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Der Soldatenhandel deutscher Fürsten nach Amerika

Achtes Kapitel.

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Unmittelbar nach der Unterzeichnung des Vertrages mit Anspach war Faucitt nach Hanau geeilt, um mit dem Erbprinzen von Kassel und Grafen von Hanau wegen der ihm von diesem angebotenen Jäger abzuschließen. Seit die englischen Generale ihre unbedingte Vermehrung anempfohlen hatten, wurden auf einmal, wie wir bereits im vierten Kapitel gesehen, die deutschen Förster und Jagdgehülfen ein äußerst gesuchter Artikel. Der Erbprinz Wilhelm, obgleich er deren nur wenig an der Hand hatte und deswegen Anfangs nur 160 anbot, machte sich, um aus den günstigen Konjunkturen des Marktes Vortheil zu ziehen, doch anheischig, ihrer so viel als Suffolk verlangte zu liefern, zumal sein Vater, der Landgraf von Hessen-Kassel, schon im Vorsprung war.

„Wir hatten — schrieb Malsburg am 17. Januar 1777 an Faucitt — auf Ihren ablehnenden Brief hin den Plan, Ihnen für das Frühjahr Jäger zu liefern, schon ganz fallen lassen. Seine Ausführung ist jetzt auch schwieriger als damals, wenn nicht ganz unmöglich, nicht allein durch den Zeitverlust, sondern auch durch Rekrutirungen, die der Landgraf seitdem in unsrer ganzen Nachbarschaft vorgenommen hat und auf welche wir ganz besonders gerechnet hatten. Nur der Eifer meines Herrn für die gute Sache und seine unwandelbare ehrfurchtsvolle Anhänglichkeit an den König ist im Stande, diese unvorhergesehene Schwierigkeit zu heben. Der Prinz wird jeden Nerv anstrengen, um das Jägerkorps möglichst bald zusammen zu bringen. Voraussichtlich können wir aber vor Mai Niemanden liefern.“ — „Es ist eine Abgeschmacktheit, zu erwarten — antwortet Suffolk am 4. Februar 1777 — daß man die Jäger noch im Mai nimmt. Der König will deshalb nur soviel als bis zur Einschiffung der Anspacher fertig sein können.“

Der hanauische Minister Malsburg that nach dem Zeugnisse Faucitt's nur so ängstlich, um sich aus der Erfüllung des Vertrages in verhältnißmäßig kürzerer Zeit ein besonderes Verdienst zu machen. Faucitt rieth, dem geldbedürftigen Prinzen 2000 Pfd. auf Abschlag zu schicken, das werde helfen. Natürlich half es. Der Vertrag, durch welchen zugleich die Subsidie im Verhältniß zur Zahl der gelieferten Jäger vermehrt wurde, kam am 10. Februar 1777 für 412 Mann zu Stande. Seine Einleitung lautet: „Nachdem der König von England seine Zustimmung dazu gegeben hat, daß die in seinem Dienste befindlichen Truppen des Erbprinzen um ein Korps Jäger vermehrt werden sollen, und nachdem der Erbprinz im Einklang mit der tiefsten Dankbarkeit, der ehrfurchtsvollsten Ergebenheit an Seine Majestät und dem unbegrenztesten Eifer für die Interessen und den Dienst des Königs mit der größten Freudigkeit die Aushebung und Ausrüstung eines solchen Korps übernommen hat, so sind die beiderseitigen Minister übereingekommen &c.“

Es werden sodann in acht Paragraphen die Bedingungen festgestellt, unter welchen dieses Korps in den englischen Dienst tritt. Es darf mehr, aber nicht weniger als vier Kompagnien, jede zu 100 Mann, zählen. Die erste Kompagnie muß zu Anfang März marschfertig sein. Die Löhnung erfolgt mit dem Augenblick der Anwerbung jedes einzelnen Mannes, der ein gelernter Jäger sein muß. Das Werbegeld beläuft sich auf dreißig Kronen pro Mann, das in zwei gleichen Zahlungen, je einen und je zwei Monate nach Unterzeichnung des vorliegenden Vertrages, zu berichtigen ist, und wird auch die an den Erbprinzen zu zahlende Subsidie im Verhältniß zur Zahl der neu angeworbenen, resp. von England angenommenen Jäger erhöht. Schließlich werden die hanauer Jäger mit den kasselschen auf ganz gleichen Fuß gestellt, und ist ihre Löhnung höher als die der Infanterie.

Der erste Transport (117) Jäger und 100 Rekruten verließen Hanau am 7. März; der aus drei Kompagnieen bestehende Rest wurde zu Anfang April auf dem Main und Rhein eingeschifft.

Faucitt und der Prinz von Hanau hatten diesmal versäumt, sich zur rechten Zeit die Erlaubniß zur Durchreise der Truppen durch die Gebiete der rheinischen Fürsten zu erbitten. Diese Vernachlässigung sollte sich aber jetzt bitter rächen. Der Mainzer und Trierer Kurfürst beschlossen nämlich auf Anstiften des kaiserlichen Gesandten Grafen Metternich (Vater des spätern Fürsten), die vorbei passirenden Kontingente anzuhalten und jedes mit Truppen gefüllte Fahrzeug nach ihren Unterthanen zu durchsuchen. Am 8. März also ließ der Kurfürst von Mainz, ohne den Einspruch des hanauischen Offiziers zu beachten, aus dessen Booten acht Jäger nehmen, die er als seine Unterthanen reklamirte. Einige, hieß es, seien Deserteure aus seinem Dienste und namentlich befinde sich Einer darunter, den er vergebens von Hanau reklamirt habe; dann aber seien auch einige Leibeigene dabei gewesen, an deren Körpern ihm das Eigenthumsrecht zustehe; diesen Eingriff in Privatrechte habe man sich unter keinen Umständen gefallen lassen können, wenn man selbst wegen der Deserteure ein Auge habe zudrücken wollen. Der Prinz von Hanau habe wissen müssen, daß diese Eigenthumstitel wieder aufgelebt seien, sobald einer von diesen Leuten das mainzische Gebiet betreten habe.

