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Der Soldatenhandel deutscher Fürsten nach Amerika

Siebentes Kapitel.

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Der Markgraf Karl Alexander von Anspach, zu welchem wir uns nunmehr wenden, hatte schon im Herbst 1775, kurz nach Ausbruch des Krieges der englischen Krone zwei Bataillone angeboten, indessen statt ihrer Annahme nur eine grobe abschlägige Antwort auf seine im demüthigsten Tone vorgebrachte Bitte erhalten können. Er war aber nicht der Mann, der sich so leicht abweisen ließ, denn er kannte die Annehmlichkeit fremder Subsidien aus früheren Kriegen zu gut, seine Vorgänger waren zu oft Lieferanten des Reiches, Frankreichs und Englands gewesen, als daß ihr Nachfolger nicht auch jetzt seinen persönlichen Vortheil aus der Verlegenheit des englischen Kabinets angestrebt hätte. Sein Unglück war nur, daß die englischen Waffen im ersten Jahre des Krieges zu viel Glück in Amerika hatten, daß also König Georg III. ohne weitere Truppensendungen mit den Kolonien fertig zu werden hoffte. Daher auf der einen Seite der servile Eifer, das unterthänige Betteln des Markgrafen, und auf der andern als natürliche Antwort darauf der brutal hochmüthige Ton der englischen Minister. Karl Alexander bedurfte aber gerade damals des Geldes mehr als je, wußte er doch nicht, wie er sonst die ungeheuren Schulden, die sein Ländchen fast erdrückten, anders los werden sollte, als durch die aus der Vermiethung seiner Truppen zu ziehenden Hülfsquellen.

Als gegen Ende des ersten Kriegsjahrs ein zweiter Feldzug unerläßlich schien, um den Aufstand vollends nieder zu werfen, hielt der Markgraf seine Zeit für gekommen. Sein Minister Reinhard Freiherr von Gemmingen mußte am 9. November 1776 durch den in Privatgeschäften in London weilenden markgräflichen Kammerherrn von Seckendorff bei dem Ministerium anfragen, ob die beiden Anspachischen Bataillone jetzt nicht anzubringen seien. „Die Gründe, welche uns zu diesem Geschäfte veranlassen, brauche ich Ihnen kaum einzeln anzuführen, erkundigen Sie sich unter der Hand, handeln Sie so geheim als möglich, aber thun Sie Ihr Möglichstes“ — mit diesen Worten schloß Gemmingen seine erste Aufforderung an Seckendorff. Auf Grund derselben begann eine Verhandlung, welche sich bei der kühl ablehnenden Haltung des englischen Kabinets über zwei Monate lang hinzog.

Seckendorff wandte sich zuerst an Faucitt, erhielt von ihm aber die Antwort, daß man voraussichtlich in Amerika keine Truppen mehr brauche, zumal dort ein Erfolg den andern überbiete, zudem kenne er die Absichten seiner Regierung nicht (obgleich er nach Kassel zu reisen im Begriffe stand, um dort eine Abtheilung Jäger zu engagiren). Lord North ließ Seckendorff kürzer abfahren, indem er ihm stehenden Fußes erklärte, der Anspachische Unterhändler irre sich in dem Ressort, er müsse sich deshalb an Suffolk wenden. Dieser aber wies ihn ohne Weiteres ab, da er keine gehörig beglaubigte Vollmacht vorzulegen vermöge: erst wenn er diese beibringe, könne man ihm eine offizielle Antwort geben. Seckendorff bat also um die nöthigen Papiere, und unter obligaten Klagen über seine eigene Mittellosigkeit, so wie über das theure Londoner Pflaster, zugleich um einen Vorschuß von hundert Pfund, von welchen er sich zugleich ein Galakleid machen lassen wolle, um am Geburtstag der Königinn der Kur (18. Januar) beizuwohnen und seinen Auftrag möglichst zu fördern. Er zweifelte übrigens trotz seines guten Willens an seinem Erfolge, da in Amerika Alles zu gut gehe, und hielt es, ehe er formelle Anträge stellte, für klüger, erst bessere, d.h. für England schlechtere Nachrichten abzuwarten. „So viel ich weitläufig gehört habe — schloß er einen seiner ersten Berichte an Gemmingen — so soll noch ein sehr alter Groll und eine noch unter voriger Regierung und des kaiserlichen Geheimen Raths v. Seckendorff's Ministerio gespielte Untreue schuld an der abschlägigen Antwort im November 1775 gewesen seyn. Ew. Exzellenz, welche den Schlüssel zu unseren secretis haben, kann diese Sache leicht beyfällig werden.“

Gemmingen, der sich bei diesen Verhandlungen als ein billig denkender und verständiger Herr, sowie als erfahrener und tüchtiger Geschäftsmann zeigt, dringt in jedem Briefe auf Beschleunigung des Geschäfts. Er muß Alles selbst schreiben, da er sich vor einem Vertrauensbruch seiner Untergebenen und dem unzeitigen Bekanntwerden der sehr leicht noch fehl schlagenden Unterhandlung fürchtet. „Es erscheint mir immerhin sehr hart — sagte er u.A. — mit Truppen Handel zu treiben; allein der Markgraf ist um jeden Preis entschlossen, seine Angelegenheiten zu ordnen und alle seine, sowie seiner Vorgänger Schulden zu zahlen. Das Gute, welches aus einem solchen Subsidienvertrage hervorgehen kann, würde also die Gehässigkeit dieses Geschäftes bedeutend überwiegen. Wir können, wenn es verlangt werden sollte, außer der Infanterie noch ein Korps ausgezeichneter Jäger stellen, welches jetzt schon aus 200 Mann, lauter gelernten Leuten, besteht. Der Markgraf hat sich an die verwittwete Herzoginn von Sachsen-Hildburghausen, Tante der Königinn von England, gewandt, damit diese sein Anliegen beim König bevorworte. Er hofft viel von dieser Vermittlung, mir scheint jedoch der Erfolg sehr fraglich. Erkundigen Sie sich unter der Hand nach den, Hessen bewilligten Bedingungen und übermitteln Sie die eventuellen Vorschläge ad referendum.“

Der Markgraf schickte am 5. Dezember 1776 seine Instruktionen nebst Vollmacht an Seckendorff und beauftragte diesen, die beiden Anspacher Bataillone und ein Jägerkorps der englischen Regierung formell anzubieten. „Wenn es verlangt wird, sagte er am Schluß seines Briefes, so können Sie hinzufügen, daß ich für die Tüchtigkeit und Tapferkeit meiner Soldaten einstehe. Im Uebrigen versichern Sie den Minister oder denjenigen, welchen man mit der Verhandlung mit Ihnen beauftragen wird, daß ich mich sehr geschmeichelt fühlen werde, wenn ich dem König von einigem Nutzen sein und durch meinen Eifer in der Erfüllung der von mir einzugehenden Verbindlichkeiten das Unrecht wieder gut machen kann, welches der Minister meines verstorbenen Vaters in einem früher abgeschlossenen Subsidienvertrage begangen hat.“ (Bezieht sich offenbar auf die Subsidienverträge im österreichischen Erbfolgekriege.) An Suffolk selbst schrieb der Markgraf am 13. Dezember 1776: „Nichts in der Welt kommt dem Eifer gleich, mit welchem ich Sr. Majestät nützlich zu sein wünsche, und nichts wird meiner Dankbarkeit gleich kommen, wenn Ew. Exzellenz dazu beitragen, mich in den Stand zu setzen, daß ich den Beweis für diesen meinen Eifer liefere.“

Im Besitz seiner Vollmachten giebt sich Seckendorff heute den übertriebensten Erwartungen hin und glaubt, den sofortigen befriedigenden Abschluß des ihm aufgetragenen Geschäfts in sichere Aussicht stellen zu können, morgen wieder verliert er, von den englischen Ministern schnöde behandelt, das gestrige Vertrauen und läßt jede Hoffnung fahren. Ob aber hoffend oder verzagt, er hat die übertriebenste Ansicht von seiner Bedeutung und Stellung in der diplomatischen Welt, er hält sich von allen Seiten für beobachtet und bemerkt. Als ein junger, wegen leichtsinniger Streiche aus Anspach durchgegangener Offizier, ein der Aristokratie des Ländchens angehöriger Lieutenant v. Forstner eines Tages Seckendorff in London besucht und ihm mittheilt, daß er in amerikanische Dienste zu treten im Begriff stehe, fällt der neue Diplomat vor Schrecken fast in Ohnmacht. „Denken Sie sich mein Erstaunen — schreibt Seckendorff am 31. Dezember 1776 an Gemmingen — als der alten Frau v. Forstner Sohn plötzlich bei mir eintritt und mir erklärt, bei den Rebellen Dienste nehmen zu wollen. Ich habe ihm das auszureden gesucht und statt dessen Empfehlungsbriefe nach Bengalen angeboten, allein er sagt, dafür habe er kein Geld. Er will nach Paris zu Franklin, von welchem er Alles erwartet. Da hier die eifrigsten Amerikaner taub für seine Bitten sind, soll ich ihm helfen. Der Mensch bereitet mir die entsetzlichsten Verlegenheiten. Während ich in unserer Sache negoziiren soll, will er die Royalisten in Amerika bekämpfen, für welche ich werbe. Ich zittere vor der Entdeckung!“ Forstner muß seinen Mann gut gekannt haben, denn er beutete dessen Furcht, im Verkehr mit einem, den Republikanern geneigten unbekannten deutschen Offizier entdeckt zu werden, gehörig zu seinem Vortheil aus und machte verschiedene Zwangsanleihen bei ihm. Seckendorff, um ihn los zu werden und wieder zu seinem Gelde zu kommen, vermittelte dann in der Folge auch Forstners Eintritt in eins der nach Amerika bestimmten Anspacher Bataillone, in dessen Reihen er in der Schlacht am Brandywine tapfer kämpfend fiel.

