Viertes Buch
Reading edition
1.
Während Hellwig im Gefängnis saß, war das allgemeine Wahlrecht Gesetz geworden. Otto Pichler erntete wiederum, wo Fritz die Aussaat besorgt hatte. Er wurde im Wahlbezirk der Bergleute zum Abgeordneten gewählt. Mühelos wie alles war ihm auch das geglückt. Trotzdem er bisher weder in einer ernsten Lage sich bewährt, noch auf besondere Erfolge hinzuweisen hatte, vertrauten sie ihm, da sie sich daran gewöhnt hatten, dem Nachfolger als Verdienst anzurechnen, was der Vorgänger erkämpfte: den ruhigen Verlauf der Zeit in Zufriedenheit und Ordnung bei reichlicherem Erwerb und kürzerer Arbeitsdauer.
So kam Otto in die Hauptstadt, hielt eine Jungfernrede voll geistreicher Wendungen und glänzender Nichtigkeiten, sprach dann noch ein paarmal bei wichtigen Anlässen und befragte die Minister, so oft es seine Wähler verlangten. Damit glaubte er fürs erste genug getan zu haben und machte sich nun daran, das Leben auch einmal mit einem Geldbeutel zu genießen, den die Bezüge angenehm schwellten.
Bei den Kabaretten und Wintergärten fing er an, gewann hier Fühlung mit Kunstbeflissenen, die dekadent und kraftlos ihre Ohnmacht hinter Stimmungen zu verbergen und ihre Unfruchtbarkeit durch Anregungen zu heilen suchten. Diese Leute benutzte er, um sich Zutritt zu den Firnistagen der Ausstellungen zu verschaffen, schloß hier neue Bekanntschaften, knüpfte die mannigfaltigsten Beziehungen an und war bald in die Gesellschaft eingeführt. Zwar hütete er sich noch, mit Großkapitalisten und Geldmännern öffentlich zu verkehren. Aber als er Deming im Theater traf, verbeugte er sich doch vor ihm und hatte die Genugtuung, daß der kaiserliche Rat, der mit seiner Tochter den Winter in der Hauptstadt zubrachte, ihn wie einen Bekannten begrüßte und sich leutselig nach seiner dermaligen Tätigkeit erkundigte.
Ein paar Tage später erhielt er die Einladung zum Empfangsabend des Direktors. Er schwankte lang, ob er hingehen sollte. Endlich tat er es doch. Gretes junge Schönheit lockte zu stark.
Der gewichtige Mann kam ihm freundlich entgegen, klopfte ihn wohlwollend auf die Achsel und sagte, daß es ihn sehr freue, den Doktor Pichler, dessen glänzend und geistvoll geschriebene Abhandlungen er stets mit Vergnügen lese, bei sich begrüßen zu können. Der Doktor gelte zwar für einen Freigeist und Feind der bürgerlichen Gesellschaft, aber das tue gar nichts. Denn in seinem Hause komme es nur auf den Menschen an, nicht auf die Gesinnung.
Otto verneigte sich geschmeichelt und wurde den Gästen vorgestellt: Exzellenzen, Baronen, reichen Kaufherren. Er, Doktor Otto Pichler, kam sich ordentlich klein vor neben so viel Geld und Titel und Würden.
Und Grete, die in ihrem weißen Seidenkleid wie ein schöner Sommertag leuchtete, war voller Huld und Gnade. Er durfte sie zu Tisch führen, eine Auszeichnung, um die ihn viele beneideten und die sogar er, Doktor Otto Pichler, Feuilletonist, Schriftleiter und Abgeordneter, sogar er sich nicht recht erklären konnte. Woher auch hätte er wissen sollen, daß es im Kampfe gegen die Demokraten der geheime Feldzugsplan Demings war, ihnen die besten und fähigsten Führer zu ködern und abspenstig zu machen?
Grete verstand zu plaudern. Sie hatte alles gelesen, alles gesehen, was gerade Mode war, sprach mit der größten Sicherheit darüber, und ihr Tischnachbar war der letzte, der ihr die oberflächliche Dreistigkeit übelnahm, mit der sie über die verwickeltsten Probleme, die schwierigsten Fragen und über die besten Männer der Zeit ihr Urteil abgab. Er tat’s ja auch nicht anders. An jenem Abend aber kam er gar nicht dazu, das volle Feuerwerk seines beweglichen Geistes sprühen zu lassen. Die vornehm gedämpfte Üppigkeit der Umgebung, das ausgesucht feine Essen, die erlesenen Weine und echten Importzigarren, das Schimmern entblößter Schultern und milchweißer Nacken im hellsten Lichterglanz: das alles war ihm ungewohnt, in ein schönes Zauberland glaubte er hineinzuschauen, nur wie aus weiter Ferne drang das Schwirren der Unterhaltung an sein Ohr. Und es wurde ihm, als glitten unsichtbare weiche weiße Frauenhände über die zartesten Saiten seiner Seele und ließen sie erklingen in sinnverwirrender, unsäglich süßer Musik.
Und als er spät nachts seiner Wohnung zuschritt, da war etwas wie Neid in ihm. Neid gegen jene, die der Sorgen um des Lebens Notdurft überhoben, nach Lust und Laune ihrer Neigungen leben und die Erde zum Paradies sich wandeln konnten.
Seither verkehrte er oft bei Deming. Aber er erzählte seinen Parteigenossen nichts davon.
2.
Es war in den letzten Tagen des Mai, als Hellwig aus der Strafanstalt in die Hauptstadt zurückkehrte. Dort hielt er sich jedoch nur gerade so lang auf, als er benötigte, um den Rucksack zu packen und sich einen einjährigen Urlaub zu erwirken. Innerhalb dieser Zeit hoffte er mit seinem Werke fertig zu werden. Über Plan, Aufbau und Einteilung war er sich klar, brauchte nun für die Ausführung ganz freie Bahn. Seine Ersparnisse ermöglichten ihm die Unterbrechung.
Als er dann noch die Wohnung gekündigt und seine Habseligkeiten nach Neuberg vorausgesendet hatte, machte er sich ungesäumt auf die Wanderung. Er wollte den Weg in die Heimat zu Fuß zurücklegen. Denn wie ein Rausch hatte es ihn angepackt, als er nach der langen Haft wieder Felder erblickte, grüne Fluren, Wälder, Berge, die runde hohe Himmelsglocke über der blumigen Erde.
Auf einsamen Steigen und Fußwegen ging er, ging über die Kämme und durch die engen Gebirgstäler Oberösterreichs zum Böhmerwald hinüber und durch die düsteren, waldreichen Gebirgsmassen nordwärts, ließ sich die Sonne ins Gesicht scheinen, den Wind um die Ohren blasen, vom Regen die Stirn kühlen und ging nur immerzu, atmete, schaute und drängte sich an die Brust der Erde wie ein hungriges Kind. Selten nur machte er in einem Wirtshaus Rast, übernachtete oft im Freien. Bei schlechtem Wetter bat er in Dörfern oder Einschichten um Unterkunft, mit den Bauern teilte er Roggenbrot und Milch.
Zehn Tage wanderte er so durch den werdenden Sommer. Seine Wangen wurden rot, sein Gesicht vom Wetter gebräunt. Der Stickluft des Kerkers entronnen, dehnten sich die Lungen, badete sich der Körper in dem herben Ozon, wurde leicht und frisch und aller Mühsal ledig, wie ein junger Krieger, der sich zu frohem Kampfe rüstet.
Und am elften Tag, da schritt er mit dem erwachenden Morgen seiner Vaterstadt zu. Die Sonnenpfeile hatten Wunden geöffnet im Leib der Nacht, und sie verblutete langsam. Langsam stieg die Sonne herauf, und über den Hügeln war ein Leuchten wie rotes Gold. Der Morgenwind hatte schon ausgeschlafen, weckte die Waldsänger und läutete mit allen Blütenglocken. Tautropfen hingen an den Blättern, die Lerchen flogen jubelnd der Sonne entgegen, und eine große Frische war überall. Und die Sonne stieg höher und höher.
Mit einem wilden Schrei breitete er beide Arme aus, weit, weit —
Vor ihm, tief unten im Tal, lag seine Vaterstadt. Der schlanke Kirchturm mit dem eisernen Kreuz, die roten Ziegeldächer, in grüne Gärten eingebettet, von runden Obstbäumen bewacht, umdrängt von gelben Ährenfeldern, die dem Herbst entgegenreiften an der treuen Mutterbrust. Zwischen Weiden und Erlen schlang der Fluß sein stahlglänzendes Band durch die Wiesen und unter Mühlenrädern fort. Und die Mühlenräder drehten sich und rollten, und von ihren Schaufeln fiel ein funkelnder Regen von Edelsteinen.
Unter dem breit schattenden Blätterdach der hohen Linde, die, ein Wahrzeichen seit Jahrhunderten, auf dem Hügel stand, ruhte der Heimgekehrte und blickte in das leuchtende Tal hinab, wo tausend Erinnerungen mit frohen Augen ihm entgegen schauten, mit weißen Kinderhänden winkten, die Arme verlangend nach ihm streckten. Und seine Jugend kam leise zu ihm her, legte das blonde Haupt in seinen Schoß und lächelte ihm zu. Und ruhiger schlug ihm das aufgeregte Herz, sachter wurde die Freude. Eine sanfte Wehmut klang hinein, unbestimmt, fernher, wie ein weicher Mollakkord. Und ein wunschlos träumendes Gefühl des Geborgenseins umfaßte ganz warm seine Seele, und sie ruhte darin und bebte wie ein aus dem Nest gefallener Vogel zwischen zwei helfenden Menschenhänden.
Lang saß er so mit gelösten Gliedern und schaute und konnte sich nicht satt sehen an der ruhevollen Schönheit seiner Heimat. Über dem blühenden Wipfel hing der Himmel hell und unbewegt wie ein seidenes Fahnentuch und leise summten die Bienen ihr süßes Lied.
Und nach den starken Fußmärschen der letzten Tage, dem kurzen Schlaf auf unbequemen Lagern, den Aufregungen der Stunde forderte der Körper sein Recht. Wohliges Ermatten wiegte ihn ein, die Lider wurden ihm schwer. Er streckte sich lang aus im leicht bewegten Gras, sah durch das helle Wipfelgrün in den blauen Himmel hinein und ließ sich willenlos hinübertragen in das uferlose Meer der Träume.
Ihm träumte:
Er ging mit Heinz durch einen großen Wald. Der war ausgetrocknet vom Sonnenbrand, und die Zittergräser auf seinem Grunde waren fahl und dürr. Aber die Vögel sangen in seinen Kronen, und unter den Zittergräsern blühten die Blumen. Eine große Schönheit war in diesem Walde, die sonnenheiße Schönheit des reifen Sommers.
Und Heinz sprach: „Wie groß muß erst deine Schönheit sein, du warmer Wald, wenn alle Flammen, die in deinen Stämmen und Gräsern schlummern, mit eins erwachen und emporschlagen in lohender Glut. Wohlan, du warmer Wald! Ich will deine Flammen wecken! Ich will dein Herold sein, dein Befreier und Erlöser!“
Und sie trugen Äste zusammen und dürre Reiser.
Die zündeten sie an.
Bläulich fahl leuchteten Flämmchen auf mit leisem Knistern, verschwanden wieder, tauchten abermals auf, größer, lauter knatternd.
Und weiter und weiter liefen die Flammen.
Und jetzt, wie ein goldrotes Eichhörnchen, sprang ein Flämmlein hinan am honigfarbenen Kiefernstamm.
Und da, und dort — lauter goldrote Eichhörnchen.
Die wuchsen und wuchsen, wurden zu gelben, fauchenden Katzen, samtroten grollenden Leoparden — und jetzt waren es riesige, goldhelle Löwen.
Und die riesigen Löwen begannen ein Ringen und Balgen, zerfleischten, verschlangen einander in rasender Wut. Und die Sieger wurden größer und größer.
Und ein Sausen kam von fern, dumpf und hohl, wie nahender Sturm.
Und ein Sturm brach herein und peitschte die Flammen mit heulender Wucht. Vor, hinter, neben ihnen lohten sie, stiegen sie, schlugen mit gierigen Pranken zum Himmel, verrankten und verwoben sich zu glühenden Wänden, wehten wie leuchtende Flaggentücher, vereinigten sich, himmelan steigend, hoch, hoch oben zu einer einzigen Kuppel von blendendem Glanz. Und eine kochende Hitze war überall.
Sie aber, die beiden schwachen Menschenkinder, standen in diesem weiten Feuerdom, standen darin und fürchteten sich. Fürchteten sich vor der entfesselten Schönheit des Waldes, die sie selbst geweckt hatten. Wollten fliehen und fanden keinen Ausweg.
Enger drängten die Flammenwände herzu, tiefer sank die gewaltige Kuppel.
Und jetzt schlug’s zusammen mit Heulen und Sausen.
Ein Prasseln, Krachen, Brüllen und Funkenstieben.
Und eine Stimme scholl durch das Getöse wie hohnlachender Donner:
„Lernt eure Leidenschaften zügeln und euer Wollen! Euer Wollen war groß — seht zu, ob ihr auch tragen könnt, was ihr gewollt habt!“
Und die Flammen brachen nieder und begruben sie unter ihrem heißen goldenen Mantel. — — —
Fritz erwachte verstört und erschreckt.
Die Sonne stand im Mittag, vor ihm lagen die roten Giebeldächer, und leise summten im blühenden Lindenwipfel die Bienen immerzu ihr süßes Lied.
Aber aus der Landschaft war aller Glanz genommen. Die Freude war tot, die Erinnerungen winkten und die Jugend lächelte nicht mehr.
Traurig und schwer wurde ihm ums Herz. Und doch war eigentlich nicht der Traum daran schuld, sondern der wieder aufgeweckte Gedanke, daß er nun bald der Mutter des toten Freundes werde gegenübertreten müssen. Er dachte an jenen Abend, da sie mit rauschenden Gewändern im Regen neben ihm hergegangen war und dem kranken Kinde einen starken Freund zu werben geglaubt hatte. Alles hatte sie von dieser Freundschaft erhofft — und war nun um alles gekommen.
Und das Haus dort unten stand unverändert da und deckte mit seinen steinernen Mauern gleichmütig das Leid wie einst die Fröhlichkeit zu.
Noch kein Gang war ihm so schwer geworden. Aber er mußte gegangen werden. Langsam stand er auf, schritt langsam über die Lehne ins Tal.
Jetzt stand er vor dem alten Haus, trat ein und wunderte sich, daß der Flur so geräumig und still, der Hof so öde war. Kein Pferdegewieher, kein Aufladerlärm. Nur ein paar Kisten lagen einsam, wie vergessen da.
Mit geschnürtem Atem stieg er die Treppe empor, fand die Tür zum Vorzimmer offen, ging hinein. Er nahm den Rucksack vom Rücken, hing Hut und Wanderstecken an den Kleiderständer, klopfte an die Tür der Wohnstube.
