ein und Mark nickte und bestätigte eifrig: „Gewiß, gewiß, wir bitten Sie!“
Da war der blasse Weber wieder versöhnt und erzählte von seiner Entlassung und fügte hinzu, daß er nicht fortgehen, sondern heute beim Abendvortrag im Garten Einspruch zu erheben gedenke und vom Mittag bis Feierabend werde er noch ein bißchen Stimmung machen.
Leibinger meinte dazu: „Gut! Sehr gut!“ und Mark: „Schön! Sehr schön! Ausgezeichnet!“ Karus aber sagte: „Da erzählst du uns nichts Neues! Denke, daß ich dir das so eingetrichtert hab’. Daß sie dich davongejagt haben, hast du brav gemacht. Mach’s weiter so, dann geht heut’ abend der ganze Krempel in Fransen!“
Dröhnend lachte er, und seine Faust schmetterte hart auf den Tisch. Dann trank er sein Glas leer, füllte es rasch und leerte es wieder und noch einmal und abermals. Nun die Entscheidung so nahe war, wurde er doch aufgeregt. Die anderen bemerkten das, schauten ihn an und schwiegen. Ihm aber löste der Wein die Zunge.
„Bekehren will er die Aussauger!“ rief er unvermittelt aus dem Wirbel seiner Gedanken heraus. „Bekehren! So lang man die nicht totschlägt, gibt’s keine Bekehrung!“
„Sprechen Sie von Hellwig?“ fragte Mark und riß die Augen weit auf.
„Nein, vom Mond, Sie Kalb!“ entgegnete Karus grob. Leibinger lächelte liebenswürdig. Da faßte auch Mark die Beleidigung als Witz auf. Er lachte laut und gezwungen. Doch schien es ihm ersprießlicher, ein anderes Thema anzuschlagen.
„Herr Karus,“ sagte er, „die Partei kann es Ihnen nicht hoch genug anrechnen, daß Sie sich so selbstlos ...“
Karus unterbrach ihn: „Dankt dem Himmel, daß ich euch früher nicht so genau gekannt hab’. Ich hätt’s mir sonst, weiß der Teufel, noch gründlich überlegt!“
Er hielt inne, fuhr mit den gespreiteten Fingern durch den borstigen Haarschopf.
„Eh was, jetzt bin ich einmal da!“ sagte er dann. Und mehr im lauten Selbstgespräch: „Als junger Grasaff’ bin ich auch nicht anders gewesen wie der Volksbeglücker. Heinz auch nicht. Gewiß nicht! Nein! ... Was stiert ihr mich denn so blöd an? Ich bin nicht besoffen! Nur ... ich hab’ auch einmal einen Freund gehabt! Ja — der Robert Karus hat auch einmal einen Freund gehabt ...“
„Sie haben doch viele Freunde!“ beeilte sich Leibinger zu versichern, und Mark beteuerte das auch, rückte aber seinen Stuhl aus der Nähe des Mannes, dessen flackernde Augen und dessen zerfahrenes Wesen ihm Angst machten.
„Redet mir das nicht vor!“ antwortete Karus geringschätzig. „Ihr braucht mich, deswegen tut ihr mir schön! Aber Freunde? Bah! Furcht habt ihr vor mir! Alle haben Furcht! — — Heinz nicht ... Und doch — hab’ ich ihn später ...“ Er sprang von der Bank und schüttelte die Fäuste vor sich, als rüttle er an Ketten. „Sie hätten ihn sonst ... es ist einfach nicht anders gegangen!“
Wie ein erstickter Aufschrei war das. Und wieder trank er und ging mit mühsamen Schritten über den Lehmboden der Stube.
„Also seither: Rache für Heinz! Das ist der Grund! Nicht ihr! Nur — er! Die Gesellschaft von heute hat ihn umgebracht, drum muß sie weg! Sie oder ich! Eher wird da nicht Ruh’!“
Die anderen wurden aus den wirren Reden des verstörten Menschen, der im Ringen mit einem schweren Entschluß aus allen Fugen gehoben schien, nicht klug, schauten einander bedeutungsvoll an und unterbrachen ihn mit keiner Silbe.
„Nun kann’s ja losgehen!“ sagte Karus nach einer Weile wieder ganz kalt. „Ich geh’ jetzt und horch’ ein bissel herum! Auf Wiedersehn heut’ abend!“
5.
Es war Abend geworden.