Selbstredend verfehlte Malsburg nicht, Suffolk die gefährlichen Folgen dieses Verfahrens in den stärksten Farben zu malen. „Der Akt ist gegen England gerichtet — schrieb er diesem am 9. März. — Wenn Sie ihn dulden, so können die mit Soldatenlieferungen betrauten Fürsten auf die Dauer ihren Verpflichtungen nicht mehr nachkommen. Man muß, um die Nachahmung des gegebenen Beispiels zu verhindern, ähnliche Eingriffe gleich von vornherein durch lebhafte Vorstellungen unterdrücken. Mein Herr, der kein Kartell mit Mainz hat, also jeden Mainzer anwerben kann, hat sie gemacht und Genugthuung für die begangene Gewaltthat verlangt. Thun Sie jetzt auch das Ihrige.“

Da sich herausstellte, daß die acht Mainzer wirklich Deserteure aus der Festung und da sie noch von keinem englischen Kommissär in den Dienst des Königs eingemustert waren, so verweigerte Suffolk mit Recht jede Einmischung in die Sache und empfahl dem Erbprinzen, die von Mainz gestohlenen Rekruten in Zukunft nicht mehr der Gewalt des Kurfürsten preiszugeben.

Dieser hatte auch den einige Tage später eintreffenden anspacher Schiffen einen Besuch zugedacht, welche am 13. März in Hanau und zwei Tage darauf vor Mainz eingetroffen waren. Als er aber hörte, daß der Markgraf selbst sich in Begleitung der Erbprinzen von Hanau und Darmstadt an Bord befand, zog er, aus Furcht vor ihnen, die zur Durchsuchung der Boote bestimmte Abtheilung von einigen Offizieren und dreißig Unteroffizieren zurück. Dagegen wurde die Schiffbrücke anfangs nicht geöffnet. Der Kurfürst hatte ein großes Essen anrichten lassen, weil er den Markgrafen mit den beiden Erbprinzen als Gäste erwartete. Ob sie sich nun nicht an's Land wagten, weil sie, wie Oberst Rainsford berichtet, von den Mainzern arg verhöhnt und beschimpft wurden, oder ob sie dem Kurfürsten ihren Unwillen ob seiner wenig brüderlichen Handlungsweise zu erkennen geben wollten —, es kam Niemand als ein anspacher Offizier, der kurz die Frage stellte, ob man die Brücke öffnen wolle oder nicht? Als man mit dem Bescheid zögerte, erklärte er, die Brücke im Weigerungsfalle sprengen zu lassen. Lächerlicher Weise antwortete man ihm darauf, daß man sie auf eigene Gefahr öffnen wolle, daß es der Kurfürst aber nicht erfahren dürfe, da er Befehl gegeben habe, die Brücke unter keiner Bedingung zu öffnen. So fuhr denn Abends in der Dunkelheit die anspacher Flotille durch.

Auch bei Koblenz zog der Markgraf ungehindert vorbei, indem man ihn zu stark fand, als daß man ihn anzuhalten gewagt hätte. Die dortige Regentschaft verlangte nur, er solle den Hessen nicht helfen, was er natürlich seinem Konkurrenten gegenüber gern versprach. Darauf begrüßte man ihn in aller Freundschaft von Ehrenbreitstein aus mit vierundzwanzig Kanonenschüssen. Als der Markgraf Koblenz passirte, war dort nämlich gerade der hessen-kasselsche Oberst Benning mit einem von Rheinfels kommenden Rekruten-Transport angehalten, damit er auf Befehl der Regentschaft dem kaiserlichen Gesandten, Grafen Metternich, die unter seinen Leuten befindlichen kaiserlichen Unterthanen herausgebe. Am Rhein waren die Posten verdoppelt und die Kanonen auf die hessischen Boote gerichtet, den Fluß entlang aber Feuer angesteckt, um sie an der Abfahrt zu verhindern. Kurz die Sache sah ganz ernst aus. Indessen wären Hessen und Anspacher stark genug gewesen, dem Ansinnen erfolgreichen Widerstand zu leisten. Da aber der Markgraf den Obersten im Stich ließ, so wurden ohne Weiteres siebenzehn Soldaten aus den Schiffen genommen, die dem Kaiser gehören sollten. Diese Maßregel verursachte einen Aufenthalt von mehreren Tagen. Der Verzug war um so gefährlicher, als es gerade damals sehr stark fror, die Boote aber zum Theil offen waren und weder hinreichendes Stroh noch Oefen hatten, so daß die Rekruten massenhaft krank und die Gesunden stündlich unzufriedener wurden. Faucitt und Cressener befürchteten deshalb jeden Augenblick eine Meuterei. Indessen kamen die Hessen dies Mal noch ohne weitern Verlust als die obigen siebenzehn Mann davon.

