Zwölftes Kapitel.
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Es bleibt uns zum Schluß noch übrig, der deutschen Offiziere und ihres Verhältnisses zum Kriege sowohl und ihren englischen Kameraden, als auch zur Krone England und zu ihren Landesvätern zu gedenken.
In ihrer großen Mehrheit fühlten sie das Schiefe und Demüthigende ihrer Stellung nicht. Meist dem niedern Adel angehörend, der wenig mehr gelernt hat als was er nothwendig für's Lieutenants-Examen braucht, und der seit Jahrhunderten für Kost und Logis damals so gut seine Haut zu Markte trug, wie noch heute, kannten sie, wie alle schlecht bezahlten oder halb gebildeten Leute, gar nicht das Gefühl persönlicher Würde und Verantwortlichkeit. Sie waren stolz darauf, zu dienen und Landsknechte zu sein, die sich auf das Geheiß Serenissimi, ohne nach irgend einem Grund zu fragen, an's andere Ende der Welt schaffen lassen und ebenso gleichgültig für die schlechteste wie für die beste Sache kämpfen. Die Lieutenants und die Subaltern-Offiziere jubelten, daß sie aus ihren langweiligen Garnisonen ausrücken durften, daß sie von ihren Gläubigern vorläufig nicht weiter gequält werden konnten, und malten sich das ferne Land in den glänzendsten Farben aus, wo ihre Phantasie Alles zu finden hoffte, was sie zu Hause nicht hatten. Nichts ist erklärlicher als diese freudige Stimmung, wenn man sich die Verhältnisse dieser kleinstaatlichen Truppen im Friedensstande vergegenwärtigt. Zu Hause überall Kleinlichkeit und Armseligkeit, karge Besoldung, kümmerliche Verpflegung, schlechte Behausung und langweiliger Dienst; in der Fremde dagegen ein bewegtes Kriegsleben mit seinem steten Wechsel, seinen Anregungen und Anspannungen, ja ein unbekannter Kontinent mit tausend neuen, Auge und Geist gleichmäßig einnehmenden Erscheinungen und Vorkommnissen, endlich ein großer, lange nicht mehr gekannter Armee-Verband, doppelte Löhnung und reichliche, ja verschwenderische Verpflegung und Aussicht auf schnelle Beförderung! Welcher junge Offizier hätte da nicht mit Freuden zugegriffen und sich nicht glücklich gepriesen, den Krieg in Amerika mitmachen zu dürfen?
Kaum dort angekommen, wurde ihm aber die Kehrseite der Medaille sichtbar. Statt des geträumten Reichthums überall fast Noth und Mangel, statt der gehofften Kameradschaft kaltes zugeknöpftes oder gar höhnisches Wesen der englischen Offiziere, statt des raschen Avancements geringe Verluste und meist langweiliger Dienst unter Strapazen und Entbehrungen aller Art. „Daß alle Kapitains und Subalterne zu Fuß gehen müssen — schreibt der Lieutenant v. Molitor am 4. July 1777 aus dem Lager von Staaten Island an den Hauptmann v. Ellrodt in Anspach — habe ich Ihnen schon gemeldet. Die Theuerung ist enorm. Was man bei uns in theueren Zeiten vor einen Konventionsthaler kauft, das muß man hier vor eine Guinee bezahlen. Unsere Leute bekommen Tag vor Tag gesalzen Schweinefleisch und alten Zwieback. So lange wir auf dem Lande sind, haben sie erst zwei Mal frisch Fleisch bekommen.“ Noch mehr klagt der Lieutenant Bartholomae in einem Briefe aus New-York am 9. Dezember 1779 an Gemmingen geschriebenen Briefe. „Wir anspacher Jäger sitzen auf Spuytin Devil (gegenüber dem nördlichen Ende der Insel New-York). Möchten Ew. Exzellenz ein Mittel ausfinden, wie ich auf gute Art zurückkommen könnte. Ich muß hier schlechter als ein Bettler in Deutschland leben, kann mir weder etwas sparen noch bei meinem gegenwärtigen Dienste Ehre erwerben. Die große Theuerung und Anschaffung der Equipage ist nicht auszuhalten. Wie thöricht war ich, den amerikanischen Krieg mit dem deutschen zu vergleichen. Finden Sie ein Mittel, wie ich nur mit Ehren aus diesem Fegefeuer, dieser Hölle erlöst werden kann.“ Bartholomae berechnet sein monatliches Einkommen auf sechs Guineen und drei Thaler, welche ihm nach Abzug der doppelten Provision bleiben. Davon gehen ab zwei Pfund für den Vorschuß, ein Pfund für den Bedienten, ein Thaler für den Feldscheer oder Barbier, zwei Thaler für die Wäscherinn; mithin bleiben drei Guineen für Essen und Trinken, Frühstück, Rauchen und Schnupftaback. Ein Pfund Fleisch kostet 1 fl. 8 kr., ein Pfund Butter dasselbe.