Langsam schritt Karus den Fußweg entlang zur Fabrik.
Hoch über den weiten Wiesen zogen weiße Wolken wie Schaumflocken durch den blauen Himmel und flimmerten im Widerschein der müd geneigten Sonne. Eine Spottdrossel sang unsichtbar in einer Hecke. Ihr tiefes, klingendes Lied erfüllte den ganzen Busch, und es war, als sänge dieser selbst mit allen seinen Ästen und unbewegten Blättern durch einen Zauber zum Tönen gebracht. Sonst war Schweigen. Unter goldenen Schleiern lag die Erde still und glanzmüde, und das Leben hielt den Atem an. Und nichts war mehr zu hören als das tiefe, quellende Lied, das aus dem verzauberten Busch in die Märchen gewordene Welt verklang.
Aber nicht überall war diese Landschaft so des Friedens voll.
In der Fabrik Reinholts, in dem großen Garten, auf dem schattigen Platz unter den hohen Kastanien, wo der Tisch für den Vorleser stand und die Bänke für die Zuhörer, ballte sich und lärmte eine dunkle Menschenmasse verworren durcheinander, und Fritz Hellwig war rings von ihr umschlossen. Er hatte eben noch aus dem ‚Egmont‘ vorgelesen und war warm geworden bei der Stelle: ‚Ich fühle mir Hoffnung, Mut und Kraft. Noch hab’ ich meines Wachstums Gipfel nicht erreicht und steh’ ich droben einst, so will ich fest, nicht ängstlich stehen.‘ Aber die Worte: ‚Soll ich fallen, so mag ein Donnerschlag, ein Sturmwind, ja selbst ein verfehlter Schritt mich abwärts in die Tiefe stürzen, da lieg’ ich mit vielen Tausenden‘, die Worte konnte er schon nicht mehr lesen.
Da waren sie vom Lesesaal herübergekommen, erregt und schreiend, und Sanders ging in der ersten Reihe, ein wenig unsicher und ein wenig schwankend, mit zerwirrtem Haar und mit offener Weste. Er hatte sich Begeisterung und Mut getrunken, und das machte ihm jetzt die Füße schwer. Aber seine Zunge war gelenkig geblieben. Im Lesesaal hatte er zu seinen Freunden geredet. Während die anderen ahnungslos ihre Arbeit taten, hatte er seine Leute aufgepulvert. Und jetzt standen sie mit ihm vor Hellwig, um die Auflassung der Strafe zu fordern und — es ging unter einem hin — die Einstellung der Arbeit aus Solidarität mit den hungernden Genossen.
Mit leidenschaftlichen Worten forderten sie das, und ihre Gebärden waren drohend und trotzig. Reinholt und Pfannschmidt hatten sich beim Nahen des Haufens wie zum Schutz neben Hellwig gestellt, und auch die anderen Getreuen drängten näher herzu. Fritz aber stand ruhig und aufrecht da, und seine Augen blickten wie verwundert in das Getümmel. Und je länger sie schauten, desto kälter glänzend wurden sie. Aber kein Muskel zuckte an ihm, nur die Nasenflügel zitterten leicht, und je fester sich die Lippen aufeinander legten, desto bestimmter wurde in dem unbewegten Gesicht der Ausdruck einer harten Entschlossenheit. Sein heller Blick richtete sich fest auf Sanders, und seine Stimme klang herrisch und streng.
„Was suchen Sie noch hier?“ fragte er.
„Fritz!“ flüsterte ihm Reinholt beschwörend zu. „Tu’ jetzt nichts, was sie noch mehr erbittern könnte! Nur jetzt nicht!“
„Ich muß!“
„Was ich hier suche?“ rief Sanders zu ihm hinauf. „Arbeit such’ ich! Brot such’ ich! Gerechtigkeit such’ ich!“
„Gerechtigkeit haben Sie bereits gefunden. Brot und Arbeit suchen Sie anderswo, die Kündigung bleibt aufrecht!“
„Sie ist willkürlich!“
„Sie bleibt aufrecht.“
Im selben Augenblick trat Karus hinter den Bäumen vor.
„Servus, Volksbeglücker! Schön schaut’s hier aus!“
Hellwig blickte ihn an und erstaunte nicht einmal, ihn jetzt und hier zu sehen.