Seckendorff's Berichte bis Mitte Januar 1777 sind in der wechselndsten Stimmung geschrieben. Seinen unbedingten Erfolg voraussehend, brütet er die abenteuerlichsten Pläne aus, zu denen sich nicht einmal die in derartigen Dingen fruchtbare Phantasie des Landgrafen von Hessen verstiegen hatte. Da der Krieg möglicher Weise mit dem ersten Feldzuge beendigt sein werde, so solle man durch den abzuschließenden Vertrag der Gefahr vorbeugen, daß die anspachischen Truppen, nachdem sie kaum engagirt worden, auch schon wieder verabschiedet würden. „Vielleicht wäre es auch gut, jeden Soldaten, der sich in Amerika niederläßt und dadurch seinen Souverain eines Unterthans beraubt, vorher schriftlich sich verpflichten zu lassen, daß er zu Gunsten des Fiskus auf einen Theil seines Vermögens verzichtet und auch den König von England zu bestimmen, daß er einen Theil des Verlustes trägt.“ (!!)

Mittler Weile hatte auch die verwittwete Herzoginn Louise von Sachsen-Hildburghausen von Heilbronn aus, wo sie wohnte, dem Wunsche des Markgrafen entsprechend, ihre Fürsprache bei der Königinn von England eingelegt, indessen die Erfolglosigkeit ihrer Schritte gemeldet, da der König alle ihm nöthigen Truppen in Amerika habe, diese also nicht zu vermehren gedenke.[4]

Zudem lauteten die Nachrichten für die markgräflichen Pläne, wie Seckendorff, von der größten Hoffnungsfreudigkeit wieder in die äußerste Verzagtheit fallend, schreibt, täglich trauriger, wenn auch gut für den König und die Menschlichkeit, und zuletzt fürchtete er bei den ewigen Siegen der englischen Waffen doch, daß man die Zahl der Truppen in Amerika nicht weiter vermehren würde. Endlich aber wurde er am 7. Januar 1777 zu einer neuen Audienz bei Suffolk zugelassen. Dieser versprach jetzt, dem König über die Sache zu berichten, da man inzwischen im englischen Kabinet zu dem Entschluß gekommen sei, die amerikanischen Streitkräfte zu ergänzen. Am 11. Januar also nahm Suffolk Seckendorff's Anerbieten an, nachdem dieser ihm erklärt hatte, daß die Anspacher marschfertig seien, und beauftragte den bereits in Kassel weilenden Faucitt mit dem sofortigen Abschluß eines Vertrages.

„Da der Markgraf von Brandenburg-Anspach — so lautet seine vom 14. Januar 1777 datirte Instruktion — durch einen an mich gerichteten Brief dem König ein kleines Korps für Amerika angeboten hat, das sofort marschbereit gemacht werden kann, so erhalten Sie Vollmacht, den betreffenden Vertrag mit ihm abzuschließen. Reisen Sie also unverzüglich nach Anspach und erledigen Sie dieses Geschäft so schnell als möglich. Ich kann Ihnen, dem jetzt bereits eine Erfahrung von sechs Verträgen zur Seite steht, überlassen, eine solche Konvention abzuschließen, wie sie der König billigen wird. Suchen Sie also die möglichst besten Bedingungen zu erlangen und gestatten Sie keine neuen. Als Sie 1775 die ersten Verträge abschlossen, war eine Expedition nach Amerika den Deutschen noch ganz neu und galt, abgesehen von den Schrecken der Seereise, noch für schlimmer als sie in der That ist. Jetzt aber versteht man diesen Dienst besser. Wir brauchen uns also nicht länger übervortheilen zu lassen; suchen Sie namentlich Geld zu ersparen. Möglichen Falls thut die Anspacher Verstärkung bei der gegenwärtigen Lage der Dinge (die Niederlagen bei Trenton und Princeton waren in England noch nicht bekannt geworden) gar keine Dienste mehr. Dies muß Ihr Hauptgesichtspunkt bei der Bestimmung der Subsidien sein. Diese dürfen nur vom Tage der Genehmigung des Vertrages an und während der aktiven Verwendung der Truppen, nicht aber auf eine Reihe von Jahren gewährt werden und höchstens noch sechs Monate nach dem Kriege fortdauern. Die Löhnung muß mit dem Monate aufhören, in welchem die Truppen zurückkehren. Das Korps selbst muß am 10. März zur Einschiffung bereit sein. Diese Winke mögen Ihnen als Richtschnur dienen.“

Faucitt kam am 28. Januar 1777 in Anspach an. Der regierende Markgraf Karl Alexander, geboren 1737, hatte 1757 die Regierung von Anspach angetreten, 1769 Bayreuth geerbt und herrschte zu jener Zeit über ein Land von etwa 140 Quadratmeilen und etwa 400,000 Einwohnern. Im Jahre 1791 trat er Anspach-Bayreuth an die ältere Linie der Hohenzollern, die Könige von Preußen, ab und starb 1806 im Ausland. Die fränkische Linie, welcher der Markgraf angehörte, hatte keinen einzigen der Vorzüge der in Preußen regierenden Vettern, dagegen desto mehr Fehler und Laster, vor Allem aber eine maßlose Heftigkeit und den alten Hohenzollernschen Jähzorn. Die Regenten von Anspach und Bayreuth sind vom Scheitel bis zur Sohle die schlechtesten Exemplare der Landesväter des achtzehnten Jahrhunderts. Land und Volk sind nur zu ihrer Ausbeutung, zu ihrem Vergnügen vorhanden; für sie giebt es kein Gesetz, keine Schranke, ihre ruchlose Willkür steigert sich zum Mord und Todtschlag. Rohe Gewaltthat und despotische Laune vererben sich vom Vater auf den Sohn; der Sultanismus ist der ihnen Allen gemeinschaftliche Charakterzug. Man geräth fast in Verlegenheit zu entscheiden, wer von ihnen der schlechteste und nichtswürdigste ist. Während Friedrich Wilhelm I. und sein großer Sohn durch unermüdliche Arbeit im Dienste des Staates und treue Pflichterfüllung Preußen zu einer der leitenden europäischen Mächte erheben, ruiniren Friedrich Alexander und Friedrich Christian von Bayreuth, Karl Friedrich Wilhelm und Karl Alexander von Anspach ihre von der Natur so sehr gesegneten Ländchen durch den sinnlosesten Luxus und eine fast wahnsinnige Verschwendung. Darin thaten es ihnen andere Zeitgenossen, die sächsischen und würtembergischen, die pfälzischen und bayrischen Fürsten ganz gleich, wenn auch nicht zuvor; bezeichnender aber ist für die Bayreuther und Anspacher Markgrafen der Werth und der Preis, welchen ein Menschenleben in ihren Augen hat. Der vorletzte Markgraf von Anspach, Karl Friedrich Wilhelm (1723–1757) schoß sich, seiner Maitresse zum Spaß, einen Schornsteinfeger vom Dach des Bruckberger Schlosses. Sie hatte den Wunsch geäußert, den Menschen herunterpurzeln zu sehen. Der seine Gnade anflehenden Wittwe des frevelhaft Ermordeten gab der biedere Fürst fünf Gulden. Wenn man die in der Mitte des vorigen Jahrhunderts in Anspach herrschenden Zustände türkische nennen wollte, so wäre das eine durchaus ungerechtfertigte Beleidigung der Muselmänner; sie nähern sich vielmehr der durch das Negerkönigreich Dahomey repräsentirten Kulturstufe: Serenissimus ist echt patriarchalisch Ankläger, Richter und Henker in einer Person!