„Herein!“ sagte eine weiche Stimme. Eva stand vor ihm, schlank und blaß, in schwarzen Gewändern.
„Fritz!“ sprach sie leise, kam auf ihn zu und legte ihm die Arme um den Hals. „Wie gut, daß du kommst!“
Wie etwas Selbstverständliches tat sie das, — so, als setzte sie nur ein begonnenes Träumen fort.
Unsicher schaute er auf den blonden Scheitel und wagte kaum zu atmen.
„Ist das wahr?“ fragte er endlich schwer.
Da schrak sie auf, ward sich ihres Tuns erst bewußt. Heftig nahm sie die Arme von seinem Nacken.
Doch er hielt sie fest.
„Nein, Eva, du gehörst schon hierher!“ sagte er mit tiefem Ernst. Und das war wie ein Gelöbnis.
Sie wehrte ihm nicht.
„Ich hab’ dich ja schon lange so lieb!“ stammelte sie wie zur Entschuldigung und schmiegte sich erschauernd fest an ihn.
Da nahm er ihren Kopf zwischen seine beiden Hände, schaute ihr in die feuchten Augen.
„Dank! Dank! Nun wird sich’s leichter tragen.“
Dann war lange Schweigen.
Endlich richtete er sich mit einem Ruck straff auf. Sein Blick verdüsterte sich.
„Komm zur Mutter!“ sagte er.
Sie blickte ihn ängstlich an und fürchtete sich beinah vor seiner finsteren Stirn.
„Komm!“ Sie führte ihn die Treppe hinauf zum Dachzimmer.
„Willst du mich nicht anmelden?“
„Wozu? Mutter weiß, daß du kommen wirst, erwartet dich schon seit Tagen.“
Da legte er die Hand auf die Klinke und stieß die Tür auf.
Frau Hedwig saß beim Schreibtisch ihres toten Sohnes, mit dem Sichten von Briefen und Papieren beschäftigt. Auf ihren Haaren lag ein Schimmer wie von grauer Asche, und in das gütige Antlitz war ein müder Zug gekommen.
Eva schob sich an Fritz vorüber rasch ins Zimmer.
„Er ist da!“ sagte sie und schaute die Mutter mit bittenden Augen an. Die hatte sich schon erhoben, ging auf ihn zu: „Willkommen.“
Sie hielt ihm die Hand hin. Er aber nahm sie nicht.
„Ich komm’ allein!“ murmelte er mit aufeinanderliegenden Zähnen.
Da legte sie ihm mit einem warmen Blick die verschmähte Rechte auf den Arm: „Machen Sie es sich und uns doch nicht gar so schwer!“
„Nicht so gut sein ...“ Das klang rauh, wie ersticktes Schluchzen.
„Fritz!“ sprach nun die Frau herzlich und war ganz nahe bei ihm. „Das dürfen Sie nicht glauben, Fritz. Nein, das nicht ... Unser Heinz, der — hat wohl so sterben müssen. Hat sich für seinen Glauben geopfert und über den Tod mehr gefreut als je im Leben. Drum — es wird wohl das beste Gedenken für ihn sein, wenn wir ihn so verstehen und auf niemanden einen Stein werfen. Auch auf uns selbst nicht, Fritz! Keiner hat schuld an seinem Tod — nicht einmal er selbst. Er hat nur — das allerbeste Glück kennenlernen wollen — und gern ein Leben dafür weggeworfen, das sich anders nicht mehr hat erfüllen können ...“
Ihre Stimme zitterte, aber um den Mund lag etwas wie der Abglanz eines mutigen Lächelns. Und wieder hatte sie den rechten Weg zum Herzen des schwerblütigen Menschen gefunden.
„Es wird schon so sein, Frau Wart,“ sprach er klanglos vor sich hin und stand noch wie geistesabwesend da. Dann aber, im Überquellen einer starken Empfindung, haschte er nach ihren Händen. „Meine zweite Mutter!“ sagte er ganz leise, ganz innig.
Sie verstand ihn gleich.
„Ja, Fritz, Ihre zweite Mutter. Und Sie — mein anderer Heinz. So wird’s wohl recht sein.“
Und sie zog sein Gesicht zu sich nieder und küßte ihn auf die Wange. Dann wandte sie sich an ihre Tochter: „Nun, Ev? Was sagst du zu deinem neuen Bruder? Bist du’s zufrieden?“
Die aber schüttelte den Kopf.
„Nicht?“ fragte die Mutter. „Und doch glänzen dir die Augen so stark?“
Verwirrt kehrte sich die Schlanke ab, drehte angelegentlich den Fensterriegel hin und her. Sie merkte nicht, daß Fritz hinter sie trat. Erst da er den Arm um sie legte, zuckte sie zusammen, ließ ihn jedoch stumm gewähren.
Als sie sich umwandten, sahen sie, daß sie allein waren. Frau Wart hatte leise das Zimmer verlassen.
„Wo ist die Mutter?“ fragte Eva fast erschrocken.
Fritz sagte nichts darauf. Seine Augen leuchteten und in seinem Gesicht war etwas von der frommen Andacht gläubiger Beter.
Als ein Bettler hatte er das Haus betreten und war überreich geworden. Und die Erinnerung an den Freund hatte allen Schrecken verloren.
In heißer Ergriffenheit zog er seine schöne Braut an sich und küßte sie zum erstenmal auf den Mund.
3.
Fritz mußte lang suchen, bis er in Neuberg eine Wohnung auftrieb. Niemand wollte ihm ein Zimmer vermieten. Seit er im Kerker gesessen, war er wieder ein räudiger Wolf geworden. Professor Hermann stellte nicht mehr voll Genugtuung fest, daß Fritz Hellwig sein Schüler gewesen sei. Er behauptete jetzt im Gegenteil, daß solch ein Ende mit Schrecken ja vorauszusehen war, denn dieser Hellwig habe schon als Junge keine Achtung vor der Autorität gehabt. „Und keinen Glauben!“ fügte Pater Romanus hinzu und nickte schwermütig mit dem Kopf. Und das war der zweite Grund, weshalb sie ihn mieden. Weil er kein Klerikaler war. Denn die Klerikalen waren in Neuberg zahlreich geworden wie die Grundeln im Teich. Zwar nannten sie sich christlich-sozial oder katholisch-national, aber das war nur ein anderer Name für dieselbe Sache. Das war so gekommen, weil die freisinnige Bürgerschaft in viele kleine Gruppen, von denen jede die deutscheste sein wollte, zersplittert war und im Streite um des Kaisers Bart begriffen, dem straff organisierten schwarzen Gegner eine wichtige Stellung um die andere fast kampflos überließ. Noch gab es ja einige wackere Männer, denen alles, was nur von weitem nach Papismus und Pfaffentum roch, in der Seele zuwider war, aber die mußten bei der allgemeinen Zwietracht für sich stehen und waren, wenn auch nicht auf den Hund, so doch auf den Galgenhumor gekommen, derart, daß sie den verhaßten Schwarzen jeden Schabernack antaten und mit Schnurrpfeifereien, Schelmenstücken und Schalksnarrenstreichen kämpften, wenn es schon nicht anders ging. Zu diesen Männern gehörte auch der Flickschuster Peter Kofend. Der hatte schon viel auf dem Gewissen. Bereits dreimal war er bei der Firmung gewesen und hatte jedesmal, noch nicht trocken vom Salböl, das Firmgeschenk versoffen. Und bei der letzten Firmung, da hatte er gar zuvor noch die Böller vernagelt, so daß der hochwürdige Herr Weihbischof ohne Freudenschüsse in Neuberg seinen Einzug hatte halten müssen. Und was das Lächerlichste war, er hatte einmal im Wirtshaus mit dem frommen, gebrechlichen alten Sattlermeister Adam Jahn gewettet: er, der Kofendschuster, werde trotz seiner zappeligen Munterkeit früher ins Gras beißen als der Jahnsattler mit seinem Asthma. Und als Einsatz stellte er das Leichenbier: Wer den andern überlebte, sollte nach dem Begräbnis den üblichen Trunk für die Trauergäste zahlen. Und der fromme, gebrechliche alte Jahnsattler, der vom vielen Beten eine Hornhaut auf den Knien hatte, kam durch diesen Vorschlag in eine arge Not. Denn er war nicht nur fromm, er war auch sparsam. Und er dachte sich: Ich bin zehn Jahre älter als der Peter, ich bin kränklich, ich bin fromm, der liebe Herrgott wird mir verzeihen, wenn ich das Leichenbier sparen und der Kirche mehr vermachen kann. Vielleicht hilft er mir sogar, der liebe Herrgott, daß ich dem Peter zum Trotz gewinne. Und er nahm die Wette an und sie wetteten um das Leichenbier, jeder, daß er früher sterben werde als der andere. Und während der Jahnsattler seither noch gebrechlicher wurde, eine noch dickere Hornhaut auf den Knien bekam und sichtlich einging, war der Peter verrucht genug, die Geschichte in der ganzen Stadt zu erzählen. Und die ganze Stadt, mit wenigen Ausnahmen, bedauerte den frommen, gebrechlichen alten Adam und entrüstete sich über den gottlosen Peter. Und die ganze Stadt, mit noch weniger Ausnahmen, entrüstete sich auch über Hellwig, daß er bei dem gottlosen Peter wohnen wollte. Und die ganze Stadt, mit den wenigsten Ausnahmen, entrüstete sich noch mehr über den Kofendpeter, daß er einem abgestraften Sozialistenführer Unterstand gab. Der Kaufmann Wart gehörte zu den Ausnahmen. Darüber wunderte sich niemand. Von dem Vater eines Hingerichteten konnte man nichts anderes erwarten.
Der Kaufmann war nicht mehr der behaglich polternde, vergnügte Mensch von ehedem. Etwas Scheues und Gedrücktes war in sein Wesen gekommen, machte sich auch äußerlich geltend durch einen schleppenden Gang mit vorgebeugten Schultern und gesenkter Stirn. Schwere Jahre waren über ihn weggerollt, das merkte man. Gleich nach dem Begräbnis Doktor Kreuzingers hatte es angefangen. Da hatte die Wühlerei eingesetzt: Pflicht jedes Christen sei es, den Kaufladen eines Menschen zu meiden, der nicht einmal für seine Toten den Priester begehrte. Und viele Kunden waren ausgeblieben. Dann kam, durch Vermittelung des Konsulats in Odessa, die Nachricht, daß Heinz Wart am Galgen geendet. Des Zwischenfalls bei der Hinrichtung wurde keine Erwähnung getan. Das blieb kein Geheimnis, sprach sich rasch in der ganzen Gegend herum, brachte die Familie in Acht und Bann. Wer in Neuberg und Umgegend nur halbwegs etwas auf sich hielt, mied jegliche Berührung mit den Angehörigen eines Gehängten. Der Kaufhandel ging immer schwächer. Ungeduldig stampften die müßigen Rosse in den Ställen, bis sie verkauft wurden. Die Auflader mußten bis auf einen entlassen werden. Im Kontor ruhten alle Federn. Das alte Geschäft stand vor dem Verfall.
Der emsige, an fortwährende Arbeit gewöhnte Wart empfand den Müßiggang fast wie körperlichen Schmerz. Er alterte sichtlich dabei. Es waren nicht Geldsorgen, die ihn drückten. Auch ohne den Kaufhandel waren seine Einkünfte weit größer als die Ausgaben für den Haushalt. Und doch schützte er immer den schlechten Geschäftsgang vor, wenn Frau Hedwig, um ihn zur Aussprache zu bringen, vorsichtig nach dem Grund seines veränderten Gehabens forschte. Er wußte, daß sie ihm die Ausrede nicht glaubte. Aber er vermochte nicht von seinem Sohn zu sprechen. Seit er die furchtbare Botschaft erhalten, war dessen Name nicht über seine Lippen gekommen. Damals hatte er auch seine sämtlichen Ehrenämter niedergelegt und sich von allen Bekannten zurückgezogen.
Auf Hellwigs Werbung hatte er nur die bittere Antwort: „Recht so! Nehmt mir nur auch das letzte noch weg!“ und ging schwerfällig in sein Schreibzimmer, wo er sich einschloß.
Später kam er mit keinem Wort darauf zurück, sagte auch nichts, als er die Vorbereitungen zur Aussteuer gewahrte. Und nur einmal, als sich Heinzens Todestag zum zweitenmal jährte, meinte er, bevor er sich schlafen legte, traurig zu seiner Frau: „Schön sind wir dran, Mutter, auf unsere alten Tage. Der eine ...“ — er verschluckte das häßliche Wort — „die andere — heiratet einen, der auch schon eingesperrt war. Wer weiß, was noch kommt. Er ist ja von der gleichen Sorte!“
Und als Frau Hedwig mit gefalteten Händen vor ihn hintrat: „Sei doch nicht so verzweifelt, Nikl!“, wehrte er ab: „Laß gut sein, Mutter, red’ nichts. Es wird nicht anders durchs Reden!“ Dann zog er sich die Decke über das Gesicht hinauf und tat, als ob er schliefe. Aber die Gattin, die auch schlaflos lag, hörte sein unterdrücktes Stöhnen, das in Pausen immer wiederkehrte, bis zum grauenden Morgen.
4.
Hellwig arbeitete an seinem Buche und die ganze Fron des Schaffenden lernte er kennen. Spürte am eigenen Leib, wie schwer so ein Werk auf seinem Schöpfer lastet, wie es ihn nie zu Atem kommen läßt, vorwärts peitscht und auch in den Stunden notwendigster Rast gefangen hält und quält und nicht frei gibt, bis es irgendeinem Ende zugeführt ist. Selbst die kargen Augenblicke, die er sich für seine Braut abrang, kamen ihm wie ein Raub vor, und er konnte ihrer nie ganz froh werden. Immer war ihm, als versäumte er etwas, das notwendig getan werden mußte, das auf ihn wartete, nach ihm schrie und ihn mit tausend Ketten zog. Zerstreut und fahrig war er und früher, als er gewollt, brach er dann gewöhnlich auf. Manchmal bäumte er sich gegen diese Fron, wollte sie abschütteln und trug sie doch auch wieder gern.
Es war ein merkwürdiger Brautstand. Doch Eva war damit zufrieden. Sie verlangte keine Zärtlichkeiten. Was ihm recht war, war auch ihr recht, und nur ihn ganz verstehen wollte sie lernen und sein Leben ganz von tief auf mitleben wollte sie.
So störte sie ihn nicht. Aber mit dem Werk ging es doch nicht richtig vorwärts. Das müde Wesen des Kaufmanns wirkte auf Fritz wie ein beständiger Vorwurf. Er fühlte, daß das nicht so bleiben durfte. Gerade hier mußte volle Klarheit herrschen. Doch die wollte nicht kommen. Der Kaufmann ging jedem Alleinsein mit seinem zukünftigen Schwiegersohne hartnäckig aus dem Weg. Aber endlich mußte er ihm doch Rede stehen.