Was wollten nur die da unten von ihm? Und warum war Reinholt so farblos? Und warum bebte Pfannschmidt so und hielt die Hände geballt? Und warum war er selbst so seltsam ruhig, so leer, so, als ob er ganz hohl wäre und sein Blut, seine Lebendigkeit, sein ganzer Inhalt ausgeronnen?
„Er darf nicht fort! Wir dulden’s nicht!“ riefen sie drohend zu ihm herauf.
„Fritz, mach’ die Kündigung rückgängig!“ beschwor ihn Reinholt.
Da reckte er sich hoch auf: „Nein!“
Und ganz hart, wie wenn Eisen gegen Glasscherben klirrt, rief er hinab in den Lärm: „Hier hab’ ich allein zu befehlen! Ob ihr’s duldet oder nicht — einerlei! Der Mann ist entlassen!“
Karus lachte höhnisch auf.
„Er duldet nicht, daß ihr einen Willen habt!“ rief er. „Kuscht, Hunde, kuscht! Er duldet nichts, als daß ihr kuscht!“
Nun brausten sie wilder empor: „Wir kuschen nicht! Wir lassen uns das Maul nicht verbieten! Wir lassen Sanders nicht weg! Er darf nicht fort!“
Die Treuen Hellwigs riefen dagegen und scharten sich dichter um das Podium und suchten die Schreier abzudrängen. Doch ihre Zahl war nur klein. Denn viele hielten sich zurück und standen unentschlossen da und wußten nicht, wem sie recht geben sollten. Der alte Bogner aber wollte immer wieder auf Sanders los und rang mit seinem Schwiegersohn, der ihn zurückhielt, und zitterte am ganzen Leibe und weinte vor Wut laut auf.
„Mach’ die Kündigung rückgängig!“ flehte Reinholt abermals. Hellwig schüttelte nur mit einem kurzen Ruck den Kopf. Jetzt mußte er fest bleiben, durfte sich die Leitung nicht aus den Händen winden lassen, sonst war alles verloren.
„Niemand darf hier drohen!“ sprach er in den Lärm hinein, laut und hell. „Niemand! Ich nicht und ihr nicht und niemand! Sanders ist entlassen! Und bleibt es! Und bliebe es auch, wenn ihr anständig und bescheiden euer Anliegen vorgebracht hättet! Er hat unsere Ordnung verletzt. Gilt euch diese Ordnung nichts und nichts euer verpfändetes Wort? Wenn ihr frei und unabhängig sein wollt, müßt ihr die Gesetze achten, die ihr beschworen habt und dürft nicht jene schützen, die sie böswillig brechen. Erst durch die Ungerechtigkeit werden wir unfrei!“
„Ich hab’ nicht Nachtwächter sein wollen, weil ich ein gelernter Weber bin! Ist das ein Verbrechen?“ rief Sanders spöttisch.
„Ich fordere Sie nochmals auf, die Ordnung zu achten und die Fabrik sofort zu verlassen!“
„Und wenn ich’s nicht tu’?“
„Dann jagt ihn der Volksbeglücker hinaus!“ höhnte Karus. „Schöne Volksbeglückung das! Wie ein ausgedienter Gaul wird er vor die Tür gesetzt!“
Einer von den Arbeitern aber, die um Sanders waren, trat jetzt verlegen vor und sagte: „Meister, ich ... wenn ich gewußt hätt’, was die eigentlich wollen, hätt’ ich mich nicht so tief eingelassen. Sie haben’s ja so abgemacht, untereinander, der Karus, der Leibinger und der Sanders. Jetzt begreif’ ich erst, wo das hinaus soll.“
„Schuft!“ schrie Sanders und spie ihm ins Gesicht. Karus trat gebieterisch dazwischen.
Hellwig ächzte dumpf auf und taumelte. Wieder einmal sah er sich einem Schurkenstück gegenüber, der Ekel kam und lähmte seine Tatkraft. Er haßte die Falschheit. Und alles, was nur eine Spur von Gemeinheit in sich hatte, machte ihn fassungslos und wehrlos, da konnte er nicht zornig dreinfahren, fühlte er nur Enttäuschung und Schmerz und eine tiefe Mutlosigkeit.
„Ihr habt es gehört!“ sagte er und das Sprechen wurde ihm schwer. „Ist es wirklich schon so weit, daß eine abgekartete Komödie uns auseinander bringen kann?“
Als sie den Meister so ganz tief traurig und wie um alle Hoffnungen betrogen sahen, regte sich das Gewissen in so manchem.