Andrerseits hatte keiner dieser Offiziere eine Ahnung von der Macht des Volkes, von der Existenz einer Nationalkraft und den letzten Gründen der amerikanischen Erhebung. Mit dem Augenblick, wo sie von England übernommen wurden, fingen sie auch pflichtmäßig an, über das amerikanische Rebellengesindel zu schimpfen. In Amerika angelangt, wunderten sie sich über die Wohlhabenheit und den Reichthum des Farmers und berichteten ganz naiv nach Hause, daß eine Neu-Engländerin oder Staaten Isländerin bessere Kleider, ja selbst ein feineres Benehmen habe, als selbst manche junge adelige Dame in Deutschland. Namentlich waren sie von der Schönheit und Eleganz der Frauen entzückt. Unter zehn Mädchen finden sie kaum eins, welches nicht schön wäre. „Ihr Anzug — meint Lieutenant v. Wöllwarth, der auf diesem Gebiete ein Kenner zu sein scheint — ist der vortheilhafteste von der Welt, eine geschmackvolle Vermittlung zwischen französischer und englischer Mode mit eigenen Zuthaten: das giebt der angeborenen Schönheit ein um so reizenderes Aussehen.“ Um so schlimmer war es mit dem politischen Urtheil der Herren bestellt. So schrieben sie die Revolution nur dem Uebermuthe des „frechen Packs“ zu, dem es unter englischer Herrschaft zu gut gegangen sei. Auch die höheren Offiziere zeigen nirgends ein Verständniß für die politischen Fragen, die sich im amerikanischen Kriege zur Entscheidung drängten. Es sind manche interessante militärische Denkschriften von ihnen erhalten, aber nirgend wird die Politik selbst nur als untergeordneter oder beiläufiger Faktor der Ereignisse erwähnt. Das Volk hat rebellirt, also muß es mit der „ultima ratio regis“ zur Raison gebracht werden — in diesen paar Worten erschöpft sich die ganze politische Anschauung der damaligen deutschen Offiziere. Da geht, unmittelbar nach der Schlacht, die das Geschick eines ganzen Kontinents entscheidet, ein deutscher Oberst am Meeresstrand spazieren, sucht Muscheln und preis't die „Allmacht des Schöpfers“. Ein anderer sieht von den Höhen von Brooklyn aus, wie die ganze englische Flotte vor Anker geht und sich anschickt, die Stadt zu bombardiren. Das große ungewohnte Schauspiel hat wenig oder gar keinen Reiz für ihn, aber er vergleicht New-York, das strahlende, Europa zugekehrte Auge Amerika's, mit preußisch Minden, das ungefähr von derselben Größe und Ausdehnung sei. Es klingt heutzutage wahrhaft komisch, wenn man diese Parallele zwischen der größten und der reichsten Stadt der neuen Welt und zwischen dem verschuldetsten rotten borough preußischer Offiziere liest. Ein Dritter endlich erzählt den Seinigen daheim, daß der bei Brooklyn gefangen genommene General Sullivan dem Metzgermeister Fischer in Rinteln auf's Haar gleiche und schimpft über die Mosquitos, die ihm die geträumten Freuden in der neuen Welt gleich anfangs verleiden.
Dieses Kleben an Nebendingen, welches nur den engen Kreis der persönlichen Interessen kennt, tritt uns, kaum zwei oder drei nennenswerthe Ausnahmen abgerechnet, in den Aufzeichnungen der deutschen Offiziere über den amerikanischen Krieg überall entgegen. Der werthvolle Aufschluß, den wir über einzelne Ereignisse und Personen erhalten, findet sich nur gelegentlich und meistens unter einem Haufen von gleichgültigen Notizen versteckt. Politisches Urtheil hat Keiner der Tagebuchschreiber.
Hie und da klagen sich denn die deutschen Generale und Obersten wohl ihre Noth über die Anmaßungen der Engländer, die ihnen und den deutschen Soldaten oft etwas zuviel zumuthen; Einzelne verfluchen den Dienst, welcher ihnen so manche Entbehrung auferlegt und kaum einen Vortheil dagegen bietet; ja in einem unbewachten Augenblicke malt sich sogar der hessische General Loos das „philosophische Vergnügen“ aus, einem undankbaren, fühllosen Fürsten und hochmüthigen Minister trotzend, sagen zu können: „Ich will Euch nicht länger dienen!“ Zu der höhern Anschauung jedoch, daß dieser Dienst ein verächtlicher Schergendienst und mit dem Selbstgefühl eines freien Mannes unverträglich war, können und wagen sich diese Herren nicht zu erheben; sie sind nur hie und da, innerhalb der gegebenen und von ihnen gehorsam anerkannten Dienstverhältnisse, mit der ihnen zu Theil werdenden Behandlung nicht zufrieden.