Die weiteren Beweise dafür finden sich in Hülle und Fülle in einer interessanten Schrift des bekannten Ritters K.H. von Lang über den vorletzten Markgrafen von Brandenburg-Anspach. „Ein Jude, Namens Isaak Nathan — heißt es dort u.A. — war 1740 von Weißenborn in Franken nach Anspach gezogen und hatte sich hier durch Fleiß und Gewandtheit ein bedeutendes Vermögen erworben, man sagte an 200,000 fl. Er erhielt u.A. Darlehne aus der Anspachischen Landschaftskasse, wofür er Juwelen verpfändete, die aber im Grunde nicht ihm selber, sondern einem jüdischen Hause Ischerlein in Amsterdam gehörten, dem sie ein Fürther Jude Gumbert in Versatz gegeben. Der Markgraf verlieh ihm den Titel eines Residenten, der Reichthum und Einfluß dieses Juden erregte aber mancherlei Mißgunst und verdächtigende Angaben. Noch stand aber der Resident damals so fest in der Gnade, daß der Fürst den Landschreiber Wolf, welcher ihn denuncirt hatte, als Verläumder in Ketten und Banden legen, und am Ende als einen unruhigen Kopf des Landes verweisen ließ; und als bald darauf der Resident seinen Sohn verheirathete, mußte die jüdische Trauung im Schloßhof selbst, unter den Glückwünschen der Markgräfin, des ganzen umgebenden Hofstaates, und den stattlichsten Beschenkungen gefeiert werden; und doch, etliche Monate später, erfolgte der fürchterlichste Sturz. Ein Jahr vorher, 1739, hatte der Resident seine der Landschaftskasse versetzten Juwelen zurückgenommen; zu gleicher Zeit erhielt aber der jetzt nach Gunzenhausen gezogene Jude Ischerlein vom Markgrafen den Auftrag, den für den König von England bestimmten rothen Adlerorden mit Brillanten besetzen zu lassen, was er mit denen vom Residenten Isaak Nathan zurückgenommenen Juwelen alsbald bewerkstelligte und dafür 40,000 fl. berechnete und empfing. Der Markgraf empfindlich darüber, daß er für solch ein kostbares Geschenk auch nicht einmal ein Wort des Dankes aus London zurück empfing, erfuhr endlich aus den Nachfragen seines Beauftragten daselbst, daß die angeblichen Brillanten lauter böhmische Steine gewesen, und daß der König, wenn auch den Markgrafen über ein solches Geschenk nicht beschämen, ihm doch auch dafür nicht habe danken wollen. Es läßt sich denken, mit welcher Zorneswuth der Markgraf den in das tiefste Versteck sich geflüchteten Rab Ischerlein hervorziehen ließ. Er wurde alsbald nach Wülzburg geschleppt, und nach kurzen Verhören und Umständen in einen großen Saal gebracht und dem Scharfrichter übergeben, der ihn auf den nächsten besten Stuhl festband und dann eben das Schwert über ihn schwingen wollte, als der Gefangene mit sammt dem angebundenen Stuhle sich aufraffte, und, um eine lange Tafel laufend, und um Gotteswillen nur um eine Minute Gehör beim Markgrafen hülfeschreiend, dem Todesstreich entrinnen wollte, der ihm aber doch vom Scharfrichter über die Tafel hinüber beigebracht wurde. — Die vielfachen Verwickelungen des Residenten Isaak Nathan mit diesem Ischerlein, das Spiel mit den Juwelen, die bald in des Einen, bald in des Andern Hände gegangen, andere Anklagen, die jetzt lauter und günstiger angehört wurden, konnten jedoch nicht verfehlen, auch über ihn die Wolken des schwersten Verdachts zu sammeln. Er wurde aus seinem Haus in die Frohnfeste geschleppt, und über denselben Schloßhof, worin man frohlockend die Hochzeit seines Sohnes gefeiert, brachte man nun alle vorgefundenen Schätze und Kostbarkeiten in die Säle des Schlosses zurück. Man beschuldigte ihn außerdem, 25,000 fl. Chatullgelder, in den an den Markgrafen über seine besonderen Aufträge gestellten geheimen Rechnungen, unterschlagen und in seinem Nutzen verwendet zu haben. Vom weitern Schicksal desselben besagen unsere Nachrichten nichts. Auch sein Haus und Grundbesitz wurde eingezogen. — Vermuthlich haben sich seine Angehörigen von hier entfernt, und er selbst ist entweder im Gefängniß verkommen oder ebenfalls im Stillen des Landes verwiesen worden.

Allein nicht blos jüdische Opfer fielen zur selben Zeit, sondern sogar Große des Hofes. Nicht nur ein Oberst Enzel zu Wülzburg wurde daselbst 1740 wegen gewisser Staatsverbrechen, sie sind nicht genannt, durch das Schwert hingerichtet, sondern auch kurz darauf ein Graf von Schaumburg. Es scheint, daß sich dieses auf unerlaubte Kommunikationen und Einverständnisse in den damaligen österreichisch-preußischen Verhältnissen bezogen. Christoph Wilhelm von Rauber wurde beschuldigt, famose Gemälde und Pasquille wider die landesfürstliche Regierung und die Rathskollegien angeschlagen zu haben. Durch den Inquisitionsrath Joh. Chr. Schnitzlein wurde ihm auf der Feste Wülzburg, wo er verhaftet lag, in Gegenwart mehrerer Ober- und Unteroffiziere und Konstabler das Urtheil vom 30. Mai 1740 dahin verkündet: daß er sich selbst freiwillig (was außerdem durch den Scharfrichter vollzogen werden soll) auf das Maul zu schlagen habe, seine Pasquille unter seinen Augen vom Scharfrichter zu verbrennen seien, er selbst aber hierauf mit dem Schwert hingerichtet werden solle; welches letztere jedoch der Markgraf aus Gnaden in eine ewige Gefangenschaft zu Wülzburg verwandelte. Sein schon 1722 unter Vorbehalt des lebenslänglichen Nießbrauches der fürstlichen Kammer verkauftes Rittergut Steinhart (bei Oettingen) wurde eingezogen, 1768 aber dem von Krailsheimischen Fideikommiß um 78,500 fl. wieder verkauft. Die Gattin des Unglücklichen, Friederika Helena, war selbst eine geborene von Krailsheim. Die Ordres zu all diesen blutigen Exekutionen ergingen immer an den geheimen Rath, Generalmajor und Festungs-Kommandanten August Friedrich von Pöllnitz.

Der Reise-Oberstallmeister von Reitzenstein — fährt unser Gewährsmann S.90 fort — stand bei allem dem, und wo man ihn auch noch eines schmählichen Geizes und der Bestechlichkeit bezüchtigte, unter dem sichern Geleit der Volksgunst, darum, weil er überall doch eine gewisse Achtung für das Menschenleben bezeugte, und da, wo der Markgraf in seiner Wuth auf einen Dritten losstürmen wollte, ihn mit seiner eigenen Gefahr und gewaltsam zurückhielt. So, als ihm der Markgraf einmal in solcher Zornwuth die Pistolen abgefordert, um einen Schäfer niederzuschießen, der ihm und seinem scheuenden Pferde durch seine Heerde nicht schnell genug den Weg offen gelassen, verweigerte der Oberstallmeister kalt das abverlangte Gewehr mit dem kurzen Bescheid: „Es ist nicht geladen“. Als sie aber im Nachhauseritt unfern der Schloßthore waren, ließ der Reise-Oberstallmeister rechts und links seine beiden Pistolen krachend los, daß der überraschte und erschrockene Fürst kaum zu fragen vermochte: „Was ist's? Was ist's!“ Der Oberstallmeister aber versetzte: „Gnädigster Herr, ich meine nur, daß Sie heut Nacht viel süßer schlafen werden, nachdem Sie meine Pistolen jetzt erst haben krachen hören, statt eine Stunde früher.“