Cressener schrieb einen entrüsteten Brief an den Kommandanten von Koblenz und die Regentschaft. Er fragt darin verwundert, wie der kaiserliche Gesandte es wagen dürfe, derartig den Kurfürsten von Trier zu beleidigen, der doch Herr in seinem eigenen Lande sei. Uebrigens hoffe er, dem Kommandanten liege die Ehre seines Fürsten zu nahe, als daß er die Hand zu einer solchen Gewaltthat bieten werde, die ganz gegen das Völkerrecht verstoße, und weist schließlich die Regentschaft auf die angebliche Rettung Deutschlands durch den Herzog von Marlborough und die Schlacht von Dettingen (!!) hin. Selbst Suffolk scheint diese Art englischen Geschichtsunterrichtes doch etwas zu kühn gefunden zu haben, denn er meint in einem Briefe an Cressener, dieser hätte lieber von den Marlborough'schen Feldzügen und der Dettinger Schlacht, als im Interesse des Reiches unternommen, nicht sprechen sollen; zur Sache selbst aber hoffe er, der Kurfürst werde seine eigene Würde zu sehr fühlen, als daß er Metternich gestattete, seine Rechte so schmählich zu verletzen.

Uebrigens behielt es bei den Beschwerden sein Bewenden. Es wird in unsern Quellen auch nicht berichtet, ob die Rachedrohungen des kasseler Vaters und des hanauer Sohnes wegen Beschimpfung ihrer „Flagge“ (!!) wirklich ausgeführt wurden. Es scheint vielmehr, daß sich ihr Zorn allmälich abgekühlt und ganz verlaufen hat.

Die Fahrt der Hessen und Anspacher verlief bei der freundlichen Gesinnung des Kurfürsten von Köln gegen England und in Ermangelung jeder Chikane seitens der preußischen Behörden ohne jede äußere Störung. Dagegen war die Stimmung der Truppen selbst desto erbitterter. Der Markgraf gab den Seinigen, um ihnen jede Ursache zur Klage zu nehmen, auf der ganzen Reise eine Extra-Ration von einem Pfund Brod und einem Pfund Fleisch per Tag auf den Mann und theilte, als bis Nimwegen Alles gut gegangen war, unter jedes Regiment hundert Dukaten als Geschenk aus. Unter den Soldaten der hanauischen Kompagnie Kornrumpf entstand dagegen am 25. März auf dem Rhein bei S'Gravendael in Holland eine Meuterei. Sieben Mann sprangen über Bord. Vier von ihnen wurden von ihren Verfolgern wieder eingefangen, die drei übrigen retteten sich in ein Haus. Die Bauern der Ortschaft nahmen ihre Partei und vertheidigten sie gegen die ihnen nachsetzenden Offiziere und Soldaten, so daß diese sich, um nicht todtgeschlagen zu werden, unverrichteter Sache zurückziehen mußten.

Die Anspacher wurden am 25. März vom Obersten Rainsford in den englischen Dienst gemustert. „Es sind schöne, prächtige Kerle — meldet dieser am 28. März aus S'Gravendael an Suffolk — jung und gut gebaut, kurz ein herrliches Korps. Ich fürchtete, sie würden nicht ohne Weiteres den Eid der Treue leisten, da ihr Gemurre noch kurz vorher ihre eigenen Offiziere beunruhigt hatte; allein die Anwesenheit ihres Fürsten, des Markgrafen, der sie von Ochsenfurt bis hierher begleitet hatte, verhinderte den Ausbruch selbst der geringsten Unzufriedenheit. Am zweiten Tage brachten wir sie nach Dortrecht, wohin sie der Markgraf in seiner Yacht begleitete, und gestern Abend wurden sie Alle zugleich mit den hessischen Jägern und Rekruten eingeschifft. Ich hielt es im Interesse des königlichen Dienstes für geboten, ihnen bei ihrer Ankunft an den Schiffen, um sie guten Muthes zu erhalten und jede Unannehmlichkeit zu vermeiden, frisches Fleisch und Brod zu versprechen, da sie sonst schwerlich dem König den Eid der Treue geleistet haben würden. Es ging aber Alles gut ab. Die Leute waren sehr zufrieden, als sie an Bord frisches Brod und Fleisch erhielten.“

Auch die hanauer Jäger fand Rainsford in ausgezeichneter Ordnung für den Dienst.

Nicht so günstig spricht er sich über die hessen-hanau'schen Rekruten aus, die er am 27. März in den englischen Dienst musterte. Nur die früher in preußischen Diensten gestandenen Leute seien hübsche Kerle; die übrigen habe er nur deshalb zugelassen, meldet er, weil es bereits sehr schwer geworden sei, gute Mannschaften zu bekommen; sie seien meistens zu alt oder zu jung, ja sogar mehrere Einäugige hätten sich darunter befunden. Wegen der hier bewiesenen Nachsicht schenkte, wie es scheint, der Erbprinz von Hanau dem Obersten Rainsford eine goldene Schnupftabacksdose, welche mit seinem in Brillanten gefaßten Portrait geschmückt war. Dieser hielt sie nicht für echt und ließ sie deshalb sofort von einem Juwelier abschätzen. „Das hätte ich nicht gedacht — vermerkt der ob der Schätzung freudig erstaunte Oberst in seinem Tagebuche — die Dose ist wahrhaftig Lstr. 160 werth: Lstr. 100 die Brillanten, Lstr. 20 das Gold, Lstr. 10 das Bild und Lstr. 30 die Arbeit; der Prinz ist doch anständig!“

Am 29. März segelten die Anspacher nach Portsmouth ab und kamen am 4. Juni in Staaten Island bei New York an; der Markgraf selbst traf von seiner „Berufsreise“ am 10. April wieder in Anspach ein.

Die drei letzten hanau'schen Jäger-Kompagnieen gelangten unter Oberst Creuzburg am 9. April 1777 ganz unbehelligt nach Nimwegen und wurden am 11. in den englischen Dienst eingeschworen. Rainsford schildert sie als ein schön ausgerüstetes Korps von vortrefflichen Schützen und bedauert nur, daß Suffolk keine Transportschiffe zu ihrer Beförderung gesandt habe.