So lange England siegreich war, und namentlich die deutschen Regimenter seine Siege erringen halfen, ging natürlich Alles gut. Gleich nach der ersten Niederlage aber traten, namentlich zwischen den Offizieren Reibungen ein, die sich in der Folge fast täglich wiederholten. „Unter den englischen und deutschen Truppen — lautet ein den preußischen Ministern von W. Carmichael, dem amerikanischen Agenten, mitgetheiltes Schreiben eines hochgestellten Engländers aus New-York vom 5. Januar 1777 — ist keine gute Harmonie. Unsere Leute sagen, daß zu Trenton die drei Bataillons Hessen die Waffen zu früh niedergelegt und nicht so viel Widerstand geleistet hätten als sie hätten können und sollen. Die Hessen beklagen sich hingegen, daß die frischen Lebensmittel unbillig vertheilt werden und daß sie nicht den gehörigen Antheil davon erhalten, auch daß man sie zu dem beschwerlichsten Dienst gebraucht, ihnen die gefährlichsten Posten giebt, und sie nicht gehörig soutenirt. Einer unserer vornehmsten Offiziere antwortete hierauf unbedachtsamer Weise, daß der König sie von ihrem Herrn gekauft hätte, um seine eigenen Truppen zu schonen, wodurch die Hessen sehr beleidigt worden sind. Sie fangen auch an, von ihrem Landgrafen mit ungeziemender Freiheit zu reden, indem sie sagen, er habe kein Interesse bei diesem Kriege, und verkaufe das Blut seiner Unterthanen, welches in Amerika vergossen würde, um das Geld in auswärtigen Ländern auf seine Vergnügungen zu verwenden.“
Im gleichen Sinne äußert sich ein Jahr später vom deutschen Standpunkte aus der anspachische Lieutenant v. Wöllwarth, Vetter des Ministers Gemmingen. Er bittet diesen darum, daß er seine Rückkehr nach Deutschland vermittle, zu einer Zeit, wo der eben ausbrechende bayrische Erbfolgekrieg einem Offizier bessere Aussichten für Auszeichnung und Beförderung bot. Dieser mit feinem Humor und beißender Ironie geschriebene Brief zeigt den ganzen Mißmuth und die gründliche Verachtung eines unabhängigen Charakters gegen den ihm zugemutheten Dienst. „Ein gewisser Lord in Schottland — schreibt Wöllwarth am 4. Mai 1778 aus Philadelphia — hatte eine sehr sorgfältige Parforcejagd. Er sah aber ein, daß es patriotischer und vernünftiger für sein Vaterland gedacht sein würde, bei dessen gegenwärtiger Verfassung solche abzuschaffen und dafür ein Regiment zu werben, welches in des Königs Dienst treten sollte, um gegen die rebellischen Kolonieen auf seine eigenen Kosten gebraucht zu werden. In England fand er keinen Käufer; er ließ deshalb auf Anrathen seiner Freunde seine ganze Hunde-Equipage in eine teutsche Zeitung unter die zu verkaufenden Sachen setzen, in der zuversichtlichen Hoffnung, daß man in Teutschland mehr Hunde- als Menschenliebe besitzt. Man behauptet, ein teutscher Reichsfürst habe ihm dagegen ein Regiment Soldaten vertauschen wollen; allein letzteres, glaube ich, ist erdichtet und halte die ganze Geschichte für eine Erdichtung. Doch können gnädigster Herr Vetter sich nicht genug vorstellen, mit welch einem Auge die vernünftigen und uninteressirten Engländer das Betragen der teutschen Reichsfürsten ansehen. Und noch zum größern Ruhme werden alle teutschen Truppen vor Leute angesehen, welche zu viel in ihrem Vaterland gewesen sind und dessendwegen diese Umstände und Begebenheiten vor unsere glücklichste Ausflucht halten. Schließen also gnädigster Herr Vetter hieraus nicht, daß dieser Dienst ein Weg und Feld der Ehre sein sollte.
Die Engländer sehen uns gar nicht davor an und können gar nicht begreifen, wie ein Mann von Ehre seinen Ehrgeiz auf das treiben kann, seine Haut vor Geld zu verkaufen. Alles, was wir in Ansehung unseres Exerzierens voraus haben, ist in ihren Augen lächerlich und sehen uns allein dazu tüchtig an, diejenigen Posten zu besetzen, welche sie erobern. Unsere Lage ist höchst unerquicklich; wir sind weder Fisch noch Fleisch, weder halb noch ganz. Ich bin aber nicht gesonnen, noch länger unter meiner Charge aus Liebe vor Ihro Durchlaucht zu dienen, will also lieber unter derselben in einem andern Dienste dienen und lieber nicht in meiner jetzigen Stellung ein rapides (?) Glück machen.“
Gemmingen nahm als vorurtheilsfreier Mann diesen Brief gut auf und berief umgehend dessen Absender nach Europa zurück, wo dieser Mitte Oktober landete.
So glücklich wie Wöllwarth waren aber die wenigsten seiner Kameraden. Es hatte nicht lange gewährt, bis sie sich ihre traurige Lage klar gemacht hatten, allein sie wandten sich mit der Bitte um Rückkehr in der Regel vergebens an ihre Landesväter. Namentlich war der Landgraf von Hessen selbst Kranken gegenüber ein strenger Herr. Wenn er endlich nothgedrungen seine Einwilligung zur Rückkehr ertheilen mußte, so verzögerte er gewöhnlich die Uebermittlung so lange, daß die Bittsteller keinen Gebrauch mehr davon machen konnten, indem sie schon vorher gestorben waren. Eine Luftveränderung, andere Umgebungen und bessere Nahrung hätten die Armen sicher am Leben erhalten. Bei den hessischen Regimentern, die von 1779–1783 im Süden standen, reichten die Offiziere fast wöchentlich Entlassungsgesuche ein; nur einige wenige wurden genehmigt; die Bittsteller aber fielen meistens dem Faulfieber zur Beute. Andrer Seits kam es vor, daß junge Fähndriche und Lieutenants desertirten, weil sie nicht unbestimmte Zeit auf die Antwort aus Kassel warten wollten, so z.B. ein Fähndrich Karl Wilhelm Kleinschmidt aus Landau in Waldeck und ein Lieutenant Führer.