Den Fürsten — so schließt Lang S.92 und 93 dessen Charakteristik — würde seine großmüthige Freigebigkeit, seine Pünktlichkeit in Besuchung des öffentlichen Gottesdienstes und die mehr als anständige Unterhaltung der Kirchen und Pfarrhäuser beim Volk höchlich empfohlen haben, wenn nicht der Abscheu vor so manchen schrecklichen und blutigen Exekutionen ihm die Herzen entfremdet hätte. Unter diesen führt man besonders an: die militärischen Exekutionen in Triesdorf in den Jahren 1733 bis 1745, neun an der Zahl, einer arquebusirt, sechs gehangen, ein Ungar Stephan Nagy aus Ketschkemet, der des Markgrafen Büchsenspanner erschossen, wurde lebendig gerädert, einer verbrannt. Im Jahre 1738, den 11. August, die Katharina Gallin, ein preußisches Soldatenweib, an einem Lindenbaume, unweit des Falkenhauses, aufgehängt, weil sie einen Gefreiten der Leib-Kompagnie, Namens Johann Heublin, zur Desertion verleitet, wobei sie, der Soldat und der preußische Werbe-Offizier bei Stein ertappt worden. Der preußische Werbe-Hauptmann mußte die Exekution mit ansehen und wurde dann auf die Veste Wülzburg gebracht. Den Deserteur hat man wahrscheinlich zum Aufhängen allzu schön befunden. 1744 ließ der Markgraf an der anspachischen Kirchweih einen vom Wirth Heumann am obern Thor ob einer kleinen Mauserei ertappten Soldaten, dem Wirth zu einer argen Genugthuung, vor seinem Haus an einen aufgerichteten Galgen hängen. Im Jahre 1747, als Georg Krämer von Hausen bei Wülzburg mit der Dorothea Lindnerin aus Gunzenhausen, Dienstmagd des Marketenders in Triesdorf, desertirte, wurde dieselbe am 2. September ohne weiteres rechtliches Verfahren, auf bloßen Befehl des Markgrafen, zu Anspach aufgehängt. Einem Bürger von Gunzenhausen, der vor dem Schloßthor Wache hielt, forderte er, als er eben ausreiten wollte, zur Versuchung das Gewehr ab, und als dieser, in solchen Dingen wenig erfahren, es ihm gutwillig hinreichte, wurde er vom Fürsten als Memme, als Hundsfot behandelt, und zweien Husaren übergeben, die ihn an den Pferdeschwanz binden und durch die Altmühl hin- und wiederschwemmen mußten, worauf er bald hernach krank geworden und verstorben ist. Dem Fallmeister bei Gunzenhausen, durch elende Menschen angegeben, daß er die Hunde des Markgrafen, die er in Pflege hatte, vernachlässigte, ritt er alsbald vor das Haus, rief ihn an die Hausthür und schoß ihn dann auf seiner eigenen Hausschwelle nieder. Nach etlichen Tagen, als der Fürst einen langen Zug von Menschen aus allen Orten her begegnete, und er ohne Antwort von den anderen Höflingen blieb, was denn das für ein Auflauf sei? ritt endlich auch hier der Reise-Oberstallmeister von Reitzenstein herbei und sagte: „Es wird der Mann begraben, den Euer Durchlaucht vor drei Tagen erschossen haben.“ Der Markgraf ward heftig ergriffen und befahl, man sollte ihm die Wittwe schicken, damit sie sich eine Gnade ausbäte.“

Nicht viel besser war es in Bayreuth. Der letzte Markgraf Friedrich Christian hatte als junger Prinz einen Jägerburschen erschossen, weil dieser ihm zu widersprechen wagte. Der jugendliche Mörder nahm sich dieses Verbrechen wenigstens zu Herzen und wurde darüber tiefsinnig. Als Markgraf (1763–1769) liebte er seine Unzufriedenheit durch Stockschläge an den Tag zu legen. Hoch und Niedrig, Bürgerliche und Adlige, Kammerherren und Offiziere waren vor diesen handgreiflichen Beweisen landesväterlichen Unwillens nicht sicher. Als diese patriarchalische Liebhaberei des regierenden Herrn täglich ärger und unerträglicher wurde, beriefen „Ein hoher Adel“ und „Ein Hochlöbliches Offizier-Korps“ eine Versammlung nach Bayreuth, um zu berathen, wie sich der Adel und namentlich das Militär zu verhalten habe, der immer mehr überhand nehmenden Neigung des Markgrafen gegenüber, seine nächsten Umgebungen mit Stockschlägen zu traktiren, oder, wie ein Herr von Reitzenstein sagte, „wenn Serenissimus die Neigung beibehalten oder noch wohl weiter ausdehnen sollten, Allerhöchst dero Umgebungen mit denen Manifestationen Allerhöchst dero lebhaften fürstlichen Temperaments in Kollision kommen zu lassen.“ Ein Hoher Adel und Ein Hochlöbliches Offizier-Korps faßten denn auch den tapfern Beschluß, den Hofprediger zu ersuchen, er möge Hochfürstliche Durchlaucht zur größern Schonung des militärischen Ehrgefühls ermahnen. Zugleich ward festgestellt, die vom Landesvater empfangenen Prügel „als die persönliche Ehre nicht touchirend“ zu betrachten und die von demselben gezahlten Schmerzensgelder in eine gemeinschaftliche Kasse fließen zu lassen. (C. Gutzkow, Fritz Ellrodt II, 59.)

Markgraf Karl Alexander von Anspach-Bayreuth, der Erbe des ebengenannten Friedrich Christian, war nicht aus der Art seiner Väter und Vettern geschlagen. Er hatte aber eine bessere Erziehung als diese genossen und zeigte auch, wenn es noth that, größere persönliche Kraft und Entschiedenheit. Seine Mutter Friederike Louise, die erste Tochter Friedrich Wilhelm's I. und Schwester Friedrich des Großen, hatte darauf bestanden, daß ihr Sohn auf einer republikanischen Universität studire, damit er dort den Werth der bürgerlichen Tugend desto besser erkennen und würdigen lerne. In Folge dessen ward der Prinz Studirens halber nach Utrecht geschickt, wo er übrigens den Absichten der verständigen Frau durchaus nicht entsprach. Einige Jahre darauf trat er eine größere Reise nach Italien an; allein diese Reise erregte die Unzufriedenheit des Vaters im höchsten Grade, „denn der Prinz vermochte bei seiner Rückkehr nicht die Spuren jener körperlichen Leiden und Erschöpfungen zu verbergen, die er sich durch unvorsichtige Genüsse mancherlei Art mochte zugezogen haben.“ Ruhe und verständiger Rath stellten ihn zwar möglichst wieder her, aber desto heißer ergoß sich der Zorn des fürstlichen Vaters über das Haupt des unglücklichen Gesellschafters, des Hofrath Mayer, der beschuldigt wurde, den Prinzen, wo nicht gar verführerisch selber mißgeleitet, doch nicht seiner Pflicht gemäß, treu genug bewacht, gewarnt und zurückgehalten, oder seine höheren Obern, auch den Markgrafen selbst, über die Lage der Dinge unterrichtet zu haben. Der Markgraf ließ ihn ergreifen und nach Sayn-Altenkirchen abführen, von da er durch ein Kommando hannöverscher Dragoner, dem Ansuchen des Markgrafen gemäß, abgeholt und nach Zelle in's Zuchthaus gebracht wurde, wo er dann ohne fernere Spur verkommen. Eine andere Sage dagegen will, der Markgraf habe ihm den Garde-Offizier von Leubelfing nach Altenkirchen nachgeschickt mit dem Befehl, ihn daselbst hinrichten zu lassen. (Lang.)