Wie gefügig übrigens diese Truppen waren, wie wenig man sich zu ihnen der Desertion oder gar einer Meuterei zu versehen brauchte, beweist am Besten die Anrede, welche der Auditeur Becher in Hanau an die anspacher und hanauer Soldaten bei ihrer Vereidigung richtete. Der Leser wird bemerken, daß das patriarchalische Er und das vertrauliche Du, um jeden äußern Anstoß zu vermeiden, dem höflichern Sie Platz gemacht hat. Diese Anrede und dieser Eid lauten wörtlich:

„Ich bin überzeugt, daß Sie auch ohne dies schon das allergnädigste und gnädigste Zutrauen erfüllen werden, welches Se. Königlichen Maj. und beyde durchlauchtigste Fürsten in Ihre Redlichkeit und Tapferkeit setzen, und daß Sie bey allen Kriegs-Vorfallenheiten zeigen werden, daß Sie Deutsche sind, welche jederzeit den großen Ruhm der Treue und Tapferkeit behauptet haben. Werden Sie, wie man es von Ihnen erwartet, mit diesen redlichen Entschließungen von hier abgehen und denselben getreu bleiben und nachkommen, so erwartet auch unfehlbar in einem fremden Welttheil, Ehre, Glück und Belohnung auch Sie. Sie streiten für die gerechteste Sache eines der erhabensten und gütigsten Monarchen. Sie können sich nicht weniger der höchsten Gnade Ihrer theuersten Landes- Fürsten versichern, von deren Liebe und Zuneigung Sie schon so viele Beweise haben. Machen Sie sich dieser würdig und ehren Sie durch Unerschrockenheit und edelmüthige Kühnheit Ihren Stand und Ihr Vaterland, und Jeder von Ihnen sei dem Andern zum Muster, wie sich ein braver und rechtschaffener Soldat hervorthun müßte.

Hören Sie nunmehr die Formul aufmerksam an, wonach Sie einen leiblichen Eid zu Gott dem Allmächtigen schwören sollen: „Ihr sollt geloben und schwören einen leiblichen Eid zu Gott dem Allmächtigen, daß Ihr Sr. König. Großbritannischen Majestät in allen Kriegsvorfallenheiten treulich, willig und redlich dienen, dem Commando folgen und Euch überhaupt dergestalt erweisen wollt, wie tapferen und redlichen Soldaten wohl anstehet, eignet und gebühret, jedoch vorbehaltlich und ohnabbrüchig derjenigen Eides-Pflichten, mit denen Ihr Eurem gnädigsten Fürsten und Herrn ohnehin bereits zugethan seid. Alles getreulich und ohne Gefährde.“ Hierauf wird mit Emporhebung der zwei vordersten Finger nachgesprochen.

„Daß ich dem also, wie mir jetzo vorgehalten worden und ich wohlverstanden habe, in allem steif, getreu und unverbrüchlich nachkommen wolle, solches gelobe und schwöre ich, so war mir Gott helfe durch seinen Sohn Jesum Christum, unsern Erlöser und Seeligmacher. Amen!“

Mittler Weile hatte sich die Lage der Dinge in Amerika sehr zum Nachtheil Englands gestaltet. Washington's Erfolge im Winterfeldzuge 1776–1777 machten es selbst dem hochmüthigen Londoner Kabinet klar, daß die Unterwerfung der Aufständischen noch mehr als einen Feldzug in Anspruch nehmen würde. Suffolk wurde deshalb auch weniger wählerisch und suchte Truppen zu erlangen, wo sie sich ihm nur anboten. Wir haben im sechsten Kapitel gesehen, wie er in den ihm von Sir Joseph Yorke namhaft gemachten kleinen deutschen Staaten, Baden, Darmstadt, Gotha und Hildburghausen seinen Zweck nicht erreichte. In dieser seiner niedergeschlagenen Stimmung trat von Neuem das Angebot des Fürsten v. Anhalt-Zerbst an ihn heran, welches sein Agent Faucitt im ersten Jahre des Krieges verächtlich abgelehnt hatte. „Der Fürst von Anhalt-Zerbst hat mich und Faucitt — schrieb Yorke am 7. März 1777 an Suffolk — oft mit seinen Truppenanerbietungen geplagt; ich habe ihn indessen stets höflich abgewiesen. Er will, glaube ich, zwei Bataillone, er kann aber vielleicht mehr stellen. Sie sollen in guter Ordnung sein. Es hängt von Ihren Befehlen ab, ob ich den Fürsten auf Privatwegen sondiren und mir bei ihm ein Verdienst daraus machen soll, mich ihm nützlich zu zeigen.“ „Thun Sie ja, was Sie können, antwortete er jetzt Sir Joseph Yorke am 11. März — um dem Fürsten von Anhalt-Zerbst in nicht offizieller Weise auf den Zahn zu fühlen. Wenn ich weiß, wieviel, wie und wo er liefern kann, werde ich ermessen können, ob es rathsam ist, in dem Geschäft fortzufahren.“

Auf diesen Briefwechsel hin wurden die Verhandlungen mit dem Fürsten eröffnet.