Draußen vor der Stadt in den Feldern war es. Hellwig hatte während einer langen Wanderung den weiteren Aufbau seines Buches überdacht und ging arbeitslustiger, als er es seit Tagen gewesen, heim. Da sah er vor sich die untersetzte Gestalt Wart Nikls auftauchen, der einsam seinen Abendspaziergang abtat. Fritz schritt rascher aus, holte ihn ein und erhielt auf seinen kurzen Gruß noch kürzeren Dank. Da sagte er ohne weitere Einleitung: „Warum weichen Sie mir aus, Herr Wart?“
„Lassen Sie das!“ antwortete der Kaufmann schroff.
„Nein, so kann es nicht bleiben, Herr Wart, einmal muß es gesagt werden: Geben Sie mir mit schuld, daß Heinz gestorben ist?“
„Lassen Sie das!“ Das klang zornig und klang drohend. Aber Fritz gab nicht nach.
„Seien Sie offen!“ bat er. „Was nützt das Versteckspielen? Nur daß alle darunter leiden.“
Ganz ruhig war es rundum. Manchmal nur raschelte es in den Zweigen der Bäume, fiel ein überreifer Apfel zu Boden. Dann war es wieder still, und lautlos webte die Dämmerung am dunklen Mantel der Nacht.
Der Kaufmann atmete ein paarmal tief auf. Dann sagte er: „Im Anfang, Fritz, im Anfang, da ist’s schon so gewesen. Man sucht halt immer nach einem Verführer, wenn einem ein Liebes Schande macht. Später aber, nach dem Ärgsten ... da hab’ ich mir gedacht, man kann eine Kugel nicht aufhalten, wenn sie aus dem Rohr ist. Es wird wohl auch so gewesen sein. Wie blind ist er hineingerannt ... Ich tät Ihnen mein Mädel nicht geben, wenn ich anderer Meinung wäre. Ich hab’ nur die eine ... Das wird wohl genügen?“ fügte er noch hinzu, in einem Ton, der deutlich erkennen ließ, daß er die Fortsetzung des Gesprächs nicht wünschte.
Fritz schüttelte den Kopf. „Nein, Herr Wart, es genügt noch nicht, so sehr ich Ihnen dafür dankbar bin. Aber Schande? Schande hat Ihnen Heinz nie gemacht!“
„Der Galgen ist wohl eine Ehre?“ rief da der unglückliche Vater und barg sein Leid hinter einem höhnischen Auflachen.
Hellwig schaute ihm fest ins Auge. „Mitunter ganz gewiß!“ sagte er. „Auch Savonarola haben sie aufgehängt, den Erlöser haben sie gekreuzigt, den Huß verbrannt ...“
„Die haben auch nicht gemordet,“ unterbrach ihn Wart tonlos und schauderte zusammen.
„Heißt es Mord, einen Menschen wegräumen, von dem man weiß, daß er in der nächsten Stunde tausend Unschuldige umbringen wird? Das ist kein Töten, das ist Selbsthilfe der Menschheit.“
„So nennen Sie’s! Andere nennen’s Mord.“
„Heute vielleicht noch. Unsere Enkel werden wieder anders sprechen. Von Kindsbeinen wird uns gelehrt: Du sollst nicht töten! Und niemand lehrt uns auch jenes zweite, Größere: Du sollst nicht töten lassen! — Aber die Zeit wird kommen, und die Menschen reif werden auch für dieses Gebot. Dann wird wieder einmal Tugend werden, was heute noch Verbrechen ist. Und Heinz und die vielen, die wie er gestorben sind, werden Märtyrer und Blutzeugen heißen. Und darum glaub’ ich auch jetzt nicht mehr, daß sein Sterben nutzlos gewesen ist. Sein Gedanke lebt weiter, und seine Rächer sind nicht fern. Vielleicht werden es schon jene sein, die Brot von dem Korn gegessen haben, das aus seinem Grab gewachsen ist. Und die werden vollenden, was er angestrebt hat: Ein heiles gesundes Volk wird aufstehn, das vor niemandem den Nacken beugt, das sich selbst bestimmt durch seinen eigenen Geist, herrscherlos und herrenlos, ein Volk von lauter Königen und Herrschern! Dafür hat er gelebt — das goldene Herz der Menschheit hat er finden wollen — und dafür ist er in den Tod gegangen. Das ist kein schimpfliches Sterben.“
Der Kaufmann erwiderte nicht. Die Abendglocken läuteten. Wie ein schlafsuchendes Kind schmiegte sich die Erde in den Arm der Nacht.
Als Wart vor seinem Hause stand, reichte er Hellwig die Hand. „Fritz!“ sagte er weich. „Wir wollen’s beschlafen, Fritz!“
5.
Peter Kofend gewann seine Wette. Trotzdem er um zehn Jahre jünger und der Jahnsattler so gebrechlich war. Eines Tages kam er mit trüben Augen und hochroten Wangen von einem Geschäftsgang nach Haus. „Aus is! Gar is! Ich leg’ mich hin und steh’ nimmer auf!“ sagte er zu seiner Frau. Und während die Erschrockene in die Küche lief, um einen Tausendguldenkrauttee zu kochen, der ihr immer gut tat, legte sich der Peter ins Bett und — stand wirklich nicht mehr auf. Er klagte nicht, redete nichts, fühlte sich nur müd. Der Arzt sprach von einer allgemeinen Schwäche, von Schonung und Ruhe und ähnlichen Dingen, die er immer sagte, wenn er aus einem Fall nicht klug wurde. Die Frau Kofend aber wußte am zweiten Tag ebenfalls, daß ihr Mann recht behalten werde. Da hatte ihre schwarze Henne zu krähen versucht. Und trotzdem der Unheilsansagerin sofort der Kragen umgedreht wurde — eine Henne, eine schwarze Henne, die krähte — das bedeutete einen sicheren Todesfall.
Vier Tage später erhielt der Jahnsattler wirklich die schwarz umränderte Todesanzeige und vergoß darüber Tränen eines aufrichtigen Kummers. Er weinte aber nicht über den Gestorbenen, er weinte um das schöne Geld fürs Leichenbier. Er bezahlte es auch. Aber dann ging er zu Fritz Hellwig und fragte ihn, wie er es anfangen müsse, um ein Sozialist zu werden. Denn er fühlte sich gekränkt und verletzt, weil ihm alle seine Frömmigkeit nichts genützt hatte im Wettkampf mit dem ruchlosen Peter. Deswegen wollte auch er jetzt vom Beten nichts mehr wissen. Fritz aber konnte seinen Nöten weder mit Rat noch Beistand dienen. Doch der Alte wich nicht. Starrköpfig beharrte er bei seinem Verlangen, und Hellwig, der den höllischen Humor der Sache erfaßte, schlug ihm endlich vor, wenn er schon unbedingt nicht anders wolle, so möge er ihm, dem abgestraften Sozialistenführer, dem allbekannt Glaubenlosen, ein Zimmer in seinem Hause vermieten. Denn er brauchte wieder eins, da die Frau Kofend in ihr Heimatsdorf übersiedelte. Das gefiel dem Jahnsattler alsogleich, weil er damit vor aller Welt seine neue Gesinnung beweisen und, wie er meinte, den Sachwaltern Gottes auf Erden, ja seinem lieben Herrgott selbst einen Tort antun würde. Und die ganze Stadt bedauerte abermals den armen, gebrechlichen alten Jahnsattler, weil er in der Hilflosigkeit des Alters dem Versucher ins Garn gegangen war. Und die ganze Stadt entrüstete sich abermals über Hellwig, weil er die kindische Torheit des Greises so mißbrauchte. Weitere Folgen hatte die Geschichte aber nicht. Der Jahnsattler sorgte, nachdem der erste Schmerz über das verspielte Geld vorüber war, nach wie vor dafür, daß die Hornhaut auf seinen Knien nicht verschwand, und Hellwig kam in der Wohnung des frommen Mannes mit seiner Arbeit rüstig vorwärts. Er hatte jetzt endlich ganz freie Bahn vor sich.
Wart Nikl war fast vom Abend zum Morgen wieder ins Gleis gekommen, hatte seine Tatkraft und gute Laune wiedergefunden. Nicht so sehr durch Hellwigs Argumente, sondern weil die Aussprache überhaupt beschleunigt hatte, was früher oder später doch hätte eintreten müssen. Was lang verstaut gewesen, hatte Luft bekommen, strömte in gedoppelter Fülle vor, war so überreich, daß er nicht wußte, wo er zuerst mit der Arbeit anfangen sollte. Den Neubergern zum Trotz wollte er sein Geschäft nicht nur auf die frühere, sondern auf eine noch ansehnlichere Höhe bringen. Wozu brauchte er den Kleinverschleiß? Kurz entschlossen ging er her und legte den Schwerpunkt des Unternehmens in den Großhandel mit Farbwaren und Lacken. Er nahm Vertreter und einen Reisenden auf, reiste auch selbst, und rascher, als er gehofft, war die Sache im Gang.
So arbeiteten der künftige Schwiegervater und Schwiegersohn, jeder auf einem anderen Gebiete, aber beide mit dem Einsatz ihrer ganzen Kraft. Und das Jahr war noch nicht vorüber, da hatte Fritz sein Buch vollendet.
Als er den Schlußpunkt machte, war sein Inneres wie ein ausgeschöpfter Brunnen. Restlos hatte er alles hergegeben, was er hergeben konnte. Fast leid war ihm, daß er das Drängen und Gären in sich nicht mehr spürte. Und mit leisem Bedauern, als nehme er von einem lieben Freunde Abschied, packte er das Manuskript zusammen, um es einem Verleger zuzusenden.
In den folgenden Tagen machte sich eine tiefe Abspannung, die bis zur schweren körperlichen Müdigkeit anstieg, bei ihm geltend. Doch gab er diesem Zustand nicht lässig nach, sondern versuchte durch reichlichere Bewegung in freier Luft ihm entgegenzuwirken. Er unternahm starke Märsche in die Umgebung, und einmal gelangte er auch in den Geburtsort Pichlers.
Der Küster war seit Jahren tot, die Kinder in den Dörfern im Dienst oder verheiratet. Nur Christoph, der ältere von den einstmaligen Rutenbindern, befand sich noch im Ort, war hier Gemeindediener, Polizist, Nachtwächter, Bettelvogt, Flurhüter, Fleischbeschauer und Barbier in einer Person. Er hatte sich einen struppigen Schnauzbart, eine rote Nase und die für seine vielen Ämter unentbehrliche Würde zugelegt, welch letztere ihn auch dann nicht verließ, wenn seine Ordnungsversuche bei einer Wirtshausrauferei mit seinem eigenen Hinauswurf endeten. Er erzählte Hellwig, daß Otto für die Geschwister so gut wie verschollen sei und sich auch nach dem Tod des Vaters nicht um sie gekümmert habe. Doch sei es, trotzdem dann für die noch unversorgten jüngeren Kinder schwere Zeiten gekommen, auch ohne ihn gegangen. Sie hätten eben fest zusammengehalten und den ältesten Bruder nicht dazu gebraucht. Jetzt seien sie so ziemlich aus dem Wasser, viel zum Beißen habe zwar keiner, aber sie seien zufrieden, wie’s der Vater ebenfalls gewesen, und hätten sich schon an den Gedanken gewöhnt, daß sie für den vornehmen Herrn Bruder nicht mehr auf der Welt seien und er nicht für sie.
Hier unterbrach er plötzlich den Redefluß und eilte mit langen Schritten schimpfend einigen Dorfbuben nach, die mit verdächtig dicken Taschen aus dem Hühnerhof des Pfarrers schlichen.
Fritz machte sich auf den Heimweg. Was er eben von Otto gehört, kam ihm so selbstverständlich vor! Das Leichte und Spielerische im Wesen des Freundes war ihm, je älter und reifer er wurde, desto weniger verborgen geblieben. Aber trotz der Enttäuschungen, die ihm der einstige Freund bereitet hatte, hielt er ihn nicht für schlecht und fand es nur verwunderlich, wie der leichtlebige und sorglose Mensch so lang an seiner Seite hatte aushalten können.
Langsam schritt er weiter. Die ersten Sterne blitzten auf. Und da fiel ihm ein, daß er fast denselben Weg ging, den er einmal vor Jahren in Winterschnee und Kälte gegangen, um ein Geschenk für seine Braut in einer Fanggrube zu finden. Und er sann seinem Leben nach und staunte, wie doch alles so zufällig an ihn herangekommen war und ihn mitgerissen hatte, fast ohne sein Dazutun. Und während er alles überdachte — einsam war es um ihn, ein paar Fledermäuse fuhren hastig durch die unbewegte Luft, irgendwo schrie jämmerlich ein Vogel unter den Zähnen eines Raubtiers — da stieg wie eine Vision ein Bild vor ihm auf, von dem er zeit seines Lebens nicht mehr ganz loskommen konnte. Es war ihm, als sei alles, was Leben in sich hat, vor ungezählte Millionen überlasteter Karren gespannt und müsse sie, gleich den Pferden vor schweren Fuhren, mit bebenden Flanken und keuchenden Lungen über eine steile Bergstraße hinaufziehen, die schnurgerade ansteigt, höher und höher, in die weite Unendlichkeit hinein, wie ein Band ohne Ende. Und über allen den zitternden, mühselig hinkriechenden Geschöpfen thront riesengroß aufragend, gelassen vor sich blickend, mit unbewegten Zügen ein gewaltiges Weib und hält in der Rechten eine schwere Peitsche. Und jedesmal, wenn irgendwo ein Karren stecken bleiben will, knallt diese Peitsche, saust ihre geflochtene Schnur hoch über gekrümmte Nacken hin, und die geplagten Geschöpfe zucken zusammen, ducken sich furchtsam und ziehen weiter, ziehen mit zum Platzen gestrafften Muskeln, fliegendem Atem, verlöschender Kraft, ziehen — ziehen. — Und wenn eins leblos hinsinkt, schreiten die andern, rollen die Karren gleichgültig über den Leichnam fort. Und immerzu rollen die Karren, Millionen hinter Millionen, die unabsehbare, schnurgerade Straße hinauf, und unablässig knallt über ihnen die Peitsche.
6.
Fast ein Jahr war es her, seit Pichler im Abgeordnetenhause seine letzte Rede gehalten hatte. Da forderten seine Wähler Rechenschaft und Rechtfertigung von ihm, und so kam er endlich wieder einmal in seinen Wahlkreis.
Gemurr empfing ihn, als er den Saal betrat, und finster sahen die Versammelten auf ihn. Er aber stieg auf die Rednerbühne, wie gewöhnlich mit einem liebenswürdigen Lächeln um die Lippen. Doch da reckten sich ihm Fäuste entgegen, und ein gewaltiger Lärm erhob sich.