Diese wenigen Züge zeigen, weß Geistes Kind Karl Alexander war. Da wir seines Gleichen schon in den hessischen und braunschweigischen Fürsten kennen gelernt haben, so können wir uns hier füglich seine nähere Charakteristik ersparen. Bei diesen Menschen ist Alles Schablone, die abschreckende Einförmigkeit ihrer innern Leere und Hohlheit sowohl als ihre geistlose Uebereinstimmung in äußerer Verschwendung und Prunksucht. Vom Großvater und Urgroßvater an haben sie alle dieselbe Schule der Entfremdung vom deutschen Wesen, der bedientenhaften Erniedrigung vor dem Auslande und der despotischen Gewalt gegen die eigenen Unterthanen durchlaufen. Der bloße Gedanke an Pflichten, soweit sie dessen überhaupt fähig, scheint bei diesen Landesvätern eine Gefährdung ihrer Souverainität in sich zu schließen. Die naiv-derbe, wenn auch oft rohe Eigenart der deutschen Fürsten des sechzehnten und theilweise des siebenzehnten Jahrhunderts ist durch den Versailler und Venetianer Firniß, durch den halb zivilisirten, halb zivilisirenden französischen und italienischen Einfluß zurückgedrängt. Wo früher Luther's Hymnen erklangen, da singen jetzt italienische Kastraten ihre lateinischen Verse. Ueberall an den Höfen finden sich französische Abenteurer und mit ihnen französische Mode und französische Unsitte. Jeder Zaunkönig hat sein Monplaisir, Belvedere, Eremitage, Solitude oder Monbijou, seine großen Feste und Spiele, seine Tourniere und Karoussels, seine Maskeraden und Banketts, wofür die armen Teufel von Unterthanen mit ihrem Gelde zahlen, wenn sie welches haben, und mit ihren Knochen und ihrem Blut, wenn sie sonst nichts haben. Natürlich huldigt Serenissimus unter den noblen Passionen vor Allem dem Spiel und der Jagd. Er verliert am Spieltisch ein ganzes Dorf oder setzt ein halbes Bataillon auf eine Karte gegen das schöne Bein einer Tänzerin. Der Markgraf von Anspach gewinnt 1783 von dem ihn besuchenden Herzog von Gloucester, dem Bruder des Königs von England, 180,000 fl. im Spiel. Der verlierende Gastfreund ist so edel, sich selbst als Pfand zu geben, vermehrt aber während seines verlängerten Besuches seine Schuld durch neue Anlehen um noch 270,000 fl., die aber der königliche Bruder erst recht nicht zahlen will, so daß der Markgraf froh ist, als der Engländer nach Straßburg abzieht. Das eminenteste von allen eminenten Privilegien ist aber sämmtlichen Landesvätern die Jagd. Wo sie beeinträchtigt ward, da kennt ihre Grausamkeit keine Gränzen. Schon als Friedrich der Große auf dem Throne saß, wagte noch ein Herzog von Sachsen-Weimar zu verordnen, „daß alle Wilderer als offenbare Straßenräuber und Mörder angesehen und auf Betreten sofort aufgehengt, deren Weiber gebrandmarkt und in's Zuchthaus gesetzt werden sollten, daß ein Förster und Jäger, der einen Wilddieb todtschießt, 50 Thlr. verdient, während seine Wittwe, falls er selbst todtgeschossen wird, lebenslänglich 200 Thlr. Pension erhält (eine für jene Zeit sehr hohe Summe!), daß aber ein Jäger, der den Wilddieben durch die Finger sieht, selbst aufgehenkt wird.“ Was uns vom Weimaraner urkundlich erhalten ist, das trieben auch seine Herren Brüder, sind sie doch alle nach demselben Muster gebildet. Darum bleibt es sich im Grunde auch gleich, ob der eine Landesvater eine französische oder der andere eine englische Maitresse hat; ob der Anspacher mit einer in kararischem Marmor gehauenen Büste Voltaire's auf seinem Arbeitstische prahlt, oder ob der Kasseler einen Fürstenkatechismus in Voltaire'schen Redensarten schreibt; ob der Bayreuther seinen Trost in Süßmilch's göttlicher Ordnung sucht oder ob ein geistlicher Herr, wie der Fürstbischof von Würzburg, Goldmacherei treibt und einen Talisman am Leibe trägt, oder ob der Herzog Ernst August von Sachsen-Weimar den Stein der Weisen gefunden zu haben glaubt und in einem eigenen Reskripte die Kunst des Goldmachens für ein Regal erklärt. Ebensowenig ist es charakteristisch, daß der Markgraf eine Armee von Kammerherren, Hofjunkern und Kammerjunkern hält und daß zur Bestreitung des Unterhalts dieser Tagediebe das Genuesische Lotto eingeführt wird, denn dieser ganze Unfug findet sich bei seinen sämtlichen Kollegen wieder. Noch weniger befremdend ist es aber, daß die bürgerlichen, an den anspacher Hof gezogenen Damen dort kein deutsches Wort fallen lassen dürfen, weil Alles, was deutsch ist, die Lady Craven anekelt, und noch weniger auffallend ist es, daß die deutschen Frauen jener Zeit solche Beleidigungen als eine Auszeichnung ansahen. Bezeichnend ist nicht einmal die liebevolle Fürsorge, welche der anspachische Markgraf seinem Wildstande angedeihen ließ. Als sein Land 1791 preußisch wurde, erlaubte der damalige Statthalter und spätere Staatskanzler Hardenberg den Bauern, das Wild auf ihren Feldern niederzuschießen. Seither hatten sie Sommer und Winter die Nächte mit Schreien zubringen müssen, um ihre Felder vor dem in Massen herumstreifenden Hochwilde zu schützen. Verschliefen sie eine Nacht, so war auch die Saat zertreten. Denn nur schrecken durften sie das Wild, und es war ihnen bei Zuchthausstrafe verboten, ein Gewehr oder einen Knittel, ja selbst einen Hund mit sich zu führen. Daß der Markgraf keinen Spaß verstand, wenn sein noch wertvolleres Wild, die Soldaten, sich ihm durch die Flucht entzogen, werden wir sehr bald zu sehen Gelegenheit haben.

Sobald Karl Alexander die Aussicht auf einen Vertrag gesichert erschien, traf er in aller Stille die Maßregeln, um seine beiden Bataillone in guten Stand zu setzen. Für Beschaffung neuer Uniformen und Ausrüstungsgegenstände wurde ein Darlehn aufgenommen und dessen Rückzahlung aus der später von England zu zahlenden Löhnung festgesetzt. Namentlich aber ward alle Aufmerksamkeit auf das zu errichtende Jägerkorps verwandt und zu diesem Zwecke besonders Bayreuth heimgesucht, welches bei seinen herrlichen Gebirgswaldungen auch ein tüchtiges Forst- und Jagdpersonal aufzuweisen hatte. „Bessere Jäger, meinte Gemmingen, gebe es in der ganzen Welt nicht, denn sie hätten sich alle ihrem Berufe aus Neigung gewidmet.“ Der Bayreuther Minister v. Seckendorff, ein Bruder des in London thätig gewesenen Kammerherrn, faßte das Geschäft denn doch etwas bedenklicher auf, als der die Erlösung von seinen Schulden ersehnende Markgraf, besonders aber wollte er nicht in die Aushebung sämmtlicher Jäger und Jägerburschen willigen.

„Das wegen der englischen Subsidien zu Stande gebrachte negotium — schreibt er am 31. Januar und 2. Februar 1777 an Gemmingen — wird in Kurzem im ganzen Lande eklatiren. Es wird an Vorstellungen der Landstände, ja des ganzen Bauernstandes nicht fehlen. Ich werde auch laut Serenissimi Befehl's auf Vorschlag solcher Mittel denken, die zur Beruhigung dienen können. Ich möchte den Vertrag kennen, um daraus zu beurtheilen, ob die Unterthanen durch einen erklecklichen Steuer-Nachlaß werden consolidirt werden können? Die hiesige (Bayreuther) Bürgerschaft wird am Meisten leiden, weil durch den Abgang der Truppen sich die Consumtion in der Stadt um wenigstens 60–70,000 fl. verringert, da es den Bürgern ohnehin an Nahrung fehlt.

„Mein Schwager v. Spiegel hat die Ordre erhalten, nicht nur alle hiesigen Feldjäger, sondern auch alle und jede Forstbedientensöhne, von den Oberforsterssöhnen an bis zu den Gränzschützen-Söhnen, keinen ausgenommen, nebst deren Lehrjungen nach Anspach zu schicken. Vermuthlich wird man nur die Absicht haben, eine Auswahl unter ihnen zu treffen, welche als zu Hause entbehrlich unter das in Subsidie tretende Korps gestellt werden und mitmarschiren könnten. Im Falle aber die Intention dahin ginge, alle und jede dieser Jägerpursche, Forstbedienten-Söhne und Lehrjungen in's Feld zu schicken, so befürchte ich, es werde dadurch das Jagd- und Forstwesen nebst den damit verknüpften Rechnungen gänzlich zum Nachtheil der Revenuen und derer herrschaftlicher Gerechtsame Nothleiden und darniederliegen.“

Diese in ihren verderblichen Folgen ausführlich motivirten Einwendungen hatten denn doch das Resultat, daß der Markgraf sich in seinen Ansprüchen an das Land beschränkte und nur die Hälfte der anfangs beabsichtigten Zahl Jäger (100 statt 200) aushob. „Wegen der Jägerburschen können sie sich beruhigen, antwortete Gemmingen am 5. Februar begütigend — sie stehen unter dem Kommando des Hofjägermeisters von Schilling, der nur die unumgänglich nöthigen aushebt und im Uebrigen die Bedürfnisse unsers Forstwesens kennt.“