Friedrich August, der letzte Fürst dieses Ländchens (1747–1793) gebot über ein Territorium von etwa fünfzehn Quadratmeilen mit ungefähr 20,000 Einwohnern, das (1793 bei seinem Tode unter die drei Vettern von Dessau, Bernburg und Cöthen verloost) in Folge der seit dem dreißigjährigen Kriege dort erblichen Mißwirthschaft zu den ärmsten und ausgehungertsten Deutschlands gehörte. Seit 1716 wurden in Zerbst weniger Menschen geboren als starben! Das unglückliche Fürstenthum hatte in den letzten hundert Jahren alle nur denkbaren Landplagen ausgestanden, Ueberschwemmungen und Hungersnoth, Auswanderung und Krieg. Es besaß keine Industrie und keinen Handel, litt dagegen desto mehr Mangel an Nahrung. Nirgend in Deutschland gab es verhältnißmäßig mehr Hagestolze, namentlich unter den Beamten, weil die im siebenzehnten Jahrhundert festgesetzte Besoldung kaum halb zum standesgemäßen Haushalt ausreichte. Seit 1698 war kein Landtag mehr berufen worden. Die Fürsten herrschten despotisch, und Friedrich August, mit welchem wir es zu thun haben, übertraf selbst seine Vorgänger in launenhafter Willkür und frechem Souverainitätsdünkel. Er ist, was viel heißen will, die Karrikatur des Landesvaters des achtzehnten Jahrhunderts, die komische Figur unter seinen Kollegen und verdient der Held eines tragi-komischen Gedichts zu werden. Friedrich August war der Bruder der berühmten Kaiserin Katharina II. von Rußland. Ob in den winzigen Verhältnissen der Heimath Verrücktheit wurde, was bei der großen Schwester auf einem mächtigen Thron des Auslandes Genialität des Denkens und Handelns war, läßt sich schwer entscheiden; jedenfalls aber wäre bei Katharina, wenn wir uns anders einen so gewaltigen hochstrebenden Geist auf dem Zerbster Thrönchen denken können, Vieles Karrikatur gewesen, was wir jetzt als groß und imponirend an ihr bewundern. Natürlich mußte ein so angelegter Mann, wie Friedrich August, aus ganzer Seele seinen mächtigen Nachbar, Friedrich den Großen, hassen, der Leben schuf, wo noch keines vorhanden gewesen war, der mit alten Vorurtheilen und Mißbräuchen unbarmherzig umging und sich in seinem revolutionären Vorgehen am allerwenigsten durch eingebildete Größen hindern ließ. Der König behandelte den Fürsten wie einen unbedeutenden Landjunker, in dessen Rechte er allerdings sehr gewaltsam eingriff, wie er denn z.B. einen von dessen Schützlingen im Jahre 1758 ohne Weiteres im Zerbster Schlosse verhaften ließ. Nach dem Frieden von 1763 ging der Fürst nach Basel, um nur nicht in der Nähe des verhaßten Königs zu sein, und regierte bis 1780 von hier und von 1780 an von Luxemburg aus sein Ländchen durch Reskripte und Befehle in einem Stil, den in neuerer Zeit ein anderer deutscher Potentat, Fürst Heinrich LXXII. von Reuß-Schleiz-Lobenstein glücklich nachgeahmt hat. Als seine Unterthanen sich einst wegen Abstellung eines Unrechts an ihn wandten und um seinen Schutz baten, antwortete er ihnen, derartige Lapalien gingen ihn gar nichts an und wünsche er sehr, in seiner Zurückgezogenheit nicht mit ihren elenden Klagen belästigt zu werden. Da diese gleichwohl fortdauerten, verbot er durch einen auf Querfolio gedruckten Anschlag vom 1. März 1788, daß ihm ferner Niemand mehr nachlaufe noch ihn behellige, bei Vermeidung unausbleiblicher Ahndung und Absetzung der Dienerschaft. Auf der Insel Wangeroge, die als Theil der Herrschaft Jever ihm damals gehörte, errichtete er einen großen Galgen, an welchem die beim Austernsammeln ertappten Fischer gehängt werden sollten; es wurde aber keiner abgefaßt.

An Stelle Serenissimi regierte in Zerbst ein Geheimer Rath, dessen zwei oder drei Mitglieder die sämmtlichen Instanzen bildeten. Bekannt ist die von dem pädagogischen Schriftsteller Sintenis erzählte Anekdote, wonach er von dem Geheimen Hofrath Haase, durch den Geheimen Hofrath Haase nochmals an denselben Geheimen Hofrath Haase appelliren mußte. Der französischen Revolution muß zu den vielen Sünden, die sie bereits auf dem Gewissen hat, auch der Tod dieses Fürsten zugeschrieben werden. Als er von ihrem Ausbruche hörte, wurde er unruhig und erließ lange, sehr schwer verständliche Schreiben an seine Unterthanen, in welchen er sie im Namen der heiligen Dreieinigkeit ermahnte, treu und gehorsam zu bleiben, im Falle des Ungehorsams ihnen aber mit den himmlischen Strafen drohte. (Warum wohl nicht mit den irdischen?) Friedrich August starb aus Kummer über die Hinrichtung Ludwig's XVI. Auf die erste Nachricht von diesem Ereigniß hin weigerte er sich, ferner Speise und Trank zu sich zu nehmen — und einige Wochen später war der Märtyrer der Legitimität todt. Dieses fürstliche Prachtexemplar hatte es in österreichischen Diensten bis zum Feldmarschall-Lieutenant gebracht, hielt sich nach 1783 auch selbst eine „Armee“ von 2000 Mann mit nicht weniger als elf Obersten. Seine Werbeplätze waren über ganz Deutschland zerstreut, einmal gab es deren nicht weniger als sechzehn. Gleichwohl bezahlte sich das Geschäft, denn er fand fast immer Verwendung für seine Truppen.