„Nein, Meister! — Wir halten zu Ihnen, Meister!“
Und der alte Bogner rang immer noch mit seinem Schwiegersohn und bat und drohte und schluchzte immerzu: „Laß mich los, Adam! Ich muß dem Kerl das Maul zustopfen!“ Doch der Adam ließ nicht los.
Karus aber wurde kaum des Umschwungs gewahr, da holte er aus zum entscheidenden Schlag. Und mit dem ganzen Elan seiner wilden, ungezügelten Leidenschaft lief er den letzten Sturm.
„Jawohl!“ schrie er, sprühendes Feuer in den Augen. „Jawohl! Es ist eine abgekartete Komödie! Aber sie ist gut genug, denen da oben die Larven herunterzureißen! Damit ihr endlich erfahrt, wie sie euch aus lauter Liebe die letzte Unze Blut aussaugen!“
„Nieder mit den Blutsaugern!“ rief Mark im Hintertreffen. Und: „Nieder mit den Blutsaugern!“ riefen ihm viele nach. Und immer lauter tönte und schmetterte die Stimme des alten Revolutionärs:
„Millionen raffen die zwei da oben zusammen! Jeder Tropfen Schweiß, den ihr vergießt, wird für sie zum Goldstück! Dann werfen sie euch ein paar Knochen hin: Da hast, Hund, friß dich satt!“
Und wie grollende Meeresbrandung tönte die Antwort zurück:
„Wir sind keine Hunde!“
„Nein, ihr seid keine Hunde! Es ist euer Recht, zu fordern, was sie euch als Almosen vor die Füße schmeißen! Ihr müßt die Herren sein, denn euere Muskeln stoßen die Welt vorwärts!“ rief Karus.
Sein heißer Atem wehte über sie weg, schlug ihnen wie Glutwind ins Gesicht, ergriff und riß sie mit wie der Sturm die Bäume.
„Nieder mit den Unterdrückern! Nieder! Nieder!“
Das grollte und gellte auf, hob sich wie eine gewaltige Woge hoch empor, wieder, wieder und immer wieder und wollte nicht schweigen.
Schlag auf Schlag kam das alles und ließ niemandem Zeit zur Überlegung. Hellwig stand mit totenblassem Gesicht und stützte sich schwer auf Reinholt. Als ob ihn das gar nichts anginge, blickte er in das Toben und fühlte nur einen harten Druck, der stärker und stärker sein Herz zusammenpreßte. Reinholt aber wollte ein letztes Mittel versuchen.
„Leute!“ rief er. „Kommt zur Besinnung, Leute! Fünf Kompagnien Soldaten sind im Dorf!“
Karus griff das Wort auf:
„Seht ihr’s! Seht ihr’s! Jetzt werfen sie schon die Larven ab! Jetzt zeigen sie ihr wahres Gesicht! Zusammenschießen lassen sie euch, wenn ihr euer Recht fordert!“
Und aus hundert Kehlen brauste es stürmisch zurück: „Wir lassen uns nicht zusammenschießen!“
Mittlerweile hatte Leibinger auch die Streikenden vor dem Gittertor gesammelt. Rauh aufjohlten die. Und dann: „Genossen, nicht nachgeben! Wir helfen euch! Hoch die Internationale! Hoch die Freiheit!“
„Hoch die Freiheit! Hoch! Hoch die Freiheit!“
Und Karus’ Stimme klang wie Trompetenschall durch den Aufruhr: „In Sklavenketten halten sie euch! Um euere besten Menschenrechte betrügen sie euch!“
„Wir lassen uns nicht betrügen! Wir sind keine Sklaven!“
Mühsam raffte sich endlich Hellwig zusammen: „Laßt euch nicht aufhetzen, Leute!“
„Er darf nicht reden! Herunter mit dem Tyrannen!“ donnerte es zurück.
Da schrie er schluchzend auf: „Das sind meine Braven? Für die hab’ ich gearbeitet?“ und sprang mit einem Satz mitten unter sie. „Hier bin ich! Nun? Was zaudert ihr? Macht den Tyrannen nieder! Ihr seid ja frei!“
Eine kurze Stille der Verblüffung.
„Du Schuft!“ rief der alte Kesselwärter und drang mit geschwungener Faust auf Karus ein. Der fing den Schlag auf und sagte kalt: „Ruhig, Alter! Gleich ist’s vorüber!“
„Wessen klagt ihr mich an?“ fragte Hellwig.