Die Verhandlungen mit Faucitt nahmen nur die beiden Tage des 30. und 31. Januar in Anspruch; der Vertrag selbst wurde am 1. Februar 1777 von den beiden Bevollmächtigten unterzeichnet und vom Markgrafen am 13. Februar unter Ausdruck seiner höchsten Zufriedenheit für Gemmingen genehmigt. Dieser erwies sich als der gewandtere und umsichtigere Unterhändler, ja er verstand es meisterhaft, Faucitt durch eine zur Schau getragene, wenig aufrichtige Biederkeit, anscheinend große Einfachheit und Unterordnung, sowie kluges Nachgeben in Nebenpunkten zu übertölpeln. Hätte sich der englische Bevollmächtigte die Finanznoth seines fürstlichen Geschäftsfreundes mehr vergegenwärtigt, und hätte er vor Allem Suffolk's deutlichen, bei Gelegenheit der Würtembergischen Instruktion gegebenen Wink (Seite 100) mehr beachtet, wonach der Markgraf sich anbot, nicht aber England das erste Gebot machte, so würde er die Anspachischen Truppen unter viel günstigeren Bedingungen erlangt haben. Zudem war er doppelt hochmüthig, weil er immer noch in der selbstgefälligen Einbildung lebte, daß der Krieg in höchstens einem Feldzuge beendigt sein werde, während Gemmingen auf eine längere Dauer desselben rechnete. Die ein paar Wochen später in Europa eintreffenden Nachrichten von den Niederlagen bei Trenton und Princeton sollten dem letztern nur zu sehr zum Schaden Englands Recht geben. Wenn Gemmingen auch nicht durchsetzen konnte, daß die englische Löhnung einen Monat vor dem Abmarsch vorausbezahlt wurde und wenn er sich mit einer nur siebentägigen Vorausbezahlung begnügen mußte, so erreichte er doch, daß dem Markgrafen dieselben Subsidien wie Hessen-Kassel bewilligt wurden, die allerdings erst mit der Unterzeichnung des Vertrages begannen und nur noch drei Monate (statt wie bei Kassel zwei Jahre) nach der Rückkehr der Truppen fortdauerten. Faucitt nahm also zwei Regimenter Infanterie zu je 570 Mann, 101 Jäger und 44 Artilleristen, im Ganzen 1285 Mann, ausschließlich für den amerikanischen Dienst, deren Löhnung und sonstige Behandlung ganz derjenigen der englischen Truppen gleich gestellt wurde, bewilligte für jeden Soldaten dreißig Kronen Werbegeld, dessen eine Hälfte sechs Wochen und dessen andere drei Monate nach Unterzeichnung des Vertrages zu berichtigen war, und zahlte außerdem eine jährliche Subsidie von 45,000 Kronen. Im Uebrigen kam der Vertrag dem Braunschweigischen am Nächsten, ja er war noch günstiger als dieser, wenn der Krieg, wenn es der Fall war, länger als zwei Jahre dauerte.

Nach Gemmingen's Berechnung stellt sich das Verhältniß für Braunschweig und Anspach für ein Jahr, die Truppenzahl auf 1200 Mann geschätzt, wie folgt:

Braunschweig erhielt

Einfache Subsidien für ein Jahr 18,970 Rthlr.

Am Ende des Krieges

Doppelte Subsidien für zwei Jahre 75,880 „

————————

94,850 Rthlr. = 142,275 fl.

(den Thaler nach dem Konventionsfuße zu 1 fl. 30 kr. gerechnet.)

Dagegen erhielt Anspach

Einfache Subsidien für ein Jahr 45,000 Thlr. Banko.

Am Ende des Krieges

Dreimonatliche Subsidien ... 11,250 „ „

————————

56,250 Thlr. Banko = 135,000 fl.

(den Bankothaler zu 2 fl. 24 kr. gerechnet) also 7275 fl. weniger als Braunschweig. Setzt man dagegen den Fall, daß die Subsidie zwei Jahre dauerte, so erhielt Braunschweig nur für ein Jahr 18,970 Thlr. mehr, also im Ganzen 113,820 Thlr. = 170,730 fl.; Anspach aber 101,250 Banko-Thlr. = 240,000 fl., also 72,270 fl. mehr als Braunschweig. Nun zog sich aber der Krieg, mithin auch die Subsidie noch volle sieben Jahre hin. Braunschweig erhielt somit 18,970 Rthlr. × 7 = 132,970 Rthlr. + 75,850 Rthlr. doppelte Subsidien = 208,670 Thlr. oder 313,005 fl.; Anspach aber 45,000 Thlr. Banko × 7 = 315,000 Thlr. Banko + 11,250 Bthlr. dreimonatliche Subsidie = 326,250 Banko-Thlr. oder 783,000 fl., mithin einen Mehrbetrag von annähernd einer halben Million Gulden.

Man sieht aus dieser Zusammenstellung, daß der „bon homme“ Gemmingen gar kein schlechter Rechenkünstler war. Er selbst äußerte sich am 2. Februar in einem Briefe an Seckendorff über seinen Triumph in durchaus nicht überhebender Weise; sein Brief sieht vielmehr wie eine Rechtfertigung sich selbst und dem Adressaten gegenüber aus. „Der eben abgeschlossene Vertrag, sagt er, ist viel günstiger als wir erwarten konnten, zumal wenn Sie bedenken, daß wir uns angeboten hatten und daß die königlichen Waffen bis jetzt so große Erfolge in Amerika erkämpft haben. Es ist ganz natürlich, daß diese Angelegenheit unter allen möglichen, uns wenig günstigen Gesichtspunkten von denjenigen beurtheilt und verdammt werden wird, welche eine Staatsaffaire weder in ihrer Totalität noch in ihren bestimmenden Motiven aufzufassen verstehen. Sobald indessen diese Menschen das fremde Geld in unser armes Land fließen, sobald sie uns dessen Schulden mit den bereitwillig einströmenden Mitteln zahlen sehen werden, dann werden sie, und wird die ganze Welt entzückt sein und erkennen, daß das Militär, welches die Feinde des Staates (welches Staates?) bekämpfen muß, auch den allerschlimmsten Feind besiegt hat, unsere Schulden nämlich. Selbst der niedrigste nach Amerika verschiffte, wohlbezahlte und mit dem Nothwendigsten versehene Soldat wird mit seinen Ersparnissen zurückkehren und stolz darauf sein, für sein Vaterland und für seinen eigenen Nutzen gearbeitet zu haben. (NB. zog der Markgraf für die Uniformen und Ausrüstung zwei Pence oder fünf Kreuzer an der täglichen Löhnung ab, so daß dem Soldaten nur sechs Pence oder fünfzehn Kreuzer in dem theuern Amerika blieben!) Wenn man meinen Rathschlägen folgt, so wird die Bayreuther Landschaft gewinnen, und die Bayreuther Kammer wird ebenfalls aus dem Vertrage großen Vortheil ziehen. In wenigen Jahren wird Ordnung in unseren Finanzen herrschen und der größte Theil unserer Schulden bezahlt sein. Ich hoffe, Sie werden die Reinheit meiner Motive billigen und mich nach besten Kräften unterstützen. Ich bin im Allgemeinen der abgesagte Feind eines derartigen Handels mit Menschen, allein es giebt besondere Fälle, in welchen das Uebel sich in eine verhältnißmäßige Wohlthat verwandelt, und ein solcher ist, wenn ich nicht irre, der unsrige. Selbst wenn der Krieg und die Subsidien nur ein Jahr dauern sollten, so würden der Markgraf oder vielmehr das Land 400,000 fl. gewinnen, während eine längere Dauer der Subsidien unsern Gewinn beträchtlich steigern wird.“

Faucitt dagegen schreibt am 10. Februar 1777 aus Hanau an Suffolk: „Am Tage nach meiner Ankunft wurde ich dem Markgrafen vorgestellt, bei welcher Gelegenheit die gewöhnlichen Redensarten gewechselt wurden. Der Markgraf bedankte sich dann ganz besonders dafür, daß der König so gnädig und herablassend gewesen war, auf seinen Wunsch einen Theil der anspachischen Truppen in seine Dienste zu nehmen. Ich schloß darauf sofort einen Vertrag mit dem Minister, Freiherrn von Gemmingen ab, der sich zu unserm Nachtheil die gedruckten Verträge verschafft hatte und diese natürlich seiner Unterhandlung zu Grunde legte. Es waren in der That Waffen, die wir gegen uns selbst geschmiedet hatten, und die Gemmingen sehr gut zu gebrauchen wußte. Die Hauptveränderungen von den früheren Verträgen sind diese: Die Löhnung beginnt nur sieben Tage (statt einen und zwei Monate) vor dem Abmarsch der Truppen und hört mit dem Monat ihrer Rückkehr auf. Die Subsidie, die ich vergebens herunterzudrücken suchte, ist verhältnißmäßig so groß als die an Hanau und Waldeck gezahlte, fängt aber, statt mit der Unterschrift, erst mit der Genehmigung des Vertrages an und endet drei Monate statt ein Jahr nach der Rückkehr der Truppen. Die gewöhnlichen Ausgaben für deren Marsch, Wagen und Pferde &c. fallen, statt wie in den bisherigen Verträgen auf die Krone, jetzt auf den Markgrafen, der Alles bezahlen muß, bis die Soldaten auf die Mainboote geschafft werden.