Schon bei Eröffnung der englisch-amerikanischen Feindseligkeiten war Friedrich August mit seinem Angebote in den Markt gekommen; indessen nahm man anfangs nicht die mindeste Notiz von ihm, und ohne Yorke's Empfehlung würde er voraussichtlich wohl nie berücksichtigt worden sein. Er hatte sich zunächst unmittelbar an Georg III. gewandt, aber keine Antwort auf seinen Brief erhalten, weil der König seinen Inhalt nicht entziffern konnte. Um direkt zu seinem Ziele zu gelangen, ließ der Fürst im Mai 1776 durch den Erbprinzen von Hanau seine Vorschläge an Suffolk machen. „Wenn Sie je — schreibt der Minister Malsburg am 27. Mai 1776 an Faucitt — von der sonderbaren Denk- und Handlungsweise dieses Fürsten gehört haben, so werden Sie über die Unregelmäßigkeit dieses Schrittes nicht erstaunt sein. Da Sie aber möglicher Weise ein Regiment mehr brauchen können, so hat mein Herr mir befohlen, Ihnen den Brief des Fürsten vertraulich im Original mitzutheilen. Die Verwirrung, die in seinem Stil und in seinen Ausdrücken herrscht, hat mir nicht erlaubt, eine französische Uebersetzung davon zu machen. Zudem werden Sie wohl Jemanden haben, der ihn lesen kann und, soweit dies überhaupt möglich ist, seinen Sinn erklärt. Der Fürst will also ein Regiment von 627 Mann an England überlassen. Mein Herr möchte übrigens in der ganzen Sache nicht genannt sein. Der Brief an den König ist in einer so merkwürdigen Art geschrieben, daß es mir ein Problem scheint, ob er überhaupt dem hohen Adressaten übergeben werden kann.“

Faucitt legte in seinem Berichte an Suffolk den Original-Brief des Fürsten nicht einmal bei, um dem König die Unbequemlichkeit der Beantwortung eines in so befremdender Weise gemachten Anerbietens zu ersparen. Suffolk billigte sein Verfahren und ließ den Zerbst'schen Antrag auf sich beruhen.

Uebrigens war der Fürst so leicht nicht abgeschreckt. Er suchte Ende November 1776 durch den Herzog von Braunschweig seine Absicht zu erreichen. „Der Fürst von Anhalt-Zerbst — schreibt Feronce am 17. November 1776 an Suffolk — hat den Herzog inständigst ersucht, durch Ihre Vermittlung dem König 800 Mann Infanterie für Amerika anzubieten. Das Regiment ist gut einexerzirt und ausgerüstet; es kann sich, sobald es gewünscht wird, mit zwei Geschützen in Marsch setzen und, falls der König noch mehr fremde Truppen anwerben sollte, mit unseren Rekruten einschiffen. Die einzige Gunst, um die ich bitte, besteht darin, daß der Herzog in den Stand gesetzt wird, dem Fürsten eine Antwort zukommen zu lassen.“ Suffolk lehnte am 26. November das Gesuch aber auch wieder ab, weil der König bei der günstigen Wendung, welche die Dinge in Amerika genommen hätten, keine fremde Truppen dort mehr nöthig zu haben glaube.

Friedrich August war jedoch nicht der Mann, den ein zweimaliger abschläglicher Bescheid entmuthigt hätte. Er empfahl sich also dem englischen Gesandten im Haag, Sir Joseph Yorke noch einmal zur gefälligen Berücksichtigung. Yorke hatte offenbar Mitleid mit dem Zerbster und wollte seine Standhaftigkeit belohnen. Er verfehlte also nicht, ihm die durch Suffolk's letztes Schreiben in Aussicht gestellte günstige Wendung der Dinge mitzutheilen. Als Antwort auf diese freudigen Eröffnungen empfing er eine wahre Sündflut von fürstlichen Briefen, Plänen und Vorschlägen, die sich sogar bis auf die Vermehrung der englischen Marine erstreckten. Bei dem dunkeln und verworrnen Stil dieses fürstlichen Don Quixote ist es leider nur ausnahmsweise möglich, seine Gedanken ganz zu errathen, ein Prozeß, der durch ein barbarisches Französisch bedeutend erschwert wird, da es die abgerissenen Sentenzen noch verrückter erscheinen läßt. Doch der Leser möge selbst nach den im Anhang mitgetheilten Proben urtheilen.

Der Fürst schien also endlich am Ziele seiner Wünsche zu sein, und seine kühnsten Hoffnungen und Gedanken schwelgten jetzt schon in einem Kreuzzug für die von den amerikanischen Rebellen bedrohte Legitimität. „Vier Brüder in Dessau — schreibt er an Yorke in dem im Anhange vollständig mitgetheilten Briefe vom 29. April 1777 — besaßen gemeinschaftlich mehr als sechshundert Hetzhunde, die bei den Dessauer Bürgern einquartirt waren. Schöne Garnison! und beim ersten Peitschenknall oder Hörnerschall eilten diese Hunde zusammen wie die Soldaten beim Klang der Trompete. Teufel! wenn man die Amerikaner wie diese Hunde laufen machen könnte! Das wäre herrlich! Aber dazu braucht man Truppen.“

Inzwischen hatte Faucitt am 29. April 1777 auch von Suffolk Auftrag erhalten, sich von der Beschaffenheit der Zerbster Bataillone zu unterrichten, um beurtheilen zu können, ob sie des Königs weitere Aufmerksamkeit verdienten. Er sollte nicht weniger als 500 und nicht mehr als 800 Mann nehmen und seinen Verhandlungen mit Zerbst den anspacher Vertrag zu Grunde legen. Kaum war aber Aussicht für die Vermiethung der Landmacht vorhanden, so faßte der Fürst auch schon den Plan, die Vortheile seiner an der Nordsee gelegenen Grafschaft Jever zu verwerthen. „Wenn England — schrieb er am 23. Juni 1777 an Yorke — an der deutschen Küste gegen die Rebellenkaper zwei Fregatten von je zwölf und zwanzig Kanonen und zwei kleinere Fahrzeuge von je acht und zehn leichten Geschützen wünscht, so kann ich ihm dieselben überlassen. Meine Schiffe sind Schnellsegler und aus folgenden Gründen für Sie unentbehrlich: 1) stellen sie die Verbindung zwischen mir und meinen Truppen her; 2) vermitteln sie die von Deutschland abzusendenden Verstärkungen; 3) erlangen sie dadurch so viel Schiffe und Matrosen mehr, was bei der Frechheit der Rebellen, die „leur canaille de pirates“ überall hinschicken und sogar im Stande sind, die deutschen Küsten heimzusuchen, gar nicht gering anzuschlagen ist.“