„Er darf nicht reden! Nieder mit dem Tyrannen!“ schrie Mark im Hintertreffen. Aber nun Hellwig wieder mitten unter ihnen war, nun sie die vertrauten Züge wieder dicht vor sich sahen, die Lippen, die so oft gütige Worte zu ihnen gesprochen, die Augen, die so oft heiter und frei und immer ohne Falsch auf sie gesehen, da trauten sie sich nicht recht vor, und nur dumpfes Murren folgte dem gellenden Auftakt Marks.
„Wessen klagt ihr mich an?“
„Wir lassen uns die Freiheit nicht rauben! Wir sind keine Sklaven!“ grollten sie und schauten mit scheuen Blicken an seinen leuchtenden Augen vorbei und schüttelten die Fäuste nur verstohlen.
Fritz aber stand da, wie ein Träumender stand er da und schaute in eine leere Ferne hinaus, einem zerfließenden Trugbild nach. Und während es sich langsam auflöste und zerrann, stieg langsam und immer klarer und schärfer eine neue Erkenntnis vor ihm auf. Sein Blick war starr und visionär, mit fremder, müder Stimme fing er an zu sprechen und es war, als holte er die Worte aus einem tiefen Brunnen herauf:
„Ich euch die Freiheit rauben? Brüder, wie kann ich euch etwas rauben, was niemals ein Menschengut gewesen ist? In schweren Ketten keuchen wir, das Schicksal hat sie uns auferlegt und wir zerbrechen sie nimmermehr. Aber das Tragen wollte ich euch leichter machen. Daß wir Schulter an Schulter die Ketten schleppen und sie uns nicht zu tief ins Fleisch schneiden. Ihr aber ... erhebt euch wider mich mit geballten Fäusten, Unmögliches verlangend, nie Erreichbares heischend. Ihr könnt ja nicht anders, seit heute, seit jetzt weiß ich es. Denn daß wir die Ketten stets aufs neue fühlen müssen, sobald sie uns nur ein bißchen leichter wurden, immer wieder schwer und drückend fühlen müssen, ist Menschenlos — ist ewiger Menschenfluch ...“
Die Stimme brach ihm. Unschlüssig standen die Leute. Karus aber, enttäuscht und zornig über diese Resignation, riß sein Beil aus dem Gürtel.
„Gelatsch! Gelatsch! Und geht’s nicht anders, zerreißt die Ketten, zerbrecht die Fesseln, zerschlagt den Kerker! Dann habt ihr die Freiheit! Die Freiheit ist da!“
Und: „Freiheit! Freiheit! Zerschlagt den Kerker! Wir wollen keine Ketten! Wir sind keine Knechte!“ schrien sie toll, jauchzend, außer Rand und Ufer.
„Führ’ uns, Karus!“ tönte ein Ruf. Und da schwoll es an zu Donnergebrüll: „Führ’ uns, Karus! Karus, führ’ uns!“
Und die Streikenden draußen riefen: „Wir kommen! Wir helfen euch!“ und warfen sich, Hunderte eine geballte Masse, gegen das Tor, und das Schloß sprang krachend entzwei, und tobend wälzte sich die Rotte in den Garten.
„Fritz Hellwig!“ frohlockte Leibinger. „Der Zahltag ist da!“
Karus vertrat ihm den Weg: „Diesem da wird kein Haar gekrümmt! Vorwärts, Männer! Vorwärts! Zu den Maschinen! Feuer in die Speicher! Den roten Hahn auf alle Dächer! Im Namen der Freiheit! Im Namen Heinz Warts! Rache für Heinz Wart!“
„Rache! Rache!“ gab der entfesselte Haufe gedankenlos das Wort weiter. Und Fritz lachte. Rasend lachte er auf und hieb sich mit der Faust die Schläfen: „Im Namen Heinz Warts? Recht so! Recht! Sengt! Brennt! Raubt! — Heinz! — Heinz Wart! ... Heinz ...!“ Wie verzweifelt gebärdete er sich.
„Wenn die Soldaten kommen ...“ warnte Mark.
„Dann reißen wir das Pflaster auf und bauen Barrikaden! Drauf, Männer, drauf! Unser ist die Welt!“
Und das blinkende Beil in hocherhobener Faust stürmte Karus fort. Fast alle folgten.