„Nicht reden! Demingkreatur! Mandat niederlegen! Ausbeuterknecht!“ rief und schrie und johlte es durcheinander. Er verfärbte sich und fühlte etwas wie Furcht. Aber noch immer lächelte er, und dieses Lächeln schien in seinem schönen Gesicht förmlich eingefroren zu sein. Als jedoch der Spektakel gar nicht aufhören wollte, wurde er wütend. Was? Diese Kerle, die tief unter ihm standen, wagten zu drohen? Statt dankbar zu sein, daß er sich überhaupt mit ihnen abgab? Heiser schrie er in den Saal hinab: „Wollt ihr endlich schweigen? Ich will reden! Hört ihr? Ich will!“
Die Antwort war Lachen und Getöse. Man trommelte auf Tische, pfiff, stampfte mit Füßen, schüttelte Fäuste und Biergläser. Da packte ihn ein jäher Zorn. Er griff nach der Glocke, die ihm zur Hand stand und schleuderte sie in die Menge. Sie traf niemanden. Aber jetzt stürmten sie und drängten auf das Podium, faßten ihren Abgeordneten bei den Schultern, schrien ungestüm auf ihn ein, rüttelten und zerrten, schoben und stießen und beförderten ihn ins Freie. Dort umringten sie ihn, und gewalttätiger Haß sprach aus ihren Gebärden, ihren Mienen und Worten. Die Einberufer mahnten zur Besonnenheit. Pfannschmidt nahm den übel Zugerichteten beim Arm und führte ihn aus dem Gedränge. Murrend und ungern wichen die Leute. Das Gesicht des Bergmannes war hart und finster. Man sah, daß er den einstigen Schriftleiter nicht aus Freundschaft beschützte. Pichler machte jetzt keine vorteilhafte Figur. Der Jähzorn war verraucht. Nun kam die Angst. Er schlotterte an allen Gliedern, die Knie knickten ihm ein, er stolperte nur so vorwärts und wäre gefallen, wenn ihn Pfannschmidt nicht gestützt hätte. Kragen und Halsbinde waren ihm herabgefetzt, der feine Anzug hatte Löcher.
Vor dem Gasthof ließ ihn Pfannschmidt stehen, wandte sich kurz ab und ging ohne Gruß. In fluchtartiger Eile reiste Otto nach Wien zurück.
Trotzig legte er sein Mandat nieder. Wenn er jedoch gehofft hatte, daß es ihm bei seinen ausgebreiteten Beziehungen gelingen werde, sofort eine andere Stellung zu bekommen, sah er sich arg enttäuscht. Alle Bekannten hatten nur ein bedauerndes Achselzucken: es sei dermalen nichts frei. Er war eben kompromittiert. Deming hätte vielleicht Rat gewußt. Aber an ihn wollte er sich nicht wenden. Er schämte sich vor Grete.
Um sich über Wasser zu halten, mußte er Stück für Stück seiner Habseligkeiten zum Trödler oder ins Leihhaus tragen. Dann borgte er sich Geld. Aber es dauerte nicht lang, waren ihm alle Quellen versiegt. Hungrig irrte er in der Großstadt herum. Seine Stiefel waren zerrissen, der Rock, den er am Leib trug, wurde schäbig, und er hatte keinen besseren mehr. In seiner Not schrieb er an Hellwig. Der wies ihn kalt ab. Es sei Pichlern, schrieb er zurück, von je zu gut gegangen und zu leicht gemacht worden. Er habe den Lebenskampf noch nie in seiner ganzen Rauheit empfunden. Jetzt aber könne er zeigen, was in ihm stecke. Durch eigene Kraft müsse er sich herausarbeiten. Unter dem Hammer der Not werde er Stahl werden, wenn er wirklich Eisen sei.
Drei Tage hielt Pichler dem Hunger stand. Dann war er am Ende seiner Widerstandskraft. Vor der Wohnung Demings wartete er und wußte es so einzurichten, daß er richtig von dem kaiserlichen Rat bemerkt wurde. Und der Millionär erkannte ihn sofort und trat auf ihn zu und sprach leutselig mit ihm. Er fragte, ob es dem Doktor denn gar so schlecht gehe und warum er sich nicht an ihn gewendet habe. Und zum Schluß drückte er dem Überraschten eine größere Banknote in die Hand, als Darlehen, wie er sagte, und verabschiedete sich huldreich.
Pichler stand da und schaute ihm nach und wußte nicht, ob er wachte oder träumte. Aber der blaue Schein zwischen seinen Fingern war greifbare Wirklichkeit. Da ging er und kaufte sich neue Wäsche und neue Schuhe, kleidete sich vom Kopf bis zu den Füßen neu. Und als er dann ein Bad genommen und Haar und Bart hatte zustutzen lassen, überkam ihn ein ungestümes Verlangen nach Wohlleben und Genießen. In einem Tingeltangel ließ er sich vorsetzen, was gut und teuer war, und am nächsten Vormittag erwachte er mit wüstem Kopf in der Wohnung einer Dirne.
Zwei Tage später, als das Geld alle war, folgte er der Aufforderung des kaiserlichen Rates, ging zu ihm und setzte ihm rundweg seine Lage auseinander. Deming hörte ihn wohlwollend an, mit schlecht verhehlter Freude. Und nach einer Einleitung, in welcher er beiläufig sagte, daß man begabten Menschen helfen müsse, daß es ihm selbst auch nicht immer gut gegangen und er auch einmal in ganz ähnlichen Verhältnissen stellenlos herumgelaufen sei, machte er dem Doktor den Vorschlag, als Beamter in die Fabrik einzutreten. Aber eines verlange er unbedingt: Pichler müsse sich von seinen Parteigenossen vollständig lossagen und die Politik links liegen lassen.
Das versprach Otto gern.
7.
In aller Stille hatten Fritz und Eva Hochzeit gehalten. Wieder entrüsteten sich die Gutgesinnten Neubergs, weil kein Priester dabei war, aber ihre Ungnade schadete den Betroffenen nichts. Wart Nikl blieb fröhlich und aufrecht, obwohl es jetzt recht einsam um ihn wurde und nur Frau Hedwig, still und tapfer den Trennungsschmerz verbergend, in den weiten Wohngemächern waltete, die kurz vorher noch Eva mit hellem Lachen erfüllt hatte. Jetzt war sie in der Hauptstadt, wo ihr Mann als Anerkennung und als Entschädigung für das Kerkerjahr die verantwortliche Leitung der Freien Blätter erhalten hatte, und nichts war von ihr zurückgeblieben, als ein paar eingerahmte Bilder an den Wänden und ein paar vergessene Bänder und Maschen in den Schrankfächern.
Kolben hatte den jungen Eheleuten den ersten Stock seines Familienhauses vermietet. Alle Zimmer ließ er neu tapezieren, die Parketten ausbessern, die Küche malen, und ins Badezimmer kam ein Gasofen. So war alles neu und schön und hell, ein funkelblankes Nest der Häuslichkeit und des jungen Eheglücks.
Und sie waren glücklich. Ein wackerer Kamerad, ging Eva vom ersten Tage an neben ihrem Manne, heiter, blühend, mit sonnigen Augen und verstehendem Herzen. Nicht eine Sekunde empfand er, daß mit ihr etwas Fremdes und bisher Ungewohntes in sein Leben gekommen. Selbstverständlich wie ihre Verlobung, war auch ihr Zusammenleben, schlicht, einfach und natürlich, ein Ehefrühling, wie er zur Zeit der Schneeschmelze und der ersten Weidenkätzchen ernst und keusch und mit frommer Weihe die Erde überkommt, wenn jeder Baum mit tausend Knospen betet und die unschuldigen Saaten sich im hellsten Sonnenglanz dem Mutterschoß der Scholle entringen. Nie war ein falscher Ton, ein gemachtes Empfinden zwischen ihnen. Sie gaben sich und nahmen einander, wie sie waren, ehrlich und herzlich schritten sie Seite an Seite, wußten, was sie aneinander hatten und brauchten es sich nicht erst zu sagen. Ein warmer Blick, ein Kuß war alles, was ihre vornehm zurückhaltenden Naturen an Zärtlichkeit zu verschwenden hatten. Und es genügte ihnen. Eva war fröhlichen, kindlichen Sinns und hatte nichts von dem tief bohrenden, grüblerischen Wesen ihres Mannes. Aber sie fühlte mit dem Herzen, wo ihr Geist nicht fassen konnte und hatte jene Einfalt des Gemütes, die das Echte herausspürt und das Erkünstelte zurückstößt, ohne für die Zuneigung hier und den Widerwillen dort einen Grund angeben zu können. So ergänzte sie ihren Gatten aufs beste und nahm in gleicher Weise von seinem Ernst wie er von ihrem Frohsinn an.
Nach den ersten Wochen besuchte Kolben das junge Paar fast täglich. Als Backfisch hatte Eva den unerschütterlich gelassenen Menschen nicht ausstehen können. Jetzt wurde er ihr bald sympathisch. Er war ihr überall behilflich, wußte vorteilhafte Einkaufsquellen anzugeben, wurde ihr Berater in allen den kleinen Sorgen des Haushalts, für die Fritz durchaus kein Verständnis aufbringen konnte. Ihm war es als Junggesellen ganz gleichgültig gewesen, ob ein Anzug hundert oder zweihundert Kronen kostete, wenn er nur halbwegs paßte. Und wenn er faltig wurde, gab er ihn einem Schneider zum Aufbügeln, und mochte dessen Forderung noch so unverschämt sein, er bezahlte sie und war deshalb ein geschätzter Kunde. Das wurde jetzt anders. Denn Eva war sparsam und verstand zu rechnen. Sie wollte niemanden übervorteilen, aber auch selbst nicht übervorteilt werden, ließ jedem genau das zukommen, was ihm gebührte, keinen Heller mehr noch weniger, und buchte Einnahmen und Ausgaben. Und wenn dann der Schuster für ein paar Stiefelsohlen drei Kronen fünfzig verlangte, sagte sie und zeigte es ihm schwarz auf weiß: „Vor vier Monaten hat das nur drei Kronen zehn gemacht, wenn Sie teurer werden wollen, kann ich bei Ihnen nicht mehr arbeiten lassen!“, worauf der Handwerker zwar von unerschwinglichen Lederpreisen und Teuerung zu reden anfing, gewöhnlich aber doch seine Forderung auf das frühere Maß einschränkte. So hatte sie ihre liebe Not und freute sich, daß Kolben da war, mit dem sie darüber reden und sich beraten konnte.
Fritz aber steckte wieder bis überm Hals in der Arbeit. Während der zweijährigen Unterbrechung war ihm manches fremd geworden, die Zusammenhänge mußten wieder gefunden, das Versäumte mußte nachgeholt werden. Dazu kam das Lesen der Bürstenabzüge seines zweibändigen Werkes, das demnächst erscheinen sollte. Und als es erschien, aus der Zeit heraus entstanden, sachlich und frei von einseitiger Parteilichkeit, als es von der Kritik mit lautem Beifall begrüßt wurde und fast alle Blätter ohne Unterschied günstige Besprechungen brachten, einige wohl auch im Überschwang den Anbruch einer neuen Epoche der Volkswirtschaftslehre verkündeten, als das alles eintrat, da kam Hellwig erst recht nicht zur Ruhe.
Sein Buch wurde rasch von der Mode den ‚allgemeinen Bildungsnotwendigkeiten‘ beigezählt. Wer in Zeitfragen mitreden wollte, mußte es gelesen haben. Man sprach überall davon, lud den Verfasser zu Teeabenden und Gesellschaften, die verschiedenen Vereine, Zirkel und Klube zur Verbreitung wirtschaftlicher Kenntnisse, Kultur, Wissenschaft oder Bildung forderten ihn zu Vorträgen auf, Zeitungen und Zeitschriften baten ihn um Beiträge.
Anfangs war ihm das lästig, später gewöhnte er sich daran. Von den Einladungen machte er keinen Gebrauch, Vorträge hielt er selten, Abhandlungen schrieb er nach wie vor über Dinge, die ihm ans Herz griffen, und niemals auf Bestellung.
Als sie merkten, daß er nicht mit ihnen heulen wollte, wurden sie kühler, setzten sein Buch von der Liste der Bildungsnotwendigkeiten wieder ab und ließen ihn in Ruhe.
In der Partei aber machte sich allmählich eine Strömung gegen ihn immer bemerkbarer. Erregt und in Bewegung gehalten wurde sie von dem ehrgeizigen Leibinger, der auf den Posten des verantwortlichen Schriftleiters gehofft hatte und sich nun von einem jüngeren verdrängt sah. Er war Mitglied der Parteileitung und hatte sich unentbehrlich zu machen verstanden durch eine Art widerlicher Zuvorkommenheit und händereibender Salbung, mit der er sich zu den unangenehmsten Aufgaben drängte. Niemand mochte den schmalbrüstigen Menschen so recht leiden, der mit eingeknickten Knien immer leise ging, aber man duldete und ertrug sein unsympathisches Wesen, weil er brauchbar war, erfinderisch und gleich gut geübt im jähen Überrumpeln, wie im langsamen Erdrosseln der Gegner.
Jetzt benützte er den Anlaß, fand heraus und sagte es heimlich allen, daß viele Ansichten und Grundsätze in dem gepriesenen Werke Hellwigs eigentlich dem Parteiprogramm zuwider liefen, ja manchmal geradezu der heutigen Gesellschaftsordnung ein Loblied sangen. Und er hatte mit diesen Behauptungen um so eher Erfolg, als der Parteiobmann Anheim und alle, die mit ihm der Leitung angehörten, überzeugte Anhänger der Marxschen Lehre und geschworene Feinde aller Revisionisten waren.
Offen wagte man sich vorerst freilich nicht an den verdienstvollen Mann heran. Aber zu fühlen bekam er es doch, daß man mit seinem Wirken nicht mehr ganz einverstanden war. Man schob ihn beiseite, wo es nur halbwegs anging, faßte Beschlüsse, ohne ihn um seine Ansicht zu fragen, und verschwieg ihm manches, was der verantwortliche Schriftleiter als erster hätte wissen müssen. Anfangs achtete er nicht darauf. Aber als es sich öfter wiederholte, als er sogar in seinem eigenen Blatt bloßgestellt wurde, fiel es ihm auf. Er wurde stutzig, führte Beschwerde, forschte nach dem Grund. Man gab ausweichende Antworten, entschuldigte sich wohl auch mit einem Versehen. Aber beim nächsten Anlaß machte man es ihm wieder so. Kolben wollte ihm die Augen öffnen. Fritz hörte nicht auf ihn. Er schrieb das geänderte Verhalten der Genossen einer flüchtigen Verstimmung zu und ließ sich die schöne Zuversicht nicht rauben, daß alles bald wieder seinen rechten Gang gehen werde.