Zu diesen Uebelständen gesellte sich nun bei den Hessen das schlechte Avancement, das bei einzelnen Regimentern langsamer war als in den heimischen Garnisonen. Nach der Niederlage bei Trenton (26. Dezember 1776) bis zum 19. November 1779 unterschrieb der Landgraf keine Beförderung eines Offiziers der bei jenem unglücklichen Ereigniß betheiligten Regimenter. Selbst der Kommandeur des früher vom Obersten Rall befehligten Grenadier-Regimentes war zuletzt ein Major, nachdem der Obristlieutenant mit Tode abgegangen war. „Bei der noch immer nicht in völliges Licht gesetzten fatalen Affaire von Trenton — schrieb der Landgraf am 11. August 1779 aus Hofgeismar an den Major Mathaeus — kann ich mich vor der Hand, und bis das Regiment durch wesentliche und eklatante Proben seiner Tapferkeit sich meiner Gnade wieder gänzlich würdig gezeigt haben wird, zu keinem Avancement derer dabei mitgewesenen Offiziers entschließen. Des Herrn Majors gethaner Vorschlag wegen Ernennung derer beyden Premier-Lieutenants Saltzmann und Stoebell zu Stabskapitains hat also auch keine Statt finden können.“
Unterm 10. Juli 1779 hatte der Major Endemann von der Betheiligung des Regiments Trümbach an der Affaire bei Stonoferry berichtet, wo es sich besonders auszeichnete, in dessen Folge es vom kommandirenden General Provost durch Armeebefehl belobt wurde, und bat, „die unglückliche Trenton-Affaire nunmehr in die Tiefe gänzlicher Vergessenheit zu versenken, hingegen dem Regimente die seither entzogene Gnade nach wie vor zuzueignen geruhen zu wollen.“ Der Landgraf nahm aus Weißenstein unterm 19. November 1779 aus dieser Meldung Anlaß, „dem Regiment nunmehr wieder seine vorige Gnade zuzuwenden, auch ihm wieder Fahnen zu geben, und die Avancements, welche zeither lediglich wegen der Burgoise von Trenton zurückgeblieben, wiederum darin zu lassen. Inzwischen wird dieses jedoch mein Ressentiment gegen diejenigen im Regiment nicht aufheben, welche bei dieser fatalen Affaire nach geendigter Untersuchung durch das befohlene Kriegsgericht etwa schuldig befunden werden sollen und sich hätten Ein oder Anderes zur Last kommen lassen.“
Während die übrigen Lieferanten die Korrespondenz mit ihren Truppen in Amerika durch die Hände ihrer Minister gehen ließen, nahm der Landgraf von Hessen, wie wir bereits im vierten Kapitel, S.50, angedeutet haben, an Allem Theil, was seine Offiziere betraf, und beantwortete die Berichte seiner Regiments-Kommandeure und Generale immer umgehend selbst. Aus diesem Briefwechsel geht hervor, daß er stets sehr gut unterrichtet war und daß er genaues Buch über alle Ereignisse auf dem amerikanischen Kriegsschauplatze führte. Seine Antworten sind kurz, klar und sachgemäß; sie enthalten kein Wort zu viel und tragen den Zuschnitt des knappen preußischen Geschäftsstils jener Zeit. Selten läuft etwas Privates mit unter. Er ist immer der hohe herablassende „Kriegsherr“, der lobt und tadelt, zürnt und straft. Einmal, gegen Ende des Krieges, bat der Landgraf den Obersten v. Porbeck um eine Sendung von amerikanischen Merkwürdigkeiten, seltenen Vögeln, Indianer-Kleidern und Waffen, fremden Gewächsen &c. Der Oberst antwortete am 31. Januar 1783 aus Cow Neck auf Long Island, daß er zu seinem Bedauern keinen dieser Gegenstände beschaffen könne. „Außerdem — fügte er hinzu — haben die hiesigen Einwohner einen solchen Abscheu vor allen zur britischen Armee gehörigen Leuten, daß sie Niemanden, wenn sie auch wirklich etwas von Raritäten hätten, davon zukommen lassen, und uns selbst die nöthigen Lebensmittel auf das Theuerste verkaufen.“
Persönlich waren übrigens die deutschen, namentlich höheren Offiziere, Ehrenmänner in des Wortes vollster Bedeutung. Das englische Ministerium ließ es ihnen gegenüber an Versprechungen und Versuchen, sie in sein Interesse zu ziehen, nicht fehlen; allein sie waren unbestechlich und ehrlich. „Da sehr viel von der herzlichen Mitwirkung und der guten Stimmung der deutschen Offiziere abhängt — schreibt der Staatssekretär Suffolk bereits am 12. Februar 1776 an seinen Agenten Faucitt — und da dieser Zweck am besten durch Mittheilungen über ihren Charakter und ihre Fähigkeiten erreicht werden kann, so verschaffen Sie sich darüber möglichst viel Einzelheiten. Ein anderer nicht minder wichtiger Punkt ist der, daß die Offiziere auf die Freigebigkeit des Königs verwiesen werden, wenn sie unseren Erwartungen entsprechen und weder durch parteiische und unzulässische Rücksicht auf die Erhaltung der von ihnen befehligten Truppen, noch durch Eifersüchteleien unter einander oder gegen die englischen Offiziere den Dienst stören oder unterbrechen. Ich bevollmächtige Sie also, den betreffenden Offizieren die Freigebigkeit und Gunst des Königs für den Fall der glücklichen Beendigung des Krieges in Aussicht zu stellen und sie über ihre Ansprüche genau auszuforschen.“ Faucitt verfehlte natürlich nicht, von dieser Vollmacht den weitgehendsten Gebrauch zu machen und fragte bei Einzelnen, z.B. Riedesel, Heister und Knyphausen an, in welcher Art sie die englische Gunstbezeugung wünschten; allein er erhielt von ihnen die kühle einstimmige Antwort, daß sie in Amerika aus eigenem Antriebe als gute Soldaten ihre Pflicht thun würden und daß es ihrer Ehre zuwiderlaufe, mit England über außerordentliche Belohnungen zu unterhandeln.