„Heinz Wart!“ riefen die einen, „Freiheit!“ riefen die andern. Blind, taub, sinnlos, jeder Überlegung beraubt stürzten sie ihrem neuen Führer nach.
Ganz wenige blieben zurück. Pfannschmidt, der sich den Empörern entgegengeworfen, lehnte, aus einer klaffenden Stirnwunde blutend, an einem Baum, und Bogner betreute ihn. Adam Pichler aber war schon früher in das Lager der Soldaten gerannt. Und Reinholt hatte alles andere seinen Gang gehen lassen in der Sorge um den Freund.
Im Laufschritt kam das Militär angerückt. Der diensthabende Hauptmann, die gelbe Feldbinde um den schlanken Leib, führte es mit gezogenem Säbel.
Da erwachte Fritz aus seiner Starrheit.
„Nicht das!“ stammelte er und atmete wie ein gehetztes Tier. „Nicht das!“
Unausgesetzt tönten krachende Axtschläge vom Fabrikhof, Gesplitter von Holz und Glas und Eisen, Brüllen und Gejohl.
Blutroter Feuerschein lohte auf. Die Magazine standen in Flammen.
Und jetzt ein wildes Geheul. Die Aufrührer hatten das Militär erblickt.
Hornsignale gellten durch den Tumult. Scharfe Kommandoworte. Prasseln von fallenden Steinen. Das dumpfe Aufschlagen der Gewehrkolben gegen hundert Schultern.
„Nicht das! Nicht ...“ Hellwig tat ein paar Schritte, wollte hin — und kam nicht weit. Ein furchtbarer Aufschrei: „Aus! Alles — aus!“
Reinholt sprang rasch herzu. Zu spät. Wie ein gefällter Stier brach der Volksbeglücker ohnmächtig zusammen.
Im selben Augenblick krachte die Salve.
6.
Als Hellwig das Bewußtsein wieder erlangte, war bereits die Nacht hereingebrochen. Er lag ausgestreckt auf einer der Bänke. Reinholt kniete neben ihm und legte nasse Tücher auf seine Stirn. Ein Häuflein verstörter und weinender Menschen stand im Kreis herum. Unstet leuchtete von der Fabrik herüber noch der Feuerschein. Vor dem zerbrochenen Gittertor aber hielten ein paar kastenartige Wagen, gelb angestrichen, das rote Kreuz im weißen Felde. Soldaten kamen und gingen mit brennenden Fackeln und mit Tragbahren, auf denen dunkle Menschenleiber lagen und stöhnten und zuckten. Ein Regimentsarzt eilte vorbei. Der Leinenkittel über der Uniform starrte von eingetrocknetem Blute, und auf der Höhe seiner fetten roten Wangen standen große Schweißtropfen. Er beugte sich über Hellwig und fragte, wie er sich fühle, und untersuchte ihn.
Der richtete sich jählings auf. „Wie viele sind verwundet? Wie viele tot?“ fragte er hastig, und im Grunde seiner Augen stand das Grauen. Der Arzt zog gleichmütig die Schultern hoch. „Weiß die Zahl noch nicht!“ sagte er. „War ein heißer Tag, hat viel Arbeit gegeben. Das waren, Gott sei Dank, die letzten.“ Mit einer Kopfbewegung deutete er auf die Bahre, die eben in den Krankenwagen gehoben wurde. „Ruhe brauchen Sie! Schlafen Sie sich ordentlich aus, Ihre Nerven haben’s verdammt nötig! Sonst fehlt Ihnen nichts!“ Nachlässig salutierte er und eilte zu den Fahrzeugen. Die Pferde zogen an, im Galopp ging es fort.
Dann kam der Hauptmann und bat den Besitzer der Fabrik um eine Unterredung. Und während Reinholt mit ihm sprach, trat Hellwig auf den Fahrweg hinaus, ging wie ein Schlafwandelnder weiter und weiter, zwischen rauschenden Feldern ging er und durch blühende Wiesen, und als Reinholt laut seinen Namen durch die Stille rief, da schritt er nur desto rascher vorwärts, mehrfach abbiegend, kreuz und quer, auf schmalen Rasenbändern, weiter und weiter, und er wußte nicht, wohin er ging und was ihn vorwärts stieß.