Ich war jeden Morgen auf der Parade, und fand die Truppen sehr schön, groß und gut gebaut. Sie handhaben ihre Waffen, die übrigens sehr gut sind, vortrefflich, exerzieren so regelmäßig, daß kaum eine Uhr besser gehen kann, und marschiren und schwenken sehr gut. Ihre Uniformen, blaue Röcke mit rothen Aufschlägen und gelber Weste, sind neu und rein. Wenn der Rest so gut ist, so können wir uns zu einem ausgezeichneten Handel Glück wünschen. Das andere Regiment steht noch in Bayreuth. Die Leute sollen nicht so groß, aber sonst ebenso tüchtig sein. Einige österreichische Offiziere sagten mir, sie seien sogar besser. Beide Regimenter werden am 28. Februar marschfertig sein; sie haben nur zwei bis drei Tage nach Stefft am Main, wo sie nach Dortrecht eingeschifft werden sollen. Die Wasserreise dauert etwa fünfzehn Tage.“

Das Bayreuther Regiment verließ zur festgesetzten Stunde, am 28. Februar seine Garnison und marschirte über Streitberg, Muggendorf, Bayersdorf, Fürth und Heilsbronn nach Anspach, wo es am 4. März eintraf. Vom ersten Nachtquartier Muggendorf an wurden „aus Vorsicht (um die Desertion zu verhindern) beide Orte, Muggendorf und Streitberg, mit Feldmiliz und Landjägern entourirt und die ausgestellten Posten durch Husaren-Patrouillen visitirt.“ Auf dem Wege durch Bayersdorf fand sich der Bambergische Husaren-Rittmeister v. Gravenreuth ein, und meldete, daß er Ordre habe, nach den Befehlen des Kommandeurs seine Husaren dergestalten zu detachiren, daß alle Desertion in das Bambergische desto besser verhindert werde. Serenissimus kam dem Regiment bis Kloster Heilsbronn entgegen. Am 5. März war in Anspach Rasttag und große Tafel von achtzig Couverts bei Hofe. Sämmtliche Offiziers speisten mit den gnädigen Herrschaften und hatten die Gnade, vor der Tafel der Frau Markgräfinn Durchlaucht die Hand küssen zu dürfen. Serenissimus zeigten jedem Offizier außerordentlich viel Gnade.“ Am 7. März marschirten das Anspacher und Bayreuther Regiment mit den Jägern von Anspach ab, erreichten am 8. Uffenheim und am 9. Ochsenfurt am Main. Statt in Stefft sollten sie hier in die Mainboote umgeschifft werden, als ein Aufstand unter ihnen ausbrach, der nur durch die Geistesgegenwart des in aller Eile herbeigekommenen Markgrafen unterdrückt werden konnte. „Am 9. d.M. entstand — heißt es in einem Bericht des Hamburger Korrespondenten vom 18. März 1777 — unter gewissen, auf der Reise nach England begriffenen deutschen Kriegsvölkern ein Aufstand, welcher gefährliche Folgen hätte nach sich ziehen können, wenn nicht noch in derselben Nacht der Landesherr selbst in aller Eile bei den Schiffen persönlich angekommen wäre, und durch seine hohe Gegenwart die Völker in Gehorsam zu halten vermocht hätte. Indessen war es dennoch zu solchen Thätlichkeiten gekommen, daß ein Mann getödtet und fünf verwundet worden sind, dreißig andere aber sich davon zu machen Gelegenheit gefunden haben. Die Herren Kriegskommissarien, welche ihres Lebens nicht sicher gewesen, mußten in einer benachbarten Stadt ihre Zuflucht suchen.“

Lassen wir noch einen Augenzeugen die Ereignisse dieses Tages erzählen:

„Wir marschirten durch Ochsenfurt, welches dem Bischof von Würzburg gehört — schreibt Johann Conrad Doehla, Soldat im Bayreuthischen Regimente von Voit, in seinem Tagebuche — und wurden da am Abend des 9. März das erste Mal eingeschifft und hielten da vor Anker über Nacht auf dem Main. Weil wir nun dieses Quartier noch nicht gewohnt waren und sehr wenig Platz war auf den Schiffen, indem wir sehr dichte zusammenlagen und der häufige Schiffsrauch uns sehr beschwerlich war, auch war es ziemlich kalt: Dieses alles gab daher Gelegenheit zum Raisoniren an die Hand und erstunde auch Tags darauf ein ganzer Aufstand und Rebellion nemlich. Zu Früh mit Tagesanbruch machte das Anspacher Regiment den Anfang dazu, indem da ein Schiff von ihnen nahe am Lande vor Anker lag, so legten sie ein lang Brett vom Schiff an's Land hinaus, und gingen alle aus diesem Schiff an's Land heraus, zogen hernach mehr Schiffe zu Lande; auch eines vom Bayreuther Regiment. Unsere Leute stimmten auch diesem Unternehmen bey und brachen mit Gewalt und ohne Erlaubniß der Herrn Offiziere aus den Schiffen; so daß in einer Stunde kein Soldat von den zwei Regimentern mehr in Schiffen anzutreffen war; alles war in der größten Furie aufgebracht. Und obgleich die beiden Herrn Obristen und Commandanten, sammt allen Offizieren, sowohl gute als böse Worte und alle Mittel hervorsuchten, um die Leute wieder zufrieden zu stellen, auch Brod, Fleisch und andere Victualien nebst Holz häufig aus der Stadt herbeischaffen ließen, um damit die Leute kochen sollten, und wann die Leute gegessen und getrunken hätten, wiederum zu Schiffe sich begeben, so half doch dieses alles im Geringsten nichts, sondern der viele Wein, den die Einwohner von Ochsenfurt häufig herbei brachten, machte, daß die Soldaten noch furiöser wurden und auf keinen Offizier nichts mehr gaben, ein Jeder ließ sich verlauten, nicht mehr in's Schiff sich nöthigen zu lassen. Daher gegen Mittag hin die Leute sich stark gegen den überliegenden Bergen zu wanderten und in ihrer Tollheit und Betrunkenheit den Reisaus nahmen. Es wurde daher das Jäger-Corps befehligt, sich gegen die Anhöhen auszupostieren und Schreckschüsse auf die rebellierenden Ausreisser zu thun. Allein unsere Leute gaben auch Feuer auf die Jäger. Es wurden daher einigen Leuten von den unßerigen die Beine blessirt, die Rebellion gab daher Anlaß, daß die Stadt gesperrt wurde und die Zugbrücken aufgezogen wurden, weil sich die Bürger bei dergleichen Aufruhr nichts Guts versahen, es wurde faßt auf zwei Stunden gegen einander gefeuert, und weil endlich die Jäger einige von uns blessirten, so gab es auch Anlaß zu einer großen Antipathie zwischen uns und ihnen, so auch einige Jahre noch in Amerika fort dauerte. Endlich gegen Abend hin, als der Wein den Leuten etwas aus den Köpfen gekommen war, so wurden sie doch wieder etwas zufriedener, es wurde auch von dem Herrn Obrist v. Eyb als Chef vom Anspacher Regiment die Versicherung ertheilt, daß wir wieder Uffenheim gingen; dieses veranlaßte, daß die Regimenter sich wieder in Ordnung stellten, und endlich auf vieles Zureden, von denn Herrn Offizieren in Zufriedenheit und Ruhe gebracht wurden. Es waren bei diesem Aufstande gegen 40 Mann von unsern Bayreuther Regimente echappiret. Daher wurde auch sogleich ein Expresser nach Anspach abgeschickt, um von diesen Vorgegangenen allen Ihro hochfürstlichen Durchlaucht zu rapportiren. Dieser sobald er Nachricht bekam, machte sich sogleich mit einigen Begleitern zu Pferd in der Nacht auf den Weg und kam mit höchster Bestürzung ganz schleunig. In aller Frühe kam der Markgraf bei uns an, unsere zwei Regimenter wurden sogleich aufgestellt, und der Markgraf ging Mann für Mann durch und fragte einen jeden, was seine Einwendungen wären und versprach dabei alle Gnade und Fürstengunst alle denen, die mit nach Amerika in englischen Solde gehen würden, die so aber nicht wollten mit hinein, sollten heraustreten und dagegen aber ihres Vermögens sammt ihren Vaterlande und aller fürstlichen Gnade verlustigt sein. Hierauf sind wir beide Regimenter wieder eingeschiffet.“

Der Markgraf, für den ein so gewinnreiches Geschäft auf dem Spiele stand, stellte sich mit der gespannten Büchse in der Hand und in seine Wildschur gehüllt, selbst auf das Mainschiff, um jeden Erneuerungsversuch der Flucht zu verhindern, was ihm denn mit Hülfe würzburgischer Husaren auch gelang. Ja Serenissimus, bei dessen Erblickung der rechtschaffene Soldat Freudenthränen vergoß und seinen Marsch mit Ruhe antrat (wenn wir anders jenem Berichte des Hamburger Korrespondenten glauben dürfen) beschloß der größern Sicherheit wegen, seine Truppen jetzt nicht mehr außer Augen zu lassen, und sie den Main und Rhein hinunter bis zu ihrer Einschiffung in Holland zu begleiten. So schnell war er von Anspach weggeeilt, daß er seine Uhr auf dem Tische liegen gelassen und nicht einmal Kleider mitgenommen hatte, so daß er sich vom Erbprinzen von Hanau reine Wäsche und Hemden borgen mußte.