8.
Da wurde der Reichsrat aufgelöst, weil er der Regierung nicht zu Willen war. Neuwahlen wurden angeordnet. Die nordböhmischen Bergarbeiter wandten sich an Hellwig, daß er in ihrem Wahlkreis kandidiere. Pflichtgemäß fragte er die Parteileitung um ihre Meinung. Die sagte weder ja noch nein, vertröstete ihn auf später.
Und nun begann der aufreibende Wahlkampf mit seiner rastlosen Agitation und den ungezählten Versammlungen in allen Bezirken. Und während Hellwig von Versammlung zu Versammlung fuhr, an einem Tage oft in drei, vier Sälen sprach, dabei die Freien Blätter leitete und, ein immer wacher Kämpfer, die Machenschaften der Gegner aufdeckte, durchquerte und vereitelte, waren in seiner eigenen Partei Leute an der Arbeit, die seine Stellung zu untergraben und seinen Einfluß zu brechen sich redlich bemühten. Er war ihnen zu bekannt, zu berühmt, zu volkstümlich geworden. Sie fürchteten, daß er ihnen über den Kopf wachsen, daß er sie verdrängen und die Führerschaft ganz an sich reißen könnte. Er dachte nicht daran. Ihm ging es um die Sache, die er für gut hielt und mit dem Einsatz aller Kräfte fördern wollte. Sie aber erwogen alle Möglichkeiten, bangten für ihre Ämtlein und fürchteten und beneideten und haßten ihn heimlich sehr. Die Massen jubelten ihm zu, ihre erkorenen Führer aber saßen in geheimen Konventikeln beisammen und rieten hin und meinten her, wie sie dem beliebten Mann Schlingen legen und ihn unauffällig zu Fall bringen könnten. Und wenige gab es unter diesen Ratern und Meinern, die frei und unparteiisch urteilten. Er hatte aber auch fast jeden schon einmal vor den Kopf gestoßen, weil er nie mit seiner Meinung hinterm Berg hielt, sondern sie immer klipp und klar und rücksichtslos heraussagte. Das trugen sie ihm nach und schmollten und grollten und nannten ihn grob, unduldsam, hochfahrend. Und sahen doch ruhig zu, wie er den Hauptteil der Wahlarbeit für sie tat. Mochte er sich plagen und abrackern, das kam der Partei zugute und im richtigen Augenblick wollten sie schon auf dem Posten sein.
Aber auch Kolben wachte und war sehr beschäftigt. Bedachtsam, ohne Übereilung, wie ein schlauer Kundschafter, sondierte er und horchte herum, und als er genug erfahren hatte, machte er sich auf und fuhr in das nordböhmische Kohlengebiet. Denn von dort kamen beunruhigende Nachrichten. Gerüchte von einem neuerlichen Streik waren in den letzten Jahren mehrmals laut geworden. Jetzt aber erhielten sie sich hartnäckig, nahmen bestimmtere Formen an und wollten nicht wieder verstummen.
Das Ziel seiner Reise verriet der Doktor nicht, er brauchte auch von niemandem Abschied oder Urlaub zu nehmen. Er war ganz unabhängig und hatte sich in der Leitung der Kunstnachrichten, die er den Freien Blättern ohne Entgelt besorgte, vollständige Freiheit ausbedungen. Nur Eva mußte es wissen, weil sie gewohnt war, ihn täglich zu sehen, mit ihm Einkäufe besorgte oder spazierenging. Er war ihr einziger Bekannter in der großen Stadt, und wenn sie ihn nicht gehabt hätte, wäre sie den größten Teil des Tages ganz einsam gewesen. Denn ihren Mann bekam sie jetzt fast gar nicht zu Gesicht, er kam spät nachts heim, müde und abgehetzt, aber mit der ersten Sonne war er schon wieder auf den Beinen, sah hastig die Morgenblätter durch und konnte das Frühstück kaum erwarten. Und wenn sie es brachte, aß er hastig und verabschiedete sich zerstreut und fahrig, lief manchmal auch, die bevorstehenden Arbeiten überdenkend, überhaupt ohne Gruß davon.
Sie fand sich auch damit ab, hoffte geduldig auf die Wiederkehr ruhigerer Zeiten und blieb heiter und zufrieden. Wenn sie mit den häuslichen Arbeiten fertig war, — viel zu tun gab es nicht, weil Fritz, um keine Zeit zu verlieren, jetzt auch das Mittagessen in der Stadt nahm —, spielte oder sang sie sich ein Lied, ging in den Garten, pflegte ihre fünf Rosenstämmlein, nähte oder lag lesend oder träumend in der Hängematte unter den dunklen Kastanienwipfeln und freute sich auf das Erscheinen Kolbens und auf das Ende ihrer Einsamkeit. Sogar übermütig konnte sie dann werden. Der Übermut lag ihr nun einmal im Blut und ließ sich auch von ihrer jungen Frauenwürde nicht unterkriegen. Um den Doktor zu necken, versteckte sie sich vor ihm ganz tief in die Fliederhecken oder in die dichten Jasminbüsche, daß auch nicht ein Zipfelchen ihres Kleides, kein Schimmerchen ihres Blondhaars sichtbar war. Zusammengekauert hockte sie in ihren grünen Schlupfwinkeln und rief „Herr Doktor!“ und wenn er sie nicht gleich fand, war sie froh wie ein Schulkind und lachte ausgelassen.
Als er ihr seine Abreise melden wollte, lag sie in der Hängematte. Sie erblickte ihn von weitem, wie er langsam, in seiner gemessenen Art, den gelben Kiesweg heranschritt, machte die Augen fest zu und stellte sich schlafend. Aber manchmal blinzelte sie doch blitzrasch zwischen kaum geöffneten Lidern nach ihm hin und sah, wie er näher kam und zauderte und stillstand, unschlüssig, ob er sie wecken sollte. Sie hielt sich ruhig, veränderte keine Miene und atmete gleichmäßig fort. Da wagte er es, tat vorsichtig einen Schritt vorwärts und noch einen. Jetzt fühlte sie, daß er ganz nahe sein mußte, hörte das Knistern seiner Kleider — und wie sie, zu fröhlichem Lachen bereit, die Lider voll aufschlug, da war sein ernstes Gesicht dicht über dem ihren — sie bemerkte ein paar winzige Puderstäubchen im bläulichen Anflug der eben erst rasierten Wangen — und von seinen Augen waren alle Schleier gefallen. Ein warmer Glanz war in ihnen und das innige Leuchten einer großen Liebe. Nur eine Sekunde war das so. Dann erlosch alles wieder, der Doktor stand in lässiger Haltung, wie immer, vor ihr und gleichmütig wie immer fragte er, ob er störe.
Sie aber war ganz aufgeregt, sprang aus dem Netzgeflecht und in der ersten Ratlosigkeit einer ihr neuen Erkenntnis sagte sie mit überquellendem Empfinden: „Sie armer Doktor!“
„Warum?“ antwortete er ihr in seinem gemütlichsten, freundschaftlichsten Ton. Doch sie dachte nur an das Geschaute, hatte erkannt, daß er ihretwegen litt, vielleicht seit Jahren leiden mußte, und um ihm nur irgend etwas Liebes zu tun, legte sie mit einem hindrängenden Schritt beide Hände auf seine Schulter. „Armer Doktor!“ sagte sie nochmals. Da wußte er, daß sie alles gesehen hatte, wurde ein klein wenig blässer und richtete sich straff auf. „Ich brauche Ihr Mitleid nicht, gnädige Frau!“ sagte er schroff.
Nun war sie ihrer Unüberlegtheit erst inne, errötete noch mehr, und die Tränen sprangen ihr hell von den Wimpern. „O Gott!“ rief sie bestürzt. „Hab’ ich Sie gekränkt? Das wollte ich nicht! Ich schätze Sie ja so! Ich kenne keinen Menschen nach Fritz, den ich lieber hätte! Sie dürfen mir nicht bös sein! Sie sind mir nicht böse, nicht wahr, nein?“
Kolben war schon wieder der Alte. „Sie sind ein rechtes Kind, Frau Eva!“ erwiderte er mit seinem spöttischen Lächeln. „Wie kann man nur am hellichten Tag so närrisch träumen! Lassen Sie’s gut sein, mir geht’s so kannibalisch wohl, daß ich jedem ein derart ausgezeichnetes Wohlbefinden wünschen kann. Ich bin Herr meiner Zeit, kann mir’s einrichten, wie ich will und Vergnügungsreisen machen, wann ich will. Was ich beispielsweise noch heute zu tun gedenke.“
„Sie wollen fort?“
„Jawohl, in drei Stunden geht mein Zug. Um Ihnen das mitzuteilen, bin ich eigentlich herunter gekommen. Mindestens vier Tage werde ich fortbleiben. Es ist mir erschrecklich leid, daß ich den Stoff zu Ihrem Herbstkleid nicht mit aussuchen kann. Denn wie ich die edle Weiblichkeit kenne, duldet so was keinen Aufschub.“
„Doktor!“ rief Eva zornig. „Sie sind heute abscheulich!“
Er verneigte sich leicht. „Das freut mich, Frau Eva, das freut mich sehr! Weil ich nunmehr ganz beruhigt abreisen kann, mit dem erhebenden Bewußtsein, daß meine verehrte Gönnerin froh sein wird, von meiner abscheulichen Gegenwart wenigstens auf kurze Zeit verschont zu bleiben.“
So sprach er und sprach noch manches in derselben Tonart, so daß Eva schließlich an sich selbst ganz irr wurde und nicht mehr wußte, ob sie in der schaukelnden Hängematte unter den dunklen Kastanienwipfeln nicht doch vielleicht geträumt und einen Traum für Wirklichkeit genommen hatte.
9.
Als Kolben sich zu seiner Reise entschlossen hatte, war Leibinger aus den Kohlendistrikten gerade wieder in die Hauptstadt zurückgekehrt. Tags darauf erschien eine Abordnung der Bergleute bei der Parteileitung. Sie erklärte, daß man zur sofortigen Arbeitseinstellung fest entschlossen sei und fragte an, ob man mit Unterstützungen aus der Streikkasse werde rechnen können. Fritz sprach sich entschieden gegen alles aus. Anheim, Leibinger und die übrigen aber brauchten Ausflüchte, wollten in Hellwigs Gegenwart nicht Farbe bekennen, und schließlich gab Leibinger den Leuten einen Wink, sie möchten später noch einmal vorsprechen. Und sie verstanden das und entfernten sich. Als sie fort waren, sprach Hellwig noch eine halbe Stunde lang sehr eindringlich über alle Hindernisse, die dem Streik gerade jetzt, knapp vor den Wahlen, im Wege standen. Man hörte ihn schweigend an, nickte manchmal oder schüttelte die Köpfe, wie er so seine Gründe an allen zehn Fingern herzählte, aber kein Wort fiel dafür oder dawider. Man müsse sich das noch reiflich überlegen, war schließlich alles, was Anheim mit Räuspern und Hüsteln vorbrachte. Dann mußte Hellwig in eine Wählerversammlung der Gegner und hinterher noch in zwei der eigenen Partei, und jetzt erst, als sie sich vor ihm sicher wußten, tauten Leibinger und Mark auf, wurden lebhaft und hatten mit den wieder erschienenen Bergleuten eine lange Besprechung.
Den übernächsten Tag kam Kolben am frühen Morgen zu Fritz, der noch in Hemdärmeln mit Kamm und Bürste hantierte. Der Doktor war die ganze Nacht gefahren und sah verstaubt und abgespannt aus.
„Was bringst du so zeitig, Albert?“ fragte Fritz ein wenig erstaunt.
„Nur meine Neugier!“ antwortete Kolben und ging ohne Umschweife auf sein Ziel los. „Ich hab’ nämlich gehört, daß der Streik beschlossene Sache sein soll.“
„Da hast du dich gründlich verhört!“ lachte Hellwig. „Im Gegenteil, es ist so gut wie sicher, daß jetzt nicht gestreikt wird.“
„So, so ... Weißt du, ich komm’ gerade von den Schächten ... Es ist eine Abordnung dagewesen, das weißt du ja ... nun, und die ist gestern heimgekommen mit der Meldung, daß es am Montag, also in vier Tagen, losgehen kann ...“
Dröhnend schmetterte Hellwigs Faust auf den Tisch. „Das ist nicht möglich!“ schrie er.
Kolben zuckte die Achseln. „Ist aber trotzdem so. Ich sag’ dir, gejubelt haben sie über die Nachricht. Mich haben sie ausgelacht. Zwei Agitatoren sind gleich mitgekommen. Leibinger will morgen hin ...“
„Das ist nicht möglich!“ sagte Fritz nochmals und war ganz blaß.
„Wenn du mir nicht glaubst, — im Verbandsheim wirst du’s ja erfahren.“
„Ja — ich werde es erfahren ...“ murmelte Fritz mit aufeinander liegenden Zähnen. Dann reckte er sich hoch. „Ich geh’ gleich hin! Kommst du mit?“
Sie gingen. Im Beratungszimmer fanden sie Leibinger, Mark und den Obmann Anheim. Das war ein hagerer Greis mit einem mächtigen kahlen Schädeldach und buschigen Brauen über zwei herrischen Augen. Mit fester Hand hielt er die Zügel, war unbestechlich, ehrlich und treu, aber kannte auch kein Nachgeben. Was er sagte, stand wie ein Block, an dem nicht gerüttelt werden durfte, und alle fügten sich ihm. Auch Mark, der seichte Schwätzer, der gewaltig war im Schimpfen und im Aufpulvern der Massen. Wie ein Kutscher sah er aus mit seinen ganz kleinen Augen, der engen Stirn und dem pechschwarzen Haar, das reichlichste Pomade nicht geschmeidig machen konnte.
„Also, da seid ihr ja beisammen!“ begann Hellwig mit fliegendem Atem und sprang ohne Umschweife mitten in die Sache hinein. „Ihr habt hinter meinem Rücken den Streik beschlossen? Das gibt’s nicht! Das dulde ich einfach nicht!“
„Oho!“ sagte Anheim.
„Jetzt ist’s zu spät!“ ließ sich Mark vernehmen. Und Leibinger lachte spöttisch: „Ich denke, du hast hier weder was zu dulden, noch zu befehlen!“
Kolben rückte sich ein wenig auf seinem Stuhl zurecht. „So kommen wir nicht vom Fleck!“ meinte er. „Fangen wir schön von vorn an. Warum soll denn eigentlich gestreikt werden?“
„Sehr richtig, das möchte ich auch wissen!“ platzte Mark heraus. Leibinger aber fiel ihm sofort ins Wort: „Der Grund ist doch schon längst bekannt. Die vereinbarte Arbeitszeit soll vom Zeitpunkt des Einsteigens in die Förderschale bis zum Zeitpunkt des Aussteigens gerechnet werden. Nicht, wie die Kohlenbarone rechnen, von der Ankunft bei der Arbeitsstelle im Schacht bis zum Niederlegen des Werkzeugs dortselbst. Denn um zur Arbeitsstelle zu gelangen, müssen die Leute oft stundenlang im Stollen gehn, so daß sie elf und noch mehr Stunden unter der Erde sind, statt der vereinbarten neun.“
„Ja, aber da haben die Leute doch ganz recht, wenn sie sich das nicht gefallen lassen!“ bekräftigte jetzt Mark und tat sehr entrüstet.