Der General Heister, ein tapferer alter Haudegen, aber auf seine Würde eifersüchtiger Korpsführer, bat nur für den Fall, daß er vor dem Feinde bleiben sollte, um Berücksichtigung seiner Familie. Er wurde aber auf Veranlassung des englischen Ministeriums schon zu Anfang 1777 zurückberufen, angeblich wegen der Niederlage bei Trenton, woran übrigens Heister ganz unschuldig war, in der That aber, weil er nicht zugeben wollte, daß seine Hessen immer und überall die gefährlichsten, exponirtesten Stellungen einnehmen und zu den blutigsten Angriffen verwandt werden sollten. Suffolk nannte das im Sinne seines oben mitgetheilten Schreibens unpraktisch und unzulässig. Er erklärte deshalb dem Landgrafen von Hessen, daß die Operationen des Heeres leiden würden, wenn Heister an der Spitze der Hessen bliebe, und versprach Schlieffen, dem Minister und Unterhändler des Landgrafen, mehr als einen bloßen Dank in Worten, wenn er ihm in dieser Angelegenheit seine Hülfe zusagen wollte. Der „Weise von Windhausen“ ging sofort auf Suffolk's Wunsch ein und setzte diesen auch beim Landgrafen durch. Der brave alte General kehrte im Sommer 1777 nach Europa zurück, starb aber schon am 19. November 1777 in Kassel aus Gram über die ihm zu Theil gewordene ungerechte Behandlung. Der König von England ließ seiner Wittwe, die mit ihren acht unversorgten, in Armuth zurückgelassenen Kindern vom Landgrafen nur 600 Thlr. jährliche Pension erhielt, ein Jahrgehalt von 200 Pfund Sterling auszahlen. Knyphausen, der bisher die zweite hessische Division kommandirt hatte, wurde Heister's Nachfolger und machte sich bei seinen englischen Vorgesetzten sehr beliebt, vielleicht weil er weder Deutsche noch Engländer schonte. Er war einer der besten Divisionsgenerale auf englischer Seite. Bekanntlich wurde das von ihm erstürmte Fort Washington auf der Insel New-York ihm zu Ehren Fort Knyphausen benannt. Als ein englischer Oberst einen Theil der hier erbeuteten acht amerikanischen Fahnen für sein Regiment begehrte, stieß Knyphausen sie verächtlich mit dem Fuße weg und erwiderte: „Meinetwegen nehmt sie alle und wischt Euch den H—— damit ab!“ Von seinen Soldaten konnte er jede Leistung verlangen, weil er überall selbst mit dabei war und weder Gefahr noch Strapazen scheute. Gegen Ende des Krieges wurde General Loßberg der Nachfolger Knyphausen's. Der braunschweigische General Riedesel ist durch die von seiner tapfern Frau und Begleiterin geschriebene sog. „Berufsreise“ und die Biographie von Eelking als ein tüchtiger und umsichtiger Offizier, humaner Vorgesetzter und edler Charakter allgemein bekannt geworden. Die übrigen Kontingente hatten keine Generale, sondern nur Obersten an ihrer Spitze.
Eine Unart dieser Männer, die zugleich durch die Mode der Zeit bedingt war, bestand in dem Gebrauch des Französischen als ihrer Geschäftssprache; dabei drückten sie sich durchaus schlecht und inkorrekt aus. Das Küchenlatein der Mönche ist klassisches Latein im Verhältniß zum Französischen der deutschen Generale und Obersten. So schrieb, um hier nur ein Beispiel herauszugreifen, u.A. einmal Riedesel an den Earl von Suffolk: „Le courier, qui prendra cette lettre avec.“ Und Riedesel war sogar noch einer der kleinsten Verbrecher am Genius der französischen Sprache!