Diese Meuterei, so unbedeutend sie an sich auch war, verursachte eine gewaltige Aufregung unter den kleinen deutschen Fürsten und im englischen Ministerium. Beide Theile fürchteten, daß dieser Geist der Unzufriedenheit und offenen Widersetzlichkeit leicht um sich greifen, also zukünftigen Aushebungen hindernd in den Weg treten könne. „Die Revolte der Anspacher — meldet der englische Gesandte Cressener am 17. März an Suffolk — konnte nur durch die freundliche Hülfe der Truppen des Fürstbischofs von Würzburg gedämpft werden. Der Markgraf erzählte mir gestern beim Essen, wie sehr er diesem zu Dank verpflichtet sei. Die Anspacher sind lauter schöne Leute; wenn sie nur nicht so abgeneigt wären, nach Amerika zu gehen!“ „Bedanken Sie sich im Namen Ihres Hofes beim Fürstbischof von Würzburg für seine uns bei der Niederwerfung des Aufstandes der Anspacher gewährte Unterstützung“, antwortete Suffolk.

„Die Meuterei in Ochsenfurt — schrieb Graf Wartensleben aus Mainz am 16. März an Cressener — brach, so viel ich hörte, aus, weil das Regiment Bayreuth sich nicht von den Jägern transportiren lassen wollte, weil die Schiffe zu eng waren und zu stark rauchten. Der Bischof von Würzburg schickte ein Korps Husaren und ein Dragoner-Regiment. Das half.“

Faucitt meldete am 17. April, daß der Aufstand so schlimm nicht gewesen sei. Die Offiziere hätten gleich drein hauen sollen, statt zu viel Nachsicht zu beweisen. Eine gute Disziplin werde die frechen Burschen schon mürbe machen, man solle beide Regimenter in Amerika zu besonders schwerem Dienst verwenden. „Der Markgraf bekannte mir — fuhr er am 24. April fort — daß er bei jener Ochsenfurter Meuterei 18 bis 20 Mann durch Desertion verloren habe, eine keineswegs große Zahl, wenn man die hier zu Lande überwiegende Parteilichkeit für die Amerikaner und die Vortheile bedenkt, welche österreichische und andere Werbe-Offiziere aus diesem Stande der öffentlichen Meinung für ihre eigenen Zwecke ziehen. Es ist mir kaum möglich, Ew. Lordschaft einen nur annähernden Begriff von der hierorts herrschenden gehässigen Abneigung gegen England und von den Bemühungen zu geben, welche von übelgesinnten Menschen angewandt werden, um die Soldaten von dem englischen Dienste abzuschrecken. Des Markgrafen kluges und beherztes Handeln und seine Begleitung der Truppen bis zum Hafen vereitelte jedoch die schändlichen Absichten dieser Schurken. Leider werden wir aber aus Franken in diesem Jahre schwerlich neue Truppenlieferungen erhalten, umsoweniger als der Markgraf entschlossen ist, in Zukunft keine Rekruten mehr aus seinem eigenen Lande, sondern nur Fremde anzuwerben.“

Die Anspacher Soldaten fügten sich übrigens fortan der auf's Strengste gegen sie gehandhabten Disziplin und machten weder auf der Reise, noch in Amerika einen weitern Aufstandsversuch, der beste Beweis dafür, daß die Ochsenfurter Meuterei nur das Ergebniß einer augenblicklichen Aufwallung, wenn nicht einer trunkenen Stimmung war. Die Deutschen jener Zeit fühlten eben in ihrer großen Mehrzahl nicht das an ihnen begangene Verbrechen. So ging denn auch dieses Ereigniß ziemlich unbemerkt vorüber. Nur eine einzige Ausnahme findet sich in den Gemmingenschen Manual-Akten. Es ist ein pseudonymer Brief, den ein angeblicher Hans Fürstenfeind an „Ihro Durchlauchten, den Herrn Markgraf zu Brandenburg-Anspach &c. zu Anspach“ schrieb. Der Inhalt entsprach nicht der geschäftsüblichen Anrede; er lautet wörtlich:

„Durchlauchtiger Barbar, Gnädiger Menschen Verkäufer!

So wie der Oxsen Treiber sorgsam ist, seine Heerde glücklich und ohne Zufall an den Markt zu bringen, so lassen Ew. Durchlaucht es sich auch angelegen seyn, die an England verkaufften Menschen wolbehalten zu überliefern, um für die Ihnen davor versprochenen Lst. 39,588 in die Wolle zu kommen. Der Zug ist schön. Sie gehen vorauf als Eigener der zu Markte gebrachten Troupes. Hinten an folgen die Jäger wie Hunde. Sobald einer ausweicht, bellen und beißen sie und geben Feuer.

Die nun mit Wiederwillen und ohne Gewehr hingeführten Menschen warten, bis ihnen die Gelegenheit wieder die Waffen in Händen spielen, um sich an den Jägern zu rächen. Anstatt gegen die Amerikaner zu fechten, werden sie sich unter sich selbst aufräuben und den Engländern mehr schädlich wie nützlich sein.

Gantz Europa siehet dieses als eine natürliche Folge ein. Nur Ew. Duchlauchten sind zu kurzsichtig. England wird Ihnen aber das Rätzel erklären, Ihnen und Ihren Truppen zurückschicken und anstatt 39,000 Lst. zu geben, vor der gantzen Welt lächerlich machen.

Der Vorfall zu Oxsenfurth freuet der ganzen Welt, besonders macht man den vier verabschiedeten Soldaten die grösseste Eloge. Man sagt, daß man diese zu Ew. Durchlaucht Schande ein ewiges Ehrendenkmahl aufrichten und Ihnen darinnen als Menschen Verkäuffer unter den Elendesten der Verbrecher setzen wird.

So wie man bereits in England und Frankreich von den Menschen Handel der Teutschen Fürsten Comoedien schreibt, so wird man auch bald davon Tragödie aufführen. Es wird nicht lange nicht an Stoff dazu fehlen. Die Unterthanen werden zu klug, als nicht solche Tyrannen, die ihnen wie das Vieh verkauffen, abzusetzen und fortzujagen.

Ich habe übrigens die Ehre zu seyn Ew. Durchlaucht Barbaresk ergebenster Diener Hans Fürstenfeind.“

Dieser Brief, in schöner Frakturschrift geschrieben, traf am 20. April 1777 in Anspach ein. Gemmingen war außer sich vor Aerger und Schrecken: Es lag ihm Alles an der Ermittelung des „frechen Pasquillanten“; er wollte an ihm womöglich ein abschreckendes Exempel statuiren. Der Minister schickte also sofort das Kouvert an den kaiserlichen Postmeister Welz in Nürnberg, um zunächst den Absendungsort zu ermitteln. Die Antwort dieses Beamten vom 29. April lautete dahin, daß der Brief von Straßburg gekommen sei. Eine dahin gesandte Anfrage ergab kein weiteres Resultat, als daß nach der Ansicht des dortigen Postmeisters Mouilleraux der Brief seinem Stempel nach in Bordeaux aufgegeben sein müsse. Die Schrift ist allerdings entschieden kaufmännisch; auch auf dem Pettschaft sieht man den geflügelten Stab des Merkur. Wahrscheinlich also hat ein deutscher Kaufmann in oder bei Bordeaux in obiger Weise seinem Patriotismus Luft gemacht. Gemmingen hielt es, nachdem er diese Auskunft empfangen, für besser, die Sache auf sich beruhen zu lassen, konnte er doch bei der den Amerikanern günstigen Stimmung Frankreichs von dessen Regierung keine Unterstützung seiner Rachepläne gegen „den frechen Pasquillanten erwarten!“

Notes in this chapter

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