Hellwig sagte darauf: „Die Forderung ist berechtigt, gewiß! Das habe ich schon hundertmal gesagt! Aber ebenso oft hab’ ich euch vorgehalten, daß es jetzt einfach unmöglich ist, sie mit Gewalt durchzusetzen. Die Leute haben sich kaum vom letzten Ausstand erholt. Sommer ist auch. Die Lieferungen sind nicht dringend, die Grubenbesitzer können zuwarten, haben Zeit, haben die öffentliche Meinung für sich, da die Ursache des Streiks zu geringfügig, zu mutwillig erscheint. Und wir haben jetzt auch die Mittel nicht, sie wirksam zu unterstützen. Auf den Schiffswerften streiken achttausend. Wo sollen wir’s denn hernehmen? Fragt Kolben! — Wie viel hast du in der Streikkasse!“
„Warte!“ erwiderte dieser und rechnete leise vor sich hin. „Zwanzigtausendsechshundertzwei Kronen vierzehn — zuletzt sind siebzehn Kronen acht dazu gekommen: — Zwanzigtausendsechshundertneunzehn Kronen zweiundzwanzig Heller!“
„Da habt ihr’s! Das reicht kaum vier Tage!“
Leibinger unterbrach ihn schnell: „Es ist weitaus genug, wenn man die Spenden hinzurechnet. Und gar so lang kann’s nicht dauern!“
„Leibinger, nimm doch Vernunft an!“ rief Hellwig.
„Das möcht’ ich dir raten! Wir müssen Erfolg haben!“
„Auch ich wäre für den Versuch!“ bemerkte Anheim. „Im Notfall kann die Arbeit jeden Tag wieder aufgenommen werden.“
„Und soundsoviel Lohntage sind beim Teufel!“ sagte Fritz grimmig. Da glaubte Mark ein kräftiges Beweismittel gefunden zu haben.
„Die Wahlen stehen vor der Tür!“ rief er laut. „Hat der Streik Erfolg, sind wir unüberwindlich!“
Kolben griff das unüberlegte Geständnis sogleich auf. „Ich danke Ihnen für das erlösende Wort, Herr Mark! Ja, Fritz! Die Wahlen stehen vor der Tür, und Leibinger will Abgeordneter werden.“
„Wer sagt das?“
„Ich, Herr Leibinger! Glauben Sie, ich weiß nicht, daß Fritz Hellwig Ihrem Ehrgeiz im Wege ist? Daß Sie gern an seiner Stelle Schriftleiter sein möchten? Und ihm das Abgeordnetenmandat neiden, obwohl er’s noch nicht hat?“
„Nicht weiter, Albert!“ unterbrach ihn Hellwig unwillig. „Das gehört nicht her!“
Und Leibinger, kühn gemacht, schrie: „Verleumdung!“
Kolben aber sprach unbeirrt fort, mit seinem leicht ironischen Lächeln, mit seiner großen Ruhe und sehr sarkastisch:
„O gewiß gehört das her! Es war kein Zufall, daß ich ins Kohlengebiet gereist bin, gleich nachdem Herr Leibinger von dort zurück war. Ganz und gar kein Zufall war das. Und da hab’ ich so manches gehört, mein lieber Fritz. Das, was ich eben von ihm behauptet habe, hat Herr Leibinger den Leuten nämlich über dich gesagt, wenn auch vielleicht nicht mit so feinen Worten. Du, Fritz, seist der Streber, der Mandatsjäger, der unverläßliche Mitläufer, der alles zu seinem Vorteil nützt und so weiter. Und als Beweis soll dienen: Du werdest gegen den Streik sein, denn du spielst mit den Grubenbesitzern unter einer Decke. Jemand hat mir sogar anvertraut, im Rausch natürlich, du seist von ihnen bestochen.“
Fritz stand da, hatte die Fäuste geballt und starrte mit weiten Augen den Sprecher an.
„Ist — das — wahr?“
„Ich hörte es so!“
„Ich verwahre mich gegen eine solche Infamie!“ rief Leibinger. Der Doktor beachtete ihn nicht.
„Wenn ich nach dem Ursprung dieser Gerüchte fragte,“ fuhr er trocken fort, „hat’s immer geheißen, die Gegenpartei behauptet es. Aber einer, der mir sehr zugetan ist und für dessen Verläßlichkeit ich jede Bürgschaft übernehme, hat es im Interesse der Partei bitter beklagt, daß — Herr Leibinger solche Sachen in Umlauf setze.“
„Nennen Sie den Namen!“ rief Leibinger. Und Mark unterstützte ihn mächtig: „Namen nennen! Namen nennen!“
„Sparen Sie sich den Atem, meine Herrn!“ erwiderte Kolben und spielte mit seiner Uhrkette. „Den Namen geb’ ich Ihnen nicht preis!“
„Aha!“ frohlockte Leibinger. „Dergleichen kennt man! Alles ist erstunken und erlogen!“
Kolben lehnte sich faul zurück: „Ich pflege zwar sonst nicht zu lügen, aber wenn Herr Leibinger es sagt ...“
Fritz aber trat mit schweren Schritten hart vor diesen hin, der aufgesprungen war und sich vergebens mühte, den unschuldig Gekränkten zu spielen. Mit seinem hellen Blick schaute ihm Hellwig ins Gesicht und sprach leise, mit erzwungener Ruhe: „Also — deswegen! Damit du — deine eigenen Ziele — erreichst, sollen Zehntausende — sollen sie tage- — vielleicht wochen- und monatelang — hungern. Höre, Leibinger, ich bin“ — er tat einen tiefen Atemzug und seine Stimme war spröd wie splitterndes Glas — „ich bin nicht gewohnt, — mit Lumpen dieselbe Luft zu atmen!“
Leibinger lachte schrill auf und schrie: „Ich bin hier genau so viel wie du! Übrigens — mit Beleidigungen wirst du dich nicht rechtfertigen! Eher bestärkst du unsere Gegner in dem Verdacht, daß doch was Wahres an der Geschichte ist!“
Anheim hielt sich für verpflichtet, einzuschreiten.
„Hellwig, das geht zu weit!“ mahnte er. Und Mark sekundierte: „Wir sind keine Lausbuben!“
Der Obmann fuhr fort: „Auf eine Anschuldigung, die sehr unwahrscheinlich klingt, — ich sage nichts gegen Herrn Doktor Kolben, er kann falsch berichtet worden sein, — auf eine vage Anschuldigung hin willst du den Stab über einen verdienten Genossen brechen? Audiatur et altera pars! Sei gerecht!“
Und Mark sekundierte: „Wo sind die Beweise?“
Da schäumte Fritz auf.
„Der das gesagt hat,“ rief er leidenschaftlich, „der wiegt mir hundert Zeugen auf!“
Nun erhob sich der Obmann, räusperte sich und sprach, als redete er in einer Volksversammlung. „Ich muß,“ sprach er, „mich im Namen der gesamten Partei, die zu führen ich die Ehre habe, auf das nachdrücklichste gegen ein solches Vorgehen verwahren. Wer bist du denn, Hellwig, daß du glaubst, mit uns wie mit Schuljungen umspringen zu können? Jedenfalls steht hier, wie ich schon betont habe, Behauptung gegen Behauptung und erst die einzuleitende strenge Untersuchung wird ergeben, auf wessen Seite das Recht ist!“
„Beweise! Wo sind die Beweise!“ rief Mark.
„Herr Mark!“ sagte Kolben. „Wir sind nicht taub. Wozu beweisen, was schon längst nicht nur mir allein bekannt ist. Ihr wißt es ja alle recht gut und freut euch darüber, daß Leibinger für euch die Arbeit tut. Ihr wollt den Hellwig los sein. Er ist euch zu groß geworden, drum soll er ganz klein werden! So oder so!“
Fritz stand ganz dicht vor den drei Männern.
„Leute!“ bat er mit gefalteten Händen. „Seid aufrichtig! Wenn ihr schon etwas gegen mich habt, so hetzt nicht heimlich in so gemeiner Weise gegen mich, daß die, denen ihr Führer und Berater sein sollt, das Bad aussaufen müssen, sondern habt den Mut, mir’s offen und ehrlich ins Gesicht hinein zu sagen!“
Da sprach Anheim mit erhobener Stimme: „Hellwig, es ist durch nichts bewiesen, daß sich Leibinger in irgendeiner Weise unkorrekt benommen hat. Daran müssen wir festhalten. Daß du nunmehr auch uns in Bausch und Bogen verdächtigst, zeigt, wie falsch dein Standpunkt in dieser Angelegenheit ist. Deine Mitarbeiterschaft war uns stets wertvoll ...“
„Das heißt, sie ist es gewesen!“ erläuterte Mark.
„Aber,“ fuhr Anheim fort, „aber in letzter Zeit sind Dinge vorgefallen, die geeignet sind, dich und deine Stellung zu unserer Sache in einem schiefen Licht erscheinen zu lassen. Namentlich als dein Buch herausgekommen ist, das du auf den Markt geworfen hast, ohne uns zu fragen —“
Da sagte Kolben mit unverhohlenem Spott: „Ich denke, die Herren sind entschiedene Gegner der Zensur!“
Steif wehrte der Obmann den Ausfall ab: „Hier liegt der Fall doch anders! Ein Parteimitglied schreibt gegen die eigene Partei! So was ist noch nicht dagewesen! Ja, Hellwig, dein Werk kommt vielen von uns vor wie die Schriften der Jesuiten. Man kann das, was du sagst, so oder so deuten.“
„Wasch’ mir den Pelz und mach’ mich nicht naß!“ nickte Mark eifrig.
Jetzt tat der Doktor, was selten bei ihm vorkam, er lachte hell auf: „Klarer als Hellwig hat doch nicht so bald einer seine Ansichten niedergeschrieben!“
„Das dachten wir im Anfang auch. Als jedoch fast alle Gegner das Buch eines ihrer gefürchtetsten Widersacher zu loben anfingen — von dem Lob fällt ein ganz eigentümlicher Widerschein auf die etwas krausen Wege des Verfassers. Das wäre der erste Punkt. Zweitens hast du, Hellwig, oft und oft scharfe Artikel erprobter Anhänger entweder gar nicht oder nur in sehr verwässerter Form in das Parteiblatt aufgenommen. Und sonderbarerweise waren das immer Artikel, die gewissen geld- oder einflußreichen Leuten auf die Finger klopfen sollten.“
Fritz war einfach sprachlos. Er hatte die schöne Gepflogenheit, jeden Aufsatz, der die mangelnde Sachlichkeit durch Schmähungen zu verdecken suchte, dem Verfasser zurückzuschicken. Das war alles.
Anheim setzte seine Anklage fort:
„Drittens endlich widerrätst du auch den Streik, von dessen Notwendigkeit wir alle überzeugt sind. Kurz und gut: Ich halte es entschieden für einen Fehler, der scharfe Mißbilligung verdient, wenn sich Leibinger des von Herrn Doktor Kolben behaupteten, aber durch nichts bewiesenen Vorgehens gegen dich schuldig gemacht hat. Indes, nach dem Vorgesagten, hätte er — nach meiner Ansicht und nach der Ansicht vieler Parteimitglieder — gegen den Freund Otto Pichlers zwar in der Form, kaum aber in der Sache unrecht gehabt. Bedingungslos vertrauen können wir dir nicht mehr. Wir haben das übrigens in einer vertraulichen Sitzung schon früher festgestellt, und ich bin beauftragt, alle diese Dinge beim nächsten Reichsparteitag zur Sprache zu bringen. Wenn ich sie dir vorher mitteile, um dir die Rechtfertigung zu erleichtern, so erblicke darin einen Beweis, daß wir dich nur ungern verlieren würden.“
Fritz war ganz farblos. Aber seine Augen funkelten wie Stahl in der Sonne.
„Bist du — zu — Ende?“ keuchte er und preßte die Faust gegen die Brust, um dem übermächtigen Pochen des Herzens Einhalt zu tun. Anheim bejahte mit einem stummen Neigen des kahlen Hauptes. Da warf er den Kopf zurück und gewaltsam die Erregung zerdrückend, sprach er erst stoßweise und unsicher, dann immer kälter und verächtlicher:
„Der langen Rede kurzer Sinn ist: Ich — bin von den Geldmännern der bürgerlichen Parteien — bestochen — käuflich wie eine Marktware. Daß ich — euch nicht zu Gesicht stehe — wundert mich nicht. Aber — daß ihr so jämmerlich seid, daß ihr so erbärmlich niedrig denken könnt — macht das mit euch selber aus. Eins nur noch: Ich bin der festen Überzeugung, daß nur der Zufall drei solche Prachtexemplare in derselben Parteileitung zusammengeführt hat. Die Partei achte ich nach wie vor — aber betrachtet um euretwillen meinen Austritt mit dieser Sekunde als vollzogen ...“
Anheim hatte sich wieder erhoben.
„Wir werden Ihren Entschluß der Partei zur Kenntnis bringen,“ sagte er förmlich.
Und als Hellwig bereits die Klinke in der Hand hatte, rief ihm Mark noch schadenfroh nach: „Der Streik beginnt natürlich Montag!“
Da wandte er sich und seine Augen lohten.
„Der Streik beginnt nicht!“
Mark lachte höhnisch, und Leibinger tat jetzt wieder den Mund auf: „Setz’ dich nur aufs hohe Roß, du dunkler Ehrenmann!“ rief er. „Wir bringen dich schon herunter!“ Aber Hellwig hatte bereits die Tür hinter sich zugemacht.
Im Lesezimmer stand er wie betäubt. Kolben legte ihm die Hand auf den Arm: „Nun, Fritz?“
„Laß nur, Albert ... laß!“
Den gläsernen Briefbeschwerer nahm er vom Tisch, hielt ihn gegen das Licht, sah hindurch und legte ihn aufs Fensterbrett. Er ließ das Gewebe der Stoffvorhänge durch seine Finger gleiten, als wollte er die Festigkeit der Fäden prüfen. Er öffnete das Fenster, lehnte sich hinaus und schloß es dann gleich wieder.
Immer heftiger arbeitete es in ihm. Und endlich sank er, der in seiner Vertrauensseligkeit Getäuschte, in seiner kinderklaren Arglosigkeit Betrogene, sank Fritz Hellwig schwer auf einen Stuhl und legte beide Hände vors Gesicht.