Während somit keiner der nach Amerika gesandten deutschen Offiziere einen pekuniären Vortheil zog — der doppelte Sold ging mehr als ein Mal bei den theuren Preisen der nothwendigen Bedürfnisse darauf — erhielt mit Ausnahme der bei derartigen Verhandlungen üblichen Kanzleigeschenke nur Schlieffen in Gestalt verschiedener Baarzahlungen von je 330 Pfund und schließlich einer Pension von 300 Pfund, eine Belohnung von England. Diese letztere wurde ihm angeblich dafür bewilligt, daß er einige Zeit vor der Schlacht bei Minden in Osnabrück mehrere wichtige, der verbündeten Armee gehörige Magazine gerettet habe, in der That aber ward sie für seine bei Abschluß und Ausführung des Truppenlieferungs-Vertrages sowie bei der Absetzung Heister's geleistete Hülfe ausgeworfen. Schlieffen selbst wunderte sich anfangs über das plötzlich so gut gewordene Gedächtniß und eine so lebhaft, wenn auch spät, zu Tage tretende Dankbarkeit des englischen Ministeriums, begriff aber sehr schnell, daß dieses nur unter einem so unschuldigen Titel die Genehmigung des Parlaments erlangen könne. Er erinnerte sich also bald sehr genau seiner wichtigen Dienste, erläuterte, daß ohne ihn der Sieg in der Schlacht bei Minden gar nicht möglich gewesen sein würde und bezog die Pension länger als vierzig Jahre bis zu seinem erst 1825 erfolgten Tode.
Außer Schlieffen und den unmittelbar Betheiligten selbst gewann in der Folge auch das Haus Rothschild an den englischen Millionen, welche England den hessischen Fürsten für ihre Soldaten gezahlt hatte. Es ist eine interessante Thatsache, daß sich der erste Ursprung des Reichthums und der Weltstellung der Rothschilds indirekt auf diesen Handel zurückführen läßt. Der alte Landgraf und spätere Kurfürst von Hessen-Kassel hatte nämlich den Begründer des Hauses Rothschild, Mayer Amschel, schon lange vor der französischen Revolution durch Geschäfte in alten Münzen kennen gelernt und benutzte denselben als Agenten, um seine Zinsen aus der Londoner Bank zu erheben, welche dort von den in Folge der Menschenfleischlieferungen von England gezahlten Kapitalien fällig wurden. M.A. Rothschild zog für diese Summen Wechsel auf das englische Bankierhaus van Notten, welches Vollmacht des Landgrafen zur Erhebung der Zinsen hatte. Beim Jahresschluß berechnete sich Rothschild mit dem Landgrafen und hatte, abgesehen von der nicht unbedeutenden Provision, auch noch den Nutzen, fortwährend mit den Geldern des Landgrafen spekuliren zu können, was er auch in seiner unermüdlichen und scharfsinnigen Weise mit dem glücklichsten Erfolge that. Die Erwerbung ungeheurer Summen wurde dem M.A. Rothschild später dadurch möglich, daß es ihm gelang, den Landgrafen dazu zu bewegen, daß er die Vollmacht dem Hause van Notten entzog und dieselbe dem zweiten Sohne Rothschild's, Nathan, übertrug, der auf Grund derselben Kapital und Zinsen einzog. Als nun die englische Regierung ihre Armee in Spanien zu unterhalten hatte und kein englischer Bankier die Lieferung des Geldes von England nach Spanien übernehmen wollte, da übernahm M.A. Rothschild diese Lieferung gegen hohe Provision und leistete mit den unter Einwilligung des Eigenthümers erhobenen landgräflichen Fonds die geforderte Kaution, bei der Niemand sein eigenes Vermögen wagen wollte. Das Glück begünstigte Rothschild's Unternehmen, die Geldsendungen kamen unversehrt an. Auf diese Weise verdiente Rothschild während der Dauer des spanischen Feldzuges, also während acht Jahren, jährlich mehrere Millionen. Die Möglichkeit, eine so hohe Kaution zu leisten und die pünktliche Geschäftsbesorgung veranlaßten hierauf die englische Regierung, den europäischen Fürsten die enormen Subsidien während des Kontinentalkrieges durch das Haus Rothschild zu übermitteln, wodurch dessen Ansehen und Reichthum zusehends wuchsen. Von dieser Zeit an, namentlich seit dem Wiener Frieden, nahmen die Rothschild's Theil an allen großen Geldoperationen und Anleihen der wieder eingesetzten Dynastien und wurden von Tag zu Tage mächtiger.