Komischer Weise nahm Yorke diesen letzten Vorschlag im Ernste auf und meint am 15. Juli 1777 in seiner Bevorwortung desselben bei Suffolk, daß er deshalb Beachtung verdiene, weil England durch ihn eine große Zahl von Seeleuten erlangen könne, die sonst vielleicht gegen dasselbe vom Feinde verwandt werde. Als wenn der Fürst außer vielleicht ein paar Fischerbooten ein einziges seetüchtiges Fahrzeug gehabt hätte! Der Mann lebte in Basel und wollte von hier aus eine Flotille ausrüsten!

Suffolk hatte nur unter der Voraussetzung mit dem Fürsten angeknüpft, daß sein Regiment bis zum April marschfertig in Jever sein und bis zur Eröffnung des Herbstfeldzuges in Amerika eintreffen könne. Als aber der Geheime Rath Haase, welcher zerbstischer Seits mit Faucitt den eventuellen Vertrag in Braunschweig abzuschließen bestimmt war, dort zur verabredeten Zeit nicht erschien, und als Faucitt außerdem noch Anfang Juni 1777 nach Hause meldete, daß das Zerbster Regiment, statt wie versprochen schon in Jever, noch in Zerbst sei, nahm Suffolk unmuthig seinen Befehl für Annahme der zerbstischen Truppen zurück. Die Jahreszeit, erklärte er, sei zu weit vorgerückt, als daß sie noch im Laufe des Sommers in den englischen Dienst genommen werden könnten. Der Fürst hatte in der Person der Herren von Oppeln und von Wietersheim zwei „Gesandte“ nach London geschickt, um durch sie den Vertrag zwischen den Kronen Zerbst und Großbritannien abschließen zu lassen. Suffolk bedeutete sie kurzer Hand, London sei nicht der Platz für ein derartiges Geschäft und empfahl ihnen sofortige Abreise.

„Trotz Ihrer Versprechungen — schreibt der Fürst am 25. Juni 1777 wehklagend an Yorke — hat man in London meine Truppen abgelehnt; man will bis zum nächsten Jahre warten. Das ist unmöglich, ich werde mich dann nicht wieder ähnlicher Behandlung aussetzen. Andere Mächte werden diese schönen Truppen (ohne Eitelkeit!) mit offenen Armen aufnehmen. Ich hoffe, Sie werden aber noch Alles arrangiren.“

Yorke suchte denn auch die Sache bei Suffolk wieder in den Gang zu bringen. „Ich sende Ihnen — schrieb er ihm am 15. Juli 1777 — durch den hannöver'schen Kourier verschiedene Briefe, welche ich von meinem merkwürdigen Korrespondenten, dem Fürsten von Zerbst erhalten habe. In seinem letzten ist er über den eingetretenen Zeitverlust aufgebracht. Ich lege meine eigene Korrespondenz nicht bei, da sie nur ermüdend für Sie sein würde; ich habe mich übrigens genau an meine Befehle gehalten. Ich habe dem Fürsten heute geschrieben und mich bemüht, ihn guten Muths zu erhalten und zu besänftigen. Bei allen seinen Verrücktheiten ist er doch ein guter Kerl, der besser handelt als er schreibt. Ich wünsche, seine Truppen möchten in diesen schwierigen Zeiten doch noch genommen werden.“

Die Ereignisse auf dem Kriegsschauplatz ließen es denn auch Suffolk noch im Laufe des Sommers wünschenswerth erscheinen, die englische Armee in Amerika, sei es auch nur durch ein oder zwei zerbstische Bataillone zu verstärken, ja er mußte froh sein, daß sich ihm wenigstens eine Aussicht auf ein sofort bereites Hülfs-Korps bot. So beauftragte er denn im Herbste 1777 Faucitt, für zwei Regimenter mit dem Zerbster Ministerium abzuschließen. Dieses unterwarf sich ohne jeden Widerspruch den vom englischen Kommissar gestellten Bedingungen und begnügte sich sogar mit der bloßen Punktation eines Vertrages, die gegen Ende Oktober 1777 zu Stande kam, die es aber England freistellte, seine endgültige Genehmigung so lange zu verschieben, bis die zerbstischen Truppen von Faucitt im Einschiffungshafen in den englischen Dienst gemustert sein würden. Jedes der beiden zu liefernden Regimenter sollte aus 614 Mann, einschließlich der Offiziere, bestehen; jedes derselben aber nur zwei Stabsoffiziere, Oberst und Major, haben und im Frühjahr marschfertig sein.

England übernahm also nicht die mindeste Gefahr oder Verantwortlichkeit; diese fiel vielmehr ausschließlich der Zerbster Regierung anheim, die, wie wir im nächsten Kapitel sehen werden, in der Folge hart genug daran zu tragen hatte.