Hoch oben in der Luft trieben noch immer schnell und lautlos die silbrigen Wolken vor dem Mond, der halbrund am Himmel hing und es war, als ständen die Wolken still und jagte die weiße Luna in hastiger Flucht zwischen den ruhenden Silberflocken durch den glanzerfüllten Raum. Von den brennenden Speichern und Dächern der Fabrik kam ein roter Schein und wehte unruhig über die Fluren, und der Himmel war dort purpurn glühend und die dunklen Büsche standen davor mit allen ihren schlanken Zweigen und gerundeten Blättern scharf aus dem lohenden Glanz herausgehoben, schwarze Schattenbilder auf goldig flammendem Grund. Schön und seltsam und geheimnisvoll war die Landschaft mit ihren sanften und grellen, ruhigen und beweglich huschenden Lichtern und Farben und Schatten, und unermeßlich dehnte sie sich in einem milden Leuchten blau verdämmernd, weit, weit, bis sie mit dem Rand der hohen Himmelsglocke zusammenschmolz. Lautloses Ineinanderspielen der Farben unten, lautloses Wolkenziehen hoch darüber, glanzgesättigte Stille dazwischen: das war wie ein Prunksaal der Einsamkeit, die hier demütigstolz die Königskrone aus den Händen der Unendlichkeit entgegennahm.
Trostbringende Königin Einsamkeit.
Für den, der hier ihren Krönungssaal durchwanderte, weiter und immer weiter wanderte, mit gesenkter Stirn und schlaffen Armen, für ihn hatte sie keinen Trost, und er suchte ihn auch nicht. Er wollte nur ... Was wollte er denn eigentlich noch?
Da war ihm alles niedergebrochen. Ihm, dem Sieger, — „Wir sind durch!“ hatte er oft und oft den Freunden gesagt, — war alles niedergebrochen. So gründlich, daß kein Stein auf dem andern geblieben. Und die ihm vertraut hatten, saßen jetzt zwischen ausgebrannten Mauern, viele brave, arbeitsame Leute, — und konnten betteln gehen. Sein Lebenswerk. — Und Blut war vergossen worden. Durch seine Schuld war Blut vergossen worden, rotes, warmes Menschenblut. Sein Lebenswerk. Und alles war ihm niedergebrochen. Was wollte er also noch?
Diese Gedanken, und immer nur dieselben Gedanken waren es, die ihn begleiteten, während er so durch die endlose Ebene hinschritt, stundenlang weiter und weiter schritt, bis ihn die Müdigkeit überwältigte. Seine Beine begannen zu zittern, er taumelte und mußte sich niedersetzen.
Ganz schüchtern leuchtete das Frührot auf. In klaren Kugeln hing der Tau an den Gewächsen, und faul versuchte ein Frosch seine knarrende Stimme. Ein Vogel fing zu zirpen an, zaghaft und leis, als fürchtete er sich noch vor der Dämmerung und der Stille — dann lauter, kecker — ein zweiter gab Antwort — und als der junge Tag goldhell in das freudig aufschauernde Land hineinsprang, da jubilierten im vollen Chor, dem Zwang der Nacht entronnen und grüßten ihn viel hundert gefiederte Sänger.
Mit dem Gesicht nach abwärts hatte sich Fritz ins tauige Gras geworfen. Vielgestaltig regte sich das Leben unter ihm. Winzige weiße Würmchen krochen umher, schwerfällig schüttelten die Fliegen den Tau von den surrenden Flügeln, ein hungriger Käfer lief hastig durch das Labyrinth der grünen Stengelchen, eine Spinne kletterte über das feine Wurzelwerk und über die kleinen Steinchen, mühselig, als stieg sie über hohe Berge. Und unter der beweglichen Mannigfaltigkeit ruhte das braune schwere Erdreich gelassen und still wie die Brüste einer Mutter unter den ratlos tastenden Fingerlein des trinkenden Kindes.