Auch Frankreich betheiligte sich am amerikanischen Kriege, allein mit geringeren Opfern an Menschen und auf der den deutschen Fürsten entgegengesetzten Seite. Während diese lediglich aus Rücksicht auf ihren Beutel als gefügige und willenlose Werkzeuge einer an sich schlechten und unglücklichen Politik keine politischen Zwecke und Interessen kannten, eroberte dagegen Frankreich mit den 6000 Mann, die es der jungen Republik zu Hülfe schickte, seine durch den siebenjährigen Krieg erschütterte Weltmachtstellung wieder. Frankreich ließ es sich zwar Millionen über Millionen kosten, es gewann dafür aber Ansehen, Ehre und Macht. Deutschland nahm Millionen und Millionen ein; es verlor aber dadurch den letzten Rest von politischer Bedeutung und sank zum Spott von Freund und Feind herab. Die paar tausend Franzosen, die unter Rochambeau die Taufpathen eines mächtigen Freistaates wurden, haben bewirkt, daß, so lange es Vereinigte Staaten von Amerika geben wird, die französischen Waffen und der französische Name in der Union jeder Zeit geehrt und gefeiert dastehen werden. Die 30,000 Deutschen dagegen haben als die bezahlten Schergen englischer Anmaßungen nicht allein sich den Haß zugezogen, der in erster Linie das Mutterland traf, sondern zu diesem Haß noch die Verachtung auf sich geladen, welcher sich Jeder aussetzt, der sich um ein schnödes Trinkgeld zur Unterdrückung der Freiheit mißbrauchen läßt. „Von dem Augenblicke an, sagt der hochverdiente amerikanische Geschichtsschreiber G.W. Greene, in welchem der erste Hesse seinen Fuß auf amerikanischen Boden setzte, wurde die Wiederaufnahme des alten kindlichen Verhältnisses zum Mutterlande unmöglich.“ Noch heute ist im Munde eines Amerikaners der Name Hesse eines der verächtlichsten Schimpfworte, welches einen feilen, verkäuflichen Menschen bezeichnet, und noch heute leidet unser Volk unter dem Fluche jenes nichtswürdigen Handels[8]. Denn in dem internationalen Verkehr handelt es sich nicht um die Ansichten, Wünsche und Bestrebungen der ein Volk bildenden Individuen, sondern um den Ausdruck, den sein inneres nationales Leben in der Politik thatsächlich gewinnt. Darum können auch im vorliegenden Falle nicht Schiller, Kant, noch Friedrich der Große unsre Vertheidigung übernehmen und unsre Nation von aller Schuld rein waschen, denn das Ausland wiegt uns nach dem, was die Fürsten gesündigt haben.
Bleibt es unter diesen Umständen ein Trost sich sagen zu können, daß wenigstens die also verkauften Soldaten tüchtig und tapfer waren und dem alten militärischen Rufe der Heimath in Amerika alle Ehre machten? Wohl schwerlich! Jede tapfere That, die sie verrichteten, jeder Erfolg, den sie mit dem Einsatz ihres Lebens erkämpften, war für das Vaterland verloren oder wenigstens nicht errungen. Wohl hat der amerikanische Krieg herrliche Thaten der Einzelnen gesehen, die, für eine bessere Sache vollbracht, den Namen ihrer Urheber in Lied und Sage verherrlicht und für alle Zeiten als volksthümliche Gestalten verewigt hätten; aber es war der Fluch der bösen That der Fürsten, daß selbst die Heldengestalten unter den verkauften Truppen ungenannt und ungekannt in ein ruhmloses Grab sanken. Der hessische Oberst Rall, der allerdings durch seine übermüthige Verachtung des „Rebellenpacks“ die Katastrophe bei Trenton veranlaßte und dadurch die entscheidende Wendung des Krieges herbei führte, gilt namentlich den Amerikanern als ein kopfloser und unfähiger Offizier; allein er war in Wirklichkeit einer der tüchtigsten und tapfersten Befehlshaber. Seine englischen Kameraden nannten ihn nur den hessischen Löwen, und für die Amerikaner war er der leibhaftige Schrecken. Um seine Niederlage nicht zu überleben, stürzte er sich in das heißeste Gefecht und fiel wenigstens mit Ehren. Wer, außer dem engen Kreise kriegsgeschichtlicher Fachschriftsteller, kennt heute noch die tapferen Jägerstückchen des Hauptmanns Emmerich in Amerika, desselben spätern Obersten Emmerich, welcher am 18. Juli 1809, selbst ein Rebell, auf dem großen Forst bei Kassel von den Napoleonischen Schergen erschossen wurde und wie ein Held starb; wer meldet den Ruhm des umsichtigen und kühnen Ewald, wer weiß vom heldenmüthigen Hauptmann Schaller, der mit dreißig Mann einen Posten gegen einen ihm fünfzigfach überlegenen Feind glücklich vertheidigte und als Fremder nicht einmal eine öffentliche Anerkennung für seine That erhielt, weil der kommandirende General Schaller's unfähigem Vorgesetzten, einem englischen Major, nicht wehe thun wollte; wer kümmert sich wohl um den tapfern waldecker Obersten Hanxleden, der an der Spitze seiner Truppen unter den Mauern von Pensacola fiel und um den waldecker Hauptmann Stierlin, den die tödtliche Kugel traf, als er eben an der Spitze seiner Kompagnie eine Redoute erstiegen hatte? Wer endlich hat vom braven Sergeanten Rübenkönig gehört, der gleich dem Kapitain d'Assas vom französischen Regiment d'Auvergne, in der Gewalt des Feindes und von diesem mit augenblicklichem Tode bedroht, trotzdem seine Pflicht höher achtete als sein Leben und sein Regiment durch seinen Zuruf rettete? Den Franzosen rühmt Geschichte und Gedicht; sein dankbares Vaterland nahm sich sogar in der Revolution seiner Wittwe und Kinder an; den Namen des braven hessischen Unteroffiziers dagegen meldet kein Lied, kein Heldenbuch.