„Das arme Volk!“ stöhnte er zu tiefst aus der Brust heraus. „Das arme, arme Volk!“
10.
Aber er blieb nicht untätig dem Schmerz hingegeben. Am selben Nachmittag noch reiste er in den Kohlenbezirk. Pfannschmidt, telegraphisch verständigt, erwartete ihn. Noch in der Nacht wurde ein Flugblatt fertig. Den nächsten Abend sollte eine Versammlung, am Sonntag aber ein Meeting unter freiem Himmel abgehalten werden. Der anbrechende Morgen fand Hellwig mitten unter den Bergleuten. Er fuhr von Schacht zu Schacht, verständigte die Knappschaften, verteilte die Flugblätter.
Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Nachricht von seiner Anwesenheit. In hellen Haufen kamen sie abends in den Versammlungssaal. Dort hatten sich auch Anheim und Leibinger eingefunden.
Von stürmischem Jubel begrüßt, trat Hellwig hinter den Rednertisch. Es dauerte Minuten, bevor er sich verständlich machen konnte. Dann aber wurde es lautlos still. Seine geschulte Rednerstimme war bis in den entferntesten Winkel des großen Raumes vernehmbar. Leibingers Anhang versuchte wohl anfangs durch Räuspern und Scharren den Redner zu stören. Aber Anheim winkte ab. Er hatte sich für das Zuwarten entschieden.
Was Hellwig sagte, klang auch gar nicht aufreizend. Nüchtern und sachlich gab er seine Gründe gegen den Streik bekannt. Als sie merkten, wohinaus er wollte, begannen viele zu murren und dazwischen zu rufen. Denn sie hatten sich bereits mit dem Gedanken an den Ausstand vertraut gemacht.
Da flammte er auf. Jedes Wort schlug ein. Und es währte nicht zehn Minuten, da waren sie wieder in seinem Bann. Aus den geröteten Gesichtern, die in gespannter Aufmerksamkeit ihm zugewendet waren, aus den glänzenden Augen, die jeden Satz von seinen Lippen vorwegzunehmen verlangten, las er die Wirkung, spürte er heraus, daß er wieder Fühlung mit ihnen hatte. Und als er sie jetzt zur Entscheidung aufforderte, da stimmten unter tosendem Beifall fast alle gegen den Streik.
Im ersten Anlauf hatte er den Kampf bereits so gut wie gewonnen. Nach ihm hätte Leibinger zu Wort kommen sollen. Statt seiner stand Anheim auf. Ein starres Festhalten am Streik konnte der Partei nur schaden. Das sah der Obmann ein und gab seiner Meinung dahin Ausdruck, daß es wohl am besten sei, die Entscheidung den Arbeitern zu überlassen. Er konnte sich an den Fingern ausrechnen, wie die Entscheidung ausfallen mußte. Doch war der Rückzug geschickt in Szene gesetzt, das Ansehen der Partei brauchte nicht darunter zu leiden. Von Hellwigs Austritt erwähnte der Obmann nichts. Er hoffte, da auch Fritz geschwiegen, daß sich die leidige Geschichte vielleicht doch bis nach den Wahlen vertuschen oder irgendwie werde beilegen lassen.
Dem Meeting am Sonntag aber schenkte Hellwig ganz reinen Wein ein. Schonungslos brachte er alles zur Sprache, was zum Bruch geführt hatte und forderte Leibinger auf, sich zu rechtfertigen. Der jedoch wagte es nicht. Denn unter den Versammelten waren viele, die seine Ausstreuungen mit eigenen Ohren gehört hatten und jetzt durch laute Zurufe bestätigten. Er überließ es Anheim, die verlorene Sache zu führen. Aber die Leute wollten auch den nicht hören. Sie tobten und schrien, schleuderten dem Obmann, der auf der Felsplatte stand, ihre Empörung ins Gesicht. Wer seine Stimme für Leibinger erheben wollte, wurde niedergebrüllt, mundtot gemacht, mit Püffen und Stößen herumgeschoben, bis er still war oder sich entfernte.
Es hätte nur eines Winkes von Hellwig bedurft und die Mehrzahl wäre von der Partei abgefallen. Doch das wollte er nicht. Die Kräfte durften nicht zersplittert werden, unter dem Gegensatz zwischen einzelnen durfte die Gesamtheit nicht leiden. Deswegen beruhigte er die Aufgeregten. Man dürfe, sagte er, das Kind nicht mit dem Bad ausschütten, weil einer oder der andere sich unwürdig erwiesen habe, nicht die Partei verdammen. Es sei ihm nicht leicht geworden, den Kampf aufzunehmen. Aber rechtfertigen habe er sich gerade vor ihnen wollen und müssen. Und er habe es für seine Pflicht gehalten, sie nach Pichler vor Leibinger zu bewahren. Nicht gegen die Partei richte sich sein Angriff, denn die Partei sei rein, habe schon Großes erreicht und durch feste, lautere Eintracht werde sie alles erreichen. Schließlich riet er ihnen, einen bewährten Mann aus ihrer Mitte in den Reichsrat zu entsenden und schlug Karl Pfannschmidt vor. Sie aber verlangten ungestüm, daß er selbst sich bewerbe. Er weigerte sich. Denn dadurch wäre der Zwist erst recht entfacht worden. Solang die jetzige Leitung blieb, konnte er nicht mit der Partei gehen. Und gegen sie wollte er nicht gehen. Von der Uneinigkeit hätten nur die Gegner Nutzen gezogen. Und er sagte ihnen, daß er noch einmal zu ihnen kommen werde, wenn sie es forderten. Er wollte ihnen zu besonnener Überlegung Zeit lassen und den Ernst ihrer Gesinnung prüfen. Sie jubelten ihm zu, umdrängten und begleiteten ihn wie einen Triumphator in die Stadt. Dann reiste er ab.
Und sie — riefen ihn nicht zurück.
Kaum war er fort, setzte heimlich, aber um so gehässiger die Wühlarbeit gegen ihn ein. Seine Feinde waren durch den schnellen, mit gewaltigem Ungestüm geführten Angriff überrumpelt worden. Doch da er den Sieg nicht ausnützte, fanden sie Zeit, sich zu sammeln. Leibinger zeigte sich nicht mehr. Aber seine Kreaturen waren unermüdlich am Werke.
Fortwährend und überall wurde jetzt von Hellwig gesprochen. Aber es war nur selten Gutes, was man sich von ihm zu erzählen hatte. Und nach manchem Für und Wider, nach halben Andeutungen und vielsagendem Schweigen kam man gewöhnlich überein, es sei eigentlich unerfindlich, worin sein Verdienst bestehen sollte. Er habe einfach Glück gehabt. Der große Erfolg von damals sei nicht auf seine Rechnung zu setzen; dazu habe die Katastrophe, die zur rechten Zeit hereinbrach, das meiste beigetragen. Die eigentlichen Kämpfer und Sieger seien jedoch die Arbeiter gewesen. Die allein haben darunter gelitten, dafür gehungert, die volle Schwere des Feldzuges am eigenen Leib verspürt. Hellwig habe eigentlich nur zugesehen und geredet. Jetzt aber nehme er die Lorbeeren ganz für sich in Anspruch, maße sich das Recht an, andere zu hofmeistern, zu beleidigen, als Spielball zu gebrauchen, seine Meinungen ihnen aufzuzwingen. Die Freiheit führe er zwar fortwährend im Munde, aber gleichzeitig übe er unerhörteste Zwangsherrschaft gegen alle, die ihm nicht unbedingte Gefolgschaft leisten, er habe ganz das Zeug zum Diktator. Dem müsse vorgebeugt werden. Das Volk müsse selbst über sich herrschen, dürfe nach niemandes, auch nicht nach Hellwigs Pfeife tanzen.
So wurde geredet, und die bewegliche Menge, seinem persönlichen Einfluß entrückt, schenkte diesen Reden gern und willig Gehör. Und da Leibinger vorderhand doch nicht gut selbst als Wahlwerber auftreten konnte, war das Schlußergebnis, daß Pfannschmidt wieder als Bergmann arbeitete, August Mark zum Abgeordneten gewählt wurde und der Streik, der förmlich Hellwig zum Trotz doch noch versucht worden war, mit einem Mißerfolg endete.
Der Bruch mit der Parteileitung war Hellwig nicht so nah gegangen als die Haltung der Bergarbeiter, kurz nachdem sie ihm zugejubelt und ihn wie einen Halbgott gefeiert hatten. Doch fand er auch hier Entschuldigungsgründe für ihren Wankelmut. Er war auf halbem Wege stehn geblieben, hatte den begonnenen Kampf nicht bis zu Ende geführt. Eine Hanswurstiade war das gewesen, die Leute hatte er verwirrt, ohne ihnen einen Weg aus dem Irrsal zu zeigen, und es war kein Wunder, wenn sie, von ihm im Stich gelassen, wieder jenen folgten, an deren Führerschaft sie nun einmal schon gewöhnt waren. Nachträglich hatte sein Ausscheiden aus der Partei zwar noch einigen Staub aufgewirbelt, wäre es fast zu einer Spaltung im geeinigten Lager gekommen. Da er aber nichts von sich hören ließ, sich ganz vergrub und verschollen blieb, legte sich die Aufregung, es wurde stiller, und man vergaß ihn allmählich.
Und er wühlte sich immer tiefer in seine Arbeiten hinein, studierte, las und schrieb die Tage und die halben Nächte durch. Denn er war jetzt ausschließlich auf die unsicheren Einkünfte angewiesen, die er von den Zeitschriften für Beiträge gezahlt erhielt. Und da sparte er und knauserte und versagte sich sogar die gewohnten Zigarren, immer in Sorge, daß er einmal nicht genug verdienen und gezwungen sein könnte, die Mitgift seiner Frau anzugreifen.
Und Eva sollte Mutter werden.
11.
Da ließ sich eines Tages Leo Reinholt bei ihm anmelden. Der besaß außer einem großen Vermögen im Ostwinkel des Reiches eine Tuchfabrik mit Spinnereien, Webereien, Färbereien und allem, was dazu gehörte. Die Wohnungen, die er dort seinen Bediensteten aufgebaut, waren musterhaft, und die Wohlfahrtseinrichtungen, die er sonst noch geschaffen, hatten seinerzeit viel von sich reden gemacht. Der also ließ sich eines Tages bei Hellwig anmelden.
Fritz empfing ihn sehr zurückhaltend. „Was verschafft mir die Ehre?“ fragte er steif und wies auf einen Stuhl neben dem Schreibtisch. „Wollen Sie Platz nehmen?“
Ungezwungen kam der Fabrikant der Einladung nach. Er war beinahe ebenso groß, aber schmächtiger als Hellwig, hatte auffallend kleine Hände und blickte aus hellen braunen Augen treuherzig in die Welt. Im dunklen Haarschopf leuchtete das Weiß einer werdenden Glatze.
„Haben Sie eine Viertelstunde Zeit für mich?“ fragte er, indem er sich setzte.
„Da müßte ich wohl zuvor wissen, um was es sich handelt.“
„Das läßt sich nicht so einfach sagen ... Sie sind gegenwärtig ohne feste Stellung?“
„Über meine Privatverhältnisse glaube ich Ihnen keine Rechenschaft schuldig zu sein.“
Der andere lächelte leicht: „Gewiß nicht!“ Und immer nur wie ganz beiläufig und nebenbei fuhr er fort: „Ja, also, wie soll ich Ihnen das auseinandersetzen? — Ich habe mich eingehend mit Ihrem Buch befaßt, sehr eingehend, ja. Und, also, die Vorschläge, die Sie machen, die scheinen mir durchführbar und, was die Hauptsache ist, rentabel. Ja, also — kurz und gut, ich beabsichtige meine Fabrik danach einzurichten und, ja — wenn Sie wollen — Sie könnten mir dabei helfen.“
Fritz sprang auf. Mit einem jähen, ungestümen Satz.
„Ist das Ihr Ernst?“
„Wäre ich sonst hier?“ Der Fabrikant zündete sich eine Zigarre an. „Sie erlauben doch? — Darf ich vielleicht aufwarten?“ Er hielt Hellwig die Ledertasche hin. Der beachtete es gar nicht. Mit langen Schritten lief er durchs Zimmer. Dann machte er wieder vor dem Besucher halt, schaute ihn zweifelnd an: „Ja — aber — wieso ...? Ich weiß nicht, was Sie veranlassen könnte ... Scherzen Sie denn wirklich nicht?“
Reinholt blies den grauen Rauch in die Luft. „Warum wundert Sie das eigentlich? Ich sage ja, ich halte die Geschichte für rentabel. Für mich ist das ein Geschäft wie jedes andere, eine Spekulation meinetwegen, die glücken oder fehlschlagen kann. Das weiß ich vorläufig noch nicht. Glückt sie, ist’s gut. Wenn nicht, hab’ ich mich eben verrechnet und muß die Folgen tragen.“
Er sagte das alles im trockensten Geschäftston. Und doch war im Grunde seiner braven Augen etwas, das zu dieser kaufmännischen Sachlichkeit nicht stimmte. Etwas Warmes, nur gedämpft wie hinter Schleiern Leuchtendes, — Güte, die nicht erkannt sein wollte.
Fritz hatte seine Wanderung durch das Zimmer wieder aufgenommen. Die Arme auf dem Rücken verschränkt, schritt er ruhlos auf und ab und schaute zur Decke, als ob er von dort etwas herablesen wollte. Dann wieder blieb er stehen, schüttelte den Kopf und bewegte die Lippen wie im Selbstgespräch. Reinholt beobachtete ihn eine gute Weile. Endlich rief er ihn an: „Herr Hellwig ...“
Da schrak er aus seiner Versunkenheit auf: „Ja?“ und schaute den Fabrikanten fremd an.
„Wir wollen die Sache nicht überstürzen, Herr Hellwig. Es hat ja Zeit. Ich mute Ihnen keine sofortige Entscheidung zu. Nur einige Aufklärungen möchte ich Ihnen noch geben, dann überlegen Sie sich’s und lassen mich, sagen wir in vier Wochen, Ihren Entschluß wissen. So lang bleibe ich Ihnen im Wort.“
Das klang wieder sehr nüchtern und vernünftig. Und diese kühle Art ließ auch Fritz ruhiger werden; aufmerksam hörte er zu, wie jetzt der Fabrikant in großen Umrissen seinen Plan entwickelte.
Als er gegangen war, blieb Hellwig noch lang unbeweglich vor dem Schreibtisch sitzen. Da hatte ihm einer die Möglichkeit gezeigt, wie er sein Lebenswerk erfüllen konnte. Und es war ihm, als ob er in eine ungeheure Helligkeit schaute, die ihn blendete und alle Gegenstände überstrahlte, so daß nichts anderes zu sehen war als Licht und Licht. So — wie man die Möven nicht sieht, die Barken nicht und nicht die Schiffe, wenn die Sonne auf den See scheint und seine Fläche zum Spiegel macht. Und man weiß doch ganz sicher, daß dort klares Wasser ist und freut sich und kann es nicht erwarten, bis man die Kleider vom Leib ziehen und in dem kühlen Silber untertauchen kann.