Aber diese Ruhe strömte nicht auf ihn über, und sein Herz ging nicht in stillerem Gang. Schnell und schwer pochte es gegen den Boden im harten Rhythmus der Verzweiflung. Und während er so in die Erde starrte und den herben Duft ihrer Fruchtbarkeit trank, erwachten und zogen vorüber wie Bilder einer Zauberlaterne alle die hingeschwundenen achtunddreißig Jahre seines Lebens mit ihren Hoffnungen und Irrtümern, ihren Kämpfen, Niederlagen und bittersten Enttäuschungen. Was immer er bisher versucht hatte, alles war ihm mißlungen. Viele Wege war er gegangen, mit beschwingtem Fuß, in ernster und froher Begeisterung vermeinend, daß er dem Ziele näher komme. Aber jeder war ein Irrweg gewesen, hatte zum Ausgangspunkt zurückgeführt. Und da hielt er nun, wo er angefangen — vor dem Nichts. Und alle Kraft war verzettelt, alle Arbeit vergeudet, verpulvert, vertan. Und jedesmal hatte er geglüht und geflammt, gleich heiß und hell geflammt für ein Leben ohne Götter und ohne Lüge, für die Herrschaft des deutschen Volkes und für die brüderliche Gleichheit aller Völker, für den Sieg der Sozialisten und für ihre Niederlage durch seine Ideen. Und alles war Lüge gewesen und Götzendienst. Sich selbst hatte er belogen und ein utopisches Ziel war sein Gott und Götze und selig machender Glaube. Wie die Spinne vor seinen Augen mühsam über die Grashalme, war er auf ebenem Boden keuchend gekrochen und hatte vermeint, er stürmte steile Berge empor zum Ziel. Nutzlos verschwendete Mühe — Irrsal — Verzweiflung — das war alles, was ihm geblieben. Und eine Ehe, die keine Ehe war, ein Weib, für das der Gatte, ein Kind, für das der Vater wie ein Gestorbener war.
Aber leise, in den quälenden, schweren Rhythmus der Verzweiflung hinein, nur kaum wie ein schwaches Vogelzwitschern im Gewittersturm verhallend, schwebte fernher, ganz leise, eine Melodie des Trostes und ein schüchterner Hoffnungsklang. Und eine scheue Sehnsucht stand auf und pochte zag an und pochte lauter und mahnte: „Kehr’ heim!“
Und pochte lauter und mahnte inniger: „Kehr’ heim! Zu Eva und Hansl, dorthin gehörst du — sie warten auf dich. — Nicht um deinetwillen — ihretwegen mußt du hin, daß sie aufrecht bleiben und sich weiter freuen — wenn auch du — zerbrochen bist ...“
Und ohne noch einmal in die Fabrik zurückzukehren, wie er ging und stand, im Hausanzug und mit der Gartenmütze, reiste er von der nächsten Bahnstation ab.
7.
Otto Pichler las in seinem Stammcafé in den Zeitungen, daß das Unternehmen des einstigen Freundes gescheitert war. Es bewegte ihn nur wenig. Sein Schifflein war geborgen.
Schon längst hatte er Grete Deming geheiratet, schon längst war er Prokurist und Stellvertreter des Direktors der chemischen Fabrik. Sein Schwiegervater hatte sich vor einigen Jahren zur Ruhe gesetzt. Ein verdienstvoller alter Herr, den man nicht hatte übergehen können, war dermalen mit der Leitung betraut. Aber sein Rücktritt konnte nicht mehr lang auf sich warten lassen, und dann war Otto der kommende Mann. Bei den Beamten war er beliebt. ‚Das Glückskind‘ nannten sie ihn und hatten recht damit. Nur wenige gab es, die so spielend mit dem Leben fertig wurden und mühelos die reifen Früchte auflesen konnten, die ihnen ohne vieles Dazutun wie von selbst in den Schoß fielen.
Seine Ehe war wie tausend andere auch weder heiß noch kalt; eine gleichmäßig laue Atmosphäre hüllte sie ein, ließ keine Stürme heran, machte den Körper feist und war dem Wohlbefinden ungemein bekömmlich.
Er ging seine Wege, Grete ging ihre Wege, mit der Treue nahmen sie es beide nicht zu genau.
Als der zukünftige Direktor den Bericht gelesen hatte, fragte er den Kellner, ob die Herren seiner täglichen Tarockpartie schon anwesend seien. Der Befrackte bejahte. Da zog Otto ein goldenes Etui aus der Brusttasche, zündete sich eine Zigarette an, und während er den Rauch erst einatmete und dann langsam in die Luft hinausschwimmen ließ, dachte er: Ist es nicht Wahnsinn und Aberwitz, Gesundheit und Kraft und Blut für wildfremde Menschen einzusetzen? Wir leben schließlich doch nur das eine Leben, und warum sollten wir uns das nicht so angenehm wie möglich machen und trachten, daß es uns sacht und unmerklich verrinne in Fröhlichkeit und heiterem Behagen?
Dann ging er ins Spielzimmer und mischte die Karten.