Ja, selbst Donop ist vergessen, der tapfere hessische Oberst, der uns den tragischen Schmerz des Helden über seinen frühen Tod und über seine Hinopferung für fremde Zwecke ergreifend vor Augen führt. Er hatte, als einer der beliebtesten und geachtetsten Offiziere und der beste Brigadier der Armee, nach Rall's Tode das Kommando über die Jäger und Grenadiere erhalten und im Oktober 1777 an der Spitze seiner Brigade, zu Fuß und mit dem Degen in der Hand, den Sturm gegen Fort Redbank am Delaware unternommen, um es, nach dem von Knyphausen bei Fort Washington gegebenen Beispiele, auf seinen Namen umzutaufen. Bei diesem Angriff wurde er aber zurückgeschlagen und von einer Kugel zu Boden gestreckt. Hülflos lag er unter einem Haufen Leichen, als der Vertheidiger des Forts, der französische Ingenieur-Hauptmann Mauduit de Duplessis, ihn fand und in das benachbarte Haus eines Quäkers schaffen ließ, wo der Sterbende noch drei Tage mit dem Tode rang. Dort auf dem Schmerzenslager in der einfachen Quäkerwohnung und im Frieden des amerikanischen Waldes, fern von dem Flitter und Tand der Welt, schwebten zum letzten Male die Bilder der Vergangenheit, der Glanz seiner Jugend, die Pracht der europäischen Höfe und die stolzen Ziele seines Ehrgeizes vor dem Geiste des tapfern, erst sieben und dreißigjährigen Soldaten vorüber. Sein Blick klärte sich, und sein Verstand unterschied zwischen dem Wesen und Schein seines Lebens. „Ich bin zufrieden — sprach er zu dem ihn sorgsam pflegenden Duplessis in dessen Muttersprache — ich sterbe in den Armen der Ehre selbst: ein jähes Ende für eine schöne Laufbahn; aber ich falle als das Opfer meines Ehrgeizes und der Habsucht meines Fürsten!“[9]
Doch so trostlos als diese Reflexion eines Sterbenden ist das letzte Wort unsrer Geschichte nicht!
Wenden wir uns von den Opfern, welche für eine ihnen aufgedrungene Sache fern von der Heimath gestorben oder ohne Gewinn für sich und Andere in's Vaterland zurückgekehrt sind, zu einem jungen Soldaten, der, unter Tausenden der einzige selbständige und denkende Kopf, den amerikanischen Krieg in seiner ganzen Tragweite als einen Sieg des bewaffneten Volkes gegen ein durch Gewalt, List und Betrug geworbenes Heer erkannte, und welcher in Amerika zuerst aus eigener Anschauung lernte, ein wie mächtiger Verbündeter die Begeisterung zu werden vermag, wenn die rechten Mittel ergriffen werden, sie zu wecken, und wenn der zündende Gedanke da ist, für welchen die Masse sich erwärmen läßt. Jahrzehnte mußten vergehen, bis ihm im Verlaufe der deutschen Geschichte die Gelegenheit reifte, den Krieg nach amerikanischen Grundsätzen zu organisiren und, von den amerikanischen Milizen ausgehend, dieser Volksbewaffnung in der preußischen Landwehr den vollendetsten Ausdruck schaffen zu helfen; aber dieser Krieg wurde durch jene Grundsätze und den Geist ihrer Ausführung, trotzdem daß die Fürsten sich hemmend und störend an ihn hingen, zu einem der größten und edelsten, welche die neuere Geschichte kennt.
In dem damals kaum drei und zwanzigjährigen, unbekannten und wenig hervorstechenden anspachschen Lieutenant Neithard v. Gneisenau ahnte der englische General, der ihn zur Rückkehr einschiffte, wohl nicht den großen Strategen, den genialen Schlachtendenker, welcher kaum ein Menschenalter später über Wellington's ursprünglich engbegrenzten Plan einer, Napoleon vor Brüssel zu liefernden Vertheidigungsschlacht hinausging und diese, durch seine Dispositionen für das Eingreifen der preußischen Truppen, zur Vernichtungsschlacht bei Waterloo, zum Weltgericht über das brutale erste Kaiserreich erhob.
Und noch jüngst im amerikanischen Bürgerkriege, durch einen neuen Rückschlag in der Geschichte, traten mehr als 200,000 deutsche Freiwillige für dieselbe Republik in Waffen, gegen welche deutsche Landesväter 30,000 Söldner zu kämpfen gezwungen hatten. Die wehrhaften Söhne Deutschlands in der Fremde haben das Verbrechen seiner Fürsten glänzend gesühnt.
Bei uns in der Heimath aber giebt es seit den letzten glorreichen Feldzügen keine Söldner mehr, sondern nur noch das deutsche Volk in Waffen, welches, wenn es sein muß, mannhaft für Haus und Heerd kämpfen und sich siegreich gegen seine Neider und Feinde zu behaupten wissen wird.