Während die übrigen, mit England arbeitenden Fürsten wenigstens Offiziere und Kadres für ihre Regimenter hatten, stand das Regiment des Fürsten von Anhalt-Zerbst, als er mit Lord Suffolk in Unterhandlungen trat, vorläufig nur auf dem Papiere. Nicht einmal für die Offizierstellen konnte er unter den paar armen adeligen Teufeln seines Ländchens „gehörig qualifizirte Subjekte“ finden, und aus der Nachbarschaft boten sich erst recht keine an, weil es allgemein bekannt war, daß Serenissimus kein Geld hatte. Er wußte aber, daß für gutes englisches Geld Werber und Offiziere in Hülle und Fülle zu haben waren und leitete deshalb als vorsichtiger Geschäftsmann die erforderlichen Maßregeln erst ein, als sie auf englische Rechnung gingen. Kaum war also die Punktation mit Faucitt geschlossen, so betrieb auch die Zerbster Regierung das Werbegeschäft mit großem Eifer. Es tritt uns hier überaus naiv in seiner unverhülltesten Gestalt entgegen, als das, was es seiner innersten Natur nach ist, als die gemeinste fürstliche Spekulation auf das Fleisch ihrer Unterthanen und der Unglücklichen, die sich durch gute Worte oder Gewalt einfangen ließen.

In der Stadt Zerbst wurde sofort ein Werbebureau errichtet, und mit allen in diesem Geschäfte üblichen Listen die nöthige Mannschaft angelockt. Im Anfang ging Alles über Erwarten gut, Meister, Gesellen und Lehrlinge, Bewohner der Stadt und Umgegend, welche sonst kein Auskommen hatten, nahmen Dienste. Schon im November waren mehr Soldaten als das von England geforderte Minimum beisammen. Da die Zerbster Bürger sich weigerten, das zum großen Theil verlorene Gesindel in's Haus zu nehmen, so mußte es im fürstlichen Schlosse untergebracht werden. Ueberhaupt scheint der Respekt der Zerbster vor Serenissimo nicht zu groß gewesen zu sein, denn sie redeten den Soldaten zu, daß sie doch nicht marschiren möchten, da sie schnöde verkauft wären und elendiglich umkommen würden, „und was dergleichen grobe Lügen und strafbares Beginnen mehr“, wie der Stadt-Kommandant General v. Rauchhaupt in einem Garnisonsbefehl erklärte. Da die Gränze nicht weit war, so wurde es den Bürgern auch nicht schwer, den Desertionslustigen zur Freiheit, d.h. zum Thore hinaus zu verhelfen. Um den Mangel an Offizieren zu beseitigen, machte die Regierung in den Zeitungen bekannt: „Wer Dienste als Offizier zu nehmen wünsche, vorzüglich aber sich getraue, Chef eines Regiments Infanterie zu werden, der könne sich sogleich bei der Hochfürstlichen Regierung in Zerbst melden und werde von derselben nähere Auskunft erhalten“. Diese Aufforderung hatte sehr bald den gewünschten Erfolg. Schon im Oktober und November waren so viele Meldungen eingegangen und angenommen, daß alle Stellen besetzt werden konnten. Als Regiments- und Bataillons-Kommandeure hatten sich zwei Brüder v. Rauschenplatt aus dem Braunschweigischen angeboten. Beide wurden in Dienst genommen. Der ältere Johann ward Oberst und Regimentschef; sein Bruder Georg Heinrich dagegen Major und Bataillonskommandeur, im Sommer 1782 aber sein Nachfolger im Kommando des Regiments, weil der ältere Bruder wegen Kränklichkeit nach Europa zurückkehrte. Stabsadjutant war Oberlieutenant Möhring und Regimentsquartiermeister ein geborener Anhaltiner, J.A. Pannier, der im April 1772 in Jena einen nassauischen Studenten im Duell erstochen hatte. Drei Feldprediger, ein lutherischer, ein reformirter und ein katholischer, hatten für das Seelenheil und die geistliche Verpflegung der Soldaten zu sorgen, während 34 unter Anführung einer Unteroffiziersfrau stehende Marketenderinnen ihnen den Bedarf an leiblicher Speise zu liefern und zu ergänzen hatten.

Schon in den ersten Tagen des November 1777 konnte das Regiment dem englischen Unterhändler auf dem Schloßplatz von Zerbst zur Musterung vorgeführt werden.

„Ich bin — schreibt Faucitt am 15. November 1777 aus Braunschweig an Suffolk — soeben von Zerbst zurückgekehrt, wo ich das eine der beiden uns angebotenen Regimenter sah. Es besteht aus lauter schönen und jungen Leuten, die indessen ihre Waffen nicht so gut handhaben und nicht so gut exerziren, als ich erwartet hatte. Ihr Oberst, Herr von Rauschenplatt, versicherte mich aber, daß sie erst vor drei bis vier Tagen von ihrem Urlaub einberufen seien, nachdem sie den größten Theil des Jahres abwesend gewesen, und daß er sich anheischig mache, sie bis zur Zeit ihres Abmarsches gut auszuexerziren. Es scheint mir, daß der Oberst das wohl fertig bringen wird; er ist ein gebildeter und thätiger Offizier, der während des ganzen letzten Krieges in dem österreichischen Heere gedient hat. Es fehlt den Leuten überhaupt nicht an guten Willen. Zu jedem Regiment gehören zwei Grenadier-Kompagnieen. Das eine Regiment ist marschfertig, während das andere, welches in einiger Entfernung von Zerbst liegt, es vor nächstem Februar nicht werden kann. Ich werde sie die Elbe hinunter bis Stade verschiffen. Die Reise dauert acht bis zehn Tage. Rauschenplatt sagte mir, er werde sofort nach Eintreffen der Erlaubniß der Uferstaaten marschiren und zur Noth gar nicht auf die Antwort der Fürsten warten.“

Dieser Plan war an sich ganz gut und leicht ausführbar, wenn nur Friedrich der Große sein Veto nicht eingelegt hätte.

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