Da tat sich die Tür auf und Eva kam herein, sacht, schüchtern, mit dem aufrechten Königinnengang des tragenden Weibes. Nun sprang er empor, hob die Arme seitwärts und aufwärts, mit einer so ungestümen, frohen und leidenschaftlichen Bewegung, als wollte er eine Welt umspannen.
„Eva ...“ stammelte er. „Eva ...“
Eine Sekunde nur schaute sie ihn befremdet an und wunderte sich über den Glanz in seinen Augen. Dann wußte sie, daß eine Wendung eingetreten, daß ein großes Glück für ihn im Anzug sei. Mit ausgestreckten Händen trat sie auf ihn zu: „Fritz ... Ist’s jetzt wieder gut, Fritz?“
„Ja!“
Und nun erzählte er es ihr. Aber während er redete, verlor sich mehr und mehr die beschwingte Zuversicht der ersten Freude. Er begann von den Hindernissen zu sprechen, die zu beseitigen, von den Schwierigkeiten, die zu überwinden waren. Die Skrupel kamen, aus Licht wurde Schatten und keins der Bedenken, die ihm aufstiegen, verhehlte er ihr. Nach Reinholts Schilderung lag die Industrie in jenem Lande zwar sehr im argen, aber gerade in der Gegend, wo auch sein Unternehmen stand, waren noch einige kleinere Spinnereien und Webfabriken, die insgesamt kaum zweitausend Leute beschäftigten. Doch diese gehörten fast ausnahmslos zu jener Partei, die gegen Hellwig als Abtrünnigen den Bannfluch geschleudert hatte.
Für den Anfang, zu diesem Schluß kam er endlich, für den Anfang werde sich wohl eine Trennung nicht vermeiden lassen. Erst wenn der ärgste Wirrwarr vorüber, die neue Ordnung einigermaßen befestigt sei und sich eingelebt habe, werde ihm Eva folgen können.
Sie hörte es und wurde blaß. „Und das Kind?“ fragte sie tonlos.
Einen Augenblick zögerte er mit der Antwort. Er fühlte ein Würgen in der Kehle. Aber sie sollte, sie durfte nicht merken, wie nah es ihm ging. „Ich werde euch unterdessen nach Neuberg bringen,“ sagte er. Da ließ sie traurig den Kopf sinken und sprach kein Wort mehr.
12.
Hellwig nahm das Anerbieten Reinholts an. Der Entschluß war ihm nicht leicht geworden. Erst als er ganz mit sich im reinen war, sagte er ja. Aber nun er sich einmal entschieden hatte, glaubte er um so sicherer an den Erfolg. Verläßliche Leute wurden angeworben, die eine Art Kerntruppe für das neue Unternehmen abgeben sollten. Pfannschmidt war darunter, der alte Kesselwärter Bogner, auch einer von den Brüdern Otto Pichlers. Die reisten mit Reinholt gleich ab. Hellwig wollte noch die Entbindung Evas abwarten.
Und Evas schwere Stunde kam. Die Geburt währte lang, ein Arzt mußte gerufen werden. Fritz war im Zimmer daneben. Die Tür war angelehnt, aber hinein ging er nicht. Auf daß sie später einmal sich nicht doch vielleicht irgendwie vor ihm schäme, weil seine Augen ihre allerhilfloseste Menschlichkeit gesehen. Er hörte das kalte Klirren der Instrumente, die gedämpften Anordnungen des Arztes, das leise Stöhnen seines Weibes. Und er wußte nicht, wie es stand. Die Ungewißheit marterte ihn, die Angst und das Bewußtsein seiner Ohnmacht. Daß er so dastehen mußte und ein Liebes leiden lassen mußte und nicht helfen konnte. Und mit einemmal überkam es ihn und zwang ihn, in seinem Herzen zu wühlen, die verborgensten Falten zu durchwühlen, ob nicht doch vielleicht irgendwo ein Fetzen vom verlorenen Gottglauben zurückgeblieben, an den er sich klammern, den er umkrallen könnte wie der jämmerlichste Betbruder den Rosenkranz. Aber er fand nichts. Wie ein gefangenes Tier im Käfig rannte er ohne Pausen um den Tisch, den Kopf nach vorn geduckt, die Augen starr, mit steif gestrafften Armen und geballten Fäusten. Und empfand seine Ohnmacht und spürte den Widersinn, daß Leben unter entsetzlichen Qualen vom Leben sich losreißen muß, und hörte die Ketten klirren und die Peitsche sausen.
Und dann war drinnen ein weherer Ton. Und dann — der erste Schrei seines Kindes. Da wurde er totenblaß — und seine Arme hoben sich langsam und breiteten sich aus und ein zitterndes Schluchzen kam ganz von tief aus seiner Brust. Und er ging in die Küche, wo weinend die Magd saß. „Marie ... es ... es schreit schon,“ sagte er fremd, mit weicher, bebender Stimme — und schritt wieder wie im Traum in das Zimmer zurück und stand und horchte.
Mittag war nahe. Um die halbentlaubten Bäume im herbstlichen Garten floß der Sonnenschein, blau funkelte der Himmel durch die offenen Fenster, und warme weiche Luft drang herein. Und im nahen Kirchturm begannen alle Glocken auf einmal zu läuten. Und die Glocken läuteten und läuteten, und das Kind schrie und schrie und überschrie das Geläute, heller, freudiger, lebenswilliger — er war noch nie vorher so fromm gewesen wie in dieser Stunde. —
Noch ein anderer hatte mit Fritz gebangt und gelitten. Doktor Kolben, der jetzt den Arzt hatte weggehen sehen und heraufkam, nur bis in das Vorzimmer, und sich erkundigte. Und als er hörte, daß ein Junge angekommen sei, da lachte er über das ganze Gesicht und lief wieder fort. Und schon nach einer kleinen Weile kam er noch einmal und brachte einen großen Strauß blühender Rosen für die junge Mutter. So viele ihrer der Gärtner gehabt hatte, so viele hatte er hergeben müssen.
Den nächsten Tag kam Frau Wart von Neuberg hergereist und im geruhigen Lauf der Stunden fügte sich mählich alles in die neue, von dem jungen Menschlein beherrschte Ordnung. Aber Fritz schwankte wieder und zauderte und verschob seine Abreise Woche um Woche. Es war ihm, als hätte er Eva zum andernmal gewonnen. Und während sie sich langsam wieder aufrichtete, entfaltete sich neben ihr noch ein zweites, ein neues Menschenleben, das ihr und ihm gehörte und doch wieder nicht gehörte, das hilflos in ihre reifen Hände gegeben war, daß sie es formten und sicher einfügten in das rollende Räderwerk der Gegenwart. Und es würde forttreiben und ein Teilchen ihres Wesens mit hinüber tragen in eine Zukunft, die nicht mehr die ihre war. Er konnte lang und immer wieder vor dem weißen Schlafkörbchen seines Buben stehen und den Rätseln des Lebens nachsinnen, indes der Säugling ruhig atmend schlief, mit kaum beflaumtem Kopf und einem blassen Gesicht, das ohne Bewegung war, leidenschaftslos und ohne Arg wie die glatte Meeresfläche — und doch birgt sie ungezählte wunderbare Möglichkeiten, schöne und wilde, furchtbare und sanfte, unter ihrem harmlosen Frieden.
Und die Trennung wurde ihm schwer. Schon erwog er den Gedanken, Weib und Kind gleich mit sich zu nehmen. Er schrieb auch an Reinholt deswegen. Doch der riet ihm ab. Die Lage sei so einfach nicht, die Gegend außerdem öd, die Lebensmittel, und namentlich eine keimfreie Milch, nur sehr schwierig zu beschaffen. Denn die nächste größere Stadt sei viele Meilen weit entfernt und eine sanitätspolizeiliche Überwachung gebe es so gut wie gar nicht. Es sei schon besser, wenn sich Fritz die Sache vorerst ansehe und sich einlebe.
Er las das Schreiben und spürte heraus, daß ihm nicht alles gesagt wurde. Und der Zwiespalt in ihm wurde immer größer. Es drängte und zog und trieb ihn nach dem Ort, wo seine Gedanken Tat werden sollten — und hielt ihn doch mit tausend Fäden fest in seinem Heim. Kolben merkte gut, wie es um ihn stand. Doch er redete da nichts hinein, riet nicht ab und stimmte nicht zu. In Eva aber war die Mutterzärtlichkeit aufgeweckt und die Liebe zum Kinde ließ sie alles andere als unwichtig hintansetzen. Und wenn sie ihn vordem eher aufgemuntert und sich gefreut hatte, weil sie ihn fröhlich sah, so bat sie ihn jetzt, daß er bei ihr bleibe oder sich gedulde, wenigstens ein Jahr noch, bis das Kleine stärker und widerstandsfähiger geworden und eine Übersiedelung leichter zu bewerkstelligen wäre. Und fast hätte sie ihn umgestimmt, und schon wollte er Reinholt bitten, ihn seines Versprechens zu entbinden, obwohl der Fabrikant bereits alle Vorbereitungen traf, Zubauten aufführte, Leute aufnahm, Ungeeignete fortschickte und nur die Ankunft Hellwigs abwartete, um mit der Einrichtung des neuartigen Betriebes ungesäumt zu beginnen. Eine Absage im letzten Augenblick mußte ihm einen empfindlichen Schaden bringen, das wußte Fritz. Und seine Nächte wurden schlaflos und unstet wieder seine Tage, er kämpfte schwer und konnte und konnte sich nicht entscheiden.
Und da war es wieder jene Frau, der er schon so vieles zu danken hatte, die ihm mit behutsamen Händen die Hindernisse wegräumte und das sichere Vertrauen wiedergab, Frau Hedwig, seine zweite Mutter, wie er sie einst genannt hatte. Sie wollte verhüten, daß er sich gegen Reinholt entscheide. Denn das hätte niemandem gefrommt. Ihm nicht, weil ihn später ganz gewiß der Gedanke gepackt und gequält und nicht mehr losgelassen hätte, daß er die Gelegenheit, sein vermeintliches Lebenswerk zu vollenden, nutzlos habe vorübergehen lassen. Und den Seinen nicht, weil sie sich später selbst den Vorwurf nicht erspart hätten, daß sie ihn elend gemacht und schuld an seinem Leiden hätten. Deswegen suchte sie mit behutsamem Takt, ohne daß er es merkte, seinen Entschluß zugunsten Reinholts zu beeinflussen. Und sie tat es um so beruhigter, da für Eva mit ihrem Buben bei den Großeltern in Neuberg eine sonnige Zuflucht bereit stand.
„Wann wirst du denn abreisen?“ fragte sie ihn einmal und sie fragte, als ob alles glatt und seine Abreise eine selbstverständliche und von allen erwartete Sache sei.
„Das hat noch gute Wege!“ erwiderte er unwirsch.
Sie tat erstaunt: „Gute Wege? Ich hab’ gedacht, sie brauchen dich schon sehr notwendig.“ Er trommelte mit den Fingern auf der Tischplatte und gab keine Antwort. Da trat sie ganz nah zu ihm und sagte ganz leise, mit großer Überwindung: „Fritz — es ist vielleicht doch besser, weißt du ... damit ... unser Heinz — er hat Ähnliches gewollt, Fritz ...“
Mit einem Satz stand er auf den Füßen, hatte die Hand im Ausschnitt der Weste verkrampft und atmete heftig. Aber kein Wort kam über seine Lippen. Ihre Bewegung niederkämpfend, fuhr sie tapfer fort: „Du hast ihm ja auch dein Buch zugeeignet — und was da jetzt ins Leben treten soll — es wäre die Vollendung dazu ...“
Noch immer gab er keine Antwort. Und noch, als sie sich langsam wandte und aus dem Zimmer ging, stand er wie ein steinernes Bild und hielt sie nicht zurück. Aber ihre Worte wirkten nach. Ein ehrendes Totenmal hatte er dem Freund errichten wollen, dem flammend in den Tod gegangenen Freund ... Und da, nach Tagen und Nächten schweren Ringens fiel es mit einemmal auf ihn: Wenn — alles so bleibt und das Suchen nicht aufhört — und dein Junge später einmal — er ist ja eines Blutes mit dem Toten und mit dir — es könnte mit ihm gerade so werden später einmal. Darum — tu’s! pack’ zu! versuch’, ob du’s zwingen kannst! — Wirb um die heutigen Herren und erobere sie durch eine unwiderlegliche große Tat! — Damit dein Bub nachher ruhig weiter bauen kann — und vorwärts kommen kann zu den Quellen des Menschentums, ohne im vorgelagerten Sumpf stecken zu bleiben — und darin zu ersticken, wie Heinz — und beinahe du selbst ...
Und er entschied sich für Reinholt. Und je länger er bisher gezaudert hatte, je hastiger betrieb er jetzt die Reise. Eva sollte unterdessen nach Neuberg, bis er sie in einiger Zeit werde zu sich holen können. Aber sie wollte nicht nach Neuberg. Sie fürchtete sich vor den Leuten. „Er hat sie sitzen lassen, na ja, das hat ein Blinder voraussehen können!“ So würden sie reden und sich anstoßen und ihr nachschauen und sich teilnehmend und mitleidig und hämisch nach dem Vater des Kindes erkundigen. Und auch ihr Vater würde nicht anders denken. „Es hat so kommen müssen, Mutter. Er und Heinz, die zwei haben ja nie ein Herz für ihre Familie gehabt!“ Deutlich glaubte sie zu hören, wie er das sagte. Und ganz im letzten Winkel ihres Herzens regte sich etwas wie eine vage, dumpfe Ahnung, daß Fritz einst wiederkehren würde — und nicht als Sieger. Und daß er dann sein Heim so wieder finden müßte, wie er es verlassen. Weit schob sie den Gedanken von sich, aber er ließ sich nicht bannen und so sehr sie sich mühte, an Hellwigs Erfolg zu glauben, ganz leise und ganz heimlich zweifelte sie doch daran. Deswegen war sie taub für das Zureden der Mutter und hörte nicht auf Fritz. Sie wolle vorläufig alles unverändert beim alten lassen, bis er einen Überblick haben und ihr wenigstens annähernd werde sagen können, wie lang die Trennung notwendig sei. Dann wolle sie sich’s erst zurechtlegen. Dabei blieb es. Und als Fritz abgereist war und bald darauf auch Frau Hedwig nach Neuberg zurück mußte, da hatte Eva in der großen Stadt keinen Einzigen, an den sie sich wenden konnte, als den Doktor Albert Kolben.